Lade Inhalt...

Treibjagd auf Waco

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Triumphierend hatten sie den jungen Sam Wheeler gehängt. Ganz Kingmans Town hatte ihn schuldig gesprochen. Aber war er das wirklich? Sams Vater, der berüchtigte Banditenboss Jerome Wheeler, glaubte an die Unschuld seines Sohnes. Und er schwor eisern, die wahren Schuldigen zu töten, ja die ganze Stadt zu vernichten. Wheeler heuerte die brutalsten Revolvermänner an, um dieses Ziel zu erreichen.
US Deputy Marshal Waco übernahm die schier unlösbare Aufgabe, das furchtbare Unheil von Kingmans Town abzuwenden. Ein Job, der wie ein schauriger Sprung in die Hölle war...

Leseprobe

Treibjagd auf Waco

Western von Joachim Honnef


Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.


Klappentext:

Triumphierend hatten sie den jungen Sam Wheeler gehängt. Ganz Kingmans Town hatte ihn schuldig gesprochen. Aber war er das wirklich? Sams Vater, der berüchtigte Banditenboss Jerome Wheeler, glaubte an die Unschuld seines Sohnes. Und er schwor eisern, die wahren Schuldigen zu töten, ja die ganze Stadt zu vernichten. Wheeler heuerte die brutalsten Revolvermänner an, um dieses Ziel zu erreichen.

US Deputy Marshal Waco übernahm die schier unlösbare Aufgabe, das furchtbare Unheil von Kingmans Town abzuwenden. Ein Job, der wie ein schauriger Sprung in die Hölle war...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover nach einem Motiv von C.M. Russell mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Es war ein schauriger Anblick.

Der Tote schwang leicht im fahlen Schein des Halbmonds am knorrigen Zweig des Hickorys. Der Wind raunte das Todeslied. Staub wirbelte in den gelben Lichtbahnen, die aus den Fenstern der Häuser von Kingmans Town auf die Gehsteige fielen, und tanzte im Schein der sanft schaukelnden Lampen an den Gehsteigen.

Vor ein paar Minuten war der junge Sam Wheeler hingerichtet worden.

Es war ein kurzer Prozess und ein schnell vollstrecktes Urteil gewesen.

Mord, Vergewaltigung, Pferdediebstahl, drei Verbrechen, bei denen Sam Wheeler keine Gnade zu erwarten hatte.

Aus dem Horseshoe Saloon am Südende der Main Street drang Stimmengewirr. Es setzte für einen Augenblick aus, als die Glocke der kleinen Friedhofskapelle ertönte.

Als der letzte klagende Glockenton verklungen war, näherte sich rumpelnd und knarrend vom Stiefelhügel her ein Karren.

Der Totengräber war auf dem Weg, um die Leiche abzuholen.

»Wir alle haben unsere Pflicht getan«, sagte Arthur Hopkins im Saloon.

Keiner widersprach dem Bürgermeister und Richter.

»Ich danke euch allen. Ihr habt euch dafür eingesetzt, dass unsere Stadt sauber und frei von Gesindel bleibt!« Arthur Hopkins hob eine Hand, um sich Gehör zu verschaffen, als zustimmende Rufe laut wurden. »Mein Dank gilt besonders dir, Bill.«

Bill Hancock trank sein Whiskyglas mit einem Ruck leer, doch der bittere Geschmack in seinem Mund blieb. Hancock hatte auf Hopkins’ Drängen hin die Rolle des Henkers übernommen. Er hatte zum ersten Mal einen Menschen aufgehängt.

Plötzlich verstummte das Rumpeln des Karrens. Im Saloon wurde das Stimmengewirr leiser und leiser.

Einige Männer hoben lauschend die Köpfe.

Ein dumpfes fernes Pochen erklang und schwoll an.

Hufschlag.

Reiter galoppierten von Norden her in die Stadt.

An der Spitze des fünfköpfigen Trupps ritt ein großer Mann mit einem langen gelben Staubmantel auf einem hochbeinigen Rappen.

Die Reiter zügelten beim Galgenbaum die Pferde.

Sekundenlang wirkten sie wie dunkle Statuen im fahlen Schein des Mondes.

Dann erklang ein Schrei, und allen in der Stadt stockte der Atem. Es war ein gequälter Aufschrei voller Schmerz und Entsetzen.

Der Mann mit dem Staubmantel hatte ihn ausgestoßen.

Er stieg vom Pferd. Sporen klingelten, und Schritte hallten unnatürlich laut durch die Stille, als der Mann zum Galgenbaum ging.

Einen scheinbar endlosen Augenblick lang stand der Mann reglos da, die Hände zu Fäusten geballt, den Blick starr auf die Leiche gerichtet.

Der lange, beigefarbene Mantel flatterte im Wind. Staub hüllte den großen Mann ein.

Die Stille hatte etwas Unheimliches.

Die Menschen in Kingmans Town lauschten und beobachteten gebannt.

Schließlich löste sich der große Mann vor dem Galgenbaum aus seiner Erstarrung. Seine breiten Schultern strafften sich. Er sagte leise etwas zu den Begleitern. Zwei Männer saßen ab und schritten zu ihm.

