Lade Inhalt...

Dr. Mystery #14: Der sibirische Schrecken

2017 130 Seiten

Leseprobe

Der sibirische Schrecken

von A. F. Morland


Dr. Mystery Band 14 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo


Der Umfang dieses Buchs entspricht 134 Taschenbuchseiten.


Luc Morell nimmt den wohl ungewöhnlichsten Auftrag seiner Karriere an. Er soll einen jungen, unschuldigen Mann aus Russland herausholen, der dort vom Geheimdienst als »Volksverräter« gejagt wird. Noch ahnt »Doktor Mystery« nicht, dass diese Mission eng mit seiner Berufung als Dämonen- und Geisterjäger verknüpft ist. Denn in Sibirien, wo der angebliche Verräter untergetaucht ist, gibt es eine Gegend, wo die Bevölkerung vor einer gnadenlosen Spukgestalt zittert, die über ein Jahrhundert hinweg blutige Rache verübt…Eine gekonnte Mischung aus Horrorroman und Spionage-Thriller, vom Autor der Kultserien »Dämonenhasser Tony Ballard« und »Die Agentin«.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Anja Plotkinowa war mit einem Satan von Mann verheiratet.

Fürst Micha Plotkin beschimpfte seine Frau Tag für Tag. Es bereitete ihm teuflische Freude, sie zu peinigen. Er schlug sie, wenn er betrunken war, und er verfluchte sie, weil sie ihm keine Kinder schenken konnte. Die unglückliche Anja sehnte sich nach Liebe, doch der Fürst vergnügte sich mit anderen Frauen, nichtsnutzigen leichten Mädchen. Manchmal sogar in seinem Haus. Jahrelang ertrug Anja Plotkinowa diese Schmach geduldig…

Doch eines Tages trat der Gärtner Andrej Igorow in ihr unerfülltes Leben. Die beiden wurden sogleich von einem verhängnisvollen, alles verzehrenden Feuer erfasst. Ihre Leidenschaft brannte wie trockenes Stroh. Nacht für Nacht stahl sich die Fürstin aus dem Haus, um in die Arme ihres Geliebten zu fliehen.

Aber das Glück der beiden währte nur wenige Wochen.

Der Fürst kam hinter ihr Verhältnis. Und das war das Todesurteil für sie…

Mit einem lauten Knall flog die Tür auf. Fürst Plotkin, ein wahrer Hüne von Mann, wirbelte in das Schlafzimmer des Gärtners. Sein herbes Gesicht mit den unzähligen Falten war grau vor rasender Wut. Seine Augen funkelten bösartig.

Andrej Igorow schnellte im Bett hoch. Anja Plotkinowa stieß einen heiseren Entsetzensschrei aus, als sie ihren Mann heranstürmen sah.

Die Situation war eindeutig. Sowohl Anja als auch ihr Geliebter waren splitternackt. Die Kissen waren zerwühlt und die Decken in Unordnung geraten.

Mit gefletschten Zähnen und einem triumphierenden Grinsen baute sich der Fürst vor dem breiten Bett auf. Er schüttelte – erfreut über die große Angst der beiden – langsam den Kopf.

»Täubchen, Täubchen!«, sagte er vorwurfsvoll zu seiner Frau.

»Herr…«, wollte der zitternde Gärtner beginnen.

»Du schweigst, Elender!«, brüllte ihn Plotkin an. »Ich rede mit meiner Frau und nicht mit dir, du Stück Dreck!«

»Du darfst ihn nicht beleidigen!«, schrie Anja Plotkinowa mutig.

Der Fürst lachte aus vollem Hals. »So, so. Sieh an, meine untreue Frau sagt mir, was ich tun und lassen soll. Das wird ja immer schöner. Ich erwische dich mit diesem Bauernbalg im Bett, und du machst mir Vorschriften!«

»Es wäre niemals so weit gekommen, wenn du…«

»Ach, nun bin ich daran schuld, dass du dich mit diesem Kerl eingelassen hast.«

»Wer denn sonst? Ich habe viele Jahre versucht, dir eine gute, liebende und treue Frau zu sein, Micha. Aber du hast dich schon in den ersten Jahren unserer Ehe von mir abgewandt. Ich war selbst sehr unglücklich darüber, dass ich dir keine Kinder schenken konnte, aber das ist nun mal nicht zu ändern…«

»Und da dachtest du, versuch ich’s doch mal mit dem Gärtner. Vielleicht liegt’s nicht an mir, dass ich keine Kinder kriegen kann, sondern an meinem Mann! Oder dachtest du, wenn schon keine Gefahr besteht, dass du schwanger wirst, kannst du’s ja mit jedem treiben?«

»Warum bist du nur so grausam?«, kreischte Anja Plotkinowa verzweifelt. Sie wollte die gehässigen Reden des Fürsten nicht mehr hören und presste sich wild die Hände auf die Ohren.

Er stieß wieder sein satanisches Gelächter aus.

»Ich wollte Liebe!«, schrie Anja mit tränenerstickter Stimme. »Ich habe ein Recht auf Liebe, denn ich bin ein Mensch wie du, Micha Plotkin! Aber das hast du niemals akzeptiert. All die Jahre hast du mich wie ein Stück Dreck behandelt. Ich wollte daran nicht zerbrechen. Ich habe dir mehrfach vorgeschlagen, mich fortgehen zu lassen, aber davon wolltest du nichts wissen. Ich war deine Leibeigene. Du hast mich als deinen persönlichen Besitz angesehen, wie eines deiner Reitpferde, das du mit der Peitsche blutig schlägst, wenn du missgelaunt bist. Es musste eines Tages so kommen, wie es gekommen ist. Dieser Mann hier gibt mir alles das, was mir ein Leben lang versagt blieb. Ich konnte nicht anders. Ich hielt dieses glücklose Leben an deiner Seite nicht mehr aus. Es hätte mich umgebracht. Ich wäre an seelischem Kummer zugrunde gegangen…«

Der Fürst zog die buschigen Brauen zusammen. Er funkelte seine Frau hasserfüllt an. »Nun, Anja, ich kann keinen Unterschied sehen. Ob du nun an seelischem Kummer zugrunde gehst oder an dem, was ich mir für dich ausgedacht habe…« Seine Stimme war unheimlich spröde geworden. Und sein Gesicht war nun härter als Granit. Er atmete schnell. Sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich rasch.

