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CALLAHAN #7: Jagd auf den Doppelgänger

2017 120 Seiten

Leseprobe

Jagd auf den Doppelgänger


Ein Western von Glenn Stirling






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth, 2017

Früherer Originaltitel: Ein Gift, so schön wie Jenny

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Als ich US Marshal Tom Hadson das erste Mal begegnete, rettete er mich vor einem Trupp blutrünstiger Apachen, die scharf auf meinen Skalp waren. Aber in Wirklichkeit hatte er es auf mich abgesehen, denn er glaubte, ich hätte seine Schwester Jenny entführt. Ich staunte nicht schlecht, als ich von einem skrupellosen Halunken erfuhr, der meinen Namen schon mehrmals benutzt hatte – und weil er mir ähnlich sah, glaubte ich zu wissen, wer es war. Nun, ich konnte Tom Hadson davon überzeugen, dass ich der echte Jed Callahan war und mit der Entführung seiner Schwester nichts zu tun hatte. Da er mir im Kampf gegen die Apachen geholfen hatte, wollte ich das gleiche für ihn tun. So ritten wir beide nach Mexiko und folgten der Spur meines Doppelgängers. Welch ein Risiko wir beide damit eingingen, ahnten wir jedoch noch nicht ...




Roman:

Bevor ich sie entdeckte, dachte ich noch, das ist ein guter Platz für eine Falle. Die Wasserstelle lag in einem Bergkessel. Rundherum boten sich tausend Möglichkeiten für einen Hinterhalt. Vielleicht lag es auch daran, dass ich zu müde war und zu lange im Sattel gesessen hatte, auch mein Brauner schien viel zu schlapp zu sein, um die Nähe von Menschen zu bemerken. Er schlurfte bis zum Wasser hin, und keine Macht der Erde hätte ihn davon abhalten können, sein Maul ins kühle Nass zu stecken. Ich gab ihm die Zügel frei, rutschte aus dem Sattel, und das rettete mir das Leben.

In dem Augenblick, als ich den Boden berührte, pfiffen die Geschosse aus drei Gewehren über den Sattel hinweg, genau dort, wo ich eben noch gesessen hatte. Mein Brauner war so erschrocken, dass er einen Satz nach vorn ins Wasser machte, und dann mitten in dieser Wasserstelle bis zum Bauch im Nass stehenblieb.

Ich hatte mich zu Boden geworfen, herumgerollt, und rechts und links von mir klatschten die Geschosse in den Schotter. Steinsplitter spritzten mir ins Gesicht.

Ich zog die Knie an, hechtete nach vorn ins Wasser, um hinter meinem Braunen Schutz zu finden. Wiederum war ich gerade so davongekommen. Die Geschosse hagelten regelrecht in den Uferschotter, während ich mich schon im Wasser befand.

Drei also, dachte ich, während ich untertauchte und im trüben Wasser die Beine meines Braunen sah. Ich schwamm bis dahin, aber gerade in diesem Augenblick, wo ich fast neben dem Braunen war, machte er einen Satz und jagte aus dem Wasserloch heraus.

Verdammt, dachte ich, jetzt bist du geliefert! Von oben sehen sie dich im Wasser.

Aber ich hörte nichts, musste aber schließlich mit dem Kopf heraus, um Luft zu schöpfen. Ich versuchte es zwar, so lange wie möglich auszuhalten, aber dann gab es gar nichts mehr, ich musste hoch. Jetzt ist es aus, sagte ich mir. Wenn du jetzt auftauchst, wirst du hingerichtet.

Ich tauchte auf, und in dem Moment entdeckte ich sie oben am Rande der Felsen. Es waren wirklich drei. Der eine befand sich links, also im Süden, der andere war gerade vor mir und stand auf einer Felsnische, hoch aufgerichtet vor dem hellen Hintergrund des Frühlingshimmels. Der dritte stand im Norden, also rechts, und hatte die Sonne im Gesicht. Er, sagte ich mir, ist am wenigsten gefährlich. Er wird geblendet.. Die Sonne steht um diese Jahrezszeit noch ziemlich tief. Der gefährlichste ist jener, der links steht und die Sonne im Rücken hat. Aber was wollte ich machen? Für mich gab es gar keine Möglichkeit. Es war praktisch aus, und sie wussten es.

Alle drei waren sie Indianer. Ich rechnete damit, dass irgendwo hinter mir noch mehr von ihnen steckten.

Es waren nicht diese großen schlanken Burschen, wie ich sie aus dem Norden kannte. Hier in Arizona waren sie kleiner, gedrungener. Sie sahen aus wie mexikanische Indios.

Im ersten Augenblick dachte ich, es wären Apachen. Aber so sahen sie nicht aus. Zwei von ihnen trugen Topfhüte, der dritte einen Sombrero aus Stroh.

Sie kommen aus Mexiko herüber, sagte ich mir, um hier Beute zu machen. Die sind nicht von hier. Sie tragen keine Kriegsbemalung, sie sehen auch nicht wie jene Männer Geronimos aus, hinter denen General Crook nun schon seit zwei Jahren her ist.

Es nützte mir wenig, darüber nachzudenken, von welchem Stamm sie kamen. Sie waren drauf und dran, mich auszulöschen. Noch immer war unser Verhältnis zu den Indianern so, ganz besonders in Arizona, dass man auf die Gefangennahme von Gegnern verzichtete. Und nachdem der Standpunkt der meisten Weißen darin bestand, nur einen toten Indianer für einen guten Indianer zu halten, hatten sich die Indianer diese Überlegung ebenfalls zu eigen gemacht, was die gefangenen Weißen anging.

Es ist also aus, dachte ich. Man kann sich ja den Ort und den Zeitpunkt seines Todes nicht selber aussuchen. Ich hätte es mir jedenfalls nicht träumen lassen, überlegte ich weiter, hier in Arizona, in diesen verdammten Bergen, an einem so schönen Frühlingstag wie diesem aufzugeben.

