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Kommissare, Killer, Komplizen

von Alfred Bekker (Autor) Horst Bieber (Autor) Horst Weymar Hübner (Autor)

2017 900 Seiten

Leseprobe

Krimi Spannung auf 828 Seiten: Kommissare - Killer - Komplizen

Alfred Bekker et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Kommissare – Killer – Komplizen: Krimi Spannung auf 828 Seiten

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Gesamtumfang: 828 Seiten

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Mord an Bord

Horst Weymar Hübner: Das brennende Paradies

Alfred Bekker: Ein Killer in Marseille

Horst Bieber: Wer erschießt schon eine Leiche

Horst Bieber: Die Kommissarin gibt auf

Horst Bieber: Benthe war ein schönes Kind

Horst Bieber: Die Kommissarin schlägt zurück

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Horst Weymar Hübner  schrieb zahlreiche Thriller.

Horst Bieber wurde mit dem deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

MORD AN BORD 

von Alfred Bekker

Ein Kurz-Krimi von der französischen Mittelmeerküste.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

"Sieh mal, dahinten ist Onkel Jules mit seiner Yacht!" Catherine Laffont deutete mit dem ausgestreckten Arm hinaus auf das glitzernde Mittelmeer. Pierre, ihr Mann, nickte und hielt sich die Hand wie einen Schirm über die Augen.

"Ja", murmelte er zwischen den Zähnen hindurch. "Und das Schönste ist, dass das alles bald uns gehören wird, Catherine! Die Yacht, die Firma, das Aktienvermögen... Alles!"

"Noch ist es nicht so weit, Pierre!"

Pierre zuckte die Schultern. "Das kann schneller kommen, als man denkt. Onkel Jules ist nicht mehr der Jüngste. Eine Bypass-Operation hat er schon hinter sich und letztes Jahr, das mit den Nierensteinen war auch nicht ohne." Pierre lachte hässlich und fuhr fort: "Alles in allem hat er wohl immer schon mehr auf sein Geld geachtet, als auf seine Gesundheit!"

"Da hast du wohl recht! Allerdings könnte er auch auf die Idee kommen, alles an Monique fallen zu lassen... Dann sieht es übel für uns aus."

Pierre seufzte.

Monique, Onkel Jules blutjunge Geliebte war drauf und dran, zu einem Problem zu werden. Wenn sie ihn noch lange bearbeitete, würden die beiden vielleicht sogar heiraten.

Die Yacht kam näher, fuhr geradewegs auf den Strand zu.

"Er kommt dem Strand recht nahe", murmelte Catherine verwundert. Bei einer so großen Yacht war das nicht ungefährlich. Man konnte leicht auflaufen.

Inzwischen waren auch andere Strandgäste auf die Yacht aufmerksam geworden und sahen zu, wie das große Boot immer näher an den Strand herankam. Dann gab es einen scharfen Ruck und ein unangenehmes, knarrendes Geräusch. Die Yacht war auf Grund gelaufen und legte sich schräg zur Seite. Der Wind blies noch immer mit unverminderter Kraft ins Segel und drückte auf einer Seite die Reling ins Wasser.

"Da stimmt was nicht!", meinte Pierre. Denselben Gedanken schien offenbar auch der für diesen Strandabschnitt zuständige Bademeister zu haben. Er stand in seinen dunklen Shorts auf dem Beobachtungsstand und rief wild gestikulierend etwas zu seinen Helfern herunter. Wenig später trug er zusammen mit ein paar anderen Männern ein Schlauchboot zum Wasser.

"Ich muss wissen, was da passiert ist", sagte Pierre und lief hinter den Männern mit dem Boot her. Er stand bereits bis zu den Knöcheln im Wasser, als er sie einholte.

"Lassen Sie mich mitfahren! Da auf dem Boot, das ist mein Onkel!"

Der Bademeister blickte Pierre kurz an, dann nickte er. Der Motor wurde angeworfen und anschließend brauste das Schlauchboot auf die gestrandete Segelyacht zu. Der blonde Bademeister war der erste, der an Bord kam. Seine gewaltigen Muskeln spannten sich, als er sich an der Reling hochzog. Die anderen Insassen hatten etwas mehr Mühe, an Bord zu kommen. Als Pierre es schließlich geschafft hatte, fand er Onkel Jules in der großzügigen Kajüte. Er lag auf dem Boden, so als wäre er gestürzt. Der Bademeister hatte sich über ihn gebeugt und machte Wiederbelebungsversuche. Aber schon nach kurzem gab er auf.

"Es hat keinen Sinn", sagte er. "Dieser Mann ist tot!"

"Sollen wir nicht die Polizei rufen?", fragte der Gehilfe des Bademeisters, ein schmächtiger Junge, der höchstens gerade achtzehn war.

"Nach einem Verbrechen sieht das hier ja nun wohl nicht aus", beeilte sich Pierre, die Sache abzubiegen. Der Junge zuckte die Achseln.

Und der Bademeister schien auch nicht gerade wild entschlossen zu sein, die Angelegenheit von einem Kriminalkommissar untersuchen zu lassen.

"Auf jeden Fall müssen wir jemanden kommen lassen, der die Yacht birgt. Die Leiche können wir mit dem Boot an Land bringen."

2

Alles schien so zu laufen, wie Pierre und Catherine es sich gewünscht hatten. Es gab kein Testament und daher war Pierre, als einziger lebender Verwandter von Onkel Jules auch sein Erbe.

"Wir sind reich", sagte er zu ihr und sie mahnte ihn, seine Freude nicht allzu deutlich zu zeigen. Vor allem nicht in der Öffentlichkeit..."

"Sonst nimmt am Ende doch noch jemand Onkel Jules' Tod genauer unter die Lupe."

Als sie Onkel Jules 12-Zimmer-Villa aufsuchten, trafen sie dort Monique an.

Die junge Frau trug schwarz und war wohl der einziger Mensch weit und breit, der wenigstens so tat, als würde er über Onkel Jules trauern. Denn beliebt war er nicht gerade gewesen.

"Für ein paar Tage kannst du natürlich noch hierbleiben, Monique", meinte Pierre mit großzügiger Geste. "Schließlich stehst du ja jetzt gewissermaßen vor dem Nichts..."

"Keine Sorge", sagte Monique. "Ich habe meine Sachen bereits gepackt und ziehe zu meiner Schwester. Ach übrigens... Ich habe eine Obduktion von Jules Leiche beantragt."

Pierres Augen wurden schmal und Catherine runzelte die Stirn.

"Warum hast du das getan?", fragte Pierre.

"Weil ich wissen möchte, ob Jules einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Meint ihr, ich wüsste nicht, wie lange ihr schon auf seinen Tod gewartet habt? Und wie leicht wäre es gewesen, ihm ein Gift zu verabreichen, das erst dann wirkt, wenn er bereits mit seiner Yacht weit draußen auf dem Meer ist."

"Das ist doch absurd!", rief Pierre.

Monique zuckte die Achseln. "Wirklich? Du warst fast jeden Tag mit ihm zusammen Pierre, und hast Jules bei der Leitung der Firma geholfen. Du kanntest seine Lebensgewohnheiten haargenau und wusstest, dass er bei gutem Wetter immer etwa um dieselbe Zeit hinaussegelte. Und zwar allein, um seine Gedanken zu sammeln."

3

Monique zog noch am selben Tag aus und man hörte nichts mehr von ihr. Inzwischen machten es sich Pierre und Catherine in der großen Villa gemütlich.

Nach etwa einer Woche bekamen sie Besuch von einem Kriminalkommissar.

"Mein Name ist Amery", sagte er. "Und ich untersuche den Tod von Jules Laffont."

"Was gibt es da zu untersuchen?", fragte Pierre nicht gerade freundlich.

"Bei der Obduktion wurde eine Überdosis Schlafmittel festgestellt. Seine Lebensgefährtin sagte uns aber, dass Monsieur Laffont solche Mittel nie genommen hat, was auch plausibel ist, denn er war herzkrank und das betreffende Medikament ist für solche Leute das reinste Gift!"

"Sie meinen, Onkel Jules wurde ermordet?", fragte Catherine.

Kommissar Amery nickte. "Ja. Ich muss Sie bitten mir zu sagen, wer Ihr Hausarzt ist..."

4

"Er wird alles herausfinden!", zeterte Catherine. "Dass ich mir die Schlafmittel von Dr. Dupont habe verschreiben lassen und sie dann angespart habe, anstatt sie einzunehmen..."

"Aber es gibt keinen Zeugen dafür, dass ich Onkel Jules kurz bevor er mit der Yacht ablegte noch einen Drink gemacht habe," verteidigte sich Pierre.

"Das hat alles Monique eingefädelt, diese Schlange!", zischte Catherine.

"Sie weiß nichts!"

"Aber sie wird nicht lockerlassen!"

Pierre rief Dr. Dupont an, aber der sagte nur, dass er sich in die Sache nicht hineinziehen lassen wollte. "Wenn dieser Kommissar Amery hier auftaucht, werde ich ihm die Wahrheit sagen müssen."

Pierre fluchte lauthals, als er den Hörer auf die Gabel knallte. Noch am Abend kam Kommissar Amery mit zwei Kollegen, um Pierre und Catherine Laffont festzunehmen. Allerdings nur wegen Mordversuch.

Pierre runzelte erstaunt die Stirn und Amery sagte: "Ja, Sie haben richtig gehört. Zwar haben Sie beide versucht, Ihren Onkel zu vergiften, aber die Dosis war zu gering. Das gerichtsmedizinische Gutachten sagt eindeutig, dass Jules Laffont nicht an dem Schlafmittel gestorben ist, sondern an den sogenannten Wiederbelebungsversuchen von Laroche, dem Bademeister. Er war der Ex-Freund von dieser Monique. Vielleicht hoffte er, dass sie zu ihm zurückkehren würde, wenn Ihr Onkel nicht mehr am Leben wäre..."

ENDE

Das brennende Paradies

von Horst Weymar Hübner

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

Zum wiederholten Mal brennen die Wälder bei Le Lavandou. Zeitgleich wird eine junge Frau tot aufgefunden. Die vierte Tote in vier Jahren. Während die Touristen, die sich auf den Campingplätzen befinden, um ihr Leben kämpfen, versucht ein junger Polizeibeamter einen Mörder zu fassen.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover by Krzyztof Wiktor/123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Im Halbschlaf nahm er wahr, dass Manon aufstand und den Wohnanhänger verließ. Er vermisste das Rascheln ihres Bademantels und dachte, dass sie wenigstens das Laken hätte umhängen können. Oder das Frotteetuch.

Aber er war viel zu träge, um sich darüber aufzuregen, dass sie nackt hinausgegangen war.

Im Wohnwagen hing schwer und betäubend der Lavendelduft, der von den Blütenfeldern bei Le Lavandou herüberkam und sich mit dem Geruch des Pinienharzes mischte.

Die Türe hätte sie wenigstens zumachen können, überlegte er. Jetzt zieht die verdammte Hitze wieder herein! Und der Lärm der Zikaden ist kaum noch auszuhalten!

Das Schrillen der emsigen Tiere, ihr tausendstimmiges Konzert, drang durch das geöffnete Oberlicht und die halboffene Türe herein.

Irgendwo ging Licht an.

Jean Louis rollte sich auf den Rücken, blinzelte träge zum Oberlicht hinauf und sah auf dem Chromrahmen die sich spiegelnde Helligkeit.

Sie duscht, dachte er. Bei der Affenhitze eine gute Idee, auch wenn’s mitten in der Nacht ist!

Einen Moment erwog er, ebenfalls unter die Dusche im Waschhaus zu gehen. Er beließ es bei der Überlegung und schlief wieder ein, als er das Rauschen des Wassers vernahm.

Nach einer Weile registrierte sein Unterbewusstsein das sanfte Schaukeln des Wohnwagens und das Klappen der Tür, als Manon zurückkam und ihr Lager auf dem heruntergeklappten Bett einnahm.

2

Ein fremder Geruch stach ihm irgendwann in die Nase. Er wurde halbwegs munter.

Seit wann raucht sie denn, wunderte er sich. Und das heimlich? Muss ein böses Kraut sein!

Er schnupperte, öffnete die Augen und sah immer noch das Licht, das sich am Chromrahmen des Oberlichtes spiegelte.

Ärger regte sich in ihm.

Die volle Festbeleuchtung hat sie auch brennen lassen, dachte er. Die Mädchen heutzutage, das ist ’ne ganz besondere Erfindung! Gleich fängt der Dicke von nebenan mit seinem Schimpfen und dem Protest an, watschelt schlurfend zum Waschhaus und dreht das Licht ab. Wetten, dass er sofort loslegt?

Ohne den Kopf zu wenden, sagte er leise: „Drück die verdammte Zigarette aus! Gegen Schnaken haben wir was unter der Küchenspüle.“

Manon gab keine Antwort.

„He, Cherie, die Luft ist schon ...“ Er schaute zu ihr hinüber und hielt verblüfft den Mund.

Sie rauchte nicht. Sie schlief. Ohne Laken.

Das Tuch hing unter ihrem Körper hervor auf den Boden.

Zum Teufel, woher kam dann der Gestank? Die Tür war doch zu!

Manons nackter Körper war von einem schwachen rötlichen Schein übergossen. Hinter der Gardine des großen Heckfensters war es richtig rot.

Hatten irgendein paar Verrückte etwa ein Lagerfeuer entzündet? Trotz der Trockenheit und des ausgedörrten Pinienwaldes? Konnten die Wahnsinnigen nicht die Verbotsschilder lesen?

Jean Louis setzte sich auf, griff nach der geblümten Gardine und schleuderte sie zur Seite.

Allmächtiger! Der gesamte Hang oberhalb des Einganges zum Campingplatz stand in hellen Flammen! Das Feuer hatte die schmale Zufahrtsstraße übersprungen!

Kein Lagerfeuer, nein, einer der gefürchteten Brände, wie sie immer in der heißen Jahreszeit in den Küstenwäldern durch Unachtsamkeit entstanden.

Warum gibt denn niemand Alarm? Das Feuer kommt herunter, der Wind drückt es genau auf den Platz zu!

Voller Schrecken erkannte Jean Louis, dass das Feuer auf einer breiten Front unaufhaltsam vorrückte. In ein paar Minuten musste es das Eingangsgebäude erreicht haben.

Die Gasflaschen! Lieber Himmel, sie hatten dort das Lager für die Gasflaschen!

Wo blieben denn die Leute, die den Nachtdienst versahen und zu spät ankommende Gäste auf den Warteplatz links des Einganges dirigierten? Wahrscheinlich ausgegangen. Mit ein paar flotten Puppen nach Ramatuelle hinüber. Oder sie hockten unten in der Bucht und vergnügten sich im Sand.

Verzerrt und undeutlich hörte Jean Louis jetzt irgendwo jemand schreien.

Vor der Flammenwand bewegte sich ein Wohnwagen. Scheinwerfer blendeten auf. Ein auf dem Warteplatz ausharrender Gast versuchte, sein Fahrzeug in Sicherheit zu bringen. Er kurvte draußen herum, schob den Wohnanhänger gegen den Berg und gegen die Flammen. Das gelbe Lichterpaar kam ins Blickfeld.

„Manon!“, rief Jean Louis. „Manon, wach auf! Der Wald brennt. Das Feuer kommt den Berg herunter.“

Er starrte dabei aus dem Fenster und sah, dass der Autofahrer beim Eingang das Unmögliche seiner Bemühungen eingesehen hatte. Den Berg kam er nicht mehr hinauf, weder vorwärts noch rückwärts. Die Zufahrt war ein wabernder, Flammen erfüllter Kanal. Schwarze Ruß- und Qualmwolken ballten sich und schienen unvermittelt zu explodieren. Rotes, wallendes Feuer schoss hervor.

Der Fahrer kam vom Warteplatz herab, fuhr durch das geschlossene Tor, dass Jean Louis die geborstenen Holzplanken im Scheinwerferlicht trudeln sah, und suchte Rettung auf dem Campingplatz.

Eine gellende, durchdringende Autohupe begann zu plärren.

Die flammende Feuerfront warf ihr Licht auf den Platz. Ein paar verschreckte Gäste rannten herum und zerrten kopflos irgendwelche Gegenstände aus ihren Wohnwagen.

„Manon, Cherie, komm hoch!“, rief Jean Louis nochmals.

Manon räkelte sich gähnend, sog schnuppernd die heiße Luft ein und sah ihn auf dem Bett kauern und aus dem Heckfenster sehen, angestrahlt vom roten zuckenden Flammenschein.

Sie war schlagartig munter, setzte sich auf und schaute fassungslos hinaus.

„Zieh dir was über!“, sagte Jean Louis. „Wir müssen ins Waschhaus. Das ist stabil. Das Feuer ist gleich bei den Gasflaschen.“

Wie hypnotisiert starrte sie auf die Flammenwand. Inmitten der fast zarten Feuerschleier standen gleich grellen Fackeln die entflammten Pinien, die vom Boden bis hinauf zu den äußersten Nadeln brannten. Die Hitze hatte alles zundertrocken werden lassen.

Funken und fliegende Aststücke reichten, um näher zum Platz her dorniges Bodengestrüpp und den Nadelteppich in Brand zu setzen.

An einigen Stellen musste die Hitze so mörderisch sein, dass meterweit entfernte Bäume in Flammen aufgingen, ohne dass Funken übergesprungen wären.

Jean Louis fasste Manon bei den Schultern. Ihre samtweiche warme Haut zog sich unter seinem harten Griff zusammen.

Er rüttelte sie, bis sie aus der Erstarrung erwacht war, und hörte draußen das aufbrandende Geschrei. Die gellende Autohupe hatte die Schläfer hochgetrieben.

Während Manon ihre Wäsche zusammensuchte, fuhr Jean Louis in seine ausgefranste Freizeithose, hatte mit dem nächsten Griff die schmale Ledertasche unter dem Kopfkeil hervorgezogen, wo er sie immer aufbewahrte, und sah dicht am Heckfenster Campinggäste vorbeilaufen. Das war die Richtung runter zur Bucht.

Aufgeregte Stimmen drangen zum Oberlicht herein.

Manon war noch nicht zur Hälfte mit dem Ankleiden fertig, wobei es bei ihr wirklich nicht viel anzuziehen gab, als die Leute zurückkamen. Ihrem Geschrei entnahm Jean Louis, dass der Weg zur Bucht abgeschnitten war und das Feuer bereits von Westen her auf den Platz und seinen Baumbestand übergegriffen hatte!

Eingeschlossen, schoss es ihm durch den Kopf. Das Feuer ist um den Platz herumgelaufen und kommt von Westen und von oben! Wir werden drauf gehen! Entweder von der Hitze oder von den hochgehenden Gasflaschen! Das ist kein Paradies hier, sondern in ein paar Minuten eine verzehrende Flammenhölle!

Er griff Manon beim Arm, die immer noch versuchte, ihre Brüste im Bikini-Oberteil unterzubringen, schnappte nach seinem Hemd und drängte sie rücksichtslos zur Tür.

Geistesgegenwärtig holte er aus dem Spind zwei Jacken und sprang aus dem Wohnwagen.

Der Dicke von nebenan kam eben aus der Tür, starrte auf die Flammenwand, deren Brausen, Knacken und Knallen bereits deutlich zu hören war, und schaute dann auf Manon und die viele Haut, die sie zeigte.

Voller Ärger sah Jean Louis den begehrlichen Ausdruck im Gesicht des Mannes. Er hatte immer gedacht, dass der Mann sich nichts aus Frauen machte. In den fünf Tagen, die sie hier auf diesem besonders ruhigen und schön gelegenen Platz waren, hatte Jean Louis mehrmals adrette Jüngelchen aus dem Nachbarwohnwagen kommen sehen.

Der Dicke jedoch bewohnte den Wagen allein.

Manon hatte sich nach Jean Louis umgeblickt und stieß einen Schrei aus, als sie erkannte, wie nah das Feuer von der Meeresseite her schon vorgedrungen war. Auf dem letzten Stellplatz brannte bereits ein Wohnwagen. Es roch nach Harz, Ruß, Farbe und Gummi.

Die elektrische Leitung, die von Baum zu Baum gespannt war und an jedem Stellplatz eine Steckdose hatte, flammte an einer Stelle hell auf. Knisternd und knallend sprangen Funken. Eine schwache Entladung folgte.

Kurzschluss!

Jean Louis fürchtete, dass bei der auch hier sehr provisorischen Verschaltung und Verkabelung, der gesamte Platz schon ohne Strom war.

Voll grimmigen Humors dachte er, dass sie auch keine elektrische Beleuchtung benötigten. Das Feuer würde ihnen kräftiger leuchten, als ihnen lieb war.

Überall rannten jetzt die verstörten Campinggäste den festen Gebäuden der Platzanlage zu. Instinktiv hatten sie erkannt, dass sich ihnen dort Rettung bot.

3

Ein brausender Wind war aufgekommen, ganz unvermittelt wie ein Gewitter am blauen Himmel. Das war nicht mehr das sanfte Säuseln mit dem Lavendelduft.

Laub wurde mitgerissen, dürre und grüne Piniennadeln flogen, Kerne aus den Zapfen kamen von den Bäumen und prasselten auf die Wohnwagendächer.

Der brausende Wind wuchs, binnen wenigen Sekunden zum Sturm an.

Er blies nicht mehr aus Westen oder vom Berg herunter. Er kam vom Meer, und er wurde verursacht durch den Sog des gewaltigen Feuers, das Sauerstoff heran riss und erhitzte Luftmassen mit den Rauchwolken in die Höhe trieb.

Erlebt hatte Jean Louis ihn noch nie, nur davon gehört. Nach den Erzählungen musste der Feuersturm furchtbar sein!

Zum Meer hin lagen die besten und die meisten Plätze.

Darum war das Waschhaus auch sofort überfüllt. Ein paar Leute versuchten sich noch herein zu quetschen. Sie waren jedoch vernünftig genug, das Unmögliche ihres Unterfangens einzusehen. Sie packten die Tücher fester um den Kopf, mit denen sie sich vor Funkenflug schützten, und rannten weiter in Richtung Restaurant.

Etliche Feriengäste hatten Gefäße zum Waschhaus mitgebracht und begannen, diese zu füllen. Es war immer gut, Wasser zur Hand zu haben. Wer konnte schon wissen, ob die Wasserleitung das Feuer überstehen würde?

Manon war irgendwo eingekeilt. Man hatte den Frauen die Innenräume und Duschzellen überlassen.

Die Männer drängten sich dicht bei dicht im Vorraum und im Türeingang.

Jean Louis befand sich unter ihnen. Er konnte von seinem Platz aus sehen, dass das Feuer jetzt schon an vier Stellen auf die Campinganlage übergegriffen hatte.

Der Wohnwagen ganz unten in der Reihe stand in hellen Flammen. Die berußten Scheiben platzten von der, im Innern wabernden Feuerhölle heraus. Schwarze Kunststoffrußwolken schlugen in die Äste über dem Wagen, sie entzündeten sich explosionsartig und ließen die Nadeln und Zweige sofort hell auflodern.

Mit Windgeschwindigkeit rasten die Flammen durch das Geäst, sprangen im Sturmsog auf den nächsten Baum über und ließen Äste und glühende Rindenstücke auf einen anderen Wohnwagen und das dabei geparkte Auto herabregnen.

Ein gewaltiges Bersten und Klirren übertönte das Brausen des Feuersturmes und das Knallen der brennenden Bäume.

Entweder hatten die in Panik geratenen Gäste eines der großen Panoramafenster des Restaurants eingedrückt, oder eine dieser Scheiben war in der gewaltigen Hitze geplatzt.

Wenn das Feuer schon dort ist, dachte Jean Louis besorgt, dann ist es schlimm! Dort befindet sich die Telefonzentrale! Hoffentlich haben sie noch Anschluss bekommen, bevor das Feuer die Leitung zerstört hat!

Draußen hastete ein junger Mann vorbei, der zu dem Verwaltungsteam des Platzes gehörte und immer die dezenten Lautsprecherdurchsagen machte.

Man war hier sehr familiär, und der junge Mann war allgemein unter dem Namen Philippe bekannt.

Jean Louis’ dicker Nachbar, eingekeilt und schwitzend, erspähte an zwei Köpfen vorbei den rennenden Philippe, brach sich zornig schnaufend Bahn nach draußen und brüllte empört: „Ich werde die Platzhaltung verklagen, Monsieur! Warum wurde kein Alarm gegeben? Sie, ich bin mit dem Abgeordneten Bicheron verwandt, ich werde diesen Skandal vor die Kammer bringen lassen. Die Verantwortlichen wird man zur Rechenschaft ziehen, darauf können Sie sich verlassen! An den Schadenersatzsummen können noch Ihre Enkel nagen und ...“

Eine schmetternde Explosion riss den Wohnwagen auf dem untersten Stellplatz auseinander und fetzte das glühende Gestänge in alle Richtungen.

Ein merkwürdiges Schwirren war in der Luft. Es kam unheimlich schnell näher.

Das Gas!, dachte Jean Louis voller Entsetzen. Die Druckflaschen! Sie sind nicht nur im Lager, sie stecken auch in den Deichselkästen der Wohnanhänger!

Das Schwirren endete wie abgeschnitten.

Etwas fiel gegen Jean Louis’ Schulter, und ein feiner Sprühregen schoss ihm ins Gesicht.

Dann klirrte ein Metallstück auf den gefliesten Boden des Vorraumes.

Verständnislos schaute Jean Louis auf den stehengebliebenen Philippe und dorthin, wo vor einer Sekunde noch der Dicke gezetert und mit seinem Verwandten gedroht hatte.

Der Dicke war fort.

Nein, doch nicht.

Sein Körper war noch da und sackte jetzt eben zu Boden. Der Kopf war fort.

Jean Louis begriff nur mühsam, was ihn an der Schulter getroffen hatte.

Ein Sprengstück aus der explodierten Gasflasche hatte dem Dicken den Kopf abgeschlagen!

Es war gut, dass er eingekeilt war.

Der Sprühregen, das war Blut gewesen. Er wischte sich dennoch zweifelnd übers Gesicht und hob die Hand vor die Augen, um im Schein des brüllenden, röhrenden Feuers nachzuprüfen, was es war.

Die Hand war rot. Es war ein hässliches, schmieriges, klebriges Rot.

Ihm wurde so miserabel wie nie zuvor in seinem Leben.

Den Umstehenden ging es nicht viel besser. Einer übergab sich rülpsend, ein anderer fluchte erschreckt.

Philippe war bei dem schmetternden Knall zusammengefahren. Jetzt besann er sich darauf, dass ihn die Trümmer der nächsten hochgehenden Flasche treffen konnten.

Er warf noch einen Blick auf den enthaupteten Mann, warf sich herum und jagte davon wie von tausend Teufeln gehetzt.

Kaum war er hinter einem Wohnwagen mit Metallhaut aus dem Blickfeld geraten, erschütterte eine ungeheure Detonation den Campingplatz, deckte Ziegel vom Waschhaus ab, ließ Scheiben klirrend zusammenfallen und brachte den Boden zum Wanken.

Zischend schoss Wasser aus einer geborstenen Leitung.

Unmittelbar auf den Knall folgte die Druckwelle. Sie blies das halbe Dach fort, weil sie in die Löcher der fehlenden Ziegel packen konnte, drückte die rückwärtigen Fenster ein, stieß die Mauer mit den anmontierten Spülbecken um und packte die Wohnwagen.

Der Anhänger mit der Metallhaut, in der sich die Flammen spiegelten, wurde zusammengeknittert und gegen einen Baum geschoben.

Zwei andere stürzten um, als seien sie von einer Mauer gekippt.

Ein anderer legte sich schräg gegen ein Auto, verformte sich etwas und ließ die Tür auffliegen.

Mit der verheerenden Druckwelle kamen brennende Äste, glimmende Nadeln und Borkenstücke. Im waagerechten Flug zischten sie längs des Waschhauses vorbei und setzten Bäume und nadelbedeckten Boden in Brand und Glut.

Der ungeheure Explosionsdruck hatte vier, fünf lichterloh brennende Pinien einfach ausgeblasen. Für ein paar Augenblicke rauchten und qualmten sie, dann flammten sie wieder auf. Die heißen Holzgase hatten sich an Glutnestern entzündet.

Der Boden begann zu rauchen. Der braune Nadelteppich begann sich durch die ungeheure Hitze selbst dort zu entzünden, wo keine Funken gelandet waren.

Jean Louis begriff langsam, dass das große Gasflaschenlager beim Platzeingang explodiert war. Oder ein Teil davon.

Er wagte gar nicht daran zu denken, wie es dort und im näheren Umkreis aussehen mochte.

In das unheimliche, hohle Prasseln des Feuers und das Brausen des Sturmes mischten sich die Schreie von Verletzten und gellende Rufe von Menschen, die irgendwo eingeklemmt waren und vor den heranrasenden Flammen nicht weglaufen konnten.

Warum kommt denn keine Feuerwehr?, dachte Jean Louis in dumpfer Verzweiflung. Die Mauern halten nicht mehr lange! In dieser Hitze bersten sie, und von oben fällt das

Feuer jetzt schon herein! Wir verbrennen alle bei lebendigem Leib!

Es kam ihm verrückt vor, auf die Uhr zu schauen.

Er dachte an einen Irrtum, als er sah, dass seit dem Moment, als er das Feuer am Berghang entdeckt hatte, noch keine Viertelstunde vergangen war.

Er hoffte inständig, dass den Wehren Flügel wuchsen.

Das gewaltige Feuer musste weit über Le Lavandou im Westen hinaus zu sehen sein. Und im Osten die Küste entlang bis Cavalaire sur Mer. Vielleicht sogar bis hinüber zu den Inseln von Hye res.

Wenn Jean Louis Delorme gewusst hätte, dass in dieser Nacht entlang der Straße Nr. 559 an drei anderen Plätzen verheerende Waldbrände ausgebrochen waren und mit den Flammen und Rauchwolken die gellenden Todesschreie bei lebendigem Leibe verbrennender Menschen zum Himmel stiegen, er hätte seine Hoffnung auf Hilfe und Rettung von draußen begraben.

Die Feuerwehren aus Le Lavandou konnten nur eine Brandstelle erreichen. Danach war die Straße durch ein brausendes Feuermeer blockiert, das aus den Pinienwäldern der Küste kam und in die Maronenwälder hineinschlug.

Die Telefonverbindungen nach La Mole und Ramatuelle waren unterbrochen.

Die rasch zusammengetrommelte freiwillige Wehr aus Le Canadel kam überhaupt nur bis an den Ortsrand. Ein Gemüselastwagen auf dem Weg nach St. Tropez hatte kurz vor Le Canadel eine über die Straße springende Feuerwalze durchstoßen und war dabei in Brand geraten und in die Tankstelle gerast.

Den Weinbauern von Le Canadel war das Hemd näher als die Jacke.

Sie versuchten den Lastwagen zu löschen, bevor die Tankanlage in die Luft flog und ihren Ort in Schutt und Asche legte.

Sie sahen weiter entfernt die brennenden Pinienhänge. Die Schreie der Sterbenden hörten sie nicht.

4

Kommissar Grossart war jetzt noch mehr zerknautscht als tagsüber. Er schien in Hemd, Hose und Jacke geschlafen zu haben und schaute mürrisch und unzufrieden drein.

Blaise, das Faktotum, stellte ihm eine Flasche Anisschnaps auf den lädierten Schreibtisch und ging hinaus, um eine Kanne Wasser zu holen.

Missbilligend blickte Grossart auf die Flasche und den Schreibtisch. Vor zwanzig Jahren hatte er erstmals einen neuen beantragt, nachdem sein Vorgänger den Kampf mit der Bewilligungsstelle aufgegeben hatte.

Grossart hatte nicht klein beigeben wollen. Seit zwanzig Jahren löcherte er alle paar Monate die Departementverwaltung. Die Leute dort hatten sich mittlerweile ein sehr dickes Fell zugelegt. Die ersten beiden Anträge hatten sie noch schriftlich und sehr höflich abgelehnt. Neue Schreibtische für Außenstellen waren nicht vorgesehen.

Danach waren nicht mal mehr schriftliche Ablehnungen gekommen.

„Hocken sich Schwielen an den Hintern“, brummte Grossart ungnädig.

Schwacher Protest kam aus Richtung Tür. Nicht von Blaise, der widersprach grundsätzlich nie. Roger Jacot war’s, der Neue. Eine Erwerbung, die nach Cannes oder Nizza oder nach St. Tropez gepasst hätte.

„Ich habe mir keine Schwielen an den Hintern gesessen, sondern war dienstlich unterwegs“, erwiderte Jacot. „Wie Sie es mir aufgetragen haben. Blaise hat mich zufällig unten aufgegabelt, als ich gerade nach Hause gehen wollte.“

Die hochgezogenen Augenbrauen Grossarts drückten schlechte Laune aus. „Sie sollten am Mann bleiben und nicht nach Hause gehen. Das habe ich Ihnen aufgetragen.  Ah, wie aus dem Ei gepellt. Sogar bei dieser Hitze. Ihnen wird noch viel wärmer werden, wenn Sie die Schweinerei vernehmen, die man uns eingebrockt hat.“

Jacot war ganz konzentrierte Aufmerksamkeit und gespannt darauf, Einzelheiten der Schweinerei zu erfahren.

Doch Grossart legte keine Eile an den Tag. Seit man ihm vor einem Jahr eine provinzielle Schwerpunktabteilung zur Verbrechensbekämpfung aufgehalst hatte, natürlich ohne höhere Bezahlung, aber dafür mit zwei zusätzlichen Kräften , war er zu einer langsameren Gangart übergegangen.

Man hatte Jacot bei der Verwaltung einen diesbezüglichen Wink gegeben, aber gleichzeitig hinzugefügt, dass Grossart dennoch ein höchst verdienstvoller Mann war und man mit ihm arbeiten konnte, wenn man seine Mucken ignorierte, oder sich auf sie einstellte.

Das war vor vier Wochen gewesen, als Jacot hierher ins Departement Var abgeschoben wurde.

Grossart fischte eine zerknitterte Zigarettenschachtel aus der Jackentasche und klopfte sich eine Gauloise aus der Packung. Tabakkrümel rieselten auf die abgewetzte und zerkratzte Schreibplatte.

Hingebungsvoll steckte der Kommissar die Zigarette an, blies den Rauch nach Jacot und zog aus einer der nicht mehr verschließbaren Laden eine Gebietskarte.

Jacot räusperte sich dezent und beugte sich vor. Aber Grossart deckte die fleischige Hand auf das Blatt, hängte sich die Zigarette in den Mundwinkel und sagte muffelnd: „Eins nach dem Anderen, lieber Jacot. Was haben Sie über Emile herausgebracht?“

Jacot rückte die dezent gemusterte Krawatte zurecht. „Ich blieb am Mann, wie Sie sagten“, antwortete er. „Oder besser an der Frau.“ Grossart klappte den Mund auf. Die Zigarette blieb an der Unterlippe kleben. Seine Augen nahmen einen unsagbar verwunderten Ausdruck an.

„Frau, lieber Jacot?“, murmelte er schließlich dumpf. „Ich hoffe doch nicht, dass Sie was mit der Bürgermeisterin angefangen haben!“

Das hätte ihm gerade noch gefehlt! Der Bürgermeister hatte vor einem Jahr einen gewaltigen Krach geschlagen, als bekannt wurde, dass die Polizeistation von La Mole zur Schwerpunktabteilung ausgebaut wurde.

Der vierschrötige Mann hatte sich sehr heftig aufgeführt und behauptet, das sei alles eine bodenlose Unverschämtheit. Und wie er jetzt vor den anderen Bürgermeistern dastehen würde! Alle würden doch denken, dass die Bewohner von La Mole durchweg hochkarätige Halunken und Gauner seien und besonderer Polizeiaufsicht bedürften.

Nur mühsam hatte Grossart dem Mann klarmachen können, dass die Maßnahme weder gegen die Bewohner, noch gegen La Mole gerichtet war, und schon gar nicht gegen das Ansehen des Bürgermeisters, sondern gegen die international zusammengesetzten Banden, die zur Ferienzeit an der Cöte d’Azur auftauchten und die Villen, Tresore und Schmuckschatullen der Reichen ausplünderten.

Lange Zeit hatten diese Banden von den großen Ferienorten aus operiert. Nizza, Cannes, St. Raphael, Ste. Maxime, Port Grimaud, St. Tropez und wie sie alle bis hinüber nach Toulon hießen. Sonderabteilungen der Polizei hatten diesen Banden eingeheizt und das Leben schwer gemacht.

Beweglich, wie die Halb und Unterwelt nun einmal war, hatte sie sich aus den großen Orten zurückgezogen und damit begonnen, von kleinen Orten aus ihre Raubzüge zu planen und auszuführen. Man hatte abgelegene Landhäuser angemietet oder aufgegebene Bauernhöfe gekauft. Das Verbrechen hatte sich in die Provinz zurückgezogen und schlug mit blitzschnellen Aktionen in den großen Ferienorten zu. In den kleinen Orten im Hinterland der Küste waren die Halunken sicher. Die dortigen Polizeistationen waren den Schachzügen der Gauner nicht gewachsen.

Um den angeschlagenen Ruf der Küste aufzupolieren und die verprellten Reichen zu besänftigen, hatten sich die Präfekten dazu entschlossen, die ländlichen Stationen aufzustocken und die Gaunerbanden sozusagen vom Hinterland her aufzurollen.

In Grossarts Bezirk hatte sich Emile, der Korse, niedergelassen. Er hatte eine Ferme, einen Hof, gekauft und wurde dringend dreier Brüche verdächtigt, die die Schickeria von St. Tropez in begreifliche Unruhe versetzt hatten.

Nur  gefunden hatte man bei Emile nicht ein Beutestück. Grossart hatte ihn zähneknirschend laufenlassen müssen.

Bis dann vor fünf Wochen die Villa der Maharani von Nampur ausgeräumt worden war. Die Maharani hatte den stolzesten Besitz von La Mole gekauft.

Für den Bruch kam nur Emile, der Korse, in Betracht.

Grossart hatte ihm wieder nichts nachweisen können. Und da hatten sie ihm Jacot geschickt. Einen überaus tüchtigen Mann, wie es geheißen hatte.

Die Tüchtigkeit äußerte sich jedoch nur in einigen Affären, die Jacot mit etlichen Frauen des Ortes hatte. Sehr zum Ärger der Bürgermeisterin, die gewissermaßen das angestammte Recht besaß, mit neu zugezogenen Männern etwas anfangen zu dürfen.

Ganz La Mole wusste, dass sie fremdging. Man sprach nur nicht darüber, denn der einzige ahnungslose Mensch, schien der Bürgermeister selber. Und der galt als gewalttätig und grob.

„Sie hat mich schon zweimal zum Abendbrot eingeladen“, erklärte Jacot pflichtschuldig. „Ich bin natürlich nicht hingegangen. Sie wird mich für ungalant halten.“

„So?“, bellte Grossart, balancierte die Zigarette in den Mund und machte zwei Züge. „Sie sind auch nicht als Liebhaber der Bürgermeisterin angestellt, sondern als Emiles Schatten. Entweder wir erwischen ihn eines Tages, oder er zieht fort, weil wir ihm lästig werden.“

„Wir haben ihn“, sagte Jacot trocken.

Grossart lauschte den Worten, als könnte er sie nicht fassen. Sollte Jacot doch so tüchtig sein, wie man ihm angekündigt hatte?

„So, wir haben ihn also! Und wo, bitte?“ Er faltete die Hände über der Karte.

„Ich habe mir erlaubt, ihn unten einzusperren. Blaise hat den Schlüssel“, erklärte Jacot. „Als Sie sagten, es könnte nur Emile sein, der den Bruch bei der Maharani gestoßen hat, fiel mir ein, dass er sich nie hat etwas nachweisen lassen. Da habe ich mich eben ins Café gesetzt.“

„Café? Ich verstehe nicht recht“, sagte Grossart verblüfft.

„Emile hat was mit der Serviererin“, erklärte Jacot geduldig. „Ich habe ihn beobachtet, er hat ihr nie auf den Hintern geklopft. Also musste das etwas zu bedeuten haben.“ Grossart bekam einen dicken Hals. Er hatte der adretten Denise auch schon hinten drauf getätschelt. „Und weiter?“, fragte er dumpf.

„Vor zwei Stunden kam er wieder und ging mit dem Mädchen weg. Es hat ein Zimmer hinter der Bürgermeisterei.“ Jacot versuchte, seinem Gesicht einen bedeutungsvollen Ausdruck zu verleihen.

„Wird ja wohl öfter vorkommen, dass einer mit seinem Mädchen aufs Zimmer geht, oder?“, bellte Grossart, dessen Nerven strapaziert wurden. War dieser verdammte Jacot vielleicht ein Umstandskrämer!

„Emile ist sonst nie zur Nacht ins Café gekommen“, berichtete Jacot. „Es hat mir nicht gefallen, darum bin ich den beiden hinterher. Emile hat sich von dem Mädchen einen Koffer und ein paar zusammengeschnürte Bilder geben lassen. Darum war auf der Ferme nichts zu finden.“

„Verreck!“, stieß Grossart hervor. „Darauf soll ein Mensch kommen! Wo ist das Zeug jetzt?“

„Blaise hat alles weggeschlossen. In den Weinkeller, glaube ich.“

„Die Gemälde der Maharani bei den Spinnen im Weinkeller!“ Grossart rang ächzend die Hände. „Es sind doch die Gemälde?“

„Es sieht so aus“, räumte Jacot ein. „Auch der Schmuck scheint noch vollzählig vorhanden.“

„Mann, geben Sie sich nicht so bescheiden!“, lärmte Grossart jovial. „Endlich können wir was vorzeigen. Das ist die beste Nachricht seit Jahren. Ich werde Ihren Leuten gratulieren, dass man Sie ausgerechnet zu mir versetzt hat.“

Jacot zuckte etwas zusammen und meinte dann mit flacher Stimme und gar nicht sehr laut: „Ich glaube, man ließ mich sehr gern gehen.“ Grossart war bestimmt nicht das, was man sich unter einem Kommissar an der Cote d’Azur vorstellt, gewinnend, immer gutgelaunt, und Tag und Nacht geschniegelt. Er besaß andere Qualitäten. Vor allem ein Gehör für Untertöne.

„Ach?“, machte er darum. „Dann war der Abschied nicht sehr herzlich, was?“

„In der Tat nicht“, gestand Jacot kleinlaut. „Ich hatte einen getarnten Massageclub entdeckt und ließ ihn hochgehen. Leider war er sehr gut besucht, und die Prominenz aus Beifort war äußerst ungehalten, als sie sich ausweisen musste. Zu meinem Pech war auch der Bruder meines Chefs unter den Gästen.“

Grossart war schon zu lange dabei, als dass ihn ausgerechnet dieser Umstand hätte sprachlos werden lassen. Mochte Jacot diese ins Auge gegangene Aktion als Unglück betrachten, er hatte hier schon ganz andere Sachen erlebt. Das Leben war ruppig. Das eines Polizisten ganz besonders.

„Also abgeschoben“, knurrte Grossart, und die Welt war wieder im Lot. „Das ändert aber nichts daran, dass Sie das Etablissement enttarnt haben, mein lieber Jacot. Jetzt haben Sie den Schmuck und die Bilder der Maharani herbeigeschafft, so Gott will und das Zeug nicht aus einem anderen Bruch stammt.“ Er nahm die Hände auseinander, fegte Tabak und Asche von der Karte und tippte mit dem Zeigefinger auf das Papier. „Probieren Sie Ihre Fähigkeiten an dieser Sauerei aus.  Kommen Sie her!“

„Und Emile, der Korse?“, fragte Jacot peinlich berührt.

Ungeduldig winkte Grossart ab. „Den knöpfe ich mir schon vor. Fragen Sie nicht, wie! Keine Sorge, ich werde schon nicht vergessen, dass' Sie ihn einkassiert haben.“

Roger Jacot ging hinter den altertümlichen Schreibtisch und schaute auf die Karte und den Punkt, den Grossarts Finger markierte. Es war eine Stelle auf halber Strecke zwischen La Mole und Cogolin an der Nationalstraße Nr. 98.

Die Straße beschrieb dort einen sanften Bogen nach Nordwesten in die Monts des Maures hinein und begleitete den Fluss, der unterhalb des Col de Babaou entsprang und bei Port Grimaud in den Golf von St. Tropez mündete.

Der markierte Punkt lag etwa vier Kilometer von La Mole entfernt.

„Und was ist dort los?“, fragte Jacot vorsichtig.

„Ein Mord, der als Unfall getarnt wurde“, bellte Grossart und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Schon wieder einer!“

Jacot rückte an seiner Krawatte. „Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht folgen“, sagte er dumpf. „Es gab dort demnach schon mehrere?“

„Das können Sie mir glauben“, versicherte der Kommissar. „Jedes Jahr zu Beginn der Ferienzeit. Es fing vor vier Jahren an. Irgendein Verrückter, der es auf ausländische Touristinnen abgesehen hat.“

„Und wie erfahren Sie mitten in der Nacht davon?“

„Die Straßenpolizei hat die Tote gefunden und einen Motorradfahrer hergeschickt. Wir waren alle schon gespannt, ob er wieder zuschlagen würde. Immer in meinem Bezirk, immer zwischen La Mole und Cogolin. Eine Rücksichtslosigkeit ist das! Meine Magengeschwüre werden aufbrechen.“

„Das tut mir leid“, beeilte sich Jacot zu versichern.

„Was gehen Sie meine Magengeschwüre an?“, brauste Grossart auf und nuckelte an der Zigarette. „Schwingen Sie sich in Ihr Auto und fahren Sie hin. Die Routiers warten an der Stelle. Nach den Papieren ist es eine Engländerin, von einem unbekannten Fahrzeug überfahren. Sie soll aber Brandverletzungen aufweisen, die nicht von dem Fahrzeug stammen können. Machen Sie sich einen passenden Vers darauf, ich kann es nicht. Vielleicht fehlt mir die nötige Phantasie.“

„Fällt Mord überhaupt in unsere Zuständigkeit?“, vergewisserte sich Jacot. Das Unbehagen stand ihm im Gesicht geschrieben.

„Vorläufig ja“, brummte Grossart. „Lassen Sie die Tote nach Cogolin bringen, die sind besser eingerichtet. Die persönliche Habe und was sonst vorhanden ist, eignen Sie sich an und kommen damit hierher. In, sagen wir“,  Grossart zerrte eine altertümliche Silberzwiebel mit Sprungdeckel an der Kette aus der Tasche und schaute darauf: „zwei Stunden. Das wäre ein Uhr früh.“

„Ich werde sehen, was sich machen lässt“, seufzte Jacot. „Der Dienst war an und für sich schon um sieben Uhr zu Ende.“

Grossart schaute den Untergebenen mit einem Blick an, der verriet, dass er jede weitere Aufsässigkeit im Keime ersticken würde. „Bei mir sind Sie immer im Dienst, Tag und Nacht, merken Sie sich das. Und jetzt ab!“

Jacot hob ergeben die Achseln und setzte sich in Bewegung. Er war noch nicht durchs halbe Zimmer gegangen, als die Tür aufgerissen wurde und Blaise mit der Wasserkanne hereinstürmte.

Er hielt das Gefäß so schräg, dass Wasser herausfloss und auf den Boden plätscherte.

„Grossart“, sagte er keuchend und ohne Förmlichkeit, weil er so alt war, dass er sich diese sparen konnte. „Es geht wieder los! Die Wälder an der Küste brennen von einem Ende bis zum anderen. Ein Wagen von der Forstverwaltung St. Tropez war gerade hier. Die Küstenstraße ist mehrfach unterbrochen. Da soll kein Mensch mehr durchkommen.“ Voller Wut haute Grossart auf den Schreibtisch, der bedrohlich knackte. „Ein Unglück kommt bekanntlich nie allein! Sieht nicht gut aus, was? Sind die Feuerwehren draußen?“

Blaise hob die Schultern. „Es gibt keine Verbindungen. Die ganzen Feriencamps sind vollgestopft bis zum letzten Platz.“

„Mit anderen Worten müssen wir wieder versuchen, entlang der Achtundneunzig das Feuer zu stoppen, sobald es heran ist! Merde, Scheiße!“, sagte Grossart derb. „Jacot, Sie hören ja, dass der Teufel los ist! Ich kann Ihnen keine zwei Stunden geben, sondern nur eine. Zischen Sie endlich ab, Mann!“

In Jacots Kopf wirbelten die Gedanken. Von den fürchterlichen Waldbränden an der Cote d’Azur hatte er genug gehört. Eine Vorstellung davon, wie schlimm sie wirklich waren, hatte er nicht.

