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Die August Krimi Bibliothek 2017 - 1603 Seiten Thriller Spannung

von Alfred Bekker (Autor) Peter Haberl (Autor) Pete Hackett (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Die August Krimi Bibliothek: 1603 Seiten Thriller Spannung

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2017.

Die August Krimi Bibliothek 2017: 1603 Seiten Thriller Spannung

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Gesamtumfang: Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Club der Mörder

Alfred Bekker: Road Killer

Alfred Bekker: Tod eines Schnüfflers

Alfred Bekker: Die Tote ohne Namen

Alfred Bekker: Der Killer von Manhattan

Alfred Bekker: Ein Sarg für den Prediger

Alfred Bekker: Feuer und Flamme

Alfred Bekker: Wettlauf mit dem Killer

Alfred Bekker: Eine Kugel für Lorant

Alfred Bekker: Bluternte 1929

Peter Haberl: Der Tote im Karpfenteich

Pete Hackett: Drei Leichen im Keller

Pete Hackett: Der Freitagsmörder

Pete Hackett: Das Erbe des Snipers

Pete Hackett: Ein todsicherer Coup

Pete Hackett: Die Farm des Schreckens

Pete Hackett: Blutiges Falschgeld

Pete Hackett: Ein Toter im Kofferraum

Pete Hackett: Mordmotiv Hass

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Club der Mörder

Kriminalroman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

Ein großer Boss des organisierten Verbrechens wird von einem Killer-Kommando hingerichtet. Aber das ist nur der Anfang einer beispiellosen Welle der Gewalt. Damit beginnt  für die Ermittler  die Jagd auf die Hintermänner, die aus dem verborgenen heraus ein perfides Spiel inszenieren. Eine Verschwörung von unglaublichem Ausmaß kommt nach und nach ans Tageslicht...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Die Männer trugen blaue Overalls und hatten Werkzeugkoffer in den Händen. Der eine war hochgewachsen, hatte kurzgeschorenes blondes Haar, und sein Gesicht wirkte eckig und brutal. Der andere Kerl war dunkelhaarig, breitschultrig und untersetzt.

Der Blonde hatte die Rechte in der Tasche seines Overalls versenkt. Seine Faust umklammerte den harten Stahl einer Automatik mit aufgesetztem Schalldämpfer.

Die beiden Männer wechselten einen kurzen Blick, als sie den Aufzug verließen. Dann gingen sie den Korridor entlang auf die Wohnungstür eines Penthouses zu.

Vor der Tür stand ein riesiger Kerl. Seine Bodybuilderfigur sprengte beinahe den grauen Flanellanzug.

Das Gesicht war eine konturlose Maske, die völlig bewegungslos blieb.

Er hob die Arme und die Ausbeulung, die sich dabei unter seiner Schulter abzeichnete, zeigte, dass er unter dem Jackett eine Waffe trug.

"Halt!", sagte der Riese, und die beiden Männer in den Overalls blieben einige Schritte vor ihm stehen.

"Wir wollen zu Mr. Shokolev", sagte der Blonde. "Wegen der Heizung..."

Aus den Augen des Riesen wurden schmale Schlitze. Sein Gesicht verzog sich etwas. Seine Züge drückten leichtes Misstrauen aus.

"Sie sind früh", meinte er.

"Mr. Shokolev erwartet uns."

"Dann nehmen Sie bitte die Hände hoch, damit ich Sie abtasten kann. Setzen Sie die Werkzeugkoffer ganz langsam auf den Boden ab und öffnen Sie die Dinger."

Der Blonde runzelte die Stirn.

"Was soll das?"

"Anordnung von Mr. Shokolev. Hier kommt keiner rein, der nicht genau durchsucht worden ist! Also, machen Sie keine Schwierigkeiten."

Der Blonde atmete tief durch, während der Untersetzte bereits seinen Werkzeugkoffer absetzte und damit begann, die Schnallenverschlüsse zu öffnen.

Der Riese an der Tür beobachtete ihn dabei genau.

In diesem Augenblick passierte es.

Die Bewegungen des blonden Overallträgers schienen zu explodieren, er riss die Automatik hervor, war mit einem Schritt bei dem Riesen vor der Tür und presste ihm den Schalldämpfer unter das Kinn noch bevor der Bodyguard reagieren konnte.

Der Riese erstarrte zur Salzsäule.

Er war Profi genug, um zu wissen, dass er in diesem Moment keine Chance hatte und jetzt am besten gar nichts tat.

Der Untersetzte hatte nun ebenfalls seine Waffe hervorgeholt. Auch er trat an den Riesen heran, griff unter dessen Jackett und holte dessen Pistole zum Vorschein.

Für den Bruchteil einer Sekunde kam es dem Riesen in den Sinn, den Blonden mit einem gezielten Handkantenschlag zu töten. Er konnte das, hatte es lange trainiert. Aber das Risiko war zu groß, die anderen waren zu zweit, der Untersetzte würde sofort schießen, und man würde den Schuss drinnen im Penthouse nicht mal hören. Schweißtropfen bildetet sich auf der Stirn des Riesen.

"Sie gehen voran", befahl der blonde Overallträger, und seine Stimme war wie das Zischen einer Kobra.

Der Riese drehte sich langsam um.

Beinahe provozierend langsam, wenn man die Lage bedachte, in der er sich befand. Der Schalldämpfer wurde ihm jetzt in den Nacken gedrückt.

"Was immer Sie auch vorhaben, es ist ein Fehler", sagte der Riese, aber seine Stimme klang dabei brüchig, denn er wusste, dass er keine Chance hatte. Er hatte es mit Profis zu tun und das hieß, dass sie ihn mit Sicherheit nicht am Leben lassen würden. So ging das Spiel nun mal. Der Riese hatte es selbst schon gespielt.

"Mund halten!", erwiderte der Blonde kalt.

"Man kann über alles reden und Mr. Shokolev..."

"Mund halten! Und Tür öffnen!"

2

Der Blonde schob den Riesen vor sich her, drückte ihm noch immer die Waffe in den Nacken.

Der Untersetzte schloss hinter ihnen die Tür.

Die lichtdurchflutete Penthousewohnung mit dem traumhaften Blick auf den Central Park war sehr weiträumig und hatte mehrere Zimmer.

Im Empfangsraum befand sich eine moderne Sitzecke.

Futuristisches Design. Viel Plastik in geschwungenen Formen, dafür wenig Polster.

Ein Mann saß dort, er hätte der Zwilling des Riesen sein können, zumindest was den Körperbau betraf. Allerdings war er rothaarig.

"He, Joe. Was ist denn...?" Er blickte von der Zeitung auf, in der er gelesen hatte, dann sprang er hoch, griff unter sein Jackett.

Er reagierte schnell, aber doch nicht schnell genug.

Er hatte die Waffe noch nicht hervorgezogen, da ertönte ein Geräusch, das wie ein kräftiges Niesen klang.

Der Schuss einer Schalldämpferwaffe.

Auf der Stirn des Rothaarigen bildete sich ein roter Punkt, der Leibwächter wurde in den futuristischen Sessel zurückgeworfen. Seine Arme fielen zur Seite, die Waffe entglitt seiner kraftlosen Hand, fiel zu Boden, der weiche Teppich dämpfte den Aufprall.

"Wo ist er?", fragte der Blonde den Riesen, den er immer noch mit der Waffe im Schach hielt. Er flüsterte es so leise, dass man es kaum hören konnte. Sein Kumpan, der untersetzte Schwarzhaarige hatte den anderen Leibwächter erschossen. Auch seine Waffe hatte einen Schalldämpfer.

"Wo ist er?", wiederholte der Blonde.

"Wer?"

"Shokolev."

"Weiß... weiß nicht."

Man konnte die Angst, die der Hüne empfand, beinahe riechen.

"Du willst doch am Leben bleiben", sagte der Blonde, und seine Stimme klang wie fernes Donnergrollen.

"Ihr werdet mich sowieso töten."

"Warte es doch ab."

Der Riese atmete tief durch. "Ich... ich glaube, dass er im Schlafzimmer ist." Dabei deutete er mit der Linken auf eine der Türen, die vom Empfangsraum abzweigten.

"Danke."

Wieder ertönte dieses Niesen. Zweimal kurz hintereinander.

Und der Riese sackte in sich zusammen, blieb reglos am am Boden liegen, während sich eine rote Lache um ihn bildete.

Der Blonde stieg über die Leiche hinweg zur Schlafzimmertür, während sein Komplize mit der Waffe in der Hand an der Wohnungstür verharrte.

Mit einem wuchtigen Tritt ließ der Blonde die Schlafzimmertür aufspringen.

Ein Mann in den Fünfzigern, grauhaarig und mit Oberlippenbart, saß aufrecht in einem breiten Doppelbett, vor sich ein üppiges Frühstück auf einem Tablett. Er zuckte erschrocken zusammen, blickte auf, und eine Tasse entglitt seinen Fingern.

Shokolev.

Er hatte nicht mal mehr Gelegenheit aufzuschreien, bevor ihn zwei Schüsse förmlich ans Bett nagelten. Sein gefrorener Blick drückte Verwunderung aus.

Der Blonde atmete tief durch. "Abschaum!", murmelte er.

Das dumpfe Niesen einer Waffe mit Schalldämpfer ließ ihn plötzlich herumfahren. Aus einer der anderen Türen war eine Frau im Bademantel herausgetreten. Sie war blond und ziemlich grell geschminkt.

Der Schuss hatte sie zusammenklappen lassen wie ein Taschenmesser, und jetzt lag auch sie leblos und mit starren Augen auf dem Boden.

"Sie... Sie kam so plötzlich aus dem Bad." sagte der Untersetzte fast entschuldigend.

"Schon gut", erwiderte der Blonde tonlos. "Auch sie war Abschaum."

3

"Trevellian, FBI!" Ich zeigte meinen Dienstausweis dem uniformierten Cop, der die undankbare Aufgabe hatte, Unbefugte vom Betreten des Tatortes abzuhalten.

Mein Freund und Kollege Milo Tucker tat es mir gleich und der Uniformierte nickte, ließ uns vorbei.

Wir waren die letzten am Tatort, einer noblen Penthouse-Adresse am South Central Park. Eine Wohnung in traumhafter Lage, mit einem Ausblick, für den man sicher viel Geld berappen musste.

Jetzt sah sie aus wie ein Schlachtfeld.

Ich sah die zusammengekrümmten Leichen einer Frau und zwei Männern, die offenbar als Leibwächter für den Besitzer dieses Penthouses gearbeitet hatten.

In der Mitte des Raums stand ein Mann in einem grauen Wollmantel, den Kragen hochgeschlagen. Er drehte sich jetzt zu uns um, und ich sah, dass sein Gesicht ziemlich zerfurcht war. Er bedachte uns mit einem abschätzenden Blicken.

"Wer sind Sie? Was machen Sie hier?", fragte etwas unwirsch.

"FBI", sagte Milo. "Dies ist Agent Trevellian, mein Name ist Tucker."

"FBI?", fragte der Mann im Wollmantel nachdenklich zurück und atmete tief durch. Seine Augenbrauen zogen sich zu einer Schlangenlinie zusammen.

Ich fragte mich, warum der Kerl so gereizt auf uns reagierte. Ich sah die Dienstmarke des Police Department durch den offenen Mantel und das ebenfalls geöffnete Jackett an seinem Gürtel hängen.

Wir zeigten ihm unsere Ausweise, die ihn aber nicht zu interessieren schienen.

"Sind Sie Captain Dobbs?", fragte ich.

"Ja", knurrte er. "Mordkommission, 18. Revier Midtown North. Woher...?"

"Ihr Chief sagte mir, dass Sie den Fall bearbeiten..." Ich hatte schon von Dobbs gehört. Vor allem dann, wenn von Beförderungen die Rede war. Er musste gut sein. Jedenfalls war er die Karriereleiter ziemlich schnell hinaufgestolpert.

Dobbs kam auf uns zu, reichte erst Milo und dann mir die Hand. Sein Blick wirkte gezwungen freundlich. Aber meinen Instinkt konnte er damit nicht täuschen. Aus irgendeinem Grund störten wir ihn...

Ich fragte mich warum.

"Agent Trevellian? Im Police Department ist Ihr Name bekannt wie der eines bunten Hundes." Er grinste schief. Dann seufzte er.

"Nennen Sie mich Jesse", sagte ich, in der Hoffnung, etwas wärmer mit ihm zu werden. Außerdem war anzunehmen, dass wir nicht zum letzten Mal zusammenarbeiteten.

Dobbs nickte lediglich, ohne das Angebot zu erwidern.

Dann sagte er: "Der Chief sagte mir schon, dass jemand vom FBI hier früher oder später aufkreuzen würde. Schließlich ist Vladimir Shokolev alles andere, als ein gewöhnliches Mordopfer...

"Das ist wahr!", gab ich zurück.

"Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass Sie so schnell sind..."

"Ach, ja?"

"Wir stehen noch am Anfang unserer Ermittlungen und es wäre nett, Sie würden uns erst einmal ein bisschen vorankommen lassen, bevor Sie hier für Stress sorgen..."

"Ich mache keinen Stress", stellte ich klar.

Er verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich aus einem unerfindlichen Grund nicht mochte, und ich fragte mich, ob das etwas Persönliches war oder nur damit zu tun hatte, dass ich mich gerade auf einem Terrain tummelte, das er als sein Privatrevier betrachtete.

Ich ging an Dobbs vorbei und warf einen Blick ins Schlafzimmer. Im Bett lag eine vierte Leiche.

Vladimir Shokolev.

Ich kannte ihn von Fotos her. Im FBI-Computer gab es ein umfangreiches Dossier über ihn, und seine Prozessakten hätten eine mittlere Gemeindebibliothek gefüllt.

Er war Ukrainer, der auf dubiose Weise zu erheblichem Reichtum gekommen war. Man vermutete ihn als Drahtzieher hinter kriminellen Geschäften mit Giftmüll, aber für eine Verhaftung hatten die Beweise nie ausgereicht, oder sie waren aus irgendwelchen Gründen als nicht gerichtsverwertbar abgelehnt worden.

Das Giftmüllgeschäft war zur Zeit eine Domäne der Ukrainer, und sie verteidigten sie mit Klauen und Zähnen. Die Sache war ganz simpel und hatte auch höhere Gewinnspannen als der Rauschgifthandel. Man ließ sich für die Entsorgung von Giftmüll bezahlen, aber anstatt diesen wirklich auf teure Deponien zu bringen, ließ man ihn einfach in einem angemieteten Lagerhaus vor sich hin modern. Wenn der Schlamassel bemerkt wurde, waren die Täter längst über alle Berge und versuchten dieselbe Masche unter neuem Namen in einer anderen Stadt.

Shokolev hatte sich ganz nach oben geboxt, und es war ein offenes Geheimnis, dass er seine Finger inzwischen auch in anderen dubiosen Geschäften gehabt hatte. Jetzt hatte seine Glückssträhne offensichtlich ein Ende gefunden.

"Was haben Ihre Ermittlungen bisher ergeben?", fragte ich Captain Dobbs, der mir ins Schlafzimmer gefolgt und hinter mir stehengeblieben war. Ich drehte mich zu ihm um, und er zuckte die breiten Schultern.

"Ein paar Ratten haben sich gegenseitig ausgelöscht. So sehe ich das."

"Ich wollte einen Bericht, nicht Ihre Meinung über Mr. Shokolev." Ich sah ihn an und fügte hinzu: "Sie scheinen noch etwas mehr über Shokolev zu wissen."

"Was man so hört."

"Und - was hört man?"

"Das steht doch alles in Ihren Akten. Er war ein Gangster, der es inzwischen weit genug gebracht hatte, um andere Gangster für sich arbeiten zu lassen. Und sich eine Wohnung wie diese hier zu leisten."

"Ist übrigens seine Zweitwohnung", warf Milo ein.

Dobbs hob die Augenbrauen. "Ach..."

"Er wohnt eigentlich in Paterson, New Jersey", ergänzte Milo Tucker. Shokolev war also kein Bürger des Staates New York. Das allein schon machte seinen Tod zum FBI Fall, selbst wenn er nicht eine bekannte Größe des organisierten Verbrechens gewesen wäre.

"Schon gut", knurrte Dobbs, dann erklärte er: "Der Security-Mann unten an der Pforte spricht von zwei Heizungsmonteuren, die hier hinauf wollten. Er hat sich telefonisch erkundigt - die beiden wurden tatsächlich erwartet. Merkwürdig war nur, dass eine halbe Stunde später nochmal zwei Monteure auftauchten. Die haben die Sauerei dann entdeckt."

"Dann waren die beiden ersten also falsch", stellte ich fest.

"Anzunehmen. Die Mörder sind richtig professionell vorgegangen und haben offenbar auch Schalldämpfer benutzt.

Jedenfalls hat niemand Schüsse gehört. Und gute Schützen waren sie auch."

"Tatzeit?"

"Heute morgen, so gegen neun Uhr. Bei allem anderen müssen Sie schon auf das Labor warten."

Ich nickte.

"Gibt es brauchbare Beschreibungen der beiden falschen Monteure?"

"Der Pförtner ist bei uns auf dem achtzehnten, er hilft bei der Erstellung von Phantombildern."

"Gut."

"Wer war die Frau?" Milo meinte die Frauenleiche, die in der Tür zum Badezimmer lag.

"Denise Payretto. Lebte seit drei Monaten in dieser Wohnung."

"Und die beiden Leibwächter?"

"Keine Ahnung. Sie hatten keine Papiere bei sich." Dobbs grinste schief. "Aber das kriegen wir auch noch raus."

4

Es war ein lausig kalter Tag, und man hatte das Gefühl, dass einem die Ohren abfroren, sobald man sich im Freien aufhielt.

Aber ich hatte es längst aufgegeben, über das New Yorker Wetter zu schimpfen. Über die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter.

Es gab Schlimmeres.

"Düstere Aussichten", meinte Milo, während wir am Central Park West entlangschlenderten, bis wir meinen Sportwagen erreicht hatten und einstiegen.

"Irgend jemand versucht da ganz gewaltig aufzuräumen", sprach Milo weiter. "Ein Bandenkrieg ist so gut wie unausweichlich..."

"Ich fürchte, da hast du recht."

Milo fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sein Blick wirkte nachdenklich. "Dies ist der dritte Tote in dieser Serie..."

"Vorsicht!", erwiderte ich. "Wir wissen noch nicht, ob es wirklich derselbe Täter ist", gab ich zu bedenken.

Milo zuckte die Achseln.

"Nach den ballistischen Untersuchungen werden wir es wissen. Ich wette mit dir, dass in allen drei Fällen die Kugeln aus denselben Waffen stammen. Und wenn du die Vorgehensweise bedenkst..."

Ich sah meinen Kollegen fragend an. "Drei Morde", murmelte ich. "Und die Opfer waren jeweils Leute, die in der Unterwelt eine Rolle spielten. Brazzos, der Waffenhändler. Dominguez, der Kokain-König. Und jetzt..."

"Shokolev!", vollendete Milo. "Außer der Tatsache, dass alle wahrscheinlich Verbrecher waren, haben sie aber nichts gemeinsam. Nicht einmal die Branche..."

"Aber offensichtlich haben sie einen gemeinsamen Feind!"

Milo nickte.

"Fragt sich nur, wer das ist."

Ich lachte heiser.

"Und New York war gerade dabei, den Ruf zu erringen, einer der sichersten Städte der USA zu sein."

Milo verstand, was ich meinte.

Wenn irgendein bislang unbekanntes Syndikat seine Klauen nach New York ausstreckte und es zum Gangsterkrieg kam, dann konnte es mit der relativen Ruhe schnell vorbei sein.

Und dann hatte die ganze Stadt darunter zu leiden.

5

Es herrschte dichter Verkehr, und daher waren die gut 50 Kilometer zwischen Midtown Manhattan und dem auf der anderen Seite des Hudson in New Jersey gelegenen Paterson eine wahre Quälerei.

Shokolevs Sandstein-Villa war groß und protzig und hatte vermutlich das Doppelte von dem gekostet, was zwei Special Agents des FBI in ihrem ganzen Leben verdienten.

Als ich den Sportwagen am Straßenrand parkte und ich Milos Blick sah mit dem er das Anwesen bedachte, wusste ich, was in ihm vorging.

Er dachte genau dasselbe wie ich.

"Vom finanziellen Standpunkt aus betrachtet, haben wir wohl die falsche Seite gewählt, was?"

Ich hob die Augenbrauen.

"Findest du wirklich?"

"Nun..."

"Shokolev hat jetzt nicht mehr viel von all seinem Reichtum. Im Leichenschauhaus sind alle gleich."

"Das ist allerdings wahr."

Wir stiegen aus.

Die Villa war von einem schmiedeeisernen Zaun umgeben. Wir traten ans Tor, und uns traf ein unangenehm kalter Wind, der durch die großzügig angelegte Allee fegte, die auf Shokolevs Villa zuführte. Eine gute Adresse, eine feine Gegend...

Irgendwo verschluckte der Wind das Knurren eines Hundes.

Ein Mann wie Sholkolev musste sein Haus natürlich vor ungebetenen Gästen schützen.

Das Tor war gusseisern und so massiv, dass man einen Panzer bräuchte, um durchzukommen. Ein Blick zwischen den Gitterstäben hindurch zeigte ein paar nervös wirkende Männer in dunklen Anzügen. Walky Talkys verbeulten die Jackettaußentaschen und hier und da sah ich offen getragene Maschinenpistolen vom Typ Uzi. Es war kein Wunder, dass man nicht versucht hatte, Shokolev hier, in dieser Privatfestung umzubringen.

Ich drückte auf den Knopf neben der Gegensprechanlage.

Eine Männerstimme knurrte ein launiges: "Sie wünschen?"

"FBI."

"Mr. Shokolev ist nicht zu Hause."

"Wir hätten gerne Mrs. Shokolev gesprochen."

Milo und mir war bekannt, dass er mit einer beinahe dreißig Jahre jüngeren Frau verheiratet war.

Am anderen Ende der Gegensprechanlage herrschte einige Augenblicke lang Schweigen.

Dann bekamen wir eine Antwort.

"Einen Moment!"

Es war eine metallisch klingende Männerstimme.

Erstmal geschah gar nichts. Dann registrierte ich, wie einer der Wächter in den gut sitzenden Beerdigungsanzügen zu seinem Funkgerät griff. Kurz darauf kam er in Begleitung eines bulligen Kerls am Tor an. Dieser hielt einen Rottweiler ziemlich kurz an der Leine. Das Tier fletschte die Zähne und wollte nach uns schnappen. Ein mannscharfes Biest, das speziell auf Menschen abgerichtet war.

Der bullige Hundeführer grinste schief und tätschelte dem Tier am Hals herum. "Er tut nichts. Er mag nur keine FBI-Leute", knurrte er dabei.

"Was Sie nicht sagen", erwiderte ich kühl.

Wir zeigten den Wächtern unsere Ausweise. Sie wurden eingehend geprüft und mit einem dumpfen Knurren zurückgegeben.

"Folgen Sie uns!", kam es dann kleinlaut zwischen den dünnen Lippen des Hundeführers hindurch, während der andere Wächter den kurzen Lauf seiner zierlichen Uzi in unsere Richtung zeigen ließ.

6

Mrs. Jelena Shokolev empfing uns in einem weiträumigen, lichtdurchfluteten Raum mit hohen Fenstern. Die Einrichtung bestand zum Großteil aus kostbaren, wenn auch etwas zusammengewürfelt wirkenden Antiquitäten.

Das Haus eines Mannes, der seinen Reichtum um jeden Preis zeigen will, ging es mir durch den Kopf.

Jelena war eine aschblonde Schönheit mit feingeschnittenem Gesicht und hohen Wangenknochen. Ihre Augen waren dunkel, und die Art und Weise, in der sie funkelten, warnten jeden, der mit ihr zu tun hatte, vor ihrer Hinterhältigkeit und Gefühlskälte. Ihre Figur hingegen war eine einzige, schwindelerregende Kurve, so dass einem das kalte Glitzern ihrer Augen schon entgehen konnte.

Sie machte den Eindruck, genau zu wissen, was sie tat.

Alles an ihr wirkte kontrolliert.

Sie begrüßte uns mit rauchiger Stimme. Wir zeigten ihr unsere Ausweise, die sie sich eingehend ansah.

"Zwei G-men, sieh an", sagte sie mit falschem Lächeln.

"Was führt Sie hier her?"

Ich hasse solche Momente. Aber es kommt immer wieder vor, dass man in unserem Beruf zum Überbringer schlechter Nachrichten wird.

"Ihr Mann... er ist heute morgen erschossen worden." Ich wollte es so kurz und schmerzlos wie möglich zu machen.

Jelenas Gesicht blieb völlig unbewegt. Eine Maske, die wie erstarrt wirkte. Ein Lächeln, das aussah wie gefroren.

Sie atmete tief durch.

Ihre Brüste hoben und senkten sich dabei.

Sie schluckte und sah mich dann an.

"Wo", fragte sie dann stockend, "ist das passiert?"

"In einem Penthouse am Central Park West...", sagte ich und wurde sogleich unterbrochen.

"Ah, ich weiß", meinte sie und ihr Tonfall wurde hart. "Das ist wohl die Wohnung, die Vlad für diese Schlampe gemietet hat..."

"Sprechen Sie vielleicht von Denise Payretto?", hakte Milo nach.

Jelena wandte sich zu meinem Kollegen herum und musterte ihn mit einem schwer zu deutenden Blick. Dann ging sie ein paar Schritte auf ihn zu. Bei jedem ihrer wiegenden Schritte schien sie darauf zu achten, dass die aufregenden Rundungen ihres wohlgeformten Körpers auch richtig zur Geltung kamen.

Sie blieb stehen.

Den linken Arm stemmte sie in die geschwungene Hüfte.

Ihr Parfum hing schwer und aufdringlich in der Luft.

"Möglich, dass sie so hieß", murmelte sie mit einer Kälte, die einen erschauern lassen konnte.

"Miss Payretto ist ebenfalls umgekommen", sagte Milo.

Jelena hob die Augenbrauen.

"Sie erwarten sicher nicht, dass ich darüber besonders traurig bin." Sie zuckte die Achseln. "Big Vlad wusste eben manchmal nicht, was wirklich gut für ihn war. Und seine Menschenkenntnis war auch nicht die beste - jedenfalls was Frauen anging!" Sie drehte sich zu mir herum. Ihre Augen musterten mich.

Ich hielt ihrem Blick stand.

"Sagen Sie mir, wie es genau geschehen ist!", forderte sie mit dunklem Timbre.

"So, wie es aussieht, waren es zwei sehr professionell vorgehende Killer", sagte ich.

"Eine Hinrichtung!" Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Ich nickte.

"So könnte man es nennen."

Für den Bruchteil einer Sekunde, huschte ein kaltes, böses Lächeln über ihr Gesicht. Der Eindruck einer trauernden Witwe machte sie mir nicht gerade.

"Für uns stellt sich die Frage, welcher seiner zahlreichen Feinde Ihren Mann umgebracht hat!", erklärte Milo aus dem Hintergrund.

Jelena lachte auf.

"Ach wirklich?"

"Jeder Mord ist ein Mord zuviel", erklärte Milo sachlich.

"Und wir versuchen ihn so gut wir können aufzuklären. Auch bei einem Mann..."

"Den Sie für einen Verbrecher halten! So ist es doch!", rief Jelena. Sie seufzte. Dabei drehte sie sich nicht zu Milo um, sondern sah weiterhin in meine Richtung.

Ich nickte.

"Dem was mein Kollege gesagt hat, kann ich nur zustimmen", erklärte ich und fuhr dann nach einer kurzen Pause fort: "Seit wann wussten Sie von der Beziehung Ihres Mannes zu Miss Payretto?"

Ihr Blick bekam etwas Katzenhaftes.

Sie näherte sich einen Schritt und verschränkte die Arme vor der ausladenden Brust, die sich deutlich durch ihren sehr engen Pullover abzeichnete.

"Jeder wusste das. Ich natürlich auch, ich bin nämlich weder blind noch taub. Vladimir hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, seine Affären mit anderen Frauen vor mir oder irgendjemandem sonst geheimzuhalten..."

"Haben Sie Ihren Mann geliebt?"

Sie sah überrascht aus.

"Was soll die Frage?"

"Brauchen Sie länger, um darüber nachzudenken?"

Sie wurde dunkelrot vor Ärger. Ihre Augen funkelten.

"Hören Sie, was soll die Fragerei? Ich dachte, Sie suchen den Mörder meines Mannes! Also tun Sie Ihren Job, wenn Sie es nicht lassen können, aber hören Sie auf, dämliche Fragen zu stellen!"

Sie wirkte wie jemand, der sich in die Enge getrieben fühlte.

"Machen Sie sich keine Gedanken darüber, wer die Mörder beauftragt hat?"

"Glauben Sie..." , sie zögerte, ehe sie weitersprach,

"...dass ich...?"

"Das haben Sie gesagt!"

"Wegen dieser Denise Payretto? Mr. Trevellian, das ist lächerlich!" Ihr Blick ging zur Uhr. "Meine Zeit ist knapp bemessen. Wenn Sie keine weiteren Fragen mehr haben..."

"Da wäre noch etwas!"

"Dann machen Sie es kurz!"

"Sagen Ihnen die Namen Tony Brazzos und Jack Dominguez etwas?"

"Nie gehört!"

"Wirklich nicht? Könnte es nicht sein, dass Ihr Mann diese Männer gekannt hat?" Ich holte zwei Fotos aus der Innentasche meiner Jacke und hielt sie Jelena hin. Sie beachtete sie kaum, nahm sie nur kurz zwischen die grazilen Finger und gab sie mir dann zurück.

"Allerweltsgesichter...", meinte sie schulterzuckend. "Was ist mit diesen Männern?"

"Sie starben vermutlich durch dieselben Täter wie ihr Mann und falls es irgendeine Verbindung zwischen ihm und diesen beiden geben sollte, sagen Sie es uns besser."

Ihr Augenaufschlag war gekonnt.

"Das werde ich, Mr. Trevellian..." Und dabei strich sie mir mit ihren langen Fingernägeln über das Revers der Jacke. "Sobald ich etwas in dieser Richtung erfahre... Wie waren noch die Namen?"

7

Als ich Milo am nächsten Morgen an der üblichen Ecke abholte, und wir gemeinsam zum Dienst fuhren, war es eiskalt.

Zwanzig Minuten später saßen wir im Zimmer von Mr. McKee.

Das Büro unseres Chefs im Dienstgebäude des FBI-Districts New York an der Federal Plaza war einfach und zweckmäßig eingerichtet.

Special Agent in Charge Jonathan D. McKee lehnte sich mit der Hüfte an seinen Schreibtisch, hatte die Arme verschränkt und machte ein ziemlich ernstes Gesicht. Und dafür hatte er auch allen Grund. Die Fahndung nach den beiden Killern lief zwar, aber die Angaben des Security-Manns erwiesen sich als nicht sehr detailliert. Die Phantombilder waren entsprechend wenig aussagekräftig.

"Es ist fünf Minuten vor zwölf", erklärte Mr. McKee dann.

"Wenn es uns nicht gelingt, denjenigen zu stoppen, der zur Zeit seine Killer losschickt, dann fliegen uns bald die Brocken um die Ohren! Außerdem liegen mir dauernd die Kollegen der Presseabteilung in den Ohren. Der dritte Tote in dieser verdammten Serie und wir haben noch immer nichts in den Händen... Wir brauchen langsam Ergebnisse!"

Milo und ich saßen in den Ledersesseln der kleinen Sitzgruppe, die Mr. McKee für Besprechungen in seinem Büro diente. Uns gegenüber saß mit übereinandergeschlagenen Beinen Special Agent Clive Caravaggio. Seine Vorfahren waren zwar italienischer Abstammung, aber er sah mit seinem flachsblonden Haarschopf eher wie ein Skandinavier aus.

Sein Partner Orry Medina war indianischer Abstammung und galt als der bestgekleidete G-man des Districts. Ihn hielt es nicht im Sessel. Er lehnte an der Fensterbank und lockerte sich die exquisite Seidenkrawatte.

Die beiden hatten sich intensiv mit Brazzos' und Dominguez' wirtschaftlichen Verflechtungen beschäftigt, worüber sie einiges an Daten mitgebracht hatten. Die Computerausdrucke lagen auf dem Tisch verstreut und ich hatte mir das eine oder andere auch etwas genauer angesehen.

"Immerhin haben wir jetzt einen Anhaltspunkt", meinte Medina. "Dominguez und Shokolev hatten beide Gelder in einer Import/Export-Firma, von der wir vermuten, dass sie in Wahrheit nur dem Zweck dient, schwarzes Geld weiß zu waschen. Brazzos und und Dominguez wiederum hatten ihr Geld in einem Chemie-Unternehmen, das durch seine Sonderabfälle durch eine inzwischen in Konkurs gegangene Transportfirma entsorgen ließ, von der wir vermuten, dass sie zu Shokolevs Imperium gehörte!"

"Ein ziemlich vager Zusammenhang", meinte Mr. McKee. "Ich weiß nicht, ob uns das wirklich weiterbringt. Aber verfolgen Sie die Spur trotzdem weiter." Mr. McKee verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere und sah mich an. "Was ist mit der Witwe?"

"Ich traue ihr ohne weiteres zu, ihren Mann umgebracht zu haben. Nicht aus Eifersucht, dazu wirkte sie mir zu kühl...

Aber vielleicht, weil sie jetzt über 'Big Vlads' Vermögen verfügen kann..."

"Und das soll ja ganz beachtlich sein!", warf Milo ein.

Ich fuhr fort: "Aber nachdem wir jetzt den ballistischen Bericht auf dem Tisch haben und feststeht, dass Dominguez, Brazzos und Shokolev tatsächlich von denselben Tätern ermordet wurden, glaube ich nicht an die schöne Jelena als Auftraggeberin."

"Hat das einen bestimmten Grund, Jesse?", erkundigte sich Mr. McKee.

Ich zuckte die Achseln.

"Instinkt, Sir."

Mr. McKee seufzte. "In diesem Fall hoffe ich beinahe, dass der Sie mal täuscht... Sonst stehen wir nämlich mit völlig leeren Händen da."

"Vielleicht kennen wir nur noch nicht den Zusammenhang zwischen den Toten und der schönen Witwe, Jesse!", gab Milo zu bedenken.

Mein Blick ruhte auf den Computerausdrucken. Wir hatten es mit einem komplizierten Geflecht aus Firmen, Scheinfirmen, Strohmännern und Leuten zu tun, die schwarzes Geld wie Heu hatten und daraus Weißes machen mussten.

Brazzos, Dominguez, Shokolev...

Alles große Bosse, die selbst kaum noch ein Risiko eingingen. Das trugen die kleinen Handlanger, die dann erwischt wurden.

So war das allzu oft.

Jeder von uns hatte nicht selten über diese Tatsache geflucht. Die kleine wurden gehängt, die großen notgedrungen und mit Unterstützung guter Anwälte laufengelassen.

Doch jetzt hatte jemand ausgerechnet diese Großen ins Visier genommen. Unerbittlich. Mann für Mann. Und sehr professionell.

Ich atmete tief durch. Orry erläuterte noch einiges zu den wirtschaftlichen Verflechtungen der Gangstersyndikate, deren Oberhäupter über den Jordan geschickt worden waren. Aber ich hörte kaum zu.

"Der, der diese Killer geschickt hat, muss sehr viel Geld haben ", sagte ich dann irgendwann. "Denn wer immer Leute wie Shokolev umbringt, weiß, dass er sich danach zur Ruhe setzen muss und nie wieder in Aktion treten kann... Zumindest nicht in den USA."

Mr. McKee sah mich interessiert an. "Worauf wollen Sie hinaus, Jesse?"

"Ich frage mich, ob die schöne Jelena Geld genug dafür zur Verfügung hatte - ich meine, bevor sie Big Vlads Erbin wurde!"

"Der voraussichtlichen Erbin von Big Vlad hätte doch jeder Kredit gegeben!", erwiderte Orry skeptisch.

"Auch ein Lohnkiller? Normalerweise wird da im Voraus gezahlt. Und im Fall des Scheiterns hätten die Mörder dieses Geld auch dringend gebraucht, um sich vor Shokolevs Leuten in Sicherheit zu bringen. Vermutlich wäre es ihnen trotzdem nicht gelungen."

Jetzt meldete sich Clive Caravaggio zu Wort. "Diese Jelena soll übrigens in Shokolevs Reich durchaus nicht nur die Rolle einer anschmiegsamen Mafia-Braut gespielt, sondern auch in den Geschäften mitgemischt haben. Jedenfalls gibt es dahingehende Gerüchte."

"Tatsache ist aber, dass sie nicht einmal ein eigenes Giro-Konto besessen hat!"

Ich grinste. "Anschmiegsam war diese Katze nun wirklich nicht..."

Mr. McKee musterte uns einer nach dem anderen mit einer Miene, die Entschlossenheit signalisierte. "Ich denke, der einzige Weg, der Erfolg verspricht ist ein Trampelpfad durch diesen Dschungel da!" Und bei diesen Worten deutete er auf die Computerausdrucke, auf denen das komplizierte Geflecht aus Firmen und Scheinfirmen dargestellt wurde. "Irgendwo dort liegt der Schlüssel - oder es greift ein Hai nach dieser Stadt, der groß genug ist, diese gefräßigen Piranhas allesamt zu schlucken!"

In diesem Moment öffnete sich die Tür.

"Wenigstens ein Lichtblick!", meinte Clive Caravaggio mit Blick auf das Tablett mit den Kaffeebechern, das Mandy, die fürsorgliche Sekretärin des Chefs, hereintrug.

Sie setzte das Tablett auf den schlichten Tisch zwischen den Ledersesseln.

"Bitte bedienen Sie sich!", forderte sie uns auf. Und da Mandy den besten Kaffee weit und breit macht, brauchte sie das keinem von uns zweimal zu sagen.

8

"Guten Tag, Gentlemen", sagte Jelena Shokolev und bedachte die Anwesenden mit einem herausfordernden Blick. Sie hatte am Ende der langen Tafel Platz genommen, während das halbe Dutzend zumeist dunkel und sehr vornehm gekleideter Männer aufmerksam in ihre Richtung starrte. Einige von ihnen grinsten frech.

Aber das sollte ihnen noch vergehen.

Hinter Jelena hatten sich zwei baumlange Wachposten aufgestellt, beide in maßgeschneiderten grauen Saccos und einer Uzi lässig in der Rechten.

Jelenas Blick war kühl.

Sie musterte einen nach dem anderen und langsam erstarb das Gemurmel unter den Anwesenden.

"Ich habe Sie alle hier her, zu dieser Besprechung gebeten, um mit Ihnen über die Zukunft unserer Organisation zu reden!", erklärte sie dann auf eine Art und Weise, die derart selbstbewusst und sicher klang, als hätte sie in ihrem Leben nichts anderes getan.

Ihnen soll sofort klarwerden, dass hier nicht die anschmiegsame Mafia-Braut sitzt, die sie vielleicht aus früheren Tagen in Erinnerung haben!, hatte sie sich vorgenommen.

Sie atmete tief durch.

Einer der Männer runzelte die Stirn. Er hatte gelocktes Haar und einen dichten Schnurrbart. "Was wollen Sie damit sagen? Was soll dieser ganze Affenzirkus hier überhaupt! Big Vlad ist tot und..."

"...und ich werde seine Geschäfte so weiterführen, als würde er noch unter uns weilen!", fuhr Jelena ihm kalt über den Mund.

Die Blicke, die sie dafür erntete waren voller Unglauben.

Der Lockenkopf grinste schief.

"Sollen wir das ernstnehmen!"

"Besser Sie tun es. Keiner von euch hätte es gewagt, sich mit Big Vlad anzulegen..."

Der Lockenkopf lehnte sich zurück.

"Ich schätze, diese Schuhe sind ein bisschen zu groß für Sie!", meinte er abschätzig.

Die beiden Wächter mit den Uzi-Maschinenpistolen luden auf ein kaum merkliches Zeichen ihrer Chefin hin ihre Waffe durch und alles im Raum erstarrte. Für einige Sekunden sagte keiner im Raum ein Wort.

"Die Spielregeln haben sich nicht geändert!", erklärte sie. "Und wenn jemand aussteigen möchte, soll er es gleich sagen. Für die Konsequenzen ist er dann allerdings selbst verantwortlich..."

Eine unbehagliche Stille hing über dem Raum. Einige der Anwesenden drehten die Köpfe und sahen sich an. Aber niemand sagte etwas.

"Ich sehe, es gibt keine Einwände", stellte Jelena befriedigt fest und erhob sich. "Meine Zeit ist kostbar und die Ihre sicherlich auch. Ich werde Sie in den nächsten Tagen erneut zusammenrufen, um Einzelheiten mit Ihnen zu besprechen..."

"Ich schlage vor, wir sollten in nächster Zeit erst einmal etwas vorsichtiger vorgehen", meinte der Lockenkopf und erntete von Jelena dafür einen Blick tiefster Missbilligung.

Sie hob die Augenbrauen und stemmte dabei den Arm in die geschwungene Hüfte.

"Ach, ja?"

"Das FBI versucht in der Sache herumzubohren! Habe ich jedenfalls gehört!"

"Ihr Problem sind nicht die Ohren, sondern der Mund!", versetzte Jelena ätzend.

"Und dann ist da noch eine andere Sache..."

"Und was, Mr. Pitaschwili?"

Der Lockenkopf sah sie scharf an. "Wir alle fragen uns, wer Big Vlad auf dem Gewissen hat!"

"So?" Jelenas volllippiger Mund verzog sich zu einem, spöttischen Lächeln. "Von euch war es niemand?"

"Höre Sie auf! Dasselbe könnten wir Sie fragen!"

"Ich würde es Ihnen nicht raten!"

Eisige Entschlusskraft schwang in ihrem rauchigen Timbre mit. Dies war eine Frau, die alles auf eine Karte setzen wollte. Alles, um ganz nach oben zu kommen. Sie wusste genau, was die Hunde vor diesem Treffen vorgehabt hatten. Sie hatten sie billig auszahlen wollen, um sie aus dem Weg zu haben.

Sie hatte genug Spione in der Nähe dieser ehrenwerten Herren, die sich allesamt Geschäftsleute nannten, aber in Wahrheit nichts als Gangster waren, um genau über deren Ziele informiert zu sein.

Das hast du mir beigebracht, Vlad! Immer gut informiert zu sein! Das garantiert das Überleben und entscheidet über Sieg oder Niederlage...

Der lockenköpfige Pitaschwili ging auf Jelena zu und die beiden Wächter hoben automatisch die kurzen Läufe ihrer Uzis. Pitaschwili hob beschwichtigend die Hände. "Schon gut...", murmelte er. Und bei sich dachte er wohl, dass er nie den Bau dieser Löwin hätte betreten sollen. Er fuhr beinahe stotternd fort: "Es gibt da so ein Gerücht..."

"Was Sie nicht sagen..."

"Ein Gerücht von einem fremden Syndikat, das seine Finger nach New York ausstreckt..." Er schluckte. "Ich nehme an, alle hier lesen ab und zu mal Zeitung!"

"Wovon sprechen Sie eigentlich?", fragte Jelena abweisend.

"Von den Morden an Brazzos und Dominguez!"

"Nicht unsere Branche, Pitaschwili. Wozu sich also aufregen!"

Pitaschwili hob den Zeigefinger wie eine Waffe.

"Hier will jemand groß aufräumen!"

"Wer sollte das sein?"

"Vielleicht jemand, der groß genug ist, sich in ganz unterschiedlichen Branchen zu tummeln... Und ich finde, darüber sollten wir mal nachdenken!"

9

Der Anruf erreichte mich kurz nach der Mittagspause. Die Stimme war zweifellos männlich, klang aber sehr undeutlich.

Ich hatte den Eindruck, dass das Absicht war.

"Spreche ich mit Special Agent Trevellian?"

"Ja. Wer sind Sie?"

"Ich habe gehört, dass Sie den Mörder von Big Vlad suchen..."

Manche Dinge schienen sich schneller herumzusprechen, als mir lieb sein konnte. In dieser Hinsicht war die Acht-Millionen-Metropole New York ein Dorf.

Ich schaltete den Lautsprecher des Telefons ein, so dass Milo mithören konnte.

"Was wollen Sie?", fragte ich.

Ich hörte, wie mein Gesprächspartner heftig atmete.

"Ein Treffen, Mr. Trevellian."

"Nun..."

"Im Strand Book Store... Der dürfte Ihnen ja wohl bekannt sein. In fünfzehn Minuten. Seien Sie pünktlich. Kommen Sie weder zu spät noch zu früh... Fragen Sie nach alten Ausgaben von Weird Tales."

"Und wie erkenne ich Sie?"

Es machte knack.

Der Anrufer hatte aufgelegt.

"Das bedeutet wohl, dass er dich erkennt", meinte Milo.

"Ich frage mich, was ich davon halten soll!", brummte ich nachdenklich und überprüfte dabei den Sitz der Waffe an meinem Gürtel. Dann stand ich auf und zog mir Jacke und Mantel an.

Milo folgte meinem Beispiel.

"Warum ruft der Kerl dich an? Woher kennt er deinen Namen? Und woher weiß er, dass du an dem Fall dran bist?"

"Keine Ahnung, Milo."

"Vielleicht kommt er aus dem Dunstkreis dieser Jelena..."

Ich grinste.

"Lassen wir uns überraschen!"

Wenig später saßen wir in meinem Sportwagen und quälten uns durch den mittäglichen Verkehr des Big Apple. Der Strand Book Store war New Yorks größtes Buchantiquariat. Ein Paradies zum Stöbern. Aber auch ein Ort, der durch seine Unübersichtlichkeit wie geschaffen für ein derartiges Treffen war.

Vielleicht gab es ja wirklich jemanden aus dem Umkreis der schönen Witwe, der auspacken wollte. Aus welchem Grund auch immer.

Ich hatte allerdings ein ungutes Gefühl bei der Sache.

Mein Instinkt sagte mir, dass etwas faul an der Sache war.

Wir fuhren den Broadway entlang. An der Ecke zur zwölften Straße lag der Strand Book Store mit der Hausnummer 828. Ich war ab und zu dort gewesen und kannte mich aus. Mein Blick ging zur Uhr am Handgelenk.

"Wir sind etwas zu früh für unseren Freund", erriet Milo meine Gedanken.

"Hat nicht irgendwer gesagt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben?"

"Aber unser Freund will uns auf die Minute genau an einem bestimmten Punkt haben!"

"Siehst du, und das gefällt mir nicht, Milo!"

"Glaubst du, mir vielleicht?"

Ich parkte den Sportwagen in einer Seitenstraße, hundert Meter von jener Ecke entfernt. Wir stiegen aus und meldeten unsere Position noch kurz in der FBI-Funkzentrale. Für alle Fälle...

Milo folgte mir in einiger Entfernung. Wir wussten nicht, ob der Strand Book Store möglicherweise beobachtet wurde. Mein Freund war gewissermaßen eine Art Lebensversicherung für mich, falls dieses eigenartige Treffen einen Verlauf nehmen sollte, der mich in eine brenzlige Lage brachte.

Nachdem ich die Fußgängerampel an der 12. Straße passiert hatte, standen bereits die ersten Ständer mit verbilligten Taschenbüchern vor mir, in denen die Kundschaft interessiert herumwühlte.

Ich ließ den Blick schweifen und fragte mich, welcher der Kunden sich vielleicht weniger für Bücher interessierte, als er vorgab.

Ein Blondschopf mit Vollbart fiel mir auf. Er war ziemlich groß und fast schlaksig. Er blickte dauernd auf und wirkte sehr nervös. In seinem Gesicht zuckte ein unruhiger Muskel und die Tatsache, dass er sich einen Liebesroman für Frauen aus dem Wühltisch herausgefischt hatte, sprach eher dafür, dass ihm das Buch nur als eine Art Feigenblatt diente.

Seine wässrig-blauen Augen sahen mich einen Augenblick lang an, dann blickte er in eine andere Richtung.

Ich beschloss, den Kerl im Auge zu behalten.

Dann betrat ich den Laden.

Ich wusste Milo hinter mir, machte aber nicht den Fehler, mich nach ihm umzudrehen. Eine der Angestellten lief mir über den Weg. Sie war groß und blond. Das lange Haar trug sie offen. Es reichte ihr fast bis zur Hüfte.

"Ich suche alte Ausgaben von Weird Tales", erklärte ich.

Weird Tales war ein geradezu legendäres Groschenheft mit Gruselgeschichten, das bis Anfang der Fünfziger Jahre erschienen war. Heute zahlten Sammler horrende Summen für gut erhaltene Exemplare.

Die junge Blonde lächelte charmant. Ihr schlanker Arm deutete zu einem Regal auf der anderen Seite des Raumes.

"Dort hinten, Sir!"

"Ich danke Ihnen."

Es dauerte eine Weile, bis ich mich durch den völlig überfüllten Verkaufsraum hindurchgedrängelt hatte. Die Wühltische mit den Büchern standen so eng, dass man schon etwas Geduld haben musste. Ein Paradies für Taschendiebe und konspirative Treffen.

Schließlich hatte ich es geschafft.

Die Weird Tales-Ausgaben waren sorgfältig in Folie verschweißt. Ich nahm mir eines der Hefte im Digest-Format und sah mir die schaurige Titelbildillustration an. Ein halbnacktes Mädchen mit großen Brüsten im Angesicht eines Riesengorillas. Gleichzeitig bemerkte ich aus den Augenwinkeln heraus den Blonden.

Er war mir also gefolgt.

Von der anderen Seite näherte sich ein Mann mit schwarzgelocktem Haar. Er war viel kleiner und stämmiger als der Blonde.

Aber seinem Interesse an den alten Gruselheften fehlte irgendwie der rechte Enthusiasmus, der den echten Fan auszeichnet.

Einen Augenblick später hatte er sich neben mich gedrängelt und heuchelte immer noch Interesse an den eingeschweißten Heften im Digest-Format.

Jetzt wurde es ernst...

"Nicht umdrehen, G-Man!", wisperte der Lockenkopf. "Mein Leben kann davon abhängen, dass dieses Treffen kein Aufsehen erregt..."

Ich erkannte die Stimme vom Telefon wieder.

"Hört sich dramatisch an. Wer sind Sie?", fragte ich in gedämpftem Tonfall zurück.

"Jemand, der aussteigen will."

"Am Telefon sagten Sie etwas von Big Vlad Shokolevs Mördern..."

Er atmete tief durch.

"Hören Sie, Trevellian, ich brauche ein Angebot. Ich bin bereit auszusagen, aber ich brauche Sicherheit, sonst lebe ich keine zwei Stunden mehr!"

Seine Angst schien mir echt zu sein. Aber ich musste mehr wissen. Und ich hatte keine Lust, meine Zeit nur mit vagen Andeutungen zu vertun. Er wollte aussteigen, so sagte er. Das bedeutete, dass er irgendwie zum Dunstkreis um Shokolev gehörte. Einer seiner sogenannten Geschäftspartner.

Vielleicht besorgte er die Grundstücke, auf denen die Giftmüllmafia ihren Schrott sehr unfachmännisch 'entsorgte' oder besaß eine Transportfirma, die in Shokolevs Netz verstrickt war. Allerdings sagte mir mein Instinkt, dass dieser Mann vermutlich eine Etage höher anzusiedeln war. Bei den Mittelsmännern vielleicht oder in der Geldwäsche.

"Ist der blonde Riese zu meiner Linken Ihr Mann?", fragte ich.

"Ja."

"Wie beruhigend!"

Er atmete tief durch. "Wie gesagt, ich bin bereit auszusagen. Über Shokolevs üble Geschäfte mit gefährlichem Giftmüll, über Strohmänner..."

"Shokolev ist tot", stellte ich fest. "Wer will Big Vlad noch vor den Richter stellen?"

"Hören Sie..."

"Im Moment habe ich den Eindruck, mit Ihnen meine Zeit zu verschwenden, Mr. Namenlos..."

"Sie wollen Shokolevs Mörder... Oder besser: Den, der die Killeraufträge geben hat und vielleicht einen Bandenkrieg ungeahnten Ausmaßes auslöst... Da will jemand gewaltig aufräumen! Brazzos, Dominguez... und jetzt Big Vlad!"

"Und dieser Jemand ist zufällig auch Ihnen auf den Fersen?"

Seine Stimme vibrierte leicht.

"Ich denke schon!", wisperte er. "Ich liefere Ihnen die Witwe des großen Vladimir Shokolev ans Messer..."

"Jelena?"

"Sie hat Big Vlads Geschäfte übernommen und hat große Pläne... Sehr große Pläne!"

Von hinten spürte ich eine Bewegung und wandte halb den Kopf.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen Arm.

Er ragte zwischen den dichtgedrängten Körpern der Kunden hervor. Und die Hand hielt eine Pistole umklammert...

Der Lauf war sehr langgezogen.

Eine Waffe mit Schalldämpfer!

Grell züngelte das Mündungsfeuer aus dem Rohr.

Zweimal hintereinander machte es Plop und ein Ruck durchfuhr den Körper meines Gesprächspartners.

Sein Blick gefror zu einer Maske.

Einer Maske des Todes. Seine Augen waren weit aufgerissen und stierten mich verständnislos an. In der nächsten Sekunde sah ich das Blut... Es sickerte aus dem Mund heraus und tropfte auf den Jackenkragen.

Der Lockenkopf sackte tot in sich zusammen. Die in der Nähe stehenden Kunden des Strand Book Stores stürzten schreiend auseinander.

Blut spritzte auf die Wühltische mit den Taschenbüchern, während das Chaos ausbrach.

10

Die Schreie waren geradezu ohrenbetäubend.

Ich wirbelte herum und hatte in der nächsten Sekunde meine Waffe in der Rechten. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, dass der blonde Leibwächter des Lockenkopfs ebenfalls nach seiner Waffe gegriffen hatte.

Er hatte das Eisen - eine große, schwergewichtige Magnum noch nicht einmal ganz unter dem Jackett hervorgezogen, da ruckte sein Kopf auf unnatürliche Weise in den Nacken.

Wie von einem Hammerschlag getroffen.

Auf seiner Stirn bildete sich ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Er taumelte getroffen zurück, krallte sich an einem Regal fest und riss dessen Inhalt mit sich zu Boden.

Ein dumpfes Ächzen entrang sich seiner Kehle, eher auf dem Boden niederkrachte und reglos liegenblieb.

Heillose Panik erfüllte den Strand Book Store.

Die Kunden stoben in alle Richtungen auseinander. Manche suchten Deckung hinter den Verkaufstischen.

Ein Mann wühlte sich brutal durch die Menge. Von seinem Gesicht konnte ich so gut wie nichts sehen. Er trug eine tief hinuntergezogene Strickmütze und eine Brille mit Spiegelgläsern.

"FBI! Stehenbleiben!", rief ich.

Eine Warnung, die beinahe im Kreischen der Kunden unterging.

Dennoch bekam ich umgehend eine bleierne Antwort.

Das ploppende Geräusch war in dem allgemeinen Lärm nicht zu hören.

Lautlos löste sich der Schuss aus der Waffe des Spiegelbrillenträgers, dessen Backenbart wie angeklebt wirkte. Ich sah es an der Mündung der auf mich gerichteten Waffe aufblitzen und duckte mich schnell.

Der Schuss meines Gegners war schnell und nicht gut gezielt gewesen. Das Projektil zischte dicht über mich hinweg. Um Haaresbreite hätte mir das großkalibrige Ding einen Teil der Schädeldecke von der Hirnmasse herunterrasiert.

Krachend drang es hinter mir in erst in das Regal, dann in die Wand ein und zerfetzte Holz und die wertvollen Ausgaben von Weird Tales gleichermaßen, ehe es im Beton der Wand steckenblieb.

Mein Finger verstärkte den Druck auf den Abzug der Waffe.

Wut stieg in mir auf.

Ich konnte die Waffe in diesem Moment nicht benutzen, das war mir klar. Einen Mörder zu fassen war eine Sache und was meine eigene Person anging, scheute ich dabei kein Risiko, das sich noch einigermaßen vertreten ließ.

Aber in dieser dichtgedrängten Menschenmenge auf einen flüchtenden Killer zu schießen wäre unverantwortlich gewesen.

Auch für einen guten Schützen.

Und ich bin einer!

Denn selbst, wenn ich den Kerl traf, konnte die Kugel aus dem Körper wieder austreten und noch einen anderen Menschen verletzen - oder sogar umbringen.

Der Killer rannte davon, kam dabei hart gegen einen der Verkaufstische, der mit einem hässlichen, schabenden Geräusch einen halben Meter über den Boden rutschte.

Ich packte die Waffe und sah zu, dass ich hinter ihm herkam.

Vor mir bildete sich eine Gasse. Die Kunden, die noch nicht in heller Panik auseinandergelaufen waren, hatten zumeist hinter den Wühltischen und Buchständern notdürftig Deckung gesucht.

Der Kerl feuerte noch einmal auf mich. Der Schuss ging daneben und kratzte irgendwo hinter mir an der Decke. Etwas fiel herunter. Ich konnte nicht sehen, was es war. Ein Teil der Deckendekoration mit den Hinweisschildern auf verbilligte Ware oder eine Lampe vielleicht.

Seitlich von mir, auf der anderen Seite des Verkaufsraums entdeckte ich Milo, der versuchte, dem Killer den Weg zum Hauptausgang abzuschneiden.

Der Killer rannte einen dicken Mann brutal über den Haufen.

Mit einem stöhnenden Laut auf den Lippen sank der Mann zu Boden, als der Ellbogen des Mörders sich in seinen Bauch drückte.

Milo hatte indessen den Ausgang erreicht und richtete seine Waffe auf den Killer.

"FBI! Sie sind verhaftet!"

Blitzschnell wirbelte der Killer herum, duckte sich und packte dann eine junge Frau an den langen, gelockten Haaren.

Sie schrie auf. Er zog sie mit einer brutalen, ruckartigen Bewegung in die Höhe und hielt ihr das Eisen an die Schläfe.

Ihre Augen waren vor Schrecken weit aufgerissen. Ihre Brust hob und senkte sich in einem schnellen Rhythmus, den die Angst vorgab.

Eine Kinderstimme rief: "Mama!"

Ein kleiner Junge hockte ganz in der Nähe, halb verborgen hinter einem der Tische. Er wagte es nicht, sich zu bewegen.

Niemand im Raum wagte das in dieser Sekunde.

Auch Milo und ich nicht.

Für die nächsten Sekunden hätte man eine Stecknadel im Strand Book Store fallen hören können.

Der Killer sagte kein Wort.

Das war auch nicht nötig. Seine Taten sprachen für sich und der kalte Lauf des Schalldämpfers am Kopf der jungen Frau. Zweifellos war er skrupellos genug, sie bedenkenlos umzubringen.

Ein Profi, der über Leichen ging und dem es auf einen Toten mehr oder weniger nicht ankam.

Eine menschliche Waffe, ausgeschickt von irgendjemandem, dem es offenbar nicht gepasst hatte, dass der tote Lockenkopf, der nun in seinem Blut neben den Weird Tales-Regalen lag, sich mit einem G-man zusammen alte Groschenhefte ansah...

Ich blickte zu Milo hinüber.

Keiner der Kunden verstellte mehr die Sicht. Die kauerten angstvoll in Deckung.

Mein Freund nickte kurz und senkte die Waffe.

Ich tat dasselbe, obwohl es mir in der Seele wehtat, diesen Kerl ziehen lassen zu müssen. Aber es gab keinen anderen Weg.

Vorsichtig ging der Killer mit seiner Geisel in Richtung Ausgang. Die Spiegelgläser gaben seinem Gesicht etwas Kaltes, Insektenhaftes. Zweifellos beobachtete er jede unserer Handlungen ganz genau. Nicht eine Nuance würde ihm entgehen und es war in dieser Situation das Beste, überhaupt nichts zu tun.

Schließlich ging es um das Leben der Geisel.

"Mama!", rief der Junge noch einmal.

"Bleib, wo du bist, Chris!", rief die junge Frau. "Steh nicht auf!"

"Maul halten!", knurrte der Killer.

Das erste Mal, dass wir einen Laut von ihm hörten, der über das tödliche Ploppen seiner Schalldämpferwaffe hinausging.

Seine Stimme klang wie ein tiefes Wispern. Ein Laut, der zu einer Schlange gepasst hätte.

Der Killer näherte sich dem Ausgang.

Milo wich zurück.

Ein hochgewachsener Kunde, der gerade hereinkommen wollte, blieb wie erstarrt stehen und lief dann davon.

Die kalten Spiegelaugen des Killers warfen einen letzten Blick auf uns.

Dann schleuderte er die Frau in unsere Richtung. Sie stolperte nach vorn und stöhnte auf, als sie hart auf den Boden kam. Im selben Moment ballerte der Kerl noch zweimal drauflos und rannte dann hinaus zur Straße.

Wir zögerten keine Sekunde.

Beinahe im selben Moment setzten Milo und ich uns in Bewegung und rannten ebenfalls zum Ausgang. Milo war schneller dort als ich.

Einen Augenblick später sahen wir den Kerl mit der Spiegelbrille gerade noch in einen blauen Chevy einsteigen, der offenbar mit laufendem Motor am Straßenrand gewartet hatte.

Aus einem heruntergelassenen Fenster ragten ein paar Hände hervor, das sich um eine Maschinenpistole klammerten. In dem Moment, in dem sich der Chevy mit quietschenden Reifen in Bewegung setzte, ballerte der Wahnsinnige los, dessen Gesicht hinter den getönten Scheiben verborgen lag.

Zwei Feuerstöße mit jeweils etwa zwanzig Schuss in der Sekunde knatterten los und es blieb uns nichts anderes, als uns zu Boden zu hechten.

Die Garbe aus Blei fraß sich in die benachbarten Hausfassaden und ließ den Putz von der Wand springen.

Irgendwo schrie jemand auf.

Ich lag auf dem Pflaster des Bürgersteigs, rollte mich herum und spürte, wie dicht neben mir ein Projektil die Pflastersteine berührte und als tückischer Querschläger weiter auf eine ungewisse Reise geschickt wurde.

Ich zielte auf einen der Hinterreifen des Chevys und drückte ab.

Der Reifen zerplatzte.

Aber der Fahrer trat unbarmherzig das Gas. Es gab ein hässliches Geräusch, als der zerstörte Reifenmantel über den Asphalt gedreht wurde und die Felgen auf dem Boden entlangratschten. Funken sprühten dabei und es roch nach verbranntem Gummi.

Beinahe wäre der Wagen ausgebrochen.

Jemand, der von der entgegengesetzten Fahrbahn daher fuhr, hupte.

Der Fahrer des Chevys riss das Lenkrad herum, rasierte sich den Außenspiegel an einer Straßenlaterne ab und bog dann in eine Seitenstraße ein.

Ich rappelte mich wieder auf.

Ein schneller Blick seitwärts, sagte mir, das Milo nichts geschehen war. Aber einen Passanten hatte es an der Schulter erwischt.

Milo hatte bereits das Walkie Talkie in der Hand und verständigte die Funkzentrale des FBI. Offenbar hatte bereits jemand im Strand Book Store die City Police verständigt, denn schon dröhnte eine Sirene aus irgendeiner der Nachbarstraßen.

Ich bekam gerade noch mit, wie Milo einen Krankenwagen für den verletzten Passanten verlangte.

"Hast du noch die Nummer des Wagens in Erinnerung?", fragte er mich zwischendurch.

Ich nickte und nannte sie ihm.

"Aber lohnt kaum, das Ding in die Fahndung zu geben", erwiderte ich.

"Warum nicht? Etwa wegen des Reifens?" Er schüttelte den Kopf. "Jesse, ich glaube nicht, dass den Kerlen Felgen und Achse im Moment sonderlich wichtig sind. Die werden losbrettern, bis es glüht!"

Ich schüttelte den Kopf.

Dann deutete ich auf das Sackgassenschild vor jener Einfahrt, die der Chevy mit dem geplatzten Reifen genommen hatte. Es war kaum zu sehen, weil irgendein Witzbold eine Plastiktüte darübergestülpt hatte.

Die Jagd ging weiter.

11

Die Seitenstraße war eng und namenlos. Eigentlich nicht mehr, als eine etwas breitere Einfahrt, die in einem Hinterhof mündete. Ehedem war hier das Gelände einer Transportfirma gewesen, die wohl in Konkurs gegangen war. Einige Schilder wiesen noch darauf hin. Jetzt verfiel hier alles. Ratten krochen ungeniert zwischen überquellenden Mülleimern herum und suchten sich ihr Teil.

Als Milo und ich den Innenhof erreichten, sahen wir noch einige Lastwagen, die vor sich hin rosteten. Man hatte sie ausgeweidet wie eine Weihnachtsgans. Kein brauchbares Stück war noch an ihnen dran. Die Reifen fehlten, die Sitze, die Motoren...

Jede brauchbare Schraube schien herausgedreht worden zu sein.

Und dann sahen wir auch den Chevy.

Drei Türen standen offen.

Also drei Kerle!, schoss es mir durch den Kopf. Hier war ihre Höllenfahrt zu Ende gewesen. Der Innenhof wurde umgeben von einem mehrstöckigen Gebäude, dessen Fassaden herunterbröckelten. Die ehemaligen Garagen der Lastwagen standen offen. Sie waren kahl und leer. In den oberen Etagen, in denen sich vielleicht mal die Büros befunden hatten, waren zum Teil die Fenster eingeschlagen. Zollformulare wurden durch den Wind über den Hof getrieben.

Ein verlassener Ort, wie geschaffen, um sich zu verstecken.

Ein Labyrinth, in dem man sich hervorragend auf die Lauer legen konnte...

Wir nahmen hinter dem ersten Lastwagen Deckung.

"Die sind über alle Berge, Jesse!", meinte Milo, der wie ich die Waffe in der Faust trug. "Aber die Spurensicherer sollten das ganze Gelände mal abchecken. Vielleicht haben unsere Freunde irgendetwas verloren..."

Jede Kleinigkeit konnte uns vielleicht weiterbringen.

Und wenn es nur ein vollgerotztes Papiertaschentuch war, aus dem sich vielleicht ein genetischer Fingerabdruck gewinnen ließ...

"Ich weiß nicht", meinte ich. "Ich habe ein schlechtes Gefühl..."

Milo gab per Funkgerät durch, welches Gebiet abgeriegelt werden musste. Aber es war die Frage, ob die Verstärkung von FBI und City Police schnell genug sein würde.

"Achtung!", zischte ich.

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich bei einem der zerschlagenen Fenster eine Bewegung. Ich wirbelte herum, aber schon in der nächsten Sekunde knatterte eine Maschinenpistole los.

Die Projektile zerfetzten den Kasten des Lastwagens, hinter dem wir uns verschanzt hatten, dann schlugen sie dicht vor unseren Füßen in den Asphalt, und wir mussten einen Satz zurück machen. Wir kauerten hinter der Fahrerkabine des Lastwagens, und ich feuerte dreimal kurz hintereinander zurück, woraufhin das Feuer auf der anderen Seite eingestellt wurde.

Vorerst.

"Die haben auf uns gewartet", meinte Milo.

Ich lud derweil meine Waffe nach und hatte die Waffe einen Augenblick später schon wieder schussbereit.

"Immerhin sind sie noch nicht über alle Berge!"

"Im Moment sitzen wir in der Falle - und nicht sie!", stellte Milo fest.

"Gib mir Feuerschutz!", forderte ich.

"Was hast du vor?"

"Mich etwas voran arbeiten! Am besten bis zum Eingang, um irgendwie ins Haus zu gelangen. Oder hast du vielleicht Lust, hier länger als Zielscheibe dieser Verrückten zu dienen?"

"Kein Gedanke... Aber willst du nicht besser auf die Verstärkung warten?"

"Wie es im Diensthandbuch steht? Dann sind die Kerle weg..."

"Auch wahr!"

"Also los!"

"Du gibst das Signal!"

"Okay!"

Milo atmete tief durch und wir wechselten einen kurzen Blick. In Situationen wie diesen konnten wir uns hundertprozentig aufeinander verlassen. Das wusste jeder vom anderen.

Eine Maschinenpistolengarbe krachte in diesem Moment wieder in unsere Richtung. Ich hatte das Gefühl, das die Killer nicht so genau wussten, wo wir uns befanden. Oder sie trauten sich nicht, genau hinzusehen, weil sie Angst hatten, selbst eine Bleiladung abzubekommen.

Jedenfalls mussten wir uns einige schreckliche Sekunden lang ganz klein machen. Möglichst unsichtbar. Gegen diese geballte Feuerkraft, hatten wir nichts entgegenzusetzen. Nichts, was dem Paroli hätte bieten können. Was die Bewaffnung anging, waren dieser Killer uns überlegen.

Die Schusskraft einer Maschinenpistole ließ unsere Dienstwaffe beinahe wie Spielzeuge von rührender Harmlosigkeit erscheinen.

Ich glaubte schon, dass die Ballerei fürs erste wieder vorbei war, da ging es erneut los. Die Kugeln schlugen Löcher in die Beifahrertür des Lastwagens. Die Heckscheibe der Fahrerkabine war bis dahin das einzig heile Stück Glas am Wagen. Jetzt ging es zu Bruch. Ein Regen aus scharfkantigen Scherben regnete auf Milo und mich hernieder.

Dann war erst einmal wieder Stille.

Eine tödliche, drohende Stille.

Wir beide wussten es.

Ich packte die Waffe so fest, dass sich meine Knöchel weiß färbten.

Dann nickte ich Milo zu.

"Jetzt!"

Ich rannte in geduckter Haltung voran, während Milo auf das Fenster feuerte, aus dem zuvor auf uns geschossen worden war.

Eine zaghafte Erwiderung krachte los, aber Milo schien ziemlich genau zu zielen. Und der Killer dort oben ging lieber auf Nummer sicher.

Rechts und links neben mir kratzten die Kugeln am grauen Asphalt. Dann hechtete ich mich hinter einen Mercedes-Lieferwagen von uraltem Baujahr. Er war mindestens so ausgeschlachtet wie die Lastwagen.

Immerhin...

Ich hatte einige Meter gewonnen. Und der Eingang war jetzt in einer Entfernung, die vielleicht erreichbar war, wenn der der Kerl am Fenster mal nicht so hundertprozentig auf dem Posten war.

Ich feuerte ein paar Mal hinauf zu ihm und kauerte mich dann zum Nachladen hinter den Lieferwagen.

Milo machte mir ein Zeichen.

Alles in Ordnung.

Wieder herrschte einige Augenblicke lang diese eigenartige Ruhe vor dem Sturm. Jeder Muskel und jede Sehne meines Körpers waren angespannt.

Ich atmete tief durch und ließ den Blick die Fassaden auf der anderen Seite entlanggleiten.

Als ob ich es geahnt hätte...

An einem der Fenster bemerkte ich eine Bewegung.

Einer der Killer hatte sich offenbar auf die andere Seite begeben, um uns in aller Ruhe abschießen zu können. Ich ballerte zweimal in seine Richtung. Für den Moment schien er sich nicht aus seiner Deckung herauszutrauen.

Dafür war der Kerl mit der MPi um so aktiver. Er feuerte wild drauflos.

Ein unheimliches, zischendes Geräusch folgte, anschließend eine mörderische Hitzewelle.

Ich musste zur Seite hechten, als die Kugeln den Tank durchsiebten, der offenbar noch genug Kraftstoff enthalten hatte, um eine Explosion auszulösen.

Die Flammen schlugen hoch aus dem Lieferwagen heraus, während ich mich am Boden herumrollte und die Augen zusammenkniff. Die Hitze war furchtbar. Ich hatte das Gefühl, buchstäblich bei lebendigem Leibe geröstet zu werden.

Wieder schoss eine Flamme aus dem Lieferwagen heraus. Die wenigen Scheiben, die noch ganz waren, zerbarsten mit einem Klirren.

Der MPi-Schütze ballerte von oben in meine Richtung. Die Kugeln schlugen links und rechts von mir ein.

Es war die Hölle.

Mit einer heftigen Bewegung riss ich die Waffe hoch und feuerte zurück. Dann rappelte ich mich hoch, feuerte ein weiteres Mal dabei und hastete in Richtung des Eingangs. Ich schoss wild drauflos. Ein paar Dutzend Schritte nur trennten mich von der bröckelnden Hausfassade...

Ich setzte alles auf eine Karte. Und etwas anderes blieb mir auch gar nicht. Ich musste so schnell wie möglich aus dem Schussfeld kommen.

Ich keuchte.

Den letzten Schuss feuerte ich aus der Waffe und dann hatte ich es geschafft. Ich presste mich an die Fassade.

Der herausrieselnde graue Staub setzte sich in meinem Mantel fest. Ich atmete auf. Für den MPi-Schützen war ich jetzt unsichtbar. Der Winkel war zu spitz. Er konnte mich von oben weder sehen noch gezielt beschießen.

Bis zum Eingang hätte ich mich noch einige Meter an der Wand entlangdrücken müssen.

Aber dafür blieb keine Zeit, denn jetzt wurde von der anderen Seite geschossen.

Das war der Kerl mit der Schalldämpferwaffe und der Spiegelbrille. Jener Mann, der meinen Informanten getötet hatte. Jedenfalls schloss ich das aus der Tatsache, dass ich kein Schussgeräusch hörte. Ohne Vorwarnung drang die Kugel dicht neben mir in das poröse Mauerwerk und ließ noch mehr Putz herunterrieseln.

Meine Waffe war leergeschossen. Ich konnte nicht zurückfeuern.

Als der nächste Schuss dicht über meinen Kopf strich, stand mein Entschluss fest. Ich hechtete in das nächste Fenster hinein. Die Scheiben waren zerschlagen, aber es ragten noch scharfe Splitterstücke in die Fensteröffnung hinein. Wie Messer.

Und ich wusste nicht, was mich auf der anderen Seite, im Halbdunkel dieser verfallenen Ruine erwartete. Hart kam ich auf den Boden und rollte mich auf die Weise ab, die man mir im Nahkampftraining beigebracht hatte.

Meine Schulter schmerzte höllisch, aber ich biss die Zähne zusammen. Ich lud die Waffe in Windeseile nach. Dann sah ich das Blut an meinem Arm.

Das Glas war wie ein Messer durch meinen Mantel gefahren.

Hoffte ich.

Ich glaubte einfach nicht, dass es eine Kugel war.

Innerlich fluchte ich.

Aber ich war nicht bereit, jetzt auf diese Verletzung Rücksicht zu nehmen. Ich packte die Waffe fester und durchquerte den halbdunklen Raum.

Wenig später hatte ich die Tür erreicht und arbeitete mich durch den Flur vor. Eine Treppe führte hinauf. Der Aufzug war nur noch ein Schrotthaufen, und ich hatte keine Lust, ihn auf seine Funktionstüchtigkeit hin zu testen. Außerdem gab es vermutlich auch keinen Strom.

Vorsichtig ging ich die ersten Stufen hinauf. Das Geländer war schadhaft, der Handlauf teilweise abgebrochen.

Eine Bewegung ließ mich herumfahren, und ich sah eine riesige Ratte von einer Tür zur anderen huschen.

Nur den Bruchteil einer Sekunde später sah ich über mir etwas aufblitzen.

Das Mündungsfeuer einer MPi.

12

Der Killer stand auf einer der oberen Treppenabsätze und ballerte in die Tiefe - auf mich.

Ich ließ mich seitwärts fallen, während die Geschosse den ohnehin morschen hölzernen Handlauf zerfrästen. Ich drückte mich an die Wand. Draußen, im Innenhof waren jetzt Polizeisirenen zu hören.

Über mir hörte ich schnelle Schritte und so wagte ich es, die Treppe hinaufzurennen. Ich nahm zwei bis drei Stufen mit einem Schritt, bis ich den fünften Stock erreichte, von wo aus der Killer mich beschossen hatte. Immer wenn ich einen Absatz erreichte, erwartete ich, von einem Bleihagel begrüßt zu werden.

Aber von dem Killer war nichts zu sehen.

Von draußen krächzte jetzt ein Megafon und forderte die Killer zum Aufgeben auf.

Milo schien die Beamten der City Police und des FBI eingewiesen zu haben.

Fieberhaft durchsuchte ich den fünften Stock. Zimmer für Zimmer. Die meisten Räume waren kahl wie ein Rohbau. Man hatte alles mitgenommen. Hin und wieder standen da noch ein paar Büromöbel und Kisten mit halbverschimmelten Papieren, aus denen sich die Ratten ihre Nester bauten.

Vielfach fehlten selbst die Türen.

Irgendwer hatte sie offenbar noch einer Verwendung zuführen können. Vielleicht auch nur als Brennholz für ein Feuer, das einem Obdachlosen die eiskalten Nächte wärmer werden ließ.

Ich fragte mich, ob sich auf der anderen Hausseite Feuerleitern befanden. Jedes Haus in New York, das noch aus dem 19. Jahrhundert stammt, besitzt sie, denn es war lange Zeit Vorschrift.

Aber wenn es hier welche gab, dann war der Kerl vielleicht schon auf und davon.

Ich arbeitete mich Raum für Raum vorwärts, trat unter einem Türsturz hindurch in ein weiteres, kahles Ex-Büro und dann...

Schon in der ersten Sekunde hatte mein Instinkt mich gewarnt.

Ich wirbelte herum und blickte auf eine Gestalt, die eine Strickmaske trug, die lediglich die Augen freiließ.

Und dann war da der kurze Lauf einer MPi, der direkt in meine Richtung zeigte.

Dann ging alles blitzschnell. Der Finger meines Gegenübers krümmte sich.

Der Druck auf den Abzug verstärkte sich und ich wusste, dass im nächsten Sekundenbruchteil die Hölle über mich hereinbrechen würde.

Ein Augenblick wie eine Ewigkeit...

Ich riss meine Waffe herum, aber zuvor hatte der Killer bereits die MPi abgedrückt.

13

Ich erwartete das rot aus dem Lauf herauszüngelnde Mündungsfeuer der MPi...

Ich ließ mich seitwärts fallen und rollte mich auf dem Boden ab. Die Waffe meines Gegenübers machte klick. Kein Schuss löste sich. Entweder hatte das Ding eine Ladehemmung, was immer mal wieder vorkommen konnte, oder das Magazin war leer. Der Kerl stand wie erstarrt da und blickte nun in den Lauf meiner Waffe.

"Fallenlassen!", rief ich.

Er bestätigte den Eindruck, den ich von ihm hatte. Er war Profi, kein lebensmüder Wahnsinniger, dem das eigene Schicksal gleichgültig war. Und darum wusste er auch ganz genau, dass das Spiel jetzt erst einmal für ihn zu Ende war.

Er hatte verloren.

Und so ließ er die Maschinenpistole zu Boden gleiten.

"Ich bin Special Agent Jesse Trevellian vom FBI District New York", sagte ich und erhob mich. "Sie sind verhaftet. Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie auf dieses Recht verzichten, kann alles, was Sie von nun an sagen..."

Wie automatisch betete ich diese Litanei herunter, trat auf den Kerl zu und kickte dann seine Waffe ein Stück über den Fußboden.

"Drehen Sie sich zur Wand!", forderte ich. "Die Hände nach oben und die Beine auseinander..."

Er gehorchte.

Wortlos.

Er stand da und rührte sich nicht.

Ich bemerkte die Anspannung seiner Muskeln. In dem Moment, in dem mein Instinkt mich warnte, war es bereits zu spät.

Der Karatetritt kam dann so schnell und unerwartet, dass ich nichts mehr dagegen tun konnte. Er traf mich voll am Solar Plexus und raubte mir damit eine Sekunde lang die Luft. Ich taumelte zurück, aber noch ehe ich zu Boden sacken konnte, schickte mich ein brutaler Fausthieb endgültig auf die Bretter.

Um mich herum war nur noch Dunkelheit.

14

"Heh, aufwachen, Jesse!"

Das erste, was ich sah, war Milos Gesicht. Und ich fühlte eine Welle von Schmerz vom Kopf aus meinen gesamten Körper zu durchfluten. Der Killer hatte mich böse erwischt.

Andererseits musste ich wohl froh sein, überhaupt noch am Leben zu sein.

Mein erster Blick glitt zur Uhr an meinem Handgelenk. Ich war wirklich nur kurz weggetreten gewesen. Und das beruhigte mich.

"Wo...?", hörte mich selber ächzen.

"Die Kerle sind weg. Über die Feuerleiter, vermuten wir. Unsere Fahndung läuft auf Hochtouren, aber es gleicht der Suche nach der berühmten Stecknadel..."

"Wir waren so nahe an ihnen dran..."

Milo nickte.

"Wir kriegen sie noch", versprach er. Ich erhob mich und Milo musste mir dabei helfen. Mir war ein wenig schwindelig.

"Brauchst du einen Arzt Jesse?"

"Nein, lass nur! Alles in Ordnung!"

"Dass ich nicht lache!"

"Wirklich!"

Ich atmete tief durch und rieb mir die Schläfen. Ich hatte furchtbare Kopfschmerzen, aber dagegen würde hoffentlich ein Eisbeutel helfen.

In den leergeräumten Büros der ehemaligen Transportfirma tummelten sich jetzt Spurensicherer der Scientific Research Division, kurz SRD. Dabei handelte es sich um den zentralen Labor- und Erkennungsdienst des New York Police Departments.

Sämtliche Polizeireviere und auch der FBI-Distrikt forderten dort entsprechende Einsatzkräfte an, die sie für die Arbeit am Tatort benötigten.

Viele der Beamten kannte ich von anderen Einsätzen her.

Die Kollegen von der SRD würden sich hier sicher alle Mühe geben, aber ich bezweifelte, dass sie etwas brauchbares finden würden. Die Gegner, mit denen wir es zu tun hatten, waren peinlich darauf bedacht, Spuren zu vermeiden. Es waren emotionslose Killer, die ihren Job machten und dabei kühl kalkulierten.

So sah es jedenfalls aus.

Ich sprach einen der SRD-Kollegen an, der gerade damit beschäftigt war, Patronenhülsen sorgfältig einzusammeln.

"Können Sie mir ein Polaroid von dem Pkw machen, der draußen im Hof steht?"

"Kein Problem, Sir! Aber hier wird ohnehin alles fotografiert."

"So lange möchte ich nicht warten!"

"Verstehe..."

Er tat mir den Gefallen und knipste den Wagen der Gangster vom Fenster aus. Das Foto war kein Meisterwerk, aber man konnte es herumzeigen.

Ich ging mit Milo ins Freie.

Und von dort aus bewegten wir uns in Richtung des Strand Book Stores. Dort wimmelte es inzwischen auch von Beamten der verschiedenen New Yorker Polizeibehörden. Beamten der City Police schirmten den Tatort gegen Schaulustige ab. Spurensicherer des SRD machten genauso ihren peniblen Job, wie der Gerichtsmediziner, dessen Wagen ich in einiger Entfernung parken sah.

Vor dem Laden trafen wir Clive Caravaggio und Orry Medina.

Milo meinte: "Wie wär's, wenn du 'ne kleine Pause machst, Jesse. Ich glaube, du hast sie nötig!"

Ich achtete nicht auf die Worte meines Kollegen.

Stattdessen fragte ich: "Wer war der Tote? Der Kerl, der sich mit mir getroffen hat... Weiß man das schon?"

Clive Caravaggio nickte.

