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Roy Matlock #8: Entscheidung in Redford Springs

2017 120 Seiten

Leseprobe

Entscheidung in Redford Springs


Ein Western von Glenn Stirling




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von W. Herbert Dunton, 2017

Früherer Originaltitel: Roy, der Tiger

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappentext:

Der Eisenbahnmarshal Roy Matlock ist auf dem Weg nach Redford Springs. Drei gewissenlose Halunken wollen das jedoch verhindern und ihn aus dem Zug werfen, weil Matlock die Pläne ihres Bosses durchkreuzen könnte – wenn er davon wüsste. Aber soweit soll es erst gar nicht kommen, deshalb will man ihn lieber gleich aus dem Weg räumen. Die Schläger wissen jedoch nicht, dass Roy Matlock sich nicht so schnell austricksen lässt. Stattdessen dreht er den Spieß um, und am Ende fliegen seine drei Gegner aus dem Zug.

In Redford Springs findet Matlock schnell heraus, dass Bill Merring, der Bauleiter der Union Pacific seinen Job nicht ernst nimmt und sogar ein Hindernis mit seinen Plänen für die Union Pacific ist. Matlock sorgt für klare Verhältnisse und treibt den Bahnbau wieder voran. Denn der Zeitplan ist mittlerweile sehr eng geworden – und genau darauf wartet ein einflussreicher Mann namens Simcoe, der die Union Pacific austricksen will. Das erste Mal haben seine Leute Matlock nicht beseitigen können, und jetzt greift er zu anderen Mitteln ...




Roman:

Roy Matlock hatte schon vor einer halben Stunde die blonde Frau entdeckt, die in der Mitte des Waggons saß. Er wollte sich gerade in ihre Nähe setzen, um ein Gespräch mit ihr anzufangen, als er die drei Männer sah. Sie kamen durch den Gang des Waggons direkt auf ihn zu, und es war ihm klar, dass sie ihn suchten. Roy Matlock kannte diese Sorte Männer. Es waren Schläger, und sie bewegten ihre Fäuste wie Schmiedehämmer.

Vor Roy blieben sie stehen. Der in der Mitte, ein großer Schwarzhaariger mit Vollbart, fragte grinsend: „Sie sind Matlock, nicht wahr?“ Und als Roy nickte, fuhr er fort: „Dann ist Ihre Fahrt hier zu Ende. Steigen Sie aus!“

Und wenn ich mich weigere?“, fragte Matlock mit ebensolchem Grinsen.

Wir werden dafür sorgen, dass Sie aussteigen, Mister, und zwar sofort!“

Der Zug fuhr, wenn auch nicht schnell. Die Steigung und die vielen Kurven im Paduco Valley kosteten die Lok viel Kraft. Das Stampfen der Maschine vorn, die dicken Qualmwolken, die zeitweise den ganzen Zug einhüllten, waren ein Beweis dafür. Die Bahnstrecke klebte manchmal regelrecht am Felsen, war mit raffinierten Brückenkonstruktionen an den Steilwänden befestigt. Jetzt allerdings war der Untergrund breit; dafür hatte die Steigung noch mehr zugenommen, und der Zug fuhr langsam. Es wäre nicht lebensgefährlich gewesen, hier vom Zug zu springen - darum ging es Matlock nicht.

Was wollt ihr wirklich?“, fragte er.

Der Schwarzhaarige schüttelte ungeduldig den Kopf. „Hören Sie, Matlock, machen Sie keinen langen Zirkus, nehmen Sie Ihr Zeug und springen Sie vom Zug! Wir wissen, dass Sie Marshal sind, wir wissen, dass Sie hinauf nach Redford Springs wollen, und wir drei sind da, an Ihren Plänen ein wenig zu drehen.“

Matlock begriff, dass lange Diskussionen nichts einbrachten. Er hatte keine Sekunde lang vor, dem Vorschlag dieser drei nachzukommen, obgleich er durchaus respektierte, dass sie die Muskeln nicht bloß zum Hochheben von Kisten gebrauchten. Die Gesichter der drei zeugten von sehr vielen Kämpfen, und wer viel abbekommen hat, der hat irgendwann auch gelernt, wie man mit einem Gegner fertig wird.

Matlock schätzte die drei Männer ab und versuchte herauszufinden, wie sie gegen ihn vorgehen wollten. Schließlich zuckte er die Schultern, schüttelte ein wenig die Arme und meinte ironisch: „Wenn’s nicht anders geht, dann werde ich wohl müssen. Also nehm’ ich mein Zeug.“

Sein Sattel lag schräg hinter ihm auf der Bank, die an der Seite des Wagens entlanglief. Auf diesen Sattel waren die beiden Satteltaschen festgeschnallt, und außerdem gab es noch eine Art Seesack, in den er sein übriges Zeug gestopft hatte. Roy packte diesen Sack, und die Bewegung, die er da machte, erschien völlig normal. Er wollte eben nur sein Zeug nehmen und der Aufforderung der drei nachkommen - so mussten sie es sehen, und sie sahen es offenbar nicht anders.

Dann aber ging alles blitzschnell.

Roy riss mit einer Drehung des Körpers diesen Seesack mit gestreckten Armen herum und ließ ihn halb als Schlag und halb als Wurf im Gesicht des schwarzhaarigen Vollbärtigen landen.

Den traf es wie von einer Kanonenkugel. Er wurde zurückgerissen, prallte gegen die anderen und stürzte.

Bevor die beiden anderen überhaupt begriffen, was lief, hatte Roy den Sattel gepackt, riss ihn hoch und stieß ihn den beiden anderen entgegen.

Das traf die wie eine Dampframme. Sie wurden bis zum Ende des Ganges zurückgestoßen, gerieten beide unter den Sattel und stürzten hin.

Da war der vollbärtige Schwarzhaarige wieder hoch. Aber nun war Roy da. Bevor der Mann auf den Beinen stand, trafen ihn zwei wuchtige Schläge voll ins Gesicht. Mit der linken Faust traf Roy das Kinn des Mannes, mit der Rechten die Nase. Die platzte sofort auf, und Blut schoss heraus.