Die Gesichter von Blaise und Grossart verrieten ihm, dass seine Phantasie gar nicht ausreichte, sich das Ausmaß der Katastrophe auszumalen.

„Gibt es die Brände jedes Jahr?“, fragte er und fügte erläuternd hinzu: „Weil Sie sagten, wir müssten das Feuer wieder stoppen!“

Grimmig nickte der Kommissar. „Jedes Jahr!“, bestätigte er. „Und immer entlang der Küstenstraße! Der Teufel soll es holen!“

5

Jacot, der Neue, verließ die Station, die in einem verblichenen Weingut untergebracht war.

Während er seinen Wagen holte, formten sich allerlei Ideen in seinem Kopf. Roger Jacot beschritt mitunter sehr unkonventionelle Wege für einen Kriminalisten. Emile, der Korse, und die Prominenz von Beifort hatten das bereits zu spüren bekommen.

Der Himmel im Süden zur Küste hin war glutrot. Der harzige Rauch eilte den Bränden weit voraus und drang durch sämtliche Ritzen des klapprigen Wagens, den Jacot stolz sein eigen nannte.

Jacot ertappte sich dabei, dass er mehr zu den Bergen schaute als nach vorn auf die Fahrbahn, die vom Licht der Scheinwerfer aus der Dunkelheit gerissen wurde.

Dann und wann roch es noch würzig nach Thymian und Lavendel, aber der Rauch wurde mächtiger und überlagerte schließlich alles.

Jacot bildete sich ein, dass der Nachtwind vom rechten Fahrbahnrand, aus dem verdorrten gelben Gras, sogar schon Ascheflocken trieb.

Irgendwo da vorne muss es sein, dachte Jacot und schaute wieder zu den Küstenbergen. Aus einem Taleinschnitt stieg ein ferner Funkenregen. Es sah aus wie ein großartiges Feuerwerk.

Das Schauspiel nahm Jacot derart gefangen, dass er am rechten Fahrbahnrand die Bewegung nur undeutlich wahrnahm.

Instinktiv aber trat er voll auf die Bremse und mutete damit seinem Wagen allerhand zu. Das Fahrzeug brach nach links aus und kam knapp vor dem jenseitigen Fahrbahnrand zum Stehen.

Jacot war schon draußen. Der Gestank von verbranntem Gummi stieg ihm in die Nase.

Vor dem glutroten Feuerhimmel bewegte sich eine Gestalt.

Jacot fingerte die flache Taschenlampe aus der Jacke, die er vorsorglich eingesteckt hatte, und knipste sie an. Der Lichtstrahl riss eine Gestalt aus der Nacht, die im ersten Moment wie eine Fledermaus wirkte.

Dann erst erkannte Jacot, dass er einen Priester mit einem Fahrrad vor sich hatte.

Der Mann musste auf dem Weg dahergekommen sein, der von den Küstenbergen herunterführte und hier auf die Straße mündete. Natürlich hatte er kein Licht am Fahrrad.

Jacot begann nachträglich zu schwitzen, als er daran dachte, dass er um ein Haar den Geistlichen überfahren hätte. Andererseits war der auch ganz schön leichtsinnig gewesen.

Der Priester in seinem geknöpften Rock hob schützend die Hand vor Augen und schirmte den Lichtstrahl ab. Jacot sah Brillengläser blitzen. Die Baskenmütze des Geistlichen war verrutscht und gab dichtes graues Haar in sorgfältig gelegten Locken preis.

Dieser Anblick ließ Jacot etwas schmunzeln. Priester waren auch nur Menschen.

Er löschte die Taschenlampe und sagte: „Ich habe Sie nicht gesehen, tut mir leid!“

„Es war wohl mein Fehler“, erwiderte der Geistliche. „Ich bin in großer Eile. Die Wälder an der Küste stehen in Flammen.“

„Wir wissen es bereits“, sagte Jacot. Mann, dachte er, der muss ordentlich in die Pedale getreten haben! Der keucht ja wie eine alte Lokomotive mit Dampfbetrieb!

Um dem Geistlichen ein paar Freundlichkeiten als Gegenleistung für den ausgestandenen Schrecken zu bieten, fügte er hinzu: „Ich kann Ihnen gerne einen Weg abnehmen. Ich komme aus La Mole. Ich bin von der Polizei, wissen Sie.“

„Polizei?“, sagte der Geistliche immer noch heftig keuchend. „Nein, nein, danke, ich komme schon zurecht. Ich bin auf dem Weg nach Cogolin. Ich bin der Pfarrer von Ferrat. Nett, dass Sie sich bemühen.“

„Sie sind völlig in Ordnung?“, vergewisserte sich Jacot.

„Absolut“, bestätigte der Geistliche. Er schob sein Rad an, trat aufs Pedal und schwang sich in den Sattel.

Merkwürdiger Vogel!, dachte Jacot. Wenn er sich nicht helfen lassen will, ich dränge mich keinem auf!

Er hörte in der Nacht den davon radelnden Priester.

Erleichtert kehrte er zu seinem Wagen zurück, dessen Motor er bei dem heftigen Bremsmanöver abgewürgt hatte. Nach dem dritten Startversuch kam die Maschine.

Jacot legte den Gang ein und brachte das Fahrzeug auf die rechte Fahrspur zurück. Nach zweihundert Metern holte er den Geistlichen ein.

Nicht einmal ein Rücklicht, dachte Jacot. Er hupte, als er vorbeizog.

Der Geistliche wedelte mit der Hand.

Wird der noch einen Schreck kriegen, wenn er gleich an der Stelle vorbeikommt, wo die Routiers mit der Toten sind, dachte Jacot und blendete auf.

Nach zwei Kilometern schwenkte die Straße nach links. Auf der rechten Seite rückte der Fluss nahe an die Böschung heran, verschwand dann aber in der Dunkelheit.

Im Scheitelpunkt der wieder nach Nordosten zurückschwingenden Straße standen die Routiers. Drei Motorradfahrer und eine zweiköpfige Wagenbesatzung.

Sie winkten Jacot mit Rotlicht an die Seite.

Er hielt grinsend auf sie zu und stoppte den Wagen erst, als der Polizist mit der roten Leuchtkeule Anstalten traf, zur Seite zu springen.

„Sie, Sie!“, schnaubte der Mann, als er den Kopf zum Seitenfenster herabbeugte. Seine Stimme zitterte vor verhaltenem Grimm.

„Jacot von der Schwerpunktabteilung, Bezirk La Mole“, sagte Jacot eilig, bevor der Polizist ihn vielleicht beim Jackenkragen packte. „Ich wurde hergeschickt.“

„Können Sie auch gleich sagen!“, raunzte der Routier. „Grossart macht die Arbeit wohl nicht mehr selber. Oh, Sie sind der Neue, stimmt’s? Na, dann kommen Sie mal! Hoffentlich haben Sie Nerven! Bei den Neuen weiß man das vorher nie.“

Er trat zur Seite, damit Jacot Platz hatte, aus dem Wagen zu steigen.

Die anderen Routiers hatten auf dem Sprung gestanden, um ihrem Kameraden beistehen zu können, falls es erforderlich war. Nächtliche Autofahrer waren für manche Überraschung gut. Besonders dann, wenn sie einen zu viel zur Brust genommen hatten.

Jacot ging zu dem Wagen hinüber und stellte sich den Männern vor.

Die Motorradfahrer waren von der Station aus Cogolin, wie sie ihm sagten, und die Wagenbesatzung aus Cogolin. Aber alle fünf waren sichtlich in Eile. Aus dem Polizeiwagen quäkte und krachte unentwegt das Funkgerät.

Zwei der Männer schalteten große Lampen ein, die sie am Straßenrand aufgebaut hatten.

Jacot entdeckte den mit Kreidestrichen markierten Fleck auf der Straße. Es war keine Blutlache.

Danach wandte er seine Aufmerksamkeit dem Bündel zu, das von einer Decke verhüllt halb auf der Böschung lag.

„Ich habe sie entdeckt“, sagte der Routier, der an Jacots Wagen gekommen war. „War glatter Zufall. Sonst hätte man sie erst am Morgen gefunden.“

Jacot schlug einen Zipfel der Decke zurück.

Etwas begann seinen Hals zu würgen. Er verspürte einen Druck auf den Magen und merkte, dass ihm die Knie weich wurden.

Die junge Frau war entkleidet, über und über mit Brandverletzungen bedeckt und fast kahl. Die Haare waren verbrannt, die Ohren angekohlt.

Vorsichtig lüftete er die Decke weiter an.

Die Frau musste von dem unbekannten Wagen voll getroffen worden sein. Jacot entdeckte offene Brüche vom Schlüsselbein bis hinab zum Knöchel. Aber kaum Blut.

„Der Saukerl ist natürlich abgehauen“, erklärte ein Routier. „Aber seinen Wagen muss es ganz nett zusammen gebeult haben. Vielleicht erwischen wir ihn, wenn wir morgen früh gleich alle Werkstätten erreichen.“

Jacot verstand etwas von menschlicher Anatomie und schüttelte den Kopf.

„Die Werkstätten können Sie streichen“, sagte er dumpf und deckte die Leiche zu. „Sie war schon tot, als sie überfahren wurde. Sie ist nicht gegen ein Auto gelaufen, sondern hat schon auf der Straße gelegen, und der Wagen muss mehrmals über sie hinweggegangen sein. Absichtlich. Vielleicht wollte der Täter, dass das Gesicht zerstört wird.“

„Sie müssen’s wissen“, meinte einer der Männer.

Jacot nickte und trat auf die Straße zurück. „Ölspuren. Vom Hals bis zu den Knien Ölspuren. Sie müssen von der Unterseite des Wagens stammen. Die Tote hat nicht geblutet. Sie ist an anderer Stelle umgebracht worden, weil auch auf der Straße kein Blutfleck ist. Hier hat man sie abgelegt. Können Sie sich die Brandverletzungen erklären?“ Einer schabte sich am Kinn. „Vielleicht mit Benzin übergossen?“

„Das hätte ich gerochen“, sagte Jacot. „Es war kein Benzin.“ Er drehte sich um und schaute zur Küste, wo der Himmel bereits eine intensive rosarote Farbe angenommen hatte.

Einen Moment lang hegte er den Verdacht, dass die Tote von dort stammen könnte. Verdammt, wie war sie dann so rasch hierher auf diese Straße gebracht worden?

„Ein verdächtiges Fahrzeug hielt sich hier nicht auf?“, fragte er rein routinemäßig.

„Das hätten wir sofort an die Kette gelegt“, sagte ein Routier, und seine Stimme klang sehr beleidigt.

„Es war nur eine Frage“, wiegelte Jacot ab. „Wie kommen Sie darauf, es sei eine Engländerin?“

„Kommen Sie nur“, sagte einer und ging zum Polizeiwagen voran. „Wir haben alles sichergestellt, was sie bei sich hatte.“

„Sie hatte Dinge bei sich?“, fragte Jacot scharf. „Soweit ich gesehen habe, war sie nackt, und auf meine Augen konnte ich mich bisher jedenfalls ganz gut verlassen. Also bitte etwas präziser!“

„Na ja, wenn’s Ihnen darauf ankommt! Also, die Dinge lagen am Straßenrand. Kein Mensch schmeißt Kleid, Dessous, Schuhe und Handtasche bei Nacht aus einem Auto, nur weil ihm zu wohl wird. Daraus schlossen wir, dass die Gegenstände der Toten gehören. Eine Evelyn Marple, Sheffield in England, dreiundzwanzig. In der Tasche steckte eine Karte von einem Campingplatz an der Bucht von Pampelonne. Sie können sich das alles in Ruhe ansehen.“

„Hat sich was mit Ruhe!“, knurrte Jacot. „Schauen Sie runter zur Küste, dann wissen Sie, wie geruhsam die nächste Zeit werden wird. Beordern Sie den Leichenwagen von Cogolin her. Befehl von Grossart, dass die Tote vorläufig dorthin kommt. Den persönlichen Besitz nehme ich mit.“

„Gegen Quittung“, sagte einer der Routiers spitz.

Das hatten sie davon, dass sie die Tote gefunden hatten. Noch mehr Arbeit! Und die verdammte Aufgabe, einen Leichenwagen aufzutreiben!

Jacot ließ sich im Polizeifahrzeug den vermutlichen Besitz der toten Engländerin aushändigen, unterschrieb dessen Empfang und trottete zu seinem Wagen zurück.

Der Abschied von den Polizisten der Straßenstreife gestaltete sich etwas unterkühlt. Jacot wendete den Wagen und brauste zurück nach La Mole.

Bei jeder Kurve wartete er darauf, dass ihm der Priester mit dem unbeleuchteten Fahrrad wieder vor die Stoßstange geriet.

Aber der Mann begegnete ihm auf der ganzen Strecke nicht. Und das wunderte Roger Jacot denn doch mächtig.

6

Um 0 Uhr 18 explodierte die Tankstelle in Le Canadel samt den Resten des Gemüselastwagens.

Ein paar tausend Liter Benzin platschten brennend nieder und verbrannten drei Bauern, die der freiwilligen Feuerwehr angehörten, bei lebendigem Leib. Fünf andere erlitten schwere Verbrennungen. Einen bekamen die entsetzten Helfer gar nicht aus den Kleidern geschält. Wo sie auch anpacken wollten, ging die Haut des Mannes mit ab.

Zwei Weinhöfe, die der Tankstelle benachbart lagen, gerieten in Brand.

Eine Trockenscheune war nicht mehr zu retten. Die Feuerwehrleute beschränkten sich, soweit sie sich nicht um die Verletzten kümmerten, auf den Schutz der beiden Hauptgebäude.

Die einzige Motorpumpe, die die Wehr besaß, winselte in den höchsten Tönen und konnte gar nicht soviel Wasser drücken, wie benötigt wurde.

Knallend spritzten die schweren provenzalischen Dachziegel in der Hitze auseinander und ließen klaffende Löcher in den Dächern entstehen.

Die Wehrmänner konnten die Hauswände und Fensterkreuze nur noch unzureichend ablöschen und bemühten sich, mit den Wasserstrahlen die Funken zu erwischen, die von der hell lodernden Scheune herübertrieben und sich in die Dachlöcher senken wollten.

Zum Glück verfügte Le Canadel über jede Menge Wasser, so dass nicht zu befürchten stand, es könnte knapp werden.

Der Bürgermeister rannte immer wieder zurück zu seinem Dienstgebäude, in dem auch der Kindergarten samt der Bibliothek untergebracht war, und drehte die Telefonscheibe.

Er bekam keinen Anschluss. Die Leitung war tot.

Es fehlte nicht viel, und er hätte das Telefon genommen und gegen die Wand gefeuert.

Als er schnaufend und mit rutschender Hose an den Brandherd zurückkehrte, sank gerade die Scheune zusammen. Ein paar Balken blieben wie glühende Rippen stehen.

Aus dem Trichter, den der explodierte Benzintank auf dem Gelände der Tankstelle gerissen hatte, schoss noch immer fauchend eine Feuersäule in den Nachthimmel.

Die Wehrmänner versuchten verzweifelt, den Funkensturm einzudämmen, der aus der nieder gebrochenen Scheune stob und gegen die beiden Häuser trieb.

Eine Spritzenbedienung kletterte auf eine Mauer und richtete das eine Strahlrohr auf die Brandstelle, um die Flammen niederzukämpfen, die mit ihrem aufsteigenden Sog immer wieder Funken hinauf wirbelten. Wenn es rauchte, war es nicht so schlimm.

Nur offen brennen durfte es nicht.

Die Tankstelle, gut, die war beim Teufel! Aber wenn das Feuer auf die zwei Häuser übersprang, drang es in den Ort vor. Hier war alles sehr eng gebaut.

In der Glut der Scheune gingen knatternd Patronen los. Verblüfft hielten die Männer einen Augenblick inne. So mancher begann danach zu grinsen. Goulet, der Weinbauer, hatte immer bestritten, ein Gewehr zu besitzen und heimlich auf die Jagd zu gehen.

Jetzt wusste der halbe Ort, warum bei Goulet dennoch manchmal Drosselfedern auf dem Misthaufen lagen oder sein Hund mit einem frischen Kaninchenfell herumspielte.

Goulet hatte eben etwas gewildert und sich was für seinen Kochtopf besorgt. Die Patronen hatte er in der Scheune versteckt gehabt. Das Gewehr wahrscheinlich auch.

Der Bürgermeister stieß einen lästerlichen Fluch aus und war Gott dankbar, dass seine Scheune nicht abbrannte und seine Patronen explodierten. Er nahm sich vor, sofort am Morgen ein neues Versteck zu suchen.

Die Sache bei Goulet würde sich allmählich herumsprechen, und irgendwann würden die verdammten Polizisten von der Gendarmeriestation davon hören und herumzuschnüffeln beginnen.

Es war nicht der Reputation dienlich, wenn sie ausgerechnet beim Bürgermeister eine Jagdwaffe und Patronen fanden.

Nach einer halben Stunde war die Gefahr gebannt, dass die Wohnhäuser der beiden Weinhöfe noch in Schutt und Asche sinken konnten.

Die Männer begannen jetzt, in den zischenden und brausenden Trichter zu spritzen, um die Flammensäule aus dem geborstenen Tank zusammenfallen zu lassen.

Um ein Haar hätte es noch eine Explosion gegeben.

Brodelnd und knallend wurde das Löschwasser aus dem Loch herausgeschleudert. Wo es niederging, dampfte der Boden.

Mit Wasser, das erkannten die Wehrmänner, war dem brennenden Benzin nicht beizukommen.

7

Jean Louis hörte das Schreien der Frauen und Mädchen und Kinder und vernahm gleichzeitig das hohle Brausen der näher kommenden Flammenfront.

Die Explosion der Gasflaschen im Lager musste das Feuer um hundert oder zweihundert Meter vorangetrieben haben.

Der Himmel war glutrot, und in der Luft flogen Millionen weißglühender Funken. Er konnte sie sehen, sobald er den Kopf hob. Das Dach des Waschhauses war ein Dutzend Schritte entfernt dröhnend und polternd aufgeschlagen und hatte sich vor den zerknitterten Wohnwagen mit der Metallhaut getürmt.

In den inneren Räumen brach urplötzlich eine Panik aus.

Offensichtlich dachte kein Mensch mehr an das gezapfte Wasser, mit dem man sich den Kopf hätte nass machen können, um die näher kommende Hitzefront in ihrer Auswirkung zu mildern und die Funken abzutöten, bevor sie schmerzhaft auf der Haut brannten oder die Haare versengten.

Von einem Augenblick zum anderen entstand ein wildes Schieben und Drängen von hinten. Zwei, drei Frauen schrien hysterisch und peitschten die gequälten Nerven noch mehr auf.

Verzweifelt versuchte Jean Louis, sich gegen den Druck zu stemmen.

Er hätte auch versuchen können, einen Berg von der Stelle zu rücken.

Die Menschen waren in Bewegung, die Masse war in Schwung, und keine Macht der Erde konnte sie noch aufhalten.

Jean Louis spürte, wie es ihn hinaus drückte, wie er fortgespült wurde und über etwas stürzte, unter dem er mit dem rechten Fuß hängengeblieben war.

Er bemühte sieh, den Fuß freizubekommen.

Da war im selben Moment die Menge da und trampelte rücksichtslos über ihn hinweg. Turnschuhe, nackte Füße und festes Schuhwerk trafen ihn und verursachten ihm höllische Schmerzen.

Er brüllte, er schlug um sich, versuchte, jemand zu packen und dadurch in die Höhe zu kommen.

Da war eine Hand, ein Arm. Jean Louis klammerte sich fest. Seine Halt suchenden Finger glitten auf schweißnasser Haut ab und blieben an einem Uhrenarmband an dem gepackten Handgelenk hängen.

Es gab einen Ruck. Das Band war gerissen, und Jean Louis lag erneut am Boden, während sie über ihn hinwegliefen und brüllten wie die Verrückten.

Der Schädel dröhnte ihm, der Rücken schmerzte, und sein ganzer Körper brannte wie tausend Höllenfeuer. Schlimmer konnten die Flammen auch nicht sein.

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis der Strom schwächer wurde und bis die von Todesangst gepeitschten Menschen alle heraus waren. Er hob matt den Kopf und sah, dass sie versuchten, noch einen Fluchtweg hinunter zur Bucht zu finden.

Er war versucht, gallig zu lachen. Doch dazu fehlte ihm die Kraft. Die Bucht war vor einer Weile schon versperrt gewesen. Er hatte ja Gäste des paradiesischen Platzes umkehren sehen.

Hinter dem Waschhausdach mit den aufragenden Balken und den zusammengeschobenen Ziegeln rannten ein paar weinende Kinder kopflos durch Rauch und Funkenflug und riefen nach den Eltern.

Rechts von Jean Louis bewegte sich etwas. Er drehte den Kopf und sah Manon, die sich suchend umblickte und ihn in diesem Moment entdeckte.

„Jean Louis!“ Ihr Schrei war lauter als das Brausen des Feuers.

Sie kam mit langen Sprüngen herüber, kauerte sich zu ihm und strich ihm durchs Haar.

„Die haben mich fast totgetrampelt“, ächzte er und versuchte, sich aufzustemmen. Manon half ihm. Er kam auf die Knie und sah, dass er über den kopflosen Körper des Dicken gestrauchelt war.

Manons Mund öffnete sich zu einem Schrei.

Jean Louis griff nach ihren Schultern und drehte sie mit aller Kraft, die er noch besaß, zur Seite, damit sie nicht länger den entsetzlichen Anblick vor Augen hatte.

Er quälte sich auf die Füße, zog Manon hoch und schaute hinter sich ins leere Waschhaus.

Umgestoßene Gefäße, Kleidungsstücke und zwei Decken lagen dort. Er konnte jede Einzelheit erkennen. Die Flammen beleuchteten alles genau. Zudem war die rückwärtige Wand geborsten und hereingekommen.

Das war es also, dachte er, was die Panik verursacht hatte! Sie glaubten sich nicht sicher genug! Jetzt rennen sie dafür in den sicheren Untergang!

Aus Richtung Bucht hörte er gellende, kreischende Schreie, wie sie nur Menschen in höchster Todesnot ausstoßen konnten.

„Die Decken!“, ächzte er. „Cherie, hol die Decken dort drin. Mach sie nass, ich höre irgendwo Wasser rauschen.“

Manon fürchtete sich, hineinzugehen. Sie sah das Waschhaus als tödliche Falle.

Jean Louis musste seine Worte wiederholen, bevor sie sich aus der Erstarrung löste und hineinging.

Keuchend und schwankend wie ein Rohr im Wind wartete Jean Louis. Er brauchte Luft, frische Luft. Die verdammten Narren hatten sie ihm aus den Lungen getrampelt, und jetzt bekam er mehr Rauch zu schlucken als er verkraften konnte.

Die Kehle kratzte, in der Luftröhre biss es. Er hustete erstickt und beobachtete Manon, die beide Decken ergriffen hatte und in einer Duschzelle hantierte.

Schließlich kam sie und trug schwer an den vollgesogenen Decken.

Er half ihr, eine über Kopf und Schultern zu breiten. Wasser lief heraus.

„Damit schaffen wir’s vielleicht!“, stieß er erstickt hervor.

„Und wohin?“, fragte Manon. Er sah, dass ihre Mundwinkel zuckten und die Lippen zitterten. Mühsam bewahrte sie einen letzten Rest Fassung. Wenn nicht bald etwas geschah, drehte sie durch. Und davor fürchtete er sich, weil sie dann wohl den gleichen Fehler machte, wie die kopflos davongerannten Menschen, deren gellendes Schreien immer noch aus Richtung Bucht drang.

Vielleicht waren sie von zwei Feuerriegeln eingeschlossen und konnten keinen Schritt mehr von der Stelle.

Jean Louis breitete sich mühsam die zweite Decke über. Er sah, dass sie in der Hitze zu dampfen begann. Piniennadeln kamen geflogen, brennend die einen, glühend die anderen. Der Unterschied war nicht mehr groß. 

Er war eben im Begriff, Manon an der Hand zu fassen und mit ihr in das Waschhaus zurückzukehren, als er die weinerliche Kinderstimme hinter sich hörte. Gedämpft, verzerrt und schwach zwar, aber es war unverkennbar eine Kinderstimme.

Wie von der Tarantel gebissen fuhr er herum und verspürte Millionen Stiche in seinem geschundenen Körper.

Seine Blicke flogen über den glimmenden Platz, die nähere Umgebung, suchten die zwischen den Stämmen daher treibenden Rauchschwaden ab, ob da nicht eine torkelnde Kindergestalt auftauchte.

Da war nichts. Nur die Brandnester auf dem Nadelteppich am Boden und die wie Fackeln auflodernden Bäume ganz in der Nähe.

Wieder drang die Stimme an seine Ohren.

Es kam mehr von links.

Sollte ein Kind unter das Waschhausdach gekommen sein, dachte er entsetzt. Ausgeschlossen, ich stand doch in der Tür, ich habe doch kein Kind laufen sehen. Lieber Himmel, in meinem Zustand kann ich das Kind nicht aus den Trümmern graben!

„Warte!“, rief er gegen das Brausen, Brüllen und Knallen Manon zu und tappte ächzend und schnaufend auf den Trümmerhaufen los.

Wenn er nur einen Balken anzuheben brauchte, einen kleinen Balken, das konnte gehen.

Er wollte sich bücken, als er das Kindergesicht mit schreckhaft weit aufgerissenen Augen an einem Fenster des zerknitterten Wohnwagens bemerkte.

Jean Louis wunderte sich nicht, er handelte. Er packte einen Ziegelbrocken, stieg über Trümmer hinweg, während ein Gluthauch sein Gesicht streifte, und bedeutete dem Kind drinnen, vom Fenster wegzugehen.

Es erschien ihm endlos, bis das Kind begriffen hatte. Ein Mädchen, wie er sah.

Er führte einen wuchtigen Schlag gegen das Fenster und begriff danach, warum es weder durch die Druckwelle noch durch das Zusammenschieben des Wohnwagens zerstört worden war. Es bestand aus einem dieser neuen Kunststoffe, die garantiert unzerbrechlich waren und auch Hammerhieben standhielten.

Jean Louis teilte seine Kräfte rationell ein. Einen zweiten Schlag führte er gar nicht. Er ließ den Ziegelbrocken fallen, tastete sich an der eingedrückten und zusammengefalteten Wand des Wagens entlang und fingerte an dem versenkten Türgriff herum.

Die Hitze stach scharf und beißend durch die nasse Decke. Brennende Äste und Rindenstücke flogen knapp über ihn hinweg und prallten funkensprühend auf den zusammengeschobenen Wohnwagen.

Die Tür hatte es ebenfalls gefaltet. Nach innen. Er hoffte, dass sie dadurch leichter aufging. Wenn sie doch von allein aufgesprungen wäre! Wie bei dem Wagen, der sich gegen das Auto gelegt hatte.

Jean Louis bekam den Türöffner zu packen und erschrak ob der Hitze, die von dem Metall ausging. Aluminium! Es konnte der Hitze nicht lange genug standhalten. Den Feuersturm würde es in keinem Falle überstehen.

Er drückte mit aller Kraft, die er in den Fingern hatte, undvermeinte ein leises Schnappen zu hören.

Ohne Rücksicht auf sich selber krallte er zwei Finger unter den halbrunden Öffner und zog daran.

Die Tür bewegte sich. Aber sie klemmte irgendwo.

Ein Beil, dachte Jean Louis und hörte dicht hinter sich Ziegel klirren. Ich brauche ein Beil, sonst verbrennt der arme Wurm da drin mit Haut und Haaren! Wieso ist denn nur das Kind da? Sind die Eltern ausgegangen?

Während er wieder an der klemmenden Tür riss, überdachte er jede Einzelheit im Zusammenhang mit diesem Wohnwagen, die ihm im Unterbewusstsein vorhin aufgefallen war, als sie zum Waschhaus geflüchtet waren. Natürlich  das Auto fehlte!

Es war nicht da. Die Eltern waren demnach fortgefahren, die Kleine hatten sie dagelassen, weil es eine lange Nacht werden würde.

Oh, verdammt, dachte er bitter, eine wahrhaft lange Nacht! Und für viele keinen Morgen!

Etwas stieß ihn an der Schulter an. Er wandte den Kopf, schnappte nach der Decke, die ihm vom Kopf zu gleiten drohte, und sah Manon, die ihm zu Hilfe kam. Sie hielt einen Ziegel in der Hand und machte eine Bewegung gegen die Tür.

Donner und Doria, Manon? Es gehörte eine ganze Menge Mut dazu, in dieser Hölle auszuharren und nicht einfach davonzulaufen. Sie war ein Luxusweibchen, und er hätte nie im Leben gedacht, dass sie soviel Härte und Energie aufbringen würde, um sich wie ein richtiger Mann zu benehmen.

Jean Louis begann plötzlich anders für sie zu empfinden, sie mit anderen Augen zu sehen. Bis jetzt war sie ihm nur Bettgespielin und ständige Begleiterin gewesen.

Sie deutete wieder mit dem Ziegel gegen die Tür und machte eine Bewegung, als wollte sie den Tonbrocken irgendwo einschieben.

Jean Louis holte Luft, wobei er fast mehr Rauch schluckte, als er verkraften konnte.

„Mach es!“, brüllte er gegen den tobenden Feuersturm an, krallte die Finger wieder unter den Öffner und zerrte mit verzweifelter Wut an der Tür.

An der Oberkante klemmte sie. Unten konnte er sie fingerbreit aus der gedichteten Rille ziehen.

Manon bückte sich, schrammte gegen seine rechte Hüfte und brachte ihn um ein Haar aus dem Gleichgewicht. Er sah ihre Arme, die Hände, die den Ziegel hielten und genau in den Spalt der Aluminiumtür schoben.

Er fand, dass sie das ausgezeichnet gemacht hatte. Jetzt konnte er in den unteren Spalt greifen und hatte mehr Ansatzfläche. Vor allem konnte er beide Hände zu Hilfe nehmen.

Er bückte sich, seine Finger legten sich um das sehr warm gewordene Metall. Mit einem wilden Ruck, der ihm fast das Rückgrat sprengte, riss er an der Tür.

Mit einem hässlichen, durch Mark und Bein dringenden Kreischen flog sie auf und schlug gegen die Wand. Er verlor die Balance und taumelte.

Etwas rann ihm den nackten Hals hinab. Wasser, Schweiß vielleicht. Es war unangenehm und störte ihn. Er wischte den Tropfen weg.

Seine Finger klebten. Er schaute sie an und sah, dass er kein Wasser fort gewischt hatte, sondern Blut. Er blutete. Irgendwo im Nacken. Es musste passiert sein, als die Leute in panikartiger Flucht über ihn hinweg getrampelt waren.

Rauch trieb an Jean Louis vorbei, als er sich an der Wohnwagenwand abstützte. Die rußigen Schwaden wälzten sich in die Türöffnung hinein wie in ein Vakuum.

Er packte die Decke fester um sich und stieg durch die Tür, als er das Mädchen nicht auftauchen sah.

Licht anzumachen konnte er sich schenken. Das heran walzende Feuer gab genug Helligkeit, um ihn die Einrichtung erkennen zu lassen.

8

Nur das Mädchen war nicht da!

„He, Kleine, ich habe die Tür auf! Komm schnell, wir müssen sofort weg!“, rief er und bemühte sich, seiner Stimme einen freundlich väterlichen Klang zu geben. Oder jedenfalls das, was er für väterlich hielt. Erfahrung hatte er darin keine.

Er vermeinte, ein Weinen zu hören.

Das spornte ihn an. Vielleicht war die Kleine gestürzt, als sie vom Fenster zurückgewichen war. Es half nichts, er musste hinein.

Ohne Manon von seiner Absicht zu verständigen, stieg er hinein, bis er den Wagen in voller Länge sehen konnte. Manon würde das verstehen. Wäre sie ihm sonst mit dem Ziegel zu Hilfe gekommen?

Das Weinen kam von rechts, wo auch das unzerbrechliche Fenster lag.

Die Einrichtung war durch das Fortschleudern des Wohnwagens verstreut worden, zwei Spinde hatten sich aus der Wandverankerung gelöst und waren zerbrochen.

Jean Louis stieg über die Trümmer hinweg, kam durch die winzige Küche und geriet in einen Tagesraum, in dem ein Wandbett herab geklappt war. Eines! Demnach musste das Mädchen hier schlafen.

„Hallo, Kleine, wo bist du? Ich kann dich nicht sehen!“, rief er. Heißer Rauch trieb an ihm vorbei und begann das Wohnwageninnere zu vernebeln.

Wenn er die Kleine nicht gleich fand, dann wurde dies zu einer tödlichen Falle. Oder er gab auf und brachte die eigene Haut in Sicherheit.

Er verwarf diesen Gedanken sofort. Er war nicht bis hierher vorgedrungen, um dann feige zu kneifen.

In diesem Raum waren auch Wandborde herab gerissen worden.

Das Mädchen konnte unmöglich darunterliegen, denn er hatte es nach der Explosion ja noch am Fenster gesehen.

Hinter einem der Borde bewegte sich etwas. Dann tauchte zaghaft und schüchtern ein Kopf mit strähnigem brünettem Haar auf, das in zwei Rattenschwänzen endete. Jean Louis glaubte sich jedenfalls daran zu erinnern, dass man bei jungen Mädchen solche Zöpfe, die noch keine waren, so nannte.

Große, entsetzte Augen, die nichts verstanden und nichts begriffen, starrten Jean Louis an.

Er versuchte ein Lächeln, ohne zu wissen, dass er dadurch noch mehr wie ein rußgeschwärzter Teufel aussah.

„Komm schon, wir gehen jetzt raus!“, sagte er und streckte die Arme vor. „Es kommt zu viel Rauch herein, und heiß wird es auch. Ich trage dich hinaus, wenn es dir Spaß macht, ja?“

Die Vorstellung, von dem rußgeschwärzten Teufel aus dem Wohnwagen getragen zu werden, bereitete ihr offensichtlich Freude. Der entsetzte Ausdruck verschwand aus den Augen.

Aber die Kleine kam nicht. Sie schaute unter sich und sagte hustend: „Aber Giselle muss auch mit. Sie ist herunter gefallen und ist sehr krank.“

„Sicher, mein Kleines, Giselle kommt auch mit“, stimmte Jean Louis in dumpfer Verzweiflung zu, wobei er überlegte, wer um alles in der Welt Giselle war.

Die Katze? Das konnte er nicht riskieren. Die würde in diesem Feuersturm irrsinnig werden und jeden zerkratzen und zerbeißen, der ihr zu nahe kam.

Oder ein Vogel, der in einem Käfig gefangen war und unter das Bord geraten war?

Vielleicht auch ein Hund?

Lieber Himmel, lass es nicht wahr sein!, dachte Jean Louis. Keine Tiere in dieser Situation!

Gegen seinen Willen fragte er freundlich: „Wo ist denn Giselle?“

„Na, hier“, gab die Kleine zur Antwort und zeigte vor sich zu Boden.

Er stieg über das Bord hinweg, während hinter ihm etwas heftig gegen die Wohnwagenwandung hämmerte.

Eine Zentnerlast fiel Jean Louis von der Seele, als er erkannte, dass es sich nicht um Haustiere handelte. Giselle war die Puppe der Kleinen. Wie alle Lieblingspuppen war sie unansehnlich geworden vom vielen Gebrauch.

Er hob das Bord an, und die Kleine hob die Puppe Giselle auf und drückte sie mütterlich gegen das lange Nachthemdchen.

„Und wie heißt du denn?“, fragte er, während er merkte, dass ihn gleich ein Hustenanfall zu würgen begann.

„Christiane d’Aubry“, hörte er die Kleine noch außerordentlich selbstbewusst sagen, bevor der Anfall losbrach.

Es wurde so schlimm, dass er sich auf das Bord setzen musste. Er fürchtete, dass ihm die Lungen schon geplatzt waren.

Immer noch hämmerte jemand. Das konnte nur Manon sein.

Die Erkenntnis, nun für zwei Menschen verantwortlich zu sein und darüber hinaus noch für die Puppe Giselle, trieb Jean Louis hoch.

„Wo sind deine Sachen?“, fragte er krächzend und mit halb erstickter Stimme.

Die kleine Christiane zeigte auf einen Kinderspind, dessen Tür angelehnt war. Wahrscheinlich war sie aufgesprungen.

Mit einem Schritt war Jean Louis dort, zog den Spind auf und blickte gehetzt über die Sachen.

Die d’Aubrys schienen zu den Leuten zu gehören, die schon einen gewieften Steuerberater zum Ausfüllen ihrer Einkommensteuererklärung benötigten. Für Christiane schien nichts zu gut und nichts zu teuer gewesen zu sein. Es war Kleidung vorhanden, mit der ein halber Kinderhofstaat hätte ausgestattet werden können.

Jean Louis wählte nicht, er griff zu, und das unter praktischen Erwägungen. Es durfte keine Kleidung aus Kunststoffen sein, weil die in der Hitze fürchterliche Verletzungen verursachte und sich kaum noch entfernen ließ, wenn sie erst mal geschmolzen war.

Er knüllte die Sachen zu einem Bündel zusammen. Schuhe! Das war so wichtig wie ein Kopfschutz für die Kleine.

Er entdeckte Schuhwerk unten im Spind.

Die Gummistiefel feuerte er beiseite, die Sandalen ebenso. Lederstiefel gab es nicht, nur Halbschuhe. Er griff ein Paar, ließ Christiane hinein schlüpfen und hob die Kleine über das Bord hinweg, während er spürte, wie der nächste Hustenanfall unabwendbar kam.

Fast grob trieb er die Kleine zur Tür.

Das Hämmern hörte endlich auf. Manon ließ den Ziegel fallen und griff nach dem Mädchen, das vor dem Feuer draußen, dem dichten Rauch und der Hitze zurückweichen wollte.

Jean Louis hielt sich an einer Kleiderstange fest und hustete so jämmerlich, dass es ihn durchbeutelte bis zu den Füßen.

Er fühlte sich ausgebrannt, verbraucht und schlapp. Wenn er jetzt aber aufgab, war alle Mühe umsonst gewesen.

„Das Nachthemd, Kunststoff, weg damit!“, brüllte er gurgelnd Manon zu und hielt ihr das mitgebrachte Kleiderbündel hin.

Sie griff danach. Ihre Decke auf Kopf und Schultern dampfte wie eine Waschküche. Mit Bestürzung sah er, dass brennende Äste auf das Waschhaus gefallen waren und dichter weißgelber Qualm aus den aufragenden Mauern und der Türöffnung quoll.

Pest und Verdammnis, damit hatte er nicht gerechnet! Das Waschhaus war ihm auch als Ruine noch sehr sicher vorgekommen. Wenn da noch mehr Feuer hineinfiel, begann das Wasser in den Leitungen zu kochen, bis die Rohre platzten.

Ein schöner Mist! Er musste sich nach einem guten Platz für drei Menschen und eine Puppe umtun.

Er ließ die Kleiderstange los, während Manon der Kleinen das Nachthemd auszog und sie in eine feste lange Hose und einen Anorak stülpte.

Jean Louis blickte mit neuem Interesse auf die Kleiderstange. Daneben war ein Bord festgeschraubt, dessen Klapptür schräg in den Angeln hing.

Er zog die Tür auf. Hüte in allen Schattierungen. Von Madame und Monsieur d’Aubry. Keiner passte der Kleinen.

In der Not frisst der Teufel bekanntlich alles, was dick macht, sagte sich Jean Louis, griff einen spitzen Filzhut von Monsieur heraus, wie ihn die Gebirgler von Hoch Savoyen trugen, und trat damit an die Küchenspüle.

Die Wasserversorgung funktionierte noch, der Behälter schien gut gefüllt.

Jean Louis weichte den Hut ein wie ein Stück altes Weißbrot, das an die Hühner verfüttert werden soll, und kehrte zur Tür zurück.

Manon war fertig mit der Kleinen. Sie hatte sogar die überzählige Kleidung zu einem handlichen Bündel geschnürt und umgehängt. Zudem trug sie seine Tasche.

Verdammt! Er griff an sich hinab. Seine Tasche war weg, er musste sie in der Panik verloren haben, und Manon hatte sie gefunden und an sich genommen.

Ihre Umsicht war noch ein Wesenszug, den er bisher nicht an ihr hatte entdecken können. Aber er war vorhanden, wie er selbst sah.

Er setzte der kleinen Christiane den tropfnassen Hut auf, grinste wieder und nahm das Mädchen auf den Arm, das krampfhaft seine zerfledderte Puppe festhielt.

„Müssen wir verbrennen?“, fragte die Kleine plötzlich. Aus ihren Augen sprach mehr kindliche Neugierde als Angst.

„Nein, müssen wir nicht“, sagte Manon mit fraulich warmer Stimme.

„Wir spielen gleich ein Rennspiel“, fügte Jean Louis hinzu. „Wenn wir zum Restaurant kommen, haben wir gewonnen.“

„Au, fein, und was bekommen wir dann?“, wollte Christiane wissen.

„Mal sehen, was da ist“, wich Jean Louis aus. Er schlug die warm gewordene Decke mit um die Kleine, damit sie besser geschützt war, und hoffte, dass er das Gewicht lange genug schleppen konnte.

Vier mochte sie sein, vielleicht auch ein halbes Jahr älter. Nie zuvor hätte er gedacht, dass so kleine Kinder ein so großes Gewicht zusammenbrachten.

Manon trat einen brennenden Zweig aus, der vor ihre Füße geflogen war und dessen Flammen nach ihren Hosenbeinen griffen. Sie blickte danach Jean Louis fragend an. Ihr Gesicht war von der Hitze knallrot und vom Ruß schwarz gefleckt. Auf dem Nasenrücken hatte sie Hitzebläschen.

„Restaurant?“, vergewisserte sie sich. „Von dort ist nichts mehr zu hören!“ In ihrer Stimme klang Verzweiflung mit.

Jean Louis hob den Kopf. Tatsächlich, seit der Explosion hatte er von dort nichts mehr gehört. Das konnte aber auch am Brausen und Prasseln der Feuerfront liegen.

„Los!“, rief er und stieg über die Dachtrümmer hinweg. Als er in Richtung Restaurant einbog und Manon neben sich auftauchen sah, fiel sein Blick zufällig auf seinen Wohnanhänger und das Auto.

Sie brannten. Da war nichts mehr zu retten. Das Feuer war nicht drüber gesprungen, wie er gehofft hatte.

Es gab ihm ein paar Stiche. Er hatte viel Geld in Auto und Anhänger gesteckt, das sich jetzt in Rauch und Qualm auflöste.

Egal, das lässt sich alles irgendwann ersetzen, dachte er. Hauptsache, wir kommen davon!

Er rannte neben Manon her, die Kleine im Arm.

Da war der Weg, gesäumt von den hohen rotblühenden Oleanderbüschen. Die langen, schmalen Blätter hatten sich in der Hitze schon gerollt, der Boden war bedeckt mit ihnen.

Sie rannten keuchend und mit schmerzenden Lungen den Weg entlang, während ihnen dichter Rauch immer wieder die Sicht raubte.

Eine flammende, brüllende Feuerhölle tat sich vor ihnen auf, als sie das Ende des Weges erreicht hatten.

Starr vor Schreck und Entsetzen blieben sie stehen.

Das Restaurant hatte sich in eine infernalische Feuersäule verwandelt. Auf den Stufen lagen Tote, übersät von den Scherben der mächtigen Panoramascheiben.

Das Obergeschoss des Gebäudes war fort, als hätte es nie existiert. Einfach weggeblasen.

Manon stieß einen erstickten Schrei aus und zeigte auf den Swimmingpool neben der Restaurantterrasse. Das Wasser war bedeckt mit Asche und treibenden Trümmern, mit Ästen, Laub und Nadeln. Dazwischen trieben Tote, denen die urgewaltige Hitze bereits den Bauch aufgebläht hatte. Vielleicht waren das Gäste, die sich zum Zeitpunkt der Explosion noch in der Bar aufgehalten hatten. Die Bar schloss immer erst, wenn am Morgen die Sonne jenseits der Bucht aufging.

„Haben wir gewonnen?“, fragte Christiane, die gemerkt hatte, dass Jean Louis nicht mehr rannte.

„Noch nicht!“, gab er ächzend zurück. „Noch nicht, Kleines.“

Er blickte sich gehetzt um.

Vom Restaurant her war das Feuer auf die Bäume übergesprungen. Hinter dem Restaurant schob sich krachend und flammend die große Feuerwalze heran.

Das Feuer, das unmittelbar am Ufer entlanggelaufen war, hatte sich eben mit einem puffenden Geräusch mit den Flammen vereint, die über das Waschhaus hergelaufen waren.

Der Rückweg war abgeschnitten.

Einen Ausweg gab es nicht.

Hier war es zu Ende. Jean Louis erkannte es voll bitterer Resignation. Er packte die Decke fester um die Kleine, damit sie nicht sah, wenn die Flammen sprangen. Er hoffte nur, dass es schnell ging.

Seine Hände brannten und schmerzten. Er starrte verwundert auf den Rücken der linken Hand und sah Hitzeblasen entstehen, unter denen sich Wasser sammelte.

Wasser? Er grinste verzerrt. Er würde ganz schön zischen, wenn ihn die Flammen umloderten.

Wurde man eigentlich schnell ohnmächtig? Oder blieb man bei Besinnung bis zum letzten Augenblick?

Orgelnd, krachend und brausend rasten zwei Feuerwalzen aus entgegengesetzten Richtungen auf diesen Platz zu. Ihr Sauerstoffsog war so stark, dass es die schweren nassen Decken Manon und Jean Louis gegen die Hosenbeine presste.

Jean Louis dachte daran, dass es schon vorgekommen war, dass es Menschen mit dem Sog in die flammende Hölle hineingerissen hatte.

9

Der Bürgermeister von Le Canadel ließ Erde aus irgendwelchen Vorgärten herbeischaffen. Eine Menge Blumenerde, eine Rarität auf dem Boden des Ortes, ging damit zum Teufel.

Aber es blieb nicht die Zeit, Erde aus den entfernt liegenden Weinfeldern heranzuholen, um den feuerspeienden Explosionstrichter zuzuschütten.

Mit dem Wasser wurden die Reste der abgebrannten Scheune gelöscht, und wer nicht bei diesen Arbeiten benötigt wurde, der half, die Toten in ein Haus gegenüber zu tragen, das einen großen Wohnraum hatte.

Die Verletzten hatte man ein Haus weiter transportiert. Frauen des Ortes kümmerten sich um sie.

Wieder einmal rannte der Bürgermeister auf seinen krummen Beinen zu seinem Amtsgebäude zurück, um zu hören, ob das Telefon jetzt funktionierte.

In den Fensterscheiben spiegelte sich der glutrote Nachthimmel aus Richtung Le Lavandou.

Wenn das Feuer nur nicht herüberkommt und in die Weinfelder springt, dachte der Bürgermeister bekümmert. Das war schon einmal passiert. Es hatte Jahre gedauert, bis die neu gepflanzten Reben einen Ertrag brachten. Einige Familien waren darüber bettelarm geworden und nach Marseille gezogen, wo die Männer Arbeit im Hafen annahmen.

Der Bürgermeister stutzte. Hatte nicht vorhin noch, als er wieder erfolglos das Telefon ausprobiert hatte, der Wagen dieses Mannes aus St. Tropez hinten bei der Mauer zum Hühnerhof gestanden?

Er meinte ja, denn die Scheiben hatten die Brände gespiegelt.

Der Bürgermeister wurde unsicher. Es konnte auch schon beim vorvorigen Mal gewesen sein. Oder noch eher. Er hatte tausend Sorgen im Kopf wegen der Toten, der Verletzten, des Feuers, der Tankstelle, der Weinfelder und des verdammten Jagdgewehres samt Patronen in seiner Scheune, dass er gar nicht richtig auf das Auto geachtet hatte. Er wusste lediglich, dass der Mann zwei Tage hier gewesen war, um sich Land anzusehen, das zu kaufen war. Aus St. Tropez komme er, hatte er gesagt.

An den Namen konnte sich der Bürgermeister nicht erinnern. Es war ihm auch gleichgültig, denn es war nicht sein Land, das verkauft werden sollte.

Der Mann hatte nach viel Geld ausgesehen. Vielleicht ein Rechtsanwalt, der sich nach St. Tropez zurückgezogen hatte. Recht gescheit hatte er mit seiner Brille jedenfalls ausgesehen. Und das Auto musste auch eine hübsche Kleinigkeit gekostet haben.

Vielleicht war der Mann auch schon fortgefahren, als die Scheune noch gebrannt hatte. Der Bürgermeister wurde um so unsicherer, je länger er nachdachte.

