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In den Sattel gezwungen!

2017 120 Seiten

Leseprobe

In den Sattel gezwungen!

Roman aus dem amerikanischen Westen

von Larry Lash


Der Umfang dieses Buchs entspricht 200 Taschenbuchseiten.


Klappentext:

Eigentlich liebte Reginald Meeker nur noch die Sonne, die ihn erwärmte und auf seine Haut brannte, ihm die Kälte aus seinen alten Gliedern trieb, die ein enttäuschendes Leben in ihm zurückgelassen hatte. Doch dann kam der Tag, an dem er noch einmal in ein wildes Geschehen hineingerissen wurde, der Tag, der ihn erneut in den Sattel zwang, ihm noch einmal den alten Trommelrevolver in die Hand trieb. Es war der Tag, an dem sich ihm, wie in jungen Jahren, Trailpartner an die Seite drängten, die er absolut nicht anerkennen konnte.

Er wehrte sich gegen sie und schüttelte sie auch ab, bis er erkannte, dass das Schicksal selbst ihm die letzte Chance seines Lebens bot und dass ihm hierbei ein echter Trailpartner an die Seite gestellt wurde, mit dem zusammen er die schier verzweifelte Situation nach hartem Ringen endlich doch meistern konnte.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

(alter Titel: Trailpartner)

Cover: Nach einem Motiv von Edward Borein mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


1.

Altershell waren seine Augen, mochten für den flüchtigen Beobachter wohl jugendlich wirken, denn in ihnen brannte ein starkes Lebensfeuer, das auch das, was sie gesehen hatten, nicht hatte löschen können. Er hatte den Goldrausch in Sacramento miterlebt, kannte die verkommenen, halb verhungerten und zerlumpten Gestalten, die beim Fackellicht mit den Händen in dem Boden wühlten, die mit Hacken und Spaten die Flussufer in der Ebene und an den Hängen nach Gold durchwühlten, sich abrackerten und schufteten, schlimmer als die Tiere in knechtischer Allheit. Sie kamen aus allen Richtungen, über Land und sogar übers Meer. Yeah, alle Länder schienen ihren Abschaum nach Kalifornien abzuschieben. Zigtausende waren es, die in rohen Bretterhütten hausten. Manche von ihnen kampierten sogar nur mit einer Wolldecke unter dem freien Himmel.

Seine Augen hatten auch die Kartenhaie gesehen und jenes Gesindel, das sich wie die Aasgeier auf lohnende Beute stürzte. Friseure wurden steinreich, und Männer, die irgendein Instrument spielen konnten oder eine winzige Stimme hatten, wurden zu hochbezahlten Künstlern. Yeah, seine Augen hatten viel Licht und viel Schatten gesehen, hatten auf Männer geschaut, die in den Staub sanken und so ihre letzte Hoffnung von einem besseren Leben mit ins Grab nahmen. Unheimliche Gefechte, Trinkorgien, Schießereien hatte er miterlebt, hatte die Räuberbanden gesehen, die sich auf den Goldfeldern breit machten, und hatte auch die Guten erkannt, die wenigen, die durchhielten und mit dem Strom der Golddigger mitgeschwemmt wurden, um dann das gefundene Gold durch die Finger rinnen zu lassen. Sie machten sich selbst zu Sklaven ihrer entfesselten Leidenschaft und hatten zum Schluss leere Hände, genau wie Reginald Meeker, dessen Buckel sich unter der Last der vielen Jahre harter Arbeit und schlimmer Enttäuschungen gekrümmt hatte und der nun nur noch eins liebte, still in der Sonne zu sitzen und zu träumen.

Nichts war Reginald von all dem Gold, das er in jungen Jahren gefunden hatte, geblieben. Dabei war er doch für drei Tage der Diggerkönig gewesen, hatte einige faustgroße Nuggets sein eigen genannt. Nun träumte er hin und wieder, wenn er so wie jetzt in der Sonne lag, von der wild bewegten Zeit, freute sich darüber, dass es ringsumher keine verwahrlosten Hütten mehr gab, keine Claims mit wild arbeitenden, verbissenen Männern, die sich gegenseitig belauerten und, wenn es sein musste, auch gegenseitig umbrachten. Yeah, er freute sich darüber, dass es hier keine vom Regen aufgeweichten, schlammigen Straßen gab.

Seine Schufterei und seine Erfahrungen, wozu taugten sie noch? Niemand bat ihn um Rat, niemand brauchte seine Lehren, denn jeder machte seine eigenen Erfahrungen im Leben, und einen alten Tramp wie ihn verlachte man höchstens, oder belächelte ihn mitleidig, gab ihm etwas zu essen und hin und wieder ein abgelegtes Kleidungsstück. Manchmal ließ man ihn auch bei den Pferden im Stall schlafen, dann aber musste er weiterziehen, denn man brauchte ihn nirgendwo. Niemand erwartete ihn. Überall, wo er auch hinkam, war er fremd und nicht gerade gern gesehen.

Für ihn gab es keine Hast und kein Jagen mehr, denn das Alter machte unsagbar bescheiden.

Reginald Meeker schob sich die Deckenrolle, die er sich in den Nacken gelegt hatte, besser zurecht. Seine fast lidlosen Augen öffneten sich einen Spalt breit, und sein verrunzeltes, von vielen Falten zerfurchtes Gesicht lächelte spöttisch. Man sah diesem Gesicht noch heute die einstige männliche Schönheit an. Etwas aus der Vergangenheit war geblieben, der wohlgeformte Schädel mit der breitflächigen Stirn, die dichten, jetzt silberweiß gewordenen Haare, die ihm bis auf die Schultern herabfielen, die Adlernase und der gestutzte Bart, und, yeah, auch ein Trommelrevolver, den er jedoch verborgen trug. Vielleicht weil er fühlte, dass niemand bei einem alten Mann, der er ja nun war, gern eine Waffe sah, denn eine Waffe gehörte nun einmal in junge Fäuste, nicht in die Gichtfinger eines Oldtimers, der so alt geworden war, dass alle, die er einmal gekannt hatte, längst schon in die ewigen Jagdgründe eingegangen waren. Meeker aber lebte, hatte alle berühmten Männer seiner Zeit hinter sich gelassen im Land der Schatten. Sutter zum Beispiel, auf dessen Land man die ersten Nuggets gefunden hatte und den das Schicksal dann selbst hatte mit leeren Händen ausgehen lassen.

Nova Helvetia hatte das Mustergut geheißen, auf dem man zuerst das Gold entdeckte, und zwar in einem Mühlengraben, den Sutters Vormann James Marshall beim Abströmen des für eine Sägemühle errichteten Dammes fand.

James Marshall war genau wie Sutter bereits tot. Ihre Namen aber würden in die Geschichte des neuen Kontinents eingehen, weil durch sie etwas Neues für Kalifornien heraufbeschworen wurde.

Meeker hatte auch Major Reading gekannt, jenen Mann, der am Trinityfluss ein unheimliches Vermögen in Goldstaub zusammenraffte, dann aber einer Räuberbande zum Opfer fiel und nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davonkam. Yeah, er kannte eine ganze Reihe von Männern, deren Namen inzwischen längst verweht waren, die gestorben und vergessen waren.

Bei diesen Gedanken schluckte Meeker schwer, öffnete die Augen weit.

By Gosh, yeah, die Schatten von drei Männern nahmen ihm das Sonnenlicht. Lautlos, gleich großen Raubkatzen, mussten sie herangekommen sein, standen nun einige Schritte von ihm entfernt da, lang aufgeschossene Gestalten, deren Gesichter im Schatten der Stetsonkrempen kaum zu erkennen waren. Dreißig Schritte hinter ihnen standen ihre Pferde an einem Gebüsch, mit lang herabhängenden Zügeln.

Meeker setzte sich hoch. Ein kicherndes Lachen kam von seinen Lippen, und er streckte beide gichtgekrümmten Hände aus, sagte:

„Die Mühe hättet ihr euch sparen können, Gents, ich bin ein alter Mann und zu Fuß, laufe also niemals davon, denn dazu würde mir die Luft fehlen. Zu holen gibt es außerdem bei mir nicht das Geringste, außer einer zerschlissenen Wolldecke besitze ich nichts, absolut nichts.“

„Ein alter Tramp“, knurrte einer der Kerle. Er stand rechts außen, war ein wenig kleiner als seine Begleiter, dafür jedoch umso breiter in den Schultern. Nur das hart geschnittene Gesicht hatte er mit den anderen gemeinsam. Drei üble Burschen waren es, zu erkennen an der Art, wie sie Meeker musterten. Eine Idee zu fein waren sie gekleidet, um als Cowboys durchgehen zu können, und auch ein wenig zu arrogant. Ihre Waffen aber verrieten noch mehr, denn jeder hatte sie auf die besondere Art umgeschnallt. Der Breitschultrige trug einen 45er Colt in einer offenen Lederschlinge, die über das Hosenbein geschnallt war. Drohend ragte der Kolben nach außen. Kerben waren darauf, tiefe Kerben, und jede Kerbe bedeutete den Tod eines Mannes, irgendeines Gegners, und dies wurde offen zur Schau gestellt, in verteufelt widerlicher Art. Großspurig, als solle es die Visitenkarte ersetzen und sagen, schau her, das tat ich, kriech in den Staub und denke, dass dein Tod die nächste Kerbe sein könnte.

„Nur ein Tramp“, knurrte der mittlere der Burschen, ohne dabei sonderlich die Lippen zu bewegen. „Aber was heißt das schon, hier können wir nicht einmal einen Tramp gebrauchen.“

„Außer, er hätte Lust, uns die Stiefel zu putzen und uns das Essen zu kochen, die Dinge zu erledigen, für die wir uns nicht erwärmen können.

