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Er fürchtet weder Tod noch Teufel

2017 120 Seiten

Leseprobe

ER FÜRCHTET WERDER TOD NOCH TEUFL


LARRY LASH


Wildwest-Roman




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Charles Schreyvogel, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Nach vier Jahren …

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:


Einem inneren Drang folgend begibt sich Rüde Wirro, der Staatenreiter, eines Tages allein auf die Suche nach seinen verschollenen Partnern, mit denen ihn eine Freundschaft verbindet, die selbst der Tod nicht zu lösen vermag. Tomsitter und Sulwig kehrten vor einiger Zeit von einem Auftrag nicht zurück, ihr Schicksal bleibt im Dunkeln verborgen.

Auf seiner Suche quer durchs Land stößt Wirro auf einen alten Bekannten, der die Hölle im Blut zu haben scheint. Der in Colorado Springs die Macht über Gesetz und Ordnung hat, von dem die gesamte Stadt abhängig ist und für den das Töten ein Handwerk ist und kein Selbsterhaltungstrieb.

Doch Rüde verspürt keine Angst um sein eigenes Leben, sondern nur um das seiner Freunde. Er gerät in Hinterhalte und kennt selbst, gleich einem beutehungriger Panther, kein Erbarmen seinen Feinden gegenüber. Er legt ihnen seine Rechnung aus gnadenloser Härte und heiß hinausgefeuerten Kugeln vor. Ob das jedoch reichen wird, seine Freunde noch lebend zu finden und gleichzeitig Burt Lane das Handwerk zu legen wird sich zeigen …





1.


Überlegen Sie es sich, Wiro. Sie wissen genau, dass ich in dieser Sache nichts für Sie tun kann.“ Oberst Tan Malley war am Ende seiner Überredungskunst.

Drei Stunden lang hatte er versucht, dem hageren Mann, der sich ihm gegenüber im Lehnstuhl räkelte, seinen Standpunkt klarzumachen. Drei Stunden hatte er in allen Tonarten gesungen und sämtliche Register gezogen – vergeblich! Zuerst hatte er es mit Bitten versucht, dann mit Schimpfen und zum Schluss mit düsteren Prophezeiungen – alles umsonst!

Wiro hatte sich das alles in Ruhe angehört, verzog keine Miene. Die ganze Zeit über ritzte er mit seinem Messer Kerben in die Schreibtischkante, sehr zum Ärger des Obersten, und nebenbei beschnitt er sich noch die Fingernägel. No, er benahm sich wahrlich nicht wie ein Gentleman. Dieser verteufelte Rüde Wiro unterstand sich sogar, vor Langeweile zu gähnen, und hatte mit einem sanften Ruck die Stiefel auf die Schreibtischplatte gehoben, sodass Tan Malley deutlich die zerrissenen Schuhsohlen und die verrosteten Sporen sehen konnte.

Ich kann wirklich nichts für Sie tun, Wiro. Außer, Sie bringen einen Beweis dafür, dass Ihre beiden Freunde, wie Sie annehmen, bei den Colorado Springs umgekommen sind. Ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, dass das Ihr eigener Entschluss ist und dass der Staat Sie in dieser Angelegenheit in keiner Weise unterstützen kann, wenn es sich auch um Staatenreiter handelt.“

Well, ich verstehe, Herr Oberst!“

Kurz, abgehackt kamen seine Worte hervor. Das Messer in seiner Hand löste sich, drehte sich in der Luft und landete mit der Spitze in der Schreibtischplatte, sodass der Schaft hin und her vibrierte.

Mit anderen Worten: Lane wird ein Sonderrecht eingeräumt“, dehnte er.

Er war immerhin Senator!“

Ich weiß, Oberst – und jetzt ist er der größte Rinderbaron in den Colorado Springs. Yeah, ein gewaltiger Mann mit einer großen Vergangenheit und …“

Was seine Vergangenheit anbetrifft, so bin ich darüber nicht informiert“, unterbrach ihn Tan Malley grimmig. „Aber es ist doch wohl bei den meisten Menschen so, dass in ihrer Vergangenheit irgendein dunkler Punkt ist. By Jove, seien Sie doch kein Narr, Wiro! Sie sind einer meiner besten Reiter, und ich verliere Sie nur ungern.“

Wenn Gunar Tomsitter oder Dave Sulwig hier an meiner Stelle stehen würden, Oberst, würden auch sie keine Minute gezögert haben. Mein Entschluss steht fest!“

Herr im Himmel, Sie sind ein störrischer Maulesel, Wiro. Sie können wahrscheinlich nicht vergessen, dass die beiden vor ihrer Einstellung bei den Staatenreitern Ihre Partner waren.“

Genau das, Oberst! Wir waren sechzehn Jahre alt, als wir unseren ersten Trail bis nach Feuerland machten.“

Zum Teufel, ich entlasse Sie nicht, Wiro. Hören Sie, Captain, Sie sind bis auf weiteres beurlaubt. Ich werde auf den Tag warten, an dem Sie sich wieder zum Dienst stellen, und der Teufel soll Sie holen, wenn Ihnen diese Entscheidung missfällt! Und nun zum Schluss noch eine private Frage, Wiro.“

Seine Lider senkten sich, sein massiges Kinn schob sich ein wenig vor, und er stemmte seine mächtigen Tatzenhände auf die Schreibtischplatte, als wolle er sie Umstürzen und mitsamt den Stiefeln seines Gegenübers hinwegfegen.

Sie sind doch jetzt drei Jahre bei uns, nicht wahr?“

Rüde Wiro nickte gelassen, er nahm die Stiefel herunter, packte den Griff des offenen Messers, zog die Klinge aus dem Holz und schabte den drei Tage alten Bart, der sein kantiges, schmales Gesicht umrahmte, in dem zwei meergrüne Augen von seltsam intensiver Farbe leuchteten.

Mit der Messerspitze schob er seinen Stetson tiefer in den Nacken und knurrte verdrossen:

Heute auf den Tag genau drei Jahre, Boss, und es hat nicht einmal so viel eingebracht, dass ich meine Stiefel sohlen lassen und mir eine neue Ausrüstung kaufen konnte.“

Hell and Devil, schieben Sie lieber den Whisky zur Seite“, fauchte ihn der Oberst an. „Der Sold sollte reichen, um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Aber was machen die Herren Staatenreiter? Sie spielen und trinken, unterscheiden sich darin kaum von den Langreitern und Satteltramps, von den Gezeichneten, hinter denen sie her sind. Yeah, eine feine Sache muss ich schon sagen, Captain! Ihr seid alle gleich, keiner denkt an die Zukunft, keiner ans Sparen!“

Die Unkosten sind zu groß, Boss“, konnte sich Rüde nicht verkneifen zu sagen.

Hölle, wenn man Sie anhört, glaubt man tatsächlich, dass die Staatenreiter am Hungertuch nagen. Aber Schluss damit, ich wollte fragen, was vor vier Jahren geschah?“

Das Grinsen verlor sich aus Rüdes Gesicht, seine Augen bekamen einen seltsam lauernden Ausdruck. Sein schmaler Mund öffnete sich und hörbar sog er die Luft ein.

Was wissen Sie, Oberst?“

Nicht viel … ich denke, dass Sie mir jetzt darüber berichten werden.“

Irrtum, Oberst! Ich werde Ihnen darauf keine Antwort geben. Jedenfalls so lange nicht, bis ich eine Spur von meinen Freunden gefunden und Beweise in den Händen halte. Ich will Ihnen keine Ungelegenheiten machen, Oberst. Ich quittiere meinen Dienst!“

Seien Sie doch nicht so empfindlich, Wiro. Bisher hatten Sie doch das Gesetz im Rücken!“

Boss, glauben Sie im Ernst, dass ein Mann auf dem langen Trail durch einen Orden geschützt wird? Ein Staatenreiter ist immer auf sich allein gestellt, aber das hat nichts weiter zu sagen … so long, Oberst.“

Rüde Wiro erhob sich jäh.

Auch der Oberst stemmte sich hinter seinem Schreibtisch in die Höhe. Jetzt, da beide standen, sah man erst, dass Rüde Wiro sein Gegenüber um Haupteslänge überragte.

Der Oberst hatte ganz schön Fett angesetzt, hatte einen dicken Bauch, den er gegen die Schreibtischplatte schob. Alles an ihm war volle Massigkeit eines gutlebenden Bürgers. Rüde Wiro dagegen besaß einen durchtrainierten Körper, breit ausladende Schultern, schmale Hüften, hatte stahlharte Muskeln, wirkte wie ein Wüstenwolf, den die Enge des Raumes bedrückte.