In diesem Augenblick bemerkte ich, wie zwei der drei auf meinen Braunen schielten. Dann aber sahen sie mich wieder an, und während ich bis zur Brust im Wasser stand, richteten sie ihre Gewehre auf mich. Es war wirklich wie eine Hinrichtung. Ich sah das Grinsen in diesen speckigen und schmutzigen Visagen, die Gehässigkeit und den Triumph zugleich.

Ich hatte meine Rechte am Revolver. Obgleich ich fast überzeugt war, dass er viel zu nass war, um noch funktionieren zu können, redete ich mir dennoch eine winzige Chance ein. Früher, bei den Perkussionsrevolvern, gab es nicht die geringste Möglichkeit des Schießens mehr, wenn die Waffe im Wasser untergetaucht worden war. Aber ich hatte selbst einmal gesehen, wie ein Vertreter für Patronen einen Revolver in einen Wasserkübel gelegt, dann wieder herausgenommen und einwandfrei damit geschossen hatte. Andererseits wusste ich auch aus eigener Erfahrung, wie oft mir das misslungen war.

Trotzdem wollte ich es versuchen. Ich zog die Waffe unter Wasser aus dem Holster. Das konnten die da oben nicht sehen. Dann hob ich sie an, höher und noch höher, bis die Spitze des Laufes aus dem Wasser ragte. Und auch das bemerkten sie nicht rechtzeitig.

Der rechts mit der Sonne im Gesicht rief dem in der Mitte etwas zu, und in diesem Augenblick wusste ich, wo ich sie einzuordnen hatte. Sie stammten aus Sonora und sprachen diese Mischung aus Papago und Mexikanisch-Spanisch, wie es in manchen Gegenden südlich der Gila-Wüste gesprochen wurde.

Ich war einfach zu oft in dieser Gegend gewesen, um diesen Dialekt nicht zu verstehen, und der rechts sagte gerade: „Schießt nicht auf ihn! Lockt ihn heraus! Ich möchte sein Hemd!“

Der in der Mitte nickte nur.

Mir war klar, wofür sie diesen Hinterhalt bereitet hatten. Sie wollten meine Waffen, sie wollten das Pferd, aber auch meine Kleidung, und möglichst ohne ein Loch in der Herzgegend.

Es gab nichts zu überlegen, und ich war entschlossen, wenigstens einen von ihnen auf die lange Reise mitzunehmen. Vielleicht würde mein Revolver einen einzigen Schuss abgeben, und der genügte.

Ich drückte ab, und das Wunder geschah. Eine Feuerlanze stach neben meiner Hüfte aus dem Wasser heraus wie es wirken musste und fegte auf den Mann in der Mitte zu.

Ich wartete nicht länger. Ich warf mich zur Seite, tauchte unter, machte einen Schwimmstoß und rammte mit der Schulter gegen den seichten Grund. Wie aus weiter Ferne hörte ich das Knallen von Schüssen.

Ich wartete auf Einschläge in meinen Körper, aber nichts dergleichen geschah. Und dann tauchte ich blitzartig auf, riss den Revolver hoch, drückte ab, als ich den Mann links auf dem Felsen sah, aber es machte nur „klick“.

Sie schossen wieder, aber da war ich erneut untergetaucht und verfluchte mein Pech, dass der zweite Schuss nicht mehr aus dem Lauf gejagt war.

Nun ist es wirklich aus, dachte ich und fragte mich, ob ich den ersten wenigstens getroffen hatte.

In einem Akt der Verzweiflung wagte ich einen dritten Versuch, richtete mich auf, versuchte, meine Gegner zu erkennen und sah sofort den links. Er sah mich auch, und sein Gewehrlauf schwenkte herum. Da schoss ich schon, und diesmal funktionierte der Revolver. Der Mann oben taumelte einen Schritt nach vorn, dann noch einen, und dann flog er über den Rand des Felsens hinunter in die Tiefe.

In diesem Augenblick fiel wieder ein Schuss, bevor ich den dritten Gegner gesehen hatte. Aber dieser Schuss kam von hinten, war irgendwo hinter mir abgegeben worden. Und da sah ich rechts oben auf dem Felsen den dritten Indianer. Er kniete dort, jetzt aber wirbelte er wie unter einem Schlag herum, feuerte noch sein Gewehr ab, aber der Schuss fegte weit ab von mir irgendwo in den Schotter.

Wieder krachte hinter mir ein Schuss, und der traf abermals jenen Indianer rechts oben auf dem Felsen und schleuderte ihn aus meinem Sichtfeld.

Ich hatte immer noch den Revolver in der Hand, wandte mich um und sah dann aus jener Gasse, aus der ich auch gekommen war, einen Mann auftauchen. Er war groß und hager, hatte dunkles Haar und ein von der Sonne tief gebräuntes Gesicht. Er ging ein wenig vorgebeugt und hielt das Gewehr wie einen Stock in seiner Rechten, auf den er sich stützen konnte.

Er kam langsam näher, und sein hageres Gesicht entspannte sich zu einem Lächeln. Er hatte hellgraue Augen, die zu leuchten schienen und in einem starken Kontrast zum dunklen Haar standen. Seiner Kleidung nach konnte er ein Cowboy sein. Aber dann sah ich seinen Revolver und entdeckte die Kerben am Kolben.

Entweder, dachte ich, ist er ein Revolvermann oder er hat den Stern in der Tasche. Ich kannte ihn nicht. Etwas an seinem Äußeren kam mir verwegen genug vor, dass ich ihn als einen Revolvermann einstufte.

Er trat bis an den Rand der Wasserstelle, tippte sich grüßend an die Hutkrempe, schnippte den Hut dann ins Genick, dass eine Locke seines schwarzen Haares in die Stirn fiel. Dann kniete er sich nieder und schöpfte eine Handvoll Wasser, die er sich ins Gesicht spülte. Und diesen Vorgang wiederholte er mehrmals. Schließlich nahm er den Hut ganz ab, legte ihn und sein Gewehr zur Seite, und trank. Dann richtete er sich auf und sah auf mich, der ich aus dem Wasser stieg.

Danke, Partner", sagte ich, und er lächelte. „Mein Name ist Jed Callahan“, fuhr ich fort.