„Wann, Alter, hast du zum letzten Mal ordentlich gearbeitet?“

Meeker riss einen Grashalm ab, kitzelte sich selbst damit an der Nase. Das gab ihm Gelegenheit, die beiden anderen Boys zu mustern. Der Mittlere trug zwei Eisen, eins davon war ein alter rostiger Colt. Ein Trick, der uralt ist und nicht mehr zieht!, dachte Meeker. Wie einfallslos doch dieser Schlag Männer ist! Yeah, sie übernahmen nach berühmten Vorbildern die Art des Revolvertragens, doch, wer zum Teufel, fiel heute noch auf so etwas herein? Laut sagte der Oldtimer:

„Vor dreißig Jahren ritt ich noch in einer Treibherdenmannschaft als Koch, danach schlug ich mich so durch, wie sich's gerade gab. Eine ordentliche Arbeit würde mir schon gefallen, denn so alt bin ich wiederum auch noch nicht, um nicht Stiefel putzen und den Herd in Gang bringen zu können.“

„Umso besser, Alter, steh auf und komm mit“, sagte man ihm, und Meeker fragte:

„Wohin?“

„Zu der größten Ranch in diesem Becken, Oldman, oder glaubst du etwa, zu irgendeiner berüchtigten Weidehütte in ein Bandennest, he? Solche Zeiten sind vorbei, heute macht man das auf ganz andere Art.“

Er lachte scharf auf, blickte Meeker an, meinte: „Du hast uns auffallend lange gemustert, Oldman, scheinst mir weit herumgekommen und viel gesehen zu haben, wirst somit auch wissen, dass dein Leben an einem seidenen Faden hängt, wenn ...“

„... ich an der unrechten Stelle zu sprechen beginne, nicht wahr? Falls es nur das ist, so lasst mich ungeschoren und zieht eurer Wege, denn ich habe Männer eures Schlages in vielen Städten gesehen, und sie kamen ohne einen alten Mann zurecht.“

„Nicht in diesem Falle, Fellow! Vier Reiter sind angemeldet, drei Revolvermänner und ein Koch. Wir haben uns immerzu den Kopf zerbrochen, woher wir den Koch nehmen sollten, denn der wirkliche zog es vor, mit seinen drei Kumpanen dieser schönen Welt so long zu sagen. Doch wie schon gesagt, man erwartet uns. Deine schnelle Auffassungsgabe erleichtert es uns, dir erst besonders klarmachen zu müssen, dass es um ein wichtiges Geschäft geht. Du kannst dir dabei eine Altersversorgung verdienen und wirst dann keinen Kummer mehr haben.“

„Hm, die Katze kam verteufelt schnell aus dem Sack.“

„Yeah, das liegt an unserer Verfassung. Wir sind sehr weit und sehr schnell geritten, und wir sind es gewöhnt, jede Chance wahrzunehmen. Da wir uns bei deinem Anblick gleich entschlossen hatten, aus dir einen prächtigen Koch zu machen, kannst du nicht mehr zurück, alter Mann, musst wohl oder übel mit uns kommen.“

Der Kerl, der das sagte, schien der Wortführer und Boss zu sein. Er war schwarzhaarig, hatte besonders stechende Augen, blasse Lippen und schmale, glatte Hände. Er stand ganz rechts, trug zwei Eisen, die ihm tief an den Schenkeln baumelten. Nur ein Mann, der mit solchen Dingern umzugehen verstand, konnte es wagen, seine Eisen auf diese Art zu tragen. Von dieser Sorte Revolverschwinger gab es selten einen zu sehen, und Meeker sah nun in vierzig Jahren den zweiten Mann dieser Art vor sich. Einen Mann, dessen Händen man ansah, dass sie zaubern konnten.

Meeker ließ den Strohhalm fallen, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, sagte:

„Es wird nicht gut aussehen, wenn ich zu Fuß daherkomme, während ihr auf prächtigen Pferden sitzt.“

„Du kommst zu mir in den Sattel, denn du hast irgendwo dein Pferd niederschießen müssen, weil es sich ein Bein brach, ferner wirst du dich mit unserer Reservekleidung in einen anderen Menschen verwandeln.“

„Trotzdem wird sich nichts an mir ändern, Gents.“

Drei hartgesichtige Kerle sogen tief den Atem ein, dann grinste der Breitschultrige. „Sicher, ein Tramp bleibt ein Tramp, doch bestimmt bist du in jungen Jahren auch in heißen Sätteln geritten, genauso wie wir. Dass du trotzdem alt geworden bist, ist ein Zeichen dafür, dass ein Mann ruhig etwas riskieren kann. Clarissa Jewell sucht einen erstklassigen Koch, und ich denke, dass du uns und auch ihre zahme Mannschaft nicht enttäuschen wirst.“

„Mit meinem Essen habe ich selbst Treibherdenreiter wild gemacht, Gentlemen. Einmal habe ich in der Arizonawüste die beste Suppe aus Moos und Flechten gekocht, habe aus Lehm Brot gebacken und ...“

„Trotzdem lebst du noch? By Gosh, ich denke, wir werden miteinander auskommen, Alter, du hast die richtige Einstellung! Doch denke daran, dass eine versalzene Suppe dir nicht gut bekommen wird. Erheb dich nun, hast lange genug in der Sonne gedöst, es wird Zeit, dass du in den Schatten kommst.“

„Hm, ich glaube, das wird mir tatsächlich gut tun, Gents“, erwiderte Meeker, der keine weiteren Fragen stellte. Wozu auch? Er wusste, dass er in die Zange genommen worden war und alles weitere über sich ergehen lassen musste. Er war alt, er kannte die Menschen, und diese drei vor ihm gehörten zu der schlimmsten Sorte, die die Erde trug. Sie konnten einen alten Mann nicht in Ruhe und Frieden seinen Weg gehen lassen, wenn er gerade in ihre Pläne passte.

Wozu man doch noch in alten Tagen nützlich sein kann, dachte Meeker. Hätte doch nie gedacht, dass ich noch einmal in eine heiße Sache hineingezogen würde, aber es regt mich verteufelt auf. Zu verlieren halbe ich nichts mehr, und die Drohung, mich gegebenenfalls ins Jenseits zu befördern, ist einfach lächerlich, denn meine Tage sind ohnehin gezählt. Alle drei sind Burschen übelster Sorte. Trüber ritten solche Strolche in Banden und wagten es nicht, sich, als ehrbare Cowboys auszugeben. Heute jedoch, scheint es so, als brauche man sie oder ähnliche Burschen auf den Ranches, um Machtpläne verwirklichen zu können. Nun, es ist Herbst und der Winter steht vor der Tür. Im Winter jedoch macht das Wandern ohnehin keinen rechten Spaß mehr. Als Koch jedoch kann man sich jederzeit satt essen, und so gut habe ich es schon lange nicht mehr gehabt. Bis zum Frühjahr werd' ich's ja aushalten, und dann — nun, wir werden sehen.

Er erhob sich, nahm sein Deckenbündel, schulterte es sich auf. Erst jetzt sahen die Kerle verwundert, dass der Alte sie um Haupteslänge überragte.

Wie ein knorriger Baum war er, der vielen Stürmen und Orkanen getrotzt hatte, wohl zernarbt und gebeugt, doch trotz der gichtgekrümmten Finger noch kernig.

„Gehen wir, Boys“, sprach Meeker sie geradezu wohlwollend an. „Für harte Burschen habe ich immer eine Menge übrig gehabt. Ich werde euch das beste Essen vorsetzen, das jemals über euren Gaumen kam, und ich werde dafür sorgen, dass eure Bäuche von Tag zu Tag mehr anschwellen, sodass eine gute Zeit für mich anbricht.“

„Alter, du bist noch verteufelt rüstig, aber freue dich nicht zu früh“, dämpfte der Schwarzhaarige grinsend, „wir werden nicht abwarten, bis uns die Bäuche platzen.“



2.

Es war noch keine Stunde vergangen, da wusste Meeker bereits die Namen der drei Begleiter, die sich ihm aufgedrängt hatten. Der Schwarzhaarige mit den stechenden Augen und dem Drehholster hieß Ward Chandler, der mit den zwei Eisen, den roten Haaren und der Stupsnase Ed Monson und der fahle Blonde, der so offen seine Kerben zur Schau stellte, hieß Irving Havilland. Sicher waren ihre Namen so unecht wie das Lächeln, das sie aufsetzten, als sie ihn, Meeker, aus dem Busch kommen sahen, hinter dem er sich umgekleidet hatte.

Ein gerupftes, lebendes Huhn hätte keine größere Aufmerksamkeit erregen können. In der Tat fühlte sich auch Meeker wie ein Mann, den man als Vogelscheuche aufgestellt hatte. Das viel zu weite Hemd Chandlers schlotterte ihm um den hageren Körper, Monsons Hose reichte nur bis zur Wade und die Ersatzstiefel, die ihm Havilland mit einem Grinsen zur Verfügung gestellt hatte, waren so klein, dass er die Kappen aufschneiden musste, damit seine Zehen sich einigermaßen wohlfühlten. Seinen alten Stetson, der zerfranst und zerbeult war, durfte er behalten. By Gosh, yeah, wenn man ihn ansah, musste man unwillkürlich lachen.

„Dass du auf deine alten Tage noch so noble Trailpartner bekommen würdest, hättest du dir wohl niemals träumen lassen, Alter?“

„Als ich jung war, ritt ich mit dem Kaiser von Kalifornien und speiste mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der König von Siam war mein Gast und Fürsten buhlten um meine Gunst“, erklärte Meeker ernst und gelassen.

Monson, der ihn zu sich aufs Pferd genommen hatte, blinzelte überrascht und sog tief den Atem ein, erklärte dann rau: „Umso besser, dann bist du ja vornehme Gesellschaft gewöhnt, und ich hatte schon Sorge, dass man nicht vernünftig mit dir reden könnte. Wir, Fellow, sind echte Raubritter und reiten in einem besonderen Auftrag. Die Sporen-Ranch ist unser Ziel.“

„Mehr würdest du mir wohl vorerst nicht verraten, wie?“

„Nein, Alter, deine Neugier steck' zurück. Hab nur Geduld und du wirst bald herausfinden, welch lustiges Gespann wir bilden.“

„An der Art, wie ihr eure Revolver tragt, habe ich es bereits gemerkt. Ist wohl jetzt modern, Kimme, Korn und Bügel abzusägen, wie? Zu meiner Zeit machte man derartige Mätzchen nicht und jonglierte mit guten, soliden Trommelrevolvern.“

„Zu deiner Zeit gab es noch keine richtigen Coltschwinger.“

„Sag das nicht, ich habe Männer von besonderem Format gekannt, Männer, die heute noch Gesprächsstoff an den Lagerfeuern sind und mit denen ich Bügel an Bügel ritt.“

„Aber es sind nur kleine Hechte uns gegenüber, Alter. Das wirst du noch herausfinden. Schau dir nur Chandler und Havilland richtig an, ganz zu schweigen von mir. Wenn wir in Aktion treten, zieht selbst der Teufel den Schweif ein. Du könntest wirklich keine besseren Trailpartner finden, Meeker.“

„Oh doch, Gents.“

Alle drei sahen ihn recht gespannt an, waren überrascht von seiner Antwort. Ihre Blicke saugten sich an ihm fest, schienen wie eine Herausforderung zu sein.

„He, Meeker, wer denn zum Beispiel?“

„Der Tod“, sagte der Oldtimer und zuckte mit den Schultern. „Ich spüre es schon lange, dass er mein Trailpartner ist, und ihr werdet es euch schon gefallen lassen müssen, dass ich ihn anerkenne.“

Chandlers Augen weiteten sich vor Überraschung. Monson schnaubte grimmig vor sich hin und Havilland spie verächtlich zur Seite aus. Allen dreien war die Erwähnung des Unsichtbaren unangenehm. Alle drei taten so, als ritte das knöcherne Gespenst weit, weit von ihnen entfernt.