Während der Schwarzhaarige noch taumelte, kamen die anderen. Aber Roy, dieser drahtige, mittelgroße Bursche, der wie eine gespannte Feder jetzt nach vorn schnellte, hatte schon seine Faust abgeschossen und schlug sie dem Angreifer in die Magengrube. Im nächsten Augenblick zielte Roy auf den Nervenstrang dicht hinter dem Ohr des Mannes. Er traf, und der Bursche brach auf der Stelle zusammen.

Der dritte wich jetzt zurück. Es sah nach Flucht aus. Er war nur noch allein mit Roy, und der griff erneut an, setzte seinem Gegner nach, und als der sich stellte, täuschte Roy einen Schlag ins Gesicht vor, so dass die Fäuste des anderen schützend nach oben fuhren. Dann aber landete Roy zwei gestochen scharfe Geraden in der Lebergegend.

Der Mann schrie auf, rutschte an der Waggontür herunter, presste beide Hände auf den Leib und schnappte nach Luft.

Das Ganze war blitzartig schnell passiert. Und trotzdem waren die drei noch nicht am Ende. Der Schwarzbärtige war jetzt hinter seinem Rücken, und Roy musste damit rechnen, was im nächsten Augenblick kommen konnte. Er spürte förmlich, dass der Mann hinter ihm zuschlagen wollte. Er duckte den Kopf, fuhr herum und riss zugleich die Arme schützend hoch. Und da traf ihn schon der Schlag des Schwarzhaarigen voll auf die Unterarme. Roy hatte das Gefühl, die würden ihm gebrochen. Der Schmerz, der ihm bis in die Schultern fuhr, lähmte ihn für eine wertvolle Sekunde. Und die reichte dem Schwarzhaarigen. Der schoss erneut einen Schlag ab, und wenn es auch Roy gelang, den Kopf zur Seite zu werfen, so streifte ihn die Faust dennoch, und er hatte das Gefühl, das Ohr würde ihm abgerissen.

Eine weitere Sekunde zögerte er, abgelenkt durch den Schmerz, und er bekam einen weiteren Schlag an die Schläfe, bei dem er glaubte, der Kopf würde ihm vom Körper gerissen.

Dieser Schlag schmerzte noch mehr und schüttelte ihn gehörig durch. Trotzdem griff er erneut an, stürmte geduckt vor, obwohl er wusste, dass er möglicherweise noch einen weiteren Schlag einstecken musste, ehe er nahe genug an seinen letzten Gegner herankam.

Aber er hatte Glück. Zwei der schmetternden Schläge trafen nur seine Schultern. Und dann erhielt er wieder einen ins Genick, der ihn fast lähmte.

Er riss alle Kraft zusammen, schnellte mit äußerster Energie nach vorn und rammte die Schultern gegen die Beine seines Gegners. Der Mann taumelte unter dem Anprall zurück, aber auch Roy fiel auf Hände und Knie, schnellte wieder hoch, warf sich nach vorn, und diesmal bekam er den Mann am Gürtel zu fassen.

Weitere Schläge gingen auf seinen Kopf nieder, aber Roy zog sich am Gürtel des Gegners hoch, schlang die Arme um dessen Taille und ließ sich selbst rücklings fallen, indem er sich mit beiden Reinen fest einstemmte.

Das warf den bärtigen Mann von den Füßen. Er stürzte über Roy hinweg, der eine Drehung machte, so dass der schwergewichtige Mann über ihn donnernd auf den Boden krachte.

Jetzt hatte Roy ihn neben sich liegen. Der Bärtige zögerte wertvolle Sekunden, um seine Benommenheit zu überwinden, und das genügte Roy. Er holte aus und schmetterte mit aller Kraft und Energie, zu der er noch fähig war, die Faust mitten auf das Kinn seines Gegners, dass er das Gefühl hatte, ihm werde die Faust gespalten. Ungeachtet dieses Schmerzes schlug er noch einmal nach, diesmal aber in die Magengrube des anderen. Und das genügte. Mit einem Aufstöhnen sank der Bärtige in sich zusammen. Jetzt, da er so lag, wirkte er harmlos, so dass Roy sich fragte, wieso es so schwer gewesen war, diesen Mann zu besiegen.

Alles in allem waren in diesem Kampf noch keine zwei Minuten vergangen. Roy war dennoch fix und fertig. Ihm lief der Schweiß nur so den Kopf hinunter, rann ihm in die Augen, dass sie brannten. Er wischte sich die Schweißperlen hinaus, stemmte sich hoch und lehnte sich erschöpft an eine der Bänke.

Außer ihm waren noch fünf Fahrgäste im Wagen, darunter jene blonde Frau, deretwegen er seinen Platz verlassen hatte. Er blickte, noch immer um Atem ringend, in ihre Richtung, verzog sein Gesicht zu einem Grinsen und versuchte ihr zuzublinzeln. Aber sie starrte ihn nur in äußerstem Entsetzen an, wie das auch die anderen vier Passagiere taten. Niemand sprach ein Wort.

Roy holte seinen Seesack, der zwischen den drei Männern am Boden lag, und packte ihn wieder zum Sattel auf die Bank. Dann nahm er einen nach dem anderen von den dreien und schleifte sie hinaus auf die Plattform.

An der Steigung fuhr der Zug jetzt so langsam, dass Roy kein Risiko für die drei Männer sah, sie jetzt vom Zug zu werfen. Und er tat es; zuerst mit dem schwarzhaarigen Bärtigen, dann mit den beiden anderen. Sie kollerten durch den Salbei hinunter, der hier zu beiden Seiten der Gleise wuchs. Die Bahnstrecke quälte sich jetzt nicht mehr an den Steilwänden entlang und hatte die Hochfläche erreicht. Aber noch immer ging es bergan, obgleich die Hochfläche tischeben wirkte. Aber insgesamt bildete sie eine riesige Rampe bis zu den Bergen, die man von hier aus schon sehen konnte. Irgendwo da vorn war der Taleinschnitt, durch den der Zug weiterfahren würde - bis hinauf nach Redford Springs.

Der Vorfall war nicht unbeobachtet geblieben. Einer der Bremser kam jetzt über das Dach zur Plattform, sprang herunter und trat in den Wagen. Er sah Roy an, den er gut kannte, und rief: „Was, zum Teufel, ist passiert? Hast du eben diese drei vom Wagen geworfen?“

Ja, das war ich, Jack. Du hast ordentlich gut aufgepasst.“

Und warum?“, wunderte sich der Bremser, ein hagerer Bursche mit grauen Schläfen.