"Er heißt John Pitaschwili, ein eingebürgerter Georgier", erklärte er. "Er hatte Papiere dabei..."

"Kein Name, der mir etwas sagt", gestand ich.

"Aber Orry sagte er etwas."

"Ach!"

"Und wenn du dir die Computerausdrucke genauer angesehen hättest..."

Ich sah ihn etwas ärgerlich an. "Komm schon, Clive!", unterbrach ich ihn dann.

Der blonde Italo-Amerikaner lockerte seine Krawatte.

"Er ist zwar kein Ukrainer, wird aber mit Big Vlads Imperium in Verbindung gebracht. Früher hat er Drecksarbeit gemacht, zuletzt nur noch Sachen, die man im weißen Kragen erledigen kann."

"Geldwäsche!", schloss ich.

Clive Caravaggio nickte. "Dein Instinkt hat dich durch den Schlag, den du bekommen hast, nicht verlassen", stellte er fest. "Pitaschwili hat sein dreckiges Geld in einigen Läden an der Bowery stecken, die vermutlich einzig und allein diesem Zweck dienen..."

Ich hörte Clive nur mit einem Ohr zu, denn etwas abseits sah ich jemanden, den ich kannte.

Jemanden, den ich hier nicht erwartet hatte.

Captain Billy Dobbs vom Achtzehnten!

Er kam gerade aus dem Strand Book Store heraus und schien sich ein bisschen am Tatort umgesehen zu haben. Ich ging auf ihn zu.

Sein Kopf ruckte seitwärts, als er mich sah. Er schlug sich den Kragen seines grauen Wollmantels hoch. Sein Lächeln war gefroren, und er zeigte die Zähne dabei.

"Ah, Sie, Agent Trevellian...", murmelte er und verzog das Gesicht dabei.

"Was machen Sie hier, Captain Dobbs?", fragte ich. "An sich ist das doch nicht Ihr Fall. Das achtzehnte Revier ist zwar eines der größten in New York - aber so groß ist es nun auch wieder nicht."

"Ich war gerade in der Gegend", erklärte Dobbs kühl.

"Gerade in der Gegend? Am anderen Ende der Stadt?"

Er sah mich böse an.

"Was soll die Fragerei, Agent Trevellian? Haben Sie etwas dagegen, dass ich mich hier umsehe?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Durchaus nicht."

"Na, also!"

Dobbs blickte an meiner recht staubigen und leicht zerschlissenen Kleidung herab. "Sieht aus, als hätten Sie eine wilde Jagd hinter sich...", murmelte er dann.

Ich nickte.

"Kann man wohl sagen. Leider erfolglos."

"Haben Sie nicht den ganzen Block abriegeln lassen?"

"Schon, aber vermutlich zu spät."

"Oh..." Er zuckte die Achseln.

Ich holte meine Zigaretten aus der Manteltasche und reichte sie ihm. Er schüttelte den Kopf.

"Rauchen Sie nicht?"

"Nicht diese Sorte!"

"Verstehe..."

Ich nahm mir selbst eine und steckte sie mir an.

Dann sagte ich: "Sagt Ihnen der Name Pitaschwili etwas? John Pitaschwili?"

In Dobbs' Gesicht zuckte es.

"So heißt der Tote, das habe ich mitbekommen. Ist das vielleicht der Pitaschwili, der diese Schmuddelschuppen auf der Bowery betreibt? Belle de Jour heißt einer dieser Läden, glaube ich."

"Schon möglich." Ich pfiff durch die Zähne. "Sie scheinen sich auszukennen..."

"Ich lebe in dieser Stadt."

"Das tue ich auch."

"Ich weine dem Kerl und seinem Gorilla jedenfalls keine Träne nach."

"Ach, nein?"

"Er war Abschaum."

"Klingt, als wären Sie nicht gerade ein Freund von Pitaschwili gewesen, Captain Dobbs!", stellte ich fest.

Er atmete tief durch.

Dann streckte er mir seinen Zeigefinger entgegen wie eine Waffe.

"Hören Sie, Agent Trevellian, ich habe nichts gegen nackte Mädchen, die auf Tischen tanzen, auch beinahe nichts gegen Leute, die ihre Kundschaft so viel Geld für ein Glas Champagner abknöpfen, dass man glauben könnte, dass es sich bei den Blasen, die darin aufsteigen, um Goldstaub handelt. Aber ich habe etwas gegen weiße Kragen-Verbrecher, wie Pitaschwili, der die Drecksarbeit von anderen machen lässt und an den nie jemand herangekommen ist... Er war ein Geldwäscher und bis er dort war, wo er jetzt ist, hat er so manche über die Klinge springen lassen." Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als er fortfuhr. "Wussten Sie, dass er zu Shokolevs Syndikat gehörte?"

Meine Erwiderung war kühl und sachlich.

"Es wundert mich, dass Sie das wissen", stellte ich fest.

Ich wandte mich halb herum, um in den Book Store zu gehen.

Ich wollte mich noch einmal etwas am Tatort umsehen und mich etwas mit den SRD-Leuten unterhalten. Vielleicht gab es ja irgend eine interessante Einzelheit.

Aber Dobbs' Stimme hielt mich zurück.

"Agent Trevellian..."

"Ja?"

"Haben Sie..."

Er sah mich nicht an bei diesen Worten. Und plötzlich stockte er. Auf seiner Stirn bildete sich eine Falte.

"Was?", hakte ich nach.

"Haben Sie einen der Kerle erkannt, die dieses Blutbad angerichtet haben? Ein Gesicht oder so etwas?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Leider nein". erwiderte ich dann.

"Schade."

"Allerdings."

Dobbs grinste zynisch. "Ich meine, so werden wir dem, der diese Ratte namens Pitaschwili umgenietet hat, niemals einen Orden verleihen können!"

Ich sandte Dobbs einen eisigen Blick zu.

"Ich finde das nicht witzig, Captain Dobbs! Unsere Aufgabe ist es, Verbrechen aufzuklären. Das gilt für alle Cops. Und spielt es überhaupt keine Rolle, ob das Opfer selbst ein Gangster war."

Sein Gesicht war jetzt eine Maske.

"Vielleicht fehlt Ihnen einfach der Humor, Agent Trevellian!"

15

Jahrzehntelang war die Bowery eine der berüchtigsten Straßen New Yorks gewesen. Ein Symbol des sozialen Abstiegs. Obdachlose, Bars und billigste Absteigen hatten das Gesicht dieser Straße der Sünde geprägt.

Inzwischen hatte sich einiges geändert. Zwar hatte die Bowery noch immer ihren über die Stadtgrenzen hinweg bekannten schlechten Ruf, aber inzwischen wurde das Straßenbild längst mehr durch Restaurants und Apartmenthäuser als durch Bars und Bordelle geprägt. Von der Sünde war nur ein Hauch geblieben. Und zu diesem Hauch gehörte das Belle de Jour - Pitaschwilis Laden.

Genau genommen hatte das zweifelhafte Etablissement nicht John Pitaschwili allein gehört. Miteigentümer war ein Jamaikaner namens Marvin Kingsroad. Ein Drogen-Tycoon, der zur Zeit wegen diverser Anklagen vor Gericht stand.

Es war später Nachmittag, als Milo und ich das Bell de Jour erreichten.

Natürlich war noch nichts los.

Lieferanten parkten im Halteverbot. Getränke wurden ausgeladen. Mit den Kistenträgern gelangten wir in den Schankraum. Ein Elektriker stand auf einer hohen Leiter und bastelte an dem ultramodernen Laserlicht herum.

Und auf der Bühne bereiteten sich ein paar kurvenreiche Girls auf ihren mehr oder minder textilfreien Auftritt am Abend vor. Sie lockerten schon mal ihre beweglichen Körperteile.

"Heh, ihr da! Raus!"

Der Kerl, der uns auf diese Weise anschnauzte war mindestens zwei Köpfe größer als ich und so breit wie ein Kleiderschrank. Seine platte Nase und die langgezogene Narbe, die von der Schläfe bis zum rechten Nasenflügel führte, gaben ihm ein geradezu brutales Aussehen.

Eine ehemalige Messerwunde, so vermutete ich.

Der Kerl kam auf uns zu und baute sich breitbeinig auf. Er war zweifellos der Rausschmeißer, hatte aber wohl geglaubt, dass es zu dieser frühen Stunde nichts rauszuschmeißen gab...

Er bleckte die Zähne.

Die obere Reihe bestand komplett aus Edelmetall.

Als wir ihm beinahe im selben Moment unsere Dienstausweise unter die Nase hielten, erschlaffte seine Gesichtsmuskulatur von einer Sekunde zur anderen.

Er sah jetzt ziemlich blöd aus.

"Zwei G-men?", knurrte er und klang dabei schon viel kleinlauter. "Wollen Sie hier die Kundschaft vertreiben?"

"Ich sehe noch keine Kundschaft!"

"Mann, es geht hier in einer Stunde los, was glauben Sie, was da alles noch zu tun ist!"

"Für Sie immer noch Mr. Trevellian!"

Er fletschte seine Metallzähne. "Mister Trevellian!", presste der Eisenbeißer dann hervor. "Wenn Sie uns irgendetwas anhängen wollen, dann..."

"Wie heißen Sie?"

"Randy. Mick Randy. Und da ihr Brüder das sowieso in euren verdammten Computern drin habt: Ich bin mal wegen Körperverletzung verurteilt worden..."

"Es geht um Ihren Boss", mischte sich jetzt Milo ein.

Mick Randy blickte kurz zu meinem Freund hinüber. Auf der Stirn des Eisenbeißers erschienen jetzt ein paar Falten. "Mr. Kingsroad?"

Milo sagte: "Wir sprechen von Pitaschwili."

"Ach so..."

"Er ist im Strand Book Shop von einem Killerkommando erschossen worden. Dasselbe gilt für seinen Leibwächter Harry Jiminez."

Der Eisenbeißer wurde bleich. Der Kinnladen klappte ihm herunter.

Ich studierte aufmerksam sein Gesicht und ergänzte dann: "Wir suchen Pitaschwilis Mörder. Ist Mr. Kingsroad da?"

"Lesen Sie eigentlich keine Zeitung, Mister Trevellian?" Mick Randy lachte heiser. Der Elektriker hatte indessen das Laserlicht für einige Momente probeweise eingeschaltet. Es ließ Randys Metallzähne eigentümlich blitzen. Als das Flimmerlicht dann wieder abgeschaltet war, sah Randy auf die goldene Rolex an seinem Handgelenk. "Mr. Kingsroad steht in diesem Moment noch vor dem Richter..."

"Davon habe ich gehört. Die Kollegen der DEA scheinen gute Ermittlungsarbeit geleistet zu haben."

"Aber Mr. Kingsroads Anwälte sind auch nicht zu verachten..."

"Was Sie nicht sagen."

"Wollen Sie sich die Live-Übertragung im Fernsehen ansehen?

Direkt aus dem Gerichtshof!"

"Danke!"

Indessen war eines der Girls an uns herangetreten. Eine hübsche Dunkelhaarige. Sie trug nichts weiter als einen knappen Body, der jedes Detail ihrer aufregenden Figur hervorragend zu Geltung brachte. Offenbar hatte sie uns zugehört.

"Warum sagst du ihm nichts, Mick?"

"Halt's Maul, Miranda!"

"Aber..."

"Ich habe gesagt: Halt's Maul! Scher dich zum Teufel!", schnauzte Mick Randy.

"Vielleicht werde ich mich mit Ihnen besser unterhalten, wenn Mister Randy nicht dabei ist, Ma'am", erklärte ich mit einem eisigen Blick, den ich dem Eisenbeißer zuwandte.

Ich sah, wie sich dessen Unterarmmuskeln anspannten.

Und ich war mir ziemlich sicher: Wenn ich nicht ein G-man gewesen wäre, hätte ich eine Sekunde später seine Faust im Gesicht gehabt.

16

Ich setzte mich mit Miranda an einen der runden Tische. Milo ging derweil mit Mick Randy zur Theke. Der Eisenbeißer blickte immer wieder nervös zu Miranda hinüber. "Überleg dir, was du quatscht!", rief er zu ihr hinüber. "Sonst kannst du sehen, wo du in Zukunft mit deinem Hintern herumwackeln kannst!"

"Das kann ich überall!", schrillte sie zurück. "Der ist nämlich hübsch genug!"

"Pass auf, dass es so bleibt!"

"Willst du mir etwa drohen? Mick, du bist doch ein Holzkopf, sie werden euch einen nach dem anderen über den Jordan schicken und..."

"Halt's Maul!", rief Mick.

Und Milo meinte: "Vielleicht ist es besser wir gehen in einen Nebenraum, Mr. Randy."

Der Eisenbeißer knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. Und als Milo ihn am Oberarm fasste, riss er sich mit einem Ruck los.

Dann verschwand Milo mit Randy durch eine Nebentür.

Miranda und ich hatten etwas Ruhe.

"Einen Drink, Mister..."

"Nennen Sie mich Jesse."

"Wie wär's?"

"Ich will Ihren Ärger nicht vergrößern, Miranda!"

"Welchen Ärger! Wenn das so weitergeht, bin ich sowieso bald weg - Vertrag hin oder her! Schließlich habe ich keine Lust, mich in die Nähe von jemandem zu stellen, der von irgendwem als Zielscheibe auserkoren wurde..."

Sie holte mitten im Satz Luft. Ihre großen Brüste hoben sich dabei. Mir gab das Gelegenheit, etwas einzuwerfen.

"Nun mal der Reihe nach", nutzte ich meine Chance. "Wer sind die, von denen Sie gerade gesprochen haben..."

"Also..."

Sie verlor einen Gutteil ihrer frischen Gesichtsfarbe.

Jetzt war sie verwirrt. Und etwas unschlüssig darüber, wie viel sie mir sagen sollte.

"Wie gut kannten Sie Pitaschwili?"

Sie wurde rot.

"Ziemlich gut. Hören Sie, ich arbeite schon eine ganze Weile hier und..."

Sie brach ab.

Ich hob die Augenbrauen.

Sie seufzte hörbar. Dann sagte sie: "Ich habe in letzter Zeit ziemlich oft mit John geschlafen - wenn das Ihre Frage beantwortet, Jesse!"

"Das tut es", nickte ich.

"Ganz gleich, was andere über ihn sagen mögen, er war ein netter Kerl."

Zu dir vielleicht, Miranda!, erwiderte ich in Gedanken. Zu anderen war er dafür um so härter. Aber ich verkniff mir eine Bemerkung in dieser Richtung.

Ich wollte Pitaschwilis Mörder.

"Vor wem hatte er Angst?", fragte ich.

"Vor diesem geheimnisvollen Syndikat, dessen Killer mit dem Drahtbesen durch New York räumen... Ich soll nicht darüber reden, aber heute morgen hat jemand auf ihn geschossen und ihn nur knapp verfehlt."

"Wo war das?"

"Hier, direkt vor der Tür. Seine Leute haben alles mühsam wieder verkleistert, damit man an der Wand kein Loch sieht.

Schreckt die Gäste ab... Vermutlich steckt die Kugel noch im Putz!"

Ich begriff. Pitaschwili hatte deswegen also diese Höllenangst gehabt und sich mit mir treffen wollen.

"Hatte er irgendwen in Verdacht?"

"Sie meinen, wer die Drahtzieher dieses unbekannten Syndikats sind? Nein. Er konnte sich einfach keinen Reim auf die Sache machen."

Ich hob die Augenbrauen. "Und Sie?"

"Ich?"

"Haben Sie eine Meinung dazu, Miranda?"

Sie atmete tief durch und nickte dann. "Ich glaube, die Hexe steckt hinter Pitaschwilis Tod!"

"Wer soll das sein?"

"Die Frau von Big Vlad!"

"Jelena!"

Miranda nickte. "Ja. John nannte sie manchmal so. Er konnte sie nicht leiden und sie ihn nicht!"

"Wussten Sie, was Pitaschwili im Strand Book Store wollte?"

"Sich mit Ihnen treffen, Jesse!"

"Er erwähnte meinen Namen?"

"Ja."

"Wer wusste noch von dem Treffen?"

"Mit Sicherheit Mick Randy."

Ich erinnerte mich daran, dass Pitaschwili mir den Kopf der Witwe versprochen hatte. "Ihr Freund hat mir gegenüber den Eindruck gemacht, als wüsste er, wer Shokolev getötet hätte!"

Sie legte ihre Hand auf die meine. Sie beugte sich dabei etwas vor und gestattete mir einen tiefen Einblick in ihr wohlgefülltes Dekolletee. Ihre Augen waren dunkelbraun. Ihr Blick war geradezu beschwörend.

"Diese Hexe war es, die es auf ihn abgesehen hatte! Ich hatte es ja schon länger geahnt, dass er sich vor der in Acht nehmen muss, wenn Big Vlad mal nicht mehr sein sollte. Und John war schließlich überzeugt davon, nachdem er heute Morgen von diesem Treffen zurückkam und erfahren musste, dass die Witwe Big Vlads Geschäfte weiterführen will. Und nicht nur das! Sie scheint auf Angriff aus zu sein!"

"Das ist unlogisch", sagte ich. "Pitaschwili war doch einer von Big Vlads Männern. Wenn Jelena expandieren wollte, hätte er doch davon profitiert! Und weshalb hätte die Witwe einen Killer auf ihn loslassen sollen?"

Sie bedeutete mir, mich etwas vorzubeugen. Ihr Blick glitt angstvoll durch das Belle de Jour. Fast so, als musste sie sich noch einmal vergewissern, dass wirklich niemand außer mir ihre Worte hörte. Und dann wisperte sie mir leise zu: "Wenn man mit jemandem das Bett teilt, kriegt man alles mögliche mit. Auch Dinge, die man vielleicht besser nicht erfahren sollte..."

"Und was haben Sie über Pitaschwili herausgefunden?"

"Dass er ganz offensichtlich Big Vlad betrogen hat. Er hat in die eigene Tasche gewirtschaftet. Und der alte Löwe ist in letzter Zeit wohl etwas unaufmerksam geworden und schielte nur nach den Röcken..."

"Und Sie meinen, Jelena hat das herausgefunden?"

"Natürlich! Jedenfalls denke ich das!"

"Verstehe... Vielleicht brauche ich jetzt doch noch einen Drink."

17

Ich ging mit Miranda hinaus auf die Straße, nachdem sie sich etwas mehr angezogen hatte. Schließlich war es ein lausig kalter Tag.

"Es war heute Morgen, so gegen 8 Uhr. John wollte in den Wagen steigen. Ich habe vom Fenster aus dem dritten Stock aus zugesehen. Dort habe ich mein Zimmer... Ein Wagen fuhr sehr langsam heran."

"Was für ein Typ?"

"Mein Gott, da kenne ich mich nicht so aus. Er war fast weiß. Champagnerfarben. Fragen Sie mich nicht nach der Nummer!"

Ich zeigte ihr das Polaroid von dem Wagen der Killer, die Pitaschwili auf dem Gewissen hatten.

Sie sah es sich genau an.

Dann nickte sie.

"Der könnte es gewesen sein", bestätigte sie. "Aber sicher bin ich nicht..."

Aussagen von diesem Präzisionsgrad waren nicht gerade, was ein Ermittler sich wünschte. Aber es gibt schlimmere Dinge, mit denen man in unserem Job leben muss.

Immerhin konnte ich die Kugeln aus der Mauer kratzen.

Das Kaliber kam hin. Vielleicht waren das die Leute, die wir suchten.

Ich sah sie an. Sie zitterte leicht. Vor Kälte, wie ich annahm.

"Ist noch was?", fragte sie.

"John Pitaschwili scheint ein sehr gut informierter Mann gewesen zu sein."

Sie hob die dunkel nachgezogenen Augenbrauen, die ihre braunen Augen gut zu Geltung brachten. "Offenbar wusste er nicht genug", meinte sie dann. "Sonst würde er jetzt noch leben."

"Woher kann er meinen Namen haben?"

"Sie sind doch der New Yorker Cop. Natürlich hat er von Ihnen gehört, so wie Sie auch schon von Big Vlad gehört hatten, bevor er eine Leiche war..."

"Das meinte ich nicht."

"Ich weiß."Ihr Tonfall war jetzt gedämpft. Sie lächelte auf eine Weise, von der man nicht genau wusste, ob sie geschäftsmäßig oder ehrlich war. Eine Mischung aus beidem.

Man konnte es sich sozusagen aussuchen. "John hat einen Spion in Jelenas unmittelbarer Nähe."

"Wissen Sie, wer das ist?"

"Nein. Aber von ihm wusste er, dass Sie an dem Fall Shokolev dran sind."

Bevor wir wieder ins Belle de Jour gingen, hielt sie mich am Arm. Sie sah mich ernst an.

"Sie kriegen sie, nicht wahr? Die Hexe..."

"Wenn sie wirklich etwas damit zu tun hat, ja!", versicherte ich ihr.

18

Eine halbe Stunde später saßen Milo und ich wieder im Sportwagen. Wir waren auf dem Weg zurück ins Hauptquartier des FBI-Districts an der Federal Plaza. Die Patronen, die ich aus der Außenwand des Belle de Jour gekratzt hatte, mussten ins Labor. Ich hoffte, dass uns die kleinen Bleifetzen etwas weiterbrachten.

Außer Mick Randy und der schönen Miranda hatten wir auch noch einige andere Angehörige des Bell de Jour-Personals befragt. Alles in allem hatten unsere Ermittlungen folgenden Ablauf an diesem für John Pitaschwili verhängnisvollen Morgen ergeben.

Gegen acht Uhr war er nur knapp einem Attentat entgangen.

Da hatte er noch an jenen geheimnisvollen Unbekannten geglaubt. Ein mysteriöses neues Syndikat, das die alte Riege in die Pension städtischer Friedhöfe schickte. Einen nach dem anderen.

Und dann hatte es das Treffen bei Jelena Shokolev gegeben, auf dem die schöne Witwe der versammelten Gangster-Mannschaft wohl wieder erwarten angekündigt hatte, die Geschäfte weiterführen zu wollen.

Da war es wohl auch zu Unstimmigkeiten zwischen Pitaschwili und der neuen Gangster-Queen gekommen.

Jedenfalls waren daraufhin bei Pitaschwili alle Alarmglocken auf einmal in Betrieb gegangen.

Vielleicht gab diesen geheimnisvollen Unbekannten gar ja nicht und in Wahrheit steckte Jelena hinter den Morden und dem Attentat auf Pitaschwili. Das musste auch eine Möglichkeit gewesen sein, die Pitaschwili durch den Kopf gegangen war.

Und diese Möglichkeit war für Pitaschwili noch bedrohlicher.

Egal ob die schöne Jelena nun selbst als Todesgöttin im Hintergrund fungierte, um ihre Position zu sichern, oder ein unbekanntes Syndikat auf der Bildfläche erschien für Pitaschwili wurde es lebensgefährlich. Und so hatte er die Flucht nach vorn angetreten.

Mit einem Anruf beim FBI.

Er war klug genug, um zu wissen, dass er es mit einem Gegner, vor dem selbst Big Vlad die Pfoten hatte strecken müssen, kaum aufnehmen konnte.

Pitaschwili hatte einfach vorausgesetzt, dass Jelena von seinen Unterschlagungen schon wusste.

"Glaubst du, sie hat sich gleich die erste Nacht nach Shokolevs Tod damit um die Ohren gehauen, Berge von Finanzakten zu wälzen?", meinte ich zu diesem Punkt zweifelnd.

Milo zuckte die Achseln.

"Dafür wird sie ihre Leute haben. Außerdem muß so ein Coup generalstabsmäßig vorbereitet werden. Es reicht nicht, ein paar Killer zu bezahlen und den großen Boss hinwegzupusten.

Man muss genau wissen, wie es dann weitergehen soll, wer Freund ist und wen man so schnell wie möglich abschießen muss..."

"Eins zu null für dich", gab ich zu.

Milo sagte: "Das ganze könnte also ein lang vorbereiteter Plan gewesen sein."

"Sowohl Shokolevs Tod, wie auch alles andere."

"Ja."

"Klingt logisch!", musste ich eingestehen.

"Komplimente höre ich immer gerne!", erwiderte Milo lachend.

"Da ist nur ein Haken", wandte ich ein.

"Wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein!" Milo sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an während vor uns der riesige Komplex auftauchte, in dem das FBI-Headquarter untergebracht war. "Wo ist der Haken?"

"Wenn ich Jelena gewesen wäre und den Plan gehabt hätte, alles zu übernehmen, dann hätte ich mit Shokolev angefangen."

"Vielleicht gab es einen Grund dafür, dass die beiden anderen zuerst sterben mussten."

"Und welchen?"

Milo zuckte die Achseln. "Vielleicht waren sie erst Komplizen der Witwe, haben es sich dann aber dann aber anders überlegt und kalte Füße bekommen. Schließlich ist mit Big Vlad nicht zu spaßen gewesen."

"Etwas weit hergeholt, finde ich."

"Du glaubst noch immer nicht, dass es die schöne Witwe war, was?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein."

"Sie hat großen Eindruck auf dich gemacht, oder?"

Ich sah ihn kurz an.

"Quatsch!"

"Ich habe nur laut gedacht, Jesse!"

"Du machst dir umsonst Sorgen!"

Milo grinste. "Beruhigend zu wissen, dass du einen Eiszapfen noch von einer Frau unterscheiden kannst!"

"Es erscheint mir nur einfach nicht logisch, dass sie die Auftraggeberin dieser Mordwelle war."

19

Es war ein eiskalter, aber sonniger Morgen. Der Mond stand immer noch als weiße Sichel am klaren Himmel, während sich sich die Journalisten und Kameraleute vor den Stufen des Gerichtsgebäudes die Füße platt traten. Nervös verlagerten sie das Gewicht von einem Bein auf das andere und warteten auf den großen Augenblick.

Den Augenblick, an dem sie den Photoshoot des Tages oder vielleicht sogar ein Mini-Interview machen konnten.

Und dann war es soweit.

Inmitten einer riesigen Menschenmenge, stolzierte Marvin Kingsroad die Stufen des Portals hinab.

Als freier Mann. Ganz offensichtlich.

So, wie es alle erwartet und viele befürchtet hatten. Ein Mann, der jahrelang als Drogendealer gegolten hatte und dem mehrere Auftragsmorde an Konkurrenten zur Last gelegt worden war. Natürlich auch Steuerhinterziehung, Bestechung von Beamten verschiedener städtischer Behörden inklusive des New York Police Departments und so weiter und so fort. Die Anklageschrift hatte einen größeren Umfang gehabt als so manche Gemeindebibliothek.

Aber nach und nach war alles in sich zusammengefallen. Ein unerfahrener Staatsanwalt hatte ein übriges dazu getan.

Zeugen hatten plötzlich kalte Füße gekriegt oder waren von Kingsroads hungriger Anwaltsmeute als völlig unglaubwürdig hingestellt worden.

Jetzt war der Freispruch also perfekt.

Er war einfach nicht zu verhindern gewesen und es gab viele in New York, die das zutiefst bedauerten. Niemand zweifelte daran, dass Kingsroad nichts anderes tun würde, als mit seinen üblen Geschäften fortzufahren. Und es gab nichts, was das Gesetz im Moment dagegen tun konnte.

Zwar war es kein Freispruch erster Klasse, sondern nur einer aus Mangel an Beweisen, aber Kingsroad war das egal.

Der gebürtige Jamaikaner stand wie ein antiker Triumphator auf den Stufen des Portals und grinste mit seinen makellosen Zähnen in die Kameras. Den Cashmere-Mantel trug er offen.

Darunter wurde das Armani-Jackett sichtbar. Am Handgelenk glitzerte die goldene Rolex.

Ein dicker Schopf aus Rasta-Locken fiel ihm bis auf die breiten Schultern. Dort wurde er durch ein Seidenband zusammengehalten.

Rechts und links gingen seine baumlangen Gorillas. Das Heer seiner Anwälte folgte ihm auf den Fuß.

An Kingsroads Arm hing eine Mulattin mit rotgefärbten Haaren und kurvenreicher Figur. Das Strickleid, das sie trug, war sicher eine Nummer zu klein, stand ihr aber genau deswegen besonders gut. Bei dem Pelz, den sie trug, handelte es sich um echten Hermelin. Das entsprach zwar nicht ganz der Welle der sogenannten politischen Korrektheit, die das liberale New York genauso heimsuchte wie den Rest der Staaten, aber das kümmerte weder die kurvenreiche Rothaarige noch den Mann, der ihr diesen Pelz finanziert hatte.

Marvin Kingsroad.

Er zeigte der Journaille sein Tigerlächeln.

Seine Gorillas schubsten einige der Reporter ein Stück zur Seite.

"Mr. Kingsroad gibt keine Kommentare!", brüllte einer von ihnen zwischen seinen Zähnen hindurch. Aber das wollte keiner der Wartenden glauben.

Als Kingsroad den Fuß der Treppe erreicht hatte, drehte er sich zum Schrecken seiner Sicherheitsleute nochmal um. Er hob die Hand, aber es wurde nicht ruhiger.

Er wartete gelassen.

"Mr. Kingsroad, meinen Sie, dass mit diesem Urteil der Gerechtigkeit Genüge getan wurde?", erkundigte sich eine Reporterin mit einem Gesicht, das ein bisschen zu angestrengt wirkte, um noch richtig hübsch sein zu können.

"Seit heute glaube ich wieder an den Rechtstaat, Ma'am!", erklärte er.

Seine Stimme war scharf und ätzend.

Sein Tonfall war zynisch.

Irgendwo unter den Dutzenden von Menschen, die sich um Marvin Kingsroad drängten befand sich ein untersetzter Mann mit dunklen Haaren.

"Abschaum", flüsterte er vor sich hin und seine Lippen bebten vor Wut und Hass. "Dieser Mann ist Abschaum, nichts als eine Ratte, die man zerquetschen sollte..."

In seinen Augen flackerte es.

Der Griff seiner Hand ging in die tiefe Tasche seines weiten Mantels.

Er fühlte etwas Kaltes, Metallenes.

Eine Pistole!

Jetzt noch nicht!, sagte er sich. Es kommt eine günstigere Gelegenheit...

20

"Sie sind leichtsinnig, Boss!", meinte einer der Leibwächter, nachdem Kingsroad sich mit der rothaarigen Schönen auf der breiten Rückbank seines Rolls Royce niedergelassen hatte.

"Denken Sie an den armen Pitaschwili!"

Kingsroad lachte schallend.

"Der arme Pitaschwili war ein Narr, Cal! Merken Sie sich das."

Cal zuckte die Schultern und überprüfte den Sitz seines Revolvers. Aus einem Fach, das sich unter seiner Sitzbank befand, holte er dann eine kurzläufige Maschinenpistole heraus und lud die Waffe durch.

Jetzt meldete sich die Rotgefärbte zu Wort.

"Cal hat recht, Marvin! Das eben war leichtsinnig!"

"Baby, davon verstehst du nichts!"

"Ach!"

"Niemand würde so dreist sein, mich auf den Stufen des Gerichtsgebäudes abzuknallen - vor den Augen der Kameras!"

Sie zog einen Schmollmund.

Den musste sie oft geübt haben. Sie machte das perfekt.

Und dann sagte sie schneidend: "Es hätte auch niemand geglaubt, dass jemand so dreist sein könnte, Big Vlad Shokolev über den Jordan zu schicken!"

Er sah sie an.

Da war leider etwas dran, obwohl der Mann mit der Rasta-Mähne ihr ungern recht gab.

Ein Schatten fiel über über sein triumphierendes, siegessicheres Gesicht.

Dann blickte er seitwärts.

Er sah eine gute Bekannte auf den Rolls zugehen. Jelena Shokolev in Begleitung ihrer Leibwächter. Kingsroad hatte sie bereits im Gerichtssaal bemerkt.

"Nanu!", meinte er. "Die Lady scheint was von mir zu wollen!"

Summend ließ er das Fenster heruntergleiten.

Die Shokolev neigte sich hinunter. Ein verheißungsvolles Lächeln stand in ihrem hübschen Gesicht. Ihre Augen blitzten herausfordernd.

"Ich möchte Ihnen gratulieren, Marvin!"

"Danke, danke!"

"Ich habe Sie immer bewundert!"

"Ach, ja?"

"Sie sind einer der Größten Ihrer Branche."

Er lachte rau. "Zumindest hier im Big Apple!"

"Wir müssen uns unbedingt treffen, Marvin! Schließlich müssen wir besprechen, auf welche Weise die Geschäfte weiterlaufen sollen... Jetzt, nach Pitaschwilis Hinscheiden!"

"Okay", nickte Kingsroad. "Ein Treffen wäre nicht schlecht..."

"Ich habe einen Tisch im Antonio's reserviert. Ein Gourmet-Tempel in Little Italy..."

"Warum nicht?"

Sie warf ihm eine Kusshand zu und wirkte dabei wie eine billige Bordsteinschwalbe. Kingsroad schien das nicht zu stören. Im Gegenteil. Sein Gesichtsausdruck hatte in dieser Sekunde beinahe etwas Weiches.

"Heute Abend um acht?", säuselte sie.

"In Ordnung!"

21

"Die Witwe wird rund um die Uhr beschattet", erklärte Mr. McKee, während er an seinem Kaffeebecher nippte. "Sie kann ihre Festung in Paterson nicht verlassen, ohne dass sich einer unserer Leute an ihre Fersen heftet und sie auf Schritt und Tritt verfolgt. Selbst wenn uns das in diesem Fall nicht weiterbringen sollte, bringt es doch nebenbei eine Reihe interessanter Erkenntnisse..."

Ich nickte. Milo und ich hatten unserem Chef einen kleinen Bericht über den gegenwärtigen Stand der Ermittlungen geliefert.

"Mit Marvin Kingsroad hätten wir uns auch ganz gerne unterhalten", ergänzte Milo meine Ausführungen. "Aber der ist ja heute morgen wieder auf freien Fuß gekommen. Außerdem lässt sich das ja nachholen..."

Allerdings war fraglich, in wie weit das etwas bringen würde.

Mr. McKee sagte dann: "Ich habe übrigens schlechte Nachrichten von der SRD."

"Geht es um das Kaliber der Waffe, mit dem Pitaschwili erschossen wurde?", fragte ich.

"Die Kollegen vom Erkennungsdienst haben jede Menge Geschosse einsammeln müssen und einige stammten tatsächlich aus jener Waffe, mit der auch Shokolev umgekommen ist."

"Und die, die in Pitaschwilis Körper steckte?"

"Die auch." Mr. McKee schlug die Jacke zur Seite und steckte die Hand in die Hosentasche. "Auf einigen der Patronenhülsen waren Fingerabdrücke. Die Kollegen haben sie uns Online übermittelt."

"Dann waren sie also doch nicht solche Vollprofis, wie wir bisher geglaubt haben!", mischte sich Milo ein. Es war schon eine Ironie. Da bemühten diese Kerle sich peinlich genau, keinerlei Spuren zu hinterlassen. Und dann hatten sie ihre Waffen mit bloßen Händen geladen und dabei die Hülsen angefasst. Aber vermutlich waren sie auch nicht darauf eingestellt gewesen, sich mit ein paar G-men eine wilde Schießerei zu liefern.

"Sie sagen das, als ob es ein Problem dabei geben würde, Sir!", sagte ich.

Mr. McKee nickte.

"Die Routineabfrage per Computer war ergebnislos."

"Das bedeutet, dass die Männer, die wir suchen, bislang noch nie kriminell in Erscheinung getreten sind", stellte ich fest. Keine Verhaftung, kein Gerichtsverfahren...

"Klingt äußerst unwahrscheinlich, nicht wahr, Jesse?", erriet Mr. McKee meine Gedanken.

Ich nickte.

"Kann mal wohl sagen."

Die meisten fingen schließlich irgendwo klein an. Und wenn die Kerle, die sich mit uns eine Schießerei geliefert hatten, irgendwann einmal wegen eines kleineren Deliktes inhaftiert worden waren, wären Fingerabdrücke von ihnen genommen worden.

Eine halbe Stunde später saßen Milo und ich in unserem gemeinsamen Büro. Der Kaffee, den ich trank, kam nur aus dem Automaten und war mit Mandys Gebräu nicht zu vergleichen. Ich saß da und stierte auf den Computerbildschirm auf meinem Schreibtisch.

Ich ließ mir die Fingerabdrücke zeigen, die auf den Patronenhülsen gefunden worden waren. Täglich werden in den USA ungefähr 30.000 Fingerabdrücke der zentralen Kartei des FBI-Hauptquartiers in Washington angefügt. Insgesamt sind dort inzwischen Fingerabdrücke von mehr als 250 Millionen Menschen gespeichert. Die Hälfte davon stammt von Kriminellen, die erkennungsdienstlich behandelt wurden. Die andere Hälfte von registrierten Beamten und Angehörigen der US-Bundesbehörden sowie der Streitkräfte. Dazu kamen noch Leute, die sich dort um einen Arbeitsplatz beworben hatten, aber abgelehnt worden waren. Außerdem gab es noch Prints aller Einwanderer. Das Computerprogramm zum automatischen lesen der Abdrücke trug die Bezeichnung AIDS, was in diesem Fall die Abkürzung für Automated Identification Division System war. Es war kinderleicht. Man gab eine passende Rubrik an, zum Beispiel " Criminal", und dann suchte AIDS online und innerhalb von Sekunden nach demjenigen, zu dem die Abdrücke gehörten... Ich startete sicherheitshalber erneut eine Abfrage. Milo bedachte mich mit einem stirnrunzelnden Blick.

"Traust du den Kollegen nicht?", grinste er.

In der Rubrik Criminal - Krimineller - war tatsächlich nichts zu holen. Vermutlich haben die Kollegen nur in dieser Rubrik abgefragt! ging es mir durch den Kopf. Und das ergab auch Sinn! Ich ging per Mausklick in die anderen Rubriken. Es war lediglich ein Griff nach dem Strohhalm. Vielleicht waren die Kerle in der Army gewesen oder...

Im Polizeidienst!

"Sieh an", sagte ich, als die Daten endlich auf dem Schirm erschienen.

Der Mann, von dem die Fingerabdrücke stammten, hieß Chuck Belmont, 37 Jahre alt, hochgewachsen und blond.

Zunächst war er bei den Marines gewesen, danach im Polizeidienst. In Jersey City war er in verschiedenen Abteilungen der Kriminalpolizei gewesen. Einige Jahre in der Drogenfahndung, dann bei den Ermittler der Mordkommission. Er hatte einige Disziplinarverfahren hinter sich und war schließlich im Rang eines Lieutenants aus dem Dienst entlassen worden. In den Disziplinarverfahren ging es immer wieder um Misshandlung von Verdächtigen.

Für ein Gerichtsverfahren hatten die Vorwürfe offenbar nie ausgereicht. Jedenfalls war es nicht dazu gekommen. Daher war er auch nicht in der Rubrik Criminal zu finden gewesen.

Wie auch immer: Belmont war von seinen Vorgesetzten offenbar als untragbar angesehen und entlassen worden.

"Ich frage mich, was der heute treibt", meinte Milo, der über meine Schulter hinweg mitgelesen hatte.

Leider war das Bild, das bei den Daten war, wohl nicht mehr auf dem neuesten Stand. Aber eine gewisse Ähnlichkeit mit den Phantombildern war nicht zu leugnen...

Ich versuchte mich an Einzelheiten im Gesicht des Mannes mit der Spiegelbrille zu erinnern, der Pitaschwili umgelegt hatte.

Ich gab es wieder auf.

Es war zwecklos.

"Wir müssen alles zusammentragen, was wir über den Kerl herauskriegen können!", meinte Milo. "An erster Stelle wären da wohl das Jersey Police Department und das Marine Corps zu nennen!"

Ich nickte.

Das allerwichtigste war jedoch, Belmonts aktuellen Aufenthaltsort herauszufinden. Und das konnte wie die Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen aussehen...

"Ich frage mich, für wen dieser Belmont jetzt arbeitet", murmelte ich zwischen den Zähnen hindurch.

22

Milo und ich machten uns auf den Weg auf die andere Seite des Hudson. Wir nahmen den Holland Tunnel und dann ging es nach Süden. Es war ein Katzensprung bis Jersey City, von wo aus man mitunter einen schönen Ausblick auf die Freiheitsstatue und die Skyline von Lower Manhattan mit seiner imposanten Wolkenkratzer-Architektur hatte.

Belmonts Entlassung war zwei Jahre her.

Wir sprachen mit Captain George F. Manzoni, seinem direkten Vorgesetzten. Er empfing uns in seinem Büro. Auf dem Schreibtisch lagen Packungen eines Pizza-Service. Offenbar hatte Captain Manzoni gerade gegessen.

"Er war ein cholerischer Typ", berichtete er uns.

"Unbeherrscht und oft mehr mit dem Gefühl als dem Hirn bei der Sache. So etwas kann nicht gut gehen. Nicht in dem Job, den wir machen..."

"Verstehe", meinte ich.

"Er war ein exzellenter Schütze. Das hatte man ihm bei den Marines wirklich gebracht. Egal mit welcher Waffe.. Auf dem Schießstand hatte er immer die besten Ergebnisse des ganzen Departments. Aber ansonsten war er eben jemand, auf den man sich nicht verlassen kann."

"Wo kann man ihn finden?"

Manzoni zuckte die Achseln.

"Keine Ahnung. Seine letzte Adresse kann ich Ihnen geben, aber dort wohnt er nicht mehr. Er ist einfach verschwunden."

"Halten Sie es für möglich, dass er in kriminelle Kreise abgerutscht ist?"

"Nach dem, was Sie mir berichtet haben, muß ich das ja annehmen, Agent Trevellian. Allerdings..."

Er zögerte.

Dann kratzte er sich nachdenklich am Kinn.

"Was?", hakte ich nach.

"Ich kannte ihn seit der Zeit, als er hier im Department angefangen hat. Als er noch in der Drogenabteilung war etwas flüchtiger, später ziemlich gut..." Er schüttelte energisch den Kopf. "Das, was Sie mir erzählen, passt nicht zu ihm. Er war nicht kaltblütig genug dafür. Außerdem hatte er immer ein sehr ausgeprägtes Empfinden für Gerechtigkeit. Wenn er meinte, dass irgendwo jemand ungerecht behandelt wurde, konnte er fuchsteufelswild werden..." Manzoni zuckte die breiten Schultern und setzte dann noch hinzu: "Offenbar kannte ich ihn nicht gut genug..."

Wir verabschiedeten uns von Captain Manzoni.

Chuck Belmont hatte in einem anonymen Apartmenthaus gewohnt. Die Wohnung war längst weitervermietet. Immerhin wusste einer seiner Nachbarn über ihn zu berichten, dass er es nach seiner Zeit bei der Polizei als Nachtwächter versucht habe.

Eines Tages hatte er dann einfach seine Zelte abgebrochen.

Immerhin bekamen wir heraus, dass er eine Tante in Yonkers hatte, von der ab und zu Post gekommen war. Andere Angehörige schien es nicht zu geben.

In Yonkers mussten wir dann feststellen, dass die besagte Tante vor einem halben Jahr verstorben war. Eine tragische Geschichte, die wir durch Recherchen bei Freunden und Nachbarn erfuhren. Die Tante starb durch einen Verkehrsunfall. Ein jugendlicher Drogendealer hatte einen Porsche geknackt und war damit vor der Polizei auf der Flucht. Mit geradezu halsbrecherischer Fahrweise war er durch ein Wohngebiet gebrettert. Chuck Belmont war bei der Beerdigung gewesen, wie uns eine Freundin der Toten berichtete.

Es dämmerte bereits, als wir zurück in Manhattan waren.

Und dann erreichte uns der Funkspruch aus der Zentrale...

Eine Nachricht, die mich sofort das Blaulicht auf das Dach des Sportwagens aufsetzen und Gas geben ließ.

Richtung Little Italy.

Dort, wo die Mott Street auf die Grand Street traf, war im Augenblick der Teufel los...

23

Das Antonio's an der Ecke Grand/Mott Street gab erst ein halbes Jahr, aber es war schon in aller Munde als eines der besten italienischen Restaurants des Big Apple. Eine Nobel-Adresse, wo die Gutbetuchten ein und ausgingen. Oder auch die, die zeigen wollten, dass sie dazugehörten. Es war eine In-Adresse.

Jelena Shokolev und Marvin Kingsroad saßen sich an einem zierlichen, runden Tisch gegenüber und stießen ihre Weingläser aneinander.

An den Tischen rechts und links saßen die Bodyguards beider Seiten. Unter den Jacketts beulten sich die Schulterholster. Wachsam ließen sie die Blicke schweifen.

Draußen vor der Tür waren ebenfalls Männer postiert, die die Gegend beobachteten.

Die Ereignisse der letzten Zeit hatten beide Parteien sehr nervös gemacht.

Außer Jelena, Kingsroad und ihrem jeweiligen Gefolge gab es an diesem Abend keine Gäste im Antonio's. Jelena hatte für dieses Treffen kurzerhand das Lokal gemietet. Die Summe, die sie dem Inhaber angeboten hatte, war so phantastisch, dass er nicht hatte nein sagen können.

Er hätte es vielleicht auch sonst nicht getan.

Schließlich wusste er nur zu gut, dass es Leute gab, mit denen man sich besser nicht anlegte...

"Ich bin froh, dass wir in dieser gemütlichen Atmosphäre einige Dinge besprechen konnten, die für unser beider Zukunft von entscheidender Bedeutung sein könnten!", säuselte die schöne Jelena. Das Kleid, das sie an diesem Abend trug war nur ein Hauch. Aber das war Kalkül.

Kingsroad lächelte breit.

"Ich bin beeindruckt", meinte er mit Blick auf ihren tiefen Ausschnitt. "Sie sind jemand mit Mut und das imponiert mir!"

"Was Sie nicht sagen!"

"Was mich persönlich interessieren würde: Geht Big Vlads Tod auf Ihr Konto? Jetzt könnten Sie es mir doch sagen..."

Ihr Lächeln war eiskalt.

"Solange Sie mir so etwas zutrauen, werden Sie mich respektieren, Marvin! Ich werde daher den Teufel tun und irgendetwas dazu sagen!"

Die Maskierten tauchten urplötzlich aus einer der Seitentüren auf, die zum Küchentrakt und den Privaträumen des Besitzers führten. Dunkle Strickhauben mit Augenlöchern verdeckten ihre Gesichter.

Sie waren zu zweit.

Und sie hatten kurzläufige MPis bei sich.

Die Killer waren sehr schnell.

Mündungsfeuer blitzten auf.

Das Rattern der Maschinenpistolen überdeckte die mit dezenter Lautstärke gespielten italienischen Schlager, die im Hintergrund liefen.

Eine hämmernde Melodie des Todes.

Noch ehe der erste der Bodyguards seine Waffe herausgerissen hatte, ging bereits ein Ruck durch dessen Körper. Blut quoll aus einer Wunde in der Herzgegend, und das Hemd war innerhalb von Sekunden tiefrot.

Marvin Kingsroad drehte sich mit fassungslosem Gesicht halb herum.

Nicht einmal ein Schrei gelangte noch über die Lippen des Rastamans. Die Einschüsse durchlöcherten seinen Brustkorb und seine Stirn. Er rutschte nach hinten und riss den Stuhl mit sich. Marvin Kingsroad knallte auf den Boden und blieb in seltsam verrenkter Stellung liegen. Sein Bodyguard zur Linken hatte gerade seine Automatik in Anschlag gebracht, als der Kugelhagel ihn zusammenzucken ließ. Die Kugeln zerfetzten den edlen Zwirn seines Maßanzugs. Das blütenweiße Hemd wurde rot und er krachte gegen den Tisch.

Jelena Shokolev lag zu diesem Zeitpunkt bereits reglos auf dem Boden. Eine Blutlache bildete sich neben ihrem Kopf und wurde immer größer und größer.

Die beiden Killer wichen zurück in Richtung der Küchentür. Antonio Carelli, der Besitzer des Lokals stand mit schreckgeweiteten Augen und völlig reglos in einer Nische. Dort befand sich die Garderobe. Der Italiener wagte es in in diesem Moment nicht einmal, heftig zu Atmen.

Die Killer schossen noch immer wie von Sinnen.

Das Holz der Tische splitterte.

Stühlen wurden die Lehnen förmlich durch den Kugelhagel abrasiert.

Die beiden überlebenden Leibwächter hatten sich zu Boden geworfen und gaben jetzt Feuerstöße ab. Aber ihre Automatiks hatten der rohen Feuerkraft der Maschinenpistolen kaum etwas entgegenzusetzen.

Einer der Leibwächter schrie auf, als eine Kugel ihn an der Schulter erwischte.

Der Bodyguard fluchte lauthals.

Es war einer von Kingsroads Männern.

Der andere rollte sich am Boden herum und verschanzte sich hinter einem umgestürzten Tisch. Er tauchte kurz dahinter hervor und ballerte zweimal in Richtung der Küchentür.

Die Kugeln schlugen dicht neben dem Kopf von einem der Maskierten ein. Dann liefen die beiden Killer den langen Flur in Richtung Küchentrakt. Niemand stellte sich ihnen in den Weg. Es wäre Selbstmord gewesen.

In der Küche brutzelte es.

Herzhafte Gerüche erfüllten die Luft.

Dann erreichten sie den offenstehenden Hinterausgang, durch den sie auch hereingekommen waren.

Sie gelangten in einen Hinterhof, von dem aus ein schmaler Gang wieder zurück zur Hauptstraße führte.

Doch dorthin würden sie nicht gehen.

Sie mussten über die Mauer, die den Hinterhof begrenzte. Dahinter befand sich eine schmale Seitenstraße, in der ihr Wagen wartete. Die Strickleiter, mit der sie die Mauer vor wenigen Minuten in die andere Richtung überwunden hatten, hing noch da.

Die beiden Killer verloren keine Sekunde.

Der Größere der beiden setzte bereits seinen Fuß hinein und kletterte die Mauer empor. Die MPi hing ihm an einem Riemen um die Schulter, so dass er die Hände frei hatte.

Er war schon oben auf der Mauer, als plötzlich Schritte zu hören waren.

Jemand lief den schmalen Gang entlang, der den Hinterhof mit der Hauptstraße verband.

"Halt stehenbleiben!", rief eine heisere Männerstimme.

"FBI! Werfen Sie die Waffe weg!"

Zwei Männer näherten sich mit der Waffe im beidhändigen Anschlag.

Die kurzen Läufe zeigten in Richtung der flüchtenden Killer.

Einen ganz kurzen Augenblick lang hing alles in der Schwebe.

Die beiden Killer erstarrten für den Bruchteil einer Sekunde mitten in der Bewegung. Der Kleinere der beiden, dessen Körperbau leicht untersetzt war, befand sich noch mit beiden Beinen auf dem Boden. Seine Muskeln und Sehnen waren angespannt. Man sah ihm förmlich an, mit welchem Gedanken er spielte: Die MPi herumzureißen und loszuballern.

Irgendetwas ließ ihn aber zögern.

Statt dessen handelte der andere, der oben auf der Mauer saß. Er riss die MPi herum und feuerte.

Und einen Sekundenbruchteil später drückte auch der zweite Killer seine Waffe ab.

Einer der G-men sackte mit einem Schrei in sich zusammen, während der Zweite hinter eine Mülltonne in Deckung hechtete.

Dreimal kurz hintereinander drückte er dabei seine Waffe ab, während das breitgestreute und etwas ungenaue Feuer seiner Gegner bedrohlich dicht neben ihm einschlug. Löcher wurden in die Blechtonne gestanzt.

Und dann schoss der G-man noch einmal zurück.

Die Kugel traf den Kleineren der beiden Killer am Oberkörper. Der Kerl wurde zurückgerissen und rutschte an der Wand hinunter zu Boden. Die MPi sackte zu Boden.

Und der Mann, der sich oben auf der Mauer befunden hatte, war weg.

Auf und davon.

24

Als wir an der Ecke Grand Street und Mott Street in Little Italy anlangten, hatten wir eine Blaulicht-Reise durch halb Manhattan hinter uns. Den Broadway hatten wir am Union Square verlassen und waren dann die Fourth Avenue hinuntergebrettert, deren Verlängerung die Bowery ist. Als wir dann in die Grand Street einbogen, fielen uns schon nach kurzer Zeit die zahlreichen Blaulichter in der Dämmerung auf.

Zahlreiche Einsatzfahrzeuge der City Police standen überall herum. Ein Krankenwagen war auch zu sehen. Dazu kamen noch einige Zivilfahrzeuge, die nicht gleich als Dienstwagen von FBI, NYPD oder dem zentralen Erkennungsdienst der Scientific Research Division erkennbar waren.

Und natürlich jede Menge Schaulustige, die von den uniformierten Police Officers in Schach gehalten mussten.

Wir parkten den Sportwagen etwas abseits und näherten uns mit gezückten Ausweisen dem Antonio's.

Im Groben waren wir über Funk bereits unterrichtet worden.

Was wir da hatten hören müssen, war mehr als beunruhigend...

Jelena und Kingsroad - beide tot.

Aber dazu hatte es auch einen jungen G-man erwischt, der zusammen mit seinem Partner damit beschäftigt gewesen war, Jelena Shokolev zu beschatten. Natürlich hatten die beiden als erste die Ballerei mitbekommen...

Und dann war auch noch einer der Killer ums Leben gekommen.

Die Uniformierten ließen uns passieren. Und einige Augenblicke später befanden wir uns im völlig demolierten Antonio's. Eine regelrechte Schlacht hatte hier getobt.

"Hallo, Jesse!", sagte eine gedämpfte Stimme. Sie gehörte Clive Caravaggio. Medina sah ich auch. Er stand etwas abseits und unterhielt sich gerade mit jemandem, der aussah, als könnte er der Wirt sein.

"Die beiden Kerle kamen durch die Küche...", berichtete der Mann.

Orry hatte viel Geduld mit ihm.

Der Kerl war völlig durcheinander. Er stammelte in einer Mischung aus Italienisch und Englisch daher. Nicht alles ergab dabei auf Anhieb einen Sinn.

Ein Team der Spurensicherung tummelte sich außerdem im Restaurant.

Clive trat auf mich zu.

"Das war der bislang größte Coup dieser Wahnsinnigen", meinte er. "Gleich zwei auf einen Streich..."

Ich blickte zu Jelenas totem Körper hinüber.

"Die Shokolev-Witwe scheidet jezt wohl endgültig aus der Reihe der Verdächtigen aus, was?"

"Ja." Er atmete tief durch. "Um Agent Cross tut es mir leid. Er kam frisch von der FBI-Akademie in Quantico..." Ich sah, wie sich Clives Hände unwillkürlich zu Fäusten ballten.

Auch in mir stieg Wut auf.

Wir G-men machen einen gefährlichen Job und leider kommt es immer wieder vor, dass einer von uns im Kampf gegen das Verbrechen sein Leben lässt. Aber gewöhnen kann ich mich an diese Tatsache nicht.

"Wo ist der Killer, den es erwischt hat?", fragte Milo indessen.

Clive machte eine Bewegung mit der Hand.

"Draußen im Hinterhof."

"Weiß man schon etwas über ihn?", hakte Milo dann nach.

Clive Caravaggio nickte.

Er hob die Augenbrauen und stemmte die Hände in die Hüften. "Ihr werdet es nicht glauben. Das ist der Hammer..."

Ich sah ihn stirnrunzelnd an.

"Was?"

"Der Killer war ein Cop. Vielleicht kennst du ihn. Captain Dobbs, Leiter der Mordkommission des 18.Reviers."

"Und ob ich den kenne!", zischte ich zwischen den Zähnen hindurch.

Ich dachte an Chuck Belmont.

Ein Cop und ein Ex-Cop.

Irgendwie passte das zusammen. Und zwar auf eine Weise, die mir überhaupt nicht gefiel.

25

In der City Police gab es insgesamt 283 Beamten im Rang eines Captains, darunter die Leiter der 75 Polizeireviere und die Chefs der Spezialabteilungen für bestimmte Verbrechen, die es auf jedem Revier gab. Mordkommissionen zum Beispiel.

Und einer dieser Captains war heute in einem Feuergefecht mit FBI-Agenten erschossen worden.

Billy Dobbs, ein Mann, der in der Stadt als Muster-Cop gegolten hatte.

Ausgerechnet er.

Ich erinnerte mich an unsere Begegnung in Shokolevs Penthouse. In seiner Position war es nicht schwer, eventuelle Spuren doch noch zu verwischen. Deswegen hatte ihm unser schnelles Auftauchen nicht gepasst.

Milo und ich fuhren noch am Abend auf das 18. Revier und saßen dort Captain Eric Fernandez gegenüber, einem dunkelhaarigen Mann mit braunen, sehr ernst dreinblickenden Augen und einem etwas zu buschigen Schnurrbart. Er hatte sich seine Krawatte gelockert und bot uns Automatenkaffee in Pappbechern an. Seinen Zügen war deutlich anzusehen, wie sehr ihn die Nachricht von Dobbs' Tod mitnahm.

"Gibt es Angehörige?", fragte ich.

Captain Fernandez nickte. "Billy lebte mit seiner Schwester zusammen in einer Eigentumswohnung draußen in Queens. Die hatte er von seinen Eltern geerbt."

"Er hatte keine eigene Famile?"

"Der?" Fernandez schüttelte den Kopf. "Der hat nur für den Job gelebt. Wissen Sie, als er hier im Achtzehnten anfing, dachte ich erst, er wäre nur karrieregeil. Aber das war es nicht..." Der Revierleiter nippte an seinem Kaffee, der so dünn war, dass er kaum den Namen verdiente.

"Was war es dann?", fragte ich.

"Hunger nach Gerechtigkeit. So würde ich das nennen. Er hatte der Aufgabe, das Verbrechen zu bekämpfen sein Leben gewidmet. Und darüber hinaus war für kaum etwas Platz. Er war wirklich ein Vorzeigecop, wie es nur ganz wenige gibt. Er fiel die Karriereleiter so steil nach oben, dass manche schon gemunkelt haben, es könnte dabei nicht mit rechten Dingen zugehen."

"Und? Ging es mit rechten Dingen zu?"

"Er war einfach nur gut und die, die etwas anderes behaupteten nur neidisch."

"Wie groß war das, was Sie Hunger nach Gerechtigkeit genannt haben?", hakte ich nach.

Fernandez sah mich fragend an. "Worauf wollen Sie hinaus, Agent Trevellian?"

"Könnte es sein, dass Dobbs das Gesetz sozusagen in die eigenen Hände nehmen wollte?"

Fernandez blickte mich nicht an. Er ließ sich in seinen Drehsessel sinken, dessen Hydraulik unter ihm in die Knie ging.

Dann sprach er mit gedämpfter Stimme.

"Vor einem Jahr wurde sein damaliger Partner im Dienst von Gangstern erschossen. Die Täter konnte nie ermittelt werden. Seitdem veränderte Billy sich..."

"In wie fern?"

"Er wurde sehr verschlossen. Früher haben ihm Sonderschichten und Wochenenddienste nie etwas ausgemacht.

Jetzt hatte er immer etwas zu tun... Der Job schien nicht mehr sein einziger Lebensinhalt zu sein."

"Ist das an sich nicht positiv?", fragte Milo.

"Sicher. Aber er bekam gleichzeitig recht radikale Ansichten. Die Justiz sei zu lasch, und die Mittel des Gesetzes würden nicht ausreichen, um dem Verbrechen Paroli zu bieten. Bürgerrechte hätten diese Schweinehunde nicht verdient..."

"Das kratzt etwas an seinem Super-Cop-Image", kommentierte Milo Fernandez' Aussage.

Dieser zuckte die Schultern.

"Dienstlich gab es nie etwas an ihm auszusetzen. Wenn Sie übrigens noch Genaueres wissen wollen, dann unterhalten Sie Sie sich am besten mit Lieutenant James Crasco. Die beiden waren eine Weile eng befreundet."

Ich fragte: "Wo finden wir den?"

"Er hatte ein paar Tage frei. Überstunden abfeiern. Soweit ich weiß, wollte er nach Vermont. Aber morgen früh sitzt er garantiert wieder an seinem Schreibtisch!"

26

Mit ziemlich gemischten Gefühlen fuhren wir hinaus nach Queens, in die große Schlafstadt New Yorks. Hier lebten die, die nicht reich genug waren, um bewundert zu werden und nicht arm genug, um Mitleid zu erregen. Statt dessen wurden sie die Zielscheibe des allgemeinen Spotts: Die Mittelschicht.

Der Tod von Dobbs und die Fingerabdrücke von Belmont.

Beides zusammen gab dem Fall eine völlig neue Richtung.

"Für mich sieht das sehr nach einem Feme-Mörder-Komplott aus", meinte ich und Milo stimmte mir zu.

"Cops, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen." Er schüttelte mit grimmigem Gesicht den Kopf. "Außer Misserfolg gibt es nichts, was unserem Ruf so sehr schadet!"

"Das ist leider wahr!", erwiderte ich.

"Immerhin scheint die Variante mit dem unbekannten Syndikat jetzt vom Tisch zu sein!"

"Ich weiß nicht, ob ich mich wirklich darüber freuen soll", erwiderte ich. "Im Übrigen scheint der Gegner, mit dem wir es zu tun haben, ebenfalls hervorragend organisiert zu sein..."

Dobbs und Belmont hatten nicht allein und auf eigene Faust gehandelt. Das war uns beiden klar. Es gab zumindest noch einen dritten Mann...

Und die Tatsache, dass sie so außerordentlich gut informiert gewesen waren, sprach eher dafür, dass die Killer, mit denen wir es bislang zu tun gehabt hatten, nur die Spitze eines Eisbergs darstellten.

Die Eigentumswohnung, die Dobbs zusammen mit seiner Schwester bewohnte, lag im fünften Stock eines ziemlich anonymen Appartmenthauses, das sicher schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte.

Wir klingelten an der Haustür. Aber wir brauchten nicht zuu warten, bis uns jemand öffnete. Eine junge Frau kam uns entgegen, als sie gerade das Apartmenthaus verließ. Sie sah uns etwas erstaunt an und Milo hielt ihr den Ausweis hin.

"Das geht schon in Ordnung, Ma'am", sagte er dazu.

Die junge Frau nickte.

Wir hatten für alle Fälle Dobbs Schlüsselbund bei uns, den wir am Tatort in Little Italy an uns genommen hatten.

Allerdings hoffte ich, dass wir Dobbs' Schwester Catherine in der Wohnung antreffen würden. Vielleicht konnte sie uns mit ihrer Aussage weiterhelfen.

Wir nahmen den Aufzug.

Dann ging es einen langen, recht kahlen Flur entlang.

Als wir dann vor Dobbs' Wohnungstür standen, stockten wir mitten in der Bewegung.

Die Tür stand einen winzigen Spalt breit offen.

"Miss Dobbs?", fragte ich laut. "Miss Catherine Dobbs? Hier ist das FBI!"

Keine Antwort.

Mein Instinkt warnte mich.

Und dann hörten wir ein Geräusch. Schnelle, hektische Schritte. Dann herrschte Stille.

"Miss Dobbs!", rief ich noch einmal. "Hier spricht das FBI!"

Lautlos zogen wir unsere Waffen aus den Gürtelholstern.

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Milo.

Dieser nickte dann.

Im nächsten Moment holte ich zu einem gewaltigen Fußtritt aus, der die Tür zur Gänze aufspringen ließ.

Mit der Waffe im Anschlag stürmte ich vorwärts, während Milo mich von hinten sicherte. Innerhalb von Sekundenbruchteilen glitt mein Blick durch einen Raum, der die Form eines Halbrunds hatte. Ich sah eine Garderobe, an der ein Mantel hing. Eine etwas hausbacken wirkende Kommode mit einem ultramodernen Telefon darauf. Daneben das New Yorker Telefonbuch, das wie ein riesiger Backstein aussah.

Niemand war zu sehen.

Von diesem halbrunden Empfangraum aus, führten Türen in die anderen Räume der Wohnung.

Die Tür ganz links stand halb offen.

Licht brannte dort.

Ein schabendes Geräusch drang an mein Ohr, wie von einem über den Boden schlurfenden Schuh.

"Hier ist das FBI! Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!"

rief ich und bekam eine postwendende Antwort in Form eines Geschosses. Es krachte durch die halb geöffnete Tür hindurch und pfiff dicht an meiner Seite vorbei. Irgendwo hinter mir blieb es in der Wand stecken und ließ die Tapete von der Wand herunterblättern.

Mit einem Sprung war ich neben der Tür ganz links und presste mich gegen die Wand. Die nächste Bleiladung krachte derweil durch das dünne Holz der Tür hindurch und riss ein weiteres, beinahe handgroßes Loch hinein.

Dann hörte ich Schritte.

Ich stieß die Tür mit einem Tritt auf.

In dem Raum dahinter herrschte ein einziges Chaos. Es war eine Art Wohnzimmer. Schubladen waren aus den Schränken gerissen und auf den Fußboden entleert worden. In einer Ecke stand ein Schreibtisch, dessen verschließbare Fächer aufgebrochen worden waren. Einer der klobige Sessel war umgestürzt.

Ein kühler Luftzug kam durch das offene Fenster herein.

Niemand schien im Raum zu sein.

Ich durchquerte das Chaos. Aus den Augenwinkel sah ich, dass Milo jetzt an der Tür war.

Ein paar Schritte und ich hatte das Fenster erreicht. Ich blickte hinab. Feuertreppen führten hinunter. Und irgendwie erwartete ich, ein paar hektische, metallisch scheppernde Schritte auf den aus Rosten gefertigten Stufen zu hören.

Aber da war nichts. Ich lauschte in die Nacht. Ein Gemisch aus Straßenlärm und einigen anderen, undefinierbaren Geräuschen drang an mein Ohr. Aber nicht das, was ich erwartete.

Mein Blick ging forschend über den Hinterhof. Dort herrschte schlechte Sicht. Es war ziemlich dunkel. Und in den großen, dunklen Schatten konnte der Kerl, den wir hier auf frischer Tat erwischt hatten, sich sehr wohl verbergen.

Aber ich glaubte nicht daran.

Mein Instinkt sagte mir, dass er so weit noch nicht geflohen sein konnte. Es war unmöglich.

Ich wandte mich kurz zu Milo herum und sagte leise: "Er muss noch auf der Feuertreppe sein. Ich bin mir sicher..."

"Wenn wir ihn kriegen, kann das der Schlüssel zur Lösung dieses Falles sein..."

"Ich weiß. Versuch, mir Feuerschutz zu geben, okay?"

"Okay, Jesse!"

27

Vorsichtig brachte ich eine Stufe nach der anderen hinter mich. Die Feuertreppe führte im Zickzack in die Tiefe. Ich hatte die Waffe im Anschlag und beobachtete aufmerksam den großen dunklen Fleck, der über den unteren beiden Absätzen zu hängen schien. Dort konnte mein Kerl in aller Geduld auf mich warten.

Warten auf den günstigsten Zeitpunkt, um den G-man, der ihm auf den Fersen war, ins Jenseits zu schicken.

Stufe um Stufe brachte ich hinter mich und hatte dabei das untrügliche Gefühl, eine Zielscheibe zu sein. Ich versuchte, keinen Laut zu verursachen. Aber das war schwierig. Die Stahlschrauben, mit denen die Stufen befestigt waren, saßen nicht mehr fest genug. Die Stufen waren locker und wenn man nicht aufpasste, gab es ein schepperndes Geräusch.

Den ersten Absatz hatte ich schließlich erreicht.

Und eine lange Minute später auch den zweiten.

Ich sah kurz hinauf zu Milo.

In der nächste Sekunde blitzte etwas in der Dunkelheit auf.

Ein Schuss pfiff dicht an mir vorbei und berührte den Handlauf der Feuertreppe. Funken sprühten. Auch der zweite Schuss kratzte am rostigen Metall.

Ich riss die Waffe herum und schoss dorthin, wo ich das Mündungsfeuer hatte aufblitzen sehen. Es war ein Schuss aufs Geratewohl.

Milo schoss auch, obwohl er von seiner Position aus sicher noch geringere Chancen hatte, den Kerl zu treffen, als ich.

Eine Gestalt lief dann quer über den Hinterhof. Nur für einen Sekundenbruchteil sah ich den Kerl im Licht, das aus einer Fensterfront drang. Er ballerte in meine Richtung.

Immer wieder drückte er seine Waffe und deckte mich regelrecht mit Geschossen ein. Allerdings waren seine Schüsse glücklicherweise nicht sehr präzise.

Ich kauerte in geduckter Haltung da und starrte ihn an. Der Kragen seiner Jacke war hochgeschlagen. Nur die Augen waren zu sehen. Sein Haar wurde von einer Mütze bedeckt. Eine brauchbare Beschreibung würde ich von ihm nicht liefern können.

Noch einmal drückte er ab.

Dann machte es klick.

Er hatte seine Waffe leergeschossen. Ich tauchte aus meiner unvollkommenen Deckung hervor und richtete die Waffe in seine Richtung.

"Stehenbleiben!", rief ich.

Er rannte in die Dunkelheit.

Eine Warnschuss feuerte ich ihm dicht hinter die Füße, doch dann war er in der Dunkelheit verschwunden.

Ich stolperte die Feuertreppe hinunter. Zwei, drei Stufen nahm ich mit einem Sprung. Ich wusste, dass ich schnell sein musste. Sonst war der Kerl entweder endgültig über alle Berge oder hatte zumindest seine Waffe nachgeladen.

Milo folgte mir.

Ich hörte seine Schritte auf den Blechstufen.

Endlich war ich unten, auf dem Asphalt des Hinterhofs angelangt. In einer Entfernung von vielleicht zwanzig Metern stand eine Gruppe von Müllcontainern. Dort sah ich eine Bewegung. Instinktiv ließ ich mich seitwärts fallen. Ein Schuss bellte auf. Ich rollte mich am Boden herum und feuerte mit meiner Waffe zurück.

Einmal noch ballerte unser Gegner in meine Richtung.

Der Schuss ging ins Nichts.

Dann herrschte Ruhe bei den Containern.

Vielleicht eine trügerische Ruhe. Ich rappelte mich auf und näherte mich in geduckter Haltung den Containern. Es war niemand mehr dort.

Eine Ausfahrt führte zur nächsten Straße, die ziemlich stark befahren war. Autos rasten in einem steten Rhythmus an der Ausfahrt vorbei. Selbst um diese Zeit noch.

Ich bewegte mich vorwärts, die Waffe immer noch im Anschlag.

Als ich die Straße erreichte, wusste ich, dass wir verloren hatten. Der Kerl war uns entwischt. Ich blickte den Bürgersteig in beide Richtungen entlang. Nirgends war jemand zu sehen.

Hinter mir vernahm ich Schritte. Es war Milo, der sich ebenfalls mit der Waffe in der Hand näherte. Ich drehte mich halb herum und schüttelte den Kopf.

"Der ist weg!", meinte ich.

Milo nickte düster. "Ein gewöhnlicher Einbrecher war das ja wohl nicht, Jesse!"

Ich steckte meinen Revolver weg.

"Da hat jemand ganz schön kalte Füße bekommen!"

"Du sagst es."

"Ich hoffe nur, dass der Kerl nicht das gefunden hat, wonach er suchte!"

28

Nicht lange und in Dobbs Wohnung wimmelte es von Polizisten.

Wir hatten ein Team der SRD angefordert, das jetzt alles genau unter die Lupe nahm. Vielleicht gelang es uns, einen Hinweis zu finden. Ich sah mir das Telefonregister an.Viele Namen waren nicht darin eingetragen. Die meisten waren dienstlich. Sein Revier, Nummern von Kollegen. Billy Dobbs schien tatsächlich jemand gewesen zu sein, der kaum private Freundschaften pflegte. Aus welchem Grund auch immer.

Aber eine Eintragung fiel mir auf.

Reverend Paul Mincuso.

Ehrlich gesagt hatte ich nicht erwartet, in Dobbs jemanden zu finden, der besonders gläubig war. Irgendwie schien mir seine gesamte Lebenseinstellung zu pessimistisch.

Als ich Milo darauf ansprach, meinte dieser: "Den Reverend sollen wir unbedingt befragen. Wäre doch möglich, dass er ihm Dinge anvertraute, über die er sonst mit niemandem gesprochen hätte. Jesse, das war ein Mann, der von der Welt tief enttäuscht war. Er kämpfte gegen das Verbrechen und musste mitansehen, wie viele von denen, die er überführt zu haben glaubte, wieder auf freien Fuß kamen. Und er musste miterleben, wie sein Partner ermordet wurde. Zweifellos hat er sich immer wieder nach dem Grund gefragt. Warum? Wie kann so etwas geschehen? Das sind Fragen, die schon manche Leute geradewegs zu einem Prediger geführt haben.."

Ich nickte langsam.

"Vielleicht hast du recht."

Eine halbe Stunde später erschien dann eine junge Frau in der Wohnungstür. Sie sah ziemlich fassungslos aus, als sie das Chaos sah, das hier herrschte.

Sie hatte schulterlanges, blondes Haar, das ihr in einer offenen Mähne hinunterfiel. Ihre Züge waren feingeschnitten.

Sie trug Jeans, Pullover und eine Jacke. Aber auch dieses eher praktische Outfit konnte ihre gute Figur nicht verbergen. Mit einer fahrigen Geste strich sie sich das Haar zurück und sah mich an, als ich und Milo uns zu ihr umdrehten.

"Wer gibt Ihnen das Recht..."

"Jesse Trevellian, FBI", unterbrach ich sie und hielt ihr meinen Dienstausweis hin. Ich deutete auf Milo. "Das ist mein Kollege Special Agent Milo Tucker. Sie sind..."

"Catherine Dobbs!", sagte sie gereizt. "Und ich wohne hier!"

"Woher kommen Sie jetzt?"

"Wollen Sie mich verhören, Mr. Trevellian?"

"Es war nur eine Frage, Miss Dobbs!"

Sie atmete tief durch und verschränkte die Arme unter der Brust. Die Reisetasche, die sie bei sich gehabt hatte, stand neben ihr auf dem Boden.

"Ich war ein paar Tage verreist", sagte sie. "Was ist geschehen? Warum..." Sie sprach nicht weiter. Ich machte einen Schritt auf sie zu. Und dann versuchte ich ihr in knappen Worten zu sagen, was mit ihrem Bruder geschehen war.

Sie sah mich völlig entgeistert an.

Ihr hübsches Gesicht wurde totenblass dabei.

"Sagen Sie, dass das nicht wahr ist", flüsterte sie. "Mein Bruder..." Sie schluckte und schüttelte leicht den Kopf. Ein paar Haarsträhnen fielen ihr in die Augen. Etwas glitzerte auf ihre pfirsichglatten Wange.

Tränen.

Ich fasste sie vorsichtig bei den Schultern. Ihre Augen waren glasig. Ihr Blick leer. Sie wirkte wie unter Schock.

"Das ist nicht wahr", murmelte sie immer wieder.

Ich führte sie zu einem der Sessel.

Sie ließ sich darin fallen.

Und dann schluchzte sie hemmungslos.

Eine brauchbare Aussage würden wir heute kaum noch von ihr bekommen.

29

Am nächsten Morgen sahen Milo und ich nochmal im achtzehnten vorbei. Captain Fernandez stellte uns Lieutenant James Crasco vor, der mit Billy Dobbs gut bekannt gewesen war.

"Wo können wir uns mit Ihnen ungestört unterhalten?", fragte ich.

Lieutenant Crasco zuckte die Schultern. "Warum nicht in der Kantine? Um diese Zeit ist da noch niemand."

"Meinetwegen."

Fünf Minuten später saßen wir an den etwas schmucklosen Tischen. Sie waren schon ziemlich angejahrt. Aber das ewig überzogene Budget der Stadt New York würde wohl dafür sorgen, dass sie das neue Jahrtausend noch erleben würden.

"Schlimme Sache, das mit Billy", sagte Crasco dann. Er zündete eine Filterlose auf eine so routinierte Weise an, dass sie den Kettenraucher verriet.

Dann sah er Milo und mich nacheinander an und stockte mitten in der Bewegung. "Meine Güte, ich hoffe, Sie gehören nicht zu diesen militanten Nichtrauchern! Neuerdings darf ich noch nicht einmal im Büro qualmen. Nichtraucherschutzgesetz nennt sich das! Von der Kantine mal ganz zu schweigen. Darauf steht schon fast der elektrische Stuhl..." Er lachte heiser und setzte dann mit sehr ernstem Gesicht hinzu: "Ich war schon drei Wochen auf Menthol-Zigaretten umgestiegen, aber jetzt, nach der Sache mit Dobbs..." Er atmete tief durch.

"Das hat mich schon ganz schön mitgenommen."

Ich sagte: "Erzählen Sie uns alles, was Sie über ihn wissen."

"Meine Güte..."

"Jedes Detail kann wichtig sein."

Crasco stützte das Kinn auf die Faust und wirkte sehr nachdenklich. "Um ehrlich zu sein, in letzter Zeit ist unser Kontakt merklich abgekühlt. Früher sind wir auch mal zusammen zum Bowling gegangen, aber dafür hatte Billy keine Zeit mehr, seit..."

"Seit was?", hakte ich nach.

Crasco blickte auf. "Ich will um keinen Preis das Andenken eines toten Kollegen in den Schmutz ziehen..."

"Das ist schon tief genug drin", kommentierte Milo.

Und ich gab zu bedenken: "Es geht um Mord, Lieutenant Crasco."

"Mord an Leuten, die selbst Mörder waren!"erwiderte Crasco.

"Das zu entscheiden steht nur einem Gericht zu - nicht uns!"

"Ja, ja..."

"Außerdem war unter den Opfern auch ein junger FBI-Agent."

"Hören Sie..."

"Nein, Sie hören mir zu: Ich kann verstehen, dass Ihnen der Tod von Dobbs nahegeht. Und ich kann auch die Wut darüber verstehen, dass große Haie mehr oder weniger ungeschoren davonkommen und nur die kleinen Handlanger erwischt und verurteilt werden. Aber es ist Ihre verdammte Pflicht, uns dabei zu helfen, weitere Morde zu verhindern! Denn Dobbs handelte kaum auf eigene Faust..."

"Ich habe nicht geglaubt, dass er wirklich ernst macht."

"Womit?", fragte ich.

"Damit, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, wie er manchmal sagte. Ich sagte doch, dass er keine Zeit mehr zum Bowling hatte."

"Richtig."

"Er verbrachte seine freie Zeit mit Aktivitäten für eine seltsame Organisation, die sich KÄMPDER DES LICHTES nennt."

"Was ist das für eine Organisation."

"Billy hat mich einmal zu einer der Veranstaltungen mitgenommen. Da sprach ein ziemlich fundamentalistischer Geistlicher. Er sagte, der Einfluss des Bösen in der Welt sei nur durch massive Gegengewalt einzudämmern. Dem Abschaum dürfe kein Pardon gegeben werden. Wenn meine Hand faul ist, so schlage ich sie ab! So ähnlich habe ich ihn noch im Ohr.

Ob das in der Bibel steht, weiß ich nicht. Dieser Geistliche verdammte die Justiz als Steigbügelhalter des Bösen. Es seien nicht die Gesetze Gottes, denen vor den Gerichten zur Geltung verholfen werde!"

"Was hielten Sie davon?", mischte sich Milo ein.

"Ich bin nur einmal auf einer dieser Veranstaltungen gewesen, dann nie wieder."

"Wann war das?"

"Vor einem Vierteljahr. Für mich war dieser Reverend ein Spinner, den man nicht weiter zu nehmen braucht. Hier in New York gibt es so viele religiöse Richtungen wie Straßenecken.

Wozu sich über so etwas aufregen?" Er verzog das Gesicht.

"Ich habe sogar fünf Dollar gespendet. Für Verbrechensopfer und deren Angehörige."

Jetzt fragte ich: "Wie war der Name dieses Reverends?"

"Ich erinnere mich nicht mehr! Wie gesagt, ich habe das alles nicht für bare Münze genommen, sondern mir nur gedacht: Ein Mann, dem das Schicksal so mitgespielt hat, wie Dobbs, der braucht irgendwo etwas Halt. Und wenn er ihn dort bekommt... Warum nicht?"

"Hieß dieser Mann zufällig Paul Mincuso?", hakte ich nach.

"Reverend Paul Mincuso?"

Crasco sah mich erstaunt an.

Eine Falte bildete sich mitten zwischen seinen Augenbrauen.

Dann nickte er kurz und etwas ruckartig.

"Ja", murmelte er. "Ich glaube, so war der Name. Doch, ich bin mir jetzt sicher. Er hieß Mincuso!"

"Noch eine Frage", forderte ich dann. Ich studierte dabei die Veränderungen in Lieutenant Crascos Gesicht haargenau.

Jede Kleinigkeit, jedes Zucken eines Muskels.

"Ja?"

"Haben Sie den Namen Chuck Belmont schon einmal gehört?"

"Sie meinen in Zusammenhang mit Billy?"

"Natürlich!"

"Da war mal ein Chuck... Den Nachnamen weiß ich nicht."

"Erzählen Sie, Lieutenant!"

"Das war auf einer unserer letzten Bowling-Abende.

Plötzlich tauchte so ein ziemlich großer Typ auf. Eckiges Gesicht, fast grobschlächtig. Billy stellte ihn mir als Chuck vor. Und dann nahm dieser Chuck Billy kurz zur Seite. Worüber sie redeten, konnte ich nicht verstehen. Aber es schien dringend zu sein. Jedenfalls musste Billy dann plötzlich weg..."

30

Catherine Dobbs schluckte, als das Telefon läutete. Sie atmete tief durch. Sie hatte lange geschlafen und jetzt trug sie nichts weiter, als einen Seidenkimono. Wieder klingelte das Telefon.

Sie trat mit unter der Brust verschränkten Armen an den Apparat heran.

Das alles ist nur ein Alptraum!, ging es ihr durch den Kopf.

Irgendwann muss es doch ein Erwachen geben...

Aber sie wusste, dass es nicht so war.

Dies war die Wirklichkeit.

Billy war tot. Es gab nichts und niemanden, der daran etwas ändern konnte.

Verdammt, ich habe es kommen sehen... Mein dummer Billy! Du bist in dein Verderben gerannt... Und ich habe es nicht verhindern können!

Billy war zwar ein paar Jahre älter als sie. Dennoch hatte sie - besonders seit dem Tod ihrer Eltern - immer ein wenig das Gefühl gehabt, die Vernünftigere von beiden zu sein und auf ihren Bruder aufpassen zu müssen. Vergeblich.

Sie nahm das Telefon ab.

"Ja?"

"Miss Catherine Dobbs?"

Der scharfe, schneidende Klang dieser Stimme ließ Catherine unwillkürlich zusammenzucken. Sie erkannte diese Stimme sofort... Eine Gänsehaut überzog ihre nackten Unterarme.

"Was wollen Sie?", fragte sie.

In ihrer Stimme war ein leichtes Beben.

"Man wird Ihnen in der nächsten Zeit viele Fragen stellen, Miss Dobbs..."

"Hören Sie..."

"Nein, Sie hören mir jetzt zu! Ich schlage vor, dass Sie die Unwissende spielen. Es ist besser. Besser für das Ansehen Ihres Bruders. Aber vor allem besser für Sie, Miss Dobbs..."

"Sie... Sie wollen mir drohen?"

"Ich drohe nicht. Ich stelle nur fest, dass Sie eine sehr hübsche, lebenslustige junge Frau sind. Wie schnell könnte ein Unfall daran etwas ändern..."