Meeker aber sah alle drei der Reihe nach an, fügte hinzu:

„Wir reiten also zu fünft, Freunde, und ihr müsst ihn wohl oder übel annehmen.“

„Nun, bevor wir unseren Auftrag erledigt haben, werden noch eine Menge Männer von deinem Trailgenossen an die Hand genommen und in ein besseres Leben geführt werden. Uns ist es schon recht, dass du den Knochenmann gleich mitgebracht hast, Meeker.“

Alle drei lachten schallend, allen dreien schien diese Bemerkung Havillands ausgesprochen witzig zu sein. Nur Meeker lachte nicht mit, blieb todernst.

Somit brach auch das Lachen der drei plötzlich unvermittelt ab. „Alter, du hast eine seltsame Art von Humor“, schnaubte Chandler böse. „Wir reiten bereits auf dem Weidegebiet der Sporen-Ranch. Schau dir die Brandzeichen an, Meeker, die Weide und das Land. Mit jeder Meile, die wir reiten, wirst du feststellen können, wie gewaltig die Sporen-Ranch sich ausdehnen konnte. Das wird jedoch nun endgültig zu Ende sein, denn ein Mädel hat nicht genug Kraft und Härte, um eine solche Ranch halten zu können. Ringsum gibt es eine Menge Ranchers, die ihr gern einen Teil der Weide abnehmen würden. Sie lauern nur darauf, vereint zuzuschlagen.“

„Ah, ihr seid wohl Wegbereiter für sie, wie?“

„Immer Langsam, Meeker“, kicherte Chandler verhalten. „Wir sind noch nicht am Drücker, doch wenn wir es einmal sind, werden wir weitersehen.“

„Das heißt also, dass ihr euch eure Möglichkeiten selbst aussuchen werdet?“

„Fellow, in deinem Alter leidet man für gewöhnlich unter Verkalkung und wird langsam kindisch, du aber scheinst noch gerissener und munterer zu sein als in deinen besten Jahren. Yeah, Clarissa Jewell hat bereits herausgefunden, was man mit der Ranch vorhat. Solange ihre Gegner glaubten, durch eine Heirat mit ihr das Riesenvermögen an sich bringen zu können, hielt man sich zurück. Aber ein Freier nach dem anderen bekam von ihr einen wunderschönen Korb umgehängt, und das hat die Burschen ergrimmt und zornig gemacht. Sie setzten sich an einen Tisch und aus ihren ehemaligen Anbetern und Vermögensjägern erwuchsen ihr Feinde noch und noch.“

„Und da ihre Cowboymannschaft sicherlich aus guten Kuhtreibern, aber aus zu wenig schnellen Revolverschwingern besteht, wollte sie sich durch drei Revolverschwinger beschützen lassen“, warf Meeker ein.

„Yeah, und diese Männer sind wir“, unterbrach Monson, indem er sich ein wenig im Sattel aufreckte, als wolle er sich besonders herausstellen. „Ihren Brief an die Hallison-Brüder haben wir in der Tasche, doch den Brief der Brüder an sie, ließen wir, nachdem wir ihn gelesen hatten, von der Stagecoach weiterbefördern. So erwartet also Clarissa Jewell die drei Brüder, die unter dem Namen Chandler, Monson und Havilland bekannt und berühmt wurden. Dass diese Kerle den Einfall hatten, ihre Einkuh-Ranch stillzulegen und ihren Koch mitzunehmen, ist weniger schön gewesen, musste aber von uns in Kauf genommen werden. Doch nur der Teufel mag wissen, warum sich die Brüder nicht unter ihrem wirklichen Namen zu Berühmtheiten entwickelten.“

„Das, Monson, müsstest du doch eigentlich sehr gut verstehen“, wandte sich Meeker an den Sprecher. „Jeder zieht sich das Hemd an, das ihm passt, und wenn es schmutzig wird, wirft er es weg und zieht sich ein neues an. Vielleicht heiße auch ich nicht Meeker, sondern David oder Goliath. Namen sind wie Schall und Rauch. In vielen wilden Camps wusste man nicht einmal die Namen jener, denen man eine Kugel servierte. Namenlos sanken sie in die Grube, vergessen und vom Winde verweht. Wenn es also einen von uns erwischen sollte, so hat man wenigstens einen fremden Namen, den man eventuell auf den Grabstein setzen kann. Ihr drei könntet wirklich Brüder sein, denn ihr seid wie aus einem Holz geschnitzt.“

„Yeah, und jeder von uns ist ein Klassemann“, grinste Havilland.

Hölle, yeah, diese drei Kerle waren nicht bescheiden, jeder von ihnen hielt sich für einen besonderen Mann.

„Was die Ranchers nicht schafften, wird vielleicht einem von uns gelingen. Wir haben ausgemacht, dass jeder sein Spiel machen kann. Nimmt sie einen von uns, werden die anderen es ihm nicht nachtragen, denn unter uns sind wir im Allgemeinen fair.“

„Wenn sie jedoch keinen mag?“

„Ausgeschlossen, Meeker! Jeder von uns ist auf seine Art prächtig. Sieh dir nur Chandler an! In vielen wilden Städten hat er eine Menge Frauenherzen gebrochen, und Monson wirkt auf das weibliche Geschlecht in nahezu magischer Art. Wohin er auch kommt, hängen ihm die Weiber am Rock, und von mir will ich erst gar nicht reden.“

Er lachte glucksend zu seinen Worten, strich sich die Haare zurück, zog wie witternd den Atem ein, blinzelte zu der vor ihnen grasenden Rinderherde hinüber, die wie ein breiter, rot-weißer Strom durch Staubnebel sichtbar wurde.

„Wenn sie sich aber, um keinen von euch zu kränken, für keinen entschließen kann, was dann?“

„Ah, wir werden sie vor die Wahl stellen, und wenn sie selbst dann nicht will, dann wird es bitter werden.“

„Dann erst würdet ihr euch auf euren Auftrag besinnen, wie?“

„Ganz recht“, erklärte Chandler dumpf, und Monson nickte dazu, während Havilland böse zur Seite ausspuckte.

„Das wäre Nötigung oder Erpressung, wäre somit ein Verbrechen.“

„Nenn es, wie du es willst, Fellow“, stieß Monson zwischen den Zähnen hervor. „Wir sind raue Reiter, Raubritter, aber wir werden ihr trotzdem nichts antun, ihr persönlich nicht!“

„Nur sie um ihren Besitz bringen“, keuchte Meeker aufgebracht. Jetzt war er es, der bitter auflachte. Ein Lachen, das hell und durchdringend gegen den Hörnerwall schlug, als wäre es Teufelsgelächter.

Er lachte noch, als aus dem Staubnebel, der vor der Herde lag, Hufschlag dröhnte und vier Reiter aus dem Schatten herausgaloppierten. Chandler und Havilland rissen ihre Pferde rechts und links herum, sodass Monson in der Mitte blieb.

Monsons Rechte ließ den rostigen Colt unbeachtet, hob das zweite Eisen aus dem Holster, konnte das tun, ohne dass seine Bewegung von der fremden Kavalkade wahrgenommen wurde, da der vor ihm sitzende Meeker ihn voll und ganz deckte. Unruhig stand Monsons Pferd. In einigem Abstand hatten Chandler und Havilland ihre Pferde zum Halten gebracht, beide hockten gekrümmt im Sattel, beide hatten die Zügel fallen gelassen, sodass sie beide Hände frei hatten, die tief über den drohenden Coltkolben schwebten wie Adler über der am Boden liegenden Beute.

In der Art, wie sie sich zum Empfang bereit gemacht hatten, lag klar ihre Überlegenheit, die im nächsten Augenblick noch deutlicher werden sollte Chandlers dröhnende Stimme kam auf:

„Haltet an, jetzt reicht es uns!“

Die Cowboys, denn als solche erkannte sie Meeker, rissen ihre Pferde so überrascht in den Stand, dass die Vorderhufe der Tiere durch die Luft angelten und sie auf der Hinterhand einsanken, ihre Reiter aus dem Sattel zu fallen drohten. Staub wirbelte unter den Hufen auf, dann stand die Kavalkade. Die Cowboys sahen in drohend auf sie gerichtete Coltläufe hinein. Der Himmel mochte wissen, wie schnell Meekers Begleiter zogen, er, Meeker, hatte nicht einmal etwas davon wahrgenommen, war genauso überrascht wie jene Cowboys, die eigenartig gespannt von einem zum anderen blickten und deren Gesichter sich unmutig verzogen.

„Gents, es ist besser, auf dieser Weide derartige Scherze zu unterlassen“, raffte sich einer der Cowboys auf zu sagen. „Wir dulden hier keine Fremden!“

„Das bestimmen wir, Freund“, dehnte Chandler. „Wir lieben es, uns mit Scherzen solcher Art gleich ins rechte Licht zu setzen. Hebt die Hände, Gents, streckt sie den Wolken entgegen, aber haltet euch nicht daran fest.“

Seine spöttische Redeweise ergrimmte die Cowboys zusehends. Der Pockennarbige bekam einen roten Kopf, während die anderen drei sich eigenartig gespannt anblickten, langsam unter dem Druck der Situation die Hände hoben. „Wir sind Sporen-Crew-Reiter, und ich würde euch raten, es nicht auf diese Art zu versuchen.“

„Bevor eure Crew von der Herde anreitet, haben wir euch schon aus den Sätteln geholt“, grinste Chandler. „Aber ich höre wohl nicht recht, Sporen-Crew-Reiter seid ihr? He, dann lasst die Hände ruhig unten. Unser Pech, dass wir uns ausgerechnet auf diese Art hier einführen mussten, Cowboys, denn wir werden noch gut zusammen auskommen müssen.“

Er grinste schief, ließ im selben Moment seine Eisen verschwinden, genauso wie Monson und Havilland verfuhren. Einer Zurschaustellung kam dies gleich, und Meeker erkannte sogleich, warum sie das taten. Seine drei Begleiter legten es darauf an, den Cowboys der Sporen-Crew sofort ihre Überlegenheit offenbar zu machen, sodass es ihnen eiskalt über den Rücken lief.

Deutlich war sichtbar, dass sie auch Erfolg damit hatten. Alle vier Reiter der Crew waren stark beeindruckt.

„Wer seid ihr?“, keuchte der Pockennarbige, der als Erster seine Verlegenheit überwand. Er sprach jedoch nicht mehr so herausfordernd. Am Klang seiner Stimme hatte sich einiges geändert.

