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Der Berg, der ihr Schicksal war

2017 120 Seiten

Leseprobe

Der Berg, der ihr Schicksal war



Heimatroman






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild:

(ehem. Titel: Auch dein Leben geht weiter, Elisabeth)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappentext:

Zweimal schon hat der Berg das Leben der jungen Elisabeth Brunner auf tragische Weise beeinflusst: Zweimal hat er ihr Menschen genommen, die ihr etwas bedeutet haben. Einer war ihr Verlobter, der andere der Enkel der alten Brunhilde Schoppner. Seitdem verfolgt das Kräuterweib Elisabeth mit all seinem Hass und schreckt auch nicht davor zurück, Elisabeth als Hexe und Buhlin des Satans zu brandmarken. Ein drittes Mal greift der Berg auf entscheidende Weise in Elisabeths Leben ein, als sie den jungen Walter Holler kennenlernt. Doch hat ihre Liebe überhaupt eine Chance? Denn Brunhilde Schoppner ist in ihrem grenzenlosen Hass zu allem fähig …







Roman:

Fassungslos starrt Elisabeth die alte Brunhilde Schoppner an, die ihr mit erhobenem Stock und verzerrtem Gesicht den Zugang zur Kirche versperrt, wo das Mädchen doch für das Seelenheil seines toten Verlobten beten wollte. Blass vor Entsetzen hört Elisabeth die schrecklichen Drohungen, die Hasserfüllten Anschuldigungen, die die Alte hervorstößt. »Eine Mörderin bist du! Wegen dir ist er tot, der Bub! Den bösen Blick hast du, du Hex’ …« Die helle Angst überwältigt Elisabeth. Reichte es denn nicht, dass der Bursch, den sie liebte, tödlich verunglückt ist? Sollte sie denn niemals ihren Seelenfrieden wiederfinden? In wilder Panik wendet sie sich ab. Fort, nur fort von dieser furchtbaren alten Frau und ihren grausamen Worten! Tränenüberströmt stürzt sie davon, den Hang hinauf, dem abenddunklen Bergwald zu …


*


Erwartungsvoll schaute Elisabeth aus dem Fenster. Bereits seit einer halben Stunde war sie fertig angekleidet. Herbert hatte versprochen, sie pünktlich abzuholen.

»Wo bleibt er denn?«, fragte das Mädchen und zupfte nervös an der weißen Rüschenbluse, die es zu einem schlichten Trachtenrock trug.

Elisabeth war nicht allein in dem karg eingerichteten Zimmer, das Küche und Wohnraum zugleich bildete.

»Aber Kindl«, beschwichtigte ihre Mutter sie.

Franzi Brunner, die auf der Couch saß und strickte, lächelte.

»Schau auf die Uhr! Es ist kurz vor sechs. Ein bisserl Geduld musst du noch haben. Du weißt doch, dass der Herbert immer sehr pünktlich ist. Oder hat er dich schon einmal

versetzt?«,

Elisabeth musste der Mutter recht geben. Auf ihren Verlobten war Verlass. Trotzdem konnte sie es kaum erwarten, ihn zu sehen und seine Nähe zu spüren.

Mit Herbert hatte sich ihr Leben spürbar verbessert. Davor waren nur Armut und Entbehrung gewesen. Als Kind, das den Vater nie kennengelernt hatte, war es ihr nie gutgegangen.

Zwar hatte sie schon früh im nahen Willingdorf bei einer Schneiderin eine Lehre gemacht, aber obwohl sie eine besondere Begabung besaß, hübsche Trachten zu nähen, fand sie keine Arbeit. Nur hin und wieder änderte sie Kleider von Nachbarinnen oder flickte Hemden und Hosen. Das Geld, das sie damit verdiente, sparte sie für ihre Aussteuer.

Elisabeth schaute erwartungsvoll den Weg hinunter. Er schlängelte sich durch abgeerntete Felder und Wiesen bis hin zum Dorf. Aus dieser Richtung musste ihr Liebster kommen. Eine andere Möglichkeit gab es nicht, zu dem bescheidenen Häuschen am Waldrand zu gelangen.

»Ich kann ihn immer noch net sehen«, klagte sie, ohne zur Mutter hinüberzublicken.

Franzi Brunner lächelte still vor sich hin.

»Er wird schon kommen«, wiederholte sie und strickte ohne Hast weiter. Sie wurde in ein paar Wochen fünfzig Jahre alt, aber sie sah wesentlich älter aus. Die Härte des Alltags hatte ihre Spuren in dem schmalen Gesicht hinterlassen.

