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CHACO #25: Das Fort des Teufels

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Der machtgierige Geschäftsmann Alan Cranston herrscht mit eiserner Faust über die Stadt Sweetland. Fast alle Bewohner der Stadt und die in der Region lebenden Siedler und Farmer sind bei ihm hoch verschuldet. Nach und nach kauft er die betreffenden Farmen auf und nutzt die Not der Besitzer aus. Auch mit der O´Brien-Farm hat Cranston das so geplant. Aber da mischt sich Chaco Gates ein, als er sieht, wie O´Brien und dessen Frau von Cranstons Revolvermännern bedroht werden. Das ist jedoch nur der Anfang einer Kette von schicksalhaften Ereignissen, die schließlich dazu führen, dass Chaco in das berüchtige Gefängnis von Fort Concho geschickt wird. Weil Cranston das so befohlen hat!Und dort ist jeder Tag die Hölle ...

Leseprobe

Das Fort des Teufels


Ein Western von Carson Thau




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Der machtgierige Geschäftsmann Alan Cranston herrscht mit eiserner Faust über die Stadt Sweetland. Fast alle Bewohner der Stadt und die in der Region lebenden Siedler und Farmer sind bei ihm hoch verschuldet. Nach und nach kauft er die betreffenden Farmen auf und nutzt die Not der Besitzer aus. Auch mit der O´Brien-Farm hat Cranston das so geplant. Aber da mischt sich Chaco Gates ein, als er sieht, wie O´Brien und dessen Frau von Cranstons Revolvermännern bedroht werden. Das ist jedoch nur der Anfang einer Kette von schicksalhaften Ereignissen, die schließlich dazu führen, dass Chaco in das berüchtige Gefängnis von Fort Concho geschickt wird. Weil Cranston das so befohlen hat!Und dort ist jeder Tag die Hölle ...




Roman:

Das Peitschen eines Schusses zerstörte die Stille des Nachmittags. Vögel schwirrten auf, und einige Kaninchen huschten davon, dann war kein Laut mehr zu hören.

Es war eine trügerische Stille!

Chaco konnte es fühlen. Die Gefahr lag in der Luft, greifbar nah.

Er saß aufrecht im Sattel seines Morgan-Hengstes. Das Tier stand wie versteinert in einer kleinen Bodensenke und hielt seine Ohren in den Wind. Es war unruhig, und Chaco legte seine Hand auf den pochenden Hals des Tieres.

Ruhig“, flüsterte er ihm ins Ohr. „Ganz ruhig.“

Bei dem Klang der vertrauten Stimme entspannte sich das Pferd.

Noch während Chaco die Worte zu dem Hengst sprach, waren seine Augen über die spärlich bewachsenen Hänge der Bodensenke geglitten, doch er konnte nichts Verdächtiges entdecken. Einzeln verstreute Sagebrushbüsche warfen in den langen Strahlen der Nachmittagssonne gespenstische Schatten.

Da war es wieder!

Ein Schuss. Dann mehrere.

Das Pferd hatte seinen Kopf zum Osthang gedreht. Die Sonne im Rücken, trieb Chaco den Hengst vorsichtig den kleinen Hang hinauf. Ein warmer, trockener Wind strich ihm entgegen und trug Stimmen an sein Ohr. Es war, als gäbe sich jemand mit einer dünnen Stimme Mühe, laut zu fluchen. Die Antwort war raues Gelächter. Dann fielen wieder Schüsse. Flüche und Gelächter ertönten.

Chaco war jetzt fast am Rand der Senke. Mit einer geschmeidigen Bewegung sprang er vom Pferd, das sich auf sein Zeichen nicht von der Stelle rührte. Er zog die Winchester aus dem Sattelschuh und robbte vorsichtig an den Rand der Senke. Zwischen zwei Felsbrocken fand er Deckung.

Unter ihm erstreckte sich ein geschütztes kleinesTal, in dessen Mitte ein Blockhaus mit Geräte- und Wagenschuppen stand. Die Flügel eines Windmühlenbrunnens drehten sich schwach im Wind. Die kleine Farm war von einem Staketenzaun und einigen Osagebüschen geschützt.

Ein kleiner, schmächtiger Mann stand in schlotterigen Latzhosen auf dem Hof und hielt eine Winchester im Anschlag.

Chaco konnte aus der Art, wie er sie hielt, erkennen, dass er nicht viel Erfahrung im Umgang mit Waffen hatte.

Vor ihm standen ein halbes Dutzend großer Männer, die ziemlich nachlässig gekleidet waren, aber alle teure Kalbslederwesten trugen. Einer kehrte Chaco den Rücken zu. Auf der Rückenpartie seiner Weste war ein riesiges, goldenes und reich verschnörkeltes C zu erkennen.

Haut ab, ihr Mistkerle!“ Es war die dünne Stimme des kleinen Mannes. „Und sagt Cranston, dass er mein Land niemals kriegen wird! Niemals!"

Um seine Worte zu bekräftigen, stampfte der Kleine auf den Boden.

Wir haben dich gewarnt, O’Brien“, sagte einer der großen Männer mit höhnischer Überlegenheit. Er stieß sich vom Zaun ab, an den er gelehnt hatte, und ging auf den kleinen Farmer zu. Seine Finger spielten um die Griffe seiner beiden Colts.

Keinen Schritt näher!“

Der kleine Farmer war zurückgewichen. Doch der Mann schien ihn nicht zu hören. Er grinste breit und rückte immer näher. Plötzlich erstarrte sein Grinsen zur Grimasse.

Der kleine Farmer hatte abgedrückt. Der große Mann krümmte sich zusammen und sank lautlos zu Boden.

Wie gelähmt und etwas zu lange starrte der Farmer auf seine Winchester. Im nächsten Moment hatten ihn die restlichen Männer umringt. Die Winchester wurde ihm aus der Hand gerissen und flog zwischen die aufscheuenden Pferde im Korral.