Dann machte es klick.

Die Leitung war tot.

31

Bevor wir bei Catherine Dobbs aufkreuzten, sprach ich noch über Funk mit der Zentrale. Ich wollte alles über Paul Mincuso wissen. Alles, was vielleicht in den Archiven des FBI schlummerte.

Catherine Dobbs blickte uns ziemlich abweisend an, als wir vor ihrer Tür erschienen. Sie trug Jeans und einen blauen Sweater. Ihr Haar wurde mit einer Klammer zusammengehalten.

"Wir brauchen Ihre Aussage", sagte ich ruhig. "Können wir hereinkommen?"

"Ich werde es wohl nicht verhindern können!"

Wir traten ein.

Das Wohnzimmer ihres Bruders sah immer noch so chaotisch wie am Abend zuvor aus. Sie führte uns in ihren Teil der Wohnung.

"Erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen Kaffee anbiete", sagte sie.

"Es reicht, wenn Sie unsere Fragen beantworten."

"Na, schön, dann kommen Sie zur Sache!"

Sie sah mich herausfordernd an. Kurz ließ ich den Blick über die Einrichtung schweifen. Es war nichts besonderes darunter. Helles Mobiliar aus Kiefernholz. Ein halbes Dutzend Bücher, darunter die Bibel. Und ein Fernseher mit Videorecorder. Aber alles lag an seinem Platz und das hatte mich schon am Abend zuvor stutzig gemacht.

"Der Kerl, der hier gestern Abend eingedrungen ist, schien genau Bescheid zu wissen." Es war eine Feststellung, keine Frage. Ich studierte dabei genau Catherines Reaktion.

Sie hob die Augenbrauen und wich meinem Blick aus.

"Ach, ja?"

"Der Täter wusste, welche Räume Ihnen gehören und welche Ihrem Bruder!"

"Das sagen Sie!"

"Ich glaube, dass es jemand war, den Ihr Bruder sehr gut kannte."

"Pflegen Sie auch bei Ihren Bekannten einzubrechen, Mr. Trevellian?", erwiderte sie spitz.

"Nennen Sie mich doch Jesse." Ich machte einen Schritt auf sie zu. "Ihr Bruder ist umgekommen, und wir versuchen die Hintergründe dieser Tat aufzuklären. Das ist alles."

"Einer Ihrer Leute hat ihn umgelegt. Vermutlich wollen Sie diese Tatsache doch nur irgendwie rechtfertigen..."

"Das ist Unsinn!"

Sie atmete tief durch. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass sie unter einem immensen Druck stand.

Jetzt mischte sich Milo ein. "Kennen Sie einen Mann namens Chuck Belmont?"

"Nein, nie gehört!"

"Immerhin hat Billy mit ihm Bowling gespielt."

"Tut mir leid."

"Und ein gewisser Reverend Paul Mincuso?"

"Mir völlig unbekannt."

"Gilt dasselbe auch für eine Organisation, die sich KÄMPFER DES LICHTES nennt?"

Sie schluckte und musterte Milo. In ihren Augen flackerte es unruhig. Ihre vollen Lippen öffneten sich ein bisschen.

Beinahe so, als würde sie noch mit sich ringen. Aber dann kam die alte Litanei.

"Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen..."

Milo versuchte es noch ein paarmal. Immer wieder kam er auf dieselben Punkte zu sprechen. Aber Catherine erwies sich als eiserne Jungfrau. Sie sagte keinen Ton.

Ich machte Milo schließlich ein Zeichen und schüttelte leicht den Kopf.

"Lassen wir es, Milo", sagte ich. Und dann wandte ich mich an Catherine. "Ich habe keine Ahnung, warum Sie uns nicht helfen wollen. Aber falls Sie es sich anders überlegen: Die Nummer der FBI-Zentrale an der Federeal Plaza steht in dem dicken Klotz da draußen, der sich Telefonbuch nennt. Sie können uns über diese Nummer jederzeit erreichen... Gespräche werden weitergeleitet."

"Darauf wäre ich nie gekommen, Jesse!"

Sie betonte meinen Vornamen auf eine Weise, die mir nicht gefiel. Mir entging die leichte Gänsehaut nicht, die ihre Unterarme überzogen hatte. Und das, obwohl die Wohnung eher überheizt war. Ein leichtes Zittern erfasste sie.

Ich zuckte die Schultern.

"Nur für den Fall, dass Sie es sich doch noch anders überlegen!"

32

Als wir wieder in meinem Sportwagen saßen, führte ich von dort aus ein Gespräch mit der Zentrale. Immerhin hatte man Reverend Mincusos Adresse herausfinden können. Er wohnte in Brooklyn, Myrtle Street, Hausnummer 567.

Hier in Queens waren wir wenigstens schon mal auf der richtigen Seite des East Rivers.

Ich sprach mit Agent Max Carter, einem Innendienstler der FBI-Fahndungsabteilung. Und was er mir mitzuteilen hatte, war durchaus interessant.

"Reverend Mincuso war Mitglied einiger rechtsradikaler Organisationen, bevor er sich als eine Art Wanderprediger selbständig machte", berichtete Carter. "Er äußerte zwar immer sehr radikale Ansichten, war aber selbst wohl nie an irgendwelchen Gewalttaten beteiligt. Über eine Organisation mit der Bezeichnung KÄMPFER DES LICHTS ist uns nichts bekannt..."

"Scheint wohl auch kein öffentlicher Verein zu sein", meinte ich.

Carter fuhr fort: "Für einen Reverend ist es allerdings schon recht erstaunlich, dass er mal wegen Verstoßes gegen die Waffengesetze verurteilt wurde. Ist zwar schon zehn Jahre her und seitdem sind die Gesetze liberalisiert worden, aber...

Für einen Mann Gottes nicht gerade alltäglich, oder?"

"Das ist allerdings wahr", zischte ich zwischen den Zähnen hindurch. "Und was ist mit Belmont?"

"Die Fahndung läuft. Und inzwischen sogar mit Erfolg!

Wir haben nämlich Belmonts Wohnung gefunden. Sie war zweimal untervermietet, deswegen hat es so lange gedauert, ihn ausfindig zu machen. Er wohnte in der Lower East Side..."

"Wohnte?", echote ich. Das klang nicht sehr gut.

"Ja, Jesse. Das hast du richtig verstanden. Alles spricht dafür, dass Belmont untergetaucht ist. Medina und Caravaggio sind gerade in seiner Wohnung. Vor ein paar Minuten habe ich mit den beiden gesprochen..."

"Dann hat es wohl nicht viel Sinn, wen wir da auch noch auftauchen, was?"

"Nein."

"Danke, Max."

Milo, der alles mitangehört hatte, meinte: "Immerhin dürfte Belmont in der Falle sitzen. Er kann das Land nicht verlassen..."

"Der Käfig, in dem er frei herumläuft ist mir allerdings ein bisschen zu groß!", erwiderte ich.

Ich ließ den Motor des Sportwagens an und fuhr los. Über den Queens Expressway ging es südwärts, Richtung Brooklyn. Ich war ziemlich ungeduldig. Irgendwie sagte mir mein Instinkt, dass jetzt schnell gehandelt werden musste. Sonst waren die schrägen Vögel, denen wir auf den Fersen waren am Ende allesamt ausgeflogen.

"Irgendwer muss diesen Belmont gewarnt haben", meinte Milo in die Stille hinein. "Und zwar ein Polizist. Wir hatten Belmont in der Fahndung, aber darüber ging nichts an die Öffentlichkeit. Aber auf den Revieren der City Police wusste man natürlich Bescheid!"

"Dobbs!", entfuhr es mir. "Er starb gestern Abend. Aber spätestens seit gestern Mittag ist Belmont in der Fahndung gewesen."

"Ich hoffe, du hast recht!", erwiderte Milo.

"Wieso?"

"Na, wenn es nicht Dobbs war..."

Milo brauchte nicht zu Ende zu sprechen. Ich wusste auch so, was er meinte. Es war nicht auszuschließen, dass Captain Billy Dobbs nicht der einzige Beamte des NYPD war, der sich vom Gedankengut der KÄMPFER DES LICHTES hatte anziehen lassen.

33

Reverend Paul Mincuso residierte in einem fünfstöckigen Haus, das aus der Zeit um die Jahrhundertwende stammte. Das Gebäude war aufwendig restauriert worden und in sehr gutem Zustand.

Ganz offensichtlich litt der Besitzer nicht unter finanziellen Schwierigkeiten.

Am Haupteingang meldeten wir uns mit Hilfe der Gegensprechanlage.

"Special Agent Trevellian vom FBI", stellte ich mich vor. "Wir hätten gerne Reverend Mincuso gesprochen..."

"Einen Moment", sagte eine abweisende Stimme.

Wenig später kam ein blassgesichtiger Mann mit schütterem Haar und dunklem Anzug zur Tür und öffnete sie.

Das Bleichgesicht ließ sich zunächst unsere Ausweise aushändigen und betrachtete sie sehr eingehend. Ein dünnes, kaltes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. "Es laufen so viele Betrüger heutzutage herum", erklärte er dazu.

"Sie können gerne in unserem Hauptquartier in der Federal Plaza anrufen, um sich unsere Identität bestätigen zu lassen", schlug Milo vor.

Der bleiche Mann blickte auf.

"Das dürfte nicht nötig sein", erklärte er dann. "Folgen Sie mir bitte."

Mit dem Aufzug ging es in den dritten Stock.

Reverend Paul Mincuso empfing uns in einem weiträumigen, sehr repräsentativen Büro. An der Wand hing ein großes, überdimensionales Holzkreuz. Der Reverend war ein großer Mann in den Fünfzigern. Sein Haar war ergraut, ebenso wie sein ziemlich langer Vollbart, der ihm das Aussehen eines biblischen Patriarchen gab. Ruhige dunkle Augen saßen in der Mitte eines eindrucksvollen Gesichtes.

Wir stellten uns knapp und sachlich vor.

Der Reverend bot uns daraufhin an, in den dunklen Ledersesseln Platz zu nehmen.

"Zwei Special-Agents des FBI! Zwei Hüter des Gesetzes also!" Der Reverend lachte heiser. Seine Stimme klang dröhnend. Und das Lächeln, das um seine dünnen Lippen spielte, war schwer zu deuten. In seinen Worten lag eine deutliche Portion Spott. "Was führt Sie zu mir, Gentlemen?"

Ich glaubte ihm die Unwissenheit nicht.

Aber er spielte sie perfekt.

Ein Mann, der es verstand, eine Bühne zu benutzen. Und im Moment war seine Bühne dieses Büro. Sein Publikum: zwei G-men.

"Gestern Abend starb ein Police Captain namens Billy Dobbs im Gefecht mit einem FBI-Mann. Er hatte gerade zusammen mit einem Komplizen dafür gesorgt, dass zwei bekannte Unterweltgrößen ins Reich der Toten eingingen."

"Abschaum, also", sagte Reverend Mincuso ganz offen.

"Dieser Captain hat Ihnen und seinen Kollegen die Arbeit doch erheblich erleichtert..."

"Er war ein Mörder", erwiderte ich kühl.

"Das kann man unterschiedlich beurteilen. Aber, wie auch immer... Was hat das alles mit mir und meiner Stiftung für Verbrechensopfer zu tun?"

"Sie kannten Dobbs", stellte ich fest.

"Ich höre seinen Namen heute zum ersten Mal, was vermutlich nur daran liegt, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, die Zeitung zu lesen..."

"Wir fanden Ihre Telefonnummer in seinem Adressenregister!"

"Was Sie nicht sagen..."

"In welcher Beziehung standen Sie zu Dobbs?"

"In überhaupt keiner!", beharrte der Reverend. "Sehen Sie, ich halte viele Vorträge, ich halte Gottesdienste, zu denen Tausende von Menschen kommen, ich bin seelsorgerisch tätig...

Viele Menschen suchen täglich meinen Rat. Es ist gut möglich, dass dieser arme Polizist sich meine Nummer notiert hat, um mich vielleicht einmal in einer ihn bedrückenden Angelegenheit anzusprechen... Das heißt nicht, dass ich ihn kannte!"

"Wer sind die KÄMPFER DES LICHTES?", fragte ich.

"Ich habe keine Ahnung: Sagen Sie es mir, Mr. Trevellian!"

"Eine Organisation, die mit dem, was Sie sagen, ernst macht! Männer, die das Gesetz in die eigenen Hände nehmen und all diejenigen, die sie in Ihren Augen Abschaum sind, eiskalt liquidieren."

"Ich habe Ihnen nichts zu sagen, Mr. Trevellian."

"Der Name Chuck Belmont sagt Ihnen wohl auch nichts?"

"Es tut mir leid." Er betätigte einen Knopf auf seinem Schreibtisch und schaltete damit offenbar eine Gegensprechanlage ein. "Ach, Rose, sagen Sie doch Mr. Cramer, dass er sofort zu mir kommen soll. Wie es scheint, brauche ich seinen Beistand." Und dann wandte er sich an uns: "Mr.

Cramer ist Leiter unserer Rechtsabteilung, Gentlemen. Der Art und Weise nach, in der Sie mich hier befragen, ist zu entnehmen, dass Sie mir unbedingt etwas am Zeug flicken wollen! Ich halte es daher für besser, wenn Mr. Cramer als Zeuge an diesem Gespräch teilnimmt."

"Das ist Ihr gutes Recht", erwiderte ich.

Der Reverend lief dunkelrot an. Sein Gesicht hatte nun einen sehr düsteren Ausdruck. Er deutete hinaus aus dem Fenster. "Da draußen läuft der Abschaum frei herum! Mörder und jene, die die Mörder aussenden! Drogendealer und Leute, die die Unzucht fördern, um Gewinn aus ihr zu ziehen! Ich sehe es und Gott sieht es! Aber Sie haben nichts besseres zu tun, als einem Mann die Zeit zu stehlen, dem es um nicht anderes geht, als das Böse mit allen Mitteln zu bekämpfen!

Dort draußen, in diesem Dschungel der Sünde, wäre Ihr Platz, Gentlemen! Stattdessen verfolgen Sie die Gerechten mit Ihren unhaltbaren Verdächtigungen!"

Seine Stimme dröhnte.

Die Wirkung dieses Mannes auf einer Bühne konnte ich mir jetzt vorstellen. Eine Person, deren Präsenz eine ganze Halle mühelos füllen konnte. Notfalls sogar ohne Mikrofon. Ein rhetorisches Naturtalent. Ein Mann mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen. Und darin lag wohl das Geheimnis seines Erfolgs.

Ein kleiner dicklicher Mann mit schütterem Haar betrat wenig später den Raum. Das musste Cramer, der Anwalt sein.

"Ich hoffe, dass wir jetzt fortfahren können", hörte ich Milo sehr sachlich sagen. "Es geht einfach um die Beantwortung einiger Fragen. Um sonst nichts..."

Aber mein Instinkt sagte mir, dass wir uns an diesem granitharten Prediger die Zähne ausbeißen würden.

34

Das Telefon ließ Catherine zusammenzucken. Noch bevor sie abnahm, wusste sie, wer es war.

Die Stimme...

"Sie haben es nicht anders gewollt!"

"Hören Sie, ich..."

"Es war ein Fehler, den Mund aufzureißen, Miss Dobbs! Wir hatten gedacht, dass das Vermächtnis ihres Bruders, die Sache für die er kämpfte, auch Ihnen etwas bedeutet. Das war ein Irrtum..."

"Ich habe nichts..."

Die Stimme unterbrach sie grob.

"Jeder Mensch muss wählen. Die Seite des Lichts - oder die des Bösen... Und Sie haben die Partei des Abschaums ergriffen..."

Der Puls schlug ihr bis zum Hals.

Sie wollte etwas erwidern, aber einen Sekundenbruchteil später war die Verbindung unterbrochen. In ihrem Gehirn arbeitete es. Sie fragte sich, was sie tun konnte, um ihr Leben zu retten. Denn, dass mit den Leuten, die es auf sie abgesehen hatten, nicht zu spaßen war, dass wusste sie nur zu gut.

Nur ruhig bleiben!, sagte sie sich selbst. Sie ging zur hinteren Fensterfront der Wohnung und schaute in den Hinterhof. An der Ecke sah sie eine Gestalt. Einen Mann, der den Jackenkragen soweit hochgeschlagen hatte, dass von seinem Gesicht nicht viel zu sehen war. Über die Feuertreppen war es für ihn ein Leichtes, hier heraufzukommen. Sie atmete tief durch. Jetz gab es für sie nur noch die Flucht nach vorn.

Kurz entschlossen lief sie zu Telefon. Sie nahm das Telefonbuch und suchte nach einer ganz bestimmten Nummer. Die des FBI-Districhts New York. Hastig glitten ihre Finger über die Seiten. Dann nahm sie den Hörer ab und wählte.

"Kann ich bitte einen Agent Trevellian sprechen? Es ist dringend..."

In der nächsten Sekunde ließ ein Geräusch aus dem Nachbarraum sie zusammenzucken. Sie zitterte wie Espenlaub.

Da war etwas am Fenster.

Jemand...

Glas splitterte. Jemand stieg durch das Fenster in die Wohnung ein.

"Kommen Sie schnell!", schrie Catherine durch den Telefonhörer. Sie legte nicht auf, sondern ließ den Hörer einfach fallen. Und dann war sie in zwei Sätzen bei der Wohnungstür, die sie sorgfältig verrammelt hatte. Ihre Finger kamen ihr klamm und schwerfällig vor.

Schritte drangen aus dem Nachbarraum.

Mein Gott!

Dann hatte sie es geschafft. Sie riss die Wohnungstür auf...

...und stieß einen Schrei des Entsetzens aus.

Eine hochaufgeschossene Gestalt stand dort. Innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte eine große, behandschuhte Pranke sich auf ihren Mund gelegt. Ihr Schrei verstummte. In dem Gesicht des Fremden stand ein hässliches, zynisches Grinsen.

Mit dem Absatz kickte er die Tür ins Schloss, während sich aus dem Nachbarraum ein zweiter Mann näherte. In der Hand hielt dieser eine Automatik. Den kalten Lauf spürte sie eine Sekunde später an ihrer Schläfe.

"Scheint, als müssten wir uns mal gründlich unterhalten, Baby!", wisperte einer von ihnen.

Der mit der Pistole ging zum Telefon. Er legte den Hörer auf und betätigte im nächsten Moment die Wiederholungstaste.

Dann nahm er den Hörer ans Ohr, wartete einen Augenblick ab und legte dann endgültig auf. "Sie hat mit dem FBI telefoniert", stellte er fest. Die Art und Weise, wie er das sagte, hatte etwas von einem Todesurteil.

35

Die Befragung des Reverends hatte nichts gebracht. Wir aßen in einer Snack Bar eine Kleinigkeit, und tranken Kaffee aus Pappbechern. Zwei Kollegen würden die Aufgabe übernehmen, Mincuso zu beschatten. Milo und ich wären dafür zu auffällig gewesen. Schließlich kannte der fromme Mann uns ja inzwischen. Dann saßen wir im Sportwagen und ließen uns von der Zentrale durchgeben was es inzwischen an neuen Erkenntnissen über Reverend Paul Mincuso gab. Ermittlungen per Computer konnten sehr effektiv sein. So hatte die Stiftung, der Mincuso vorstand, Ärger mit der Steuerbehörde gehabt und war daher vor en paar Jahren von Jersey City nach New York umgezogen. Mincuso musste immense Summen durch Spenden haben. Ein wohlgeöltes Unternehmen, das Geld wie Heu hatte. Doch immer wieder war in der Vergangenheit der Verdacht aufgekommen, das Gelder aus der Stiftung in düsteren Kanälen verschwanden.

Vielleicht in der Finanzierung von Todeskommandos...

Aber nach wie vor hatten wir nichts über die KÄMPFER DES LICHTS. Nichts, was Mincuso mit dieser ominösen Mörderorganisation in Verbindung brachte. Nichts, was einwandfrei bewies, dass er der Kopf hinter diesen Morden war, die einige illustre Köpfe der New Yorker Unterwelt dahingerafft hatten...

"An dem Kerl haben wir uns heute ganz schön die Zähne ausgebissen", meinte Milo."Der ist aalglatt." Er atmete tief durch und sah mich an. "Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass wir uns vielleicht verrennen, Jesse?

Möglicherweise waren Dobbs und Chuck Belmont doch nicht Teil einer Organisation... Hast du das mal zu Ende durchdacht?

Gut, einen Komplizen müssen sie noch gehabt haben, aber..."

Dann meldete sich die Zentrale. Catherine Dobbs hatte sich dort unter ziemlich mysteriösen Umständen gemeldet und verlangt, mich zu sprechen, ehe der Kontakt abgebrochen war. Von unserem gegenwärtigen Standpunkt in der Nähe des Northern Boulevard war es nicht weit bis zu Catherines Wohnung. Nur ein paar Minuten. Ich setzte das Blaulicht auf den Sportwagen und ließ den Motor aufheulen.

36

Als wir an der Haustür klingelten, reagierte niemand.

"Ich werde es mal hinten herum über die Feuerleiter probieren", meinte ich.

Milo nickte. "Und ich versuche es auf dem normalen Weg." Er klingelte bei irgendeiner der Wohnungen. "FBI. Bitte machen Sie die Tür auf!", meldete er sich an der Gegensprechanlage.

Ich machte mich derweil auf den Weg und umrundete den Block. Nur wenig später hatte ich den Hinterhof erreicht.

Wir hatten Verstärkung angefordert, konnten aber unmöglich warten, bis sie eintraf. Ich sah mich um. Meine Hand zog die Waffe heraus. Vorsichtig schlich ich die Feuerleiter hinauf.

Als ich Catherines Wohnung erreichte, hörte ich ihren unterdrückten Schrei durch das eingeschlagene Fenster.

Ich stieg durch das Fenster. Ganz vorsichtig. Dann befand ich mich in Catherins Wohnzimmer. Mit schnellen Schritten durchquerte ich es. Die Tür stand einen Spalt offen. Ich presste mich daneben an die Wand, die Waffe mit beiden Händen gepackt.

"Es hat keinen Zweck, sie wird keinen Ton mehr sagen!", meinte eine raue Männerstimme.

Catherine wimmerte.

"Was machen wir jetzt?", fragte eine zweite Männerstimme.

"Unsere Anweisungen sind klar..."

Es machte Klick. Der Hahn eines Revolvers wurde gespannt.

Jetzt tauchte ich aus meiner Deckung hervor. Ich sah zwei Männer. Einer hielt eine Automatik in der Hand, der andere einen Revolver, dessen Lauf auf Catherines Kopf gerichtet war. Offenbar hatte man sie geschlagen. Jedenfalls blutete sie aus der Nase und dem Mund. Der Kerl mit der Automatik hielt sie grob am Arm.

"Waffen weg! FBI!", rief ich.

Der Kerl mit der Automatik ließ mir keine andere Wahl. Er riß seine Waffe hoch und feuerte. Ich ließ mich seitwärts fallen, während das Projektil meines Gegners dicht über mir den Türrahmen zerfetzte. Mein Schuss traf ihn mitten in der Brust und ließ ihn rückwärts taumeln, ehe er der Länge nach hinschlug. Ich rollte mich am Boden herum, riss die Waffe in die Höhe und...

...erstarrte.

Der zweite Mann hatte Catherine gepackt und grob zu sich gerissen, so dass ihr Körper den seinen schützte. Den Revolver hielt er ihr an die Schläfe. Ein gemeines Grinsen stand auf seinem Gesicht.

"Worauf wartest du?", wisperte er. "Die Waffe weg, oder der Lady fehlt der Kopf!"

Einen Moment lang zögerte ich. Aber er saß am längeren Hebel. Ich ließ die Waffe langsam sinken. Der Kerl wich zusammen mit Catherine rückwärts, bis er die Wohnungstür erreicht hatte. Der Lauf seines Revolvers drückte noch immer gegen ihren Kopf. "Mach keine Dummheiten, Kleines!", zischte der Kerl, dann öffnete er die Tür. Mein Blick glitt zu meiner Waffe am Boden. Aber jeder Gedanke daran, mir die Waffe zurückzuholen, war sinnlos. Der Türspalt wurde größer und dann erstarrte der Kerl mit dem Revolver, als er seinerseits das kalte Eisen einer Waffe an der Schläfe fühlte. Die Waffe des FBI.

"Das Spiel ist aus, Mister!", sagte Milo Tuckers ruhige Stimme.

37

Der Kerl, den wir festgenommen hatten, weigerte sich, auch nur einen Ton zu sagen. Papiere hatte er nicht bei sich, genau wie der Mann, den ich niedergeschossen hatte. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis wir die Identität der beiden herausgefunden hatten. Nach und nach trafen die Kollegen ein.

Ich wandte mich an Catherine, die sich inzwischen mit einigen Papiertaschentüchern das Blut aus dem Gesicht gewischt hatte.

"Wie wär's, wenn Sie Ihr Schweigen jetzt brechen, Catherine. Was ist hier geschehen?"

"Sie garantieren für meine Sicherheit?"

"Reden Sie schon!"

Sie sah mich an und sagte dann: "Die beiden Männer gehören zu einer Organisation, die sich KÄMPFER DES LICHTS nennt.

Billy war auch dabei. Diese Organisation bildet geheime Todeskommandos aus, die Hinrichtungen an Gesetzesbrechern vollstreckt... Der Anführer ist Reverend Paul Mincuso..."

Ich nickte. "Die Kerle hatten Angst, dass Sie reden, nicht wahr?"

"Ja. Anscheinend sind Sie Mincuso zu sehr auf den Pelz gerückt und der glaubte dann sofort, dass ich geredet habe."

Er rief hier an und drohte mir..."

"Sie kennen Mincuso persönlich?"

"Billy hat mich einige Male zu den Treffen mitgenommen.

Zuerst habe ich gedacht, dass die KÄMPFER DES LICHTS eine gute Sache vertreten. Aber dann..."

"Dann haben Sie gemerkt, dass die Kerle nicht nur große Rede schwingen..."

"Ich habe versucht, Billy das alles auszureden. Aber was sollte ich denn machen?" Sie schluchzte auf. "Er war doch mein Bruder..."

Ich legte den Arm vorsichtig um sie. Sie war ziemlich am Ende. Und nach dem was sie durchgemacht hatte, war das kein Wunder.

"Was wissen Sie über Belmont?"

"Er war hier in der Wohnung. Zusammen mit Billy."

"Haben Sie eine Ahnung, wo er sich jetz vielleicht aufhält?"

"Ich weiß nicht. Vielleicht in dem geheimen Ausbildungscamp."

"Wo liegt das?"

"Ich war mit Billy einmal dort. Billy hat deswegen ziemlich großen Ärger bekommen. Aber er wollte mir alles zeigen... Es liegt in der Nähe von New Canaan, etwa 50 Kilometer von hier entfernt."

In diesem Moment stieß mich jemand von hinten an. Es war Milo.

"Es kam gerade ein Funkspruch", berichtete er. "Unser Reverend hat sich auf den Weg gemacht. Unsere Kollegen sind, ihm auf den Fersen."

Ich wandte mich an Catherine: "Führen Sie uns zu diesem Camp. Sie sollten das in Ihrem eigenen Interesse tun. Diese Leute sind skrupellos und solange die glauben, dass Sie eine Gefahr für sie sind, werden sie entsprechend handeln..."

Sie nickte.

"Okay", flüsterte sie.

38

Wir brachen mit insgesamt sechs Einsatzwagen auf. Insgesamt waren etwa zwanzig Special Agents des FBI im Einsatz, darunter auch Orry Medina und Clive Caravaggio. Die meisten trugen FBI-Einsatzjacken und führten auch schwere Waffen mit sich: Die MP 5-Maschinenpistolen von Heckler und Koch sowie Schnellfeuergewehre vom Typ M 16.

Schließlich wussten wir nicht, was für ein Gegner uns gegenüberstehen würde.

Die Strecke bis New Cannaan war kein Problem. Der Highway Richtung New Haven führte direkt an dem 20 000 Seelen-Ort vorbei, das sich bereits auf dem Gebiet des Staates Connecticut befand. Schwierig wurde es erst danach, als wir in die ausgedehnten Waldgebiete kamen, die sich nördlich des Städtchens erstreckten. Die Straßen wurden immer kleiner.

Bald hatten wir es nur noch mit ungeteerten Feldwegen zu tun.

Catherine saß auf der schmalen Rückbank des Sportwagens und versuchte sich zu erinnern. Aber ihr Erinnerungsvermögen schien ihr den einen oder anderen Streich zu spielen.

"Ich weiß, dass es hier irgendwo war!", meinte sie. "Ein richtiges Camp. Ein kleines Blockhaus und dazu ein gutes Dutzend Zelte, die aussahen, als kämen sie aus Army-Beständen."

"Diese Gegend ist wie geschaffen, um sich zu verstecken", meinte Milo. "Und wenn hier jemand Schießübungen durchführt, kriegt das weit und breit kein Mensch mit..."

"Und wenn sich ein Mann wie Chuck Belmont hier versteckt, auch nicht", ergänzte ich.

Wir hatten bereits einen Hubschrauber zur Unterstützung angefordert. Aber dessen Suche glich ebenfalls jener der berühmten Nadel im Heuhafen.

Und dann war da noch Mincuso.

Er hatte sich alle Mühe gegeben, unsere Kollegen abzuschütteln. Aber wie wir über Funktelefon erfuhren, waren sie ihm immer noch auf den Fersen. Mincuso fuhr Richtung Norden. Richtung Connecticut...

Eine Weile irrten wir noch in der Gegend umher, dann sagte Catherine plötzlich: "Halten Sie, Jesse!"

"Was?"

"Halten Sie an!"

Ich tat, was sie verlangte. Sie deutete auf ein Schild mit Hinweisen, wie man sich im Wald verhalten sollte.

Ranger hatten es aufgestellt. Irgend jemand hatte sich mit einer Schmiererei auf dem Schild verewigt.

"Hier war es", erklärte sie. "Ich bin mir sicher." Sie deutete mit dem Arm. "Ein paar hundert Meter in diese Richtung, dann kommt man auf eine Lichtung. Und dort ist es."

39

Wir stiegen aus, nachdem ich unsere Position durchgegeben und weitere Verstärkung angefordert hatte. Beamten des zuständigen County Sheriffs und der State Police des Staates Connecticut waren hier her unterwegs, um das Gelände weiträumig abzusperren.

Die Schotterpiste zog sich wie ein Strich durch den dichten Wald, der uns von allen Seiten umgab.

Ich wandte mich an die Kollegen. Zwei G-Men bekamen die Aufgabe, Mincuso in Empfang zu nehmen, der offenbar auf dem Weg hier her war. "Es wird nicht mehr lange dauern, bis er hier auftaucht. Und dann kann er sich nicht damit herausreden, hier nur einen Waldspaziergang gemacht zu haben", sagte ich. Er konnte nicht entkommen. Schließlich war ein Beschattungsteam ihm auf den Fersen.

Agent Fred LaRocca blieb bei Catherine, die in meinem Sportwagen sitzenblieb. Ich zog derweil meinen Mantel aus und vertauschte ihn gegen eine FBI-Einsatzjacke. Dann überprüfte ich noch einmal die Ladung meiner Waffe. Milo tat das gleiche. "Also los, Jesse! Worauf warten wir noch?"

"Du hast recht, Milo!"

40

Ich betete dafür, dass Catherine sich nicht völlig vertan hatte, und wir an der falschen Stelle einen großen Aufstand machten. Aber das war nicht der Fall. Die G-men verteilten sich im Wald. Bald bildeten sie einen Halbkreis. Vorsichtig tasteten sie sich vorwärts. Und dann sahen wir das Camp, in dem der fromme Mincuso seine vom Gerechtigkeitswahn besessenen Killer trainieren ließ. Es lag auf einer kleinen Lichtung. Das Blockhaus, die Zelte...

Aber man sah, dass es unter den KÄMPFERN DES LICHTS Männer gab, die über eine militärische Ausbildung verfügten. Alles war hervorragend getarnt. Selbst der Geländewagen, der etwas abseits abgestellt worden war, war kaum sichtbar. Die Zelte waren mit Laubwerk bedeckt worden, das von Netzen gehalten wurde. Ein Hubschrauber konnte direkt über die Lichtung fliegen und würde erst bei einem Landeflug bemerken, das dort ein Camp existierte.

Wachen patrouillierten hin und her. Sie trugen zusammengewürfelte Uniformteile, wie man sie in jedem US-Army-Shop erwerben konnte - natürlich ohne Rangabzeichen.

Zur Zeit schienen sich etwa ein Dutzend Männer im Camp aufzuhalten.

Sie waren gut bewaffnet. Überall sah ich die kurzläufigen Uzis, eine Waffe, die sich wegen ihrer Handlichkeit hervorragend für Attentäter eignete.

Noch waren sie ahnungslos. Die G-men kreisten das Lager langsam aber sicher ein. Sie warteten nur auf das Signal, um loszuschlagen. Aber man musste dabei vorsichtig sein. Es war wie beim Ausheben eines Wespennestes. Wen man nicht höllisch auf der Hut war, konnte das in einer Katastrophe enden.

Und dann erblickte ich Chuck Belmont.

Er war es, daran gab es keinen Zweifel. Ich erkannte ihn von den Fotos wieder, die ich im Computer gesehen hatte. Er hatte eine Automatik im Gürtel und zündete sich eine Zigarre an. Das Streichholz warf er achtlos weg. Er zog zweimal tief an dem dicken Stängel und blickte sich um. In seinem grobschlächtigen Gesicht zuckte ein Muskel. Er wirkte etwas nervös.

Dann kam das Signal.

Milo gab es, indem er einfach : "Los!" in sein Walkie Talkie rief. Über ein Megafon ertönte dann Orrys Stimme: "Hier spricht das FBI! Werfen Sie die Waffen weg und heben Sie die Hände! Sie sind umstellt! Jeder Widerstand ist zwecklos!"

Die LICHTKÄMPFER standen wie erstarrt da. Dann sahen sie sich hektisch um. Als sie von allen Seiten die G-men in den dunkelblauen FBI-Jacken auftauchen sahen, erkannten sie, dass es sinnlos war, noch Gegenwehr zu leisten. Einer nach dem anderen ließ die Waffe sinken. G-men durchsuchten sie nacheinander und steckten ihre Hände in Handschellen.

Ich kam aus dem Unterholz heraus.

Mein Blick hing an Belmont.

Er stand mit erhobenen Händen da. Aber sein Körper war angespannt. Jeder Muskel und jede Sehne. Mit einem schnellen Blick taxierte er die Lage. Dann stürzte er zur Blockhütte und fiel praktisch in die Tür.

"Bleiben Sie, wo Sie sind, Belmont! Sie sind verhaftet!"

rief ich ihm hinterher. Aber das schien ihn nicht zu kümmern. Er wusste, dass er wegen Mordes drankommen würde.

Eiskalt und in Perfektion ausgeführt. Das konnte in der Todeszelle enden. Darum setzte er alles auf eine Karte. Ich hatte das Blockhaus beinahe erreicht, da donnerte bereits der Feuerstoß eines Schnellfeuergewehrs durch das Fenster. Glas splitterte, und ich warf mich zur Seite.

Noch im Fallen feuerte ich mit der Waffe zweimal kurz hintereinander zurück. Dann rappelte ich mich wieder auf und hatte Sekunden später das Blockhaus erreicht. Ich presste mich gegen die Wand. Die anderen G-men waren so gut es ging mit ihren Gefangenen in Deckung gegangen. Andere, die noch noch nicht in Handschellen waren, mussten mit der Waffe in der Hand in Schach gehalten werden. Der Gedanke an Flucht war jedem dieser Männer von den Augen abzulesen. Aber keiner wagte es schließlich. Und das war auch besser so.

"Geben Sie auf, Belmont! Es hat keinen Sinn!", rief ich.

Ich erhielt keine Antwort. In geduckter Haltung schlich ich um das Haus herum.

Dann ballerte Belmont drauflos.

Die großkalibrigen Kugeln drangen einfach durch das Holz, und ich hatte großes Glück nicht erwischt zu werden. Eine Art Lotteriespiel, das mir nicht gefiel.

Er ist ein Marine gewesen!, rief ich mir ins Gedächtnis zurück. Er hatte gelernt, wie man tötet - und wie man gegebenenfalls auch mit einer Übermacht fertig wird.

In kurzen Abständen schoss Belmont mehr oder minder aufs Geratewohl durch das Holz.

Dann herrschte einige schreckliche Augenblicke lang wieder Stille.

Ich schlich weiter um das Blockhaus herum.

Milo hatte sich inzwischen von der anderen Seite an das Haus herangearbeitet.

Und dann...

Ein Geräusch!

Ich kannte dieses Geräusch nur zu gut und mir war in dieser Sekunde klar, dass ich blitzschnell handeln musste.

Belmont wechselte sein Magazin.

Ich sprang auf.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Milo Tuckers entsetzten Blick, aber mein Freund hatte nicht hören können, was ich gehört hatte.

Ich stürmte zur Tür des Blockhauses, trat sie mit einem wuchtigen Tritt ein und blickte in den Lauf von Belmonts Schnellfeuergewehr. Ein kräftiger Ruck nur und er hätte das Magazin eingeschoben. Seine Sehnen waren gespannt wie ein Bogen. Aber er hielt in der Bewegung inne. Eine Sekunde und er würde mich über den Haufen schießen können. Ein Feuerstoß von mehr als zwanzig Geschossen innerhalb einer Sekunde würde mich durchsieben.

Aber ich brauchte nicht einmal eine halbe Sekunde, um meine Waffe abzudrücken.

Und das wusste er.

Er ließ die Waffe sinken.

Sein Mörderspiel war ausgespielt.

41

Paul Mincuso machte ein ziemlich erstauntes Gesicht, als er von unseren Leuten in Empfang genommen wurde.

Er hatte wohl vorgehabt, möglichst schnell dafür zu sorgen, dass das Camp spurlos verschwand. Und dem Telefon hatte er nicht mehr getraut. In den Verhören, die in den nächsten Tagen durchgeführt wurden, entwirrte sich dann nach und nach alles. Es dauerte nicht lange und die unteren Chargen in Mincusos Killer-Organisation hatten keine Lust, die Schuld allein auf sich zu nehmen. Einer belastete bald den anderen und so kam alles ans Tageslicht. Mincuso war der geistige Kopf der KÄMPFER DES LICHTS gewesen. Er hatte sogar die Opfer zum Teil selbst ausgewählt. Die Durchführung lief weitgehend unter dem Kommando von Chuck Belmont, der von dem Security Man, nach dessen Aussage ein Phantombild von Shokolevs Mördern erstellt worden war, als einer jener Männer wiedererkannt wurde, die Big Vlad ermordet hatten.

Dem Prozess konnten wir in aller Gelassenheit entgegenblicken.

Und das galt auch für Catherine Dobbs. Da sie bereit war, umfassend auszusagen, plädierte der Staatsanwalt dafür, die Strafe, die sie wegen Verdunkelung einer Straftat erwartete, zur Bewährung auszusetzen.

ENDE

Road Killer

Kriminalroman von Alfred Bekker 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.

Ein Mörder zieht seine blutige Spur durch die Stadt. Seine Methode ist sehr speziell: Er tötet im Straßenverkehr...

Ein packender Thriller von Alfred Bekker.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Nebel hing tief über dem Long Island Sound. Milo und ich waren mit dem Sportwagen zu einem Parkplatz an der Connecticut-Küste gefahren, um einen Informanten zu treffen.

Jetzt warteten wir schon eine Viertelstunde.

Milo blickte auf die Uhr.

„Brad Mendoza lässt sich heute Zeit!“

„Hoffen wir, dass ihm nichts zugestoßen ist!“

„Er ist vorsichtig!“

In diesem Augenblick hörten wir den Motor eines Motorrads aufheulen. Es fuhr die Küstenstraße entlang, bremste ab und bog anschließend auf den Parkplatz. Der Fahrer steckte in einer schwarzen Ledermontur. Das Visier war dunkel. Er ließ den Motor seiner Harley noch einmal aufheulen und raste dann auf uns zu. Im letzten Moment bremste er. Der Hinterreifen brach ein wenig aus. Eine deutlich sichtbare Spur zog sich über den Asphalt. Er setzte den Helm ab.

„Hey, was soll das?“, schimpfte Milo, der sicherheitshalber zur Seite gesprungen war. „Wollen Sie mit uns Easy Rider spielen?“

Brad Mendoza strich sich das gelockte, dunkle Haar zurück und grinste breit. „Wie wär’s denn stattdessen mit Road Killer?“

2

„Von der Federal Plaza bis hier sind es fast 8o Meilen!“, ereiferte sich Milo. „Wenn Sie glauben, dass wir diese Strecke fahren, um uns irgendwelche Mätzchen gefallen zu lassen, sind Sie schief gewickelt, Mister Mendoza!“

Mendoza verdrehte die Augen. „Tut mir leid!“, lenkte er ein. „Ich habe seit zwei Tagen eine neue Maschine und da...“

„Ist das ein Grund, den Verstand auszuschalten?“

„Schon gut, Milo!“, mischte ich mich ein, obwohl ich den Ärger meines Kollegen durchaus teilte. „Ich bin überzeugt davon, dass Mister Mendoza uns nicht hier her bestellt hätte, wenn es keine wichtigen Neuigkeiten gäbe!“

„Sehr richtig!“, stimmte Mendoza zu. „Ich habe was ganz Großes für Sie. Aber wenn Sie nicht interessiert sind...“

„Wir sind durchaus interessiert“, sagte ich sachlich.

Er grinste. „Okay! Sie werden Augen nmacvhe und ich würde sagen, diesmal istc ei kleiner Bonus drin!“

„Darüber reden wir, wenn wir wissen, worum es geht“, entschied ich.

Brad Mendoza war 38 Jahre alt und Barkeeper in einem Club namens Latin Pop in Spanish Harlem. Der Name war Programm, was die Musikauswahl betraf. Mehr oder minder regelmäßig versorgte er uns mit Neuigkeiten aus Spanish Harlem und der South Bronx. Hauptsächlich natürlich über das Syndikat der Puertoricaner, das dort das Zentrum seiner Aktivitäten hatte.

Mendoza hatte uns immer zuverlässig beliefert. In so fern hatten wir keinen Grund, uns über ihn zu beklagen. Allerdings war ihm auch ein Hang zur Wichtigtuerei und Selbstdarstellung eigen, der ihm irgendwann noch einmal das Genick brechen konnte.

Die Tatsache, dass er sich eine Harley leisten konnte, sprach dafür, dass er in letzter Zeit irgendwelche krummen Geschäfte nebenher laufen hatte.

„Wir haben lange nichts voneinander gehört, Mister Mendoza“, stellte ich fest.

Er zuckte die Schultern. „War eben nichts zu berichten, Agent Trevellian!“

„Aber es scheint Ihnen ja gut zu gehen...“ Während ich das sagte, deutete ich auf die Harley.

„Man tut, was man kann.“

„So, wie ich das sehe, werden Sie nicht lange Freude an Ihrem heißen Ofen haben!“, mischte sich mein Kollege Milo Tucker ein. „Bei Ihrer Fahrweise bringen Sie früher oder später sich selbst oder jemand anderen um.“

„Sorry, Agent Tucker! Aber ich habe das Ding völlig unter Kontrolle.“

„Warum wollten Sie sich mit uns treffen?“, fragte ich.

„Ich hoffe, Ihre Story ist so gut wie die Ankündigung vorhin!“, ergänzte Milo.

„Das mit Easy Rider und Road Killer gerade eben war kein Witz.“ Er sah mich an, hob die Augenbrauen und wartete meine Reaktion ab. „Na, klingelt es bei Ihnen? Es geht um den legendären Road Killer...“

Dieser Name war mir durchaus ein Begriff. Es war das Pseudonym eines skrupellosen Lohnkillers, den man für Dutzende von Morden im Umfeld der Drogensyndikate verantwortlich machte. Das einzige, was man definitiv über ihn wusste, war, dass es sich um einen exzellenten Motorradfahrer handeln musste. In sämtlichen Mordfällen, die mit ihm in Verbindung gebracht wurden, hatten Motorräder eine Rolle gespielt.

Daher auch der Spitzname, den man ihm gegeben hatte.

Seit Jahren stand er auf der Fahndungsliste, aber bislang gab es keinen viel versprechenden Ermittlungsansatz.

„Ich weiß aus sicherer Quelle, dass der Road Killer zurzeit in New York ist“, eröffnete Mendoza.

„Von wem haben Sie das?“, hakte ich nach.

„Kann ich Ihnen nicht sagen, sonst beträgt meine Lebenserwartung noch eine halbe Stunde oder so.“ Er grinste. „Sie kennen das Spiel doch, Agent Trevellian. Aber wenn Sie die Quelle auch nicht kennen, so müssen Sie doch zugeben, dass ich Ihnen noch nie Mist erzählt habe!“

„Ich nehme an, der Road Killer ist aus beruflichen Gründen hier in New York“, schloss Milo.

„So ist es.“

„Wissen Sie Näheres darüber?“

Mendoza nickte. „Wo denken Sie hin? Er hat angeblich einen Auftrag. Mehr weiß ich nicht. Aber an Ihrer Stelle würde ich diesen Hinweis sehr ernst nehmen. Ich wäre nicht zu Ihnen gekommen, wenn ich das nur für die üblichen Gerüchte halten würde. Was ist mit dem Bonus?“

„Ob wir Ihnen mehr zahlen können, hängt davon ab, ob sich das ganze wirklich als heiße Spur erweist, Mister Mendoza“, schränkte ich ein. „Sie wissen ja, dass sich die Beträge für Informanten in einem engen Rahmen bewegen.“

Er setzte sich den Helm wieder auf.

Für ihn schien die Unterhaltung mehr oder weniger beendet zu sein.

Ich trat etwas näher an seine Harley heran. „Einen Moment noch, Mister Mendoza.“

Er klappte das Visier hoch.

„Ich muss dringend wieder zurück in den Big Apple. Termine – Sie verstehen?“

„Ich dachte, die Arbeitszeit eines Barkeepers im Latin Pop beginnt nicht vor dem frühen Abend“, wandte ich ein.

„Man hat ja auch noch ein Privatleben, Agent Trevellian!“

„Oder Geschäfte, die nebenbei laufen und es einem Barkeeper ermöglichen, sich eine Harley zu leisten?“

Er lachte. „Mit Verlaub, aber das geht Sie nichts an. Im Übrigen bin ich einfach nur ein sparsamer Mensch.“

„Natürlich...“

„Das meine ich vollkommen ernst!“

„Wie frisch ist die Information? Das werden Sie mir doch sagen können, ohne Ihre Quelle zu verraten?“

„Ich habe gestern Abend davon erfahren. Meine Quelle erfuhr maximal einen halben Tag früher davon. Und jetzt rechnen Sie mal schön, ob Ihnen das noch frisch genug ist!“

„Wir sprachen ja gerade über Gerüchte.“

„Ja?“

„Man redet davon, dass sich angeblich ein neuer Anbieter auf dem Drogenmarkt etablieren will. Ist da was dran?“

Er zuckte die Achseln. „Ich habe auch schon davon gehört, Agent Trevellian. Aber was davon jetzt den Tatsachen entspricht, davon habe ich keine Ahnung. Eigentlich müssten dann die Straßenpreise für Heroin ins Bodenlose fallen, aber das tu sie nicht. Also wenn eine derartige Aktion geplant, kann sie meiner Ansicht nach noch nicht begonnen haben.“

„Verstehe.“

„Nur das mit dem Road Killer, das ist ziemlich sicher – und wenn Sie beide Puzzleteile zusammenbringen, dann ergibt das doch ein Bild, das Sinn macht, finde ich!“

Er klappte das Visier herunter. „Ich melde mich, wenn ich mehr weiß!“, versprach er und brauste mit durchdrehendem Hinterreifen davon. Er drehte das Gas voll auf und raste mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf die Ausfahrt zu. Wenig später fuhr er die Küstenstraße zurück in Richtung der Grenze zwischen Connecticut und New York State.

„Man sollte ihm die Fahrerlaubnis wegnehmen!“, meinte Milo. „Der Kerl ist doch gemeingefährlich!“

Ich wandte den Blick in Richtung meines Kollegen und fragte: „Sprichst du jetzt von Mendoza oder dem Road Killer?“

Milo machte eine wegwerfende Handbewegung. Wir stiegen in den Sportwagen ein. Schließlich fragte er: „Was hältst du von er Story, die uns Mendoza erzählt hat?“, fragte Milo.

„Mehr als ein Tipp war das nicht – aber bislang konnte man sich auf Mendoza immer verlassen. Wir tun also gut daran, diesen Hinweis ernst zu nehmen.“

„Ich kann diesen Wichtigtuer nicht leiden!“

„Wenn bestimmt, was er sagt, haben wir in nächster Zeit jede Menge Arbeit im Field Office, Milo. Ein auswärtiges Syndikat schickt einen Profi-Killer, der die Konkurrenz aus dem Weg räumen soll... Ich hoffe, dass Mendoza sich geirrt hat!“

3

Brad Mendoza jagte mit seiner Harley die Küstenstraße entlang. Zurzeit war nur wenig Verkehr.

Die Nebelschwaden über dem Long Island Sound zogen jetzt nach und nach in die Uferzone. Normalerweise konnte man von hier aus die Silhouette von Queens sehen. Aber jetzt war da nichts weiter als eine hellgraue, undurchdringliche Wand.

Und die ersten Schwaden zogen nun auch über die Straße. Die Sichtweite sank innerhalb kurzer Zeit dramatisch.

Mendoza drosselte die Geschwindigkeit.

Der Nebel wurde rasch dichter. Bald fuhr er in ein graues Nichts hinein. Selbst die Küstenlinie war kaum noch zu erkennen. Die Bäume am Straßenrand waren nur noch dunkle, drohende Schatten. Auf dreißig bis vierzig Yards schätzte er die Sichtweite. Ein Truck kam ihm donnernd entgegen. Er war erst in letzter Sekunde zu erkennen und tauchte düsterer, übermächtiger Schatten aus dem Nebel heraus.

Im Rückspiel sah Brad Mendoza zwei Lichter herannahen. Ein Geländewagen schloss mit ziemlich hoher Geschwindigkeit zu ihm auf, hielt sich dann aber hinter ihm.

Die schlechte Sicht zwang Brad Mendoza dazu, die Geschwindigkeit noch etwas weiter abzusenken. Einfach ins Nichts hineinzurasen war selbst ihm zu riskant, obwohl er ansonsten stets dazu neigte, sich als Fahrer zuviel zuzutrauen.

Der Geländewagen scherte plötzlich auf die Gegenfahrbahn aus, beschleunigte und zog dann wieder nach rechts. Dabei touchierte er die Harley. Mendoza verlor die Kontrolle über das Motorrad, brach seitlich aus und geriet von der Fahrbahn.

Ehe er bremsen konnte, knallte die Harley gegen einen der zahlreichen Bäume, die an der dem Ufer abgewandte Seite der Fahrbahn zu finden waren.

Der Geländewagen hielt mit quietschenden Reifen.

Ein Mann stieg aus.

Er trug eine Mütze mit der Aufschrift WINNER. In der Linken schwang er einen Baseball-Schläger.

Brad Mendoza lag in verrenkter Haltung auf dem Boden.

Er stöhnte auf, war aber zu schwer verletzt, um sich aufzurappeln. Der Mann mit der WINNER-Mütze näherte sich.

Er verzog das Gesicht, als er Mendoza in seiner Blutlache liegen sah. Der Verletzte schaffe es, den Helm vom Kopf zu nehmen. Er keuchte, rang nach Luft und versuchte, die Blutung am Bein stillen.

Dann sah er den Mann mit der WINNER-Mütze auf sich zukommen. Er stierte ihn gläubig an. Mendoza hob abwehrend die Hand.

„Nein!“, schrie der Verletzte mit heiserer, schwacher Stimme. Er versuchte die letzten Kräfte zu mobilisieren.

Vergeblich.

Zweimal holte der Mann mit der WINNER-Mütze aus. Ein dumpfes Geräusch entstand, wenn das Holz des Baseballschlägers auftraf

Danach schwieg Brad Mendoza für immer.

4

Wir fuhren erst eine halbe Stunde nach Beendigung unserer Zusammenkunft mit Brad Mendoza zurück in Richtung New York. Das gehörte zu den Regeln, die wir einzuhalten hatten, wenn wir uns mit Mendoza trafen. Er bestand darauf, da er sich ständig verfolgt gefühlt hatte.

Wir nutzten die Zeit, um mit Mr McKee Kontakt aufzunehmen und mit Hilfe des im Sportwagen installierten Rechners eine Online-Verbindung zu NYSIS zu schalten. Über dieses landesweit allen Polizeieinheiten zur Verfügung stehende Datenverbundsystem konnten wir uns den aktuellen Stand der Fahndung in Bezug auf den Road Killer ansehen.

Der letzte Mord, der mit ihm in Verbindung gebracht werden konnte, lag drei Jahre zurück und war in Philadelphia an einem abtrünnigen Mafia-Mitglied namens Mike Pasarella verübt worden.

Der Road Killer hatte aus einem präparierten Motorradlenker mit einem Explosivgeschoss auf den Wagen Pasarellas gefeuert, der daraufhin explodiert war.

„Es bestand schon die Hoffnung, dass der Road Killer sich aus dem Hitman-Geschäft zurückgezogen hätte“, sagte Mr Jonathan D. McKee, der Chef des FBI Field Office New York über die Freisprechanlage des Sportwagens. „Schließlich dürfte er für seine Morde gut bezahlt worden sein und langsam ausgesorgt haben.“

„Vorausgesetzt, er ist mit seinem Geld auch geschickt umgegangen und hat es richtig investiert“, meinte Milo.

„Jedenfalls werde ich die Kollegen des Innendienstes anweisen, nach Ermittlungsansätzen zu suchen“, erklärte unser Chef. „Schließlich haben wir in diesem Fall vielleicht die Möglichkeit, ein Verbrechen zu verhindern, anstatt wie üblich erst dann tätig zu werden, wenn es bereits geschehen ist. Sehen Sie irgendeine Möglichkeit, an Mendozas Quelle heranzukommen?“

„Wenn wir anfangen, in seinem Umfeld zu ermitteln, gefährden wir ihn“, gab ich zu bedenken.

„Die Fakten stellen sich so dar: Der Road Killer ist eine der ausgebufftesten Tötungsmaschinen, die je im Dienst des organisierten Verbrechens gestanden hat“, sagte Mr McKee. „Wer immer ihn für einen Auftrag gewinnen will, muss in der Lage sein, ein Spitzenhonorar zu zahlen.“

„Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zu den Gerüchten um ein auswärtiges Drogensyndikat, das seinen Einfluss auf New York ausdehnen will“, glaubte Milo.

„Wir bekommen in der Tat fast täglich Hinweise darauf, dass sich in diese Richtung irgendetwas in Spanish Harlem und der South Bronx tun wird“, stimmte Mr McKee zu. „Und wenn der von Ihnen skizzierte Zusammenhang tatsächlich besteht, dann müssen wir uns auf blutige Machtkämpfe einstellen.“

Mr McKee unterbrach die Verbindung. Milo und ich sahen uns das vorliegende Datenmaterial über den Road Killer an. Abgesehen von ein paar nicht sehr brauchbaren Zeugenaussagen, gab es kaum Spuren.

„Dieser Mann ist ein Profi durch und durch“, sagte ich, während ich den Sportwagen die Küstenstraße entlang lenkte. „Wir müssen uns wohl oder übel darauf einstellen, dass er kaum Fehler machen wird, die uns helfen könnten, ihn in unser Netz laufen zu lassen!“

„Jeder macht Fehler“, widersprach Milo. „Früher oder später jedenfalls.“

„Bei Road Killer warten wir allerdings schon ziemlich lange darauf.“

Der Nebel nahm immer mehr zu, je weiter wir uns der Grenze des Staates New York näherten.

Plötzlich tauchten Warnleuchten aus dem Nebel auf.

Ich drosselte die Geschwindigkeit und fuhr im Schritttempo weiter. Mehrere Einsatzfahrzeuge des zuständigen County Sheriffs sowie ein Rettungswagen waren zu sehen.

Ein Deputy trat an unsere Seitenscheibe. Ich ließ sie herunter.

Der Deputy machte eine Handbewegung. „Fahren Sie bitte weiter!“

„Was ist hier passiert?“

„Schwerer Motorradunfall. Ist immer dasselbe: Überhöhte Geschwindigkeit im Nebel. Die Kerle überschätzen ihre Fähigkeiten, verlieren die Kontrolle über die Maschine und dann rasen sie frontal gegen den Baum. Aber jetzt fahren Sie bitte weiter! Sonst gibt es hier noch einen Auffahrunfall.“

Ich holte meine ID-Card hervor.

„Agent Trevellian, FBI. Handelte es sich bei der verunglückten Maschine zufällig um eine Harley?“

Der Deputy nickte. „Ja, woher wissen Sie das?“

„Nur eine Vermutung. Aber es könnte sein, dass dies unser Fall ist!“

5

Ich parkte den Wagen am Straßenrand. Wir stiegen aus.

Der Mann, der den Einsatz leitete hieß Barry Branson und war einer der Stellvertreter des zuständigen County Sheriffs. Barry Branson war ein breitschultriger Mann mit einem graumelierten Kinnbart und schätzungsweise zwanzig Kilo Übergewicht.

Wir zeigten auch Branson unsere Ausweise vor.

Er schob sich seinen Hut in den Nacken und runzelte die Stirn. „Ich will Ihnen ja nicht in die Suppe spucken, aber wie kommen Sie darauf, dass das etwas mit Ihren Ermittlungen zu tun hat? Für uns sah das nach einem Routinefall aus!“

„Wir haben uns vor einer halben Stunde mit einem Harley-Fahrer namens Brad Mendoza auf einem Parkplatz ganz hier in der Nähe getroffen.“

Barry Branson atmete tief durch und kratzte sich am Kinn. „Das war auch der Name, der im Führerschein des Verunglückten angegeben war. Der Tote liegt im Krankenwagen. Der Notarzt konnte leider nur noch den Tod feststellen.“

„Die Leiche darf auf keinen Fall abtransportiert werden“, sagte ich bestimmt.

„Sie wollen eine Obduktion durchführen lassen?“

„Falls es nur den geringsten Verdacht eines Fremdverschuldens gibt – ja.“

„Hören Sie, Agent...“

„Trevellian.“

„Wir sind selbst erst vor kurzem hier eingetroffen und konnten gerade mal die Unfallstelle einigermaßen absichern. Zu weiteren Ermittlungen sind wir noch nicht gekommen.“

„Wir werden unsere eigenen Spurensicherer hierher beordern“, kündigte ich an. „Mister Mendoza war ein wichtiger Informant für uns.“

„Sie glauben an einen Mord?“

„Wir müssen diese Möglichkeit jedenfalls ausschließen, bevor wir von einem normalen Verkehrsunfall ausgehen können. Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass ein zweites Fahrzeug an dem Unfallgeschehen beteiligt war?“

Branson zuckte die Schultern. „Sagen wir so: Ausgeschlossen ist das nicht.“

Branson führte uns zu dem Baum gegen den Mendoza gerast war. Er rief einen seiner Leute herbei, die uns den Führerschein brachten, den er bei sich getragen hatte. Außerdem sein Handy und seine Brieftasche.

„Aber was eine Obduktion angeht, glaube ich, die Mühe können Sie sich sparen. Wenn man frontal gegen einen Baum wie diesen rast, dann kann das die schwersten Verletzungen nach sich ziehen.“

Ich blickte mich um.

„Wie haben Sie von dem Unfall erfahren?“, fragte ich an Branson gerichtet. „Schließlich waren Sie ziemlich schnell am Ort des Geschehens, wenn ich das richtig nachrechne...“

„War purer Zufall. Wir befanden uns gerade etwa zehn Minuten von hier auf Streife. Da kam der Anruf aus dem Büro des Sheriffs. Jemand hatte sich dort gemeldet, der das verunglückte Motorrad am Straßenrand liegen sah.“

„Haben Sie die Personalien dieses Fahrers?“

„Ja.“ Er langte zu einem kleinen Block, der aus seiner Jackentasche herausragte und sah darauf nach. „Ein Mister Brian Davis Montgomery aus New Rochelle, New York State, von Beruf Handelsvertreter. Er hat hier gewartet, bis wir eintrafen. Ich habe ihn weiterfahren lassen. Vom eigentlichen Unfallgeschehen hat er nichts mitbekommen und außerdem schien er mir ziemlich fix und fertig zu sein.“

„Dieser Montgomery hat nicht versucht, Mendoza zu helfen, als er ihn gefunden hat?“

Branson schüttelte den Kopf. „Er hielt ihn für tot. Wir haben aber trotzdem den sicherheitshalber Notarzt verständigt. Schließlich wollten wir uns nicht auf die Einschätzung deines Laien verlassen. Ich kann Ihnen sagen, da habe ich schon die dollsten Dinger erlebt...“ 

6

Wir setzten uns telefonisch mit Mr McKee in Verbindung und erstatteten ihm Bericht.

„Bleiben Sie an der Sache dran, bis wirklich ausgeschlossen ist, dass es sich um einen Mord handelt“, ordnete unser Chef an. „So lange das nicht der Fall ist, betrachten wir den Unfall als Teil des Road Killer-Falls.“

„Ja, Sir“, bestätigte ich.

„Sie haben im Übrigen jetzt alle Freiheiten, im Umfeld von Mister Mendoza zu ermitteln – auch was seine mögliche Quelle angeht. Schließlich besteht ja jetzt nicht mehr die Möglichkeit, dass wir ihn in Gefahr bringen.“

Im Verlauf der nächsten zwei Stunden trafen unsere Kollegen Sam Folder und Mell Horster ein. Die beiden Erkennungsdienstler suchten insbesondere nach Spuren eines eventuell vorhandenen zweiten Verkehrsteilnehmers, der an dem Unfallgeschehen beteiligt war.

Bevor der tote Mendoza abtransportiert wurde, durchsuchten wir noch einmal gründlich seine Taschen. Dann nahmen wir uns das Handy vor und überprüften mit Hilfe unseres Online-Anschlusses im Sportwagen die im Menue gespeicherten Nummern.

Es waren viele Nummern von Prepaid-Handys darunter, die sich keinem Vertragsnehmer zuordnen ließen und daher gerne benutzt wurden, wenn der Betreffende in jeder Hinsicht anonym bleiben oder sich vor Abhörmaßnahmen durch die Polizei schützen wollte.

Die Nummer, die er zuletzt angerufen hatte, gehörte einem Handy, dessen Vertrag unter dem Namen Rita Clemente abgeschlossen worden war, wie wir schnell über unseren Rechner im Sportwagen ermitteln konnten.

Die Adresse war interessant.

Sie stimmte mit dem Apartment überein, das Mendoza in Spanish Harlem bewohnt hatte.

„Vielleicht seine Freundin!“, vermutete Milo.

„Wir sollten uns mit ihr unterhalten – ganz gleich, was jetzt bei dieser Untersuchung herauskommt und ob wir es nun mit einem Verkehrsunfall oder einem Mordanschlag zu tun haben.“

Milo stimmte mir in dieser Hinsicht zu.

Aber schon wenig später hatten unsere Erkennungsdienstler herausgefunden, dass es an Mendozas Harley verdächtige Lackspuren gab.

„Wir müssen natürlich genauere Untersuchungen abwarten“, meinte Mell Horster. „Aber es scheint sehr wahrscheinlich zu sein, dass das Motorrad von einem anderen Fahrzeug touchiert wurde und dies die Ursache des Unfalls war.“

„Dann handelt es sich auf jeden Fall um Fahrerflucht“, stellte Milo fest.

„Oder um Mord!“, ergänzte ich. „Vielleicht war Mendoza doch nicht vorsichtig genug. Es ist ihm jemand gefolgt, hat beobachtet, wie er sich mit uns traf und später dafür gesorgt, dass ein Informant ausgeschaltet wird!“

„Bis jetzt ist das noch reine Spekulation, Jesse!“, gab Mell Horster zu bedenken. „Das einzige, was in diese Richtung weist, ist die Lage der Lackspuren. Sie sind auf der rechten Seite des Motorrads.“

Ich hob die Augenbrauen. „Das bedeutet, dass der unbekannte Fahrer Mendozas überholt haben oder es zumindest versucht haben muss!“

Branson schüttelte den Kopf. „Wer so etwas tut, muss wahnsinnig sein! Sehen Sie sich diese Nebelsuppe an! Wer da  überholt, ist doch lebensmüde.“

„Wenn der Unbekannte Mendozas Harley von hinten erwischt hätte, würde man annehmen, dass er ihn im Nebel übersehen hat – aber nicht wenn der Zusammenstoß ganz offensichtlich von der Seite stattfand“, erklärte Mell Horster.

„Der Unbekannte könnte überholt haben und dann plötzlich auf Gegenverkehr gestoßen sein, der ihn zwang sofort wieder auf die linke Fahrbahn zurückzuziehen“, sagte Milo.

„Wir werden die Straße auf Bremsspuren, Reifenprofilen und so weiter untersuchen müssen“, kündigte Mell an.

„Dann sollten wir uns auch noch einmal die Umgebung des Parkplatzes genauer ansehen, auf dem wir uns mit Mendoza getroffen haben“, schlug ich vor. „Wenn es nur ein Unfall mit Fahrerflucht war, werden wir dort kaum etwas finden. Aber wenn es sich um geplanten Mord handelt, dann wird der Täter uns dort wahrscheinlich vorher beobachtet haben!“

7

Für Milo und mich gab es zunächst am Tatort nichts mehr zu tun. So fuhren wir die paar Meilen zurück zu dem Parkplatz, auf dem das kurze Treffen mit Mendoza stattgefunden hatte. Wir stiegen aus.

„Wo könnte sich jemand postiert haben, um uns zu beobachten?“, fragte ich.

Milo deutete mit ausgestrecktem Arm zur Böschung, die die Küstenstraße begrenzte. Dort waren einige Sträucher, hinter denen sich jemand hätte verbergen können. „Versetz dich mal in die Lage eines potentiellen Verfolgers. Er hat gesehen, dass Mendoza auf den Parkplatz abbog. Also wird er seinen Wagen irgendwo in der Nähe abgestellt haben, ist dann zu Fuß bis zur Böschung gegangen und hat uns beobachtet!“

„Sehen wir einfach mal nach, Milo!“

Wir stiegen die Böschung empor und sahen uns an den Stellen um, die uns als geeignete Beobachtungsposten erschienen. An einer Stelle waren Gras und Sträucher niedergetreten. Ein Indiz für die Anwesenheit eines Menschen – mehr aber auch nicht. Hundert Yards entfernt gab es an der dem Meeresufer abgewandten Straßenseite eine Stelle am Straßenrand, wo zweifellos ein Wagen für einige Zeit abgestellt worden war. Wir fanden einen Reifenabdruck und telefonierten mit unseren Erkennungsdienstlern, damit die Spur gesichert werden konnte.

Ich hatte Sam Folder am Apparat.

„Wir haben hier inzwischen auch ein paar Reifenspuren gefunden“, berichtete er mir. „Die Hypothese, dass Mendoza abgedrängt wurde, scheint sich zu erhärten. Es gibt noch ein weiteres interessantes Detail.“

„Und das wäre?“

„Es gibt Anzeichen dafür, dass der Unbekannte keineswegs einfach davon gefahren ist. Er hat auf jeden Fall stark abgebremst und sich vielleicht sogar angesehen, was er angerichtet hat. Aber Genaueres können wir wahrscheinlich frühestens Morgen sagen, wenn wir alle Erkenntnisse ausgewertet haben. Im Moment suchen wir noch nach Fußspuren. Der Täter könnte ausgestiegen sein und sich erst dann zur Fahrerflucht entschlossen haben, als er merkte, dass er einen Menschen auf dem Gewissen hatte!“

8

Es war später Nachmittag, als wir nach New York City zurückkehrten und Mendozas Wohnung in East Harlem aufsuchten. Sie lag im dritten Stock eines Brownstone-Hauses.

Es war ein Haus der mittleren bis unteren Kategorie. Zwar gab es einen funktionierenden Fahrstuhl, aber dafür so gut wie keine Sicherheitsvorkehrungen. Nur im Eingangsbereich befand sich eine Überwachungskamera, wobei ich mich fragte, wer sich deren Bilder überhaupt ansah. Von einem privaten Sicherheitsdienst war nämlichch weit und breit nichts zu sehen.

Wir klingelten an der Wohnungstür und eine junge Frau mit seidigem, bis über die Schultern fallendem, schwarzem Haar und dunklem Teint öffnetet uns.

„Jesse Trevellian, FBI“, stellte ich mich vor und zeigte ihr meinen Dienstausweis. Anschließend deutete ich auf Milo. „Dies ist mein Kollege Agent Tucker. Ich nehme an, Sie sind Rita Clemente?“

„Ja“, nickte etwas irritiert. „Woher kennen Sie meinen Namen und was wollen Sie hier?“

„Es geht um Mister Brad Mendoza.“

„Brad ist nicht hier! Was wollen Sie denn von ihm?“

Es gibt Dinge in unserem Beruf, die niemals zur Routine werden. Dazu gehört es auch, die Nachricht vom Tod eines nahen Angehörigen oder Freundes zu überbringen.

„Er ist heute mit seinem Motorrad verunglückt“, eröffnete ich. „Leider konnte man nichts mehr für ihn tun.“

„Nein!“, flüsterte die junge Frau. Sie schüttelte den Kopf. „Das ist nicht wahr!“

„Leider doch, Miss Clemente“, erwiderte ich.

Tränen glitzerten in ihren Augen. Sie barg das Gesicht in ihren Händen und unterdrückte ein Schluchzen.

„Ich weiß, dass es schwer für Sie sein muss, mit dieser Nachricht konfrontiert zu werden“, begann ich vorsichtig nach einer kurzen Pause das Gespräch wieder aufzunehmen. „Dennoch muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen.“

Sie schluckte und antwortete zunächst nicht. Ihr Blick wirkte glasig.

„Vielleicht können wir dazu zu Ihnen herein kommen“, schlug Milo vor.

Sie nickte geistesabwesend. „Kommen Sie!“, murmelte sie tonlos und führte uns in das Wohnzimmer. Sie ließ sich in einen der Sessel fallen.

Dann blickte Rita Clemente auf. „Wieso interessiert sich das FBI für einen Verkehrsunfall?“, fragte sie. „Da stimmt dich etwas nicht!“

„Sie haben Recht“, bestätigte ich. „Es besteht der Verdacht, dass ein Fahrzeug Mister Mendoza mit seiner Maschine von der Straße abgedrängt hat, sodass er frontal gegen einen Baum raste.“

„Ein Fahrerflüchtiger? So ein Schwein!“

„Wir haben Anhaltspunkte dafür, dass Mister Mendoza von der Fahrbahn gedrängt wurde.“

„Was?“ Sie sah mich fassungslos an. Dann schüttelte sie stumm den Kopf. „Wer tut denn so etwas?“, murmelte sie leise vor sich hin.

„Ich will Sie nicht beunruhigen, aber wir ziehen auch die Möglichkeit in Erwägung, dass dieser Unfall vorsätzlich verursacht wurde.“

„Mord?“, flüsterte sie.

„Mister Mendoza starb, kurz nachdem er sich mit uns getroffen hatte“, eröffnete ich. „Wusste Sie, dass er als Informant für uns tätig war?“

Sie sah mich völlig entgeistert an und schüttelte den Kopf. „Nein, ich hatte keine Ahnung.“

„Das ist auch der Grund dafür, dass wir in dieser Sache ermitteln. Es kann natürlich Zufall sein, dass ein FBI-Informant kurz nach einem Treffen mit uns ermordet wurde. Aber genauso gut besteht die Möglichkeit, dass man mit ihm abgerechnet hat.“

Milo mischte sich jetzt in das Gespräch ein. „Sie wohnten doch hier zusammen, nicht wahr?“

„Ja“, nickte sie.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns etwas umsehen? Wir würden auch einen Durchsuchungsbefehl bekommen, da bin ich mir sicher. Nur würde das unsere Ermittlungen unnötig aufhalten – und ich denke, Sie sind auch daran interessiert, dass der Mörder Ihres Freundes gefasst wird!“

Noch befand sich dieser Fall in einer Grauzone. In einem Mordfall war die Durchsuchung der Wohnung des Opfers Routine, aber noch dies offiziell keine Morduntersuchung.

Sie erhob sich wieder und verschränkte die Arme vor der Brust.

Anschließend wanderte ihr Blick zwischen ihr und Milo zweimal hin und her. Sie nicke schließlich. „Tun Sie Ihre Pflicht“, sagte sie an Milo gerichtet. „Aber bringen Sie nicht zuviel durcheinander.“ Rita Clemente drehte ihr Gesicht in meine Richtung und musterte mich prüfend. „Ich möchte wissen, was los ist! Jede Einzelheit! Ich habe das Gefühl, dass Sie mir das meiste verschweigen – aus welchem Grund auch immer!“

„Ist Ihnen in letzter Zeit irgend etwas Ungewöhnliches an Brad Mendoza aufgefallen?“, fragte ich.

„Nein. Über seine Informantentätigkeit hat nie mit mir darüber gesprochen. Allerdings...“

„Was?“, hakte ich nach.

„Im Nachhinein wird mir jetzt einiges klarer.“

„Was denn zum Beispiel?“

„Zum Beispiel, wie er sich mit dem Geld, das er als Barkeeper verdiente, plötzlich eine Harley leisten konnte...“ Sie schluchzte. „Er bekam Geld von Ihnen, damit er die Gäste des Latin Pop aushorcht oder wie darf ich das verstehen?“

„So viel bekommen Informanten nicht für ihre Dienste!“, widersprach ich. „Die Harley ist ganz sicher ausschließlich den Geschäften zu verdanken, die Brad Mendoza so nebenher laufen hatte. Wissen Sie etwas Genaueres darüber?“

Sie hob das Kinn und schien abzuwägen, ob sie mit mir darüber sprechen sollte.

Milo ging unterdessen ins Schlafzimmer und anschließend in einen weiteren Raum in der Wohnung.

„Miss Clemente, was wissen Sie über die Personen, mit denen Brad Mendoza Geschäfte machte?“, fragte ich inzwischen.

„Gar nichts.“

Ich befragte sie eingehend nach den Lebensumständen, die die beiden geteilt hatten. Rita Clemente gab an, in einem Coffee Shop in der Nähe zu jobben und hin und wieder im Latin Pop als Gogo-Tänzerin auszuhelfen. „Dort habe ich Brad auch kennen gelernt.“

„Wissen Sie etwas über die Geschäfte, die er neben seiner Tätigkeit als Barkeeper so laufen hatte?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. „Er hat mich nie einbezogen.“

„Aber Sie werden doch Ihre Vermutungen gehabt haben! Nun kommen Sie schon! Brad können Sie damit nicht mehr schaden – aber falls er ermordet wurde, könnten wir vielleicht durch einen Hinweis von Ihnen sein Mörder fangen.“

Sie biss sich auf die Unterlippe, war erneut einem Schluchzen sehr nahe und nickte stumm. Ich begann mich zu fragen, wie viel Sinn diese Vernehmung noch hatte.

Rita Clemente konnte den Tod Ihres Freundes offenbar nicht verwinden. „Er sagte mir, dass seine Geschäfte sehr gut gingen“, berichtete sie mit tonloser Stimme. „Wir wollten uns eine bessere Wohnung suchen und die Zukunftsaussichten sahen blendend aus. Jedenfalls habe ich das gedacht...“

„Hat er gedealt?“, fragte ich.

„Nein! Wie können Sie so etwas behaupten?“

„Weil es nahe liegt. In welcher Branche käme man ansonsten so schnell zu Geld?“

„Wer sagt denn, dass Brad schnell zu Geld gekommen ist? Er hat eisern gespart! Eine Harley zu besitzen war der Traum seines Lebens, seit er ein Junge war! Und jetzt hatte er das Geld eben zusammen, was ist dabei?“

„Haben Sie schon mal den Begriff Road Killer gehört?“

Ein Ruck ging durch ihren Körper. Energisch schüttelte sie den Kopf. „Keine Ahnung, was das sein soll!“, behauptete sie. „Ein Computerspiel vielleicht?“ 

Milo kam inzwischen aus dem Nachbarraum zurück. „Ich habe hier ein Telefonregister, das ich beschlagnahmen werde“, kündigte er an.

Ich beugte mich vor. „Road Killer ist die Bezeichnung für einen professionellen Lohnkiller, von dem Brad Mendoza zu wissen glaubte, dass er in New York sei und einen Auftrag angenommen habe.“

Sire schüttelte energisch den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich von diesen Dingen etwas wüsste? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass Brad mich nie in seine Geschäfte einbezogen hat! Warum glauben Sie mir nicht? Fragen Sie besser seine Kumpels, mit denen er herumhing. Ich kann Ihnen gerne Namen und Adressen geben!“

„Aber gerne!“

„Allerdings finde ich es unmöglich, dass Sie ihn mit irgendwelchen Geschichten von Lohnkillern in Verbindung bringen. Brad hat immer nur seine Arbeit gemacht. Und zwar gut!“

„Das ist durchaus möglich, Miss Clemente. Aber wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen.“

Ich war überzeugt, dass sie mehr wusste.

Sie wich meinem Blick aus.

Ich reichte ihr meine Karte. „Wenn Sie es sich doch noch anders überlegen oder Ihnen etwas einfällt, das wichtig sein könnte, dann rufen Sie mich bitte an.“

Sie antwortete darauf nicht, steckte meine Karte zwar weg, würdigte sie aber keines Blickes.

„Danke“, sagte sie tonlos.

„Die Leute, mit denen Ihr Freund zu tun hatte, verstehen keinen Spaß“, versuchte ich ihr klar zu machen. „Sie könnten auch in Gefahr sein, bedenken Sie das!“

„Ich bin in der South Bronx aufgewachsen. Da lernt man auf sich selbst aufzupassen!“

Ich wollte noch etwas erwidern, aber Milo schüttelte den Kopf, so als wollte er mir signalisieren, dass es keinen Sinn hatte, Rita Clemente zu überzeugen. Noch nicht.

9

Am nächsten Morgen fanden wir uns zur Besprechung im Büro von Assistant Director Jonathan D. McKee ein. Mandy, die Sekretärin unseres Chefs, versorgte uns mit ihrem vorzüglichen Kaffee.

Außer Milo und mir nahmen noch die Agenten Clive Caravaggio und Orry Medina, sowie die Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell teil.

Max Carter aus der Fahndungsabteilung des Innendienstes gab uns einen Überblick über den Stand der Fahndung nach dem Road Killer.

„Wir wissen, dass dieser Mann das Motorrad als Verkehrsmittel bevorzugt“, erklärte er. „Außerdem wissen wir, dass er eine Vorliebe für Explosiv-Geschosse hat, die mit Hilfe speziell umgerüsteter Handfeuerwaffen abgefeuert werden. In mindestens einem Fall benutzte er Abschussvorrichtungen, die in den Lenker seines Motorrades integriert waren.“

Max Carter betätigte den Beamer seines Laptops und projizierte damit ein Foto an die Wand. Es war die recht grobkörnige Aufnahme von einem Motorradfahrer. Einzelheiten waren darauf nicht zu erkennen.

„Diese Aufnahme entstand in einem Parkhaus in Washington,  durch eine Überwachungskamera. Sie sehen, dass man nicht viel darauf erkennt. Immerhin können wir Rückschlüsse auf die Körpergröße des Road Killers schließen. Er muss um die ein Meter achtzig sein.“

„Ein Merkmal, dass er leider mit knapp der Hälfte der männlichen US-Bevölkerung über 18 Jahre teilt!“, warf Clive Caravaggio ein, der nach Mr McKee der zweite Mann in der Hierarchie unseres Field Office war.

Max zoomte das Lenkrad näher heran. Mit dem Laserpointer markierte er ein Rohr, das auf den ersten Blick wie ein Teil des Lenkrades wirkte. „Die Experten aus der FBI-Zentrale halten dies für die Abschussvorrichtung. Diese Aufnahme ist vier Jahre alt und entstand kurz nachdem der Road Killer Jennifer Gregory, eine Bundesanwältin samt ihren Personenschützern ermordete, als sie in ihren Wagen steigen wollte. Die abgeschossene Brandgranate war mit einem Napalmähnlichen Stoff bestückt und verwandelte einen Teil des Parkhauses in eine Feuerhölle. Da gab es kein Entkommen.“

„Der Road Killer scheint es bedenkenlos in Kauf zu nehmen, wenn Unbeteiligte getroffen werden“, stellte Mr McKee fest.

„Ich frage mich, wie man mit einem Motorradlenker zielen kann!“, wandte unser indianischer Kollege Medina ein.

Max nickte. „Du sprichst ein Problem an, dass auch die Experten in Washington schon beschäftigt hat“, erklärte Max Carter. „Wir nehmen an, dass die Abschussvorrichtung mit einem elektronischen Helmdisplay verbunden ist und der Schütze auf diese Weise sehr treffsicher agieren kann. Im Übrigen hat der Täter durchaus ganz gewöhnliche Morde mit einer Schalldämpferwaffe begangen. In einem Fall benutzte er sogar eine Drahtschlinge. In dieser Hinsicht scheint er nicht festgelegt zu sein – genauso wenig wie er wahrscheinlich immer wieder ANDERE Maschinen benutzte. Nur in einem blieb er sich treu.“

„Und das wäre?“, fragte Mr McKee.

Max wandte den Kopf in Richtung unseres Chefs. „Er scheint einen sehr rutschfesten Reifentyp mit tiefem Profil zu bevorzugen, der normalerweise bei Motorradrallyes zum Einsatz kommt. Wir konnten bei verschiedenen Morden, die wir dem Road Killer zuschreiben, Reifenprofile dieses Typs sichern. Ich habe bereits veranlasst, dass systematisch nach Personen gesucht wird, die solche Reifen bestellt und gekauft haben.“

„Der Road Killer wird nicht so dumm sein, sich das Zubehör für seine Maschine irgendwo zu besorgen, wo er auffallen könnte“, war Clive überzeugt.

„Andererseits ist er mit Sicherheit auf technische Unterstützung angewiesen“, gab Max zu bedenken. „Die Herkunft der Explosiv-Munition ist etwas, was möglicherweise am ehesten zu ihm führt. Schließlich braucht er regelmäßig Nachschub und wir vermuten, dass es sich um speziell nach seinen Wünschen angefertigte Spezialmunition handelt. Die Wirkung war bei den bisherigen Mordanschlägen, die wir ihm zur Last legen, sehr unterschiedlich. Mal verwendete er panzerbrechende Projektile, ein anderes Mal Brandgranaten.“

„Offenbar bereitet er sich sehr gründlich vor“, stellte Clive fest. „Je nach dem, was für einen Job er zu erledigen hat. Aber gerade über die Herkunft der Munition müsste man doch an Kerl herankommen!“

„Er hat offensichtlich ein Team von Helfern im Hintergrund, auf die er sich absolut verlassen kann“, sagte Max. „Die andere Möglichkeit wäre, dass er selbst technisch außerordentlich vielseitig begabt ist.“

„Für den viel versprechendsten Ansatz, um an den Road Killer heranzukommen, halte ich immer noch Ermittlungen in Mendozas Umfeld“, meinte ich. „Unser Informant muss seine Neuigkeiten ja schließlich irgendwo her haben. Er hätte es auch kaum riskiert, uns etwas anzubieten, was nicht Hand und Fuß hat.“

„Wir haben das Handy inzwischen im Labor untersucht und eine Liste der Personen zusammengestellt, die zu den im Menue gespeicherten Nummern gehören. Außerdem gibt es da noch das Telefonregister, das Jesse und Milo uns mitgebracht haben. Dort finden sich vor allem Nummern von persönlichen Freunden und Bekannten. Einer davon heißt Gary Bento und ist dafür bekannt, dass er der Mann fürs Grobe bei Murray Zarranoga ist!“

Zarranoga war eine bekannte Größe im Heroin-Handel in Spanish Harlem. Es war durchaus möglich, dass Gary Bento der Kanal war, über den Mendoza seine Informationen über den Road Killer bekommen hatte.