Das Leben hatte es nicht gut mit Franzi Brunner gemeint. Drei Monate vor Elisabeths Geburt hatte sie ihren Mann an den Berg verloren. Er war oberhalb der Flamminger Klamm abgestürzt. Sein Leichnam war nie gefunden worden.

Seither schuftete sie von morgens bis abends bei den Bauern als Magd und an Festtagen im Gasthof als Küchenhilfe, um das Geld zum Leben beizubringen.

»Da kommt er!«, rief Elisabeth aufgeregt. »Endlich!«,

Sie war nicht zu halten, rannte schon nach draußen.

Als der junge Mann, der die Anhöhe heraufkam, sie erblickte, begann er zu laufen. Gleich darauf lagen sich die beiden Verliebten in den Armen.

»Sei net bös«, bat Herbert Leitner, nachdem sich ihre Lippen nach einem langen Kuss voneinander lösten. »Der Vater musste mir unbedingt noch eine Arbeit auftragen. Du weißt ja, wie er ist.«

Elisabeth lächelte glücklich und hakte sich bei ihm unter.

»Hauptsache, du bist da«, meinte sie versöhnlich. »Sag der Mutter noch guten Tag, und dann lass uns gehen. Ich freu mich schon so auf den Jahrmarkt.«

»Ist recht«, erklärte der junge Mann bestens gelaunt, und gemeinsam gingen sie auf das kleine Haus zu.

Franzi Brunner hatte das Fenster geöffnet und lehnte sich hinaus.

»Grüß Sie Gott, Frau Brunner!«

Herbert reichte ihr die Hand, während Elisabeth ins Haus lief, um sich noch eine Jacke zu holen.

»Grüß dich, Herbert«, erwiderte sie. »Wie war der Tag?«

»Ach, im Geschäft geht’s in letzter Zeit drunter und drüber«, berichtete er. »Der Vater kommt mit der Arbeit net mehr nach. Da muss ich halt helfen, auch wenn ich abends müde aus der Werkstatt komm’.«

»Sei froh, dass du genug zu tun hast«, meinte Franzi Brunner und wollte noch etwas hinzufügen, doch da kam Elisabeth aus dem Haus.

»Wir können gehen!«, rief sie unternehmungslustig.

»Viel Spaß auf dem Jahrmarkt«, wünschte Franzi Brunner.

Man sah ihr nicht an, wie sehr sie sich wünschte, auch mitgehen zu können, aber ihr fehlte das Geld. Ihre Tochter und Herbert hatten sie zwar aufgefordert, mitzukommen, doch sie hatte abgelehnt. Auf keinen Fall wollte sie dem jungen Mann auf der Tasche liegen und sich etwas von ihm bezahlen lassen.

Es tat ihr immer wieder in der Seele weh, dass sie Elisabeth nicht mehr hatte bieten können, aber Stolz und Anstand hatte sie der Tochter beigebracht, und das zählte für das ganze Leben.


*


Es begann schon zu dämmern, als Elisabeth und Herbert Hand in Hand die Anhöhe erreichten. Ein lauer Wind wehte ihnen ins Gesicht. Es würde ein Abend mit angenehmen Temperaturen werden.

In der weiten Senke sahen sie Roggenbrunn zum Greifen nahe vor sich liegen. Die Fenster einiger Häuser wären bereits erleuchtet, und auch die Straßenbeleuchtung wurde gerade angeschaltet.

Das alles aber verblasste gegen die bunten Lichter der Kirmesbuden, Imbissstände und Karussells. Selbst hier oben am Berghang vernahm man die Klänge der Musik und das ausgelassene Schreien der Menschen, die sich auf eines der sich wilddrehenden Karussells gewagt hatten.

»Ich kann es kaum erwarten«, meinte Elisabeth in unruhiger Vorfreude.

»Dann nix wie los«, erklärte Herbert lachend und lief los.

Er zog sie einfach mit sich. Gemeinsam rannten sie wie ausgelassene Kinder ins Dorf hinab.

Ein wenig atemlos erreichten sie nach einer Viertelstunde die Wiese vor der Ortseinfahrt, auf der man die Kirmes aufgebaut hatte, und stürzten sich sofort ins Getümmel.

Nicht nur die Bewohner von Roggenbrunn, sondern sämtliche anderen Dörfler des Tals schienen sich an diesem kleinen Fleckchen Erde eingefunden zu haben.

Zuerst bestiegen sie ein Karussell, auf das sich Herbert nur nach Elisabeths gutem Zureden wagte. Es wurde eine atemberaubende Fahrt, die ihm nicht sehr gut bekam.