Fürst Plotkin war so kräftig, dass er mit einem Bären kämpfen konnte. Man erzählte sich, dass er vor Jahren einmal in ein Rudel von Wölfen geraten war. Er hätte viele von ihnen mit bloßen Händen erwürgt, und die anderen hätten heulend Reißaus genommen. Das war Micha Plotkin. Ein unerschrockener, grausamer Teufel.

Der Gärtner ballte verzweifelt seine schwachen Fäuste. »Ich werde nicht zulassen, dass Sie Anja etwas zuleide tun!«, stieß er gepresst hervor, und der Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht.

»Was willst du dagegen tun?«, fragte ihn Plotkin höhnisch grinsend.

»Ich werde mich schützend vor sie stellen!«

»Das hört sich zwar recht schön an, aber du glaubst doch nicht etwa im Ernst, Andrej Igorow, dass ein Kerlchen wie du mich von irgendetwas abhalten kann!«

»Ich werde Anja mit meinem Leben verteidigen!«, schrie der Gärtner, obwohl er schreckliche Angst vor dem Fürsten hatte.

Micha Plotkin nickte zufrieden. »Das trifft sich gut, Andrej Igorow! Ich hatte ohnedies vor, dich zu töten!«

»Nein, Micha! Nein!«, schrie Anja entsetzt. Tränen quollen aus ihren himmelblauen Augen. »Das darfst du nicht tun!«

»Ich tu, was mir gefällt!«, brüllte Plotkin.

»Du darfst ihn nicht ermorden!«

»Er hat meine Frau verführt, dieser verfluchte Hund!«

»Das ist nicht wahr!«

»Doch!«

»Nein, Micha! Es stimmt nicht, was du sagst. Nicht er hat mich verführt, sondern ich ihn. Du darfst ihm deshalb nichts antun. Ich bin an allem Schuld. Wenn du unbedingt deine Rache haben musst, dann töte mich, und lasse Andrej sein Leben. Ich habe ihn dazu überredet. Ich! Ich! Ich! Richte deinen Zorn nicht gegen ihn, Micha. Er ist unschuldig.«

»Sehen so Unschuldige aus!«, schrie der Fürst mit wutverzerrter Miene. »Ich habe ihn ertappt! Im Bett! Mit meiner Frau!«

»Ich bin schon lange nicht mehr deine Frau, Micha Plotkin!«

»Du bist mein Eigentum, verflucht noch mal! Du bist eine Perle, die mir gehört und an die dieser Hund mit seinen dreckigen Händen Flecken gemacht hat.«

»Seine Hände sind rein! Reiner als die deinen!«, schrie Anja ihrem Mann ins Gesicht.

Da riss der Fürst einen krummen Dolch aus seinem Gürtel. Wutschnaubend stürmte er auf das nackte Paar los. Sie wussten beide nicht, wen der Dolch zuerst treffen sollte, und sie versuchten sich gegenseitig zu schützen.

Micha Plotkins Dolchhand sauste hoch. Gleichzeitig flog seine linke Hand auf Anjas Kopf zu.

Seine Finger gruben sich in die Fülle ihres schwarzen Haares. Er riss sie roh zur Seite.

Sie schlug um sich und kreischte grell auf. Der Schmerz grub tiefe Falten in ihr hübsches Gesicht. Schon fegte der blitzende Dolch herab, genau auf Andrej Igorows Herz zu.

Der junge Mann riss verstört die Augen auf. Er wollte sich zur Seite werfen, aber der Dolch war schneller als er.

Anja wollte ihrem Mann in den Arm fallen, doch seine sehnigen Finger waren immer noch in ihrem langen Haar verkrallt. Sie zappelte und zuckte, aber sie war nicht in der Lage, die furchtbare Katastrophe zu verhindern.

Andrej Igorow starb mit einem tiefen Seufzer neben ihr, als der Dolch sein Herz durchbohrte.



2

Ungläubig starrte Anja auf ihren toten Geliebten. Er lag auf dem Rücken. Der Fürst hatte den Dolch wieder an sich gerissen. Mit schockgeweiteten Augen blickte die verstörte Frau auf die schreckliche Wunde. Zuvor hatte sie sich heulend auf Andrej geworfen. Sein Blut klebte auf ihrer Haut, doch sie ekelte sich nicht davor. Es erfüllte sie lediglich mit einer unendlich tiefen, erschütternden Trauer.

Ohne ihren Mann anzusehen, presste sie heiser hervor: »Was hast du nur getan, Micha? Warum hast du diesem armen, unschuldigen Menschen das Leben genommen?«

»Er war nicht unschuldig!«, knirschte Plotkin ohne Reue. »Er hat etwas getan, wofür er den Tod verdient hat.«

»Er hat mich glücklich gemacht! Das ist kein Verbrechen! Du hast es ja nicht getan!«

»Ich bin Fürst Micha Plotkin. Er war ein dreckiger kleiner Gärtner! Es war ihm nicht erlaubt, seine Hand an meine Frau zu legen!«

»O ja, du bist Fürst Micha Plotkin. Ein Fels in Sibirien. Der hartherzigste Mann von Russland. Und niemand darf es wagen, sich an deinem Eigentum zu vergreifen, sonst stößt du ihm deinen verfluchten Dolch ins Herz. O heilige Mutter von Kasan! Wie hasse ich dich, Micha Plotkin. Ich hasse dich so sehr, wie ich noch nie im Leben einen Menschen gehasst habe!«

Den Fürsten ließ das völlig kalt. Mit dem blutbesudelten Messer wies er auf seine Frau.