Chandler nickte ihm leutselig zu, sagte: „Wir werden von Clarissa Jewell erwartet, Buddy. Wir bringen nicht nur unsere Eisen, sondern auch den besten Koch mit, der jemals für eine Mannschaft das Essen bereitete. Ich denke, dass es für ihn eine Menge zu tun gibt.“

„Und ob!“, kam es schnell zurück. „Wir hätten uns eigentlich denken können, wer ihr seid. Clarissa hat euch auf allgemeinen Wunsch der Crew hin geschrieben, denn auf dieser Weide ist der Teufel los.“

„Es ist also der eindeutige Wunsch der Mannschaft?“

„Nicht ganz! Es wurde abgestimmt, und Clarissa fügte sich der Mehrheit, die für die Anwerbung schneller Eisen war.“

„Hm, dann gibt es auch Boys, die dagegen waren und sich groß genug fühlten, allein gegen die Feinde der Ranch anzugehen?“, schnappte Chandler gespannt. Meeker spürte, wie diese Nachricht nicht nur Chandler, sondern auch Monson und Havilland wachsamer machte, ja direkt unangenehm zu berühren schien. Er spürte, wie diese drei fast betroffen waren.

„Es wird immer Leute geben, die dagegen sind, gleich, um was es sich handelt“, grinste Meeker in die Runde. Er wollte verhindern, dass der Pockennarbige Namen preisgab, auf die seine Trailgenossen nur warteten. Doch der Pockennarbige ließ sich nicht aus dem Gleis werfen, kicherte dünn vor sich hin, grinste dann schief? „Gewiss, solche Leute gibt es auch in unserer Crew, doch Gott sei Dank sind sie in der Minderheit. Sie fühlen sich stark und möchten jede Hilfe ablehnen, weil sie sich dadurch gedemütigt fühlen. Vor allem Zack Canutt ist zu stolz, sicherlich fürchtet er nicht zu Unrecht, dass er beim Eintreffen von euch seinen Posten als Vormann der Ranch verlieren wird.“

„Wenn es ihm nicht passt, soll er sein Bündel schnüren, satteln und reiten. Wir haben einer Lady unsere Revolver verschrieben und unseren Koch dazu. Was wir tun, tun wir ganz“, erklärte Monson mit beißendem Hohn in der Stimme. „Die Lady wird sich entscheiden müssen, denn bei unserer Arbeit müssen wir eine geschlossene Front hinter uns haben. Nur in der Einigkeit liegt die Stärke!“

„Endlich ein Wort!“, frohlockte der Pockennarbige begeistert. „Nur so wird es die raue Horde von Scott und Wilnes schwer haben, in unsere Herden einzubrechen und Weide um Weide an sich zu reißen, nur so wird man Lady Jewell nicht zwingen können, eines Tages zu verkaufen. Ihr seid, so schätze ich, im richtigen Augenblick hier eingetroffen, Gents. Aber was Canutt anbelangt, so wird er sicherlich nicht vor euch kneifen. Ich sagte schon, dass er ein besonders stolzer Mann ist und glaubt, hoch über uns im Sattel zu sitzen. Er lebt ausgesprochen zurückgezogen.“

„Zurückgezogen?“, knirschte ein anderer Cowboy wütend. „Er tut nur so! In Wirklichkeit ist er hinter Clarissa her, wagt es nur nicht, offen mit ihr zu flirten. Vielleicht ist er zu stolz, um sich selbst einzugestehen, dass er nur bleibt, weil er in Clarissa vernarrt ist. Aber wer von uns ist das nicht? Bildet er eine Ausnahme? Nein, wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen, dass jeder von uns ihr die Sterne vom Himmel holen würde. Aber er stellt sich sichtlich heraus, gewiss nur, um sie auf sich aufmerksam zu machen, genauso, wie er kürzlich Wilnes mitten auf der Fahrbahn in Seansville verprügelte.“

„Wilnes hatte sich Clarissa in übelster Weise genähert“, warf ein anderer Reiter ein.

Der Pockennarbige schlug böse mit der geballten Faust durch die Luft, fauchte erregt:

„Jeder andere hätte das ebenfalls für Clarissa getan. Doch ist durch diese Prügelei Wilnes kuriert worden? Ich frage euch das, und ihr werdet mit mir antworten müssen: nein! Im Gegenteil, er wurde noch schlimmer und bösartiger. Und hat Canutt diesen Scott, als er frech wurde, etwa endgültig aus dem Reigen gebracht? Wieder müssen wir verneinen! Er hat Scott lediglich mit seinem Colt etwas angekratzt und ihn dann laufen gelassen. War das richtig? Nein und nochmals nein! Beide hätte Canutt aus dem Reigen werfen können, aber er tat es nicht, weil ihm wohl das rechte Mark in den Knochen fehlt. Darum auch sage ich, seid willkommen, Gents! Von euch weiß man, dass ihr, einmal ins Spiel gebracht, keine Halbheiten kennt. Sicherlich hättet ihr solche Chancen, wie sie Canutt hatte, voll ausgenutzt.“

Chandler grinste breit zu dem Sprecher hin, zog die Brauen hoch, was seinem Gesicht einen teuflischen Ausdruck gab. „Dieser Canutt wird sich beugen, oder aber er wird gebeugt werden“, dehnte er. „Doch wie mir scheint, bist du nicht gerade sein Freund, wie?“

„Wir alle nicht, bis auf Andy und Tom“, kam die schnelle Antwort. „Er hat der Crew die Zügel etwas zu fest angelegt. Doch das wird sich nun sicher ändern.“

„Kaum ...!“

„Damned, wir haben uns gedacht, dass uns richtige Revolverleute nicht davon zurückhalten werden, mitten in den Reigen hineinzuspringen und mitzumischen.“

„Wenn euch danach zumute ist, Freund“, erklärte Chandler, „muss ich dich vorerst enttäuschen, denn die Entscheidung, ob auch ihr mit rauchenden Colts durch die Gegend trailen werdet, hängt einzig und allein von der Einstellung Clarissa Jewells ab. Aber wir werden ja sehen, wie sich alles entwickelt.“

Der Pockennarbige zog die Augen schmal, hob sich ein wenig in den Steigbügeln, schien sehr überrascht zu sein. „Was hat Clarissa damit zu tun?“, erkundigte er sich gespannt.

Meeker mischte sich abermals ein, sagte:

„Wusstest du nicht, Sohn, dass eine Frau, wenn sie schön ist und dazu noch Geist hat, immer den Ton angeben kann? Schöner und geistvoller Frauen wegen sind schon viele Kriege geführt worden, haben sich wertvolle, ernste Männer freiwillig zu Narren gemacht, wurden Helden zu Säuglingen und Feiglinge zu Heerführern. Kein Wunder also, dass Chandler wissen will, wozu sich Clarissa entscheidet. Selbst Canutt ist, wie du selbst sagst, abhängig in seinen Entscheidungen.“

„Canutt hat sich niemals vor Clarissa gebeugt. Wenn man ihn nicht besser kennen würde, könnte man ihm tatsächlich die Rolle glauben, die er ihr vorzuspielen versucht.“

„Welche Rolle?“, fuhr Chandler ihn an.

„Nun, dass er sich nichts aus ihr macht und dass er seinen Willen durchsetzt. Er tut so, als ließe ihn ihre Schönheit völlig kalt, dabei ist er in nichts besser als wir, nur dass Clarissas Vater ihn wie einen Sohn behandelte und ihm im Testament einen festen Platz als Vormann der Ranch sicherte. Yeah, das hat er uns voraus, sonst nichts! Aber der Rancher ist tot, und Clarissa ist von uns überstimmt worden. Nehmt euch also vor dem Vormann in Acht, euer Kommen ist ihm ein Dorn im Auge.“

Chandler lachte dazu, und in sein Gelächter stimmten Monson, Havilland und die Reiter der Sporen-Crew mit ein. Meeker jedoch hielt sich wieder zurück.

„Wir werden mit diesem Canutt wohl unseren Spaß bekommen“, stieß Chandler hervor. „Reitet zur Herde zurück, Männer, bald sehen wir uns wieder. Doch vorher schickt uns Canutt.“

„Er ist auf der Ranch, ist in letzter Zeit viel zu viel auf der Ranch und kümmert sich nur wenig um die Herde. Vielleicht aber auch reitet er allein irgendwo durch die Gegend und träumt im Sattel von der schönen Clarissa, die ihm zum Greifen nahe und doch so unsagbar fern ist. Es wäre ein schöner Start für diesen Habenichts, den Clarissas Vater aus einem brennenden Prärieschoner zog, den die Kiowas angesteckt hatten. Es wäre zu schön für diesen Burschen, dem man erst einen Namen geben musste, weil der eigene ihm abhanden gekommen war.“

„Das, Sohn“, sagte jetzt Meeker wie aus einem tiefen Grübeln heraus, „stellt Canutt in ein ganz anderes Licht als jene Männer, denen der wirkliche Name nicht auf der Stirn geschrieben steht und die ihn absichtlich für immer vergessen haben.“

„Einen sonderbaren Koch habt ihr mitgebracht“, grinste der Pockennarbige.

„Von seltenen Qualitäten“, erwiderte Chandler. „Er spricht ein wenig durcheinander, seitdem er sein altes, treues Pferd niederschießen musste. Wenn er wieder am Kochtopf steht, wird er sicher wieder vernünftig werden. Man muss ihn beschäftigen, sonst reimt er sich noch mehr dummes Zeug zusammen.“

„Unsere Dig gi, die Köchin, wird sich seiner schon annehmen. Reitet nur zu, die Ranch könnt ihr nicht verfehlen!“ Der Pockennarbige zeigte durch die Staubnebel der Herde hindurch.

„Etwas über zehn Meilen noch, dann könnt ihr euch Clarissa vorstellen. Man könnte direkt neidisch werden, denn ihr braucht nicht hinter Kuhschwänzen herzureiten, sondern bekommt einen Sonderlohn, könnt tun und lassen, was euch gefällt, könnt zur nahen Stadt reiten, wann es euch beliebt.“

„So tausche doch“, riet Monson grinsend.