Chaco sah jetzt nur noch die Gruppe von Männern und ihre erhobenen Fäuste. Aus ihrer Mitte drangen die erstickten und gurgelnden Laute des kleinen Farmers.

Huey!“

Die helle Stimme ließ die Männer erstarren. Ihre Köpfe ruckten zum Haus herum.

Eine Frau war aus der Tür gestürzt. In ihren Händen hielt sie ein Sharpsgewehr. Chaco glaubte, ihre Augen bis zu sich herauf funkeln zu sehen. Ihr Rock verfing sich an der Verandabrüstung, sie stolperte und schlug mit dem Gewehr lang auf den Hof hin. Der Schuss fuhr harmlos in die Erde.

Die Männer lachten auf. Dann schnauzte einer von ihnen ein paar Befehle. Der kleine Farmer war wieder erschienen. Er war jetzt gefesselt. Die Männer trugen ihn zusammen mit dem Mann, den er erschossen hatte, zu ihren Pferden, die außerhalb des Zauns angebunden waren.

Jetzt bemerkte Chaco auch den kleinen Vogel. Er war die ganze Zeit aufgeregt zwitschernd über den Männern hin und her geflogen und hatte immer wieder versucht, sich auf die Schulter von Huey O’Brien, dem kleinen Farmer, zu setzen. Offensichtlich hatte er ihn gezähmt.

Die Männer stiegen in die Sättel - bis auf den, der die Befehle gegeben hatte. Er rief ihnen noch etwas zu, dann ritten sie davon. Einer von ihnen drehte sich noch einmal kurz um.

Viel Spaß, Alfie!“, rief er dem Mann mit breitem Grinsen zu. Dann folgte er den anderen.

Der zurückgebliebene Mann ging mit entschlossenen Schritten zu der Frau. Sie hatte sich verletzt, kauerte stöhnend am Boden und massierte mit beiden Händen ihren rechten Knöchel. Ihr Rock war bei dem Sturz zerrissen. Ihre langen, sommerbraunen Beine glänzten in der Sonne.

Der Mann hatte sich neben sie gehockt und redete auf sie ein. Mit kurzen Blicken über die Schulter vergewisserte er sich, ob seine Kumpane hinter dem Talrand verschwunden seien. Als niemand mehr zu sehen war, redete er immer heftiger auf die Frau ein. Plötzlich verpasste sie ihm eine Ohrfeige. Sofort schlug er zurück. Chaco konnte es klatschen hören.

Er packte die Frau an den Haaren und zog ihren Kopf in den Nacken. Mit hastigen Bewegungen riss er ihr die Kleider vom Leib. Die Frau sagte keinen Ton, aber sie wehrte sich verbissen. Schließlich war sie völlig nackt. Auf einmal erstarb ihr Widerstand. Reglos lag sie auf dem Rücken.

Der Mann erhob sich grinsend und begann, seine Gürtelschnalle zu lösen. Er stand mit gespreizten Beinen über der Frau. Da zuckte plötzlich ihr Fuß hoch und traf ihn.

Der Mann stieß einen mörderischen Schrei aus. Im nächsten Moment hatte er seine Colts in den Händen. Er zielte auf die Frau, die aufgesprungen war und fliehen wollte.

Chaco überlegte nicht lange, er schoss.

Die Hände des Mannes verkrampften sich um die Griffe seiner Colts. Er riss den Mund auf, um zu schreien, aber nur ein Gurgeln drang aus seiner Kehle. Dann stürzte er tot zu Boden.

Ungläubig blieb die Frau für eine Sekunde in der Mitte des Hofes stehen. Ihre Augen glitten suchend über die Talhänge. Als sie die Silhouette Chacos sah, der den Hang hinunterritt, versuchte sie krampfhaft, ihre Blößen zu verdecken. Aber es gelang ihr nicht, und sie flüchtete ins Haus.


*


Verstohlen musterte Catherine O’Brien den Mann, der ihr gegenüber am Tisch saß. Das sanfte Licht des Abends fiel auf sein Gesicht und ließ die bronzene Haut golden schimmern. Der Mann war groß, breitschultrig und schmalhüftig. Der Kampf ums Überleben hatte seine Spuren bei ihm hinterlassen. Sein Gesicht war zernarbt. Seine Augen waren dunkel, sie waren kalt und warm zugleich.

Sind Sie Indianer?", fragte Catherine vorsichtig.

Sie hatte sich schnell ein Baumwollkleid übergeworfen. Ihr Gesicht zeigte noch die Spuren der Schläge des Mannes.

Ich heiße Chaco", sagte das Halbblut. „Meine Mutter war Pima, mein Vater Weißer. Sie sind schon lange tot, ich möchte nicht über sie sprechen."

Oh“, sagte Catherine verlegen und wich Chacos Blick aus. „Ich bereite uns Kaffee“, fügte sie dann schnell hinzu, sprang auf und ging in die Küche des Blockhauses.

Chaco saß am Tisch des Wohnzimmers. Es war bescheiden und sauber eingerichtet. Kein Staub war auf den Möbelstücken zu sehen. Von seinem Platz aus konnte er in die Küche sehen, wo Catherine vor dem gusseisernen Herd hantierte. Sie war noch immer barfuß.

Huey hat das Haus selber gebaut!“, rief sie mit einem gewissen Stolz in der Stimme. „Es hat zwei Etagen. Oben ist unser Schlafzimmer und eins für die Gäste. Das andere ist für das Baby.“ Sie brachte den Kaffee und stellte Kanne und Tassen vor Chaco auf den Tisch. Behutsam strich sie über ihren Bauch, der noch keine Anzeichen der Schwangerschaft zeigte. „Huey ist mein Mann“, erklärte sie. „Ich hoffe, sie werden ihn nicht töten.“

Sie verbiss sich die Tränen, als sie Chaco gegenüber Platz nahm.

Vielen Dank, dass Sie mir geholfen haben", sagte sie leise. „Aber Sie hätten es nicht tun sollen. Jetzt haben Sie Feinde in diesem Land."