Well, ich kann Sie nicht halten, Captain, aber ich will nicht versäumen, Ihnen viel Erfolg und Glück zu Ihrem Unternehmen zu wünschen. Beides werden Sie brauchen können, denke ich … und vor allem eine schnelle Hand!“

Er schob Rüde seine Tatze entgegen. Dieser nahm sie, und der Oberst verzog sein Gesicht vor Schmerz, wurde ein wenig blass und tastete mit der freien Linken rückwärts zur Lehne. Er hatte das Gefühl, als säße seine Rechte in einem Schraubstock, der sich immer fester schloss und ihm das Fleisch von den Knöcheln zu lösen schien.

So long“, murmelte er und atmete auf, als der Druck sich löste.

So long, Oberst“, erwiderte Rüde, schob sein Messer ins Futteral zurück, rückte seine beiden, tief hängenden Colts so weit nach vorn, dass sich die Lederriemen spannten. Dann zog er seinen grauen, fleckigen Stetson tiefer in die Stirn, und sein Blick flog noch einmal Abschied nehmend über die Einrichtung des recht nüchternen Büros.

Yeah, vielleicht war er hier zum letzten Mal, sagte er sich. Diese Vorstellung schmeckte irgendwie bitter. Die Tür zum Nebenraum stand offen. Zwei bleiche Schreiber schauten ihn teils neugierig, teils befremdet an, und im Hintergrund hantierte, ein hübsches Mädchen an einem Regal. Sie blinzelte ihm zu und lächelte.

Er gab dieses Lächeln zurück und tippte an die Stetsonkrempe. Yeah, er konnte nicht abstreiten, dass er immer wieder gerne ein hübsches Mädchen sah. Er stellte mit Vergnügen fest, dass sie leicht errötete und die Augen recht schamhaft niederschlug. Diese kleine Begegnung entschädigte ihn für die letzten drei Stunden, in denen er dazu verurteilt war, Oberst Malleys schlechte Whiskys zu trinken und geduldig zu lauschen auf etwas, was ihm gleich am Anfang der Unterredung klar gewesen war, und zwar, dass das Gesetz sich nicht gegen Burt Lane stellen würde.

Yeah, wenn man diesem Lane nur etwas nachweisen könnte, dann würde Oberst Malley keine Bedenken haben einzugreifen.

Er verließ den Raum. Draußen blinzelte er gegen die grelle Sonne, atmete tief die Luft ein und ging dann quer über den Platz zu seinem Quartier, einem langgestreckten Bau, in dem die Staatenreiter ihre Unterkunft hatten.

Einige hagere Männer mit falkenäugigen Blicken standen auf der Veranda und rauchten, andere dösten in Schaukelstühlen vor sich hin.

Ein baumlanger Texaner räkelte sich gelangweilt, hielt Rüde mit den Worten auf:

Sonderauftrag vom Boss?“

Tom, der Alte war nicht erbaut davon, dass ich ihn um einige Monate Urlaub bat.“

Urlaub?“, fauchte Texas-Tom auffahrend. „Danach siehst du wahrhaftig nicht aus. Aber als ich sah, dass du deine Sachen gepackt hattest, und als ich hörte, dass du dir eine Löhnung abgeholt hast, kam es mir gleich sonderbar vor. Ich tippte allerdings auf einen Sonderauftrag. Mein Lieber, in letzter Zeit mache ich mir Gedanken über dich!“

So?“

Yeah, mich soll der und jener holen, aber manchmal glaube ich, dich irgendwo schon einmal gesehen zu haben, und zwar vor etwa vier Jahren …“

Tut mir leid, Tom. Vor vier Jahren war ich noch nicht im Dienst.“

Des Texaners Stirn legte sich in Falten.

Auch das habe ich mittlerweile erfahren“, dehnte er.

Man hat mir erzählt, wann du eingetreten bist und dass du zusammen mit deinen Freunden Tomsitter und Sulwig am gleichen Tag den Orden angenommen hast.“

Er brach ab und trat von Rüde zurück, gab ihm den Weg frei.

Weißt du, ich war verteufelt neugierig, Kamerad“, erklärte er. „Aber du musst wissen, dass ich …einige Male mit Tomsitter und Sulwig geritten bin. Beide waren prächtige Kerle. Wir haben zusammen bis zum Hals im Dreck gesteckt und kamen immer wieder heraus, und darum stimmt es mich nachdenklich, dass zwei so schnelle, glatte Kanonen in den Colorado Springs verschollen sein sollen, ohne dass Oberst Malley tüchtige Männer auf die heiße Spur setzt. Zum Teufel, Wiro! Dein Urlaub ist mir verständlich. Ich kann dir versichern, dass ich an deiner Seite reiten würde, wenn ich nicht noch einen bestimmten Auftrag zu erledigen hätte.“

Ich werd allein zurechtkommen, Tom.“

Daran habe ich nicht gezweifelt, Wiro, aber du reitest in eine Wildnis, in der es nicht ganz einfach ist, sich zurechtzufinden. Ich war nur einmal in der Gegend der Colorado Springs und weiß Bescheid. Du wirst die Ohren steif halten und die Hand nicht aus der Nähe der Kolben nehmen dürfen. Schenke niemandem dein Vertrauen und achte immer darauf, dass du dir deinen Rücken frei hältst.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich in den Springs viele Geächtete, Desperados und anderes Gesindel breitgemacht hat, dass sie dort ungestört leben können, denn die Schlupfwinkel sind dort so mannigfaltig, dass selbst eine Riesenarmee vergeblich suchen würde. Man sagt, dass sie sich organisiert haben, dass sie jeden Fremden auf Herz und Nieren prüfen, und man spricht offen davon, dass das große Rudel von Verbrechern dort oben einen Anführer hat. Aber das dürfte dir ebenso bekannt sein wie mir, Wiro. Wann reitest du?“

In einer Stunde!“

All right, dann bleibt uns noch ein wenig Zeit zu einem kurzen Drink in der Kantine, Freund.“ „Ich glaube, dass ich einen vertragen kann.“ „Ganz sicher, Wiro, denn in den Springs bekommst du einen vorgesetzt, der dir die Rachenhöhle ausbrennt und dir den Magen umstülpt“, grinste ihn Tom an, wobei er ihm sanft die schmale Revolverhand auf die Schulter legte.

In unserem Beruf sollte man die Feste feiern, wie sie fallen. Oder gehörst du zu den Glücklichen, die für den Staat reiten, um sich später auf einer Ranch niederlassen zu können?“

Rüdes Lippen verzogen sich zu einem leichten Grinsen. Seine Rechte klatschte sanft gegen das Futteral, und er sagte bedächtig:

Ich hatte noch nicht das Glück, im Innendienst zu arbeiten, Partner. Mit diesem Handwerkszeug aber kann man schneller zu einem Stück Erde kommen, als einem lieb ist. Yeah, wenige Fuß breit und gerade so tief, dass man sich bequem hineinlegen kann. Ah, gehen wir!“

Ich habe so eine Ahnung, dass du uns verlassen und deinen Dienst quittieren wolltest, Rüde Wiro“, lächelte der schlanke Texaner. „Und ich kann dir auch sagen, dass das dem Alten nicht passt und er dich an deinen Eid erinnerte. By Gosh, du bist daran gebunden und wirst einen Privatkrieg führen müssen, so wie er schon vielen Männern aufgezwungen wurde, die plötzlich außerhalb des Gesetzes standen. Yeah, und das, mein Freund, wird bei dir nie der Fall sein. Du wirst neutral bleiben müssen, was auch immer geschieht. By Gosh, der Eid bindet dich, würde dich selbst dann binden, wenn Oberst Malley dein Gesuch um Freistellung angenommen hätte. Buddy, du reitest keiner schönen Zukunft entgegen.“

Er senkte die Stimme, sah rasch von Rüde fort und warf einen Blick in die Runde, als befürchte er Lauscher. Aber niemand hatte ein Augenmerk auf sie.

Vielleicht hast du die Möglichkeit, dir in den Springs eine Insel zu erobern, auf der du geschützt bist, Fellow.“

Eine Insel?“, fragte Rüde überrascht.

Yeah, Burt Lane hat in den Springs ein Riesenrinderreich errichtet. Als er jung war, war er Staatenreiter. Später hat er sich zur Ruhe gesetzt und machte seinen Weg als Privatmann bis zum Senator.“

By Gosh, du weißt bestimmt, dass er bei den Staatenreitern war?“, unterbrach ihn Rüde mit bebender Stimme.