„Oh, nein, meine Hände sind zu langsam, denn in Seansville haben sich Scott und Wilnes breitgemacht, und wenn sie nicht gerade selbst dort sind, lassen sie sich von Arizona-Bill und Revolver-Charly vertreten. Beide sind erst seit einer Woche im Lande, haben sich aber bereits ganz schön unbeliebt gemacht, haben unseren Benjamin aus dem Sattel gehoben und ...“

Er schwieg, schlug abermals mit der geballten Faust durch die Luft, schüttelte sich wie in grimmigem Zorn, stieß zwischen den Zähnen hervor: „Sie nannten es einen fairen Kampf, sorgten dafür, dass Zuschauer vorhanden waren, die dann später bestätigten, dass Ralph Olders zuerst gezogen hatte. Dabei war das blanker Hohn, denn Olders hatte nicht die geringste Chance. Doch das alles wird sich jetzt ja ändern. Ihr drei scheint die richtigen Gegner für die Schießer zu sein. Bei euch werden sie sich vorsehen müssen, und mit keinem wird Revolver-Charly so umspringen können wie mit Olders.“

„Wir haben von den beiden gehört“, mischte sich Havilland in das Gespräch ein. „Zwei schnelle Revolvermänner, die ...“

„Mörder sind es in meinen Augen, gemeine Mörder!“, knirschte der Pockennarbige erregt.

„Was tat Canutt?“, wollte Chandler wissen.

„Canutt? Der wollte sich wie immer herausstellen. Er verbot der Crew loszureiten und die Stadt einzureißen, sondern ritt selbst hin.“

„Und ...?“

„Wurde am anderen Tag von uns in einem Gehölz bei der Stadt gefunden. Man hatte ihn halbnackt und ohnmächtig auf sein Pferd gebunden, und zwar so, dass er den Schweif des Pferdes in der Hand hielt. Er brauchte drei Tage, um sich zu erinnern. Als man ihn fragte, was eigentlich vorgefallen sei, schwieg er sich aus. Doch aus der Stadt sickerte so allerlei durch, und zwar erzählte man, er sei von Revolver-Charly und Arizona-Bill gestellt worden, und seine Worte, man solle doch einzeln gegen ihn zum Revolvertanz an treten, seien mit einem Hohngelächter aufgenommen worden. Bevor er sich noch wichtigtun konnte mit weiteren prahlerischen Reden, schlug man ihn nieder. Was weiter kam, wird nicht berichtet, aber es muss sehr schlimm für ihn gewesen sein, und ohne Andy und seine Schwester wäre er wohl kaum wieder auf die Beine gekommen.“

„Ein stolzer Mann, dieser Canutt, ein Mann, der sich für einen schnellen Burschen hält?“

„Er kann mit dem Revolver umgehen“, gab der Pockennarbige zu. „So seltsam es auch klingen mag, aber als man Canutt fand und er aus seiner Ohnmacht für einen Augenblick erwachte, befahl der Narr, dass man ihn zur Jagdhütte bringen solle und nicht zur Ranch. Er wollte nicht, dass ihn Clarissa in diesem elendigen Zustand sehen sollte. Uns blieb nichts anderes zu tun übrig, als seinem Wunsch zu entsprechen. Als wir ihn in der Hütte hatten, kam Marsha Arledge mit ihrem Bruder Andy. Beide kamen, um ihn zu pflegen.“

„Schon wieder eine Frau?“

„Ein Mädchen“, verbesserte der Pockennarbige. „Gewiss nicht schlechter und weniger schön als Clarissa, temperamentvoll und von starkem Willen, schwarzhaarig und mit Glutaugen, denen kaum ein Mann widerstehen kann.“

Er schnalzte genießerisch mit der Zunge. „Ein Mädel, das genau wie Clarissa eine Menge von Anträgen ausschlug und lieber bei ihrem Bruder auf der Heimstätte bleiben wollte, als in ein besseres Leben zu ziehen. In Wirklichkeit jedoch bleibt sie nur, um in Canutts Nähe zu sein.“

„Und Canutt merkt nichts davon?“

„Der Narr tut so, als wäre sie nichts weiter für ihn als eine liebe, kleine Schwester, übersieht einfach, dass sie in ihm keineswegs den großen Bruder sieht, sondern ihn anhimmelt und verehrt.“

„Clarissa aber bekam zu hören, dass Marsha Arledge ihren Vormann Canutt in der Jagdhütte gesund pflegte, nicht wahr?“, kicherte Meeker. „Irgendjemand aus der Sporen-Crew war so freundlich, es ihr brühwarm zu erzählen, wie? Dieser Berichterstatter sorgte auch sonst immer dafür, dass Clarissa den Eindruck hatte, dass sich zwischen ihrem Vormann und Marsha Arledge geheime Fäden spannen?“

„Stimmt auffallend, Alter, aber woher weißt du das so genau? Dich sehe ich zum ersten Mal und bin sicher, dass du niemals in dieser Gegend warst.“

„Ein Vögle in sang es mir ins Ohr“, kicherte Meeker. „Clarissa ist sehr stolz, und sie zeigte diesen Stolz wohl immer dann besonders, wenn einige Boys in der Nähe waren und sie Canutt Befehle gab, nicht wahr, und es sah dann so aus, als verachte sie ihn?“

„Genau ins Schwarze getroffen, Alter! Aber deine Hellseherei ist geradezu unheimlich.“

„Sie war auch zu stolz, um zur Jagdhütte zu reiten, oder ...?“

„Hölle, dazu hatte sie keine Zeit! Sie wartete, bis Canutt wieder angeritten kam und seine Arbeit wieder aufnahm.“

„Tat so, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, dass er anritt und weitermachte, versuchte nicht einmal, ihn zu sprechen, stimmt's?“

„Oldman“, keuchte der Pockennarbige heiser, „ich habe nie an Hellseherei geglaubt, jetzt aber wird mir unheimlich.“

Seine Augen öffneten sich weit, er atmete hastig. Wie er starrten auch die anderen Reiter der Sporen-Crew auf Meeker. „Wenn du ein Hexenmeister bist, kannst du uns sicher auch sagen, was Canutt weiter unternahm?“

„Ich kann es, Gents“, erwiderte Meeker versonnen, wobei seine altershellen Augen wie in weite Fernen blickten und hell auf leuchteten. „Canutt ritt zur Stadt, diesmal wiederum ohne Begleitung. Er lehnte sie ab, obwohl alle nur auf das Kommando warteten, in die Sättel zu springen und mit ihm zu reiten. Abermals ritt Canutt allein.“

„Meeker“, fauchte nun Chandler, „warum sollte er allein reiten, warum nicht die Chance wahrnehmen, Revolver-Charly und Arizona-Bill zu stellen und die gesamte üble Bande einschließlich Wilnes und Scott zum Teufel zu jagen? Er war doch ausgepunktet und zerschlagen worden, konnte sich doch an allen zehn Fingern abzählen, dass man ihn beim zweiten Mal noch übler zurichten würde. Warum tat er es denn?“

„Weil er ein Idealist ist, Chandler, einer von der ganz besonderen Art, die es immer wieder versuchen, und weil er an Olders Grab treten wollte.“

„By Gosh, es stimmt!“, keuchte der Pockennarbige bleich vor Erregung. „Jedes Wort stimmt! Er ist ein verteufelter Narr und wird nie vernünftig werden!“

„Nur durch eine Kugel an der richtigen Stelle“, fauchte Monson dazwischen. „Wir übernehmen jetzt das Kommando, und Canutt mag ausscheren, wenn er will, oder beiseite treten. Mit Halbheiten geben wir uns nicht ab. Clarissa wird ihn vor die Wahl stellen müssen, zu reiten oder zu parieren! Wir reiten und du, Meeker, wirst deinen Mund halten, schaffst nur Verwirrung mit deinem Gerede.

Wie, glaubst du wohl, wird Canutt auf uns reagieren?“

„Sauer, Monson“, erwiderte Meeker leichthin, „und vielleicht anders, als Ihr erwartet. Vielleicht jagt er euch alle drei zum Teufel, und ich werde mit Diggi, d er Köchin, gar nicht erst Freundschaft schließen können.“

„Meeker, wenn wir Canutt vertrieben haben, wirst du Diggi einen Kuss geben müssen“, grinste Havilland. „Es fehlt nur noch eine vierte Frau, um das Paradies für uns vollkommen zu machen. Reiten wir nun!“

Er nahm sein Pferd herum, hob die Hand zum Zeichen, dass er die Unterredung für erledigt betrachtete. Die Cowboys wendeten, Chandler und Havilland aber setzten ihre Pferde im Schritt rechts und links neben Monsons Reittier.

„Wenn du ein solch großer Hellseher bist, dass du dummgläubigen Cowboys das Blut in den Adern zum Erstarren bringst, dann sag uns nun, alter Mann, in wessen Auftrag wir reiten“, stieß Chandler böse hervor.

„Das ist leicht zu ergründen, Gents. Sicher haben sich Scott und Wilnes zusammengetan und zahlen euch den Sonderlohn, der noch höher ist als der, den ihr von Clarissa Jewell erhalten werdet.“

„Damned, rede nur weiter!“, keuchte Monson dicht an seinem Ohr. Die Augen funkelten ihm seltsam, und seine Lippen hoben sich, sodass er wie ein Wolf aussah, der die Zähne fletschte. „Nur weiter, wie stehen wir zu den üblen Kerlen, die den Benjamin der Sporen-Ranch ausschalteten und so heiß ihrem Vormann zusetzten?“

„Ausgezeichnet steht ihr mit Revolver-Charly und Arizona-Bill, gehört ihr doch ein und derselben Bande au. Während ihr gezwungen seid, euch hinter den Namen der von euch hinterrücks erschossenen Hallison-Brüder zu verstecken, können die beiden in der Stadt so auftreten, wie sie wirklich heißen. Ah, nimm die Hand von mir, Monson, es passt dir wohl nicht, dass ich euch durchschaue? Doch ich bin nur ein alter Mann, und es würde nicht gut aussehen, wenn ihr jetzt ohne Koch angeritten kommen würdet. Nimm also ruhig die Hand von meinem Hals, Monson.“

Monson kam dieser Aufforderung nach, seine Hand zuckte zurück. Grau war er im Gesicht, scharfe Falten standen um seine Mundwinkel.