„Es kommt in letzter Zeit immer wieder der Verdacht auf, dass ein fremdes Syndikat die etablierten Drogenanbieter verdrängen will. Vor allem auf dem Heroinmarkt“, berichtete Jay Kronburg. „Es liegt doch nahe, dass dieses Syndikat einen Super Hitman engagiert hat, um hier in New York richtig aufzuräumen.“

„Oder jemand wie Zarranoga streut ganz bewusst solche Gerüchte, um seine Konkurrenz zu verunsichern“, bot Mr McKee eine andere Erklärung. Er wandte sich an Milo und mich. „Sprechen Sie mit diesem Bento. Was Zarranoga angeht, werden Sie da kein Glück haben.“

„Weshalb?“, fragte ich.

„Weil Murray Zarranoga von den Kollegen der DEA gestern Abend verhaftet wurde. Staatsanwalt Thornton hat offenbar genug Beweismaterial, um eine Anklage vorbringen zu können. Heute Mittag ist die Kautionsverhandlung. Ich würde mich sehr wundern, wenn Zarranoga als freier Mann das Gerichtsgebäude verlässt!“ Der Assistant Director in Charge wandte sich an die Anderen. „Die Suche nach dem Road Killer wird eine Sisyphos-Arbeit werden, dass kann ich Ihnen jetzt schon versprechen. Aber je mehr Merkmale wir über ihn kennen, desto engmaschiger wird das Netz werden, dass wir über ihn werfen. Und was wir wissen, ist nicht wenig! Ein Mann mit derart erstaunlichen technischen Fähigkeiten, der darüber hinaus ein exzellenter Motorradfahrer ist, müsste doch zu identifizieren sein.“

Im Anschluss bekam Agent Sam Folder das Wort, um die Erkenntnisse über den Unfall zusammenzufassen. Es klopfte an der Tür. Mit etwas Verspätung traf Dr. Brent Claus, ein Gerichtsmediziner im Dienst des Coroners, ein. Er hatte noch am Abend die Obduktion durchgeführt. Entsprechend übernächtigt wirkte er jetzt.

Mandy servierte ihm einen dampfenden Becher ihres vorzüglichen Kaffees.

„Die Tatort-Analyse ergab, dass Brad Mendoza von der Fahrbahn abgedrängt wurde“, erklärte Sam Folder. Am Vortag hatte das noch wie eine Möglichkeit geklungen. Jetzt stand es offenbar definitiv fest. „Wir haben entsprechende Reifenspuren gefunden, die dazu passen. Der Bereifung nach handelt es sich höchst wahrscheinlich um einen Geländewagen. Die am Motorrad gefundenen Lackspuren werden noch genauer untersucht, da müssen wir noch abwarteten.“ Sam wandte den Blick in meine Richtung. „Das Reifenprofil, das wir in der Nähe eures Treffpunkts gesichert haben, ist übrigens mit dem identisch, das am Unfallort vorhanden war.“

„Das bedeutet, es war keine Fahrerflucht, sondern Mord!“, stellte ich fest.

Sam Folder wollte mir in dieser Einschätzung noch nicht zu hundert Prozent folgen, gab mir im Prinzip aber Recht. „Es spricht zumindest jetzt sehr viel dafür, dass jemand Mendoza gefolgt ist, das Gespräch mit euch beobachtetet hat und Mendoza später von der Straße abdrängte. Wir wissen aber noch mehr! Das Tatfahrzeug hielt am Unfallort an und es ist sehr wahrscheinlich sogar jemand ausgestiegen. Wir haben einen Schuhabdruck der Größe 44 gefunden. Es handelt sich um den Abdruck eines Cowboy-Stiefels.“

Jetzt meldete sich Dr. Brent Claus zu Wort.

„Das passt haargenau zu den Ergebnissen meiner Obduktion, die ich mir bislang nicht erklären konnte!“, berichtete der Gerichtsmediziner.

Mr McKee wandte den Blick in Claus’ Richtung. „In wie fern?“

Dr. Claus hob die Augenbrauen. „Habe ich jetzt bereits das Wort oder ist von Ihrer Seite noch etwas Abschließendes zu bemerken, Agent Folder?“

„Nur zu, ich bin gespannt, was Sie dazu zu sagen haben“, sagte Sam.

Dr. Claus holte eine Mappe aus seiner Aktentasche und legte sie auf den Tisch.

„Dies ist der vorläufige Obduktionsbericht. Mister Mendoza erlitt durch den Aufprall seines Motorrads gegen einen Baum schwere Verletzungen. Insbesondere waren beide Beine in Höhe des Oberschenkels gebrochen – Verletzungen, die üblicherweise durch den Lenker hervorgerufen werden. Er hatte außerdem eine stark blutende Wunde am Oberschenkel. Darüber hinaus Prellungen an Brust und Schultern durch den Aufprall. Der Kopf war durch den Helm geschützt, aber der Fahrer erlitt dennoch eine schwere Gehirnerschütterung und ein Schulter-Hals-Trauma.“

„Aber Sie gehen davon aus, dass er noch gelebt hat“, schloss Mr McKee.

Dr. Claus nickte.

„Mendoza hat auf jeden Fall noch gelebt. Aber er erhielt mindestens zwei Schläge mit einem stumpfen Gegenstand gegen Oberkörper und Hals. Letzterer war tödlich. Es gibt für mich keinen Zweifel, dass Mister Mendoza ermordet wurde!“

10

Die gepanzerte, schneeweiße und überlange Limousine bog von der First Avenue in die East 114th Street. Rechts befanden sich die Grünanlagen des Jefferson Park, links eine Front von Apartmenthäusern der besseren Sorte.

Keines von ihnen hatte jedoch mehr als zehn Stockwerke.

Murray Zarranoga steckte sich seine dicke Havanna in den Mund, während der Wagen gegenüber der der Hausnummer 34 hielt. Hier residierte Zarranoga. Das Penthouse sowie zwei darunter liegende Stockwerke gehörten ihm. Insgesamt etwas mehr als 350 Quadratmeter, was für New Yorker Verhältnisse  schon in die Kategorie unverschämt fiel.

Zusammen mit Zarranoga saßen noch mehrere Leibwächter sowie sein Anwalt, ein gewisser William T.S. Williamson, im Wagen.

Williamson war einer der gewieftesten Strafverteidiger der Ostküste.

Der Wagen hielt. 

„Einen Augenblick noch!“, meinte Zarranoga, der gar nicht daran dachte auszusteigen. „Dies ist zwar angeblich ein freies Land, aber der eigene Wagen ist leider einer der wenigen Orte, an denen man in New York noch unbehelligt eine Zigarre rauchen kann!“, dröhnte sein Bass.

Er ließ die Zigarre aufglühen und blies Williamson den Rauch ins Gesicht. „Ich möchte Ihnen gratulieren, Mister Williamson“, sagte er. „Ich habe ehrlich gesagt schon gedacht, bis zum Prozess auf Rikers Island residieren zu müssen!“

„Um ehrlich zu sein, hatte ich kaum noch Hoffnung, die Kaution durchzubekommen!“, gestand der Anwalt. „Wir haben einen milden Richter an einem günstigen Tag erwischt – aber glauben Sie nicht, dass in der eigentlichen Verhandlung sich auch alles so leicht in Wohlgefallen auflösen wird!“

Zarranoga schnippste mit den Fingern. „Wie auch immer, für heute haben wir auf ganzer Linie gesiegt und das ist Ihr Verdienst. Ich zahle Ihnen einen Extra-Bonus und lade Sie außerdem noch zu einer Flasche Champagner ein.“

„Danke, Mister Zarranoga. Ich wäre allerdings dafür, dass wer uns möglichst schnell treffen, um die weitere Verteidigungsstrategie zu besprechen.“

Zarranoga grinste.

„Tun Sie einfach, was Sie für richtig halten, Mister Williamson. Sie scheinen da den richtigen Riecher zu haben, was unsere juristische Strategie angeht!“

„Es kommt vor allem darauf an, zu beweisen, dass die Gegenseite ihre Beweismittel auf gesetzeswidrige Weise erlangt hat. Andernfalls werden Sie sich auf sechs bis zwölf Jahre einstellen müssen.“

Zarranoga seufzte.

Sein Blick wirkte nachdenklich.

„Wenn es gar nicht anders geht, machen wir einen Deal und ich zaubere denen jemanden als Kronzeuge auf den Tisch, nach denen sich dieser Thornton die Finger lecken wird!“

Williamson lehnte sich zurück. „Darauf würde ich nicht setzen, Mister Zarranoga. Dieser Staatsanwalt - Thornton - dürfte nicht gut auf Sie zu sprechen sein, nachdem wir die Kautionsverhandlung für uns entschieden haben...“

Zarranoga zuckte die Schultern.

„Was heißt schon für uns entschieden? Ich musste meinen Pass abgeben, darf New York nicht verlassen und musste fünf Millionen Dollar hinterlegen. Na ja, hätte schlimmer kommen können.“

Ihm schmeckte plötzlich die Havanna nicht mehr. Er ließ das Fenster herunter und warf sie einfach hinaus über den Bürgersteig bis zu den ersten Sträuchern des Jefferson Parks.

„Wenigstens in den kleinen Dingen sollten Sie sich bis zum Prozess an die Gesetze halten“, riet Williamson. „Sonst laufen Sie der Null-Toleranz-Politik unseres Bürgermeisters in die Arme!“

Aber Zarranoga machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Immer schön locker bleiben! Mein Fahrer bringt Sie zu Ihrer Kanzlei, Mister Williamson. Ich bin überzeugt davon, dass Ihnen eine Strategie einfallen wird, um mich mit Pauken und Trompeten raus zu hauen!“

„Sie sind ein Optimist, Mister Zarranoga!“

Zarranoga grinste breit. „Sie nicht? Bis zur Hauptverhandlung ist ja auch noch ein bisschen Zeit, da kann man ja vielleicht noch den einen oder anderen Zeugen der Anklage davon überzeugen, dass es besser ist, sich alles noch mal genau zu überlegen...“

„Davon will ich gar nichts wissen, Mister Zarranoga!“

„Wie auch immer. Ich rufe Sie an.“

Die Leibwächter stiegen daraufhin aus. Einer öffnete Zarranoga die Tür. Der große Boss quälte sich aus der Stretchlimousine und rückte seine Krawatte zurecht.

In diesem Moment kam ein Motorrad von der Pleasant Avenue in die East 114th Street eingebogen. Der Motor heulte auf.

Das Motorrad bremste kurz in Höhe der Limousine.

Aus dem präparierten Lenker schoss etwas heraus und ehe Zarranogas Leibwächter etwas unternehmen konnten, explodierte der Wagen und eine Feuersbrunst breitete sich rasend schnell über den Boden aus. Ein zweites und ein drittes Explosivgeschoss folgten, anschließend drehte der Motorradfahrer das Gas voll auf. Das Vorderrad stieg kurz hoch, dann brauste er auf die First Avenue zu und bog dort nach links in Richtung Carnegie Hall ein.

11

Jenseits der Third Avenue änderte die East 122nd Street ihren Namen in Ron E. McNair Plaza. Dort war Garry Bentos letzte bekannte Adresse. Vor einem halben Jahr war die Bewährung abgelaufen, die er im Zusammenhang mit einer Verurteilung wegen Körperverletzung bekommen hatte. Bis dahin hatte er sich regelmäßig auf dem zuständigen Revier der City Police und bei seinem Bewährungshelfer melden müssen. Aber seitdem hatten beide nichts mehr von ihm gehört.

Haus Nummer 245 war ein etwas heruntergekommener Brownstone-Bau, der aussah, als wäre er ursprünglich mal als Lagerhaus konzipiert gewesen.

Ich stellte den Sportwagen an den Straßenrand.

An der Tür stellten wir fest, dass an den meisten Klingeln die Namensschilder fehlten.

Wahrscheinlich war die Fluktuation der Bewohner so groß, dass es nicht lohnte, die Schilder auf den neuesten Stand zu bringen. Schmierereien verunzierten die Wände.

Der Aufzug funktionierte nicht. Gary Bentos Wohnung lag im vierten Stock und trug die Nummer 34 D.

Schließlich erreichten wir die Wohnungstür. GAR BEN stand noch auf dem Namensschild. Der Rest der Buchstaben war nur noch als blasse Abdrücke erkennbar. Anstatt einer Klinge schaute einem ein Kabelende entgegen.

Ich klopfte.

„Mister Gary Bento? Hier spricht das FBI! Bitte machen Sie die Tür auf.“

Milo und ich traten zur Seite, um nicht getroffen zu werden, falls von der anderen Seite jemand mit seiner Waffe einfach auf die Tür feuerte. Leider kam das hier immer wieder vor und zwar selbst aus relativ nichtigen Anlässen.

Zunächst erfolgte keine Reaktion.

Milo griff bereits zur Dienstwaffe.

„Mister Bento! Hier spricht das FBI!“, wiederholte ich. „Wenn Sie die Tür nicht aufmachen, sind wir gezwungen, uns gewaltsam Eintritt zu verschaffen!“

„Un momento, por favor!“, rief eine Männerstimme.

Daraufhin war zu hören, wie jemand die Tür aufschloss.

Ein Mann in den Sechzigern mit schütterem Haar stand vor uns. Er trug eine verblichene Jeans und ein ärmelloses Unterhemd. Tätowierungen waren auf den Oberarmen zu sehen. Vor allem Tiger und Totenköpfe in unterschiedlichen Kombinationen und Größen.

Ich hielt ihm meinen Ausweis unter die Nase. Dass es sich nicht um Bento handelte, war schon vom Alter her klar. Außerdem hatten wir Fotos von ihm auf dem Computerschirm gesehen.

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wir suchen Mister Gary Bento.“

„Buenos Dias, Senores!“

„Sprechen Sie Englisch?“

„Un poco. Mein Name ist Jaime Bento, ich bin Garys Onkel. Was wollen Sie von ihm? Hat er wieder etwas – como se dice? – angestellt?“

„Nein, wir haben nur ein paar Fragen an ihn. Können wir kurz hereinkommen?“

„Por qué no? Venga! Kommen Sie! Wenn Sie wollen, mache ich Ihnen einen Café con leche.“

„Nein, danke, wir sind gleich wieder weg“, erwiderte ich.

Wir folgten Jaime Bento ins Wohnzimmer. Die Fensterfront war zu einem ziemlich schmuddeligen Hinterhof ausgerichtet, der von Brownstone-Bauten eingerahmt wurde. Es gab nur eine schmale Ausfahrt, die gerade reichte, um sie mit einem Fahrzeug zu passieren.

„Gary ist nicht hier“, sagte Jaime Bento.

„Wann kommt er zurück?“, fragte ich.

„Er wohnt nicht mehr hier.“

„Seit wann?“, fragte Milo.

„Seit etwa drei Wochen. Er hat etwas Besseres gefunden und wohnt jetzt Ecke Lexington Avenue und East 111th Street bei seiner Freundin und ich konnte diese Wohnung hier übernehmen.“

„Wie heißt diese Freundin?“

„Maria Delgado. Aber warum wollen Sie das alles wissen? Ich weiß, dass Gary Probleme mit der Justiz hatte, aber er hat sich an seine Bewährungsauflagen strikt gehalten!“

Während Milo Jaime Bento befragte, ging ich zur Fensterfront. Ein Geländewagen mit einem so genannten Kuhfänger vor dem Kühlergrill, geriet jetzt in mein Blickfeld. Die breiten Reifen fielen mir auf.

„Ist das Ihr Wagen, Mister Bento?“, fragte ich.

Er trat neben mich und zuckte die Schultern. „Sí, Senor!“

„Ich möchte mir den mal ansehen, Mister Bento. Haben Sie etwas dagegen?“

Er sah mich irritiert an. Sein Kinnladen fiel herunter.

„Warum wollen Sie das?“

„Das sage ich Ihnen, wenn ich ihn mir angesehen habe.“

„Jesús y Maria! Ich habe nichts getan, das schwöre ich!“

12

Jaime Bento zog sich ein Hemd über. Wir gingen mit ihm zusammen in den Hinterhof. Ein paar überquellende Müllcontainer und ein Haufen gebrauchter Reifen waren dort zu sehen. Ein paar Jugendliche spielten Basketball mit einem Korb, der an einer der Mauern befestigt war.

Ich sah mir die rechte Seite des Wagens an. Es waren ein paar kleinere Macken im Lack zu erkennen. Auf der Rückbank lag ein Baseballschläger.

„Fährt diesen Wagen außer Ihnen noch jemand?“, fragte ich.

„Gary leiht ihn sich manchmal aus. Ich habe zurzeit keinen Führerschein. Wurde mir wegen Trunkenheit am Steuer weggenommen. Dafür, dass Gary mich manchmal herumkutschiert, darf er sich ab und zu den Wagen ausleihen.“

„Auch gestern?“

„Sí! Er wollte mit einem Kumpel eine Spritztour machen.“

„Wissen Sie wohin?“

„No sé, Senor! Keine Ahnung.“

„Wie hieß der Kumpel, mit dem Gary unterwegs war?“

„Weiß ich nicht. Der Typ war groß und hatte eine Baseballmütze mit der Aufschrift WINNER. Mehr weiß ich nicht.

„Fassen Sie das Fahrzeug bitte nicht mehr an, Mister Bento. Wir werden es kriminaltechnisch untersuchen lassen müssen.“

Jaime Bentos Gesicht wirkte fassungslos. „Was hat Gary getan?“

„Das wollen wir gerade herausfinden.“ Ich griff zum Handy, um das Field Office zu verständigen.

Ich hatte Mr McKee am Apparat und berichtete ihm, dass wir sehr wahrscheinlich das Fahrzeug gefunden hatten, mit dem unser Informant umgebracht worden war.

Dabei erfuhren wir wichtige Neuigkeiten.

„Vor einer Stunde ist Murray Zarranoga umgebracht worden“, berichtete Mr McKee. „Clive und Orry sind bereits am Tatort. Erste Zeugenaussagen und die Umstände der Tat deuten auf einen Anschlag des Road Killers hin. Sehen Sie zu, dass Sie Gary Bento auftreiben! Er war schließlich Zarranogas Mann fürs Grobe und wenn er möglicherweise an Mendozas Ermordung beteiligt war, besteht da eine deutliche Verbindung zu Zarranogas Tod und dem Road Killer!“

„Ja, Sir! Angesichts der Aussage seines Onkels, dass Gary den Wagen gestern benutzt hat, dürfte ein Haftbefehl doch kein Problem sein.“

„Ich kümmere mich darum, Jesse. Sobald ich das Okay des Richters habe, rufe ich Sie kurz an. Und falls das nicht mehr rechtzeitig klappt, gehen wir davon aus, dass Gefahr im Verzug ist.“

Wenig später trafen Kollegen der City Police ein, um den Geländewagen zu sichern. Die eigentlichen Untersuchungen übernahmen diesmal nicht unsere eigenen Erkennungsdienstler, sondern die Beamten der Scientific Research Division, die ihren Sitz in der Bronx und damit den kürzeren Weg hatte.

So konnten wir uns um Gary Bento kümmern.

Wir fuhren zu dem Apartmenthaus an der Ecke Lexington Avenue und East 111th Street, nachdem die Kollegen eingetroffen waren.

Den Sportwagen stellten wir in der Nähe ab.

Wenig später standen wir vor dem Apartmenthaus, in dem Gary Bento jetzt wohnte. Sein Name war bei den Klingeln nicht zu finden. Offenbar lief die Wohnung unter dem Namen seiner Freundin.

Maria Delgado wohnte im achten Stock. Ich klingelte an einem der anderen Namen. Ein Mann meldete sich über die Sprechanlage.

„Wer ist da?“, fragte eine weibliche Stimme.

„FBI. Machen Sie bitte die Tür auf.“

„Wir wollen nicht zu Ihnen, sondern zu jemand anderem im Haus“, ergänzte Milo.

Die Tür wurde geöffnet. Wir begaben uns in den achten Stock. Der Fahrstuhl funktionierte glücklicherweise.

Milo klingelte an der Wohnungstür von Maria Delgado.

Eine junge Frau mit dunklen Haaren öffnete uns nur einen Spalt weit. Eine Vorhängekette ließ sie jedoch noch in ihrer Halterung.

Ich hielt ihr meinen Ausweis hin. „Miss Maria Delgado? Wir haben ein paar Fragen an Sie. Öffnen Sie bitte die Tür.“

„Einen Moment!“

„Nein, sofort!“

Sie sah sich um und schien aus den Augenwinkeln heraus zu jemand anderem im Raum zu blicken. Dann schloss sie die Tür. Als sie dann wieder öffnete, drängte ich sie mit der Waffe in der Hand zur Seite.

„Was fällt Ihnen ein?“, rief sie.

„Wir suchen Mister Gary Bento!“, sagte ich.

„Er ist nicht hier!“, behauptete sie. „Wie kommen Sie überhaupt dazu, in meine Wohnung einzudringen, haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“

„Den brauchen wir in diesem Fall nicht!“, sagte Milo.

Ein Geräusch drang aus dem Nebenraum. Mit der Waffe in der Hand stürmte ich durch den kleinen Eingangsraum ins Wohnzimmer. Ich sah gerade noch, wie sich jemand über die Brüstung des zur Rückfront ausgerichteten Balkons schwang.

Ich setzte nach, erreichte einen Moment später die halb offen stehende Balkontür und rannte hinaus. Mit der Dienstwaffe in beiden Händen beugte ich mich über die Brüstung.

Gary Bento war durch seinen Sprung auf einem Absatz der Feuertreppe gelandet.

„FBI! Stehen bleiben und keine Bewegung!“, rief ich.

Bentos Griff ging unter seine aufgeplusterte Steppjacke, wo der Griff einer Pistole aus dem Hosenbund herausschaute.

„Versuchen Sie das nicht!“, warnte ich ihn.

Wie erstarrt stand er da, die Hand am Pistolengriff.

Er zögerte und begriff erst nach ein paar endlos langen Augenblicken, dass sein Spiel aus war. Er hatte keine Chance, die Waffe herauszureißen, bevor ich abdrückte. Und darauf zu hoffen, dass ich daneben traf, war angesichts der geringen  Entfernung auch nicht gerade viel versprechend.

Bento atmete tief durch und hob schließlich die Hände.

„Okay, Sie haben gewonnen!“, sagte er.

13

Ein paar Minuten später saß er in Handschellen in Maria Delgados Wohnzimmer und wartete darauf, von unseren Kollegen zum Field Office gebracht zu werden.

„Sie haben das Recht zu schweigen, Mister Bento“, belehrte ich ihn. „Falls Sie von diesem Recht keinen Gebrauch machen, kann alles, was Sir von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden.“

„Sie können mich mal!“, fauchte er. „Ich habe meine Strafe abgesessen und alle Bewährungsauflagen erfüllt!“

„Ja, das mag sein. Aber gestern starb Ihr Bekannter Brad Mendoza. Ein Wagen drängte ihn mit seinem Motorrad von der Fahrbahn ab. Er blieb schwer verletzt liegen und wurde anschließend mit einem Baseballschläger traktiert, bis er starb.“

Gary schluckte.

„Was habe ich damit zu tun?“

„Wir haben das Tatfahrzeug bei Ihrem Onkel sichergestellt und er hat angegeben, dass Sie gestern damit gefahren sind!“, mischte sich Milo ein.

„Ist das wahr?“, fragte jetzt Maria Delgado. Ihre Augen wurden schmal. „Es verdad?“, wiederholte sie aufgebracht.

„Sprechen Sie jetzt bitte nicht Spanisch!“, wies ich sie an.

Maria Delgado atmete tief durch. „Mit Mord will ich nichts zu tun haben, Gary, hörst Du? Nada!“

„Ich habe niemanden umgebracht!“, zeterte Gary.

„Wir haben den Wagen und den Baseballschläger. Unsere Kollegen von der Scientific Research Division arbeiten daran. Sie sichern Spuren, Fingerabdrücke, Blutspuren, die so winzig sind, dass kein Mensch die mit bloßem Auge erkennen könnte; außerdem Lackreste des Motorrads und so weiter und so fort“, erläuterte ich. „Sie können davon ausgehen, dass wir am Ende ganz genau wissen, was sich abgespielt hat und falls Sie etwas gestehen wollen und dadurch auf Strafnachlass hoffen, dann sollten Sie das zu einem Zeitpunkt tun, da Sie uns noch etwas Neues anbieten können und nicht erst dann, wenn wir ohnehin schon alles wissen!“

„Vielleicht es tatsächlich besser, er spricht erst mit einem Anwalt“, sagte Milo. „Ich meine, wenn wir ihn nicht überzeugen können, wird er ja vielleicht seinem Rechtsbeistand glauben.“

„Du hast mir gesagt, es sei nur um irgendein kleines Geschäft gegangen!“, meinte Maria vorwurfsvoll.

Gary Bento schüttelte den Kopf. Er wirkte verzweifelt.

„Ich habe niemanden getötet, das musst du mir glauben!“, rief er. „Hörst du, Maria!“

„Aber Sie waren gestern mit dem Geländewagen Ihres Onkels auf der Küstenstraße Richtung Stamford, Connecticut unterwegs!“, stellte ich fest. „Kommen Sie, muss man Ihnen alles aus der Nase ziehen? Sie haben garantiert Spuren im Wagen hinterlassen. Wir werden es Ihnen haarklein beweisen können! Sie waren im Wagen und der Wagen war am Tatort. Was brauchen die Geschworenen mehr?“

„Das ist dich nicht Ihr Ernst!“, zeterte Bento.

„Doch das ist es!“, widersprach ich.

„Aber Mendoza lebte noch nach dem Unfall, den Sie vorsätzlich verursacht haben“, ergänzte Milo. „Sie gingen zu ihm hin und schlugen ihn tot!“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen. Gary Bento stierte uns fassungslos an.

Er schluckte.

„Das war ich nicht!“, beteuerte er schließlich. „Da war Rick!“

„Wie heißt dieser Rick weiter?“, fragte ich.

„Rick Chaves. Er arbeitet im Latin Pop als Türsteher! Manchmal hat er auch einen kleinen Job für mich.“

„Was für Jobs?“, fragte ich.

„Na, Geschäfte halt. Kleine Deals oder Aufträge.“

„Von Murray Zarranoga?“

„Ja, auch von dem!“

Ich setze mich in einen der Sessel. „Trägt dieser Rick Chaves zufälligerweise eine Mütze mit der Aufschrift WINNER?“

Gary Bento nickte. „Ja, die trägt er! Ich schwöre – er hat mit dem Baseballschläger Brad Mendoza den Rest gegeben.“

„Wer hat Ihnen den Auftrag gegeben, Mendoza zu folgen?“, fragte ich.

„Rick sagte, dass Mister Zarranoga das so wollte. Sein Wagen war in der Werkstatt, deswegen wollte er, dass wir den von meinem Onkel nehmen.“

„Sie haben Mendoza verfolgt – bis zu dem Parkplatz, wo er sich mit uns getroffen hat.“

Gary Bento zögerte mit seiner Antwort. Er schien langsam zu ahnen, dass wir ohnehin den Großteil der Geschichte bereits ermittelt hatten und wog jetzt wohl ab, ob es besser war, wenn er versuchte noch etwas zu verheimlichen.

„Ja“, gab er schließlich zu. „Rick meinte, dass Brad Mendoza schon länger unter Verdacht stünde, ein Verräter zu sein, aber dass Zarranoga sicher gehen wollte. Ich konnte das allerdings nicht glauben. Schließlich kannte ich Brad ganz gut. Aber, was wir auf dem Parkplatz sahen, war eindeutig. Allerdings vermutete Mister Zarranoga eher, dass Brad für ein fremdes Syndikat arbeitete, das zurzeit versucht, den Heroinhandel in New York zu übernehmen! Dass Sie beide FBI-Agenten sind, begreife ich erst jetzt!“

„Hatte Sie von Anfang an den Auftrag, Brad Mendoza umzubringen, falls sich der Verdacht, dass er ein Verräter ist, bestätigen sollte?“, fragte Milo.

Gary schüttelte energisch den Kopf. „Es ist möglich, dass Rick den Auftrag hatte. Ich selbst wusste von nichts. Ich war nur dabei, um Rick zu helfen und habe getan, was er gesagt hat. Als Brad sich auf den Rückweg machte, haben wir uns an die Verfolgung gemacht und dann hat Rick mir ins Lenkrad gegriffen, als ich versuchte, das Motorrad zu überholen.“

Ich lächelte dünn. „Was diesen Punkt angeht, sollten Sie Ihre Aussage noch mal überdenken.“

„Es ist die Wahrheit!“

„Für mich klingt das wie eine Schutzbehauptung. Aber so leicht werden Sie aus der Sache nicht herauskommen. Versuchter Mord war allein schon das Abdrängen von der Straße. Mit viel Glück und geschickten Anwälten vielleicht versuchter Totschlag. Aber das hängst auch davon ab, was Ihr Freund Rick zum Sachverhalt sagt und welche Version am Ende in der Lage ist, eine Jury zu überzeugen. Und ehrlich gesagt glaube ich eher an eine gemeinschaftlich durchgeführte Tat. Aber das müssen andere entscheiden.“

„Wo finden wir Rick?“, meldete sich jetzt Milo zu Wort.

„Er bewohnt ein Zimmer über dem Latin Pop.“

„Brad Mendoza hat uns darüber informiert, dass ein Hitman mit Tarnnamen Road Killer in der Stadt ist“, erklärte ich. „Haben Sie eine Ahnung, wer seine Quelle gewesen sein könnte?“

„Nein, tut mir leid. Ich habe nicht die leiseste Ahnung! Aber ich habe von dieser Geschichte auch schon gehört. Fragen Sie Mister Zarranoga!“

„Leider ist das nicht mehr möglich!“, eröffnete ich ihm.

Er runzelte die Stirn. „Wieso nicht?“

„Murray Zarranoga wurde ermordet, kurz nachdem er das Gericht gegen Kaution als freier Mann verlassen hatte! Und zwar auf eine Weise, die die Handschrift des Road Killers trägt!“

Gary Bento wurde blass.

„Wenn Sie darüber irgendetwas wissen, dann würden Sie bei der Staatsanwaltschaft mit Sicherheit offene Türen im Hinblick auf einen Deal einrennen, denn die Ergreifung dieses Profikillers hat höchste Priorität!“, legte ihm Milo eine Kooperation nahe.

Ein Ruck ging durch Gary Bento. Er beugte sich etwas nach vorn.

„Vielleicht könnte ich Ihnen tatsächlich weiter helfen!“

„Dann reden Sie!“, forderte Milo.

Gary Bento verzog das Gesicht zu einem spöttischen Lächeln.

„Nicht so ungeduldig, G-man! Bevor ich mich darauf einlasse, möchte ich tatsächlich zuerst mit einem Anwalt und anschließend mit dem Staatsanwalt reden. Ohne konkrete Garantien läuft da nichts!“

14

Als unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina am Tatort in der West 111th Street ankamen, stauten sich dort bereits die Einsatzfahrzeuge der City Police, des Emergency Service und der Feuerwehr.

Bevor die Erkennungsdienstler der SRD ihre Arbeit machen konnten, hatte man zunächst einmal den Brand löschen müssen, was sich als ziemlich schwierig erwiesen hatte.

Leider gingen Löscharbeiten so gut wie immer mit einer Vernichtung von Beweisen einher.

Das war überhaupt nicht zu vermeiden.

Clive und Orry zeigten ihre Dienstausweise einem der NYPD Officers vor, der dafür zu sorgen hatte, dass sich Passanten nicht so weit dem Ort des Geschehens näherten, dass sie die Ermittlungen behinderten.

„Gehen Sie durch“, sagte der Officer.

„Wer hat die Einsatzleitung?“, erkundigte sich Clive.

„Captain Alex McConnor vom 54. Revier“, gab ihnen der Officer Auskunft. Er blickte sich suchend um und deutete dann auf einen Mann mit grauen, kurz geschorenen Haaren, Trenchcoat und einem Gesicht, das aussah wie aus Stein gemeißelt, so hart konturiert war es.

Die beiden bedankten sich und gingen auf Captain McConnor zu.

In seiner Nähe befand sich Dr. Brent Claus. Er wartete darauf, endlich mit seiner Arbeit beginnen und die Toten untersuchen zu können. Doch im Moment hatten noch die Brandschutzexperten des Fire Service die Priorität.

Schließlich wollte niemand, dass die Flammen auf die Grünanlagen des nahen Jefferson Park übergriffen, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft der Mordanschlag verübt worden war.

Clive und Orry stellten sich gegenüber McConnor kurz vor.

Dann fragte Clive: „Und Sie sind Captain McConnor?“

Der grauhaarige Mann nickte knapp. Sein Gesicht wurde von einem Faltenmuster überzogen.

„Die Limousine von Murray Zarranoga ist völlig ausgebrannt. Er war gerade ausgestiegen, als der Beschuss mit Explosivprojektilen geschah. Wir haben ein paar Augenzeugen aus den umliegenden Häusern sowie Spaziergänger aus dem Park, die den Motorradfahrer gesehen haben, der für dieses Attentat verantwortlich ist.“

McConnor berichtete Clive und Orry, dass es inzwischen fünf Tote gab. „Der Chauffeur blieb im Wagen und sehr wahrscheinlich noch ein weiterer Mann, von dem wir annehmen, dass es sich um Mister Zarranogas Anwalt William T.S. Williamson handelte. Aber ich fürchte, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis Dr. Claus und die Kollegen der SRD  etwas mehr in Erfahrung bringen können. Sie sehen ja, was hier los ist!“

„Es hat keiner der Leibwächter überlebt?“, fragte Clive nach.

Captain McConnor schüttelte den Kopf. „Nein. Sie standen in einer Traube um ihren Boss herum und haben vielleicht sogar noch versucht, den Angriff abzuwehren. Aber die Explosivgeschosse des Unbekannten sorgten dafür, dass in zwanzig Metern um das Auto sich nichts Lebendiges mehr hätte rühren können.“

Clive ließ sich Namen und Adressen jener Zeugen geben, die den Motorradfahrer gesehen hatten. Orry telefonierte unterdessen mit dem Field Office, damit Verstärkung geschickt wurde.

Jede Kleinigkeit konnte wichtig sein und so mussten alle Anwohner, die eventuell etwas gesehen haben konnten, eingehend befragt werden.

Außerdem war es unerlässlich, die Wohnung des Ermordeten zu durchsuchen.

Captain McConnor gab Clive die Personalien einiger Zeugen, die von seinen Leuten bereits befragt worden waren und in unmittelbarer Umgebung des Tatorts wohnten.

Orry ließ den Blick schweifen.

Ein Mercedes Cabriolet fiel ihm auf. Am Steuer saß ein Mann mit kantigem Gesicht und Sonnenbrille. Er schien das Geschehen am Tatort zu beobachten.

„Wissen Sie, wer der Kerl dort ist, Captain?“, wandte sich der indianischstämmige Special Agent anschließend an den Einsatzleiter.

Captain McConnor verengte die Augen und schüttelte nach einem kurzen Moment des Überlegens entschieden den Kopf. „Keine Ahnung, was das für ein Typ ist.“ Er wandte sich an einen der SRD-Kollegen. „Gehört der Mann im Mercedes zu euch?“

„Nein. Jemanden, der uns nur bei der Arbeit zuschaut können wir nicht gebrauchen!“

McConnor drehte sich wieder zu Orry und Clive herum. „Wahrscheinlich nur jemand, der so etwas endlich mal nicht nur im Fernsehen anschauen will! Neugierige gibt es doch immer!“

„Von der Presse ist er jedenfalls nicht. Dann hätte er eine Kamera“, meinte Clive.

Clive und Orry begaben sich anschließend auf die andere Straßenseite. Murray Zarranoga residierte dort in drei Traumetagen mit insgesamt fast dreihundertfünfzig Quadratmetern.

Für New Yorker Verhältnisse war das eine Größenordnung die im absoluten Luxusbereich anzusiedeln war.

„Wir wissen ja, wie er zu seinem Reichtum gekommen ist!“, meinte Clive, während Orry sich noch einmal zu dem Mann im Mercedes umdrehte und gar nicht richtig zuhörte.  „Sollen wir jetzt bei allen neugierigen Passanten die Personalien überprüfen oder was schwebt dir vor, Orry?“

„Ist schon gut, Clive! Es ist nur...“

„Was?“

Orry zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Irgendwas stimmt mit dem Kerl nicht. Ich kann nicht sagen, was es ist. Wahrscheinlich sehe ich schon Gespenster! Aber das Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor!“

„Du meinst, den Teil des Gesichts, den du sehen kannst, bei der riesigen Brille mit dem Charme der Siebziger!“

„Irgendwann wird alles wieder modern, Clive!“

Wenig später klingelten sie an der Tür des Hauses, in dem Zarranoga sich eingemietet hatte. 

Der Sicherheitsstandard war erstklassig. Angehörige eines privaten Wachdienstes patrouillierten in der Eingangshalle. Videokameras überwachten den Eingangsbereich und alle Korridore. Wir zeigten einem der Wachmänner unsere Dienstausweise und wurden von diesem dann bis zur Wohnung gebracht.

„Schrecklich, was da draußen geschehen ist!“, meinte der Wachmann, auf dessen Uniformhemd der Name J. Sawyer aufgestickt war.

„Haben Sie oder jemand von Ihren Leuten etwas gesehen?“, fragte ich.

„Ich hatte in der Einganshalle Dienst und habe die Explosion mitbekommen. Wir haben sofort Alarm beim zuständigen Polizeirevier gegeben und dann ist ja auch sehr schnell jemand gekommen. Ich war während des Kuwait-Krieges in der Army und wurde jetzt stark an die Zeit damals erinnert...“

„Sie haben im Eingangsbereich eine Videoüberwachungsanlage“, stellte Clive fest.

„Ja, das ist richtig.“

„Wie weit reicht der Sichtbereich der Kameras?“

„Die Explosion ist nicht drauf, wenn Sie das meinen. Ihre Kollegen vom NYPD waren bereits hier und haben sich danach erkundigt.“

„Aber der Täter müsste doch die Straße entlanggefahren sein. Könnte es sein, dass das von Ihren Kameras aufgezeichnet wurde?“

„Durchaus. Allerdings nur für ein paar Sekunden.“

„Wir brauchen die entsprechenden Ausschnitte aus den Aufzeichnungen.“

„Ich kümmere mich darum!“, versprach Sawyer.

Mit dem Aufzug ging es hinauf zur Wohnung Zarranogas.

Wir klingelten.

Ein Mann im schwarzen Jackett und dunklem Rollkragenpullover öffnete uns. Das Haar glänzte und war nach hinten gekämmt.

„FBI! Ich bin Special Agent in Charge Clive Caravaggio und dies ist mein Kollege Special Agent Medina. Wir untersuchen den Mord an Murray Zarranoga!“ 

„Ich bin Allan Zarranoga“, erklärte der Mann im Rollkragenpullover. „Ein Cousin des Ermordeten. Ich bin hier, um meiner Tante beizustehen... Schließlich haben Ihre uniformierten Kollegen ihr vor kurzem mitteilen müssen, dass ihr Mann ein paar Meter von den eigenen vier Wänden entfernt einem Mordanschlag zum Opfer gefallen ist!“

„Das tut uns aufrichtig leid.“

„Mistress Zarranoga steht noch unter Schock, wie Sie sicher verstehen werden.“

„Dennoch würden wir auch mit ihr sprechen müssen.“

Allan hob die Augenbrauen. „Ich würde davon abraten. Außerdem wüsste ich nicht, welchen Beitrag sie im Moment zu Ihrer Arbeit leisten könnte.“

„Abgesehen davon wird gleich ein Team eintreffen, das eine Durchsuchung aller von Mister Zarranoga genutzten Räumlichkeiten dieser Wohnung vornehmen wird. Vielleicht ist es besser, wenn Mistress Zarranoga sich in dieser Zeit woanders aufhält.“

„Haben Sie den überhaupt keine Achtung vor der Würde von Hinterbliebenen?“, ereiferte sich Allan.

„Dieses Vorgehen ist Routine bei Mordermittlungen“, erklärte Clive ruhig. „Schließlich suchen wir nach Hinweisen, die uns vielleicht auf die Spur des Mörders bringen!“

Allan verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Er richtete den Zeigefinger auf Clive und schüttelte energisch den Kopf. „Oh nein, Agent Caravaggio! Ihnen und Ihresgleichen ist der Mörder meines Onkels doch völlig gleichgültig! Zu Lebzeiten hat ihn die Justiz nach Strich und Faden schikaniert und jetzt hoffen Sie wohl, endlich doch noch Erfolg zu haben! Posthum wollen Sie seine angeblich illegalen Geschäfte durchkreuzen! Darum geht es Ihnen!“

„Ihrem Onkel wurden von der Justiz schwerwiegende Vorwürfe gemacht, das ist richtig“ erwiderte Clive sachlich. „Aber das heißt nicht, dass wir in seinem Fall weniger intensiv nach dem Mörder suchen als in anderen Fällen!“

„Wer das glaubt wird selig, Agent Caravaggio!“ Allan Zarranoga machte eine wegwerfende Geste, die seiner Verachtung Ausdruck verlieh.

„Was ist los, Allan?“, meldete sich jetzt eine Frauenstimme zu Wort.

Fast lautlos war eine dunkelhaarige Frau in den Raum getreten. Sie hatte das Haar zu einer strengen Knotenfrisur gebunden. Sie war schätzungsweise dreißig Jahre alt und damit erheblich jünger als Murray Zarranoga. Das Gesicht war feingeschnitten, ihr eigentlich dezentes Make-up war etwas verwischt.

„Mistress Zarranoga?“, fragte Clive.

„Die bin ich. Kommen Sie ins Wohnzimmer. Es ist eine Schande, dass Allan Ihnen noch nichts zu trinken angeboten hat.“

„Wir sind im Dienst“, erwiderte Clive. „Aber trotzdem vielen Dank.“

Sie folgten Mrs Zarranoga ins Wohnzimmer. Von der Fensterfront aus hatte man einen hervorragenden Überblick über den Tatort.

„Ich habe die Explosion gehört!“, berichtete die Frau des Ermordeten. „Natürlich hatte ich da noch keine Ahnung, dass mein Mann...“ Sie stockte und bedeckte mit der rechten Hand für kurze Zeit die Augen. Nur mit Mühe gelang es ihr sich wieder zu fassen.

„Fühlte Ihr Mann sich in letzter Zeit bedroht?“, fragte Clive.

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Hat er mal den Namen ‚Road Killer’ in Ihrer Gegenwart verwendet?“

„Nein. Was soll das bitte sein?“

Clive wandte sich an Allan Zarranoga. „Vielleicht können Sie uns Auskunft auf diese Frage geben und es Ihrer Tante erklären.“

Allan Zarranogas Gesicht zeigte jetzt ein eisiges Lächeln.

„Es gibt viele Gerüchte, Agent Caravaggio.“

„Eines davon besagt, dass ein Hitman mit der Bezeichnung Road Killer in New York unterwegs ist, um einen Auftrag zu erfüllen.“

„Ich habe keine Kontakte zu Leuten, die Killer engagieren“, behauptete Allan Zarranoga. „Also verschwenden Sie Ihre Zeit damit, mir Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten kann.“

Jetzt mische sich Orry ein. „Eine Frage, Mister Zarranoga. Wer übernimmt eigentlich jetzt die Geschäfte Ihres Onkels?“

„Meine Tante bat mich, alles in Onkel Murrays Sinne weiterzuführen.“

Clive lächelte dünn. „Selbstverständlich nur den legalen Teil dieser Geschäfte!“

„Es existiert nur dieser Teil, Agent Caravaggio – auch wenn  die Justiz sich vergeblich bemüht hat, das Gegenteil zu beweisen.“

15

Während Milo und ich auf das Eintreffen der Kollegen warteten, sahen wir uns schon mal Gary Bentos Sachen an, die in Maria Delgados Wohnung untergebracht waren. An die Kleidung wagten wir uns nicht heran. Das wollten wir den Kollegen der SRD überlassen. Schließlich bestand ja die Hoffnung, eventuell noch Spuren des Mordes an Brad Mendoza zu finden. Faserspuren, unsichtbare Blutspritzer oder auch nur ein bisschen Erde, das unter den Schuhen oder an einer Hose haften geblieben war und vielleicht genau dem Material entsprach, das auch am Tatort zu finden war.

Die Schuhgröße stimmte allerdings schon mal nicht mit den am Tatort sichergestellten Abdrücken überrein.

„Dann sagt er vielleicht die Wahrheit und er war nur der Fahrer, während sein Komplize ausgestiegen ist und Brad Mendoza erschlug“, vermutete Milo.

Schließlich trafen die Kollegen der SRD ein. Außerdem die Special Agents Fred LaRocca und Josy O'Leary, die Gary Bento mit zum Bundesgebäude an der Federal Plaza bringen sollten, wo er die Nacht in einer unserer Gewahrsamszellen verbringen würde.

Milo und ich fuhren daraufhin zum Latin Pop, über dem Rick Chaves sein Zimmer hatte.

Wir stellten den Sportwagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ab.

Aus dem Latin Pop drang Musik.

Es hinderte uns niemand daran, die Tür zu passieren.

Im Inneren wurden Reinigungsarbeiten durchgeführt und der Boden auf Hochglanz gebracht. Aber auf der Bühne war etwas los. Eine Latino-Band spielte dort. Der Klang von Congas und Bongos mische sich mit dem schmalzigen Gesang eines dunkelhaarigen Mannes, dessen tonale Sicherheit allerdings deutlich zu wünschen übrig ließ.

Ein kleiner drahtiger Mann in kariertem Jackett und mit grau melierten Schläfen hob die Arme und kreuzte sie. „Schluss! Aus! Das hat keinen Sinn so!“

„Hey, Mister Estevez! Sie haben doch noch gar nicht alles gehört, was wir so drauf haben!“, meinte der Sänger.

„Ich habe genug gehört!“, erwiderte Estevez angewidert. „Sie können meinetwegen als Ricky Martin für Arme auf Geburtsfeiern auftreten, aber nicht in meinem Club!“

„Aber..“

„Adios, das war’s! Bauen Sie Ihre Anlage ab und verschwinden Sie, damit wir die Bühne für den Abend herrichten können!“ An den dunkelhäutigen Mann gewand, der neben ihm stand gerichtet, knurrte er anschließend: „Wen hast du mir denn da empfohlen, Tony? Da kann doch nicht dein Ernst sein!“

„Ich habe sie in Paco’s Bar gehört! Und da waren sie gut!“

„Ach, komm hör auf, Tony! Die haben dir einen Hunderter gegeben – und ich muss deshalb meine Zeit damit verschwenden, mir diesen Mist anzuhören!“ Estevez blickte in unsere Richtung und stutzte. „Was machen denn diese beiden Schießbudenfiguren denn hier?

„Keine Ahnung, Boss!“, antwortete Tony.

„Wer hat die hereingelassen? Bringt jetzt schon jeder Amateurmusiker, der ansonsten kaum das Publikum in der Subway begeistern kann, seine Manager mit?“

Wir hielten unsere Ausweise hoch.

„FBI. Ich bin Special Agent Jesse Trevellian und dies ist mein Kollege Milo Tucker.“

„Und ich bin Wayne Estevez, der Besitzer dieses Clubs! Hier ist alles sauber! Sie verschwenden also Ihre Zeit!“

Unseren Erkenntnissen nach gehörte das Latin Pop zu einer Reihe von Clubs, die von Murray Zarranogas Organisation als Umschlagplätze für Heroin und zur Geldwäsche benutzt wurden. Estevez war letztlich nur ein Strohmann für Zarranoga und andere Geldgeber, die in Wahrheit bestimmten, was im Latin Pop ablief. Allerdings war er geschickt genug, um nicht in die Schusslinie der Justiz zu geraten.

„Wir suchen Rick Chaves“, eröffnete ich.

„Was hat denn der gute Rick wieder angestellt?“

„Wir haben nur ein paar Fragen an ihn und angeblich arbeitet er ja hier.“

Estevez machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sie sehen doch, dass er heute nicht hier ist. Seine Arbeitszeit beginnt auch erst heute Abend um acht.“

„Wo ist sein Zimmer?“

„Ich sagte doch, er ist nicht da. Er hat sich meinen BMW geliehen und macht damit eine kleine Spritztour. Ich schätze, er ist mit seiner neuen Flamme unterwegs, aber das ist ja wohl nichts Ungesetzliches.“

„Wir würden uns gerne selbst davon überzeugen, dass Mister Chaves nicht zu Hause ist“, erwiderte Milo. „Natürlich könnten wir auch mal darüber nachdenken, ob Ihr Laden tatsächlich so sauber ist, wie Sie behaupten, und den Kollegen der DEA mal einen kleinen Tipp geben, dass sich hier eine Überprüfung lohnen könnte.“

Estevez hob die Hände. 

„Wer will denn Streit anfangen?“ Er wandte sich an den Dunkelhäutigen. „Zeig Ihnen das Zimmer, Tony!“

„Okay!“

Der Dunkelhäutige ging in Richtung eines Nebenausgangs. Milo folgte ihm. Ich blieb noch einen Moment stehen und fragte: „Hat es sich eigentlich schon bis zu Ihnen herumgesprochen, was mit Murray Zarranoga geschehen ist?“

„Eine Tragödie“, sagte Estevez und wirkte dabei so tief bewegt wie ein Ziegelstein.

„Es gibt Gerüchte, dass jemand einen Hitman namens Road Killer auf ihn angesetzt hatte!“

„Es gibt Gerüchte über alles Mögliche, Agent Trevellian. Aber das Meiste davon geht bei mir zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus.“

Mein Handy klingelte. Es war Mr McKee. Er gab an, dass unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell auf dem Weg zum Latin Pop waren – mit einem richterlichen Durchsuchungsbefehl für Rick Chaves’ Zimmer.

Genau dorthin folgte ich jetzt Milo und Tony.

16

„Sie sehen doch, er ist nicht hier!“, stellte Tony fest. Mit verschränkten Armen stand er an der Tür.

Ich ging in das Zimmer hinein und sah mich um.

Das Zimmer hatte etwa zwanzig Quadratmeter und enthielt außer einem Bett, einem Kleiderschank und einem Tisch noch eine Spielkonsole. Außerdem gab es eine Pinnwand.

Eine auf einen Zettel gekritzelte Telefonnummer stand fort. Darunter die Buchstaben DOC.

„Könnte die Nummer seines Arztes sein!“, glaubte Milo.

„Dürfen Sie das hier überhaupt?“, fragte Tony.

„Der Durchsuchungsbefehl wird nachgereicht“, erklärte ich. „Kennen Sie Rick Chaves? Sie arbeiten schließlich beide hier.“

„Flüchtig. Befreundet sind wir nicht.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung, wo er jetzt stecken könnte?“

„Nein.“

„Mister Estevez sprach von einer neuen Flamme, die er ausführen wolle.“

„Er nennt sie Carmencita.“

„Wissen Sie auch den Nachnahmen?“

„Ich glaube Cruz.“

„Carmen Cruz ist nicht gerade ein besonders exotischer Name“, warf Milo ein. „Da gibt es doch wahrscheinlich mindestens hundert Personen im Big Apple, die so heißen.“

„Sie wohnt aber in Long Island City, Queens. Das hat er erwähnt, als die Queensboro Bridge gesperrt war und er einen Umweg über dem Amtrak-Tunnel machen musste.“

Ich tippte die Nummer des Doc in mein Handy ein. Augenblicke später hatte meldete sich eine weibliche Stimme.

„Guten Tag. Sie sind verbunden mit der Praxis von Dr. James Donovan. Leider ist die Praxis heute nicht besetzt. Bitte rufen Sie zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal an oder konsultieren Sie in dringenden Fällen eine der folgenden Vertretungen...“

Ich unterbrach den Kontakt.

„Ist Rick Chaves krank?“, fragte ich.

„Nein, nicht dass ich wüsste. Und zum Arzt geht der eigentlich erst, wenn er halb tot ist. Vor zwei Jahren wurde er von ein paar Krawallmachern mal richtig zusammengeschlagen, aber selbst da hat er sich nicht in eine Klinik einweisen lassen.“ Tony zuckte die Achseln.

„Eine Arzt-Phobie?“, fragte Milo.

„Ich würde eher sagen, eine Kosten-Phobie“, widersprach Tony. „Rick ist nämlich zu geizig für eine Krankenversicherung.“

Wir durchsuchten auch die Schränke, fanden aber nichts, was irgendeine Hinweis darauf geben konnte, wo er sich jetzt befand.

Als wir fertig waren, versiegelten wir das Zimmer.

Die SRD-Kollegen mussten sich alles ja auch noch einmal ansehen. Rick Chaves stand schließlich im Verdacht, an einem Mord beteiligt zu sein. Estevez’ BMW wurde in die Fahndung eingegeben. Wir konnten nur hoffen, dass er uns ins Netz lief und nicht inzwischen längst gewarnt worden war.

„Wir sollten es bei seiner Freundin versuchen“, meinte Milo.

„Wenn der dort wirklich war, ist er doch längst gewarnt worden“, glaubte Jay Kronburg, der zusammen mit Leslie Morell eingetroffen war und den Durchsuchungsbefehl nachlieferte. 

Ich zuckte die Schultern. „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen, war Chaves der Mann, der die entscheidenden Schläge gegen Mendoza geführt hat und wohl auch direkt mit dem Auftraggeber Zarranoga in Verbindung stand. Deswegen ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir ihn festsetzen.“

„Leichter gesagt als getan!“, meinte Leslie.

Wir machen uns auf den Weg nach Süden über den Franklin D. Roosevelt Drive, der inoffiziell auch unter der Bezeichnung East River Drive bekannt ist und sich entlang der Uferlinie hinzieht. Über die Queensboro Bridge ging es nach Long Island City. Unter uns lag Roosevelt Island, das den East River zwischen dem Carl Schurz Park und dem UNO-Hauptquartier in den West Channel und den East Channel teilt.

Während der Fahrt nahmen wir Verbindung mit dem Field Office auf, um die Adresse von Carmen Cruz herauszubekommen. Insgesamt gab es in New York 124 Personen mit diesem Namen, die einen eigenen Telefonanschluss besaßen. Etwa die Hälfte davon wohnte in Spanish Harlem, ein weiteres Viertel in der Bronx, wo es eine starke puertoricanische Gemeinde gab und das letzte Viertel verteilte sich auf den gesamten Rest des Big Apple.

Nur zwei Adressen lagen in Long Island City.

Unsere Innendienstler riefen beide kurz unter einem Vorwand an, um festzustellen, ob sie zu Hause waren. Dabei stellte sich heraus, dass einer der Telefonbucheinträge nicht mehr aktuell war. Eine gewisse Carmen Cruz, die in den Queensbridge Houses gelebt hatte, war vor drei Wochen mit 87 Jahren in ein Altersheim umgezogen.

Blieb also nur noch eine Carmen Cruz.

Sie wohnte an der Ecke 10th Street und 44th Road im fünften Stock eines Mietshauses, das im Cast Iron Stil errichtet worden war, der eigentlich eher für Greenwich Village oder Chelsea typisch war.

Wir stellten den Wagen an der Straße ab. Wenig später trafen Jay und Leslie ein.

„Für einen Underdog aus Spanish Harlem ist es doch fast so etwas wie ein sozialer Aufstieg, eine Freundin in Long Island City zu haben!“, meinte Milo.

„Es dürfte auf jeden Fall interessant sein, ihr ein paar Fragen zu stellen!“, stimmte ich zu.

Wir gingen zur Tür.

Für den privaten Wachdienst, der sich um das Gebäude kümmerte, gab es eine separate Klingel. Dort drückte ich.

Eine Männerstimme meldete sich.

„FBI! Bitte machen Sie die Tür auf.“

Eine Kamera suchte uns. Milo hielt seinen Dienstausweis in die Optik.

Daraufhin wurden wir hereingelassen.

Jay und Leslie besetzten Treppenhaus und Fahrstühle, um zu verhindern, dass sich Chaves noch aus dem Staub zu machen versuchte.

Etwa fünf Minuten später standen wir vor Carmen Cruz’ Wohnungstür. Über eine Sprechanlage meldete sich eine weibliche Stimme.

„Wer ist da?“

„Jesse Trevellian, FBI! Wir möchten Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.“

„Muss das jetzt sein? Ich erwarte Besuch.“

„Es wird nicht lange dauern.“

Wenig spätrer öffnete sich die Tür einen Spalt.

Eine junge Frau mit langen dunklen Haaren stand dort. Sie trug nichts weiter als einen Seidenkimono, dessen Stoff sich an ihre sehr weiblichen Rundungen anschmiegte und so gut wie nichts davon verbarg.

„Was wollen Sie wissen?“, fragte sie.

„Es ist vielleicht keine gute Idee, das auf dem Flur zu besprechen.“

Sie zuckte die Schultern, blickte kurz auf die goldene Uhr an ihrem schlanken Handgelenk und winkte uns herein. „Fünf Minuten. Länger nicht!“

„Das liegt ganz an Ihnen, Miss Cruz!“, erwiderte ich.

Sie führte uns ins Wohnzimmer.

Alles war in einem sanften Dämmerlicht gehalten. An den Wänden hingen Gemälde, die man im weiteren Sinn als erotische Kunst bezeichnen konnte.

Die Tür zum Schlafzimmer stand offen und gab den Blick auf ein breites Wasserbett frei.

Ehe Carmen Cruz es verhindern konnte, war ich dort, um mich davon zu überzeugen, dass sich auch im Schlafzimmer niemand befand. Die Einrichtung war schrill. An der Wand hingen Peitschen in verschiedenen Größen.

„Was fällt Ihnen ein!“, zeterte sie.

„Wir suchen Mister Rick Chaves. Ist er hier?“

„Nein!“

„War er vor kurzem hier?“

„Ich kenne diesen Rick nicht!“

„Müssen wir erst eine Gegenüberstellung mit ein paar Zeugen machen, die aussagen können, dass sie beide sich kennen?“

„Wir könnten natürlich auch einen Tipp an die Kollegen von der Vice-Abteilung des zuständigen NYPD-Reviers geben, damit die mal überprüfen, wie Sie sich dieses teure Apartment leisten können“, ergänzte Milo.

„Das geht Sie nichts an!“

„Ich nehme an, Sie wissen, dass Prostitution in New York illegal ist“, fuhr Milo fort.

Sie schluckte und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Sie haben keine Beweise! Außerdem habe ich einen guten Anwalt, daher sehe ich einer Anklage gelassen entgegen!“

„Sie brauchen jetzt nicht darüber nachzugrübeln, welcher Ihrer Freier sauer auf Sie gewesen sein könnte und Sie anschwärzen wollte!“, ergriff ich wieder das Wort. „Wir sind wirklich nur an Chaves interessiert. Alles andere fällt nicht in unser Aufgabengebiet. Also würden Sie sich und uns eine Menge Schwierigkeiten ersparen, wenn Sie uns jetzt ein paar brauchbare Auskünfte geben würden!“

Sie blickte nervös auf die Uhr.

„Okay“, sagte sie. „Ich kenne einen Rick Chaves. Er kommt aus Spanish Harlem.“

„Es gibt jemanden dort, der glaubt, dass Sie seine Freundin wären“, sagte ich.

Sie lache heiser auf. „Wie bitte? Das kann nicht Ihr Ernst sein!“

„Ich wiederhole nur, was man so hört. Und ich schlage vor, Sie erzählen uns jetzt alles, was Sie wissen. Wir suchen Chaves wegen Mordes und es ist sicher nicht in Ihrem Interesse, tiefer in die Sache hineingezogen zu werden als unbedingt nötig.“

Einen Augenblick schien sie noch mit sich zu ringen. Dann begann sie zu reden. „Ich hatte vor einiger Zeit Ärger mit einem Typen, der mich abkassieren wollte. Da habe ich einen Bekannten angerufen, ob er nicht ein paar harte Jungs kennt, die diesem Typen mal richtig bescheid stoßen könnten.“

„Wer war dieser Bekannte?“

„Er heißt Brad und ist Barkeeper in einem Club in Spanish Harlem.“

„Brad Mendoza?“, hakte ich nach.

„Ja. Wir sind im selben Block groß geworden und kennen uns seit der Schule.“

„Und Brad Mendoza hat Ihnen Rick Chaves und Gary Bento empfohlen?“

„Chaves hatte einen Kumpel dabei. Wie der hieß, weiß ich nicht.“

„Aber Sie sollten wissen, dass die beiden Ihren alten Bekannten Mendoza umgebracht haben!“

Sie wurde blass. „Das wusste ich nicht“, bekannte sie. „Warum?“

„Genau das möchten wir herausbekommen.“

„Ich verstehe das nicht...“

„Wieso sind Sie mit Chaves in Spanish Harlem herumgezogen, sodass einer der Angestellten des Latin Pop glaubte, dass Sie Chaves’ neue Flamme wären.“

„Das muss er herumerzählt haben, um anzugeben!“

„Möglich! Aber es wurde ihm geglaubt!“

„Chaves hat mich ein paar wichtigen Leuten in Spanish Harlem vorgestellt. Männern, die sehr viel Geld haben.“

„Hieß einer davon zufällig Murray Zarranoga?“, fragte Milo.

„Ja. Ein Geschäftsmann.“

„So sah er sich zumindest selbst. Andere sagen, er war ein Drogenhändler.“

„Sie sprechen von ihm in der Vergangenheit!“

„Er wurde vor seinem Haus ermordet. Wir haben vorhin mit seiner Witwe gesprochen...“

Sie schwieg.

Ich hatte das Gefühl, dass wir an einem Tiefpunkt angekommen waren. Maria Cruz schien weit weniger über Ruck Chaves zu wissen, als wir gehofft hatten.

Ich gab ihr meine Karte.

„Falls Ihnen noch irgend etwas einfallen sollte, oder sich Rick Chaves bei Ihnen meldet...“

„Dann rufe ich Sie sofort an, darauf können Sie Gift nehmen, Agent Trevellian. Wenn er was mit Brads Tod zu tun hat, dann soll dieses Schwein dafür büßen!“

Milo hatte sich bereits in Richtung Tür gewandt.

Manchmal greift man nach dem letzten Strohhalm. Mir fiel noch eine letzte Frage ein: „Gehörte zu den zahlungskräftigen Männern, die Ihnen Chaves vorgestellt hat, zufälligerweise auch ein Arzt namens Dr. James Donovan?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Das war Brads Arzt.“

„Wie bitte?“

„Brad Mendoza litt seit Jahren unter Magengeschwüren. Er hätte keinen seiner Drinks selber genießen können, das hätte ihn sofort umgebracht. Deswegen musste er regelmäßig zu Kontrollen gehen.“

„Komm, Jesse, hier kommen wir nicht weiter!“, mahnte mich Milo.

Aber noch wollte ich nicht locker lassen. „Wenn Sie wussten, wer sein Arzt war, dann scheinen Sie sich ja ziemlich nahe gestanden zu haben“, stellte ich fest.

„Auf freundschaftlicher Ebene – ja.“

„Wussten Sie, dass Brad als Informant des FBI tätig war?“

Sie zögerte etwas und schüttelte schließlich den Kopf. „Davon hatte ich keine Ahnung. Und ehrlich gesagt wollte ich auch gar nicht so genau wissen, was er so nebenbei für Sachen laufen hatte.“

17

„Wieso hatte Chaves sich die Nummer von Brad Mendozas Arzt aufgeschrieben?“, fragte ich, als wir wieder im Sportwagen saßen.

Milo zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob das so wichtig ist!“

„Jede Verbindung zwischen Opfer und Mörder kann wichtig sein – und das ist eine!“

„Ja, schon!“

„Am besten wäre es natürlich, wir könnten Chaves selbst fragen.“

Milo blickte auf die Uhr. „Bevor wir zum Field Office zurück fahren, schlage ich vor, dass wir irgendwo etwas essen. Ich habe einen Mordshunger.“

Wir fuhren über den Vernon Boulevard Richtung Süden, um später über den Queens-Midtown-Tunnel wieder auf die Manhattan-Seite des East River zu gelangen.

Auf der Höhe von Hunters Point fanden wir eine Snack Bar und besorgten uns jeder einen Hot Dog.

Das musste für den Rest des Tages reichen.

Den Sportwagen hatte ich auf einem Parklatz an der Ecke Vernon Boulevard und 44th Drive abgestellt und gerade meinen ersten Bissen genommen, als uns ein Anruf des Field Office erreichte.

Es war Mr McKee.

„Gary Bento ist gerade dabei auszusagen“, berichtete er uns.

„Ich kann nur hoffen, dass der Staatsanwalt ihm kein allzu gutes Angebot gemacht hat“, meinte Milo. „Verdient hat er das nämlich nicht!“

„Wenn er mithilft einen Mord zu verhindern, vielleicht schon“, widersprach Mr McKee. „Rick Chaves ist zu einem gewissen Dr. James Donovan unterwegs, um ihn auszuquetschen und zu töten. Gary Bento wurde dieser Job auch angeboten, aber er hat kalte Füße bekommen und wollte erst einmal Gras über die Sache mit Mendoza wachsen lassen.“

„Auf diesen Dr. Donovan sind wir auch schon gestoßen“, sagte ich. „Er hat Brad Mendozas Magengeschwüre behandelt.“

„Er war Mendozas Quelle!“, erklärte Mr McKee. „Durch ihn wusste unser Informant von den Gerüchten um das fremde Syndikat und den Road Killer.“

18

„Ich möchte nicht, dass der Mörder meines Mannes der Polizei in die Hände fällt“, sagte Mrs Zarranoga. Ihr feingeschnittenes Gesicht hatte ein paar hartgeschnittene Linien um die Mundwinkel bekommen. Ihr Blick drückte finstere Entschlossenheit aus. Sie drehte sich herum und sah ihrem Neffen Allan in die Augen. „Hast du mich verstanden, Allan?“

„Natürlich.“

„Die Geschäfte wirst du weiter führen, so wie es Murray zu seinen Lebzeiten festgelegt hatte.“

„Ich habe in letzter Zeit ohnehin schon das meiste für ihn erledigt. Der Krebs hat ihm vieles von seiner Kraft genommen, auch wenn er sich das äußerlich nicht anmerken ließ.“

„Ja, wem sagst du das!“

„Und dann kam auch noch diese Anklage. Er hat großes Glück gehabt, dass Mister Williamson ihn gegen Kaution aus dem Gefängnis holen konnte.“

„Er hätte immer noch die Möglichkeit gehabt, sich der Justiz gegenüber vollständig zu offenbaren, was seinen Gesundheitszustand anging“, glaubte Mrs Zarranoga. „Wir wissen doch beide, dass er nicht haftfähig gewesen wäre.“

Aber Allan schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, dann hätte die Gefahr bestanden, dass alles zusammenbricht. So ist  das nun einmal in dem Geschäft, in dem dein Mann tätig war. Das ist wie in einem Rudel Wölfe. Wenn irgendwo eine Schwäche gewittert wird, dann ist die Autorität des Alpha-Tieres dahin.“

Nur ein Kreis von Eingeweihten hatte gewusst, dass Murray Zarranoga an Krebs erkrankt war. Aber der Wechsel an der Spitze der Organisation war gut vorbereitet worden und Allan konnte daher damit rechnen, dass alles reibungslos über die Bühne ging.

Wie schlimm es wirklich um den großen Drogenboss gestanden hatte, war jedoch nicht einmal dem Kreis von Eingeweihten klar gewesen. Sie hatten geglaubt, dass die Krankheit mehr oder minder unter Kontrolle war und sich noch ein Jahrzehnt hinziehen konnte. Ein Jahrzehnt, in dem Zarranoga nach und nach alle Geschäfte an seinen Neffen übergeben und einen fließenden Übergang gewährleisten konnte.

„Ein Jahr hat Dr. Donovan meinem Mann noch gegeben“, flüsterte Mrs Zarranoga und ihre Hände ballten sich dabei zu Fäusten. Tränen glitzerten in ihren Augen. „Wieso konnte man mir dieses eine Jahr mit Murray nicht lassen!“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme. Sie wischte sich über die Augen und wandte dann den Blick erneut in Allans Richtung. „Ich will nicht, dass der Mörder meines Mannes in die Hände des FBI oder der Polizei fällt!“, wiederholte sie ihre Forderung an ihren Neffen. „So glimpflich soll er nicht davon kommen. Ich will, dass er leidet! So wie ich jetzt leide!“

„Auf jeden Fall wird Dr. Donovan leiden“, prophezeite Allan. „Dieser verfluchte Verräter... Und was den Killer angeht, so kriegen wir den! Und seine Hintermänner auch. So war ich hier stehe!“

19

Unterwegs erläuterte uns Mr McKee kurz den Inhalt von Gary Bentos Aussage. Danach hatte sich Murray Zarranoga regelmäßig auf Grund einer Krebserkrankung von Dr. Donovan behandeln lassen. Aber diese Behandlungen hatten Zarranoga auch dazu gedient, sich unbehelligt mit den Unterführern seiner Organisation treffen zu können. Das Abhören durch die Polizei war durch die Gesetzesänderungen der letzten Jahre stark erleichtert worden – aber das Behandlungszimmer eines Arztes blieb in dieser Hinsicht die letzte Tabu-Zone.

Die Drogenpolizei DEA hatte Zarranoga in den letzten Jahren stark zugesetzt und so hatte er ständig damit gerechnet, abgehört zu werden.

„Gary Bento ist der Meinung, dass Brad Mendoza seine Informationen nur von Dr. Donovan bekommen haben kann, der bei den Treffen anwesend war und den Schein einer Behandlung wahrte!“, erklärte uns Mr McKee.

„Vielleicht hat Mendoza seinen Arzt erpresst!“, vermutete ich. „Angenommen, er hat herausgefunden, was bei Dr. Donovans Behandlungen so läuft, hätte doch eine Anzeige bei der Ärztekammer genügt, um dessen Existenz zu vernichten.“

Eine Viertelstunde später bekamen wir einen weiteren Anruf. Die Praxis des Arztes war von einer Einheit der City Police gestürmt worden. Aber es war niemand dort gewesen.

Es blieb nur noch sein Penthouse in einer exquisiten Wohnlage an der Third Avenue auf dem Murray Hill. Vom Ausgang des Queens Midtown Tunnels aus war das nur noch ein Katzensprung.

Wir fuhren in die zum Haus gehörende Tiefgarage ein und trafen dort auf Einsatzkräfte der City Police, die kurz vor uns eingetroffen waren und gerade Kevlar-Westen anlegten.

Wir stiegen aus.

Jay und Leslie trafen kurze Zeit später ein.

Wir legten ebenfalls kugelsichere Westen an. Falls wir Rick Chaves tatsächlich hier stellen konnten, mussten wir damit rechnen, dass er alles auf eine Karte setzte. Wie gefährlich er war, hatte er ja bereits unter Beweis gestellt.

Zwei Security Guards des Privaten Sicherheitsdienstes, dem die Sicherheit im Haus übertragen worden war, kamen auf uns zu. Wir zeigten ihnen die Ausweise.

„Wir müssen im Penthouse eine Festnahme vornehmen“, eröffnete ich dem Größeren der beiden. „Es wäre schön, wenn Sie uns beim Öffnen der Wohnungstür behilflich wären.“

„Wir haben elektronische Schlösse. Das ist nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen, Agent...“

„Trevellian.“

„Jedenfalls muss ich da erst mal nachfragen.“

„Tun Sie das! Und zwar schnell, denn für Dr. Donovan kann es um Leben und Tod gehen!“

20

Nachdem der Wachmann mit seinem Vorgesetzten Kontakt aufgenommen hatte, waren sämtliche Hemmnisse schnell beseitigt. Die Security Guards begleiteten uns zum Penthouse.

Für Notfälle gab es eine Chipcard, die zusammen mit einem Sicherheitscode als Generalschlüssel verwendet wurde. Der Security Guard öffnete uns die Tür zum Penthouse. Wir stürmten mit der Dienstwaffe in der Hand in die Wohnung. Ich durchquerte zunächst einen kleinen Vorraum.

Aus dem Nachbarzimmer waren Geräusche zu hören. Ein unterdrücktes Stöhnen.

Ich trat die Tür zur Seite.

Ein Sessel war umgestürzt.

Ein Mann lag an Händen und Füßen gefesselt auf dem Boden und wimmerte. Ein Knebel steckte ihm im Mund. Er stöhnte auf.

Rick Chaves – sofort zu erkennen an der WINNER-Mütze – beugte sich über ihn. In der Rechten hielt er einen Elektroschocker. Funken sprühten.

„Hände hoch! FBI! Sie sind verhaftet!“, rief ich.

Chaves griff unter die Jacke und riss eine Automatik vom Kaliber 45 hervor.

Dabei ließ er den Elektroschocker fallen.

Ich feuerte einen Sekundenbruchteil vor ihm. Meine Kugel traf ihn an der Schulter. Chaves wurde zurückgerissen. Sein Schuss ging in die Wand. Er taumelte und fiel der Länge nach hin. Ich näherte mich. „Die Waffe weg!“, wiederholte ich.

Er ließ sie los.

Ich näherte mich ihm bis auf einen Schritt und trat die Automatik ein paar Meter zur Seite. Sie rutschte über den Teppichboden, bis sie durch den umgestürzten Sessel gestoppt wurde.

Chaves hielt sich die Schulter. Blut rann ihm zwischen den Fingern hindurch. Er stöhnte auf. „Mister Rick Chaves, Sie sind verhaftet, da Sie des Mordes an Brad Mendoza verdächtigt werden.“ Anschließend informierte ich ihn über seine Rechte, über die er mit Sicherheit schon genauestens Bescheid wusste. Schließlich war dies nicht seine erste Verhaftung.

Milo und Leslie kümmerten sich derweil um Dr. James Donovan.

„Dieser Teufel!“, entfuhr es Donovan, nachdem Leslie ihn von seinem Knebel befreit hatte.

Jay Kronburg forderte inzwischen den Emergency Service an, denn sowohl Rick Chaves als auch Dr. Donovan brauchten ärztliche Hilfe.

„Wie geht es Ihnen, Dr. Donovan?“, fragte Milo an den Arzt gewandt.

„Wie soll es mir schon gehen, nachdem dieser Verrückte über mich hergefallen ist?“, fauchte er. „Was wird hier eigentlich gespielt?“

„Ich denke, dass wissen Sie ganz genau, Dr. Donovan“, erwiderte ich kühl.

Donovans Nasenflügel bebten. Er rieb sich die Handgelenke. Chaves hatte ihn mit Kabelbindern gefesselt, die ziemlich stramm angelegt worden waren und mit Sicherheit Fesselmale hinterließen, die noch nach Wochen zu sehen waren.

Donovan wandte mir einen kurzen Blick zu.

Er schwieg.

Und dafür hatte er auch einen Grund. Schließlich war er sehr viel tiefer in Zarranogas Machenschaften verwickelt, als er zuzugeben bereit war. Seine Karriere als Arzt war so gut wie zu Ende. Wahrscheinlich musste er sich auch noch auf juristische Konsequenzen gefasst machen.

„Chaves hat Sie brutal mit einem Elektroschocker gefoltert“, stellte ich fest. „Ich nehme an, Sie wollen ihn deswegen anklagen?“

„Werde ich jetzt hier ins Kreuzverhör genommen oder was soll das Ganze? Ein Irrer hat mich überfallen und dafür wird er büßen! Aber das ist eine Sache, die ich mit meinem Anwalt besprechen werde – und nicht mit Ihnen!“

„Mein Name ist Agent Trevellian“, klärte ich ihn auf. „Murray  Zarranoga war Ihr Patient, nicht wahr?“

„Sie wissen, dass das der Schweigepflicht unterliegt!“

„In diesem Fall wird die Schweigepflicht aufgehoben, da bin ich mir ganz sicher, Dr. Donovan.“

„Sie können mich mal!“

„Dann hören Sie sich einfach nur an, was ich zu sagen habe. Das Recht zu schweigen ist Ihnen natürlich unbenommen!“

„Zu gütig!“ Er verzog spöttisch das Gesicht.

„Sie sollten sich hüten, Doc!“, meldete sich Chaves zu Wort. „Haben Sie gehört? Ein falsches Wort und Sie erleben nicht einmal mehr Ihre Zeugenaussage!“

„Wir schaffen ihn raus!“, kündigte Leslie Morell an.

Zusammen mit Jay sorgte er dafür, dass Rick Chaves auf die Beine kam. Anschließend gingen sie mit ihm ins Schlafzimmer.

Dann schloss Leslie die Tür, sodass Chaves nicht mehr mit anhören konnte, was wir mit Dr. Donovan besprachen.

„Was wird das jetzt?“, fragte er mit einem ziemlich gezwungen wirkendem Lächeln. Seine Augen flackerten unruhig. Zweifellos hatte Chaves ihm übel mitgespielt und der Arzt stand wohl noch unter einem Schock.

„Sie haben gerade viel durchmachen müssen – und Sie denken trotzdem, dass Sie noch irgendetwas dadurch retten können, dass Sie schweigen und sich stur stellen“, stellte ich fest. „Aber das ist ein Irrtum! Glauben Sie mir! Diejenigen, die Rick Chaves geschickt haben, um Sie fertig zu machen, werden ihr Werk vollenden, wenn wir Sie nicht schützen. Und zwar ganz gleich, wo Sie sich gerade befinden! Aber wir können Sie nur schützen, wenn Sie auspacken, Dr. Donovan. Ansonsten können wir nichts für Sie tun! Dann wird Sie ein anderer Handlanger der Syndikate früher oder später niederstrecken.“

„Sie wollen mir doch nur irgendetwas anhängen!“

„Sie haben Ihre Arztpraxis für die Treffen von Gangstern zur Verfügung gestellt“, sagte ich. „Ich bin kein Jurist und ich weiß auch nicht, wie eine Jury so etwas letztlich bewerten wird. Tatsache ist, dass Sie Brad Mendoza mit Informationen über diese Treffen versorgt haben. Warum?“

Er schluckte.

Einen Augenblick lang zögerte er noch und wich meinem Blick aus. Dann begann er endlich zu sprechen. „Mendoza hat mich erpresst!“, sagte er. „Irgendwie bekam Mendoza heraus, was es mit den Untersuchungen von Murray Zarranoga auf sich hatte. Und damit erpresste er mich! Ich war gezwungen, Mendoza mit Informationen zu versorgen!“

„Hatten Sie Wanzen in Ihrer Praxis installiert?“, fragte ich.

Dr. Donovan schüttelte den Kopf. „Nein, das wäre viel zu riskant gewesen. Wenn die entdeckt worden wären, hätte man mich sofort getötet.“

„Wer war bei diesen Treffen anwesend?“

„Außer Murray Zarranoga kam regelmäßig sein Großonkel Sid Garetta aus East Harlem. Außerdem noch ein gewisser Tom Santini aus Little Italy und Dan Rodriguez, ein Puertoricaner aus der Bronx. Nur ab und zu waren Rodney Gordon und Jason Carlos dabei. Gordon kommt aus Harlem – und von diesem Jason Carlos weiß ich nur, dass er schlecht English spricht.“

„Ein ganz schönes Gedränge im Behandlungszimmer!“, meinte ich. Die Namen, die Donovan erwähnt hatte, waren alles bekannte Größen aus dem Heroinhandel.

Dass sie sich in letzter Zeit regelmäßig trafen und offenbar auch zusammenarbeiteten, obwohl sie eigentlich Konkurrenten waren, sprach für eine Gefahr von außen. Zum Beispiel ein fremdes Syndikat, das ihnen allen das Wasser abgraben konnte.

„Sie sind alle offiziell meine Patienten.“

„Zu ihren Krankheiten will ich Sie gar nicht erst befragen!“

Er schluckte. Ei9n Ruck durchlief seinen Körper und plötzlich schien er seine Situation zu begreifen. „Ich bin ein toter Mann, oder?“

„Nicht, wenn Sie umfassend aussagen und ins Zeugenschutzprogramm kommen“, warf Milo ein.

Ich fuhr fort: „Brad Mendoza hat uns darüber informiert, dass ein Hitman mit der Bezeichnung Road Killer nach New York gekommen ist. Wir nehmen an, dass er diese Informationen auch von Ihnen hat.“

Donovan nickte.

„Ja, das ist richtig.“

„Was wissen Sie darüber?“

„Nur, dass er existiert und die anwesenden Bosse glauben, dass die Philadelphia-Connection ihn geschickt hat. In den letzten Wochen haben sie immer wieder erwogen, mit diesen Leuten in Verhandlungen zu treten, aber die andere Seite schien nicht interessiert zu sein. Außerdem bemühten sich Zarranoga und die Anderen um ein breiteres Bündnis der hiesigen Bosse, aber das war schwierig. keiner wollte sich unterordnen.“

„Ich verstehe“, sagte ich.

21

Wenig später wurden sowohl Chaves als auch Donovan abgeholt. Beide wurden zunächst einer ärztlichen Untersuchung und Behandlung zugeführt.

Was Donovan anging, so war er danach sehr kooperationsbereit, da er offenbar begriffen hatte, dass dies seine einzige Überlebenschance war. Nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie, die er sicherheitshalber in einem einsamen Ferienhaus in Montauk auf Long Island untergebracht hatte. Aber eine Dauerlösung war auch das nicht.

Mr McKee wies unsere Kollegen Fred LaRocca und Josy O'Leary an, dort nach dem Rechten zu sehen und Donovans Frau davon  zu überzeugen, dass es am Besten war, in eine vom FBI für solche Zwecke angemietete Wohnung umzuziehen. Ihr bisheriges Leben würden sie alle hinter sich lassen müssen.

Am Abend hatte Mr McKee noch alle an dem Fall beteiligten Agenten zu einer kurzen Besprechung in sein Büro gebeten.

„Wir haben eine aktuelle Videoaufzeichnung, die den Road Killer zeigt, kurz bevor er das Attentat auf Zarranoga verübte“, erläuterte unser Chef. Anschließend gab er das Wort an Clive weiter.

„Diese Videosequenz wurde von den Überwachungskameras des Gebäudes aufgezeichnet, in dem die Zarranogas wohnen“, erklärte Clive. Anschließend führte er uns die Szene auf einem Flachbildschirm vor.

Ein Motorradfahrer war für Sekunden im Bild zu sehen.