Hoffentlich kam er durch, der Mann aus St. Tropez. In dieser Nacht schien es an allen Ecken und Enden zu brennen.

10

„Ist das alles?“, knurrte Grossart ungnädig. Er stocherte mit einem zerkauten Bleistift in den persönlichen Gegenständen der toten Engländerin Evelyn Marple aus Sheffield herum.

„Ihren Koffer samt anderem Gepäck hatte sie nicht dabei, in der Tat“, bestätigte Jacot mit undurchdringlichem Gesicht. „Wir sollten diese Mängelrüge unbedingt mit in den Bericht aufnehmen.“

Grossart schwoll der Hals. Die Adern traten dick hervor.

„Wollen Sie mich verarschen?“, brauste er auf.

Jacot verzog den Mund, als hätte er unbändige Zahnschmerzen. Er verzichtete darauf, Grossarts Frage zu beantworten.

„Fertigen Sie eine Aufstellung an“, sagte Grossart. Der Sturm war vorbei, er sprach wieder in normalem Tonfall. „Und lesen Sie das Protokoll durch. Emile, der Korse, hat es unterschrieben. Der Drecksack wagte es, mir mit ein paar kräftigen Unterweltfiguren zu drohen.“

Tiefsinnig schaute Jacot auf die geplatzten Knöchel an Grossarts rechter Hand. „Das wird er wohl nicht so schnell wieder machen, wie?“, fragte er vorsichtig. „Eigentlich liegt es ja auf der Hand, dass ein Bursche wie er Freunde hat. Beute muss abgesetzt werden. Möglichst weit weg. Und aus Gründen eines wasserdichten Alibis kann ein Einbrecher oft genug nicht seinen Ort oder seine Stadt verlassen. Also müssen zuverlässige Freunde die Beute versilbern.“

„Ihre blödsinnigen Erkenntnisse sind so alt wie das Verbrechen!“, schimpfte Grossart.

„Ich wollte Sie nur auf die Möglichkeit hinweisen, dass Emiles Drohung nicht mit einem Schulterzucken abgetan werden sollte. Vielleicht sollten Sie Ihre Pistole aus der Schublade holen“, empfahl Jacot. „Sie können sich dann besser verteidigen.“

„Gegen ein paar Nachtschattengewächse, die über die Handlangerlaufbahn nie hinaus gekommen sind?“, Grossart lachte gallig.

„Ich darf darauf hinweisen“, sagte Jacot unbeirrt, „dass der große Kommissar Blacheron aus Bordeaux von einem simplen Taschendieb, am hellen Tag, auf offener Straße, vor hundert Zuschauern erschossen wurde. Von einem Taschendieb., ich bitte Sie! Emile, der Korse, ist mehr als ein Geldbörsenzieher. Das hätten Sie bedenken müssen, bevor Sie ihn verprügelt haben.“

Maßloses Erstaunen lag in Grossarts Blicken. „Verprügelt? Ich?“, fragte er.

Grob und gar nicht zartfühlend sagte Jacot: „Kleben Sie sich wenigstens Pflaster über die Knöchel, dann glaubt man Ihnen den Unschuldsengel schon eher.“

„Verreck!“, keuchte Grossart und zog die Hand vom Schreibtisch.„Sie, Jacot, ich habe die dumpfe Ahnung, dass Sie mehr sind als der peinlich korrekte Einfaltspinsel mit gelegentlichen Geistesblitzen, als der Sie sich ausgeben.“

„Das zu beurteilen überlasse ich Ihnen“, erklärte Jacot entgegenkommend. „Jedenfalls sollten Sie sich vorsehen, dass Sie nicht unversehens mit einer Kugel zusammen stoßen, die von einem der dubiosen Freunde des Korsen kommt.  Ist es übrigens der Schmuck der Maharani?“

„Nach der Beschreibung ja. Sie kommt morgen her, ein Agent ihrer Versicherung ebenfalls. Das heißt, wenn er durch das Feuer kommt, was ich aber für unwahrscheinlich halte. Sonst müssen wir Identifizierung und Übergabe verschieben. Hm, Emiles Fall haben Sie mit Bravour gelöst. Übernehmen Sie auch den Fall Marple, klar?“

„Wenn es Sie oder Blaise nicht überanstrengt, hätte ich gerne die Akten der vergangenen Jahre“, sagte Jacot bescheiden. „Die Todesfälle von der Achtundneunzig und die Feuerbrände.“

Grossarts fleischiges Kinn begann zu beben. „Sie!“, fauchte er. „Wir sind hier bei der Polizei und nicht im Staatsarchiv oder der Nationalbibliothek! Merken Sie sich das!“

„Ich sehe es auch“, sagte Jacot trocken. „Dort wird Staub gewischt, Also werde ich in Cogolin nachfragen. Die Tote ist übrigens auf einem Platz bei St. Tropez abgestiegen. Da ist eine Clubkarte. Pam Beach Club, Pampelonne. Ich werde morgen hinfahren. Und ein Terminzettel eines Zahnarztes. Der Doktor wird vergeblich warten. Ich glaube, ich werde ihn anrufen und absagen. Ich verstehe nicht, dass die Engländer hier zum Zahnarzt gehen. Zu Hause sind Behandlung, Medikamente und Zahnersatz kostenlos, bei uns unverschämt teuer.“ Er schüttelte den Kopf und fragte vorsichtig: „War vielleicht ein Anruf da von einem Pfarrer? Oder war er etwa selber hier? Er wollte nach Cogolin, aber ich bin ihm nicht begegnet. Er könnte ja auch, hierher gefahren sein.“

„Hier war kein Pfarrer“, sagte Grossart. „Was haben Sie mit dem Mann? Weshalb sollte er anrufen?“

„Er ist mir beinahe vors Auto gesaust, natürlich ohne Licht“, erklärte Jacot.

„Wo?“, bellte der Kommissar.

Jacot beschrieb den Platz und den glücklich verlaufenen Zwischenfall.

„Den Feldweg kenne ich“, sagte Grossart. „Geht dort in die bergigen Küstenwälder. Ein sehr schlechtes Jagdgebiet, obgleich menschenleer. Was hat er dort herumzufahren?“

„Wieso Feldweg?“, fragte Jacot verblüfft. „Er sagte, er sei der Pfarrer von Ferrat, und ich dachte, der Weg führt nach Ferrat.“

Blaise stieß im Hintergrund ein Glas um, und Grossart warf die Arme auf den Schreibtisch und schaute Jacot von unten herauf an.

„Mein lieber Jacot“, sprach er mit milder Nachsicht, „Sie sollten sich mehr mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut machen. Ferrat ist vor vier Jahren beim großen Waldbrand eingeäschert worden und seitdem verlassen. Es gab elf Tote, und von einem weiß ich ganz genau, dass er dazugehörte, der Priester nämlich. Er war mein Onkel.“

Jacot setzte sich so heftig auf einen der reparaturbedürftigen Stühle, dass das Möbel aufreizend knarrte. Er erkannte, dass er für eine Minute das Ende eines wichtigen Fadens in der Hand gehalten und es nicht gewusst hatte.

Darum die Merkwürdigkeiten, das jähe Auftauchen aus dem Feldweg heraus! Die ondulierten Haare unter der Baskenmütze, dass der Mann ihm auf dem Rückweg nicht begegnet war! Pfarrer war er auch nicht, das fürchtete Jacot. Und Ferrat war ein totes Nest, das vor vier Jahren schon gestorben war.

Vor vier Jahren, als es mit den gewaltigen Waldbränden und mit den Morden begonnen hatte.

Jacot fiel es wie Schuppen von den Augen. Er hatte eine Chance gehabt, wie sie sich nur einmal in tausend Jahren einem Kriminalisten bot. Er hatte sie nicht erkannt.

„Ich Rindvieh!“, sagte er erschüttert.

Gehässig sagte Grossart: „Gut, dass Sie das einsehen. Da ist noch nicht alle Hoffnung verloren!“

11

Die beiden brausenden, orgelnden Feuerwalzen aus entgegengesetzten Richtungen näherten sich einander mit atemberaubender Geschwindigkeit. Sie mussten hier zusammenprallen.

Hier auf diesem Platz vor dem Restaurant.

Jean Louis spürte die saugende Gewalt des Sturmes, die an seiner Decke rüttelte. Die Hitze schlug durch den schon fast wieder trockenen Stoff und brannte auf der Haut der Oberarme.

Ein urweltliches Heulen war in der Luft.

Der mächtige Sog wirbelte Blätter, Laub, Papier, Nadeln und Äste nach rechts und links in die zusammenrückenden Feuerwände. Über den brausenden Feuerwalzen loderten fackelgleich entflammte Bäume, deren Äste herunterbrachen oder in Sekundenschnelle nur noch stummelartige Auswüchse waren.

Er merkte, dass sich Manon furchtsam an ihn und das Kind drängte. Ihre Nerven hatten bis hierher mitgespielt, und sie hatte sich prächtig gehalten. Wie ein richtiger Kamerad, der mit einem notfalls auch durch die Hölle ging.

Und hier war die Hölle. Ringsum. Ein Orkan aus Glut, Flammen, Funken und tödlicher Hitze.

Wahrscheinlich hätte mancher bärenstarke Mann schon viel früher die Nerven verloren. Jean Louis hatte es am eigenen Leib zu spüren bekommen, als sie über ihn hinweg getrampelt waren.

Manon brachte ihren Kopf an den seinen. Ihre Lippen bewegten sich. Sie waren rissig, spröde geworden, und aus den Schrunden quoll Blut.

Er verstand nicht, was die Lippen murmelten. Aber er las die Angst, die Verzweiflung in den Augen.

Es war aus! Man wusste es.

Von hier kamen sie nicht mehr weg. Die paar Dutzend anderen waren nur zehn Minuten vor ihnen gestorben. Jetzt machte es keinen Unterschied mehr.

Gellende Schreie drangen plötzlich wieder von der Bucht her und übertönten das gewaltige Brausen des Feuers. Rauch wurde in die Flammen gerissen, hoch gepeitscht und zu dichten Wolken zusammengetrieben, die von der alles fressenden Glut rosarot beleuchtet wurden.

Eine dumpf dröhnende Explosion hinten in der Oleandergasse ließ die wabernde Luft erzittern und drückte gewaltige Rauchschwaden aus den Feuerriegeln.

Der Luftdruck stieß Jean Louis zwei Schritte nach vorn. Manon war plötzlich ihres Haltes beraubt und strauchelte.

Jean Louis ließ die Decke los und packte sie an der Schulter, bevor sie auf die Blätter und Nadeln stürzte, die sich bereits selbsttätig entzündeten.

Die Druckwelle packte einen Papierkorb, der, weiß der Teufel wie, übriggeblieben war. Der Kunststoffkasten hatte sich schon verformt, aber bisher hatte er der Hitze standgehalten.

Jetzt schleuderte es ihn über den Platz, Unrat wurde heraus gewirbelt, und mit einem kleinen Satz übersprang der Papierkorb die steinerne Umrandung des Swimmingpools und setzte inmitten schwarzer Flugasche, Dreck, Ästen, Papier und aufgeblähten Bäuchen der Toten auf. Schmutziges Wasser spritzte auf.

Wasser!

Vielleicht schafften sie es doch!

Eine Idee war im Kopf Jean Louis, gewann Gestalt und Umfang.

„Komm!“, brüllte er Manon zu, um das Orgeln des Feuerorkans zu übertönen. „Ins Wasser!“ Sein Kinn stieß vor und gab die Richtung an.

Er sah das Entsetzen und den Schauder in ihren Augen. Zu den Toten, fragten die Augen.

Er ließ ihr nicht die Zeit, sich noch mehr zu entsetzen. Er gab ihr einen kameradschaftlichen Schubs und grinste auf eine Art, die ihr Mut machen sollte.

Sie rannten gleichzeitig los.

Christiane auf den Armen von Jean Louis fand es herrlich und begann quiekend zu lachen. Die Puppe Giselle lugte aus dem Schlitz der Decke, die fest um das Kind gehüllt war.

Manon sprang aus zwei Meter Distanz. Sie blieb mit den Füßen an der steinernen Einfassung hängen. Es drehte ihren Körper wie um eine tiefliegende Achse.

Mit dem Kopf voran schoss Manon in die dreckige, aufspritzende Brühe, die vor ein paar Stunden noch eines der Schmuckstücke des „Camping au Paradis“ gewesen war.

Jean Louis kam mit den Füßen voran hinein. Er fasste Grund und stauchte sich den linken Fuß. Es schmerzte, aber die Pein war längst nicht so schlimm wie eben noch die Hitze.

Das Wasser war bereits warm, aber es kühlte auf wundersame Art.

Christiane d’Aubry war in der Decke gefangen und für einen Moment unter Wasser geraten. Sie hatte ein paar Schlucke erwischt und hustete zum Gotterbarmen.

Jean Louis befreite sie so weit, dass sie herausschauen konnte. Ihre Rattenschwänze trieften, die Puppe Giselle war noch unansehnlicher geworden.

Der Kleinen gefiel dieses Spiel überhaupt nicht mehr, und sie sah auch treibende, aufgedunsene Körper und konnte sich keinen Reim darauf machen.

„Monsieur“, sagte sie streng zu Jean Louis, „was machen die Leute da?“

Geistesgegenwärtig sagte er: „Die haben verloren und müssen jetzt eine Weile mit dem Bauch nach oben herumschwimmen. Wir haben den ersten Teil des Spieles gewonnen und dürfen stehen. Ich halte dich schön fest, du brauchst keine Angst zu haben.“.

„Sie beschwindeln mich auch nicht?“, vergewisserte sie sich.

Er schüttelte den Kopf und bemühte sich, nicht allzu ernsthaft drein zu blicken.

„Ist aber doch ein komisches Spiel“, fand Christiane d’Aubry. „Maman wird mit mir schimpfen, wenn ich das erzähle.“

„Ah, sie glaubt dir wohl nicht?“, fragte er und achtete höllisch scharf auf die heranrückenden Flammen. Die Stelle beim Oleanderweg, an der sie gerade noch gestanden hatten, loderte hell auf. Feuer fraß sich durch die grünen Büsche. Die Blätter prasselten und knackten. Es klang, als ließe jemand Erbsen aus der Hand auf ein Blech fallen.

„Manchmal nicht“, sagte Christiane.

Manon schob sich langsam heran.

Ihr war schlecht von den treibenden Toten. Sie ekelte sich davor, sie berühren zu müssen. Darum schwamm sie nicht, sondern watete vorsichtig über den Grund des Pools, der mit allerlei Dingen bedeckt war, die die Explosion hineingeschleudert hatte.

Sie hob jetzt ebenso überrascht den Kopf wie Jean Louis und begriff nicht, warum sie das Prasseln der brennenden Oleanderblätter hören konnte.

War die Macht des Feuerorkans gebrochen? Bewegten sich die Flammenwalzen, die bis hinauf zu den höchsten Ästen der zundertrockenen Pinien reichten, jetzt in eine andere Richtung? Zurück etwa, wo sie sich totlaufen mussten? Wo es keine Nahrung mehr für das Feuer gab und wo nur noch rauchende Baumruinen standen?

Sie schaute Jean Louis an.

Er hatte die Stirn gerunzelt. Seine Decke war vorne auseinander geglitten. Wässriges Blut rann ihm von hinten am Hals herab und verfärbte sein auf der Haut klebendes Hemd.

Er hob die Achseln und versuchte, sich alles ins Gedächtnis zu rufen, was er je über Waldbrände und überhaupt über gewaltige Feuer auf großen Flächen gehört und gelesen hatte.

War da nicht die Rede davon, dass für Überlebende der schlimmste Augenblick kam, wenn zwei Flammenwalzen zusammentrafen?

Bruchstückhaft fielen ihm Schilderungen von Flächenbränden ein. Es hatte mit dem Sog zu tun. Beide aufeinander zulaufenden Feuer rissen Sauerstoff zu sich heran. Im letzten Moment entstand dann eine zwei, drei Meter breite Gasse ohne Sauerstoff, die einer Art Vakuum glich.

In dieses Vakuum platzten beide Feuer dann unter explosionsähnlichen Begleitumständen hinein. Es sollte zu Stichflammen kommen, zu Temperaturen, wie sie in Hochöfen herrschten.

Diese tödliche Hitze sollte zwar nur für Momente auftreten. Wer aber gerade in diesem Augenblick Atem holte, der sog die heißen Gase in den Körper und verbrannte sich Luftröhre und Lungen und starb eines qualvollen Todes.

Jean Louis merkte, wie er zu frieren begann. Jetzt griff die Angst auch nach ihm. Die Feuer hatten nicht abgedreht, der Orkan war nicht von einer Sekunde zur anderen eingeschlafen.

Die fast angenehme Stille ergab sich aus dem Umstand, dass der Swimmingpool in der Gasse zwischen den Feuermauern lag und damit im Vakuum.

Die Luft leitete das Fauchen, Knacken und Prasseln nur noch ungenügend.

Jean Louis merkte, wie er unter Atemnot zu leiden begann. Der Hals wurde ihm dick, der Kopf bekam Überdruck und schmerzte, als wollte er zerplatzen und zuvor Gehirn und Augen herausdrücken.

Gleich mussten die beiden Feuermauern in die Gasse fallen, mussten sich zu einer gemeinsamen Walze vereinen. Das bedeutete, dass die Explosion unmittelbar bevorstand. dass glühend heiße Stichflammen hochschossen, dass alles verbrannte, was noch zu erreichen war.

Jean Louis starrte auf das Feuer, dann auf die Toten.

Alles würde verbrennen, was an und über der Oberfläche war. Aber nicht, was unter Wasser war.

Standen er und Manon nicht bis zur Brust darin?

Er streckte die Hand nach ihr aus, seine Finger krallten sich in die Decke, die sie sich wieder über den Kopf gezogen hatte. Langsam zog er sie zu sich heran.

Christianes Gesicht verzog sich weinerlich. Sie spürte irgendwie, dass etwas nicht in Ordnung war und dass dieses Spiel viel zu aufreibend verlief, als dass es noch ein richtiges Spiel sein konnte.

Wenn sie zu Hause ein paar Sternchen ins Goldfischbecken im Vorgarten warf, taten die Großen gleich, als müsste die Welt untergehen. Und hier hatten sie sogar Asche, Laub und Gras und Holzstühle in den schönen Swimmingpool geworfen, und niemand regte sich auf. Im Gegenteil, die Großen schwammen auch noch mitten darin herum und sagten kein Wort dazu.

„Wenn ich sage 'Runter', dann tauchen wir alle drei eben ein bisschen ins Wasser“, sagte Jean Louis. Seine Stimme klang aufgekratzt. Aber Manon sah, dass sein Adamsapfel in höchster Erregung auf und nieder hüpfte.

„Ich will aber nicht!“, erklärte Christiane eigensinnig.

„Dann haben wir auch verloren“, sagte Jean Louis traurig. „Aber wenn du mitmachst, gewinnen wir vielleicht auch den zweiten Teil.“

Sie zog einen Schmollmund und ließ sich dann zu dem Zugeständnis herab: „Ja, dann!“

„Schlimm?“, wisperte Manon.

Jean Louis nickte knapp und kniff ein Auge zu.

Er lauschte, er schaute hinter sich, seine Nerven spannten sich wie Stahlseile unter extremer Belastung.

„Und vorher schön Luft holen, klar?“, sagte er gepresst zu der Kleinen und wiegte sie auf seinem rechten Arm, der längst gefühllos geworden war. Mit zwei Fingern hielt er die Decke vor Christianes Körper zusammen gekrallt. Mit der linken Hand hielt er Manons Decke fest. Er drehte langsam den nassen Stoff zusammen, so gut er konnte.

Sie durfte sich nicht aus lauter Angst aus der Decke befreien können, wenn ihr der Atem etwas knapp wurde, und auftauchen  mitten in die zusammenschlagenden Feuerwalzen hinein.

Ein Fauchen war plötzlich in der Luft, das sich unheimlich rasch steigerte und in ein schrilles Pfeifen überging. Es klang gerade so, als jage, der heiße Wind mit zweihundert Stundenkilometern um die Baumstämme.

Ein Orgeln und Dröhnen mischte sich in das Pfeifen.

Jean Louis hatte es nie selber erlebt, aber er wusste plötzlich, dass dies der entscheidende Moment war. Gleich schlugen die Flammen zusammen!

„Luft holen!“, sagte er so ruhig, wie es ihm überhaupt nur möglich war. Er wunderte sich über seine Stimme. Sie klang fremd, als gehörte sie einem anderen und nicht ihm. „Und jetzt runter!“

Er merkte, dass Christiane sich sperrte. Wie Klammern bogen sich seine Finger um die wulstigen Deckenkanten und hielten eisern den vollgesogenen Stoff und die Kleine fest.

Mit der anderen Hand zog er Manon unter die Dreck übersäte Wasseroberfläche.

„Nur keine Angst, Kleines, du kannst mich ja spüren“, sagte er noch zu Christiane und ließ sich langsam untersinken.

Die Kleine versuchte, gegen seine Hüfte zu treten, sich aus der Decke zu befreien. Ihre Hände packten schmerzhaft zu und quetschten ihm Haut zusammen.

Ich halte es aus, dachte er. Die paar Sekunden werde ich auch noch überstehen!

Der Pool enthielt Süßwasser, und Jean Louis riskierte es, unter Wasser die Augen zu öffnen.

Die Sicht war trübe. Schmutz und Unrat, Schwebestoffe und anderes Zeug trieben unter der Oberfläche. Stühle, Steine, Gläser und Flaschen lagen auf dem Boden des Bassins.

Einen grotesk feierlichen Anblick boten die Toten, die seltsam verzerrt erschienen und zu zwei Dritteln eingetaucht waren.

Dicht vor seinen Augen erschien jetzt Manons angstverzerrtes Gesicht. Haarsträhnen waren unter der Decke hervorgekommen und bewegten sich mit den Schwankungen des Wassers wie Seetang in der Grunddünung.

Ihr Kopf erschien ihm größer, als er wirklich war. Lag das am Luftmangel?

Oder täuschte ihn das miserable Licht hier unten? Das rote Feuer, die Glut mit ihrem Schein drang durch die Unrat und Ascheschicht und schuf eine unwirkliche Beleuchtung, wie in einem Höllenloch.

Christiane trat wieder um sich.

Die Kleine tat ihm leid, aber sie musste unten bleiben. Sie war noch jung. Den Schock würde sie überwinden, wenn sie überhaupt einen davontrug. Kinder waren sehr viel robuster, als man gemeinhin von ihnen annahm.

Genau über dem Pool zuckten jäh grelle Blitze.

Ihre blendende Helligkeit schlug so stark durch, dass Manon die Augen schloss und Jean Louis aus schmalen Schlitzen beobachtete, was jetzt geschah.

Das mussten die Stichflammen sein, von denen er gehört hatte.

Also waren die Feuerwalzen zusammengeprallt.

Es mussten gewaltige Entladungen sein. Er schloss es aus der enormen Helligkeit der Stichflammen.

Dazwischen flackerte der rote Widerschein des Feuers, das alles auf seinem Weg vernichtete.

Und dann kamen die explosionsartigen Verpuffungen.

Die schmetternden, grummelnden Schläge waren unter Wasser besonders deutlich zu hören. Es klang, als würde das Bassin mit seiner Füllmenge von gigantischen Kräften gepeitscht.

Die treibenden Toten schossen plötzlich wie angetrieben herum. Einige stieß es tief unter die Oberfläche. Starre Augen glotzten Jean Louis an. Augen, in denen noch das nackte Entsetzen stand, oder Verständnislosigkeit.

Aschewolken senkten sich wie gewaltige Schlierenansammlungen auf den Bassingrund.

Manon wollte im ersten Schrecken hoch, wollte auftauchen aus diesem Höllenloch, in dem man wahnsinnig werden konnte.

Mit übermenschlicher Kraft hielt Jean Louis sie unten. Er merkte, dass er es nicht mehr lange schaffte. Sein eigener Antrieb machte sich bemerkbar und drohte, ihn an die Oberfläche zu heben.

Und die kleine Christiane rührte sich plötzlich nicht mehr. Das schmerzhafte Quetschen ihrer Händchen hörte auf. Die Beinchen kamen zur Ruhe.

Noch ein paar Sekunden, hämmerte es in seinem Schädel. Nur noch ein paar Sekunden! Herrgott, die werden wir noch schaffen! Es kann doch nicht alles umsonst gewesen sein!

12

Roger Jacot hatte sich des Telefons bemächtigt, und je länger er telefonierte und sich umständlich Notizen machte, desto unfreundlicher knurrte Grossart, der schwitzte wie ein Affe und ständig den Hals samt Nacken abwischte.

Blaise war nach unten gegangen, um sich davon zu überzeugen, dass Emile, der Korse, noch wohlverwahrt im Keller steckte. Er hatte eine Rolle Pflaster aus der Apotheke im Waschraum genommen und war entschlossen, Emile zu verarzten. In diesem Zustand durften sie ihn nicht abliefern, sonst bekam Grossart mehr Ärger, als er auf seinem breiten Rücken tragen konnte.

Nach zehn Minuten kehrte Blaise zurück und schmiss zwei unbrauchbar gewordene Pflasterstreifen in Grossarts Papierkorb, in dem ohnehin immer mehr landete, als wirklich hineingehörte.

Grossart war kein großer Freund von Schreibarbeit, Ablage und allgemeinem Bürokram.

Die Blicke des Kommissars wurden nadelspitz, aber Jacot schien trotz seiner Statur das dicke Fell eines Elefanten zu besitzen, denn er redete munter weiter und kritzelte wieder auf seinem Block herum.

Er hatte die Polizeistation von Cogolin dran. Irgendwie war ihm das Kunststück gelungen, den Wachhabenden zu animieren, die alten Akten über die Brände und die Morde hervorzukramen. Und das in dieser Nacht!

Grossart mischte sich einen Pernod zurecht. Er hatte eine eigene Rezeptur. Halb und halb. Das Ergebnis half, den Gallenspiegel zu drücken.

Nach einer Stunde war der Wachhabende in Cogolin mit der Verlesung der wichtigsten Untersuchungsberichte fertig, und Jacot bedankte sich überschwänglich und legte auf.

„Nett, dass Sie mir auch mal den Apparat überlassen wollen“, knurrte Grossart. „Wo denken Sie eigentlich, wo Sie sind? Bei der Sûreté? Oder bei Interpol? Wir haben hier nur den einen Apparat.“

„Ja, das ist sehr hinderlich bei der Arbeit“, pflichtete Jacot ihm bei und drehte mit unbewegtem Gesicht schon eine neue Nummer.

Grossart stellte ächzend sein Glas ab und bekam fast einen Schlaganfall.

Als auch diese bühnenreife Darbietung von der rapiden Verschlechterung seines Gesundheitszustandes keinen Eindruck auf Jacot machte, ließ Grossart einen heulenden Fluch los, der aus dem geöffneten Fenster drang und weithin im nächtlichen La Mole zu hören war.

Roger Jacot hatte die Leitstelle der Police Routiere an der Strippe und bat, sämtliche in dieser Nacht eingesetzten Polizisten auf einen Wagen anzusprechen, auf dessen Dach oder in dessen Kofferraum ein Fahrrad transportiert worden war. Der Fahrer könnte Brillenträger sein. Und der Wagen könnte nur auf der Nationalstraße Nr. 98 aufgetaucht sein. In Richtung Cogolin - St. Tropez - St. Maxime. Oder in entgegengesetzter Richtung nach Hyeres.

Als er aufgelegt hatte, bellte Grossart: „Entweder sind Sie der unverschämteste Tropf, der je meinen Weg gekreuzt hat, oder ein wirklicher Wunderknabe, der durch den Wald geht, mit dem Stöckchen den Boden auf kratzt und die köstlichsten Trüffel findet. Mann, wieso nur die Nummer Achtundneunzig?“

„Sie sagten doch selbst, dass die Küstenstraße unterbrochen ist“, erwiderte Jacot ungerührt. „Die Engländerin wurde mit einem Wagen überfahren, als sie schon tot war, nicht mit einem Fahrrad. Der Priester von Ferrat, der wohl kein Priester war, weil Ferrat keinen nötig hat, saß auf einem Fahrrad. Dieses Fahrrad habe ich überholt, als ich zum Fundort der Leiche fuhr. Während ich dort war, kam es nicht vorbei, und als ich zurückkehrte, begegnete es mir nicht. Daraus folgt, dass das Fahrrad gar nicht mehr am rollenden Straßenverkehr zu diesem Zeitpunkt teilnahm, sondern schon in ein geeignetes Transportmittel verladen war. Zum Beispiel in ein Auto.“

Grossart und Blaise hatten mit wachsender Unruhe zugehört. Nicht das, was gesagt wurde, verwirrte sie, sondern wie Jacot es gesagt hatte.

Hilfesuchend wandte sich der Kommissar an sein Faktotum Blaise.

„Ist er gestern zu lange ohne Hut in der Sonne gewesen, oder hat er im Café etwas zur Brust genommen, das ihm aufs Gehirn gegangen ist? Vielleicht hat ihm die Schlampe von Emile was ins Glas gemischt!“

Blaise war mit den Nerven auch ziemlich herunter.

„Bis vor einer Stunde hat er noch ganz normal auf mich gewirkt“, gestand er. „Ich kann’s mir auch nicht erklären.“

Jacot grinste dünn, stand auf und holte sich Grossarts Bezirkskarte und einen Rotstift.

„Kommissar“, sagte er trocken und tippte auf die Karte, „wie viele Straßen gibt es, die von der blockierten Küstenstraße durch die Berge herüber zur Achtundneunzig führen?“

„Ha?“, machte Grossart. „Der Teufel soll aus Ihnen schlau werden. Ich schaffe es nicht. Eine Straße gibt es, und die führt von Le Canadel herüber zu uns. Ein paar Gassen von hier entfernt mündet sie ein. Aber Straße ist ein hochtrabender Begriff. Ich würde keinem raten, die Strecke bei Nacht zu fahren. Sie ist am Tag schon gefährlich.“

„Wie gefährlich?“

„Höllisch. Lauter Serpentinen. Und miserable Sicht unter den Maronenbäumen. Da haben sich auch schon Einheimische das Genick gebrochen.“

„Danke für die erschöpfende Auskunft. Gibt es sonst noch Verbindungen?“, wollte Jacot wissen.

„Ja, dieser verdammte Feldweg, der über Ferrat führt. Auch von Le Canadel aus. Mann, Jacot, warum fragen Sie mir Löcher in den Bauch? Ich bin schon ganz krank.“

„Sie sollten vielleicht eine Kur antreten“, riet Jacot herzlos. „Ein Bad gegen Gallenleiden wäre sehr zu empfehlen.“ Er räusperte sich umständlich, kreuzte den Feldweg auf der Karte an und malte ein paar Kringel und Haken in die Gegend.

„Das ist meine Karte“, protestierte Grossart dumpf.

„Ich esse sie Ihnen nicht auf“, versprach Jacot. „Aus Cogolin habe ich erfahren, dass es hier und hier und hier brennt. Auch bei Croix Valmer. Die fürchterlichen Brände sind in zeitlichen Abständen ausgebrochen, die einwandfrei ergeben, dass sie von jemand gelegt wurden, der über ein Auto verfügte, nicht über ein Fahrrad. Zuerst brannte es hier bei Le Lavandou. Das „Camping au Paradis“ soll ein einziges Flammenmeer sein. Der Brandstifter folgte dann der Küstenstraße und legte an den anderen Orten Feuer. Er hat eine Vorliebe für Pinienwälder und den Küstenstrich. Wenn wir davon ausgehen, dass wir es mit einem Pyromanen zu tun haben ...“

„Reichlich weit hergeholt“, bellte Grossart. „Zudem verstehe ich dann Ihre Fragen wegen der Querverbindungen zur Inlandstraße nicht. Der Kerl ist einfach auf der Küstenstraße weiter gesaust und in St. Tropez oder sonst irgendwo untergetaucht. Dort finden nicht mal Sie ihn, verlassen Sie sich darauf.“

Jacot grinste wie der große Magier, der statt des erwarteten Kaninchens eine ausgewachsene Gans aus dem Zylinder zaubert.

„Das konnte er nicht“, sagte er zufrieden. „Die Straße am Ortseingang von Croix Valmer ist nämlich seit dem frühen Abend gesperrt. Ein Wasserrohrbruch hat die Fahrbahn unterspült. Sie müssen jeglichen Verkehr umleiten. Ich denke mir, unser unbekannter Brandstifter sah die Sperre und die Polizei und bekam das Fracksausen. Also wendete er, fuhr zurück, so schnell er konnte und bevor ihm die eigenen Brände den Weg abschnitten, und nahm einen Weg, der ihn aus dem Küstenbereich auf die Nationalstraße Achtundneunzig brachte. Er hat seinen Wagen aber irgendwo abgestellt und gondelte mit einem Fahrrad zurück, denn er wollte schließlich sehen, wie seine Feuer loderten. Bei Pyromanen ist das nun mal so. Fragen Sie Feuerwehrleute, die bestätigen es. Unter den Neugierigen in der ersten Reihe steht bei Brandstiftung meist der Kerl, der das Feuer gelegt hat. Oder er beteiligt sich besonders emsig an den Löscharbeiten.“

„Haben Sie das studiert?“, fragte Blaise beeindruckt.

„Ich habe ja von Anfang an befürchtet, dass er einen Vogel hat“, lamentierte Grossart. „Wie soll ich das bloß in den Bericht schreiben?“

„Ich danke für die hohe Meinung, Kommissar. Meine von Ihnen ist nicht besser“, sagte Jacot sauer.

Grossart winkte ab. „Die Empfindlichkeit haben Sie abgelegt, wenn Sie so lange wie ich dabei sind“, sagte er. „Sie behaupten also, Sie sind dem Burschen begegnet? Ihr einziger Anhaltspunkt ist das Fahrrad! Mann, hier gibt es Tausende Fahrräder.“

„Aber keine falschen Priester eines Ortes, der nicht mehr bewohnt ist. Ich ziehe daraus den Schluss, dass der Bursche gar nicht weiß, dass Ferrat aufgegeben wurde.“ Jacot klopfte mit dem Rotstift energisch auf die Karte.

Grossart rieb sich nachdenklich über sein stoppelbärtiges Doppelkinn. „Die Theorie klingt ja ganz nett, wenn man auf die Ungereimtheiten nicht achtet“, meinte er unhöflich. „Wo bringen Sie in dieser haarsträubenden Geschichte jetzt die tote Engländerin unter?“

„Sie starb an entsetzlichen Brandverletzungen“, sagte Jacot ganz ruhig. „Sie wurde durch Feuer getötet. Vielleicht ist unser Pyromane auch ein Sadist und der lange gesuchte Mörder. Vielleicht ist es Ihnen entgangen, oder Sie haben sich nicht mehr darum gekümmert, die erste Tote vor vier Jahren war eine Schwedin. Ein Aupair Mädchen aus St. Tropez. Sie starb in der Nacht, als bei Cavaliere der große Brand ausbrach. Aber sie wurde auf unserer Straße hier in der Kurve gefunden. Aus einem Fahrzeug geworfen, nachdem sie erdrosselt worden war. An den Fußsohlen fand man Brandflecken von glühenden Zigaretten. Ein Jahr darauf die großen Brände von Ferrat und Le Canadel. Sie brachen um Mitternacht aus. Gegen drei Uhr wurde in der Todeskurve die Leiche einer Deutschen aus Mayence gefunden.“ Er gebrauchte den französischen Namen für Mainz. „Brandflecken auf den Brüsten und im Nacken. Die Todesursache war vermutlich ein Schraubenzieher, der ihr in den Schädel gestoßen wurde. Interessanterweise an einer Stelle, an der jede Verletzung tödlich ist.“

„Und daraus schließen Sie, dass der Täter etwas von Medizin versteht, wie?“, fragte Grossart und mischte sich einen Pernod. Den zehnten oder zwölften in dieser Nacht. Gezählt hatte er sie nicht.

„Das liegt wohl auf der Hand. Die Erdrosselung der Schwedin soll sehr fachmännisch vorgenommen worden sein“, sagte Jacot grob. Es freute ihn, dass Grossart bleich wurde und sich an seinem altertümlichen Schreibtisch festhielt. „Dann kam im Jahre darauf der Brand auf Cap St. Tropez, als das gesamte Vogelschutzgebiet zum Teufel ging. In der Frühe fand ein Fernfahrer in unserer Kurve die Holländerin, die sich das Genick gebrochen hatte. Ohne Fremdeinwirkung, wie festgestellt wurde. Interessant ist, dass sie nur einen unbedeutenden Brandfleck auf der Innenseite des rechten Oberschenkels hatte. Meine Theorie dazu ist, dass unser Mann sie quälen wollte, sie sich aber losreißen konnte und möglicherweise aus einem Auto flüchtete. In der Dunkelheit muss sie über eine Felskante gestürzt sein. Das war tödlich. In ihrem Haar fand man Tangspuren. Sie muss also auf Felsen am Meer geprallt sein. Gefunden hat man sie jedoch in der Kurve. Allen drei Mädchen ist gemeinsam, dass sie als heiß galten und viele Männerbekanntschaften hatten. Die Ermittlungen in dieser Richtung haben nichts erbracht. Mit ihrem Mörder müssen sie andererseits auf gutem Fuße gestanden haben, denn alle drei waren sie unbekleidet, als man sie fand. Die Textilien waren in der Nähe fortgeworfen. Es macht wirklich keine Freude, einem Pyromanen und Sadisten in die Spur zu steigen.“

Grossart hatte das Glas geleert und das Doppelkinn aufgestützt.

Anerkennend sagte er plötzlich: „Mensch, wie Sie die Sache vortragen, gewinnen die Fakten an Leben und Bedeutung. Es könnte wirklich was dran sein an Ihrer Geschichte.“

„Es freut mich, dass Sie mir folgen“, sagte Jacot. „Wir sollten uns gleich am Morgen den Feldweg ansehen und notfalls bis Ferrat hinauffahren. Ich fürchte, dass wir dort irgendwo den Ort finden, wo die Engländerin umgebracht wurde.“

„Ich dachte schon, Sie wollten den Fall nur vom Schreibtisch aus lösen“, bekannte Grossart, und die Tatsache, dass Jacot seine Suppe auch nur mit Wasser kochte, ließ ihn befreit aufatmen. Verdammt, der Bursche war ihm doch tatsächlich unheimlich geworden.

An das Tempo könnte man sich ja noch gewöhnen. Aber diese Kombinationen, die der Bursche anstellte, das war schon Hexerei!

Grossart mischte sich wieder einen zurecht.

Als er das Klingeln der Feuerwehren hörte, die aus Cogolin, Port Gri maud, St. Tropez und den anderen Orten zusammengezogen worden waren, wusste er, dass er sein Bett vorerst nicht wiedersah.

Die Wehren richteten im Schulhaus von La Mole ihren Befehlsstand ein, die Wagen rückten weiter. An drei Stellen drohte das Feuer weit im Landesinneren die Nationalstraße Nr. 98 zu überspringen.

Eine erste Schätzung ergab, dass mehr als 40 000 Hektar Wald in Flammen standen und dass sieben Camping und Caravanplätze eingeschlossen waren und drei Dörfer.

Als Grossart, Jacot und Blaise ins Schulhaus gingen, kam dort eben die Meldung herein, dass mit dem ersten Grau des Morgens fünf Löschflugzeuge in die Bekämpfung der verheerenden Brände eingreifen würden, und dass aus Aix-en-Provence die schweren Bergungs- und Räumpanzer der 3. Panzerdivision im Anrollen waren.

„Was wollen die mit Panzern?“, fragte Jacot zweifelnd. „Tank und Löschfahrzeuge wären weit dringender nötig.“

„Sie brechen damit breite Schneisen in die Wälder und verhindern ein Überspringen des Feuers“, erklärte Grossart und wischte sich den Schweiß ab. Eine Hitze war das. Der verdammte Rauch kam schon bis in die Häuser. Alles roch nach Brand und Feuer.

Als der Kommissar, Jacot und Blaise zurückgingen, war der rotglühende Himmel über der Küste bereits so hell, dass man ohne Mühe Zeitung lesen konnte.

Die armen Schweine, die da noch drinstecken, dachte Jacot, und eine Gänsehaut lief ihm trotz der Hitze über den Rücken.

13

Das Blut hämmerte ihm in den Schläfen, in den Ohren, er spürte Blutgeschmack im Mund, während die Explosionen durchs Wasser dröhnten.

Sie klangen fern, aber deutlich. Dabei waren sie so nah.

Als Jean Louis es nicht mehr aushalten konnte, gab er dem Auftrieb nach.

Die Puppe Giselle stieg vor seinem Gesicht hoch und stieß ihm gegen die Nase.

Er prallte mit dem Kopf gegen einen schweren Körper und dachte im ersten Schrecken, dass etwas, vom brennenden Restaurant herabgefallen war und ihm den Schädel zerschmetterte.

Aber da war kein Schmerz, und der Körper ließ sich beiseite schieben.

Es war eine tote Frau, verbrannt bis zur Unkenntlichkeit und aufgetrieben von der erbarmungslosen Hitze.  .  .

Er drückte die Tote mit der Schulter fort, gab ihr Schwung und riss Manon an die Oberfläche. Wie eine Wassernixe tauchte sie auf, eingeweicht bis auf die Knochen und besinnungslos.

Er krallte die Decke mit der Hand fest, ging rückwärts und zog Manon zum Bassinrand. In den quirlenden Strudeln der schmutzigen Oberfläche trieb die Puppe.

Er packte Giselle und warf sie auf die steinerne Einfassung. Dann wuchtete er Manon mit dem Oberkörper so weit hinaus, dass sie nicht zurückgleiten konnte, und zog sich selber aus dem Swimmingpool.

Die Einfassung war heiß.

Aber das Brausen war fort, die Wut des Feuerorkans war gebrochen. Die verstümmelten Pinien brannten. Hoch oben im roten Nachthimmel flogen Millionen glühender Funken, und gewaltige Rauchwolken wälzten sich dort davon und zogen mit dem Seewind landeinwärts.

Die Hitze war immer noch schlimm. Aber die größte Gefahr war überstanden, dachte Jean Louis.

Er wickelte die kleine Christiane aus der triefenden Decke. Die Händchen waren unnatürlich verkrallt, das Gesichtchen bleich.

Mein Gott, sie wird doch nicht ertrunken sein, dachte er voller Entsetzen. Dann hätte ich sie auf dem Gewissen! Ich wollte sie doch retten und nicht ertränken!

Er legte sie auf die Seite, beobachtete den kleinen Körper. Die Brust hob und senkte sich schwach.

Er öffnete ihr den Mund, kniete und packte Christiane bei den Beinen. Blitzschnell stellte er sie auf den Kopf.

Sie gab eine Menge Wasser von sich.

Als nichts mehr kam, legte er sie auf die Seite und beobachtete weiter.

Funken kamen geflogen. Sie verlöschten, als sie sich auf der Kleinen, auf Manon und Jean Louis niederließen. Noch gewährte die Nässe Schutz. Aber Decken und Kleidung begannen schon wieder zu dampfen.

Die Kleine atmete schon wesentlich ruhiger. Eine Mund zu Mund Beatmung brauchte er nicht zu machen, das erkannte Jean Louis. Er drückte die Puppe Giselle der Kleinen in den Arm und holte Manon vollends aus dem Wasser.

Genau in diesem Moment kam sie zu sich und übergab sich. Es war fast nur Wasser.

Jean Louis hockte sich zu ihr, hielt ihr den Kopf und streichelte ihren samtweichen Hals, von dem die Tropfen rannen.

Er war fast froh, als sie zu weinen begann. Die aufgestaute Angst musste sich irgendwie Bahn brechen. Sie konnte nicht einfach alles in sich hineindrücken.

Beißender dichter Rauch trieb von den Stellplätzen heran. Irgendwo brannte Kunststoff. Der Gestank war mörderisch, der Rauch so gefährlich wie das Feuer.

Jean Louis blickte sich um. Das Feuer schien sich nach Westen und Norden auszudehnen und die Wälder aufzufressen. Durch den Rauch sah er die Feuerwalzen leuchten.

Aus weiter Ferne drangen gellende Todesschreie heran.

Es gab wilde Camps in den Wäldern und auf den Klippenplateaus, die schwer zugänglich waren und auch schwer zu verlassen waren. Das Feuer schien diese Camps überrollt zu haben, ohne den Menschen darin eine Chance zu lassen.

Zur Bucht hinunter standen wie Fackeln brennende Baumstämme. Da und dort brachen Äste nieder und wirbelten Asche und Funken auf. Der Boden qualmte und rauchte, das harzreiche Holz der Bäume knallte und barst in der Hitze, die sich jetzt erst richtig in den Stamm vorfrass.

„Ich glaube, jetzt schaffen wir es zur Bucht“, sagte Jean Louis und war Manon behilflich, sich aufzusetzen.

Ihre geröteten Augen blickten ihn dankbar an. Bislang war er nur ihr Freund und ein guter Liebhaber gewesen. In dieser Nacht lernte sie ihn von einer Seite kennen, die sie nie bei ihm vermutet hätte. Er war fürsorglich, mutig und entschlossen und handelte mit beinahe rücksichtsloser Konsequenz.

Wie er sich um die Kleine bemüht hatte! Als ob er es gelernt hätte.

„Ja, wir schaffen es“, sagte Manon heiser. Sie schwankte, als sie aufstand.

Jean Louis legte ihr die Decke um und überzeugte sich, dass sie die Schuhe nicht verloren hatte.

Dann hob er die kleine Christiane auf. Das Kleiderbündel war fort. Es war zwecklos und gefährlich, danach zu suchen.

Die Rauchwolken schwenkten auf den Swimmingpool ein und trieben zu höchster Eile an. Vom Restaurant herüber, das ein knallender, prasselnder Flammenberg war, sprang eine Hitze, die sofort neue Blasen auf den ungeschützten Hautpartien entstehen ließ.

Auf was er sich eingelassen hatte, bekam Jean Louis sofort zu spüren.

Seine Füße versanken bis zu den Knöcheln in glühender Asche, die der Feuersturm in einer Vertiefung zusammen geweht hatte.

Er stieß einen brüllenden Schrei aus und sprang hoch, als hätte er auf eine Starkstromleitung getreten.

Manon hastete herbei und wollte ihm helfen.

„Bleib zurück!“, schrie er. „Glühende Asche, überall glühende Asche! Tritt nur dort hin, wo du sicher bist, dass es fester Grund ist.“

Er biss danach die Zähne zusammen und suchte sich vorsichtig einen gangbaren Weg, konnte aber nicht verhindern, dass er noch zweimal in Löcher rutschte, die bis obenhin mit Glut gefüllt waren.

Das Zeug brodelte an einer Stelle wie Lava und kochte aus der Vertiefung heraus.

Manon wurde von einem brennenden Ast getroffen, der von einem lodernden Baum brach. Sie taumelte unter dem unverhofften Schlag und stürzte auf die Knie.

Der heiße Boden und der Schmerz trieben sie schnell wieder in die Höhe.

„Bist du in Ordnung, Cherie?“, fragte Jean Louis besorgt.

Sie nickte tapfer und rieb sich den Kopf unter der Decke.

Getrieben von den beißenden, ätzenden Rauchschwaden kämpften sie sich hinunter zur Bucht.

Alles war erfüllt vom tanzenden, zuckenden Licht der entflammten Stämme und von einem widerlich süßlichen Gestank, den sie sich zunächst nicht erklären konnten.

Bis sie an die Erdböschung kamen, auf der Oleander gepflanzt gewesen war. Die Büsche waren weggebrannt, so gründlich, als hätte es sie nie gegeben.

An der Böschung lagen haarlose, verkrümmte und verkohlte Gestalten, zusammengeschmort in der Hitze auf die Größe von Kindern.

Von ihnen kam der süßliche Geruch.

Manon wandte sich würgend ab.

Jean Louis ging weiter. Die Menschen mussten hier Schutz vor der Feuerwalze gesucht haben. Vielleicht hatten sie gehofft, dass die Feuerwand die Böschung überspringen würde.

Es sah aus, als sei das Feuer genau von oben auf sie herabgekommen. Urplötzlich und so schnell, dass niemand mehr die Chance hatte, sich zur Flucht zu wenden. Sie lagen alle in einer Richtung.

Oberhalb der Bucht gab es Felslöcher und künstliche Mauern. Als Manon und Jean Louis dort anlangten, bewegten sie sich vorsichtiger als in einem Minenfeld. Ein Fehltritt, und sie sanken bis an die Hüften in zusammengewehte Glut.