Der Mann mit dem langen Staubmantel zog ein Messer hervor. Er schnitt den Strick durch. Die beiden Gefährten hielten den Toten und ließen ihn behutsam zu Boden gleiten.

Der große Mann mit dem Staubmantel sah lange auf die Leiche hinab. Ein Zittern schien durch seinen Körper zu gehen.

Dann bückte er sich, nahm den Toten auf die Arme und trug ihn zu seinem Rappen. Er legte die Leiche darauf, und die Gefährten banden sie fest.

Der große Mann wandte sich um und schaute über die Main Street. Sie war verlassen. Keiner ließ sich blicken. Der Totengräber hatte den Karren am Nordrand der Stadt angehalten. Er verharrte im tiefen Schatten eines Gebäudes und beobachtete aus etwa fünfzehn Yard Entfernung, was beim Galgenbaum geschah.

Er zuckte zusammen wie viele in der Stadt, als der Mann mit dem Staubmantel abermals einen erstickten Laut ausstieß.

»Ihr habt meinen Sohn getötet!«, schrie er dann, und seine Worte hallten von den falschen Fassaden der Häuser wider und wurden vom Wind bis in die Prärie hinausgetragen. »Meinen einzigen Jungen! Er wäre in zwei Wochen 18 geworden!«

Die zuvor feste und zornbebende Stimme war immer leiser geworden und brach jetzt. Von neuem ballte der Vater des Gehängten die Hände zu Fäusten. Sein Gesicht war im Schatten des Stetsons nicht zu erkennen, doch es musste den Hass widerspiegeln, der in ihm tobte, als er wieder anklagend die Stimme erhob.

»Mörder!« Der Schrei hallte durch die Stadt. »Mörder!«

Totenstille folgte.

Selbst das Raunen des Windes war verstummt.

Die Stadt schien den Atem anzuhalten.

Der Vater des Jungen, der als Mörder, Vergewaltiger und Pferdedieb hingerichtet worden war, verharrte einen Augenblick lang im Staub der Main Street, und sein Blick glitt an den Fassaden der Häuser entlang.

Dann ging er zu dem Rappwallach und saß hinter seinem toten Sohn auf. Das Pferd schnaubte, und Sattelleder knarrte. Die beiden Männer, die den Toten auf den Rappen gebunden hatten, stiegen ebenfalls wieder auf ihre Pferde.

Einer sagte etwas zu dem großen Mann. Nur der Totengräber konnte es verstehen.

»Sollen wir uns die Verantwortlichen vornehmen, Boss?«

Langsam schüttelte der große Mann den Kopf.

Dann stieß er eine Faust empor. »Verkriecht euch nur, ihr feiges Mörderpack!«, schrie er. »Der Tag der Abrechnung kommt. Ich werde die Mörder meines Jungen vernichten! Das schwöre ich!«

Er trieb den Rappen an, und die anderen Reiter folgten seinem Beispiel. Der Hufschlag verklang nördlich der Stadt auf der Prärie.

Die Menschen in Kingmans Town lauschten immer noch angespannt.

Der Racheschwur hatte sie erschauern lassen.

Jeder spürte, dass die Worte keine leere Drohung gewesen waren.

In dieser Nacht fanden einige Leute in Kingmans Town keinen Schlaf. Und manch einer schreckte aus unruhigem Schlaf schweißgebadet auf, weil er im Traum noch einmal den Schwur gehört hatte »... ich werde die Mörder meines Jungen vernichten, das schwöre ich!«



2

Die Zellentür fiel zu. Der Schlüssel knirschte im Schloss.

Earl Lumate war hinter Schloss und Riegel.

Der Gefangene trat an die Gitterstäbe. Aus blutunterlaufenen Augen starrte er den Mann an, der ihn zwei Wochen lang gejagt und schließlich gestellt hatte.

Waco, der Texaner.

»Ich verlange einen Anwalt«, sagte Lumate mit heiserer Stimme.

»Wirst du bekommen«, erwiderte Waco gelassen.

»Dann bist du dran wegen Gefangenenmisshandlung, du Bastard!«

Waco tauschte einen Blick mit Marshal Hendrick, bei dem er Lumate abgeliefert hatte. Kein Muskel bewegte sich in seinem scharf geschnittenen Gesicht. In Marshal Hendricks Augen dagegen funkelte Zorn auf.

»Du Verbrecher kannst von Glück sagen, dass dein Jäger Waco war. Tot oder lebendig steht auf deinem Steckbrief. Manch anderer hätte deine Leiche abgeliefert.«

Lumate umklammerte die Gitterstäbe so hart, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Waco spürte den Hass, der ihm von dem Verbrecher entgegenschlug.

»Ja«, keuchte Lumate wie im Selbstgespräch. »Das war sein Fehler. Er hätte mich töten sollen.«

»Waco ist kein Mann, der dem Henker die Arbeit mit einer schnellen Kugel abnimmt«, sagte Marshal Hendrick, der den Deputy Marshal seit Jahren kannte und schätzte. »Das ist dein Pech. Keine schnelle Höllenfahrt, sondern noch das Zittern, bevor sie dich zum Galgen führen und dir die Hanfkrawatte anlegen.«

»Es ist sein Pech, dass er mich nicht umgelegt hat.« Die Augen in Lumates schmalem, wolfsartigem Gesicht funkelten wie die Lichter einer Raubkatze, als er Waco anstarrte. Seine wulstigen, breiten Lippen verzogen sich zu einem boshaften Grinsen. »Denn ich schwöre, dass ich mit dir abrechnen werde.«

Waco hielt dem tückischen Blick des Verbrechers ruhig stand. Er wusste, dass die Worte eine leere Drohung waren, und er hatte sie nach Lumates Festnahme auf dem Ritt nach Phoenix oftmals gehört.