In dem offenen, klaren Gesicht des Texaners spiegelte sich Überraschung.

Hat dir Oberst Malley das etwa verschwiegen?“

Yeah, das hat er. Aber ich begreife nun endlich einiges. Oberst Malley und Burt Lane sind wohl Bügel an Bügel geritten, wie?“

Natürlich! Sie galten vor etwa zwanzig Jahren als die besten Fährtenleser und die härtesten Burschen. Sie waren der Schrecken aller, die sich gegen das Gesetz stellten. By Gosh, gab dir Oberst Malley nicht eine Empfehlung an Burt Lane mit?“ „Er wollte es“, murmelte Rüde leise. „Ich lehnte jedoch ab. Nicht einmal Burt Lane soll wissen, wer ich bin, wenn ich dort aufkreuze.“

Hm, deine Vorsicht in Ehren, aber er war Staatenreiter und könnte dir bestimmt helfen.“ „Buddy, es ist eine alte Sache. Jeder ist sich selbst der nächste.“

Nun, das ist deine Sache. Ich für meinen Teil würde die Hilfe nicht ausschlagen, denn auch Lane ist an seinen Eid als Staatenreiter gebunden, so lange er lebt. Der Eid löscht auch dann nicht aus, wenn sich einer ins Privatleben zurückzieht. Bedenke das!“

Wann hat Burt Lane seinen Dienst quittiert?“

Vor zehn Jahren etwa. Aber deine Frage und die Art, wie du sie stellst, beunruhigen mich. Hast du etwas gegen ihn? Oder kennst du ihn gar?“

Rüde hielt dem seltsam prüfenden Blick seines Gesprächspartners stand, zuckte mit keiner Wimper.

Ob er Lane kannte? By Gosh, allein der Name des Mannes brachte ihn in Erregung, wallte sein Blut auf und ließ sein Herz schwer gegen die Rippenwandung hämmern.

Oh yeah, er kannte Burt Lane. Aber es war ungewiss, ob Lane das Gleiche behaupten konnte. Vor vier Jahren, damals, als er noch mit Gunar Tomsitter und Dave Sulwig zusammen auf dem Trail war, hatte er den großmächtigen Burt Lane in Dodge City kennengelernt und ihm einen Kampf geliefert, bei dem Burt Lane gezeichnet wurde.

Rüde stemmte sich gegen die Gedanken der Vergangenheit. Vielleicht war Burt Lane wirklich der Mann, für den der Oberst und auch Tom ihn hielt, und der Vorfall in Dodge City etwas, was am Ende eines großen Treibens durch die erregten Gemüter, Whisky und Zorn zustande gekommen war. Vielleicht erfüllte sich Rüdes Verdacht nicht einmal und die Fährte der Freunde führte zu irgendeiner rauen Killermeute.

By Gosh, er machte sich keine Illusionen mehr.

Es war gewiss, dass er zwei Gräber finden würde, irgendwo, verlassen im wilden Land.

Dunkel wie Grüfte wurden seine Augen, rau kam es von seinen Lippen:

Komm, Fellow … nehmen wir den Drink!“



2.


Colorado war ein Land, das bis 1858 von keiner Menschenspur durchzogen war, eine Einöde ohnegleichen, und hatte erst in den letzten Jahren Hartgesottene, Goldwäscher, Digger, Desperados und Rowdys in geradezu erschreckendem Maße angezogen. Man hatte Gold in den Nebenflüssen des Süd-Platte-River entdeckt, und der Menschenstrom wälzte sich nach Westen.

Abenteurer, Glücksritter und menschliche Hyänen, die nur darauf lauerten, sich zu bereichern, Menschen, die rücksichtslos alles niedertraten, was sich ihnen in den Weg stellte. Revolvermänner und Killer, Männer, die in die Bergarbeitercamps von Denver, Golden, Central-City, Mount Vernon und Leadville Unruhe, Gewalttätigkeit, Mord und Totschlag brachten, die dafür sorgten, dass das raue, tolle Leben menschliche Existenzen vernichtete.

Colorado … ein Tummelplatz der bösen Elemente! Wenn man von einem Mann sagen konnte, dass er schwer reich wurde, dann war es Burt Lane. Die Masse Mensch brauchte Fleisch. Der Hunger trieb sie, selbst die höchsten Preise zu bezahlen. Burt Lane aber diktierte sie. Alle Rancher in der Umgebung von Colorado Springs verkauften an ihn, stellten sich hinter ihn und seine Crew, die raueste, die es jemals auf einer Ranch gab. Es waren Männer, die mit ihren Eisen verwachsen waren. Kerle, die nur eines kannten: reiten und schießen.

Jeder Einzelne aus der Lane-Crew war ein besonderes Exemplar mit seinen Waffen. Wenn Burt Lane mit seiner Meute aufkreuzte, verstummten die lautesten Schreier, verdrückten sich jene Burschen, die sonst mit den Colts balancierten. Himmel, yeah, dann hielten sich sogar die Burschen zurück, die gegen die unsinnig hohen Fleischpreise protestierten.

Burt Lane aber bezahlte seine Männer fürstlich. Jedenfalls so, dass sie keine Lust hatten, von seinen Fetttöpfen fort in die Fronarbeit eines Camps zu gehen. Und Burt Lane gebrauchte seine Macht. Er setzte sich selbst zum Friedensrichter ein, hielt Gericht, verurteilte, hielt Ansprachen und wurde reicher mit jedem Tag.

Vor ihm zogen die härtesten Killer ihren Stetson, drückten sich die Satteltramps scheu beiseite. Sein Name prangte überall dort, wo man einkaufen, essen und sich amüsieren konnte. Er beherrschte die Weide, hatte Einfluss in den Goldwäschercamps, in den Bergwerken, wo Erz gebrochen wurde, und seine Stimme reichte weit über die Landesgrenzen hinaus.

Er hatte seine Hände in Transportunternehmen und gehörte einer Versicherungsgesellschaft an. Man raunte sich zu, dass er mit jedem Überfall, der auf einen seiner Transporte gestartet wurde, mehr Geld verdiente als der Präsident der Vereinigten Staaten.

Keiner wagte es jedoch, öffentlich laut zu sagen, dass man ihn für einen Versicherungsschwindler hielt, denn überall lauerten seine Agenten. Kerle, die er bezahlte und die ihm alles zutrugen. Wer gegen Burt Lane war, fand sich bald in unangenehme Dinge verwickelt, aus denen ihn nur die Flucht über die Grenze heraushelfen konnte.

Yeah, Burt Lane galt als der ungekrönte König weit und breit. Das alles hatte Rüde bereits erfahren, und es war mehr, als er erwartet hatte, viel mehr, als er verdauen konnte. Und erst jetzt wurde ihm so recht bewusst, gegen welchen Giganten er angehen wollte.

Er war am Quellgebiet des Rio Grande über die Miguel-Mountains gekommen und hatte die Cochetopa-Hills rechts liegen lassen. Jetzt hielt er auf den Gunison-River zu und vor ihm lagen die West Elk-Mountains. Eine bizarre Kette rauer Berge. Er hielt seinen Rappen an, lenkte ihn in genau nordöstlicher Richtung weiter. Irgendwo hinter dem dunstigen Bergkoloss lag der Cripple-Creek, der von Norden kommend in weicher Kurve nach Südwest an den Sawatsch-Gebirgen vorbei seinen Weg zum Arkansas suchte.

Rau und steinig war das Land. Der gelbe Staub der Berge hatte sich in seine Poren eingefressen, lag auf dem Fell des Rappen und Staub wallte unter den trägen Hufen des Tieres empor. Meile um Meile blieb zurück. Über Berge und Täler, durch Schluchten und Canyons trugen ihn die Hufe immer weiter nach Norden. An ausgestorbenen, gespenstisch leeren Hüttendörfern vorbei, die, das sah man an den traurigen Dingen, die umherlagen, flüchtig erbaut und ebenso verlassen worden waren, weil dort am Gunison-River die Ausbeute an Gold nicht gelohnt hatte. Die ausgewaschenen Ufer boten einen trostlosen Anblick. Schüttelsiebe und verrostete Pfannen lagen umher.

Rüde ritt durch das verlassene Dorf, trieb drei streunende Coyoten auf und, yeah, sah einen Mann, der plötzlich aus einer der verwitterten Hütten trat und seine alte Winchester in Anschlag hielt.