Eine gellende Stimme drang plötzlich verweht aus der Bucht herauf, kreischend und heiser: „Ihr Schweine, ihr verdammten Schweine! Helft mir doch! Hilfe, zu Hilfe! Hunde, ihr feigen Hunde, das büßt ihr alle noch. Alle miteinander!“

Jean Louis strengte seine tränenden Augen an.

Was er sah, erschreckte ihn zutiefst.

Sie kamen nicht weiter! Das erkannte er zuerst. Der Holzsteg, der in die Steilküste hineinführte und den einzigen Zugang zur Bucht darstellte, war fort. Abgebrannt und hinabgestürzt.

Hinunterspringen konnten sie nicht. Es ging über zwanzig Meter in die Tiefe. Das überstanden sie nicht einmal, wenn ihnen sämtliche Schutzengel beistanden und sie auf Flügeln hinunter geleitet hätten.

Dann entdeckte Jean Louis den brüllenden, kreischenden Mann, der dem Wahnsinn nahe sein musste. Der bedauernswerte Bursche hing baumelnd an der Klippe rechts drüben und versuchte, sich hinaufzuziehen.

Im Schein der Flammen waren unterhalb der Klippe auf den umschäumten Felsen verkrümmte Gestalten zu sehen.

Ein entsetzliches Drama musste sich hier abgespielt haben. Vielleicht waren sie hinabgesprungen, als das Feuer herangerast war. Oder sie hatten auch an der überhängenden Klippe gehangen, bis die Kraft sie verlassen hatte.

Jener eine hielt noch aus. Seine Stimme war nur noch ein Krächzen.

Wem seine Flüche und Verwünschungen galten, sah Jean Louis jetzt erst. Die Wut kam in ihm hoch über so viel Feigheit und Niedertracht.

In der Bucht lagen immer Boote. Als das Feuer heranraste, hatten es einige Leute geschafft, diese Boote zu erreichen, bevor der Steg verbrannt war.

Jetzt hockten sie dort unten in den schaukelnden Wasserfahrzeugen und starrten zu dem kreischenden Mann in der Klippe herauf. Mehrere Boote waren nur mit einem Menschen besetzt.

Es war eine bodenlose Schweinerei.

„Kannst du sie mir abnehmen?“, fragte Jean Louis und hielt Manon die kleine Christiane hin. „Das kann man sich nicht mitanhören. Ich versuche, ihn heraufzuziehen.“

Manon nahm die Kleine unter die Decke und wiegte sie wie ein Baby, während Jean Louis nach einem Weg suchte, der ihn nicht geradewegs in die Hölle führte.

Als er eine heiße Mauer erreichte, deren Steine vom Rauch geschwärzt waren, blieb er abrupt stehen. Aus hervorquellenden Augen blickte er auf den Mann in der Klippe.

Er konnte ihn nicht mehr erreichen. Vielleicht hing der Mann schon eine Stunde so und hatte sich die Seele und den Verstand aus dem Leib gebrüllt. Jetzt wich die Kraft aus seinen Armen.

Mit einem Schrei, der die Kopfhaut zusammenzog, fiel der Mann aus der Klippe und schlug unten auf die Felsen.

Ein dumpfer Schlag drang herauf, der Schrei endete wie abgeschnitten.

Verkrümmt blieb der Mann liegen. Mitten zwischen den anderen, die es schon zuvor hinter sich gebracht hatten.

Aus der Bucht herauf drang nur noch das leise Klatschen der Wellen gegen die Bootskörper.

Jean Louis ließ die Schultern hängen und kehrte vorsichtig zurück.

„Ich wollte es versuchen“, murmelte er dumpf.

„Es ist nicht deine Schuld, dass es nicht gelungen ist“, sagte Manon weich. „Ich glaube, unsere Kleine kommt zu sich.“ Sie schlug die Decke zurück und betrachtete Christiane.

Das Mädchen begann sich zu regen. Es machte krampfartige Schluckbewegungen, ballte die Händchen und stieß wild um sich.

Manon griff nach den Fäusten und hielt sie fest.

„Es ist jetzt alles gut, mein Kleines“, sagte sie mütterlich. „Du hast nur ein wenig schlecht geträumt.“

Jean Louis hielt den Mund und sah lieber zu.

Es dauerte ziemlich, lange, bis Christiane so weit klar war, dass sie ihre Umgebung wahrnehmen konnte.

Ihre ersten Worte bewiesen, dass sie Manon sehr gut verstanden hatte und einen scharfen Verstand besaß.

„Es ist nicht wahr, ich habe nicht geträumt“, sagte sie schluckend. „Wir sind ins Wasser gesprungen. Ich bin ganz nass.“

„Das trocknet schnell wieder, und wenn erst die Sonne aufgeht, denkst du gar nicht mehr daran“, sagte Manon und zwang sich zu einem Lächeln.

Die Kleine drehte den Kopf und schaute Jean Louis prüfend an. „Haben wir das Spiel jetzt ganz gewonnen? Ich möchte jetzt nicht mehr. Ich kenne schönere Spiele, nicht so blöde.“

Da hast du sicher recht, dachte Jean Louis. Er nickte und sagte: „Wir haben gewonnen, richtig. Aber wir müssen hier warten, bis es hell geworden ist. Es wird dir langweilig vorkommen. Du kannst ein wenig schlafen, wenn du möchtest. Oder ich erzähle dir eine unheimlich tolle Geschichte vom Bären und der Prinzessin.“

Sie war sofort interessiert. „Frisst er sie auf?“

„Wer?“, fragte Jean Louis irritiert. „Der Bär“, sagte Christiane spitz. Kinder hatten mitunter eine verdammte Art, einem Erwachsenen ihre Logik nahezubringen. „Er muss sie auffressen, sonst ist es keine tolle Geschichte.“

Um Manons Mundwinkel zuckte es verräterisch. Sie beherrschte sich aber.

„Hör mal, der Bär frisst die Prinzessin doch nicht auf“, versuchte Jean Louis zu erklären. „Er ist ein verzauberter Prinz...“

„Och!“, schmollte das Mädchen. „Das ist doof wie dein Spiel. Gehen wir lieber den richtigen Bären suchen.“

„Einen richtigen Bären?, fragte er vorsichtig. „Hier gibt es keine Bären, weißt du. Die kann man im Zoo sehen.“

„Da sind doch die Affen und Tiger“, belehrte ihn die Kleine. „Der richtige Bär ist hier. Da gibt es noch andere lustige Tiere ...“

„Hier?“, fragte Jean Louis. „Bist du ganz sicher?“

„Ich war mit Maman schon dort. Sie haben auch böse Schweine mit ganz spitzen Zähnen. Aber ich habe die Eiskrem dem Bären gegeben, und da hat mich Maman nicht mehr mitgenommen. Die Gräfin hat aber doch so gelacht, als der Bär ins Haus kam und mehr Eiskrem haben wollte.“

Manon schüttelte leicht den Kopf, als Jean Louis sie fragend anschaute. Die Kleine hatte doch einen gehörigen Schock davongetragen. Kein Wunder bei diesen Umständen. Auch Erwachsene hätten diese Nacht kaum ohne seelischen Schaden überstanden.

„Das ist natürlich eine viel tollere Geschichte als meine“, beeilte sich Jean Louis zu sagen, als ihn Christiane prüfend anblickte. „Ist die Gräfin eure Nachbarin?“

Sie rümpfte das Näschen und meinte herablassend: „Bist du doof! Die wohnt doch hier, und Papa hat Geschäfte mit ihr. Da oben ist ihr Haus. Wenn es hell wäre, könntest du es sehen. Ich bin doch mit Maman hingegangen, weil Papa gesagt hat, das kurze Stück fährt er nicht.“ Durch Jean Louis ging ein Ruck. Ein Haus? Es gab hier herum in den Wäldern mehrere Landsitze. Vielleicht war die Gräfin überspannt und hielt sich darum einen Privatzoo. Er hoffte, dass nicht allzu viele Gräfinnen hier wohnten und die richtige auf Anhieb zu finden war. Die konnte sicher behilflich sein, dass Christiane wieder in die richtigen Hände kam.

„Na“, sagte er ziemlich aufgekratzt, „dann suchen wir die Bärengräfin eben. Kennst du den Weg?“

„Vom Büro aus gibt es einen Fußweg“, sagte Christiane verständig.

Sie meinte ohne Zweifel das Eingangsgebäude. Es stimmte, es gab dort einen Fußweg, der nach Osten führte, irgendwo hinein in den Pinienwald. Dort hätte er nie einen Landsitz vermutet. Allerdings standen die Bäume sehr dicht und gestatteten keinen großartigen Ausblick.

Es war durchaus möglich, dass sich dort das angegebene Ziel befand.

Der Kleinen schienen jedoch Bedenken zu kommen, denn sie klammerte sich plötzlich an Manon fest und schaute flehentlich auf Jean Louis. „Du sagst aber nichts davon, dass ich nicht geschlafen habe, ja? Sonst wird Maman böse. Ich bin doch aus dem Bett gefallen, als es so gebumst hat und das Feuer so lustig brannte.“

„Ich sage keinen Ton, großes Ehrenwort“, sagte er. Und ganz plötzlich hatte er einen bestimmten Verdacht. Warum war die Kleine ausgerechnet jetzt darauf gekommen, nichts davon zu sagen, dass sie am Fenster des Caravans gestanden hatte?

„Ist deine Maman bei der Bärengräfin?“, fragte er ahnungsvoll.

Christiane nickte ernsthaft. „Sie sagte, es sei eine Einladung, und Papa musste auch mit hin. Mich haben sie nicht mitgenommen. Es sei nur für große Leute, hat Maman gesagt, und sie hätte noch die Nase voll wegen der Eiskrem. Gehen wir hin? Au fein.“

Sie hüpfte, dass sie Manon um ein Haar vom Arm fiel.

14

O, verdammt, dachte Jean Louis, hoffentlich sind die Eltern nicht von Sinnen gekommen, als sie das Feuer sahen und den brennenden Platz! Und wenn die Flammen den Landsitz eingeäschert haben und dort niemand mehr am Leben ist? Das Feuer ist in diese Richtung gezogen! Wohin dann mit der Kleinen?

Er überlegte, ob es zweckmäßig war, den Tagesanbruch abzuwarten, oder jetzt schon mit der Suche zu beginnen.

Da und dort waren Stämme erloschen, die vor kurzem noch hell gebrannt hatten. Das Licht wurde schwächer, und da und dort wurden die roten Glutnester am Boden sichtbar.

Es war vernünftiger, jetzt loszugehen. War es erst hell, dann verdeckte die graue Asche die Glutstellen. Noch einmal wollte er nicht in ein Loch hineintreten.

Er nahm Christiane auf den Arm und ging vorsichtig voran.

Von der Bucht aus gab es einen direkten Weg zum Eingang. Vormals war es eine von Blumen und Blüten gesäumte Straße gewesen. Jetzt war es eine wüste Trümmerstrecke, übersät mit Asche, Dreck, Ästen und den Resten eines Caravans, der sich vielleicht gelöst hatte und hier auseinandergefallen war.

Aus einer gemauerten Wasserzapfstelle kroch ihnen eine lallende Gestalt mit abgebranntem Haar entgegen. Es war ein Mann, und es grenzte an ein Wunder, dass er überhaupt so lange gelebt hatte. Er trug keinen Fetzen mehr auf dem Leib und war über und über verbrannt. Die Haut hatte faustgroße Blasen geworfen und war aufgequollen.

Jean Louis erkannte ihn erst, als er ächzend zusammenbrach und zuckend auf den Rücken rollte. Das Licht brennender Bäume beleuchtete ihn.

Es war Philippe, der freundliche Ansager.

Der junge Mann streckte sich zitternd. Sein Mund war ein rundes schwarzes Loch. Die Zähne waren abgebrochen. Er musste die Hölle in ihrer ganzen gnadenlosen Tiefe durchwandert haben.

Als Jean Louis vorsichtig nach seinem Herzen tastete, ob noch der Schlag zu spüren war, blieb es dort ruhig.

Philippe war so grässlich gestorben wie viele vor ihm in dieser Nacht.

Aus großen starren Augen hatte Christiane zugesehen. Plötzlich sagte sie: „Der hat ja keine Haare. Schläft er jetzt?“

„Ja, er schläft jetzt sehr fest und gut“, sagte Jean Louis heiser und ging schneller. Er konnte es hier riskieren. Zwar war die Asphaltdecke ebenfalls abgebrannt, aber der geschotterte Grund war noch fest. Vor allem verbarg er keine Löcher, die mit Glut gefüllt waren.

An Tod und Vernichtung vorbei kämpften sie sich zum Ausgang. Oft zwang sie starker beißender Rauch zu Umwegen, aber sie schafften es, auch wenn sie das Zeitgefühl darüber verloren.

Wo das Lager gestanden hatte, klaffte ein Trichter, aus dem es immer noch rauchte. Im weiten Umkreis lagen Stücke der explodierten Gasflaschen. Lodernde Bäume beleuchteten die düstere Szene.

Die Hauptrichtung des Feuers hatte sich den Hügeln und Bergen zugewandt. Vom Seewind angetrieben, rollten dort drei mächtige Feuersäulen die Hänge hinauf. Es musste über einen Kilometer entfernt sein.

Aus einer nicht zu bestimmenden Richtung war das Klingeln eines Feuerwehrzuges zu hören.

Von Westen her näherte sich das typische Brummen und das schlagende Rotorengeräusch eines Helikopters. Manon und Jean Louis hoben den Kopf, ihre Blicke suchten das Fluggerät.

Aber die treibenden Rauchschwaden waren so dicht, dass sie nicht einmal die Positionslichter zu erkennen vermochten.

Auch die drei mächtigen Feuersäulen an den Hängen waren jetzt durch ziehenden Rauch verdeckt. Nur schwach schimmerte Helligkeit durch.

Der Rauch bereitete Jean Louis Sorge. Wenn er herunterkam und dicht über dem Boden trieb, dann war es schlecht um sie bestellt. Eine Rauchvergiftung hatten sie sowieso alle drei, davon war er überzeugt.

Aber er wollte nicht in den gelblich weißen Schwaden ersticken, nachdem er mit Manon und der Kleinen bis hierher gelangt war.

„Weiter!“, sagte er rau und heiser. In seinen Lungen begann es wieder zu stechen. Er kannte das schon. Der Mensch konnte sich an vieles gewöhnen.

Er fand den von Flugasche bedeckten Fußweg. Die Asche war noch warm, da und dort dampfte der Boden. Jeden Fußbreit tastete er mit den Schuhen ab, bevor er fest auftrat.

Das Feuer hatte hier nicht ganz so schlimm gewütet. Vielleicht hing es mit der Explosion zusammen. Oder die Flammen waren einfach, da und dort, über Büsche und ganze Buschgruppen hinweg gesprungen.

Die grünen Inseln inmitten der grauen, rauchenden und glühenden Einöde boten einen grotesken Anblick.

Der Fußweg näherte sich bis auf wenige Schritte der Einfriedung des Platzes „Camping au Paradis“. Auch in dieser Ecke gab es sanitäre und Warmduscheinrichtungen, die in einem sogenannten Waschhaus untergebracht waren.

Das flache Gebäude im provenzalischen Stil war unversehrt, die Fenster ganz und alle Ziegel auf dem Dach. Nur Flugasche war im Übermaß zusammengeweht worden.

„Hallo?“, rief Jean Louis gespannt gegen das Haus. „Sind hier Leute übriggeblieben?“

In der dunkel gähnenden Türöffnung entstand Bewegung. Ein paar flackernde Feuer gaben noch etwas Licht, so dass zu sehen war, dass drei Frauen herauskamen.

„Wer seid ihr?“, wollte eine wissen.

„Jean Louis Delorme, Manon Bazin und Christiane d’Aubry. Wir hatten die Caravans weiter unten am Meer.“

„Wie sieht es dort aus?“

„Schlimm. Geht besser nicht hin. Der Boden ist voller Löcher mit heißer Asche und verborgenen Glutnestern. Und auch sonst ist der Anblick nicht sehr einladend. Es gab viele Tote, als das Gasflaschenlager explodierte, den Rest hat das Feuer geschafft. Ist das Feuer hier umgesprungen?“ fragte Jean Louis.

„Wir wissen es selber nicht“, erwiderte eine der Frauen. „Erst war alles voller Flammen und Rauch. Und entsetzlich heiß wurde es. Dann gab es weiter unten einen dumpfen Knall, und die Flammen schossen zwanzig, dreißig Meter hoch in die Luft und erloschen. Das Feuer ist regelrecht um uns herumgelaufen, wir konnten es sehen. Können wir helfen?“

„Ich fürchte nein“, gab er zurück. „Wartet lieber, bis ihr jemand rufen hört. Und sorgt für Licht. Die Nacht ist noch nicht um, und die Bäume erlöschen nach und nach.“

„Bleibt hier bei uns“, bot die dritte Frau an. „Es ist zu gefährlich da draußen. Wir haben vorhin Wasser rauschen hören. Aus Richtung Park.“

„Was für ein Park?“, fragte Jean Louis elektrisiert.

„Es gibt da eine kauzige Gräfin, die sich Raubzeug im Park hält. Und große Fischteiche hat sie. Vielleicht ist da was passiert, und ein Damm ist gebrochen“, mutmaßte die Frau.

„Und ihr konntet es hören?“, vergewisserte sich Jean Louis.

„Aber ja. Der Wind ist doch umgesprungen.“

„Danke!“, sagte Jean Louis dumpf und hob knapp die schmerzende Hand.

Bei allen Feuerteufeln der Küste, der Wind kam tatsächlich ziemlich scharf von Osten und brachte Rauch mit und das neuerliche Knacken, Brausen und Orgeln eines Feuersturms. Es klang noch sehr weit entfernt, und dazwischen waren die Klingeln von Feuerwehren zu hören. Irgendwo da vorne schien ein Dorf in Bedrängnis geraten zu sein.

„Willst du nicht besser mit der Kleinen hier bleiben?“, fragte Jean Louis. „Ich schaue mich erst mal um und versuche herauszufinden, was passiert ist.“

Sehr energisch schüttelte Manon den deckenverhüllten Kopf. „Wir gehen mit. Die Lage kann sich binnen Sekunden völlig ändern, und was machen wir dann ohne dich?“

„Dann probieren wir unser Heil in dieser Richtung“, sagte er und schob tastend den rechten oder linken Fuß voran. Er ging nicht von seiner Vorsichtsmaßregel ab, erst den Boden zu prüfen.

Die drei Frauen vor dem Waschhaus starrten ihnen nach, wie sie in der rot leuchtenden Nacht verschwanden.

Jean Louis hörte vom Meer her das Brummen von Flugzeugmotoren. Landeinwärts knatterten jetzt zwei Hubschrauber herum.

Jetzt kamen sie, jetzt, wo es für viele zu spät war. Und was wollten sie in der Nacht auch schon mit Hubschraubern ausrichten?

Das Gelände, in das Jean Louis, Manon und die Kleine gerieten, war ihnen unbekannt und wirkte nach all der verbrannten, qualmenden Gleichförmigkeit wie die fremdartige Vegetation eines fernen Planeten.

Der Fußweg senkte sich unverhofft nach Osten in ein flaches Tal, dessen Tiefe nicht einmal abzuschätzen war. Wasser aus den Küstenbergen mussten es vor Urzeiten gerissen haben, und später waren durch Verwitterung seine Hänge sanfter und flacher geworden.

Wie es aussah, war dort unten nicht ein Strauch verbrannt. Verblüfft versuchte Jean Louis, der Spur des Feuers nachzublicken.

Die Flammen waren hier oben am Knick noch entlanggelaufen, aber sie waren nicht hinuntergekommen, sondern vor dem Seewind zu den Hügelkuppen hoch gebraust.

15

Aus Richtung Cavaliers rückte von Osten ein Feuerorkan heran. Die flammenden Mauern bewegten sich schneller, als Jean Louis befürchtet hatte. Lodernde Funkengarben schossen aus der Feuerwalze, Rauch rollte sich überschlagend vor den Flammen her. Es sah aus, als liefe eine gigantische Wasserwelle auf den Strand.

Das rasch näher kommende Feuer warf bereits so viel Helligkeit voraus, dass schon wieder Einzelheiten zu erkennen waren, einige unbewaldete kleine Flecken in diesem Tal, die sehr wohl die Fischteiche darstellen konnten, ein größeres Areal mit mächtigen Laubbäumen und dem Dach eines nicht näher zu bestimmenden Gebäudes.

Ein anderes Haus war nirgends zu sehen. Die Tatsachen stimmten alle haargenau überein.

Jean Louis fasste die Kleine fester und eilte den Fußweg in das Tal hinab. Dornengestrüpp hakte sich an der Decke fest und wollte sie ihm von der Schulter reißen.

Sein Lauf wurde jäh gebremst. Manon prallte voll auf ihn. Sie stürzten beinahe in das Gestrüpp und verschafften sich gegenseitig Halt.

Mit einem heftigen Ruck befreite er seine Decke und konnte von hier auf das Meer sehen. Immer mehr verstärkte sich sein Verdacht, dass dies ein gewaltiger Privatbesitz war mit eigenem Strand, der offiziell gar nicht mehr statthaft war. So bestimmte es jedenfalls ein Gesetz.

Aber wer wollte einen Besitzer zwingen, den Strand öffentlich zu machen, wenn auf den Grenzen steile Klippen und Felsbarrieren eben den öffentlichen Zugang entlang des Strandes versperrten? Und Badegäste und Strandläufer von der Straße her über sein Grundstück zum Wasser gelangen zu lassen, das konnte niemand von einem Besitzer verlangen. Es gab nämlich auch ein Gesetz, nach dem Besitz unantastbar war.

Und dieser gewaltige Besitz schien sehr unantastbar zu sein. Keine Wege, keine Straße, kein Betrieb, kein Caravanplatz und keine Müllbehälter und scheppernden Blechdosen, wie sie sonst allenthalben herumflogen und Strand und Wald verunzierten.

Ein scharfes Fauchen drang plötzlich aus dem tiefen Schatten einer dichten Baumgruppe.

„Was ist das?“, fragte Manon hastig und drängte sich Schutz suchend an ihn.

„Keine Ahnung“, gab er zurück, obgleich er schon Ahnungen hatte. Nur keine guten. Diese Gräfin besaß doch freilebende Tiere. Einen Zaun gab es ja wohl irgendwo noch. Eines der Tiere musste entwischt sein. Vielleicht war es durch das nahe Feuer beunruhigt worden, oder der Rauch hatte es vertrieben und leicht reizbar gemacht.

Jean Louis beschloss, den Teufel an den Barthaaren zu zupfen. Er bückte sich, tastete herum, bis er einen Stein fand, der ihm zweckmäßig erschien, und schleuderte den Brocken in den tiefen Schatten unter der Baumgruppe.

Das angriffslustige Fauchen verstummte und ging in einen sehr erschrocken klingenden Tierschrei über, der sich blitzartig entfernte.

Das konnte auf eine Raubkatze hindeuten. Jean Louis kannte kein Tier, das sich hätte schneller bewegen können.

Manon war die Sache nicht sehr geheuer. Sie wollte lieber umkehren. Aber sie waren schon so weit vorgedrungen, dass es besser war, sie hielten auf das Haus zu, dessen Dach eben noch zu sehen gewesen war.

Wer wusste schon zu sagen, wie schnell das Feuer vorankam?

Von der Feuerwalze war im Augenblick nichts zu sehen. Lediglich beißende Rauchschwaden trieben heran und wurden vom Ostwind tief an den Boden gedrückt.

Manon war es, als zeige sich draußen auf dem Meer weit im Osten ein heller Streifen.

Sie hob den Arm und machte Jean Louis darauf aufmerksam.

„Es wird hell“, sagte er, und unsagbare Erleichterung war in seiner krächzenden Stimme.

Sie bewegten sich vorsichtig auf dem unbekannten Gelände voran.

Nach zehn Minuten waren die Rauchschwaden so dicht, dass Jean Louis fürchtete, die Orientierung verloren zu haben.

Plötzlich stieß Manon einen gellenden Schrei aus.

Schlagartig wurde es gefährlich hell zwischen und unter den Bäumen. Das Brausen und Knacken, Prasseln und Fauchen des Orkans war wieder da.

Eine Feuerwalze von ungeheuren Ausmaßen raste unten beim Strand von Osten heran und schwenkte in das Tal herein.

Jean Louis fluchte so heftig, dass die kleine Christiane zusammenzuckte und kaum noch zu atmen wagte. Gesprochen hatte sie die letzte halbe Stunde ohnehin nicht mehr.

Das rasende, springende Feuer drohte die drei Menschen von dem rettenden Haus abzuschneiden, das irgendwo da vorne verborgen war.

„Jetzt“, sprach Jean Louis heiser und schwer, „müssen wir um unser Leben laufen. Bleib dicht hinter mir, hörst du? Du darfst nicht den Anschluss verlieren!“

„Ja, in Ordnung“, sagte Manon mit leiser, mutloser Stimme.

Sie begannen zu rennen.

Ein Zaun war plötzlich vor ihnen, kaum zu erkennen. Sie prallten beide dagegen und taten sich höllisch weh. Christiane begann leise zu weinen und drückte die zerzauste Giselle an sich.

Es gab keine Tür und kein Tor. Die Zeit hatten sie nicht mehr, danach zu suchen. Und den Fußweg hatten sie verloren.

Eine Tür musste vorhanden sein, denn den Gästen wurde sicher nicht zugemutet, über den Zaun zu steigen.

Manon und Jean Louis kletterten hinüber. Sie spürten, wie ihre Brandblasen platzten und wie das Wasser über die Haut rann.

Der Zaun war stabil und bog sich nicht um. Das war wohl wegen der Tiere beabsichtigt.

Beißende Hitze war bereits wieder zu spüren. Sie wehte das Tal herauf und zog unter den Bäumen her, die sich rauschend im Wind bewegten. Nachtgetier flüchtete raschelnd vor der heranwalzenden Katastrophe.

Funken flogen ins grüne Unterholz. Auf dem trockenen Nadelteppich entstanden die ersten Glutnester, die vom Wind angefacht wurden. Weißer Rauch trieb durch die Dornbüsche und die Wolfsmilchgewächse.

Es roch wieder nach Tod und Vernichtung.

„Mehr nach links!“ brüllte Jean Louis. „Das Feuer kommt zu schnell.“

Links befanden sich die unbewaldeten Flecken, die er für die Fischteiche angesehen hatte. Wenn sie nicht vorher zum Haus durchkamen, dann mussten sie versuchen, dort im Wasser nochmals die Flammenwand zu überstehen.

Sie rannten, was sie konnten. Die Lungen stachen, die Füße schmerzten, und die Kräfte waren längst aufgezehrt. Es wunderte sie selber, weshalb sie immer noch in der Lage waren, vor dem Feuer davonzulaufen.

Manon glitt unvermittelt auf glitschigem Untergrund aus, schlug schwer hin und konnte nicht mehr aufstehen.

Jean Louis lief die paar Schritte zurück, packte sie am Arm und zog sie brutal hoch. Er zerrte sie hinter sich her.

Da war Wasser auf dem Boden. Gras war da und raschelte um die Beine.,

Das war sicher ein Abfluss aus den Fischteichen!

Jean Louis wandte sich noch mehr nach links, stolperte über Steinbrocken und fiel eine Art Erddamm hinauf.

Da war Wasser. Er konnte es riechen.

Er bewegte sich keuchend auf den Knien, zog Manon mit sich und trug die Kleine.

Eine weite Wasserfläche mit Schilfgräsern am Rand blinkte ihm entgegen. Er stieß einen brüllenden Freudenschrei aus, stieß Manon hinein und wollte eben Christiane unter der Decke hervorholen, als ihn ein wildes, wütendes Grunzen herumfahren ließ.

Lieber Gott im Himmel!, dachte er. Lass es nicht wahr sein!

Es war aber wahr.

Ein Wildschwein, wie man es bestenfalls in den dichten Buchenwäldern von Savoien noch fand, stand auf dem Damm. Hinter dem Tier brannte bereits das Unterholz. Feuerlohen sprangen durch das Baumgeäst, Funken regneten herab und machten das Tier angriffslustig und gefährlich.

Es war vor der Hitze und der Helligkeit zu spät geflüchtet und hatte sich ausgerechnet diesen Damm des Fischteiches als Fluchtweg ausgesucht. Und jetzt sah es diesen Fluchtweg versperrt.

Die Gräfin hat wirklich einen Sprung in der Schüssel, dachte Jean Louis und reichte die Kleine zum Wasser hin, wo er Manon sich bewegen sah. Die hält nicht nur Bären und Raubkatzen, sondern auch Wildschweine! Und was für ein Brocken das ist! Ein Treffer mit den Hauern, und ich bin erledigt! Die hat einen Vogel, die gehört eingesperrt und für Geld herumgezeigt! Privater Wildpark! Wo gab es das noch?

Er spürte, dass Manon ihm Christiane abnahm.

Vorsichtig bewegte er sich rückwärts, tauchte mit den Füßen in den Uferschlick und hoffte, dass das gefährliche Vieh so lange stillhielt, bis er vom Damm weg war.

Das Wildschwein tat ihm nicht den Gefallen.

Brausend schossen Flammen den Erddamm herauf, Funken flogen auf das Tier.

Es stieß ein zorniges Grunzen aus, senkte den dreieckigen hässlichen Kopf und raste zum Angriff heran. Es verließ den Damm und rannte durch den Uferschlick, dass Schlamm und Wasser auf spritzten.

Jean Louis griff nach einem schwarzen Aststück, das faulend und modernd halb im Wasser lag.

Er war schon heilfroh, dass es nicht zerbrach, als er es hochhob und weit nach hinten über den Kopf schwang.

Er war nicht gewillt, sich kampflos von dieser gereizten Bestie überrennen und zerfetzen zu lassen. Das Wildschwein sollte auch Federn lassen.

Er spannte alle Muskeln, berechnete die Bewegungen des Tieres, das den Rüssel dicht über dem Wasser hielt, und schlug mit aller Macht zu, während er einen wilden Kampfschrei losließ.

16

„Treiben Sie mir schon wieder die Gebührenrechnung hoch?“, meckerte Grossart und schaute zu, mit welcher Behändigkeit Jacot die Wählscheibe drehte. „Ich wünschte, Sie hätten alle Finger in Gips.“

Jacot ging gar nicht auf seine Proteste ein, die seiner gereizten Stimmung entsprangen. Er hatte die Karte mit den Markierungen neben dem Telefon liegen und die Notizen dazu.

Vor ein paar Minuten hatte er sie nochmals überflogen, und dabei waren ihm die zahlreichen Männerbekanntschaften aufgestoßen, die den Opfern nachgesagt wurden. Das hatte ihn auf eine verwegene Idee gebracht, wie er selber eingestand.

Aber war’s drum! Er hatte gelernt, auch verschüttete Spuren freizulegen. Und oft führten die zu sensationellen Erkenntnissen.

Während er auf den Wachhabenden in Cogolin wartete, fragte er an Grossart gewandt: „Hat sich irgendein Verdacht ergeben, wer der Brandstifter sein könnte? Jeder Polizeibezirk hat doch für solche Fälle seinen, oder seine Kunden.“

„Wir haben gar nichts, und es ist auch nie einer aufgefallen, jedenfalls keiner von den Einheimischen, Jacot. Mein lieber Mann, wir haben jedes Jahr Hunderttausende von Gästen an der Küste. Natürlich werden da Pyromanen darunter sein, und manchmal wird ja auch einer erwischt, wie er ein Streichholz an einen trockenen Busch hält. Aber aus der hiesigen Gegend ist keiner bekannt.“

„Dann“, sagte Jacot sanft, „hat er sich verdammt gut getarnt.  Hallo, ja, hier ist nochmals Jacot! Was ist das für ein Krach bei Ihnen? So, die Wasserabwurfflugzeuge sind eingetroffen? Sprechen Sie vom Flugzeug aus? Dann machen Sie das Fenster zu. Also, ich benötige nochmals die Akten zu den Morden. Ja, genau die. Da ist die Rede von Männerbekanntschaften. Haben Sie die Protokolle? Gut, danke. Sind dort Männer beschrieben, die Brillenträger sind? Nicht, das machen Sie nicht? Schade, es hätte mir sehr geholfen. Dann rettet Sie nichts. Sie müssen mir die ganzen Listen der ermittelten Männer herunter beten. Fangen Sie an!“

Er legte seinen Block zurecht und begann Namen zu kritzeln, während Grossart schon die dummen Rückfragen der Departementsverwaltung hörte, warum ausgerechnet seit Einstellung des Roger Jacot die Telefonrechnung sprunghaft gestiegen war.

„Verreck!“, sagte Grossart und stülpte das leere Glas um. Die Flasche Pernod war geleert, und mit dem Rest Wasser hatte Blaise den Gummibaum begossen, den er mit irgendwelchen Tricks seit zehn Jahren am Leben hielt. Die Pflanze wuchs nicht mehr und schob kein neues Blatt. Aber sie ging auch nicht ein.

Jacot kritzelte wie ein Gerichtsprotokollant.

Bin gespannt, ob er sein Geschmiere nachher noch lesen kann, dachte Grossart. Die jungen Leute haben ein Tempo am Leibe, das ist schon beleidigend. Vielleicht bin ich auch schon zu alt für solche Sachen.

Dieses verdammte Provinznest hat mich vorzeitig geschafft. Immer warten und warten. Auf den Schreibtisch, der nie kam, auf eine Beförderung, die es nicht gab, auf eine Zulage, die dann doch dem Sparstift zum Opfer fiel. Soll Jacot sich doch die Nerven kaputtmachen! Er hat noch gute, die halten noch eine Weile!

„Ach?“, machte Jacot in diesem Moment verwundert. „Das waren erst die Männer im Falle der Schwedin? Alle Achtung, lieber Freund! Dann geben Sie mir jetzt die Namen im Falle der Deutschen durch.“

Er notierte weiter mit der Verbissenheit eines Mannes, der weiß, dass er auf der richtigen Spur ist, der aber noch nicht den Dreh der Sache durchschaut hatte.

Nach zwei Minuten war die Liste durch. Jacot erkannte, dass zwei Männer sowohl zum Bekanntenkreis der Schwedin als auch der Deutschen gehört hatten. Diese Namen unterstrich er und fragte zurück, ob man auch die Wohnorte festgehalten habe.

„Selbstverständlich“, beeilte sich der Mann in Cogolin am Telefon zu versichern. Er nannte die Orte  St. Tropez und Port Grimaud.

Das brauchte noch nichts zu bedeuten, aber Jacot merkte, wie er feuchte Handflächen bekam. Das Jagdfieber hatte ihn gepackt.

„Und jetzt die Namensliste im Falle der Holländerin“, bat er und schrieb auf, was ihm durchgegeben wurde.

Es tauchte nur noch ein Name auf, der des Mannes aus St. Tropez. Der Schürzenjäger aus Port Grimaud war bei der Holländerin gar nicht ins Rennen gegangen.

Grinsend malte Jacot den übriggebliebenen Namen auf ein neues Blatt Papier, groß und deutlich. Und er unterstrich ihn.

Martin Valouse.

Er glaubte an eine Menge Zufälle, aber an eine solche Häufung nicht mehr. In allen drei Fällen war Martin Valouse mit den Opfern bekannt gewesen und hatte Beziehungen unterhalten.

Der Name erinnerte ihn plötzlich an etwas.

Es gab ihm einen derartigen Ruck, dass er sich kerzengerade hinsetzte und der Stift aus seiner Hand fiel. Es hätte nicht viel gefehlt und auch der Telefonhörer wäre ihm entglitten.

Der Wachhabende aus Cogolin meldete sich. „Monsieur Jacot, haben Sie noch diesbezügliche Fragen?“

„Nein, danke, ich komme damit aus. Ich glaube, Sie haben mir sehr geholfen.“ Er legte auf, als unerträgliches Motorengebrumm aus dem Hörer drang.

Aber es kam nicht nur aus dem Hörer. Es drang auch zu den Fenstern herein.

Blaise stand auf und schaute hinaus.

Er fuchtelte aufgeregt herum: „Die Löschflugzeuge kommen  die Löschflugzeuge sind da! Drei  vier  fünf! Mann, hängen die tief! Sie werden doch nicht den Turm umstoßen? Ah, jetzt haben sie Licht, jetzt wird es hell. Da können sie richtig abladen!“

Jacot warf einen Blick zum Fenster. Zwischen dem klobigen Viereckturm der Kirche und dem Dach war im Osten heller Himmel zu sehen. Ein unförmiges Flugzeug schob sich durch diesen Sektor, langsam und bedächtig.

Jacot hatte diese Maschinen noch nie im Einsatz gesehen. Er hatte nur gehört, dass sie sich im Tiefstflug auf ein entsprechend großes Gewässer senken, und während des Langsamfluges über fünf Tonnen Wasser aufnehmen konnten, das sie dann über den Brandherden abließen. Eine solche Maschine konnte stundenlang in der Luft operieren, ohne einmal landen zu müssen.

Als der dröhnende Lärm der vorbeifliegenden fünf Maschinen langsam verebbte und das verhaltene Klirren der Fensterscheiben nachließ, schaute Jacot nach der leeren Pernodflasche auf Grossarts Schreibtisch.

Er hätte jetzt einen gebraucht. Der Kopf dröhnte ihm, die Gedanken überschlugen sich.

Der Name! Er hatte ihn schon gehört, nein, gelesen Valouse. Nicht vor Tagen, sondern diese Nacht. Der Name war noch frisch in seinem Gedächtnis.

„Ist Ihnen nicht besonders?“, fragte Grossart. „Ich habe mir doch gleich gedacht, dass Sie sich so lange abnudeln, bis Sie zusammenklappen. Das dankt Ihnen kein Mensch, denken Sie an meine Worte.“

„Die Tasche!“, stieß Jacot hervor und schoss vom Stuhl hoch, als hätte er sich in ein Wespennest gesetzt. Grossart nahm vorsichtshalber die Arme in halbe Höhe und rief Blaise zu: „Nimm einen Schlagstock, und wenn er mir was will, haust du ihm auf den Kopf, klar?“

„Für einen Komiker sind Sie noch nicht reif genug!“, zischte Jacot bissig. „Die Tasche der Engländerin, verdammt!“

Er entdeckte sie im Regal, wo Blaise sie als Beweismittel bereits neben dem Kleiderbündel und den Schuhen deponiert hatte. Eine Nummer hatte er ihr auch schon gegeben.

Jacot öffnete mit fliegenden Fingern die Tasche, kramte darin herum und riss den Schein heraus, den Terminzettel des Zahnarztes. Triumphierend hielt er das Papier dem Kommissar hin.

Und mühsam buchstabierte Grossart: „Martin Valouse, Dentiste, St. Tropez Var.“ Er legte bedächtig die Hände zusammen und meinte: „Das haben Sie mir schon mal gezeigt, Jacot.“

„Ja, aber da wusste ich noch nicht, dass der Zahnarzt Valouse auch zur Bekanntschaft der Mordopfer gehörte. Aller Mordopfer, die in der Todeskurve gefunden wurden.  Er hat eine Telefonnummer. Hören wir uns an, was er zu sagen hat.“

Bevor Grossart einschreiten oder es verhindern konnte, drehte Jacot schon wieder die Scheibe.

Der Ruf ging lange ab, ehe jemand abnahm und knapp sagte: „Ja?“

Es war eine Männerstimme, und Jacot wollte es erscheinen, als klinge sie angeräuchert. Verschlafen klang sie auf jeden Fall. Aber das brauchte nichts zu bedeuten. Es gab Schlafmittel, die halfen, ein Alibi zusammenzukitten.

„Monsieur Valouse, entschuldigen Sie die Störung“, sagte Jacot freundlich, aber bestimmt. „Hier ist das Petanques. Besteht die Möglichkeit, dass Sie mit einem unserer Gäste die Brille verwechselt haben?“

„Was?“, drang es unwirsch an Jacots Ohr. „Ich war vor einem Jahr zuletzt bei Ihnen, und ich kann weder Ihre Küche noch Ihre Preise empfehlen.“

„Einen Augenblick bitte, Monsieur Valouse!“, säuselte Jacot. Er kämpfte wie ein Ertrinkender, damit der Bursche nicht auflegte. „Ich höre nach, ob eine Verwechslung vorliegen kann.“ Er deckte absichtlich die Sprechmuschel nicht ganz ab, zwinkerte Grossart zu und fragte den: „Besteht nicht auch die Möglichkeit einer Verwechslung, Monsieur?  Nein, Monsieur Valouse, der Gast ist sich ziemlich sicher. Könnten Sie bitte nachprüfen, ob es auch Ihre Brille ist? Wenn nicht, bitten wir, sie im Petanques abzugeben. Ich darf mich für die Störung entschuldigen.“

„Verdammt, ich habe meine eigene Brille und nicht die eines hergelaufenen Burschen!“, tobte Valouse. „Was verkehrt denn bei Ihnen schon anderes!“ Er schmetterte den Hörer auf, dass es Jacot fast das Trommelfell zerriss, bevor die Verbindung unterbrochen war.

„Sie sind das größte Lügenmaul an der Küste“, ächzte Grossart. „Und das will etwas heißen! Warum schmieren Sie diesen Zahnklempner am frühen Morgen an? Was hat der Mann Ihnen getan?“

„Er ist Brillenträger!“, sagte Jacot. „Das wollte ich herausfinden. Ich habe ihn diese Nacht getroffen. Einen merkwürdigen Brillenträger jedenfalls. Graues onduliertes Haar, sehr gepflegt. Verflucht, seit wann gibt ein Priester schätzungsweise fünfzig Franc für einen Friseur aus?“

Grossart wischte sich den Schweiß ab.

„Mein Onkel“, erinnerte er sich, „machte es selber mit einer Schere. Das ging schnell und war billiger.“

„Eben“, sagte Jacot. „Blaise, ein paar Handschellen! Der Kommissar und ich fahren nach St. Tropez, um jemand abzuholen.“

„Sie sind doch wahnsinnig!“, keuchte Grossart. „Dafür braten sie uns mit Haut und Haaren. Sie können doch nicht der Präfektur dort einen Verdächtigen unter der Nase weg verhaften und nach hier schaffen. Jacot, ich flehe Sie an, kommen Sie zu sich und denken Sie an meine bescheidene Pension, die ich vielleicht in ein paar Jahren bekomme!“

„Ich denke nicht an Ihre Pension, sondern an vier Mordopfer und katastrophale Waldbrände, die auch viele Menschenleben gefordert haben“, sagte Jacot hart. „Wir fahren, und wenn es Feuer regnet.“

„Beschwören Sie das nicht!“, ächzte Grossart. „Verreck! Wo haben Sie gelernt, so hartherzig mit Vorgesetzten umzugehen?“

„Auf der Polizeiakademie“, sagte Jacot trocken.

„Auf der... !“ Grossart sprach nicht weiter. Er schluckte eine Weile und meinte dann bitter: „Kein Wunder, wenn da die Prominenz von Beifort aufgeflogen ist. Mensch, ich wette, das war Absicht, volle Absicht! Geben Sie es zu!“

„Ich wette nicht dagegen“, sagte Jacot. „Können wir, oder können wir nicht?“

Ergeben schraubte sich Grossart aus dem Stuhl hoch.

17

Jean Louis schlug mit dem Mut der Verzweiflung und mit aller Kraft zu, die er noch aufbieten konnte.

Der vollgesogene Ast traf das Wildschwein über dem Auge.

Das Tier wich grunzend zurück. Offenbar hatte es nicht damit gerechnet, attackiert zu werden.

Es stampfte in den Schlamm, senkte den Schädel und rannte wieder an.

Jean Louis wünschte sich einen spitzen Gegenstand, notfalls einen Regenschirm, mit dem er sich die Bestie vom Leib halten konnte. Es kam ihm nicht mehr darauf an, er war bereit, mit dem Tier zu kämpfen, wie es früher üblich gewesen war, als man noch nicht mit Gewehren aus sicherer Entfernung geschossen hatte.

Doch da war keine andere Waffe als der schwarze, modrige Ast.

Wieder traf Jean Louis über dem Auge. Er setzte einen Hieb hinterher und stieß mit dem einen Astende gegen den Rüssel.

Das Wildschwein war überrascht von der heftigen Gegenwehr. Es zog sich zurück.

In diesem Moment schoss eine Flammengarbe die Böschung herauf. Oben im Geäst sprangen die Flammen von Zweig zu Zweig.

Das Wildschwein wurde angesengt, quiekte und grunzte und schnarchte wie von Sinnen und warf sich mit einer derartigen Heftigkeit nach vorn, dass der nächste Schlag mit dem wasserschweren Aststück ins Leere ging.

Jean Louis sah die tödliche Gefahr. Er riss seine primitive Steinzeitwaffe zurück, stieß nach dem Auge und sprang dabei in die Höhe.

Etwas fetzte ihm an der Wade entlang. Er meinte, reißenden Stoff zu spüren. Aber er konnte nichts hören.

Mit einem Schlag war wieder das prasselnde Feuer da, schleuderte Hitze und Funken vor sich her und trieb dichte Rauchwolken in die Höhe.

Das Wildschwein riss Jean Louis die freischwebenden Füße fort. Er machte in der Luft eine halbe Drehung und sauste in den aufspritzenden Uferschlamm.

Er schluckte stinkendes Wasser, spürte, dass er die Astkeule noch in der Hand hatte, und rappelte sich auf, um dem Wildschwein noch was über zu braten.

Wie von Furien gehetzt, preschte das Tier in einer ungemein eleganten Art durch den Uferschlamm unterhalb des Erddammes, sauste drüben die Böschung hoch und verschwand wie ein böser Spuk im dornigen Gebüsch, dessen Blätter sich bereits in der Hitze rollten.

„Weiter in die Mitte!“, krächzte Jean Louis und machte eine knappe Handbewegung. Er fischte seine Decke auf, die ihm in die Brühe geglitten war, und warf sie sich um Kopf und Schultern.

Den Knüppel schleppte er mit. Die Gräfin sollte auch einen Bären haben und anderes Getier, das gefährlich war oder doch werden konnte.

Brausend sprang das Feuer in das stehende Schilf und raste darin entlang. Brennende Blätter, glühende Stängel kippten auf die Wasseroberfläche und verlöschten.

Von den nahen Bäumen flogen flammende Äste.

Diesen Anblick waren sie schon gewöhnt, er konnte sie nicht mehr sehr erschrecken.

Jean Louis achtete nur darauf, dass nicht unbemerkt ein Gegenfeuer heran walzte und es wieder zu einem Zusammenprall der Feuerwände kam.

Sie hatten zwar auch hier drin die Chancen, die Explosionen und Stichflammen zu überleben, aber er war nicht scharf darauf. Ein Mal reichte ihm für alle Zeiten.

Ein tiefes, sattes Brummen näherte sich vom offenen Meer her.

Zwei unförmige Flugzeuge erschienen vor dem schon sehr hellen Morgenhimmel. Sie flogen genau das Tal herauf.

Löschflugzeuge!

Jean Louis sprang in die Höhe, er riss die Decke herab, winkte wie ein Verrückter und brüllte: „Hierher, hier sind wir! Schmeißt das Wasser runter!“

Sie zogen unbeirrt heran, brummend und fast zum Greifen nahe.

Aber kein Ventil öffnete sich in einem der Rümpfe. Keine Tonnenlast an Wasser platschte herab.

Die Maschinen zogen über das Feuer hinweg und verschwanden über der Hügelkuppe.

„Oh, ihr verfluchten Hunde!“, brüllte Jean Louis und schlug vor Enttäuschung und Wut mit der Faust ins Wasser, dass es weithin spritzte und Manon getroffen wurde. „Der Teufel soll euch holen!“

Das Brummen verklang, und das Brausen des Feuers war wieder gegenwärtig.

18

Nach einer Weile konnte Jean Louis wieder einen klaren Gedanken fassen. Er tappte herum, hockend, damit er bis zum Hals im Wasser war, und suchte seine Decke, die hier irgendwo untergegangen war.

Er fand sie nach mühsamer Sucherei und schützte den heißen Kopf vor der herüber greifenden Hitze. Die Wasseroberfläche dampfte, ein paar Tiere verpäppelten ihr Leben am Ufer. Ins Wasser hatten sie nicht gewollt, und die Hitze konnten sie nicht überstehen.

Ein brennender Vogel stürzte unweit von Manon herab. Das Tier musste bis zum allerletzten Moment auf seinem Gelege ausgeharrt haben, war aber doch noch von den Flammen erwischt worden.

Dumpf brütend hockten Jean Louis und Manon bis zum Hals im Wasser und wechselten sich darin ab, die kleine Christiane über die Oberfläche zu halten und mit den nassen Decken zu schützen.

Das Prasseln und Knacken störte sie bald nicht mehr. Ihre Ohren waren wie taub, ihre Augen entzündet und rot.