Lumate, der ohne jedes Gefühl drei Menschenleben ausgelöscht hatte, war keine Gefahr mehr. Der Galgen war ihm sicher. Das Urteil war bereits in zwei Mordfällen gesprochen worden und konnte schnell vollstreckt werden. Lumate hatte aus dem kleineren und nicht so sicheren Gefängnis in Glendale ausbrechen können, und auf der Flucht hatte er den dritten Mord begangen. Doch Phoenix war nicht Glendale, und jetzt saß der Verbrecher unentrinnbar hinter Schloss und Riegel. Diesmal konnte er der tödlichen Schlinge nicht mehr entkommen.

Dennoch verspürte Waco ein unbehagliches Gefühl, das er sich nicht erklären konnte, als Lumate seine Drohung jetzt wiederholte.

Er wandte sich ab, ohne etwas zu erwidern. Marshal Hendrick folgte ihm über den Gang des Gefängnistrakts zum Office.

»Ich werde mit dir abrechnen, du Bastard!«, hallte es hinter ihnen her, als Hendrick die schwere Stahltür zuzog und abschloss.

Im Büro holte Hendrick eine Flasche Brandy aus dem Schrank und schenkte in zwei Gläser ein. Der kleine, stämmige Gesetzesmann mit den buschigen schwarzen Augenbrauen und dem Schnurrbart, der genauso dicht und dick war wie die Brauen, musterte Waco, als er ihm zuprostete.

»Trinken wir auf den Erfolg, Waco«, sagte er. »Einer weniger, der Blut und Tränen über die Menschen bringt.«

Waco nickte nur. Er leerte das Glas auf einen Zug. Wieder einmal hatte er einen Auftrag ausgeführt und einen Verbrecher zur Strecke gebracht. Dennoch wollte sich diesmal nicht wie sonst ein Gefühl der Zufriedenheit einstellen. Einer weniger. . . hatte Hendrick gesagt. Nur einer. Manchmal zweifelte Waco, ob sein Kampf für das Gesetz nicht dem Versuch glich, einen Sumpf mit dem Fingerhut trockenzulegen.

»Du siehst müde aus, Waco«, stellte Hendrick fest.

»Ja, an Schlaf war kaum zu denken«, sagte Waco. »Selbst wenn ich den Gefangenen an einen Baum kettete, konnte ich kein Auge zu tun. Er machte sich ein sadistisches Vergnügen daraus, mich zu wecken, wann immer ich gerade ein nickte.«

»Und da hast du ihm eine verpasst?«, fragte Hendrick verständnisvoll.

Waco sah ihn nur an, und ein harter Glanz war auf einmal in seinen blaugrauen Augen.

»Ich meinte ja nur«, sagte Hendrick mit einem Schulterzucken und wich verlegen Wacos Blick aus. »Natürlich kenne ich dich besser.«

»Danke für den Drink«, sagte Waco und stellte das Glas auf dem Schreibtisch ab, dessen verschrammte Platte mit Papieren überladen war. »Besorg ihm einen Anwalt.« Waco nickte zur Jailtür hin und wandte sich dann zum Gehen.

»Wird erledigt.«

Waco blieb an der Tür stehen und drehte sich noch einmal um. »Ist Milly noch in der Stadt?«, erkundigte er sich.

Hendrick lächelte leicht. »Leider nicht«, sagte er bedauernd. »Ich musste ihr Badehaus schließen, du weißt warum.«

Waco nickte. Das Baden war bei der hübschen Milly kostenlos gewesen. Gegen diesen unlauteren Wettbewerb hatten die beiden Barbiere und die Hoteliers geklagt, denen die Badekunden wegblieben.

»Dann werde ich im Hotel baden«, sagte Waco bedauernd.

»Vergiss nicht, dass du dich sofort beim Alten melden sollst«, erinnerte Hendrick.

Waco lächelte. »Sofort ist ein ziemlich dehnbarer Begriff. Du wirst ihm doch nicht flüstern, wann ich hier eingetroffen bin, oder?«

Hendrick grinste verschwörerisch, und die schwarzen Schnurrbartenden wölbten sich nach oben. »Wenn man mich fragt, werde ich sagen, dass du soeben erst eingetroffen bist.«

»Danke.«

Waco verließ das Marshal’s Office.

Die Main Street lag zu dieser Mittagsstunde fast verlassen im grellen Sonnenschein. Es war heiß und schwül. Zwei Pferde waren am Hitchrack vor Bantam’s Saloon angebunden. Sie verscheuchten träge die Fliegen mit dem Schweif. Ein struppiger Hund lag im Schatten des gegenüberliegenden Gehsteigs und äugte blinzelnd zu Waco herüber, als er die Main Street überquerte.