Heh, Stranger!“

Der zornig wirre Blick des struppigen Kerls verstärkte Rüdes Wachsamkeit. Er hielt mit einem scharfen Ruck den Rappen an, beugte sich ein wenig im Sattel vor.

Hallo!“

Der Kerl stand höllisch wachsam da, ließ ihn nicht aus den Augen.

Wohl weit geritten, wie?“, krächzte er nach einer Pause, wobei sein Blick begehrlich auf den Rappen gerichtet war. Er schob seine breitausladenden Schultern höher, spreizte die lächerlich dünnen, krummen Beine, die in zerfetzten Hosen und Stiefeln steckten, auseinander, grinste, als hätte er einen prächtigen Witz gerissen, und fuhr sich mit der Zunge über die zersprungenen, blutleeren Lippen. „Ein Mann kann weit reiten“, grinste er, als er keine Antwort bekam. „Man ist nie vor Überraschungen sicher. Hier hast du sicher keine Menschenseele erwartet, wie?“

Er schob die Winchester höher, grinste stärker, wobei er seine beschädigten Zähne zeigte.

Rüde hatte somit Gelegenheit, den gedrungenen, schäbig aussehenden Kerl zu mustern. Hunger und Gier standen ihm in den Augen. Und der Hunger war es auch, der seine Wangen hatte tief einfallen lassen.

Steige vom Pferd, Stranger“, forderte der Tramp. „Und heb schön brav die Hände!“

Rüde lächelte freundlich. Jetzt, da der Kleine entschieden hatte, wusste Rüde, woran er war. „Mein Pferd scheint dir zu gefallen?“

Jedes Pferd würde mir in meiner jetzigen Verfassung gefallen“, entgegnete der andere. „Je schneller es jedoch ist, desto besser ist es für mich. Dein Rappe scheint mir besonders schnell zu sein, und das gefällt mir wahrhaftig sehr gut.“

Hm, auch mein Proviant scheint dich nicht ganz gleichgültig zu lassen, Buddy. Du hast wahrscheinlich lange nichts mehr zwischen den Zähnen gehabt, wie?“, fuhr Rüde sanft fort, ganz so, als spreche er mit einem verzogenen, unmündigen Kind.

Mit einer schroffen Handbewegung schnitt der Kleine ihm das Wort ab. „Burt Lanes Fleischpreise werden auch dir bald den Appetit verderben, junger Freund“, grinste er höhnisch.

Sie haben mir den Appetit so gründlich genommen, dass ich schnell aus dem Land verschwinden muss, und dazu sollen mir dein Pferd und deine Ausrüstung verhelfen. Du kannst dir wohl kaum vorstellen, wie einem Mann zumute ist, der sich seit einer Woche von allerhand schäbigen Dingen ernähren muss.“

Ein Mann, der sich auf der Flucht befindet, hat sogar Angst davor, seine Winchester abzuknallen“, unterbrach ihn Rüde. „Ich nehme an, dass du mich aus der Hütte dort eine ganze Weile beobachtet hast, stimmt’s?“

Die Augen des Kleinen zogen sich zusammen. Unruhig wiegte er sich hin und her. „Was willst du damit sagen?“

Dass du mich glatt aus dem Sattel heben konntest und es dennoch nicht getan hast. Dass du den Ehrgeiz hattest, mich vor dir zu sehen, und dass du verteufelt schnell gehandelt hast, Buddy.“

Du bist sehr vorsichtig durch diese Gespensterstadt geritten. Ganz in der Art eines Mannes, der etwas auf dem Kerbholz hat und hinter jeder Ecke einen Feind wittert. Yeah, das macht dich mir sympathisch. Aber verlange nicht, dass ich auf meine Wünsche verzichte und mit dir verhandle. Ich habe es höllisch eilig, mein Junge. Nur weil ich weiß, wie es einem Mann zumute ist, der hinter jeder Ecke einen Feind vermutet, habe ich dich nicht aus dem Sattel gehoben. Es tut mir leid, aber du wirst deinen Trail zu Fuß fortsetzen müssen.“ Der Kleine hatte sich in eine kalte Wut hineingeredet.

Schade, Buddy, vielleicht wären wir Partner geworden“, lächelte ihm Rüde sanft zu. Er tat so, als wolle er dem Befehl nachkommen, verhedderte sich in den Steigbügeln und schien schräg aus dem Sattel zu fallen. Im gleichen Augenblick wummerte die Winchester auf, der tödliche Feuerstrahl raste über Rüde hinweg klatschend in die gegenüberliegende Wand eines halbzerfallenen Hauses hinein.

Wie von selbst sprang der rechte Colt in Rüdes Hand.

Noch bevor der Kleine zum zweiten Male abdrücken, den Hahn ziehen konnte, pflügte Rüdes Kugel ihm die Waffe aus der Hand. Mit einem Wutschrei warf sich der Mann vorwärts. By Gosh, der Hunger und die Not mussten ihn so gewaltig in den Krallen haben, dass er alle Vorsicht vergaß, dass er nur noch von dem einen Gedanken beseelt schien, den Gegner zu bezwingen.

Der Teufel mochte wissen, was der Bursche hinter sich gebracht hatte, was ihn dazu trieb, wie ein Berserker laut brüllend mit den nackten Fäusten auf Rüde loszugehen. Vielleicht war es ein Kurzschluss der Nerven, eine Panik, die ihn nicht anders handeln lassen konnte. Seine krallenartig geöffnete Hand sauste, an den Zügeln des jäh aufsteigenden Rappen vorbei, ins Leere. Ein Vorderhuf schmetterte haarscharf an seiner Schulter vorbei.

In Sekundenbruchteilen nur entschied Rüde sein Los. By Gosh, er kannte den Rappen, zwang ihn mit harter Hand herum, riss und zerrte an der Kandare und auch der zweite Vorderhuf sauste durch die Luft, aber er traf nicht mehr, hieb den Mann nicht zu Boden, der die Nerven verloren hatte, sondern schlug daneben. Rüde aber schwang sich weit aus dem Sattel und schlug zu.

Sein Faustschlag traf mit Wucht die Brust des Mannes, sodass dieser keuchend die Luft ausstieß und weit zurückgeschleudert wurde.

Du Narr!“

Hart und kalt kam es über Rüdes Lippen. Seinen Revolver hatte er bereits wieder verschwinden lassen, hatte den Rappen so weit gebändigt, dass er mit zitternden Flanken unter ihm im Sattel stand. Hochaufgerichtet saß Rüde im Sattel. Sein schmales Gesicht war zur Maske erstarrt.

Mit der Faust soll man niemals einen Mann angehen, der zwei Colts trägt, Buddy. Das müsstest du eigentlich wissen, denn du bist doch kein Greenhorn mehr.“

Der Kleine hatte sich wieder so weit gefangen, dass er ruhig da stand.

Du hast recht. Ich habe wie ein Greenhorn gehandelt“, kam es düster von seinen Lippen. Er starrte zu seiner Winchester hin. Seine Lippen schoben sich vor, und seine Zähne vergruben sich in der Unterlippe.

Wohl ein Zufallstreffer, wie? Ein besonders glücklicher Schuss“, stieß er plötzlich heiser hervor.

Wenn du meinst, bitte, probier’s aus!“

Der Kleine hob das Kinn. Nach der Niederlage war er noch zerzauster, unansehnlicher geworden, war von einem unbändigen Zorn gegen sich selbst und seinen Bezwinger erfüllt.

Ich will es gelten lassen“, knurrte er in seinen Bart. „Du hast mich aus dem Spiel gebracht. Nun, so mach schon ein Ende. Aber vorher möchte ich erfahren, wie lange du dazu gebraucht hast, meine Fährte zu entdecken?“

Die wässrig blauen Augen des Kleinen hefteten sich fest auf Rüde.