Clive ließ die Sequenz in Zeitlupe laufen. „Der Road Killer – gehen wir mal davon aus, dass er hinter dem Visier steckt – fuhr die Straße am Jefferson Park entlang und bremst deutlich ab, wie man sieht. Etwa fünfzig Meter außerhalb des Bildausschnitts muss er dann stehen geblieben sein, um zu feuern. Es wurden auf dem Asphalt entsprechende Reifenspuren  festgestellt.“ Clive zoomte das Bild so nahe wie möglich heran, bis es begann, sich in einzelne Pixel aufzulösen. „Unsere Innendienstler haben inzwischen herausgefunden, dass es sich bei dem Motorrad um eine Yamaha handelt. Die genaue Typbezeichnung und das Baujahr sind bereits in die Fahndung gegangen. Es handelt sich um eine brandneue Maschine, die innerhalb der letzten vier Monate ausgeliefert und auf die speziellen Bedürfnisse des Road Killers hin umgerüstet worden sein muss. Das Nummernschild ist gut erkennbar.“

„Ich nehme an, es wurde bereits überprüft“, glaubte Mr McKee.

Clive nickte.

„Ja. Eine Maschine gleichen Typs und gleichen Baujahrs ist unter dieser Nummer tatsächlich im Staat New York zugelassen worden. Der Besitzer heißt Stuart Edwards, ist 18 Jahre alt und wohnt in Yonkers bei seinen Eltern, die ihm die Maschine zum Geburtstag geschenkt haben. Die Kollegen des Yonkers Police Departments haben das zumindest bei ihrer Überprüfung festgestellt.“

„Das bedeutet, dass der Road Killer sich erhebliche Mühe bei der Fälschung des Nummernschildes gemacht hat“, stellte Max Carter fest. „Bei einer Routinekontrolle fällt er wahrscheinlich gar nicht auf, weil die Maschine zum Nummernschild passt.“

„Wenn er dann auch noch einen gefälschten Führerschein auf den Namen Stuart Edwards hat, wäre es perfekt“, warf Milo ein.

„Der Täter scheint Zugang zu den Daten der Zulassungsstelle zu haben“, schloss Mr McKee.

Clive bestätigte dies. „Ich habe bereits mit den Kollegen dort gesprochen. Die wahrscheinlichste Möglichkeit, wie er an diese Daten herankommen könnte, wäre ein Hackerangriff. Es gab in letzter Zeit ein paar Probleme in dieser Hinsicht.“

Hacker hatten es schon vor einigen Jahren geschafft, sogar in die Zentralrechner des Pentagon zu gelangen. An Zulassungsdaten über Motorräder heranzukommen, war dagegen eine relativ leichte Übung.

„Aber wir haben inzwischen noch weitere Erkenntnis gewonnen“, fuhr Clive in seinem Bericht fort. Er zoomte den Fuß des Road Killers heran. „Es ist deutlich zu erkennen, dass links einen orthopädischen Schuh trägt. Wir können natürlich nicht alle Träger von orthopädischen Schuhen als Verdächtige ansehen, aber in Kombination mit weiteren Merkmalen dürfte sich der Kreis der in Frage kommenden Personen bereits sehr verringern!“

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass jemand wie der Road Killer nicht als perfekte Mordmaschine angefangen hat, sondern irgendwo in unseren Datenbanken als jemand schlummert, der seine Karriere mit kleineren Delikten begann“, erläuterte Max Carter das Vorgehen.

„Er könnte auch an einem Motorradunfall beteiligt gewesen sein, als dessen Folge er vielleicht zum Tragen dieser Schuhe gezwungen ist“, warf ich ein.

„Auch das ist eine Möglichkeit“, räumte Max Carter ein. „Im Moment strecken wir in all diese Richtungen unsere Fühler aus und versuchen, die verfügbare Datenflut soweit einzugrenzen, dass wir damit etwas anfangen können.“

22

Am nächsten Morgen hatten wir eine ausführliche Aussage von Donovan und Chaves vorliegen. Letzterer hatte inzwischen auch erkannt, dass es besser war, zumindest teilweise die Karten auf den Tisch zu legen, wenn er für sich selbst noch irgendetwas herausholen wollte.

Der Mordauftrag gegen Donovan war nach Chaves’ Angaben von Allan Zarranoga gegeben worden. Das reichte für uns aus, um ihn vorläufig festzunehmen und seine Wohnung zu durchsuchen.

Allan Zarranoga bewohnte ein exklusives Loft in der Gegend um den Carnegie Hill. Zusammen mit Clive und Orry machten wir uns dorthin auf den Weg, um ihm Handschellen anzulegen.

„Zarranoga festzunehmen ist nur ein Etappensieg“, sagte Milo während der Fahrt.

„Er hat nur die Geschäfte seines Onkels Murray weitergeführt“, gab ich zurück. „Allerdings glaube ich nicht, dass es dieser Philadelphia-Connection reichen wird, nur Murray aus dem Weg zu räumen, wenn sie in New York wirklich eine führende Rolle im Heroin-Handel übernehmen wollen!“

„Aber Leute wie Tom Santini oder Rodney Gordon würden doch nicht zusammenarbeiten, wenn es nicht unbedingt nötig wäre“, gab Milo zu bedenken. „All die Leute, die an den Treffen in Donovans Praxis teilgenommen haben, waren doch untereinander stark zerstritten!“

„Wir werden uns mit der DEA austauschen müssen und die Kollegen in Philadelphia zu Rate ziehen, Milo. Wenn es wirklich stimmt, was Donovan gesagt hat und dieses Heroin-Kartell, was sich da in der Praxis traf, hat den Philadelphia-Leuten tatsächlich ein Angebot gemacht, dann verstehe ich nicht, weshalb keine Reaktion erfolgte. Das kommt doch einer Kapitulation gleich!“

„Murray Zarranoga war offenbar klug genug, um zu wissen, dass er der Konkurrenz aus Philadelphia nicht die Stirn bieten kann, Jesse!“

„Irgendwie passt da etwas nicht zusammen, Milo.“

„Du meinst, der Road Killer wurde nicht durch die Philadelphia-Connection geschickt?“

„Könnte es nicht sein, dass jemand aus New York mit Murray Zarranogas weicher Verhandlungslinie gegenüber der Konkurrenz nicht einverstanden war?“

„Wir wissen nicht, wie zuverlässig der Zeuge Donovan wirklich ist, Jesse!“

„Wenn wir Pech haben, ist der Road Killer längst wieder über alle Berge und genießt sein Honorar unter südlicher Sonne!“

„Warten wir es ab!“

23

Eine halbe Stunde später machte uns eine junge Frau die Tür zu Allan Zarranogas Loft auf.

Sie war blond, trug nichts weiter als ein viel zu großes Männeroberhemd, das ihr bis zu den Knien reichte und machte den Eindruck, als wäre sie gerade aus dem Bett gestiegen.

Wir zeigten unsere Ausweise sowie den Durchsuchungsbefehl und drängten uns an ihr vorbei in die Wohnung

Mit der Dienstwaffe in der Hand nahmen wir uns Raum für Raum vor. Aber der Gesuchte war nicht zu Hause.

„Was fällt Ihnen ein?“, zeterte die junge Frau.

„Wer sind Sie?“, fragte Clive.

„Sandra Naismith“, antwortete sie. „Ich wohne hier, wenn’s Recht ist. Und wenn Sie Allan suchen – der ist nicht hier!“

„Ihr Name steht nicht an der Klingel“, stellte Clive fest.

„Das kommt noch, wir wohnen erst seit vier Wochen zusammen.“

Orry fand im Badezimmer ein Spritzbesteck und Heroin. Sandra krempelte die Ärmel des Hemdes herunter, aber es gab auch Einstichstellen an den Beinen.

„Gibt Allan Ihnen den Stoff?“, fragte Clive.

„Ich sage nichts ohne Anwalt!“, erwiderte sie trotzig. „Allen bezahlt mir die besten Verteidiger New Yorks. Was immer Sie mir auch anhängen wollen, ich bin schneller wieder draußen, als Sie glauben!“

„Es geht um Verabredung zum Mord“, erwiderte Clive. „Ich weiß nicht, ob Sie wirklich klug beraten sind, sich da hineinziehen zu lassen.“

Wir durchforsteten inzwischen die anderen Räumen nach irgendwelchen Hinweisen, die darauf schließen ließen, wo sich Allan Zarranoga jetzt vielleicht befand.

Dann erhielt Clive den Anruf aus dem Field Office. Er nahm das Handy ans Ohr und sagte nur zwischendurch einmal: „Ja, Sir!“

Anschließend setzte er uns über den neuesten Stand der Dinge in Kenntnis. „In Little Italy hat es einen Anschlag auf einen Coffee Shop gegeben, der die Handschrift des Road Killers trägt. Zwei der Toten konnten einwandfrei identifiziert werden: Tom Santini und Allan Zarranoga. Es gab noch ein weiteres Opfer, über dessen Identität sich die Kollegen der City Police noch nicht im Klaren sind.“

24

Der Coffee Shop, in dem sich das Drama ereignet hatte, lag an der Ecke Mott Street und Hester Street. Als wir dort ankamen, war der Verkehr durch die Einsatzfahrzeuge von Emergency Service, Fire Service und NYPD blockiert.

Daher mussten wir unsere Wagen in einiger Entfernung parken und die letzten fünf Minuten zum Tatort zu Fuß zurücklegen.

Den Kollegen in Uniform, die die Aufgabe hatten, Schaulustige fernzuhalten und einen reibungslosen Ablauf des Einsatzes zu gewährleisten, zeigten wir unsere Ausweise und wurden durchgewinkt.

Der Coffee Shop hatte sich im Erdgeschoss eines klassischen Brownstone-Baus befunden. Jetzt war davon nicht mehr viel übrig. Eine Explosionshölle hatte den Coffee Shop vollkommen verwüstet. Die Fassade war bis auf die Höhe des dritten Stocks rußgeschwärzt und zahlreiche Scheiben in den oberen Geschossen waren geborsten.

Der Einsatzleiter war ein gewisser Captain Bellmore vom zuständigen Revier der City Police.

„Gut, dass Sie kommen“, begrüßte er uns, nachdem wir uns vorgestellt hatten. „Ein gewisser Allan Zarranoga ist doch derzeit bei Ihnen in der Fahndung.“

„Erst seit heute Morgen“, erklärte Clive.

„Er hat sich hier mit Tom Santini und noch einem dritten Mann getroffen, dessen Identität noch nicht feststeht.“

„Zarranoga und Santini sind beides große Nummern im Heroin-Handel“, warf Milo ein. „Da wird der dritte Mann doch wahrscheinlich aus derselben Branche kommen.“

„Die Leichen sind bereits abtransportiert“, berichtete uns Captain Bellmore. „Allan Zarranoga und Santini trugen Papiere bei sich, die die Identifizierung erleichterten. Der dritte Mann saß bei ihnen am Tisch und hat mehr abbekommen. Seine Leiche ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt worden. Wir konnten von dem Toten noch nicht einmal brauchbare Fingerabdrücke nehmen. Aber ich denke, dass es den Kollegen der Gerichtsmedizin gelingen wird, vielleicht anhand des Zahnstatus eine Identifizierung innerhalb der nächsten Tage vorzunehmen.“

„Haben Sie schon ermittelt, was in etwa passiert ist?“, fragte ich.

„Wir haben ein paar Zeugen, die einen Motorradfahrer gesehen haben, der kurz anhielt. Danach gab es die Explosion. Die Bedienung im Coffee Shop hatte Glück. Sie befand sich gerade hinter dem Tresen und konnte in Deckung gehen. Inzwischen ist sie auf dem Weg in die nächste Klinik. Die arme Frau steht völlig unter Schock.“

„Gab es keine anderen Gäste?“, fragte ich.

Captain Bellmore schüttelte den Kopf.

„Nein. Zumindest haben wir niemanden gefunden. Aber von einem Nachbarn haben wir erfahren, dass Tom Santini diesen Coffee Shop ab und zu für sich alleine mietete, wenn er sich mit Geschäftspartnern ungestört treffen wollte. Dann musste der Rest der Kundschaft draußen bleiben.“

Der Road Killer schien seine mörderische Mission noch nicht beendet zu haben. Offenbar hatte er es darauf abgesehen, die führenden Leute des New Yorker Heroinhandels zu dezimieren.

Das sprach für die Variante, nach der tatsächlich die Philadelphia-Connection oder irgendein anderes auswärtiges Syndikat den Road Killer ausgesandt hatte, um auf brutale Weise eine Art Marktbereinigung im Drogengeschäft zu betreiben.

Allerdings war das Vorgehen insgesamt sehr untypisch.

Marktübernahmen durch fremde Syndikate begannen üblicherweise damit, dass der Markt durch billigen Stoff überschwemmt wurde. Aber davon hatten wir nirgends etwas gehört.

Ich schweifte mit meinen Gedanken etwas ab, während jetzt der Einsatzleiter des Fire Service zu uns stieß und bereitwillig Fragen beantwortete.

Orry schien dieses Gespräch, in dem es um die Art der Explosion und Hinweise auf den verwendeten Sprengstoff ging, plötzlich ebenso wenig zu interessieren wie mich. Der Blick unseres indianischen Kollegen wurde durch ein Mercedes Cabriolet auf der anderen Straßenseite gefesselt. Ein Mann mit kantigem Gesicht und großer Sonnenbrille saß am Steuer und schien den Einsatz rund um den Coffee Shop genauestens zu beobachten.

„Das gibt’s doch nicht, Jesse!“, murmelte er.

„Wovon sprichst du?“, fragte ich.

„Der Kerl war auch am Jefferson Park, nachdem Murray Zarranoga umgebracht worden war. Er stand mit seinem Mercedes am Straßenrand und beobachtete, was sich so abspielte.“ Orry wandte den Blick in meine Richtung. „An Zufälle dieser Art glaube ich einfach nicht.“

Orry machte zwei Schritte nach vorn.

„Was hast du vor?“, wollte ich wissen.

„Den Kerl überprüfen!“

Ich folgte Orry über die Straße. Der Mercedesfahrer sah uns etwas irritiert an. Orry hielt ihm seinen Ausweis entgegen. „Spezial Agent Medina, FBI, dies ist mein Kollege Agent Trevellian. Bitte steigen Sie aus!“

„Habe ich irgendetwas getan, was nicht den Gesetzen entsprach?“, fragte der Mann.

„Steigen Sie bitte aus, wir haben ein paar Fragen an Sie!“

„Sie sind vielleicht ein wichtiger Zeuge“, versuchte ich Zeerys ziemlich barsch vorgetragene Anweisung etwas abzumildern.

Der Mercedes-Fahrer stieg aus.

„Ihren Führerschein, bitte!“, verlangte Orry.

„Ich habe keine einzige Verkehrsregel übertreten!“, ereiferte sich der Mann. „Also weiß ich nicht, was das Ganze soll! Und wenn Sie mir vorwerfen, dass ich hier parke, dann muss ich Ihnen entgegenhalten, dass sich der Verkehr hier vorhin dermaßen gestaut hat, dass...“

„Das bedeutet, Sie waren bereits vor der Polizei und den Einsatzfahrzeugen des Fire Service hier“, stellte ich fest.

Er langte in die Innentasche seines Jacketts und reichte Orry seinen Führerschein.

Mein Kollege reichte ihn an mich weiter.

Er war auf den Namen Erroll Reigate ausgestellt und schien echt zu sein. Ich gab Reigate das Dokument zurück.

„Wie kommt es, dass Sie am Jefferson Park und jetzt hier jeweils pünktlich zur Stelle sind, wenn ein Anschlag verübt wird?“, fragte Orry.

„Das ist reiner Zufall“, erwiderte Reigate. „Oder vielleicht auch nicht. Wir leben in einer sehr gewalttätigen Zeit. Da finde ich es nicht so unwahrscheinlich, dass ich in relativ kurzer Zeit Zeuge davon wurde, wie Ihre Kollegen ein Verbrechen in mühevolle Kleinarbeit aufzuklären versuchen.“ Er lächelte. „Ich wünsche Ihnen übrigens viel Glück dabei!“

Orry ließ den Blick über das Innere des Wagens schweifen. Er suchte nach etwas. Irgendeinem Anhaltspunkt vielleicht, was dieser Mann mit den beiden Morden des Road Killers zu tun hatte.

„Komm, Orry. Wir haben zu tun“, sagte ich.

Orry zögerte. „Nichts für ungut, Mister Reigate“, sagte er.

„Ich weiß, dass Sie nur Ihre Pflicht tun“, erwiderte Reigate. „Aber manchmal ist die Pflicht eben nicht genug!“

25

„Komischer Vogel“, äußerte sich Orry, nachdem wir wieder außer Hörweite waren.

„Wir können ihm nichts vorwerfen“, gab ich zurück. „Noch nicht einmal, dass er durch seine Gafferei die Straße versperrt hat! Für den Verkehrsengpass konnte er wirklich nichts!“

„Jesse, ich traue ihm einfach nicht. ‚Ich weiß, dass Sie Ihre Pflicht tun. Aber manchmal ist das eben nicht genug.’ Was redet der denn für einen Mist?“

„Strafbar ist es aber nicht“, gab ich zu bedenken.

„Mag sein.“

„Aber du kannst ihn ja überprüfen und mal sehen, ob NYSIS irgendetwas ausspuckt, wenn du seinen Namen eingibst!“

Orry zog sich seine Seidenkrawatte zurecht. „Das werde ich tun, Jesse! Verlass dich drauf. Und zwar gleich und jetzt.“

Er ging zu dem Chevy aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft, mit dem Clive und er hier her gefahren waren, um über den eingebauten Rechner alles abzufragen, was es über Erroll Reigate herauszufinden gab.

Nach einer Viertelstunde kehrte Orry zum Tatort zurück.

Er machte ein ziemlich nachdenkliches Gesicht.

„Was ist bei deiner Abfrage herausgekommen?“, fragte ich.

„Nichts“, antwortete er. „Er ist kein Krimineller. Über NYSIS konnte ich nichts über ihn herausbekommen, aber über Internet ist einiges zu finden. Reigate ist ein millionenschwerer Geschäftsmann.“

„Welche Branche?“

„Er kauft marode Firmen und saniert sie, um sie anschließend mit Gewinn zu verkaufen. Das macht er offenbar sehr erfolgreich, Jesse.“

„Irgendein Verdacht auf einen Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen? Geldwäsche zum Beispiel?“

Orry zuckte die Schultern. „Ich habe im Field Office angerufen. Nat will sich darum kümmern – sobald er Zeit hat.“

Agent Nat Norton war in unserem Field Office der Experte für Betriebswirtschaft. Seine Spezialität war es, Geldströme und verdeckte wirtschaftliche Verflechtungen transparent zu machen, was bei der Bekämpfung des organisierten Verbrechens einen immer wichtigeren Stellenwert einnahm.

„Vielleicht war dieser Reigate einfach nur neugierig“, meinte ich.

„Dieser Mann jongliert mit Millionen. Normalerweise sind das doch Workaholics, die sich genau überlegen, ob sie nicht beim Zähneputzen noch etwas anderes tun können.“

„Er scheint eine Ausnahme zu sein, Orry.“

„Es muss einen Grund dafür geben, dass er sich Tatorte ansieht!“

26

Drei Stunden später saßen Milo und ich zusammen in dem Dienstzimmer, das wir im Bundesgebäude an der Federal Plaza teilten. Orry hatte sich zu uns gesellt, während sich Clive gerade bei Max Carter über den Stand der Fahndung nach dem Road Killer informierte.

Die Highway Police und City Police waren inzwischen angewiesen worden, auf Motorradfahrer zu achten, sie gezielt aus dem Verkehr zu winken und ihre Papiere zu überprüfen. Möglicherweise hatten wir Glück und der Killer ging auf diese Weise einer der Streifen ins Netz.

Inzwischen gab es fast ein Dutzend Werkstätten, die davon berichteten, dass Kunden sehr eigenwillige Umbauten im Lenkerbereich an ihren Maschinen hatten vornehmen lassen. Nachdem über die lokalen Medien ein entsprechender Aufruf ergangen war und unsere Innendienstler aus der Fahndungsabteilung Werkstätten gezielt telefonisch darauf angesprochen hatten, schien eine regelrechte Hysterie ausgebrochen zu sein, sodass mittlerweile mehr Hinweise vorlagen als wir bewältigen konnten.

Inzwischen gab es sogar einen Anrufer, der von sich behauptete, selbst der gesuchte Motorrad-Killer zu sein.

Allerdings war es gelungen, den Anruf in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik auf Staten Island zurückzuverfolgen. Ein Insasse hatte die Möglichkeit gewittert, in die Medien zu kommen.

27

Das Motorrad raste die schmale Seitenstraße entlang. Der Fahrer bremste ziemlich abrupt ab. Auf der linken Seite war ein Mercedes Transporter geparkt worden.

Der Road Killer betätigte einen kleinen Schalter am Lenkrad und aktivierte damit eine Fernbedienung.

Das Heck des Transporters öffnete sich.

Eine Rampe wurde ausgefahren.

Der Road Killer gab noch einmal etwas Gas und fuhr die Rampe empor, sodass er im Inneren des Transporters verschwand. Er stieg ab und ließ die Maschine in die dafür vorgesehenen Halterungen hineingleiten. Ein paar Handgriffe und die Maschine war so fixiert, dass sie nicht einmal bei einem schweren Unfall noch in Bewegung geraten konnte. Das Heck schloss sich automatisch. Das Innere des Transporters war nach den Bedürfnissen des Road Killers aus- und umgebaut worden. So gab es einen Durchgang zur Fahrerkabine des Transporters. Der Road Killer legte den Helm auf den Beifahrersitz. Hier drinnen konnte ihn auf Grund der getönten  Scheiben, die er sich extra in das Fahrzeug hatte einbauen lassen, ohnehin kein Passant erkennen.

Dann startete er und scherte aus der Reihe parkender Fahrzeuge aus.

Der Transporter scherte aus der langen Reihe parkender Fahrzeuge hervor. In diesem Moment meldete sich das Telefon.  Es war eines der Prepaid Handys, die der Road Killer üblicherweise benutzte, um das Abhören zu erschweren.

Der Road Killer nahm das Gespräch entgegen und aktivierte dazu die Freisprechanlage.

„Hier Reigate. Die Dinge haben sich geändert.“

„In wie fern?“, fragte der Killer.

„Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass Sid Garetta im Moment nicht in New York ist“, wisperte die Stimme im Brustton der Verschwörer.

„Und wo finde ich ihn dann?“

„Er besitzt ein Ferienhaus in den Hamptons auf Long Island, wo er sich verkrochen hat.“

„Okay...“

„Ihr Handy ist doch internetfähig, oder?“

„Ja.“

„Dann schicke ich Ihnen ein paar Fotos und eine genaue Wegbeschreibung zu.“

„Ich bevorzuge eigentlich eine anonymere Übergabe von relevanten Auftragsdaten.“

„Sie bekommen sehr viel Geld für Ihren Job. Wir sollten uns gegenseitig vertrauen. Ich benutze Prepaid-Handys und vernichte die Chipkarte. Aber Sie wissen genauso gut wie ich, dass die Sache schnell über die Bühne gebracht werden muss, sonst wird der Boden für Sie zu heiß.“

„Die Tatsache, dass ich die sechzig Meilen bis zu den Hamptons hinausfahren muss, bedeutet, dass ich neu disponieren muss. Ich kann Ihnen also nicht versprechen, dass wir im Zeitplan bleiben.“

„Sie sind ein Profi und werden das schon hinbekommen!“, entgegnete Reigate.

28

Am nächsten Morgen erfuhren wir die Identität des dritten Opfers, das bei dem Anschlag auf den Coffee Shop ums Leben gekommen war. Es handelte sich um Jason Carlos, der auch bereits von Dr. Donovan als Teilnehmer der Zusammenkünfte in seiner Praxis angegeben worden war.

Jason Carlos war kein unbeschriebenes Blatt. Die Abfrage über NYSIS ergab eine ziemlich lange Liste von Vorstrafen. Er galt nach den bisherigen Erkenntnissen als Boss eines Drogenrings von Exilkubanern und passte somit ins Bild.

„Es scheint so, als hätte der Road Killer den Auftrag, systematisch die Teilnehmer der konspirativen Treffen in Dr. Donovans Praxis umzubringen“, äußerte Max Carter seine Ansicht, als wir im Büro von Mr McKee auf den neuesten Stand der Ermittlungen gebracht wurden.

Dieses Mal nahm auch ein Vertreter der Drogenpolizei DEA an der Besprechung teil. Er hieß Derek Potter und war ein mittelgroßer Mann mit aschblonden Haaren und einer sehr markanten Brille.

„Meine Kollegen sind den von Ihrer Seite stammenden Hinweisen auf die bevorstehende Übernahme des Marktes durch ein auswärtiges Syndikat intensiv nachgegangen“, erklärte Derek Potter, nachdem Mr McKee ihm das Wort erteilt hatte. „Zunächst mal hat uns stutzig gemacht, dass die Heroinpreise nicht gefallen sind, was sehr häufig mit derartigen Veränderungen auf der Anbieterseite einhergeht. Zumindest für eine Übergangsfrist, bis sich die Verhältnisse wieder ‚geordnet’ haben und es nicht mehr nötig ist, die Konkurrenz mit billigem Stoff aus dem Rennen zu schlagen. Aber die Preise allein wären andererseits auch kein Argument, eine solche Entwicklung völlig auszuschließen. Tatsache ist aber, dass es zwar jede Menge Gerüchte darüber gibt, aber keinen einzigen konkreten Hinweis.“

„Was ist mit der Philadelphia-Connection?“, fragte Mr McKee.

„Unsere Kollegen vor Ort halten es für unwahrscheinlich, dass man dort derzeit an eine Expansion des Geschäftes denkt, sondern glauben eher, dass es sich um gezielt gestreute Desinformationen handelt.“

„Und zu welchem Zweck?“, erkundigt sich Mr McKee.

„Es könnte sein, dass der wahre Auftraggeber des Road Killers einfach noch nicht in Erscheinung treten möchte und es ihm ganz recht ist, wenn jemand anderes die Zielscheibe für eventuelle Gegenmaßnahmen bietet. Schließlich brauchen wir ja wohl nicht damit zu rechnen, dass die hiesigen Heroin-Bosse tatenlos dasitzen und sich der Reihe nach umbringen lassen. Was die Philadelphia-Connection angeht, so scheinen dort ja im Moment alle, die wir im Verdacht haben, daran beteiligt zu sein, auf Tauchstation zu gehen und sich zu bemühen, sehr vorsichtig zu agieren.“

„Dann stehen wir mit unseren Ermittlungen, was die Hintermänner dieser Mordserie angeht wohl wieder ganz am Anfang!“, zog Clive Caravaggio einen nahe liegenden, aber ziemlich deprimierenden Schluss.

Immerhin waren unsere Kollegen aus dem Innendienst inzwischen bei der Fahndung nach dem Road Killer ein Stück weitergekommen.

„Wir haben zirka zwanzig Personen aus unserer umfangreichen NYSIS-Abfrage herausgefiltert, die in allen wesentlichen Merkmalen übereinstimmen, von denen wir glauben, dass sie auf den Täter zutreffen“, erklärte Max Carter. „Sie sind männlich, etwa 1,80 m groß, weisen einen medizinischen Grund auf, um zumindest auf der rechten Seite einen orthopädischen Schuh zu tragen, sind mindestens dreißig Jahre alt und haben eine bekannte Vorliebe für Motorräder. Außerdem sind alle in ihrer Anfangszeit durch kleinere Straftaten vorwiegend im Bereich Körperverletzung und Drogen aufgefallen und sitzen derzeit nicht in Haft. Alle ermittelten Personen haben oder hatten mehr oder minder deutliche Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Fünf stehen gegenwärtig unter Bewährung. Daher sind ihre Aufenthaltsorte bekannt, die im übrigen über die gesamten USA verstreut liegen.“

„Dann werden wir veranlassen, dass zumindest diese fünf so schnell wie möglich Besuch von Agenten der zuständigen Field Offices bekommen“, kündigte Mr McKee an.

Max Carter nickte. „Das durchaus sinnvoll, um diese Personen definitiv auszuschließen. Ehrlich gesagt, halte ich diese Gruppe für Verdächtige zweiter Klasse, denn das Risiko, als Hitman zu arbeiten und gleichzeitig unter Bewährungsaufsicht zu stehen, ist meiner Ansicht nach einfach zu groß. Ein wirklicher Profi würde warten, bis die Zeit um ist. Bleiben insgesamt 15 Personen. Wir haben versucht, deren Aufenthaltsorte zu bestimmen. Sechs dieser Personen sind seit Jahren spurlos verschwunden, bei dem Rest sind wir auf Angaben wie Telefonnummer, Adresse oder Sozialversicherungsnummer und Führerschein gestoßen, müssen aber die Daten noch überprüfen. Von den sechs spurlos Verschwundenen ist einer möglicherweise in Mexiko verstorben. Das müssen wir noch genauer überprüfen und eine Namensgleichheit ausschließen. Die Anderen könnten untergetaucht sein und sind damit Kandidaten, die in engere Wahl kommen.“

„Bleiben also noch fünf Namen“, stellte Mr McKee fest.

„Ja, wobei es natürlich sein kann, dass unser Killer einfach durch das Raster gerutscht ist, weil er entweder noch nie vorbestraft war oder wir schlicht und ergreifend die falschen Merkmale angelegt haben. Manchmal waren die Eingrenzungen schlicht willkürlich und beruhten auf Spekulationen. Zum Beispiel beim Alter! Wir gehen davon aus, dass der Täter mindestens dreißig Jahre alt sein muss, da die erste Tat, die mit dem Road Killer in Verbindung gebracht wird, zwölf Jahre zurückliegt und wir es für sehr unwahrscheinlich halten, dass dieser Mord von einem Minderjährigen begangen wurde. Angenommen, die Zuordnung dieser Tat zum Road Killer ist falsch, dann könnte der Täter natürlich auch jünger sein.“

„Gibt es irgendeinen unter den Verdächtigen, der Verbindung zur Philadelphia-Connection hatte?“, fragte Clive.

Max schüttelte den Kopf. „Wir hatten jemanden, auf den das zutraf, aber der sitzt zurzeit eine langjährige Gefängnisstrafe ab.“

Max Carter aktivierte sein Laptop und schaltete den Beamer ein. Das Gesicht eines jungen Mannes erschien an der Wand. Er hatte dunkles Haar, weiche Gesichtszüge und war offensichtlich nach einer Verhaftung fotografiert worden.

„Das ist Mickey Ariano – oder besser gesagt: Das war er vor zwölf Jahren. Er wurde wegen Körperverletzung verhaftet und ist der einzige unter den Verdächtigen, der eine Verbindung zu unserem Fall hat – wenn auch eine lockere. Ariano war eine Zeitlang Türsteher im Latin Pop, das damals noch ‚La Mariposa’ hieß und Murray Zarranoga gehörte.“

„Glaubst du, der jetzige Besitzer Wayne Estevez könnte etwas über Ariano wissen?“, fragte ich.

„Estevez war damals Geschäftsführer, bevor der Club einen anderen Namen bekam und Zarranoga ihn als Strohmann einsetzte“, mischte sich nun Nat Norton, unser Experte für Betriebswirtschaft ein, der natürlich die Geschäfte der Zarranogas ganz genau unter die Lupe genommen hatte.

Mr McKee wandte sich an Milo und mich. „Ich schlage vor, Sie beide unterhalten sich noch mal mit Estevez. Vielleicht kommt dabei ja etwas heraus, was uns weiterbringt.“

„Ja, Sir“, sagte ich.

„Außerdem werden alle, die an den Treffen in Dr. Donovans Praxis teilgenommen haben und noch leben offiziell darüber informiert, dass ihr Leben in Gefahr sein könnte, falls unsere Vermutung stimmt und der Road Killer eine Todesliste abarbeitet“, fuhr unser Chef fort.

„Vielleicht besinnt sich ja einer von denen noch und packt aus!“, äußerte sich Jay Kronburg recht optimistisch.

„Die überlebenden Teilnehmer der Treffen bei Donovan werden außerdem rund um die Uhr beschattet. Wir müssen schließlich damit rechnen, dass der Road Killer wieder zuschlägt“, entschied Mr McKee.

„Was ist mit diesem Reigate?“, erkundigte sich Orry.

„Ich habe ihn überprüft“, erklärte Nat Norton. „Geschäftlich gesehen ist dieser Mann vielleicht etwas rabiat im Umgang mit den Mitarbeitern der von ihm aufgekauften Firmen und wird von den Gewerkschaften als Jobkiller gefürchtet – aber er ist absolut sauber. Ich habe bei ihm wirklich das Unterste zu oberst gekehrt. Da gibt es keine dubiosen Finanzkanäle und noch nicht einmal Ärger mit den Kollegen der Steuerfahndung, mit denen ich mich natürlich auch kurz geschlossen habe.“

„Der Mann scheint wirklich nur ein Faible für Tatorte zu haben“, meinte Clive.

„Max, ihr würdet mir einen großen Gefallen tun, wenn ihr bei dem Kerl noch mal nachgraben könntet!“, wandte sich Orry nun an Max Carter.

„Orry! Wir stecken bis über beide Ohren in Arbeit und es besteht kein Anlass dazu, weitere Ermittlungen über Reigate anzustellen!“

„Max hat Recht“, räumte Mr McKee ein. „Es sei denn, Sie könnten uns noch irgendeinen konkreten Anhaltspunkt dafür liefern, dass dieser Reigate in die Sache verwickelt ist.“

Orry seufzte und schüttelte den Kopf.

„Leider nein“, gestand er.

29

Milo und ich fuhren zum Latin Pop. Als wir ankamen, war es gerade Mittag. Es war niemand dort. Die Privatadresse von Wayne Estevez lag zwei Blocks weiter. Er war etwas erstaunt, als wir vor seiner Tür standen.

„Sie schon wieder?“

„Wir haben noch ein paar Fragen an Sie. Können wir hereinkommen?“, fragte ich.

„Kommen Sie! Mein Club ist sauber, ich bin sauber und es gibt nichts, was ich zu verbergen hätte! Also kommen Sie herein!“

Estevez trug einen Froteenmantel und war offensichtlich gerade erst aufgestanden. Er führte uns in ein Wohnzimmer, das allein schon größer war die meisten New Yorker Wohnungen. Ein Dachgarten schloss sich an die Fensterfront an. Man hatte einen hervorragenden Ausblick über die Umgebung.

„Ich arbeite bis in den frühen Morgen und deswegen stehe ich spät auf“, sagte er. „Also wundern Sie sich nicht über meinen Aufzug.“

„Das ist schon in Ordnung“, sagte Milo.

„Und was den Mord an Murray Zarranoga angeht, so kann ich Ihnen dazu wirklich nichts sagen. Ich habe keine Ahnung, wer ihn umgenietet hat. Wie ich jetzt erfahren habe, war er viel schwerer krebskrank, als wir alle wussten. Welchen Sinn macht es, jemanden zu töten, der ohnehin nur noch kurze Zeit zu leben hat? Können Sie mir das mal sagen?“

„Wir nehmen an, dass der Mörder nichts davon wusste“, antwortete Milo.

Sein Blick glitt zwischen Milo und mir hin und her. Eine Falte erschien auf seiner Stirn. „Schießen Sie schon los, was sind das für Fragen, von denen Sie glauben, dass ich sie beantworten könnte!“

„Es geht um einen Mann namens Mickey Ariano“, eröffnete ich. „Er hat im Latin Pop gearbeitet, als er noch Murray Zarranoga gehörte und Sie sein Geschäftsführer waren.“ Ich holte zwei Bilder aus der Innentasche meines Jacketts.

Das eine zeigte Ariano bei seiner letzten Verhaftung. Das andere war eine Abbildung, auf der er virtuell gealtert war, sodass sie vermutlich seiner heutigen Erscheinung entsprach.

Ich zeigte Estevez die Bilder. Er nahm sie an sich und betrachtete sie eingehend.

„Ach Biker-Mickey!“, entfuhr es ihm. „Ich wusste nicht mehr, dass er Ariano mit Nachnamen hieß. Ich habe ihn damals als Türsteher angestellt. War ein cleverer Bursche, wollte sich aber nie wirklich krumm legen. Wenn man ihn mal gefragt hat, ob er nicht auch ein paar Getränkekisten tragen könnte, war das immer unter seiner Würde. ‚Lieber einen dicken Bauch vom Saufen als einen krummen Rücken vom Arbeiten’ – das war sein Spruch, daran erinnere ich mich noch. Wir haben uns später irgendwie aus den Augen verloren.“ Er gab mir die Fotos zurück. „Warum fragen Sie nach ihm?“

„Wir nehmen an, dass er sich heute unter der Bezeichnung Road Killer als Hitman verdingt und für den Tod von Murray Zarranoga, Tom Santini und Jason Carlos verantwortlich ist.“

Estevez wurde blass.

„Eine illustre Opferliste, nicht war?“, mischte sich Milo ein. „Aber ich denke, Sie werden längst davon gehört haben, dass jemand unterwegs ist, um den Heroin-Markt von New York auf seine Weise aufzuräumen. Und da Sie mit diesem Markt ja nichts zu tun haben, brauchen Sie ja auch nichts zu befürchten...“

Estevez musste schlucken. Er atmete tief durch und rang förmlich nach Luft. Es dauerte einige Augenblicke, bis er sich wieder gefasst hatte.

„Was wollen Sie?“, fragte er abweisend. „Wenn Sie glauben, dass ich weiß, wo Mickey sich aufhalten oder wer ihn beauftragt haben könnte, dann sind Sie schief gewickelt. Ich weiß nur das, was man sich überall herumerzählt. Mehr nicht.“

„Mag sein. Wir sind überzeugt davon, dass dieser Killer noch weitere Opfer auf seiner Liste hat. Ob Sie selbst in Gefahr sind, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls dürfte es in unser aller Interesse sein, wenn dieser Mann gestoppt wird.“ 

„Ich wüsste nur nicht, wie ich Ihnen dabei helfen kann!“

„Indem Sie uns alles über Mickey Ariano erzählen, was Sie wissen. Jede persönliche Eigenheit, alles was Ihnen einfällt und ihn identifizieren könnte.“

„Es ist eine ganze Weile her, dass ich ihn zuletzt gesehen habe“, meinte Estevez. „Er hat mal von einer Karriere als Profi-Biker im Ice-Speedway oder bei Rallye-Wettbewerben geträumt. Seine Maschine beherrschte er auch mit Sicherheit gut genug, um da mitzuhalten, aber dieser Unfall auf der Manhattan Bridge hat ihm einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Sie haben sein Bein in der Klinik zwar wieder einigermaßen hinbekommen, aber es war danach ein Stück kürzer als das andere. Deswegen musste er immer so seltsame Schuhe tragen.“

„Ich könnte mir denken, dass der Job als Türsteher danach nichts mehr für ihn war“, meinte ich.

„Das war auch so. Wie gesagt, wir haben uns dann aus den Augen verloren.“

Milos Handy klingelte. Er nahm das Gespräch entgegen. Wenig später klappte er das Handy wieder ein und wandte sich an mich.  „Das war Max Carter. Unsere Fahndungsabteilung hat einen wichtigen Hinweis erhalten. Wir sollen hier sofort alles abbrechen und losfahren. Näheres sage ich dir im Wagen.“

30

Errol Reigate hatte seinen Mercedes auf den Parkplatz am Friedhof an der Ecke Water Street und Pine Street abgestellt. Bis zur Börse und der Wall Street waren es knappe 500 Yards.

Reigate legte seinen Aktenkoffer auf den Beifahrersitz und setzte sich hinter das Steuer.

Sein Handy klingelte. Reigate nahm das Gerät ans Ohr.

„Hier Reigate, was gibt’s?“

„Hier spricht Glenn Dover von Thorn Enterprises. Man hat mir gesagt, dass ich mich wegen des Sanierungsplans an Sie wenden soll.“

„Wir sprechen ein anders Mal darüber“, entschied Reigate.

„Eigentlich hatte ich gehofft, noch heute Nachmittag einen Termin mit Ihnen machen zu können, damit wir die wesentlichen Punkte besprechen und einige Positionen abklären. Schließlich ist morgen die Sitzung des Aufsichtsrats und da wäre ich gerne ungefähr darüber im Bilde, was jetzt geschehen wird.“

„Heute Nachmittag? Das ist völlig ausgeschlossen!“

„Es geht um einen dreistelligen Millionenbetrag, Mister Reigate! Meinen Sie nicht, Sie könnten Ihre Terminplanung etwas flexibler gestalten?“

„Tut mir leid, heute Nachmittag bin ich nicht verfügbar. Wir können morgen früh darüber sprechen.“

Reigate hörte, wie sein Gesprächspartner tief durchatmete. „Wie Sie meinen, Mister Reigate. Ich hoffe, dass das nicht zu knapp ist. Noch ist das Geschäft nicht unter Dach und Fach, wenn ich Sie an diesen Umstand erinnern darf.“

„Auf Wiederhören!“

Reigate unterbrach die Verbindung und schaltete anschließend das Mobiltelefon ab. Normalerweise war er rund um die Uhr erreichbar und früher hätte ihn auch nichts und niemand in der Welt davon abhalten können, Termine frei zu machen, wenn ein Hundert-Millionen-Dollar-Projekt auf der Kippe stand. Ein Konsortium wollte ihn als Sanierer eines maroden Automobilzulieferers in Newark einsetzen.

Aber inzwischen wusste Reigate, dass es Wichtigeres gab, als Geld und Erfolg.

Und im Moment gab es für ihn nichts Wichtigeres, als nach Long Island zu fahren. Etwa sechzig Meilen lagen die Hamptons entfernt. Viele gut betuchte Personen hatten dort ihre Villen direkt am Meer.

Darunter auch ein gewisser Sid Garetta.

Zur Hölle mit ihm!, durchfuhr es Reigate. Aber wenn alles glatt gegangen war, dann befand sich Garetta längst genau dort!

Reigate wollte sehen, was am Tatort so vor sich ging. Er wollte sicher sein, dass Sid Garetta wirklich tot war und keine Gefahr mehr darstellte. Für niemanden.

Für meine Kate kommt diese Form der Gerechtigkeit leider zu spät!, erkannte er bitter.

Reigate schluckte. Seine Augen waren rot geworden und wirkten angestrengt. Er wartete bislang vergeblich auf das Gefühl der Genugtuung, das sich eigentlich hätte einstellen sollen. Aber vielleicht kam das noch, wenn er sich davon überzeugen konnte, dass wirklich alles so gelaufen war, wie er es geplant hatte.

Irgendwann kommt für jeden der Tag des Gerichts!, dachte er und startete den Motor. Er wollte zurücksetzen, als das aufheulende Geräusch eines Motorrads ihn davon abhielt auf das Gas zu treten. Das Motorrad kam schnell, stoppte.

Reigate drehte sich ungläubig um und blickte in das dunkle, spiegelnde Visier.

Im nächsten Moment schoss etwas seitlich aus dem Lenker heraus. Das Motorrad brauste davon, während sich Reigates Mercedes in eine Explosionshölle verwandelte.

31

Die Werkstatt lag an der Huron Street in Queens, ganz in der Nähe der Greenpont Piers. Der Besitzer hieß Marsh McTaggart.

McTaggart hatte sich auf Motorräder spezialisiert. Wie viele andere, vergleichbare Werkstätten auch, war er von unseren Innendienstlern telefonisch daraufhin abgefragt worden, ob Maschinen des gesuchten Typs in Reparatur genommen worden waren.

Bei McTaggart war das der Fall.

Unsere Aufgabe war es nun, Einzelheiten zu ermitteln.

Drei Angestellte arbeiteten in der Firma.

McTaggart war ein großer, breitschultriger Mann mit roten Haaren und sommersprossigem Gesicht.

„Sie sind die Leute vom FBI?“, fragte er.

„Ich bin Agent Trevellian, dies ist mein Kollege Milo Tucker“, stellte ich uns vor und hielt ihm meine ID-Card entgegen.

McTaggart war gerade damit beschäftigt gewesen, an einer Harley herumzuschrauben. Er zeigte uns seine Ölverschmierten Hände. „Ich glaube, einen Händedruck erspare ich Ihnen lieber, Agent Trevellian!“, grinste er.

„Sie haben mit meinem Kollegen Agent Carter gesprochen“, begann ich.

„Ja. Es ging da um eine BMW-Maschine. Das war ein eigenartiges Ding.... So etwas hatte ich noch nie gesehen!“

Ich hielt ihm das virtuell gealterte Foto von Ariano unter die Nase.

„Sah der Halter zufällig so aus?“

McTaggart sah sich das Foto mit gerunzelter Stirn an und nickte schließlich. „Ja, das ist er. Allerdings hatte eine andere Haarfarbe.“

„Es ist durchaus möglich, dass er sie gefärbt hatte.“

„Er heißt Mickey Ariano.“

„So nannte er sich aber nicht.“

„Wie denn? Stuart Edwards?“ Es erschien mir aus der Sicht des Killers durchaus sinnvoll zu sein, den Namen jenes 18-jährigen zu verwenden, auf dessen Namen eine typgleiche Maschine zugelassen war.

„Sein Name war Alexander Grey. Die Papiere der Maschine waren in Ordnung. Ein Reifen verlor Luft, weil Mister Grey sich einen Nagel hinein gefahren hatte. Deswegen musste er schleunigst ausgewechselt werden.“

„Haben Sie den ausgewechselten Reifen noch hier?“, hakte ich nach.

McTaggart schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe Mister Grey – oder wie immer nun auch in Wirklichkeit heißen mag, - angeboten, den Reifen zu entsorgen, aber das wollte er nicht. Er hat ihn in seinen Wagen gelegt.“

„Seinen Wagen?“, wunderte sich Milo. „Ich dachte, er war mit seinem Motorrad hier?“

„Die Maschine befand sich im Inneren eines Mercedes Transporters.“

„Das Autokennzeichen wissen Sie nicht auch noch zufällig?“, fragte ich.

„Nein. Aber ich erinnere mich daran, dass es ein Kennzeichen aus Connecticut war! Darauf habe ich nämlich geachtet.“

„Wieso?“

„Es passte zur Zulassung der Maschine. Die war auch aus Connecticut.“

„Sie wollten gerade noch etwas über die Maschine selbst sagen“, erinnerte ihn Milo.

McTaggart nickte. „Ja, der Lenker war anders als ich das von Maschinen dieses Typs kenne. Es gab da eine Sendevorrichtung. Als ich Mister Grey danach fragte, reagierte er sehr unfreundlich.“

„Was Sie gesehen haben, war ein präparierter Lenker, der Explosivgeschosse verschießen konnte“, erwiderte ich.

32

Nachdem wir das Gespräch mit McTaggart beendet hatten, telefonierte ich mit Max Carter und berichtete ihm, dass Mickey Ariano gegenwärtig offenbar auch die Identität eines gewissen Alexander Grey aus Connecticut benutzte und zusätzlich einen Mercedes Transporter benutzte, um das Tatfahrzeug zu verstecken.

„Er ist sehr clever“, sagte ich. „Während unsere Kollegen von der City Police auf der Straße nach einer BMW-Maschine aus New York State Ausschau halten, lässt er das Motorrad einfach in seinem Transporter verschwinden!“

Wenig später erfuhren wir, dass auch Alexander Grey aus Connecticut tatsächlich existierte.

„Offenbar dasselbe Spiel wie bei Stuart Edwards“, meinte Max. „Ich werde zwischenzeitlich sämtliche Halter von Mercedes Transportern ermitteln, die es in Connecticut gibt. Angesichts der geringen Bevölkerungszahl dieses Staates können das nicht allzu viele sein. Vielleicht kommen wir ja auf diese Weise weiter.“

„Er muss sich doch in New York irgendwo eingemietet haben. Vielleicht hat er das auch unter dem Namen Alexander Grey getan“, hoffte ich.

Max Carter sah diese Möglichkeit als gar nicht so unwahrscheinlich an. „Wenn Mickey Ariano in der Lage ist, sich bei der Zulassung von Motorrädern die Identität anderer anzueignen – warum dann nicht auch bei Kreditkarten? Das wäre nur konsequent.“

33

Auf dem Rückweg zum Field Office erreichte uns die Nachricht, dass ein Anschlag auf Erroll Reigate verübt worden war. Clive und Orry waren am Tatort. Wir bekamen von Mr McKee den Auftrag, Reigates Privatadresse aufzusuchen und eine Hausdurchsuchung durchzuführen. Die anderen dafür abgestellten Kollegen befanden sich bereits auf dem Weg.

„Der Anschlag geschah in der Nähe des Friedhofs an der Oine Street“, berichtete Mr McKee. „Mehrere Zeugen haben einen Motorradfahrer beobachtetet, kurz bevor Reigates Wagen in die Luft flog. Ich will den Ermittlungen vor Ort ungern vorgreifen, aber ich denke, es kann kaum einen Zweifel daran geben, dass dieser Mord auch vom Road Killer verübt wurde!“

„Nur passt das Opfer überhaupt nicht in die Serie“, gab ich zu bedenken. „Reigate hat doch unseren bisherigen Erkenntnissen nach nicht das Geringste mit dem organisierten Verbrechen, geschweige denn mit dem Heroin-Handel zu tun!“

„Vielleicht sehen wir nach der Hausdurchsuchung klarer!“, glaubte unser Chef.

Anschließend gab er uns noch die genaue Adresse durch.

Wir setzten das Rotlicht auf das Dach des Sportwagens und fuhren mit Sirene Richtung Süden.

Reigate bewohnte eine Villa auf dem Vinegar Hill in Brooklyn. Von dort aus konnte man eine traumhafte Aussicht über den East River genießen. Die typische Silhouette Manhattans lag dann vor einem.

Als wir die Villa erreichten, hatten sich unsere Kollegen bereits Zutritt verschafft. Jay Kronburg und Leslie Morell waren ebenso vor uns eingetroffen wie unsere irischstämmige Kollegin Josy O'Leary und Fred LaRocca.

Wir warteten noch auf unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster.

Die Villa wurde von einer hohen Mauer umgeben, die allerdings auf Grund der Hanglage die Aussicht auf Manhattan keineswegs einschränkte, wie wir bald feststellten.

Nachdem wir uns über die Sprechanlage gemeldet hatten, wurden wir eingelassen.

Ich fuhr den Sportwagen bis vor das im klassizistischen Stil gehaltene Portal des Hauptgebäudes. Ein kleines Gebäude diente als Garage. Die Tore standen offen. Es war eine dunkle Limousine und ein roter Sportflitzer zu sehen. Ein Platz war frei. Dort wurde vermutlich das Mercedes Cabriolet eingestellt, mit dem wir Reigate vor dem Coffee Shop angetroffen hatten.

„Ein paar Dollar mehr als ein FBI-Agent dürfte Reigate aber schon verdient haben“, meinte Milo. „Wenn ich mir diesen Fuhrpark so ansehe.“

„Neidisch, Milo?“

„Nein“, antwortete er ohne zögern. „Es kommt mir nicht  darauf an, viel Geld zu scheffeln. Was wir tun ist wichtig. Es muss jemand da sein, der für das Recht kämpft und dafür sorgt, dass die Schwachen nicht einfach unter die Räder geraten und zu Opfern werden.“

„Außerdem kann man sowieso nur ein Steuerrad halten, oder?“

„Du sagst es, Jesse!“

Ich setzte den Wagen neben eines der anderen Fahrzeuge, die in der breiten Einfahrt abgestellt worden waren.

Wir stiegen aus.

„Ich frage mich wirklich, wie Reigate in das Schema dieser Morde hineinpasst, Milo!“

„Wir scheinen bisher von falschen Voraussetzungen ausgegangen zu sein, Jesse. Bisher haben wir gedacht, dass alle Opfer, die Mickey Ariano auf seiner Liste hat, Heroinhändler und Teilnehmer der konspirativen Treffen in Dr. Donovans Praxis sind – aber es könnte ja was anderes sein, das sie miteinander verbindet!“

„Und was bitteschön sollte das sein?“

„Vielleicht ist James Erroll Reigate einfach nur nicht der Saubermann, als den er sich in der Öffentlichkeit darstellt!“

„Dafür gibt es aber nicht einmal, den Hauch eines Hinweises, Milo!“

Mein Kollege zuckte die Schultern. „Du bist doch sonst nicht so leichtgläubig, Jesse. Vielleicht verstand es Mister Reigate nur sehr geschickt, eine Fassade um sich herum aufzubauen.“

Wir gingen zum Portal, stiegen Stufen empor und traten durch die offene Tür.

Schon von außen wurden wir Ohrenzeuge einer ziemlich lautstarken Diskussion, die unser Kollege Jay Kronburg mit einem grauhaarigen Mann von etwa Mitte fünfzig führte. Der Grauhaarige trug einen dunklen Anzug und weiße Handschuhe. Er schien so etwas wie ein Majordomus oder Hausbutler zu sein.

Jay Kronburg verdrehte die Augen und atmete tief durch.

Er war sichtlich froh, uns zu sehen.

„Hallo Jesse. Lös mich an dieser Front mal ab. Dieser Kerl begreift einfach nicht, worum es geht. Ich habe ihm den Durchsuchungsbefehl gezeigt, aber er glaubt, wir wollen in unzulässiger Weise die Privatsphäre des Hausherrn verletzen und macht uns einfach ein paar Räume nicht auf, die abgeschlossen sind!“

„Schon gut, Jay“, sagte ich und trat auf den offenbar etwas zur Sturheit neigenden Majordomus zu. „Ich bin Special Agent Jesse Trevellian. Meinen Kollegen Agent Kronburg haben Sie ja schon kennen gelernt.“

„Mein Name ist Charles Thorpe und ich muss sagen, dass ich es empörend finde, in welcher Weise Ihre Kollegen hier eindringen und die Privatsphäre von Mister Reigate missachten.“

„Man hat Ihnen doch gesagt, dass Mister Reigate ermordet wurde.“

„Das hat mir Ihr Kollege mitgeteilt, ja.“

„Sind Sie nicht auch daran interessiert, dass der Mörder gefasst wird?“

„Natürlich. Wer wäre das nicht?“

„Sie sind wahrscheinlich mit der Vorgehensweise, die für uns Routine ist, nicht vertraut. Aber es gehört zwingend zu einer Mordermittlung dazu, dass man die Wohnräume des Opfers nach Hinweisen durchsucht. Oft ergeben sich hier die entscheidenden Anhaltspunkte.“

„Dagegen ist im Allgemeinen nichts zu sagen. Es geht ja auch nur um ein einziges Zimmer, bei dem ich Ihre Kollegen gebeten habe, es nicht zu betreten. Ansonsten können Sie sich gerne umsehen und ich habe auch zugesagt, sie nach Kräften zu unterstützen.“ Er wandte den Kopf. „Auch wenn Ihr Kollege dieses Angebot offenbar nicht so recht zu schätzen wusste!“, füge er anschließend noch mit einer deutlich bissigeren Tonlage hinzu.

Jay Kronburg verkniff sich eine Bemerkung. Und das war auch besser so. Der ehemalige Cop in den Diensten der City Police war vielleicht nicht der geborene Diplomat, aber allein damit war der Widerstand des Majordomus gegen das Betreten dieses einen Zimmers wohl nicht zu erklären.

„Ihnen ist doch klar, dass wir Ihre Weigerung, uns die Tür des Zimmers zu öffnen, nicht akzeptieren können und notfalls mit Gewalt dort eindringen müssen“, erklärte ich ihm.

Thorpes Mund wurde zu einem schmalen dünnen Strich.

„Agent Trevellian, dieses Zimmer hat nichts mit dem Mord an  Mister Reigate zu tun.“

„Wie können Sie das wissen?“

„Ich weiß es eben und...“ Er zögerte. Der Blick seiner wässrig blauen Augen traf mich einige Sekunden lang. Schließlich presste er hervor: „Es ist das Zimmer seiner Tochter.“

„Ich wusste nicht, dass Mister Reigate Familie hat.“

„Das ist auch schon ein paar Jahre her, Agent Trevellian. Ich habe das ganze Drama hautnah miterlebt und ich kann Ihnen sagen, es war grauenhaft.“

„Erzählen Sie mir mehr darüber.“

„Was hat das mit Ihrem Fall zu tun?“

„Alles, was mit Mister Reigates Leben zu tun hat, ist für uns wichtig.“

Thorpe seufzte. „Reigate hatte eine Tochter. Sie hieß Kate und sie war Reigates ein und alles. Kate Reigate war drauf und dran, eine erfolgreiche Harvard Absolventin zu werden, bis sie an Heroin geriet und süchtig wurde. Mister Reigate musste mehr oder minder hilflos mit ansehen, wie seine Tochter durch dieses Teufelszeug zu Grunde gerichtet wurde. Schließlich setzte sich Kate den so genannten goldenen Schuss. Daran zerbrach auch Reigates Ehe. Seine Frau leidet bis heute unter den psychischen Folgen, die durch den Tod der Tochter ausgelöst wurden und lebt in einem Sanatorium in Vermont. Und Mister Reigate hat sich wie ein Wahnsinniger in die Arbeit gestürzt. Er hat sich oft Vorwürfe gemacht, weil er Kate nicht helfen konnte.“

„Und dieses Zimmer – Kates Zimmer...“

„Mister Reigate hat es genau so gelassen, wie es war, als Kate zuletzt darin gewohnt hat.“

„Ich möchte dieses Zimmer gerne sehen“, verlangte ich ultimativ. „Ich werde nichts durcheinander bringen, aber ich muss dieses Zimmer sehen!“

Thorpe sah mich einige Augenblicke lang nachdenklich an. Dann nickte er schließlich. „Mir bleibt wohl keine andere Wahl.“

„Das stimmt.“

Ich folgte ihm. Milo kam ebenfalls mit mir, während sich Jay und Leslie in den anderen Räumen umsahen.

Thorpe führte uns durch einen breiten Korridor, an dessen Ende Kates Zimmer lag. Thorpe hole einen Schlüsselbund hervor und öffnete die Tür.

Ich trat ein, blickte mich um. Ein Bett, ein Bücherregal mit der Literatur, die Kate für ihr Wirtschaftsstudium in Harvard benötigt hatte, eine Stereoanlage...

Das Zimmer wirkte tatsächlich so, als hätte seine Besitzerin es gerade erst verlassen.

„Ein Museum!“, stellte Milo fest.

Er hatte Recht. Wir befanden uns in Erroll Reigates privater Gedenkstätte für seine Tochter.

Ich öffnete den Kleiderschrank.

Kates Garderobe hing dort seit Jahren fein säuberlich aufgereiht auf Bügeln.

Ein Foto an der Wand zeigte sie in glücklichen Tagen mit ihrem Vater und ihrer Mutter.

Auf dem Bett lag ein Kranz. Frische Rosen standen in einer Vase auf dem Nachttisch. Und an der Wand hing ein Plakat, das ein Spritzbesteck zeigte. Darunter der Schriftzug: SIE WISSEN, WAS SIE TUN – ZUSEHEN IST MORD!

Ganz unten in der Ecke stand ein Copyrightvermerk aus diesem Jahr. Ich deutete auf das Plakat und sagte in Richtung von Thorpe: „Dieses Plakat hing aber mit Sicherheit noch nicht dort, als Kate Reigate noch hier lebte.“

„Das ist richtig“, bestätigte Thorpe. „Die Bekämpfung des Drogenproblems wurde zu einem der wichtigsten Anliegen, das Mister Reigate in den folgenden Jahren verfolgte. Er hat Millionen dafür gespendet. Leider musste er immer wieder erkennen, dass all die wohlgemeinten Maßnahmen von gemeinnützigen Organisationen immer nur wie Tropfen auf den heißen Stein wirkten. An der eigentlichen Problematik konnten sie nichts ändern.“

34

Jay und Leslie hatten sich Reigates Büro vorgenommen und waren auf interessante Details gestoßen. In einem verschlossenen Aktenschrank lagerten Dutzende von detaillierten Dossiers.

„Reigate hat offenbar Informationen über Heroinhändler gesammelt wie andere Briefmarken“, erklärte Jay. „Murray Zarranoga, Jason Carlos, Tom Santini... Alle, die der Road Killer bislang auf seiner Liste hatte, sind dabei.“

„Soll das heißen, dass Erroll Reigate der Auftraggeber des Road Killers war?“, fragte ich.

„Das wäre die einzig logische Erklärung.“

„Aber wieso hat dieser Killer dann seinen Auftraggeber umgebracht?“

„Das kann ich dir noch nicht sagen, Jesse.“

„Ein Motiv hätten wir jedenfalls“, warf Milo ein. „Das ehemalige Zimmer von Kate Reigate war ja in dieser Hinsicht wohl eindrucksvoll genug.“

ZUSEHEN IST MORD, so hatte es auf dem Plakat gestanden. Vielleicht hatte Reigate diesen Satz auf seine ganz persönliche Weise interpretiert. Er hatte einmal zusehen müssen, wie ein geliebter Mensch qualvoll vor die Hunde gegangen war.

Jetzt war er offenbar nicht mehr bereit gewesen, weiter dabei zuzusehen, wie die Profiteure des Drogenhandels an dem Unglück der Süchtigen verdienten.

Die Justiz war ihm wohl zu schwerfällig und hilflos erschienen. Er hatte etwas unternehmen wollen, hatte das Recht in die eigenen Hände genommen und war dabei selbst zum Verbrecher geworden.

Wir unterstützten Jay und Leslie beim Durcharbeiten des Materials. Reigate hatte ein halbes Vermögen für Privatdetektive und Informanten ausgegeben, um all das zusammenzutragen. Darunter waren auch sehr detaillierte Angaben zu den Lebensgewohnheiten der Drogenbosse, die Reigate ins Visier genommen hatte.

Dossiers, die man einem Profi-Killer übergeben konnte, damit er wusste, wo und wann er am besten zuschlagen konnte.

In einer verschlossenen Schublade fand sich eine Liste von Namen.

Sie waren mit Daten versehen.

Einige waren bereits durchgestrichen und mit eine zweiten Datum versehen, das jeweils einem Kreuz folgte.

„Todesdaten“, stellte Leslie fest. „Allerdings liegen davon einige noch in der Zukunft.“

„Irgendetwas muss den Killer dazu bewegt haben, seinen Auftraggeber umzubringen“, meinte ich. „Wie heißt das letzte Opfer auf der Liste?“

„Sid Garetta, der Drogenkönig von East Harlem“, antwortete Leslie. „Der wäre zumindest gestern Nacht dran gewesen. Hier stehen jedenfalls beide Daten mit einem Schrägstrich und dahinter der Vermerk ‚nachts’.“

„Dann sollten wir schleunigst feststellen, ob er seinen Auftrag ausgeführt hat!“

35

Während sich die Durchsuchung der Reigate-Villa noch länger hinzog, suchten Clive und Orry Sid Garettas Haus in East Harlem auf. Das Haus stand bereits unter Beobachtung und inzwischen lag auch eine Genehmigung zum abhören sämtlicher Telefonanschlüsse vor. Nachbarn berichteten, dass Garettas Familie offenbar schon seit längerem nicht mehr in der Gegend gesehen worden war. Es sprach vieles dafür, dass Garetta selbst auch nicht mehr anwesend war. Er besaß ein gutes Dutzend weiterer Immobilien, die über dem ganzen Staat New York verstreut lagen. Die Hälfte davon war unter den Namen von Strohmännern angekauft worden. Wahrscheinlich eine Vorsichtsmaßnahme für den Fall, dass Garetta schnell untertauchen und sich einer drohenden Verhaftung entziehen musste.

In der Reigate-Villa kamen unterdessen immer mehr Beweise dafür zu Tage, dass der scheinbar so biedere Geschäftsmann in Wahrheit Auftraggeber der Road Killer-Morde war. Ein systematisch inszenierter Rachefeldzug gegen die Führungsschicht des Heroin-Handels.

Die Kontoauszüge zeigten einige sehr hohe Überweisungen an ein Schweizer Nummernkonto. Möglicherweise war dies ein Teil des Lohns, den Mickey Ariano für seine Arbeit bekommen hatte.

Schließlich trafen unsere Spurensicherer ein und machten sich daran, die vorhandenen Beweise auf Spuren zu untersuchen.

Es war ungefähr fünf Uhr Nachmittags als wir schließlich ins Field Office zurückkehrten.

Wir hatten allerdings kaum Zeit dazu, einen Becher Kaffee zu trinken.

Max Carter hatte eine wichtige Neuigkeit.

„Eine Kreditkarte unter dem Namen Alexander Grey wurde soeben in einem Hotel in Hoboken benutzt“, berichtete unser Innendienstler.

Wir machten uns sofort auf den Weg.

Mit uns nahmen gut ein Dutzend FBI-Agenten an diesem Einsatz teil. Die State Police von New Jersey war natürlich sofort alarmiert und um Amtshilfe ersucht worden. Unterwegs erfuhren wir, dass der Gast, der mit dieser Karte bezahlt hatte, bereits nicht mehr in dem Hotel anzutreffen  war.

Überall wurde jetzt nach dem Mercedes Transporter mit dem Connecticut Kennzeichen gefahndet.

Das Hotel in Hoboken, in dem Mickey Ariano alias Alexander Grey mit einer Kreditkarte bezahlt hatte, hieß ‚Gloria’ und war ein Haus der Mittelklasse, das vor allem von Handlungsreisenden frequentiert wurde, die ihre Waren an die Industriebetriebe verkaufen mussten, deren Standorte das New Jersey Ufer des Hudson River umsäumten.

Der Portier bestätigte uns, dass Ariano Gast im ‚Gloria’ gewesen war. Allerdings hatte er sich unter dem Namen Alexander Grey eingetragen.

„Dann geht er offenbar davon aus, dass er diese Identität noch nicht zu wechseln braucht“, glaubte Milo.

„Hoffentlich! Sonnst beginnt unsere Fahndung wieder von vorn“, gab ich zurück.

Die Kollegen der State Police errichteten Straßensperren und Kontrollpunkte. Helikopter flogen außerdem die Straßen in einem weiteren Umkreis ab. Allerdings war fraglich, ob unser Netz schnell genug errichtet werden konnte, damit uns der Täter noch ins Netz ging.

Inzwischen wurde es Abend und die Dämmerung brach herein. Die Alexander Grey-Kreditkarte wurde das nächste Mal bei einer Tankstelle benutzt, die am Highway Richtung Paterson, New Jersey lag. Die Kollegen der State Police errichteten einen Kontrollpunkt, um ihn abzufangen. Dieser Kontrollpunkt lag vor der nächsten regulären Abfahrt, sodass Ariano uns eigentlich nicht durch die Lappen gehen konnte.

Seltsamerweise hatte der Road Killer lediglich für einen ziemlich geringen Betrag getankt.

„Offenbar hat er nicht vor, mit dem Mercedes Transporter seine Reise noch lange fortzusetzen“, stellte ich fest.

„Du meinst, er will den Wagen wechseln?“

„Wäre doch nahe liegend, oder Milo?“

Dieser Veracht verdichtete sich, nachdem der Transporter beim Kontrollpunkt der State Police Kollegen auf sich warten ließ.

Milo ließ sich die Umgebung in einer Karte mit großem Maßstab auf unserem TFT-Bildschirm anzeigen.

„Wenn er den Wagen wirklich wechseln will, muss er in der Nähe ein Ersatzfahrzeug deponiert haben“,  sagte ich.

„Vielleicht fährt er einfach mit dem Motorrad weiter, Jesse!“

„Dazu ist er zu sehr Profi. Er kann sich denken, dass wir danach fahnden.“

„Wir suchen also einen Ort, wo er seinen Transporter und das Motorrad verschwinden lassen kann.“

„Zumindest für eine Weile.“

„Und das in einem Umkreis von zwanzig Meilen, weil er mit seinem Treibstoff garantiert nicht weiter kommt!“

„Du setzt jetzt allerdings voraus, dass der Tank des Transporters so gut wie leer war!“, gab ich zu bedenken.

Milo nickte. „Du hast es selbst gesagt: Er ist Profi und wäre das Risiko, die Alexander Grey-Kreditkarte noch mal zu benutzen, nicht eingegangen, wenn es nicht unbedingt notwendig gewesen wäre!“

Milo studierte die Karte.

„Also es gibt vor dem Kontrollpunkt doch noch eine Abfahrt!“, stellte er fest. „Allerdings keine reguläre! Sie ist gesperrt und gehört zu Bannister Chemical, einem Industrieunternehmen.“

„Sind die nicht vor einem halben Jahr Pleite gegangen?“

Milo ging kurz online. Schon die erste Eingabe in eine Suchmaschine zeigte, dass dieser Verdacht stimmte.

„Eine Industriebrache! Perfekt, um den Transporter und das Motorrad verschwinden zu lassen...“

„...und ein Ersatzfahrzeug zu deponieren!“, ergänzte ich.

Milo griff zum Handy, um mit den Kollegen Kontakt aufzunehmen.

36

Mickey Ariano hatte das versiegelte Tor zu einer der ehemaligen Werkshallen von Bannister Chemical geöffnet.

Ein unscheinbarer Chevrolet in silbermetallic stand darin, zugelassen mit einem Kennzeichen aus New Jersey unter dem Namen Jay Eric Waltz. Pass und Führerschein lagen im Handschuhfach. Außerdem ein paar Schminkutensilien, mit denen sich Ariano innerhalb von zehn Minuten zwanzig Jahre älter machen konnte, um dem Passfotos entsprechend auszusehen. Es war alles perfekt vorbereitet.

Mickey Ariano setzte sich ans Steuer des Chevys und fuhr ihn aus der Werkshalle.

Er parkte den Wagen und fuhr anschließend den Transporter hinein und trug sein Gepäck in den Chevy. Es bestand nur aus einer Sporttasche und einem kleinen Koffer. Beides deponierte er im Kofferraum seines neuen Gefährts.

Anschließend machte er sich daran, Plastiksprengstoff mit einem Zünder an den Transporter anzubringen. Um das Motorrad war es schade. Als echtem Biker ging es ihm natürlich gegen den Strich, dass von dieser Maschine am Ende nichts bleiben würde als ein paar verkohlte Trümmer. Allerdings war es von Anfang an klar gewesen, dass ihre Lebenserwartung über seinen nächsten Auftrag nicht hinausgehen würde. Aus Sicherheitsgründen.

Und nach dieser Sache ist ohnehin Schluss!, ging es Ariano durch den Kopf.

Er hatte bei diesem Job doppelt kassiert.

Einmal von Erroll Reigate, seinem Auftraggeber.

Und dann noch ein zweites Mal, nachdem er versucht hatte, Sid Garetta in seinem Haus in den Hamptons umzubringen und er dort von dessen Leibwächtern in Empfang genommen worden war.

Aber Garetta war klug genug gewesen, ihn nicht zu töten, sondern ihm stattdessen ein Angebot zu machen. Für eine selbst für seine Verhältnisse astronomische Summe hatte er den Auftrag erhalten, seinen Auftraggeber zu töten. Da Reigate ein Amateur war, konnte Ariano das tun, ohne gegen seine Berufsehre zu verstoßen und anschließend selbst zum Gejagten der Syndikate zu werden.

Aber Mickey Ariano war sehr wohl bewusst, dass man so etwas nur einmal über die Bühne ziehen konnte.

Danach musste Schluss sein.

Finanziell war das jetzt kein Problem.

Kurz bevor er Reigate getötet hatte, war ihm bestätigt worden, dass der Betrag auf seinem Schweizer Nummernkonto eingegangen war. Zumindest die erste Hälfte. Die zweite würde folgen, daran hatte Ariano nicht geringsten Zweifel. Schließlich hatte Sid Garetta keinerlei Interesse daran, dass der Road Killer ein zweites Mal Kontakt mit ihm aufnahm...

Mickey Ariano seufzte, as er daran dachte, was aus dem Motorrad werden würde. Aber es war nun einmal nicht zu ändern.

Als er alles vorbereitet hatte, schaltete er den ferngesteuerten Zünder scharf und schloss das Werkstor.

Dann setzte er sich in seinen Wagen und begann sich mit Hilfe der Schminkutensilien zwanzig Jahre älter zu machen.

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als er mit dem Ergebnis zufrieden war.

Jetzt begann ein neues leben.

Er ließ den Motor an und nahm die Fernbedienung für den Zünder in die Rechte.

Nach kurzem Zögern drückte er auf den Knopf.

Innerhalb der Werkshalle brach ein Inferno aus.

Sollten sich irgendwelche Versicherungsdetektive später den Kopf darüber zerbrechen, was dazu geführt hatte!

Ein zufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen.

Dann trat er auf das Gas und fuhr in Richtung der Ausfahrt vom Werksgelände.

37

Ein silbergrauer Chevy kam uns entgegen und bremste. Wir stellten den Sportwagen quer. Auch die nachfolgenden Kollegen blockierten mit ihren Fahrzeugen die Farbahn.

Der Chevy setzte zurück.

Wir sprangen aus dem Wagen und feuerten mit den Dienstwaffen auf die Reifen. Ich erwischte ihn vorne links. Der Wagen brach aus. Der Geruch von verbranntem Gummi hing in der Luft, als die Felgen Funken sprühend über den Asphalt kratzten. Für eine Sekunde sah es so aus, als würde der Fahrer den Wagen wieder unter Kontrolle bekommen, aber ein zweiter Reifentreffer brachte ihn völlig aus der Bahn und ließ ihn herumschleudern.

Er kam zum Stehen. Die Tür ging auf.

Der Fahrer sprang heraus.

„Stehen bleiben! FBI!“, rief ich.

Unterdessen waren weitere Einsatzfahrzeuge uns gefolgt. FBI-Agenten und Beamte der State Police sprangen aus ihren Wagen und gingen mit der Waffe im Anschlag in Stellung.

Mickey Ariano riss eine Automatik unter der Jacke hervor und feuerte in unsere Richtung. Ziemlich ungezielt allerdings.

Er lief in Richtung der Werkshallen, wo sich vor kurzem eine weithin hörbare Explosion ereignet hatte.

Dabei schoss der Kerl unentwegt.

Wir schossen zurück.

Eine Kugel erwischte ihn am Bein. Er strauchelte und blieb liegen.

Es war aussichtslos, die Flucht fortzusetzen. Mickey Ariano sah das das zum Glück ein. Er warf die Waffe weg.

Wir kamen aus unserer Deckung und umringten ihn. Noch während wir Mickey Ariano festnahmen, wurde ein Notarzt verständigt.

38

Ariano wurde zu Erstversorgung in das St. Joseph’s Hospital von Paterson New Jersey gebracht. Er stand die ganze Zeit unter strenger Bewachung. Noch am Abend überführte man ihn von dort aus in die Gefängnisklinik von Rikers Island.

Bereits als wir uns am Morgen zur Besprechung im Büro von Mr McKee trafen, war bereits ein Gesprächstermin mit dem Staatsanwalt anberaumt.

„Mickey Ariano will offenbar umfassend aussagen, um zu vermeiden, dass die Staatsanwaltschaft für ihn die Todesstrafe fordert“, erläuterte uns Mr McKee. „Ich habe Ihre Teilnahme an dem Gespräch zugesagt, damit Sie die Sachlage aus unserer Sicht darstellen können!“

Gegen elf Uhr fanden Milo und ich uns zu dem Treffen auf Rikers Island ein, das auf der Krankenstation abgehalten wurde. Staatsanwalt Robert Thornton war zusammen mit zwei seiner Mitarbeiter anwesend, außerdem Arianos Anwalt, ein gewisser Morton Daniels.

„Ich kann mir einen Deal nur vorstellen, wenn Sie uns tatsächlich etwas anzubieten haben“, erklärte Thornton. „Und das sehe ich im Moment nicht.“

„Ist Sid Garetta nichts?“, fragte er. „Hinter dem dürften Sie doch schon seit Jahren vergeblich her sein. Wenn Sie auf meine Bedingungen eingehen, dann bekommen Sie ihn wegen Verabredung zum Mord!“

„Ich schlage vor, dass Sie meinen Mandanten informell seine Sicht der Dinge vortragen lassen“, mischte sich Morton Daniels ein. „Dann können Sie immer noch beurteilen, ob Sie darauf eingehen wollen.“

„Als Auftraggeber wurde doch ein gewisser Erroll Reigate ermittelt, oder irre ich mich da, Agent Trevellian?“, wandte sich Thornton an mich.

„Das ist inzwischen gesicherte Erkenntnis und lässt sich anhand zahlreicher Beweise auch belegen. Die Frage ist allerdings nach wie vor, weshalb Mister Ariano seinen Auftraggeber ermordet hat.“

„Erroll Reigate befand sich auf einem privaten Kreuzzug gegen den Drogenhandel“, berichtete Ariano. „Auf der Liste der Männer, die ich für ihn umbringen sollte, stand auch ein gewisser Sid Garetta, der als Drogenkönig von East Harlem gilt. Kurz bevor ich die Sache erledigen wollte, erfuhr ich, dass Garetta sich in seinem Haus auf Long Island verkrochen hatte. Mir blieb also nichts anders übrig, als mich dorthin zu begeben und ich musste dementsprechend improvisieren. Um die Lage besser beurteilen zu können, war ich gezwungen, mich zu Fuß dem Anwesen zu nähern. Der einzige Zugang war zu gut bewacht und auch einem Motorrad sind Grenzen gesetzt. Da haben mich Garettas Leute aufgegriffen und betäubt. Als ich erwachte, fand ich mich in seinem Haus wieder und er machte mir den Vorschlag, dass ich für ihn meinen Auftraggeber umbringe. Natürlich gegen eine erhebliche Summe!“

„Mister Garetta wird behaupten, dass dies eine Schutzbehauptung ist“, erwiderte Thornton.

„Eine Hausdurchsuchung könnte vielleicht Spuren an den Tag bringen“, glaubte Milo.

„Und wenn nicht, stehen wir im Regen da und müssen Garetta laufen lassen. Nein, das ist mir zu dünn. Garetta könnte argumentieren, dass es eine viel wahrscheinlichere Variante gibt, Mister Ariano.“

Ariano verzog das Gesicht. „Und die wäre?“

„Dass Sie sich mit Ihrem Auftraggeber gestritten haben. Vielleicht haben Sie Nachforderungen finanzieller Art gestellt und Reigate war nicht bereit, noch ein paar Scheine draufzulegen...“

„Die Daten zur Änderung des Plans samt einem Foto von Garettas Haus in den Hamptons hat er mir von einem Prepaid-Handy aus geschickt!“

„Dieses Handy hatte er wahrscheinlich bei sich, als Sie seinen Wagen explodieren ließen“, erwiderte ich. „Jedenfalls ist davon nirgends etwas aufgetaucht. Aber was ist mit Ihrem Apparat?“

„Den habe ich auf dem Gelände von Bannister Chemical vernichtet! Das Gerät war in dem explodierten Transporter.“

„Das bedeutet, wir habe eine Aussage ohne zusätzliche Beweise“, stellte Thornton fest.

„Es sei denn, Mister Ariano verhilft uns dazu, auf das Schweizer Nummernkonto zuzugreifen, auf das das Blutgeld eingezahlt wurde“, schränkte ich ein. Ich sah ihn an. „Sie werden ohnehin keine Möglichkeit mehr haben, dieses Geld jemals abzuheben!“

Ariano zögerte.

Aber nur kurz.

„Okay!“, brachte er heraus.

39

Noch am Nachmittag waren wir mit großem Aufgebot zu Sid Garettas Residenz in East Harlem unterwegs, wo er bereits wieder seinen Geschäften nachging. Schließlich hatte er geglaubt, dass nach dem Tod von James Erroll Reigate die Luft für ihn wieder rein war.

Seine Leibwächter waren klug genug, uns keinen Widerstand entgegen zu setzen.

Garetta sah uns erstaunt an, als wir in sein Büro platzten. Clive Caravaggio präsentierte ihm den Haftbefehl sowie den Durchsuchungsbeschluss für sämtliche Immobilien, die ihm gehörten.

„Was fällt Ihnen ein?“, ereiferte sich Garetta.

„Sie werden der Verabredung und Anstiftung zum Mord verdächtigt und daher festgenommen“, erläuterte Clive dem Drogenkönig von East Harlem. „Möglicherweise kommen nach der Hausdurchsuchung noch ein paar Anklagepunkte hinzu, aber das warten wir erst einmal ab!“

„Wesen Ermordung soll ich denn angestiftet haben?“, rief er. „Sie trampeln einfach herein und maßen sich an, hier alles durcheinander zu bringen.“

„Schöne Grüße vom Road Killer“, mischte ich mich ein. „Ich weiß nicht, unter welchem Namen Sie Mickey Ariano da draußen in den Hamptons kennen gelernt haben, aber es spielt auch keine Rolle. Er hat ausgesagt, von Ihnen eine große Summe bekommen zu haben, damit er Erroll Reigate für Sie umbringt!“

Sid Garetta schluckte.

Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass wir davon wussten.

„Dieser Schweinehund!“, zischte er, während Orry die Handschellen klicken ließ. „Dieser Motorradgangster wollte mich doch umbringen!“

„Das mag sein“, erwiderte ich. „Wenn Sie ihn in Notwehr erschossen hätten, wären Sie wahrscheinlich ungeschoren davon gekommen. Aber Sie wollten besonders schlau sein und den Road Killer für Ihre Zwecke umdrehen.“

„Damit kommen Sie niemals durch!“, schimpfte Garetta. „Niemals!“

„Abführen“, befahl Clive.

40

In den folgenden Tagen begann das juristische Tauziehen. Da Milo und ich bereits wieder mit einem anderen Fall befasst waren, konnten wir das nur am Rand verfolgen. Jedenfalls verlor Sid Garetta die Kautionsverhandlung. Sein Antrag, gegen Kaution bis zur Eröffnung des Verfahrens auf freien Fuß zu kommen, wurde abgelehnt. Dazu trug auch bei, dass sich bei den Hausdurchsuchungen nach und nach auch Beweise für die  Verstrickungen Garettas in den Heroinhandel fanden. Außerdem besaß er unter falschem Namen Immobilien auf den Cayman-Islands, sodass der Richter akute Verdunkelungsgefahr annehmen musste.

Zwei Dinge kristallisierten sich ziemlich schnell heraus: Mickey Ariano würde zwar dem Tod durch die Giftspritze entgehen, aber wohl eine lebenslange Gefängnisstrafe ohne Aussicht auf Entlassung bekommen. Und in Sid Garettas Fall  konnte man davon ausgehen, dass er für sehr lange Zeit aus dem Geschäft war.

„Reigate hätte uns den Kampf gegen den Drogenhandel überlassen sollen“, sagte Milo, als wir nach unserer Aussage vor Gericht dem Mezzogiorno - unserem Stammitaliener – einen Besuch abstatteten.

„Unsere Art der Verbrechensbekämpfung war ihm offenbar zu langsam und schwerfällig, Milo.“

„Aber man kann nicht für das Recht eintreten, wenn man selbst nicht bereit ist, sich daran zu halten.“

„Wohl wahr, Milo. Aber so etwas lässt sich immer leicht sagen, wenn es nicht die eigene Tochter war, die qualvoll im Drogensumpf verendete.“

Ein kleiner Sieg im Kampf gegen das Verbrechen lag hinter uns.

Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger.

ENDE

Tod eines Schnüfflers

Kriminalroman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Kriminalroman aus der Serie NEW YORK DETECTIVE um Bount Reiniger!

Ein New Yorker Privatdetektiv war in krumme Geschäfte verwickelt und wird erschossen.

Sein Kollege Bount Reiniger ermittelt und gerät in einen Sumpf des Verbrechens. Packender Thriller von Erfolgsautor Henry Rohmer (ALFRED BEKKER).