»Zieh dein Kleid an, Anja.«

»Warum tötest du nicht auch mich?«

»Wer sagt, dass ich es nicht tun werde?«, grinste Plotkin.

»Dann tu es gleich.« Anja Plotkinowa breitete furchtlos ihre Arme aus. Mit offenen Augen erwartete sie den Todesstoß.

Doch der Fürst lachte nur und schüttelte den Kopf. »Du möchtest an seiner Seite sterben. Das wäre eine Freude für dich. Ich aber sehe nicht ein, weshalb ich meiner untreuen Gemahlin eine Freude bereiten soll. Deshalb verlange ich, dass du dein weißes Kleid anziehst und mit mir kommst.«

Anja schaute ihren Mann verwirrt an. »Was hast du mit mir vor?«

»Du wirst es sehen! Zieh dich an!«

Plotkin hatte der jungen Frau das weiße Kleid zugeworfen. Mechanisch schlüpfte sie hinein. Eine unsagbare Angst schnürte ihr die Kehle zu. Vielleicht wäre ihr wohler gewesen, wenn sie geweint hätte, aber irgendetwas in ihr ließ es nicht zu, dass Tränen in ihre Augen stiegen.

Gott, wie hasse ich diesen Mann!, hämmerte es immerzu in ihrem Kopf. Wie konnte ich nur seine Frau werden? Wie war das möglich?

Und sie erinnerte sich an die Zeit, da Plotkin ihr den Hof gemacht hatte. Ein Kavalier war er damals gewesen. Aufmerksam und hilfsbereit. Heute glaubte sie, dass er sich bloß verstellt hatte, denn bald nach der Hochzeit hatte ihr Martyrium begonnen, und es hatte bis zum heutigen Tag kein Ende genommen.

Wenn er sie umbringen wollte, dann sollte er es tun. Sie hing nicht an diesem Leben. Jeder Hund hatte es besser als sie!

Als sie angekleidet war, befahl der Fürst ihr, mit ihm zu gehen. Sie verließen das kleine Häuschen des Gärtners. Anja warf einen letzten Blick auf ihren ermordeten Geliebten, und ihr Herz krampfte sich zusammen.

Im nächsten Monat hatte sie Geburtstag. In einer Wodkalaune hatte der Fürst seine Frau gefragt, ob sie einen Geburtstagswunsch hätte, und sie hatte geantwortet: »Ja, ich hätte schon einen Wunsch, Micha.«

»Welchen?«, hatte der betrunkene Fürst gefragt. »Etwa, dass ich mich an deinem Geburtstag zu dir ins Bett lege? Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen. Ich kann dir nichts zum Geschenk machen, was unmöglich ist.«

Gedemütigt hatte die junge Frau den Kopf gesenkt und gesagt: »Ich hätte einen Wunsch, den du sehr leicht erfüllen könntest.«

»Dann lasse hören.«

»Wir brauchen ein neues Tor. Lass Handwerker kommen. Sie sollen zwei Torpfeiler errichten und zwei Türen aus kunstvollem Schmiedeeisen daran befestigen.«

Daraufhin hatte der Fürst gönnerhaft genickt und gemeint, Anja würde ihr Wunsch erfüllt werden. Mittlerweile war der linke Torpfeiler errichtet worden, und noch in dieser Woche sollte der rechte Pfeiler vollendet werden.

Hoch am Himmel stand ein buttergelber Mond. Er sandte sein kaltes Licht auf die Weite Sibiriens hinab. Sobald sie aus dem Haus des Gärtners getreten waren, blieb Anja stehen. Sie schaute ihren Mann fragend an und wollte wissen, wohin er sie zu bringen gedachte.

Er grinste diabolisch. Der Dolch, mit dem er Andrej das Leben genommen hatte, steckte wieder in seinem Gürtel. Für einen Moment hatte Anja Plotkinowa die Absicht, ihm den Dolch aus dem Gürtel zu reißen und ihn damit zu töten, aber sie wäre bestimmt nicht schnell genug gewesen. Sie konnte nicht schneller sein als er. Und sie war nicht einmal halb so kräftig wie er. Deshalb verwarf sie diesen Gedanken wieder.

»Wir sehen uns das Tor an«, sagte der Fürst mit einem gefährlichen Funkeln in den kalten Augen.

Anja schauderte. »Jetzt? Mitten in der Nacht?«

»Warum nicht?«

»Was soll das, Micha? Sag mir, welche Gemeinheit du vorhast?«

»Interessiert es dich denn gar nicht, wie weit die Arbeiten an deinem Tor gediehen sind?«

»Ich war erst gestern da.«

»Inzwischen waren die Handwerker sehr fleißig«, sagte der Fürst, und als Anja nicht mit ihm gehen wollte, ergriff er ihren Arm, dass es sie schmerzte, und schleppte sie mit sich durch die unwirtliche Nacht.

Düstere Nebelschwaden tanzten hinter wild wuchernden Büschen hervor. Irgendwo im Gezweig einer uralten Eiche klagte ein Totenvogel. Wind kam auf. Er brachte Kälte. Anja Plotkinowa zitterte. Die Gänsehaut, die ihren jungen Körper umspannte, kam aber nicht von den niedrigen Temperaturen, sondern von der schrecklichen Angst, die sich allmählich tief in ihre Knochen schlich. Sie fürchtete nicht den Tod selbst, denn dieser würde sie mit Andrej Igorow wiedervereinen. Sie fürchtete lediglich die unbekannte Art, auf die sie aus dem kaum lebenswert gewesenen Leben scheiden sollte.

Nach hundert Metern standen sie da, wo das Tor errichtet werden sollte. Die schmiedeeisernen Türen fehlten noch.