„Wir haben dich mit hineingenommen in unser Spiel, Oldman, doch warum, glaubst du wohl, hat die Sporen-Crew ausgerechnet die Hallison-Brüder haben wollen?“

„Weil sie die Erzfeinde von Kerlen wie Arizona-Bill und Revolver-Charly waren.“

„Stimmt genau!“, erwiderte Chandler an Monsons Stelle. „Die Schufte haben schon immer damit geprahlt, dass sie schneller wären als wir. Wohin sie auch kamen, verkündeten sie es immer laut genug.“

„Dann frage ich mich, weshalb ihr immer wieder vor ihnen davongeritten seid.“

„Hölle, was sprichst du da?“

„Nur das, was ich mir zusammenreime, Chandler, oder wie immer du auch heißen magst. Man sagt, dass die Hallison-Brüder einem verteufelt üblen Gespann auf den Fersen waren, um eine alte Rechnung zu begleichen.“

„Dann weißt du verteufelt viel, Alter.“

„Kann sein, manchmal trägt es einem der Wind zu, und weil ich die Ohren nie verschließe, höre ich so allerlei. Es ist geradezu ein schlimmer Hohn, dass ihr die Namen der Männer tragt, die euch aus dem Leben fegen wollten, jedoch von euch erledigt wurden.“

„Meeker“, rasselte nun Havilland, „am Ende gar hast du die Brüder gekannt?“

„Yeah“, entgegnete Meeker beinahe feierlich. „Es waren schnelle Männer, aber keine schießwütigen Teufel. Sie waren hinter der Bande her, die ihnen ihr Anwesen in Brand gesteckt, ihre beiden Schwestern verschleppt hatten.“

„Du bist tatsächlich gut informiert, vielleicht kennst du auch Einzelheiten und die Namen der Schwestern, he?“

„Ich sagte schon einmal, Namen sind Schall und Rauch. Fest steht, dass die beiden Hallison-Schwestern blutjung und sehr ansehnlich waren, das heißt, als sie noch mit ihren Brüdern zusammenlebten. Später fanden die Brüder die Ältere von ihnen, die sich selbst aus dem Leben gebracht hatte, und ein Jahr später auch die Jüngere, die so krank war, dass ihre Brüder gerade noch zurecht kamen, um eine Sterbende in den Armen zu halten, die ihnen einen grauenhaften Lebensweg zu enthüllen hatte. Es würde zu weit führen, wenn ich das alles erzählen wollte. Doch jetzt ist euch sicher wohl, denn ihr habt ja nun von den Brüdern nichts mehr zu befürchten.“

Drei Augenpaare ruhten auf Meeker, und er hatte den Eindruck, als würden ihn drei Paar Wolfsaugen belauern.

„Fellow, du weißt entschieden zu viel! Woher kanntest du die Hallisons?“

„Vor zwei Jahren, an einem strengen Wintertag, fanden sie mich halb erfroren auf dem Weidegebiet ihrer Ranch und nahmen mich auf. Ich blieb bei ihnen bis zum Frühjahr.“

„Und das sagst du uns alles so einfach?“

„Glaubt ihr, ich habe Angst vor der Wahrheit? Wer die Last der Jahre so wie ich tragen musste, scheut vor der Wahrheit nicht mehr zurück. Sie allein ist es, die wie ein Licht in der Finsternis der menschlichen Verwirrungen steht. Manchmal jedoch ist sie auch ein Licht, das verbrennt. Seid ihr der Flamme zu nahe gekommen?“

Drei Kerle hielten den Atem an. Chandlers Rechte zuckte zum Colt, während Havilland böse zur Seite ausspuckte und Monson einen keuchenden Laut von sich gab.

„Ich stelle fest, dass dieser alte Tramp sich gut beherrschen konnte, als er unsere Namen erfuhr. Ich stelle weiter fest, dass er in verteufelt offener Art uns Dinge sagt, die kaum zu schlucken sind, und dennoch die Fassung nicht verliert. Du hattest recht, Meeker, als du uns sagtest, dass dein Trailpartner der Knochenmann persönlich ist. Jetzt fühle ich es deutlich, sehe ihn beinahe vor mir, denn er hat seine Knochenhand bereits auf dich gelegt und hält dich im Nacken. Du stehst tatsächlich mit beiden Beinen in der Grube, Meeker. Behalte dein Wissen für dich und halte die Wahrheit zurück“, knirschte Chandler, indem er seine Brauen finster zusammenzog. „Die Wahrheit kann uns nicht aufhalten.“

„Die Wahrheit kommt immer dann zutage, wenn man es am wenigsten erwartet“, erwidert Meeker sehr sanft. „Sie kommt, ohne dass ich etwas dazu zu tun brauche, nur keine Sorge, Gents.“

Wieder sah Meeker mit seinen hellen Augen wie in eine weite Ferne hinein, tat so, als sähe er nicht die bedeutsamen Blicke, die sich die drei Kerle zuwarfen, als sähe er nicht die unheimliche Veränderung, die auf ihren Gesichtern vor sich ging, so als hätte ihnen jemand die starren Masken heruntergerissen.

Eine Gleichmütigkeit ging von ihm aus, die offen erkennen ließ, dass die Folgen der Wahrheit ihm, gleich wie sie auch ausfallen würden, nichts mehr anhaben konnten. Weder Angst noch Nervosität zeigte er.

Kreischend war Havillands Stimme: „Sage uns nur noch, welcher Bande wir angehören!“

Dass er das wissen wollte, keinen Versuch zur Verschleierung machte, nicht einmal versuchte, alles das, was Meeker sagte, anzuzweifeln und abzuweisen, zeigte deutlich, wie sehr die Wahrheit des alten Mannes alle Lügen beiseite schob. Diese nüchterne, unheimliche Wahrheit, die ihnen ihre ganze Erbärmlichkeit ins Gesicht schleuderte, ihnen klar vor Augen hielt, dass der Kampf mit den Hallison-Brüdern, wenngleich von niemandem gesehen, so doch von Meeker mit einer Klarheit durchschaut wurde, als wäre er auf der Walstatt dabei gewesen, erdrückte sie förmlich.

Allmächtiger, yeah, mit einer geradezu hellseherischen Fähigkeit rührte Meeker an Dinge, die sie vor der Welt verborgen glaubten. Mit dieser, seiner Fähigkeit hatte er die Cowboys erschreckt und in eine Verblüffung gebracht, und sie so in die Enge getrieben, dass es für ihn selbst den Tod bedeuten konnte. Alle drei lauerten wie die Raubtiere auf seine Antwort, saugten sich an seinen Lippen fest.

„Den Namen der Bande? Warum ist das so wichtig? Ihr wisst, gegen Namen habe ich eine gewisse Abneigung, weil sie in meinen Augen absolut nicht viel besagen, denn sie werden meist gewechselt wie die schmutzige Wäsche. Nur Namen, an denen kein Flecken ist, sind wert, genannt zu werden.“

„Well, wie du willst, doch sagt dir der Name 'Hauklotz-Ranch' oder 'Zwei-Spaten-Ranch' etwas?“

„Nur so viel, dass die Hauklotz Dave Scott gehört und die Zwei-Spaten Fred Wilnes. Es ist nichts, was es dabei zu denken gibt, Gents.“

Wieder lachte Chandler bissig auf, fauchte dann grimmig:

„Alter, behalte von nun an deine Weisheiten für dich, versuche nicht mehr, dich ins Spiel zu bringen. Dort ist die Sporen-Ranch der Jewells. Unser Spiel beginnt, nichts soll uns daran hindern!“

Er schlug mit der flachen Hand durch die Luft, als wolle er seine Worte durch diese Geste unterstreichen. Monson konnte sich nicht verkneifen zu sagen: „Denk daran, dass du für deine letzten Tage hier aussorgen kannst. Das bedeutet, ein voller Magen und gute Kleidung, und dass du dich, wann immer du willst, in die Sonne legen kannst und die Daumen drehen.“

„Bedeutet ferner eine kostenlose Beerdigung und eine Rede an meinem Grab, Monson“, entgegnete Meeker gelassen.

„Jeder von uns wird dir ein gutes Gedenken nachsenden, wenn alles so klappt, wie wir es uns vorstellen, Meeker. Du hast zu tief in unsere Vergangenheit geschaut. Nun, es waren schlimme Dinge, die nun aber hinter uns liegen, und wir wollen uns eine neue Zukunft aufbauen. Der Start dazu ist die Sporen-Ranch.“

„Gewisse Leute kommen niemals, was immer sie auch versuchen mögen, aus ihrer eigenen Haut heraus. Ein Wolf wird nicht plötzlich ein Eichhörnchen.“

„Das mag im Bereich der Tierwelt zutreffend sein, nicht aber bei uns Menschen“, warf Chandler ein. „Wer kann schon hinter einer Stirn die Gedanken lesen? Wer kann schon wissen, was die Vergangenheit brachte? Für uns aber soll die Vergangenheit ruhen, und warum soll uns der Sprung in ein anderes Leben nicht gelingen? Warum sollten nicht auch wir ehrbare Leute werden können? Genügend Piraten sind es geworden, darunter solche, die noch eine schlimmere Vergangenheit zurückließen als wir. Sie wurden mehr noch als nur Ranchers, setzten sich bis in die höchsten Ämter durch, und je mehr Macht sie errangen, desto mehr Achtung zeigten ihnen die Menschen, je tiefer beugten sie sich vor ihnen. Das müsste auch dir, Alter, bekannt sein. Eines Tages wird einem von uns die Sporen-Ranch gehören, ob mit oder ohne Clarissa Jewells Einwilligung. Eines Tages wird uns die ganze Weide gehören. Alles, was gegen uns ist, wird hinweggefegt sein, und die Menschen werden sich vor uns beugen und Frauen wie Clarissa es bedauern, dass sie nicht Ja gesagt haben, als man sie darum bat. Yeah, nur dem Harten und Skrupellosen sind Tür und Tor auf dieser Welt geöffnet, alle anderen gehen unter oder ersticken an ihrer eigenen Schwäche.“

Er streckte beide Arme aus, als wolle er die Sporen-Ranch, die mit jedem Hufschlag näher rückte, an sich reißen.

Eine prächtige Ranch war es, zu der sich seine Klauenfinger hin krümmten. Sie stand trutzig, braun-gelb leuchtend auf einem kleinen Hügel, dem ein Espenhain vorgelagert war. Eine Menge Gebäude hoben sich in den hellen Himmel hinein, leuchteten einladend in der Sonne. Corrals waren um die Ranch gelagert. Ein Creek schimmerte wie flüssiges Silber, und das saftige Grün der Weiden ringsum wurde von fast parkähnlichen Mischwaldbeständen unterbrochen. Ein Reiter kam von der Ranch, stutzte beim Anblick der kleinen Kavalkade und hob sich in den Steigbügeln, sodass seine schlanke, feingliedrige Gestalt fast zerbrechlich wirkte. Dann jagte der Reiter näher, und einen Augenblick später erkannte man, dass es kein Mann, sondern eine Frau war, die auf einem hochgebauten Rappen saß. Sie trug Cowboykleidung, die jedoch alle körperlichen Reize preisgab. Unter der Stetsonkrempe flatterte rabenschwarzes Haar gleich einer prächtigen Mähne im Wind. By Gosh, yeah, ihr Anblick konnte einem Mann den Atem rauben, ihn in Verzückung bringen. Alles an ihr war so, wie ein Mann es sich immer erträumte. Ein schmal geschnittenes rassiges Gesicht, das olivfarben getönt war und in dem dunkle, von langen, schwarzen Wimpern eingefasste Augen brannten. Biegsam wie eine Gerte schien sie zu sein, und feine, wohlgebildete Hände hielten die Zügel des temperamentvollen Rappen.