Waco freute sich darauf, sich den Schweiß und Staub und Pferdegeruch abzuwaschen und frische Kleidung anzuziehen. Dann ein gutes Essen, kühles Bier und ein paar Stunden Schlaf.

So lange konnte der Boss warten.



3

»Ich sagte sofort!«

US Marshal Norman Custer hieb die Faust auf den Schreibtisch, dass die Schachfiguren auf dem Brett hüpften. Der Marshal war leidenschaftlicher Schachspieler, und wenn er gerade Zeit hatte, spielte er allein berühmte Partien nach, die im Phoenix Chronicle abgedruckt waren.

Waco behielt eine gleichgültige Miene und schwieg. Der Boss war übelgelaunt wie fast immer. Da war es besser, man sagte kein falsches Wort. Denn so schnell Custer auch aufbrauste, so rasch verrauchte zumeist sein Zorn, wenn man ihn nicht unnötig reizte. Und nichts reizte ihn mehr als Widerworte oder Speichelleckerei. Deshalb verzichtete Waco auch darauf, eine schuldbewusste Miene aufzusetzen.

»Ich verlange eine Erklärung!«, bellte der US Marshal.

Norman Custer war 57, breitschultrig und schwergewichtig. Seit er nicht mehr selbst auf Verbrecherjagd ritt, sondern das US Marshal Office leitete und seine Deputys einsetzte, hatte er Fett angesetzt. Manchmal beklagte er sich darüber, dass er nicht mehr hinaus konnte wie die jungen Hüpfer, sondern seit seiner Hüftverletzung zum Schreibtischarbeiter geworden war.

Er hatte ein bewegtes Leben hinter sich und war in seiner Glanzzeit ein großer Kämpfer gewesen. Scout und später Master Sergeant bei der Army, wo man ihn oft wegen der Namensgleichheit mit General Custer aufgezogen hatte, der später am Little Big Horn gefallen war, dann jahrelang Sicherheitsmann bei Wells Fargo, einige Jahre Town Marshal und schließlich Staaten Marshal und Leiter des US Marshal Office.

Die Falten um seine grauen Augen vertieften sich, als er Waco fixierte wie ein ärgerlicher Lehrer, der gerade einen Schüler bei einem bösen Streich ertappt hatte.

»Verzeihung, Sir, da muss ich den guten Hendrick falsch verstanden haben«, sagte Waco, um Hendrick nicht herein zu reissen.

»Quatsch«, blaffte Custer und machte eine wegwerfende Geste mit der Rechten, deren Handrücken zwischen krausen schwarzen Haaren eine lange rötliche Narbe aufwies. »Hendrick macht doch gemeinsame Sache mit Ihnen. Er sagte vor zehn Minuten, Sie seien soeben erst eingetroffen. Dabei erfuhr ich von Lumates Anwalt, dass Sie den Gefangenen bereits am Mittag abgeliefert haben und mich seither hier warten lassen. Was sagen Sie jetzt, Benjamin Peppercorn?«

Die Namen hörte der Texaner nicht so gern. Teufel, der Alte war wirklich sauer! Wenn er Waco mit dem richtigen Namen anredete, war dicke Luft.

Doch Waco war kein Duckmäuser.

»Was soll ich dazu sagen, General Custer?«

Der US Marshal ignorierte die Retourkutsche und unterdrückte ein Lächeln. Er mochte Waco nicht nur wegen seiner kämpferischen Fähigkeiten, sondern auch wegen seiner Art. Doch das ließ er sich nicht anmerken.

Sein Zorn war, wie meistens, nur gespielt. Er wusste, dass Waco einen harten Job hinter sich hatte, und er schickte ihn nur ungern sofort wieder los. Es gehörte zu seiner Taktik, die Deputys erst ein bisschen zusammenzustauchen, bevor er sie ins Feuer schickte, damit sie froh waren, »der alten Bulldogge« und ihren Launen entrinnen zu können.

»Zum Beispiel könnten Sie sich entschuldigen und erklären, was Sie seit Ihrer Ankunft so Wichtiges zu erledigen hatten, Waco.«

Er raunzte immer noch, doch er verzichtete auf den Benjamin Peppercorn, und Waco wusste, dass der erste Zorn verraucht war.

Der Texaner lächelte freundlich. »Ich habe gebadet, gegessen, ein paar Glas Bier getrunken und dann herrlich geschlafen.«

»Geschlafen!« US Marshal Custers Faust donnerte auf den Schreibtisch, die Schachfiguren hüpften auf dem Brett, und der schwarze Turm fiel um.

Custer stellte ihn wieder auf, musterte die Position, und schlagartig verlor sein von Falten zerfurchtes Gesicht den grimmigen Ausdruck.

»Der Turm!«, murmelte er und schob ihn mit aufleuchtenden Augen zwei Felder weiter. »Das ist der entscheidende Zug bei der Saint-Louis-Partie zwischen Eimer und Haskins!«

Er nickte zufrieden und schaute einen Augenblick lang auf das Schachbrett, als hätte er seinen Deputy vergessen. Dann sah er wieder auf, und sofort nahm seine Miene wieder den Ausdruck einer gereizten Bulldogge an. »Geschlafen, mein lieber Schwan!«

Waco schwieg.