Plotkin wies auf den rechten Pfeiler. »Ich werde dich nicht töten, mein Täubchen, aber du wirst trotzdem sterben!«

Anja glaubte zu erraten, was der Fürst mit ihr vorhatte. Aber es war so ungeheuerlich, so grausam, so teuflisch, dass sie hoffte, sich zu irren. Doch schon die nächsten Worte ihres Mannes schlossen jeden Irrtum aus.

»Ich werde dich in diesen Torpfeiler einmauern!«, sagte er eiskalt. »Es ist dein Tor, Anja. Und es wird noch viel mehr zu deinem Tor, wenn du selbst in ihm bist. Du wirst ein Teil deines Tores sein. Erfüllt dich das nicht mit Freude?«

Anja Plotkinowa schlug die zitternden Hände vors Gesicht und stieß einen gequälten Schrei aus. Ein rascher Tod hätte ihr nichts ausgemacht. Aber das hier – eingemauert zu werden in diesen Torpfeiler und weiß der Himmel wie lange noch leben zu müssen ‒, das war schlimmer als die grausamste Todesart, die sie von Micha Plotkin erwartet hatte.

»Du Tier!«, brüllte sie ihrem Mann verzweifelt ins Gesicht. »Du Scheusal! Warum nimmst du mir nicht das Leben, wie du es bei Andrej getan hast? Warum tötest du mich nicht mit deinem Dolch?«

»Weil das nicht Strafe genug ist!«, fauchte Plotkin gehässig. »Ich will, dass du viel Zeit hast, über alles nachzudenken, Anja. Ein rascher Tod ließe dir diese Zeit nicht. Du sollst grübeln können. Ob es richtig war, was du getan hast. Und deine eigenen Vorwürfe sollen dich ganz langsam wahnsinnig machen, mein kleines Täubchen. Du wirst verrückt vor Angst werden. Es wird ein qualvoller Tod werden. Doch das, was du mit diesem Gärtner getrieben hast, berechtigt mich dazu, dir alle Qualen der Hölle zu bereiten!«

Aufschluchzend warf sich die verzweifelte Frau auf die Knie. Sie umklammerte Plotkins stämmige Beine und bettelte um einen schnellen Tod, doch der Fürst verweigerte ihn ihr. Da riss sie ihm den Dolch aus dem Gürtel.

»Du sollst um dein Vergnügen geprellt werden, du grausamer Satan!«, schrie sie und richtete die blutbesudelte Klinge gegen ihr Herz.

Aber ehe sie zustoßen konnte, schlug ihr der Fürst den Dolch mit einem blitzschnellen Hieb aus der Hand.

Dann lachte er schauderhaft. »Warum willst du es dir so einfach machen, mein Täubchen!«

Panik erfasste die Fürstin. Sie wirbelte herum und begann um ihr Leben zu rennen. Sie floh in uferloser Furcht vom Plotkinschen Grundstück.

Ihr glasiger Blick nahm kaum wahr, wohin sie lief. Alles um sie herum war mit einem Mal so grässlich. Obwohl ihr die Umgebung hätte vertraut sein müssen, war sie es nicht mehr. Sie hatte das Gefühl, durch eine grauenvolle Albtraumlandschaft zu hasten.

Mehrmals strauchelte sie. Sie fiel auch einige Male, rappelte sich aber sofort wieder hoch und keuchte atemlos weiter.

Das schauderhafte Gelächter ihres Mannes blieb zurück. Sie konnte das nicht begreifen. Verfolgte er sie gar nicht? Machte er sich diese Mühe nicht? Begnügte er sich damit, dass sie ihn verließ?

Das war nicht Micha Plotkins Art. Für ihn wäre diese Lösung nur eine halbe Sache gewesen, und er hasste halbe Sachen.

Plötzlich vernahm sie Hufgeklapper. Es kam rasch näher.

Anscheinend gehörte auch das zu Michas teuflischem Plan. Er ließ sie noch einmal kurz die Freiheit kosten, ehe er sie wieder einfing, um sie zu diesem schrecklichen Pfeiler zurückzubringen, in dem sie ihr Ende finden sollte.

Als das Hufgeklapper sie fast erreicht hatte, drehte sie sich gehetzt um. Die Anstrengung hatte ihr Gesicht gerötet. Sie japste nach Luft.

Ihre Beine waren kaum noch fähig, sie zu tragen, so schnell war sie gerannt. Doch ebenso gut hätte sie vor dem Pfeiler resignieren können. Denn nun hatte sie Micha Plotkin mit seinem Pferd eingeholt, um sie dorthin zurückzubringen, wo sie auszureißen versucht hatte.

Mit grausamen Zügen saß er auf seinem hohen Ross. Seine rechte Hand schwang etwas hoch. Es sah aus wie ein Stock. In derselben Sekunde fegte das Holz auf Anja herab.

Sie riss zwar die Arme hoch, aber nicht schnell genug und nicht hoch genug. Der Hieb traf sie voll an der Stirn.

Das stampfende Pferd, der Fürst, die gesamte schwarze Nacht lösten sich in einen sprühenden Sternenregen auf.



3

Als sie zu sich kam, legte Fürst Micha Plotkin gerade wieder einen Ziegel auf. Sie fühlte sich beengt, konnte sich nicht bewegen, obwohl sie nicht gefesselt war. Die kalte Ziegelmauer presste ihren Brustkorb zusammen. Sie konnte kaum einen tiefen Atemzug tun.

Entsetzt stellte sie fest, dass ihr die Ziegel bereits bis ans Kinn reichten. Und Micha arbeitete mit teuflischer Besessenheit weiter an seinem grausamen Werk.

Anja flehte ihn an, er solle sie erschlagen, doch er lachte sie aus. Sie bettelte um den Tod, aber er verwehrte ihn ihr.