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

New York 1991

Steve Tierney nahm das Diktiergerät zur Hand und versuchte zum letzten Mal, endlich seinen Bericht abzuschließen. Aber im Grunde wusste er, dass es auch diesmal nichts werden würde. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Als sein Blick seitwärts ging, sah er seine eigene Hand ein wenig zittern.

Ich bin schon weit gekommen!, durchfuhr es ihn. Er atmete tief durch, erhob sich von seinem unbequemen Bürostuhl und legte das Diktiergerät auf den unaufgeräumten Schreibtisch. Tierneys Büro lag in der Lower East Side, weil er sich nichts Teureres leisten konnte. Doch jetzt hatte er vielleicht die Chance, den Aufstieg vom Schmalspur-Schnüffler zum Gentleman-Ermittler zu schaffen. Aber die Sache war noch nicht sicher. Sie stand auf Messers Schneide und wenn er Pech hatte, schnitt ihm dieses Messer am Ende die Kehle durch. Tierney musste höllisch aufpassen und wusste das auch. Aber die Versuchung war einfach zu groß gewesen. Eine solche Chance gab es nicht zweimal...

Tierney trat ans Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Es war schon spät. Eigentlich hatte er längst zu Hause sein wollen, aber in seinem Job durfte man nicht auf die Uhr schauen.

Er dachte plötzlich an seine Frau Karen und an Michael, seinen Sohn, der in ein paar Wochen zehn Jahre alt wurde. Um ihretwillen hätte ich mich nie auf diese verdammte Geschichte einlassen sollen!, ging es ihm schmerzhaft durch den Kopf. Aber jetzt war es zu spät dafür, irgendetwas zu bereuen. Jetzt musste er die Sache durchstehen und hoffen, dass alles gut ging. Wenn die Sache ausgestanden war, würden sie alle drei davon profitieren und eine bessere Zukunft haben. Keine nächtlichen Observationen von untreuen Ehemännern mehr, kein stundenlanges Herumlungern in der Nähe von Geldautomaten mehr, um irgendwelchen Scheckkartenbetrügern auf die Spur zu kommen...

Security Consulting für große Unternehmen - etwas in der Art schwebte Tierney für die Zukunft vor. Mit festen Bürostunden nach Möglichkeit. Und natürlich mit mehr Zeit für seine Familie.

In diesem Moment zuckte Tierney unwillkürlich zusammen. Das passierte ihm jetzt öfter. Seine Nerven hatten ziemlich gelitten, seit er in dieser Sache drin hing. Er hatte ein Geräusch an der Tür gehört. Jemand drückte auf die Klingel, aber die funktionierte schon seit langem nicht mehr. Also klopfte es eine Sekunde später.

Tierney hatte sein Schulterholster abgeschnallt und auf den Schreibtisch gelegt. Jetzt ging sein Griff dorthin, um die Waffe in die Hand zu bekommen. Es war eine Beretta und er fühlte sich schon wesentlich besser, als er den Pistolengriff in seiner Rechten spürte.

Mit der Waffe im Anschlag ging er in Richtung Tür, an der es zum zweitenmal klopfte, diesmal schon etwas ungeduldiger.

Tierney warf einen Blick durch den Spion. Im Flur stand ein Mann, den er nicht kannte.

"Was wollen Sie?", rief Tierney.

"Machen Sie auf, ich muss mit Ihnen sprechen!", kam es durch die Tür. "Aber nicht so, dass alle Welt das mitbekommt! Oder nehmen Sie keine Klienten mehr an?"

Tierney überlegte kurz. In seinem Hirn arbeitet es fieberhaft. Der Kerl da draußen war vermutlich kein Klient - obwohl Tierney dafür bekannt war, dass man ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen konnte. Aber in seiner jetzigen Lage glaubte er einfach nicht daran. Viel näherliegender war eine andere Möglichkeit. Jemand hatte vermutlich eine Art bezahlten Todesengel vorbeigeschickt, um Steve Tierney loszuwerden.

"Einen Moment!", rief Tierney, ohne die Absicht zu haben, dem Fremden wirklich zu öffnen. Er wollte nur Zeit gewinnen. Tierney schlich rückwärts und blickte sich in seinem schäbigen Büro um, in dem er jetzt wie in einer Mausefalle saß. Er hatte keine Chance hinauszukommen. Es gab keinen Balkon, keine Feuerleiter, nicht einmal die Möglichkeit zu einen Sprung aus dem Fenster, dessen Rahmen sich so verzogen hatte, dass er es im Winter hatte festnageln müssen, um nicht bei der Erledigung des leidigen Bürokrams zu erfrieren.

In Tierneys Büro gab es kaum Deckung. Es war kein Ort, um sich dort zu verstecken. Die Einrichtung war karg. Außer dem Schreibtisch befanden sich da nur ein paar selbsttragende Regale an den Wänden, in denen er die Akten mit seinen Ermittlungsunterlagen aufbewahrte.

Tierney war gerade bis zum Schreibtisch gekommen, da gab es ein hässliches Geräusch. Es klang fast so, als hätte jemand kräftig geniest, aber Tierney wusste, dass es etwas anderes war.

Eine Pistole mit Schalldämpfer! Der Kerl hatte kurzerhand das Schloss zerschossen. Die Tür öffnete sich einen Spalt.

Tierney machte das Licht aus und ging hinter dem Schreibtisch in Deckung. Dann entsicherte er seine eigene Waffe. Er packte die Beretta mit beiden Händen und wartete einfach die nächsten Sekunden ab, die endlos langsam voranzuschreiten schienen. Das erste, was er durch die Tür kommen sah, war der langgezogene Schalldämpfer.

Einen Augenblick noch wartete er. So lange, bis der Kerl zur Hälfte hereingekommen war. Tierney sah von dem Eindringling nicht viel mehr als einen schattenhaften Umriss. Aber als Ziel reichte das völlig aus. Steve Tierney dachte gar nicht daran, zu warten, bis der Killer versuchte, ihn zu töten. Seine einzige Chance war, ihm zuvor zu kommen. Und so tauchte er aus seiner Deckung hervor, legte die Beretta an und feuerte.

Der Eindringling reagierte allerdings blitzschnell. Er ließ sich zur Seite fallen und dann machte es 'Plop!'. Dreimal schnell hintereinander feuerte der Killer und traf. Ein Ruck ging durch Tierneys Körper. Er taumelte nach hinten und riss seine Beretta noch einmal hoch, um zu feuern. Doch bevor er dazu Gelegenheit bekam, hatte der Killer noch einmal abgedrückt. Der Schuss traf Tierney direkt in der Brust. Die Kugel trat auf der anderen Seite wieder aus und ließ die Fensterscheibe zu Bruch gehen. Tierney wurde nach hinten gerissen, so dass er dann aus dem Fenster kippte. Sieben Stockwerke, das war schon ein ganz ordentlicher Sturz. Der Killer machte indessen das Licht wieder an.

Der Fenstersturz war eigentlich nicht geplant gewesen. Letztlich bedeutete er für den Killer aber nur, dass er jetzt schneller arbeiten musste. Eine Viertelstunde, so schätzte er, hatte er mindestens. Er warf einen kurzen Blick hinaus aus dem Fenster. Ein hässlicher Anblick.

Es war schon jemand bei dem Toten und hatte sich über ihn gebeugt, ein anderer kam herbei. Aber es würde niemand hinauf ins Büro kommen, solange nicht die Polizei eingetroffen war. Das wusste der Killer aus Erfahrung. So waren die Leute nun einmal. Sie wollten etwas sehen, aber sich in nichts hineinziehen lassen.

Der Killer steckte seine Pistole ein und wandte sich dann den Akten zu, mit denen Steve Tierney seine Regale vollgestellt hatte. Eine nach der anderen wurde herausgerissen, durchgeblättert und dann auf den Boden geworfen.

2

Captain Toby Rogers vom Morddezernat Manhattan C/II war ein korpulenter Koloss. Er kam schnaufend aus seinem Dienstwagen heraus und bewegte sich auf den Tatort zu. Mantel und Jackett waren offen, seine Hemdknöpfe bis zum Zerreißen gespannt.

Die zahlreich postierten Uniformierten konnten das Heer der Schaulustigen kaum ausreichend abdrängen und auch Rogers hatte einige Mühe, sich durch den Pulk hindurchzudrängeln.

Schließlich hatte er sich bis zu Lieutenant Browne vorgearbeitet, der neben einer männlichen Leiche stand.

"Mehrere Schüsse", erklärte der lockenköpfige Browne, als er den Captain neben sich auftauchen sah. "Zwei davon waren tödlich. Da ist jemand sehr gründlich gewesen!"

"Sieht aus, als wäre er da oben aus dem Fenster gesprungen!", vermutete Rogers.

Browne zuckte die Achseln. "War sicher kein freiwilliger Sprung!"

"Warst du schon oben?"

"Ja. Jetzt ist die Spurensicherung gerade dort!"

"Wo ist denn der verdammte Arzt?"

"Schon wieder weg, Captain."

"Und die Todeszeit?"

"23 Uhr 47."

Rogers zog die Augenbrauen hoch und runzelte die Stirn. Er sah Lieutenant Browne an, als wollte dieser ihn auf den Arm nehmen. "So genau, Lieutenant?"

"Wir haben die Aussage einer Frau, die einen Schuss hörte, nachdem sie kurz vorher auf die Uhr geschaut hatte!"

"Einen Schuss?"

Browne nickte. "Ja, und den muss der arme Kerl hier selbst abgegeben haben. Er besaß eine Beretta. Sein Mörder hat wohl mit Schalldämpfer gearbeitet!"

Rogers verzog das Gesicht. Das klang nicht gut.

Er zwang sich dazu, den Toten anzuschauen, aber die Mühe hätte er sich sparen können. Der Schädel war ziemlich zerstört und obendrein blutbeschmiert. Vom Gesicht war nicht viel zu sehen. "Er heißt Steve Tierney und unterhielt hier ein Büro als Privatdetektiv", hörte der Captain die sonore Stimme von Browne.

Rogers nickte. "Haben wir zufällig mal mit ihm zusammengearbeitet?"

"Glaube ich nicht", meinte Browne. "Jedenfalls ist er mir nicht in Erinnerung geblieben."

Zwei Männer kamen jetzt herbei, um den Toten in einen Zinksarg zu legen. Rogers wandte sich ab. Er war verdammt froh darüber, dass das nicht sein Job war.

"Gehen wir hinauf in das Büro", meinte er zu Browne.

"Es war durchwühlt", sagte Browne. "Vielleicht ist Tierney auf irgendetwas gestoßen, das so brisant war, dass man ihm gleich einen Killer auf den Hals gehetzt hat!"

Rogers zuckte mit den Schultern.

"Schon möglich", meinte der Captain und fuhr fort: "Kann aber genauso gut sein, dass er sich als Erpresser versuchte. Reich ist er mit seinem Job ja wohl nicht geworden - wenn er hier residierte!"

Rogers war schon ein paar Schritte gegangen, da ließ ihn Brownes Stimme abrupt stoppen.

"Ach, Captain... Da ist noch etwas..."

Browne druckste ein wenig herum, während Rogers ihn anfuhr: "Na los, raus damit!"

"Tierney hatte Frau und Kinder."

"Ich hoffe, es hat sie jemand benachrichtigt. Und zwar mit Einfühlungsvermögen!"

"Das ist es ja eben. Ich hatte gehofft, dass Sie..."

3

"Guten Tag, Mister Reiniger!"

Die Gesichtsfarbe des Mannes war so grau wie sein Anzug. Sein Lächeln schien nichts weiter als eine gefühllose Maske zu sein. Eine geschäftsmäßige Maske.

Sein Name war Norman Reynolds, und er war seines Zeichens Notar und Rechtsanwalt, im übrigen einer mit ziemlich gutem Ruf.

Bount Reiniger, der Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches, hatte ebenfalls in seiner Branche einiges an Renommee. Er bot seinem Gast einen Sessel an.

"Es freut mich, Sie endlich einmal kennenzulernen, Mister Reiniger."

"Ganz meinerseits."

"Ich habe schon einiges von Ihnen gehört. Man sagt, Sie wären New Yorks bester Privatdetektiv!"

Bount lächelte ironisch. "Die Leute sagen viel, Mister Reynolds. Das wissen Sie sicher auch..."

Aber diese Art von Humor kam bei dem grauen Mann offensichtlich nicht so recht an. Er blieb knochentrocken, sein Gesicht fast reglos. Er wandte den Kopf kurz zu der dritten Person, die sich im Raum befand. Es war eine äußerst attraktive Blondine, deren enganliegendes Strickkleid wenig von dem verbarg, was sich darunter befand. Norman Reynolds beeindruckte das jedoch augenscheinlich nicht im Geringsten.

Er wandte sich an Bount.

"Ich hätte Sie gerne unter vier Augen gesprochen, wenn es Ihnen nichts ausmacht."

"Es macht mir nichts aus, aber dies ist Miss June March, meine Mitarbeiterin. Sie wird ohnehin erfahren, worum es geht. Da kann sie auch gleich dabei sein, finden Sie nicht?"

Norman Reynolds fand das nicht.

Aber er setzte sich trotzdem.

"Was ist Ihr Anliegen, Mister Reynolds?", erkundigte sich Bount, während er sich eine Zigarette anzündete.

"Ich bin hier, weil ich die traurige Pflicht habe, den letzten Willen eines Verstorbenen zu erfüllen. Vor zwei Tagen wurde ein Privatdetektiv namens Steve Tierney in seinem Büro erschossen. Es ist kein Fall, von dem Sie gehört haben müssten, Mister Reiniger. Vielleicht gab es eine kleine Randnotiz in der Zeitung, vielleicht noch nicht einmal das." Reynolds erzählte dies mit fast emotionsloser Stimme. Er zuckte einmal zwischendurch kurz mit den Schultern und fuhr dann fort: "Mister Tierney hat mich zu Lebzeiten beauftragt, Ihnen das hier auszuhändigen."

Er überreichte Bount ein Kuvert und dieser öffnete es. Darin befand sich ein Brief, in dem der Ermordete Bount Reiniger den Auftrag gab, seinen Tod aufzuklären. Außerdem ein Scheck, sowie ein Schlüssel. Dazu eine von Tierney unterzeichnete Vollmacht, die Bount Reiniger ermächtigte, den Inhalt eines Bankschließfachs abzuholen. Laut Brief befanden sich dort die Ermittlungsunterlagen zu Tierneys letztem Fall.

Bount gab den Brief an June weiter, die ihn kurz überflog.

"Heißt das, dass dieser Tierney von seiner bevorstehenden Ermordung wusste - oder zumindest ahnte?", fragte Bount stirnrunzelnd.

Reynolds zuckte mit den Achseln.

"Ich weiß es nicht, Mister Reiniger", bekannte er. "Ich möchte nur wissen, ob Sie den Fall annehmen! Anderenfalls muss ich mich auf die Suche nach jemandem anderem machen. Mister Tierney hatte offenbar - rein professionell gesehen - eine hohe Meinung von Ihnen. Deshalb sind Sie seine erste Wahl gewesen."

Bount überlegte kurz. Dann nickte er. Er hatte eine Entscheidung getroffen. "Ich werde mich um die Sache kümmern", kündigte er an. "Schließlich war Tierney gewissermaßen ein Kollege..."

"Es freut mich, dass Sie die Sache so sehen, Mister Reiniger!", erwiderte Reynolds kühl und erhob sich dann. "Sie ersparen mir damit einiges an Aufwand. Es ist schließlich nicht so einfach, einen guten Privatermittler zu finden!" Er blickte dann auf seine Rolex, um zu unterstreichen, dass er jetzt schleunigst gehen musste.

"Miss March wird Sie hinausbegleiten", sagte Bount.

Aber Reynolds winkte ab. "Danke sehr, aber ich finde den Weg sehr gut allein!" Einen Augenblick später war er verschwunden.

"Das ist doch wohl die merkwürdigste Art und Weise, auf die du je an einen Fall geraten bist, Bount! Die ganzen Jahre über, die wir schon zusammenarbeiten, habe ich so etwas noch nicht erlebt!"

Bount grinste. "Das ist eben eine der positiven Seiten dieses Jobs: Es gibt jede Menge Abwechslung!"

Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

"Trotzdem! Dass du dich gleich so hast breitschlagen lassen, wundert mich! Ich frage mich, warum eigentlich!"

Bount hob den Scheck und hielt ihn mit Zeige- und Mittelfinger.

"Ein Argument ist natürlich das hier!"

"Ach, komm schon!" Sie nahm ihm das Papier aus der Hand und warf einen Blick darauf und schüttelte dann den Kopf. "Du könntest dir leicht dickere Fische an Land ziehen, Bount!"

"Sicher", murmelte er und zuckte die Achseln. "Aber ich mag es eben nicht, wenn man einen aus unserer Zunft umbringt. Irgendwie muss man da doch zusammenhalten, findest du nicht?"

4

"Tut mir aufrichtig leid, Sir, aber ich fürchte, ich kann nichts für Sie tun!" Es war der mandeläugigen Bankangestellten nicht anzusehen, ob es ihr wirklich so leid tat oder nicht viel mehr eher peinlich war. Aber im Grunde war das auch gleichgültig.

Bount Reiniger sah noch einmal kurz in das Bankschließfach und seufzte dann. Das Fach war leer. Nicht einmal ein Staubkorn war darin zu sehen - aber es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein, hier alle Beweise wohlgeordnet auf einem Haufen zu finden.

"Was heißt das - Sie können nichts für mich tun?", fragte Bount stirnrunzelnd. "Ich habe den Schlüssel und eine Vollmacht des Verstorbenen, in dem er ausdrücklich mich dazu ermächtigt, den Inhalt des Faches abzuholen!"

"Das mag schon sein, Mister..."

"Reiniger."

"Unsere Bank verbürgt sich dafür, dass kein Unbefugter an das Fach herankommen kann!"

"Mister Tierney hat eine Menge Geld dafür hingeblättert, dass ich den Inhalt dieses Faches abhole. Das hätte er nicht, wenn es leer gewesen wäre!"

"Ich kann ja mal in den Unterlagen nachschauen, Mister Reiniger. Wenn wirklich jemand Zugang zu dem Fach gehabt hat, müsste eine Unterschriftsprobe vorhanden sein, die wir obligatorisch verlangen."

Bount lächelte dünn.

"Dann seien Sie bitte so freundlich und schauen Sie nach!"

Sie verließen den Raum mit den Schließfächern. Und dann sah Bount es eine Minute später schwarz auf weiß: Der Inhalt des Fachs war abgeholt worden. Und zwar von Karen Tierney, der Witwe des Ermordeten.

"Nach den Unterlagen hatten wir keinen Grund, ihr den Zugang zu verwehren!", meinte die Mandeläugige. "Sie war ja schließlich seine Witwe!"

"Hatte sie einen Schlüssel?"

"Den brauchte sie nicht unbedingt. Es kommt immer mal wieder vor, dass Hinterbliebene nicht wissen, wo der Verstorbene den Schlüssel aufbewahrt hat. In solchen Fällen verlangen wir Schadensersatz, weil wir ein neues Schloss einsetzen müssen..."

"Und Mrs. Tierney hat bezahlt?"

"So ist es."

5

Karen Tierney hatte feuerrotes Haar und dunkle Augen, die im Augenblick sehr traurig wirkten. Sie war eine hübsche, zierlich gebaute Frau, die sich aber im Augenblick etwas vernachlässigt zu haben schien.

Jedenfalls begrüßte sie Bount im Morgenmantel, als er vor ihrer Wohnungstür auftauchte. Die Tierneys wohnten zur Miete im Parterre eines mehrstöckigen Reihenhauses.

"Ich kaufe nichts und ich lasse mich auch zu nichts bekehren", murmelte sie müde und wollte Bount schon die Tür vor der Nase zuschlagen.

"Warten Sie einen Moment, Mrs. Tierney. Ich muss unbedingt mit Ihnen sprechen..."

Sie strich sich die rote Mähne zurück und machte: "Ach, ja? Machen Sie' es kurz. Es geht mir nicht besonders gut!"

"Mein Name ist Bount Reiniger, ich bin Privatdetektiv."

"Was wollen Sie?"

"Es geht um Ihren ermordeten Mann! Darf ich hereinkommen?"

Sie war noch immer misstrauisch und so zeigte Bount ihr seine Lizenz.

"Was soll ich mit dem Wisch?"

"Wenn nach meinem Besuch das Familiensilber fehlt, wissen Sie jedenfalls, wer es hat." Er sah sie offen an. Vor ihm stand eine gebrochene Frau, die wirkte, als wäre sie ziemlich aus der Bahn geworfen worden. Und Bounts Bemerkung heiterte sie auch nicht im Geringsten auf. Sie reagierte nur mit einem Schulterzucken, das nicht weniger auszusagen schien, als dass ihr im Moment ohnehin alles ziemlich egal war.

"Wer schickt Sie?", fragte sie.

"Ihr Mann hatte einen Notar beauftragt, mich im Falle seines Todes zu engagieren, um seinen Mörder zu finden!"

Sie sah Bount erstaunt an. "Davon wusste ich nichts", meinte sie.

"Die Polizei war sicher schon bei Ihnen, nehme ich an..."

"Ja", nickte sie. "Ein gewisser Lieutenant Browne."

"Ein langer Kerl mit lockigen Haaren, nicht wahr?"

"Kennen Sie ihn?"

"Er arbeitet in der Mordkommission von Captain Rogers und das ist ein alter Freund von mir!"

Sie musterte Bount eingehend von oben bis unten und auf einmal schien ihr aufzufallen, dass ihr eigenes Outfit an diesem Tag nicht dem letzten Schrei entsprach. Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. Es war ihr peinlich. Dafür schien das Misstrauen nicht mehr ganz so stark zu sein.

"Kommen Sie", murmelte sie. Bount wurde in ein Wohnzimmer geführt und bekam einen Platz in einem klobig wirkenden Ledersessel.

Sie setzte sich ebenfalls.

"Ich sehe heute nicht besonders gut aus", meinte sie. "Aber wissen Sie, Steves Tod war ein schwerer Schlag für mich. Ich stehe jetzt vor dem Nichts. Und ich wüsste übrigens auch nicht, wie ich Sie bezahlen sollte!"

"Das hat Ihr Mann schon erledigt!"

"Was?"

"Ja, ein Scheck. Hier ist die Quittung der Bank. Ich habe ihn vor einer halben Stunde eingelöst." Bount holte die Quittung aus seiner Brieftasche und zeigte sie ihr.

Sie runzelte die Stirn. "Ich wusste gar nicht, dass Steve bei dieser Bank auch ein Konto besitzt", murmelte sie. "Und dann die Summe!" Sie gab Bount die Quittung zurück. "Ich kann für Sie nur hoffen, dass der Scheck gedeckt war, Mister Reiniger!"

"Hat Ihr Mann mit Ihnen über seine Arbeit gesprochen?"

"Nein, nie. Er wollte seinen Ermittler-Job und das Privatleben strikt auseinanderhalten. Deshalb liegt sein Büro auch am anderen Ende der Stadt." Sie zuckte die Achseln "Er hatte sicher dafür seine Gründe, denn die Sachen, die er gemacht hat, waren wohl nicht immer ganz ungefährlich. Er wollte uns - mich und unseren kleinen Michael - nicht in diese Dinge hineinziehen."

"Dann wissen Sie auch nicht zufällig, woran er in letzter Zeit gearbeitet hat?"

"Nein. Keine Ahnung."

"Wurde er vielleicht von irgendjemandem bedroht?"

"Nicht, dass ich wüsste, Mister Reiniger." Sie zuckte die Achseln und rieb die Handflächen aneinander. "Ich fürchte, ich bin Ihnen keine große Hilfe, was?"

Bount studierte eingehend ihr Gesicht. Die Augen wirkten unruhig und sie rutschte auf ihrem Platz hin und her. Der Privatdetektiv hatte das Gefühl, dass sie ihm nicht hundertprozentig die Wahrheit sagte oder zumindest etwas verschwieg. Zum Beispiel die Sache mit dem Bankschließfach, aber Bount wollte erst noch abwarten, bevor er damit herauskam.

Plötzlich sagte Sie: "Ich sehe keinen großen Sinn darin, wenn Sie auch noch in dieser Sache herumrühren, Mister Reiniger."

Bount hob die Augenbrauen. "Es wundert mich, dass Sie das sagen!"

"Was könnten Sie schon herausfinden, was die Polizei nicht auch früher oder später herausbekommt?", erwiderte Karen Tierney.

"Nun, Ihr Mann hat das offenbar anders beurteilt."

"Lassen Sie es gut sein und überlassen Sie die Sache der Polizei!"

"Merkwürdig, dass Sie so denken, Mrs. Tierney."

"Warum?"

"Weil es meiner Erfahrung nach so ist, dass Angehörige um jeden Preis diejenigen bestraft wissen wollen, die für die Tat verantwortlich sind..."

"Das ist bei mir nicht anders!", erwiderte sie mit belegter Stimme. "Aber ich bin realistisch. Außerdem können weder Sie noch die Polizei mir meinen Mann wieder holen..."

Damit hatte sie natürlich recht.

Bount erhob sich, um zu gehen. "Haben Sie ein Bild von ihm?"

"Ja, aber..."

"Dann geben Sie es mir bitte."

Sie zögerte. "Sie wollen nicht lockerlassen, oder?"

"Ich habe einen Auftrag."

"Und wenn ich Ihnen diesen Auftrag wieder entziehe?"

"Darauf würde ich mich nie einlassen, Mrs. Tierney. Der Auftrag war der letzte Wille Ihres Mannes. Und den werde ich respektieren."

Sie nickte. Eine seltsame Anspannung hatte sie erfasst, die Bount sich nicht ganz erklären konnte.

"Ich hole Ihnen ein Foto", sagte sie.

Als sie zurück war und Bount ein Foto von Tierney gegeben hatte, fragte dieser: "Liegt es vielleicht am Geld, dass Sie mir den Auftrag entziehen wollten? Darüber könnten wir reden. Ich muss nicht gleich mein Auto verkaufen, wenn ich auf den Scheck verzichte."

Sie schüttelte den Kopf und vermied es dabei, Bount in die Augen zu sehen. "Nein", meinte sie. "Darum geht es nicht."

"Haben Sie einen Job?"

"Nein. Ich werde mir etwas suchen müssen."

"Und eine Lebensversicherung?"

"Alles futsch. Steve hat eine Hypothek darauf aufgenommen, als wir uns die neue Wohnungseinrichtung gekauft haben. Außerdem war ich letztes Jahr ein paar Wochen im Krankenhaus, das ging auch ganz schön ins Geld. Deshalb wundert es mich ja auch so, dass Steve Ihnen ein solches Honorar zahlen konnte!"

"Wie gesagt, wir können darüber reden."

"Ich bin keine Bettlerin!", erklärte sie empört.

"So war es auch nicht gemeint!"

"Schon gut."

Sie gingen zur Tür.

"Wir werden uns sicher bald wiedersehen", meinte Bount. "Tut mir leid, dass ich Ihnen das nicht ersparen kann.“

"Das braucht Ihnen nicht leid zu tun."

Als Bount die Wohnung verließ, kam ein etwa zehnjähriger Junge das halbe Dutzend Stufen bis zur Haustür hinaufgerannt. Das musste Michael sein.

Karen Tierney nahm ihren Sohn voller Erleichterung in die Arme. "Ich bin froh, dass du da bist", sagte sie.

Michael schaute zu Reiniger hinüber und unterzog ihn einer kritischen Musterung. "Wer ist der Mann?"

"Ein Privatdetektiv", erklärte seine Mutter.

"Wie Dad?"

"Ja, wie Dad."

Der Junge musterte Bount ein paar Sekunden lang und ging dann ins Haus.

6

Captain Toby Rogers und Bount Reiniger waren seit Jahren befreundet, aber der Police Captain schien sich heute nicht besonders zu freuen, den Privatdetektiv wiederzusehen.

Er fegte wie eine Dampfwalze durch das Morddezernat, in der einen Hand einen Kaffeepott, in der anderen einen Stapel Unterlagen. Als er Bount sah, stoppte er ziemlich abrupt, verdrehte die Augen und seufzte.

"Wenn du auftauchst, Bount, dann bedeutet das meistens Arbeit für mich! Aber ich sage dir gleich: Ich stecke bis zum Hals in Arbeit!"

Bount lachte. "Na, da geht es dir wie mir, Toby!"

"Vielleicht. Aber mit dem Unterschied, dass ich dir bei deinem Job helfen soll, während du mich von meinem abhältst!"

"Na, na, übertreibst du nicht ein bisschen?"

Rogers schüttelte den Kopf. "Kaum! Eher im Gegenteil!"

"Meistens war es doch so, dass wir beide profitierten, wenn wir zusammen an einem Strang gezogen haben, Toby!"

"Wie auch immer, du lässt dich doch nicht abwimmeln! Also komm mit! Einen Kaffee kann ich dir allerdings nicht anbieten. Unsere Maschine ist kaputt. Ich hatte das Glück, die letzte Tasse abgekriegt zu haben!"

Wenig später waren sie in Rogers’ Dienstzimmer und der Captain hatte sich hinter seinem Schreibtisch ächzend niedergelassen, während Bount es vorzog, stehen zu bleiben.

"Worum geht es, Bount? In welche Akte willst du einen unerlaubten Blick werfen?", feixte Toby.

Bount machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Sagt dir der Name Tierney etwas?"

"Natürlich. Ein Fall unter vielen, der darauf wartet gelöst zu werden. Was hast du damit zu schaffen?"

"Ich suche Tierneys Mörder."

Rogers lachte heiser. "Was du nicht sagst! Dasselbe gilt auch für mich!"

Rogers fuhr mir seinem Bürostuhl einen Meter zur Seite und hatte eine Sekunde später eine Akte in der Hand, die er anschließend Bount hinüberreichte. "Unverbindlich zur Ansicht", meinte er. "Der Killer ist auf Nummer sicher gegangen und hat mehrfach abgedrückt. Wahrscheinlich hat er einen Schalldämpfer benutzt."

Reiniger hob die Augenbrauen.

"Ein Profi?"

"Ist nicht auszuschließen. Dafür spräche auch, dass es am Tatort - seinem Büro - keinerlei Spuren gibt. Keinen Fingerabdruck, gar nichts.“

"Hat der Mörder Tierneys Unterlagen durchsucht?"

"Gründlich! Woher weißt du das?"

Bount zuckte die Achseln. "Ich zähle einfach zwei und zwei zusammen, das ist alles." Er langte in die Innentasche seines Jacketts und holte den Brief heraus, den der Notar Reynolds ihm übergeben hatte. Er gab Rogers das Papier und meinte dazu: "Tierney muss geahnt haben, dass es jemand auf ihn abgesehen hatte. Und es hängt wahrscheinlich mit seinem letzten Fall zusammen."

Rogers nickte.

"Tierney hat sich eine Schießerei mit dem Killer geliefert. Das heißt, dass er wusste, dass es ihm an den Kragen würde... Hast du dir das Bankschließfach mal angesehen, von dem hier die Rede ist?"

"Habe ich. Es war leer. Die Witwe hat es leergeräumt, aber sie weiß angeblich nicht, woran ihr Mann gearbeitet hat. Was weißt du bisher über Tierney?"

Rogers hob die Schultern.

"Nun, er ist eine Art Schmalspur-Schnüffler. Ein kleiner Fisch im großen Teich New York. Jedenfalls geht das aus seinen Ermittlungsunterlagen hervor. Untreue Ehemänner und Ladendiebe, manchmal auch Personen- und Objektschutz."

"Und seine Auftraggeber?"

"Privatleute, manchmal mittlere und kleine Firmen." Toby Rogers deutete auf die Akte. "Steht alles darin. Lieutenant Browne war ziemlich fleißig, leider hat er aber bislang noch keinen hier aufs Revier geschleppt, von dem man annehmen kann, dass er der Mörder war!"

Bount schlug die Akte auf. "Ich werde mir ein paar Sachen herausschreiben!", meinte er. Da war zum Beispiel der Kaliber der Mordwaffe oder die Liste der Klienten. Aber vermutlich hatte der Mörder bei seiner Suchaktion dafür gesorgt, dass sein Name nicht auf dieser Liste stand.

"Hat Tierney eigentlich mal jemanden in den Knast gebracht oder sonstwie übel mitgespielt?", fragte der Privatdetektiv dann, während er Kugelschreiber und Notizblock aus der Jackentasche holte.

"Nicht, dass wir bisher wüssten, Bount. Wie gesagt, die großen Sachen waren nicht sein Feld."

"Und Informanten? Jeder Privat Eye hat seine Spitzel, um an Informationen heranzukommen, die einem sonst kein Mensch geben würde..."

"In seinen Akten haben wir darüber nichts gefunden." Prustend erhob er sich und walzte bis zum Fenster, wo er kurz stehen blieb, um hinaus ins Freie zu blicken. Dann drehte er sich zu Bount herum. "Ich will dich ja nicht entmutigen, aber..."

"Aber was?", hakte Bount nach.

"Du weißt, dass wir nicht alle Morde aufklären können - und dieser hat gute Chancen dazuzugehören! Keine Spuren, keine Täterbeschreibung, nichts Greifbares. Wenn sich herausstellt, dass der Killer wirklich ein Profi ist, dann könnte er längst über alle Berge sein! Wenn Tierney ein Drogendealer wäre, würde man die Sache schnell in der Schublade Bandenmorde ablegen."

"Tierney war aber kein Dealer, soweit ich weiß."

"Aber ein Mann, der sich gezwungenermaßen auf beiden Seiten der Grenze, die das Gesetz zieht, auskannte. Woher wissen wir, ob er nicht auch auf der anderen Seite des Zauns gegrast hat?"

"Richtig", murmelte Bount. "Das wissen wir nicht. Aber ich kriege es heraus, darauf kannst du Gift nehmen!"

Rogers hob die Arme.

"Ich hoffe du lässt es mich dann wissen!"

Bount grinste. "Aber nur, wenn dir das nicht zuviel Zeit raubt und dich von deinem Job abhält!"

7

Michael musste mit seinem Fahrrad ziemlich abrupt abbremsen, um den Mann nicht anzufahren, der da mitten auf dem Gehweg stand.

"Pass doch auf!", knurrte dieser mürrisch.

"Entschuldigung!"

Einen Augenblick lang begegneten sich ihre Blicke und der Junge erschrak unwillkürlich. Der Mann war hochgewachsen und sehr schlank, was noch dadurch unterstrichen wurde, dass er einen enganliegenden dunkelgrauen Mantel trug. Sein Gesicht war von ungesund wirkender Blässe. Als er den Jungen ansah, zuckte unterhalb des linken Auges ein Muskel. Aber das war gar nicht das eigentlich Erstaunliche. Das waren die Augen. Jedenfalls für den Jungen. Diese Augen schienen ihn geradezu zu durchbohren. Eine fast hypnotische Kraft ging von ihnen aus und verhinderten, dass Michael sich abwandte.

Auf einmal war dem Jungen klar, dass er diesen Mann nicht mochte. Er konnte nicht sagen, weshalb eigentlich. Es war einfach so.

"Ist noch was?", fragte das Bleichgesicht.

"Nein, Sir!", stammelte Michael.

"Warum glotzt du mich dann so an?"

Dem Jungen fiel auf, dass der Mann Handschuhe trug, obwohl es gar nicht so kalt zu sein schien, dass das nötig war.

Der Mann ging an dem Jungen vorbei, und die Stufen hinauf. Michael konnte nicht anders, als hinzusehen, denn das waren die Stufen, die zu ihrer Wohnung führten.

Seine Mum schien den Mann zu erwarten. Jedenfalls stand sie plötzlich in der offenen Haustür.

"Tag, Mrs. Tierney!", sagte der Mann.

Sie schien sich nicht sehr über den Besuch zu freuen.

"Was wollen Sie?", fragte sie gereizt.

"Ich will mich nur erkundigen, ob Sie sich meinen Vorschlag überlegt haben!"

Sie nickte. Und dann sah sie ihren Sohn mit dem Fahrrad. Der bleiche Mann drehte sich halb herum und verzog das Gesicht zur schwachen Ahnung eines Lächelns.

"Ihr Junge?", fragte er. Sein Mund wurde breiter. Sie brauchte gar nichts zu sagen. Er wusste, dass es ihr Junge war.

"Ich habe es mir überlegt", sagte sie. "Ich bin einverstanden."

"Das freut mich. Auch für Ihren Jungen! Für ihn ganz besonders - wenn Sie verstehen, was ich meine!"

"Es gibt da allerdings noch ein Problem", sagte sie.

"So?"

"Nicht hier!"

Sie gingen ins Haus, aber Michael hatte kein gutes Gefühl dabei, seine Mutter mit diesem Mann allein zu wissen.

Wenig später kam er wieder ins Freie und schloss die Tür hinter sich. Mum kam nicht heraus. Der Mann blickte sich zu beiden Seiten um und lief dann zu seinem Wagen, den er am Straßenrand abgestellt hatte. Es war ein Porsche.

8

Bount Reiniger parkte den champagnerfarbenen 500 SL am Straßenrand und hoffte, kein Strafmandat dafür zu bekommen. Er stieg aus. Dann sah er einen langgestreckten Lockenkopf, der ihm nur zu gut bekannt war.

Es war Lieutenant Browne - und das hieß, dass der Privatdetektiv hier auf jeden Fall richtig war.

Browne bemerkte Bount erst, als dieser ihn schon fast erreicht hatte.

Der Lieutenant machte einen etwas übernächtigten Eindruck, schien aber sonst ganz gut gelaunt zu sein.

"Sagen Sie bloß, Sie arbeiten auch an der Sache, Reiniger!"

"Allerdings!"

"Da oben ist es passiert!" Browne deutete an der Hausfassade hinauf. Bount konnte sich denken, was der andere meinte. In einem Fenster war die Scheibe zerstört. Dort musste Tierney sein Büro gehabt haben. "Die Wucht der Geschosse hat ihn aus dem Fenster geschleudert...", war der Lieutenant zu hören. Wo Tierney aufgekommen war, brauchte Bount niemand zu sagen. Es hatte an den letzten Tagen nicht geregnet und deshalb waren die Kreidemarkierungen noch ganz blass zu sehen.

Bount deutete hinauf. "Das Büro ist versiegelt, nehme ich an..."

"Richtig."

"Ich würde mich dort gerne mal umsehen!"

"Sie werden nichts finden, Reiniger. Die Spurensicherung hat auch nichts entdeckt. Der Killer war so penibel, dass er sogar seine Patronenhülsen wieder eingesammelt haben muss!"

"Trotzdem."

Browne seufzte. "Wenn Sie mir eine Zigarette geben! Ich habe meine im Büro liegen lassen."

"Wenn's weiter nichts ist!"

Sie gingen hinauf in den siebten Stock und Browne entfernte das Siegel. Dann ging die Tür auf. "Sie können sich gerne umsehen", meinte Browne. "Die Spurensicherung hat jeden Fetzen untersucht. Kaputtmachen können Sie also nichts, Reiniger!"

"Danke!"

"So war's nicht gemeint!"

Bount ließ den Blick über das Chaos gleiten, das hier herrschte. "Wie lange hatte der Täter Zeit, um sich hier umzusehen?", fragte Bount.

"23.47 wurde ein Schuss gehört und laut Protokoll war der erste Streifenwagen um 00.01 am Tatort." Browne zuckte mit den Schultern. "Ich habe mich schon hundert mal gefragt, wonach er hier wohl gesucht haben könnte! Besonders schien er sich für Fotos zu interessieren..."

Bount hob die Augenbrauen. "Wie kommen Sie darauf?"

"Der Killer hat die Akten nur kurz durchgesehen, aber wenn Fotos darin waren, sind sie herausgenommen und auf dem Boden verstreut worden."

"Und die Kamera?"

"Welche Kamera?"

"Wenn er Fotos gemacht hat, muss er eine Kamera gehabt haben. Wo ist die?"

"Wir haben keine gefunden, Reiniger! Weder hier in seinem Büro, noch in seinem Wagen! Vielleicht hat der Killer sie mitgenommen!"

Bount nickte. "Wäre möglich." Dann nahm er sich die Schreibtischschublade vor, für den sich der Mörder nicht so sehr interessiert zu haben schien. Sie war prall gefüllt mit Quittungen und Belegen, die Steve Tierney wahrscheinlich für die Steuererklärung gesammelt hatte.

Bount holte die Schublade ganz aus ihren Halterungen heraus stellte sie auf den Tisch.

"Was haben Sie vor?", fragte Browne.

"Tierneys letzter Fall interessiert mich. Vielleicht hat er ja in letzter Zeit irgendwelche Anschaffungen gemacht, die damit zu tun haben!"

Ein paar Minuten hatte Bount gewühlt, dann hielt er tatsächlich etwas in den Händen. Es war die Quittung für eine Kleinbildkamera, kaum eine Woche alt. Und dann war da noch etwas: Subway-Fahrscheine. Die meisten davon gingen in dieselbe Richtung...

"Sehen Sie sich das an", meinte Bount, nachdem er eine ganze Weile in den Belegen herumgewühlt hatte. "In den Wochen vor seinem Tod ist Tierney fast täglich zur Wall Street gefahren..."

Browne runzelte die Stirn. "Zeigen Sie her..."

"Nach allem, was ich bisher über Tierney gehört habe, wäre die Bowery eine plausiblere Adresse!", meinte Bount. "Ich frage mich, was er so oft in der Wall Street zu suchen hatte..."

Browne zuckte die Achseln.

"Vielleicht hatte er einen Nebenjob als Broker!" Das war natürlich nicht ernst gemeint. Aber nur, um die Zeit totzuschlagen oder sich die New Yorker Börse von außen anzusehen, war Tierney sicher auch nicht dort gewesen.

"Ich schätze, er hat jemanden beschattet", murmelte Bount. Fragte sich nur, wen - schließlich war die Auswahl unter den zigtausend Menschen, die täglich in Wall Street und Umgebung arbeiteten ja mehr groß genug.

Als Bount ein paar Minuten später wieder im Wagen saß, meldete sich June per Handy.

"Hallo, Bount!"

"Na, wie steht's?"

"Wie schon! Es gibt nun wirklich Vergnüglicheres, als einen halben Tag vor einem Haus zu sitzen und darauf zu warten, dass jemand bei Mrs. Tierney zu Besuch kommt!"

"Ist denn wenigstens jemand gekommen?"

"Allerdings! Ich habe ein paar Bilder gemacht! Es dürfte nicht allzu schwer sein, herauszukriegen, wer das gewesen ist!"

Wenigstens ein vager Ansatzpunkt!, dachte Bount.

9

Der Fotoladen war nicht besonders groß und an einer Straßenecke gelegen. Der bleichgesichtige Mann sah sich nach einem Parkplatz um, sah aber, dass im weiteren Umkreis keine Chance war, einen Porsche legal abzustellen. So stellte er sich ins Parkverbot. Die Sache würde nicht lange dauern. Unwahrscheinlich, dass man ihn gerade in diesen paar Minuten aufschreiben würde.

Als der bleiche Mann eintrat, sah er hinter dem Tresen einen stämmigen, untersetzt wirkenden Mann mit Halbglatze, der das Bleichgesicht eingehend musterte.

"Was wünschen Sie?", fragte der Untersetzte.

Der Eingetretene legte einen Belegschein auf den Tresen. "Ich möchte diese Bilder abholen, Mister."

"Für welchen Namen?"

"Mister Steve Tierney!"

Der Untersetzte nahm das kleine Stück Papier, warf einen prüfenden Blick darauf und meinte dann: "Sie sind nicht Mister Tierney! Ich kenne ihn seit Jahren, er ist einer meiner Stammkunden."

"Und wenn schon", sagte der Fremde. "Ich habe den Beleg. Das dürfte doch genügen, oder?"

Der Fotohändler schüttelte den Kopf. "Nein, für mich nicht."

"Hören Sie..." Das Bleichgesicht beugte sich etwas über den Tresen, dabei ging sein Blick seitwärts. Eine Frau stand an einem Ständer mit Fotoalben und war darin vertieft, sich eines davon auszusuchen. "Ich arbeite in Mister Tierneys Auftrag!"

"Reden Sie keinen Unfug!"

"Das ist kein Unfug!"

"Mister Tierney hat mich ausdrücklich angewiesen, alle Fotos, die er zu mir gibt und entwickeln lässt, nur ihm persönlich auszuhändigen. Und daran halte ich mich! Kapiert? Wie Sie an den Beleg kommen, ist mir im übrigen auch ziemlich schleierhaft, wenn ich ehrlich sein soll!"

Jetzt kam die Frau mit einem der Alben und bezahlte es. Indessen stand das Bleichgesicht ziemlich unruhig da. Der Muskel unter dem linken Auge zuckte. Der Kerl wartete, bis die Frau weg war. Zeugen konnte er nicht gebrauchen.

"Was wollen Sie eigentlich noch, Mister?", maulte der Geschäftsmann ziemlich ungehalten, als die Frau den Laden verlassen hatte. "Ich habe doch gesagt, dass ich Ihnen nicht helfen kann!" Dann sah er die Pistole in der Hand des Bleichgesichts, dessen Mund sich ein wenig verzog.

"Wirklich nicht?", meinte er sehr leise und sehr bedrohlich.

Der Fotohändler schluckte und begann plötzlich zu schwitzen.

"Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was Sie da tun...", murmelte er dann, offenkundig, um Zeit zu gewinnen. Dem Bleichgesicht entging die kaum merkliche Wanderung keineswegs, die sein Gegenüber mit der Linken ausführte.

Ein Alarmknopf, eine Waffe, irgendetwas in der Art, so war zu vermuten.

"Die Hände nach oben!"

Der Händler gehorchte nicht. Seine Hand wanderte nur um so schneller an der Kante des Tresens nach links.

Der abgedämpfte Schuss kam leise und tödlich.

Zweimal feuerte das Bleichgesicht. Der Fotohändler wurde zurückgerissen. Er versuchte noch, sich an den Regalen festzuhalten, die sich hinter dem Tresen befanden und fegte dabei einige Kameras herunter, ehe er selbst zu Boden rutschte. Er saß reglos und mit starren Augen da und war ohne Zweifel mausetot.

Der Mörder sah kurz zur Eingangstür des Ladens hinüber. Aber es schien, als hätte er einen günstigen Zeitpunkt für seine Tat erwischt. Es war niemand zu sehen. Er steckte die Waffe beiseite und ging dann auf die Seite des Tresens. Um an die Bilder heranzukommen, die aus dem Großlabor eingetroffen waren, musste er über die Leiche steigen und trat dabei in die Blutlache, die sich indessen gebildet hatte.

Der Killer brauchte nur unter TIERNEY nachzuschauen und dann hatte er schon, was er suchte: Steve Tierneys wahrscheinlich letzten Film samt Negativen. Er verzichtete darauf, den Inhalt des kleinen Tütchens zu überprüfen, denn er durfte jetzt keine Zeit verlieren.

Mit schnellen, entschlossenen Schritten lief er ins Freie. Einen Augenblick später saß er schon am Steuer seines Porsches, ließ den Motor aufheulen und trat kräftig auf das Gas.

Dieser Job war erledigt! Alles, was irgendwie gefährlich werden konnte, war jetzt in sicheren Händen!

Blieb nur ein Problem, das noch einer Lösung bedurfte.

Das Problem hieß Bount Reiniger.

10

Als Bount seinen champagnerfarbenen Mercedes 500 SL auf den Bürgersteig parkte, ahnte er schon, dass vielleicht jemand anderes schneller als er gewesen war.

Sein Ziel war der Fotoladen an der Ecke. Tierneys Kameraquittung war dort ausgestellt worden und da der Detektiv kein eigenes Labor hatte, musste er seine Bilder irgendwo entwickeln lassen. Vielleicht war dies die richtige Adresse.

Aber vor dem Laden war schon eine mittlere Menschentraube. Etwas war dort geschehen und es konnte noch nicht allzu viel Zeit vergangen sein. Die Polizei war noch nicht am Ort des Geschehens.

Bount kam näher und sah die Blutspuren auf dem Bürgersteig.

Er drängte sich durch die Leute hindurch und stand wenig später im Laden und dann war ihm klar, was geschehen sein musste.

"Hat schon jemand die Polizei gerufen?", rief Bount in das allgemeine Gemurmel hinein. Es meldete sich niemand. Einige schauten weg. Die meisten wollten mit der Sache einfach nichts zu tun haben.

Bount sah, dass der Mann hinter dem Tresen tot war. Der Privatdetektiv ging zum Telefon, nahm den Hörer ab und rief Rogers’ Nummer an.

Dann sah er sich ein bisschen um. Die Kasse hatte der Täter nicht angerührt, statt dessen aber in den noch nicht abgeholten Fotos herumgewühlt.

Bount sah die Blutspuren auf dem Boden. "Nichts anrühren! Und gehen Sie ein Stück zurück!", wies er die Leute an.

"Ich habe den Kerl gesehen!", meinte eine Frau.

Bount wurde hellhörig.

"Erzählen Sie!"

Die Frau war Mitte vierzig und ziemlich aufgeregt. Sie hatte sich erst vor wenigen Sekunden durch die Umstehenden gedrängt und war ziemlich blass, seit sie die Leiche des Fotohändlers gesehen hatte.

"Ich habe hier ein Fotoalbum gekauft und bin dann gegangen. Am Tresen stand ein Mann. Sehr schlank und ganz bleich im Gesicht. Er hatte irgendwie eine ungesunde Gesichtsfarbe. Ich habe nicht verstanden, worum es ging, aber er hat sich mit dem armen Mister Grey ziemlich gehabt..." Sie schluckte. "Er ist es gewesen, Sie müssen mir glauben!" Sie sah Bount beschwörend an.

Bount blieb gelassen.

"Woher wollen Sie das wissen?", fragte er.

"Habe ich das nicht gesagt?" Sie fuhr sich nervös durch die Haare. "Ich bin noch einmal zurückgekommen, weil ich meine Tasche vergessen hatte." Sie deutete zu dem Ständer mit den Fotoalben. "Sehen Sie, da steht Sie ja! Als ich um die Ecke kam, sah ich, wie dieser Mann aus dem Laden lief. Er lief ziemlich schnell und stieg dann in seinen Wagen."

"Was für ein Wagen?"

"Ein Porsche."

Bount pfiff durch die Zähne. "Die Nummer haben Sie nicht zufällig?"

"Nein, Sir! Ich war viel zu aufgeregt."

"Verstehe."

Irgendwo im Hintergrund war jetzt die Sirene eines Streifenwagens zu hören und wurde rasch lauter.

11

Am späten Nachmittag tauchte Toby Rogers bei Bount und June in der Agentur auf.

"Was gibt's, Toby? Ausnahmsweise mal ein reiner Freundschaftsbesuch?", fragte June keck, obwohl sie sich an zwei Fingern ausrechnen konnte, dass es nicht so war.

Toby Rogers grinste über das ganze, breite Gesicht, von einem Ohr bis zum anderen. Für Bount hieß das, dass es irgendeine Spur gab.

"Ich habe mich um die Autonummer dieses Porsche gekümmert!", machte er mit großspuriger Geste. "Er gehört einem gewissen Clint Leonard. Und der ist beileibe kein unbeschriebenes Blatt! Einbruch, Körperverletzung und ein paar andere Kleinigkeiten stehen bei ihm auf dem Konto. Mit Rauschgift hat er es auch mal versucht, aber die etablierten Herren in der Branche haben ihm so gewaltig in die Suppe gespuckt, dass er den Appetit daran verloren hat."

"Und was macht er heute so?"

Toby Rogers prustete und zuckte mit den Schultern. "Er ist nicht mehr aufgefallen. Bei jemandem wie Leonard ist das allerdings nur ein Zeichen dafür, dass er geschickter geworden ist... Aber wenn er in der Sache drinhängt, dann wohl als Handlanger."

"Was ist mit dem Fotohändler? Ist er mit derselben Waffe getötet worden wie Tierney?"

"Der Bericht steht noch aus, Bount. Und vor morgen Mittag rechne ich auch nicht damit. Aber was hältst du davon, wenn wir Leonard mal einen Besuch abstatten?"

"Freiwillig wird er uns nichts über seine Hintermänner sagen!"

"Ich kann ihn festnehmen, Bount!" Er holte ein Stück Papier aus der Jackentasche und hielt es dem Privatdetektiv hin.

"Ein Haftbefehl?"

"Ja. Nachdem diese Frau aus dem Laden Leonard in unserer Kartei wiedererkannt hatte, war das kein Problem mehr. Und wenn er erst einmal im Loch sitzt, wird er sich schon überlegen, ob er wirklich alles allein auf sich nehmen will!" Rogers klopfte Bount auf die Schulter. "Ich dachte, du wärst vielleicht gerne dabei!"

12

Clint Leonard bewohnte ein Apartment in attraktiver Lage. Das hieß, dass seine Geschäfte - was immer darunter auch zu verstehen war - ganz gut laufen mussten. Sie waren zu viert, als sie dort auftauchten: Außer Bount und Rogers noch zwei Detectives.

"Bin wirklich mal gespannt, was der Kerl uns zu sagen hat!", meinte Rogers, während er die Klingel an der Apartmenttür drückte. Seine Rechte wanderte dabei in Richtung des 38er Special, die er unter dem Jackett bei sich trug.

Man konnte nie wissen.

Wenn Leonard wirklich der Mann war, den sie suchten, dann hatten sie es mit jemandem zu tun, der seine Waffe schnell und sicher zu gebrauchen wusste. Und vor allem nicht lange fackelte, ehe er den Abzug betätigte!

Auf das Klingeln reagierte niemand.

"Aufmachen! Polizei!", dröhnte Rogers. Bount hatte die Automatik schon in der Hand.

Zwei, drei Sekunden verrannen.

Und dann ging die Tür schließlich doch noch auf. Eine junge, gutaussehende Frau im Bademantel und mit nassen Haaren öffnete die Tür einen Spalt, löste aber noch nicht die Kette.

"Was wollen Sie?"

Sie bekam Rogers’ Ausweis unter die Nase gehalten. "Machen Sie auf!", wies der Captain sie nochmals an und sie gehorchte.

Die beiden Männer ließen sie einfach stehen und sahen sich in der Wohnung um. Von Clint Leonard keine Spur. Es gab keinen Fluchtweg und über den Balkon wäre jede Flucht aussichtslos gewesen - selbst für Akrobaten und Bergsteiger. Bount steckte die Automatik ein.

"Wo ist Clint Leonard?", fragte der Privatdetektiv.

"Ich weiß nicht, wen Sie meinen!"

"Verkaufen Sie uns nicht für dumm, Sie werden ja wohl noch wissen, in wessen Wohnung Sie sich unter die Dusche stellen, oder?"

Sie lief rot an. Aber nicht aus Verlegenheit, sondern aus Ärger.

"Wer sind Sie?", fragte nun Rogers an die Schöne gewandt, die ihn daraufhin trotzig musterte. "Oder wollen Sie lieber, dass wir das bei mir im Büro klären?"

Sie warf den Kopf in den Nacken. "Grace Dickins", murmelte sie.

"Wohnen Sie hier?"

"Was dagegen?"

"Wann kommt Leonard zurück?"

"Keine Ahnung. Was wollen Sie denn von ihm?"

"Er hat einen Mann umgebracht", mischte sich Bount ein. Sie zuckte nur mit den Schultern. Es schien sie nicht allzu sehr zu berühren.

"Wie gesagt", meinte sie. "Ich weiß weder, wo er steckt, noch, wann er zurückkommt. Er sagt mir nie etwas!"

"Wir warten hier!", grunzte Rogers. Er wandte sich an die beiden Detectives. "Seht euch ein bisschen um, Leute! Vielleicht finden wir ja etwas!"

Die junge Frau stemmte die Arme in die Hüften. "Dürfen Sie das überhaupt?"

Rogers hielt ihr den entsprechenden Wisch unter die Nase. "Wir dürfen", sagte er.

Bount musterte sie währenddessen. Sie überlegt, wie sie Leonard warnen kann!, ging es ihm durch den Kopf. In ihr schien es fieberhaft zu arbeiten, Bount spürte es ganz deutlich. Sie würde die erste Gelegenheit eiskalt ausnutzen. Man musste auf sie aufpassen.

Dann kam einer der Detectives mit einem Paar Schuhen in der Hand. Schwarze Schnürschuhe waren es. Sie waren frisch gewienert worden, aber das hieß nicht unbedingt, dass man mit ihnen nichts anfangen konnte. "Die könnten zu den blutigen Fußspuren passen, die am Tatort zu sehen waren!", meinte der Detective. "Die richtige Schuhgröße ist es jedenfalls!"

Indessen hatte sich Bount am Fenster postiert. Er sah einen Porsche herankommen und nach einem Parkplatz suchen.

"Er kommt!", stellte der Privatdetektiv an Rogers gerichtet fest.

13

Grace Dickins wurde von Rogers ins Hinterzimmer geführt. "Wenn Sie einen Ton sagen, bekommen Sie den allergrößten Ärger. Haben Sie mich verstanden?"

Sie antwortete nicht, sondern befreite nur ihren Arm mit einer ruckartigen, trotzig wirkenden Bewegung aus dem Griff des Captains.

Die beiden Detectives zogen ihre 38er und postierten sich so, dass sie die Tür im Auge hatten. Bount stellte sich direkt neben die Tür und presste sich an die Wand. Die Automatik hielt er mit beiden Händen umklammert.

Die Sekunden verrannen.

Dann drehte sich ein Schlüssel geräuschvoll herum und die Tür ging auf. Aber nur einen Spalt weit. Grace Dickins schrie aus dem Hinterzimmer, während das bleiche Gesicht von Clint Leonard direkt in die Mündung eines Polizeirevolvers blickte.

"Keine Bewegung! Polizei!", rief der Detective vorschriftsmäßig, aber Leonard zögerte nicht den Bruchteil einer Sekunde. Seine Waffe trug er in der Manteltasche. Er feuerte einfach durch die edle Schurwolle hindurch und traf.

Ein Detective wurde nach hinten geschleudert und der Länge nach hingestreckt, während sein Kollege zurückfeuerte. Leonards Schritte waren auf dem Flur zu hören. Er rannte, was das Zeug hielt und Bount war der erste, der sich an seine Fersen heftete.

Der Privatdetektiv hatte kaum den Kopf durch die Apartment-Tür gesteckt, da sausten bereits die Kugeln dicht über ihn hinweg und kratzten am Wandputz.

Leonard lief am Aufzug vorbei in Richtung Notausgang. Er kannte sich hier hervorragend aus und das war sein Vorteil. Bevor er durch die Tür zur Nottreppe schnellte, brannte er noch ein paar Geschosse in Bounts Richtung. Dann war er verschwunden.

Bount drehte sich herum und wandte sich dem zweiten Detective zu, der ihm gefolgt war. "Der Kerl wird versuchen, zu seinem Wagen zu kommen!"

Der Detective nickte.

"Ich kümmere mich drum!", meinte er.

"Okay!"

Bount hetzte weiter, während der Detective den Aufzug abwärts nahm. Mit einer energischen Bewegung lud der Privatdetektiv die Automatik durch, bevor er sich an die Tür heranwagte, die zur Feuertreppe führte. Sie stand einen Spalt offen und Bount konnte in einen Hinterhof blicken. Als er die Tür etwas weiter öffnete, bekam er sofort die bleierne Quittung. Drei Schüsse, ganz kurz hintereinander abgefeuert, gingen hinauf zu ihm und es blieb ihm nichts anderes übrig, als erst einmal den Kopf einzuziehen.

Dann stieß Bount mit einem Fußtritt die Tür auf und feuerte zurück. Clint Leonard hatte sich hinter einem abgestellten Lieferwagen verschanzt. Noch einen ziemlich ungezielten Schuss feuerte er in Bounts Richtung und lief dann davon.

Sein Porsche war auf der entgegengesetzten Hausseite und so hatte Leonard im Augenblick keine Chance, ihn zu erreichen.

Bount schnellte die Feuertreppe hinab. Seine Füße klapperten in rasendem Tempo über die Metallstufen, während er gleichzeitig den Flüchtenden im Auge behielt. Aber der war ziemlich großzügig mit seiner Munition umgegangen und hatte wohl den Inhalt seines Magazins vollständig verschossen.

Als Bount auf ebener Erde angekommen war, verschwand der bleiche Leonard gerade in einem engen Durchgang zwischen zwei Gebäuden. Der Privatdetektiv setzte zu einem Spurt an. Der Durchgang machte eine Biegung, dann kam die Straße.

Bount blieb vorsichtig und tastete sich mit schussbereiter Waffe voran. Wenig später sah er die Passanten auf dem Bürgersteig vorbeigehen und fluchte innerlich. Sicher nutzte der Kerl jetzt die Chance, in der Menge unterzutauchen.

Bount dachte trotzdem nicht daran aufzugeben. Eine minimale Chance blieb. Er rannte los und stand ein paar Sekunden später zwischen hektischen Passanten, von denen einige etwas irritiert auf die Automatik in seiner Hand blickten.

Der Privatdetektiv drehte sich herum und dann sah er ihn, keine zwanzig Meter entfernt.

Leonard kümmerte sich nicht um die Menschen um ihn herum.

Er schien seine Waffe inzwischen nachgeladen zu haben und feuerte nun wild drauflos, während Bount sich duckte, um sich dann neben einen am Straßenrand parkenden Wagen in Deckung zu hechten. Das dumpfe Geräusch der Schalldämpferpistole ging im allgemeinen Straßenlärm völlig unter. Dennoch entstand eine mittlere Panik.

Als Bount aus seiner Deckung mit angelegter Automatik hervortauchte, hatte Leonard eine junge Frau bei den Haaren gepackt, die offenbar einen Moment zuvor aus ihrem weißen Golf gestiegen war.

Die Wagentür stand noch offen und Leonard hielt die Frau jetzt wie einen Schutzschild vor den eigenen Körper.

Die Frau schrie vor Angst, aber als sie den Schalldämpfer an der Schläfe spürte, verstummte sie abrupt.

"Geben Sie auf, Leonard! Machen Sie es nicht noch schlimmer!", rief Bount, der die Automatik keinen Millimeter gesenkt hatte, obwohl er wusste, dass er sie in dieser Situation nicht benutzen konnte.

Leonard zog die junge Frau mit sich, bis er den Golf umrundet hatte und auf der Fahrerseite stand. Bount wurmte es, dass er nichts tun konnte, als zuzusehen. Bevor der Killer sich dann ans Steuer setzte, ließ er die Frau los, die so schnell sie konnte davonlief.

Dann folgte ein Blitzstart. Die Reifen des Golfs drehten durch und Leonard fädelte ziemlich brutal in den Verkehr ein. Jemand hupte. Bremsen quietschten und dann brauste er davon.

Bount überlegte eine Sekunde, ihm die Reifen zu zerballern, aber es waren zu viele Menschen in der Schussbahn.

Er fluchte leise vor sich hin, während er hinter sich ein ächzendes Geräusch hörte. Bount wandte sich um und sah Rogers japsend daherlaufen. Verfolgungsjagden waren schon auf Grund der korpulenten Figur nicht unbedingt Rogers’ Stärke - zumindest, wenn sie auf Schusters Rappen durchgeführt wurden.

Nun war der Captain völlig außer Atem.

"Jetzt werden wir ihn lange suchen können!", meinte er resignierend.

"Ich habe mir die Nummer gemerkt", erwiderte Bount, während er die Automatik an ihren Ort steckte. "Vielleicht nützt es ja was, den Golf zur Fahndung durchzugeben!" Aber insgeheim wusste Bount, dass nicht viel dabei herauskommen würde. Wenn Clint Leonard seinen Verstand einigermaßen beisammen hatte, dann würde er den Wagen an der nächsten U-Bahn Station stehen lassen, um anschließend auf Nimmerwiedersehen unterzutauchen.

"Seine Hintermänner werden jetzt mehr als aufgescheucht sein!", glaubte Rogers. "Vielleicht gehen sie jetzt erst einmal eine Weile völlig auf Tauchstation. Das wird uns unser Geschäft nicht gerade erleichtern, Bount!"

"Dann müssen wir es so drehen, dass das Gegenteil dabei herauskommt!", gab der Privatdetektiv zurück.

"Das sie noch nervöser werden?"

"Ja, und Fehler machen..."

Sie machten sich auf den Rückweg.

"Was ist mit Detective Ramirez?", erkundigte sich Bount.

Toby Rogers seufzte. "Er ist tot, Bount. Und ich sage dir eins: Ich werde nicht eher ruhen, bis dieser Leonard das bekommt, was ihm zusteht!"

14

Clint Leonard wusste, dass er einen schlimmen Fehler gemacht hatte. Aber nun war es nicht mehr zu ändern. Er konnte allerhöchstens noch versuchen, seine eigene Haut zu retten und das Schlimmste zu verhindern...

Leonard war mit der Subway mehr oder weniger ziellos durch die Stadt gefahren und schließlich weit oben im Norden, in der Bronx gelandet.

Seine Verfolger hatte er abgehängt, der gestohlene Golf stand irgendwo im Halteverbot und würde bald der Fahndung in die Hände fallen.

Leonard schätzte, dass er den Detective in seiner Wohnung voll erwischt hatte. Das war sein schlimmster Fehler gewesen, aber einer, der sich nicht hatte vermeiden lassen.

Doch nun musste er damit rechnen, dass die gesamte Stadt-Polizei von New York heiß auf ihn war. Polizistenmord war eben immer noch etwas ganz besonderes.

Er kaufte sich an einer Imbissbude einen Hot Dog. Morgen würde sein Bild wahrscheinlich schon in der Zeitung stehen und in den Lokalnachrichten zu sehen sein. Dann würde alles schwieriger für ihn werden.

Mit dem Hot Dog in der Hand ging er zur nächsten Telefonzelle und wählte eine Nummer, die er auswendig kannte.

"Hallo?", meldete sich etwas mürrisch eine Stimme, die Leonard auf Anhieb erkannte.

"Mister Lafitte? Hier spricht Clint Leonard!"

"Hatten wir nicht abgemacht, dass Sie mich unter diese Nummer nicht anrufen, Leonard?", fragte die Stimme auf der anderen Seite etwas ungehalten. "Was fällt Ihnen ein! Verdammt, haben Sie den Verstand verloren?"

"Ich würde es nicht tun, wenn es sich vermeiden ließe!"

Lafitte atmete so tief durch, dass man es durch die Leitung hören konnte. "Na, schön!", meinte er dann. "Was gibt es?"

"Ich brauche jetzt Ihre Hilfe. Etwas Furchtbares ist geschehen! Die Polizei war in meiner Wohnung."

"Auf wessen Konto geht das?"

"Die Frau vielleicht... Ich weiß es nicht. Dieser Reiniger war auch dabei. Er steckt seine Nase allmählich entschieden zu tief in die Sache."

"Dann werden wir ihm eine Warnung zukommen lassen müssen", meinte Lafitte. "Eine sehr ernste Warnung."

"Darum geht es jetzt nicht."

"Worum dann?"

"Ich muss untertauchen. Und da ist noch etwas: Ich habe einen Polizisten getötet. Ich hatte keine andere Wahl."

Auf der anderen Seite war ein paar volle Sekunden lang nur Schweigen. Dann sagte Lafitte: "Damit will ich nichts zu tun haben! Ich war von Anfang an dagegen!"

"Sie müssen mir helfen!"

"So, muss ich?"

"Ich werde sonst dafür sorgen, dass ihr alle mit hineingerissen werdet! Darauf können Sie sich verlassen, Lafitte! Glauben Sie vielleicht, Sie können sich von mir die Kastanien aus dem Feuer holen lassen und mich dann einfach so fallen lassen?"

"Es ist Ihr Job, Leonard. Und Ihr Risiko."

"Wie Sie wollen..."

"Warten Sie! Wo sind Sie jetzt? Vielleicht finden wir ja eine Lösung."

15

Am nächsten Tag versuchte Bount, sich mit Karen Tierney in Verbindung zu setzen. Aber als er bei ihr anrief, legte sie einfach auf. Bei weiteren Versuchen nahm sie gar nicht erst den Hörer ab. Als Bount bei ihr auftauchte, tat sie, als wäre niemand zu Hause. Sie reagierte zuerst weder auf die Klingel, noch auf Bounts Klopfen.

Als sie schließlich doch öffnete, sah sie Bount an wie ein Gespenst. Diesmal war sie vollständig angezogen. Sie trug Jeans und einen Sweater.

Sie sagte überhaupt nichts, sondern führte ihn nur in die Wohnung.

"Was ist los mit Ihnen?", fragte Bount. Sie wandte den Kopf zur Seite und schwieg noch immer. "Ich denke, Sie haben mir einiges zu sagen..."

Sie verzog das Gesicht. "Ach, ja?"

"Zum Beispiel wissen Sie, woran Ihr Mann zuletzt gearbeitet hat. Sie wollen es mir nicht sagen und ich frage mich, warum."

"Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen, Mister Reiniger. Und ich möchte Sie bitten, jetzt wieder zu gehen."

"Tut mir leid, aber so leicht werden Sie mich nicht los!" Bount nahm sich einen Stuhl und setzte sich darauf, während Karen Tierney starr vor sich hin blickte. Sie schien unter einem unglaublichen Druck zu stehen. Bount fragte sich nur, woher dieser Druck letztlich kam. "Sie haben das Bankschließfach Ihres Mannes geleert, dessen Inhalt eigentlich für mich bestimmt war", stellte Bount sachlich fest.

Das ließ sie aufblicken.

Sie strich sich die rote Mähne aus dem Gesicht und zog die Augenbrauen ungläubig zusammen. "Was?", fragte sie. "Ich weiß von keinem Schließfach!"

"Sie brauchen mir nichts vorzuspielen, Mrs. Tierney. Sie sind dort gesehen worden und haben sogar Ihre Unterschrift hinterlassen."

"Ich war nicht dort! Hören Sie..."

"Nein, Sie hören jetzt mir zu! Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass Sie gar nicht wissen wollen, wer Ihren Mann ermordet hat!"

"Das ist eine unglaubliche Unterstellung, Mister Reiniger!"

"Dann entkräften Sie sie und helfen Sie mir!"

"Mein Mann ist tot und nichts kann ihn wieder lebendig machen! Aber das Leben muss weiter gehen. Verstehen Sie, was ich meine?"

Bount schüttelte den Kopf. "Nein, ich glaube nicht."

"Dann glauben Sie mir bitte wenigstens, dass ich Steve geliebt habe. Aber jetzt muss ich an die Zukunft denken!"

"Was bedeutet das?"

Ihre Blicke trafen sich. In ihren dunklen Augen sah Bount so etwas wie Verzweiflung. Sie musste sich sehr zusammenreißen und schien es auch nur unter größten Anstrengungen zu schaffen. Ihre Lippen waren aufeinandergepresst. Schließlich sagte sie: "Es bedeutet, dass Sie mich in Ruhe lassen sollen, Mister Reiniger."

"Wie ich darüber denke, habe ich ihnen ja schon gesagt!" Bount erhob sich und trat näher an sie heran. Er legte ihr den Arm behutsam um die Schulter und stellte dann fest: "Ich habe den Eindruck, dass man Sie unter Druck setzt. Ist das richtig?"

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen!"

"Sie wissen es ganz genau! Und ich vermute, dass Sie auch wissen, wer der Mörder Ihres Mannes ist."

"Das ist eine Lüge!"

"Zumindest wissen Sie über seinen letzten Fall Bescheid, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie weggeschaut haben, als Sie den Inhalt des Schließfachs in den Händen hielten. Was war es? Fotos vielleicht? Ich wette, es waren Fotos. Vielleicht auch noch andere Sachen. Dinge, die jemandem einen Mord wert waren."

"Hören Sie auf!"

"Warum?"

"Ich war nicht in der Bank! Das sagte ich doch schon, verdammt noch mal! Warum glauben Sie mir denn nicht?"

"Ich würde ja gerne."

"Bitte gehen Sie!"

"Was ist mit dem Kerl, der Sie gestern Nachmittag besucht hat?"

Sie wurde bleich. "Woher wissen Sie das?"

"Was spielt das für eine Rolle?", gab Bount zurück.

"Es ist doch wohl meine Sache, wen ich hier empfange, oder?"

Bount zuckte die Achseln. "Sicher. Aber Sie sollten sich vor ihm in Acht nehmen!"

"Ich konnte immer hervorragend auf mich selbst aufpassen!"

"Der Mann heißt Clint Leonard und hat einen Fotohändler erschossen, weil dieser sich geweigert hat, Bilder herauszurücken, die Ihr Mann ihm zur Entwicklung gegeben hat."

Sie schluckte jetzt. "Was erwarten Sie? Dass ich vor Angst erzittere?"

"Warum nicht? Sie hätten allen Grund dazu. Dieser Mann ist ein skrupelloser Killer!" Bount ließ das erst einmal wirken und fuhr dann nach kurzer Pause fort: "Clint Leonard schätze ich mehr oder weniger als Handlanger ein. Ihr Mann ist irgendeiner großen Schweinerei auf der Spur gewesen. Ich schätze, er ist per Zufall darauf gestoßen. Und vielleicht hat er geglaubt, die Hintermänner unter Druck setzen zu können - aber darüber wissen Sie sicher mehr als ich!"

Sie seufzte, stand auf und ging zum Fenster. Ihre Arme waren vor der Brust verschränkt. "Ich kann Ihnen nicht helfen, Mister Reiniger! Glauben Sie mir!"

"Womit erkaufen die sich Ihr Schweigen?", fragte Bount. "Sorgen die für Ihre finanzielle Zukunft?"

"Gehen Sie, Reiniger!"

"Oder hat man Ihnen nur versprochen, Sie in Ruhe zu lassen und Ihrem Jungen nichts zu tun?"

Tränen traten ihr ins Gesicht. Sie wischte sie hastig weg. Bount schien es ziemlich genau getroffen zu haben.

"Verstehen Sie mich doch!"

"Ich verstehe Sie. Aber ich glaube nicht, dass es richtig ist, was Sie tun."

"Es ist ja nicht Ihr Junge, oder? Da kann man natürlich leicht große Reden schwingen!"

Bount schüttelte den Kopf.

"Ich will Ihnen keine Moralpredigt halten, sondern nur, dass Sie sich klarmachen, in welcher Gefahr Sie sind."

"Lassen Sie das meine Sorge sein!"

"Was glauben Sie, wie lange das gut geht? In dem Moment, in dem diese Leute den Eindruck haben, dass man sich auf Sie nicht mehr verlassen kann, wird man Ihnen das Licht ausknipsen!" Bount legte eine seiner Visitenkarten auf den Küchentisch. "Denken Sie darüber nach", meinte er. "Auch um Michaels Willen!"

Sie wandte sich zu Bount herum. Ihr Gesicht drückte jetzt Entschlossenheit aus. "Ich habe mich längst entschieden, Mister Reiniger! Und ich möchte, dass Sie das respektieren!"

"Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun!"

16

Während Bount ins Freie trat, sah er kurz die Uhr an seinem Handgelenk. Vielleicht hatte Rogers inzwischen den Bericht, der entscheiden würde, ob Clint Leonard auch Tierney auf dem Gewissen hatte. Wenn es so war, dann blieb allerdings immer noch die Frage offen, wer ihn geschickt hatte.

Den 500 SL hatte Bount 100 Meter weiter auf der anderen Straßenseite abgestellt. Als der Privatdetektiv schräg über die Fahrbahn ging, scherte plötzlich ein Ford aus einer Parklücke heraus, hielt direkt auf Bount zu und beschleunigte sogar noch.

Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden.

Bount wirbelte herum und wusste, dass nur noch eine einzige Chance blieb, am Leben zu bleiben.

Er sprang und landete hart auf der Kühlerhaube.

Das Blech knickte unter seinem Gewicht hörbar ein. Von dem Gesicht des Fahrers war nichts zu sehen. Er hatte sich einen Damenstrumpf über den Kopf gezogen, der seine Züge wie eine groteske Fratze erscheinen ließ. Der Ford stoppte ziemlich abrupt, so dass Bount von der Haube geschleudert wurde.

Der Privatdetektiv kam hart auf den Asphalt.

Bount saß in der Falle. Er war eingekeilt zwischen einem am Straßenrand abgestellten Pkw und dem Ford, dessen Motor nun aufheulte. Wenn Bount jetzt auf die Beine kam und versuchte davonzulaufen, würde er zerquetscht werden. Aber einfach liegenzubleiben war eine genauso wenig verlockende Aussicht.

Das war kein Unfall, sondern ein Mordversuch. Der Kerl am Steuer des Fords wollte Bount töten.

Bount sah einen Reifen auf sich zuschnellen und rollte sich am Boden herum, so dass er den Bruchteil eines Augenblicks später unter dem parkenden Wagen lag.

Über sich hörte er Blech gegen Blech schrammen.

Bount rollte unter dem Pkw hinweg und kam auf der anderen Seite auf den Bürgersteig. Mit einer schnellen Bewegung riss er die Automatik unter dem völlig ruinierten Jackett hervor, während der Ford bereits rückwärts setzte und dann losbrauste.

Indessen stand Bount mit der Automatik in der Hand hinter dem parkenden Wagen und ballerte zweimal auf den Ford. Er zielte auf die Reifen, verfehlte aber knapp.

Der Ford schlug eine Art Haken mitten auf der Fahrbahn, so dass ein entgegenkommender Lieferwagen nur um Haaresbreite ausweichen konnte. Im nächsten Moment war der Ford dann mit quietschenden Reifen in eine Seitenstraße eingebogen.

Bount hörte ihn beschleunigen.

Den würde er wohl nicht mehr einholen.

17

Eine halbe Stunde später befand Bount sich bei der Pier 1, von wo aus die Fähren nach Staten Island abgingen.

Aber diesmal schien die Fähre mit Verspätung auszulaufen - oder fürs Erste überhaupt nicht mehr. Jedenfalls lag sie noch an der Pier und hinkte dem Fahrplan, der auf einem großen Plakat abgedruckt war, erheblich hinterher. Polizeiwagen parkten in der Nähe. Das ganze Gelände machte den Eindruck hektischer Aktivität.

Ein uniformierter Officer wollte Bount wegscheuchen.

"Wir brauchen hier keine Schaulustigen, Mann!"

Bount zog seine Lizenz heraus und hielt sie ihm unter die Nase. "Man hat mir gesagt, dass Captain Rogers hier ist", meinte er dazu.

Der Officer betrachtete stirnrunzelnd die Lizenz und zuckte dann mit den Schultern. "Wenn es Ärger geben sollte, werde ich alles auf Sie abwälzen!"

"Es wird keinen Ärger geben. Captain Rogers erwartet mich!"

Das war zwar etwas übertrieben, aber auch nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Der Officer ließ Bount passieren. "Gehen Sie zur Fähre. Der Captain muss dort irgendwo sein!"

Wenige Augenblicke später stand Bount seinem alten Freund gegenüber.

Er stand am Heck der Fähre und blickte zusammen mit ein paar anderen Männern hinab in die Tiefe. Bount stellte sich neben ihn und blickte ebenfalls hinunter in das trübe Wasser des Hudson Rivers. Ein Taucher war da unten bei der Arbeit.

"Hallo, Toby! Was ist eigentlich hier los?", erkundigte sich Bount.

Rogers drehte sich zu dem Privatdetektiv herum. Sein Gesicht hatte jegliche Farbe verloren. irgendetwas musste dem Captain ganz gehörig an die Nieren gegangen sein. Jedenfalls konnte sich Bount nicht erinnern, den Freund in letzter Zeit so gesehen zu haben.

"Was machst du hier, Bount?", fragte Rogers seinen Freund, aber er wirkte abwesend dabei.

"Browne hat mir gesagt, ich könnte dich hier treffen", erwiderte Bount Reiniger.

Rogers deutete hinab.

"Da unten war eine Leiche, die sich in den Schiffsschrauben verfangen hatte." Er seufzte. "Zum Glück ist es nicht mein Job, alles zusammenzusuchen. Was ich gesehen habe, hat auf jeden Fall ausgereicht, um mir für den Rest des Tages gründlich den Appetit zu verderben."

"Kann ich mir vorstellen..."

"Das möchte ich bezweifeln, Bount."

Rogers wandte sich von der Reling ab und ging ein paar Schritte.

Bount folgte ihm und zündete sich dabei eine Zigarette an, was bei dem kräftigen Wind, der über die Fluten des Hudson fegte, gar nicht so einfach war.

"Der Tote ist übrigens Clint Leonard", sagte Rogers. "Der Schiffsführer hat sofort bemerkt, dass etwas nicht stimmte und die Maschinen abgestellt. Wäre er weniger aufmerksam gewesen, hätten wir vielleicht Schwierigkeiten bekommen, ihn zu identifizieren, aber so war sein Gesicht noch eindeutig zu erkennen..."

Bount hob die Arme zu einer abwehrenden Geste. "Tu mir einen Gefallen und erspar mir die Details, Toby. So schön sind die nun wirklich nicht."

Ein mattes Lächeln ging über Rogers’ Gesicht.

"Sorry."

"Wie ist es passiert?", hakte Bount nach. "Wisst ihr schon etwas?"

"Er schwimmt wahrscheinlich schon die ganze Nacht im Hudson", erwiderte Toby Rogers. "Aber eins steht schon fest: Er ist nicht ertrunken, sondern starb durch einen Schuss. Noch haben wir keine Ahnung, wo das geschehen sein könnte." Er zuckte mit den Schultern. "Er wurde umgebracht und dann ins Wasser geworfen..."

"Ein Killer, der sein Handwerk versteht, hätte der Leiche ein paar Steine um den Hals gebunden, damit sie nicht wieder auftaucht..." meinte Bount.

"Und du meinst, dieser hier verstand sein Handwerk nicht so besonders?"

Bount zuckte die Achseln. "Ich schätze, dass Clint Leonard für seine Auftraggeber einfach zu heiß wurde."

"Wie auch immer: Jedenfalls war Leonard der Mörder von Steve Tierney. Das steht nach dem Vergleich zwischen den Projektilen, die in den Körpern von Tierney, dem Fotohändler und Detective Ramirez steckten, wohl fest. Alle drei wurden mit derselben Waffe erschossen."

Dann blickte Rogers an Bount hinunter und meinte plötzlich: "Ich habe das Gefühl, du warst schon mal näher am Stand der Mode, Bount. Oder ist der Gammel-Look wieder in und ich hab's nicht mitgekriegt?"

Bount lächelte dünn. "Ich hatte eine ziemlich unerfreuliche Begegnung mit einem Kerl, der es vorzog, sein Gesicht nicht zu zeigen."

Rogers hob die Augenbrauen.

"Eine Warnung an deine Adresse?"

"Ja, etwas in der Art. Vielleicht auch schon mehr."

18

Karen Tierney schaute nervös auf die Uhr. Michael hätte längst zu Hause sein müssen. Sie rief in der Schule an, aber dort war er nicht mehr.

Vielleicht war er noch mit Freunden unterwegs, obwohl sie ihm eingeschärft hatte, gleich nach Hause zu kommen. Der Wagen war unglücklicherweise in der Werkstatt, sonst hätte sie ihren Sohn abgeholt.

Eine halbe Stunde, das ist nicht viel, redete sie sich ein. Das konnte alles mögliche bedeuten. Irgendetwas Harmloses vermutlich...

Aber sie konnte ihre Sorgen nicht einfach so abstreifen. Es half nichts, sich immer von neuem einzureden, dass das alles nichts bedeuten musste. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Sie hatte sich an das gehalten, was man ihr gesagt hatte und dafür hatte man ihr zugesichert, dass ihr nichts geschehen würde. Und natürlich auch ihrem Jungen nicht. Das war das Allerwichtigste für sie.