»Nun, dann sind Sie ja fit für einen neuen Auftrag«, sagte der Boss mit einem leichten Grinsen, »und Sie werden nichts dagegen haben, noch heute Abend los zu reiten.«

Waco hatte eine Menge dagegen, doch er sagte es nicht.

»Worum handelt es sich, Sir?«

Der US Marshal lächelte. »Ich sehe, Sie sind ausgeschlafen und voller Tatendrang. So muss das sein.« Und völlig übergangslos: »Sie haben Lumate nicht misshandelt?«

»Nein. Er griff mich bei der letzten Rast an, und ich schlug ihn nieder.«

Custer nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. »Lumates Anwalt wirkte auch nicht sehr optimistisch. Aber der gewiefte Paragraphenreiter will einen Aufschub der Hinrichtung für Lumate erreichen. Nun, das wird ihm vermutlich gelingen, aber davon geht die Welt nicht unter. Lumate baumelt so oder so. Aber kommen wir jetzt zu Ihrem neuen kleinen Auftrag.«

Er zog eine Zigarre aus dem Kästchen auf seinem Schreibtisch und zündete sie an. Das war für den Deputy Raucherlaubnis. Der Boss warf jeden aus seinem Büro, der es wagte zu rauchen, wenn er nicht selbst paffte.

Waco zog seinen Tabaksbeutel hervor und drehte sich eine Zigarette von würzigem Burley- Tabak.

»Ich erhielt Nachrichten aus Kingmans Town«, sagte US Marshal Custer und wedelte Tabaksqualm zur Seite. »Schlechte Nachrichten. Dort ist der Teufel los, und Sie, Waco, werden das ändern.«

Er griff nach einem Aktenhefter auf seinem Schreibtisch, klappte den Hefter auf und schaute hinein.

»Kurz zur Vorgeschichte«, fuhr er fort. »In Kingmans Town wurde ein junger Mann aufgehängt. Ein gewisser Sam Wheeler. Er wurde wegen Mordes, Vergewaltigung und Pferdediebstahl verurteilt und hingerichtet. Der Vater des Jungen, Jerome Wheeler, behauptet, Sam sei unschuldig gewesen, und er hat geschworen, die Mörder seines Sohnes zu vernichten. Daraufhin bitten die an der Hinrichtung beteiligten Bürger der Stadt verständlicherweise um den Schutz des Gesetzes. Das wäre also Punkt eins Ihres Auftrages.«

Waco nickte.

»Einer Ihrer Kollegen hat in dem Fall ermittelt und folgendes herausgefunden«, fuhr Custer fort. »Jerome Wheeler ist ein Banditenboss. Er plant nicht nur, die Männer zu töten, die an der Hinrichtung seines Sohnes beteiligt waren, sondern darüber hinaus den ganzen Ort dem Erdboden gleich zu machen, wenn die Bürger nicht sein Ultimatum erfüllen und die Schuldigen am Tode seines Sohnes ausliefern.«

Der US Marshal sah Waco an, als erwarte er eine Frage, doch der Texaner schwieg.

»Ein Banditenboss, der praktisch einer Stadt den Krieg erklärt hat.« Custer paffte an seiner Zigarre. »Das hatten wir schon, aber dieser Fall hat eine pikante Note. Nach unseren Ermittlungen ist Sam Wheelers Sohn tatsächlich unschuldig aufgehängt worden.«

Er lächelte leicht, als er Wacos Überraschung sah.

»Jerome Wheeler, der Banditenboss, hat sich zunächst an das Gesetz gewandt. Er wollte uns vermutlich einspannen, um herausfinden zu lassen, wer der oder die wahren Schuldigen sind, um sich dann an ihnen zu rächen.«

»Und, sind der oder die Schuldigen gefunden worden?«

»Nein.« Der US Marshal blätterte in seinen Unterlagen. »Die Vergewaltigte verlor das Bewusstsein. Sie konnte den Täter vorher nicht richtig erkennen. Der Bürgermeister und einige Bürger sagten aus, dass sie Sam Wheeler vom Tatort fortlaufen sahen. Er stahl ein Pferd, wurde jedoch gestellt, und man fand bei ihm die Tatwaffe, ein Messer, an dem noch Blut klebte.«

»Ziemlich belastend«, bemerkte Waco.

Custer nickte. »Für den Bürgermeister, der zugleich als Richter gewählt ist, gab es keinen Zweifel an Sam Wheelers Schuld, zumal noch mehr Belastendes hinzukam. Doch Jerome Wheeler hat einen Augenzeugen präsentiert, einen Freund seines Sohnes Sam. Er war zur Tatzeit mit Sam zusammen und konnte entkommen. Seine Aussage ist glaubwürdig.« Er tippte auf den Aktenhefter.

»Jerome Wheeler will jetzt das Gesetz in eigene Hände nehmen. Er heuert zur Zeit die übelsten Schießer an, um seine Drohung in die Tat umzusetzen.«

»Kann man diesen Wheeler nicht einfach aus dem Verkehr ziehen?«, warf Waco ein.