Noch bevor dieser antworten konnte, fuhr er fort:

Und wenn ich aus den Stiefeln falle, Freund, bestell deinem Auftraggeber einen Gruß und sage ihm, dass auch er gewiss eines Tages zum Teufel fährt. Yeah, eines Tages muss der Strick reißen, an dem Burt Lane zieht. Vielleicht ist er bereits morsch, und Lane weiß es nur noch nicht.“

Er stieß ein grässliches Lachen aus, verschränkte die haarigen Arme über der Brust. „Durch deine Kugel wird er nicht das viele Unrecht auslöschen können und mit mir wird er auch nicht die Gerechtigkeit aus der Welt fegen. Also, wie bist du auf meine Fährte gestoßen? Rück schon heraus mit der Sprache!“

Ah, Fellow, ich sehe dich zum ersten Mal, und es wäre eine Lüge, wenn ich behaupten würde, auf deiner Fährte zu sein!“

Was zum Teufel tust du dann sonst in dieser verlassenen Gegend?“, forschte der Alte. „Na, los, wenn du schon nicht reden willst, dann mach’s besser kurz. Drück ab! Es ist für mich besser, als wieder zurück zu müssen. Los denn!“

Statt aller Antwort schwang sich Rüde aus dem Sattel, packte die Zügel und kam langsam auf den Alten zu, blieb in fünf Yards Abstand stehen, sah ihn zwingend an.

Die Augen des Mannes flackerten.

Spann mich nicht auf die Folter, Stranger“, krächzte er heiser. „Mit einem glatten Schuss ist die Sache schnell entschieden.“

Rede keinen Unsinn, Mann“, unterbrach ihn Rüde. „Umdrehen!“

Umdrehen? Ich kann dem Tod besser ins Auge schauen, als ihn hinter mir zu wissen.“ „Umdrehen und marsch in die Hütte hinein!“, kommandierte Rüde. Der harte Ton in seiner Stimme ließ den Mann gehorchen. Langsam setzte er sich in Bewegung. Rüde riss den Proviantpacken vom Sattelhorn, warf ihn sich über die Schulter, schritt hinter dem Mann drein in die Hütte.

Was soll das alles heißen?“, schnappte der Oldtimer über die Schulter. „Warum das Theater?“ „Nun, weil wir beide Hunger haben, Fellow, und weil es allerhöchste Zeit ist, etwas zwischen die Zähne zu bekommen.“

Der Kleine fuhr herum. Seine Arme fielen matt an den Seiten herunter. Aus seiner Kehle kam ein dumpfes Schluchzen. Er starrte Rüde an, wie ein fremdes Wesen aus einer anderen Welt, streckte plötzlich beide Hände aus, kam auf Rüde zu, tastete an ihm herum, als wolle er sich davon überzeugen, dass sein Gegner wirklich aus Fleisch und Blut bestand.

Großer Gott“, presste es sich schließlich über seine Lippen, „gibt es das wirklich?“

Dann lachte er ein glückliches, heiseres Lachen, trat zurück und lehnte sich erschöpft gegen die Wand.

Seit vier Tagen habe ich keinen Bissen mehr geschluckt“, murmelte er, indem er zum Wassereimer trat, ihn hochnahm und sagte:

Das war meine einzige Nahrung … Wasser! By Gosh, ich …“ Er brach ab, fuhr dann mit schriller Stimme fort:

Sie haben mich gehetzt und gejagt, aber das ist dir wohl nichts Neues. Jedermann hier weiß, dass er sich vor dem großmächtigen Burt Lane zu beugen hat. Ich habe mich nicht gebeugt. By Gosh, es hat nicht viel gefehlt, und es wäre mehr geschehen, als das, dass er mich eingebrochen hätte. Stranger, du machst einen großen Fehler, wer Trende Stany hilft, ist von vornherein bei Burt Lane abgemeldet. Du bist ein Neuling hier, sonst würdest du es nicht wagen, einem Mann Essen anzubieten, den Lane verfolgt und stellen will. By Gosh, halte dich aus meiner Nähe fern, steig auf und reite weiter!“

Das würde ich nicht einmal tun, wenn du die Pest am Leib hättest, Freund“, erklärte Rüde rau.

Der Kleine sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Aller Hohn schwand aus seinem Gesicht.

Wenn das dein Ernst ist, Buddy, könnte ich mir direkt vorstellen, dass ich an deiner Seite zurückgehe. In Colorado Springs brauchen sie einen Mann, der Burt Lane die Stirn bietet. Du trägst zwei Eisen und bekommst sie auffallend schnell aus dem Holster. Yeah, du hättest eine kleine Chance zu leben. Aber warum solltest du dir einen Mann zum Gegner machen, der wie ein Gott über allem steht?“

Vielleicht nur, um zu erfahren, wie ein Mann, den man fast zu Tode hetzte, sich an meiner Seite benimmt“, erklärte Rüde gelassen. „Ich nehme dich beim Wort, Trende Stany!“

Das lederfarbene Gesicht des Alten zuckte. Seine Rechte streckte und ballte sich. Seine Augen sahen mit einem fanatischen Glanz durch Rüde hindurch, als stellten sie sich im Geiste seine Rückkehr an der Seite dieses Mannes, den ein sonderbarer Zufall ihm in den Weg geführt hatte, vor.

Ich will verdammt sein, wenn ich dieses Angebot ausschlage“, erklärte er grimmig. „Aber ich habe dich gewarnt. Du wirst schon bei der ersten Begegnung mit Anhängern des allmächtigen Lane entweder die Eisen sehr schnell lüften müssen, oder wir fahren noch schneller zur Hölle.“



3.


Es wurde Mittag, und es wurde Abend. Rüde entschloss sich, die Rastpause bis Mitternacht auszudehnen. Die tote Goldgräberstadt eignete sich vorzüglich für ein Camp. Feuer knisterte im Kamin, Kaffeegeruch lag im Raum. Unglaubliche Mengen hatte Trende Stany zu sich genommen. Er war wie ein Wolf, der nach langer Hungersnot den Bauch so prall gefüllt hatte, dass man den Eindruck haben konnte, er platze jeden Moment aus der Haut heraus.

Aber nichts dergleichen passierte. Im Gegenteil, der Oldtimer wandelte sich zu seinem Vorteil. Gewiss wäre jeder andere normale Mensch an den unheimlichen Mengen, die er verschlungen hatte, eingegangen, nicht aber Stany. Der irre Glanz verschwand aus seinen Augen, und genießerisch nagte er das letzte Fleisch von der gebratenen Rehkeule, suchte den Knochen säuberlich ab und sein Mund glänzte vor Fett. Man sah ihm förmlich an, dass er die Mahlzeit mit höchstem Genuss und großer Behäbigkeit zu sich nahm. By Gosh, es musste gewiss eine Täuschung sein, wenn Rüde glaubte, dass sein Gegenüber mit jedem Bissen mehr seinen Anzug ausfüllte.

Rüde hatte inzwischen die Blendläden geschlossen und eine Karbidlaterne, die der letzte Besitzer der Hütte zurückgelassen hatte, angezündet. Er hatte seinen Rappen in der Hütte eingestellt und die Winchester des Alten hereingebracht. Die Waffe war nur am Kolben, dort wo Rüdes Kugel sie getroffen hatte, etwas lädiert, sonst aber war sie in Ordnung. Sie stand nun handgerecht neben dem Hocker des Kleinen.

Eine Zigarette?“

Das wäre im Moment die höchste Seligkeit“, grinste ihn Trende an und fing geschickt die gedrehte Zigarette auf, die ihm Rüde über den Tisch zuwarf. Er schob sie zwischen die Lippen und ließ sich von Rüde Feuer geben.

Rauchend saßen die Männer sich gegenüber. Im Hintergrund kaute der Rappe den harten Mais, den Rüde ihm in einem Futtersack umgehängt hatte. Das Pferd stand im Schatten und seine Umrisse verschwammen mit der Hinterwand.

Drei Tage lang habe ich in dieser Hütte gehaust“, eröffnete der Kleine das Gespräch. „Aber niemals habe ich gewagt, die Karbidlampe anzuzünden, obwohl gerade dieses Haus das Beste von allen und abgeschirmt ist, sodass es nicht einmal ein großes Risiko gewesen wäre. Ich fühlte mich wie ein Tier in der Falle, das nicht mehr herausfand und nicht weiter wusste. Ich weiß nicht, Wiro, ob du schon einmal so in der Enge stecktest, dass dich jedes Geräusch an die Wand drückte. Drei Tage lang bin ich durch diese Gespensterstadt geirrt und wagte mich nicht aus ihr heraus.

Überall liegt hier Staub, überall sind die Spuren des Verfalls. Coyoten streichen nachts durch die Gassen und der Wind klappert mit den in den Angeln hängenden Türen, bringt wohl auch manchmal das verstimmte Klavier dort hinten in der Bar zum Schwingen, und wenn es stürmt, glaubt man, eine tolle Bande betrunkener Goldwäscher zöge grölend durch die Straßen. Manchmal meint man auch, Schüsse und höhnisches Gelächter zu hören und dann wieder girrendes, lockendes Frauenlachen.