»Nun muss ich schnell etwas essen und trinken«, erklärte er ein wenig blass um die Nase. »Und ein zweites Mal kriegst du mich net auf solch ein Teufelsding, Schatzerl!«,

Elisabeth schmunzelte, doch sie war einverstanden.

Ohne Hast bummelten sie durch die Menschenmenge zum Festzelt. Hin und wieder grüßten sie Freunde und Bekannte, doch sie hielten sich nirgends lange auf.

Im Zelt herrschte eine Stimmung, wie sie nicht besser hätte sein können. Die Kapelle spielte zünftige Musik, und die Paare tanzten ausgelassen Walzer, Polka und Ländler.

Elisabeth und ihr Begleiter nahmen an einem der langen Tische Platz. Überall sahen sie die Schützen in ihren schönen Uniformen und die Frauen, die sich für diesen Festtag wie Königinnen herausgeputzt hatten.

»Grüß dich, Herbert.«

Ein junger Mann, der nur wenige Meter entfernt saß, winkte ihnen zu.

»Hast du dich auch mal wieder nach Roggenbrunn verirrt?«

Herbert erwiderte den Gruß und nickte. Dann aber widmete er sich wieder seiner Liebsten.

»Wer ist das?«, fragte Elisabeth neugierig.

»Ein Bekannter«, klärte Herbert sie leise auf. »Das ist der Zittler‑Ferdi. Hoffentlich kommt er net herüber. Ich mag ihn nämlich net besonders, musst du wissen.«

»Trinkst du eine Maß mit mir?«, rief der Ferdi da auch schon.

»Vielleicht später«, lehnte Herbert dankend ab. »Ich habe gerade für uns bestellt und muss erst einmal etwas essen, sonst vertrag’ ich net so viel.«

Zittler schien die Entschuldigung zu akzeptieren. Er nickte kurz und widmete sich wieder der jungen Frau, die ihm gegenüber saß und die ziemlich beleidigt dreinschaute.

»Das wär’ noch einmal gutgegangen«, raunte Herbert und zwinkerte Elisabeth zu.

Wenig später kamen das Essen und die zwei Maß Bier, die sie bestellt hatten. Sie ließen es sich schmecken, und Elisabeth genoss den herrlichen Braten, der ihnen serviert worden war.

»Hast du Lust zu tanzen?«, fragte ihr Liebster, nachdem sie zu Ende gegessen hatten.

»Du weißt doch, dass ich es net so gut kann«, sagte Elisabeth verlegen.

»Ach, das stimmt doch überhaupt net«, bemerkte Herbert aufmunternd. »Komm! Dort im Gewühl merkt’s eh niemand, wenn du mir auf die Zehen trittst.«

Arm in Arm gingen sie zur Tanzfläche, als die Kapelle einen langsamen Walzer spielte. Bald schon waren sie von anderen Paaren umringt, und Elisabeth vergaß ganz, dass sie nicht tanzen konnte.

Dicht an Herbert gepresst schwebte sie wie auf Wolken. Aller Kummer des Alltags fiel endlich von ihr ab. In seinen Armen fühlte sie sich sicher und geborgen.

Die Zeit flog dahin, und sie wusste hinterher nicht mehr, wie lange sie getanzt hatten. Plötzlich brach die Musik ab, und der Kapellmeister bat um Verständnis für eine kleine Atempause.

»Sollen wir noch einmal auf die Kinnes gehen?«, fragt Herbert. »Hier wird es langsam zu stickig.«

Als sie das Festzelt verließen, drang von allen Seiten laute Musik auf sie ein. Die blitzenden Lichter schmerzten geradezu in den Augen. Sie bummelten an den Losbuden und Schießständen vorbei und kamen an eine Stelle, an der die Wohnwagen der fahrenden Leute standen.

»Was ist denn das?«, fragte Herbert, als er das schwarze Zelt entdeckte, auf dessen glänzenden Stoff man silberne Monde und Sterne gestickt hatte.

»Sieht aus, als ob dort eine Wahrsagerin ihr Zelt aufgestellt hat«, meinte Elisabeth.

Sie gingen näher heran, und wunderten sich beide, dass das kleine Zelt so abseits von allem Trubel stand.

»Tretet nur ein«, vernahmen sie eine tiefe, melodische Stimme. »Es ist zwar spät, aber ich bin bereit, euch meine Dienste auch jetzt noch anzubieten.«

Die beiden Verliebten schauten sich ein wenig verwirrt an. Elisabeth hatte sich richtig erschreckt, als die Stimme wie aus dem Nichts ertönt war.