Custer schüttelte den Kopf. »Noch hat er nichts getan. Wir müssten ihn wieder laufenlassen. Er beschäftigt keine steckbrieflich gesuchten Banditen, und obwohl man genau weiß, dass seine Bande Postkutschen überfällt, ist ihm nichts zu beweisen.«

Er blies einen Rauchring und fixierte Waco durch den wallenden Qualm.

»Dieser Jerome Wheeler ist also der erste, dem Sie das Handwerk legen müssen. Es ist Ihre Aufgabe, zu verhindern, dass er auf die Stadt losgeht.«

Waco nickte.

»Das ist jedoch nur ein Teil des Jobs. Die Witwe des Ermordeten, die Rancherin Susan Garnet, sucht einen Killer. Ihr Pech, dass sie sich ausgerechnet an Blitzhand-Coy wandte, der als Spitzel für uns arbeitet. Sie, Waco, werden die Rolle des Killers übernehmen und feststellen, wen die Frau umbringen lassen will und warum.«

»Kleiner Auftrag, wie?« Waco grinste schief.

»Nun ja, Sie haben schon ganz andere Fälle hinter sich. Nebenbei sollen Sie übrigens noch herausfinden, wer nun der wahre Mörder und Vergewaltiger ist.«

»Alles kein Problem«, sagte Waco sarkastisch, »und was mache ich in drei Tagen, wenn ich alles erledigt habe?«

»Es wird ein paar Tage länger dauern«, sagte der US Marshal nach Wacos spöttischen Worten. »Da ist nämlich noch ein kleines Problem, das Sie am Rande lösen sollen.«

»Noch ein paar Banditenbanden oder ein paar hundert Rothäute ausschalten?«

»Nichts so Einfaches«, sagte der US Marshal trocken. »Sie sollen nur noch feststellen, wer Ihren Kollegen, Deputy Marshal Winters, hinterrücks erschossen hat, nachdem er all dies ermittelt und an uns weitergegeben hatte.«



4

Kingmans Town, Arizona.

Waco blickte kurz vom Essen auf, als die vier Männer in den Saloon stampften. Sie hielten auf den hufeisenförmigen Tresen zu.

»Whisky«, verlangte der Mann an der Spitze lauthals. »Und zwar ein bisschen plötzlich! Wir haben verdammt trockene Mandeln, nicht wahr, Jungs?«

Er lachte dröhnend.

Die anderen drei fielen übermütig und grölend ein.

Es war für Waco klar, dass die vier Männer bereits woanders kräftig gezecht hatten. Sie trugen verschwitzte Weidereiter-Kleidung. Cowboys, die mal ein bisschen auf die Pauke hauen wollen, dachte Waco.

Sein Interesse konzentrierte sich auf den Mann mit der dröhnenden Stimme, der offenbar der Wortführer war. Der Kerl schien sich für den Nabel der Welt zu halten. Er war groß und bullig. Sein breites Gesicht war gerötet und Schweiß glänzend. Die schwarzen Augen blickten herausfordernd in die Runde. Blondes, strähniges Haar quoll unter dem verbeulten Stetson hervor.

Er trug zwei Revolver in tief geschnallten Holstern.

Der Barkeeper, ein grauhaariger kleiner Mann, der vorhin Waco das Essen gebracht hatte, bediente flink und wortlos.

Der Hüne mit den zwei Revolvern packte den schmächtigen Barkeeper am Kragen und zog ihn halb über die Theke.

»Du könntest ein bisschen freundlicher sein, Buddy«, sagte er mit seiner dröhnenden Stimme und schaute sich dabei um, als wolle er sich vergewissern, dass jeder ihm seine Aufmerksamkeit schenkte.

Das Stimmengewirr im Saloon war verstummt.

»Lassen Sie mich los, Mr. Quentin«, keuchte der Barkeeper.

Quentin grinste breit. »Was sagst du? Du willst einen ausgeben? Dagegen habe ich nichts!« Er lachte grölend und gab dem Keeper einen Stoß. Der kleine grauhaarige Mann taumelte gegen das Flaschenregal. Flaschen und Gläser klirrten. Eine Flasche zerschellte am Boden.

Quentin lachte und prostete seinen Begleitern zu.

»Auf den spendablen Schnapspanscher«, tönte er.

Waco, der Texaner, war versucht, einzugreifen. Doch er hielt sich noch zurück, weil er an seinen Job dachte. Er trug keinen Stern, und er wollte in Kingmans Town nicht als Gesetzesmann auftreten wie der Kollege, der aus dem Hinterhalt erschossen worden war. Ein Tramp, der einen Job suchte, das war die Rolle, die er vorerst spielen wollte.

Er widmete sich weiter dem Essen und hoffte, dass es die betrunkenen Cowboys nicht auf die Spitze trieben.

Das Steak war nicht das zarteste und die Bratkartoffeln waren ein wenig angebrannt, doch Waco war hungrig nach dem langen Ritt.

Aber der großspurige Bulle am Tresen schien es darauf anzulegen, ihm den Appetit zu verderben.

Quentin ging schwankend zu dem Pianospieler.

»Warum spielst du nicht auf deinem Klimperkasten?«, fragte er den schwarzgekleideten Mann.

»Ich habe gerade Pause«, erwiderte der Pianist hastig.