Feinde gibt es überall", sagte Chaco. „Und sie bleiben es, wenn man vor ihnen davonläuft.“

Catherine strich eine braune Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

Sie kennen Cranston nicht", sagte sie mit einem leichten Flackern in den Augen. „Keiner kann gegen Cranston an. Ihm gehört das Land. Und was ihm nicht gehört, das nimmt er sich." Sie schwieg einen Moment. „Heute hat er mir meinen Mann genommen."

Erzählen Sie mir von Cranston", sagte Chaco. „Es ist immer besser, seine Feinde gut zu kennen."

Cranston, Cranston“, sagte sie wütend. „Wenn ich den Namen schon höre! Er hat seine Finger überall drin. Ihm gehört das meiste Land hier unten. Aber das hat ihm nicht gereicht. Jetzt kontrolliert er auch noch die Banken und Geschäfte in der Stadt, und natürlich die gesamten Fuhrunternehmen. Ihm gehören der Saloon, die Metzgerei, die Schmiede, die Restaurants, das Hotel, die Holzlager, die Stockyards. Ihm gehört die ganze verdammte Stadt samt ihrer Einwohner.“

Welche Stadt?“, fragte Chaco.

Sweetland. Das liegt ein paar Meilen südlich von hier. Wir fahren dort zum Einkaufen hin. Jetzt, nachdem Cranston alle Geschäfte kontrolliert, hat er die Preise so weit heraufgesetzt, dass wir alle bei ihm in der Kreide stehen. Und genau das will er. Es gibt keinen Farmer in der Umgebung, der nicht schon sein Land an Cranstons Bank verpfändet hätte. Unser Land gehört nicht mehr uns, sondern Cranston. Wir dürfen hier nur noch arbeiten. Wenn wir uns dann ein Jahr lang abgeschuftet haben und unsere Ernte oder unser Vieh verkaufen wollen, um wenigstens etwas von unseren Schulden abzahlen zu können, dann gibt es nur einen Käufer weit und breit, der Geld genug hat, um uns unsere Erträge abzukaufen ...“

Cranston", sagte Chaco.

Die Geschichte der O'Briens war die Geschichte der kleinen Farmer. Immer gab es jemanden, der seinen Hals nicht voll genug kriegen konnte.

Von Jahr zu Jahr bezahlt er uns weniger. Wir müssen uns auch noch bedanken, dass er uns überhaupt was abkauft, denn eigentlich hat er ja genug. Wir haben keine Chance gegen ihn.“

Und keiner hat sich gegen ihn gewehrt?“, fragte Chaco.

Natürlich“, sagte Catherine. „Da hat es mal jemanden gegeben. Vor einigen Jahren hat der Marquis de la Forte der Regierung ein schönes Stück Land in diesem Gebiet abgekauft. Cranston kochte vor Wut, dass der Marquis ihm das Land weggeschnappt hatte. Aber die Regierung wollte nicht an Cranston verkaufen, weil sein Besitz schon so groß ist. Der Marquis war in Ordnung. Er unterstützte die Siedler. Er gab ihnen billige Kredite und einen fairen Preis für ihre Erträge. Cranston sah seine Felle wegschwimmen und brach einen Weidekrieg gegen den Marquis vom Zaun. Der Marquis und seine Männer waren der Übermacht nicht gewachsen. Eines Tages wurde er hinterrücks erschossen, und sein kleines Rinderreich fiel auseinander. Seitdem weiß jeder, wozu Cranston fähig ist, und die Leute halten still, weil sie Angst vor ihm haben, Angst zu sterben. Der einzige, der sich jetzt noch gegen Cranston auflehnt, ist Kid Lorraine. Kid war der Vormann des Marquis. Mit einigen seiner Cowboys hält er sich in der Gegend versteckt und überfällt hier und da die Besitzungen Cranstons. Doch seine Bande löst sich langsam auf. Es sind alles ehemalige Cowboys. Viele von ihnen müssen eine Familie ernähren, da ist ihnen so eine Rebellenexistenz auf die Dauer nicht sicher genug. Wenn Kid erst mal aufgibt, dann hat Cranston freie Bahn. Und das wird nicht mehr lange dauern.“

Und Ihr Mann?", fragte Chaco. „Hat er sich gegen Cranston aufgelehnt?“

Ach, Huey“, sagte Catherine mit einem vorsichtigen Lächeln. „Er würde keiner Fliege was zuleide tun. Haben Sie den kleinen Vogel gesehen, der ihm nachflog, als sie ihn wegschleppten? Das war ein Kaktuskauz. Er hatte sich einen Flügel gebrochen, und Huey hat ihn gesund gepflegt und gezähmt. Solch ein Mensch ist er."

Immerhin hat er einen von Cranstons Männern erschossen", sagte Chaco.

Aber das war doch ein Versehen", sagte Catherine sanft. „Cranstons Männer erschienen jede Woche mit einem Verkaufsvertrag und wollten Huey zwingen, zu unterschreiben. Er sollte sein Land an Cranston verkaufen, um seine Schulden zu tilgen. Huey hat sich geweigert. Aber sie kamen immer wieder. Und sie drohten, sie würden das Haus abbrennen oder das Vieh vergiften, wenn er nicht endlich unterschreibe. Da hat er eben die Nerven verloren." Catherine hatte sich in ihrer Erzählung erhitzt. Plötzlich wurde sie still und traurig. „Dafür werden sie ihn jetzt hängen."

Warum haben sie ihn nicht gleich getötet?", fragte Chaco.