Sie bewegten sich erst wieder, als Sonnenlicht auf sie fiel.

Der neue Tag war herauf, die Sonne ging über einer schwarz verbrannten Küste auf.

Das Feuer war das Tal hinaufgezogen, wie Jean Louis feststellte, und hatte eine breite Aschespur und schwarze, nackt aufragende Baumstämme hinterlassen, die noch qualmten.

Christiane d’Aubry hatte die Stunden im Wasser nicht gut überstanden. Vielleicht war es eine Art Unterkühlung, vielleicht auch die Rauchvergiftung, und möglicherweise auch die Nerven.

Jean Louis trug sie, während er durch die Feuerschneise einen Weg suchte, der frei war von Glutlöchern.

Taumelnd, torkelnd und fertig bis zur Erschöpfung, bewegten sie sich eine Viertelstunde später über einen Parkrasen mit grünen Laubbäumen. Hier war vom Feuer nichts zu sehen. Nur Flugasche lag wie feiner Schnee auf dem Gras. Mitten in diesem Park stand ein Landsitz.

Es musste das Haus sein, dessen Dach sie in der Nacht teilweise gesehen hatten.

Jean Louis warf die Decke ab, hob Christiane auf den anderen Arm und zeigte auf das Haus.

Das Stimmchen der Kleinen klang rau wie ein Reibeisen. „Hier wohnt die Gräfin. Und der Bär ist sicher auch da.“ Sie fand es fein und jauchzte.

So spaßig fand Jean Louis die Sache nicht. Er hatte noch genug von der Begegnung mit dem Wildschwein und wollte sich nicht auch noch mit einem Bären prügeln.

„Hoffentlich sind deine Eltern da“, sagte Manon und trug die Puppe Giselle, die von allen dreien noch am wenigsten Schaden genommen hatte. Ihre Schrammen und Beulen trug sie aus länger zurückliegenden Episoden. Lediglich das Haar war durch das zweimalige Bad nicht feiner geworden.

Aber das war vom Haar der drei Menschen auch nicht zu behaupten.

Im Gebäude musste man die seltsame Prozession über den Parkrasen beobachtet haben.

Ein paar Leute standen plötzlich auf einer großen Terrasse mit Putten, und eine Frau sagte ohne sonderlich viel Gemüt in der Stimme: „Mein Gott, das ist ja meine kleine Christiane! Stellen Sie sich vor, liebe Gräfin, meine Tochter! Sie hat überlebt, wirklich, sie hat überlebt.“ Jean Louis fühlte sich so müde. Er schloss die Augen und torkelte weiter, bis ihm jemand die Last der Kleinen aus den Armen nahm.

„Sie kommen vom Campingplatz?“, fragte die Frauenstimme. Da war keine Wärme drin, kein Gefühl.

„Nein“, krächzte Jean Louis. „Nein, Madame, wir kommen direkt aus der Hölle. Wir hätten Sie gerne dabeigehabt, um Sie dort zu vergessen!“

„Sie unverschämter Mensch, Sie!“, giftete ihn die Dame an. „Was fällt Ihnen ein? Überhaupt, wie kommen Sie dazu, die ganze Nacht mit meinem Kind herumzuziehen?  Kleines, erzähl mir bitte alles genau, ja?“

Christiane zog einen Schmollmund und schwieg trotzig.

Jean Louis wandte sich um, ergriff Marion bei der Hand und verließ mit ihr die Terrasse. Während sie über das Grün davongingen, sinnierte Jean Louis über die Ungerechtigkeiten der Welt nach.

Wie viele gute Menschen waren diese Nacht draufgegangen, und wie viele schlechte waren übriggeblieben? Es war alles verkehrt eingeteilt.

Er spuckte in hohem Bogen aus.

Ein Windstoß trieb dünne Rauchschleier aus dem Baumbestand über die Parkwiese zwischen das davon stolpernde Paar und den feinen Landsitz.

19

Die Brillengläser blitzten, die Augen funkelten feindselig, als Martin Valouse die Tür einen Spalt öffnete und zwei unbekannte Besucher draußen sah.

Er kannte sie nicht, und er hatte für diese frühe Stunde auch keine Terminvereinbarung.

„Ja, bitte?“, fragte er unwirsch.

Grossart blickte fragend auf Jacot. Es hing von diesem ab, was nun geschehen sollte. War das der Mann mit dem Fahrrad, oder war er es nicht?

„Sie haben einen guten Friseur!“, sagte Jacot mit einem vergnügten Grinsen. Es war sein Mann, er hatte die richtige Nase und unverschämtes Glück gehabt.

„Bitte?“, machte Valouse.

„Einen guten Friseur!“, sagte Jacot nochmals. Er stellte einen Fuß in die Tür. „Haben Sie’s mit dem Gehör? Dann könnte ich verstehen, weshalb Sie mich in der Nacht nicht mit meinem Wagen haben kommen hören. Sie erinnern sich, wir sind fast zusammengestoßen !“

Der Zahnarzt blickte hilfesuchend auf Grossart. „Monsieur, haben Sie Einfluss auf ihn? Er muss verrückt sein. Halten Sie ihn fest, ich rufe die Polizei!“

„Nicht nötig“, sagte Grossart. „Die habe ich mitgebracht.“ Er machte eine leichte Handbewegung zu Jacot hin, der schon mit beiden Füßen in der Tür stand.

Valouse prallte zurück.

„Ich verstehe kein Wort! Hinaus! Verlassen Sie mein Haus!“, brüllte er.

„Sie hatten in der Nacht ein Fahrrad bei sich“, sagte Jacot. „Damit waren sie oben auf dem Berg und haben dem Höllenfeuer zugeschaut, das Sie gelegt haben. Als Pfarrer verkleidet haben Sie Ihr Unwesen getrieben. Sagten Sie nicht, Sie seien der Pfarrer von Ferrat?“ Jacots Stimme peitschte auf ihn ein, unbarmherzig und kalt. „Ich habe hier den Mann dabei, der den letzten Pfarrer von Ferrat sehr genau kannte. Er war nämlich sein Onkel. Kommissar  Grossart, ist dieser Mann Ihr Onkel?“

„Nein, das ist er nicht“, sagte Grossart und fürchtete, jeden Augenblick von den Kollegen aus St. Tropez wegen Amtsanmaßung verhaftet zu werden.

„Gut, ich erkenne ihn wieder. Wir werden alles durchsuchen und das Priestergewand und das Fahrrad finden“, sagte Jacot. Er brachte ein Bündel  Pinienzweige zum Vorschein, die er die ganze Zeit auf dem Rücken verborgen gehalten hatte.

Grossart hatte sich schon entsetzt, als Jacot unterwegs diese Zweige von einem Nadelbaum gebrochen hatte. In der Hitze warfen die Dinger die Nadeln ab, dass es nicht mehr feierlich war.

Mit den Zweigen fuchtelte Jacot dem Zahnarzt vor dem Gesicht herum.

Valouse regte sich furchtbar auf. „Sie, werfen Sie Ihren Dreck nicht auf meinen Boden, Sie ... Sie!“ Er verstummte und starrte auf das Feuerzeug, das plötzlich in Jacots Hand lag.

Der Deckel schnappte, die kleine Gasflamme brannte blau und freundlich.

Langsam bewegte Jacot das Feuerzeug unter die Pinienzweige, die er festhielt, und ließ die Nadeln aufflammen.

Fauchend und zischend sprangen die Flammen über und entzündeten das Bündel.

Jacot hob die Zweige langsam, wobei Glutstücke zu Boden fielen und harziger Rauch durch das Haus trieb. Er beobachtete Martin Valouse wie eine Schlange das Kaninchen.

Ein Funkeln und Glitzern war plötzlich in den Augen des Zahnarztes. Eine irre Freude spiegelte sich in seinem Gesicht. Er begann, seine schmalen, knotigen Finger zu kneten und sie schließlich hocherfreut aneinander zu reiben.

Jacot wurden die Finger warm. Aber er hielt die Zweige hoch.

„Heiß!“, stieß Valouse plötzlich hervor. „Heiß, sehr heiß!“ Er begann zu lachen, leise und verhalten erst, dann lauter werdend. Er starrte verzückt auf die brennenden Zweige und sog tief den harzigen und ganz typischen Rauch ein. „Es brennt so schön, es leuchtet weit aufs Meer hinaus...“

Jacot schmiss die Zweige auf den Boden und trat die Flammen aus. „Das war es, Grossart!“, sagte er.

„Das wollte ich wissen. Jetzt können Sie ihn haben.“ Er wandte sich um und verließ das Haus.

Als Roger Jacot durch den Vorgarten der Villa in St. Tropez ging, war sich Kommissar Grossart noch immer nicht schlüssig, ob ihn der Neue nicht schon wieder verarscht hatte. Ihn und den heulenden Valouse.

ENDE

Ein Killer in Marseille

Ein Pierre Marquanteur Krimi

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

Eine Reihe von Morden erschüttert Marseille. Alle werden auf dieselbe Art begangen. Das Tatmuster ist den Kommissaren Pierre Marquanteur und Francois Leroc nicht unbekannt, denn es gehört zu einem Täter,  der seit Jahren nicht mehr in Erscheinung getreten ist. Haben die Kommissare es wirklich mit diesem mysteriösen Unbekannten zu tun zu tun oder mit einem Nachahmungstäter?

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Personal

Kommissar Pierre Marquanteur - ein Ermittler bei der Kriminalpolizei von Marseille.

Kommissar Francois Leroc - Marquanteurs Kollege.

Monsieur Jean-Claude Marteau - Chef der Kriminalpolizei von Marseille und Kommissar Marquanteurs Vorgesetzter.

Siddi Noureddine - ein algerisch-stämmiger Kollege bei der Kriminalpolizei Marseille.

Emile - hat einen Bären erledigt.

Georges Lenoir - wurde erstochen.

Papa Marquanteur - bedauert es, dass die OAS de Gaulle nicht umbringen konnte.

Maman Marquanteur - liest >La Provence< und wohnt in >Le Trou<.

1

Ich war an diesem Wochenende zu meinen Eltern gefahren. Raus aus Marseille in ein kleines Dorf, dessen Namen keiner Erwähnung wert ist.

>Un trou<, wie man auf Gut-Französisch so sagt.

Ein Loch.

Aber es lag idyllisch an einem Fluss. In der Provence gibt es viele solcher Orte. Und das Besondere an diesem war, dass man einen beeindruckenden Blick auf ein altes Römer-Aquädukt hatte. Irgendwie hatte es dieses Bauwerk geschafft, all die Jahrhunderte zu überdauern. Vandalen, Goten, Hunnen und was es sonst noch an Katastrophen gegeben hatte - nichts schien diesem steingeworden Symbol der Dauerhaftigkeit etwas anhaben zu können. Und es passte zu diesem trou, diesem Ort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein schien.

“Kommissar bist du also jetzt”, sagte mein Vater, nachdem er sein zerlesenes Exemplar der Zeitung >La Provence< zusammengefaltet hatte. Immerhin das hatten Marseille und >Le Trou<, wie ich dieses Dorf insgeheim immer nannte, gemeinsam. Man las überwiegend diese Zeitung: >La Provence<.

“Ja, Kommissar bin ich”, bestätigte ich.

“Kommissar bei der Kriminalpolizei in Marseille.”

“Genau. Das bin ich.”

“Das bist du - immer noch”, sagte er.

“Papa!”, entfuhr es mir und ich gab mir große Mühe nicht genervt zu klingen. Maman blieb in solchen Fällen strikt neutral. Aber das Gespräch zwischen meinem Vater und mir war gewissermaßen die Wiederholung einer Serienepisode. Da wechselt höchstens die Platzierung der Werbeblöcke - größer waren die Variationen in diesem Fall auch nicht. Ich wusste schon genau, wie es weitergehen würde, noch bevor einer von uns auch nur den Mund aufgemacht hatte.

Ich kam mir vor, wie in einer Zeitschleife.

“Wieso hat man dich noch nicht befördert?”, fragte er. Er schüttelte den Kopf. “Verstehe ich nicht.” Er sah Maman an. “Verstehst du das?“

“Hör mal, Chèri...”

Maman versuchte ihn zu beschwichtigen und dem Thema die Brisanz zu nehmen.

Am besten, man redete nicht drüber.

Das war Mamans Methode.

Eine Methode, der mein Vater in seinen fortgeschritteneren Jahren immer weniger auf den Leim ging.

Und genau deshalb wurden die Besuche bei meinen Eltern in >Le Trou< mit den Jahren auch immer weniger gemütlich.

Mein Vater hob die Augenbrauen.

“Ich verstehe es nicht. Punkt.”

“Wenn man ihn so oft befördert hätte, wie du dir das vorstellst, wäre er längst Chef der Polizei in Marseille”, meinte Maman.

“Ja, und warum ist er das dann noch nicht?”, fragte mein Vater.

“Was?”

“Na, Chef der Polizei? Wieso ist unser Sohn noch nicht Chef der Polizei?”

Er sah mich dabei an.

Er wollte darauf wirklich eine Antwort.

Auch zum zehnten Mal.

Oder zum hundertsten.

Das spielte offenbar keine Rolle.

Ich kam um diese Antwort einfach nicht herum.

Ich wählte einfach die Antwort, die ich dann immer gab. Einmal hatte ich es mit einer Variationen versucht. Das hatte in einem familiären Eklat geendet. Also ließ ich das in Zukunft bleiben.

Man kann nicht sagen, dass mein Vater unter Altersstarrsinn leidet.

Er war immer so.

Und weder ändere ich ihn noch, noch schafft er das bei mir.

Ich sagte: “Ich bin zufrieden, Papa.”

“Dir fehlt der Ehrgeiz, Junge.”

“Der Junge ist inzwischen schon fünfzig.”

“Ja, eben!”

“Wenn du mehr Ehrgeiz hättest, könntest du schon weiter oben sein.”

“Aber ich sagte doch: Ich bin zufrieden. Und wenn ich weiter oben wäre, würde ich nur noch im Büro sitzen.”

“Und dann wärst du nicht zufrieden?”

“Genau.”

“Obwohl du mehr Geld verdienen würdest und mehr zu sagen hättest.”

“Ja.”

Jetzt mischte sich Maman ein. Das tat sie immer, an dieser Stille. Einfach, damit es nicht zu ungemütlich wurde. Irgendwie hatte sie einfach wohl das Gefühl, für eine bessere Stimmung sorgen und etwas Positives sagen zu müssen. Und das machte sie dann auch.

Sie sagte: “Sei froh, dass wir einen Sohn haben und keine Tochter. Denn wenn wir eine Tochter hätten, wäre es in dem Alter, in dem Pierre ist, jetzt vorbei mit der Aussicht auf Enkelkinder. Aber bei Pierre können wir ja noch hoffen.”

“Ja, ja”, murmelte mein Vater.

Sie fuhr unmittelbar darauf fort: “Wolltest du Pierre nicht von dem Bären erzählen?”

“Von dem Bären?”

“Ja, du wolltest ihm von dem Bären erzählen.”

“Das stand doch auch in >La Provence< - und die liest man ja auch in Marseille.”

“Aber nicht den Lokalteil aus unserer Gegend.”

“Ich wollte nichts von dem Bären erzählen. Aber wenn du was davon erzählen willst, dann mach da doch.”

“Was ist denn nun mit dem Bären?”, fragte ich - nicht, weil mich der Bär interessierte, sondern weil es eine willkommene Gelegenheit war, das Thema zu wechseln.

Diese Steilvorlage lässt sich Maman nicht nehmen. Sie reißt jetzt das Wort an sich. Und mein Vater verzieht das Gesicht, weil er weiß, dass Maman das Wort so schnell nicht wieder abgeben wird.

Keine Chance.

Kein Unterbrechen möglich.

Es war ein reißender Strom der Worte. Fast so reißend wie der kleine Fluss, über den das Aquädukt führte, der im Frühjahr immer zu einem reißenden Strom anschwoll, wenn das Schmelzwasser aus den Bergen kam.

“Es stand in >La Provence<, aber ich weiß nicht mehr ob in dieser oder in der vorherigen Ausgabe - oder in der, in die ich die Fische eingepackt habe.”

“Ist auch egal”, meinte ich. “Was ist denn passiert?”

“Es ist ein Bär aus einem Zoo ausgebrochen. Und der trieb sich jetzt hier in der Gegend herum. Tja, und Emile Duval, hier aus dem Ort, war beim Angeln. Da hat das Tier in überrascht.”

“Das klingt nicht gut.”

“Ist aber gut ausgegangen.”

“So?”

“Emile hat den Bär erstochen.”

“Aha, ja.”

“Mit einem Messer.”

“Dann hat er aber Glück gehabt.” Ein bisschen kennt man sich als Kriminalbeamter mit der Wirkung von Waffen ja aus. Auch wenn es um die Wirkung auf Menschen und nicht auf Bären geht, was ja nochmal ein Unterschied ist. Jedenfalls wusste ich, dass es nahezu unmöglich ist, mit einem Messer einen Bär zu töten.

Das ging nur im Film. In der Realität funktionierte das nichtmal mit einem großen Jagdmesser.

Und genau genommen funktionierte es auch nur in alten Filmen. Denn wer immer sowas heutzutage in Szene setzte, bekam es gleich mit Tierschützern und Aktivisten aller Art zu tun.

Aber ich kann mich auch täuschen.

Vielleicht sind einfach auch nur deshalb keine solchen Filme mehr gedreht worden, weil in Frankreich einfach so verdammt wenig Bären herumlaufen.

“Er hatte wirklich Glück”, meinte Maman. “Aber es hatte nicht nur mit Blick zu tun, dass der gute Emile das überlebt hat. Ich meine, Emile ist Metzger und ziemlich kräftig. Und vor allem weiß er natürlich mit einem Messer umzugehen. Aber das war nicht der springende Punkt.”

“Was war denn der springende Punkt?”, fragte ich.

“Na, das Messer selbst! Es handelte sich nämlich um ein besonderes Messer. Wie hieß das noch? Ich hab’s gleich. Dieses... Dingens! Weißt du es es noch?”, sprach sie ihren Mann an.

“Wenn du es nicht behalten hast, war es auch nicht wichtig”, meinte er.

“Doch, es war wichtig”, widersprach Maman. “Es war sogar sehr wichtig.”

“Also ich habe den Artikel nicht gelesen.”

“Ein Gasmesser!”, entfuhr es ihr plötzlich. “Es war ein Gasdruckmesser. Wenn man damit zusticht, gibt es in dem Monster, dass eine angreift eine Art Explosion.”

“Ich habe mal davon gehört”, gestand ich.

Viel hatte ich darüber allerdings nicht gehört. Gasdruckmesser waren für Jäger. Vorzugsweise in Gebieten, wo es große und gefährliche Tiere gab. Grizzley-Bären in Nordamerika oder Eisbären in der Arktis zum Beispiel. Was ein angelnder Metzger in der Provence damit wollte - naja, es hatte wohl jeder so seine Geheimnisse und Eigenheiten. Ich kannte Emile gut. Ich war mit ihm zur Schule gegangen. Er war sowieso schon kräftig gewesen und außerdem noch ein Jahr älter als die anderen, weil er sitzengeblieben war. Aber wegen Emile hatten wir fast immer gewonnen, wenn wir uns mit den Jungs der Parallelklasse zum Fußball trafen. Ihn konnte einfach niemand aufhalten.

“Emile ist ein Feigling”, sagte mein Vater.

“Wie kannst du so etwas sagen!”, entfuhr es Maman. “Er hat einen Bären besiegt, der ihn angegriffen hat! Ohne Schusswaffe!”

“Ich sage, er ist ein Feigling!”

“Aber, nun sag mal!”

“Ja, ist er!”

“Wieso denn?”

“Wegen dem Messer! Das ist eine unfaire Waffe, so ein Gasdruckmesser. Selbst gegenüber einem Bären. Sowas verachte ich.”

“Aber hörmal! Emile hat trotzdem noch einiges abgekriegt!”

“Also damals in Algerien habe ich Araber mit einem ganz normalen Kampfmesser abgestochen und aufgeschlitzt. Dazu hätte niemand von uns Fallschirmjägern ein Gasdruckmesser gebraucht!”

“Die gab es damals noch nicht”, sagte ich.

Ich hätte besser nichts sagen sollen.

Ich hätte besser nichts sagen und mich beherrschen sollen.

Aber das sagte sich leichter, als es dann tatsächlich war.

Aber ich machte immer wieder denselben Fehler.

Algerien war ein heikles Thema. Und Papa kam immer wieder darauf zurück, auch wenn man sich stets nur darüber wundern konnte, welche inhaltlichen Schleifen er dafür nahm.

Er sagte: “Man hätte uns damals freie Hand geben sollen! Dann wären Algier und Oran heute noch französische Städte. Aber stattdessen hat man uns verraten! De Gaulle war es! Der hat uns verraten. Die OAS hätte de Gaulle damals erschießen sollen, aber das haben diese Dilettanten nicht hingekriegt! Aber wenn es so gewesen wäre, dann wäre heute manches anders.”

Ja, anders wäre dann sicher vieles, dachte ich.

Nur ganz bestimmt nicht besser.

“Willst du noch ein Stück Kuchen, Pierre?”, fragte Maman.

“Nein, danke”, sagte ich. “Das war schon das vierte und ich platze sonst gleich.”

2

Als ich später nach Marseille zurückfuhr, hörte ich im Radio einen Bericht über die Sache mit dem Bären. Darin auch ein Originalton von Emile, in dem er die Ereignisse schilderte.

Er redete immer noch so wie damals, als wir in der Schule waren.

Er lispelte.

Da hatte er sich offenbar in all den Jahren nicht abgewöhnen können.

Ein Reporter fragte ihn, weswegen er ein Gasdruckmesser bei sich getragen hätte. “Ja, mein weiß ja nie, was so kommt”, lautete Emiles Antwort. “Oder?”

Da hatte er wohl recht.

Man wusste nie, was kam.

Manchmal eben ein Bär.

Und manchmal etwas viel Schlimmeres.

3

Zur gleichen Zeit, an einem anderen Ort...

Merde!, dachte er. Scheiße! Ich bin komplett am Ende!

Er atmete einmal tief durch.

Oder besser: Er versuchte es.

Das war allerdings nicht so einfach.

Er hatte das Gefühl, dass ihm irgendetwas die Luft abschnürte. Und dazu breitete sich das lähmende Gift der Furcht mehr und mehr in ihm aus. Es war nur eine Frage der Zeit, wann es ihn vollkommen beherrschen würde. Er zitterte leicht.

Verflucht nochmal, wie hatte er nur in diese Lage kommen können?

So oft hatte er sich diese Frage schon gestellt.

In seinem Kopf hämmerte es hinter seinen Schläfen. Es war kaum zum Aushalten.

Eine vernünftige Antwort schien es auf diese Frage nicht zu geben.

Hier in Marseille hast du keine Zukunft!, dachte er – aber in diesem Moment wusste er noch nicht, wie gnadenlos zutreffend diese Aussage war.

Und anderswo wird es auch nicht besser für dich laufen, erkannte er dann. Ein deprimierender Gedanke. Aber so verdammt wahr.

4

Georges Lenoir lockerte die Krawatte. Das Revers seines Jacketts war mit Champagner bekleckert und sein Gang wirkte unsicher, als er >Le Club Explosive< in der Avenue d'Orange verließ.

Champagner, obwohl es eigentlich nichts zu feiern gab. Aber wenn er sich schon betrank, dann wenigstens stilvoll. Seine Firma war pleite, der Job weg und der Porsche gehörte mehr seinen Gläubigern als ihm. Schlimmer konnte es wohl nicht mehr kommen, so dachte er.

Nein, schlimmer konnte es nicht kommen.

Schließlich hatte er schon alles verloren.

Mehr ging doch nicht.

Tiefer konnte man nicht fallen.

Ein Irrtum, wie er feststellen sollte.

Aber das war, bevor er das Messer zwischen seinen Rippen spürte.

In diesem Moment hätte er das noch nicht geglaubt.

Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

Georges Lenoir hatte allerdings das Pech, dass er nichts mehr davon hatte.

So kann’s einem eben gehen.

Gott und die Politik versprechen Gerechtigkeit. Aber im wirklichen Leben existiert die offenbar nicht.

5

„Soll ich Ihnen nicht besser ein Taxi rufen?“, fragte der Türsteher vor dem >Le Club Explosive< noch, aber Georges Lenoir drehte sich nur um und zeigte ihm den Mittelfinger.

„Du kannst mich mal!“, rief er.

“War ja nur eine Frage!”, meinte der Türsteher.

Lenoir rief: „Ihr könnt mich alle mal!“

“Ja, ja, schon gut!”

“Gar nichts ist gut.”

“Kein Streit, okay!”

“Merde!”

Und dann wankte Lenoir die Straße entlang. In diesem Teil von Marseille reihte sich ein Nachtclub an den nächsten. Die besten Nobeldiscotheken der großen Hafenstadt am Mittelmeer waren hier zu finden.

Die gut gekleideten Passanten wichen dem vor sich hin murmelnden Mann aus.

Aber Lenoir brabbelte weiter vor sich hin.

Ein Mann, in dem die Wut immer wieder aufkochte.

Ein kleiner Vulkan, der einfach keine Ruhe gab.

Er rief: „Ja, ihr glaubt auch alle, dass ihr es geschafft habt! Dass euch nichts geschehen kann! Und dass ihr immer auf der Sonnenseite bleibt!”

“Was ist denn mit dem?”, fragte ein Mann im Smoking.

“Vorsicht, der ist betrunken”, meinte jemand anderes.

“Oder er hat was genommen.”

“Man ist auch nirgendwo mehr sicher”, meinte eine Frau in einem enganliegenden schwarzen Kleid und tiefem Ausschnitt, der die ausladenden Brüste spektakulär in Szene setzte.

George Lenoirs Blick verzog sich.

Sein Gesicht wurde zu einer Grimasse.

Einer irren Fratze.

Furchteinflößend.

Verstörend.

Verrückt.

Bedrohlich.

“Ihr Scheißkerle! Ihr hattet nur Glück!“, rief Georges Lenoir. “Ja, genau so ist es: Ihr hattet nur ein Scheiß-Glück!”

Verständnislose Blicke.

Angstvolle Blicke.

Empörte Blicke.

„Gehen wir!“, ermahnte eine andere, schon etwas ältere gut gekleidete Frau ihren Mann, der trotz Smoking und Fliege wohl nicht abgeneigt gewesen wäre einen Streit anzufangen.

Georges Lenoir erreichte die Einfahrt zu einer Seitenstraße. Er blinzelte.

Nein, er war nicht wirklich klar im Kopf.

Er fühlte sich...

...eigenartig.

Das war der einzige Begriff, mit dem sich dieser Zustand einigermaßen treffend beschreiben ließ.

Eigenartig.

Auf jeden Fall stimmte etwas nicht mit ihm.

Alles schien anders zu sein als sonst.

Ganz anders...

Die Gedanken waren durch den Einfluss des Alkohols irgendwie verlangsamt. Er versuchte verzweifelt, sich zu erinnern, ob er den Porsche hier, in dieser Seitenstraße abgestellt hatte oder ob das noch eine Einfahrt weiter die Avenue d'Orange entlang gewesen war.

Sein Kopf war leer.

Die Erinnerung schien nicht mehr abrufbar zu sein. Wie der Inhalt eines gelöschten Speichers. Einfach weg. Als hätte es den Inhalt nie gegeben.

Lenoir zögerte.

Aber dann bog er einfach ein.

Folge deinem Instinkt, dachte er.

Was bleibt dir auch anderes?

Hier war es sehr viel dunkler, als in der von Neonlicht erhellten Avenue d'Orange.

Eine Gruppe von Jugendlichen kam ihm entgegen. Sie sprachen Arabisch, wechselten dann ins Französische. Offenbar deshalb, damit er ihre Beleidigungen auch mitbekam.

„Hey Mann, sieh dir die Schnapsnase an!“, sagte einer von ihnen.

Sie lachten.

Georges Lenoir lallte etwas vor sich hin, was kein Mensch verstehen konnte, und die Jugendlichen lachten noch mehr. Sie konnten sich gar nicht mehr einkriegen.

„Halt die Klappe, das ist ein Kunde von Alain!“, sagte schließlich einer von ihnen. Plötzlich waren alle still.

“Echt?”

“Ja!”

„Du spinnst!“

„Doch, wenn ich's sage! Ich habe doch Augen im Kopf!“

„Und ein Loch im Hirn!“

„Sehr witzig!“

Sie gingen davon.

'Djihad Kid' stand auf dem Kapuzenshirt, das einer von ihnen trug.

Die Buchstaben waren verschnörkelt.

Sollten wohl an arabische Schriftzeichen erinnern.

Das erkannte Georges Lenoir noch, als die Gruppe durch den Schein der Straßenbeleuchtung ging.

Selbst bei den Kokain-Dealern hatte sich wohl schon herumgesprochen, dass bei Lenoir nichts mehr zu holen war. Jemand, der keine Achtzehn-Stunden-Tage hinter sich bringen musste, brauchte dieses Zeug auch nicht wirklich, dachte er. Zumindest nicht in den Mengen wie früher. Abhängig würde er wohl bleiben.

Schließlich fand er seinen Porsche.

Er riss an der Tür, dann fiel ihm auf, dass er erst aufschließen musste.

“Merde!”, knurrte er.

Zum wievielten Mal dieses Wort jetzt schon über seine Lippen gekommen, wusste er gar nicht mehr.

Manchmal ging eben alles, aber auch wirklich alles daneben.

Dann fiel ihm der Schlüssel auf den Boden. Schließlich bekam er es doch noch zurecht, schloss auf und stieg ein. Umständlich klemmte er sich hinter das Steuer und zog die Tür hinter sich zu. Jetzt nur nicht den Flics auffallen, ging es ihm durch den Kopf. Ärger hatte er schließlich schon mehr als genug.

Mehr, als er im Moment gebrauchen konnte.

Er wusste, dass er in seinem Zustand eigentlich besser nicht mehr fahren sollte.

Er wusste aber nicht, dass die Flics sein kleinstes Problem sein würden...

Die schattenhafte Gestalt, die jetzt aus einer der Türnischen herausschnellte, bemerkte er nicht.

Die Tür seines Porsche wurde aufgerissen.

Lenoir konnte nicht schnell genug reagieren und die Zentralverriegelung betätigen.

„Was soll das?“, krächzte er.

Aber da hatte er schon die Klinge im Körper.

Es ging ganz schnell.

Ein Stich und ein Schmerz, der ihn förmlich zerriss.

Merde!, war dann auch sein letzter Gedanke.

6

Es war ein Morgen wie viele andere auch.

Ich holte meinen Kollegen Francois an diesem Morgen wie üblich ab.

Ich war spät dran. Francois’ mahnender Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk sagte schon alles.

„Ja, ich weiß“ sagte ich.

„Was ist los? Ärger mit dem Wagen?“

„Nein, der läuft wie geschmiert.“

“Das hört man gerne.”

“Stimmt.”

“Was ist dann los?”

“Ach, egal!”

“Nun sag schon.”

“Ich sagte doch: Es ist egal.”

“Wenn jemand das sagt, meint er, dass es keineswegs egal ist, Pierre.”

“Und wenn jemand sagt, dass es nicht egal ist, meint er dann auch das Gegenteil von dem, was er gesagt hat, Francois?”

“Das kommt drauf an, Pierre.”

“Worauf kommt es denn an?”

“Jetzt weichst du aus, Pierre.”

“Nein, komm schon, dass sollten wir mal klären, Francois. Läuft es darauf hinaus, dass am Ende immer nur du zutreffend beurteilen kannst, was tatsächlich gemeint ist? Ist das so, ja?”

Francois zuckte mit den Schultern.

“Warum fragst du noch, wenn du doch die Wahrheit schon kennst, Pierre?”

“Francois, ich lass mich nicht so gerne verarschen. Auch nicht von dir.”

“Du verarschst dich gerade selber, Pierre. Du machst dir etwas vor. Und ich dachte, du willst vielleicht darüber reden.”

“Lass es, Francois.”

“Wie du willst.”

“Ich will es so.”

“Na, gut.”

Dann war erstmal Ruhe.

Zum Glück, dachte ich. Francois ist mein Dienstpartner. Und er ist außerdem wirklich ein guter Freund. Aber es kommt vor, dass er einfach zu viel quatscht und nicht versteht, dass man manchmal einfach die Klappe halten muss.

In so einem Fall muss man meinem Verständnis nach dann durch ein paar mehr oder weniger deutliche Worte nachhelfen, bis er es kapiert.

Manchmal ist er dann beleidigt.

Aber nie lange.

Das ist das Gute an Francois.

Wenn er beleidigt ist, dann nie lange.

Das Wochenende in >Le Trou< saß mir irgendwie noch in den Knochen. Warum fuhr ich überhaupt dorthin?, fragte ich mich nicht zum ersten Mal.

Aus Verpflichtung?

Vielleicht.

Jedenfalls tat ich es.

Und bekam immer wieder dasselbe zu hören. Nur die Geschichte von Emile und dem Bären und dem Gasdruckmesser - die war neu gewesen. Und neu war für mich auch, dass es unfair war, einen Bären mit einem Gasdruckmesser abzustechen, aber durchaus ehrenwert, einen Algerier mit mit einem normalen Kampfmesser aufzuschlitzen.

Ist vielleicht eine Generationenfrage.

Ich trat auf das Gaspedal, um noch die Grünphase der nächsten Ampel zu erwischen.

Aber die Sache mit meinen Eltern in >Le Trou< war nicht das Einzige, was mir in den Knochen saß.

Damit war das missglückte Wochenende für mich nämlich noch nicht zu Ende gewesen.

„Ich war gestern Abend noch in einer Snack Bar, um etwas zu essen“, berichtete ich. „Eigentlich dachte ich daran, in fünf Minuten einen Hot Dog herunterzuwürgen und mich dann in meine Wohnung zum Schlafen zurückzuziehen.“ Ich versuchte vergeblich ein Gähnen zu unterdrücken.

Ja, auch wenn manche Leute das kaum glauben können: Entgegen allen Klischees gibt es auch Franzosen, die Fast Food zu sich nehmen und Hot Dogs oder Hamburger essen. Und ich wette, neunzig Prozent dieser kulinarisch unpatriotischen Franzosen sind bei der Polizei angestellt. Der Schichtdienst und die knappe Zeit führt dazu, dass man sich so etwas angewöhnt.

Leider.

Francois hob die Augenbrauen.

„Und? Wieso hat das nicht geklappt? Wenn du bis zum Morgengrauen auf deinen Hot Dog warten musstest, würde ich da nicht mehr hingehen!“

“Ja, ja....”

“Und um ehrlich zu sein Pierre: An einem Wochenende würde ich da sowieso nicht hingehen.”

“Geschenkt, Francois.”

“Zumindest nicht an einem freien Wochenende, was es ja Gott sei Dank ab und zu noch gibt.”

„Ich bin in eine Drogenrazzia der Polizei von Marseille geraten“, sagte ich.

“Die Kollegen also...”

„Es ging um ein paar Jugendliche. Kleine Dealer, die sich ausgerechnet diese Snack Bar ausgesucht hatten, um ihre Lieferung in Empfang zu nehmen.“

„Und auf diesen Schweinehund, der halbe Kinder als Drogendealer losschickt, hatten es die Kollegen wahrscheinlich abgesehen“, vermutete Francois.

„Richtig. Walid Abdulmajid hat ein entsprechendes Vorstrafenregister und die Kollegen haben ihn wohl schon länger im Visier gehabt. Nach der Aktion gestern wird er wohl einige Jahre im Knast abbrummen müssen.“

„Gut so.“

„Aber das hat sich eben hingezogen, die Befragungen, das Protokoll und so weiter. Und diesmal war ich Zeuge, nicht untersuchender Beamter. Also konnte ich auch nichts tun, um die Sache irgendwie zu beschleunigen. Und mal ehrlich, ich hoffe, dass alle Aussagen und Beweise so wasserdicht sind, dass dieser Abdulmajid nicht durch die Maschen des Gesetzes schlüpft!“

„Na, da hast du ja richtig ein gutes Werk getan, Pierre!“

„Jedenfalls bin ich heute hundemüde.“

Ich hatte sowieso ein Schlafdefizit, weil wir in letzter Zeit eine Reihe von nächtlichen Observationen im Umkreis des organisierten Verbrechens durchzuführen gehabt hatten. Eine Weile kann man sich daran gewöhnen, aber heute schien bei mir der Punkt erreicht gewesen zu sein, wo sich mein Körper einfach geweigert hatte aufzustehen.

Trotz Wecker.

Ich hatte ihn schlicht und ergreifend überhört.

Naja, kann passieren, oder?

Ich hatte allerdings einigen Anlass zu der Annahme, dass Monsieur Marteau - mein Vorgesetzter - kein Drama draus machen würde.

7

Wir erreichten die Präsidium.

Es überraschte mich nicht, dass Francois und ich die letzten waren, die zu der von Monsieur Marteau einberufenen Besprechung kamen. Der Chef des Kriminalpolizei Marseille sah uns beide mit unbeweglichem Gesicht an und enthielt sich jeden Kommentars zu unserer Verspätung.

Genau das war eines der Dinge, die es so angenehm machten, unter ihm zu arbeiten. Er wusste auch so, wie peinlich es mir war, zu spät zu kommen. Wozu also noch Worte darüber verlieren?

Außer Francois und mir waren noch die Kommissare Stéphane Caron und Siddi Noureddine im Raum, sowie unser Innendienstler Victor Stahl und Davide L. Richelieux, unser Experte für betriebswirtschaftliche Fragen.

Dass Davide dabei war, bedeutete wohl, dass es um irgendeine knifflige Angelegenheit ging.

Sein Hauptjob war es, illegale Geldströme aufzuspüren, die so etwas wie der Lebenssaft des organisierten Verbrechens waren.

Folgte man dem Geld, dann hatte man meistens auch sehr schnell ein präzises Bild von der Hierarchie mafiöser Organisationen. Und sehr oft ließen sich aus diesen Geldflüssen wertvolle Rückschlüsse ziehen, die dann schließlich auch zu Festnahmen führten.

„Heute Nacht ist ein Mann namens Georges Lenoir in einer Seitenstraße an der Avenue d'Orange erstochen worden“, erklärte Monsieur Marteau. „Lenoir war in einer Investment-Firma tätig, hat Millionen verdient, aber offenbar auch wieder ausgegeben und ein Leben auf der Überholspur geführt. Der letzte große Crash in der Kreditwirtschaft hat ihn wie so viele andere auch mit in den Abgrund gerissen. Seitdem ist er arbeitslos und muss zusehen, dass er sich von den Anlegern, deren Geld er mit seinen zweifelhaften Geschäften vernichtet hat, fernhält, weil die ihn wahrscheinlich sofort lynchen würden. Mehrere Verfahren wegen Betruges laufen, in weiteren Fällen wird ermittelt. Finanziell war Lenoir ruiniert.“

Francois vermutete: „Offenbar hat es einer von Lenoirs ehemaligen Kunden geschafft, ihn ausfindig zu machen.“

Monsieur Marteau hob die Augenbrauen.

Eine kurze, dramatische Pause folgte.

Sehr kurz und sehr dramatisch.

Selbst für Monsieur Marteaus Verhältnisse.

Eins musste man unserem Chef lassen.

Solche Feinheiten des Vortrags hatte er besser raus als manch einer, der auf eine Schauspielschule gegangen ist. Das kann er richtig gut.

Gehört heutzutage wohl zu dem, was man Führungsqualität nennt. Vielleicht war es in den alten Zeiten, als mein Vater in Algerien kämpfte, mal so, dass einfach gehorcht wurde und niemand die Vorgesetzten und ihre Entscheidungen hinterfragte.

Aber heute ist das wohl lange vorbei.

Da muss sich auch der Chef der Kriminalpolizei manchmal schauspielerischer Tricks bedienen, um seine Leute bei der Arbeit zu halten.

So ändern sich die Zeiten.

Und wir uns mit ihnen - oder auch nicht. So wie mein Vater, für den Algerien wohl auf ewig eine französische Kolonie bleiben wird.

Monsieur Marteau hob die Augenbrauen.

Es sah bedeutungsvoll aus.

„Das Spezielle an diesem Fall sind die besonderen Umstände der Tat“, erklärte Monsieur Marteau. Er wandte sich an den Kollegen Victor Stahl aus dem Innendienst unserer Polizeibehörde. „Victor, Sie haben das Wort.“

„Danke, Monsieur“, sagte Victor Stahl. Er schaltete den Beamer seines Laptops an. Zuerst zeigte er uns ein paar Bilder, die von den Kollegen der Division de la Recherche Scientifique, dem zentralen Erkennungsdienst aller Marseiller Polizeieinheiten  aufgenommen worden waren. Es handelte sich nicht nur um Fotos, sondern auch um einzelne Videosequenzen, auf denen Bereiche komplett abgefilmt worden waren. Das erste, was jedem von uns auffiel, war die große Wunde in der Brust.

Sie war wirklich enorm groß.

Ich hatte in meiner bisherigen Zeit bei der Polizei nun wirklich schon viele Messerwunden gesehen.

Übel sahen die eigentlich immer aus.

Nichts, was man gerne sieht.

Um so einen Anblick kommt man in diesem Beruf leider nicht herum.

Zum Teil wirklich furchtbare Verletzungen waren das gewesen.

Manche dieser Bilder verfolgen einen dann noch ziemlich lange in den Schlaf.

Aber das kann man nicht ändern.

Irgendwie muss man das als Berufsrisiko bewerten.

Jedenfalls sah diese Wunde vollkommen anders aus, als sämtliche Messerwunden und Stichverletzungen, die ich bis dahin jemals gesehen hatte.

„Hieß es nicht, er sei erstochen worden?”, fragte ich irritiert. “Das sieht ja aus, als hätte ihm jemand den ganzen Brustkorb auseinandergerissen!“

“So könnte man es in der Tat zusammenfassend beschreiben”, erklärte Victor.

Victors Art war immer etwas trocken.

In solchen Momenten wirkte das immer befremdlich.

Aber wie sollte man sonst über das Unfassbare reden?

Das Grauen?

Am besten ganz normal.

Wie auch sonst!

Der Anblick war jedenfalls wirklich Grauenerregend. Ich kenne niemanden beim Kriminalpolizei Marseille, der sich - auch nach vielen Dienstjahren – an so etwas wirklich gewöhnen kann. Natürlich bewahrt man die Fassung und betrachtet das was an einem Tatort geschehen ist, so professionell wie möglich. Aber kalt lassen einen solche Bilder trotzdem nicht. Und das ist auch gut so, denn schließlich sind wir letztlich dafür da, den Opfern Gerechtigkeit zu geben. Und wie könnten wir das, wenn wir uns nicht einmal mehr eine genaue Vorstellung von deren Leid erlauben würden?

„Ich habe heute Morgen schon ausgiebig mit Dr. Oscar Dubarry von der Gerichtsmedizin telefoniert“, sagte Victor. „Und Dr. Dubarry meint, dass es nur eine Waffe gibt, die solche Wunden verursacht.“

“Da bin ich aber gespannt”, sagte Francois.

Victor betätigte eine Taste seines Laptops und die Abbildung eines Messers erschien. „Das ist ein sogenanntes Gasdruckmesser. Beliebt bei Jägern und in militärischen Spezialeinheiten. Wenn dieses Messer in einen Körper eindringt, stößt es durch eine Öffnung an der Spitze hochkomprimiertes Gas aus, das sich dann im Körper des Opfers explosionsartig ausdehnt. Auf diese Weise ist es zum Beispiel Jägern möglich, sich mit einem Messer notfalls gegen einen Bären zu verteidigen. Sie können sich denken, dass sich Gasdruckmesser auch bei militärischen Spezialeinheiten großer Beliebtheit erfreuen, denn sie töten mit einem einzigen Stich – und das fast mit absoluter Sicherheit.“

Ich musste an Emile aus >Le Trou< denken.

Mon dieu!

„Die Waffe eines Profis“, stellte Monsieur Marteau fest.

Und ich dachte: Jetzt kann ich mir vorstellen, wie der Bär ausgesehen hat, gegen den sich der Metzger Emile aus >Le Trou< wehrte!

Schon beim ersten Anblick der Wunde hatte ich eine Ahnung in diese Richtung gehabt.

Aber ich wollte nicht als Besserwisser auftreten.

„Exakt“, nickte Victor. „Solche Messer sind schwer zu bekommen und man muss gut in der Anwendung trainiert sein. Es gibt einen Profi-Killer, der allgemein als 'Die Hornisse' bezeichnet wird und mit dieser Methode einige Morde für die Mafia ausgeführt hat. Allerdings ist die Hornisse seit einigen Jahren nicht mehr aktiv.“

„Gibt es irgendwelche weiteren Informationen über die Hornisse?“, fragte ich.

“Furchtbarer Name!”, knurrte Francois. “Ich mag keine Insekten. Und Hornissen schon gar nicht.”

“Stehen aber unter unter Naturschutz”, sagte Siddi Noureddine.

“Echt?”, fragte Francois.

“Echt”, bestätigte Siddi.

“Messieurs!”, griff nun Monsieur Marteau ein. “Ich darf Sie doch bitten!”

“Kaum zu glauben, welche Viecher unter Naturschutz stehen!”, sagte Francois.

Victor schüttelte unterdessen den Kopf und beantwortete meine Frage, die Informationen zum Hornissenkiller betreffend. „Das Wenige, das es da gibt, habe ich euch in einem Dossier zusammengestellt und auf den Rechner gemailt. An einem seiner Tatorte hat er mal eine DNA-Probe hinterlassen.“

„Also mit anderen Worten, wenn wir ihn hätten, dann könnten wir ihn auch mit seinen früheren Taten in Verbindung bringen“, schloss Siddi Noureddine.

“Wenigstens eine gute Nachricht”, sagte Francois.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zu Monsieur Marteaus Büro und seine Sekretärin Melanie brachte für jeden von uns einen Becher mit ihrem köstlichen Kaffee.

„Das ist jetzt wahrscheinlich genau das, was du brauchst, Pierre?“, raunte mir Francois zu und grinste.

Ich konnte es nicht leugnen.

“Unsere tägliche Dosis Koffein gib uns heute”, meinte ich.

“Amen”, sagte Siddi.

“Ich dachte, du bist Muslim”, meinte Francois.

“Aber integriert”, sagte Siddi.

“Ach so.”

“Und Synkretist!”

“Was heißt das denn?”

“Ich suche mir die beste Mischung aus allen Religionen raus und hoffe, dass es hilft.”

“Hast du dich nicht vertan, Siddi?”

“Wieso?”

“Nennt man sowas nicht Opportunist?”

“Echt?”

“Ich meine es ernst.”

Jemand wie ich, der aus einem Ort wie >Le Trou< kommt, ist dazu wohl einfach noch nicht gut genug in die Weltstadt Marseille integriert. Von den mangelhaften Kenntnissen der französischen Hochsprache, die man in so einem Dorf erwerben kann, mal ganz abgesehen.

“Ich glaube, Victor würde gerne fortfahren”, schritt nun erneut Monsieur Marteau ein.

Victor nickte erleichtert.

„Es gibt übrigens noch einen möglichen Zusammenhang dieses Falls mit dem organisierten Verbrechen“, fuhr er fort. „Aber dazu kann euch Davide etwas mehr sagen.“

Davide L. Richelieux lehnte sich zurück. Unser Betriebswirtschaftler hatte ein kantiges Gesicht, aber kaum noch Haare auf dem Kopf. Seine Mutter war Italienerin und kam aus dem Friaul. Deswegen musste er mit dem Namen Davide herumlaufen - der italienischen, genauer gesagt furlanischen Variante von David.

Im Französischen gibt es keinen Unterschied in der Aussprache von David und Davide.

Aber Davide sprach seinen Namen immer betont Italienisch aus. Und das klang dann schon etwas anders, als all bei all den Leuten, die hierzulande diesen Namen ansonsten tragen. Italienisch eben. Ansonsten aber konnte er wohl kein Wort Italienisch.

Jemand mit Davides Fähigkeiten hätte sicherlich anderswo sehr viel mehr verdienen können, als im Staatsdienst. Aber ihm ging es wie so vielen von uns in erster Linie um andere Dinge. Zum Beispiel darum, den Schwachen zu helfen und das Recht durchzusetzen.

„Lenoir war Geschäftsführer einer Investment-Firma namens 'LPDS - Les Partenaires du Succès Ltd.', die dubiose Anlagen vermittelte und damit ungeheuer erfolgreich war. Bis zum letzten Banken-Crash, der auch dieses Unternehmen mitgerissen hat. LPDS war mehrfach auch in Ermittlungen verwickelt, in denen es um Geldwäsche ging.“

„Ein Finanzhai und Geldwäsche - das passt ja auch ganz gut zusammen“, meinte Francois.