Sie hatten etwas dagegen, dass ich in diesem feinen Wagen weiterfahre, und ich hatte etwas dagegen, dass sie es tun.“

Donnerwetter! Du bist mit den dreien fertig geworden? Ein harter Bursche bist du ja, das wusste ich immer“, stellte der Bremser anerkennend fest, „aber dass du drei solche Burschen schaffst? Übrigens einen von denen kenne ich. Den Schwarzen mit dem Vollbart. Der hat bei Simcoe gearbeitet.“

Hat oder tut es noch?“, fragte Roy.

Vielleicht tut er es noch. Übrigens: Simcoe ist ein gefährlicher Bursche. Wenn er noch bei ihm ist, dann wirst du mit Simcoe zu tun kriegen, verlass dich darauf!“

Auf solche Sachen verlass ich mich meistens“, meinte Roy grinsend und schielte wieder hinüber zu der Blonden. Die gefiel ihm. Aber sie ihrerseits schien regelrechte Furcht vor ihm zu haben. Noch immer starrte sie ihn aus weit aufgerissenen Augen an wie ein Kind, das sich vor Schlägen fürchtet.

Wenn Roy gehofft hatte, sich mit der Blonden unterhalten zu können, so sah er sich enttäuscht. Sie wäre am liebsten aus dem Wagen gelaufen. Warum sie sich so vor ihm fürchtete, konnte er gar nicht begreifen. Nur deshalb, weil er mit diesen drei Kerlen fertig geworden war?

Er versuchte trotzdem ein Gespräch mit ihr in Gang zu bringen, aber sie antwortete ihm nicht auf eine einzige Bemerkung. Sie presste sich in die Ecke, als fürchtete sie nichts mehr, als dass er womöglich näher an sie heranrücken könnte. Der Gedanke, dass eine Frau sich vor ihm ängstigte, bedrückte ihn. Aber er fand jetzt im Augenblick nicht die richtigen Worte, um sie zu beschwichtigen. Indessen kam auch die Reaktion auf den Kampf. Er fühlte die Müdigkeit in sich aufsteigen, setzte sich wieder zu seinem Sattel, lehnte sich dagegen und fand es erheblich bequemer, jetzt weder sprechen noch auf jemanden achten zu müssen, während der Zug mit einschläferndem Rattern höher und höher in die Berge zog. Die Augen fielen Roy zu, und er schlief ein.

Er wusste nicht, ob er eine halbe Stunde oder weit länger geschlafen ihatte, als ihn der schrille Pfiff der Lokomotive vorn wieder weckte. Verschlafen blinzelte er durch die schmutzigen Scheiben des Fensters nach draußen. Da sah er die niedrigen Holzbauten neben der Strecke. Der Zug näherte sich Redford Springs.


*


Redford Springs war ein schmutziges Nest am Ende der Schienen. Richtige Häuser gab es praktisch überhaupt nicht. Holzbuden, von den Schienen genommene Waggons, die zu Schlafhäusern umfunktioniert worden waren, und überall niedrige, aus Felssteinen gebaute Buden mit wackligen Dächern, denen eigentlich niemand einen Tropfen Regen zumuten mochte.

Der Bahnhof befand sich noch im Bau. Roy Matlock warf einen Blick auf die noch aus Brettern bestehende Rampe, dem primitiven Bahnsteig, und sah ein bekanntes Gesicht. Chandler war also gekommen, um ihn abzuholen.

Ein zweiter Blick galt der Blonden.

Unbemerkt war der Bremser neben Roy getreten, sah, wohin Roy blickte, und meinte schmunzelnd: „Die ist schon vergeben, alter Junge. Aber du wirst sie, wie ich annehme, oft genug sehen. Sie ist die Verlobte von Bill Merring.“

Roy sagte keinen Ton dazu. Als der Zug stand, sprang er ab und wollte der Blonden von der Plattform helfen. Aber da schoben sich zwei Männer heran, und sie strahlte, als sie die beiden sah, und rief dem einen zu: „O Bill, wie schön, dass du gekommen bist!“

Von da an konzentrierte sich Roys Interesse auf diesen Bill, und er stellte sofort fest, dass der viel zu alt für dieses junge blonde Mädchen war. Er musste mindestens Mitte Vierzig sein. Die Blonde war höchstens Anfang Zwanzig. Er hätte ihr Vater sein können, und das ganz bequem.

Das also, sagte er sich, ist Bill Merring. Und ihm untersteht der ganze Bahnbau hier. Ein unsympathischer Bursche. O Hölle, ich spüre richtig, dass ich mit dem aneinandergeraten werde!

Er wandte sich jetzt Jim Chandler zu, der ihm entgegenkam.

Chandler war ein schmaler, dunkelhaariger Mann, eigentlich gar nicht zu den Typen passend, die hier herumliefen. Er hatte weder ein Kreuz wie ein Bär und Muskeln wie ein Zugpferd, noch war er besonders groß. Aber in seinen Augen blitzte etwas, das dem, der genau hinsah, verriet, welch ein Mann Chandler war. Für Roy war Chandler einer der besten Ingenieure, die es in den ganzen Vereinigten Staaten gab, und vielleicht der fähigste Bahningenieur überhaupt. Aber Fähigkeit am Reißbrett, Fähigkeit im Entwerfen moderner Technologien bedeutete nicht, dass derjenige gleichsam in der Lage war, Menschen zu führen. Und das, so wusste Roy, beherrschte Jim Chandler nicht. Um ihm ein wenig unter die Arme zu greifen und ihm Respekt zu verschaffen, hatte sich die Verwaltung in Omaha etwas einfallen lassen. Und deshalb war Roy da.

Sie begrüßten sich, und während sie sich noch die Hände schüttelten, hörte Roy hinter sich eine Stimme sagen: „Ach, dann sind Sie Roy Matlock.“

Er drehte sich um. Es war dieser Bill Merring. Die Blonde hing ihm am Arm. Merring war gut einen Kopf größer als sie. Er lächelte verbindlich. Aber irgend etwas an ihm reizte Roy regelrecht, ihm die Faust mitten ins Gesicht zu setzen.