Cranston will das nicht“, erwiderte Catherine. „Er will ordentliche Gerichtsverfahren. In Phoenix hat man nämlich ein Auge auf ihn geworfen. Der Regierung in der Hauptstadt wird sein Treiben hier unten allmählich unheimlich. Der neue Gouverneur hat schon mehr als einmal erwogen, Truppen gegen Cranston einzusetzen, aber er hat nichts gegen ihn in der Hand. Cranston hat nämlich auch die Bürgermeister, Sheriffs und Richter der Gegend hier in der Tasche. Die tun, was er will, und geben seinen Schweinereien auch noch den Anstrich der Gesetzlichkeit. Und Huey wird eben nicht auf seiner Farm abgeknallt, sondern von Cranstons Richtern zum Tode verurteilt. Für mich ist es das gleiche. Ich habe nur eine kleine Hoffnung. Man sagt, dass der Gouverneur einige Regierungsagenten nach Südarizona geschickt habe, die gegen Cranston Beweise sammeln sollen. Hoffentlich ist das wahr, und hoffentlich bricht es ihm das Genick.“ Catherine hatte mit ihrer kleinen Faust wütend auf den Tisch gehauen.

Wenn Sie heute noch nach Sweetland reiten“, sagte sie zu Chaco, „können Sie erleben, was Cranston für ein Theater veranstaltet, um seinen Bürgermeisterkandidaten durchzubringen. Er macht die Leute mit Freibier betrunken und lässt überall seine Revolvermänner herumstehen, damit keiner aus der Reihe tanzt. Dann hält der Kandidat seine Rede und alle applaudieren, die einen aus Angst, die anderen, weil es Freibier gibt. Die Wahlen sind praktisch jetzt schon entschieden. So geht es immer hier. Die Überlebenschancen eines Gegenkandidaten wären gleich Null.“

Und was wirst du jetzt tun?“, fragte Chaco.

Was kann ich schon tun?“, erwiderte Catherine. „Ich werde warten. Warten und hoffen. Vielleicht gibt es wirklich Regierungsagenten. Vielleicht haben sie genug Material gegen Cranston gesammelt. Vielleicht bricht es ihm das Genick. Ich werde auf unserer Farm bleiben. Und Sie?“ Sie blickte Chaco in die Augen. „Was werden Sie tun?“

Nach Sweetland reiten", sagte Chaco.


*


Die Nacht war hereingebrochen. Die Erde strömte eine angenehme Wärme aus, es regte sich kein Lüftchen. Der glühende Sonnenball war im purpurnen Dunst des Westens untergegangen, und für eine Weile herrschten tiefe Stille und undurchdringliche Finsternis. Dann ertönte das schwirrende Zirpen der Zikaden.

Der Mond ging über den nahen kahlen Bergen auf. Ein heller, sich schnell ausbreitender Schein kündigte ihn an. Eben noch war es stockdunkel gewesen, aber in der nächsten Minute glitten silberne Strahlen wie tastende Finger über die weite Ebene von Sweetland. Sie sickerten durch die dornigen, peitschenförmigen Zweige der Ocotillo-Sträucher und verwandelten die Pflanzen, die noch vor wenigen Minuten fleischig und grün gewesen waren, in silbrig glänzende Skelette. Am Horizont flimmerten die Lichter der Stadt.

Chaco ritt in zügigem Trott. Die Luft war knochentrocken, und die Tiere der Nacht waren wie vom Teufel besessen. Vor ihm sprangen einige Kängeruhratten in wildem Zick Zack umher, und in der Ferne heulten die Kojoten. Ein elektrisches Gewitter lag in der Luft.

Als Chaco die äußersten Korrals der Stockyards von Sweetland erreichte, sah er das Sankt Elms-Feuer um die Hornspitzen des dichtgedrängten und unruhigen Viehs glühen. Solch ein Wetter machte Mensch und Tier verrückt. Aus der Stadt drangen ihm Musik und das nervöse Rumoren der Einwohner auf den Straßen entgegen.

Eine Reihe von Cottonwoods zeigte ihm den Lauf des Gila Rivers an. Eine Postkutschenbrücke führte über den Fluss in die Stadt. Einige Gestalten lungerten am Geländer herum, nahmen aber eine lauernde Haltung ein, als Chaco sich näherte. Schließlich versperrten sie ihm demonstrativ den Weg, und Chaco musste mitten auf der Brücke anhalten.

Sofort erkannte er die Kalbslederwesten wieder. Die Männer hatten harte, kantige Gesichter. Das Mondlicht gab ihnen frischbleiche Wangen. Sie wirkten gereizt und strahlten Gefahr aus.

Wo kommst du her?“, fuhr ihn einer der Männer an.

Von dort.“ Chaco deutete mit dem Kopf hinter sich.

Sehr witzig“, sagte der Mann. „Und wo willst du hin?“

Über die Brücke", sagte Chaco ruhig. Er hob den Kopf, und das Mondlicht fiel auf sein Gesicht.

Ein Bastard!“, rief der Mann überrascht. Er warf einen kurzen Blick auf seine Kumpane, dann blickte er wieder zu Chaco hoch. Seine Hand lag jetzt auf dem Colt.

Gut, Bastard“, sagte er. „Ich geb dir eine Chance. Zieh deinen verdammten Klepper herum und sieh zu, dass du hier verschwindest. Solche wie dich können wir in unserer Stadt nicht gebrauchen.“

Chaco schüttelte den Kopf.

Das hättest du nicht tun sollen“, sagte er sanft zu dem Mann.

Was?“, fragte der Mann irritiert.

Du hast eben mein Pferd beleidigt. Es will jetzt nicht mehr weggehen. Es verlangt, dass du dich bei ihm entschuldigst.“

Die anderen Männer lachten auf, und der Wortführer fuhr ärgerlich zu ihnen herum. In diesem Moment hatte Chaco den Peacemaker gezogen.

So“, sagte er. „Jetzt haben wir alle unseren Spaß gehabt. Greift schön hoch in die Luft.“

Die Männer verschluckten ihr Lachen und taten mit dummem Gesichtsausdruck, was Chaco von ihnen verlangt hatte.

Da erzitterten die Brückenplanken unter den Hufen eines Zweispänners. Chaco rückte sein Pferd ein wenig zur Seite. Neben ihm blieb eine elegante Equipage stehen. Die schwarzglänzenden Edelholztüren waren mit dem gleichen protzigen C versehen wie die Kalbslederwesten der Männer. Die Vorhänge wurden von den Fensterrahmen zurückgeschlagen, und ein rosig-glattrasiertes Gesicht erschien. Der süßliche Duft von Parfüm strömte Chaco entgegen.