Er lächelte wieder und erklärte: „Ich weiß. Deinetwegen bin ich ja hier.“

Ich wurde gar nicht fertig, mich zu wundem. Das war wirklich ein Tag der Überraschungen.

Triefend vor Nässe kam ich aus der Wasserstelle hervor, schüttelte mich wie ein nasser Hund und nahm mir dann meinen Revolver vor. Nachdem ich die Patronen aus den Kammern gestoßen hatte, ging ich zu meinem Pferd, öffnete die Satteltasche und ersetzte die nasse Munition durch trockene. Dann stopfte ich den Revolver ins Holster zurück und blickte auf den Fremden, der mir geholfen hatte. Der wandte mir jetzt den Rücken zu und stieß einen schrillen Pfiff aus.

Mein Brauner reckte den Kopf, spielte mit den Ohren und wieherte. Der Grund dafür wurde unmittelbar danach sichtbar. Ein herrlicher schwarzer Hengst kam den Schotterweg heraufgestürmt, galoppierte bis zur Wasserstelle, blieb aber gehorsam davor stehen und ließ sich erst die Zügel langbinden und das Gebissstück aus dem Maul nehmen, bevor er den Versuch machte zu saufen.

Ich wartete ab, bis der Fremde sein Pferd versorgt hatte. Meinen Namen kannte er ja nun, und ich war gespannt darauf, wieso er den wusste und weshalb er hinter mir her war, denn das hatte er ja unmissverständlich erkennen lassen. Wer war dieser Bursche? Ich fand ihn übrigens recht sympathisch, und das nicht nur deshalb, weil er mir aus der Patsche geholfen hatte.

Aber Fragen konnte ich nachher auch noch stellen. Ich mochte mich erst einmal um die drei kümmern, die es auf mein Hemd abgesehen hatten.


*


Ich kletterte auf die Felsen hinauf und suchte nach ihnen. Der eine war schwer verletzt noch ein Stück weggekrochen, eine breite Blutspur wies mir den Weg. Als ich ihn fand, war er schon tot. Die beiden anderen lagen dort, wo sie getroffen worden waren.

Sie besaßen nichts außer ihren Gewehren und einen Gurt voller Munition. Noch nicht einmal Tabak hatten sie bei sich.

Ich fragte mich, ob sie zu Fuß hierher gekommen waren, weil ich nirgendwo ein Pferd fand. Ich suchte nach ihren Reittieren, entdeckte sie aber nirgendwo. Schließlich machte ich mich an den Abstieg. Unten an der Wasserstelle hatte der Fremde bereits vertrocknete Kakteen zusammengetragen und war dabei, ein Feuer anzuzünden.

Er schaute zu mir empor, lächelte und sagte dann: „Du kannst mich Tom nennen. Mein voller Name ist Tom Hadson. Schon gehört?“

Der Name kam mir bekannt vor. Wenn ich nur wüsste, wo ich ihn einordnen sollte!

Er lachte und schien meine Gedanken erraten zu haben. „Jetzt zerbrichst du dir den Kopf, woher du mich kennst. Hör auf zu grübeln! Ich werde es dir sagen.“

Er griff jetzt in die Hosentasche und brachte etwas Blinkendes heraus. Als ich genauer hinschaute, erkannte ich, dass es sich um einen Marshalstern handelte, ein US Deputy Marshal! Also doch kein Revolvermann, wie ich dachte.

Na und?“ fragte ich.

Er grinste, und in seinen Augen blitzte der Schalk. „Weißt du jetzt, wer ich bin?“

Ich zuckte die Schultern. Ich meinte vorhin, seinen Namen zu kennen. Aber nun wurde ich wieder unsicher. Einen Marshal mit Namen Hadson kannte ich nicht.

Er steckte den Stern wieder in die Tasche, hakte die Daumen in die Ärmelausschnitte seiner Weste und sah mich erwartungsvoll an. „Du kommst nicht drauf, was?“

Kein bisschen“, erwiderte ich. „Ich meinte, einen Burschen mit deinem Namen gekannt zu haben, aber jetzt, wo du den Stern zeigst, glaube ich, dass es ein Irrtum ist.“

Er schüttelte den Kopf. „Du weißt doch von dem Überfall auf die Western Union Bank. Dabei ist zum Teil auch Gold und Geld von dir geraubt worden. Du hast dich auf die Beine gemacht und zwei der Burschen erwischt, die bei dem Überfall mitgewirkt haben. Dabei ist es dir auch gelungen, einen Teil der Beute zu schnappen, und, soweit es nicht dir gehörte, der Bank zurückzugeben. Ich habe den dritten Mann erwischt, und du müsstest eigentlich davon gehört haben. Er hat nämlich eine eigene Bande gegründet. Und da...“

In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte von diesem Tom Hadson gelesen, ohne ihn je persönlich gesehen zu haben. Aber die Gerüchte über ihn wurden überall verbreitet. Er war also ein US Deputy Marshal, und mir fiel ein, dass davon etwas in jener Zeitung gestanden hatte, die mir damals in die Finger gefallen war.

Es fällt mir ein“, sagte ich. „Und was jetzt?“

Er legte die Hand an seinen Revolver. Ich hielt das für eine zufällige Bewegung, bis er sagte:

Du brauchst mir jetzt nur zu erklären, wo das Mädchen ist. Mehr nicht. Dann reiten wir hin, und ich nehme sie mit.“

Ich begriff keine Silbe von dem, was er sagte. Und das erklärte ich ihm auch.