Yeah, die ganze Nacht über spukt es ruhelos, und die Geister derjenigen, die in dieser Stadt ums Leben kamen, glaubt man seufzen und wimmern zu hören.

Oh, Wiro, ein Mann, der am Ende seiner Nervenkraft ist, ist seinen eigenen Halluzinationen verfallen, und seine Phantasie spiegelt ihm die tollsten Bilder vor.

Gewiss, es ist lächerlich, aber ein jeder Mann, der die Stadt kennt, weiß, dass sie die verrufenste weit und breit war. Man erzählt sich, dass in jeder Nacht hier einige Menschen ihr Leben aushauchten, dass jede Nacht die Banden der Trunkenen lärmten, schlugen und schossen und dass keine Frau vor den wilden Kerlen sicher war.

Dort unten am Fluss fand man Gold. Nicht genug, um eine große Ausbeute zu machen und nicht genug, um diese Stadt zum Blühen zu bringen, aber genug, um die Leidenschaften zur Weißglut zu entfachen, die niedrigsten Instinkte zu wecken und den Teufel tanzen zu lassen.

Burt Lane gründete diese Stadt. Er sorgte für die Stores, Lokale und Bars, setzte Spielhöllen hin. Natürlich alles gesetzlich! Kein Gesetzbuch verbietet das. Und Burt Lane war der Erste, der diese Stadt verließ. Er erkannte vor allen anderen, was ihr blühen würde. Ah, yeah, Burt Lane hat eine besondere Nase!“

Und deshalb ist er hinter dir her, Buddy?“, fragte Rüde, legte seine langen Beine auf die wacklige Tischplatte, streckte sie behaglich aus, zog den aromatischen, würzigen Rauch des Durham-Tabaks ein und tat so, als sähe er die jähe Veränderung nicht, die mit dem Kleinen vorging, der unruhig auf seinem Hocker hin und her rutschte.

Er wartete, bis er von selbst begann.

Ich hatte das Glück am Big Sandy Creek eine Goldader zu entdecken“, flüsterte er, so, als befürchte er Lauscher. „Die schönste Ader, die mir jemals vor die Augen kam. Sie war voll und schwer, kein Glimmer und keine Steinlage dazwischen. Ich steckte meinen Claim ab und ließ ihn eintragen. Um das zu erledigen, musste ich nach Colorado Springs. Ein verteufelt weiter Ritt vom Big Sandy Creek aus.

Ich musste warten, denn der allmächtige Burt Lane hielt bei meiner Ankunft gerade Gericht. By Gosh, hast du je gesehen, wie dieser Mann Gericht hält? Er tut es gerade dort, wo es ihm gefällt, egal, ob er einen Saloon, eine Schule oder eine Kirche dazu benutzt. Seine Strafen sind hart. Er verurteilt nur zu Geldstrafen, wer zahlen kann, ist frei, und wer es nicht kann, wandert ins Gefängnis, bleibt so lange drin, bis ihn seine Freunde loskaufen. So sitzt mancher abgebrannte Teufel schon seit Jahren wegen eines geringfügigen Vergehens hinter Schloss und Riegel.

An dem Tag, als ich in die Stadt kam, wurden sieben Burschen von ihm verurteilt. Keiner von ihnen hatte einen Anwalt oder einen Verteidiger. Was sie auch zu ihrer Entschuldigung vortrugen, wurde von Burt Lane einfach in einem Wortschwall erstickt. Er brachte es sogar fertig, dass alle Zuschauer sich vor Lachen bogen und sich auf seine Seite stellten.

Später konnte ich ihn sprechen und suchte ihn in seinem Büro auf. Er war gerade selbst dort, und nicht umsonst sagt man ihm nach, dass sein Witterungssinn geradezu unheimlich ist.

Jedenfalls trug er meinen Claim ein, und ich dachte, nun könnte ich zurück, um mit der Ausbeute zu beginnen. Bah, das war eine kindliche Illusion! Damals wusste ich nicht, dass mich zwei Kerle beschatteten und mich nicht aus den Augen ließen, dass sie hinter mir standen, als ich in einem Lokal mein Essen und meinen Whisky mit Gold bezahlte.

No, ich wusste damals nicht, weshalb das schönste der Barmädchen sich plötzlich an meiner Seite einfand und sich an mich drängte, als hätte mein Anblick sie so entfacht, dass sie hell brannte.

Yeah, damals hielt ich mich für einen Kerl, der eine gewisse Wirkung auf die Frauen hatte, und ließ mich von dem Girl umgarnen. Noch bevor ich recht begriff, saß ich mit ihr in einer Nische, hielt sie auf meinem Schoß und spürte ihre Wange heiß gegen die meine brennen. Ihre Schminke hielt ich für Jugend und mich selbst für einen unwiderstehlichen Don Juan. Ich berauschte mich an ihrer Weiblichkeit und trank mehr, als es für einen Mann gut ist. Ah, ich ließ die Musik auf mich wirken und hielt das Gehacke des automatischen Klaviers für Himmelsmusik, die die Götter mir selbst spendeten.

By Gosh, ich war zu lange einsam, auf der Suche nach dem Glück gewesen, um den Verlockungen Widerstand entgegensetzen zu können. Ich war nur zu gewillt, des Lebens Kelch bis zur Neige auszukosten. Selbst der Name des Saloons Paradies schien mir wie eine Verheißung zu sein. Der Rausch packte mich, der Rausch eines Mannes, der die Welt umarmen und an sich drücken wollte, der alle seine Wünsche erfüllt sah.

Ich tanzte mit ihr, und ich küsste sie zärtlich, schnallte meinen Gurt ab und leerte meine Börse, fand kein Ende, bis sich alles um mich drehte.

Oh, Hölle, ich muss wohl mitten auf der Tanzfläche umgefallen sein. Ich hörte das Kreischen und Lachen, hörte den lästerlichen Fluch eines Mannes, und dann wurde ich unsanft hochgerissen, flog in die Gosse. Ich stemmte mich hoch, ernüchtert, angewidert, aber zu schwach, um alles richtig zu erkennen, und sank wieder zurück.

Niemand leistete mir Beistand, und ich schlief vor Erschöpfung und unter der Wirkung des genossenen Alkohols ein. Als ich durch einen derben Stiefeltritt geweckt wurde, war es Morgen.

Ich wollte zu meiner Waffe greifen, bekam einen zweiten Stiefeltritt und einen Faustschlag, der mich zurückwarf.

Ein hässlicher Kerl stand vor mir, zog in aller Ruhe den Colt.

Verschwinde!“

Nur das eine Wort sagte er, weiter nichts. Er stand breitbeinig, mit höhnisch verzogenem Gesicht vor mir, und als ich dem Befehl nicht sogleich nachkam, hetzte er einen Wolfshund auf mich. Die Bestie riss mir die Kleider in Fetzen. Yeah, ich lief davon, verfolgt von dem Hund und von dem gellenden Gelächter der Zuschauer, vom hysterischen Kreischen der Bardamen. Ich rannte in eine Gasse und dort gelang es mir, den Hund abzuschütteln, über einen Hof hinweg zu meinem Hotel zu flüchten. Dort wusste man bereits Bescheid, und die grinsenden Gesichter der Männer zeigten mir nur zu deutlich, was sie von mir hielten.

Nun, ich sah zu, dass ich aus der Stadt kam, holte mir meinen Grauen und meine Winchester, versuchte nicht erst, meinen Revolver aus dem Paradies zu holen, sondern ritt, so schnell ich konnte, in Richtung Big Sandy Creek davon.

Erst als ich eine Meile von der Stadt entfernt war, fiel mir die Urkunde ein, die ich für meinen Claim bekommen hatte. Ich hatte sie noch und war verteufelt glücklich darüber. By Gosh, wenn ich meinen Claim ausgebeutet hatte, wollte ich zurückkommen und den schäbigen Kerlen zeigen, was ein Mann mit dem lumpigen Geld anfangen kann. Ah, ich war ein Narr! Ich hätte mir den Ritt zum Big Sandy Creek sparen können.

Sie empfingen mich dort.

Gien Brandt, Burt Lanes rechte Hand, John Price, von dem man sagt, dass er selbst dann nicht sein Lächeln verliert, wenn er einen Mann zur Hölle schickt, und Ted Morrel. Ich konnte weder vor noch zurück. Gien Brandt hielt mir eine 45er vor die Nase und John Price nahm mir die Winchester aus dem Sattelschuh. Ted Morrel zog mich unsanft aus dem Sattel und dann fielen alle drei über mich her.