„Allerdings muss ich einschränkend sagen, dass es noch nicht einmal zu einer Anklage gekommen ist. Zweimal gab es eine Anhörung vor dem Untersuchungsrichter, aber zur Eröffnung eines Hauptverfahrens ist es nie gekommen.“

„Wäre es nicht möglich, dass irgendein Unterwelt-Boss, der durch Lenoirs Pleite viel Geld verloren hat, sich rächen wollte und jemanden wie die Hornisse engagiert hat?“, meldete ich mich zu Wort und trank dann meinen Kaffeebecher leer.

„Das würde noch nicht erklären, warum die Hornisse offenbar wieder aktiv geworden ist“, warf Monsieur Marteau ein.

„Und wenn dieser Killer selbst sein Vermögen bei LPDS angelegt hatte?“, vermutete Stéphane Caron. Der flachsblonde Mann, bekleidete bei uns die Position von Monsieur Marteaus Stellvertreter. Er zuckte mit den Schultern. „So würde doch ein Schuh daraus, oder?“

“Naja”, sagte ich.

„Genau in diese Richtung habe ich auch schon überlegt“, gestand Davide. „Allerdings brauchen wir natürlich etwas Zeit, um das alles zu überprüfen.“

„Mehr als zwanzig Morde gehen auf das Konto der Hornisse“, stellte Monsieur Marteau fest. „Und es wäre schön, wenn dieser Killer endlich gefasst würde!“

8

Francois und ich fuhren zu Lenoirs Wohnung. Unterwegs blätterte Francois in einem Ausdruck der Dossiers herum, die der Kollege Victor Stahl uns zusammengestellt hatte. Eins über die Hornisse, das andere über LPDS. Beide waren nicht besonders ergiebig.

Lenoir bewohnte ein hundert Quadratmeter-Apartment in einem Mietshaus mit 24-Stunden-Bewachung durch einen Security Service und eigener Tiefgarage.

Sowas gab es nicht nur in Nizza oder Monte Carlo.

Nein, auch hier in Marseille.

Wenn vielleicht auch nicht ganz so häufig.

Kann aber auch sein, dass das ein Klischee ist.

Ich habe nicht nachgezählt.

Wichtig für uns war die Tiefgarage. 

Die machte es auch für uns leichter, einen Parkplatz zu finden, denn wir waren keinesfalls die einzigen, die sich in der Wohnung von Georges Lenoir umsahen.

Da waren erstens unsere eigenen Erkennungsdienstler Jean-Marc Forster und Pascal Delaville, die Monsieur Marteau schon vor der Unterredung in seinem Büro hier her geschickt hatte. Außerdem trafen wir auf Madame Thèrese Ranesse, eine Beamtin der Abteilung des zuständigen Polizeireviers. Sie gehörte zu dem Team, das den Fall zuerst bearbeitet hatte. 

„Pierre Marquanteur, Kriminalpolizei Marseille – dies ist mein Kollege Francois Leroc“, stellte ich uns vor.

Sie nickte uns zu und streifte sich die Latex-Handschuhe ab. „Alles, was wir bisher wissen ist, dass es sich Georges Lenoir im Club Explosive in der Avenue d'Orange gutgehen ließ. So gegen halb eins in der Nacht ist er gegangen. Sein Porsche stand ein paar Straßen weiter.“

„Woher wissen Sie so genau, wann er gegangen ist?“, fragte ich.

„Der Türsteher des Club Explosive hat ihn angesprochen und geraten, ein Taxi zu nehmen.“ Thèrese Ranesse hob die Augenbrauen. „Das hätte er mal tun sollen, dann gäbe es diesen Fall nicht!“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, mischte sich Francois ein. „Der Mann, von dem wir glauben, dass er dahinter steckt, hätte auch dann einen Weg gefunden, ihn zu töten.“

Madame Ranesse sagte: „Ein Profi namens 'die Hornisse', seit Jahren inaktiv und jetzt wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Ich habe mir angesehen, was man über das Datenverbundsystem dazu erfahren kann und das ist auch der Grund dafür, dass wir den Fall an Ihre Abteilung abgeben.“

„Wir stehen noch ganz am Anfang bei der Sache und sind für jede Hilfe dankbar“, sagte ich.

„Ich musste ganz schön dafür kämpfen, dass Sie den Fall bekommen“, sagte Thèrese Ranesse dann.

„Wieso?“, hakte ich nach.

„Weil mein Chef ihn gerne selbst gelöst hätte. Er ist ehrgeizig.“

„Wie heißt er denn?“

„Tom Lamont.“

„Als ich ihn das letzte Mal traf, war er noch ein kleiner Flic“, mischte sich Francois ein. „Wenn er jetzt Ihr Chef ist, muss er wirklich ehrgeizig sein.“

„Und warum war Ihnen das so wichtig, dass wir das machen?“, fragte ich.

„Wissen Sie, unser Chef ist ein guter Mann, aber er neigt dazu, manche Dinge etwas zu persönlich zu nehmen.“

Ich runzelte die Stirn.

„Von was für Dingen reden Sie, Madame Ranesse?“, fragte ich. An dieser Stelle wurde ich nämlich hellhörig.

Mein Instinkt meldete sich.

Und ich hatte immer gut daran getan, auf ihn zu hören.

Also tat ich das auch diesmal.

Madame Ranesse sagte: „Zum Beispiel von Richard Forgeron.”

“Wer ist das?”, hakte ich nach.

“Der war vor ein paar Jahren sein Partner und er gilt als als das bisher letzte Opfer der Hornisse. Deshalb war Monsieur Lamont geradezu elektrisiert davon, dass die Hornisse wieder aktiv geworden ist.“

„Und Sie denken, dass er es vermasseln würde?“

„Ich glaube ja. Wie gesagt, besser Ihre Abteilung kümmert sich darum. Wir haben übrigens herausgefunden, dass Lenoir bis vor einem Monat eine Lebensgefährtin hatte.“ Thèrese Ranesse gab mir einen Zettel und ein Foto, auf dessen Rückseite eine Telefonnummer stand. Dora LaFayette war ihr Name. Die Frau auf dem Foto schätzte ich auf Ende Zwanzig. Sie hatte brünettes Haar, das ihr lang über die Schultern fiel. „Die Nachbarn haben ausgesagt, dass diese Dora LaFayette vor einem Monat ausgezogen ist. Aber offenbar haben die beiden sich noch ganz gut verstanden.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wie kommen Sie darauf?“

„Auf der digitalen Telefonliste sind in den letzten vier Wochen 23 Gespräche mit dem Anschluss von Dora LaFayette registriert“, erklärte Madame Ranesse. „Naja, ich gebe zu, dass sie sich vielleicht auch über die Aufteilung von gemeinsamem Besitz gestritten haben könnten. Dora LaFayette hat hier mindestens anderthalb Jahre gelebt.“

Wir sahen uns in der Wohnung um. Die Einrichtung des Wohnzimmers war sparsam. An den Wänden hingen ein paar Gemälde, die Sequenzen aus Batmans-Comics in Vergrößerung zeigten. Nachgemachte Pop-Art, dachte ich.

Nichts Besonderes.

„Ihr könnt euch ruhig überall umsehen“, sprach mich der Erkennungsdienst-Kollege Pascal Delaville an. „Wir haben hier schon alles abgespurt.”

“Okay”, sagte ich.

“Ihr könnt also nichts verderben.“

“Na, da bin ich ja beruhigt”, sagte ich.

Abgespurt - so nennen die Kollegen vom Erkennungsdienst es, wenn sie an einem Tatort ihren Job bereits gemacht haben. Dasselbe galt natürlich für die Wohnung eines Mordopfers, das routinemäßig auf Spuren untersucht wurde, die vielleicht irgendwie relevant werden konnten.

Komischer Ausdruck.

So reden nur Erkennungsdienstler.

Sie pflegen in dieser Hinsicht quasi ihren eigenen Fach-Dialekt.

9

Etwas später sprachen wir mit anderen Hausbewohnern und mit einigen Angestellten des Security Service, der in diesem im typischen mediterranen Stil errichteten Haus für die Sicherheit sorgten.

Eigentlich sollte es Sicherheit für jeden geben, dachte ich. Nicht nur für diejenigen, die sich die Dienste eines Security Service leisen konnten.

Aber das war wohl eine zu romantische Vorstellung.

Die Wirklichkeit sah eben dann dich etwas anders als es den klassischen Idealen der französischen Revolution entsprach.

Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit.

War nicht so furchtbar weit her damit.

Aber das war es wohl schon damals, nach dem Sturm auf die Bastille nicht gewesen, wenn man es genau nimmt. 

Von Christophe Nolane, einem der Security Guards erfuhren wir, dass Lenoir mehrfach von einem wütenden Klienten der insolvent gegangenen Investmentfirma angegangen worden war.

„Der Kerl war Mitte vierzig, hatte graumeliertes Haar und  war hager“, berichtete Monsieur Nolane. „Wir mussten ihn zweimal vor die Tür setzen.”

“Hm”, murmelte ich.

“Es gibt eine Reihe von Kollegen, die das bestätigen.“

„Was wollte er denn?“, fragte ich.

„Na, sein Geld natürlich. Er hat viel geredet, als wir ihn vor die Tür setzen mussten. Ich weiß bis jetzt nicht, wie er es überhaupt ins Haus geschafft hat.“

„Sie haben doch hier überall Überwachungskameras.“

„Am Eingang und in den Fluren“, bestätigte der Security Guard. „Hier kommt niemand rein, ohne dass er am Ende gefilmt wird!“

„Dann brauchen wir die Aufnahmen, die diesen Kerl zeigen!“, sagte ich. „Dürfte doch kein größeres Problem sein.“

10

Wir sahen uns die Aufnahmen zusammen mit Monsieur Nolane und zwei weiteren Angestellten des Sicherheitsdienstes vor dem Bildschirm an. Außerdem zogen wir uns die Daten auf einen Stick.

„Wann zahlen Sie Ihr Geld zurück, Monsieur Lenoir?“, giftete der Mann mit den grauen Haaren. „Was glauben Sie, wer Sie sind? Kommen Sie raus und stellen Sie sich!“ Der Mann trat mit voller Wucht gegen die Tür. Dann trommelte er mit den Fäusten darauf.

Anschließend konnte man sehen, wie er von den Security Guards abgeführt wurde.

Darüber hinaus druckte uns Nolane ein Standfoto aus, das man herumzeigen konnte. Es stellte sich bei der Sichtung der Aufnahmen und zwei Telefonaten mit weiteren Security Guards auch heraus, wie der Mann ins Haus gelangen konnte.

„Wir hatten an dem Tag Heizungsmonteure im Haus“, erklärte Geraldine LaRue, das einzige weibliche Mitglied des Security Teams, das zur Zeit Schicht hatte. „Und die kommen durch den Hintereingang. Der stand offen, weil die Monteure immer wieder sperrige Rohrstücke hineintragen mussten.“ Geraldine LaRue zuckte mit den Schultern.

„Und die Tür war dann unbeaufsichtigt“, schloss ich.

Die rothaarige Mittvierzigerin strich sich eine Strähne ihres schwer zu bändigenden Haars aus dem Gesicht. „Wir sind hier nicht im Hochsicherheitstrakt.”

“Und was heißt das genau?”, fragte ich.

“Ja, mein Gott, es gab da wohl ein kleines Ablösungsproblem bei den Schichten.“

“Aha.”

“Emmanuel Pontneuf, einer unserer Leute, kam an diesem Tag etwas später, weil er seit neuestem weiter draußen wohnt und im Verkehr stecken geblieben ist.“

„Es macht Ihnen niemand einen Vorwurf“, stellte Francois klar.

„Sie nicht – aber was glauben Sie, was hier unter den Mietern und Eigentümern los ist, wenn sich das herumspricht.“

„Wir erzählen es nicht herum“, sagte ich.

„Das brauchen Sie auch gar nicht. Sowas verbreitet sich von ganz alleine. Glauben Sie es mir, ich mache diesen Job schon lange genug, da erlebt man so einiges.“

Sie atmete tief durch.

„Ich habe noch eine Frage“, meinte Francois und wandte sich damit an Nolane. „Auf den Videosequenzen kann man sehen, wie der Kerl abgeführt wird, aber normalerweise gibt es nach so einem Vorfall eine Anzeige oder so etwas. Der hat schließlich richtig randaliert!“

Geraldine Lafontaine und Nolane tauschten einen Blick.

Ein Blick, der vollkommen ausreichte, um mir zu zeigen, dass es da noch irgendeine Peinlichkeit gab, die bisher verborgen war. Bei diesem Security Service ging für mein Gefühl ein bisschen viel auf einmal daneben.

„Am besten die Wahrheit“, forderte ich.

„Der Kerl ist uns entwischt“, sagte Nolane. „Er hat jemandem den Ellbogen in den Magen gerammt und ist dann ab durch die Mitte. Da gerade jemand von außen durch die Tür kam, konnte er einfach auf die Straße laufen und wir haben ihn nicht mehr gekriegt.“

„Verstehe“, nickte ich. „Darum haben Sie auch keinen Namen und keine Adresse.“

„Wir haben Monsieur Lenoir danach gefragt“, erklärte Geraldine Lafontaine. „Wir waren nämlich überzeugt davon, dass er ganz genau wusste, wer das war. Schließlich war das ja nicht der einzige Vorfall. Ich selbst habe gesehen, wie der Mann Lenoir vorher schon mal angesprochen hat – allerdings vor dem Gebäude und da haben wir keine Befugnisse. Richtig lästig war der und sein Geschrei konnte man durch die geschlossene Tür hören.“

„Lenoir wollte keine Anzeige?“, vermutete ich.

„So ist es“, bestätigte Nolane und Geraldine Lafontaine nickte dazu.

„Danke, ich denke, Sie haben uns sehr geholfen.“

11

Wenig später saßen wir im Wagen und Francois ließ die Bilddaten vom Stick nochmal auf dem TFT-Schirm unseres Bordrechners ablaufen.

„Das wird uns nicht weiterhelfen, wenn wir uns den Auftritt dieses Mannes noch öfter ansehen“, meinte ich.

„Sieh dir mal dessen Gesicht an! Der hat Lenoir richtig gehasst! Also, wenn du mich fragst, dann ist das ein Verdächtiger ersten Ranges!“

„Dann ruf Victor an, damit er ihn die Fahndung gibt!“, schlug ich vor.

Dabei ließ ich den Wagen an und fädelte mich wenig später in den fließenden Verkehr ein. 

Wir fuhren zur Adresse von Dora LaFayette. Sie wohnte in einem Apartment Haus.

Das Haus, in dem Dora LaFayette wohnte, war etwas heruntergekommen. Die Tür passierten wir, als jemand hinausging. Von der Überwachung durch einen Sicherheitsdienst konnten die Mieter hier nur träumen. Von einem Aufzug auch, denn der war defekt und das Schild, mit dem das angezeigt wurde, hatte schon verdächtig viel Staub angesetzt.

Also gingen wir über das Treppenhaus in den fünften Stock.

„Etwas Sport tut gut, Pierre!“, meinte Francois.

“Sehr witzig!”

“Ist doch wahr, Pierre!”

„Im Moment könnte ich gut darauf verzichten.“

“Gib’s zu: Du bist fett geworden in letzter Zeit!”

“Du vielleicht, Francois! Aber ich doch nicht!”

“Das muss der gute Kuchen deiner Mutter sein, Francois. So ein Wochenende in >Le Trou< trägst du am Ende als speckige Hypothek mit dir herum.”

“Nun übertreib mal nicht, Francois.”

“Tu ich das?”

“Und wie!”

“Ach, komm schon!”

“Immerhin kann ich noch reden, während wir die Treppen hinaufhetzen.”

“Dein Ehrgeiz war schonmal größer, Pierre.”

“Na, und?”

An den Wänden in dem Flur, an dem die angegebene Wohnung lag, waren Graffiti gesprüht.

Aber die Künstler – oder Täter, ganz wie man wollte – waren sicher nicht die Besten ihrer Zunft. Irgendwelche Parolen in arabischer Schrift. Und ein charakteristisches Muster. Das Muster und die Schrift waren schnell dahingeschmiert worden. Aber das eigentlich erstaunliche war, dass offenbar niemand daran dachte, die Wände frisch zu streichen.

Irgendwo war ein Muezzin zuhören

Wir erreichten die Wohnungstür.

Allerdings stand auf dem dazugehörigen Schild ein anderer Name.

Della LaFayette.

Unten, bei den Briefkästen hatte ich nur „D. LaFayette“ entdeckt.

Ich wunderte mich.

Ziemlich sogar.

„Hat Monsieur Lenoirs Ex-Lebensgefährtin ihren Namen geändert oder sind wir hier falsch?“, fragte Francois.

„Werden wir gleich wissen“, sagte ich, wollte den Klingelknopf betätigen, aber merkte gleich, dass da kein Widerstand war. Der Knopf war defekt.

“Scheiß Technik”, sagte Francois.

“Hilft nur die natürliche Methode.”

“Du sagst es.”

Ich klopfte.

Von der anderen Seite war ein unterdrückter Schrei zu hören. Francois und ich wechselten einen kurzen Blick. In einer solchen Situation verhindert man entweder ein Verbrechen oder wird selbst zum Straftäter, weil man unberechtigt in eine Wohnung eindringt. Da hilft nur Instinkt und jahrelange Erfahrung, um innerhalb eines Augenblicks die richtige Entscheidung zu treffen.

Nichteinmal eine Sekunde bleibt einem dazu.

Aber mehr brauchten wir auch nicht.

Francois und ich waren uns einig.

Wir kannten uns lange und gut genug, um das voneinander zu wissen, ohne dass dafür auch nur ein einziges Wort gesagt werden musste.

Wir griffen zu den Dienstwaffen. Francois gab der Tür einen wuchtigen Tritt.

Sie sprang zur Seite.

Ich stürmte in die Wohnung.

Ein Mann mit einer Baseball-Mütze war über eine Frau gebeugt und drückte sie in ein Sofa.

Er hielt ihr den Mund zu.

Ein unterdrückter Schrei war zu hören. Ich sah zwei angstvolle Augen, die förmlich aus ihren Höhlen quollen.

Ein zweiter Mann in einem Kapuzenshirt hielt eine Pistole in der Hand.

Es war ziemlich eindeutig, was hier vor sich ging.

Und wir waren hier, um dem ein Ende zu setzen.

Sofort.

„Kriminalpolizei Marseille! Waffe weg! Sofort!“, rief ich.

Der Kerl im Kapuzenshirt wirbelte herum.

Ich sah das Mündungsfeuer aus seiner Waffe herauszucken - blutrot wie die Feuerzunge eines Drachen. Der Schuss krachte dicht an mir vorbei und traf dafür um ein Haar Francois. Das Projektil blieb im Türrahmen stecken und splitterte ein handgroßes Loch in das Holz.

Ich feuerte nur Sekundenbruchteile, nachdem der Kerl im Kapuzenshirt bereits abgedrückt hatte. Meine Kugel erwischte ihn am Waffenarm. Er schrie auf und wurde durch die Wucht des Geschosses zurückgerissen.

Glück gehabt.

Denn richtig Zielen kann man in so einer Situation nicht.

Man hält einfach drauf.

Mein Gegenüber hatte das auch getan - und mich trotz der geringen Distanz verfehlt.

Zur gleichen Zeit sprang sein Partner auf, schwang sich mit einem Satz über das Sofa und stürzte sich durch das Fenster. Glas splitterte.

„Waffe weg!“, schrie ich den Kapuzenmann an.

Er ließ die Pistole los.

Die Hand gehorchte ihm ohnehin nicht mehr richtig. Er zitterte.

Francois stürmte an mir vorbei.

Der Mann mit der Baseballmütze war auf dem Absatz der Feuertreppe gelandet, fluchte laut, weil das nicht ganz schmerzfrei abgegangen war und rutschte dann die nächsten Stufen mehr, als dass er lief.

Als Francois durch das zerstörte Fenster sah, zuckte er sofort zurück, denn ein Schuss knallte ihm um die Ohren. Die Kugel zischte dicht an seiner Stirn vorbei und traf stattdessen einen der Schränke, aus dessen Inneren das Geräusch von zerspringendem Glas herausklang.

Aber Francois war dem Kerl sofort auf den Fersen. Er schwang sich aus dem Fenster. Unter seinen Füßen knackten die Glasscherben. Der Kerl mit der Baseballkappe hatte auch eine Waffe dabei, mit er er während seines Hinablaufens mehr oder weniger blind nach oben feuerte.

Er hatte wohl die Hoffnung, auf diese Weise seinen Verfolger abzuschütteln.

Der Kerl kam natürlich als erster unten an.

Bei irgendeinem kleinen Flic wäre ihm das vielleicht auch geglückt.

Aber bei Francois und mir war er da an die falschen geraten.

So schnell gaben wir nicht auf.

Der Hinterhof war eng und glich eher einer Müllhalde.

Ein Haufen Reifen war dort abgelegt worden und daneben stand ein rostiger Van, der weder eine Windschutzscheibe noch ein Rad besaß.

Francois befand sich noch auf der Leiter.

Der Mann mit der Baseballmütze wollte gerade zum Spurt ansetzen.

Da schwang sich Francois über den Handlauf der Feuertreppe und sprang ihn an.

Beide gingen zu Boden und fielen dabei in den Haufen Reifen hinein.

Dabei verlor der Flüchtige auch noch die Waffe. Sie rutschte in einen der Reifen hinein und wurde unerreichbar für ihn.

Er fluchte.

Mein Kollege ächzte nur.

Und rang nach Luft.

„Sie sind verhaftet“, sagte Francois. „Alles, was Sie von nun sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Und ganz ehrlich: Ich hoffe, dass Sie aus dem Loch, in das man Sie jetzt steckt nie wieder herauskommen!”

“Scheiß-Flic!”

“Scheiß-Kerl!”

“Das ist Polizeigewalt! Ich werde mich beschweren!”

“Nichts dagegen. Der Untersuchungsrichter wird Sie schon einzuschätzen wissen!”

„Sparen Sie sich Ihren Mist!“, knurrte der Kerl.

„Sie haben auch das Recht, einen Anwalt zu nehmen“, erwiderte Francois so kühl er in dieser Situation konnte. „Und damit würde ich an Ihrer Stelle nicht zu lange warten, es sei denn, Sie haben wirklich eine sehr gute Erklärung für das, was wir da gerade in der Wohnung mitbekommen habe!“

„Hören Sie, das ist alles nicht so, wie Sie denken!“, behauptete der Mann.

„Wie heißen Sie? Na los! Wir bekommen es sowieso heraus und wenn Sie jetzt kooperieren, kann das nur zu Ihrem Vorteil sein.“

„Du kannst mich mal“, sagte der Mann.

12

Wenig später trafen der Notarzt und Kollegen der Polizei von Marseille ein, die die beiden Eindringlinge in die Wohnung von „D. LaFayette“ in Empfang nahmen.

Uns gegenüber sagten die zwei keinen Ton. Also würden sich unsere Verhörspezialisten um sie kümmern. Aber zuerst musste natürlich die Schusswunde behandelt werden, die sich der Mann mit dem Kapuzenshirt bei mir geholt hatte.

Der Mann, den ich angeschossen hatte, hieß Alain Fernandez. Er trug einen Führerschein bei sich. Sein Wagen musste in der Nähe stehen. Die Kollegen der Polizei von Marseille fanden ihn wenig später.

Ich rief Victor Stahl in der Zentrale an, damit er eine kurze Datenabfrage über Alain Fernandez durchführte.

Er hatte mehrere Vorstrafen wegen Drogen und Körperverletzung. Das Übliche. Ein kleiner Dealer, so war meine Einschätzung.

„Dora oder Della LaFayette?“, fragte ich die junge Frau, nachdem die beiden Kerle von der Polizei von Marseille abtransportiert worden waren.

„Dora“, gab sie mir Auskunft. „Della ist meine Schwester. Sie ist die Mieterin der Wohnung. Della studiert noch. Sie ist zurzeit für ein Auslandssemester in Europa und deswegen meinte sie, dass ich hier wohnen könnte, bis sich alles zwischen Georges und mir geklärt hat.“

„Sie sind vor einem Monat bei einem gewissen Georges Lenoir ausgezogen“, stellte ich fest.

„Ja, das stimmt“, gab sie zu. Sie war noch ziemlich mitgenommen von dem, was passiert war. Ein paar blaue Flecken hatte sie abbekommen. Die beiden Kerle, die wir festgenommen hatten, mussten sie ziemlich grob angefasst haben.

Ein bisschen davon hatten wir ja mitbekommen.

„Georges Lenoir wurde gestern Abend ermordet“, erklärte ich. „Es tut mir leid, Ihnen diese traurige Nachricht überbringen zu müssen.“

„Was?“, entfuhr es ihr. Sie atmete tief durch, schluckte und schüttelte den Kopf. Dann öffnete sie den Mund, so als wollte sie etwas sagen. Aber sie brachte keinen Ton heraus.

„Jemand hat ihn in einer Seitenstraße an der Avenue d'Orange in seinem Porsche erstochen“, ergänzte Francois. „Und wir sind dabei herauszufinden, wer das war.“

„Dazu brauchen wir alles an Informationen über Georges Lenoir, was wir bekommen können“, fügte ich hinzu.

„Natürlich. Ich stehe Ihnen selbstverständlich zur Verfügung. Ermordet? Mein Gott!“

Sie barg für ein paar Augenblicke ihr Gesicht in den Händen.

„Eine ganz andere Frage: Was wollten die beiden Typen von Ihnen?“, fragte ich, nachdem Dora LaFayette sich wieder einigermaßen gefasst hatte. „Mit uns reden die nämlich bisher nicht.“

„Wenn Georges tot ist, dann kann ihm ja niemand mehr schaden“, murmelte sie vor sich hin. „Juristisch und auch sonst. Deswegen...“

„Bitte alles auf den Tisch!“, verlangte ich. „Die Zeit arbeitet für den Mörder.“

Ein Ruck ging durch ihren Körper. Die Trauer, die sie gerade noch vollkommen beherrscht zu haben schien, war plötzlich wie weggeblasen. Sie sah mich fragend an. „Wieso ist das eigentlich ein Fall für Ihre Abteilung?“, wollte sie wissen. „Kümmern Sie sich nicht eigentlich eher um die - wie soll ich sagen - größeren Fische?“

„Dies könnte einer sein“, erklärte ich und fragte mich dabei, ob sie das vielleicht nur eingeworfen hatte, weil sie meine Frage nicht beantworten wollte. „Wir vermuten, dass der Täter ein Profi-Killer war“, erklärte ich.

„Oh Gott!“

„Aber zurück zu den beiden Typen, was wollten die?“

„Die waren wegen Georges hier. In der Zeit, als er noch bei 'Les Partenaires du Succès' arbeitete, hat er sich häufig mit Kokain wach gehalten. Die Dealer kannten ihn schon. Das war manchmal richtig peinlich. Bei zwei von denen hatte er wohl Schulden und jetzt dachten sie, dass sie bei mir was holen könnten. Sie sind gerade rechtzeitig gekommen.“

„Um wie viel geht es denn?“

„Zehntausend Euro! Meine Güte, als 'Les Partenaires du Succès' noch lief, da wäre das ein Trinkgeld für uns gewesen. Aber die Zeiten sind vorbei. Die Blase ist geplatzt und jetzt sind nur Schulden und gerichtliche Streitigkeiten geblieben. Georges hat das völlig aus der Bahn geworfen. Jeden Tag Anrufe wütender Anleger, die ihr Geld zurückhaben wollten.“

„Wenn meine Altersversorgung in 'Les Partenaires du Succès' gesteckt hätte, würde ich auch so denken“, warf Francois ein.

„Dann waren da die Gerichtsverfahren wegen Anlagebetrug und zum Schluss auch noch wegen betrügerischer Insolvenzverschleppung und so weiter und so fort. Zum Kokain kam dann bei Georges noch der Alkohol. Er ist vollkommen abgerutscht, wollte aber nichts dagegen tun.“

„War das der Grund Ihrer Trennung?“, fragte ich.

Sie nickte. „Ja, es war einfach nicht mehr bei ihm auszuhalten. Wissen Sie, man sagt ja, Geld verdirbt den Charakter. Aber manche werden noch mehr verdorben, wenn Sie keins mehr haben. Ich habe das ja aus erster Hand mitgekriegt, nicht nur bei Georges, sondern bei so vielen anderen.“

„Haben Sie auch bei 'Les Partenaires du Succès' gearbeitet?“

„Richtig. Wir haben uns im Job kennengelernt. Bis vor kurzem fuhr ich ein Sportcabrio und lief im Business-Kostüm herum. Jetzt wohne ich bei meiner Schwester und fahre jeden Tag in die City. Ich habe da kurzfristig einen Job in einer Boutique gekriegt. Immer die Spätschicht am Nachmittag und frühen Abend, die keiner machen will.“ Sie atmete tief durch. „Aber besser als nichts. Ist schon komisch, wenn man die Kleider verkauft, die man vor kurzem noch selbst gekauft hat und die ich mir jetzt nicht mehr leisten könnte.“ Sie sah auf die Uhr. „Eigentlich müsste ich gleich los.“

„Nach dem, was hier gerade passiert ist, stehen Sie unter Schock. Sie sollten Ihrem Boss sagen, dass er sich heute eine Vertretung suchen soll“, meinte Francois.

Dora LaFayette lachte heiser. „Auf welchem Planeten leben Sie denn? Glauben Sie, ich will meinen Job gleich wieder verlieren?“

„Was halten Sie davon, wenn wir Sie in die Stadt bringen“, schlug ich vor. „Im Fond unseres Wagens ist es zwar ein bisschen eng, aber wir können uns unterwegs unterhalten – und Sie kämen in jedem Fall pünktlich.“

„Das ist sehr freundlich“, fand sie. „Einverstanden. Wer weiß, wann ich das nächste Mal Gelegenheit habe, in einem Wagen zu sitzen!“

Ich zeigte ihr den Ausdruck des Fotos von dem grauhaarigen Mann, der so massiv gegen Georges Lenoir vorgegangen war. „Kennen Sie diesen Mann?“

Sie sah sich das Bild an. „Natürlich kenne ich den! Was glauben Sie, was der für ein Theater veranstaltet hat! 'Les Partenaires du Succès' war gerade Pleite gegangen, da hat der Kerl Georges und mich in der Tiefgarage des Bürogebäudes abgepasst! Ich meine, uns haben viele beschimpft, aber bei dem Kerl habe ich wirklich Angst bekommen.“

„Ein Name und eine Adresse wären nicht schlecht.“

„Dugas heißt der Kerl. Gerard Dugas. Der hatte bei uns Geld angelegt. Die Daten sind natürlich jetzt unter Verschluss wie alles, was mit 'Les Partenaires du Succès' zu tun hat.“

„Das ist kein Problem“, sagte ich. „Da kommen wir heran.“

13

Wir fuhren mit Dora LaFayette zurück. Die Boutique, in der sie ihren Job gefunden hatte, lag an der Rue de la Virgine. Ganz sicher nicht die schlechteste Adresse – und trotzdem musste es bitter für sie sein. Noch bitterer aber war es gewiss für viele der Anleger, die durch die Pleite von 'Les Partenaires du Succès' um ihr Erspartes gebracht worden waren.

Doch in dieser Hinsicht schien das Mitleid von Dora LaFayette deutlich weniger ausgeprägt zu sein, als wenn es um sie selbst und ihr eigenes Schicksal ging. „So ist das nunmal“, meinte sie während der Fahrt. „Finanzgeschäfte sind immer auch Risikogeschäfte!“

„Heißt das, die Leute, die von 'Les Partenaires du Succès' betrogen wurde, sind selber schuld?“, hakte Francois nach.

„Was heißt hier Betrug?“, fragte Dora LaFayette zurück. „Ob das Betrug war oder nicht, werden die Gerichte klären. Aber zu erwarten, dass man enorme Renditen ohne irgendein Risiko bekommen kann, ist mehr als nur naiv. Das ist dumm!“

Als wir sie in der Rue de la Virgine absetzten und sie sich schon umgedreht hatte, kam sie noch mal zum Wagen zurück. Hinter uns hupte schon jemand. Wir waren in diesem Moment sicherlich ein Verkehrshindernis.

„Falls Sie etwas herausfinden, dann rufen Sie mich bitte an!“, erklärte sie. „Auch wenn es zuletzt zwischen Georges und mir nicht mehr gestimmt hat, so habe ich ihn doch geliebt.“

14

Später, in unserem Dienstzimmer im Präsidium, das Francois und ich uns teilten, saßen wir mit unserem Kollegen Victor Stahl aus dem Innendienst zusammen.

„Davide spricht mit dem Insolvenzverwalter und kümmert sich darum, dass wir an die Unterlagen von 'Les Partenaires du Succès' herankommen“, berichtete Victor.

„Es wäre nicht schlecht, wenn wir eine Liste all derer hätten, die durch LPDS geschädigt worden sind“, meinte Francois. „Rache ist schließlich ein nicht zu unterschätzendes Motiv.“

„Ich würde das eher Verzweiflung nennen“, meinte Victor. „Jedenfalls war es eine Kleinigkeit, die Adresse von Gerard Dugas herauszufinden, nachdem wir erstmal den Namen hatten. Zwar gibt es mehrere hundert Träger dieses Namens im Großraum Marseille, aber in Verbindung mit dem Foto sind wir schnell fündig geworden.“

Ich konnte mir schon denken weshalb. „Vermutlich ist dieser Dugas noch anderswo unangenehm aufgefallen!“

„Genau, Pierre. Und es waren nicht alle so ungeschickt, ihn  davonkommen zu lassen, ohne an seine Personalien zu kommen oder...“

„...oder so großzügig ihn gar nicht erst anzuzeigen, wie Georges Lenoir“, ergänzte Francois.

„Er wohnt in der Vorstadt.“

„Dann schlage ich vor, dass wir ihm möglichst bald einen Besuch abstatten“, nickte ich. „Was ist mit den beiden Kerlen, die über Dora LaFayette hergefallen sind?“

„Drogendealer. Kleine Fische, die an die Endverbraucher verkaufen – vor allem Kokain. Die sind schon mehrfach aufgefallen. Aber das Interessante ist: Der Mann, für den die beiden arbeiten, heißt Rick Grazzo und der gehört zur Organisation von André Menotti!“

Francois hob die Augenbrauen. „Die erste Verbindung, die in Richtung organisierte Kriminalität weist“, stellte er fest.

„Na, aber das ist eine ziemlich dünne Verbindung“, meinte ich und wandte mich an Victor. „Wahrscheinlich kann man Leuten wie Grazzo oder Menotti zurzeit noch nichts nachweisen.“

„Ja und so lange sie Idioten genug finden wie die beiden Kerle, die ihr bei Dora LaFayette angetroffen und verhaftet habt, wird das wohl auch so bleiben“, meinte Victor. „Das sind nämlich die armen Hunde, die das Kokain auf der Straße verkaufen oder es den Bankern in die Büros bringen. Die werden erwischt – und Leute wie Grazzo oder Menotti zählen nur die Euros. Da gibt es übrigens noch eine Verbindung – und die ist nicht ganz so schwach!“

„Raus damit!“, forderte ich.

„Der Club Explosive gehört über einen Strohmann zu dreißig Prozent Menotti.“

„Wahrscheinlich betreibt er den Club zur Geldwäsche, um seine Drogen-Euros zu blütenweißem Geld im legalen Wirtschaftskreislauf zu machen.“

„Kann Zufall ein, dass Lenoir gerade in der Nähe dieses Nachtclubs ermordet wurde“, meinte ich.

Francois schüttelte den Kopf. „Also Pierre, nach all den Jahren im Dienst glaubst du immer noch an Zufälle?“

15

Wir machten uns auf in die Vorstadt. Hier ganz im Norden dominierten Bungalows an breiten,  alleeartigen Straßen. Einfamilienhäuser, die von Eltern mit Kindern bewohnt werden – oder von Rentnern.

In einer dieser schmucken Straßen wohnte Gerard Dugas.

Der Bungalow fiel nicht weiter auf, selbst der Rasen war gepflegt. Ein Ford stand in der Einfahrt. Nichts Besonderes, aber das Anwesen sah auch nicht unbedingt aus, als wäre der Besitzer finanziell ruiniert.

Wir stellten den Wagen in die Einfahrt und stiegen aus. 

„Bin gespannt, was Monsieur Dugas uns zu sagen hat“, meinte Francois. „Allerdings, wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich eher, dass wir im Umkreis von diesem Menotti weiter ermitteln sollten. Jemand wie Dugas ist nicht gerade die typische Klientel für einen Profikiller.“

„Vielleicht sind wir ja klüger, wenn wir mit ihm gesprochen haben.“

Wir gingen an die Haustür und klingelten.

Ein tiefes Hundebellen war die einzige Antwort, die wir erhielten.

Der Hund bellte immer weiter und wenig später sah man ihn auch durch die milchigen Glaspartien in der Haustür. Einzelheiten waren nicht zu erkennen, wohl aber die Kopfhöhe des Tiers. Und allein die reichte schon aus, um Respekt einzuflößen.

„Vielleicht ist Monsieur Dugas nicht zu Hause“, vermutete ich.

Im Nachbargarten hatte eine ältere Frau von ihrer Gartenarbeit aufgesehen. Sie beobachtete uns misstrauisch.

Nachdem auch das zweite Klingeln zunächst ohne Reaktion blieb, ging ich zu ihr hin, während Francois vor der Tür stehen blieb.

Ich zeigte der Frau meinen Ausweis.

„Pierre Marquanteur, Kriminalpolizei Marseille. Mein Kollege und ich würden gerne mit Monsieur Dugas sprechen. Wissen Sie, ob der zu Hause ist?“

„Der Wagen ist ja da“, sagte die Frau und stützte sich dabei auf den Stiel der Hacke, mit der sie das Unkraut aus den Rosenbeeten herausgeholt hatte.

„Ja schon, aber Monsieur Dugas öffnet nicht.“

„Sie müssen es einfach mehrfach versuchen“, sagte sie. „Er hat nämlich ein Hörgerät und manchmal schaltet er das ab.“

„Eigentlich hat er doch noch gar nicht das Alter für ein Hörgerät“, wandte ich ein.

„Er hatte eine schlimme Mittelohrentzündung als Junge und hat dabei einen Teil seines Gehörs verloren“, berichtete sie. „Das weiß ich noch, wir haben nämlich damals schon hier gewohnt. Das Haus gehörte nämlich bereits Gerards Eltern und er hat es dann geerbt. Schön, dass Sie sich endlich darum kümmern.“

Ich runzelte die Stirn.

„Worum kümmern?“, fragte ich.

„Na, sind Sie nicht deswegen hier, um Gerard dabei zu helfen, diesen Betrügern das Handwerk zu legen, die ihn in den Ruin getrieben hätten? Das ist ein Fall von organisiertem Verbrechen!, hat er immer gesagt und dafür ist doch das Kriminalpolizei Marseille zuständig, oder?“

„Naja, das schon.“

„Als diese Anlagefirma pleite ging, haben wir übrigens auch viel Geld verloren. Und das war Gerard immer peinlich, denn er war es ja, der uns das ursprünglich mal empfohlen hat. Allerdings war mein Mann immer strickt dagegen, alles bei diesen 'Les Partenaires du Succès' anzulegen. Und darum hat uns der Crash vor einem Jahr auch nicht so hart getroffen.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Der Hund hörte schlagartig zu bellen auf.

„Ich heiße übrigens Geena Poincheval“, sagte sie. „Wenn Sie uns als Zeugen oder so brauchen, nur zu! Wir stehen gerne zur Verfügung. Allerdings nicht Mittwochs und Freitags, denn da muss ich immer zur Krankengymnastik wegen meiner künstlichen Hüfte.“

„In Ordnung, Madame Poincheval“, sagte ich schmunzelnd und hinterließ ihr auch eine meiner Visitenkarten, wie sie das Kriminalpolizei Marseille für seine Kommissars drucken lässt. Nicht, weil ich glaubte, dass sie mir irgendwann einmal einen entscheidenden Hinweis geben würde, sondern als reine Geste der Freundlichkeit. Madame Poincheval war sichtlich beeindruckt.

„Danke“, sagte sie.

16

Der Hund war wirklich riesig. Sein Kopf reichte mir fast bis zum Rippenbogen, wenn er ganz normal auf allen Vieren stand. Eine Dogge mit hängenden Lefzen und blutunterlaufenen Augen - aber offensichtlich ganz gut erzogen, denn das Tier verharrte vollkommen ruhig neben seinem Besitzer. Gerard Dugas drehte an irgendeinem Regler seines Hörgeräts herum. „Der macht nichts!“, sagte er auf seinen Hund deutend so laut, dass man davon Ohrenschmerzen bekommen konnte.

„Ich will hoffen, dass Sie recht haben“, sagte ich. Francois und zeigten ihm unsere Ausweise. „Wir würden Sie gerne wegen des Todes von Georges Lenoir befragen.“

„Wie bitte?“, fragte Dugas laut. „Einen Moment, ich habe es gleich!“ Er sah uns an, erst Francois dann mich. Sein Blick war schwer zu deuten. Auf seiner Stirn war eine tiefe Furche zu sehen. „Lenoir, sagen Sie? Von 'Les Partenaires du Succès'?“

„Genau der“, bestätigte Francois.

„Ist der tot?“

„Das habe ich gerade gesagt“, erklärte Francois ruhig.

„Finde ich nicht bedauerlich. Der Kerl hatte den Tod verdient – oder auch Schlimmeres!“ Er deutete auf sein Hörgerät. „Sie müssen schon entschuldigen, ich hatte das Ding erst nicht richtig eingestellt. Möchten Sie hereinkommen?“

„Wenn es Ihrem Mitbewohner nichts ausmacht“, sagte ich und deutete dabei auf die Dogge.

Dugas führte uns in sein Wohnzimmer. „Nehmen Sie Platz“, sagte er. Die Dogge legte sich auf den Boden.

„Monsieur Dugas, wo waren Sie gestern Nacht zwischen Mitternacht und ein Uhr?“, fragte Francois.

„Brauche ich jetzt ein Alibi? Verdächtigen Sie mich etwa, diesen Kerl umgebracht zu haben? Da können Sie eigentlich seine ganzen ehemaligen Kunden durchgehen und auch einen Teil seiner Mitarbeiter! Machen Sie sich doch mal bei Ihren Kollegen von der Justiz schlau! Seit einem Jahr ist 'Les Partenaires du Succès' zahlungsunfähig und seitdem wird ermittelt und es werden Anhörungen durchgeführt, Prozesstermine anberaumt und wieder abgesagt – alles nur, weil da eine ganze Mannschaft von geschickten Anwälten zur Stelle ist, die dafür gesorgt hat, dass Leute wie dieser Georges Lenoir oder Selma Laplace, seine rechte Hand, immer noch frei herumlaufen!“

„So viel zum Motiv, dass man Ihnen anlasten könnte“, sagte ich. „Mein Kollege hat Ihnen eine reine Routinefrage gestellt, auf die es doch sicher auch eine ganz einfache Antwort gibt.“

„Ich war hier“, sagte Dugas. „Und ich habe ferngesehen. Einziger Zeuge ist mein Hund. Genügt Ihnen das.“

„Sie sind dadurch aufgefallen, dass Sie Monsieur Lenoir zum Teil massiv bedroht haben“, stellte ich fest.

Dugas wurde jetzt lauter. „Herrgott nochmal!“, schimpfte er. „Das ist Monate her! Verstehe Sie, Monate!“ Und dabei dehnte er das Wort Monate, wie man es wahrscheinlich ihm gegenüber wegen seiner Schwerhörigkeit oft getan hatte. „Und falls Sie noch nicht darauf gekommen sind: Ich war erstens nicht der einzige, der das getan hat und zweitens wird man das ja wohl verstehen können. Mir stand das Wasser finanziell bis zum Hals. Ich bin Vertreter für Lederwaren. Die Geschäfte gingen auch nicht so gut und dann stellt sich heraus, dass alles, was ich in meinem Leben angespart hatte, plötzlich weg war! Können Sie das verstehen, wie man sich da fühlt? Das Haus war bis zum letzten Penny belastet und ich hatte zum Schluss nicht einmal mehr eine Krankenversicherung, weil ich sie mir nicht leisten konnte.“ Er atmete tief durch.

„Monsieur Dugas, ich habe großes Verständnis für Sie, aber unser Kollege aus dem Innendienst hat eine Aufstellung aller Vorfälle gemacht, in die Sie verwickelt waren. Sie haben Monsieur Dugas wirklich mehrfach bedroht – und außerdem auch eine gewisse Selma Laplace, die bei 'Les Partenaires du Succès' eine wichtige Funktion ausfüllte. Die hat Sie auch angezeigt!“

„Ach, das ist dich längst niedergeschlagen worden! Es ist nichtmal zur Anzeige gekommen, weil Aussage gegen Aussage stand! Und wie gesagt: Ich habe mich inzwischen beruhigt und damit abgefunden, in meinem Leben umsonst gearbeitet zu haben. Wünsche ich Ihnen nicht, diese Erfahrung, Monsieur...“

„Kommissar Marquanteur“, gab ich zurück.

„Wie lange liegt der letzte Fall zurück, dass ich zugegebenermaßen etwas ausfällig wurde?“

„Ein paar Monate, da haben Sie recht. Aber da gibt es Ihren Auftritt vor vier Wochen, wo Sie in das Apartmenthaus eingedrungen sind, in dem Monsieur Lenoir lebte und den Wachleuten entwischt sind.“

„Das sollten Sie nicht allzu ernst nehmen.“

„Diesen Eindruck hatten die Security eigentlich nicht“, stellte ich klar. „Können Sie sich eigentlich einen Reim darauf machen, weshalb Monsieur Lenoir Sie nicht umgehend angezeigt hat?“

Dugas zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen.“ Er atmete tief durch, beugte sich etwas nach vorne und wich meinem Blick aus, während er sprach. „Hören Sie, ich habe mit der Sache nichts zu tun. Aber Sie können auch nicht von mir erwarten, dass ich Ihnen bei Ihrer weiteren Mördersuche viel Erfolg wünsche.“

17

„Was hältst du von dem Kerl?“, fragte mich Francois, als wir etwas später wieder im Wagen saßen.

„Keine Ahnung. Er wirkte sehr mitgenommen und finanziell scheint ihn die Pleite von 'Les Partenaires du Succès' ja wohl hart getroffen zu haben.“

„Ein Grund mehr, ihn von der Liste der Verdächtigen zu streichen. Davide kann ja mal seine derzeitigen finanziellen Verhältnisse unter die Lupe nehmen, aber um einen Profi-Killer zu engagieren, hätte Gerard Dugas doch gar nicht die Mittel. Oder hast du irgendetwas von einem außerordentlichen Preisverfall in diesem Geschäft gehört?“

„Bestimmt nicht, wenn es darum geht, jemanden wie die Hornisse zu engagieren.“

„Eben!“

„Und wenn es gar nicht die Hornisse gewesen ist, sondern jemand, der nur dieselbe Methode verwendet?“, gab ich zurück.

„Ach, Pierre! Glaubst du ein Lederwarenvertreter sucht sich eigens aus den Fahndungsseiten des Kriminalpolizei Marseille die Mordmethode eines gesuchten und bisher unbekannten Profi-Killers heraus, um sie zu kopieren und den Verdacht von sich abzulenken? Das ist absurd.“

„Nein, vielleicht verwendet er einfach nur eine Tötungsmethode, mit der er vertraut ist.“

„Dieser Mann war mit seinen schlechten Ohren ganz bestimmt nicht in einer Spezialeinheit der Armee! Aber das dürfte sich ja schnell abchecken lassen.“

„Aber er hat einen großen Hund. Vielleicht ist er auch Jäger, Francois!“

„Also, wenn du mich fragst, ist es Zeitverschwendung, sich weiter mit dem Mann zu beschäftigen, Pierre!“

Stéphane Caron rief uns an. Ich nahm das Gespräch über die Freisprechanlage entgegen, während wir bereits auf dem Weg zurück waren.

„Pierre, ich hoffe, ihr habt heute Abend noch nichts vor.“

„Worum geht’s denn?“, fragte ich.

„Wir haben einen Tipp bekommen, dass Rick Grazzo heute Abend im Club Explosive auftauchen und ein Kokain-Geschäft besiegeln soll. Wir möchten ihm ganz gerne etwas auf den Zahn fühlen und da brauchen wir ein paar Leute zur Unterstützung.“

„Wir sind dabei.“

„Wir treffen uns in zweieinhalb Stunden zur Einsatzbesprechung im Präsidium. Schließlich muss die Aktion minutiös geplant werden.“

„Bis nachher.“

18

Vorher hatten Francois und ich sogar noch Zeit zu unserem Lieblingsitaliener zu fahren und etwas zu essen. Natürlich nur was Leichtes. Schließlich mussten wir bei dem Einsatz hellwach sein.