Was gibt es? Was soll das?“, fragte der Mann mit dem rosigen Gesicht. „Warum versperrt man mir den Weg? Ich muss zu einer sehr wichtigen Wahlveranstaltung. Die Leute erwarten von mir, dass ich heute Abend zu ihnen spreche.“

Der Wortführer der Männer war einige Schritte vorgetreten, wobei er seine Hände krampfhaft in die Luft reckte.

Es ist wegen dieses Indianers, Mister Bannister", sagte er. „Wir wollten nicht, dass er Ihre Veranstaltung .stört.“

Ach so, ja.“ Bannister blickte listig zu Chaco hoch. „Das stört mich nicht. Er kann ruhig die Veranstaltung besuchen", sagte er zu Cranstons Männern. „Ich lasse mich auch von Indianern wählen."

Während er sprach, war der Vorhang an einem der Seitenfenster zur Seite geschoben worden. Chaco sah das stolze Gesicht einer jungen Frau, die wusste, dass sie schön war. Mit neugierigen Augen tastete sie seine Erscheinung ab.

Ja. Lass den Wilden in die Stadt, Vater. Heute Abend wollen wir uns alle amüsieren.“ Ihren Worten folgte ein helles, spöttisches Lachen.

Gut, gut", sagte Bannister. „Er darf dabeisein. Kann ich jetzt durch?“

Vielen Dank für die Einladung“, sagte Chaco. „Vielleicht nehmen Sie meine Freunde hier gleich mit. Die brennen bestimmt darauf, Ihre Rede zu hören.“

Mit diesen stinkenden Kuhtreibern will ich nicht in einem Wagen fahren!", sagte die junge Frau empört.

Bannisters Augen glitten über Chacos Colt. „Liza, Kind, ich glaube, wir haben keine andere Wahl.“ Seine Stimme war weich und salbungsvoll - wie bei Menschen, die etwas dahinter verbergen.

Du willst sagen, dass du dich dem Befehl eines Wilden beugst, Papa?“ Die Stimme der Frau war gereizt.

Chaco hatte den Männern inzwischen mit dem Colt gewinkt, und sie waren vor der Kutsche angetreten.

Rück zur Seite, Liza“, sagte Bannister geduldig. „Hör auf deinen Vater.“

Pah!" Wütend funkelnde Augen trafen Chaco aus dem Inneren des Wagens.

Das rosige Gesicht war jetzt aus dem Fensterrahmen verschwunden, und die Tür sprang auf. Einer nach dem anderen stiegen Cranstons Revolverschwinger in den Wagen. Als der letzte die Tür hinter sich zugezogen hatte, feuerte Chaco einen Schuss zwischen die Beine des Zuggespanns. Mit einem wilden Satz stoben die Pferde davon. Aus dem Wagen konnte er den spitzen Aufschrei der Frau hören. Bald war die Equipage in Richtung Hauptstraße verschwunden.

Nachdenklich betrachtete Chaco seinen Colt, bevor er ihn in die Halfter zurückgleiten ließ. Bannister war Cranstons Bürgermeisterkandidat, und Chaco hatte ihm eins ausgewischt. Wer konnte sagen, was ihn dafür in der Stadt erwartete?

Er fühlte sich gereizt und unwohl. Das elektrische Gewitter war in der trockenen Luft zu spüren, er fühlte es am ganzen Körper. Am liebsten wäre er umgekehrt. Aber sein Pferd brauchte Ruhe, und bis jetzt war er noch vor keiner Gefahr zurückgewichen.

Er strich dem Tier über den Hals und ritt dem Festlärm von Sweetland entgegen.


*


Sweetland war eine aufstrebende Stadt mit befestigten Straßen und Bürgersteigen, einem Telegrafenamt, einem Bahnhof, einem dreistöckigen Steinhotel, einem Gericht und einem halben Dutzend prachtvoller Kirchen. Natürlich gab es auch eine Bank. Sie gehörte Cranston.

Überhaupt sah Chaco seinen Namen überall hinter Glasscheiben, auf Holztafeln und Häuserwände gemalt, in prächtigen goldenen Lettern: Alan Cranston. Früher oder später bemerkte jeder, wem diese Stadt gehörte.

Die Häuserzeile der Hauptstraße zuckte im Licht von tausend Fackeln auf, die an jeder erdenklichen Stelle befestigt waren. Die Häuserwände und die Enden der Vordächer waren mit bunten Girlanden und Lampions geschmückt.

Am Ende der Hauptstraße, auf der Festwiese, drehte sich ein riesiger halber Ochse über einem Holzklobenfeuer. Rundherum waren Tische aufgestellt, an denen Freibier ausgeschenkt wurde. Beherrscht aber wurde die Festwiese von einer eindrucksvoll verzierten Rednertribüne aus Holz. Sie war ziemlich hoch gebaut.

Die imposante Konstruktion wurde von einem weithin sichtbaren Transparent gekrönt: Wählt Lee Roy Bannister zum nächsten Bürgermeister von Sweetland. Die Buchstaben hatten die gleiche Form und Farbe wie der Namenszug Cranstons, der sonst überall zu lesen war. Eine Kapelle zu Füßen der Tribüne sorgte für schwungvoll fröhliche Festmusik.

Die Leute taumelten betrunken durch die Straßen. Vorsichtig lenkte Chaco sein Pferd durch die Menge. Niemand schenkte ihm auch nur die geringste Aufmerksamkeit Mit wachen Augen suchte er die Häuserfront nach einem Mietstall ab.

Da! Cranston's Livery Stahle stand auf einem Schild. Wahrscheinlich war es der einzige Stall in der Stadt. Chaco zuckte mit den Schultern und steuerte den Morgan-Hengst auf das rot gestrichene Gebäude zu.