Ich bin schon wahnsinnig, dachte er. Wie kann ich nur solche irrsinnigen Ideen haben? Und er zwang sich zu erwidern: „Der bin ich. Und Sie?“

Mein Name ist Merring. Ich leite den Bau dieser Bahnstrecke. Wir haben Sie schon sehnlichst erwartet. Es wird höchste Zeit, dass mal ein Marshal der Bahn heraufkommt und etwas Ordnung schafft.“

Roy sagte nichts dazu. Er dachte bei sich, dass er zu diesem Zweck allein nicht heraufgeschickt worden war. Es ging in erster Linie darum, dass die Ideen von Jim Chandler verwirklicht wurden, an denen der Verwaltung soviel lag, und es ging darum, diesen Bahnbau endlich schneller voranzutreiben. Die Termine waren zum Teil schon überschritten.

Merring kam von selbst darauf zu sprechen. Aber erst sagte er noch: „Ich nehme an, du kennst Mister Matlock schon?“ Das fragte er seine Begleiterin. Und zu Matlock gewandt, sagte er: „Meine Braut haben Sie sicher im Zug gesehen oder vielleicht sogar mit ihr gesprochen. Sie hat mir erzählt, dass es eine Auseinandersetzung gegeben hätte.“ Er lachte. „Sie ist die rauen Sitten noch nicht gewohnt. Aber es war gut von Ihnen, Matlock, dass Sie diese drei Burschen dahin befördert haben, wohin sie gehören.“

Matlock war nie in seinem Leben eingebildet gewesen. Und er gab auch nicht viel darauf, von anderen immer besonders gewürdigt zu werden. Aber bei manchen Leuten legte er Wert auf die Tatsache, als Mister Matlock und nicht einfach als Matlock angesprochen zu werden, und zu diesen Leuten zählte er Bill Merring. Er hätte selbst nicht sagen können, warum er das tat. Vielleicht, überlegte er, liegt es ganz einfach daran, dass die Blonde sich für ihn entschieden hat und ich ihn deshalb in die Hölle wünsche.

Merring schien von den Gedanken Roys nichts zu ahnen. Er fuhr fort:

Sie wissen ja, dass wir Termine haben. Es gibt ziemlich viel Unruhe hier unter den Leuten. Das wird geschürt von Interessengruppen, die gegen den Bahnbau sind. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass die Union Pacific die Führung dieser Nebenlinie übernommen hat und dass der Name der Gesellschaft Desert Bahn nur noch ein Vorwand ist und in Wirklichkeit die Union Pacific dahintersteht. Ich glaube, indem man Sie hier heraufgeschickt hat, begreift man auch in Omaha, dass es keinen Zweck mehr hat, das zu vertuschen. Jeder weiß es. Und das macht ja diese Interessengruppen so wütend.“

Was heißt Interessengruppen?“, fragte Roy. „Sind das Leute, durch deren Gebiet wir bauen?“

Merring schüttelte lachend den Kopf. „Das Gebiet, durch das wir bauen, gehört dem Staat, und es ist nichts wert, Wüste, Hochland. Das Gebirge, das wir jetzt schon hinter uns haben, war auch nichts wert. Hier haben wir niemandem nur einen Fußbreit Boden weggenommen.“

Etwa die Indianer?“, erkundigte sich Roy.

Merring schüttelte wieder den Kopf. „Nein, nein. Die Konkurrenz. Die Paduco & Desert Railroad.“

Aber die bauen doch ganz woanders.“

Sehen Sie sich das doch mal auf einer Landkarte an“, meinte Merring. „Wenn sie auch ein gutes Stück von uns weg sind, so ist diese hier doch eine Parallellinie, und sie stellt eine Verbindung zwischen der Union Pacific und der Santa Fe-Linie dar.“

Solche Verbindungen gibt es noch mehr“, entgegnete Roy. „Aber das ist hier eine Union Pacific-Linie, und wenn es zehnmal eine Nebenstrecke ist.“

Die Linie, mein lieber Matlock, soll zu den Erzfeldern führen. Die Paduco & Desert Railroad schlägt aber ebenfalls eine Nebenstrecke in Richtung auf die Erzfelder. Wissen Sie, Matlock, die Leute interessieren sich für Gold, allenfalls für Silber. Eisen und Blei sind für sie nicht so wichtig. Das sind billige Erze. Aber es ist ein für die industrielle Entwicklung unseres Landes wichtiges Metall. Man kann es nur nicht in der Tasche oder in kleinen Beuteln spazierentragen, wie das mit dem Gold geschieht, und trotzdem einen großen Wert besitzen. Bei Bleierz und bei Eisenerz kann Ihnen nur ein guter Abtransport helfen, die Sache lukrativ zu machen, und deshalb der Bahnbau. Haben wir die Bahn aber erst dort, und der Abbau kann im großen Stil beginnen, wird es ein Riesengeschäft. So liegen die Dinge. Und wer das begreift, der sieht auch, um was es hier geht; im Grunde um mehr Geld als bei der Entdeckung eines Goldfeldes - dafür kommen viel zuviel einzelne Leute dorthin. Die Gesellschaft aber, die Blei und Eisen abbaut und vielleicht auch noch ganz am Rande den Silber- und Goldanteil dort mitkassiert, diese Gesellschaft hat ein Interesse an der Bahn, und sie wird den Kontrakt mit der Linie schließen, die zuerst dort ist. So sieht es aus.“

Es kommt noch etwas hinzu“, meldete sich jetzt Jim Chandler zu Wort. „Seit einem Jahr ist Colorado der achtunddreißigste Bundesstaat der USA. Die haben eigene Staatsgesetze. Die Zuschüsse, die vom Bundesstaat Colorado für den Bau dieser Linie gegeben werden, sind zunächst nur Kredite. Wenn eine Gesellschaft aber die Erzfelder erreicht hat und ein regelmäßiger Transport des Erzes möglich ist, ein Transport zu den noch zu errichtenden Aufbereitungshütten, dann gibt dieser Staat Colorado diese Kredite als Zuschüsse, das heißt, die Bahn braucht es nicht zurückzuzahlen. Und deshalb, Roy, müssen wir alles daransetzen, früher am Ziel zu sein als die Paduco Bahn.“

Roy hatte sich das alles schon von Ernest Jenkins, dem Sicherheitschef der Union Pacific, angehört. Aber es war gut, es auch einmal aus dem Mund anderer zu hören. In diesem Punkte, registrierte er bei der Gelegenheit, schienen Merring und Chandler einig zu sein. Es kam auch in den nächsten Minuten zu keiner weiteren Unterhaltung, die eine etwaige Meinungsverschiedenheit heraufbeschworen hätte.