Er sah mich ungläubig an. „Ich will es dir genau sagen,damit du nicht behaupten kannst, ich hätte es dir nicht bis in die Einzelheiten erläutert Sie heißt mit Vornamen Jenny, ist blond, sieht sehr gut aus, und sie hat sich womöglich in dich verknallt. Aber die Sache hat einen Haken. Sie ist noch sehr jung. In diesem Land kann ein Mädchen, das jünger ist als einundzwanzig Jahre, nicht hingehen, wohin es will. Und es kann ohne die Erlaubnis der Eltern nicht mit einem Abenteurer herumziehen, wie du einer bist. Ich kann ja verstehen, dass sie dir gefallen hat. Weniger verstehe ich, dass eine Frau auf etwas wie dich verrückt sein kann. Aber gut, über Geschmack kann man nicht streiten. Sag also, wo sie ist, und ich werde sie zurück zu ihren Eltern bringen. Damit hat es sich.“

Ich glaube, du bist verrückt. Ob du nun der US Deputy Marshal Tom Hadson bist oder sonst wer, jetzt spinnst du“, erwiderte ich und schüttelte verständnislos den Kopf. „Ein Mädchen, das Jenny heißt und blondes Haar hat...“

Also ganz so sicher war ich nun wirklich nicht. Da hatte es eine Jenny gegeben, eigentlich schon zwei Jennys, und die eine war auch blond gewesen. Die Sache lag allerdings ein gutes Stück zurück.

Nicht wahr, jetzt fällt es dir ein?“, meinte er und lachte zufrieden, als hätte er nun schon die Lösung in der Tasche.

Ich glaube nun doch, du hast sie nicht alle“, erwiderte ich. „Wie heißt denn dieses Mädchen noch? Wann soll denn das gewesen sein?“

Tja“, erwiderte er. „Die Geschichte liegt jetzt etwa sechs Wochen zurück. Ich war oben im Norden. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis .mein Vater mich benachrichtigen konnte. Ich habe mir Urlaub genommen, deshalb trage ich auch den Stern in der Tasche. Es ist kein offizieller Auftrag, verstehst du. Aber immerhin nehme ich die Sache noch mehr ernst, als hätte ich den Auftrag von einem Provost Marshal bekommen."

Der redete glatt in Rätseln. Wovon sprach dieser Idiot? Immerzu dasselbe. Jetzt spielte schon sein Vater mit. Was ging mich sein Vater an?

Du musst schon etwas deutlicher werden. Ich bin dir zwar unheimlich dankbar für das, was du für mich getan hast, eben, meine ich. Aber jetzt redest du so viel Blödsinn zusammen, dass du mir bald leid tust.“

Ich hatte nun rein zufällig, und bei mir war’s wirklich Zufall, auch die Hand auf den Revolver legen wollen, doch da riss er mit einem Ruck die Waffe heraus und richtete sie auf mich. „Lass die Hände ganz still! Hake sie in den Gürtel, und komm damit nicht noch mal in die Nähe von deinem Colt! Sonst muss ich ihn dir wegnehmen."

Sag mal, welcher Affe hat dich denn gebissen?“ Ich wusste wirklich nicht, was mit ihm los war. Was wollte der überhaupt von mir?

Das Mädchen heißt Jenny Hadson. Sie ist meine Schwester. Beginnst du nun zu begreifen?“

O Himmel, steh mir bei! Was gab es hier zu begreifen? Und ich sagte:

Du bist verrückt geworden. Zwar haben wir erst April, und so heiß scheint die Sonne doch noch gar nicht, dass man einen Stich davon bekommt, aber du hast ihn. Irgendwas ist dir auf die Rübe gefallen. Der Kuckuck weiß, wie ein Mensch alleine soviel Mist reden kann! Also, kommen wir endlich zur Sache und reden vernünftig. Was willst du wirklich? Bin ich bei dir von dem Regen in die Traufe geraten?“

Er funkelte mich zornig an. „Spiel hier bloß nicht den Ahnungslosen! Ich bin nicht der dusselige Armleuchter, für den du mich vielleicht hältst. Wo ist sie also? Ich kann ja verstehen, dass du sie mitgenommen hast. Wahrscheinlich, und das nehme ich im Gegensatz zu meinem Vater an, ist sie dir doch freiwillig nachgelaufen. Ich habe von deinen Weibergeschichten gehört. In dem Augenblick, da es feststand, dass du es warst, der mit ihr losgezogen ist, habe ich auch zu meinem Alten gesagt, dass ich bezweifle, wenn er sagt, du hättest sie mit Gewalt weggeschleppt.“

Ich habe noch nie eine Frau mit Gewalt weggeschleppt“, erwiderte ich. Und nicht ohne Stolz fügte ich hinzu: „Bis jetzt sind sie jedenfalls alle freiwillig hinter mir hergelaufen. Die Mädchen wissen eben, was sie mir schuldig sind."

Ich grinste schief. Aber das stimmte ihn keinesfalls heiter. Er sah mich zornig an und fauchte:

Hör mit deinen faulen Witzen auf! Ich gebe dir genau zwei Sekunden, dann sagst du mir, wo sie ist, oder es knallt. Ich bin froh, dass ich noch rechtzeitig gekommen bin. Ich hatte schon Angst, die Indianer pusten dich weg, bevor ich von dir erfahren konnte, wo du sie versteckt hältst.“

Du bist wirklich total verrückt. Ich brauche keine Frau versteckt zu halten. Wenn ich ein Mädchen habe, dann kann das jeder sehen. Du sagst, sie sei deine Schwester! In Ordnung. Ich kenne kein Mädchen, das einen US Deputy Marshal zum Bruder hat, und ich kenne auch kein Mädchen, das Jenny heißt. Von wo stammt ihr denn?“

Statt einer Antwort fischte er, ohne mich aus den Augen zu lassen, mit seiner linken Hand aus seiner Brusttasche einen Zettel, und den hielt er mir hin.

Ich nahm ihm den Zettel ab, faltete ihn auseinander und sah, dass darauf etwas mit Bleistift geschrieben war. Zum Teil hatte ich Mühe, die Schrift zu lesen. Da stand:

Ich habe es satt, wie ein kleines Kind behandelt zu werden. Ich gehe mit Callahan weg. Sucht nicht nach uns. Es hat keinen Zweck. Wir werden uns woanders, weit weg von hier, etwas aufbauen. Vielleicht habt Ihr es gut gemeint mit mir. Aber an zuviel Liebe kann man ersticken. Ich möchte endlich meine Dinge selbst entscheiden dürfen. Und deshalb gehe ich fort Sucht nicht nach mir! Es hat keinen Zweck. Callahan ist viel zu erfahren, als dass er eine Spur hinterlässt.