So, das hätten wir. Ein Pferd, einmal Entsatteln, Füttern, Bewegung und Lederpflege. Macht drei Dollar fünfzig.“

Erstaunt blickte Chaco in das schmale Gesicht des Stallverwalters.

Drei Dollar fünfzig?“, fragte er verblüfft. „Woanders kostet das nicht mehr als einen Dollar.“

Der Mann hob verlegen die Schultern.

Was wollen Sie? Glauben Sie, ich setze hier die Preise an?“, sagte er und wies mit dem Finger gleichzeitig über Chacos Schultern. Chaco drehte sich um. Sein Blick fiel auf das Aushängeschild.

Cranston“, murmelte er.

Was soll‘s“, sagte der Mann resignierend. „Dafür spendiert er uns dann heute Abend auch wieder Freibier. Zahlen Sie, Mister, und lassen Sie sich dann volllaufen. Kostet ja nichts.“

Wortlos zählte Chaco dem Mann den gewünschten Betrag in die aufgehaltene Hand. Sich vollaufen lassen! Was blieb den Leuten hier auch anderes übrig? Er trat hinaus auf die Straße und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Er ging auf den Saloon zu, der dem Mietstall schräg gegenüber lag.

Eben setzte er seinen rechten Fuß auf den Gehsteig, als hinter ihm etwas explodierte. Ein Aufschrei ging durch die Menge - erst erschreckt, doch dann mehr und mehr entzückt. Instinktiv war Chaco herumgefahren. Seine Rechte lag um den Griff des Peacemakers, doch sie entspannte sich augenblicklich. Ein leichtes Lächeln glitt über sein Gesicht.

Am sternübersäten Himmel zerplatzten die bunten Kaskaden eines Feuerwerks. Die Menge war jetzt ruhiger geworden. Jede neue Explosion wurde mit einem Ausruf begeisterten Staunens quittiert.

Am Rand der Festwiese sah Chaco einen kleinen Chinesen, der mit kindischer Freude eine Rakete nach der anderen entzündete. Cranston ließ wirklich was springen, um seinen Kandidaten durchzudrücken. Chaco war sich fast sicher, dass er den Chinesen aus San Francisco hatte kommen lassen.

Für eine Weile starrte Chaco wie alle anderen fasziniert in den Himmel, doch dann war auch schon alles vorbei. Er ging die paar Schritte zum Saloon und stieß die Flügeltüren auf.

Leer! Natürlich. Wer würde denn Geld im Saloon ausgeben, wenn es draußen Freibier gab? Hinter der Theke schreckte ein Männchen hoch, als Chaco zwischen die Türflügel trat.

Aber draußen gibt's doch Freibier. Warum kommen Sie zu mir?“, fragte das Männchen.

Ich ziehe es vor, für mein Bier zu zahlen. Das bringt weniger Verpflichtungen mit sich. Ich ...“

Jetzt war draußen wirklich die Hölle los. Schüsse krachten wild durcheinander, die Menge stieß entsetzte Schreie aus. Wie der Blitz war Chaco in Deckung gesprungen und beobachtete vom Inneren des Saloons aus das Geschehen.

Zwischen den ziellos umherlaufenden Menschen waren einzelne Männer auf Pferden zu erkennen. Sie schossen pausenlos um sich, ohne allerdings auf jemanden zu zielen oder jemanden zu treffen. Unter ihren Kugeln lösten sich die Girlanden von Häuserwänden und Vordächern, und die Lampions zerplatzten. Das große Transparent hatte sich aus einer seiner Halterungen gelöst und wehte schlaff im aufkommenden Wind.

Einer der Reiter fiel Chaco besonders auf. Seine Beine waren sehr lang, sein Hut saß auf dem äußersten Rand seines dichten, braunen Haares.

Seine großen, blauen Augen versprühten überschäumende Lebensfreude, als er ausrief: „Nieder mit Cranston! Er saugt euch das Blut aus den Adern und macht euch betrunken, damit ihr nichts davon merkt! Schickt ihn zur Hölle!“ Laut aufjauchzend schoss er in die Luft.

Stimmen wurden laut in der Menge. „Kid! Das ist Kid Lorraine! Hoch lebe Kid Lorraine!"

Da riss eine Kugel den Hut von Kids Kopf. Cranstons Männer waren aufmarschiert. Ihre Pferde standen am äußersten Ende der Straße. Sie hieben den Tieren die Hacken in die Seiten und jagten feuernd auf die Bande des verhassten Rebellen zu. Schreiend sprangen die Menschen vor ihnen zur Seite.

Kid feuerte zurück und winkte seine Männer an sich vorbei in Richtung Festwiese. Erst als sie alle in Sicherheit waren, folgte er ihnen. Kurz bevor sein Körper aus dem Lichtkreis des Lagerfeuers ins Dunkel tauchte, erwischte ihn eine Kugel seiner Verfolger.

Chaco sah, wie das schwarze Hemd des Mannes an der linken Schulter aufplatzte und es rot darunter wurde. Aber Kid hielt sich im Sattel und verschwand in der Dunkelheit. Cranstons Männer setzten ihm nach, doch Chaco hörte keine Schüsse mehr. Wahrscheinlich hatten sie Kids Spur verloren und blieben nur noch eine Weile weg, um ihr Gesicht zu wahren.

Ja, das war Kid Lorraine“, sagte der Barkeeper, der während des Kampfes neben Chaco getreten war. „Haben Sie von ihm gehört?“

Nicht viel“, sagte Chaco. „Aber der Mann gefällt mir.“

Der Barkeeper blickte ihn aus verschreckten Augen an. „Was wollen Sie zu trinken haben? Ich muss jetzt gleich raus, um mir die Rede von Bannister anzuhören.“

Geh schon, Amigo", sagte Chaco. „Ich kann mir mein Bier auch selber zapfen.“ Er drückte dem Keeper einen Silberdollar in die Hand.

Der betrachtete das Geld für eine Sekunde und nickte dann. „Bis gleich, Halbblut. Zerschlag mir die Gläser nicht.“

Und schon war er draußen und im Strom der Menge verschwunden, die jetzt zur Rednertribüne drängte. Die Musik, die während der Schießerei schlagartig verstummt war, spielte wieder.