Meeker jedoch sah sie gewiss mit anderen Augen als seine Trailpartner, die leise vor sich hin pfiffen, und in deren Augen ein hungriger Glanz aufkam. Im vollen Jagen kam sie näher, parierte mit sicherer Hand ihr Pferd vor der Gruppe, die angehalten hatte. Ihre Augen funkelten unfreundlich, und sie rief:

„Reitet nicht weiter, das wäre nicht fair! Wartet hier!“

„Wozu, Madam?“, erkundigte sich Chandler, „unser Ziel ist die Sporen-Ranch.“

„Weil es euch Scott und Wilnes so befohlen haben. Oh, diese Schufte kamen nicht, um eine richtige Verhandlung zu führen, die ...“

Sie brach ab, hob sich in den Steigbügeln, fuhr dann mit rauer Stimme fort: „Es ist traurig, dass ihr eine Frau nicht in Ruhe lassen könnt, nur darauf wartet, wann ihr sie wiedersehen könnt. Doch man sollte fair sein, jeden Augenblick kann Zack Canutt zurückkommen, und das wird der Verhandlung einen anderen Verlauf geben.“

„Madam, von welcher Verhandlung sprechen Sie eigentlich?“, erkundigte sich Monson freundlich, wobei er zu grinsen versuchte. „Sie müssen sich schon deutlicher ausdrücken. Sicher wird es uns Freude machen, hier bei Ihnen zu bleiben, aber ...“

Über ihr Gesicht zog eine flammende Röte. Sie fiel ihm ins Wort:

„Lassen Sie das Süßholzraspeln! Man sieht euch ohnehin an, zu welcher Sorte von Reitern ihr zählt, dass ihr zu Scotts und Wilnes Gefolge gehört.“

„Sie wollen doch nicht andeuten, dass Wilnes und Scott dort auf der Sporen-Ranch sind, Madam Marsha Arledge?“, mischte sich Meeker ein.

Sie zuckte wie von einem Peitschenschlag getroffen zusammen, warf einen überraschten Blick auf den alten Mann, der recht lässig vor Monson im Sattel hockte und keinen Blick von ihr ließ. Yeah, sie schien bestürzt zu sein, dass die Fremden ihren Namen kannten. Sie ließ sich im Sattel zurückfallen, sodass der Rappe unter ihr hin und her tänzelte. Doch entgegen Meekers Erwartung fragte sie nicht: „Woher kennen Sie mich?“, sondern kam überraschend schnell auf das eigentliche Thema zurück.

„Wenn Sie es schon wissen, warum fragen Sie dann noch? Wilnes und Scott haben sich den richtigen Moment ausgesucht. Sicherlich haben sie Stunden vorher die Ranch beobachten lassen und haben gewusst, dass sie bei ihrem Besuch keinen Widerstand antreffen würden. Doch das kann sich schnell ändern. Ich werde Hilfe holen, und ihr könnt mich nicht daran hindern! Eine Frau hält man nicht zurück, nicht einmal ein Desperado würde das mit dem Colt wagen.“

Sie wollte, stürmisch bewegt wie sie war, ihr Pferd auf der Stelle herumreißen, doch Meeker sagte sanft: „Meine Trailpartner, Madam, werden Scott und Wilnes verjagen. Mit dieser ersten Handlung führen sie sich richtig auf der Sporen-Ranch ein. Das hier, Madam, ist die harte Mannschaft, die Madam Clarissa kommen ließ.“

Die Überraschung in ihren Augen verstärkte sich. Fast ungläubig sah sie von einem zum anderen, sah in hart grinsende Gesichter, die seltsam verbissen wirkten. Man sah ihr an, dass sie sich diese Mannschaft ganz anders vorgestellt hatte.

„Die Hallison-Brüder?“, entfuhr es ihr ungewollt.

„Und ihr Koch, Madam“, sagte Meeker leise. „Kommen Sie nur mit, Madam! Sie können jetzt etwas ganz Besonderes erleben.“ Und zu seinen Trailpartnern gewandt, die das Mädel immer noch mit hungrigen Augen anstarrten, sagte er auffordernd:

„Worauf wartet ihr Boys eigentlich noch? Verdient euch den Sonderlohn, fangt sogleich mit der harten Arbeit an und zeigt Scott und Wilnes, in welche Ecke sie hineingehören.“

Monson knurrte irgendetwas vor sich hin, sagte dann leise: „Eigentlich wollten wir Canutt in die Ecke jagen, aber es kommt wohl alles ganz anders, als wir es ums dachten.“ Er sprach so leise, dass Marsha ihn nicht verstehen konnte, und hörte sie fragen:

„Sagten Sie etwas?“

Er grinste sie freundlich am, meinte: „Sicher, Madam, und zwar, dass es uns ein Vergnügen bereiten wird, sofort den richtigen Tanz zu eröffnen. Von nun an wird ein mächtig scharfer Wind hier wehen. Los denn, reiten wir!“

Er trieb sein Pferd neben den Rappen des Mädchens, wollte mit der ausgestreckten Linken das Tier am Halfter berühren. Der Rappe scheute zurück, Marsha stieß einen kleinen Schrei aus, konnte gerade noch verhindern, dass das Tier ausbrach. Misstrauen flackerte in ihren Augen auf.

„Nur keine Sorge, kommen Sie ruhig mit, Madam“, beruhigte sie Meeker. „Sie haben Hilfe gefunden. Übrigens, wissen Scott und Wilnes von Ihrem Ausbruch?“

„Nein, ich habe mich heimlich entfernt. Sie haben mich nicht einmal bemerkt, als sie mit ihren Reitern ankamen. Nur Clarissa weiß es. Sie trat ihnen auf der Veranda entgegen und will sie so lange hinhalten, bis Hilfe kommt. Yeah, nur Clarissa allein weiß, dass ich durch die Hintertür entschlüpfte. Eigentlich möchte ich doch gern weiterreiten, um einen Trupp der Sporen-Crew zu holen, irgendwo werde ich schon auf Boys unserer Ranch stoßen.“

„Und auf Canutt.“

„Sie kennen Zack, den Vormann?“

„Nur von den Schilderungen, die uns Sporen-Crew-Reiter gaben“, erwiderte Meeker. „Meine Trailpartner und ich sind weitgehendst über alles, was bisher geschah, unterrichtet und wissen, dass Clarissa in einer Klemme steckt. Man will ihr die Ranch abjagen.“

„Scott und Wilnes, diese Schurken, sind nur aus diesem Grunde da. Sie wollen, dass Clarissa freiwillig verkauft. Was sie sich jedoch unter freiwillig vorstellen, zeigt deutlich ihre Handlungsweise. Sie scheuen nicht davor zurück, die Abwesenheit der Crew auszunutzen, um eine Frau zu bedrängen. Mit einem Rudel von zehn Mann sind sie gekommen. Ihr aber seid zu vieren, und du, alter Mann, bist nicht einmal bewaffnet! Oh, sie glauben, dass Canutt erledigt ist, dass sie sich jetzt alles erlauben können. Aber sie triumphieren zu früh! Noch ist Canutt nicht geschlagen! Noch ist mit ihm zu rechnen!“

Wieder versuchte sie weiterzureiten, abermals war es Meeker, der sie zurückhielt, indem er sagte: „Glauben Sie, Madam, meine Partner würden selbst ein zwanzig Mann starkes Rudel davonjagen. Kommen Sie mit und schauen Sie sich die böse Überraschung an, die über Scott und Wilnes kommt.“

„Du verdammter Narr!“, keuchte Monson heiser vor Zorn. „Ich durchschaue dich, du willst ein besonderes Theater inszenieren, willst Scott und Wilnes verwirren.“ Laut aber sagte er: „Sie werden erleben, Madam, wie die Meute ganz klein wird und wie eine geschlagene Meute davonschleicht.“ Er wurde wieder leiser, als er sich an Meeker wandte: „Du irrst dich, Alter, Scott und Wilnes werden uns nicht fallen lassen! Noch können wir uns nicht allein auf die eigene Kraft verlassen.“

Was er jedoch weiter vor sich hin murmelte, verschlug der Wind. Das Mädel jedoch ritt mit ihnen zur Ranch zurück, wunderte sich insgeheim, dass man keine Anstalten machte, den Hufschlag zu dämpfen, sondern direkt in den Rauchhof einritt, als wäre nichts zu befürchten. Unwillkürlich hielt sie ihr Reittier ein wenig zurück, glaubte sie doch nicht anders, als dass sie im nächsten Augenblick in einen Kugelregen hineinreiten würden.

Yeah, sie bewunderte insgeheim diesen sturen Mut der drei Reiter, noch mehr aber bewunderte sie den sonderbaren Alten, der still vor sich hin lächelte.



3.

Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie die Reiter auf dem Ranchhof sah, die beim Hufschlag der Anreitenden zu den Waffen griffen. Aber dann sah sie, dass die kleine Kavalkade, mit der sie ritt, keineswegs die Eisen aus den Holstern hob, sondern mit donnerndem Hufschlag auf den Ranchhof einritt.

Ein seltsamer Laut kam von Scotts Lippen, der massig und breit mit dem hageren wolfsgesichtigen Wilnes vor der Veranda stand. Beide waren herumgewirbelt, hielten die Colts schussbereit, und in beider Augen flackerte Verständnislosigkeit. Bei ihren Reitern im Hintergrund herrschte eine regelrechte, eigenartige Verwirrung, die man nicht begreifen, nur fühlen konnte.

Der Schwarzhaarige mit den stechenden Augen, Mister Chandler, parierte seinen Braunen, so dass die Hufe des Tieres auf der Stelle wirbelten und der Körper sich wie unter einem unerträglichen Druck spannte. Rechts und links hielten Monson und Havilland. Meeker war aus dem Sattel geglitten, blieb leicht gekrümmt zwischen seinen Trailpartnern stehen, und Marsha sah wiederum sein Lächeln, das nun noch seltsamer und eigenartiger in diesem Aufruhr, der ringsum aufflammte, wirkte. Es war, als mache sich der alte Mann über alles lustig.

Marsha hielt ihren Rappen an. Sie sah zu Clarissa hin, die genau so überrascht zu sein schien wie Scott und Wilnes.

Dann bemerkte sie, dass der schwarzhaarige Chandler so tat, als wären die Waffen von Wilnes und Scott nicht auf ihn gerichtet, als gäbe es keine starke Reitermeute im Hintergrund. Er hob seinen Stetson etwas überschwänglich wie ein Caballero, schwenkte ihn wohl zu Ehren von Clarissa durch die Luft, setzte ihn schief auf und stieß ihn in den Nacken.