Beim Essen ging ich das Dossier nochmal durch, das Victor Stahl uns über die Hornisse zusammengestellt hatte.

„Die meisten Morde, die man mit der Hornisse in Verbindung bringt, standen irgendwie mit Menotti in Verbindung“, stellte ich fest. „Zwar ist nie offiziell gegen ihn ermittelt worden, aber es sind allein drei seiner Unterführer, die die Hornisse ausgeschaltet hat und durch Informanten wissen wir, dass Menotti den Verdacht hatte, dass die Betreffenden für die Konkurrenz arbeiten. Außerdem ist da noch ein Informant unserer Kollegen von der Drogenabteilung, den die Hornisse umgebracht hat und der auch regelmäßig Neuigkeiten über Menotti berichtete.“

„Aber der Zusammenhang ist nicht bewiesen, sonst säße Menotti längst im Knast.“

„Welche Gründe gibt es für einen Auftragskiller, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen?“

Francois zuckte die Achseln. „Immer dieselben, würde ich sagen. Entweder er hat einen Job erledigt, der so heiß war, dass er danach einfach nicht mehr in Erscheinung treten konnte – oder er hat schlicht und ergreifend genug Geld verdient, um damit über die Runden zu kommen.“

„Wenn die Hornisse nach fünf Jahren wieder aktiv wird, ist sie vielleicht in finanziellen Schwierigkeiten.“

„Hilft uns das weiter?“

„Fassen wir mal zusammen: Die Hornisse ist ein Mann. Das wissen wir aufgrund des genetischen Materials, dass er an einem seiner Tatorte unbeabsichtigterweise zurückgelassen hat. Er setzt eine sehr seltene Waffe gekonnt ein – wie ein Fremdenlegionär oder ein Jäger, wobei wohl eher von einer militärischen Ausbildung auszugehen ist.“

„Pierre, dieses Raster haben Kollegen von uns vor fünf Jahren abgearbeitet und es ist niemand darin hängengeblieben! Die Hornisse ist nach wie vor unsichtbar und kann jederzeit aus dem Verborgenen zustechen!“

Ich zuckte mit den Schultern und kaute auf einem Salatblatt herum. „Ich denke ja nur laut nach“, meinte ich.

„Bei der Sache steht nur eins fest – dieser arme Kerl namens Gerard Dugas ist weder selbst die Hornisse, noch hat er sie beauftragt.“

19

Später trafen wir uns im Präsidium zur Einsatzbesprechung. Stéphane hatte einen etwas größeren Konferenzraum dafür vorgesehen. Mit einem Beamer wurde ein genauer Grundriss des Club Explosive und des entsprechenden Abschnitts der Avenue d'Orange an die Wand projiziert, sodass die Einsatzpositionen aller beteiligten Kollegen genau bestimmt werden konnten.

Als stellvertretender Chef der Kriminalpolizei Marseille hatte Stéphane häufig die Einsatzleitung bei derartigen Aktionen.

Zwanzig Kollegen sollten an der Aktion teilnehmen, sich unter die Gäste des Club Explosive mischen oder in den Hinterhöfen und Seitenstraßen in der Nähe aufpassen, was sich da tat.

„Wir wissen nur, dass Grazzo sich mit einem Mann namens Ronny Jordache treffen wird, der ein Mittelsmann für ein Kokain-Kartell ist“, erklärte Stéphane. „Schaut euch die Gesichter gut an und prägt sie euch ein. Das Geschäft selbst wird wahrscheinlich im Club angemacht, der Stoff könnte in der Tiefgarage übergeben werden. Unser Informant sagt, dass Grazzo das zuletzt immer so gemacht hat. Es gibt da nämlich einen Bereich, der nicht von Überwachungskameras erfasst wird – aber das wissen nur Eingeweihte.“

„Grazzo ist der Mann hinter den Dealern, die Georges Lenoir beliefert haben. Vielleicht weiß er auch etwas darüber, wer ihn umgebracht haben könnte!“, meinte Francois.

Stéphane nickte. „Wenn wir ihn wirklich mit einem Kofferraum voll Kokain erwischen sollten, dann wird er froh sein, wenn er mit der Justiz kooperieren kann.“

Wir ließen uns verkabeln. Jeder von uns trug ein unauffälliges Headset und davon abgesehen waren Kevlar-Westen bei einem solchen Einsatz obligatorisch. Man musste nur darauf achten, dass man darüber ein Hemd und ein Jackett trug, die eine Nummer größer waren, als man es normalerweise bevorzugte.

Wir gingen den Einsatz noch einmal in allen Einzelheiten durch.

Dann ging es los.

20

Wer wann einzutreffen hatte, war genau geplant. Alle Ein– und Ausgänge des Club Explosives mussten natürlich ebenso unter Beobachtung stehen wie wie Ausfahrt der zum Club gehörenden Tiefgarage, in der es ein paar Dutzend reservierter Plätze für Menotti, Grazzo und andere Leute dieses Kalibers gab. Das hatte zur Folge, das eigentlich immer nur wenig Parkplätze für die Gäste da waren und diese dann mit ihren Fahrzeugen die Umgebung verstopften. Das hatte in der Vergangenheit immer mal etwas Ärger zwischen den Betreibern des Club Explosive und der Polizei von Marseille gegeben.

Unsere Aufgabe war es, im Inneren zu observieren. Das war ein verhältnismäßig angenehmer Job, zumal es es zu nieseln angefangen hatte und ein kühler Wind blies.

Der Türsteher ließ uns einfach passieren. Er war einer unserer Informanten und hatte es so gedeichselt, dass er an diesem Abend im Einsatz war.

An einem der Tische sah ich unsere Kollegen Fred LaCroix und Nadya Ahmadine, die wie ein Paar zu wirken versuchten und eine Flasche Champagner auf dem Tisch stehen hatten. In Wahrheit beobachteten sie allerdings genau, was sich bei Grazzo tat, der nervös an der Bar herumlungerte und immer wieder auf die Rolex an seinem Handgelenk blickte. Grazzo war nicht allein. Zwei große, muskulöse Kerle waren bei ihm, in deren Begleitung er sich offenbar bei einer solchen Transaktion etwas sicherer fühlte.

Wir bestellten uns auch einen Drink, um nicht zu sehr aufzufallen.

„Wie sieht es bei euch aus?“, fragte Stéphane über Headset.

„Noch ist Grazzo allein. Er scheint langsam nervös zu werden, weil sich sein Geschäftspartner verspätet“, murmelte ich in das Mikro hinein, das so unauffällig am Kragen angebracht war, dass es nicht auffiel.

Stéphane, Siddi und ein paar andere Kollegen warteten in der Tiefgarage. Und falls es vorgezogen wurde, das Geschäft bei den Müllcontainern am Lieferanteneingang über die Bühne zu bringen, dann entgingen sie damit auch nicht unserer Aufmerksamkeit, denn auch dort waren Kollegen.

Ein Mann im kobaltblauen Anzug und einem dunklen, sehr exakt geschnittenen Backenbart stellte sich zu Grazzo an die Bar. Das musste Ronny Jordache sein, auch wenn der Backenart neu und von den zugänglichen Fotos, die wir von ihm hatten, noch nicht dokumentiert war. Ronny war übrigens in seinem Fall nicht die Abkürzung von Ronald, sondern tatsächlich sein Vorname.

Jordache und Grazzo sprachen miteinander. Wir konnten leider nicht hören, was geredet wurde. Ein Richt-Mikro wäre unter diesen Umständen zu auffällig gewesen und das Ergebnis wegen der Geräuschkulisse aus Stimmengewirr, Musik und diversen Nebengeräuschen auch wohl kaum gerichtsverwertbar.

Francois machte mich auf ein paar Kerle in grauen Anzügen aufmerksam, die so taten, als würden sie nicht dazugehören. Aber sie gehörten dazu. „Wetten, dass sind die Paladine von Jordache?“, meinte Francois an mich gerichtet. Er gab eine kurze Beschreibung durch.

„Die beiden waren schon vor uns hier!“, meldete sich Nadya Ahmadine über Headset an alle.

Offenbar waren die Methoden der anderen Seite unseren ziemlich ähnlich. Es würde sich herausstellen, wer an diesem Abend die größere Cleverness zeigte.

Francois und ich trennten uns.

Während Francois sich an die Bar stellte, zog ich mich etwas zurück, mischte mich unter das Publikum und tat so, als würde ich auf jemanden warten.

Jordache und Grazzo schienen sich einig zu sein. Ihre Gesichter wirkten zufrieden. Zusammen mit ihren Begleitern gingen sie zu einem der Seitenausgänge, über die man zu den Aufzügen gelangen konnte.

Francois meldete das an unsere Kollegen.

„Ich nehme an, sie sind gleich bei euch, Stéphane“, sagte Francois.

Mir fiel unterdessen ein sehr großer, deutlich übergewichtiger Mann mit schwarzem Knebelbart auf. Das war André Menotti. Zwei kichernde junge Frauen in knappen Kleidern befanden sich in seinem Schlepptau, außerdem zwei finster dreinblickende Männer in schwarzen Rollis und ebensolchen Jacketts, bei denen es sich nur um seine Leibwächter handeln konnte.

Die Tatsache, dass ihm dreißig Prozent des Club Explosive gehörten, ließ ihn wohl glauben, dass das allgemeine Rauchverbot, auf das schon am Eingang hingewiesen wurde, für ihn nicht galt. Jedenfalls steckte Menotti sich eine dicke Havanna-Zigarre an.

„Läuft doch ganz gut der Laden!“, meinte Menotti grinsend und tätschelte dabei einer seiner Begleiterinnen. „Hey Buddy! Meinen Tisch!“ Menottis Stimme klang dröhnend.

Einer der Angestellten des Clubs ging zu einem der Tische und versuchte die Gäste höflich dazu zu überreden, anderswo platz zu nehmen. Das war André Menottis Tisch und wenn er im Haus war, dann gehörte der ihm. Das war anscheinend eine eiserne Regel im Club Explosive.

Die drei Männer und zwei Frauen, die dort bisher gesessen hatten, ließen sich darauf ein. Vermutlich hatte ihnen 'Buddy' angeboten, dass ein Getränk aufs Haus gehe. Sie schlenderten mit ihren Champagnergläsern davon und bekamen einen Tisch auf der anderen Seite des Raums. Einen der letzten, die noch frei waren, denn es war inzwischen ziemlich voll geworden. Das Gedränge machte unseren Job nicht gerade leichter.

Und schließlich war unser Augenmerk bei dieser Operation auf Grazzo gerichtet. Trotzdem sagte mit mein Gefühl, dass es besser war, auch Menotti im Auge zu behalten.

21

Zur gleichen Zeit trafen Grazzo und sein Geschäftspartner in der Tiefgarage ein. Unsere Kollegen filmten von einem Van aus den Bereich, den die Überwachungskameras nicht erfassen konnten.

„Ist schon raffiniert“, meinte Siddi. „Einer der Liftausgänge gehört mit zu dem blinden Bereich und wenn sich später irgendwer das Video-Material ansieht, muss er schon sehr aufpassen, um zu bemerken, dass hier ein ganzer Bereich ausgesperrt ist.“

„Ein idealer Umschlagplatz“, musste auch Stéphane zugeben.

„Und am Ende wird jeder behaupten, es war nur eine Fehleinstellung der Überwachungsanlage.“

„Das Schlimme ist, dass es kaum möglich ist, das Gegenteil zu beweisen.“

Grazzo und Jordache und ihre Leibwächter blieben einen Augenblick stehen. Hier unten konnte unsere Kollegen Richt-Mikrofone einsetzen, sodass sie mithören konnten, was gesprochen wurde.

„Der Stoff ist erste Sahne“, meinte Jordache. „Hoch konzentriert. Sie können ihn ohne Probleme verlängern und auf die zehnfache Menge bringen!“

„Hey Mann, wollen Sie nochmal anfangen zu verhandeln?“, zeigte sich Grazzo etwas sauer. „Wir waren uns doch einig!“

Jordache grinste. „Ich sehe doch, wie dringend Sie den Stoff brauchen. Man redet doch schon auf der Straße über die Lieferengpässe bei Ihnen.“

„Wenn Sie mich wirklich ärgern wollen, dann nur so weiter“, giftete Grazzo. „Entweder wir bringen das hier schnell und wie abgemacht über die Bühne oder...“

„Oder was? Wollen Sie mir die Hornisse auf den Hals schicken?“ Er lachte. „Sie sollten noch an Ihrem Geschäftsgebaren arbeiten, Grazzo! Sonst werden Sie in Ihrem Business nicht alt!“

„Alles wie abgemacht. Keinen Cent mehr!“

„Aber das nächste Mal legen Sie zehn Prozent drauf, Grazzo!“

Jordache hielt Grazzo etwas hin. Es handelte sich um einen Wagenschlüssel.

Grazzo holte ebenfalls einen Schlüssel.

„Alles wie immer“, sagte Jordache. „Es ist der graue Chevy. Der Kofferraum ist voll und die Sitze auch. Machen Sie die Polster nicht kaputt, die lassen sich öffnen.“

„Das Geld ist im Kofferraum des grünen BMW. Und Gnade Ihnen Gott, wenn etwas nicht stimmen sollte.“

Sie tauschten die Schlüssel. Dann gingen Jordache und seine Leibwächter zu dem BMW, Grazzo und seine Männer hingegen zum Chevy.

Unsere Kollegen warteten, bis beide Wagen aufgeschlossen worden waren.

„Der Deal ist vollzogen!“, stellte Stéphane fest. „Zugriff!“

Unsere Kollegen kamen aus ihren Verstecken hervor – einem Van mit getönten Scheiben, einem Lieferwagen, der das Emblem eines Getränkeherstellers trug und einer Stretch-Limousine, in deren Passagierbereich man ebenfalls nicht hineinsehen konnte.

Siddi und Stéphane stürzten aus dem Van heraus und gingen daneben in Deckung. Unsere Kollegen Josephe Kronbourg und Léo Morell, die mit drei anderen Kollegen in der Stretch-Limousine gewartet hatten, schnellten ebenfalls aus dem Wagen – und zwar auf der den Tätern abgewandten Seite, sodass sie ihn als Deckung benutzen konnten.

„Kriminalpolizei Marseille! Waffen weg und Hände hoch!“, dröhnte es durch eine Megafonstimme.

Die Leibwächter von Grazzo und Jordache rissen augenblicklich ihre Waffen hervor, darunter kleinkalibrige Maschinenpistolen. Die waren vom Volumen her kaum größer als eine Magnum, konnten aber bis zu dreißig Schuss pro Sekunde ausspucken. Ein Geschosshagel regnete Stéphane, Siddi und den anderen entgegen. Ein Teil der Kugeln wurden durch die Panzerung unserer Einsatzfahrzeuge abgelenkt und als tückische Querschläger auf die Reise geschickt. Kugeln kratzten auch an der Decke. Neonröhren zerplatzten. Es wurde merklich dunkler.

Schüsse krachten jetzt hin und her. Schreie gellten. Zwei der Leibwächter sanken getroffen zu Boden. Auch einen unserer Kollegen hatte es erwischt. Er hieß Jerome Tulane und war erst seit kurzem bei uns. Dies war sein erster Einsatz dieser Art. Eine Salve von zwanzig Kugeln aus einer Mini-MPi trafen ihn in die Brust und schleuderten ihn zu Boden wie ein Faustschlag. Blut spritzte auf, aber das kam von einem Streifschuss am Arm. Ansonsten hatte er Glück gehabt. Seine Kleidung war zerfetzt, darunter kam das Kevlar zum Vorschein.

Mit ein paar Rippenbrüchen kam er wahrscheinlich davon.

Aber Kevlar-Westen trug auch die andere Seite. Manche von ihnen feuerten deswegen auch noch, nachdem sie schwer getroffen worden waren. Grazzo versuchte im Feuerschutz seiner Männer zum Lift zu gelangen. Aber da kamen ihm bereits unsere Kollegen Blaise Duvall und Sarah Chasseur entgegen.

„Aufhören! Nicht schießen!“, rief Grazzo daraufhin. Er sah wohl ein, dass er keine Chance hatte, der Verhaftung zu entgehen.

Das Feuer verebbte und der Rest war Routine. Die Gangster ließen sich widerstandslos festnehmen. Handschellen klickten, und die Gefangenen wurden über ihre Rechte aufgeklärt. Der Rettungsdienst war schon vorher verständigt worden.

Stéphane und Siddi gingen zum Kofferraum des BMW. Ein Koffer mit Geldscheinen war darin zu finden. 

Josephe und Léo waren unterdessen bei dem Chevy und wurden schon nach wenigen Augenblicken fündig. „Der ganze Wagen ist ein einziges fahrbares Kokain-Lager“, stellte Josephe fest und steckte seine Waffe ein.

„Ich bin schon gespannt darauf, wie Sie sich da herauszuwinden versuchen“, wandte sich Stéphane an Grazzo.

„Ich will sofort einen Anwalt.“

„Den bekommen Sie“, versprach Stéphane. „Aber Sie sollten sich gut überlegen, ob Sie da wirklich einen der Leute nehmen sollten, die auf der Gehaltsliste von André Menotti stehen – denn ich glaube nicht, dass Ihrer beider Interessen jetzt noch identisch sind.“

„Das sollten Sie mal getrost mir überlassen!“, zischte Grazzo zwischen dünnen Lippen hervor.

„Ganz wie Sie wollen.“ Stéphane wandte sich über Funk an alle.

„Hier Caron. Der Einsatz ist beendet.“

Aber da hatte er sich gründlich getäuscht.

22

Francois trank an der Bar aus seinem Glas und nickte mir zu. Die Sache war gut über die Bühne gegangen. Grazzo war in unserer Hand und angesichts der sichergestellten Beweise und der Videoaufzeichung der Geschehnisse in der Tiefgarage musste er sich auf einen längeren Aufenthalt im Knast.

Ich warf noch einen Blick auf André Menotti, der den Champagner nur so hinunterkippte und dröhnend über Witze lachte, die er selbst machte.

Die jungen Frauen in seiner Umgebung wirkten leicht gelangweilt.

Die Leibwächter hatte er inzwischen zur Bar entlassen. Im Augenblick wollte er wohl Hahn im Korb sein.

Menottis Handy meldete sich. Er griff zum Apparat. Sein Gesicht veränderte sich. „Moment“, sagte er und erhob sich. „Bleibt hier, ich muss mal pissen!“, wandte er sich an die  jungen Frauen. Die kicherten. Menotti war für seine ungehobelte Art bekannt und er machte sich auch keine Mühe, sie zu verbergen. Ganz im Gegenteil. Vom Hafenarbeiter zum Geschäftsmann, wie er es nannte – auf diesen Aufstieg war er stolz.

Menotti ging ein paar Schritte. Einer der Leibwächter an der Bar machte ihm ein Zeichen, was wohl so viel heißen sollte wie: „Soll ich mitkommen?“

Menotti schüttelte den Kopf und strebte zu einem der Ausgänge. Wenig später verschwand er im Schatten.

„Ich werde Menotti mal folgen“, sagte ich über das Headset-Mikro an Francois gewandt.

„Wieso?“

„Instinkt. Jemand hat ihn kurz zuvor angerufen. Dessen Blase verträgt mehr als das bisschen Champagner.“

„Du meinst, er trifft sich mit jemandem?“

„Wäre doch interessant zu wissen, mit wem.“

„Glaubst du, er weiß schon, was in der Tiefgarage passiert ist, Pierre?“

„Das will ich nicht hoffen.“

Ich drängte mich durch die umstehenden Personen. Eine Frau in einem Glitzerkleid beplemperte meinen Jackettärmel mit irgendeinem Getränk das nach Zitrone roch. Wenig später hatte ich den Seitenausgang erreicht.

Ein schmaler Korridor lag vor mir, über den man zu den Toiletten und anschließend auch ins Freie kommen konnte. Den Grundriss des Gebäudes, in dem der Club Explosive lag, hatte ich mir ja während unserer Dienstbesprechung ziemlich gründlich eingeprägt.

Der Korridor machte eine Biegung.

Und dort fand ich Menotti.

Seine Brust war förmlich aufgerissen. Eine Wunde, wie sie  sie von einem Gasdruckmesser verursacht worden sein konnte. Überall war Blut. Offenbar auch an den Schuhen des Täters.

Rote Abdrücke waren auf dem Boden zu sehen.

„An alle! Hier Marquanteur! André Menotti ist vor schätzungsweise zwei Minuten im Korridor vor den Toiletten ermordet wurden. Hintereingang besetzen und jeden aufhalten, der dort herauskommt!“

„Zu spät, Pierre“, meldete sich Stéphane. „Unsere Kollegen sind dort schon abgezogen.“

23

Ich spurtete los und hatte wenig später das Ende des Korridors erreicht. Dort befand sich ein Hintereingang, der auch von Lieferanten benutzt wurde.

Auf dem ganzen Weg dorthin waren Blutspuren zu sehen.

Blut des Opfers, wie ich vermutete. Die Tür war nur angelehnt. Ich trat sie zur Seite und stürmte hinaus.

Auf dem Hinterhof standen ein paar Fahrzeuge. Zumeist Lieferwagen und kleinere Lastwagen. Außerdem waren da ein paar Müllcontainer und ein ganzer Stapel von Pappkartons mit der Aufschrift eines Herstellers von Fruchtsäften, die wohl letztendlich Bestandteil der Drinks wurden, die im Club Explosive ausgeschenkt wurden.

Im ganzen war der Hinterhof recht gut beleuchtet. Lediglich am Ausgang befand sich eine Schattenzone an einer fensterlosen Wand. Genau dort bewegte sich etwas. Ein Schatten. Schritte waren zu hören. Für einen kurzen Moment sah ich eine Gestalt zur angrenzenden Querstraße rennen.

Ich spurtete hinterher. Als ich die Straße erreichte, war der Kerl nicht mehr zu sehen. Zumindest ging ich nach meinem flüchtigen Eindruck davon aus, dass es sich um einen Mann gehandelt hatte. Hundertprozentig sicher konnte ich da ehrlicherweise nicht sein.

Ich ließ den Blick über die Reihe parkender Fahrzeuge schweifen. Das waren wohl vor allem Fahrzeuge von Gästen des Club Explosive, die in der Tiefgarage keinen Platz mehr gefunden hatten.

Drei junge Männer standen in einer Hausnische. Sie wirkten wie erstarrt, was vermutlich mit der Waffe in meiner Hand zu tun hatte. Ich trat in den Schein der Straßenbeleuchtung und zog meinen Ausweis. „Kriminalpolizei Marseille! Habt ihr den Kerl gesehen, der hier gerade vorbeigelaufen ist?“

Sie antworteten nicht. Vielleicht überlegten sie, ob sie weglaufen sollten. Ich überquerte die Straße. Sie machten ein paar Schritte.

„Wartet!“, rief ich. „Mir sind eure Drogen heute ausnahmsweise egal! Ich will nur den Kerl, der hier lang gelaufen ist!“

„Sitzt dahinten im Wagen!“, sagte einer von ihnen. Als sie dann meine Kollegen kommen sahen, rannten sie weg.

Ein Motor startete und heulte auf. Ein Wagen scherte aus der Reihe der Fahrzeuge aus. Ich stand mitten auf der Straße, sah in das grelle Scheinwerferlicht. Der Fahrer trat das Gaspedal voll durch. Ich warf mich zu Seite, rollte mich am Boden um die eigene Achse, während der Wagen mit aufheulendem Motor davonfuhr.

Zwei Schüsse jagte ich dem flüchtenden Fahrzeug hinterher, gezielt in die Reifen. Aber da war ohnehin nur ein Schatten zu sehen. Reine Glückssache, richtig zu treffen. Ich hatte in diesem Moment nicht das nötige Glück. Quietschend bog der Wagen in eine andere Straße ein. Lautes Hupen deutete an, dass er sich daraufhin ziemlich brutal in den Verkehr einfädelte.

Francois, Fred LaCroix und Nadya Ahmadine tauchten auf.

„Der ist weg!“, meinte Francois.

Ich sah dorthin, wo gerade noch die jungen Männer gestanden hatten.

„Meine Zeugen leider auch!“, stellte ich fest.

24

Die Party im Club Explosive war erstmal vorbei. Wir forderten Verstärkung vom zuständigen Revier der Polizei von Marseille an. Denn das, was nun an Arbeit zu bewältigen war, konnte unmöglich von uns allein geschafft werden.

Insbesondere mussten die Personalien aller Gäste aufgenommen werden, damit wir sie zu gegebener Zeit als Zeugen heranziehen konnten.

Außerdem wurden die Kollegen der Division de la Recherche Scientifique gerufen, die zusammen mit unseren eigenen Erkennungsdienstlern dafür sorgen sollten, dass uns keine Spur entging.

Der Täter hatte diesmal Fußabdrücke hinterlassen. Das war schonmal ein wichtiger Hinweis. Zwar gab es keine vergleichbaren Spuren von anderen Tatorten der Hornisse, aber immerhin ließen sich Rückschlüsse ziehen, die den Täter etwas mehr eingrenzten. Die Schuhgröße ließ sich feststellen. Dadurch konnte man in etwa auf die Größe schließen und wenn man ganz großes Glück hatte, gab es irgendwelche Besonderheiten am Profil oder sogar das genaue Schuhfabrikat.

Dr. Oscar Dubarry, der Gerichtsmediziner traf mit einem Kollegen von der Division de la Recherche Scientifique ungefähr eine Stunde nach dem Mord an Menotti ein. Denn auch wenn die Straßen Marseilles nach Mitternacht etwas freier werden, so heißt das noch lange nicht, dass sich deswegen die Fahrzeit maßgeblich verkürzt.

„Genaueres kann ich natürlich erst sagen, nachdem ich eine vollständige Obduktion durchgeführt habe“ erklärte Dr. Dubarry uns gegenüber, nachdem er sich die Leiche von Menotti angesehen hatte. „Aber nach allem, was ich bisher erkennen konnte, sieht das tatsächlich nach den typischen Verletzungen aus, die bei der Benutzung eines Gasdruckmessers entstehen. Natürlich können auch Schussverletzungen den Brustkorb so zerreißen – aber nur auf der Austrittsseite der Kugel. Wir hätten also auf dem Rücken selbst bei oberflächlicher Betrachtung einen Einschuss sehen müssen, aber da ist nichts. So wie ich das sehe, hat der Täter von vorne zugestochen.“

„Das Messer hielt der Täter in der Faust und dann hat er von schräg oben zugestoßen?“, vergewisserte ich mich und ahmte die Bewegung nach.

Dr. Dubarry nickte. „Ganz genau.“

„Das heißt, der Täter muss etwas kleiner gewesen sein als Monsieur Menotti.“

„Pierre – fast jeder ist etwas kleiner als Monsieur Menotti!“, erinnerte mich Dr. Dubarry. „Der Mann war ein ziemlich großer Koloss!“

„Mag ja sein. Was ich mich nur frage, ist folgendes: Wieso verwendet ein Profi-Killer eine Tötungsmethode, bei der so viel Blut entsteht, dass er selbst wahrscheinlich aussieht wie  ein Schlachter!“

„Es muss nicht immer so viel Blut geben“, erwiderte Dr. Dubarry. „Das hängt davon ab, wie man sticht, wie das Messer geführt wird und so weiter. Gerade beim Einsatz in militärischen Kommandoeinheiten kommt es ja darauf an, schnell und lautlos vorzugehen. Tödlich ist allerdings nahezu jeder Stich eines solchen Messers.“

„Wie war das bei Lenoir?“, hakte ich nach. „Ich habe ja nur die Tatortfotos aus dem Inneren des Porsches gesehen.“

„Da war nur wenig Blut. Die Stichführung war auch komplett anders.“

„Bedingt durch die Enge im Wagen“, stellte Francois fest.

„Ja auch. Aber vor allem dadurch, dass der Angriff von der Seite erfolgte und nicht frontal von vorn.“

„Waren es vielleicht zwei verschiedene Täter?“, hakte ich nach.

„Nein, das muss nicht sein. Dafür würde ich sagen ist die Tötungsmethode wiederum zu speziell. Es könnte in Menottis Fall sein, dass ein kleines Handgemenge entstanden ist und deswegen der Angriff weniger professionell gewirkt hat.“

„Kann man sagen, es ist wahrscheinlich, dass Opfer und Täter sich kannten?“, fragte ich.

Dr. Dubarry zuckte mit den Schultern. „Immerhin musste der Täter sehr nahe an das Opfer heran.“

„Er hat vorher telefoniert“, stellte ich fest. „Die Begleitung durch einen Leibwächter hat er ausdrücklich abgelehnt, also würde ich sagen, er wollte sich mit jemandem treffen, den er kannte!“

„Haben wir nicht schon lange den Verdacht, dass Menotti und die Hornisse etwas miteinander zu tun haben“, warf Francois ein.

Ich nickte. „Wir sollten alles daran setzen, herauszufinden, wer die drei jungen Männer waren, die ich in der Hausnische gesehen habe.“

„Wahrscheinlich Kleindealer, die sich herumtreiben, weil sie denken, dass in der Umgebung des Club Explosive genug Leute herumlaufen, die eine kleine Gute-Laune-Hilfe vor der Party gebrauchen können“, glaubte Francois.

„Dann haben wir vielleicht etwas über die!“

„Gut möglich, dass die schonmal aufgefallen sind.“

„Francois, die müssen den Kerl gesehen haben.“

„Hauptsache, du kennst sie wieder, Pierre. Und was ist mit dem Wagen, der dich fast über den Haufen gefahren hätte?“

„War ein Ford, glaube ich. Aber zu hundert Prozent bin ich mir da auch nicht sicher. Vom Nummernschild konnte ich nichts sehen.“

„Schade“, meinte Francois.

25

Fred LaCroix hatte unterdessen zusammen mit Nadya Ahmadine die Leibwächter von André Menotti verhört.

Allerdings erwiesen die sich als ziemlich maulfaul und wollten nichts sagen. Irgendwelche strafrechtlichen Vorwürfe konnte man ihnen nicht machen.

Francois und ich kamen dazu.

Der größere der beiden Bodyguards grinste. „Jetzt braucht ihr schon Verstärkung, um uns in die Mangel zu nehmen, oder wie soll ich das verstehen?“

Der Mann hieß Paul LeBlanc und arbeitet schon eine Ewigkeit für Menotti. Ein paar Verfahren wegen Körperverletzung, aus denen aber nie ein richtiger Prozess geworden war. Das war alles, was er auf dem Kerbholz hatte.

„Haben Sie gerne für Monsieur Menotti gearbeitet?“, fragte ich.

„Sicher.“

„Dann interessiert es Sie gar nicht, wer ihn umgebracht hat?“

„Er war wie ein Vater zu mir, Monsieur.“

„Kommissar Marquanteur. Soviel Zeit muss sein.“

„Wenn ich den Kerl in die Finger kriegen würde, der das getan hat, der hätte nicht viel zu lachen! Aber ich sagte Ihren Kollegen schon, dass ich Ihnen da wohl kaum weiterhelfen kann! Und jetzt wäre es schön, wenn wir dieses Gespräch beenden könnten. Ich stehe noch unter Schock. Und außerdem habe ich soeben wohl auch meinen Job verloren. Versetzen Sie sich mal in meine Lage!“

„Sie sind wirklich arm dran“, gestand ich zu.

„Dann kann ich jetzt gehen?“

„Wenn Sie mir sagen, was Sie über die Hornisse wissen, vielleicht.“

„Ich habe schon viel über Insektenplagen in Marseille gehört und jeden Sommer darunter zu leiden“, sagte LeBlanc mit eisigen Lächeln. „Zum Beispiel sollen gewisse Fliegen ja neuerdings das West-Nil-Virus verbreiten.“

„Das ist hier kein Spaß, Monsieur LeBlanc. Sie wissen genau, wen ich meine! Ihr Boss ist vermutlich von einem Profi ermordet worden, der die Hornisse genannt wird und der im Verdacht steht, früher für ihn gearbeitet zu haben. Sie haben  Jahre an Monsieur Menottis Seite verbracht und wollen nichts darüber wissen? Es fällt mir schwer, das zu glauben.“

„Brauche ich jetzt einen Anwalt?“

„Wieso hat die Hornisse Ihren Boss erstochen?“

„Ich habe keine Ahnung. Und selbst wenn, weiß ich nicht, ob es ratsam wäre, Ihnen das zu sagen. Schließlich will ich ja auch noch eine Weile leben. Und aus solchen Sachen hält man sich für gewöhnlich besser raus.“

„Reizend, wie Sie sich Ihrem Boss gegenüber verpflichtet fühlen.“

„So eine Verpflichtung endet mit dem Tod“, stellte LeBlanc fest. „Selbst eine Ehe tut das, und die ist ein Sakrament! Also erzählen Sie mir nichts über Verpflichtungen.“

„Lass es, Pierre, das bringt nichts“, meinte Francois.

Er hatte recht. Ich wollte es im ersten Moment nicht wahrhaben, aber er hatte wirklich recht.

Und der zweite Leibwächter, der die ganze Zeit nur dabeigesessen und geschwiegen hatte, nickte jetzt heftig. Er hatte lockiges Haar, hieß Thierry Simone und war ein unbeschriebenes Blatt. Eine Kurzabfrage, die unsere Kollegin Nadya Ahmadine über ein Laptop durchgeführt hatte, war ergebnislos.

„Ich kann Ihnen auch leider nichts weiter dazu sagen“, meinte er. „Aber Sie können uns ja Ihre Karte da lassen!“

26

Mit wem Menotti telefoniert hatte, stellte sich recht schnell heraus, nachdem unser Erkennungsdienstler Pascal Delaville das Handy unter die Lupe genommen und zunächst mal alle äußeren Spuren daran gesichert hatte.

„Es war eine Mobilfunknummer, vermutlich ein Prepaid-Handy“, berichtete Pascal uns.

„Das wird uns nicht sehr viel weiter bringen“, glaubte ich.

Die Leibwächter ließen wir gehen.

Die beide jungen Frauen, die Menotti begleitet hatten, erwiesen sich als auskunftsfreudiger. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass sie wenig zu sagen hatten, was uns irgendwie weiterbringen konnte.

Von der Hornisse hatten sie noch nie gehört. Und sie konnten sich auch nicht vorstellen, wer und weshalb jemand André Menotti aus dem Weg räumen wollte.

Als Francois und ich uns auf den Heimweg machten war es schon vier Uhr morgens.

„Es lohnt schon fast nicht mehr, sich noch aufs Ohr zu legen“, meinte ich.

Francois gähnte. „Doch, das lohnt immer“, meinte er.

Ich setzte ihn an der Ecke in der Nähe deiner Wohnung ab. „Bis gleich“, grinste er.

Als ich wenig später aus einem der Fenster meiner Wohnung  den Blick über die Dächer der Stadt schweifen ließ, ging bereits die Sonne auf.

Ich trank noch eine halbe Flasche Mineralwasser, weil die Luft im Club Explosive so trocken gewesen war und legte mich dann aufs Ohr. Ich schlief wie ein Stein.

27

Am nächsten Morgen, kurz nachdem ich Francois abgeholt hatte, rief uns Monsieur Marteau unterwegs an.

Wir sollten zum Hafen fahren.

„Es wurde eine Leiche aus dem Wasser gezogen, die möglicherweise ebenfalls ein Opfer der Hornisse wurde“, berichtete Monsieur Marteau. „Ein Angler hatte sie am Haken.“

„Hat man sie schon identifizieren können?“, fragte ich.

„Es könnte sich um Selma Laplace handeln.“

„Ebenfalls an entscheidender Stelle bei 'Les Partenaires du Succès'!“, stellte ich fest.

„Es ist möglich, dass die Sache mit 'Les Partenaires du Succès' mehr mit dem Menotti-Mord zu tun hat, als wir bisher geahnt haben“, fuhr Monsieur Marteau fort. „Davide hat ein paar neue Erkenntnisse gewonnen. Er wird Ihnen das später noch im Detail auseinandersetzen, aber es gab vor zwei Jahren den Verdacht, dass 'Les Partenaires du Succès' in Geldwäschegeschäfte verwickelt sei.“

„Sind die Ermittlungen nicht im Sande verlaufen?“

„Ja. Ein Verdächtiger, der damals in die Sache verwickelt war, hieß Brian Lunkovich. Jetzt ist Davide darauf gestoßen, dass dieser Lunkovich höchstwahrscheinlich nur ein Strohmann für Menotti war.“

„Im Augenblick wirft das nur neue Fragen auf“, meinte Francois.

„Die wir vielleicht bald beantworten können“, äußerte sich Monsieur Marteau optimistisch. „Wir sehen uns nachher in meinem Büro.“

Ich atmete tief durch. „Also auf zum Hafen.“

28

Als wir am Hafen ankamen, waren dort schon eine Reihe von Einsatzfahrzeugen der Polizei von Marseille. Zu unserer Überraschung war auch Dr. Oscar Dubarry dort.

„Hallo Oscar“, sagte ich. „Lange nicht gesehen.“

„Ich war gerade mit der Obduktion von André Menotti fertig, da kam diese Meldung herein“, berichtete er und gähnte. „Den offiziellen Bericht werde ich erst morgen diktieren. Aber das wichtigste habe ich in einer Mail zusammengefasst. Es war definitiv ein Gasdruckmesser.“

Vor uns lag die Leiche einer Frau. Für eine Wasserleiche war sie erstaunlich gut erhalten. Dr. Dubarry erklärte uns auch warum. „Sie war in Plastikfolie gewickelt“, sagte er.

„Die Plane, auf der sie jetzt liegt?“, fragte Francois.

„Ja. Monsieur Brix von der Polizei von Marseille hat die Leiche herausgeschnitten. Sie hat am Rücken eine Verletzung, die sehr wahrscheinlich von einem Gasdruckmesser stammt. Alle Merkmale sind deutlich zu identifizieren.“

„Die Hornisse hat also wieder zugestochen“, murmelte ich.

„Sie irren sich, Pierre“, sagte Dr. Dubarry.

Ich sah ihn fragend an. „So?“

Dr. Dubarry deutete auf die am Boden liegende Frau. „Diese Frau starb vor Georges Lenoir. Sie ist das erste Opfer der Hornisse, seit sich dieser Profikiller aus seinem Ruhestand verabschiedet hat!“

„Wann ist sie denn vermutlich getötet worden?“, wollte ich wissen.

„Ich nehme an, dass sie schon zwei Wochen im Wasser liegt. Mindestens.“

Monsieur Brix war inzwischen zu uns getreten. Er war ein rothaariger Hüne mit leuchtenden grünen Augen.

„Alain Brix“, stellte er sich vor. „Vermisstenabteilung. Die Tote ist wahrscheinlich Selma Laplace, 35 Jahre. Sie lebt im Haus Ihres Lebensgefährten, Monsieur Bernard Hendaye. Der hat sie erst vor ein paar Tagen als vermisst gemeldet, meint aber, dass sie schon vor drei Wochen verschwunden ist.“

„Das ist etwas verwirrend“, meinte ich.

„Am besten, er erklärt Ihnen das selbst. Da vorne kommt er“, sagte Brix und deutete zur Straße. Ein schwarzer Wagen fuhr die Auffahrt hinunter. Ein Mann im dreiteiligen Anzug stieg aus. Einer der uniformierten Kollegen versuchte ihn davon abzuhalten, weiterzugehen, aber Bernard Hendaye war nicht zu stoppen. Sein kantiges Gesicht war dunkelrot. Das schüttere Haar etwas wirr.

„Einen Moment“, sagte Monsieur Brix und eilte Bernard Hendaye entgegen.

„Wo ist sie?“, fragte Hendaye nur, während sich Brix ihm in den Weg zu stellen versuchte.

„Monsieur Hendaye.“

„Da liegt sie?“

„Monsieur Hendaye, es ist nicht gut, wenn Sie jetzt einfach...“

Aber Hendaye hatte sich schon an ihm vorbeigedrängt und mit weiten, schnellen Schritten schließlich die Leiche erreicht. „Selma“, rief er. „Nein!“ Er kniete nieder, berührte leicht ihr bleiches Gesicht. „Nein“, flüsterte er noch einmal und schüttelte den Kopf. Verzweiflung stand in seinen Zügen, gepaart mit Wut.

„Es gibt keinen Zweifel, Monsieur Hendaye?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. Dann erhob er sich. „Ich hatte Monsieur Brix gebeten, mich sofort anzurufen, wenn er etwas von meiner Frau gehört hätte. Die Beschreibung...“ Er schluckte und konnte nicht nicht weiter sprechen. Dann ging ein Ruck durch seinen Körper. Seine Augen verengten sich. Er sah mich an. „Wer sind Sie?“

„Pierre Marquanteur, Kriminalpolizei Marseille. Dies ist mein Kollege Kommissar Leroc. Es ist sicher ein Schock für Sie, dass Sie gerade Ihre Lebensgefährtin identifizieren mussten. Aber ich möchte Sie trotzdem bitten, uns einige Fragen zu beantworten.“

„Natürlich.“ Seine Haltung straffte sich, aber es war überdeutlich, wie schwer es ihm fiel, die Fassung zu bewahren.

„Wir müssen das nicht hier machen“, sagte ich. „Wenn es Ihnen jetzt schwer fällt, dann...“

„Nein, nein, fragen Sie ruhig. Ich möchte, dass die Wahrheit herauskommt. Oh, verdammt, warum nur? Warum ermordet jemand diese Frau?“

„Wir gehen davon aus, dass der Täter ein professioneller Killer war, der in letzter Zeit auch andere Morde begangen hat. Und wir suchen natürlich nach Zusammenhängen.“

„Ein Profi?“, fragte Hendaye. „Ich hätte eher gedacht, dass das irgendeiner dieser durchgeknallten Leute war, die glaubten, dass Selma ihnen Geld schuldete.“

„Sie sprechen nicht zufällig von einem gewissen Gerard Dugas?“, fragte ich.

„Den haben wir angezeigt. Aber da waren auch noch ein paar andere. Ich überlasse Ihnen gerne die Unterlagen dazu!“ Er atmete tief durch.

„Seit wann vermissen Sie Ihre Frau? Es gab da ein paar widersprüchliche Angaben.“

„Also es ist so: Wir haben uns vor vier Wochen zuletzt gesehen. Es gibt in jeder Beziehung mal eine Krise. Wir wollten etwas Abstand und sie hat eine Tante, die in London lebt. Dort wollte sie einige Zeit verbringen. Telefonisch oder per Mail hatten wir keinen Kontakt. Jeder sollte für sich darüber nachdenken, wie es weitergehen soll. Ich habe es dann aber irgendwann nicht mehr ausgehalten und bei dieser Tante in London angerufen.“

„Wann war das?“

„Vor zwei Tagen. Da habe ich allerdings erfahren, dass Selma bereits vor zwei Wochen eine Maschine nach Marseille genommen hat. Sie wollte mich überraschen. Allerdings ist sie nie zu Hause angekommen. Ihre Kollegen von der Polizei von Marseille haben natürlich ermittelt und festgestellt, dass sie sehr wohl im Aéroport Marseille Provence gelandet ist. Aber danach verliert sich ihre Spur.“

Dann war Selma Laplace also vor zwei Wochen ermordet und im Hafen versenkt worden. Genau, wie es der Schätzung von Dr. Dubarry entsprach.

Ich gab Hendaye meine Karte und er mir seine. „Sie können jederzeit zu mir kommen und sich umsehen“, sagte er. „Ich meine natürlich in Selmas Zimmer, ihren Sachen, ihren Unterlagen und Papieren. Meinetwegen auch auf ihrem Computer. Wir hatten eine Krise, aber ich habe sie geliebt wie sonst niemanden und ich will, dass das aufgeklärt wird.“

„Wir tun was wir können“, versprach ich. „Und was Ihr Angebot angeht, werden wir sicherlich darauf zurückkommen.“

„Gut.“

„Vielleicht sollte sich jetzt jemand um Sie kümmern, Monsieur Hendaye“, fand ich.

Aber Hendaye schüttelte den Kopf. „Nein“, murmelte er. „Ich komme schon zurecht.“

Einer der uniformierten Kollegen wollte Hendaye einen Becher mit Kaffee aus der Thermoskanne anbieten, aber davon wollte er nichts. Er ging stattdessen noch einmal zu der Toten, schloss ihr die Augen und ging dann zum Wagen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Es steht zwei zu eins, Francois“, sagte ich.

Francois sah mich überrascht und etwas befremdet an. „Wie bitte, Pierre?“

„Zwei Opfer hatten etwas mit Gerard Dugas zu tun, das dritte nicht.“

„Du meinst Menotti.“

„Genau.“

„Diesen armen Kerl hast du noch immer nicht von der Rechnung gestrichen?“

Ich zuckte die Schultern. „Du setzt voraus, dass wir schon eine Rechnung haben, von der wir was streichen könnten. Vorerst sieht das ganze noch etwas verworrener aus.“

„Stimmt.“

„Ich stelle mir das nur gerade vor, Francois: Jemand wie Dugas hat sein Vermögen verloren und muss mit ansehen, wie Selma Laplace in Saus und Braus lebt.“ Ich deutete auf die Karte, die Hendaye mir gegeben hatte. „Dieser Hendaye wohnt in einer sehr feinen Gegend.“

„Er haftet ja nicht für das, was Selma Laplace mutmaßlich verbrochen hat!“

„Ja. Aber sie lebte in einer Villa, aber Leute wie Dugas haben beinahe ihr Haus verloren. Dafür, dass jemand da etwas aus der Fassung geraten kann, habe ich sogar ein gewisses Verständnis!“

„Die Reihenfolge der Opfer heißt also Selma Laplace, Georges Lenoir, André Menotti. Dieselbe Waffe, vermutlich derselbe Täter. Wenn wir das Motiv des Auftraggebers hätten, wären wir einen entscheidenden Schritt weiter.“

„Und wenn der Täter in eigener Sache handelte?“

„Ach, Pierre, wir drehen uns im Kreis. Wie heißt es so schön? Die Faktenbasis ist noch zu schmal für Schlüsse.“

Ich wandte mich an Monsieur Brix. „Was Selma Laplace angeht, sind da eigentlich schon die Videos der Überwachungskameras im Aéroport Marseille Provence ausgewertet worden?“

„Wir haben damit angefangen“, erklärte Brix. „Aber fertig sind wir damit noch nicht.“

Mir fiel ein Mann auf, der in sich zusammengesunken auf einer Bank saß. Er musste da schon länger sitzen, sonst wäre er von den Kollegen der Polizei von Marseille gar nicht dorthin gelassen worden. „Wer ist das?“, fragte ich.

„Das ist...“ Monsieur Brix nahm einen Zettel hervor, wo er sich wohl den Namen notiert hatte. „...Giles Sinclair, Flic im Ruhestand. Er hatte das Bündel mit Selma Laplace an der Angel.“

„Den brauchen wir nicht mehr zu befragen“, meinte Francois. „Ich denke, wir wissen alles, was er uns sagen könnte.“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, widersprach ich.

Ich weiß nicht warum, aber ich hatte einfach ein Gefühl, das mir sagte, dass ich diesen Mann unbedingt kennen lernen wollte. Meistens tut man gut daran, solchen Instinktregungen zu folgen. Ich habe das immer wieder erfahren.

Also ging ich zu ihm hin und setze mich neben ihn. Ein paar Möwen kreischten über dem Hudson. Francois blieb in der Zwischenzeit bei Dr. Dubarry und Monsieur Brix.

„Pierre Marquanteur, Kriminalpolizei Marseille“, stellte ich mich vor. „Monsieur Sinclair?“

Er hatte ein vollkommen starres Gesicht und blickte hinaus auf den Hafen – oder ins Nichts, ganz wie man wollte. Er war bleich wie die Wand. Ich schätze ihn auf Mitte siebzig. Wenn er wirklich ein Flic im Ruhestand war, dann lag seine aktive Zeit schon ein paar Jahre zurück. Aber es wunderte mich schon etwas, dass er diesen Vorfall nicht gefasster hinnahm. Schließlich musste er als Polizist mehr als einmal dabei gewesen sein, wie eine Leiche aus dem Wasser gezogen wurde. Und wer dazu nicht eine gewisse professionelle Distanz bekommt, der erreicht meistens auch nicht sein Pensionsalter im aktiven Dienst.

„Man sagte mir, Sie hätten die Tote...“ Ich sprach nicht weiter. Irgendwie fiel mir kein Wort ein, das in diesem Moment nicht einfach nur unpassend gewesen wäre.