Der rosig-dicke Bannister stand auf der Tribüne und wartete, bis sich genügend Zuhörer eingefunden hatten, wobei er sich nervös über die Ärmel seines teuren Stadtanzugs strich.

Chaco ging hinter die Theke und zapfte sich ein Bier.

Bürgerinnen und Bürger von Sweetland, liebe Freunde!“, drang es aus der Ferne an seine Ohren, aber seine Aufmerksamkeit war von einem Schatten gefesselt, den er mehrere Male vor der Saloontür hatte hin und her huschen sehen.

Vorsichtig ging er zu den Tischen und ließ sich mit dem Gesicht zur Tür auf einem Stuhl nieder. Er nahm einen Schluck Bier und stellte das Glas ab. Der Türrahmen war jetzt leer.

Da glitt eine Person herein. Im Licht des Kristalllüsters, der von der Saloondecke hing, erkannte Chaco sie wieder. Es war Liza Bannister. Sie trug ein rotes, atemberaubend tief ausgeschnittenes Abendkleid, das mit Goldfäden durchwirkt war.

Sie blieb für einen Moment an der Tür stehen und wiegte ihren schlanken Körper, damit Chaco auch ja nichts von ihrer attraktiven Erscheinung entging. Dann schritt sie mit einem verführerischen Schwingen der Hüften auf ihn zu.

Eine merkwürdige Spannung baute sich im Raum auf. Chaco spürte die Trockenheit wieder. Das Gewitter, jeden Moment musste es sich entladen. Auch Liza schien es zu spüren, und ein leichtes Zucken umspielte ihre Mundwinkel, als sie sich dem Halbblut näherte.

Na?“, fragte sie mit leicht rauer Stimme. „Wie fühlst du dich, wenn ein weißes Mädchen in deiner Nähe ist?"

Sie stand jetzt dicht vor ihm. Die prallen Formen ihres Busens hoben und senkten sich unter ihren Atemstössen.

Chaco legte den Kopf zurück und musterte sie durch halb geschlossene Augenlider. Sie gefiel ihm gut, aber eine rätselhafte Gefahr ging von ihr aus.

Was willst du?“, fragte er.

Für einen Moment sagte Liza gar nichts. Dann streckte sie plötzlich ihre rechte Hand aus und fuhr Chaco damit durchs Haar.

Du bist Indianer, nicht wahr?“, fragte sie. „Ich hab‘s noch nie mit einem Wilden getrieben. Und du, hast du schon mal eine weiße Frau gehabt?“ Sie saß mittlerweile auf seinem Schoß, und ihre Lippen waren dicht vor seinem Gesicht.

Chaco beugte sich vor, um sie zu küssen, aber ihr Kopf schnellte zurück. Sie lachte hell und spöttisch. „Möchtest du mal eine Weiße haben? Wir sind anders als die Indianerinnen, was? Wir riechen nicht nach Fett und Schweiß!" Sie lachte wieder, und ihre perlweißen Zähne glänzten im Licht.

Im nächsten Augenblick war sie aufgesprungen. Provozierend stellte sie sich vor Chaco hin, den Oberkörper weit vorgebeugt.

Du kannst mich ja haben", sagte sie, „aber du musst mir etwas dafür geben.“ Für einen Moment schürzte sie nachdenklich die Lippen, dann war ihr etwas eingefallen. „Deinen Colt. Gib mir deinen Colt. Ich will deinen Colt haben.“

Jetzt erkannte Chaco, dass sie noch ein halbes Kind war, ein gefährliches Kind allerdings!

Hör zu, Mädchen“, sagte er ruhig. „Geh wieder ‘raus zu deinem Vater, hör dir seine Rede an und fahr dann sofort mit ihm nach Hause. Sonst passiert vielleicht ein Unglück, und das will ich nicht. Ich möchte hier nur in Ruhe mein Bier trinken, das ist alles. Alles. Hast du mich verstanden?“

Liza hatte verstanden. Wie versteinert stand sie in ihrer verfänglichen Pose.

Mich hat noch keiner zurückgewiesen“, stieß sie hervor.

Irgendwann ist es immer das erste Mal“, sagte Chaco lächelnd.

Und bestimmt kein dreckiger, stinkender Indianer!" Sie war völlig hysterisch geworden und kreischte. „Auch du willst mich haben! Alle wollen mich haben! Ich seh's dir an! Aber du kriegst mich nicht! Du ...“

Sie verschluckte die letzten Worte. Wütend lief sie zur Saloontür. Dort stand sie jetzt, kaute auf ihren Fingernägeln und warf Chaco vernichtende Blicke zu. Ihr Gesicht zeigte, dass sie irgendeinen Plan ausheckte. Chaco war auf alles gefasst, aber nicht auf das, was jetzt folgte.

Mit beiden Händen riss Liza den Vorderteil ihres Kleides herunter. Sie bückte sich, fasste den Saum des Kleides und zerriss es von unten der Länge nach. Dann streifte sie blitzschnell ihre Unterröcke ab und stand jetzt nur noch in Mieder und Knopfstiefeln vor Chaco. Ein wahnsinniges Lächeln geisterte über ihr erhitztes Gesicht.

Du wirst diese Nacht noch lange im Gedächtnis behalten, Bastard", zischte sie und fuhr sich mit beiden Händen ins Gesicht.

Ihre Fingernägel zogen blutige Striemen über die weißen Wangen. Jetzt zerriss sie auch das Oberteil des Mieders, und Chaco konnte ihre prallen Brüste im Fackellicht sehen.

In diesem Moment explodierte das Gewitter. Ein greller Blitz erhellte Lizas verzerrtes Gesicht. Sie stürzte mit einem gellenden Schrei auf die Straße.

Hilfe! Hilfe! Das Schwein hat versucht, mich zu vergewaltigen! Fasst ihn! Fasst ihn! Er ist noch im Saloon, der dreckige Indianer!"