»lass uns lieber gehen«, raunte sie, klammerte sich an Herberts Arm und schaute ihn ein wenig ängstlich an.

Dann wechselte ihr unruhiger Blick wieder zu dem Zelt, dessen Eingang nur einen Spalt freigab.

»Keine Angst, junge Frau«, vernahmen sie erneut die Stimme. »Ich beiße nicht.«

»Na komm«, forderte Herbert die Freundin auf. »Es ist doch nur ein Spaß. Vielleicht kann sie uns die Zukunft voraussagen «

Er grinste und zog seine Liebste einfach mit sich, und schon betraten sie das kleine Zelt. Es gab nur ein schwaches Licht, das kaum erlaubte, irgendwelche Konturen zu erkennen. Hinter einem zweiten Vorhang erkannten sie so etwas wie einen hellen Punkt, wahrscheinlich eine brennende Kerze.

»Mir ist unheimlich«, gestand Elisabeth und blickte sich ängstlich um. »Komm lass uns wieder gehen. Ich mag net mehr.«

Herbert fühlte, wie sich ihre Finger stärker um seinen Oberarm krallten, doch im Gegensatz zu Elisabeth trieb ihn die Neugierde weiter. Einen solchen Spaß wollte er sich nicht entgehen lassen. Er war noch nie bei einer Wahrsagerin gewesen.

»Kommt ruhig näher«, vernahmen sie wieder die Stimme, die von jenseits des zweiten Vorhangs kam. »Fürchte dich nicht, junge Frau. Es wird dir kein Leid geschehen.«

Ehe Elisabeth ihre Bitte wiederholen konnte, schob Herbert den dünnen Vorhang beiseite und machte einen Schritt nach vorn.

Hier war es etwas heller, aber wieder umgab sie nur diffuses Licht. Auf dem kleinen Tisch, hinter dem eine alte Frau mit tiefen Falten saß, brannte eine schwarze Kerze. Überall an der Zeltwand prangten seltsame Zeichen und Symbole.

»Setzt euch«, forderte die Frau. »Ich habe euch erwartet.«

Sie gehorchten, obwohl Elisabeth die ganze Sache immer unheimlicher wurde, während Herbert die Atmosphäre zu kitschig war. Aber heute war Jahrmarkt, und für einen Spaß war er immer zu haben.

Der bunten Kleidung nach zu urteilen, musste die Alte eine Zigeunerin sein. Das Kopftuch hatte sie im Nacken verknotet. Schlohweißes Haar schaute darunter hervor.

Vor ihr stand eine gläserne Kugel, in der ein fasriges Licht unentwegt in Bewegung war und pulsierte.

Herbert war neugierig und hätte gerne gewusst, wie so etwas bewirkt wurde, doch er wagte nicht zu fragen. Die Zigeunerin hätte es gewiss mit geheimen Kräften oder anderem Quatsch erklärt.

»Einen guten Abend wünsche ich euch«, begrüßte die Zigeunerin die beiden, die ein wenig verloren vor ihr Platz genommen hatten. »Was kann ich für euch tun?«

Sie musterte erst Elisabeth und dann Herbert, der bereits seine Geldbörse gezückt hatte.

»Deute uns die Zukunft!«, verlangte der junge Mann. »Was kostet es?«

Das Gesicht der alten Frau verdüsterte sich. Ein eigenartiges Glitzern stand plötzlich in ihren schwarzen Augen.

»Man nennt mich die Sehende«, sagte sie fast schroff. »Bei meinem Volk, den Sinti, das ihr abfällig Zigeuner nennt, käme nicht einmal ein Kind auf die Idee, mich derart zu beleidigen. Wollt ihr meine Dienste oder nicht? Über Geld reden wir später.«

»Verzeih mir«, entschuldigte Herbert sich sofort und steckte seine Geldbörse wieder ein.

Wohlwollend nickte die Alte und strich sich eine Haarsträhne aus der runzeligen Stirn. »Gebt mir eure Hände, zeigt mir die Innenflächen«, forderte sie leise, aber sehr bestimmend.

Elisabeth fühlte sich alles andere als wohl. Immer wieder suchte sie Herberts Blick in diesem Halbdunkel. Er aber lächelte nur. Das alles schien ihm Spaß zu machen, während sie so etwas wie Angst verspürte.

Die alte Frau hatte ihre Hände umfasst und sich leicht zurückgelehnt, die Augen waren halb geschlossen. Sie murmelte Worte, die keiner von ihnen verstand.