Er wandte das Gesicht in meine Richtung. In seinen Augen glitzerten Tränen. „Ich war jahrzehntelang in der Vermisstenabteilung, und später bei einer Einheit, die sich mit Sexualverbrechen befasst hat. Und Sie denken wahrscheinlich, dass jemand wie ich von so etwas nicht so mitgenommen werden sollte.“

„Nun, ich muss gestehen, dass ich etwas verwundert bin. Aber es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen.“

„Die letzten zwei Dienstjahre habe ich im Innendienst verbracht“, sagte Sinclair. „Ich konnte einfach nicht mehr.“

„Dafür muss sich niemand schämen“, sagte ich.

„Wissen Sie, eines Tages wurde ich zu einem Ort wie diesem gerufen. Da zog man eine Leiche aus dem Wasser, die genauso bleich war und es stellte sich heraus, dass es meine Tochter war. Sie hatte auch bei der Polizei angefangen, wollte in meine Fußstapfen treten. Seit drei Tagen war sie nicht zum Dienst gekommen, war nicht in ihrer Wohnung und meldete sich auch nicht am Telefon.“ Er schwieg einen Moment. „Man hat die Täter nie gefasst und es konnte bis heute nicht aufgeklärt werden, was eigentlich geschehen ist. Sie werden verstehen, dass ich danach meinen Job nicht mehr machen konnte.“

„Natürlich.“

„Jedenfalls nicht so, wie zuvor. Und das hier hat mich stark daran erinnert.“

„Wir tun immer unser Bestes, um ein Verbrechen aufzuklären“, sagte ich. „Aber ich erzähl Ihnen nichts Neues, wenn ich Ihnen sage, dass das leider nicht immer gelingt.“

„Ich hoffe, dass Sie es in diesem Fall schaffen, Kommissar Marquanteur. Also stellen Sie Ihre Fragen, falls Sie welche haben.“

„Sind Sie öfter hier zum Angeln?“

„Jeden Tag. Immer in den frühen Morgenstunden. Manchmal ab vier Uhr. Die Fische beißen dann am besten.“

„Da begegnet Ihnen meistens niemand, oder?“

„Sie wären erstaunt, wie viele Leute in Marseille früh aufstehen.“

„Die Frau ist vor zwei Wochen verschwunden und danach irgendwann ins Wasser geworfen worden.“

„Ja, und das muss hier passiert sein. Denn das Bündel, in dem sie steckte, war mit einem Anker versehen, wie man sie für Sportboote kaufen kann. Ich habe es mitbekommen, als sie die Frau herausholten. Und wenn sich mein Schwimmer am Angelhaken nicht gelöst hätte, wäre der Haken nie tief genug gesunken, um sich darin zu verfangen.“

„Ist Ihnen in den letzten zwei Wochen hier irgendwann mal irgendetwas aufgefallen, was mit diesem Fall zu tun haben könnte? Jemand, der hier sonst nie gewesen ist, ein Wagen, der hier nicht her gehört, Spuren, ich weiß nicht was. Sie waren Polizist und wissen, was ich meine.“

„Einmal war schon jemand vor mir da. Das ist wirklich selten. Ich bin eigentlich immer der erste. Ich dachte zuerst, dass wäre jemand, der im Morgengrauen Tai Chi Übungen macht. Da gibt's nämlich auch ein paar, die die Aussicht hier schön finden.“

„Können Sie die Person beschreiben?“

„Es war ein Mann. Er hatte so ein Sweatshirt mit Kapuze und deswegen habe ich von seinem Gesicht kaum was gesehen. Es war noch ziemlich dunkel. Er ist an mir vorbei gelaufen. Das ging sehr schnell. Wollen Sie sein Autokennzeichen?“

Ich sah ihn überrascht an.

„Natürlich!“

„Ist eine Angewohnheit von mir. Ich schreibe alle Nummern der Fahrzeuge auf, die ich hier antreffe. Das Fahrzeug von dem Kerl müsste auch dabei gewesen sein. Es war ein Toyota, das weiß ich noch.“ Er griff in seine Jackentasche und holte ein Notizbuch hervor. Dann blätterte er darin. Fein säuberlich waren da für jeden Tag die Autokennzeichen verzeichnet, die Giles Sinclair morgens am Hafen angetroffen hatte.

„Können Sie uns diese Aufzeichnungen für eine Weile überlassen?“, fragte ich. „Sie bekommen Sie zurück.“

„Natürlich.“

29

Die Halterabfrage für den Toyota mit dem von Giles Sinclair aufgeschriebenen Kennzeichen war eine Kleinigkeit. Der Wagen wurde von einem gewissen Franck Delaville gefahren. Er wohnte in der Vorstadt.

Schmucke Bungalows reihten sich aneinander. Gepflegte Vorgärten waren hier zu finden und sparsame Mittelklassewagen standen in den Einfahrten.

Wir parkten am Straßenrand vor Delavilles Hausnummer.

Wir gingen zur Haustür. Auf dem Klingelschild stand einfach nur Delaville. Darunter allerdings war ein weiteres für ein Steuerberatungsbüro, das von einer gewissen Rita Delaville betrieben wurde. Eine Frau öffnete uns. Sie hatte blondes, gelocktes Haar, war klein, zierlich und etwa 35 Jahre.

„Ja bitte?“

„Pierre Marquanteur, Kriminalpolizei Marseille. Dies ist mein Kollege Francois Leroc. Wir hätten ein paar Fragen an Monsieur Franck Delaville.“

„Das ist mein Mann.“

„Dann sind Sie Rita Delaville?“

„Ja.“

„Ist Ihr Mann zu Hause?“

„Leider nein. Was wollen Sie von ihm?“

„Es geht um ein paar Routinefragen, die im Zusammenhang mit einem Fall aufgetaucht sind, dem wir zurzeit nachgehen. Wo ist Ihr Mann jetzt?“

„Ich weiß es nicht. Mein Mann ist Handlungsreisender für Parfum und zurzeit ist er unterwegs.“

„Können wir Ihnen paar Fragen stellen? Vielleicht klärt sich dann bereits alles.“

Sie runzelte die Stirn. „Ich habe eigentlich viel zu tun. Aber, wenn Sie meinen. Zeigen Sie mir vorher noch Ihre Dienstausweise?“

„Natürlich.“

Sie führte uns in ein gediegen eingerichtetes Wohnzimmer. „Bitte setzen Sie sich. Darf ich Ihnen was zu trinken anbieten?“, fragte sie.

„Nein“, sagte ich.

„Wir sind im Dienst“, ergänzte Francois.

Sie setzte sich ebenfalls. „Ist Franck in irgendwelchen Schwierigkeiten?“, fragte sie.

„Wir brauchen seine Zeugenaussage, weil er zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort gewesen sein könnte“, sagte Francois. „Näheres kann ich Ihnen im Moment dazu nicht sagen. Es wäre nur sehr wichtig, dass wir Ihren Mann schnell kontaktieren könnten.“

„Wie lange wird er auf Geschäftsreise sein?“, fragte ich.

„Noch ein paar Tage.“

„Ich nehme an, Sie haben telefonischen Kontakt?“

„Er schreibt mir alle paar Tage mal eine SMS. Wissen Sie, er hasst es, wenn er während seiner Geschäftsreisen von mir angerufen wird. Dann ist er vollkommen auf seinen Job konzentriert und er hat dann jede Menge Termine.“

Madame Delaville gab mir die Mobilfunknummer ihres Mannes und ich versuchte ihn anzurufen. Vergeblich. Eine Mailbox schaltete sich ein.

„Ich sagte ja, dass er schwer zu erreichen ist“, fügte sie klar. „Manchmal schaltet er sein Gerät auch ab, um nicht gestört zu werden.“

„Wann haben Sie zuletzt eine SMS von ihm bekommen?“, fragte ich.

„Das ist ein paar Tage her.“

„Ist das nicht ungewöhnlich?“

„Sie haben ja keine Ahnung, in welchem Stress er dann ist und wie es im Parfum-Geschäft zugeht. Sein Terminkalender platzt wirklich aus allen Nähten. Warum sollte er sich da ein paar Tage nicht melden? Aber das Ganze klingt jetzt doch ein bisschen besorgniserregend. Ich meine, wenn schon das Kriminalpolizei Marseille ermittelt.“

„Ja, aber nicht gegen Sie und Ihren Mann“, stellte ich nochmals klar. Ich hinterließ meine Karte. „Senden Sie ihm eine Nachricht und falls er sich meldet, geben Sie uns bitte Bescheid. Es ist wirklich dringend.“

Bevor wir gingen, ließ ich den Blick noch einmal über die Bücherregale schweifen. Ein paar Titel über Jagd waren darunter. Außerdem Handbücher zum Kampftraining von Eliteeinheiten, militärischer Nahkampf, Überlebenstraining in der Wildnis und ähnliche Themen.

„Ist Ihr Mann Jäger oder Soldat?“, fragte ich.

„Nein. Er wäre das gerne geworden, aber die Armee hat ihn nicht genommen.“

„Sie haben hier gar keine Fotos.“

„Fahnden Sie also doch nach ihm?“

„Nein, nein. Ich will kein Foto von Ihnen. Ich wundere mich nur darüber.“ An ein Bild von Franck Delaville konnten wir über die Führerschein-Daten herankommen. Das war kein Problem.

„Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes“, sagte Rita Delaville. „Und von Gott soll man sich kein Bild machen. Aber tut man das nicht in gewisser Weise, wenn man ein Bild des Menschen erschafft?“

„Sind das eher Ihre Ansichten oder die Ihres Mannes?“

„Wir teilen sie, auch wenn ich zugeben muss, dass mein Mann mir in dieser Hinsicht erst die Augen geöffnet hat.“

„Welche der hiesigen Kirchen vertritt denn diese Ansicht?“, hakte ich nach.

„Leider keine. Deswegen sind wir auch in keiner Gemeinde. Aber halten Sie uns nicht für Außenseiter. Orthodoxe Juden und strenge Muslime sind derselben Ansicht, was das Bilderverbot angeht. Und Sie liegen damit richtig! Im Christentum ist leider manches an der Botschaft verwässert worden!“

Wir gingen zur Tür.

„Auf Wiedersehen, Madame Delaville“, sagte ich.

„Kommissar Marquanteur, was immer Sie glauben mögen: Mein Mann ist ein gottesfürchtiger Mann, der niemals ein Verbrechen begehen würde.“

30

Wir verließen das Haus der Delavilles. Rita Delaville hatten wir natürlich nicht ins Vertrauen ziehen können. Wir mussten schließlich vermuten, dass sie zu ihrem Mann halten würde und vielleicht sogar in dessen Pläne eingeweiht war – immer vorausgesetzt, dass es sich bei Franck Delaville tatsächlich um jenen Profikiller handelte, der in Unterweltkreisen unter dem Namen 'die Hornisse' bekannt war.

Als wir im Wagen saßen, rief Francois als erstes bei Victor Stahl im Präsidium an. Wir hatten schließlich Delavilles Handynummer – und als ich dort versucht hatte anzurufen, war  dessen Gerät zweifellos eingeschaltet gewesen. Der Gedanke lag daher nahe, über eine Handyortung seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort herauszubekommen.

„Dauert einen Augenblick“, sagte Victor. „Ich melde mich in ein paar Minuten bei euch.“

„In Ordnung“, gab Francois zurück und beendete das Gespräch. Dann wandte er sich an mich. „Kann das sein? Ein Killer, den man als die Hornisse kennt, lebt als biederer Parfum-Verkäufer in der Vorstadt?“

„Die perfekte Tarnung, Francois. Und abgesehen davon scheint er seiner vermutlich ahnungslosen Frau gegenüber auch noch eine perfekte Erklärung dafür gefunden zu haben, weshalb er nicht fotografiert werden will. Alle Achtung!“

„Vielleicht tun wir ihm auch Unrecht!“

„Wäre doch nicht der erste Fall dieser Art!“, gab ich zu bedenken.

„Nein, das nicht. Aber es ist trotzdem bizarr.“

„Wetten, Rita Delaville ruft jetzt als erstes ihren Mann an?“

„Leider kann man so schnell keine Abhörmaßnahme organisieren, geschweige denn genehmigen lassen.“

„Aber wenigstens macht es die Ortung für unseren Kollegen Victor etwas leichter.“

Wir fuhren schonmal los.

Victors Anruf kam schneller als wir geglaubt hätten.

„Parfum-Vertreter ist dieser Delaville, sagt ihr? Da wird es ihm auf einer Müllhalde wohl gehörig stinken“, sagte unser Kollege aus dem Innendienst.

Francois und ich wechselten einen überraschten Blick.

„Wieso?“

„Weil er sich dort aufhält. Das Gerät ist eingeschaltet und er scheint sich nicht zu bewegen. Ich schick euch die Adresse und ihr fahrt mal hin und seht euch an, was er dort macht! Gründe, für guten Duft zu sorgen, gibt’s dort sicher genug.“

31

Möwen kreischten. Mehr als zwei Dutzend Polizisten und andere Einsatzkräfte standen in der Nähe eines Bulldozers. Der Fahrer war ausgestiegen und rauchte eine Zigarette.

Ein paar Angestellte der Müllhalde hatten den Toten für uns ausgegraben. Einen halben Meter tief hatte Franck Delaville bereits unter einer Mischung aus all dem gelegen, was die Marseiller so wegwarfen. 

Franck Delaville war in Plastikfolie eingewickelt worden. Die Wunde in der Brust hatte große Ähnlichkeit mit denen der anderen Opfer und ich war mir ziemlich sicher, dass man bei der Obduktion feststellen würde, dass Delaville durch ein Gasdruckmesser getötet worden war.

„Ein Killer, der durch seine eigene Waffe getötet wurde“, stellte Francois überrascht fest. Ob Delaville wirklich die Hornisse war, würde sich erweisen, sobald seine DNA mit dem Muster verglichen worden war, das von ihm an einem der Tatorte gewonnen worden war.

„Eine Waffe, von der leider jede Spur fehlt“, meinte ich.

„Und davon abgesehen haben wir jetzt eine neue Reihenfolge, in der die Opfer ermordet wurden, Pierre.“

„Selma Laplace, Georges Lenoir, Franck Delaville, André Menotti.“

„Zweimal Anlagebetrug, zweimal Unterwelt.“

Eine Mordserie, bei der man auch nach dem vierten Opfer noch nichts hatte finden können, was sie in irgendeiner Form auf einen Nenner brachte.

Auf dem Display von Franck Delavilles Handy stand: 25 Anrufe und Nachrichten in Abwesenheit

32

Wir fuhren noch einmal zu Rita Delaville und mussten ihr die Nachricht überbringen, dass ihr Mann nicht mehr lebte. Sie brauchte eine ganze Eile, bis sie die Fassung zurückgewann. Als wir ihr dann noch eröffnen musste, dass wir Franck Delaville für einen Profikiller hielten, wirkte sie vollkommen konsterniert.

„Das kann nicht sein“, meinte sie.

„Wann haben Sie Ihren Mann kennengelernt?“

„Vor fünf Jahren.“

„Genau zu diesem Zeitpunkt hat sich Franck Delaville - oder wie immer auch der Name sein mag, unter dem er geboren wurde – aus seinem Geschäft zurückgezogen“, erklärte ich. „Vielleicht Ihretwegen.“

„Ich kann es noch immer nicht fassen.“

„Wer auch immer Ihren Mann umgebracht hat, wir werden dafür sorgen, dass er gefasst wird. Und es könnte sein, dass dieser Unbekannte weiter tötet. Ihren Mann können Sie nicht mehr belasten. Also helfen Sie uns, seinen Mörder zu fassen!“

Sie schluckte. „Ich bin immer noch unter Schock“, sagte sie. „Aber natürlich unterstütze ich Sie.“

„Wir möchten uns gerne seine Sachen ansehen. Alles, was ihm persönlich gehört“, ergänzte Francois. „Dafür bekämen wir innerhalb einer Stunde auch einen Durchsuchungsbeschluss. Aber wir würden uns gerne schonmal einen Überblick verschaffen.“

„Natürlich“, nickte sie.

Ich kündigte ihr außerdem an, dass unsere Erkennungsdienstler Pascal Delaville und Jean-Marc Forster sich bald bei ihr einfinden würden. Wir hatten deswegen schon von unterwegs aus mit Monsieur Marteau telefoniert.

Rita Delaville zeigte uns seinen Schreibtisch. Wir fanden dort nichts, was irgendeine persönliche Note hatte. Keine Kontoauszüge, keine Versicherungsunterlagen und nichts, was mit seinem Geschäft als Parfum-Vertreter zu tun hatte.

„Ich habe mich um sein Business nie gekümmert“, sagte Rita. „Wir hatten von Anfang an immer jeder seinen Beruf und da hat sich auch niemand um den des anderen gekümmert.“

Ich hob die Augenbrauen. „Sie haben nicht seine Steuern geregelt?“

„Nein.“

„Weshalb nicht?“

„Er wollte das nicht. Franck hat es immer abgelehnt, Persönliches mit Geschäftlichem zu vermischen. Meinen Sie...“

„...dass es diese Parfum-Vertretung gar nicht gegeben hat?  Wir können das nicht ausschließen.“ 

Unter dem Schreibtisch fand sich ein Schlüssel, den Franck Delaville mit Isolierband ans Holz geklebt hatte.

„Ein Schließfach?“, fragte Francois.

Ich schüttelte den Kopf. „Eher eine Wohnung“, meinte ich.

„Wahrscheinlich finden wir dort alle Antworten auf unsere Fragen.“

Ich wandte mich an Rita Delaville. „Haben Sie eine Ahnung, wozu diese Schlüssel gehören könnten?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich nicht!“

„Es wird wohl eine Weile dauern, bis wir das herausgefunden haben“, murmelte ich. Irgendwo hatte Franck Delaville einen Raum angemietet, in dem vermutlich all das lagerte, was er zu Hause nicht herumliegen haben wollte.

33

Später saßen wir zusammen mit Monsieur Brix und einigen weiteren Polizisten seines Reviers zusammen und sahen uns die Aufzeichnungen der Überwachungskameras aus dem Flughafen Marseille an.

Das zeitlich letzte Bild, auf dem Selma Laplace nach ihrer Landung zu sehen war, entstand in der Flughafenhalle.

Wir sahen uns verschiedene Vergrößerungen an. Mit Hilfe einer Software zur Gesichtererkennung suchten wir nach Franck Delaville – und wurden fündig.

Er befand sich ganz in der Nähe, kaum zehn Schritte von Selma Laplace entfernt. Allerdings war er nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Er trug einen künstlichen Schnauzbart und ein Toupet, das seinen Typ vollkommen veränderte. Die Erkennungssoftware war allerdings unbestechlich. Zehn telemetrische Messpunkte stimmten exakt überein. Die Software bezeichnete Personen bereits ab sechs Übereinstimmungen als 'mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit identisch'.

„Dachte ich es mir doch!“, meinte Francois. „Er hat Selma Laplace am Flughafen abgepasst!“

„Ein weiteres Indiz dafür, dass er die Hornisse war“, sagte ich. „Aber woher wusste er, wann diese Selma Laplace eintreffen würde?“

„Jemand wie er kennt Leute, die den Flughafenrechner hacken können und an die Passagierlisten herankommen“, meinte Francois.

Was danach geschehen war, konnte man vielleicht niemals ganz aufklären. Fest stand nur, dass Selma Laplace ein Gasdruckmesser in den Rücken gestoßen worden und ihre Leiche im Hafen von Marseille entsorgt worden war – und zwar auf eine Weise, die tatsächlich professionelle Züge trug.

„Laplace wurde von Delaville umgebracht, nehmen wir mal an, für Georges Lenoir trifft das auch zu – wer tötete dann Delaville?“, fragte ich.

„Sein Auftraggeber“, meinte Francois.

„Bisher dachten wir doch immer, er hätte in der Vergangenheit vornehmlich für Menotti gearbeitet, Francois.“

„Und der ist auch tot, Pierre.“

„Wir haben zwei Morde, die sich sowohl von der Art der Opfer wie von der Begehungsweise ähneln“, stellte ich fest.

„Du meinst Laplace und Lenoir!“

„Ich bin kein Gerichtsmediziner, aber dass Menotti und Delaville in die Brust getroffen wurden, war ja wohl unübersehbar. Der Mörder von Laplace und Lenoir hat das vermieden.“

„Nachdem wir wohl nicht annehmen, dass Delaville sich selbst umgebracht hat, haben wir auf jeden Fall zwei Täter.“

„Und Menotti kann er eigentlich auch nicht getötet haben, denn da lag Delaville vermutlich schon auf der Müllhalde.“

„Genau wissen wir das erst, sobald der Todeszeitpunkt genau festgestellt ist, Pierre.“

„Ich habe es gleich gesagt: Es waren zwei verschiedene Täter.“

„Laplace geht auf Delavilles Kappe, wer Lenoir umgebracht hat hängt vom Todeszeitpunkt Delavilles ab und Menotti ist definitiv nicht von Delaville getötet worden“, stellte ich fest. „Und habe das Gefühl, dass dies ich nicht das letzte Opfer war.“

34

Einen Tag später saßen wir zusammen mit Rick Grazzo, seinem Anwalt und unserem Verhörspezialisten Kommissar Montcalm in einem Verhörraum.

Grazzo hatte offenbar inzwischen eingesehen, dass es keinen Sinn hatte, auf stur zu schalten und nichts zu sagen. Die Beweislage war, was den Drogendeal anging, so wasserdicht, dass er nur noch hoffen konnte, durch irgendeinen Kooperationsdeal etwas milder davonzukommen.

„Monsieur Grazzo, wissen Sie, wer der Killer mit der Bezeichnung die Hornisse ist?“, fragte Montcalm.

„Wenn Sie meinem Mandanten jetzt zusätzlicher Verbrechen bezichtigen wollen, dann ist dieses Gespräch sofort zu Ende“, mischte sich der Anwalt ein. Er hieß Louis-Jacques Salvadeau und  hatte eine gutgehende Kanzlei. Aber abgesehen davon, dass er sich der Rechtspflege widmete, sagten uns uns Informanten, dass er in Menottis Organisation den Rang eines Concilliere ausgeübt hatte und vermutlich auch auf  irgendeine Weise an dessen Geschäften beteiligt gewesen war. Beweisen konnte man das leider nicht. Noch nicht.

„Keine Sorge, Monsieur Salvadeau, wir bezichtigen niemanden und Ihr Mandant wird selbst beim größten Wohlwollen der Staatsanwaltschaft recht lange die vergitterte Aussicht aus dem Knast genießen können“, mischte ich mich ein. „Was wir wollen sind handfeste Informationen, von denen wir überzeugt sind, dass Ihr Mandant sie hat.“

„Die vor der Verhaftung Ihres Mandanten aufgezeichnete Audiospur, gibt ein Gespräch wieder, in dem die Hornisse erwähnt wird.“

„Das ist metaphorischer Sprachgebrauch, den Sie missverstanden haben“, erklärte Salvadeau. Salvadeau und Grazzo waren natürlich vorher mit dem Beweismaterial konfrontiert worden. „Im Übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass nicht mein Mandant, sondern ein anderer Angeklagter von einer Hornisse gesprochen hat!“

„Und Ihr Mandant hat nie den Eindruck erweckt, als wäre ihm das alles völlig unverständlich!“, gab Francois zu bedenken.

„Trotzdem interpretieren Sie die Aussagen meines Mandanten auf eine unzulässige, aus dem Zusammenhang gerissene Weise, die ich nicht akzeptieren kann. Wir sind gerne bereit, zu allem Aufklärung zu leisten, was mit den ihm zur Last gelegten Delikt zu tun hat, aber mein Mandant weigert sich, an einer Befragung teilzunehmen, die einen derart spekulativen Charakter trägt!“

„Vielleicht sollten wir Sie einmal über die Hornisse befragen“, wandte sich Francois an Salvadeau. „Man hört auf der Straße, dass Sie da gewisse Insider-Kenntnisse besitzen.“

„Unterstellungen.“

„Schützen Sie jetzt die Interessen Ihres Mandanten oder vielleicht in Wahrheit Ihre eigenen?“

„Jetzt reicht es. Monsieur Grazzo, wir beenden das Gespräch hier.“

„Und wie wäre es, wenn Sie gehen und Monsieur Grazzo nimmt sich einen Anwalt, der etwas mehr an das Strafmaß seines Mandanten und etwas weniger an die eventuellen Komplikationen für die geschäftlichen Interessen seines Anwaltes denkt!“

„Monsieur Grazzo?“, fragte Salvadeau auf eine Weise, die einer Aufforderung gleichkam.

„Sie sollten sich das gut überlegen“, stellte ich fest. „André Menotti ist tot, der Mann, den wir für die Hornisse halten ebenfalls. Ich wüsste nicht, welche Schwierigkeiten Sie sich einhandeln könnten, wenn Sie uns einfach unsere Fragen beantworten.“

„Weder Menotti noch die Hornisse werden Ihren Aussagen übrigens noch widersprechen oder irgendetwas Unangenehmes aus der Vergangenheit auspacken können, Monsieur Grazzo“, ergänzte Francois.

Einige Augenblicke herrschte Stille.

Aber so ein Augenblick der Nachdenklichkeit tat vielleicht allen Beteiligten ganz gut. Die Gemüter hatten sich schließlich ziemlich erhitzt. Ganz besonders das von Salvadeau. Zumindest hatte sein Gesicht den tiefsten Rotton im Raum.

„Monsieur Grazzo, entweder wir verlassen jetzt diesen Raum oder ich lege mein Mandat für Sie nieder.“

„Dann tun Sie das“, entschied Grazzo.

Salvadeau schluckte. „Ganz wie Sie wollen. Mit den Folgen müssen Sie leben – nicht ich.“

„Das werde ich“, versprach Grazzo.

Salvadeau nahm Mantel und Aktenkoffer und ging zur Tür, um zu klopfen, damit ihn einer der Wächter hinausließ. „Guten Tag, Messieurs“, sagte er noch, bevor er hinausging.

„Legen Sie Wert darauf, dass erst ein anderer Anwalt verständigt wird?“, fragte Montcalm.

„Nein, stellen Sie einfach Ihre Fragen.“

„Wer steckt hinter der Bezeichnung 'die Hornisse'?“, fragte ich.

„Einen Klarnamen weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass André Menotti ab und zu jemanden anheuerte, der so bezeichnet wurde. Das war eigentlich ein offenes Geheimnis. Manche machten Witze darüber. Die Hornisse war für das sehr grobe Handwerk zuständig und ich glaube, es reichte oft schon, damit zu drohen, diesen Kerl zu engagieren, um sich durchzusetzen. Das war eigentlich immer der Stil von André Menotti. Martialisch drohen, aber möglichst nichts tun, was einem später als juristischer Strick um den Hals gelegt wird.“

„Haben Sie die Hornisse je gesehen?“, fragte ich.

„Einmal. Aber das ist schon Jahre her.“

„War es dieser Mann?“

Ich schob ihm ein Foto von Delaville hin.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, der Kerl, den ich gesehen hatte, hatte volleres Haar, außerdem war er dunkelhaarig und hatte einen Schnauzbart.“

„Also sah er so aus“, sagte ich und gab ihm ein Standbild aus den Videoaufzeichnungen, die in der Flughafenhalle gemacht worden waren.

Grazzo runzelte die Stirn, nahm das Bild mit der linken näher an die Augen und nickte dann.

„Ja, das ist er“, bestätigte er. Dann sah er auf das erste Bild. „Ist das derselbe Typ?“

„Ja.“

„Erstaunlich. Aber es hieß ja auch immer, dass 'die Hornisse' fünf oder sechsmal den Namen gewechselt hat. Ein richtiges Chamäleon.“

Es war also durchaus möglich, dass noch einige Überraschungen auf uns warteten, wenn wir die verschiedenen Vorleben der Hornisse erst einmal alle verifiziert hatten.

„Uns interessieren vor allem zwei Dinge“, sagte ich. „Warum hat die Hornisse ihren Ruhestand aufgegeben? Das ist Frage Nummer eins. Und zweitens: Wer könnte Ihren Boss umgebracht und dabei die typische Mordmethode der Hornisse kopiert haben?“

„Die Antwort auf die Frage Nummer eins ist leicht“, meinte Grazzo.

„So?“

„Es ist immer dasselbe. Geldmangel. Auf zu großem Fuß gelebt, Fehlspekulationen. Und abgesehen davon sind die Preise für Auftragskiller in den vergangenen Jahren auch stark gefallen. Die Preise werden gemeinhin stark überschätzt, die ein Profikiller erzielen kann.“

„Für wen könnte die Hornisse Selma Laplace umgebracht haben?“

„Wer soll das sein?“

„Eine leitende Angestellte bei 'Les Partenaires du Succès' – und  bei dieser Investmentfirma hatte auch André Menotti über einen Strohmann seine Finger im Spiel.“

„Wirklich keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Von dem Skandal um 'Les Partenaires du Succès' habe natürlich gehört. Ich würde mal sagen, jeder der ein paar Euros zum Anlegen übrig hatte, ist davon betroffen worden. Die haben ja damals auch geradezu fantastische Renditen versprochen.“

„Noch besser, als im Drogenhandel?“, fragte Francois spitz.

Grazzo sah ihn ihn schief an. „War vielleicht einen Fehler meinen anwaltlichen Kampfhund vor die Tür zu schicken!“, knurrte er. Francois sah mich an. Ein stummes ‘Pardon!' war das. Besonders geschickt war das nämlich nicht gewesen, aber jedem von uns können mal kurzfristig die Pferde durchgehen.

„Ich weiß allerdings, dass Monsieur Menotti für die Hornisse einen Kunden vermittelt hat“, eröffnete Grazzo nun.

„Wann war das?“, hakte ich nach.

„Noch nicht lange her.“

„Wer der Kunde war, wissen Sie nicht zufällig?“

„Es gibt Dinge, die will man gar nicht wissen. Die hört man nur und vergisst sie wieder.“ Er zuckte die Achseln. „Wie hätte ich auch ahnen können, dass Sie mich danach fragen und ich dafür ein paar Jahre weniger Knast bekommen kann?“

„Was glauben Sie, wer hat Menotti umgebracht?“

„Keine Ahnung. Aber ich an Ihrer Stelle würde immer auf das Geld sehen.“

„Wie meinen Sie das?“

„Wo es hinfließt und an wem der Strom bisher vorbeigegangen ist. Das Geld führt immer zur Wahrheit.“

35

„Wirklich viel geboten hat er uns ja nicht“, meinte Francois nach dem Verhör. „Und ich nehme mal an, sobald er einen neuen Anwalt hat, wird der ohnehin schon spärliche Informationsfluss aus dieser bescheidenen Quelle ohnehin völlig versiegen.“

„Schon möglich“, murmelte ich.

„Man sollte diesen Salvadeau beobachten. Vielleicht profitiert der von Menottis Tod.“

„Eins steht für mich fest“, sagte ich. „Der Mord an Franck Delaville wurde nicht von einem Profi verübt, sondern einem Dilettanten. Der gehört weder mit Delaville oder Menotti und diesen Leuten in eine Liga. Überleg doch mal: Der Täter hat nicht einmal daran gedacht, das Handy zu entfernen, sodass wir die Leiche orten konnten!“

36

Als wir uns am nächsten Morgen bei Monsieur Marteau zur Besprechung trafen, erwartete uns eine Überraschung.

Die Autopsie von Franck Delaville hatte ergeben, dass er mit k.o.-Tropfen betäubt worden war, bevor das Gasdruckmesser ihn getötet hatte.

„Da ist anscheinend jemand auf Nummer sicher gegangen“, lautete der Kommentar von Monsieur Marteau.

„Hat Delaville mit seinem Mörder zuvor etwas getrunken?“, fragte ich.

Monsieur Marteau blickte auf den Bericht. „Kaffee steht hier im Bericht von Dr. Dubarry.“

„Die haben sich also getroffen und Delaville hat zu dem Zeitpunkt offenbar nicht geahnt, dass sein Mörder ihn umbringen wollte“, meinte ich.

„Der Bericht gibt übrigens auch eine eindeutige Auskunft über den Todeszeitpunkt von Delaville“, fuhr Monsieur Marteau fort. „Er starb eindeutig vor Georges Lenoir.“

„So geht also tatsächlich nur Selma Laplace auf sein Konto“, stellte ich fest.

Monsieur Marteau nickte. „Es sieht ganz so aus. Zurzeit habe ich ein halbes Dutzend Kommissaren damit beauftragt, herauszufinden, zu welchem Schloss der Schlüssel passt, den Sie unter seinem Schreibtisch gefunden haben. Aber ich fürchte, dass wir da nicht mit einem schnellen Erfolg rechnen dürfen.“

Eines der Telefone auf Monsieur Marteaus Schreibtisch klingelte. Unser Chef nahm ab. „Ja, hier  Marteau“, meldete er sich. Dann sagte er mehrfach „Ja!“, wobei die Abstände immer größer und die Jas immer knapper wurden. „Es gibt gibt weitere Neuigkeiten“, wandte er sich anschließend an uns, nachdem er das Gespräch beendet hatte. „Der DNA-Vergleich liegt vor. Ich habe im Labor etwas Dampf gemacht, weil ich in diesem Punkt unbedingt sicher gehen wollte. Franck Delaville ist identisch mit der Hornisse. Daran kann es jetzt keinen Zweifel mehr geben.“

37

Wir fuhren zur Villa von Bernard Hendaye. Er hatte sich telefonisch gemeldet. Jemand hatte einen verdächtigen Brief an diese Adresse geschickt, adressiert an Selma Laplace. Bernard Hendaye vermutete eine Briefbombe.

Wir waren mit ein paar Sprengstoffspezialisten auf dem Weg  zu ihm. Das große gusseiserne Tor öffnete sich automatisch, als wir mit mehreren Fahrzeugen hineinfuhren. Abgesehen von unserem Briefbombenspezialisten Kommissar Hugo Adam waren auch unsere Kollegen Josephe Kronbourg und Léo Morell mit von der Partie. Außerdem noch unserer Erkennungsdienstler Pascal Delaville.

„Das ist ein kleiner Palast hier!“, meinte Josephe anerkennend, nachdem wir ausgestiegen waren.

„Ja, Selma Laplace hatte es gut“, murmelte ich. „Trotz des LPDS-Bankrotts.“

Auf der Rasenfläche patrouillierte ein Security Guard mit einem mannscharfen Schäferhund, der sich trotz Maulkorb kaum beruhigen konnte, nachdem er auf uns aufmerksam geworden war.  Das Gelände war gesichert wie eine Festung. Überall Überwachungskameras und der gusseiserne Zaun, der das Grundstück umgab, war nicht nur sehr hoch, sondern auch noch mit elektrischen Sensoren versehen, die sofort Alarm schlugen, wenn jemand versuchte, auf das Anwesen zu gelangen.

„Der Preis des Reichtums“, raunte mir Francois zu. „Eine klasse Aussicht, aber kaum noch Bewegungsfreiheit. Fast wie im Knast.“

„Na, nun übertreib mal nicht, Francois.“

„Ist doch wahr, Pierre!“

„Sag bloß, so eine Villa würde dir nicht auch gefallen?“

„Ich brauche so etwas nicht.“

„Und ich wusste gar nicht, dass du so überzeugend lügen kannst!“

„Hast du übrigens eine Ahnung, womit dieser Hendaye so viel Geld gemacht hat, dass er sich so ein Schloss an einem der teuersten Plätze Marseilles leisten kann, Francois?“

„Immobilien“, sagte Francois nur knapp. „Ich hatte nur kurz Zeit, seinen Namen zu googeln, aber geschäftlich scheint er einiges richtig gemacht zu haben. Und vor allem hat er sein Geld wohl nie bei 'Les Partenaires du Succès' angelegt!“

Bernard Hendaye kam uns persönlich entgegen. „Kommen Sie“, sagte er. „Der Brief liegt im Wohnzimmer auf dem Tisch. Ich habe nicht gewagt, ihn nochmal anzurühren. Um ein Haar hätte ich ihn aufgemacht, aber einer meiner Leibwächter hat früher in einem Sprengkommando gedient und kennt sich daher aus. Er riet mir gerade noch rechtzeitig, die Finger davon zu lassen.“

„Wir werden gleich sehen, ob Sie sich zurecht Sorgen gemacht haben“, sagte ich. „Unser Kollege Kommissar Adam kennt sich mit Briefbomben aus.“

Bernard Hendaye wollte uns ins Wohnzimmer geleiten.

„Ich schlage vor, Sie lassen mich alle mal ein paar Augenblicke allein“, sagte Adam, der seine Ausrüstung in Richtung Wohnzimmer trug. Darunter auch ein schwerer Schutzanzug mit eingearbeiteten Bleiplatten.

Wir warteten im Raum nebenan, einer Art Salon. So viele Antiquitäten, wie hier, hatte ich selten an einem Ort versammelt gesehen. Wenig später stand die Diagnose unseres Spezialisten fest. „Das war tatsächlich ein Sprengsatz, aber sehr dilettantisch gemacht“, stellte Hugo Adam fest. „Ich glaube nicht, dass diese Bombe losgegangen wäre.“

Bernard Hendaye atmete auf.

Er wandte sich an mich. „Ich muss Ihnen leider sagen, dass ich einen ganzen Stapel unfreundlicher Post bei Selmas Sachen gefunden habe. Das da ab und zu mal ein Drohbrief kam, das wusste ich wohl – aber den Großteil dieser Sachen hat sie mir wohl verschwiegen.“

„Können wir uns das mal ansehen?“, fragte ich.

„Natürlich.“

„Wenn jemand Selma jetzt eine Bombe schickt, ist das natürlich nochmal eine andere Qualität“, meinte Francois.

„Auch für die Qualität der Post“, meinte Hugo Adam. „Dieser Brief ist schon vor einigen Tagen abgeschickt worden. Der Täter konnte da noch nicht ahnen, dass Selma Laplace zu dem Zeitpunkt, da die Sendung zugestellt wird, gar nicht mehr lebt.“

38

Hendaye führte uns in ein Zimmer, das offenbar von Selma Laplace bewohnt worden war. Es war aber kaum etwas darin, was ihr gehört hatte.

Eine Reihe von Briefen lag auf dem Schreibtisch. Wir zogen uns Latexhandschuhe an, um nicht noch mehr Spuren zu vernichten, als es gewiss ohnehin schon passiert war.

Eine wüste Beschimpfung reihte sich an die andere. Es ging immer um den Bankrott von 'Les Partenaires du Succès'. Manche hatten anonyme Schreiben geschickt, die wie Erpresserbriefe aus Buchstaben zusammengesetzt waren, die der jeweilige Täter aus Zeitschriften und Zeitungen zusammengeklebt hatte. Bei anderen handelte es sich um Texte, die vorwiegend mit dem Computer geschrieben und ausgedruckt worden waren. Es war sehr schwer, die Herkunft solcher Postsendungen zurückzuverfolgen oder zweifelsfrei später einem bestimmten Täter zuzuordnen.

„Hatte Ihre Frau eigentlich noch Kontakt zu ihren Kollegen von 'Les Partenaires du Succès'?“, fragte ich. „Den anderen wird es doch kaum besser ergangen sein. Und es gibt ja wohl wirklich viele, die sich betrogen fühlten.“

„Nein, da sind die meisten wohl eigene Wege gegangen“, meinte Hendaye. „Ich weiß, dass Selma sich noch ab und zu mit einer gewissen Sheila Bertrand getroffen hat. Welche Funktion diese Sheila bei 'Les Partenaires du Succès' ausfüllte, weiß ich nicht. Und ich glaube, Selma erzählte mir auch mal, dass Sheila gerade noch rechtzeitig dort weggegangen ist, bevor es so richtig knallte.“

„Haben Sie die Adresse dieser Sheila Bertrand?“

„Nein, aber ich vermute, dass ihre Telefonnummer im Menue unseres Hausanschlusses gespeichert ist.“

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Wir trafen uns mit Sheila Bertrand in einem Bistro in der Stadt.

Von Selma Laplaces Ermordung hatte sie noch nichts gehört.

„Wir hatten zuletzt Kontakt, bevor sie nach Amerika geflogen ist“, berichtete Sheila.

Sie war Mitte dreißig, hatte blondes Haar, das zu einer streng wirkenden Frisur zusammengefasst war, die allerdings  gut mit ihrem konservativen Business-Kostüm harmonierte. Wir trafen sie zwischen zwei Geschäftsterminen. Zurzeit arbeitete sie in einem Maklerbüro für Immobilien der gehobenen Klasse.

„Sie waren ja auch bei 'Les Partenaires du Succès'“, stellte ich fest.

Sie nickte. „Ja, da haben Selma und ich uns kennengelernt. Sie gehörte ja zu den führenden Köpfen. Ich war nur so etwas wie ihre Assistentin, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Sie sind gegangen, bevor es fort kritisch wurde.“

„Allerdings! Und das war mein Glück! Ich hatte das Angebot bei diesem Maklerbüro anzufangen und habe es gleich angenommen, obwohl ich dabei finanziell nicht ganz so gut dastand.“

„Wieso haben Sie das getan? War denn der Konkurs von LPDS schon absehbar?“

„Das wäre zuviel gesagt. Es schien alles glänzend zu laufen, wenn man die Sache von außen betrachtete. Aber wenn man mit dabei ist, bekommt man natürlich etwas mehr mit. Und ich hatte schon das Gefühl, dass da einiges nicht auf gesunden Beinen steht.“

„Selma hat nach dem Konkurs einen Haufen unflätiger Post bekommen, wurde bedroht und posthum wurde sogar noch eine missglückte Briefbombe zu ihr nach Hause geschickt.“

„Das ging allen so, die bei 'Les Partenaires du Succès' waren. Selbst mir, die ich schon vor dem Crash gegangen bin! Ich meine, ich war ja nicht an verantwortlicher Stelle dort, so wie Georges Lenoir oder Selma. Trotzdem wurden meine Reifen zerstochen, meine Wohnungstür wurde beschmiert und so weiter. Ich gehörte aus der Sicht der Geschädigten einfach dazu. So ist das nunmal, wenn man eine Weile sein Gesicht der falschen Firma geliehen hat. Damit gewinnt man keine Freunde.“

Sie trank einen Milchkaffee und nahm einen Croissant.

Francois nahm auch einen Croissant. Mir hingegen war aus irgendeinem Grund der Appetit vergangen.

Sheila Bertrand beugte sich etwas nach vorn. „Wissen Sie, manche Geschichten wird man einfach nicht wieder los. Als ich bei 'Les Partenaires du Succès' anfing, da war das Anlagegeschäft für mich nicht viel mehr als eine Spielerei. Aber die Leute, die später ruiniert wurden, die haben alles verloren. Vielleicht würde ich auch Reifen zerstechen oder Leuten auflauern und sie beschimpfen, wenn mir das zugestoßen wäre. Da war zum Beispiel dieser eine Typ, der Selma immer wieder verfolgt hat. Sie hat ihn auch angezeigt. Nur auf den Namen komme ich jetzt nicht mehr. Ich habe später nur gehört, dass seine Frau Krebs hatte und die Behandlungen nicht mehr bezahlt werden konnten, weil das angelegte Vermögen weg war!“

„Hieß dieser Mann zufällig Gerard Dugas?“, fragte ich.

„Ja, genau. Ich glaube, er hat es Selma ganz besonders übel genommen, dass sie weiter in Saus und Braus bei ihrem Freund, diesem Bernard Hendaye in einer schönen Villa gelebt hat.“

„Sie scheinen viel über Dugas zu wissen.“

„Das war ganz seltsam. Er hat mich mal angesprochen – genau hier, in diesem Bistro. Offenbar wusste er, dass ich da öfter hingehe. Und dann hat er mir das alles erzählt.“

„Was ist aus Dugas Frau geworden?“, erkundigte ich mich. „Als wir bei ihm waren, lebte er allein.“

„Sie ist an ihrer Krankheit gestorben.“

„Und er gab 'Les Partenaires du Succès' die Schuld daran?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube, der Mann war einfach nur verzweifelt und wollte, dass jemand anerkennt, was ihm angetan wurde.“

Sie sah auf die Uhr. „Ich muss jetzt los“, sagte sie. „'Les Partenaires du Succès' ist ein mieses Kapitel in einem miesen Buch. Ich würde es für meinen Teil gerne für immer schließen.“

„Ja, aber jemand anderes denkt da anscheinend ganz anders“, erwiderte ich. „Könnten Sie sich vorstellen, dass dieser Dugas einen Killer engagiert, um Selma Laplace umbringen zu lassen?“

„Nein. Nicht dieser Mann. Das wäre wirklich absurd. Der wirkte auf mich eigentlich eher gebrochen als aggressiv. Wenn ich Ihnen noch helfen kann, dann rufen Sie mich doch bitte an.“

„Darauf kommen wir vielleicht noch zurück“, nickte ich. Sie verließ das Bistro.

Ich trank jetzt doch noch einen Espresso.

„Du hast deine Theorie mit Gerard Dugas noch immer nicht aufgegeben, was“, meinte Francois.

„Es ist keine Theorie“, erwiderte ich. „Es ist noch nicht einmal ein richtiger Ermittlungsansatz. Weißt du, was mich ärgert?“

„Spucks aus, Pierre!“

„Wenn wir die drei Jungs hätten, die den Mörder von Menotti gesehen haben, wie er auf die Straße lief, dann könnte der Fall vielleicht schon gelöst sein. Da bin ich mir sicher.“

Die drei waren seitdem in der Fahndung, aber bisher war nichts bei der Suche nach ihnen herausgekommen.

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Ich fuhr zusammen mit Francois noch einmal in die Avenue d'Orange, um uns nach den drei jungen Männern umzuhören. Aber das war wohl schon von Anfang an zum scheitern verurteilt. Niemand schien dieses Trio zu kennen. Wir fragten in den wenigen Geschäften  nach, in den Discotheken und Nachtclubs, die sich hier aneinandereihten. Die meisten öffneten erst später am Abend, aber das hatte den Vorteil, dass man Lieferanten und Angestellte antreffen konnte, die vielleicht sogar mehr wussten, als die Gäste.

Aber wir hatten kein Glück.

Der Türsteher einer dem Club Explosive benachbarten Discothek meinte, dass es sich vielleicht um ein Trio von Drogenhändlern handeln könnte, die ihm in letzter Zeit Ärger machen würden.

„Die werden immer jünger!“, sagte er. „Und vor allem wissen die überhaupt nicht, welches Risiko sie eingehen. Wenn nämlich angestammte Dealer merken, dass ihnen da jemand etwas vom Kuchen wegnehmen will, dann schlagen die mit aller Härte zu.“

Zuletzt gingen wir in den Club Explosive.

Der Geschäftsführer war ein gewisser Roger Delvecchio, aber  es war immer ein offenes Geheimnis gewesen, dass er ohne seinen Teilhaber André Menotti nichts entscheiden konnte.

Delvecchio war im Großen und Ganzen sauber. Er hatte mal eine Anzeige wegen Drogenhandels am Hals gehabt, aber das war fünfzehn Jahre her. Daher waren die Fotos, die wir von ihm in unseren Daten hatten auch nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand.

Mir war aufgefallen, dass Delvecchio an dem Abend, als André Menotti ermordet worden war, gar nicht im Club gewesen war.

Als wir jetzt eintraten, sah ich ihn zusammen mit einem bekannten Gesicht an der Bars stehen: Louis-Jacques Salvadeau, jener Anwalt, der sein Mandat für Grazzo niedergelegt hatte, als dieser anfing, seinen eigenen Interessen zu folgen.

„Es ist noch nicht geöffnet, verdammt, wer hat Sie denn reingelassen?“, fauchte Delvecchio.

Er war Francois und mir ja schließlich noch nie begegnet.

Wir antworteten ihm, in dem wir unsere Dienstausweise zückten.

Mehr brauchten wir nicht zu tun.

Selbst der etwas grobschlächtige Rausschmeißer, der im Augenblick damit beschäftigt war, die beim Putzen auf die Tische gestellten Stühle wieder auf den Boden zu stellen, entspannte seine Körperhaltung. Uns würde er nicht vor die Tür setzen, so viel war klar.

„Pierre Marquanteur, Kriminalpolizei Marseille. Dies ist mein Kollege Francois Leroc. Monsieur Salvadeau kennt uns ja schon.“

Salvadeau verzog das Gesicht. „Ja, ich hatte schon das Vergnügen!“, zischte er zwischen den Zähnen hindurch. „Richten Sie Grazzo aus, dass er im Knast verrotten soll!“

Details

Seiten
900
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911152
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370610
Schlagworte
kommissare killer komplizen

Autoren

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Titel: Kommissare, Killer, Komplizen