Denn Merring entschuldigte sich und sagte, als er sich verabschiedete: „Meine Braut, Eliza Wagoner, wird, nehme ich an, im Laufe dieser Woche eine kleine Party geben. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie beide vorbeikämen. Da können wir noch einmal in Ruhe über alles mögliche reden. Aber jetzt bitte ich Sie, mich zu entschuldigen. Ich nehme an, dass Sie sich um die Unterkunft für Matlock kümmern, mein lieber Chandler.“

Roy beobachtete nur Chandlers Gesicht, und der schaute drein, als wäre ihm Essig eingeflößt worden. Merring registrierte das gar nicht, so schien es jedenfalls, lächelte und verschwand mit seiner Braut. Sie blickte noch einmal über die Schulter zurück, und ihr und Roys Blick trafen sich. Aber er war nicht imstande, aus ihren Augen auch ihre Gedanken zu lesen.

Donnerwetter!“, meinte Roy. „Was hältst du von diesem Burschen?“

Man soll anderen nichts Schlechtes wünschen. Aber ich will ehrlich sein, Roy, ich wünsche diesem Kerl die Hölle auf Erden. Ich wünsche ihm, dass ihn der Teufel holt. Ich wünsche ihm schlicht die Pest an den Hals“, sagte Chandler, und er sagte es so trocken, dass Roy herzhaft lachen musste, so laut, dass sich die Leute umdrehten, die noch auf dem Bahnsteig waren. Überwiegend handelte es sich dabei um Männer der Bautrupps, die jetzt eine Reihe von freien Tagen hatten und mit dem Zug zu Tal fuhren. Nach einer harten Periode schwerster körperlicher Arbeit vorn am Schienenkopf bekamen sie zwei Wochen der Erholung. Allerdings war das nur bei Männern der Fall, die sich irgendwie verletzt hatten. So trugen auch die meisten von denen, die jetzt den Zug bestiegen, Verbände an Armen oder sie gingen an Stöcken. Manche trugen auch einen Kopfverband.

Am besten ist es“, schlug Chandler vor, „du ziehst mit in meine Bude. Ich habe da ein Bett aufstellen lassen. Es ist nicht sehr komfortabel, aber wenn du keine sonderlichen Ansprüche stellst...“

Roy schüttelte den Kopf. „Ich stelle keine besonderen Ansprüche. Gehen wir. Als erstes möchte ich etwas essen. Ich habe einen Heißhunger.“

Er packte den Sattel, wuchtete ihn sich auf die Schulter, und Chandler nahm den Seesack. Zum Glück war es trocken, und die Sonne hatte es all die Zeit gut gemeint. Bei jedem Schritt wehten Staubwolken hoch, und Roy konnte sich vorstellen, welch abgrundtiefer Morast entstehen würde, sollte es hier einmal regnen. Aber in dieser Gegend, das wusste er, war Regen selten. Sie befanden sich am Beginn einer weitgestreckten wüstenähnlichen Hochebene. Sie unterschied sich von einer Wüste der Tiefebene nur dadurch, dass hier oben die Nächte noch kälter, die Tagestemperatur aber nicht wesentlicher höher war als in den anderen Wüsten. Stärker als dort aber wehte der Wind, und er wehte immer. Er trocknete erbarmungslos alles aus, und so war die Vegetation, im Gegensatz zu den Wüsten der Tiefebene, erheblich spärlicher. Mitunter gab es noch nicht einmal Kakteen oder verdorrtes Gestrüpp, sondern nur weite Strecken mit Geröll, ohne jeden Pflanzenwuchs.

Es war, wie Chandler auf dem Weg zu seiner Unterkunft sagte, eine Mondlandschaft, und dieses Redford Springs, das seinen Namen einer Quelle verdankte, war in seinen Augen eine Ansammlung von Maulwurfshügeln. Im Grunde traf er damit ins Schwarze.

Du kommst also“, fragte Roy, „mit Merring nicht gut aus?“

Es ist schwierig“, erwiderte Chandler, „mit ihm eine offene Meinungsverschiedenheit zu haben. Er ist immer höflich; Widersprüche glättet er auf seine Weise, indem er das Thema völlig ausklammert, so dass es gar nicht zum Streit kommen kann. Wenn ich einen Vorschlag mache, der besser ist als das, was man bisher getan hat, dann sagt er: ,In Ordnung, das nehmen wir sofort in Angriff. Aber er denkt gar nicht daran, die notwendigen Anweisungen zu geben. Alles geht so weiter wie bisher. Wenn ich etwas sage, dann behauptet er, den Befehl gegeben zu haben, aber das Personal habe das missachtet. Er werde die Vormänner zur Rechenschaft ziehen. In Wirklichkeit geschieht aber nichts. Und so geht das jetzt seit Monaten. Roy, ich sage dir, wir hätten in der halben Zeit den Weg durch die Berge hier herauf kommen können. Und wenn wir jetzt, da wir in der Wüste sind, nicht endlich ein anderes System anwenden, werden wir noch einmal so lange brauchen, wie wir bis hierher gebraucht haben. Das würde bedeuten, dass wir den Termin über drei Monate überziehen und die Paduco & Desert Railroad längst bei den Erzfeldern angekommen ist. Denn die bauen nach einem anderen System. Das ist zwar nicht das gleiche wie meines, aber ein wesentlich schnelleres, als man es hier anwendet.“

Ich kenne den Brief, den du geschrieben hast“, sagte Roy. „Jenkins hat mir eine Abschrift davon vorgelesen. Ich weiß also, dass die Bosse auf deiner Seite sind. Deshalb hat man mich hergeschickt. Ich habe Vollmachten, die alles umfassen. Nur eines kann ich nicht: Ich kann Merring nicht ablösen.“

Das brauchtest du gar nicht. Du solltest nur zwei der Vorleute entlassen. Von ihnen geht aller Ärger aus. Sie unterlaufen alles, was von mir kommt, und ich habe den Eindruck, dass Merring nur mit dem Finger zu schnippen braucht, und sie tun alles für ihn. Die beiden sind John Finnigan und Bob Rusting.“

Hast du Ersatz für sie?“, wollte Roy wissen.