Plötzlich verstummte sie und ließ Elisabeths Hand los, Herberts aber hielt sie weiterhin fest und starrte ihn fast ungläubig an.

»Du bist ein starker Mann«, murmelte sie. »Ehrlich und aufrichtig. Warum hast du dann vor einem Jahr gestohlen?«

Herbert zuckte zusammen und riss seine Hand unwillkürlich zurück.

»Was soll das?«, fragte er verdattert.

Der Schreck saß tief. Es war ihm, als hätte die Sinti ihm direkt ins Herz geblickt. Plötzlich empfand er das alles nicht mehr als Spaß.

Niemand wusste davon, dass er vor fast zwölf Monaten ein fremdes Auto, einen Sportwagen, gestohlen und mit ihm eine Spritztour gemacht hatte. In einer Kurve in den Bergen war er von der Straße abgekommen und hatte den Wagen zu Schrott gefahren. Es war nie herausgekommen, doch diese alte Frau wusste es.

Er spürte Elisabeths fragenden Blick, und wagte es nicht, zur Seite zu blicken. Er fühlte sich wie ein kleiner Junge, den man beim Äpfelklauen ertappt hatte.

»Wir wollten unsere Zukunft und nicht irgendwelchen Unfug«, murrte er und wollte sich erheben. »Komm, wir gehen!«

»Eure Zukunft?«, wiederholte die alte Frau gedehnt, während Herbert Elisabeth regelrecht hochzerrte. »Das Schicksal geht seltsame Wege, sagt man. Der Mensch ist nur ein Staubkorn in einer Wüste. Was ihr vorhabt, wird nicht geschehen. Das Glück kann man nicht kaufen oder zwingen. Die Schatten haben ihren eigenen Weg.«

»Die Schatten?«, fragte Elisabeth nervös.

»lass sie doch reden, Schatzerl«, verlangte Herbert, doch sie machte sich fast schon gewaltsam von ihm frei.

Der düstere Blick der alten Frau hatte sie regelrecht gefangen. Es gelang ihr nicht, sich davon zu lösen.

»Du willst wirklich den Blick in deine Zukunft, Kind?«, fragte die Wahrsagerin gedehnt. »Bedenke, nicht nur Glück und Liebe zeigen sich, wenn die Schleier der Gegenwart zerreißen und dir den Blick in die Ferne freigeben. Schmerz, Leid und …« sie zögerte »… und Tod gehören auch zur Zukunft.«

Elisabeth spürte, wie etwas Kaltes ihr Herz umkrallte. Das alles hier war doch nur Humbug und Fassade! Wieso hatte sie dennoch das Empfinden, dass diese alte Frau wirklich die Gabe hatte wahrzusagen?

»Ich will es aber wissen!«, forderte sie entschieden. »Bitte!«

Die Sinti seufzte und sah an Elisabeth vorbei. Herbert stand hinter ihr und zuckte mit den Schultern.

»So sei es«, sagte sie leise. »Das Leben ist der Teil des Weges, den wir gehen. Auch ihr werdet Leid und Kummer erfahren, und einer von euch wird beides um so schlimmer spüren und mit ihm leben müssen, bis er das Glück findet, das er gesucht hat.«

Die Sinti senkte den Kopf und strich über die gläserne Kugel, als suchte sie etwas, das ihre Worte bestätigen sollte. Im Innern des Gefäßes schien es rot zu pulsieren.

Elisabeth stand da wie gebannt. Sie konnte mit den Worten nichts anfangen, obwohl sie fühlte, dass sie nicht einfach dahergeredet waren.

»Darf ich Sie jetzt nach ihrem Honorar fragen?«, durchbrach Herbert die atemlose Stille, die sich breitgemacht hatte.

Statt einer Antwort zog die alte Frau den Vorhang zwischen sich und ihren jungen Kundin zu. Sie sagte kein Wort, als hätte sie die Frage einmal mehr als Beleidigung empfunden.

»Geht!«, verlangte sie und löschte die Kerze. »Geht ins Leben! Es wartet auf euch! Ihr werdet bald verstehen.«


*


»Ob das eine gute Idee war?«, fragte Herbert, als sie draußen vor dem Zelt standen und das Glitzern und Flackern der Lichter erblickten, die vom Jahrmarkt zu ihnen herüberblinkten. »Komm, lass uns noch einmal über die Kirmes gehen.«

Elisabeth aber lehnte ab. Noch vor wenigen Minuten hatte sie es genossen, mit ihrem zukünftigen Mann über den Jahrmarkt mit seinen Buden, schreienden Losverkäufern, kreisenden Karussells und all der Farbpracht zu bummeln. Jetzt aber hatte sie etwas berührt, das sie nicht mehr losließ.