Karen Tierney biss sich die Lippe und unterdrückte die Tränen, die einfach so aus ihr herauslaufen wollten. Nur kühlen Kopf bewahren!, wies sie sich selbst an. Nur nicht den Verstand verlieren!

Sie hätte schreien können, aber obwohl sie allein in der Wohnung war, tat sie es nicht. Stattdessen ging sie zum Telefon und klapperte die Reihe von Michaels Freunden ab. Zumindest diejenigen, von denen sie wusste. Nichts. Immer wieder nichts.

Sie fragte sich, was sie unternehmen konnte.

Die Polizei schied aus - und dieser Reiniger? Nachdem sie ihn derart abserviert hatte? Was soll's!, dachte sie. Er weiß ohnehin schon eine Menge oder reimt es sich zusammen. Warum soll er nicht auch den Rest wissen?

Aber wenn sie Michael wirklich in ihre Gewalt gebracht hatten, dann konnte es für den Jungen das Ende bedeuten. Skrupellose Leute waren das, denen eine Leiche mehr oder weniger keine besonderen Kopfschmerzen machte.

Plötzlich hörte sie einen Wagen vorfahren. Eine Autotür wurde geöffnet und fiel wieder ins Schloss. Dann Schritte. Sie glaubte schon fast, sich verhört zu haben und spürte ihr Herz wie wild schlagen. Sie kannte diese Schritte ganz genau. Es war Michael.

Sie rannte zur Tür, öffnete und nahm ihren Sohn in die Arme, während sie flüchtig mit den Augenwinkeln eine Limousine davonfahren sah.

"Warum weinst du, Mum?", fragte der Junge.

"Ich weine überhaupt nicht", behauptete sie. "Mit wem bist du gerade gekommen?"

"Ein Mann. Er war sehr nett und hat mich mitgenommen."

"Aber ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht einfach mit irgendjemandem, den du nicht kennst, mitgehen!"

"Aber er hat gesagt, dass er dich und Dad kennt, Mum!"

Sie atmete tief durch. Im Augenblick hatte sie nicht den Nerv, das auszudiskutieren. Dann ging das Telefon.

Karen Tierney ließ es ein halbes Dutzend Mal klingeln, ehe sie aus ihrer Starre erwachte und sich bewegte. Mit zitternder Hand nahm sie den Hörer ab.

"Ja?"

Sie hörte das Atmen eines Menschen. Karen wollte am liebsten in die Muschel hineinschreien und die Person auf der anderen Seite der Leitung auffordern, sich doch endlich zu melden.

Aber sie ließ es. Ein Kloß steckte ihr im Hals und verhinderte, dass auch nur ein einziger Ton über ihre zusammengepressten Lippen kam. Schließlich machte es 'klick!' und die Leitung war unterbrochen.

Karen Tierney ließ den Hörer sinken und fühlte den kalten Schweiß auf ihrer Stirn. Angst kroch ihr den Rücken hinauf wie eine kalte, glitschige Qualle.

Aber sie hatte verstanden.

Dies war eine Warnung, vielleicht die letzte. Man wollte ihr klarmachen, dass sie keine Chance hatte, sich herauszuwinden. Nicht die Geringste! Sie konnten jederzeit zuschlagen, wenn sie wollten. Und sie wussten genau, wie Karens Achillesferse hieß: Michael.

19

"Ich komme einfach nicht über die Subway-Karten nach Wall-Street hinweg", meinte Bount, nachdem er sich umgezogen und frisch gemacht hatte.

Wieder und wieder war er zusammen mit June die Liste von Tierneys Klienten durchgegangen, aber keiner von denen hatte etwas mit Wall Street zu tun. Weder Börsenmakler noch Geschäftsleute waren darunter.

Die Leute, für die Tierney gearbeitet hatte, waren von kleinerem Kaliber. Ein jiddischer Gemüsehändler zum Beispiel, dessen Laden wiederholt von einer Jugendgang heimgesucht worden war. Oder eine Frau, deren 15jährige Tochter mit dem Haushaltsgeld ihrer Mutter durchgebrannt war, um in Kalifornien als Fotomodell das große Los zu ziehen.

"Lafitte", murmelte June. "Der Name kommt mir bekannt vor. Ich meine, im Zusammenhang mit Wall Street..."

Bount hob die Augenbrauen und warf dann einen Blick auf die Liste.

"Jennifer Lafitte? Sie hat Tierney beauftragt, ihren Mann zu beschatten, der offenbar auf irgendwelche Abwege gekommen war..."

"Nein, keine Frau. Ein Mann. Warte! Greg Lafitte heißt er und er kommentiert auf irgendeinem Kabelsender die Börsenentwicklung. Jede Woche freitags. Chartanalyse nennt sich das."

Bount pfiff durch die Zähne.

"Du kennst dich ja richtig aus!"

"Was dachtest du denn!"

"Siehst du dir diese Sendung regelmäßig an?"

"Immer, wenn ich Gelegenheit habe." Sie zuckte die Schultern. "Weißt du, ich habe nämlich ein paar Dollar in einen Aktienfond investiert und möchte natürlich ganz gerne darüber auf dem Laufenden bleiben, was aus meinem Geld wird."

Bount grinste. "Sieh an."

"Tja, da staunst du, was?"

"Und? Ich hoffe, es hat sich für dich gelohnt!"

"Ich kann nicht klagen", lächelte June.

"Wie wär's, wenn du mal versuchst die Adresse der Lafittes herauszufinden. Angenommen Tierney hat Lafitte beschattet, weil seine Frau glaubte, er hätte etwas mit einer anderen..."

"...und ist dabei auf etwas Größeres gestoßen?"

"Wäre doch möglich, oder?"

"Es ist ein Strohhalm, Bount. Ich hoffe, du bedenkst das!"

"Ja, aber was bleibt uns anderes? Clint Leonard hätte vielleicht interessante Dinge zu erzählen, wenn er noch leben würde. Aber er ist tot und kann uns nicht mehr zu seinen Hintermännern führen!"

June stemmte ihre schlanken Arme in die geschwungen Hüften. "Und was ist mit Tierneys Witwe? Kannst du es noch einmal bei ihr versuchen?"

Bount schüttelte den Kopf.

"Sie hat Angst und ich kann sie irgendwie auch gut verstehen. Schließlich hat sie einen kleinen Jungen."

"Sie könnte Polizeischutz anfordern, Bount!"

"Du weißt doch, wie das ist, June! Man wird ihr und dem kleinen Michael kaum eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung bewilligen, die ausreicht, um sie wirklich zu schützen."

"Und wenn du noch mal mit Toby sprichst? Vielleicht kann er etwas machen!"

"Sie wird ihm gegenüber nie zugeben, dass sie überhaupt bedroht wird. Und dann kann er so gut wie nichts tun!"

Wenig später ging das Telefon in Reinigers Agentur. Es war niemand anderes als Toby Rogers. "Wenn man vom Teufel spricht." murmelte Bount. "Wenn du extra hier anrufst, gibt es wohl eine neue Spur, oder irre ich mich, Toby?"

"Erraten!", dröhnte der Captain.

"Na, dann raus damit!"

"Ein Pizza-Bäcker in der Gegend hat einen Mann beobachtet, der offensichtlich verletzt war. Am Bein. Als er ihm helfen wollte, hat der Kerl ihn mit einer Pistole bedroht und ist davongehumpelt. Das könnte unser Mann sein, denn Leonard war ja bekanntlich ziemlich schnell mit der Waffe zur Hand. Er könnte sich gewehrt und seinem Mörder noch eins verpasst haben, bevor es ihn selbst erwischte!"

Bount pfiff durch die Zähne. Das war vielleicht ein Ansatzpunkt.

"Kann der Pizza-Bäcker den Kerl identifizieren?"

"Leider nein. Es war dunkel und außerdem trug der Mann eine Schirmmütze. Aber meine Leute klappern jetzt alle Krankenhäuser und Arztpraxen ab, an die sich der Mann vielleicht gewandt haben könnte."

"Na, da wünsche ich ihnen viel Spaß bei dieser Sisyphus-Arbeit!"

"Wenn ich den Jungs diese Wünsche wirklich ausrichte, wirst du dich fürs erste nicht mehr bei uns sehen lassen können, Bount!", meinte Captain Rogers.

"Da ist noch etwas, Toby."

"Und was?"

"Tierneys Witwe. Es wäre nicht schlecht, wenn sie Polizeischutz bekäme."

Rogers atmete so schwer, dass Bount den Hörer etwas vom Ohr nahm. "Bount, du weißt wie das ist..."

Bount konnte sich denken, was jetzt kam. Das alte Lied vom Personalmangel und ein paar anderen Widrigkeiten, gegen die nichts zu machen war. Einen Augenblick lang hörte Bount sich die Litanei an, dann unterbrach er seinen Freund mitten im Satz.

"Sie ist unter Druck, Toby!"

"Weißt du, was meine Vorgesetzten mit mir machen, wenn das herauskommt? Ich habe ja auch noch einmal versucht, mit der Frau zu sprechen, nachdem Browne sich schon die Zähne ausgebissen hatte. Sie weiß nichts oder will nichts wissen. Und das heißt, dass ich nichts machen kann!"

"Dann lass sie beschatten", schlug Bount vor und setzte dann ironisch hinzu: "Schließlich wissen wir ja nicht, ob sie nicht Leonards Auftraggeber war."

Aber das ging Rogers zu weit. "Du willst mich wohl auf den Arm nehmen!" Er seufzte. "Eine Streife alle zwei Stunden. Das ist alles, was ich machen kann!"

20

"Sein wöchentlicher Auftritt im Kabelfernsehen ist nicht Greg Lafittes eigentlicher Job", berichtete June, während Bount den Mercedes 500 SL startete.

Er blickte zu ihr hinüber.

"Und was ist sein Hauptjob?"

"Er leitet die Investment-Abteilung der Golden East Bank."

"Dann dürften wir ihn um diese Zeit dort am ehesten antreffen!", schloss Bount.

Es dauerte nicht lange, bis sie die Zentrale der Golden East erreicht hatten. Viel mehr Zeit nahm es in Anspruch, sich durch die verschiedenen Vorzimmer voranzuarbeiten. Bount gab sich dabei als Mitarbeiter des Forbes-Magazins aus und behauptete dreist, einem Skandal auf der Spur zu sein, in den möglicherweise auch die Investment-Abteilung der Golden East Bank verwickelt sei. Aber natürlich wolle er vor Veröffentlichung der Story erst die Stellungnahme von Mister Lafitte dazu hören.

Das zog.

Und so landeten Bount und June schließlich im Büro von Moira Jordan, Lafittes Stellvertreterin.

Moira Jordan war dunkelhaarig und hatte braune Augen. Es war schwer zu sagen, wie alt sie wirklich war. Entweder, sie hatte sehr schnell Karriere gemacht, oder sie sah viel jünger aus, als sie war. Jedenfalls hatte die Karriere nicht ihrem Aussehen geschadet. Sie sah blendend aus.

"Sie arbeiten für Forbes?"

"Ich hatte gehofft, mit Mister Lafitte sprechen zu können."

Sie bedachte Bount mit einem Blick, der dem Privatdetektiv aus irgendeinem Grund nicht gefiel. "Das ist leider nicht möglich, Mister..."

"Reiniger."

"Sagen Sie, habe ich Sie schon einmal gesehen?"

"Gut möglich. Wo ist Mister Lafitte?"

"Er hat sich für ein paar Tage krank gemeldet."

"Etwas Ernstes?"

"Ich habe keine Ahnung." Sie lächelte. "Und es gehört auch nicht zu meinem Aufgaben, ihn auszuhorchen. Also entweder nehmen Sie mit mir vorlieb, oder Sie gehen einfach wieder!"

Bount zuckte die Achseln. "Okay."

"Außerdem kommen Sie niemals von Forbes, Mister Reiniger!"

"Woher wissen Sie das?"

"Instinkt. Was sind Sie? Steuerfahnder?"

"Privatdetektiv."

Diese Auskunft schien Moira Jordan nicht im Geringsten zu überraschen. Sie lächelte und dabei blitzte es eigentümlich in ihren dunklen Augen. Sie war zweifellos eine Frau, die es faustdick hinter den Ohren hatte - auch wenn sie sich alle Mühe geben mochte, das hinter einer freundlichen Fassade zu verbergen.

"Dachte ich es mir doch", meinte sie. "Was wollen Sie von Lafitte?"

"Das geht nur Lafitte etwas an."

"Ich verstehe...", murmelte sie.

21

"Ich habe das Gefühl, dass dein Talent als Hochstapler auch schon einmal besser ausgeprägt war", meinte June später. "Sie hat dich angesehen, als ob sie Anfang an genau wusste, wer du bist!"

"Wir sind uns nie begegnet", behauptete Bount.

June grinste. "Bist du dir sicher? Oder kannst du dich nur nicht mehr erinnern? Bei den vielen Frauen, die dir über den Weg gelaufen sind, wäre das ja auch kein Wunder!"

"Sehr witzig!"

Die nächste Adresse, bei der Bount und June versuchten, Lafitte zu erreichen, war die luxuriöse Villa, in der er zu Hause war. Das Anwesen war abgezäunt.

Bount stoppte den Mercedes vor einem massiven, gusseisernen Tor.

Der Privatdetektiv ließ das Seitenfenster des Mercedes hinabgleiten und betätigte das Sprechgerät.

Eine Frauenstimme meldete sich, aber es war nur das Hausmädchen.

"Ich möchte zu Mister Lafitte", sagte Bount.

"In welcher Angelegenheit?", kam es professionell säuselnd zurück.

"Tut mir leid, das ist eine Sache unter vier Augen!"

Eine ganze Weile lang herrschte Schweigen am Lautsprecher. Dann war eine andere, tiefere Frauenstimme zu hören.

"Hier ist Mrs. Lafitte. Mein Mann ist nicht zu Hause. Kann ich ihm etwas ausrichten?"

"Ich glaube, der Name Steve Tierney ist Ihnen nicht unbekannt, Mrs. Lafitte."

"Sind Sie deswegen hier?"

"Ja. Mein Name ist Reiniger und versuche herauszufinden, wer Tierney umgebracht hat!"

"Und wie kommen Sie da auf mich?"

"Sie waren eine Klientin. Das können Sie nicht ernsthaft bestreiten. Es gibt Belege dafür. Vielleicht reden sie auch lieber mit der Polizei, aber ich dachte, sie wären vielleicht an Diskretion in dieser Angelegenheit interessiert!"

Das saß. Und es erfüllte seinen Zweck, denn es dauerte nur ein oder zwei Sekunden, da ging das gusseiserne Tor automatisch auseinander. Bount fuhr den Mercedes bei dem imposanten Haus vor, das die Lafittes bewohnten.

"Eins steht fest", meinte June. "Diese Klientin lag vom Einkommen her sicher weit über dem Durchschnitt, wenn man sich Tierneys Kundschaft so ansieht!"

Sie stiegen aus.

Das Hausmädchen empfing sie an der Tür und führte Bount und June in ein sehr modern eingerichtetes und von A bis Z durchgestyltes Wohnzimmer. Eine Frau saß auf einem schwarzen Ledersofa. Das musste Jennifer Lafitte sein, eine brünette Frau in den mittleren Jahren. Sie wirkte sportlich, hielt sich offenbar durch hartes Training fit. Der Typ dazu war sie jedenfalls, nicht nur ihres Körperbaus wegen. Sie hatte auch den passenden Gesichtsausdruck. Willensstark und entschlossen.

"Guten Tag, Mister Reiniger." Sie warf einen misstrauischen Blick zu June hinüber, in dem ein stiller, kurzer Vergleich lag. "Und wer sind Sie?"

"Das ist Miss March, meine Mitarbeiterin."

"Nehmen Sie Platz!"

"Meine Mitarbeiterin ist übrigens ein Fan Ihres Mannes, Mrs. Lafitte", meinte Bount.

"Was Sie nicht sagen", erwiderte Jennifer Lafitte sehr sarkastisch.

"Ja", bestätigte June. "Seit ich selbst etwas in Aktien angelegt habe, versuche ich, keine seiner Sendungen zu verpassen!"

Jennifer Lafitte lachte herzhaft und fast etwas erleichtert.

"Soll ich Ihnen was sagen, Miss March? Das Ganze heißt zwar Chartanalyse und klingt sehr, sehr wissenschaftlich, aber ich halte es letztlich für nicht viel genauer als Kaffeesatzleserei. Man versucht mit Hilfe statistischer Methoden Börsentrends zu ermitteln und dann vorherzusagen, wie sie sich in Zukunft entwickeln werden." Sie zuckte die Achseln, setzte einen Gesichtsausdruck auf, der deutliche Geringschätzung ausdrückte und wandte sich dann direkt an June: "Man muss daran glauben, verstehen Sie? Aber man bezahlt Greg viel dafür, dass er vor laufender Kamera einige Grafiken und Schaubilder mit etwas Börsenchinesisch kommentiert."

"Es überrascht mich, dass Sie darüber so negativ denken", meinte June.

"Ach, ja?", lachte sie. "Ich bin nur nüchtern genug, es als das zu sehen, was es ist! Ich lasse mir nämlich nicht gerne etwas vormachen, verstehen Sie?"

"Nur zu gut", raunte Bount. "Haben Sie deshalb auch Mister Tierney engagiert?"

"Das geht Sie nichts an!"

"Tierney sollte Ihren Mann beschatten. Weshalb?"

"Können Sie sich das wirklich nicht selbst zusammenreimen?

"Wie wär's, wenn Sie mir ein bisschen auf die Sprünge helfen würden, Mrs. Lafitte?"

Sie seufzte. Es war ihr anzusehen, dass sie nicht gerne darüber sprach. Nach kurzer Pause sagte sie dann in gedämpften Tonfall: "Ich glaubte, dass er etwas mit einer anderen hätte."

Bount hob die Augenbrauen.

"Und - hatte er?"

"Kein Kommentar."

"Wo ist Ihr Mann jetzt?", erkundigte sich der Privatdetektiv.

"In seinem Büro, nehme ich an. Oder auf irgendeinem Geschäftsessen. Wo auch immer."

"In seinem Büro hat er sich für ein paar Tage krank gemeldet. Ich habe mich erkundigt!"

Jennifer Lafitte verlor jetzt einen guten Teil ihrer frischen Gesichtsfarbe. "Warum fragen Sie mich nach Dingen, die Sie doch offenbar schon wissen, Mister Reiniger?"

Bount lächelte dünn. "Und warum lügen Sie mich an, Mrs. Lafitte?"

"Was soll das?"

"Ihr Mann will eine Verletzung auskurieren, nicht wahr? Eine Schussverletzung?"

"Woher wissen Sie das?"

Der Detektiv zuckte die Schultern.

"Ich habe einfach mal geraten. Jetzt weiß ich es."

"Er ist leidenschaftlicher Sportschütze und ballert gerne im Garten herum. Leider ist ihm gestern Nachmittag ein Unglück passiert. Ein Schuss hat sich gelöst und ist ihm ins Bein gegangen. Nichts Schlimmes, aber es muss ja nicht unbedingt an die Öffentlichkeit, oder?"

Bount verstand. Lafitte war jetzt sicher bei einem Arzt seines Vertrauens unter dem Messer, der ihm die Unfall-Story ohne Weiteres glaubte. Das Projektil war vermutlich schon im Abfall. Warum sollte er es auch aufbewahren? Und der Rest fiel unter die ärztliche Schweigepflicht.

Es würde jedenfalls sehr schwer sein, eine solche Story zu widerlegen. Bount hatte schon seine Zweifel, ob er überhaupt auf dem richtigen Weg war.

Dann kam das Hausmädchen und brachte das drahtlose Telefon herbei.

"Sie entschuldigen mich bitte. Ich denke, es gibt nichts mehr zu sagen", nutzte Jennifer Lafitte die Gelegenheit, ihre Gäste wieder loszuwerden.

Das ganze Zusammentreffen war ein Spiel gewesen, bei dem es darum gegangen war, soviel wie möglich von der anderen Seite zu erfahren, ohne selbst dafür allzu viel preisgeben zu müssen.

Bount und June erhoben sich und wandten sich zum Gehen, während Mrs. Lafitte den Hörer ans Ohr nahm.

Sekunden später war sie bleich wie die Wand.

"Wann ist das geschehen?", fragte sie mit plötzlich brüchig gewordener Stimme. Dann flüsterte sie: "Mein Gott..." Sie legte den Hörer auf und saß wie erstarrt da.

Bount und June waren an der Tür stehen geblieben und hatten sich noch einmal herumgedreht.

"Was ist geschehen?", fragte Bount.

Jennifer Lafitte blickte auf und im ersten Moment schien es, als würde sie durch Bount hindurchblicken. Sie biss sich auf die Lippe und rang um ihre Fassung. Dann flüsterte sie: "Das war der Fahrer meines Mannes... Er sollte ihn von seinem Arzt abholen und für ein paar Tage zu unserem Landhaus in Vermont bringen." Sie stockte und es dauerte etwas, bis sie weitersprechen konnte. Etwas Furchtbares musste geschehen sein. "Mein Mann ist tot!", sagte sie dann. "Auf offener Straße erschossen!" Sie schlug die Hände vor das Gesicht und begann zu schluchzen.

22

Bount wartete ab, bis Jennifer Lafitte sich wieder einigermaßen gefasst hatte. Und das dauerte etwas. "Ich kann es einfach nicht fassen“, murmelte sie immer wieder und schüttelte dabei den Kopf. Sie war ansonsten sicher eine sehr beherrschte Frau, aber jetzt schien sie einem Nervenzusammenbruch nahe zu sein. Bount wollte etwas sagen, aber sie kam ihm zuvor. "Was wird hier eigentlich gespielt, Mister Reiniger?", fragte sie. "Sie scheinen ganz gut informiert zu sein, was meinen Mann angeht."

"Leider nicht gut genug."

"Also?"

"Ich hatte eigentlich gehofft, dass Sie mir weiterhelfen könnten. Aber schön, wie Sie wollen! Steve Tierney, der Detektiv, den Sie engagiert hatten, hat bei seiner Arbeit irgendetwas entdeckt, das nicht für seine Augen und seine Kamera bestimmt war. Es hing vermutlich mit einem seiner letzten Fälle zusammen, warum also nicht mit Ihrem? Tatsache ist, dass Tierney Subway-Karten Richtung Wall Street gesammelt hatte, um sie steuerlich abzusetzen. Und zwar bis kurz vor seinem Tod. Wir haben uns die Liste der Tierney-Klienten vorgenommen und sind dann auf Ihren Mann gekommen."

Jennifer Lafitte atmete tief durch. "Ach, so ist das..."

"Tierney wurde von einem Killer namens Clint Leonard umgebracht, der seinen Auftraggebern jedoch zu heiß wurde und als Leiche im Hudson endete. Aber der Täter hat vermutlich eine Schussverletzung davongetragen. So wie Ihr Mann..."

Sie stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie schien zu überlegen und kämpfte mit sich selbst. Dann hob sie schließlich den Kopf und fixierte Bount mit ihren wachen, intelligenten Augen.

"Ich weiß nicht, worin Greg sich da verstrickt hatte. Wirklich nicht!"

"Verlangen Sie nicht, dass ich das glaube", gab Bount zurück.

"Es ist aber so! Ich habe mich in geschäftliche Dinge nie eingemischt."

"Steve Tierney wird Ihnen sicher einen Bericht geliefert haben. Fotos vielleicht. Irgendetwas. Zeigen Sie mir das und dann glaube ich Ihnen vielleicht."

"Ich habe alles vernichtet."

Bount runzelte die Stirn. "Weshalb?"

Mrs. Lafitte rieb die Hände etwas verlegen aneinander. Es war ihr unangenehm, darüber zu sprechen, aber sie tat es trotzdem. "Tierney fand heraus, dass mein Mann sich mit einer Frau traf, wie ich schon länger befürchtet hatte. Ein Callgirl. Wir hatten unsere Probleme miteinander, ich will das nicht weiter ausbreiten. Aber wir haben uns ausgesprochen und wieder zusammengerauft. Zwanzig gemeinsame Jahre, das verbindet, auch wenn nicht alles so gelaufen ist, wie man sich das am Anfang gedacht hat. Jedenfalls war die Affäre damit für mich erledigt. Und die Fotos brauchte ich nicht mehr."

"Wie war der Name des Callgirls?"

"Ist das wichtig?"

"Alles kann wichtig sein. Ich nehme an, Sie wollen, dass der Mörder Ihres Mannes nicht ungeschoren davonkommt!"

"Abigail Baldwin. Ich habe sogar einmal bei ihr angerufen, aber es meldete sich nur ihr Anrufbeantworter." Sie zuckte die Achseln. "Beruflich nannte sie sich Francoise. An die Adresse kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern!"

"Das ist kein Problem. Hat Tierney nie versucht, Sie oder Ihren Mann zu erpressen?"

"Nein, nicht, dass ich wüsste. Ich habe auch nichts von ihm gehört, nachdem der Auftrag erledigt war."

23

"Was denkst du, Bount?", fragte June, als der Mercedes 500 SL wieder das gusseiserne Tor passierte. Eine dunkle Limousine kam ihnen entgegen. Das musste Lafittes Fahrer sein, der nun ohne seinen Boss zurückkehrte.

"Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll", murmelte Bount.

"Glaubst du, Mrs. Lafitte weiß wirklich nichts?", fragte June in einem Tonfall, der deutlich machte, wie wenig sie an diese Möglichkeit glauben konnte.

Bount zuckte die Achseln.

"Keine Ahnung, was die Lady für ein Spiel spielt. Aber ich wette jetzt, dass wir auf der richtigen Spur sind."

June sah ihn mit ihren großen blauen Augen an. "Warum? Weil Lafitte ermordet wurde? Es muss nicht zwingend ein Zusammenhang, bestehen, Bount!"

"Ich weiß, June."

Die ganze Angelegenheit schien immer verworrener zu werden. Aber irgendwo musste es doch einen Anfang geben, an dem man beginnen konnte, das ganzer Knäuel zu entwirren. Tierney, Leonard, Lafitte...

Ein Detektiv, ein Killer und der Investment-Chef einer großen Bank...

Eine merkwürdige Reihe!, dachte Bount.

Und dann fiel ihm ein, dass er um ein Haar selbst dazugezählt hätte, wenn ihn nicht Instinkt und Geistesgegenwart in letzter Sekunde gerettet hätten. Es musste einen gemeinsamen Nenner geben.

"Vorausgesetzt, wir bewegen uns wirklich im richtigen Milieu", überlegte Bount. "Welcher Schweinerei könnte Tierney da auf die Spur gekommen sein?"

June zuckte die Achseln.

"Da gibt es doch unendlich viel... Designerdrogen zum Beispiel. Es ist doch bekannt, dass die in Wall Street kursieren... Oder einer der hohen Herren ist schwul und jemand hat das herausgefunden und versucht, dieses Wissen zu Geld zu machen."

"Tierney?"

"Warum nicht, Bount?"

"Heute muss man das doch nicht mehr verbergen, June!"

"Konzernbosse sind oft sehr konservativ und denken da nicht so liberal."

Aber Bount schüttelte den Kopf. "Nein, es muss etwas Größeres sein. Etwas, das organisiert betrieben wird. Preisabsprachen zum Beispiel, unerlaubte Kartelle... Steuerhinterziehung in Millionenhöhe oder so etwas. Auf jeden Fall glaube ich, dass wir es mit einer Organisation zu tun haben..."

"Wie wär's mit Insider-Geschäften?", meinte June. "Jedenfalls wäre das erste, was mir bei Wall Street und Kriminalität einfallen würde. Außerdem ist - war - Lafitte Investment-Chef..."

"Wie funktionieren denn diese Insider-Geschäfte?"

"Noch nie davon gehört?", neckte June. "Es handelt sich um illegale Absprachen zwischen Börsenmaklern, Firmenmanagern und Bankern. Ein Firmenmanager könnte durch die Veröffentlichung einer nach unten manipulierten Gewinnerwartung den Aktienkurs einer Firma in den Keller gehen lassen. Die Anleger geraten in Panik und bekommen von der Bank den Rat, möglichst alles zu verkaufen, um den Verlust in Grenzen zu halten, während die in den Deal Eingeweihten genau das Gegenteil tun. Sie kaufen. Wenn der Kurs tief genug gesunken ist, treibt man ihn künstlich nach oben, zum Beispiel durch sogenannte Übernahmegerüchte, und kann dabei einen riesigen Reibach machen. Die anderen Anleger sind die Dummen und müssen die Zeche zahlen."

Bount zuckte die Achseln.

"Ist das nicht das normale Spekulationsrisiko, das man tragen muss?"

"Natürlich, normalerweise schon. Aber wenn die Sache abgekartet ist, ist es etwas anderes. Dann ist es die mehr oder weniger eleganteste Form des Straßenraubs und im übrigen auch illegal."

"Wahrscheinlich aber schwer nachzuweisen?"

"Fast nie."

"Gab es nicht vor kurzem in Japan einen Skandal, bei dem es um diese Dinge ging? Ich habe das nur am Rande registriert!"

"Ganz recht. Und anschließend hat es einen kräftigen Kursrückgang gegeben." Sie lächelte kokett und zeigte dabei ihre strahlend weißen Zähne. "Schön zu wissen, dass es noch Dinge gibt, die der große Privatdetektiv nicht weiß", lachte sie schelmisch.

"Man lernt eben nie aus!"

"Richtig."

Bount blickte kurz zu ihr hinüber. "Wie viel hast du eigentlich angelegt?"

"10.000 Dollar. Mühsam zusammengespart von dem kärglichen Gehalt, das du mir zahlst!"

"Soll das ein diskreter Hinweis sein?"

"Nun, Tatsache ist, dass ich in Wirtschaftsangelegenheiten sicher noch viel versierter wäre, wenn ich ein paar Dollar mehr zum Spielen hätte! Oder meinst du nicht auch?"

"Darüber reden wir besser ein anderes Mal...", meinte Bount.

24

Es war eine Straße der Ruinen. Verlassene Häuser, die zum Abriss freigegeben worden waren, um ein paar Bürotürmen Platz zu machen. Zwei Gebäude hatte es schon erwischt. Von ihnen war nur ein riesiger Schutthaufen geblieben, der noch abgetragen werden musste. Die anderen würden noch folgen und auf einem großen Plakat konnte man sehen, wie sich die Immobiliengesellschaft, der die Grundstücke hier gehörten, das Endergebnis vorstellte.

Bount stellte den 500 SL am Straßenrand ab und blickte auf die Uhr. Der Mann, mit dem er sich treffen wollte, musste jeden Moment eintreffen. Vielleicht wartete er auch schon auf Bount.

Der Detektiv stieg aus und schlug die Wagentür hinter sich zu. Die Dämmerung hatte sich schon grau über die Stadt gelegt. Um diese Zeit war hier keine Menschenseele. Und genau deshalb hatte sein Informant diesen Ort als Treffpunkt vorgeschlagen.

Während Bount sich eine Zigarette anzündete und den Rauch ausstieß, sah er eine streunende Katze von einem Gebäude zum anderen huschen.

Dann hörte Reiniger ein Geräusch und drehte sich herum. Aus einem der baufälligen Häuser trat hochgewachsener, breitschultriger Kerl, der Bount noch um einiges überragte.

Er hieß Tyner.

Seine Haut war so schwarz wie Ebenholz und die Zähne, die er beim Lächeln entblößte, so regelmäßig und weiß, dass es sich eigentlich nur um ein Gebiss handeln konnte. Die Originale hatte man ihm wohl bei irgendeiner Gelegenheit herausgeschlagen. Er war nämlich Leibwächter, Rausschmeißer und Gorilla und hatte schon für verschiedene Unterweltgrößen die Knochen hingehalten. Im Augenblick war er arbeitslos. Seinen letzten Boß, einen puertoricanischen Schutzgelderpresser, hatte die Konkurrenz vor kurzem erschossen.

Tyner kam auf Bount zu und reichte ihm die Hand.

Bount hatte Monate gebraucht, um einen wie ihn als Informanten zu gewinnen. Aber schließlich hatte es geklappt, was damit zusammenhing, dass der Kerl nicht mit Geld umgehen konnte und deshalb immer dringend etwas brauchte.

"Machen wir es kurz, Reiniger", meinte der Schwarze. "Was wollen Sie wissen?"

"Wenn jemand einen Killer braucht, zu wem geht man da im Moment?"

Tyner sah Bount erstaunt an. Dann sagte er: "Sie suchen einen Makler des Todes? Einen, der so etwas vermittelt? Davon gibt es Dutzende." Er grinste. "Ich dachte immer, Sie arbeiten nur mit sauberen Mitteln! Wen wollen Sie denn umbringen?"

Bount verzog das Gesicht. "Ich? Niemanden. Aber ich bin in folgender Lage: Ich habe einen Killer, der aber seinerseits umgelegt wurde und nicht mehr verraten kann, wer ihn beauftragt hat."

Tyner begriff jetzt. "Und Sie wollen den Auftraggeber wissen?"

"Ja. Oder den Vermittler. Ich gehe davon aus, dass es einen gibt. Jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, weil die Auftraggeber vermutlich Leute sind, die ansonsten eine völlig weiße Weste haben... Keine Mafiosi oder Drogenbarone, die sich ihre eigenen Laufburschen halten, sondern Saubermänner, die plötzlich in Bedrängnis geraten sind und einen Todesengel brauchten..."

Tyner nickte.

"Außenseiter also, die sich in der Szene nicht auskennen, aber trotzdem jemanden brauchen, der ihnen auf die Schnelle einen unliebsamen Zeitgenossen aus dem Weg räumt!"

"So ist es", bestätigte Bount. "Der Killer heißt Clint Leonard und ich möchte wissen, wer ihm die Aufträge vermittelte. Vielleicht komme ich so an seine Hintermänner."

"Ich werde mich umhören", sagte Tyner. "Aber versprechen kann ich nichts. Verstehen Sie mich? Und teuer wird es auch! Ich kenne ein paar Leute, die in Frage kämen..."

"Ich brauche diese Information so schnell wie möglich." Bount gab ihm einen Umschlag. Tyner schaute hinein und nickte zufrieden.

"War dieser Leonard schon lange im Geschäft?", fragte er.

"Nein, vermutlich erst seit kurzem."

"Hm...", brummte Tyner. "Ich rufe Sie an, Reiniger!"

"Tun Sie das!"

"Aber Sie müssen mir noch etwas drauflegen. Diese Brüder kennen kein Pardon. Ich gehe ein großes Risiko ein!"

Bount nickte. Das hatte er erwartet. "Sie bekommen noch einmal dasselbe, wenn Sie mir etwas Brauchbares vorweisen können!"

25

Abigail Baldwin alias Francoise bewohnte ein Luxus-Apartment im 14. Stock. Ein Callgirl für gehobene Ansprüche, so schien es zuerst. Bount hatte zunächst bei ihr angerufen, aber es hatte sich lediglich ein automatischer Anrufbeantworter gemeldet.

Jetzt stand er vor ihrer Wohnungstür und klingelte schon zum dritten Mal. Vielleicht war sie nicht zu Hause. Schließlich wurde es Bount zu bunt und er öffnete mit ein paar geübten Handgriffen die Tür.

Die Wohnung war ein ganz gewöhnliches Dutzend-Apartment. Die Möbel waren nichts Besonderes und irgendwie hatte Bount das Gefühl, dass diese vier Wände unbewohnt waren.

Nirgends war etwas Persönliches zu sehen, etwas, das auf Gebrauch hindeutete. Die Schränke waren leer. Bount ging ins Schlafzimmer. Das Bett war sorgfältig gemacht. Keine Bilder an den Wänden, keine Kleider in den Schränken. Dafür eine leichte Staubschicht auf dem Nachttisch. Vielleicht war Abigail Baldwin verreist. Wenn dem so war, dann hatte sie sicher vor, länger wegzubleiben.

Jedenfalls hatte sie ihren Anrufbeantworter eingeschaltet. Fragte sich nur, weshalb, wenn sie doch auf absehbare Zeit ohnehin in dieser Wohnung keine Kunden empfangen würde.

Plötzlich hörte Bount ein Geräusch.

Jemand war an der Tür und hatte offenbar einen Schlüssel. Bount zog die Automatik aus dem Schulterholster und stellte sich neben die Schlafzimmertür. Er wagte einen Blick und sah, wie ein elegant gekleideter Mann eintrat. Bount schätzte ihn auf Mitte dreißig, nicht älter.

Er machte es sich auf der Couch gemütlich und blickte auf die Uhr. Dann stand er wieder auf und ging ins Schlafzimmer. Er lief an Bount vorbei und schien gar nicht auf die Idee zu kommen, dass jemand in der Wohnung sein könnte. Als er sich umdrehte und Bount erblickte, wurde er eine Sekunde lang völlig starr. Er schaute Bount entgeistert an und schien erst eine schnelle Flucht zu erwägen.

Vielleicht war es der Blick auf Bounts Pistole, der ihn davon abhielt.

"Wer sind Sie und was machen Sie hier?", fragte der Mann.

"Dasselbe könnte ich Sie fragen, denn schließlich ist das hier ja wohl kaum Ihre Wohnung!"

Der Mann machte eine verlegene Geste. Bount durchsuchte dann die Taschen seines Gegenübers. Er trug keine Schusswaffe, nur eine Sprühdose mit Reizgas zur Selbstverteidigung. Wenigstens hatte er einen Führerschein. Das Papier war auf den Namen Marcus Hamill ausgestellt.

Bount steckte seine Waffe weg. "Sie warten auf jemanden, nicht wahr?", meinte er. Es kam schon nahe an eine Feststellung heran.

"Auf Sie jedenfalls nicht. Wer sind Sie? Ich habe Sie noch nie gesehen."

"Mein Name ist Reiniger. Bount Reiniger, Privatdetektiv. Aber das wissen Sie sicher längst. Ich habe den leisen Verdacht, dass Sie vielleicht etwas mit einer Reihe von Morden zu tun haben könnten. Mich hätte es auch beinahe erwischt. Sie werden verstehen, dass ich so etwas nicht mag."

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen!", erwiderte Marcus Hamill. Aber es klang nicht sehr überzeugend. Bount hatte das Gefühl, dass Hamill sehr wohl wusste, wovon der Privatdetektiv gesprochen hatte.

Bount grinste. "Wie sieht Francoise aus?", fragte er. "Ist sie blond oder brünett?"

"Ich... Ich weiß nicht, was das jetzt soll..." Er bewegte sich etwas seitwärts, um vielleicht leichter durch die Schlafzimmertür hinaus zu kommen.

Bount packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Wand.

"Francoise alias Abigail Baldwin existiert überhaupt nicht! Sie ist ein Phantom, das nur zur Tarnung für einen Treffpunkt dient... So ist es doch, nicht wahr?"

"Was Sie nicht sagen..."

"Warten Sie auf Lafitte? Der wird nicht kommen. Er ist tot, aber er kannte auch diese Adresse. Und was war mit Tierney? Er kannte sie ebenfalls! Vielleicht musste er deshalb sterben..." Er ließ Hamill los und dieser strich sein Jackett glatt. Ein deutlicher Zug von Empörung stand in Hamills Gesicht. Und vielleicht auch noch etwas anderes.

Angst.

"Sie sind weit vorgestoßen, Reiniger", meinte Hamill. "Tierney war ein Schmalspur-Schnüffler. Ich verstehe, dass er begann, in der Sache herumzubohren, um uns anschließend eine Rechnung zu präsentieren. Wenn man in der Haut eines solchen Mannes steckt, muss man vielleicht so selbstmörderisch sein. Aber Sie, Reiniger! Haben Sie das nötig? Ich habe von Ihnen gehört. Ihre Agentur geht doch recht gut."

"Mir ist Geld in diesem Fall gleichgültig", sagte Bount.

"So etwas hört man heute selten!", gab Hamill mit sarkastischem Unterton zurück. "Aber es ehrt Sie." Er verzog das Gesicht. "Nur kann ich es Ihnen nicht abnehmen."

Bount ging zum Telefon. Er sah dabei zu, dass Hamill keine Gelegenheit bekam, sich davonzumachen.

"Wen wollen Sie anrufen?", fragte Hamill etwas verunsichert.

"Captain Rogers von der Mordkommission."

"Aber..."

"Anstiftung zum Mord ist auch strafbar, Mister Hamill!" Und während er das sagte, wählte Bount ungerührt eine Nummer. Hamill trat herbei und drückte auf die Gabel.

"Sie haben nichts in der Hand!", schrie er." Sie können mir doch keinen Mord anhängen!"

"Nicht nur einen", erwiderte Bount kühl. "Ein Mann namens Clint Leonard hat einen Polizisten getötet und ich könnte mir vorstellen, dass Sie derjenige waren, der diesen Killer engagiert hat! Die City Police wird jedenfalls entzückt sein, wenn ich ihr den Kerl präsentieren kann, auf dessen Gehaltsliste Leonard stand!"

"Ich bin kein Mörder. Und ich bezahle keine Killer, Mister Reiniger!"

"Ach, nein? Steve Tierney wurde beauftragt, Greg Lafitte zu beschatten und ist dabei auf diese Wohnung gestoßen. Wenn ich hier hereingekommen bin, ist Tierney es auch. Und er wird auf denselben Gedanken gekommen sein, wie ich: dass dies kein gewöhnliches Apartment ist! Er brauchte nur auf der Lauer zu liegen und abzuwarten, wer sich hier alles einfindet." Bount machte eine kurze Pause, um den letzten Satz etwas wirken zu lassen. Dann fragte er: "Zu was für einer Art Treffen dient diese Wohnung?"

Hamill zögerte. Schließlich brachte er heraus: "Sehen Sie, ich bin Börsenmakler. Es gibt Geschäftskontakte, von denen nicht unbedingt jeder wissen muss und für solche Fälle..."

"...haben Sie diese Wohnung."

"So ist es."

"Mit wem treffen Sie sich heute?"

"Bedaure..."

"Wir können zusammen auf ihn warten."

"Was versprechen Sie sich davon?"

"Ich kann mir denken, um was für Geschäfte in diesem Raum gegangen ist."

Hamill zeigte die Zähne. "Ach, ja?", knirschte er hervor.

"Ich nehme an, ich brauche Ihnen nicht zu erklären, was ein Insider-Geschäft ist..."

"Haben Sie irgendeinen Beweis?"

"Brauche ich den?" Bount wusste jetzt, dass er richtig lag.

Hamill sah den Privatdetektiv wütend an. Sie wussten beide, dass es gar keines Beweises bedurfte, um den Börsenmakler zu ruinieren. Bount brauchte nur dafür zu sorgen, dass das Gerücht von Insider-Deals die Runde machte und das Ganze mit ein paar Indizien zu würzen. Das würde alles niederpurzeln lassen, selbst wenn es nicht der Wahrheit entsprach. Und auch an Hamill würde etwas kleben bleiben, ganz gleich wie die Beweislage am Ende war. Die Börse lebte von Psychologie und Fantasie. Und genau diese beiden Dinge spielten auch hier die entscheidende Rolle. Es war wie ein Poker-Spiel.

Und Bount entschied sich, den Einsatz noch etwas zu erhöhen.

"Sie glauben, dass das gesamte Beweismaterial vernichtet ist, nicht wahr? Der Inhalt des Bankschließfachs, die Bilder bei dem ermordeten Fotohändler... Aber das ist nicht der Fall."

Hamill wurde unruhig. "Ach, nein?"

"Es gibt noch den Bericht, den Steve Tierney für Mrs. Lafitte angefertigt hat", behauptete Bount einfach. "Sie war so freundlich, ihn mir auszuhändigen. Ihrem Mann kann er ja nicht mehr schaden."

"Das glaube ich nicht!", schnaubte er. "Das kann einfach nicht stimmen! Lafitte hat gesagt, es sei alles vernichtet!"

"Dann hat er gelogen. Oder seine Frau hat Lafitte belogen, wie auch immer. Ich kann beweisen, dass Sie in der Sache drinhängen. Mich interessieren Ihre Insider-Geschäfte nicht. Ich bin hinter jemandem her, der Mordaufträge vergibt."

"Hören Sie, können wir nicht zu einem Deal kommen, Reiniger?" Hamill war völlig fertig. Bounts Taktik war voll aufgegangen. "Lassen Sie mich aus der Sache raus. Ich habe mit den Morden nämlich wirklich nichts zu tun!"

"Dann müssen Sie mir etwas auf den Tisch legen, das ich gebrauchen kann. Sie verstehen mich doch, oder?"

"Unsere Organisation beruht darauf, dass der Einzelne so wenig wie möglich weiß. Mein Job ist es, rund um die Uhr die Börsenkurse zu verfolgen. Ich habe einen Computer neben dem Bett stehen, und der Wecker ist so programmiert, dass er mich weckt, wenn in Hongkong oder Frankfurt was los ist. Heute läuft das Geschäft rund um die Uhr, glauben Sie, ich hätte Zeit, mich um andere Sachen zu kümmern?"

"Wer kümmert sich denn um andere Sachen?"

"Ich weiß es nicht!"

In der nächsten Sekunde war ein Geräusch an der Tür zu hören.

"Gehen Sie hin", flüsterte Bount. "Aber wenn Sie eine Dummheit machen, werde ich behaupten, dass Sie mein Spitzel in der Organisation sind und was das für Sie bedeuten kann, brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen, oder?"

Er nickte und verließ das Schlafzimmer.

Bount wagte einen Blick und sah einen hochgewachsenen, grauhaarigen Mann. Hamill gab sich Mühe, nicht verkrampft zu wirken.

"Hallo Rick, was gibt's?"

"Eine Nachricht von Charley", sagte der Grauhaarige. "Die Pressekonferenz von Microtech International findet schon übermorgen statt."

"Das heißt..."

"Es bleibt alles beim Alten", versicherte der Grauhaarige. "Der einzige Unterschied ist, dass es etwas schneller durchgezogen wird."

"Und warum?"

"Weil Charley es so will. Ich würde nicht viel fragen an deiner Stelle. Bis jetzt ist es doch immer zu unser aller Profit ausgegangen, oder?"

"Stimmt."

Der Grauhaarige, den Hamill Rick genannt hatte, schaute auf die Uhr und meinte dann: "Eigentlich müsste ich schon längst woanders sein. Du weißt jetzt Bescheid."

Er wandte sich zum Gehen und war einen Augenblick später wieder verschwunden. Bount kam aus dem Schlafzimmer heraus.

"Sie haben das gut gemacht", meinte er zu Hamill. "Wer war das?"

"Rick. Mehr weiß ich nicht. Und mehr interessiert mich auch nicht."

"Und Charley?"

"Charley habe ich noch nie gesehen."

"Sie wollen mich wohl für dumm verkaufen, Hamill!"

"Es ist die Wahrheit. Ich bin nie direkt mit ihm zusammengetroffen. Charleys Anweisungen bekomme ich von Rick."

Die Chance, dass Hamill Bount Reiniger für dumm verkaufen wollte, schätzte der Privatdetektiv fünfzig zu fünfzig ein. Er ließ den Börsenmakler erst einmal stehen und rannte hinaus auf den Flur. Hamill konnte er sich immer wieder vorknöpfen, aber der Grauhaarige ging ihm sonst durch die Lappen.

Bount blickte sich um. Von dem Mann war nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte er bereits den Aufzug benutzt. Jedenfalls war einer der Lifte in Betrieb, wie die Leuchtanzeige verriet.

Reiniger hatte keine Lust, auf einen der anderen Aufzüge zu warten. Stattdessen spurtete er die Treppen hinunter. Er hatte eine gute Kondition, aber er war trotzdem froh, als er das Erdgeschoss erreicht hatte. Der grauhaarige Rick war gerade durch die Eingangstür ins Freie getreten. Bount sah, wie er sich mehrfach umdrehte, so als wollte sichergehen, nicht beschattet zu werden. Dann stieg er in einen BMW. Bount merkte sich die Nummer. So schnell wie möglich sah der Privatdetektiv zu, dass er hinter das Steuer seines champagnerfarbenen 500 SL kam. Der BMW fuhr ziemlich forsch. Bount hatte seine Mühe, ihm auf den Fersen zu bleiben.

Es ging kreuz und quer durch die Stadt. Rick schien es vorzuziehen, ein paar Umwege zu machen. Er musste sehr nervös sein. Schließlich führte er Bount zu einer feinen Wohnung in Greenwich Village. Und an der Tür stand auch ein Name. Rick Mariner.

26

Reiniger klingelte an Mariners Wohnungstür. Als dieser öffnete, schien er nicht im Geringsten überrascht zu sein. Vielleicht hatte Hamill ihn vorgewarnt. Ganz auszuschließen war das jedenfalls nicht.

"Was wollen Sie?", fragte Mariner.

"Ich möchte mit ihnen reden", erwiderte Bount.

"Worüber?"

"Über Charley!"

Mariner lachte heiser. "Kommen Sie herein."

Bount folgte ihm in ein völlig überladen wirkendes Wohnzimmer. Hier wollte jemand zeigen, wie viele Antiquitäten er sich leisten konnte - ohne Rücksicht darauf, ob die Sachen auch miteinander harmonierten.

"Sie fragen nicht einmal, wer ich bin", stellte Bount fest.

Auf Mariners Lippen zeigte sich ein verhaltenes Lächeln.

"Warum sollte ich Sie das fragen? Sie sind Bount Reiniger, ein relativ erfolgreicher Schnüffler!"

"Nicht sehr freundlich formuliert!"

"Ich muss Sie ja nicht mögen, oder?"

"Hat Hamill Sie vorgewarnt?"

"Nein. Ich habe mal ein Bild von Ihnen gesehen."

Bount lächelte dünn. "Bei welcher Gelegenheit?"

"Ist doch gleichgültig, oder? Einen Drink, Reiniger?"

"Nein, danke!"

"Sie spielen mit dem Feuer, Reiniger. Ich weiß nicht, ob Ihnen das gut bekommen wird. Woher wissen Sie von Charley?"

"Meine Sache."

Mariner ging zu den Getränken und schenkte sich etwas ein. Bount hörte die Eiswürfel im Glas klirren. "Und was wollen Sie von Charley?"

"Das muss ich ihm schon selbst sagen, Mister Mariner."

"Verstehe. Vielleicht kann ich ihm trotzdem etwas ausrichten."

"Sie sollten wissen, dass ich besser vorgesorgt habe, als der arme Mister Tierney."

Mariner hob die Augenbrauen und zog sie dann etwas befremdet zusammen. Aber das war nichts als Schauspielerei. Er wusste ganz genau, was Bount meinte. "Was Sie nicht sagen, Reiniger", murmelte er und nippte an seinem Glas.

"Selbst wenn mir doch noch etwas zustoßen sollte, wird mein Beweismaterial stechen. Dafür habe ich gesorgt!"

"Was haben Sie denn in der Hand?"

"Das werde ich nur Charley sagen."

Mariners Augen wurden etwas enger. Er beobachtete für einen Augenblick sehr intensiv Bounts Gesichtszüge und sagte dann im staubtrockenen Ton einer Feststellung: "Ich halte Sie für einen Bluffer!"

"Bei Ihren Insider-Geschäften haben Sie das Risiko abgeschafft, Mariner! Aber in diesem Spiel gelten andere Regeln. Wenn Sie unbedingt russisches Roulette spielen wollen, okay. Aber es geht nicht um schwer nachweisbare Wirtschaftsstraftaten, die dann schließlich im Dickicht der Gerichte versanden. Es geht um Morde, Mister Mariner."

"Wir könnten jeden Staatsanwalt kaufen, Reiniger! Besser für Sie, wenn Sie uns das glauben."

Bount zuckte die Achseln. "Ein Privatdetektiv ist sicher billiger!"

"Und wie unverschämt sind Ihre Preisvorstellungen?"

Bount ließ die Frage unbeantwortet. "Wie komme ich mit Charley in Kontakt?", erkundigte er sich stattdessen.

"Sie überhaupt nicht, Reiniger!"

"Ich verhandle nur mit ihm selbst!"

Mariner verzog das Gesicht nahm dann erst einmal einen Schluck. Er musterte Bount mit einem überlegenen Lächeln auf den schmalen Lippen und schüttelte schließlich energisch den Kopf. Dann klingelte das Telefon. Rick Mariner machte ein paar Schritte und nahm den Hörer ab. Er sagte dreimal Ja. Mehr nicht, dann legte er wieder auf. Eine ziemlich einseitige Unterhaltung, dachte Bount.

Aber Mariner schien damit zufrieden zu sein.

"Gehen Sie jetzt, Mister Reiniger. Charley wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen."

Bount nickte. "Bestellen Sie Charley, dass er sich nicht allzuviel Zeit lassen soll!"

Ein ziemlich schiefes und darüber hinaus eiskaltes Lächeln stand nun auf Mariners Lippen. "Keine Sorge, Reiniger! Es wird viel schneller gehen, als Sie denken!"

27

Als Bount gegangen war, klingelte bei Mariner erneut das Telefon. Der Grauhaarige nahm den Apparat in die Rechte und ging zum Fenster, von wo aus er beobachten konnte, wie der Privatdetektiv in seinen Wagen stieg und davonbrauste.

"Hallo?"

"Rick? Hier ist Hamill."

"Sie schon wieder?"

"War Reiniger bei Ihnen?"

"Ja."

"Rick, der Mann meint es ernst. Und er muss auch etwas in der Hand haben! Sag Charley, dass etwas unternommen werden muss! Ich habe keine Ahnung, wie diese Panne zu Stande kommt, aber Reiniger muss wenigstens so lange still halten, bis der Deal zu Ende gebracht ist, den wir gerade laufen haben!"

"Regen Sie sich nicht auf, Hamill! Oder wollen Sie aussteigen?"

"Mir wird die Sache langsam zu heiß!", meine Hamill. "So eine Insider-Sache kann ich vielleicht noch wegstecken, aber ich möchte nicht mit Mordaufträgen in Verbindung gebracht werden!"

Mariner lächelte.

"Hat Reiniger Ihnen ein bisschen Angst gemacht? Ich dachte, jemand wie Sie, der 24 Stunden am Tag den Aktienhandel verfolgt und in Wall Street Summen jongliert, die andere in ihrem ganzen Leben verdienen, hat keine Nerven."

"Rick, ich..."

"Hören Sie zu, Hamill: Machen Sie Ihren Job! Den machen Sie so gut wie kein Zweiter! Aber es wäre besser, wenn Sie sich über den Rest weniger Gedanken machen würden!"

Mariner hörte Hamill durch das Telefon hindurch seufzen.

"Ich fühl mich nicht wohl dabei..."

"Hamill, hören Sie! Soll ich etwa Charley berichten müssen, dass auf Sie kein Verlass mehr ist?"

"Nein. Auf mich ist Verlass!"

"Dann bin ich ja beruhigt."

28

Als June March an diesem Morgen in ihren roten Sportflitzer stieg, um zu Reinigers Agentur in der 7th Avenue zu fahren, war das Wetter scheußlich. Es regnete Bindfäden - und zwar zum ersten Mal seit Wochen. Unterwegs hielt sie kurz an, um sich in einem kleinen Eckladen ein paar Donuts für zwischendurch zu besorgen. Die Tierney-Sache zog immer weitere Kreise und so würde es sicher jede Menge Arbeit geben. Wer konnte schon dafür garantieren, dass die Essenspause dabei nicht auf der Strecke blieb?

June atmete tief durch und schlug sich den Mantelkragen hoch, bevor sie die Tür des Flitzers öffnete und zu einem mittleren Spurt ansetzte. Das Wasser platschte nur so auf sie herab. Ich hätte gar nicht zu duschen brauchen, ging es ihr durch den Kopf. Eine ruinierte Frisur für ein paar Donuts!

Als sie zurückhuschte, sah sie plötzlich einen Schatten vor sich. Sie blickte auf und sah einen Mann, den der Regen nicht zu stören schien, obwohl ihm das Wasser die Baseballmütze hinuntertropfte. Als June in sein Gesicht sah, erschrak sie im ersten Moment. Er sah aus wie Ronald Reagan, der Ex-Präsident. Aber dann entspannte sie sich wieder, als sie in der nächsten Sekunde begriff, dass es eine Maske war, wie man sie zu Tausenden in Scherzartikelläden kaufen konnte.

Sie wollte an dem Mann vorbei, um in ihren Flitzer zu kommen, aber Ronald Reagan ließ das nicht zu und packte sie plötzlich roh am Arm.

Die Tür eines am Straßenrand parkenden Buicks ging auf und June wurde hineingestoßen. Sie versuchte, sich zu wehren, aber der Kerl mit der Reagan-Maske hatte einen eisernen Griff.

Er setzte sich neben sie und hatte dann plötzlich eine Pistole in der Hand, deren Lauf genau auf Junes Kopf gerichtet war.

"Schön ruhig, Lady", zischte er.

Am Steuer saß ein zweiter Mann, der ebenfalls maskiert war. Als Frankenstein-Monster. Er riss das Steuer herum und fädelte auf ziemlich gewagte Art und Weise in den Verkehr ein. Jemand hupte empört und der Fahrer eines überholenden Lieferwagens gestikulierte wild mit den Armen.

"Was wollen Sie?", fragte June, die inzwischen begriffen hatte, dass das Ganze eine abgekartete Sache sein musste. Sie erinnerte sich daran, den Buick schon ein paar Meilen zuvor an einer Ampel hinter sich im Rückspiegel gesehen zu haben.

Sie blickte in das fratzenhafte Plastikgesicht der Reagan-Maske.

"Wenn du schön brav bist, Lady, dann geht die Sache gut für dich aus, klar?"

29

Bount Reiniger blickte hinaus aus dem Fenster in die grauen Wolken über dem Central Park. Seine tägliche Jogging-Runde hatte er in Anbetracht des scheußlichen Wetters ausfallen lassen und stattdessen ein Telefonat mit Toby Rogers geführt, um zu erfahren, ob es etwas Neues im Mordfall Lafitte gab.

Aber das war nicht der Fall. Die Ermittlungen waren noch immer auf demselben Stand.

Inzwischen wunderte sich der Privatdetektiv zunehmend über seine Mitarbeiterin June. Unpünktlichkeit zählte nicht zu ihren Fehlern und jetzt war sie schon fast eine Stunde überfällig. Auf den Verkehr war das nicht mehr zu schieben. Es musste etwas Ernstes passiert sein.

Reiniger versuchte, sie telefonisch zu erreichen. Vergeblich.

Dann kam der Anruf.

"Reiniger?"

Es war eine sonore Männerstimme. Aber sie klang irgendwie verfremdet.

"Wer sind Sie?", fragte der Detektiv misstrauisch.

"Das tut nichts zur Sache."

"Sind Sie Charley?"

Es folgte eine kurze Pause. Der Sprecher schien es vorziehen, sich dazu nicht zu äußern.

"Ich weiß, dass Sie an Ihrer Assistentin hängen, Mister Reiniger. Sie werden nichts tun, was ihr Leben aufs Spiel setzt, nicht wahr? Wir haben Miss March in unserer Gewalt und werden sie töten, wenn Sie nicht tun, was ich Ihnen jetzt sage..."

"Beweisen Sie mir erst, dass Sie die Wahrheit sagen!"

"Wie Sie wollen..."

Eine Sekunde später hörte Bount die Stimme von June. "Bount, ich bin hier..." Mehr konnte sie nicht sagen. Sie wurde abgewürgt und dann war wieder die Männerstimme zu hören.

"Lassen Sie die Finger von der Sache, in der Sie gerade herumwühlen!"

Bount stellte sich dumm.

"Wovon reden Sie?"

"Sie verstehen mich sehr gut, Reiniger! Und das Sie die Polizei aus dem Spiel lassen sollen, dürfte wohl selbstverständlich sein."

"Wie es aussieht, bestimmen Sie die Regeln!", zischte Bount nicht gerade erfreut darüber. Aber es war nun einmal eine Tatsache. Sie zu leugnen hätte alles nur komplizierter gemacht.

"Sehr gut, dass Sie das akzeptieren."

"Warum schicken Sie mir nicht einfach einen Ihrer Killer vorbei? An Geld mangelt es Ihnen doch sicher nicht. Da werden Sie sich doch einen Spitzenmann leisten können."

"Vielleicht kommt es uns preiswerter und macht weniger Aufsehen, wenn wir uns mit Ihnen anders einigen."

Vielleicht war es einfach so, dass einigen Mitgliedern der Organisation die Sache langsam zu heiß wurde. Es waren schließlich neben Tierney auch noch ein Detective und ein Ladenbesitzer umgekommen. Dazu noch Greg Lafitte, der ja wohl ebenfalls zu Charleys Leuten zu zählen war.

Bount verzog das Gesicht. "Vorausgesetzt, ich bin nicht so unverschämt wie Tierney, nicht wahr?"

"Das haben Sie gesagt, Reiniger. Kommen Sie heute Abend um acht in Harper's Bar. Ich will wissen, was Sie an angeblichen Beweisen vorliegen haben. Und dann sprechen wir über den Preis."

"Und Miss March?"

"...verbessert meine Verhandlungsbasis, Mister Reiniger!"

Auf der anderen Seite machte es 'klick!'

Das Gespräch war zu Ende und Bount fragte sich, was so merkwürdig an dieser Stimme klang. Er hatte sie ganz sicher noch nie gehört. Mariner war es nicht, auch Hamill nicht.

Bount hatte die letzten zwei Drittel des Gesprächs aufgezeichnet. Vielleicht konnte man damit etwas anfangen. Bount nahm die Kassette heraus und steckte sie in ein Kuvert. Dazu kamen ein paar Zeilen an seinen Freund Toby Rogers und Briefmarken. Bount machte das Ganze als Eilsendung frei. Bei nächster Gelegenheit würde es in den Kasten kommen.

Leichter wäre es gewesen, Rogers das Tonband einfach vorbeizubringen, aber das Risiko wollte Bount nicht eingehen. Möglich, dass er beschattet wurde, sobald er die Agentur verließ.

Bount wollte sich schon aufmachen, da ging erneut das Telefon.

Es war ein Mann, der sich nicht mit Namen meldete. Aber Reiniger erkannte die Stimme dennoch sofort. Es war Tyner.

"Es ist nur ein Gerücht", sagte der Mann auf der anderen Seite der Leitung. Am Hintergrundgeräusch war zu hören, dass das Gespräch aus einer Telefonzelle geführt wurde.

Bount hob die Augenbrauen. "Und?"

"Clint Leonard soll zuletzt sehr häufig bei Sean Smith gesehen worden sein..."

Tyner legte auf.

Sean Smith, überlegte Bount. Das war ein Buchmacher. Einer, von dem bekannt war, dass er nicht übermäßig zimperlich war, wenn er seine Schulden eintrieb. Aber wenn Tyner ihn mit Clint Leonard in Verbindung brachte, dann vermittelte der vielleicht nicht nur Wetten. Die Sitte hatte Smith schon lange im Verdacht, seinen Wettladen nur zur Tarnung für irgendetwas anders zu betreiben.

Warum nicht zur Vermittlung von Killern?

Bount ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Heute Abend musste er in Harper's Bar sein. Bount hatte die andere Seite geblufft, so dass sie ihn im Augenblick noch fürchtete. Aber wenn er Farbe bekennen und die Karten auf den Tisch legen musste, dann war es vielleicht gar nicht schlecht, etwas mehr über diejenigen zu wissen, die hinter allem steckten.

Über Charley zum Beispiel.

30

Sean Smith hatte sein Büro im Souterrain eines mehrstöckigen Gebäudes, dessen Fassade dringend einen Anstrich hätte vertragen können. Im Erdgeschoss befand sich ein Fitness-Studio, das ebenfalls Smith gehörte.

Smith war ein kleiner, hagerer Mann in grauer Strickjacke und mit übergroßen Tränensäcken. Nichts an seinem äußeren Erscheinungsbild deutete darauf hin, dass es ihm nichts ausmachte, jemanden ohne mit der Wimper zu zucken krankenhausreif schlagen zu lassen.

Als Bount Smiths Büro betrat, war nur der Leibwächter dort, ein baumlanger Blondschopf, der offenbar fleißig im nahen Fitness-Studio trainiert hatte. Jedenfalls sah er aus, als könnte er jederzeit auch bei Bodybuilding-Meisterschaft mitkonkurrieren.

Um diese Zeit war noch nichts los bei Smith. Aber das war für Bount vielleicht auch besser so.

"Tag, Mister. Worauf wollen Sie Ihre Dollars setzen? Vielleicht auf einen Stanley-Cup Gewinn der New Jersey Devils?"

Bount winkte ab.

"Ich möchte mit Ihnen unter vier Augen reden, Smith."

Smith runzelte die Stirn, während Bount merkte, wie sich die Muskeln des Leibwächters leicht anspannten. Dem Buchmacher gefiel die Idee nicht. Also sagte er: "Billy ist immer dabei. Ich habe keine Geheimnisse vor ihm..."

Bount zuckte die Achseln.

"Aber ich."

"Sagen Sie, worum es geht oder verschwinden Sie. Wer sind Sie überhaupt?"

Bount zögerte mit der Antwort. Wenn er sagte, dass er Bount Reiniger und Privatdetektiv war, dann würde Smith auf einmal keinen Mund mehr haben. "Das tut nichts zur Sache", wich er daher aus.

Was dann geschah, ging blitzschnell.

Billy, der Leibwächter, schnellte nach vorn und packte Bount am Kragen. Der Privatdetektiv wurde roh gegen die Wand gedrückt. Auf dem Gesicht des Blondschopfs stand ein hässliches Grinsen, während er durch Bounts Taschen fingerte.

Aber dieses Grinsen gefror zu Eis und wurde dann zu einer Maske des Erschreckens, als Bount den Kerl blitzschnell packte und aushebelte. Billy landete der Länge nach hingestreckt auf dem Boden. Eine volle Sekunde brauchte er, dann war er wieder auf den Beinen.

Der Blondschopf griff unter das Jackett, wo er vermutlich seine Waffe hatte. Er zog sie annähernd zu Hälfte heraus, aber Bount reagierte blitzschnell. Bount kam mit der Rechten vor und hieb sie Billy direkt unter das Kinn, während die Linke in den Magen vorschnellte. Der Bodybuilder sank ächzend zusammen und klatschte dann schwer auf den Boden.

Bount verzichtete darauf, seinem Gegner die Kanone abzunehmen. Der Kerl würde eine ganze Weile ohne Bewusstsein bleiben. Zeit genug also für eine kleine Unterhaltung mit Smith.

Aber der Buchmacher schien davon überhaupt nicht begeistert zu sein. Er hatte so schnell er konnte in die Schublade seines Schreibtisches gegriffen und eine Beretta herausgerissen, deren Lauf jetzt auf Bount Reinigers Gesicht zeigte.

"Wenn Sie nur eine falsche Bewegung machen, Mister, dann sind Sie ein toter Mann!", zischte Smith. Aber der Umgang mit Waffen war nicht sein Ding. Er hielt die Beretta ziemlich unsicher. Trotzdem - auf diese Entfernung war es einfach zu gefährlich für Bount, etwas zu versuchen.

Bount nahm die Hände hoch.

"Nehmen Sie das Ding da besser weg, Smith. Sonst passiert am Ende noch ein Unglück!"

"Das haben Sie dann zu verantworten!"

"Hören Sie, Sie sind vielleicht einer, der Mörder vermittelt, aber selbst abzudrücken, da ist doch das Risiko viel zu hoch."

Smith runzelte die Stirn und verlor den letzten Rest von Gesichtsfarbe. Bount schien da etwas getroffen zu haben. Er kam etwas näher an den Schreibtisch heran.

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen", meinte Smith wenig überzeugend.

"Natürlich wissen Sie von nichts", erwiderte Bount ironisch. "Genau wie ein Heiratsvermittler in der Regel auch nicht weiß, dass es Männer und Frauen gibt, so wissen Sie nicht, was ein Killer, was?"

"Haben Sie eine Waffe?"

"Im Schulterholster."

"Dann legen Sie sie hier auf den Tisch. Und zwar ganz vorsichtig, wenn ich bitten darf!"

Bount gehorchte. Und er war ganz vorsichtig.

"Zufrieden?", fragte er dann.

"Und jetzt wieder zwei Schritte zurücktreten!"

Als Bount das getan hatte, entspannte sich Smiths Körperhaltung wieder ein wenig.

"Was haben Sie jetzt vor?", fragte Bount.

"Wer sind Sie? Ein Bulle? Sie haben irgendwie das Auftreten, das dazu paßt!"

Jetzt hatte es keinen Zweck mehr, Katz und Maus zu spielen. Nicht im Angesicht einer Beretta. Und so sagte Bount: "Greifen Sie in meine rechte Jackettinnentasche."

"Was soll da sein?"

"Mein Ausweis als Privatdetektiv."

Sean Smith zögerte eine Sekunde. Dann ging er auf Bounts Vorschlag ein und versuchte, ihm in die Tasche zu greifen. Für den Bruchteil eines Augenblicks passte er dabei nicht auf. Bount riss ihm den Arm mit der Beretta schmerzhaft herum und schlug ihm die Waffe aus der Hand. Sie polterte geräuschvoll auf den Boden, während Bount den Buchmacher zur Hälfte über den Tisch zog.

Smith befand sich in einer ziemlich unangenehmen Lage und ächzte. "Was wollen Sie?"

"Sie kennen Clint Leonard!"

"Der ist tot. Und Tote soll man ruhen lassen!"

"Aber er hat für Sie gearbeitet."

"Nein, das ist falsch."

"Ich habe es aus zuverlässiger Quelle - einer Quelle, der ich auf jeden Fall mehr Glauben schenke, als Ihnen, Smith!"

Bount ließ den Buchmacher los und dieser rutschte daraufhin auf der anderen Seite des Schreibtischs herunter. Als er wieder auf den Beinen stand sah er Bount ziemlich böse an. "Sie können mir nichts beweisen, Schnüffler! Ich mache Leute miteinander bekannt und das ist ja nicht strafbar."

"Wenn der eine ein Killer und der andere sein Auftraggeber ist, schon", gab Bount den Ball zurück.

Smith zuckte mit den Schultern. "Davon weiß ich nichts und Sie können nicht das Gegenteil beweisen."

Bount wusste, dass sein Gegenüber da leider recht hatte.

Trotzdem ließ er nicht locker. "Wer war der letzte, den Sie mit Clint Leonard bekannt gemacht haben?"

"Ich sage kein Wort."

"Warum? Vor wem haben Sie Angst? Leonard kann Sie nicht mehr umlegen, wenn sie ihn jetzt verraten. Aber ich kann Ihnen eine Menge Schwierigkeiten machen, wenn ich nicht eine vernünftige Antwort bekomme..."

Smith hatte den Blick eines in die Enge getriebenen Tieres.

"Was meinen Sie damit?"

"Meine Beziehungen zur Polizei sind ausgezeichnet, Smith. Ich habe einige Freunde dort, von denen ich weiß, dass sie Ihnen lieber früher als später das Handwerk legen würden. Möchten Sie, dass die Ihnen die Türen einrennen? Was glauben Sie, was das für einen guten Eindruck auf Ihre Kundschaft macht." Bount zuckte die Achseln. "Vielleicht kann ich sogar arrangieren, dass man bei Ihnen mal eine Steuerprüfung durchzieht. Wäre vielleicht ganz ergiebig!"

Jetzt besann sich Smith.

"Okay", meinte er. "Ich habe Clint Leonard mit jemandem bekannt gemacht."

"Ein Name, Smith!"

"Ich kenne ihren Namen nicht. Sie hatte eine Sonnenbrille auf und so konnte ich auch kaum etwas von ihrem Gesicht sehen. Und es interessierte mich auch nicht."

"Sie?", echote Bount.

"Ja", sagte Smith. "Eine Frau. Das war nun wirklich eindeutig."

"Haben Sie dieser Frau noch eine zweite Bekanntschaft vermittelt, nachdem Leonard tot war?"

Smith schwieg.

Bount umrundete den Schreibtisch, wobei er seine Automatik einsteckte und Smiths Beretta vom Boden aufhob. Er richtete die Pistole auf Smith, der sich in die hinterste Ecke des Büros zurückzog, und dabei unabsichtlich eine Vase vom Regal fegte.

Bount lud die Waffe durch.

"Machen Sie keine Dummheiten!", stöhnte Smith.

"Tut mir leid, ich bin sonst nicht für solche Methoden. Aber meine Mitarbeiterin ist in den Händen dieser Leute. Und wenn ich nicht bald Namen höre, dann werde ich Sie persönlich für das verantwortlich machen, was noch geschieht!"

Bount drückte ihm die eigene Beretta an die Schläfe.

"Wenn Sie schießen, wird man das oben im Fitnesscenter hören", meinte Smith ziemlich schwach.

"Ja, und es wird keiner von den Kraftprotzen wagen, hier herunter zu kommen. Auf mich wird kein Verdacht fallen. Es gibt mindestens zwei Dutzend Leute, die Sie gerne tot sehen würden."

Er schluckte.

Dann sagte er: "Es sind zwei. Mike Gonzales und John Frederick. Beide sind von auswärts. Sie wollte das so."

"Wie komme ich an die beiden heran?"

"Über eine Telefonnummer. Ich schreibe Sie Ihnen auf."

Bount nahm die Beretta weg und meinte: "Wenn Sie gelogen haben, mache ich Sie fertig. Und das dasselbe gilt, falls es Ihnen einfallen sollte, jemanden zu warnen."

Smith nickte. "In Ordnung."

Indessen bewegte sich der k.o. geschlagene Leibwächter wieder ein bisschen. Als Bount den Buchmacher verließ, stieg er über den kräftig gebauten Mann hinüber und meinte dabei zu Smith: "Ihr Bodyguard taugt nicht viel. Wenn Sie Ihre schmutzigen Geschäfte noch eine Weile überleben wollen, sollten Sie jemanden engagieren, der nicht so leicht auszuknocken ist!"

31

Bount Reiniger wählte vom Wagen aus die Nummer, die Smith ihm gegeben hatte. Es meldete sich eine Pension.

Bount trat auf das Gaspedal, um möglichst schnell dorthin zu gelangen.

Vielleicht war dies eine Spur, die direkt zu June führte. Bount hoffte es zumindest, denn er hatte das dumpfe Gefühl, dass die Verabredung in Harper's Bar heute Abend um acht nur dazu dienen sollte, ihn aufs Glatteis zu führen und auf irgendeine Art und Weise auszuschalten, sobald die andere Seite einigermaßen abgeschätzt hatte, ob ein toter oder ein lebender Privatdetektiv ihr gefährlicher werden konnte.

Die Pension war keine vornehme, dafür aber eine unauffällige Adresse in der Lower East Side.

Der Portier war so fett, dass er wahrscheinlich für alle Tätigkeiten, die nicht im Sitzen ausgeführt werden konnten, ohnehin ungeeignet gewesen wäre.

Er saß hinter dem Tresen und las in den Kontaktanzeigen eines Sex-Magazins, als Bount zu ihm herantrat.

"Welche Nummern haben Gonzales und Frederick?", fragte Bount.

Er blickte auf und musterte Bount kritisch.

"Ich bin kein Auskunftsbüro", verkündete er dann ziemlich mürrisch. "Wenn Sie ein Zimmer wollen, tragen Sie sich ein, ansonsten verschwinden Sie besser."

Bount scherte sich nicht weiter um den Dicken, sondern langte dreist nach dem Gästebuch. Der Portier versuchte, es Bount wieder abzunehmen, aber das Ganze ging einfach zu schnell für ihn.

So langte der Dicke zum Telefon.

Bount zog ihm kurzerhand die Schnur aus der Wand.

"Lassen Sie das schön bleiben. Sie handeln sich nur Ärger ein!"

Der Portier schaute ziemlich verdutzt drein. Sein Mund stand weit offen, so als hätte er beim letzten Atemzug einfach vergessen, ihn wieder zu schließen.

Einen Augenblick später hatte Bount die Eintragungen von Frederick und Gonzales gefunden. Sie wohnten in Nummer 13 und 14. Ein Blick zur Schlüsselwand ließ vermuten, dass die beiden nicht hier waren.

Bount zog dennoch seine Automatik und lud sie durch.

"Sind Sie ein Bulle?", fragte der Mann hinter dem Tresen.

"Die Schlüssel!", wies ihn Bount an, ohne darauf einzugehen und streckte dabei die Linke aus.

Der Portier gehorchte und Bount lief mit großen, raumgreifenden Schritten die Treppe hinauf. Wenig später stand er vor Nummer 13. Er horchte kurz. Es schien niemand im Raum zu sein und so steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn vorsichtig herum.

Trotz allem war Bount auf der Hut, als er das Zimmer betrat. Aber schon nach wenigen Sekunden ließ er die Automatik sinken. Es bestand keinerlei Gefahr.

Im Schnellgang durchsuchte Bount den Raum nach persönlichen Gegenständen. Vielleicht war ja etwas dabei, das ihn weiterbringen konnte. Bount hoffte es jedenfalls.

Er fand einen Koffer mit Kleidung.

Bount wühlte ein bisschen darin herum, aber ohne Ergebnis. Der Schrank war leer und selbst im Papierkorb war nichts, das dem Privatdetektiv bedeutsam erschien. Bount hielt sich nicht länger auf und nahm sich noch die Hummer 14 vor.

Bount fand ein paar Zeitungen, eine Illustrierte und einen Stadtplan von New York City. Bount faltete den Stadtplan auseinander. Eine Stelle war ganz zart mit Bleistift markiert.

32

Das zu Eis erstarrte Lächeln der Ronald-Reagan-Maske ließ June March unwillkürlich frösteln.

Sie wusste nicht, wo sie war.

Während der Fahrt waren ihr die Augen verbunden worden und dann hatte sie sich irgendwann in diesem halbdunklen, kahlen Raum wiedergefunden. Sie schätzte, dass dieser Raum zu ebener Erde lag. Jedenfalls waren die beiden Maskierten mit ihr weder eine Treppe hinaufgegangen noch in einen Aufzug gestiegen.

June saß in einer Ecke auf dem Boden, Hände und Füße waren mit Klebestreifen so wirkungsvoll gefesselt, dass sie sich kaum rühren konnte.

"Was haben Sie mit mir vor?", fragte sie den Mann mit der Reagan-Maske, der sie jetzt schon eine ganze Weile lang musterte.

Aber die Reagan-Maske gab keine Antwort.

Stattdessen meldete sich Frankensteins Monster, das am Fenster stand und hinausblickte. June konnte nicht sehen, was dort war.

"Seien Sie einfach still!", sagte Frankensteins Monster, ohne sich dabei umzudrehen. "Je weniger Sie wissen, desto besser für Sie und uns!"

"Worauf haben Sie es abgesehen? Auf meinen Boss?"

Frankensteins Monster drehte sich jetzt abrupt herum, trat mit ein paar schnellen Schritten an June heran und packte mit der Linken ziemlich grob ihren Unterkiefer.

"Dein Gerede geht mir auf die Nerven, Lady!"

Einen Augenblick später war auch ihr Mund mit Klebeband bepflastert.

"Warum so nervös?", kam es unter der Reagan-Maske hervor. "Es ist alles prima gelaufen. Ein einfacher Job, ohne Komplikationen und Schnörkel."

Frankensteins Monster machte eine wegwerfende Geste. Dann ein kurzer Blick auf die Uhr. "Die andere Sache steht noch aus", meinte er.

"Warum so eilig?", dröhnte es dumpf unter der Reagan-Maske hervor.

"Willst du, dass der Kleine schon von der Schule zurück ist und zusieht?"

"Nein."

"Na, also!"

"Meinst du, wir können die Lady hier sich selbst überlassen?"

Der Kerl mit der Monster-Maske schüttelte energisch den Kopf. Er schien derjenige von beiden zu sein, der das Sagen hatte. "Nein", meinte er mürrisch. "Nicht nötig. Ich kann das allein erledigen..."

33

Bount hielt den champagnerfarbenen 500 SL an und überlegte, worauf sich die Markierung auf dem Stadtplan wohl beziehen mochte. Er ließ den Blick an der linken Häuserfront entlang gleiten und blieb bei einem aufgegebenen Geschäft hängen, dessen Schaufenster vernagelt waren.

Die Leuchtreklamen waren abmontiert worden und es gab nichts, was einem noch verraten konnte, was hier einmal verkauft worden war. Jetzt wurde das Gebäude selbst zum Verkauf angeboten und schien seinerseits ein Ladenhüter zu sein. Das Schild mit der Aufschrift 'FOR SALE' war jedenfalls in einem Zustand, der darauf hinwies, dass es nicht erst gestern angebracht worden war.

Vielleicht ist June hier!, dachte Bount und stieg aus. Ein verlassenes Gebäude wie dieses war wie geschaffen dafür, eine Entführte zu verbergen, zumal auch in der unmittelbaren Nachbarschaft einige Wohnungen leer standen. Bount ging über die Straße und versuchte zwischen den Brettern hindurchzublicken, mit denen alles vernagelt war. Nichts zu sehen. Nur Dunkelheit.

Zwischen dem Geschäft und dem Nachbarhaus führte eine Durchfahrt in einen Hinterhof, in dem ein Wagen geparkt war. So ähnlich hatte Bount sich das gedacht. Es war also jemand hier.

Dann hörte der Privatdetektiv plötzlich ein Geräusch.

Es waren Schritte, die aus einem auf der anderen Seite des Hinterhofs gelegenen Gebäude kamen, das früher wahrscheinlich als eine Art Lager gedient hatte. Bount drückte sich seitlich in eine Nische, die zu einer zugemauerten Tür gehörte.

Er sah einen Mann ins Freie treten, der sich eine Frankenstein-Maske vom Kopf riss und darunter ziemlich zu schwitzen schien. Der Mann stieg in den Wagen, warf die Maske auf den Rücksitz und brauste dann einen Augenblick später an Reiniger vorbei.

Bount glaubte nicht, dass der Kerl ihn gesehen hatte. Der Privatdetektiv schlich an der Wand entlang. Die dem Innenhof zugewandten Fenster des Lagerhauses waren zwar verbarrikadiert, aber sicher war eben sicher. Bount konnte ja nicht wissen, wo eventuell jemand auf Beobachtungsposten stand.

Bevor er die Tür passierte, zog er die Automatik aus dem Schulterholster und entsicherte sie. Er versuchte so wenig Krach wie möglich zu machen, aber die Scharniere waren wohl schon eine Ewigkeit lang nicht mehr geölt worden und knarrten daher etwas.

Bount kam in einen großen, kahlen Raum. An den Seiten waren Glasbausteine in den Wänden, durch die etwas Licht fiel.

Auf der anderen Seite war eine Tür, die wahrscheinlich in einen weiteren, ähnlichen Raum führte.

Es war zur einen Hälfte ein kaum hörbares Geräusch, das Bount warnte. Zur anderen Hälfte vielleicht Instinkt. Jedenfalls sprang plötzlich die Tür auf. Alles Weitere ging blitzschnell.

Bount sah eine maskierte Gestalt hervorspringen und eine Waffe heben. Ein Mündungsblitz zuckte. Das Schussgeräusch hörte sich in diesem kahlen Lagerraum wie ein Donnergrollen an und hallte mehrfach wider.