Ich habe Ersatz, Gute Leute. Zwar nicht mehr so jung, aber erfahren. Die bringen auch Ruhe in das Team. Der eine wäre Tom Floyd, der ist allerdings schon fast fünfzig, und der andere ist Hank Hendridge, der ist noch älter. Sie sind sehr beliebt bei der Mannschaft. Es sind ruhige Männer. Zur Zeit sind sie beide Stellvertreter von Finnigan und Rusting.“

Dann ergibt es sich von selbst, dass sie deren Jobs übernehmen. Gut, Finnigan und Rusting sind praktisch schon gefeuert.“

Dü musst einen Grund angeben“, meinte Chandler.

Ich werde tausend Gründe finden. Mach dir da keine Gedanken!“

Vorsicht, Roy!“, warnte Jim Chandler. „Die beiden lassen sich nicht einfach so feuern. Das wird Schwierigkeiten geben, auch bei Merring - obgleich der so tun wird, als ginge ihn das weiter nichts an. Aber abgesehen davon, das sind beides harte Brocken. Nicht vielleicht von der Figur her, da gibt es andere, aber von der Art. Die sind gefährlich wie Klapperschlangen, sag’ ich dir.“

Ich habe schon manche Klapperschlange aus dem Weg geräumt. Mach dir keine Gedanken! Du musst dir wirklich keine Sorgen um mich machen. Das einzige, was ich wissen muss, das sind die Namen von ein paar guten Leuten und von jenen, die den Betrieb aufhalten.“

Wenn du erst einmal diese beiden Vorleute weg hast, wirst du sehen“, meinte Chandler, „dass alles viel besser läuft. Dann spuren auch die, mit denen bisher immer viel Ärger entstanden ist.“

Also gut. Zeig mir erst mal deine Behausung. Und dann verrate mir, wo ich etwas Kräftiges zu essen bekomme.“

Chandler lachte. „Sieh mal diese Straße entlang. Wenn sich die Staubwolke hinter dem Pferdewagen gelegt hat, siehst du links ein etwas höheres Haus. Es ist das einzige, das ganz aus Holz gebaut ist. Damals gab es hier noch ein paar Bäume; die hat Merring alle wegsägen lassen. Welch ein Wahnsinn!“

Roy ging nicht darauf ein. Mit seinem Heißhunger interessierte ihn in erster Linie, ob es ein Restaurant war. Gab es hier oben so etwas überhaupt?

Es ist ein Speisehaus. Es gehört Miss Lilian. Miss Lilian kocht besser als alle Mannschaftsköche der gesamten Union Pacific. Sie ist eine Schwarze. Es gibt hier oben ein paar Leute, die nicht zu ihr gehen, weil sie eine Farbige ist.“

So ein Blödsinn! Das hat mich noch nie gestört. Das sind Leute wie wir. Was soll der Quatsch? Also, gehen wir direkt hin! Dein verlaustes Bett kann ich mir nachher ansehen.“

Sie lachten beide, und Roy dachte schon sehr intensiv an ein großes, saftiges Steak.


*


Mit Merring traf Roy am Abend zusammen. Er und Jim Chandler saßen in Merrings spartanisch eingerichtetem Büro, das eigentlich aus nichts als aus drei Bänken und einem Kartentisch sowie aus einer einfachen Holzliege bestand.

Merring hatte eben das Schreiben gelesen, das ihm Roy von der Direktion in Omaha mitgebracht hatte. Ein Schreiben, in dem von der umfassenden Vollmacht für Roy die Rede war und gleichzeitig von der Aufforderung an Merring, Roy bei jeder Gelegenheit zu unterstützen, vor allen Dingen, wenn es dem diente, dass die Bahn in vierunddreißig Tagen das gesteckte Ziel von fünfundvierzig Meilen schaffen sollte.

Roy hatte Merring beobachtet, als der den Brief las. Merring hatte offensichtlich mit einigen Vollmachten für Roy gerechnet, aber nicht mit einer solchen Kompetenz für einen Bahnmarshal.

Vielleicht, dachte Roy, wird er sich in Zukunft verkneifen, mich einfach Matlock zu nennen. Und da hatte er ins Schwarze getroffen.

Nach dem Lesen des Briefes blickte Bill Merring auf. Sein Gesicht wirkte grau in diesem Moment. Dann aber lächelte er. Es war ein gekünsteltes Lächeln. Roy durchschaute ihn sofort.

Und was gedenken Sie als erstes zu tun?“, fragte Merring. Es sollte freundlich, konziliant klingen. Aber in Wirklichkeit konnte er seine Stimme nicht so verstellen. In seinem Innern brodelte es, und das schwang in seinen Worten mit.

Als erstes gedenke ich John Finnigan und Bob Rusting zu entlassen.“

Dieser Hinweis traf Merring wie ein Keulenschlag. Er riss die Augen weit auf, hielt dann die linke Hand hinters linke Ohr, als habe er nicht richtig gehört. Dann fragte er: „Wie bitte? Sie sprechen von den Vorleuten auf unserer Baustelle!“

Richtig“, bestätigte Roy. „Sie können es selbst tun, aber ich kann es für Sie tun. Die beiden sind gefeuert!“

Haben Sie den leisesten Grund dazu?“

Wie ich schon Ihrem Kollegen Jim Chandler sagte“, erklärte Roy, „habe ich einen ganz konkreten Grund. Destruktives Arbeiten, unrationelle Einteilung und ganz einfach die Tatsache, dass wir hier so weit zurückhängen, um nun in vierunddreißig Tagen fünfundvierzig Meilen legen zu müssen.“

Aber ich bitte Sie, Mister Matlock! Wir sind bei den Steigungen unheimlich aufgehalten worden. Das sieht ein Kind, wie schwierig der Bau einer Bahn im Gebirge ist. Aber nun sind wir auf der Hochfläche. Jetzt geht es durch die Wüste. Das kann man doch gar nicht vergleichen.“

Ursprünglich“, verbesserte ihn Roy, „ist für den Bau durch die Wüste eine Zeitspanne von fünfundfünfzig Tagen vorgesehen gewesen. Nun haben wir nur noch vierunddreißig Tage Zeit. Einundzwanzig Tage sind verspielt. Und das ist vornehmlich das Verschulden dieser beiden Vorleute.“

Merring wurde dunkel im Gesicht. „Da könnten Sie genausogut mich feuern. Ich habe die Oberaufsicht hier.“

Roy zuckte die Schultern. „Dazu habe ich keine Befugnis. Aber für die beiden hab’ ich sie.“

Soll das in anderen Worten heißen, Sie würden mich feuern, wenn Sie könnten?“

Das haben Sie gesagt, nicht ich“, erklärte Roy.