»Ich möchte heim«, bat sie.

»Heim?«, fragte Herbert befremdet. »Aber wieso denn? Der Abend hat doch erst angefangen. Schatzerl, das ist net dein Ernst. Was ist denn los mit dir?«

Elisabeth konnte die Enttäuschung ihres Freundes gut verstehen.

»Mir ist net gut«, log sie dennoch rasch.

»Ist das wahr?«, fragte Herbert und musterte sie skeptisch. »Oder ist’s nur wegen dem dummen Geschwätz der Alten?«

Er zwang Elisabeth, ihn offen anzuschauen. Da sah er, dass er mit seiner Vermutung recht hatte. Das Mädchen war rot geworden. Es schämte sich, dass Herbert es ertappt hatte.

»Sie hat mir Angst gemacht«, gestand Elisabeth. »Ihre Worte waren so seltsam und verschlüsselt. Was haben sie nur zu bedeuten?«

Herbert nahm sie fest in die Arme und lachte.

»Was würdest du deinen Kunden denn erzählen, wenn du dein Geld als Wahrsagerin verdienen müsstest? Ganz garstige Geschichten, die die Zukunft mit sich bringt, aber auch Hoffnung, Glück und nahen Reichtum. Diese Frauen sind doch alle gleich. So, wie gerade ihre Laune ist, erzählen sie Gutes oder Schlechtes. Immerhin solltest du wissen, dass es keine richtige Wahrsagerei gibt. Bitte, Elisabeth, jetzt mach wieder ein anderes Gesicht, ja? Du schaust ja drein wie zehn Tage Regenwetter.«

Seine Worte hatten sie zwar fast überzeugt, doch das mulmige Gefühl in der Magengegend blieb noch eine ganze Weile. Immer wieder musste sie an die alte Frau denken. Diese Augen würde sie nie im Leben vergessen.

»Komm, lass uns noch ein bisserl tanzen«, schlug Herbert vor und zog sie einfach mit sich. Er war bester Laune. Das Erlebnis im Zelt schien ihn nicht berührt zu haben.

Elisabeth ließ sich an diesem Abend nichts mehr anmerken, aber in Gedanken war sie anfangs weit, weit weg. Was sie auch versuchte, die Minuten im Wahrsagerzelt waren unauslöschlich in ihrem Gedächtnis eingebrannt.

Die beiden tanzten bis kurz nach Mitternacht, und allmählich begann die ausgelassene Stimmung rundum auch Elisabeth anzustecken.

»Magst noch eine Maß?«, fragte Herbert. »Ich bin durstig.«

Seiner schönen Begleiterin erging es ähnlich, und gern willigte sie ein.

Als sie sich gegenübersaßen, betrachtete Elisabeth ihren Freund, der sich zur Seite gedreht hatte und einer Kellnerin winkte.

In Herberts Nähe fühlte sie sich stets wohl und geborgen. Sie konnte es sich nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu sein. Es musste schön sein, mit ihm verheiratet zu sein, malte sie es sich seit Monaten immer wieder aus.

Das Bier wurde serviert, und sie prosteten sich zu. Die Kapelle begann wieder zu spielen, doch diesmal blieb das junge Paar am Tisch sitzen.

Elisabeth beugte sich leicht nach vorne. Herbert tat es ihr gleich. Ihre Lippen berührten sich, und es interessierte sie nicht, ob sie beobachtet wurden.

»Ich liebe dich«, flüsterte Herbert.

Elisabeth konnte es bei der lauten Blasmusik zwar nicht verstehen, doch es ließ sich von der Bewegung seiner Lippen ablesen.

»Ich dich auch«, erwiderte sie ebenso leise.

Der junge Mann beugte sich noch ein Stück vor, bis sein Mund ihr rechtes Ohr erreicht hatte.

»Lass uns heimgehen«, schlug er vor. »Hier ist es mir zu laut.«

Ohne Hast lehnte er sich wieder zurück und ergriff Elisabeths Hände.

Allein diese leichte Berührung genügte. Plötzlich verspürte sie das Verlangen, das seine Worte bedeuteten und fühlte, wie seine Leidenschaft und sein Wunsch nach Zärtlichkeit auf sie übergingen.

Eine Ewigkeit lang schauten sie sich tief in die Augen, und Elisabeth sehnte sich nach diesem Mann, der ihr alles bedeutete, was sie von einem Leben in Liebe erwartete, so sehr wie er sich nach ihr.