Eure Tochter Jenny.“

Ich blickte auf, sah ihn an, schüttelte den Kopf und reichte ihm den Zettel zurück.

Es tut mir leid. Wahrscheinlich gibt es noch mehr Callahans außer mir. Dieser Callahan bin ich jedenfalls nicht. Und vor sechs Wochen, da konnte ich von Frauen nur träumen. Da bin ich auf Wildpferdjagd gewesen. Und zusammen mit zwei Mexikanern habe ich an die vierzig Wildpferde eingefangen und einem Burschen in New Mexiko verkauft.“

Das kannst du sicher alles nachweisen", meinte er jetzt.

Nachweisen kann ich das auch, obgleich es ein weiter Weg ist. Wenn es sein muss, warum nicht? Ich habe nur so wenig Lust dazu. Ich wollte nämlich etwas anderes tun. Ich hatte mir vorgenommen, nach Mexiko zu reiten.“

Er nickte, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. „Natürlich, das hast du dir vorgenommen. Aber leider ist dir was dazwischengekommen: nämlich ich. Und ich habe etwas dagegen, dass du nach Mexiko reitest. Mir wäre am liebsten, du würdest mich begleiten."

Er hob den Revolver etwas an, dass die Mündung genau auf meine Herzgegend zeigte.

Um es deutlicher zu sagen", fuhr er fort, „du wirst mit mir mitkommen! Du wirst mich zu Jenny führen! Und wenn du nicht spurst, dann bleibt es keine Episode in deinem Leben. Dann knall’ ich dich über den Haufen, oder was für dich vielleicht noch besser ist: Ich übergebe dich einem Gericht. Wenn ein Mädchen, das unter einundzwanzig Jahren alt ist, einen Mann, ob freiwillig oder unfreiwillig, begleitet, gilt es immer als entführt. In diesem Staat hier und in noch ein paar anderen steht darauf der Strick. Du solltest allmählich darüber nachdenken, dass das nicht einer von deinen schönen Witzen ist, und an Späßen, die du mit Weibern treibst, sondern dass es diesmal bitter ernst wird für dich. Ich hatte dir vorhin etwas angeboten so unter Brüdern. Ich hatte dir angeboten, dass du mir sagst, wo sie ist und mitkommst und ich sie von dort nach Hause bringe, und die Sache hätte sich. Dieses Angebot hast du durch deine störrische Art und Weise verspielt Du wirst mich jezt begleiten! Du wirst mich zu ihr hinführen, und ich gebe dir genau drei Tage Zeit, dann sind wir spätestens bei ihr, oder du bist tot.“

Bis jetzt war das alles wirklich wie ein Spaß gewesen. Ich kannte seine Schwester Jenny nicht. Der Teufel mochte wissen, wer dieser Callahan war, von dem hier im Brief geschrieben stand. Ich jedenfalls konnte es keinesfalls sein. Zwar mochte mein Verschleiß an Mädchenfreundschaften ziemlich umfangreich sein, andererseits war ich nicht so verblödet, um mich nicht wenigstens an die letzten zehn erinnern zu können. Und ein Mädchen mit Namen Jenny war im letzten Jahr nicht dabei gewesen.

Tom Hadson sah mich wütend an. „Du kannst den Stern in meiner Tasche vergessen“, sagte er. „Ich denke schon selbst nicht mehr daran. Ich hoffe, du begreifst, was ich damit meine?“

Und ob ich begriff! Er wollte damit sagen, dass er sich, weil es um seine Schwester ging, nicht unbedingt mehr an die Gesetze halten würde, um mich zu etwas zu zwingen, was in seinen Augen richtig war. Aber dieser Schwachsinnige hatte noch nicht kapiert, dass ich mit seiner Schwester so viel zu tun hatte wie ein Eisbär mit einem Flamingo.

Dir ist wirklich nicht zu helfen“, sagte ich. „Du bist doch der bekloppteste Hund, der mir begegnet ist Und das Verrückteste von allem: Ich muss dir noch dankbar sein, dankbar dafür, dass du mir geholfen hast, aus dieser Falle wieder herauszukommen.“

Das habe ich für Jenny getan“, behauptete er. „Und jetzt wollen wir uns nicht mehr über diese Geschichte unterhalten. Jetzt wirst du mir nur noch sagen, wo Jenny ist, oder soll ich es aus dir herausschießen? Du weißt doch, was die Mexikaner machen. Erst nehme ich mir den linken großen Zeh von dir vor, dann den rechten, dann eines deiner schönen Ohren, und so können wir fortfahren, bis du es ausspuckst.“

Du bist wirklich ein lieber Mensch“, entfuhr es mir. „Aber auf die Idee bist du wohl noch nicht gekommen, dass du den Falschen erwischt hast?“

Es sind zwei auf der Ranch, die dich gesehen haben, und die haben mir eine Beschreibung geliefert Sie passt haargenau. Sogar das Pferd stimmt.“

Was, nur zwei Zeugen?“ Ich lachte. „Du bist wirklich bescheuert. Eine Ranch also habt ihr. Und darauf hat sich der Callahan, den du suchst, geschlichen, denn anders kann es ja nicht sein, sonst müssten ihn mehr als zwei Mann kennen. Wo ist denn diese Ranch?“

Nun behaupte nur nicht, du wärst noch nie in Winslow gewesen?“ Er machte schmale Augen. Ich hatte das Gefühl, dass ihm nun doch Zweifel zu kommen schienen. Aber er nahm sich zusammen und wollte es zumindest nicht zugeben. Wenn ich mir aber einbildete, noch mehr Zeit gewinnen zu können, so irrte ich mich, denn plötzlich riss er den Revolver hoch und schoss. Mir fuhr es sengend heiß am Ohr vorbei. Ich zuckte zusammen und war nahe dran, meinen Colt herauszureißen, aber das hätte Selbstmord bedeutet.

Das nächste Mal bekommt dein verdammtes Segelohr Durchzug. Also los, spuck es endlich aus!“

Diesem Verrückten noch weiter Vorträge zu halten, hielt ich für sinnlos. Also war es wohl das beste, wenn ich zunächst einmal so tat, als ginge ich auf seinen Quatsch ein.