Damit waren die Fronten klar abgesteckt. Jeder wusste, wie es um die Dinge stand. Merring brauchte sich keine Mühe mehr zu geben, besonders freundlich zu sein. Und Roy war es von nun an auch egal, ob er Mister zu ihm sagte oder nicht. Aber Merring hatte sich nun für Mister entschieden.

Mister Matlock, ich werde der Geschäftsleitung in Omaha meine erheblichen Bedenken mitteilen, die ich gegen dieses System habe, das durch Sie hier aufkommt. Es wird das Arbeitsklima verschlechtern, ja regelrecht vergiften.“

Tun Sie, was Sie für richtig halten. Ich bin beauftragt, dafür zu sorgen, dass von nun an die Pläne von Mister Chandler ausgeführt werden. Sie haben Mister Chandler mehrmals mitgeteilt, dass Sie selbstverständlich an dem System interessiert sind, das Chandler vorgeschlagen hat, dass Sie auch die Befehle gegeben haben, nach seiner Anweisung zu bauen. Aber es ist nicht so gebaut worden. Folglich muss ich annehmen, dass Sie so denken wie wir, Mister Merring, dass aber Ihre Vorleute Ihre Befehle unterlaufen. Also müssen wir die Vorleute entlassen.“

Merring verstand sofort. Er begriff, dass ihm Roy hier eine Brücke baute und ihm die Möglichkeit einräumte, sich auf seine Seite zu schlagen. Merring wusste auch, dass er diese Aufgabe nicht einfach bei irgendeiner anderen Gesellschaft wieder übernehmen konnte. Und er wusste noch ein paar Dinge, die nur ihm allein bekannt waren und über die er bestimmt nicht gesprochen hätte. Und so lenkte er ein.

Wahrscheinlich haben Sie recht“, stimmte er Roy zu. „Es ist wirklich so, dass ich diese Befehle gegeben habe, ganz einfach deshalb, weil Mister Chandler ein ganz hervorragender Ingenieur ist und seine Vorschläge wirklich eine Verbesserung darstellen. Aber diese Burschen haben die Arbeiten nicht so ausgeführt, wie ich wollte. Ich kann ja nicht überall sein. Was ich um die Ohren habe...“

Roy winkte ab. „Eben drum. Also, stellen Sie sich nicht vor die beiden, und sorgen Sie dafür, dass die gefeuert werden, oder ich tue es selbst.“

Hören Sie, das möchte ich nicht übernehmen“, widersprach Merring. „Diese beiden Burschen sind gefährlich. Sie können sich sehr für uns einsetzen, sie können aber gefährlich werden, wenn wir uns gegen sie stellen. Ein Großteil der Mannschaft steht zu den beiden. Derjenige, der sie feuert, der wird sich auch mit ihnen schlagen müssen. Und es ist nicht so einfach, mit denen fertig zu werden.“

Ich muss mich mit denen schlagen, um den Respekt der Mannschaft zu bekommen?“ Roy lachte. „Wenn es weiter nichts wäre. Das hatte ich schon auf dem Weg hierher unter Beweis stellen dürfen. Aber es geht um etwas ganz anderes. Ich habe keine Lust, mit dem Faustrecht, wohin ich auch komme, meine Absichten durchzusetzen. Das geht auch anders. Und Sie können zusehen, wie ich es mache. Eine Schlägerei ist nicht nötig.“

Es ist das einzige, was diesen Männern wirklich imponiert“, behauptete Merring.

Mag sein. Ich bin ja nicht das erste Mal beim Bahnbau. Lassen Sie sich sagen, Mister Merring, ich habe mitgewirkt, als die Transcontinentalbahn von Omaha aus nach Westen geschlagen wurde. Ich war dabei, als die Union Pacific durch die Wasatch-Berge gelegt worden ist. Ich bin dabei gewesen, als die Indianer versuchten, diesen ganzen Bau zu einer Illusion zu machen, als die Gelder stockten, als es zu Aufständen kam. Ich war in Julesburg dabei. Ich habe diese Schlacht von Julesburg miterlebt, wenn Sie wissen, wovon ich da spreche. Ich kenne die Union Pacific, seit sie Schienen im Westen liegen hat. Und seitdem bin ich Bahnmarshal. Mir können Sie alles mögliche erzählen, nur nicht, dass ich nichts von den Männern verstehe, die mit Bahnbau und mit Bahn zu tun haben. Also gut, ich nehme mir die beiden vor. Aber kommen wir jetzt zur Sache.“ Er wandte sich Chandler zu. „Jim, schaffen wir es in vierunddreißig Tagen?“

Wenn es nach meiner Pfeife geht, ja, ich meine damit, nach meinem System.“

Roy blickte auf Merring. „Was haben Sie dagegen einzusetzen?“

Merring zuckte die Schultern. „Was sollte ich dagegen einzusetzen haben? Ich bin einverstanden. Wenn sein System gut ist, warum sollten wir es nicht sofort anwenden?“

Eben. Also wenden wir es an. Jim, brauchst du mich dazu oder genügt es, wenn du diese Befehle gibst und ich dafür sorge, dass sie ausgeführt werden?“

Das würde hundertprozentig genügen. Aber vorher müssen Finnigan und Rusting weg. An denen scheitert es.“

Roy blickte wieder auf Merring. „Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, Mister Merring, die neuen Vorleute heißen Hank Hendridge und Tom Floyd.“

Merring wurde wieder dunkel im Gesicht. Seine Zornesader auf der Stirn schwoll an. „Diese beiden alten Säcke wollen Sie nehmen? Und dann in vierunddreißig Tagen fünfundvierzig Meilen legen? Die beiden brauchen einen Schaukelstuhl, aber nicht einen solchen Posten!“, brüllte er los.