»Du wirst dich selbst töten, mein Täubchen«, sagte er grinsend. »Zuerst wirst du dich mit deinen eigenen Gedanken umbringen, und dann wird sich dein Körper gegen dich wenden. Und irgendwann in den nächsten Tagen wirst du den Verstand verloren haben und in diesem Pfeiler langsam zugrunde gehen! Natürlich werde ich dafür sorgen, dass du nicht erstickst. Das wäre ein zu rascher Tod für meine hübsche Anja. Ich werde dir ein paar Luftlöcher lassen. Und ich werde mehrmals am Tag hierher kommen, um mich nach deinem Befinden zu erkundigen…«

»Warum, Micha?«, kreischte die verzweifelte Frau. »Warum denn nur…?«

»Du weißt, warum!«, fauchte Plotkin ärgerlich und legte den nächsten Ziegel auf.

»Also gut, Fürst Plotkin?«, schrie Anja plötzlich mit hassverzerrten Zügen. »Dann werde ich eben auf diese grausame Art, die sich dein krankes Gehirn ausgedacht hat, zugrunde gehen! Aber ich schwöre dir, dass ich, während ich hier drinnen in diesem Pfeiler auf meinen Tod warte, nichts unversucht lassen werde, um mit dem Teufel ein Bündnis zu schließen. Ich bin sicher, dass mir das gelingen wird. Und dann sieh dich vor, Micha Plotkin, du gottverfluchte Kreatur! Meine Rache wird dich zu einem Zeitpunkt treffen, da du am allerwenigsten damit rechnest. Ich werde dich mit furchtbaren Albträumen quälen, wie du mich während unserer Ehe gepeinigt hast. Ich werde dir Kummer und Krankheiten bescheren, und ich werde alle deine männlichen Nachkommen – solltest du welche haben – ebenso tödlich treffen wie dich. Ich werde nicht eher ruhen, bis das Geschlecht der Plotkins für immer und ewig ausgelöscht ist!«

Für all diese Worte hatte der Fürst nichts weiter übrig als ein hohntriefendes Gelächter.

Er vollendete sein grausames Werk noch in dieser Nacht. Die Handwerker ließ er eine ganze Woche nicht an den von ihm aufgemauerten Torpfeiler heran. Und jeden Tag kam er, um zu hören, ob seine Frau noch am Leben war.

Vier Tage lang hörte er sie toben, fluchen und kreischen. Vier Tage hatte die arme Frau zu leiden. Und an jedem Tag stand der Fürst breitbeinig vor dem Torpfeiler und lachte sie schallend aus.

Den Gärtner hatte er irgendwo auf dem Grundstück verscharrt. Den Leuten, die nach ihm fragten, erzählte er, Andrej Igorow hätte seiner Frau den Kopf verdreht und die beiden wären bei Nacht und Nebel durchgebrannt.

Es gab sogar Leute, die den gehörnten Fürsten bedauerten, doch das waren jene, die ihn nicht gut genug kannten. Die anderen seufzten erleichtert auf, als wäre ihnen ein Stein vom Herzen gefallen, und meinten: »Endlich hat Anja, diese brave Frau, diesen schrecklichen Tyrannen verlassen. Es war an der Zeit für sie. Sonst wäre sie an seinen Gemeinheiten zugrunde gegangen.«



4

Von nun an betrank sich Micha Plotkin immer häufiger. Niemand wusste, weshalb er dies tat. Er wurde noch unleidlicher als bisher und vertrieb auch seine hartnäckigsten Freunde. Auf seinem Nachttisch stand immerzu die Wodkakaraffe. Und tagsüber trank er eimerweise grusinischen Wein.

Er hatte Schmerzen in den Nieren, sodass er sich oft stundenlang heulend auf dem Boden wälzte. Asthmaanfälle befielen ihn und drohten ihn zu ersticken. Und nachts hatte er die grauenvollsten Träume, die man sich vorstellen kann.

Schweißgebadet schreckte er in solchen Nächten hoch, und sofort griff er wieder zur Flasche, um seinen aufgepeitschten Geist zu lähmen.

Anja fegte irgendwo durchs Haus. Er konnte sie niemals sehen, obwohl er ihr schon mehrmals nachgerannt war, als sie so spöttisch zu lachen angefangen hatte. Er konnte sie immer nur hören. Ihr Seufzen, ihre Schritte, ihre Worte, wenn sie ihn verfluchte und ihn nach seinen Krankheiten fragte.

Sein Leben lang war er nicht krank gewesen. Und nun war er kaum noch gesund. Er fiel vom Fleisch. Bald bestand er nur noch aus Haut und Knochen. Wenn er aß, musste er sich übergeben. Nur Wein und Schnaps konnte er behalten.

Allmählich bauten seine Kräfte ab. Sein Schritt wurde schwer und schleppend. Die Schultern fielen nach vorn, er konnte nicht mehr aufrecht gehen. Er sah aus wie ein alter Mann, obwohl er erst vierzig war.

Anja ließ ihn kaum eine Nacht durchschlafen. Einmal erschien sie in seinem Schlafzimmer. Ein weißer Schatten nur, mit wabernden Umrissen. Sie kam an sein Bett und setzte sich darauf.

Er hatte unruhig geschlafen. Als er merkte, dass sich jemand auf sein Bett setzte, obwohl er allein in dem riesigen Haus war, schreckte er verstört hoch.

Sie saß unbeweglich da. Er war der Meinung, er könne in dem weißen Schein ihr Gesicht sehen, und vor allem ihre hasserfüllten Augen leuchteten ihm entgegen. Mit geballten Fäusten, brüllend, warf er sich auf sie. Er schlug auf sie ein, schlug aber durch sie hindurch.

Sie flog kreischend und kichernd durch den Raum.

Er sprang aus dem Bett und hetzte hinter ihr her. Wild schwang er die Fäuste.

»Ich lasse mich von dir nicht unterkriegen, Anja! Nicht von dir, du verdammter Spuk! Du kannst mir nichts anhaben! Du bist nur noch ein Geist. Du hast keinen Körper! Verschwinde! Du kannst mir nichts tun!«

»Und deine vielen Wehwehchen, Micha? Sie sind ein Gruß von mir! Ich kann dir sehr wohl etwas anhaben! Und ich werde dir noch sehr viel mehr Leid zufügen!«

Schreiend und schimpfend jagte der Fürst hinter dem weißen Gespenst her.