Also gut“, sagte ich. „Ich werde es dir sagen. Du sollst dein Liebchen wiederbekommen. Sie ist einen Tagesritt von hier.“

Er senkte den Revolver, aber nicht so weit, dass er für mich keine Gefahr mehr bedeutet hätte. Wenn er jetzt abdrücken würde, bekäme ich einen wunderschönen Bauchschuss, und je nachdem hatte man dann einige Stunden etwas davon.

Nun rede schon!“, fauchte er.

Ich sagte ja, einen Tagesritt von hier, dort ist eine Hütte, da halte ich sie versteckt.“

Du Hundesohn lügst! Hier gibt es im Umkreis von vier Tagesritten keine einzige Hütte. Hier findest du höchstens ein Apachentipi. Und wenn von diesen Stinktieren welche hier hausen, wie wir sie vorhin umgelegt haben, dann verkriechen sie sich in Höhlen. Hier gibt es keine Hütte. Also, wo ist sie wirklich?“

Ich sah ihm an, dass er seine Ungeduld kaum noch bezähmen konnte. Blut ist eben ein besonderer Saft, dachte ich. Und wenn ich eine Schwester hätte, würde ich vielleicht auch so denken wie er. Dabei war ich richtig neugierig auf diese Jenny geworden. Blond sollte sie sein, hübsch, und sie hatte einen dunkelhaarigen Bruder! Merkwürdig, dass es so etwas gab.

Sie kann doch gar nicht deine Schwester sein“, erklärte ich, um ihn abzulenken. „Sie ist blond, hast du gesagt. Und du hast schwarze Haare.“

Weich mir bloß nicht aus. Also voran jetzt, sonst blase ich dich voll Blei. Mir reicht das jetzt!“

Ich zuckte die Schultern und wandte mich um und ging dann auf meinen Braunen zu.

Bleib bloß stehen! Nimm die Hände hoch! Noch höher!“

Ich hatte keine Wahl. Er befand sich in einem Zustand, wo ich damit rechnen musste, dass er tatsächlich abdrücken würde. In seiner Liebe zu seiner Schwester erschien er mir zu allem fähig.

Mein Gott“, sagte ich. „Nun hör doch mit diesem Quatsch auf! Ich habe mit deiner Schwester nichts zu tun.“

Natürlich nicht. Ich habe mich über dich erkundigt Das mit der Bank ist ja in Ordnung gegangen. Die lassen auf dich nichts kommen. Aber dann habe ich von deinen Weibergeschichten gehört. Das sind eben zwei Paar Stiefel.“

Er kam hinter mich. Ich hörte seine Tritte auf dem Schotter knirschen, und dann griff er gerade an meinen Revolver, bohrte aber zugleich die Mündung des seinen in meinen Rücken. Ich wollte nicht unbedingt an dieser Stelle sterben, nachdem ich mit einigermaßen Glück diesen drei indianischen Wegelagerern entkommen war. Der Gedanke an diese drei ließ mich nach oben zum Felsen blicken, dort, wo immer noch der eine Tote lag. Im ersten Augenblick dachte ich, dort tauchte plötzlich jemand auf. Ich sah eine Bewegung, und mir entfuhr die Bemerkung: „Da oben!"

Ich weiß nicht, ob Hadson, der hinter mir stand, sofort nach oben geblickt hatte. Aber plötzlich stieß er mich beiseite und schoss zugleich, schoss nach oben... schoss auf einen Geier.

Der Geier flog auf, flatterte und trudelte dann abstürzend in die Tiefe.

Ich verfolgte diesen Absturz nicht bis zu Ende. Wenn man eine Gelegenheit hat, soll man sie ausnützen und beim Schopf packen. Ich wirbelte herum, sprang Hadson an und konnte ihm den Revolver aus der Rechten schlagen. Noch bevor die Waffe klirrend auf den Schotter fiel, hatte ich ihm meine Linke in die Magengrube gerammt.

Aber da war der Augenblick der Überraschung für ihn schon vorbei. Er krümmte sich zwar, röchelte, doch als ich nachsetzen wollte, um ihm den entscheidenden Haken gegen das Kinn zu schmettern, da auf einmal wich er geschickt aus, und meine Faust fauchte an seinem Gesicht vorbei. Statt dessen warf er sich nach vorn, und ich bekam einen Rammer gegen die Brust, dass es mir den Atem verschlug.

Aber nun machte er denselben Fehler wie ich vorhin. Er setzte nach, ich winkelte den Arm an, und er lief voll in meinen angespitzen Ellenbogen. Sein gurgelnder Schrei brach ab, als ich ihm die Linke wie einen Hammer auf seinen Kopf schmetterte. Das warf ihn dann zu Boden.

Aber kaum lag er, wälzte er sich herum, zog die Beine an, und als ich mich auf ihn werfen wollte, bekam ich beide Stiefel gegen die Oberschenkel, dass es mich von den Füßen riss. Er hatte mich weiter oben treffen wollen, und so schlug ich, den Halt verlierend, auf ihn. Er umschlang mich mit seinen Armen, und wir wälzten uns ringend am Boden. Ohne dass wir es merkten, näherten wir uns dem Wasserloch, und dann rollten wir schon ins Nass hinein.

Wir prügelten uns im Wasser weiter. Zwar hemmte uns das, aber es kühlte uns zugleich ab. Unsere Schläge wurden härter. Wir boxten jetzt, waren mittlerweile beide auf die Beine gekommen. Und während wir bis zur Mitte der Wasserstelle, wo uns das Wasser bis zur Brust reichte, gelangt waren, lieferten wir uns einen erbitterten Fight.

Ich bekam einen Wischer am Ohr, bei dem ich dachte, er wollte mir die Ohrmuschel abreißen. Ihm konnte ich zwei volle Andenken aufs rechte Auge pflanzen, das sich mehr und mehr verdunkelte. Dafür musste ich zum Dank zwei Schläge einfangen, bei denen ich dachte, mir würde es den Verstand aus dem Kopf treiben.