Vielleicht wusste er, dass er einen prächtigen, wilden Anblick bot und dass seine Partner, die ihm zur Seite angehalten hatten, ebenso wild und prächtig wirkten, dass selbst der alte Mann der Szenerie keinen Abbruch tat und auch Marsha im Hintergrund nur das Bild heben musste.

Yeah, recht protzig wirkte Chandlers Auftreten, das wurde von allen Seiten zur Kenntnis genommen.

Der rotgesichtige massige Scott sah mit seinen in Fettpolstern ruhenden Augen schnell hin und her. Man sah ihm an, dass er nicht so recht wusste, wie er sich weiter verhalten sollte, merkte, dass er mitten aus einer Sache herausgerissen war, die er bereits fest in den Händen zu halten glaubte. Nicht weniger böse grinste der Mann an seiner Seite, Wilnes, zu Chandler hin.

„Madam Clarissa“, tönte Chandlers Stimme laut über den Ranchhof, „wir sind die Hallison-Brüder und kommen wohl gerade zur rechten Zeit!“

Diese Worte schienen Scott und Wilnes noch böser werden zu lassen. Beide standen vor der Veranda, auf der Clarissa hoch aufgerichtet wie eine Königin stand. Ein lichtblaues Kleid umschloss sie bis zu den Knöcheln, stellte ihre Figur heraus, dass es wert war, sie anzusehen. Ihre Haut erinnerte an zart getöntes, mattes Porzellan. In schweren Flechten war ihr kupferfarbenes Haar im Nacken hochgesteckt. Grüngraue Augen standen in dem schmalen Gesicht, Augen, die ständig die Farbe wechseln konnten, jetzt in der Erregung dunkel wie die Nacht waren. Ihre Lippen flüsterten den Namen „Hallison-Brüder“ kaum hörbar. Es war, als wolle sie den Namen festhalten, den Namen, an den sie sich mit der letzten Hoffnung klammerte. Eine unheimliche Erregung schien in ihr zu toben. Sie schluckte schwer und sagte dann bitter:

„Ihr seid mitten in eine Falle hineingeritten.“

Chandler lachte glucksend auf. „Wenn es nur das ist, Madam, das ändert sich, denn wir kamen nicht allein! Ringsum haben sich die Boys der Sporen-Crew angeschlichen und versteckt, warten nur auf den Beginn des Tanzes, um mit ihren Eisen dazwischenzuhalten. Madam Arledge kam früh genug, damit wir unsere Vorbereitungen treffen konnten. Nie wäre es uns eingefallen, einfach so einzureiten, aber wir wollten uns die unerbetenen Besucher einmal näher ansehen. Nun, wir kommen gerade richtig, um die beiden Burschen kennenzulernen, die sich erdreisten, gegen eine Frau anzugehen. Das sind also Scott und Wilnes?“

In kalter Art sprach Chandler diese Lügen aus. Er sah, wie die Verwirrung bei den Reitern im Hintergrund wuchs und wie Wilnes und Scott sich einen seltsam schnellen Blick zuwarfen und zusammenzuckten, als wären sie von einer Klapperschlange gebissen worden. Zustatten kam ihm, dass Monson und Havilland so taten, als wäre die Hölle im Anmarsch.

„Nicht wir sitzen in der Falle, Madam, sondern jene dort!“, sagte Chandler. „Es wäre besser, wenn ihr die Colts einstecken würdet, Gentlemen! Bevor ihr sie abfeuern könnt, kommen wir ohnehin zum Zuge, und keine anderen würden wir aufs Korn nehmen als euch beide, denn eure Kavalkade wird ohne uns bedient werden.“

Die Gesichter von Scott und Wilnes wurden zu einem riesengroßen Fragezeichen. Unsicher standen sie da, nicht fähig, ihrem tiefen Groll Luft zu machen. Zuerst steckte Scott sein Eisen, dann Wilnes seinen Colt ein. Sie wussten beide nicht, was sie von dieser Situation halten sollten, beiden war es nicht klar, was sie vom Auftreten der Männer denken sollten, die doch eigentlich in ihrem Sattel ritten.

„Ich passe“, kreischte Scott wie unter einem unerträglichen Druck. „Es ist schade, Madam Clarissa, dass wir unsere Unterhaltung abbrechen müssen, aber wir werden sie unter günstigeren Umständen fortsetzen.“

„Nie, Scott!“

„Nie ist ein Wort, das Menschen eigentlich nicht in ihren Wortschatz aufnehmen sollten“, stieß Wilnes zwischen den Zähnen hervor.

„Ich verkaufe nicht, wie oft soll ich es denn noch sagen! Hier bin ich geboren, und hier will ich leben!“

„Dann heiraten Sie doch einen von uns, Madam, und alles ist in Ordnung. Eine Frau kann nicht allein eine so große Ranch leiten und über die Runden kommen, noch dazu in solch unsicherer Zeit! Sie werden sich entscheiden müssen, immer wieder muss das gesagt werden, immer und immer wieder! Auf Ihren Vormann Canutt können Sie sich nicht verlassen. Er hat schwer einstecken müssen, und bald wird es ihm so ergehen wie Olders. Ob Sie sich allerdings auf die Hallison-Brüder verlassen können, wird die Zukunft zeigen, Madam.“

„Nun, einen guten Anfang haben sie gemacht“, erwiderte Clarissa. „Sie haben euch ohne Kugelwechsel niedergezwungen, lasst euch das zum letzten Mal eine Lehre sein und verschwindet jetzt! Befreit mich von eurem Anblick! Ihr seid räuberische Schufte, Diebe und vielleicht noch Schlimmeres! Ihr habt mir seit dem Tode meines Vaters genug zugesetzt, diesmal kommt ihr noch so davon, doch das nächste Mal wird es anders sein!“

„Dann bedeutet das Krieg, Madam“, schnappte Scott bissig.

„Wenn ihr es so nennen wollt, yeah! Ich werde nun nicht mehr die Hände in den Schoß legen, wenn eure Reiter über meine Herden kommen. Ich werde nichts mehr hinnehmen und nichts mehr dulden, was unfair ist. Lasst es mit den bisherigen Opfern genug sein! Das Land ist weit und groß genug, und jeder kann gut darin leben. Versucht es nicht weiter!“

„Weil die Hallison-Brüder jetzt da sind, Madam, brauchen Sie sich noch nicht so sehr sicher zu fühlen“, grinste Scott höhnisch, machte eine verächtliche Handbewegung. Sicherlich wollte er noch etwas hinzufügen, doch er sah wohl noch rechtzeitig, wie Chandlers Hand zum Revolver kroch. Das änderte seinen Sinn, trieb den Hohn aus ihm heraus und ließ sein gedunsenes Gesicht zur starren Maske werden.

„Vielleicht kommen Sie vom Regen in die Traufe. Wir jedenfalls haben es zum letzten Mal im Guten versucht. Jetzt werden Sie zu uns kommen müssen, Clarissa Jewell! Vielleicht wird das schon sehr bald der Fall sein. Aber ob dann einer von uns beiden noch bereit ist, Ihr Angebot anzunehmen, glaube ich kaum, denn eure letzte Chance ist nun verloren!“

„Selbst wenn ich mit leeren Händen und völlig verlassen dastehen würde“, entgegnete Clarissa kalt, „würden mich zu euch keine zehn Pferde hinbringen. Niemals werdet ihr das erleben, niemals!“

„Vielleicht wird Ihr Vormann mit der neuen Belegschaft nicht zufrieden sein, Madam.“

„I c h befehle hier, Scott, und darum lassen Sie das ruhig meine Sorge sein! Doch nun geht, es sind genug Worte gewechselt. Noch einmal jedoch will ich betonen, ich will keine Rache, will sogar vergessen, was der Sporen-Ranch bisher alles angetan wurde, dafür aber verlange ich, dass meine Reiter wieder unbehelligt in die Stadt einreiten können, wann und wie oft es ihnen passt. Weiter verlange ich, dass wir wie eh und je in Seansville einkaufen können und nicht boykottiert werden!“

„Sie werden es bald herausfinden, Madam“, dehnte Wilnes in zynischer Art. „Sehr bald werden Sie es wissen, Madam, wie klein wir geworden sind, und wie sehr wir uns vor den Hallison-Brüdern in den Staub werfen. Reiten wir!“

„Yeah, reiten wir“, bleckte nun auch Scott, wobei er seinen massigen Körper schwerfällig in Bewegung setzte. Schweiß rann ihm über Stirn und Wangen, und neben Wilnes stampfte er zu den zehn Reitern im Hintergrund hin, die für Wilnes einen hochgebauten Tigerschecken, für Scott aber einen Gaul bereithielten, der wahrhaftig wie ein Ackergaul aussah und so mächtig war, dass er Scotts Gewicht ohne Anstrengung tragen konnte. Scott musste dreimal ansetzen, um sich in den Sattel zu heben, doch ohne Hilfe hätte er es gewiss nicht geschafft.

Oder tat er nur so? Als er endlich im Sattel saß, wischte er sich ächzend den Schweiß von der Stirn. Seine tückischen Augen aber verrieten, dass in ihm Höllenkräfte lebendig waren.

Anders war Wilnes. Sein Wolfsgesicht wirkte verbissener denn je, und die Blicke, die er Chandler, Monson und Havilland zuwarf, sprachen Bände. Er ritt als Erster an. Scott folgte, und dann setzte sich das hartgesichtige Rudel in Bewegung. Einer nach dem anderen verschwand durchs Ranchtor, und wenig später waren die Reiter hinter dem Espenhain verschwunden.

„Ich danke, oh, ich danke euch! Jetzt können die Boys aus ihren Verstecken hervorkommen!“, stieß Clarissa hervor, indem sie mit ausgestreckten Händen von der Veranda kam, um die neuen Reiter zu begrüßen, die abgesessen waren und neben ihren Pferden standen.

Auch Marsha war abgesessen, aber sie stand noch im Hintergrund, so, als wage sie sich nicht nach vorn. Was in ihr vorgehen mochte, konnte nicht einmal Meeker erraten, der deutlich das Misstrauen sah, das immer noch in ihren dunklen Augen saß.

Clarissa begrüßte die neuen Reiter, kam dann zu Meeker und gab auch ihm die Hand. Nein, sie war nicht von Argwohn erfüllt wie Marsha, die nun auch näher kam, um sich für die Hilfe zu bedanken.

„Das hast du gut gemacht, Marsha! Ohne dich wäre es bitter geworden, und das ist wiederum Canutts Schuld. Er ritt einfach fort, ohne mir zu sagen, wohin.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738911060
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370395
Schlagworte
sattel

Autor

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Titel: In den Sattel gezwungen!