Unter mörderischem Krachen fuhr der Donner auf Sweetland nieder. Lee Roy Bannister, der gerade auf dem Höhepunkt seiner Rede war, brach mitten im Wort ab.

Wie benommen von dem schweren Donnerschlag drehten sich die Bürger Sweetlands in die Richtung, aus der sie den Schrei gehört hatten. Aus den tanzenden Schatten des Fackellichts sahen sie jemanden herantaumeln - näher, immer näher. Dann ertönten die ersten Ausrufe.

Das ist ja Liza!"

Ja, Liza Bannister! Wie sie aussieht!"

Was ist mit ihr passiert? Mein Gott, sie ist ja völlig nackt!“

Eine Frau schrie entsetzt: „Schnell! Eine Decke! Ein Kopftuch! Irgendwas! Wir müssen doch ihre Blößen bedecken! Mein Gott, wie ihr Gesicht aussieht!“

Liza taumelte dem erstbesten Mann in die Arme. Sie verdrehte die Augen und ließ den Kopf nach hinten sinken. Im Nu hatte sich ein Kreis von Männern um sie gebildet, die mit gierigen Augen die Reize ihres jugendlich üppigen Körpers betrachteten.

Da! Sie spricht! Was hat sie zu sagen? Wer ist es gewesen?“

Der Mann, der sie hielt, senkte seinen Kopf zu ihrem Mund. Liza flüsterte einige Worte.

Als der Mann seinen Kopf wieder hob, brannten seine Augen vor Mordgier. „Es war ein Indianer! Er ist noch im Saloon! Los Leute, bevor er uns entwischt!"

Ein aufgeregtes Raunen lief durch den Männerkreis, die ersten stürmten schon in Richtung Saloon.

Der Mann, der Liza hielt, ließ sie in die Arme seiner mit einer Decke herbei geeilten Frau gleiten und schloss sich der jagenden Meute an.

Die Frau wickelte Liza in die Decke und legte sie auf den Boden. Dann hockte sie sich neben das Mädchen und nahm den Kopf in ihren Schoß. Sanft strich sie über Lizas Haar. „Jetzt ist alles vorbei, meine Kleine. Du brauchst keine Angst mehr zu haben.“

Wenn sie sich das Gesicht der Tochter des Bürgermeisterkandidaten genauer betrachtet hätte, dann wäre ihr das boshafte Lächeln des Mädchens aufgefallen.

Chaco war von seinem Stuhl aufgesprungen, als er Lizas Beschuldigungen hörte. Von der Tür aus sah er die aufgebrachte Meute auf den Saloon zustürmen. Seine Rechte zuckte zum Peacemaker, doch augenblicklich erkannte er, dass es sinnlos war. Blitzschnell sprang er von der Tür zurück und flüchtete über die Holztreppe ins Obergeschoss des Gebäudes. Er rüttelte an allen Türen des Balustradengangs, bis er eine fand, die unverschlossen wai\

Da oben! Da ist der Mistkerl! Ihm nach!“

Neben Chaco bohrte sich eine Kugel in den Türpfosten. Es war keine Zeit zu verlieren. Er schlug die Tür hinter sich zu. Schritte polterten die Treppe hinauf. Das Zimmer war leer. Chaco stürzte auf des Fenster zu, schob es hoch und sprang auf das Vordach. Der warme Atem der Arizonanacht umfing ihn. Im nächsten Augenblick stand er schon am Rand des Vordachs und sprang - geschmeidig wie eine Katze - in den Hinterhof des Saloons. Schon war er wieder auf den Beinen.

Da zuckte sein Körper zusammen. Er versuchte, die Arme zu heben, aber sie zogen ihn zu Boden wie zwei Bleisäcke. Eine Müdigkeit breitete sich über alle seine Glieder aus. Nur ganz schwach spürte er den Schmerz von dem Revolverknauf, der ihn am Hinterkopf getroffen hatte. Dann verlor er das Bewusstsein.

Pinky! He! Wo bist du?"

Hier drüben! Ich hab ihn erwischt!“

Gott sei Dank. Das wäre fast ins Auge gegangen. Jetzt nichts wie weg hier!“


*


Merkwürdige Töne prasselten gegen sein Trommelfell und verursachten ihm Schmerzen. Die Haut zog sich um seinen Kopf zusammen und schien ihn zersprengen zu wollen. Die Töne wurden jetzt deutlicher. Es war Musik. Festmusik.

Er spürte, wie seine Wimpern aneinanderklebten, und es kostete ihn Kraft und Konzentration, die Augen zu öffnen. Wo war er? Die Gitterstäbe!

Chaco sprang von seiner Pritsche auf. Im selben Moment bereute er die heftige Bewegung, denn ein pochender Schmerz ließ seinen Kopf dröhnen. Doch er verflog schneller, als er erschienen war.

Er war im Jail.

Na, Cowboy? Bist du wieder ganz da?“

Vor den Gitterstäben befand sich das Büro des Sheriffs. Auf dem Schreibtisch lagen die langen Beine eines pickligen, dümmlich aussehenden jungen Mannes, der in einem gekippten Stuhl saß. Im Licht der Petroleumlampe wirkte die ganze Szene nahezu gemütlich.

Ich bin Pinky“, sagte der Junge und zeigte auf den Stern an seiner Brust. „Hilfssheriff. Mister Leacock und ich haben dich vor dem Mob gerettet. Du sollst einen ordentlichen Prozess kriegen. Mister Cranston mag es nicht, wenn jemand gelyncht wird.“

Chaco musste bitter lächeln. Vor dem Fenster seiner Zelle war auf einmal Hufgetrappel zu hören. Pferde hielten an, Männer sprangen ab, Kommandos wurden gerufen. Chaco wandte sich wieder an den pickligen Jungen.

Und wer ist Mister Leacock?“, fragte er.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738911121
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
chaco fort teufels

Autor

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Titel: CHACO #25:  Das Fort des Teufels