Ich gehöre aber nicht zu denen, die etwas unbezahlt hinnehmen. Ich täuschte einen Tiefschlag vor, und während er prompt beide Hände zur Deckung seines Unterleibes nach unten riss, wummerte ich ihm eine Gerade voll auf den Punkt Das hob ihn aus, und er tauchte unter.

Ich packte ihn, riss ihn wieder hoch, und sein Kopf kippte haltlos auf die Schulter. Da packte ich ihn am Haar und zerrte ihn ans Ufer. Dort ließ ich ihn liegen, aber nur so weit, dass sich sein Kopf im Trockenen befand.


*


Jetzt erst merkte ich, dass ich auch nicht ungeschoren davongekommen war. Mir brummte der Schädel. Die Fingerknöchel waren aufgeplatzt. Meine Hände sahen aus, als hätte ich damit Steine geklopft.

Als ich breitbeinig und noch immer ein wenig benommen neben ihm stand, begann er zu erwachen. Er stieß ein paar grunzende Töne aus, zwinkerte und prustete dann. Offensichtlich hatte er vorhin beim Untertauchen eine Menge Wasser geschluckt.

Um nun sicherzugehen, tastete ich nach seinem Revolver, zog ihn heraus und schleuderte ihn ein Stück davon. Meine eigene Waffe hatte ich vor dem Ufer verloren. Als ich sie gefunden hatte, steckte ich sie ein. Indessen war er wach geworden. Aber er sah sich wohl noch nicht imstande, auf die Beine zu kommen. Ein wenig verklärt blickte er in meine Richtung, hustete, versuchte, sich aufzurichten, ließ sich dann aber wieder resignierend zurücksinken, und noch immer lag er bis weit über die Brust im Wasser.

Das kühle Nass schien ihn doch schneller wieder auf die Beine zu bringen, als ich gedacht hatte. Er stützte sich auf die Ellenbogen, bewegte den Kopf hin und her, als müsste er etwas abschütteln, dann setzte er sich auf, so dass nur noch seine Beine im Wasser waren.

Vorgebeugt, blieb er eine Weile hocken und wollte gerade aufstehen, da entdeckte ich die vier Indianer.

Sie waren von der gleichen Sorte wie jene drei, trugen zerlumpte Kleidung. Alle vier hatten sie Topfhüte auf den Köpfen, in die sie Federn gesteckt hatten. Zwei besaßen lange großkalibrige Hawken-Gewehre. Die anderen beiden trugen Winchester-Karabiner in ihren Händen. Sie kamen zu Fuß, genau aus der Richtung, aus der erst ich und dann später Hadson gekommen war. Zwei trugen überhaupt keine Schuhe, sondern hatten die Füße mit Lappen umwickelt. Die beiden anderen besaßen Mokassins, die aber zum Teil aufgeplatzt waren und nur noch mit Rohlederriemen zusammengehalten waren, die sie um die Lederfetzen geschlungen hatten.

Die vier blieben bei unserem Anblick wie erstarrt stehen. Aber diese Überraschung währte nur ein paar Augenblicke lang. Dann schrie der eine auf, und alle vier rissen die Gewehre an die Schultern.

Hadson hatte meiner Meinung nach das alles noch gar nicht bemerkt. Da er unbewaffnet war, musste ich ihn schützen.

Deckung!", schrie ich, stieß ihn an der Schulter herum und warf mich selbst zu Boden. Ich lag kaum, da dröhnte der erste Schuss aus dem Lauf meines Peacemakers.

Der ganz links befindliche Indianer, der eine Winchester im Anschlag hatte, kam noch zum Schuss, bevor ihn mein Geschoss traf.

Die drei anderen feuerten ebenfalls. Aber ich war zu schnell für sie gewesen, und sie hielten alle drei zu hoch.

Ich verfluchte es, Hadson den Revolver weggenommen zu haben. Vielleicht hätte er schießen können. Und in dem Augenblick dachte ich auch an meine Waffe. Sie war abermals nass geworden. Wenn sie nun versagte?

Zum Überlegen war keine Zeit. Ich schoss, und der Revolver funktionierte. Aber ich konnte nicht mehr sehen, ob ich getroffen hatte. Nur der erste Schuss war ein zuverlässiger Treffer geworden. Die drei anderen Indianer warfen sich jetzt ebenfalls zu Boden. Doch nun trat eine Situation ein, die ihnen, aber auch mir keinen einzigen Vorteil brachte. Im Liegen waren sie zwar unserer Sicht entzogen, konnten aber selbst von uns nichts mehr erkennen.

Das Gewehr! Hol das Gewehr!“, rief ich Hadson zu. „Dort drüben!"

Ich hatte sein Gewehr dort liegenlassen, wo er es selbst am Ufer der Wasserstelle hingelegt hatte. Er stieß sich ins Wasser zurück, und auf einmal sah ich ihn dort, wo das Gewehr lag. Er packte es, richtete sich etwas auf, duckte sich dann aber rasch wieder.

Sie kommen!“, rief er mir zu.

Seine Stimme klang etwas eigenartig, so als wäre sein Mund geschwollen, aber ich konnte es mir nicht leisten, ihn anzustarren. Ich musste damit rechnen, dass die Indianer jetzt auftauchten, und das taten sie. Sie kamen alle drei angelaufen, die Gewehre an den Hüften, und dann schossen sie im Laufen. Einer von denen, die eine Hawken gehabt hatten, schien sich die Winchester des gefallenen Kameraden genommen zu haben, und daraus spritzten jetzt die Schüsse. Aber sie waren ungenau gezielt, waren zu kurz, dann schossen wir.

Es ging rasend schnell. Sie hatten uns total unterschätzt. Ich konnte einen von ihnen stoppen. Die schnelle Winchester von Hadson stieß die beiden anderen zu Boden, dann war es mit einem Mal totenstill.