Anja stieß ihm einen Stuhl entgegen. Er fiel über ihn und brach sich die Hand. Heulend blieb er liegen.

Und Anja schwebte auf ihn herab und tanzte mit glühenden Schuhen auf seinem zuckenden Körper.



5

Zwei Jahre trieb sie dieses Spiel mit ihm. Micha Plotkin war am Ende seiner Kräfte. Aber sein Trotz ließ es nicht zu, vor Anja zu kapitulieren. Fortgehen aus diesem Spukhaus – das kam für ihn auch weiterhin nicht in Frage.

Er sann nach einer anderen Möglichkeit, wie er diesem quälenden Gespenst Herr werden konnte. Und er glaubte eines Tages, eine brauchbare Lösung gefunden zu haben.

Zwar war er unansehnlich, ja, geradezu hässlich geworden – seine Augen lagen tief in dunklen Höhlen, er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf, und tiefe Gramfalten ließen sein Antlitz maskenhaft erscheinen –, aber er war immer noch einer der reichsten Männer in der Gegend, und als er eines Tages die Nachricht verbreiten ließ, er trüge sich mit dem Gedanken, sich – nachdem ihn seine Frau mit dem Gärtner verlassen hatte und nicht mehr zurückgekommen war – wieder zu verheiraten, da sandten ihm die Familien, die mit seinem Vermögen liebäugelten, ihre hübschen heiratsfähigen Töchter ins Haus, damit er sich eine von ihnen aussuchen konnte.

Er entschied sich für die sanfteste und schönste von allen. Er schwor sich, als sie vor den Altar traten, keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren. Den Schwur vermochte er zwar niemals ganz einzuhalten, doch er soff nicht mehr wie ein Loch.

Als er seine frischgebackene Ehefrau über die Schwelle seines Hauses trug, erwartete er ein Furioso von Anja. Es blieb jedoch zu seinem großen Erstaunen aus. Sie machte sich auf keine Weise bemerkbar. Und auch in den folgenden Nächten blieb es unheimlich still im Haus. Doch Micha Plotkin traute dem Frieden nicht. Anja schien sich auf eine große Attacke vorzubereiten.

Keine Albträume plagten ihn mehr. Er kam wieder zu Kräften. Die Krankheiten blieben aus. Und allmählich war er der Meinung, dass er Anja mit seiner Heirat auf irgendeine unbekannte Weise ein Schnippchen geschlagen hatte. Jedenfalls ließ sie nichts mehr von sich hören und nichts mehr von sich sehen.

Allmählich begann Plotkin seine erste Frau zu vergessen.

Seine zweite Frau schenkte ihm einen Sohn. Er lud aus lauter Freude darüber halb Sibirien in sein Haus. Es wurde ein Fest, wie es in diesen Mauern noch nicht gefeiert worden war.

Irgendwann in dieser Nacht fiel dem Fürsten seine erste Frau ein.

Er stahl sich heimlich aus dem Haus und lief zum Tor, in dessen rechtem Pfeiler sich Anja befand.

»Hörst du das, Anja?«, fragte er grinsend. »Das sind meine Gäste. Sie sind gekommen, um die Geburt meines Sohnes mit mir und meiner Frau zu feiern. Vielleicht wäre es mit uns anders gekommen, wenn du in der Lage gewesen wärest, mir ein Kind zu schenken. Aber es hatte nicht sein wollen – und eine russische Frau, die ihrem Mann keine Kinder schenkt, ist wertlos. Russland braucht sie, denn sie müssen unser Land weiter ausbauen. Nun habe ich einen Sohn. Und ich werde mit meiner Frau noch eine Menge mehr Kinder zeugen, du wirst sehen! Ich habe dich besiegt. Ich bin so glücklich, wie ich es noch nie im Leben war. Du kannst nicht an gegen mein Glück, habe ich recht? Dagegen bist du machtlos, he? Jetzt steckst du da drinnen in deinem Pfeiler und spuckst Gift und Galle! Ich kann dich direkt vor mir sehen!«

Schritte.

Micha Plotkin wandte sich um. Seine zweite Frau kam gelaufen, eine Stola um die zarten Schultern. »Sag, was machst du hier draußen, Micha? Ist dir nicht gut?«

»Ich bin in Ordnung, mein Täubchen«, sagte der Fürst, und er legte seinen Arm grinsend um seine besorgte Frau.

»Vorhin war mir, als hörte ich dich mit jemandem sprechen.«

»Kann schon sein, dass ich mit jemandem gesprochen habe«, sagte Plotkin augenzwinkernd.

»Mit wem? Es ist niemand hier.«

»Ich habe mit diesem Torpfeiler geredet.«

»Du bist verrückt, Micha. Komm ins Haus, sonst erkältest du dich noch. Außerdem möchten unsere Gäste den Hausherrn wieder sehen.«

Plotkin hakte sich schmunzelnd bei seiner Frau unter. Sie merkte nicht, dass er sich umwandte und dem Pfeiler triumphierend zublinzelte.

Er irrte sich. Zwei Nächte später wurde ihm dieser Irrtum klar.


*


Es begann bei ihm mit einem allgemeinen Unwohlsein. Seine fürsorgliche Frau riet ihm, sich hinzulegen, und er befolgte diesen Rat sogleich. Aber kaum lag er, da befiel ihn eine brennende Übelkeit.

Es war ihm, als stünde sein Magen in Flammen. Mehrmals musste er sich übergeben. Und zuletzt brach er Blut.

Micha Plotkins Frau schickte sogleich nach dem Arzt. Der kam innerhalb einer halben Stunde. Aber er konnte keine Diagnose stellen. Seiner Meinung nach war mit Plotkin alles in Ordnung.

»Aber er hat doch Blut gebrochen!«, stieß die Fürstin besorgt hervor.