Irgendwann standen sie fast gleichzeitig auf. Sie brauchten nichts zu sagen; sie verstanden sich auch ohne Worte.

Arm in Arm verließen sie das Festzelt und überquerten die Kirmes, die längst geschlossen hatte, und in Dunkelheit lag.

Verstohlen schaute Elisabeth zur Seite. Irgendwo dort hinten musste das Zelt der Wahrsagerin stehen. Ehe jedoch wieder die quälenden Fragen und das seltsame Gefühl von ihr Besitz ergriffen, blieb Herbert stehen und drückte sie an sich.

Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht und legte den Kopf in den Nacken.

Sein Kuss war voller Verlangen und Leidenschaft. Er begehrte sie, und das machte sie stolz und glücklich, denn sie empfand ebenso wie er.

Wenig später gingen sie wortlos weiter und verließen den Jahrmarkt und den Platz, auf dem das große Festzelt stand.

Sie waren schon weit gegangen, als sie noch immer die Musik vernahmen, die der Wind mit sich trug. Selbst hier oben zwischen den einsamen Wiesen und abgeernteten Feldern ließ sich jeder Ton ausmachen.

Erneut blieb Herbert stehen. Irgendwo im Gras zirpten Grillen ihr nächtliches Lied. Nur die Sterne standen am Himmel, so dass man die Konturen der Berggrate kaum erahnen konnte.

Die beiden Verliebten sanken in das trockene Gras und vergaßen die Welt ringsum. Es bedurfte keiner Worte, um ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen. Es gab nur sie, und nicht einmal der Mond wurde Zeuge ihrer leidenschaftlichen Liebe.


*


Die Tage vergingen, wurden zu Wochen. Elisabeth und Herbert nutzten jede freie Minute, um zusammen zu sein. Längst war das Erlebnis mit der alten Zigeunerin verblasst. Nur nachts, wenn Elisabeth allein in ihrer Kammer war und durch das Fenster in die Nacht schaute, kam die Erinnerung zurück. Die Angst vor der Zukunft stieg aber nicht mehr in ihr hoch.

In wenigen Wochen, im Frühjahr, wenn das Grenzer‑Joch als letztes von Eis und Schnee befreit war, würden sie Mann und Frau sein.

Erst einmal aber kam noch einmal der Winter zurück mit Schneestürmen, Frost und Eis. Bald schon versank das Tal im Schnee und war tagelang von der Außenwelt abgeschnitten.

An diesem späten Januartag ging Elisabeth schon sehr früh zu Bett. Es war ein harter Tag gewesen, an dem sie Herbert nicht gesehen hatte. Diese Woche hatte er Dienst bei der Bergwacht, der er schon seit vielen Jahren angehörte.

Sie zog sich aus und wählte ein warmes Nachthemd, denn es gab keinen Ofen in ihrem kleinen Zimmer.

Als sie noch mal ans Fenster trat, konnte sie ein rotes und ein weißes Licht am Berg ausmachen. Dort oben lag das Haus der Bergwacht.

»Gute Nacht«, murmelte sie und sandte eine Kusshand hinauf. »Pass auf dich auf!«

Sie wusste, dass der Dienst oben am Berg bei Nacht nicht weiter gefährlich war. Nur äußerst selten kamen die Männer der Lebensrettung zu solchen Zeiten zum Einsatz. Trotzdem sorgte sich Elisabeth um ihren Herbert.

Gähnend ging sie zum Bett zurück und löschte das Licht. Ein wenig fröstelnd kroch sie in die Kissen, doch bald wurde ihr wärmer.

Hoch am Himmel stand der volle Mond als helle blasse Scheibe. Wie eine silberne Bahn ließ er sein Licht in die Kammer des Mädchens fluten.

Elisabeth spürte, wie ihr die Lider schwer wurden. Kein noch so leises Geräusch drang an ihr Ohr, und so schlief sie ruhig ein.

Nichts warnte sie vor dem drohenden Unheil, das die Sinti ihr auf geheimnisvolle Weise prophezeit hatte.


*


Das Telefon klingelte hart und unerbittlich.

Herbert Leitner gähnte, doch er machte keine Anstalten, den Hörer abzunehmen: Sein Kollege Wastl Gallner saß näher am Gerät. Außerdem war er hundemüde.

Wieder schellte es. Diesmal klang es noch eindringlicher und fordernder.

»Willst du net rangehen?«, fragte Herbert. »Es könnte was Wichtiges sein. Also, erheb dich endlich, hoch, du Faultier.«

Wastl Gallner war erst seit einem Jahr bei der Bergwacht. Der blonde Bursche hatte in der letzten Woche gerade seinen neunzehnten Geburtstag gefeiert.