»Das höre ich!«, knurrte Quentin. Er schwenkte die Whiskyflasche, die er vom Tresen mitgenommen hatte, als wolle er sie dem Pianisten auf den Schädel donnern. »Pause vorbei, du Notenquäler! Los, spiel mal was Flottes!« Er grinste boshaft. »Ich wette, dein Klimperkasten ist lange nicht mehr geölt worden.«

»Aber Mr. Quentin ...«

»Halts Maul!«, fiel ihm der Hüne ins Wort. Er schüttete Whisky über die Tastatur des Pianos.

Sekundenlang war nur das Gluckern zu hören, Waco sah, wie der Pianist blass wurde. Zorn blitzte in seinen Augen auf, doch dann ließ er hilflos die Schultern sinken und neigte den Kopf.

Quentin lachte laut. Er hieb dem Pianisten auf den Rücken. »Los, spiel schon, oder ich öle dich auch noch!«

Der Musiker beugte sich wie ein Häufchen Elend über die Tasten. Er spielte schnell, doch nicht sehr schön.

Quentin gab sich zufrieden. Er stolzierte zum Tresen zurück, setzte die Flasche an die Lippen und trank. Dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund, lehnte sich mit dem breiten Rücken gegen den Tresen und schaute sich mit herausforderndem Blick um, als suche er ein neues Opfer.

Kurz bevor sein Blick zu Waco wanderte, wurde er abgelenkt. Die Tür zur Küche ging auf, und eine Frau betrat den Schankraum.

Waco ließ die Gabel mit einem großen Bissen Steak sinken und genoss den Anblick.

Eine solche Schönheit hatte er in diesem Kaff nicht erwartet.

Sie war jung, vielleicht zwanzig. Ihr hellblondes Haar hatte einen rötlichen Schimmer und fiel bis auf ihre Schultern. Sie hatte große, grünbraune Augen und einen Mund mit aufgeworfenen Lippen, der Sinnlichkeit verriet.

Sie schritt zum Tresen, und aller Blicke folgten ihr. Die Levishose schien ihr auf den Leib geschneidert zu sein. Auch die weiße Bluse spannte sich wie eine zweite Haut um ihren Busen.

Sie blieb vor Quentin stehen und schaute von ihm fragend zum Barkeeper.

»Was ist denn los, Bud?«, fragte sie. »Ich hörte Lärm. Ist dir eine Flasche heruntergefallen?«

Bevor Bud eine Antwort geben konnte, sagte Quentin dröhnend: »Hallo, Linda-Baby. Scharf siehst du wieder mal aus. Wie wär’s mit einem flotten Tänzchen?« Er rief dem Pianisten zu: »Hey, du Notenartist, spiel mal ’ne heiße Nummer. Linda will einen mit mir schieben.«

Sie schaute ihn an. Sie war groß und langbeinig, doch der Hüne überragte sie um gut einen Kopf, so dass sie zu ihm aufblicken musste.

»Ich bin nicht Ihr Baby, Mr. Quentin«, sagte sie mit fester Stimme. »Und meine Tanzpartner suche ich mir selber aus. Sie, Mr. Quentin, fallen bestimmt nicht unter diese Wahl.«

Quentins Grinsen erlosch. »Hey, Lady, so spricht man doch nicht mit einem guten Gast! Ein Tänzchen in Ehren wird doch niemand verwehren.« Er lachte und schaute beifallheischend zu den drei anderen. »Was meint ihr, Jungs, den Wunsch wird mir die Lady doch nicht abschlagen. Wo ich doch so ’ne große Lust habe.«

»Aber ich habe keine«, sagte Linda bestimmt. Sie wandte sich ab und wollte hinter den Tresen gehen.

Quentin packte ihren Arm und zog sie an sich. Sie wehrte sich nicht, als er sie festhielt. Sie schaute ihm nur zornig in die Augen und sagte mit erzwungener Ruhe: »Halten Sie Ihre Finger bei sich.«

Quentin lachte laut. »Nun zier dich mal nicht so!« Er zog sie noch fester an sich.

Sie bäumte sich in der Umklammerung auf. Das Blut schoss ihr in die Wangen.

»Lass die Lady los«, sagte Waco.

Er sprach mit ruhiger Stimme wie im Plauderton. Doch etwas am Klang der Stimme ließ Quentin zusammenzucken.

Er gab Linda frei. Sie wich ein paar Schritte von Quentin fort, strich eine Haarsträhne aus der Stirn und atmete tief ein und aus. Sie blickte zu Waco hin, und er las Dankbarkeit in ihren Augen.

Langsam wandte sich Quentin um. Seine Haltung straffte sich.

Sein Blick suchte den Mann, der es gewagt hatte, sich einzumischen.

Waco spülte gerade einen Bissen Steak mit einem Schluck Bier hinunter. Er setzte ruhig das Glas ab und säbelte ein neues Stück Fleisch ab.

Der Pianist hatte zu spielen aufgehört. Es war plötzlich totenstill im Saloon.

Aller Augen waren auf den großen Fremden gerichtet, der bisher unbeachtet in einer Ecke des Saloons gesessen hatte und mit offensichtlich gutem Appetit speiste.