Hadson stand auf, stützte sich wieder auf das Gewehr und sah mich grinsend an. „Jetzt sind wir so weit wie vorhin", sagte er. Dann ging er auf die Indianer zu. Ich folgte ihm, den Revolver noch immer in der Hand, stieß im Gehen frische Patronen hinein, und dann sahen wir sie liegen. Einer von ihnen lebte noch. Aber er starb innerhalb der nächsten zehn Minuten, noch bevor ich ihm helfen konnte.

Hadson sammelte ihre Waffen ein und meinte: „Es sind arme Teufel. Ich würde trotzdem sagen, dass wir die Gewehre der drei anderen von oben holen. Sonst kommen noch mehr von denen und knallen uns mit den Gewehren ab, die wir hier liegengelassen haben. Das sind verdammt arme Teufel. Die sehen aus, als hätten sie seit Tagen nichts in den Magen bekommen. Und Munition haben sie auch nicht mehr viel. Schade, dass sie tot sind.“

Ich sah ihn verblüfft an. Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Im Gegenteil, ich hätte gewettet, er gehörte zu denen, die einen toten Indianer als gut bezeichneten.

Wir hatten keine Wahl“, sagte ich, „sonst hätten sie uns für ein paar Schuhe oder ein Hemd erledigt.“ Aber wir besaßen noch viel mehr, nämlich Waffen, Munition und Pferde.

Ich erzählte ihm die Geschichte von dem Hemd, in das der eine von ihnen kein Loch haben wollte, weil es ihm gefiel.

Dieses Loch, das er vermeiden wollte, hat dir das Leben gerettet“, meinte Hadson. Dann grinste er mich schief an. „Und jetzt beginnen wir das Spiel von vorn.“

Ich winkte ab. „Du bist ein ausgemachter Idiot. Ich habe mit deiner Schwester nichts zu tun gehabt. Vorhin wäre es ganz einfach gewesen für mich, dich in den Rücken zu schießen, und die Sache hätte sich für mich erledigt."

Ich weiß. Ich habe daran gedacht. Es war kein Leichtsinn von mir. Und ich habe mich gefragt“, fuhr er fort, „ob du es wirklich machen würdest, wo es doch meine Schwester ist. Wenn sie erfährt, dass du ihren Bruder getötet hast, will sie auch von dir nichts mehr wissen. Vielleicht hast du es deshalb nicht getan?“

Ich konnte nur den Kopf schütteln. „Hast du Schwachkopf denn für alles eine Erklärung?“, fragte ich ihn.

Du solltest mich nicht beleidigen, Callahan. In so einer feinen Lage bist du gar nicht. Ich habe immer noch das Gewehr.“

Du könntest es nicht einmal in Anschlag bringen. Aber weißt du was? Du bist zwar verrückt, aber du hast bei mir noch einen Stein im Brett. Da drüben liegt dein Revolver. Heb ihn auf und steck ihn ein. Ich glaube, wir brauchen uns nicht wie kleine Kinder zu benehmen. Irgendwann wird es dir schon dämmern, dass ich mit deiner Schwester nichts zu tun habe.“

Er rührte sich nicht von der Stelle, sah mich zweifelnd an, wischte sich über die Stirn und zuckte die Schultern. „Ich weiß jetzt wirklich nicht mehr. Ich habe den Namen Callahan noch nie gehört, bis ich von dir erfuhr. Und jetzt soll es auf einmal so viele von euch geben?“

Mein Bruder und mein Vater sind tot“, sagte ich. „Ich weiß keinen Callahan außer mir. Aber offensichtlich gibt es noch einen, sonst wäre deine Schwester nicht mit ihm unterwegs.“

Also gut", sagte er. „Nehmen wir an, du sprichst die Wahrheit. Dann würde es dir doch sicher nichts ausmachen, mich zur Ranch meines Vaters zu begleiten und mit den beiden Männern zu sprechen, die behaupten, den Burschen gesehen zu haben, der mit meiner Schwester fort ist.“

Wenn diese Ranch auf dem Weg nach Mexiko liegt, bin ich gerne dazu bereit. Selbst ein kleiner Umweg ist noch drin, aber bitte nur ein kleiner.“

Du müsstest wissen, wo Winslow liegt.“

Natürlich weiß ich das", erwiderte ich. „Es liegt im Norden. Mexiko aber liegt im Süden. Und bis nach Winslow ist es ein gutes Stück. Da bin ich schon dreimal über die mexikanische Grenze und stecke schon tief in Sonora, ehe ich Winslow erreiche.“

Du solltest auch Sonora erreichen. Mach dir nichts vor, Callahan. Du müsstest mich erschießen, wenn du scharf darauf bist, mich loszuwerden. Es gibt für dich nur zwei Möglichkeiten: entweder du erschießt mich oder du kommst mit auf die Ranch, also nach Winslow.“

Hör mit diesem Quatsch auf! Such doch diesen Kerl, wo immer du willst, aber lass mich in Ruhe. Ich will nach Mexiko, und du willst nach Winslow oder auch diesen Callahan irgendwo aufspüren, von dem ich noch nie gehört habe. Und er nannte sich nur Callahan, nicht wahr?“

Zusammenfassung

Als ich US Marshal Tom Hadson das erste Mal begegnete, rettete er mich vor einem Trupp blutrünstiger Apachen, die scharf auf meinen Skalp waren. Aber in Wirklichkeit hatte er es auf mich abgesehen, denn er glaubte, ich hätte seine Schwester Jenny entführt. Ich staunte nicht schlecht, als ich von einem skrupellosen Halunken erfuhr, der meinen Namen schon mehrmals benutzt hatte – und weil er mir ähnlich sah, glaubte ich zu wissen, wer es war. Nun, ich konnte Tom Hadson davon überzeugen, dass ich der echte Jed Callahan war und mit der Entführung seiner Schwester nichts zu tun hatte. Da er mir im Kampf gegen die Apachen geholfen hatte, wollte ich das gleiche für ihn tun. So ritten wir beide nach Mexiko und folgten der Spur meines Doppelgängers. Welch ein Risiko wir beide damit eingingen, ahnten wir jedoch noch nicht ...

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738911084
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
callahan jagd doppelgänger

Autor

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Titel: CALLAHAN #7: Jagd auf den Doppelgänger