»Wenn du meinst«, maulte er und erhob sich träge.

Er nahm den Hörer ab und meldete sich.

Nur wenige Sekunden lauschte er, dann war er hellwach.

»Wann war das?«, fragte er in die Sprechmuschel hinein. »In Ordnung! Wir schauen nach.«

»Was ist passiert?«, wollte Herbert Leitner wissen.

»Der Hallgruber war’s, der Ochsenwirt. Einer seiner Gäste ist noch net zurück von seiner Tour. Er wollte heut’ Nachmittag zum Berg, um den Sonnenuntergang anzuschauen. So ein verrücktes Rindviech! Der Depp hat sich bestimmt verstiegen und hockt jetzt irgendwo oben am Lärchenhang und weiß net weiter.«

Leitner zögerte keine Sekunde. Rasch zog er sich eine warme Jacke an und griff Seil, Taschenlampe, einen handlichen Verbandskasten und ein Funksprechgerät.

»Ich schau nach, ob ich ihn finde«, erklärte er. »Du bleibst hier und hältst die Stellung. Alle fünfzehn Minuten meld’ ich mich über Funk. Sollte ich Hilfe brauchen, ruf die Söhne vom Brauner Gregor. Die wohnen am nächsten.«

Gallner versprach, alle Forderungen zu erfüllen. Herbert war ein erfahrener Mann der wusste, was er trat. Trotzdem fragte er, ob es nicht besser wäre, zu zweit zu gehen.

Leitner aber lehnte ab. Das Wetter würde nicht umschlagen, und es wäre unklug, die Station völlig allein zu lassen. Notfalls brauchte er jemanden am Telefon, um die Männer im Tal zu informieren und um Hilfe zu bitten.

Draußen empfing ihn ein kühler Wind. Die Nacht war sternenklar.

Während er mit festen Schritten zum Berghang ging, versuchte er sich in die Lage des Touristen zu versetzen. Er vermutete, dass der Mann am Nachmittag zu dem kleinen überdachten Unterstand oberhalb des Lärchenhangs gegangen war, um das Naturschauspiel zu genießen. Von dort hatte man einen herrlichen Blick über das gesamte Tal und das bizarre Bergmassiv des Grenzer‑Jochs mit seinen tiefen Schluchten, dichten Wäldern und Schneefeldern. Er selbst war schon mehrere Male mit Elisabeth dort gewesen.

»Hoffentlich komm’ ich bloß net zu spät«, murmelte er, während er beim Bach abbog und sich Richtung Gämstal orientierte.

Erst einmal musste er den steilen Weg durch den Fallinger Forst. Es war ein beschwerlicher Weg, der in der Nacht nicht ungefährlich war.

Fast eine Stunde verging, bis Herbert den Fichtenwald hinter sich ließ. Vor ihm gähnte der Lärchenhang, eine Schlucht, die steil abfiel und fünfzig Meter tief zu einem Wirrwarr aus gewaltigen Felsblöcken, Steinhängen und Gebüsch wurde.

Nördlich von ihm war der schmale Pfad, der ins Tal führte, durch die letzten Herbstregen teilweise fortgespült worden. Vielleicht hatte der Fremde deshalb den direkten Weg durch die Felsen versucht und sich verstiegen.

Herbert wusste es nicht. Weit und breit konnte er niemanden entdecken. Die Berge waren voller Tücken, und unerfahrene Bergwanderer meistens leichtsinnig und dumm.

Eine Wolke gab den Mond frei und sorgte für besseres Licht. Aus der Schwärze der Nacht schälten sich Konturen, doch die Schatten ringsum erschienen noch intensiver zu werden.

»Hallo, ist hier jemand?«, rief Herbert gedehnt.

Er hatte die Hände trichterförmig vor den Mund gelegt und wiederholte den Ruf mehrere Male, ehe er lauschte. Das Echo antwortete und verstummte, verschluckt von der Ferne und der Stille der Nacht.

Plötzlich horchte Herbert auf. Nein, er hatte sich nicht getäuscht.

Seitlich vernahm er ein schwaches Geräusch, das er zuerst nicht einordnen konnte. Es war wie ein Heulen, das anschwoll, dann wieder dünner wurde und verstummte.

Es dauerte nicht lange, bis der Mann von der Bergwacht wusste, was es war: Jemand rief ein langgezogenes »Hilfe«.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911336
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370894
Schlagworte
berg schicksal

Autor

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Titel: Der Berg, der ihr Schicksal war