»Wer ist denn das?«, fragte Quentin. Aus seiner Stimme klang Verärgerung und zugleich Verwunderung. »Eh, Jungs, jetzt weiß ich auch, warum es hier stinkt.«

Er lachte und stiefelte auf den Tisch zu, an dem Waco saß.

Breitbeinig baute er sich vor Waco auf.

Waco aß weiter.

»Ich rede mit dir, du Bastard!«, dröhnte Quentin. »Ich sagte gerade, dass du stinkst. Hast du einen fahrenlassen oder ist das dein normaler Duft?«

Waco sah nicht einmal auf. Es war dem Texaner längst klar, dass Quentin Streit suchte und ihn provozieren wollte.

Quentins breites Gesicht lief rot an. »Ich wiederhole: Du stinkst mir!«

Er stemmte herausfordernd die Hände in die Hüften und lauerte auf Wacos Reaktion.

Waco blieb völlig gelassen.

Quentin verlor die Beherrschung. Seine massige Rechte schoss vor, doch er traf nur Luft.

Waco hatte blitzschnell und für alle überraschend reagiert.

Aus dem scheinbar satten, schläfrigen Tramp wurde ein Tiger. Er schnellte hoch, ein schneller Ruck, und der Tisch prallte gegen Quentins Schienbeine.

Quentin brüllte auf und taumelte zurück. Bevor sich der Hüne von seiner Überraschung erholt hatte, war Waco bei ihm.

Der Texaner hechtete auf Quentin zu und riss ihn um. Beide Männer landeten auf dem mit Sägemehl bestreuten Boden, der jetzt mit Scherben von Wacos Teller und ein paar Bratkartoffeln gesprenkelt war.

Waco rollte sich geschickt ab und war als erster auf den Beinen. Er packte den bulligen Quentin, der sich gerade hoch stemmen wollte, an der Lederweste, zog ihn mit der Linken an sich heran und holte mit der Rechten aus.

Seine flache Hand klatschte Quentin links und rechts ins Gesicht. Der Kopf des Mannes ruckte hin und her.

Quentin drosch wild um sich. Waco nahm ihn in den Schwitzkasten. Ein dumpfes Gurgeln kam aus Quentins Kehle. Er trat nach Waco und erwischte ihn mit dem Knie an der Hüfte.

»Du wolltest tanzen«, sagte Waco. »Das kannst du haben.« Er hielt Quentin umklammert und drehte sich mit ihm im Kreis.

Dann ließ er den Gegner plötzlich los.

Quentin taumelte durch den Saloon in Richtung Schwingtür, verlor das Gleichgewicht und krachte auf die Dielen. Er rutschte in seinem Schwung noch ein Stück weiter und blieb vor den Flügeln der Schwingtür liegen.

Waco war mit drei schnellen Schritten bei ihm. Er zog ihn hoch und stieß ihn durch die Schwingtür hinaus, dass er über den Gehsteig torkelte und in den Staub der Main Street fiel.

Waco ging zu seinem Tisch zurück, stellte ihn auf, setzte sich wieder und sagte in die angespannte Stille: »Noch ein Bier, bitte.«

Die Spannung löste sich schlagartig. Stimmengewirr setzte ein. Die drei Cowboys am Tresen schienen noch nicht glauben zu wollen, was sie soeben gesehen hatten. Sprachlos starrten sie den großen Texaner an, der ihrem Freund vor allen Leuten eine Lektion erteilt hatte.

Plötzlich flogen die Flügel der Schwingtür auf, und Quentin stürmte in den Saloon.

Er hielt seinen Revolver in den Fäusten.

Aus blutunterlaufenen Augen stierte er in die Runde, suchte Waco.

Ein Schuss krachte.

Linda schrie auf.

Doch nicht Quentin hatte gefeuert, sondern der große Fremde. Waco hatte damit gerechnet, dass Quentin ein schlechter Verlierer sein und in seinem Zorn zur Waffe greifen würde. Außerdem hatte Waco einkalkuliert, dass die drei Gefährten am Tresen möglicherweise eingriffen.

Kaum jemand im Saloon hatte gesehen, wie Waco blitzschnell den Peacemaker gezogen hatte.

Quentin zuckte zusammen und verharrte, als wäre er gegen ein unsichtbares Hindernis geprallte.

Das Blei knallte kaum eine Handbreit neben seinem rechten Bein in den Türpfosten.

»Die nächste Kugel trifft«, warnte Waco.

Quentin wirkte wie erstarrt. In seinen Augen funkelte Hass. Waco kannte diese Sorte. Das war genau der Typ, der einfach nicht aufgeben wollte. Er sah, wie Quentins Blick zu den drei Cowboys glitt. Sie hatten sich bisher völlig herausgehalten.

Waco hoffte, dass es so blieb.

Er hielt den Peacemaker auf Quentin gerichtet, der immer noch beide Revolver in den Fäusten hatte, aber nicht auf ihn zielte.

Der Deputy Marshal beobachtete das Mienenspiel des Mannes.

Er war bereit.

Doch plötzlich schwang ein Flügel der Schwingtür seitlich hinter Quentin herum, und der Doppellauf einer Schrotflinte schob sich in den Saloon.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738911268
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juli)
Schlagworte
treibjagd waco

Autor

Zurück

Titel: Treibjagd auf Waco