Roy wurde ganz ruhig. Immer dann, wenn jemand zu schreien begann, wurde er ruhig. „Von jetzt an sind diese beiden Vorleute. Finnigan und Rusting sind entlassen. Was haben wir noch zu besprechen, Mister Merring?“

Merring schlug mit der Faust auf den Tisch, drehte sich dann wortlos abrupt um, stieß die Tür auf und ging ins Freie. Dann schmetterte er hinter sich die Tür zu, dass es wie ein Schuss knallte.

Jim Chandler sah Roy betroffen an und machte ein fragendes Gesicht.

Roy grinste nur und meinte: „So, jetzt werde ich mich mit Finnigan und Rusting befassen, und du wirst mitkommen und sie mir zeigen. Aber knall die Tür nicht so zu, wie er das eben getan hat, sonst fällt die ganze Hütte zusammen!“

Sie gingen hinaus, und kaum stand Roy im Freien und Jim hatte noch die Hand an der geöffneten Tür, da sagte Jim: „Da drüben, da stehen sie ja und Merring bei ihnen.“

Roy sah zwei Männer neben Merring stehen. Der eine war etwa so groß wie Chandler, aber breiter und sehr sehnig. Er hatte etwas von einer Raubkatze an sich. Alles an ihm erschien wie zum Sprung gespannt. Der andere war etwas größer. Er sprach, aber bis hierher konnte Roy nicht verstehen, was er sagte. Aber er sah, dass dieser Mann beim Sprechen einen schiefen Mund hatte. Der Bursche war kräftig, hatte Fäuste wie Vorschlaghämmer und abstehende Ohren, die seinem Gesicht, zusammen mit einer knolligen Nase, etwas von einem vorwitzigen Burschen gaben.

Wer ist das mit dem schiefen Maul?“, fragte Roy.

Das ist Rusting“, sagte Jim. „Und der andere, das ist Finnigan.“

Merring löste sich jetzt von den beiden und ging der schon sehr tiefstehenden Abendsonne entgegen. Sein langer Schatten bewegte sich wie eine Schlange hinter ihm her.

Dann erledigen wir, was sowieso gemacht werden muss“, meinte Roy und ging auf Finnigan und Rusting zu.

Die beiden standen breitbeinig da, hatten die Arme vor der Brust verschränkt und sahen ihm erwartungsvoll entgegen.


*


Er hatte gesagt, dass er sich nicht mit den beiden schlagen wollte, aber jetzt sah es ganz danach aus. Er hatte solche Situationen schon zu Dutzenden erlebt und wusste, wie er sich darauf einzustellen hatte. Dennoch war es jedesmal ein klein wenig anders. Er aber wollte sich nicht die Initiative aus den Händen nehmen lassen.

Dass die beiden nicht dort warteten, um ihm einen recht schönen guten Tag zu wünschen, war ihm klar. Sie standen auch nicht zufällig mit dem Rücken gegen die tiefstehende Sonne, so dass er geblendet wurde und blinzeln musste, um beide überhaupt richtig zu erkennen. Sie wollten Krach, und sie hatten es sich auch ausgerechnet, wie sie damit fertig werden würden.

Aber Roy verspürte dazu keine Lust. Weder wollte er einen lang anhaltenden Streit, der die Schlägerei dann auslösen würde, noch eine Prügelei, die sich eine Ewigkeit hinzog und wo er durch einen dummen Zufall am Ende selbst verlieren konnte. Eine Niederlage hatte er weder einkalkuliert, noch konnte er sie sich leisten. Dann war es am besten, sofort zurückzufahren. Nein, es durfte und es würde, so nahm er sich vor, keine Niederlage geben.

Rechts also stand dieser Finnigan und links Rusting. Er ging auf Finnigan zu, den er als den Gefährlicheren von beiden einschätzte, obgleich er kleiner und schmaler als Rusting war.

Mein Name ist Roy Matlock. Die Aufgabe, die ich hier habe, werden Sie kennen. Und wer sind Sie?“ Er sah Finnigan an, als wüsste er nicht ganz genau, wer ihm da gegenüberstand.

Finnigan grinste schief. Diese Frage brachte ihn nur wenig aus dem Konzept. „Ich bin John Finnigan“, sagte er, „Vormann in dieser Gesellschaft.“

Sie waren Vormann“, korrigierte ihn Roy. „Jetzt sind Sie es nicht mehr. Sie sind eine Niete, ein Bursche, der nicht fähig ist, seine Arbeit für das viele Geld zu tun, das er dafür bekommt. Sie sind nicht nur unfähig, weil Sie es sein wollen, Sie sind es tatsächlich. Sie sollten sich ein Beispiel an Mister Rusting nehmen.“

Diese Bemerkung von Roy war ein so simpler Trick, und dennoch fiel Rusting darauf herein. Er hätte sich gleichzeitig mit Finnigan auf Roy geworfen, aber diese Bemerkung von Roy und der scheinbar anerkennende Blick, den Roy ihm zuwarf, brachte ihn ganz von seinem Ziel ab. Er zögerte, und dieses Zögern irritierte auch seinen Freund Finnigan.

Roy hatte eben noch dagestanden, lächelnd und so, als wolle er seine Ausführungen noch fortsetzen. Da geschah etwas, das an eine Explosion erinnerte. Plötzlich flog Roy regelrecht durch die Luft, packte Finnigan an beiden Ohren, riss den Kopf zu sich heran und rammte ihm gleichzeitig das Knie in den Unterleib. Dann schlug er mit der Faust Finnigan ins Genick, packte zu, riss den zusammenbrechenden Mann noch einmal hoch und schlug ihm erneut die Rechte als furchtbaren Haken in die Magengrube.

Finnigan wurde ausgehoben, flog durch die Luft und krachte gegen eine Schubkarre. Er schlug mit dem Hinterkopf dagegen und blieb reglos liegen.

Erst in diesem Augenblick hatte Rusting den Trick Roys völlig durchschaut. Aber jetzt war es viel zu spät.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911275
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
matlock entscheidung redford springs

Autor

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Titel: Roy Matlock #8: Entscheidung in Redford Springs