Nach der Lektion war ich so weich, dass mein Kopf schwirrte und ich nur unklar erkennen konnte, dass ich Price schwer angeschlagen, Morrel ein grünes Auge verpasst und Brandt eine Schramme quer über das Gesicht getrieben hatte.

Den dreien jedoch machte das recht wenig, sie grinsten und Brandt sagte:

Du kannst in unseren Verein aufgenommen werden. Burt Lane kann Männer gebrauchen, die Mumm in den Knochen haben. Und du hast verteufelt mehr davon, als man nach der Schilderung im Paradies in dir vermutet hatte. Ich denke, dass du diese freundliche Aufforderung zu schätzen weißt!‘

Wie schon gesagt, ich war ein Narr, ich hätte meinen Zorn und meine Wut schlucken und lächeln sollen. By Gosh, vielleicht hätte ich das auch wirklich geschafft, wenn ich nicht gesehen hätte, wie Morrel mit seinem grünen Auge auf das Dokument, das er mir abgenommen hatte, schielte und dabei verteufelt grinste.

Zum Teufel mit euch!‘, fauchte ich.

Alle drei waren ein wenig überrascht.

Oh, er benimmt sich wie Tomsitter und …“, by Gosh, der andere Name ist mir entfallen.“

Sulwig“, ergänzte Rüde Wiro mit metallisch klingender Stimme. Der Oldman nickte erstaunt und hieb die Faust auf den Tisch. „Yeah, Sulwig war der Name. Doch woher kennst du ihn?“

Das erzähl ich später, fahr nur weiter fort in deinem Bericht“, beherrschte sich Rüde mühsam, der durch die Nennung der Namen seiner Freunde, um derentwillen er seinen Trail unternommen hatte, ein wenig aus der Fassung geriet.

Nur weiter im Song, Buddy!“

Der Alte runzelte die Stirn, forschte neugierig im Gesicht seines Gegenübers und hob die Schultern. „Nun gut! Als Morrel die beiden Namen aussprach, grinsten die anderen beiden recht seltsam, und Brandt stieß durch die Zähne:

Vielleicht hat er auch das gleiche Schicksal wie die beiden Greifer.‘

Er sah mich dabei an, wie einer, der einen Toten ansieht. Mir wurde es kalt und warm, und ich hatte Mühe, fest in seine Augen zu schauen.

Dieser Sonny hier‘, erklärte er rau, ‚hat die Vorstellung, dass ihm dieser schöne Claim gehört. Er weiß nicht einmal, dass sein Dokument ungültig ist. Zerreiß es, Ted‘, forderte er Morrel auf, und dieser verzog sein Gesicht zur Grimasse. Vor meinen Augen vernichtete er das Schriftstück.

Ah, ich war wie zerschlagen und spürte jeden Muskel brennen. Ich schluckte schwer an der Pille, aber ich konnte sie nicht verdauen.

Es ist seltsam‘, hörte ich Brandt sagen, ‚auch er hat sich zuerst im Paradies prächtig amüsiert, genau wie Tomsitter und Sulwig, und auch er hat sich von der prächtigen Juanita einseifen lassen. Binden wir ihn und warten wir, was der Boss mit ihm vorhat.‘

Ich wurde gefesselt und an einen Baum gebunden. Gegen Mitternacht klang Huf schlag auf, und dann sah ich Burt Lane.

Oh, Hölle, ich werde seinen Anblick nie vergessen. Wenn er mir beim Gericht in der Stadt wie ein bärbeißiger Bürger erschienen war, so musste ich mein Urteil nun revidieren. Der Mann, der jetzt zu uns ans Lagerfeuer kam, war ein ganz anderer und doch … Burt Lane.

Er grinste mir teuflisch zu. Ein grünes, wölfisches Licht war in seinem gesunden Auge. Das rechte Auge war durch eine schwarze Klappe verdeckt. Er ist ein Riese von Gestalt, ein Turm aus Fleisch und Knochen, so massig, dass er ein besonders starkes Tier unter dem Sattel haben muss, weil jedes andere Pferd unter seinem Gewicht zusammenbrechen würde …

Er schaute seine drei Kumpane der Reihe nach an, schnarrte:

Alles okay?‘

Es war eine glatte Sache, Boss‘, gab Brandt zu verstehen und zeigte seine schiefstehenden Zähne.

Und er hat sich geweigert, in meine Dienste zu treten?‘

Yeah‘, kam es wie im Chor von den Lippen der drei Halunken.

Burt Lane richtete sich auf, sah zu mir hin, warf mir einen Blick zu, als hätte er eine Entdeckung gemacht. Dann lachte er vor sich hin, sodass sein massiger Körper wie im Krampf hin und her geschüttelt wurde.

Ein Mann mit Rückgrat‘, grollte er. ‚Ah, alle, die eins hatten, zerbrach ich dennoch. Schaut ihn euch an, Männer, er ist ein zoologisches Wunder!‘

Über diesen widerlichen Witz gerieten die Kerle in ein Gelächter, das ebenso verkrampft wie unecht wirkte wie ihre Fratzen, die sie dabei schnitten. Ich wette, keiner von seinen drei Kerlen wusste, was ein zoologisches Wunder ist.

Gien Brandt kommt von der mexikanischen Grenze und ist eine Mischung von Spanier, Redman, Ire und Büffel. Alle schlechten Eigenschaften dieser Rassen hat er bis zur Vollkommenheit geerbt. Er ist ein Mann mit krausen, verschlagenen Gedanken, hinterhältiger Brutalität und einem Hang zum Lügen, wie man ihn selten findet. Seine Schießkunst indessen stellt ihn über manchen Kunstschützen.

John Price ist schon als Junge von dreizehn Jahren dem Strick nur dadurch entronnen, weil der Sheriff, der hinter ihm her war, bei der Ergreifung feststellte, dass der Bankräuber sein eigener Sohn war. Er gab ihm eine Chance und legte den Stern ab, grämte sich zu Tode, als er später erfuhr, in welcher Art der Sohn die Chance genutzt hatte. Yeah, und der schiefgrinsende, triefäugige Morrel hat sogar Blut von Schwarzen in den Adern.

Burt Lane hatte ihn eine Zeitlang als Sheriff eingesetzt, bis die Beschwerden über diesen feinen Sheriff zu groß wurden und Burt Lane den Bogen nicht überspannen wollte. Man sagt auch, dass Lane diesen Kerl absetzte, weil er seiner jungen Frau zu viele Komplimente machte, denn die junge Dame wird von Burt Lane mit geradezu höllischer Eifersucht bewacht. Und man staunt nur, dass es Morrel nicht so erging wie vielen anderen, die einen Annäherungsversuch mit dem Leben bezahlen mussten.

By Gosh, Wiro, ich gebe dir allerlei Informationen, die du brauchen kannst, auf unserem Trail. Noch eins: Die drei Figuren, die mich überwältigt haben, waren keine geistreichen Leuchten, dafür aber umso besessener, ihrem Herrn zu dienen. Auf einen Wink des Tigerbändigers hörten sie zu lachen auf.

Was hast du über ihn in Erfahrung gebracht, Morrel?‘ fragte er.

Stany kommt aus Nebraska. Dreimal hat er es mit einer Heimstätte versucht … drei Misserfolge! Die Ernte wurde vernichtet, seine Frau und seine Kinder starben an einer bösen Krankheit. Daraufhin verkaufte er und wurde Goldgräber, ein guter Arbeiter mit einem offenbar sehr eigenwilligen Benehmen und einer schnellen Hand.‘

Ich war verblüfft. Ein Auskunftsbüro im Osten hätte nicht präziser arbeiten können. Alles, was der Kerl sagte, stimmte haargenau und war nicht aus der Luft gegriffen. Mir kam langsam eine Ahnung von dem Spionagenetz, das sich Burt Lane leisten konnte. Aus Bruchteilen nur hatte man meine Vergangenheit zusammengesetzt.

Lane grinste mich wieder an, sagte: ‚Meine Leibwache wähle ich nach diesen Informationen. Du hättest dabei sein können!‘

Ich erklärte ihm, dass ich auf diese Ehre verzichten würde.