»Vielleicht ein nervöses Magenleiden. Kann aber nicht weiter schlimm sein«, erwiderte der Arzt.

»Was raten Sie uns?«, fragte die Fürstin.

»Vor allem sollte der Fürst für ein paar Tage das Bett hüten, nicht arbeiten, sich nicht aufregen.« Hinzu kamen einige Medikamente, die sich darauf beschränkten, die Nerven des Patienten zu beruhigen. Die einzige Weisheit des Arztes: Schlafen! Viel schlafen!

Dann kam die Nacht. Micha Plotkin war in Schweiß gebadet. Seiner Frau fiel auf, dass auch das Kind sehr unruhig war, und so pendelte sie zwischen dem Zimmer ihres Mannes und der Wiege, in der ihr Sohn lag, nervös hin und her.

Gegen Mitternacht war sie so müde, dass sie hätte im Stehen einschlafen können. Nachdem sie noch einmal nach Micha gesehen hatte, begab sie sich in ihr Gemach. Neben ihrem Bett stand die Wiege. Und für einen Moment hatte die Frau das Gefühl, etwas Weißes würde sich über ihr schlafendes Kind beugen.

Doch dann war die Erscheinung wieder weg, und die Fürstin schrieb die Wahrnehmung einer Sinnestäuschung zu, geboren aus einer bleiernen Übermüdung.

Wie ein Stein fiel sie ins Bett und schlief eine Minute später schon tief und traumlos.



6

Plotkins Nachthemd war triefnass. Obwohl eine warme Sommernacht über den endlosen Weiten Sibiriens lag, war das Schlafzimmer des Kranken von einer eisigen Kälte durchdrungen.

Der Fürst klapperte mit den Zähnen. Kalter Schweiß brach aus seinen Poren. Er zitterte am ganzen Leib und zog sich im Schlaf die Decke – von einer unnatürlichen Kälte geschüttelt – über den Kopf.

Plötzlich ein Flüstern. Zuerst nur leise, kaum zu vernehmen, dann eindringlicher, schärfer, zischelnd. Plotkin hörte seinen Namen. Die Stimme war ihm vertraut. Sie drang in die Tiefe seines Albtraums hinein und ließ Traum und Wirklichkeit zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen.

Auf einmal ein Hieb, der ihn in der Mitte durchschlagen wollte.

Entsetzt schnellte er hoch. Ein wahnsinniger Schmerz durchzuckte seinen Bauch. Niemand war da, der ihn so brutal geschlagen haben konnte. Er war allein in der undurchdringlichen Finsternis. Allein mit dieser grausigen Kälte, die um diese Jahreszeit einfach unerklärbar war.

Er dachte sofort an Anja, obwohl er sie nicht sehen konnte. Irgendetwas warnte ihn davor, sein Bett zu verlassen. Trotzdem warf er mit zitternder Hand die Decke zurück. Der Zwang, aufzustehen, war stärker und stellte die Warnung hintan.

Sein fiebernder Blick streifte durch den Raum. Sie ist hier!, dachte er. Ich kann sie fühlen. Sie befindet sich in diesem Raum. Es war ein Fehler, sie zu verhöhnen. Nun kommt sie, um mir ihre Macht zu demonstrieren!

Nervös erhob er sich. Fröstelnd warf er sich seinen Schlafrock über die breiten Schultern und knüpfte den Bindegürtel hastig zu. Über ihm begann der Kristalllüster zu klirren. Dann klapperte ein Bild an der Wand. Und plötzlich flog ihm ein Wodkaglas an den Kopf!

Er presste die Zähne zusammen, als seine Stirn ein heftiger Schmerz durchraste. Er tastete nach seinem Kopf. Etwas benetzte warm und klebrig seine Finger… Blut!

Wütend drehte er sich im Kreis. »Wo bist du?«, fragte er. »Zeige dich! Ich will dein mieses Gesicht sehen, Anja! Beginnst du nun wieder mit deinen verrückten Spielchen? Werden wir dich Nacht für Nacht in unserem Haus haben? Was hast du mit uns vor? Willst du uns umbringen? Oder willst du meiner zweiten Frau bloß so viel Angst einjagen, dass sie ihren Sohn nimmt und fluchtartig das Haus verlässt? Damit du mich wieder für dich allein hast?«

Er hörte ein Seufzen und dann ein Kichern, ganz knapp hinter sich. Und dann strich ihm eine eiskalte Hand über den schweißnassen Nacken.

Er zuckte erschrocken zusammen. Anja lachte ihn aus.

»Du hast Angst, nicht wahr?«, flüsterte sie ihm ins Ohr.

»Angst? Wovor?«

»Vor mir!«

»Dich gibt es nicht!«

»Du hast heute Blut gespuckt. Weil ich es so wollte. Du blutest am Kopf. Weil ich dir ein Glas an die Stirn geworfen habe. Bist du wirklich sicher, dass es mich nicht gibt?«

»Du steckst im Torpfeiler!«

»Ja, Micha. Ja, das tu ich. Aber nachts komme ich heraus.«

»Warum hast du uns so lange in Ruhe gelassen?«

»Ich wollte, dass du dich wieder erholst. Hast damals ja schrecklich ausgesehen. Es hätte mir keinen Spaß gemacht, dich noch weiter zu quälen. Es war ja fast nichts mehr vorhanden vom alten Micha Plotkin. Doch nun, da du wieder bei besten Kräften bist, da du sogar den Mut hattest, vor mich hinzutreten und mich zu verspotten, kann ich mein altes Spielchen wieder aufnehmen. Und deine hübsche kleine Frau und deinen winzigen Sohn werde ich in dieses Spiel mit einbeziehen…«

Plotkin presste die Kiefer hart zusammen. Seine Backenmuskeln zuckten und traten wie Stahlseile hervor.