Wenn du morgen früh noch auf diesem Standpunkt stehst, lass ich dich laufen‘, lachte er heiter in die Runde und fuhr dann fort:

Morrel, nach Mitternacht beginnst du den Tanz mit ihm. Gib es ihm in kleinen Portionen, denn mit einem Mann, der völlig eingebrochen ist, kann ich nichts anfangen. Yeah, gib es ihm so, dass er gern ein Anhänger unserer Gesellschaft wird. Well, du bleibst bei ihm, während wir anderen uns inzwischen den Claim ansehen.‘

Er gab ein Zeichen, woraufhin sich Price und Brandt gehorsam erhoben. Zu dritt gingen sie an den abgestellten Pferden vorbei zu der Hügelwand hin, auf der ich meinen Claim abgesteckt hatte.

Ich hatte zwar, bevor ich fortritt, die Fundstelle sehr sorgfältig mit Steinen unkenntlich gemacht, hatte jedoch wenig Hoffnung, dass sie ihren Luchsaugen entgehen würde. Morrel zischte mir auch gleich zu:

Wenn du glaubst, dass sie erst lange suchen müssen, irrst du dich, Freund.‘

Er hatte kaum ausgesprochen, als Burt Lanes fauchende Stimme durch die Nacht klang:

Bring ihn her, Morrel!‘

Nun … was hab’ ich gesagt?‘, kicherte Morrel. ‚Deine Tortur beginnt schon vor Mitternacht‘, prophezeite er selbstgefällig. ‚Ich möchte wahrlich nicht in deiner Haut stecken. Bedenke nur, dass Burt Lane Tricks und Schliche kennt, wie man einen besonders hart scheinenden Mann zum Sprechen bringt. Schließlich wirst du doch unseren Claim sehen wollen, wie?‘

Er kam näher auf mich zu. Ich sah an ihm vorbei, dorthin, wo mein Pferd stand, und sah, dass sie es gesattelt stehen gelassen hatten und dass die Winchester wieder im Sattelschuh steckte. Wahrscheinlich war das mit der Absicht geschehen, nachher die Beute nach den in ihren Kreisen herrschenden Gesetzen zu teilen. Morrel schlug mir die flache Hand ins Gesicht.

Kein Mensch liebt es, früh in den Tod zu gehen‘, grinste er dabei. ‚Irgendetwas ist immer da, was einen am Leben hält, und wenn es nur die Rache ist, mein Freund.‘

Deine Erfahrungen auf diesem Gebiet übertreffen die meinigen‘, erklärte ich ihm rau.

Oh yeah, ich habe manchen Mann zittern sehen, der vorher einen ziemlich großen Schatten warf.‘

Er trat hinter mich und machte sich an meinen Fesseln zu schaffen. Vom Hügel klang Burt Lanes ungeduldige Stimme:

Beeil dich, Morrel … bring den Kerl her!‘

Morrel beeilte sich. Gewiss hätte er sich etwas mehr Zeit gelassen, wenn der allmächtige Boss nicht so ungeduldig gewesen wäre, und gewiss hätte ich dann keine Gelegenheit bekommen, mich zu befreien.

Kaum spürte ich, wie sich die Handfessel lockerte, da warf ich mich auch schon zurück und hieb ihm die geballte Faust unters Kinn. Der Schlag war so heftig, dass Morrels 45er zu Boden fiel, seine Hände sich vor Schmerz spreizten und er sich auf die Zehenspitzen hob, als wolle er mit verdrehten Augen den Sternen entgegenfliegen.

Mein zweiter Schlag war keinen Deut schlechter. Er hob Morrel aus dem Stand. Ein unterdrücktes Knurren sprang ihm von den Lippen. Er verdrehte sich gleich einem Eintänzer im Kreise und fiel vor mir nieder. Ich musste den Ohnmächtigen wegschieben, um meine Fußfessel abstreifen zu können und musste mich seines offenstehenden Messers bedienen, um die locker herabhängende Verbindung der Handfessel zu durchschneiden.

Kaum hatte ich das geschafft, als ich einen fordernden Ruf von den Hügeln hörte, dem ein Wutgebrüll folgte.

Ich sprang auf, wurde zurückgeschleudert. Morrel war wieder zu sich gekommen und hatte meinen rechten Stiefel umklammert. Ich stieß ihn fort und rannte zu meinem Pferd. Morrel erwischte seinen Colt, den ich in der Aufregung vergessen hatte.

Er schoss, und seine Kugel riss mir einen Stofffetzen vom Leibe. Ich war mit einem Satz im Sattel. Meine Sporen rissen über Weichen und Flanken hinweg, meine Hand hieb den Hals des Tieres. Es machte einen Bocksprung, fegte mit allen vieren zugleich in die Luft, zerriss das Halfter und sauste mit mir quer in die Büsche hinein, sodass ich das Gefühl hatte, geradenwegs in den Himmel zu fliegen. Ich stieß mit der Stirn gegen einen niedrig herabhängenden Ast, sodass mir gleich alle himmlischen Gefühle vergingen und ich an die nackte Wirklichkeit erinnert wurde.

Feuerlichter zuckten auf und kamen verteufelt nahe. Es ging jedoch alles noch einmal gut, denn die Bäume deckten mich. Zur rechten Zeit besann ich mich, dass die Nacht und der Busch vorzügliche Partner für mich waren. Ich zügelte mein Reittier, hielt an und lauschte. Sie kamen bereits hinter mir her, eine tolle Meute, nur von dem einen Gedanken besessen – mich einzufangen.

Ich beugte mich weit über den Sattel und hielt meinem Tier die Nüstern zu, wartete tief im Gebüsch, bis die Schatten sich an mir vorbeibewegten, wartete, bis der Wald ganz still war und ging zum Camp zurück, mein Pferd hinter mir her ziehend.

Ich kann nicht mehr sagen, ob es die Wut war oder der Grimm, der mich dazu zwang, umzukehren, zu der Stelle zurückzukehren, an der man mich überwältigt hatte. Ich weiß auch nicht mehr, warum ich zum Claim schritt und dort einen Zettel mit folgendem Wortlaut hinterließ:

Ich habe für dich eine Kugel reserviert, Burt Lane!‘

Den Zettel befestigte ich an einem der Stäbe, mit denen ich meinen Claim abgesteckt hatte. Oh, ich wusste nur zu gut, dass ich den Claim verloren hatte. Vor mir lag die Goldader, ein unermesslicher Schatz, den zu heben für jedermann Glück und Reichtum, Wohlstand und ein sorgenfreies Leben bedeutete. Yeah, dort unter den Steinen lag eine Zukunft, die für mich nun nicht mehr in Betracht kam.

Was ich fühlte, ich weiß es nicht mehr genau. Ich muss wohl von Sinnen gewesen sein, denn nie zuvor in meinem Leben hatte ich Glück gehabt. Alles, was ich begonnen hatte, was ich aufbaute, zerrann unter meinen Händen. Ich hatte alles verloren, meine Frau und meine Kinder, das Land, das ich mir ausgesucht hatte. Der Claim war mir wie ein Lichtblick in eine neue, verheißungsvolle Zukunft gewesen. Yeah, das alles war vorbei.“

Trende strich seine gespreizten Hände durch den Drahtverhau seines Bartes. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet. Er nahm eine neue Zigarette, rauchte sie an und lehnte sich gegen den Kamin zurück. Man sah es ihm an, dass das Gespräch ihn erleichterte, dass er froh war, sich alles vom Herzen zu reden, was ihn bedrückt und gefoltert hatte. Er war so versponnen in seine Gedanken, dass er kaum bemerkte, wie aufmerksam sein Partner lauschte, wie seine Wangenmuskeln zuckten und seine Zähne aufeinander knirschten.

Eine Nacht blieb ich am Camp und, wie ich vermutet hatte, kam es auch. Sie suchten mich wahrscheinlich überall, nur nicht da, wo ich war. Im Morgengrauen brach ich auf. Ich hatte mir alles reiflich überlegt und versuchte, in Colorado Springs gleichgesinnte Menschen zu finden. Männer, denen die Herrschaft Burt Lanes den Lebensnerv abgeschnitten und die nur den einen Wunsch hatten, sich gegen den Tyrannen aufzulehnen, seine Macht zu zerschlagen.

Ah, damals wusste ich noch nicht, wie stark Burt Lane wirklich war. Ich hatte nur vage Vorstellungen und Vermutungen. Die Wirklichkeit lehrte mich jedoch, dass er ein Mann war, der seine Gesetze selbst machte und außerhalb jeder gesellschaftlichen Pflichten stand, ein Mann, der in all seinem Tun, in allen seinen Taten sich so deckte, dass niemand an ihn herankam.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911091
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370401
Schlagworte
teufel

Autor

Zurück

Titel: Er fürchtet weder Tod noch Teufel