»Du rührst die beiden nicht an, du Hexe!«

Anja Plotkinowa kicherte amüsiert. »Willst du mich etwa daran hindern?«

»Lass sie in Ruhe, Anja! Wenn du unbedingt Rache nehmen willst, dann nimm Rache an mir. Meine Frau und mein Sohn haben dir nichts getan!«

»Sie sind Plotkins!«, sagte Anja scharf. »Erinnere dich an das, was ich dir in jener Nacht geschworen habe, Micha. Ich werde dich und alle deine männlichen Nachkommen töten. Es darf keinen Plotkin mehr geben. Aber es wäre zu einfach, deinen Sohn jetzt schon umzubringen. Erst werde ich mit ihm spielen, wie ich es mit dir bereits mehrfach getan habe. Wer weiß, vielleicht werde ich ihn erst in zwanzig Jahren töten. Das kommt ganz auf meine Laune an. Du aber, Fürst Micha Plotkin, du bist heute Nacht dran!«



7

Plötzlich war sie da, leuchtete sie mit einem Mal grell auf!

Plotkin prallte zurück. Er kreiselte herum. In größter Panik rannte er auf die Tür zu.

Anja stellte ihm ein Bein. Er knallte auf den Boden, kämpfte sich wieder hoch, erreichte die Tür, riss sie auf und stürmte nach draußen.

Es fiel Anja nicht schwer, seinen Geist zu verwirren. Er wusste mit einem Mal nicht mehr, in welche Richtung er rennen sollte.

Sie warf sich auf ihn und schlug ihm ihre klauenartigen Finger in den Rücken. Er spannte mit schmerzverzerrtem Gesicht das Kreuz, stellte sich mit geballten Fäusten zum Kampf, doch alle seine Hiebe pufften durch den weißen Spuk hindurch.

Anja lachte schrill. Sie trat ihn mit Füßen und ohrfeigte ihn. Sie zerfetzte seinen Schlafrock und trieb ihn mit derben Schlägen den Korridor entlang.

Und auf einmal war sie nicht mehr vorhanden.

Plotkin fuhr sich benommen über die Augen. War das nun Wirklichkeit gewesen? Ein Traum? Realität? Er blickte verwirrt an sich hinab. Der zerfetzte Schlafrock ließ keinen Zweifel aufkommen. Anja war da gewesen.

Nervös schaute er sich um. In seinem Inneren war etwas, das ihm sagte, dass sie immer noch ganz in der Nähe war.

Mit schweißnassem Gesicht wankte er auf die Treppe zu. Sie führte in eine riesige Halle, an deren Wänden die Ahnengalerie hing. Fürst Plotkin wollte sich in den Salon begeben, um sich dort auf das Sofa zu setzen, Wodka zu trinken und den Schock zu verdauen.

Als er seinen Fuß auf die erste Stufe setzte, vernahm er Anjas Atmen. Hautnah musste sie ihm sein. Und sie begann mit Worten, die er nicht hören, aber trotzdem verstehen konnte, weil sie in seinem Gehirn entstanden, auf ihn einzureden.

Sie zwang ihn, an jene Nacht zu denken, in der er den Gärtner Andrej Igorow erstochen und Anja eingemauert hatte.

Er hörte ihre Schreie. Und dann vernahm er noch einmal ihren Fluch, den sie heute Nacht wahrmachen wollte.

Sie wollte ihn und alle seine männlichen Nachfahren umbringen, das Geschlecht Plotkin auslöschen…

Ganz langsam stieg das Grauen in Micha Plotkin hoch, und zum ersten Mal in seinem Leben bereute er etwas.

Er hatte nicht geglaubt, dass Anja ihm nach ihrem Tod noch gefährlich werden konnte. Und doch hatte sie es auf eine unerklärbare Weise geschafft, sich mit dem Höllenfürsten in Verbindung zu setzen. Sie hatte ihm ihre Seele versprochen, wenn er ihr dafür die Möglichkeit gab, sich am Geschlecht der Plotkins zu rächen. Und der Teufel war mit Freuden auf diesen Pakt eingegangen, wie sich zeigte.

Wieder vernahm er ihr aufgeregtes Atmen. Er zuckte zitternd herum und ballte instinktiv die Hände zu Fäusten.

Sie begann wieder zu leuchten. Grellweiß wurde sie. Und dann schossen ihre eiskalten Hände auf seinen Nacken zu. Sie packte ihn mit der Kraft eines wilden Bären.

Er versuchte sich verzweifelt gegen diesen Angriff zur Wehr zu setzen, doch Anja war ungemein stark. Sie konnte ihn mühelos hochheben. Er spürte plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen und zappelte aufgeregt.

»Jetzt!«, schrie ihm die weiße Frau hasserfüllt ins Gesicht. »Jetzt, Micha Plotkin! Hier – zu dieser Stunde – wirst du sterben!«

Obwohl sie lauthals schrie, vermochte nur der Fürst sie zu hören. Niemand sonst im Haus ahnte, was hier auf der Treppe vor sich ging.

Es war ein schreckliches Schauspiel. Die weiße Frau stand hoch aufgerichtet da. Mit ihren Händen hielt sie den großen Mann hoch. Er zitterte und zappelte, versuchte wieder Boden unter die Füße zu bekommen, sein angstverzerrtes Gesicht starrte auf die vielen Stufen hinunter.

Und mit einem Mal holte Anja kraftvoll aus. Wie einen Ball schleuderte sie ihren Mann die Stufen hinunter. Er prallte auf die Treppe und überschlug sich bis zur Halle hinunter mindestens zwanzigmal.

Auf halbem Weg schon brach er sich das Genick. Als er das Treppenende erreichte, war kein Leben mehr in seinem Körper.

Die weiße Frau flog hinter ihm her. Sie umtanzte lachend seinen Leichnam und klatschte begeistert in die milchweißen Hände.

»Nummer eins!«, kreischte sie immerzu. »Nummer eins. Und viele andere Plotkins werden ihm folgen…!«

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911244
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
mystery schrecken

Autor

Zurück

Titel: Dr. Mystery #14: Der sibirische Schrecken