Ein zweiter Schuss folgte unmittelbar danach, während Bount sich längst zur Seite fallengelassen hatte. Der Privatdetektiv rollte sich am Boden herum, während dicht neben ihm ein Projektil in den Betonboden schlug und als tückischer Querschläger weitergeschickt wurde.

Dann riß Bount seine Waffe hoch und drückte ab, bevor sein Gegenüber zum drittenmal feuern konnte. Der Maskierte bekam Bounts Kugel ins linke Bein. Der Schrei, der daraufhin unter der Reagan-Maske hervordröhnte, schien je zur Hälfte aus Schmerz und Wut geboren zu sein.

"Waffe weg!", rief Bount, aber der Maskierte dachte keine Sekunde daran aufzugeben. Er lehnte mit dem Rücken am Türpfosten und richtete erneut seine Waffe auf Bount.

Der Kerl mit der Reagan-Maske ließ Bount keine andere Wahl. Bevor der Maskierte seinen Schuss abgeben konnte, hatte Bount bereits abgedrückt. Der Kerl rutschte getroffen am Türrahmen zu Boden. Er versuchte verzweifelt, seine Waffe in Anschlag zu bringen, aber das klappte nicht mehr.

Einen Sekundenbruchteil saß er regungslos da, während sein Blut auf den kalten Betonboden sickerte.

Bount rappelte sich auf und trat an ihn heran. Der Kerl war tot, da gab es keinen Zweifel. Als der Privatdetektiv dann in der Tür stand, sah er ein zusammengeschnürtes, blauäugiges Bündel in einer Ecke liegen.

"June!"

34

"Es waren zwei!", sprudelte es aus June heraus, als Bount ihr das Klebeband herunterzog, das ihr den Mund verschlossen hatte. Geschwind glitten Bounts Hände weiter und befreiten June von ihren Fesseln.

"Und wo ist Nummer zwei?"

"Das ist es ja eben, Bount! Ich vermute bei Karen Tierney!"

Bount erstarrte mitten in der Bewegung.

"Wie kommst du darauf?"

"Es war einem Jungen die Rede, der noch in der Schule sei und das Ganze nicht mitkriegen sollte..."

"Wie rücksichtsvoll!", meinte Bount ironisch.

Indessen rieb June sich die Hände. "Da glaubt jemand, sich nicht mehr auf Karen Tierneys Schweigen verlassen zu können!"

Bounts Blick auf einen Stuhl, auf dem ein Handy lag, dazu eine Apparatur, um die Stimme zu verändern.

"Von hier aus haben sie mich heute Morgen in der Agentur angerufen, nehme ich an", murmelte Bount. "Zwei Männer, sagst du?"

"Ja. Da bin ich trotz der Masken sicher. Schon wegen der Stimmen..."

"War noch jemand hier? Jemand, der sich Charley nennt und die Fäden zu ziehen scheint. Ich hatte ihn an der Strippe - und du bist doch dabei gewesen, June!"

"Das war der andere. Er trug eine Frankenstein-Maske."

Bount nickte. "Ich habe ihn davonfahren sehen... Aber das ist nicht Charley. Charley ist wahrscheinlich eine Frau..."

"Das musst du mir erklären!"

"Später..."

Bount nahm das Handy und wählte Karen Tierneys Nummer. Es dauerte ziemlich lange, bis sie abnahm. Aber schließlich meldete sie sich doch und Bount atmete innerlich auf. Der Kerl mit der Frankenstein-Maske war also noch nicht bei ihr.

Karen schien unter starker Anspannung zu stehen und mit den Nerven ziemlich am Ende. Und sie versuchte sofort, den Privatdetektiv abzuwimmeln. "Mister Reiniger, ich habe Ihnen doch gesagt, dass..."

"Hören Sie mir gut zu", unterbrach Bount sie abrupt und hoffte, dass sie nicht einfach sofort auflegte. "Sie sind in großer Gefahr. Ein Mann ist zu Ihnen unterwegs, der wahrscheinlich den Auftrag hat, Sie umzubringen." Sie sagte gar nichts und das hielt Bount für ein gutes Zeichen. Vielleicht glaubte Sie ihm ja. "Wenn jemand an ihrer Tür klingelt, machen Sie nicht auf!"

"Okay..."

"Wissen Sie einen Ort, an dem sie sich für die nächste halbe Stunde verstecken können? Nachbarn vielleicht..."

"Wir hatten nie viel Kontakt zu den Nachbarn und außerdem..."

"Versuchen Sie es, Karen! Sie werden Ihnen schon helfen! Sie haben keine andere Chance!"

"Oh, mein Gott!", hörte er Karen Tierneys Stimme ihn plötzlich unterbrechen.

"Was ist los?"

"An der Tür ist jemand."

Ein undefinierbares Geräusch drang durch die Leitung und dann schien Karen Tierney aufgelegt zu haben.

35

Bount fuhr wie der Teufel und bedauerte, nicht in einem Streifenwagen zu sitzen und sich den Weg durch das Verkehrsgewühl mit Blaulicht und Sirene bahnen zu können.

Indessen betätigte June das Autotelefon, um Captain Rogers zu alarmieren. Als das geschehen war, berichtete Bount ihr in knappen Sätzen, was er inzwischen herausgefunden hatte.

"Hast du schon eine Idee, wer es ist, der da die Fäden aus dem Hintergrund zieht?", fragte Reinigers Assistentin dann.

"Um das herauszufinden, habe das Gespräch heute Morgen aufgenommen und an Toby geschickt. Die Stimme war zwar verfremdet, aber kriminaltechnisch ließe sich vielleicht doch etwas machen... Leider ist dieser mysteriöse Charley auf Nummer hundertprozentig sicher gegangen!"

"Du sprachst von einer Frau..."

"Clint Leonard und die Kerle, die dich eingefangen haben wurden von einer Frau engagiert."

"Das ist alles?"

"Leider ja. Wer immer sich auch hinter dem Namen Charley verbergen mag, er - oder sie - hat alles so arrangiert, dass es möglichst keine Spuren gibt, die zum Kopf der Gruppe führen, mit der wir es hier zu tun haben!"

Als der 500 SL etwas später in der Nähe von Karen Tierneys Wohnung hielt, ahnte Bount, dass er vielleicht zu spät gekommen war.

"Da vorne ist sein Wagen!", sagte er an June gewandt, während er ausstieg.

"Die Polizei muss jeden Moment kommen!", erwiderte June.

Bount nickte. "Bleib hier und sorg dafür, dass sie gleich dahin kommen, wo sie gebraucht werden!" Bount nahm seine Automatik aus dem Schulterholster und bewegte sich mit schnellen Schritten vorwärts. Der Killer konnte noch in der Wohnung sein. Jedenfalls war Bount auf der Hut, nicht in das Schussfeld zu geraten. Vorsichtig hatte Bount sich schließlich bis zur Tür vorgearbeitet. Sie war angelehnt.

Vorsichtig tastete der Privatdetektiv sich voran, passierte die Tür und stand dann im Treppenhaus. Einen Aufzug gab es auch, aber der war im Moment außer Betrieb. Die nächste Tür führte zu Karen Tierneys Wohnung. Sie war verschlossen, und Bount öffnete sie mit einem Stück Draht. Mit der Automatik im Anschlag schlich er dann in die Wohnung.

Er ging den Flur entlang und fragte sich, ob Karen Tierney wohl noch lebte. Bount fand den Killer dann in der Küche. Er saß am Tisch und wenn Bount es nicht besser gewusst hätte, hätte man auf die Idee kommen können, dass er hier zu Hause war. Eine Pistole mit Schalldämpfer lag vor dem Kerl auf dem Tisch. Seine Rechte umklammerte den Griff und riss die Waffe augenblicklich in die Höhe, als der Privatdetektiv zu sehen war. Zweimal kurz hintereinander gab es das charakteristische dumpfe Geräusch. Bount ließ sich zur Seite fallen, während die Geschosse über ihn hinweggingen und das Holz des Türrahmens splittern ließen. Bount feuerte augenblicklich zurück. Der Schuss ging dem Killer in den rechten Arm. Der Mann schrie auf, versuchte, seine Pistole erneut hochzureißen, aber er sah schnell ein, dass ihm das nicht mehr gelingen würde.

"Waffe weg!", rief Bount. Der Killer gehorchte. Aber statt sich zu ergeben, machte er zwei schnelle Schritte und sprang dann durch das Küchenfenster. Glas splitterte, aber aus dem Hintergrund drang bereits eine Polizei-Sirene. Bount setzte nach und stieg durch das zersplitterte Fenster, während der Flüchtende sich längst wieder aufgerappelt hatte und davon hetzte. Der Mann hielt sich keuchend den Arm und drehte sich immer wieder zu seinem Verfolger herum. Dreißig, vierzig Meter hatte er noch bis zu seinem Wagen. Aber da war bereits der erste Streifenwagen herangekommen und bremste mit quietschenden Reifen. Die Türen gingen auf und Polizisten brachten ihre 38er Revolver in Anschlag. Dann kam ein zweiter Wagen und noch ein dritter. Der Killer blieb stehen. Er hatte keine Chance.

36

"Und du hast nicht zufällig eine Ahnung, wer dieser Charley ist?", fragte Toby Rogers, nachdem Bount ihm einen knappen Bericht gegeben hatte. "Was ich meine ist: Wenn wir unseren Kollegen, die sich mit Wirtschaftskriminalität befassen, einen Tipp geben wollen, müssen wir ihnen wohl schon ungefähr sagen, in welchem Büro es sich lohnt zu suchen..."

"Tut mir leid, Toby. Ich fürchte, ich stehe mit leeren Händen da."

Toby deutete auf den Killer, der gerade in einen der Streifenwagen gesetzt worden war. Jemand kümmerte sich notdürftig um seine Wunde.

"Vielleicht packt er ja aus..."

"Ich glaube nicht, dass er viel zu sagen", vermutete Bount. "Genau darauf basiert doch Charleys Organisation! Dass niemand weiß, wie alles zusammenhängt. Der Kerl hier hat einen Auftrag bekommen - und zwar über einen Vermittler. Er wird uns also nicht weiterhelfen können, selbst wenn er wollte...

"Und Mrs. Tierney?", fragte Rogers. "Vielleicht packt sie jetzt endlich aus! Wo ist sie übrigens?"

Bount zuckte die Achseln. Aber dann sah er sie plötzlich. Sie kam zögernd näher und machte einen ziemlich verstörten Eindruck.

Bount und Toby bewegten sich auf sie zu.

"Ich habe die Sirenen gehört und da dachte, ich, dass alles vorbei ist...", sagte sie.

"Wo waren Sie?", fragte Bount. "Unser Gespräch wurde ziemlich abrupt unterbrochen..."

"Tut mir leid, Mister Reiniger. Als der Kerl an der Tür war, bin ich hinten aus dem Fenster gestiegen und davongelaufen."

Bount begriff. Der Killer hatte angenommen, dass Karen Tierney kurz außer Haus war und einfach auf sie gewartet.

"Mrs. Tierney...", begann der Privatdetektiv jetzt, aber sie kam ihm zuvor.

"Ich weiß, dass ich nicht besonders nett zu Ihnen war, Mister Reiniger. Aber bitte, verstehen Sie auch, in welcher Lage ich war. Ich dachte, wenn ich tue, was sie sagen, dann lassen sie mich und Michael in Ruhe. Aber jetzt ist ja wohl alles vorbei."

"Sie irren sich", meinte Bount. "Nichts ist vorbei. Dieser Kerl war nur ein Handlanger und man wird einen weiteren schicken, wann immer sein Boss es für richtig hält!"

Sie machte einen hilflosen Eindruck. "Was soll ich tun?"

"Packen Sie aus, Sie haben jetzt nichts mehr zu verlieren!"

"Was wollen Sie wissen?"

"Zum Beispiel, wer hinter dem Namen Charley steckt?"

Sie schüttelte den Kopf. "Ich weiß es nicht!"

"Aber Ihr Mann ist vielleicht dahintergekommen."

"Steve hat mir nicht viel gesagt, Mister Reiniger. Nur, dass er an einer sehr heiklen Sache arbeitete, die im Dunstkreis der Börse angesiedelt war. Er hat mir auch erklärt, wie diese Geschäfte funktionieren, die die Leute betreiben, denen er auf die Spur kam."

"Er wollte sie erpressen, nicht wahr?"

"Darüber haben wir nicht gesprochen."

"Und was war in dem Bankschließfach, dessen Inhalt für mich bestimmt war?"

"Ich weiß es nicht. Aber das habe ich Ihnen auch schon einmal gesagt!" Sie sah Bount offen an. Warum sollte sie jetzt noch lügen? Sich und ihren Jungen konnte sie nur schützen, wenn Charley so schnell wie möglich festgenommen werden konnte.

"Sie haben das Fach doch ausgeräumt!", meinte Bount.

Sie schüttelte den Kopf. "Nein. Und auch das habe ich Ihnen schon einmal gesagt! Es war die Wahrheit! Glauben Sie mir doch!"

"Aber es gibt Zeugen! Sie waren dort! Und Sie haben Ihre Unterschrift hinterlassen!"

Karen Tierney schüttelte sehr energisch den Kopf. "Ich habe keine Erklärung dafür!"

Bount sah sie an und dachte: Vielleicht sagt sie ja die Wahrheit. Eine Unterschrift zu fälschen war schließlich nicht unmöglich.

37

Moira Jordan erwartete eigentlich keinen Besuch mehr. Sie hatte sich die Schuhe ausgezogen und lief dann ins Bad, um die Wanne einlaufen zu lassen. Das Entspannungsbad nach diesem anstrengenden Tag würde ihr gut tun. Es war jetzt eine Menge zu tun in der Investment-Abteilung der Golden East Bank, seit Greg Lafitte das Zeitliche gesegnet hatte. Sie musste seinen Job praktisch miterledigen. Vielleicht würde sie sogar seine Nachfolgerin werden. Aussichten hatte sie jedenfalls.

Sie hatte gerade die Gürtelschnalle gelöst und wollte das schlichte, aber elegante lindgrüne Kleid abstreifen, da klingelte es an der Tür ihres Penthouses. Also zog sie ihre Schuhe wieder an und ging hin.

Ein kurzer Blick durch den Spion, dann öffnete sie, löste aber nicht die Kette. "Was wollen Sie?"

"Kriminalpolizei, Morddezernat!", kam es ihr entgegen. "Machen Sie bitte die Tür auf!"

Sie gehorchte. Es waren zwei Männer. Einen kannte Sie. Es war Bount Reiniger, mit dem Sie kurz bei Lafittes Büro in der Golden East Bank zusammengetroffen war. Der andere war korpulent gebaut und hielt ihr seine Dienstmarke unter die Nase.

"Ich bin Captain Rogers und das hier..."

"Wir kennen uns!", unterbrach sie und ließ ihren Blick zu Bount hinübergleiten. "Wenn auch nur flüchtig. Was wollen Sie von mir?"

Aber es war nicht Bount, der jetzt darauf antwortete, sondern Rogers. Er fing an, Moira Jordan Ihre Rechte vorzulesen. "Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie auf dieses Recht verzichten, kann alles, was Sie von jetzt ab sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden."

Sie schien einige Augenblicke lang völlig fassungslos zu sein. Dann meinte Sie mit beißendem Unterton: "Was soll diese Komödie! Das muss ein schlechter Witz sein!"

"Tut mir leid", meinte Rogers. "Es ist nicht einmal ein Irrtum."

Sie stemmte die Arme in die Hüften.

"Was liegt gegen mich vor?"

"Ich bin nicht wegen der kriminellen Insider-Geschäfte hier, mit denen Sie die Anleger betrügen. Das gehört nicht in den Bereich meiner Abteilung, aber Sie können sich sicher sein, dass die Kollegen sich dieser Sache annehmen werden. Ich bin für Mord zuständig."

"Ach, ja? Ich habe niemanden umgebracht!"

"Mag sein", sagte Rogers. "Aber Sie haben die Aufträge gegeben."

Sie wandte sich an Reiniger.

"Haben Sie ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt?"

"Es ist kein Floh", erwiderte Bount kühl. "Sie waren es, die Clint Leonard beauftragte, Steve Tierney umzubringen, weil er Ihren Geschäften auf die Spur gekommen war. Sie haben seine Witwe unter Druck gesetzt, nichts von dem zu verraten, was ihr Mann ihr vielleicht über die Sache erzählt hatte. Es scheint, als hätten Sie dann kein Vertrauen mehr in Karen Tierneys Schweigen gehabt. Sie ist nur knapp davongekommen."

"Sie erzählen da Dinge, für die Sie nicht den Hauch eines Beweises haben!", ereiferte sie sich.

Aber Bount ließ sich nicht beirren. "Zuvor haben Sie Ihren Boss Greg Lafitte erschießen lassen, der auch zu Ihrer Gruppe gehörte."

"Warum sollte ich das tun?"

"Das wissen Sie doch selbst am besten! Lafitte hat Clint Leonard in einer Art Panikreaktion erschossen. Vielleicht war Leonard einfach nicht Profi genug und hat sich zu sehr für seine Auftraggeber interessiert. Dabei ist er dann auf Lafittes Namen gestoßen. Aber genauso gut könnte ich mir auch denken, dass es Lafittes Aufgabe in der Gruppe war, mit Leonard Verbindung zu halten. Ich stelle mir das so vor: Nach der Schießerei in Leonards Apartment brauchte dieser dringend jemand, der ihm half. Er wandte sich an Lafitte. Die beiden trafen sich und Lafitte brachte Leonard um, denn dieser war nun eine Gefahr. Vielleicht drohte Leonard sogar! Jedenfalls ließ sich ein Profi nicht auf die Schnelle auftreiben, und Lafitte stellte sich so ungeschickt an, dass er selbst eine Kugel ins Bein bekam."

Moira Jordan verzog höhnisch das Gesicht. "Und was hat das mit mir zu tun?"

"Das will ich Ihnen sagen!", erwiderte Bount. "Jetzt war es Lafitte, der alles zum Einsturz bringen konnte. Die Kugel in seinem Bein stammte aus Leonards Waffe und konnte ihn verraten und von Lafitte war es kein weiter Weg zu Ihnen selbst. Das Risiko war Ihnen zu groß, nicht wahr? Sie haben schleunigst jemanden engagiert, um auf Nummer sicher zu gehen!"

"Ich bin nicht bereit, mir das länger anzuhören!", schnaubte sie.

"Lafitte wusste wohl kaum, dass Charley sein Büro direkt neben seinem hatte."

"Hören Sie auf, Reiniger!"

"Ich will gar nicht erst von dem Kerl, der mich fast überfahren hätte oder von der Entführung meiner Assistentin anfangen. Was hätten Ihre Leute übrigens heute Abend in Harper's Bar mit mir gemacht? Wahrscheinlich wäre ich an irgendeinen einsamen Ort gelockt worden, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden."

"Das sind Hirngespinste, Mister Reiniger!"

"Vermutlich hätten Sie aber vorher noch genau unter die Lupe genommen, was ich gegen Sie in der Hand hätte. So haben Sie es bei Tierney doch auch gemacht, nicht wahr? Sie haben abgewartet, bis Sie jedes Detail über ihn wussten. Zum Beispiel, dass er ein Bankschließfach hat, dessen Inhalt für Sie gefährlich werden konnte. Was war darin? Kompromittierende Fotos? Ich nehme an, Sie haben das gesamte Material vernichtet. Wir werden nie erfahren, was es wirklich war."

"Warum stellen Sie mir solche Fragen? Ich habe keine Ahnung von einem Bankschließfach!"

"Wirklich nicht? Sie sind doch dort gewesen, um an den Inhalt heranzukommen!"

Sie fing plötzlich an zu lachen, aber dieses Lachen hatte bereits einen unüberhörbaren Anteil von Hysterie. "Mister Reiniger, Sie müssten doch wissen, dass man nicht einfach zu einer Bank gehen kann, um ein solches Fach auszuleeren! Das ist unmöglich."

"Nicht, wenn man sich eine rothaarige Perücke aufsetzt und sich mit falschen Papieren als Witwe zu verkaufen weiß! Und eine Unterschrift lässt sich mit etwas Training auch fälschen. Jedenfalls gut genug, um jeden zu täuschen, der nicht gerade ein ausgewiesener Schriftexperte ist."

Sie verzog das Gesicht.

"Um etwas zu fälschen, braucht man das Original!"

"Kein Problem", meinte Bount. "Es gibt tausend Wege, um an eine Unterschrift zu gelangen. Vielleicht haben Sie jemanden vorbeigeschickt, der vorgab, für einen guten Zweck zu sammeln. Was weiß ich!"

"Bis jetzt nur Spekulation!", stellte Moira Jordan fest. "Wollen Sie mich deswegen festnehmen? Mein Anwalt hat mich in einer Stunde wieder auf freiem Fuß."

"Es gibt Zeugen! Ich spreche nicht von dem zwielichtigen Buchmacher, der Ihnen Clint Leonards Dienste vermittelt hat. Der wird sein Mäntelchen nach dem Winde hängen und jeweils so aussagen, wie es für ihn selbst am besten ist!"

Moira Jordans Züge waren zu Eis erstarrt. "Sondern?"

Bount lächelte dünn.

"Es gibt einen völlig unbestechlichen Zeugen. Wie Sie sicher wissen, haben die meisten Banken eine Video-Überwachung." Er machte eine Pause und sah ihr in die braunen Augen. "Sie sind gut zu erkennen, trotz Ihrer Maskerade."

"Ich sage keinen Ton mehr", meinte Moira Jordan dann fast tonlos. "Darf ich telefonieren?"

"Nur mit Ihrem Anwalt", wurde sie von Rogers belehrt.

ENDE

DIE TOTE OHNE NAMEN

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Im Kampf gegen das Verbrechen setzt der smarte Ermittler Bount Reiniger auf ungewöhnliche Methoden - hin und wieder aber auch auf die Schusskraft seiner Automatik.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

1

Ein heller Schrei durchschnitt die Stille.

Bount Reiniger sog die kalte Morgenluft in gleichmäßigen Zügen in sich hinein, während er in gemäßigtem Tempo seine morgendliche Jogging-Tour durch den New Yorker Central Park machte. Zur Rechten hatte er den sogenannten Pond, einen Teich, an dessen Ufern sich ein Vogelreservat befand. Das Gezwitscher bildete einen angenehmen Kontrast zu den Geräuschen, die den Moloch New York sonst beherrschten.

Eine friedliche, stille Oase in der pulsierenden Stadt - aber nicht an diesem Morgen...

Aus einiger Entfernung sah Reiniger drei Menschen auf sich zu laufen, zwei Männer und eine Frau. Aber das waren keineswegs Jogger, die zum Vergnügen oder wegen der Gesundheit liefen.

Die drei kamen sehr schnell näher. Die Frau schien auf der Flucht vor den beiden Männern zu sein, die ihr im Abstand weniger Meter auf den Fersen waren. Aber dieser Abstand wurde immer kleiner.

"Nein!"

Die Frau keuchte und sah sich verzweifelt um. Sie trug sportliche Kleidung. Ihr langes, schwarzes Haar flog wirr durch das feingeschnittene, bräunliche Gesicht, während ihre Verfolger sie fast erreicht hatten.

Dann stolperte sie, strauchelte und ging zu Boden. Die beiden Kerle beugten sich über sie und packten sie roh. Sie schnappte nach Luft und hatte nicht einmal mehr genug davon, um zu schreien. Die junge Frau war völlig ausgepowert. Ihre Versuche, sich doch noch loszureißen, wirkten kraftlos.

Dem eisernen Griff ihrer beiden Kontrahenten hätte sie wohl ohnehin auch nicht allzu viel entgegenzusetzen vermocht.

Indessen hatte Bount mit einen kleinen Spurt den Ort des Geschehens erreicht. Er wollte wissen, was hier gespielt wurde.

"Was machen Sie da?", fragte Bount an die beiden Männer gerichtet, die ihr Opfer inzwischen an den Armen empor gerissen und auf die Füße gestellt hatten. Sie zitterte und in ihren Augen stand nackte Angst. Als sie Bount sah, schien so etwas wie ein Hoffnungsfunke in ihnen aufzuglimmen.

Die beiden Männer trugen elegante Kleidung und machten einen gut trainierten Eindruck. Der eine hatte dunkle Haare und einen Oberlippenbart. Der andere war blond und blauäugig. Sein Gesicht wirkte grobschlächtig und brutal.

"Joggen Sie einfach weiter!", zischte der Dunkelhaarige. "Na los, verschwinden Sie schon."

"Nein!", rief die Frau, aber der Blonde verschloss ihr mit seiner großen Pranke den Mund.

"Dies ist eine Polizeiaktion und kein Schauspiel, Mister", behauptete der Dunkelhaarige frech. Aber das erschien Bount nicht besonders glaubwürdig.

"Das sieht eher nach etwas anderem aus", erwiderte er kühl.

"Glauben Sie, was Sie wollen!"

"Sie werden doch sicher Dienstausweise haben!"

Bount trat nahe an das Trio heran. Die beiden wechselten einen kurzen Blick miteinander. Es schien ihnen nicht zu gefallen, mit Bount an jemanden geraten zu sein, der sich nicht so leicht abwimmeln ließ.

Der Dunkelhaarige entblößte seine Zähne und knurrte: "Klar, haben wir Ausweise!" Er griff in die Innentasche und hatte in der nächsten Sekunde eine 8-Millimeter-Pistole in der Hand.

Bount hatte etwas in der Art erwartet. Sein Handkantenschlag kam daher blitzschnell und schleuderte dem Kerl die Waffe aus der Hand. Die nachfolgende Linke traf ihn mitten im ungedeckten Gesicht, ließ ihn rückwärts taumeln und zu Boden gehen. Er schien etwas benommen zu sein.

Die junge Frau nutzte ihre Chance und riss sich los. Sie hatte kaum noch Kraft, aber sie versuchte dennoch davonzulaufen. Sie strauchelte und fiel beinahe vor Schwäche hin. Wer mochte wissen, wie lange sie schon auf der Flucht war...

Ihre Bewegungen wirkten kraftlos und erschöpft, aber Ihr Widerstandswille war ungebrochen. Sie war fest entschlossen, alles auf eine Karte zu setzen.

Der Blonde legte Bount indessen mit einem gekonnten Judogriff auf die Matte und griff dann zum Schulterholster. Es verging nur der Bruchteil eines Augenblicks und Bount blickte in eine Pistolen-Mündung, die grell aufblitzte. Bount hatte sich jedoch bereits herumgerollt, als der Schuss in den Boden krachte. Ehe der Kerl zum zweiten Mal feuern konnte, schnellte Bount mit dem Fuß vor und fuhr seinem Gegner in die Kniekehle. Der Blonde verlor augenblicklich das Gleichgewicht.

Sein Schuss ging in die Wolken. Ehe er sich versah, war Bount dann über ihm, bog ihm den Waffenarm herum und entwand ihm die Pistole. Der Kerl atmete tief durch und erstarrte dann. Er war alles andere als begeistert davon, dass er nun in die Mündung seiner eigenen Waffe blicken musste.

"Mistkerl!", knurrte der Blonde, während Bount sich erhob.

Der Dunkelhaarige hatte sich nicht weiter um seinen Komplizen gekümmert, sondern seine Waffe aufgehoben und unverdrossen die Verfolgung der jungen Frau wieder aufgenommen.

Bount sah, dass er sie bald einholen würde.

Er wandte sich an den am Boden liegenden Blonden, der eine höllische Angst zu haben schien.

Bount machte mit dem Pistolenlauf eine eindeutige Bewegung.

"Verschwinde!", zischte er, während der Kerl ihn ungläubig anstierte. "Na los, hörst du schwer?"

Bount wich einen Schritt zurück, während der Blonde wieder auf die Beine kam.

Er schien Bount nicht zu trauen, vielleicht rechnete er damit, eine Kugel in den Rücken zu bekommen. Bount brannte ihm stattdessen eins vor die Füße. Jetzt spurtete der Blonde los, wobei er sich immer wieder umdrehte.

Doch Bount hielt sich nicht länger mit ihm auf, sondern setzte dem Dunkelhaarigen nach.

Bount war gut in Form und holte schnell auf. Der Dunkelhaarige hielt seine Waffe in der Hand und hatte die Frau fast erreicht. Ihr Vorsprung schmolz von Sekunde zu Sekunde. Sie schluchzte und stolperte nur noch mehr oder weniger vorwärts.

Als etwas Bount näher heran war, stoppte er und brachte die Pistole in Anschlag.

"Waffe fallen lassen!", rief er.

Der Dunkelhaarige antwortete auf seine Weise.

Er drehte sich blitzartig um und feuerte sofort. Aber der Schuss war schlecht gezielt und ging einen halben Meter über Bount hinweg. Der hatte eine solche Reaktion insgeheim einkalkuliert und so krachte sein Schuss nur einen Sekundenbruchteil später.

Die Kugel fuhr dem Dunkelhaarigen in den Arm. Er fluchte lauthals, versuchte, noch einmal die Waffe hochzureißen, aber der Arm gehorchte ihm nicht so richtig.

Die Waffe fiel zu Boden, während Blut durch seinen edlen Zwirn sickerte.

Mit verkniffenem Gesicht sah er sich kurz nach der jungen Frau um, die in einiger Entfernung einer Parkbank haltgemacht hatte und nach Luft schnappte. Als Bount näher kam, ergriff der Verletzte die heillose Flucht.

"Stehenbleiben!", rief Bount und ballerte einmal über den Kopf des Flüchtenden hinweg. Aber der Kerl blieb nicht stehen. Er lief einfach weiter und Bount dachte sich, dass es jetzt vielleicht Wichtigeres gab, als eine wilde Verfolgungsjagd.

Er wandte sich der Frau zu, die auf der Bank niedergesunken war. Als er sich ihr näherte, blickte sie auf.

Ihre Augen waren dunkel und voller Furcht.

Sie schien etwas sagen zu wollen, aber es kam kein Ton über ihre Lippen. Mit der Hand strich sie sich die Haare aus dem Gesicht.

"Haben Sie keine Angst", sagte Bount ruhig. "Es ist vorbei."

Sie seufzte, versuchte so etwas wie die Ahnung eines Lächelns und nickte. Sie hatte Ringe unter den Augen, wie jemand, der tagelang nicht geschlafen hat. Sie musste Teil irgendeines Dramas sein, von dessen Hintergründen Bount nicht den Hauch einer Ahnung hatte.

"Ich danke Ihnen", sagte sie. Ihr Englisch hatte einen minimalen Akzent.

Südamerika oder Südeuropa, schätzte Bount. "Wer weiß, was die Kerle mit mir angestellt hätten, wenn Sie nicht gewesen wären!"

Bount nickte.

"Ja, das war knapp."

"Ich dachte immer, der südliche Central Park wäre relativ sicher, zumindest für New Yorker Verhältnisse."

"Ist er auch."

Sie zuckte mit den Achseln. "Na ja, wie es scheint gibt es auch hier Gesindel..."

Bount wog die Pistole in seiner Hand, die er dem Blonden abgenommen hatte. Es war eine Beretta. "Es wäre vernünftig, zur Polizei zu gehen", meinte er.

Aber sie schüttelte entschieden den Kopf. Dann versuchte sie zu lächeln, diesmal schon etwas erfolgreicher.

"Das bringt doch nichts", meinte sie mit einer wegwerfenden Geste.

Bount zog die Augenbrauen hoch.

"Warum denn nicht?"

"Das kennt man doch! So etwas verläuft im Sand!"

"Aber Sie haben das, was die meisten nicht haben, Miss..." Bount erwartete, dass die dunkeläugige Schönheit ihm vielleicht jetzt ihren Namen sagte, aber das tat sie nicht.

"Trotzdem", sagte sie "Es ist ja nichts passiert."

"Was wollten die Kerle eigentlich von Ihnen?"

Sie zögerte eine Sekunde, ehe sie die Antwort parat hatte. "Ich nehme an, mein Geld! Was denn auch sonst?"

Bount hatte den Eindruck, dass sie selbst nicht so recht von dieser Version überzeugt war. "Das sah mir nicht so aus", stellte der Privatdetektiv daher im Brustton der Überzeugung fest.

Die junge Frau zuckte mit den Achseln.

"Was weiß ich, wie es aussah oder was sie wollten!" Sie wirkte ein wenig genervt, stand auf und musterte Bount. "Warum fragen Sie mich eigentlich so aus?"

"Sorry, ist wohl eine Berufskrankheit. Ich bin Privatdetektiv. Mein Office ist übrigens ganz in der Nähe. Sie sehen aus, als könnten Sie eine Tasse Kaffee und ein Frühstück gut vertragen..."

Sie schien ein wenig irritiert. Ihre dunklen Augen sahen Bount an, als versuchte sie, dessen Gedanken zu lesen. "Warum machen Sie das?", fragte sie schließlich. "Schließlich war das ja alles andere als ungefährlich. Sie haben Ihr Leben riskiert."

"Ich hatte den Eindruck habe, dass Sie Hilfe brauchen. Und an diesem Eindruck hat sich auch nichts dadurch geändert, dass die beiden Kerle sich davongemacht haben!"

"Der Eindruck täuscht."

"Tut mir leid, es war nur ein Angebot."

"Es war nicht so gemeint, Mister..."

"Reiniger. Bount Reiniger." Bount sah sie offen an. "Ich hoffe nur, dass Sie wissen, mit wem Sie sich da eingelassen haben... Die beiden Angreifer waren sicher keine Straßendiebe. Das waren Fische, die ein paar Nummern größer waren."

Sie wandte ein wenig den Kopf und blickte an Bount vorbei. Er folgte ihrem Blick, um zu sehen, was die Aufmerksamkeit der jungen Frau erregt hatte.

In einiger Entfernung stand da ein untersetzter, aber sehr kräftig wirkender Mann mit gelocktem Haar. Als Reiniger zu ihm hinblickte, drehte der Lockenkopf sich zur Seite und ging mit immer schnelleren Schritten davon.

"Kannten Sie den Mann?"'

"Nein. Wie kommen Sie darauf?"

"Es sah so aus."

Sie versuchte zu lächeln. "Sehen Sie, das ist nicht der erste Mann, der mir hintersieht. Finden Sie das wirklich so ungewöhnlich?" Sie machte eine Pause und schien einen Moment lang nachzudenken. Dann sagte sie plötzlich: "Vielleicht nehme ich das Frühstück doch."

Bount lächelte. "Zu gütig, Lady! Was hat den Stimmungsumschwung bewirkt?"

"Ich glaube, dass man Ihnen trauen kann!"

"Oder glauben Sie, dass die Kerle an der Straßenecke wieder auf Sie warten, um Sie in Empfang zu nehmen?"

"Glauben Sie, was Sie wollen! Gilt Ihr Angebot nun noch oder nicht?"

"Gehen wir!"

2

Wenig später befanden sie sich in Bounts Residenz, die gleichzeitig als Wohnung und Office fungierte und sich in einer Traumetage am nördlichen Ende der 7th Avenue befand.

"Nanu", wurde der bekannte Privatdetektiv von seiner attraktiven Assistentin June March begrüßt. "Bringst du deine Klienten jetzt schon vom Joggen mit?"

Bount grinste der blonden June schelmisch ins Gesicht.

"Was glaubst du, wen ich morgens alles im Central Park treffe! Wenn ich Kaufmann wäre, würde ich dort meine Kontakte pflegen! Da hat man das ganze Business auf einem Haufen!"

June lachte.

"Und alle im Jogging-Anzug..."

"...und ohne Vorzimmerdrachen, die einen mit Terminen nach der Jahrtausendwende vertrösten!"

Sie wandten sich zu der jungen Frau um, die den Raum eingehend musterte.

"Könnte ich mich erst ein bisschen bei Ihnen frischmachen?"

Bount nickte.

"Natürlich." Er wies ihr den Weg zum Bad und als er zurückkam, fragte June: "Wer ist die Kleine?"

"Sie hat es mir noch nicht gesagt."

"Ihre Frisur hat ja wirklich etwas gelitten. Was ist passiert?"

"Ein paar Kerle waren hinter ihr her und ich bin dazwischen gegangen!" Er legte die Beretta auf den Tisch.

"Die scheinen ja gut ausgerüstet gewesen zu sein", meinte June beim Anblick der Waffe und Bount nickte.

"Kann man wohl sagen! Mit wem auch immer sich diese junge Frau angelegt hat - einfache Straßenräuber waren das nicht!"

"Steht sie unter Schock?"

"Glaube ich nicht. Sie wirkt auf mich außerordentlich cool, wenn man bedenkt, in welcher Lage sie gerade noch gewesen ist."

Als die Fremde wenig später aus dem Bad kam, saßen Bount und June schon beim Frühstück. Sie setzte sich dazu. Im Gesicht hatte sie eine kleine Schramme und ihre Kleider wiesen ein paar Flecken auf. Aber sonst schien alles in Ordnung mit ihr zu sein.

"Wollen Sie uns nicht Ihren Namen sagen?", hakte June nach, die vor Neugier platzte. Die junge Frau hob den Kopf, als müsse sie überlegen und sagte dann: "Es ist besser für Sie und besser für mich, wenn Sie ihn nicht wissen."

June runzelte verwundert die Stirn. Sie schien mit dieser Antwort kaum etwas anfangen zu können. Indessen wandte sich die junge Frau an Reiniger und versuchte so schnell wie möglich das Gespräch auf irgendein unverfängliches Terrain zu lenken. Sie musste große Angst haben und dazu ein schier grenzenloses Misstrauen.

"Sie sind also Privatdetektiv", murmelte sie gedehnt und schien dabei über irgendetwas nachzudenken.

"Ja", nickte Bount.

"Ihr Geschäft scheint ja nicht schlecht zu gehen! Wenn ich mir Ihre Residenz hier so ansehe..."

"Ich kann nicht klagen."

"Was sind das so für Leute, die Sie hier aufsuchen?"

"Leute wie Sie."

"Nehmen Sie mich nicht auf den Arm!"

"Es ist so, wie ich sage. Es sind Leute mit Problemen, Leute, die kein Vertrauen zur Polizei haben und solche, denen die Polizei nicht helfen kann..."

"Einer wie Sie arbeitet doch sicher nur für Millionäre und große Versicherungskonzerne!"

"Ich habe nichts gegen Geld", erwiderte Bount. "Aber ich habe auch schon für kleine Leute gearbeitet. Ich bin in der glücklichen Lage, mir meine Aufträge aussuchen zu können."

Sie aß das Frühstück mit großem Appetit. Vor allem vom Kaffee konnte sie kaum genug bekommen. Sie war übernächtigt, schien sich aber unbedingt wach halten zu wollen.

"Ich fahre gleich zu Captain Rogers von der City Police", meinte der Privatdetektiv wie beiläufig. "Rogers ist mein Freund. Ich könnte Sie mitnehmen. Das wäre kein Problem..."

"Was soll ich dort?"

"Sie schauen sich paar Fotos an. Vielleicht sind die Kerle ja schon einmal aufgefallen. Dann könnten Sie sie identifizieren... Das kostet Sie nicht mehr als ein bisschen Zeit, Miss."

"Ich sagte schon einmal nein, Mister Reiniger."

"Nennen Sie mich Bount."

"Bount."

Sie wollte keine Polizei und ihr 'Nein' klang ziemlich endgültig. Wahrscheinlich hatte sie ihre Gründe dafür.

"Haben Sie Angst, dass sich jemand an Ihnen rächen könnte, wenn Sie die zwei in die Pfanne hauen?"

Sie seufzte und strich sich dabei das blauschwarze Haar zurück. Eine schöne Frau, dachte Bount. Eine sehr schöne Frau sogar. Und dann ertappte er sich dabei, dass sein Blick wie magnetisch von ihr angezogen wurde.

"Ich habe es Ihnen doch schon einmal klarzumachen versucht, Bount..." sagte sie jetzt in einem etwas milderen Tonfall.

"Versuchen Sie es ruhig noch einmal", lächelte Bount.

Sie hob beschwörend die Arme. "Ich bin Ihnen sehr dankbar für das, was Sie für mich getan haben, aber der Rest ist meine Sache. Ganz allein meine Sache, verstehen Sie?"

"Um ehrlich zu sein: nein. Denn mir scheint, dass Ihnen da etwas über den Kopf gewachsen ist. Die Kerle, die ihnen aufgelauert haben, sind sicher keine Idioten. Die werden Sie überall wieder auftreiben. Glauben Sie mir!"

Bount merkte, dass er gegen eine Wand rannte. Je mehr er in sie zu dringen versuchte, desto mehr verschloss sie sich - aus welchem Grund auch immer.

Plötzlich sagte sie: "Ich glaube, ich muss jetzt los. Vielen Dank für alles. Ich werde es irgendwann wieder gutmachen, wenn ich kann."

"Warum ein so plötzlicher Aufbruch?", fragte June.

Die junge Frau versuchte ein Lächeln. "Es ist nicht plötzlich", erklärte sie wenig überzeugend. "Ich muss jetzt einfach los, das ist alles." Sie erhob sich und Bount folgte ihrem Beispiel.

"Soll ich Sie nach Hause bringen?", fragte der Privatdetektiv.

"Nein, danke."

"Wie gesagt, ich bin gleich sowieso unterwegs!"

"Dann nehmen Sie mich ein Stückchen mit!"

"Okay", nickte Bount. Sein Blick versank in ihren dunklen Augen und er dachte: Was mag in diesem hübschen Kopf wohl vor sich gehen? Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Er wurde aus dieser Frau einfach nicht schlau. Sie machte es einem aber auch nicht gerade leicht!

3

"Sie müssen mir schon sagen, wo es hingehen soll!", meinte Bount, als er zehn Minuten später am Steuer seines champagnerfarbenen Mercedes 500 SL saß.

Die dunkeläugige Schönheit saß auf dem Beifahrersitz und meinte knapp: "Fahren Sie nur. Ich werde Ihnen schon sagen, wann ich aussteigen möchte."

"Wie gesagt, am besten Sie steigen überhaupt nicht aus, sondern kommen mit mir zu Polizei."

"Lassen wir das."

"Manchen ist nicht zu helfen."

"Schon möglich..." Sie seufzte. "Und was machen Sie jetzt bei der Polizei?"

"Ach, es geht um eine Gegenüberstellung. Ich möchte gerne dabei sein. Mein Freund Rogers und ich sind an einen Drogenring herangekommen. Jetzt kommt die Kleinarbeit. Aber die muss auch gemacht werden. Am Ende kann davon nämlich abhängen, ob es auch zu Verurteilungen kommt."

"Was haben Sie mit Drogen zu tun, Bount? Sind Leute Ihrer Sorte nicht eher für den raffinierten Mord oder den spektakulären Diamantenraub zuständig?"

Bount blickte kurz zu ihr hin.

"Sie irren sich", erklärte er. "Obwohl... Es war eigentlich auch eine Art Mord."

"Das müssen Sie mir erklären."

"Ein ziemlich verzweifelter Mann kam zu mir. Sein siebzehnjähriger Sohn hatte sich den goldenen Schuss gesetzt. Das war der Auslöser des Ganzen, deshalb bin ich in der Sache drin."

"Aber das ist doch kein Mord", meinte sie. "Der Junge wusste doch wohl, was er tat. Er wollte es so."

"Glauben Sie das wirklich?"

"Ja, so sehe ich das!"

"In diesem Fall war es mit Sicherheit anders. Der Junge war von seinem Dealer plötzlich mit Stoff einer Qualitätsstufe beliefert worden, die er nicht gewohnt gewesen war. Er hatte nicht mehr als seine normale Ration genommen und war nun tot. Und das war ganz eindeutig Mord, auch in juristischem Sinn." Aber Bount hatte keine Lust, weiter darüber zu diskutieren. "Das Thema scheint Sie zu interessieren", stellte er fest.

"Mich interessiert vieles."

Bount Reiniger gab dem Gespräch einen abrupten Schwenk. "Seit wann sind Sie auf der Flucht?"

Sie lächelte. "Sie können es nicht lassen, was?"

"Wie gesagt: Berufskrankheit."

"Ich habe die Kerle heute zum ersten Mal getroffen."

"Mich brauchen Sie nicht anzulügen."

"Sie wissen alles am besten, was?"

"Ich gebe mir Mühe", lächelte Bount. "Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, dass Sie schon tagelang vor ihnen davonlaufen."

Sie versuchte sich in aufgesetzter, künstlich wirkender Heiterkeit. "Haben Sie Beweise?"

"Bin ich der Staatsanwalt?"

Sie deutete plötzlich mit ihrem schlanken Arm nach rechts und fragte: "Sehen Sie die Ecke dort hinten?"

"Ja."

"Lassen Sie mich dort aussteigen."

"Und dann? Wo wollen Sie hin?"

"Eine Straße weiter ist die U-Bahn."

Bount fuhr an den Straßenrand. Die junge Frau wollte schon aussteigen, aber Bount hielt sie noch zurück.

"Was ist noch?"

"Nehmen Sie das hier." Sie nahm es und schaute stirnrunzelnd darauf. Es war eine von Reinigers Visitenkarten. "Vielleicht überlegen Sie es sich ja noch einmal, ob Sie sich helfen lassen wollen..."

Sie steckte die Karte ein.

"Leben Sie wohl, Bount."

Und dann war sie auch schon weg. Bount sah sie zwischen den Passanten verschwinden. Sie blickte sich ständig um, so als fühlte sie sich beobachtet. Man konnte nur hoffen, dass sie nicht eines Tages als Wasserleiche aus dem East River gefischt wurde...

4

Captain Toby Rogers vom Morddezernat Manhattan C/II war ein massiger Koloss, der von seiner Figur her hervorragend dazu geeignet gewesen wäre, als Double von Bud Spencer zu fungieren.

"Du bist ein bisschen zu früh, Bount! Wir müssen noch auf ein paar Leute warten! Aber ich kann dir einen frischgebrühten Kaffee anbieten!"

"Danke, aber ich habe gerade gefrühstückt."

"Wenn die Sache heute glatt geht, dann sind wir schon ein ganzes Stück weiter", meinte Rogers. "Ich bin ganz zuversichtlich..."

Bount nahm die Beretta hervor, die er einem der beiden Kerle im Park abgenommen hatte. Er hatte die Waffe in eine Plastik-Tüte getan, obwohl es dazu wohl längst zu spät gewesen war. Bount hatte die Pistole schließlich in die Hand genommen und benutzt - und damit vermutlich fast alles an Spuren vernichtet, was irgendetwas aussagen konnte.

"Was ist das?", fragte Rogers.

"Heute Morgen hatte ich beim Joggen Gelegenheit, mein Nahkampftraining etwas aufzufrischen", meinte Bount sarkastisch und erzählte Rogers in knappen Sätzen, was geschehen war.

"Und wo ist die Frau jetzt?", erkundigte sich der dicke Captain.

"Auf und davon." Bount zuckte mit den Schultern. "Was sollte ich machen, sie zwangsweise zur Polizei schleppen?"

"Sich überfallen zu lassen ist ja nicht strafbar!"

"Du sagst es!"

"Und was soll ich jetzt mit der Beretta?"

"Einfach mal ins Labor geben. Vielleicht kommt ja etwas dabei heraus!"

Toby Rogers holte tief Luft und blies sich dabei auf wie ein Walross. "Glaubst du eigentlich, das Labor hat nicht genügend zu tun, Bount? Mit dieser Waffe ist niemand umgebracht worden und wenn sie aus dem Verkehr gezogen wird, wird das auch niemals geschehen." Er hob die Beretta hoch und sah sie sich von allen Seien an. "Die Nummer ist abgefeilt...", murmelte er.

"Eine Hand wäscht die andere, Toby. Also, was ist mit dem Labor? Wenn ich die Waffe dir überlasse, sind meine Chancen größer, sie untersucht zu bekommen, als wenn ich es allein versuche."

Rogers seufzte und fixierte Bount mit seinem Blick.

"Okay, Bount."

"Danke."

"Dann beantworte mir aber bitte eine Frage: Warum hängst du dich in diese Sache hinein?"

"Reine Neugier", grinste Bount.

Ein Lieutenant kam herein und wandte sich an Rogers. "Es sind alle versammelt, Captain!"

Rogers schlug sich klatschend auf die Schenkel und stand auf. "Dann kann es ja losgehen!"

Bount steckte sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie an.

"Drücken wir uns selbst die Daumen dafür, dass Jim Lacroix heute ins Loch geschickt wird!"

Sie gingen gemeinsam in einen schmucklos eingerichteten Raum, von dem aus man durch eine Scheibe in ein Nebenzimmer sehen konnte.

Rogers begrüßte eine vierzig- bis fünfzigjährige Schwarze von untersetzter Statur, die einen ziemlich verschüchterten Eindruck machte.

"Sie brauchen keine Angst zu haben, Mrs. Grogan", behauptete Rogers. Die Schwarze nickte, schien dem Police-Captain allerdings nicht so recht zu glauben.

"Das sagen Sie so einfach, Captain!"

"Man kann Sie durch diese Scheibe nicht sehen", ergänzte Reiniger.

Sie nickte und wandte den Blick zur Seite.

Martha Grogan war die Vermieterin von Ron Bogdanovich gewesen - jenem Jungen, dem jemand beim goldenen Schuss etwas nachgeholfen hatte, indem er ihn mit reinem, statt wie sonst üblich, mit großzügig verlängertem Heroin belieferte.

Indessen hatte sich auf der anderen Seite der Glasscheibe eine Riege hochgewachsener, aschblonder Männer aufgebaut. Einer von ihnen war Jim Lacroix, Bogdanovichs Dealer. Martha Grogan hatte bei ihrer ersten Vernehmung am Tatort ausgesagt, dass ein Mann Bogdanovich regelmäßig besucht hätte und auch kurz vor dessen Tod noch dort gewesen sei. Ihre Beschreibung passte auf Lacroix wie die Faust aufs Auge, aber jetzt musste sie ihn noch identifizieren, ihn als den Mann bezeichnen, der kurz vor Bogdanovichs Tod noch bei ihm gewesen war und ihn vermutlich beliefert hatte.

Diesmal eine tödliche Lieferung.

"Was ist?", fragte Rogers vielleicht eine Spur zu ungeduldig. "Ist der Mann dabei?"

Martha Grogan schluckte.

"Ich bin mir nicht sicher!"

"Aber das gibt es doch nicht! Sie konnten Ihn doch ganz genau beschreiben!", schimpfte Rogers.

Sie hatte Angst, das lag deutlich auf der Hand. Wovor auch immer.

Vielleicht hatte Lacroix jemanden bei ihr vorgeschickt, der ihr unmissverständlich klargemacht hatte, wie sie sich verhalten musste, wenn sie bei guter Gesundheit bleiben wollte. Vielleicht war sie auch einfach gekauft worden.

"Ich bin mir nicht sicher, ob er dabei ist", sagte sie wenig überzeugend. "Vielleicht der dort ganz rechts. Oder doch der in der Mitte? Sie sehen sich alle so ähnlich!"

"Hören Sie!", wurde sie dann von Rogers beschworen. "Sie brauchen wirklich keine Angst zu haben! Wenn Sie nur einen Ton sagen, dann können wir diesen Kerl ins Loch stecken!"

"Für wie lange?"

"Für sehr lange, denn dann geht es um Mord!"

"Können Sie mir das garantieren? Oder läuft am Ende nicht so, dass ein geschickter Anwalt ihn doch rauspaukt?"

"Ich bin weder Richter noch Geschworener, aber wenn Sie ihn wiedererkennen, dann hätten wir eine Chance!"

"Und wenn ich ihn nicht identifizieren kann?"

Rogers schwieg und atmete tief durch. Er ging zwei, drei Schritte hin und her und murmelte dann: "Ich fürchte, dass er uns dann durch die Lappen geht!"

Sie schien noch einmal zu überlegen. Man konnte ihrem Gesicht förmlich ansehen, wie der Kampf in ihr tobte. Dann war er entschieden - und zwar endgültig, wenn man nach dem Klang ihrer Stimme ging.

"Tut mir Leid, von diesen Männern hier war es keiner!", sagte sie sehr bestimmt.

Sie kniff ihre Lippen zusammen. Ihr Gesicht war eine Maske geworden.

Rogers machte einen letzten Versuch. "Einer dieser Männer ist ein Mörder und Sie wissen, welcher. Ron Bogdanovich hätte vom Alter her Ihr Sohn sein können. Denken Sie an Rons Eltern, was es für sie bedeutet, wenn sein Mörder davonkommt!"

Sie wandte den Blick an Rogers und seufzte. "Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, Captain. Aber ich kann doch nur sagen, was der Wahrheit entspricht, oder?"

Der dicke Captain sah ein, dass die Sache verloren war.

"Natürlich", sagte er.

"Kann ich jetzt gehen?"

Rogers nickte. "Gehen Sie nur!" Als sie weg war, schlug er wütend mit der flachen Hand gegen die Wand.

"Der Tag fängt wirklich schlecht an, was?", meinte Bount.

5

Es war zwei Tage später, als Bount Reiniger die dunkeläugige Schöne zum zweiten Mal sah - diesmal allerdings nur als Schwarz-weiß-Foto in der Zeitung. June hatte ihn darauf aufmerksam gemacht und ihm die entsprechende Seite unter die Nase gehalten.

WER KENNT DIESE FRAU?, stand dort in großen Lettern.

Das Foto war nicht besonders gut, ein Zeitungsfoto eben, aber Bount hatte so etwas schon oft genug vor Augen gehabt, um auf den ersten Blick zu sehen, dass es sich um das Bild einer Toten handelte.

"Ich habe es geahnt", murmelte Bount tonlos, als er den dazugehörigen Text las. In Yonkers war eine junge Frau umgebracht worden. Man hatte sie mit einer Kugel in der Herzgegend in einer Seitenstraße aufgefunden. Der Toten fehlte leider alles, was sie hätte identifizieren können. Sie hatte keinen Pass, keine Etiketten in der Kleidung, keine Brieftasche, keine Kreditkarte.

"Scheint, als hätten die beiden Kerle sie doch noch erwischt", meinte June. "In der Zeitung steht, dass sie vorgestern ermordet wurde..."

"Nichts Näheres?"

"Nein."

"Ich habe sie in der Nähe einer Subway-Station abgesetzt", sagte Bount. "Sie muss sich auf ziemlich direktem Weg nach Yonkers aufgemacht haben." Er zuckte mit den Schultern. "Sie hätte auf mich hören sollen..."

"Das hätte sie." June machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: "Ich weiß, dass dir das näher geht, als du zugeben willst. Ich habe gesehen, wie du sie angesehen hast..."

Bount stand auf und ging zum Fenster und blickte hinaus. Es war ein trüber Tag.

New York war heute eine Waschküche. Der letzte Schauer war gerade zwei Minuten vorbei, aber der nächste kam bereits über den Central Park.

"Die Polizei in Yonkers sucht Zeugen, die die Tote kennen", murmelte Bount. "Ich werde mal auf einen Sprung vorbeifahren." Er machte eine unbestimmte Geste und ließ seine Hände dann in den Hosentaschen verschwinden. "Mehr kann ich wohl nicht mehr für sie tun..."

6

Der Mann, dem Bount Reiniger in dem miefigen, engen Büro gegenübersaß hieß Clarke und er war Lieutenant der Mordkommission von Yonkers. Clarke war klein und drahtig und in seinen tiefen Augenhöhlen lauerten zwei giftige Augen. Ein kleiner Terrier, so wirkte er auf Bount. Einer, der zubiss und dann nie wieder losließ.

Naja, dachte Bount. Jeder hat eben seinen Weg.

"Ihr Name ist also Reiniger", raunte der Giftzwerg mit einem Unterton, der nichts Gutes ahnen ließ. "Kann es sein, dass ich diesen Namen schon mal gehört habe?"

"Durchaus."

Clarke schlug urplötzlich mit der flachen Hand auf den Tisch und schnellte mit dem Kopf wütend nach vorne. Seine Augen waren aus ihren Höhlen hervorgetreten und funkelten angriffslustig.

"Ich will Ihnen gleich zu Anfang etwas klarmachen, Mister Reiniger! Ganz gleich, ob Sie Ihr Büro in einer Nobel-Etage oder in einem Hinterzimmer haben, ob Sie ein Star ihrer Branche oder nur so ein Schmalspur-Schnüffler sind: Ich mag keine Privatdetektive."

Bount zuckte die Achseln.

"Das tut mir Leid!"

"Und ich mag es auch nicht, wenn Ihr Schnüffler uns Profis ins Handwerk pfuscht!"

Bount atmete tief durch. "Erstens sind wir Privaten genau so Profis in diesem Geschäft wie Ihresgleichen und zweitens habe ich nicht die Absicht, Ihnen dazwischen zu funken, Clarke. Ich ermittle in diesem Fall gar nicht, sondern bin als Zeuge hier!"

"Okay", sagte Clark und grinste sarkastisch. "Ich will Ihnen das mal für eine Minute glauben. Erzählen Sie, was Sie zu der Sache beizusteuern haben! Sagen Sie bloß, Sie kennen die Tote!"

"Ich habe sie am Montagmorgen im Central Park gesehen, als ich meine tägliche Jogging-Runde machte. Zwei Kerle waren ihr auf den Fersen und ich bin dazwischen gegangen."

"Wie nobel, Mister Reiniger. Findet man heute selten so etwas. Die meisten schauen einfach weg. Wer ist die Lady?"

"Sie hat mir ihren Namen nicht gesagt."

"Zu schade! Wann war das genau am Montagmorgen?"

"So gegen sieben. Einem der Kerle konnte ich die Beretta abnehmen. Sie befindet sich noch im Labor. Erkundigen Sie sich bei Captain Rogers, wenn Sie an dem Befund interessiert sind."

"Bin ich nicht."

Bount runzelte die Stirn. Fast glaubte er, sich verhört zu haben.

"Habe ich das richtig verstanden?"

"Ja, das haben Sie", nickte Clarke. "Sehen Sie, die Sache ist ganz einfach: Zu dem Zeitpunkt, an dem Sie die namenlose Lady im Central Park von New York City gesehen haben wollen, war sie schon mindestens eine halbe Stunde tot."

Für Bount war das wie ein Schlag vor den Kopf. "Ich bin mir aber völlig sicher..."

"Tut mir Leid, Mister Reiniger, aber wie es scheint, haben Sie den Weg hierher nach Yonkers umsonst gemacht." Es stand Clarke im Gesicht geschrieben, dass es ihm nicht ein bisschen leid tat. Aber das war Bount ohnehin ziemlich gleichgültig.

Seine Gedanken waren bei der namenlosen Toten, deren Bild er in der Zeitung gesehen hatte. "Sie war es", sagte er. "Ich bin mir da hundertprozentig sicher. So ein Gesicht vergisst man nicht."

"Sie muss sehr hübsch gewesen sein, bevor man aus ihr eine Leiche gemacht hat!"

Clarke zuckte mit den Schultern. "Wahrscheinlich haben Sie eine andere Frau gesehen, Reiniger. Vielleicht eine, die der Toten sehr ähnlich sah und die Sie dann auf dem Foto wiederzuerkennen glaubten!"

Aber Bount schüttelte entschieden mit dem Kopf.

"Das glaube ich nicht."

"Dann gehen Sie ins Leichenschauhaus und sehen Sie sie sich im Original an! Vielleicht geht es dann in Ihren Schädel!"

Bount ließ nicht locker. Er hatte ein Paar gut funktionierender Augen im Kopf und es gab keinen Grund, ihnen nicht zu trauen. Also bohrte er weiter.

"Es gibt Mittel und Wege, Todeszeiten zu manipulieren. Ist eine Obduktion durchgeführt worden?"

"Die Todesursache liegt auf der Hand. Sie starb durch eine Kugel aus einer 8-mm-Pistole. Ein Schuss aus nächster Nähe. Und da hat sich niemand die Mühe gemacht, irgendetwas zu manipulieren. Es war ein ganz simpler, brutaler Mord. Fast wie eine Hinrichtung."

"Wer hat sie gefunden?"

"Wissen Sie was, Reiniger: Es ist genau so, wie ich befürchtet habe! Sie versuchen mir Fragen zu stellen anstatt umgekehrt. Und genau das kann ich nicht leiden. Sie sagten, dass Sie in dieser Sache nicht ermitteln, also sehe ich auch nicht ein, weshalb ich Ihnen irgendetwas sagen soll."

Bount verzog das Gesicht.

"Und wenn ich nun doch an der Sache arbeiten würde?"

"Dann würde ich Ihnen vielleicht erst recht nichts sagen, damit Sie mir nicht dauernd in die Quere kommen!"

"Na, dann ich ja froh sein, dass ich mein Büro in Manhattan und nicht in Yonkers habe!"

"Allerdings. Bei mir hätten Sie nicht viel zu lachen! Und ich gebe Ihnen auch jetzt den Rat, sich den Kopf über Ihre eigenen Sachen zu zerbrechen."

Bount wandte sich zum Gehen. Aus diesem Terrier würde er kaum mehr herausbekommen. Und er fragte sich, ob er das überhaupt versuchen sollte.

Schließlich war es Clarkes Aufgabe, den Mörder der jungen Frau zu finden, nicht Reinigers. Es hatte ihn niemand beauftragt.

Bevor Reiniger sich auf den Rückweg nach Manhattan machte, wollte er sich die Tote aber doch noch einmal ansehen. Er wollte sichergehen, sich nicht geirrt zu haben.

Der Arzt, der Bount durch die Katakomben des Leichenschauhauses führte, war fast so bleich wie die Körper, die er zerschnitt. Kein Wunder, dachte Bount.

Schließlich kam der Kerl wohl ziemlich selten mal ans Tageslicht.

"Kannten Sie die Tote?", fragte der Arzt und Bount nickte zögernd.

"Könnte man so sagen."

"Sie sind der erste, der sie zu kennen glaubt", meinte der Arzt. "Und dabei steht es doch jetzt sogar in der Zeitung!"

"Vielleicht kam sie nicht von hier."

"Alles möglich, Mister."

Dann wurde eine Leiche aus dem Kühlfach gezogen. Der Arzt deckte das Gesicht ab und gähnte dabei ungeniert. Ihr Gesicht hatte fast jegliche Farbe verloren.

Jemand war so pietätvoll gewesen, ihr die Augen zu schließen.

Aber sie war es.

Für Bount gab es keinen Zweifel mehr.

"Todeszeit?", fragte Bount.

Der Arzt schaute in seine Unterlagen. "Montagmorgen, cirka halb sieben. Wahrscheinlich früher."

"Und wann wurde sie gefunden?"

"Steht auch hier: Kurz nach halb acht."

"Kein Irrtum möglich?"

"Wovon sprechen Sie?"

"Von der Todeszeit."

Der bleiche Arzt runzelte die Stirn. "Was wollen Sie eigentlich? Glauben Sie, wir machen hier Pfusch?"

"Nein, es ist nur so, dass ich die Tote noch quicklebendig gesehen habe, als sie nach Ihren Angaben schon auf dem Weg hierher war. Deshalb frage ich, ob es da nicht sein könnte, dass Sie sich bei der Todeszeit geirrt haben."

Er blickte auf seinen Boden. "Mein Kollege Snyder war um halb acht am Tatort und hat den Tod festgestellt", murmelte er. "Und wann bitte wollen Sie sie noch gesehen haben?"

"Schon gut", meinte Bount. "Vergessen Sie's!" Um halb acht hatte die Tote in Reinigers Residenz noch an ihrem Kaffee geschlürft.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

7

Als Bount Reiniger zurück in die 7th Avenue kam, war es Nachmittag und es regnete wieder. Diesmal war es kein Schauer, sondern eher eine Art Dauerregen, die Bount den ganzen Weg von Yonkers bis hierher begleitet hatte. Ein scheußlicher Tag - und das in mehrfacher Hinsicht.

Aber die Unannehmlichkeiten hatten sich mit der Feuchtigkeit, die da unablässig von dem grauen Himmel herabrieselte, noch lange nicht erschöpft. Das merkte Bount ziemlich bald, nachdem er sich wieder in seiner Residenz befand.

Er ließ die Türen auseinander fliegen und warf den nassen Mantel in eine Ecke.

"Was neues, June?", fragte er seine Assistentin.

"Im Büro sitzen zwei Klienten."

Bount pfiff durch die Zähne.

"Gleich zwei? Haben sie gesagt, was sie wollen?"

"Nein", schüttelte June den Kopf und warf dabei ihre blonde Mähne in den Nacken. "Sie wollen nur mit dir persönlich sprechen. Von mir wollten Sie nicht einmal eine Tasse Kaffee!"

Das Erste, was Bount missfiel, als er sein Büro betrat war, dass jemand hinter seinem Schreibtisch saß und die Füße hochgelegt hatte. Der zweite Besucher lehnte am Fenster und hatte die Hände in den Hosentaschen.

Bount erstarrte.

Das waren die beiden Gorillas, vor denen die junge Frau davongelaufen war, deren Foto jetzt in den Zeitungen bewundert werden konnte. Der Dunkelhaarige hatte seinen rechten Arm bandagiert und trug ihn in einer Schlinge.

Wenigstens fiel er dadurch als Schütze erst einmal aus. Anders der Blonde, dessen Hand in der Manteltasche ruhte und wahrscheinlich einen Pistolengriff umfasste.

Das Gesicht des Dunkelhaarigen blieb sehr ernst und war fast eine Leichenbittermiene. Der Blonde hingegen grinste frech und kaute dabei auf irgendetwas herum.

"So sieht man sich wieder", murmelte Bount.

"Schließen Sie die Tür!", befahl der Dunkelhaarige und ließ seine Worte durch seinen Komplizen dadurch unterstreichen, dass dieser jetzt seine Waffe aus der Manteltasche hervorholte und sie auf Bount richtete. "Ich hoffe, Sie machen keine Dummheiten, Mister Reiniger!"

"Das hoffe ich umgekehrt auch", erwiderte Bount, nachdem er die Tür geschlossen hatte. "Was wollen Sie von mir?"

Auf dem Schreibtisch lag noch die Zeitung, die Bount am Morgen gelesen hatte.

Der Dunkelhaarige schlug die Seite auf, auf der das Bild der namenlosen Toten war. "Sie haben das hier sicher gelesen, nicht wahr?"

"Ja." Reiniger trat näher an den Schreibtisch heran. Bevor er sich in den davor stehenden Sessel fallen ließ, deutete er auf das Foto. "Das ist eure Arbeit, nicht wahr?"

"Sie werden nicht im Ernst erwarten, dass wir dazu etwas sagen, Mister Reiniger."

"Nein, allerdings nicht."

"Ich werde unter anderem dafür bezahlt, dass ich zwei und zwei zusammenrechne und meine Schlüsse ziehe." Bount zeigte auf die Waffe des Blonden. "Acht Millimeter?"

"Die Fragen stellen wir hier, auch wenn Ihnen das nicht paßt!"

"Bitte! Sie sind wahrscheinlich nicht hier, um mir einen Auftrag zu geben!"

"Nein, das sicherlich nicht. Es geht um etwas anderes."

"Da bin ich aber gespannt!"

"Sie erinnern sich an die junge Frau, Montagmorgen im Central Park... Sie haben uns leider dazwischen gefunkt!" Er hob ein wenig den bandagierten Arm an.

"Diese Frau hatte etwas in ihren Besitz gebracht, das ihr nicht gehörte. Wir hatten die Aufgabe, es ihr wieder abzunehmen..."

"Und wie kann ich Ihnen da helfen?"

"Indem Sie es uns jetzt aushändigen."

"Warum nehmen Sie an, dass ich es habe?"

"Weil sie es bei Ihnen deponiert haben wird, wenn sie einen Funken Verstand gehabt hat. Es kann auch sein, dass Sie es ihr abgenommen haben. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt."

"Das wird ja immer interessanter" meinte Bount sarkastisch.

"Jedenfalls glaube ich nicht, dass diese Begegnung im Park reiner Zufall war."

Bount zuckte die Achseln.

"Bedaure, ich weiß noch nicht einmal, worum es geht."

Das Gesicht des Dunkelhaarigen blieb regungslos. Mit der Linken machte er eine unbestimmte Geste. Unterdessen bewegte sich der Blonde seitwärts. Er öffnete einen der Büroschränke und begann damit, den Inhalt auf den Boden zu streuen.

"Scheint, als würde Ihre Antwort meinen Freund hier nicht sehr überzeugen, Mister Reiniger."

Der Blonde grinste unverschämt. Es machte ihm Spaß, was er tat - besonders als seine Hand dann über ein Regal strich und ein paar recht wertvolle Vasen auf dem Boden zerscheppern ließ.

Jetzt wurde es Bount zu bunt.

Er gab dem Schreibtisch einen kräftigen Tritt, so dass er dem Dunkelhaarigen entgegenkam und dieser mitsamt Sessel nach hinten kippte. Er fluchte unterdrückt, während der Blonde die Waffe hob.

Bount warf sich zu Boden, bevor der Kerl schoss.

Genau diesem Augenblick flog die Tür auf und June kam herein. Der Krach hatte sie angelockt. Auf jeden Fall tauchte sie genau im richtigen Moment auf, denn der Blonde wirbelte mit der Waffe in der Hand herum in ihre Richtung.

Bount rollte sich am Boden herum und riss die Automatic heraus. Blitzschnell ging das. Der Blonde zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde, und doch war es jetzt bereits zu spät für ihn. Er blickte direkt in den Lauf von Reinigers Automatic und konnte sich seine Chancen an zwei Fingern ausrechnen, schneller zu schießen als der Privatdetektiv.

"Der Gedanke taugt nichts, der Ihnen da im Kopf herumspukt", zischte Bount. "Werfen Sie Ihr Schießeisen lieber weg, wenn Sie kein Loch in den Kopf wollen!"

Der Blonde zögerte noch einen Moment und atmete dann tief durch. Er sah ein, dass er auch diese Runde verloren hatte, so sehr er sich darüber auch ärgern mochte. Er warf seine Pistole zu Boden. Sein dunkelhaariger Komplize arbeitete sich indessen unter Schreibtisch und Sessel hervor. Er schien Schmerzen zu haben, wenn man nach dem verzerrten Gesicht ging. Vielleicht hatte es seinen verletzten Arm erneut erwischt. Bounts Mitleid hielt sich allerdings in Grenzen.

"Jetzt drehen wir den Spieß mal um!", meinte Bount. "Wer schickt Sie?"

Der Blonde schielte zu seinem Komplizen hinüber und schien abzuwarten, wie dieser reagieren würde. Der Dunkelhaarige schien bei den beiden für das Denken zuständig zu sein.

"Sie können mich mal, Reiniger!", zischte dieser.

Bount wandte sich an June. "Du kannst schon mal die Polizei rufen!"

Der Blonde wurde unruhig. Ihm schien die harte Linie des Dunkelhaarigen nicht zu gefallen, er sagte aber nichts.

June hob indessen die Waffe des Blonden vom Boden auf und ging ins Vorzimmer.

Bount befahl inzwischen dem Dunkelhaarigen, sich zu seinem Komplizen an die Wand zu stellen.

"Sie bluffen, Reiniger!"

"Glauben Sie?"

Inzwischen hörte man June aus dem Nebenzimmer die Polizei anrufen. Der Blonde bekam einen panischen Zug im Gesicht. "Der Kerl ist verrückt!", knurrte er. "Der bringt es fertig und liefert sich selbst mit ans Messer!"

"Halt's Maul!", zischte der Dunkelhaarige.

"Vielleicht können wir uns so mit ihm einigen!"

"Ich sagte: Halt's Maul!"

Jetzt mischte sich Bount ein: "Das mit der Frau in Yonkers - wart ihr das?"

"Kein Kommentar", zischte der Dunkelhaarige.

"Wir haben damit nichts zu tun", schnatterte der Blonde, der es langsam mit der Angst zu tun bekam.

Bount hielt sich daher an ihn. "Die Frau wurde mit einer 8-mm-Pistole erschossen. Wenn ich mich nicht irre, dann ist Ihre Waffe von demselben Kaliber."

"Es gibt viele 8-mm-Pistolen."

"Im Labor wird sich herausstellen, ob es diese hier war."

"Willst du mir was anhängen?"

"Warum nicht? Meine Beziehungen zur Polizei sind hervorragend!"

"Ich sage dir, der Kerl blufft!", knurrte der Dunkelhaarige dazwischen. Bount hielt sich länger mit dem Katz und Maus-Spiel auf. Bis die Polizei kam, hatte er noch ein bisschen Zeit und die nutzte er, indem er die Taschen der beiden Kerle durchsuchte. Er fand ihre Brieftaschen.

Der Blonde hieß Glenn Peters, der Dunkelhaarige Miles McCarthy - jedenfalls wenn man nach dem ging, was in den Führerscheinen stand. Aber die beiden waren natürlich nur Handlanger. Bount hoffte, durch sie vielleicht eine Etage höher zu gelangen. Er wollte wissen, wer dahinter steckte - und das jetzt nicht mehr nur deshalb, weil er diesen Hintermännern den Mord in Yonkers nicht verzeihen konnte, sondern weil er jetzt selbst in der Sache mit drinsteckte. Ob es ihm passte oder nicht.

In der Brieftasche des dunkelhaarigen McCarthy steckte ein kleiner Zettel, auf dem eine Adresse stand. Bount hob die Augenbrauen. Es stand kein Name dabei, aber das machte nichts.

Es war eine Adresse, die er kannte.

Jim Lacroix. Wenn das keine Überraschung war!

8

Zwei Detectives kamen wenig später vorbei und nahmen Peters und McCarthy mit. Vielleicht ergab die Untersuchung der 8-mm-Waffe ja etwas.

Bount machte sich indessen an die Verfolgung einer anderen Spur. Wer immer letztlich diese beiden Gorillas in sein Büro gehetzt hatte - er würde kaum lockerlassen. Und wenn Jim Lacroix in der Sache mit drinsteckte, dann war es auch nicht allzu schwer, sich auszumalen, worum es hier eigentlich ging: Entweder Drogen oder Schwarzgeld. Oder beides.

Jim Lacroix bewohnte ein elegantes Penthouse, aber dort suchte Bount ihn gar nicht erst, weil er aus Erfahrung wusste, dass man ihn dort nur in Ausnahmefällen um diese Zeit antreffen konnte. Lacroix war ständig unterwegs. Ein umtriebiger Mann, der die Unterwelt-Hierarchie schon ein paar Stufen nach oben gefallen war.

Er dealte. Kokain und Heroin, vielleicht auch noch andere Sachen.

Vor einiger Zeit hatte er versucht, auch in der Prostitution Fuß zu fassen, hatte sich da aber ganz gehörig die Finger verbrannt. Seitdem hatte er eine Narbe am Hals, trug daher meistens Rollkragen- Pullover und kümmerte sich nur noch um Geschäfte, von denen er etwas verstand.

Reiniger klapperte einige Lokale an der Bowery ab, von denen er wusste, dass Lacroix sich dort bevorzugt aufhielt. Schließlich ermittelte er ja schon eine ganze Weile in Lacroix' Dunstkreis und kannte die Gewohnheiten des Dealers ganz gut.

Bount traf ihn schließlich in einer Bar vor einem Martini sitzend. Sein Outfit war vom Feinsten. Allein das Sakko kostete sicher mehr, als der Barmixer im ganzen Monat verdiente. Maßgeschneidert.

Ein breites Grinsen ging über Lacroix' Gesicht, wobei er ein paar Jacket-Kronen entblößte.

"So sieht man sich wieder, Reiniger!", gurgelte er vergnügt. "War wohl ein Schlag ins Wasser, die Show von heute morgen!"

Bount setzte sich zu ihm.

"Irgendwann erwischt dich jemand, verlass dich drauf. Wenn ich es nicht bin, dann vielleicht mein Freund Rogers. Oder einer deiner sauberen Freunde." Bount zuckte mit den Schultern.

Lacroix ließ das kalt.

"Ich wusste gar nicht, dass du ein so schlechter Verlierer bist, Schnüffler!"

Bount zuckte die Achseln. "Bin ich eigentlich gar nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich Leute wie dich nicht leiden kann!"

Lacroix lachte heiser und verzog das Gesicht. "Das Kompliment kann ich ohne Umschweife zurückgeben!"

"Irgendetwas hast du mit der Frau angestellt, um sie umzudrehen", stellte Bount fest. "Vielleicht eine Art Pension, um ihr den Mund zu stopfen - oder eine handfeste Drohung. Ich schätze, es war eine Kombination aus beidem. Zuckerbrot und Peitsche, so sagt man doch dazu, oder?"

Lacroix hob die Augenbrauen hoch. Bis jetzt hatte ihm Reinigers Auftreten offenbar noch nicht die Laune verdorben, was nur heißen konnte, dass er sich sehr sicher fühlte.

"Was willst du jetzt unternehmen, Reiniger?"

"Mal sehen."

"Mich die ganze Zeit über beschatten, bis du glaubst, dass die Gelegenheit da ist, um zuzuschlagen?" Er lachte trocken. "Da kannst du lange warten."

"Wart's ab, Lacroix. Vielleicht kommt das früher, als du es für möglich hältst!"

"Wie wär's, wenn du und dein Freund Rogers mal einsehen würdet, dass ihr euch schlicht und ergreifend geirrt habt! Ich bin kein Mörder. Und ich habe auch nichts mit dem puren Heroin zu tun, das dem Jungen über den Jordan geholfen hat." Er zuckte mit den Schultern. Um seinen Mund spielte ein zynischer Zug.

"Allerdings...", murmelte er gedehnt, "ich muss schon sagen: Wer das Zeug nimmt, sollte es auch dosieren können! Oder die Finger davon lassen!"

"Wenn ich dich reden höre, wird mir schlecht", gestand Bount.

"Es zwingt dich ja niemand."

"Leider doch. Ich bin nicht wegen dem Jungen hier."

Lacroix runzelte die Stirn. "Weswegen dann? Willst du mir irgendeine andere Sauerei anhängen? Dir traue ich alles zu, Reiniger!"

Bount hatte sich die Zeitungsseite mit der Toten aus Yonkers herausgerissen und hielt sie Jim Lacroix jetzt unter die Nase. Dieser warf nur einen beifälligen Blick auf das Bild und die Überschrift und meinte dann: "WER KENNT DIESE FRAU? - Ich kenne Sie jedenfalls nicht!"

"Merkwürdig", meinte Bount. "Da wird jemand umgebracht und die Spur führt geradewegs zu dir! Erklär mir das, wenn du es kannst!"

"Ich weiß von nichts!

"Und was mit Glenn Peters und Miles McCarthy? Sagen die dir etwas?"

"Jetzt begreife ich gar nichts! Was haben die mit der Frau in Yonkers zu tun?"

"Sie waren hinter ihr her. Und jetzt ist sie tot. Zufällig hatte einer der beiden deine Adresse dabei. Hast du die Nobel-Gorillas angeheuert?"

"Nein."

"Ich hoffe, die Polizei glaubt dir das auch."

"Warum sollten sie nicht?"

"Peters hatte eine 8-mm-Pistole bei sich. Und mit genau so einer Waffe ist die junge Frau in Yonkers erschossen worden... Aber es weiß doch jeder, dass die beiden kaum aus eigenem Antrieb gehandelt haben! Das sind doch Lakaien. Man wird also nach einem Auftraggeber Ausschau halten..."

"...und auf mich kommen. Willst du mir das sagen?"

Bount nickte. "Du hast es erfasst."

"Warum sollte ich die Frau umbringen wollen?"

"Was weiß ich? Bei dem Jungen hattest du ja auch einen Grund." Bount rollte die Zeitung wieder zusammen und steckte sie in die Manteltasche, während das Gesicht von Jim Lacroix zu einer eisigen Maske geworden war.

"Du willst mir Ärger machen, nicht wahr, Reiniger?"

"Ja, und du kannst dich darauf verlassen, dass ich es auch schaffen werde!"

Lacroix tickte nervös mit den Fingern auf dem Tisch herum. "Also gut, ich kenne Peters und McCarthy."

"Sie stehen auf deiner Gehaltsliste, stimmt's?"

"Nein. Sie haben mal für mich gearbeitet, als es darum ging, ein paar säumige Schuldner daran zu erinnern, dass man Jim Lacroix nicht so einfach vergisst."

Bount konnte sich lebhaft vorstellen, wie dieser 'Erinnerung' in der Praxis aussah.

Zu den Schulden kam in solchen Fällen noch eine saftige Krankenhausrechnung...

"Für wen arbeiten die beiden jetzt?"

"Keine Ahnung!"

Bount erhob sich, packte Jim Lacroix am Revers seines edlen Jacketts und zog ihn zu sich heran. "Du willst mich für dumm verkaufen, Lacroix. Aber dazu musste du schon entschieden früher aufstehen!"

Der Dealer ruderte mit den Armen.

"Ich weiß es wirklich nicht, Reiniger! Aber du kannst ja mal bei Tony Willis nachfragen."

Bount ließ Lacroix los, während der Barmann fragte: "Probleme, Jimmy?"

"Nein!", knurrte dieser und zog sich sein Jackett wieder glatt.

"Tony Willis? Der Geschäftsführer vom Round Midnight?", erkundigte sich Bount.

"Genau der. Ich habe Peters und McCarthy als Rausschmeißer dort empfohlen. Kann sein, dass sie bei Willis gelandet sind."

"Ich hoffe für dich, dass das stimmt!"

"Und ich hoffe, dass ich dich nun fürs Erste los bin, Reiniger!"

Bount zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Gehen. Lacroix hatte etwas von einem schleimigen Aal. Immer wenn man schon glaubte, ihn gepackt zu haben, glitt er einem durch die Finger.

9

Als Bount wieder in seinem champagnerfarbenen 500 SL saß, erreichte ihn ein Telefonanruf von June.

"Was gibt es?"

"Bount, hier hat sich gerade jemand am Telefon gemeldet, der seinen Namen nicht nennen wollte. Aber er kannte offenbar die Frau, der du im Central Park geholfen hast."

"Hat er sonst noch was gesagt? Den Namen der Lady vielleicht?"

"Nein, er sprach nur von 'der Kleinen' aus dem Central Park. Es ging ziemlich schnell, Bount. Er wollte dich persönlich sprechen, aber damit konnte ich leider nicht dienen."

"Will er sich wieder melden?"

"Hat er nicht gesagt."

"Hat er wenigstens gesagt, was er von mir will und warum er sich nicht bei diesem Polizei-Terrier in Yonkers meldet? Die ist doch ganz wild auf jemanden, der die Frau identifizieren kann!"

"Keine Ahnung, Bount. Ich habe das Gespräch aufgenommen - wenn man es denn überhaupt so nennen will. Wenn du nachher zurückkommst, kannst du dir die Stimme ja mal anhören. Vielleicht ist es ein alter Bekannter... Was ist übrigens mit der Lacroix-Spur? Ist sie heiß?"

"Eher lauwarm."

Bount wollte schon auflegen, aber da hörte er June sagen: "Ehe ich es vergessen, Bount! Unser Freund Toby Rogers hat sich übrigens ebenfalls gemeldet."

"Wegen den beiden Kerlen, die mir einen unfreundlichen Besuch abstatten wollten?"

"Nein, Bount. wegen der Beretta."

"Und?"

"Vor drei Jahren wurde ein Mann aus dem East River gefischt, der mit dieser Waffe erschossen wurde."

Bount pfiff durch die Zähne.

"Weißt du noch mehr darüber?"

"Rogers geht der Sache nach!"

"Okay. Wer weiß? Vielleicht ist das ja ein Punkt, an dem man ansetzen kann, um das Knäuel zu entwirren."

Ein paar Minuten später hatte Bount Reiniger das Round Midnight erreicht.

Es war schon mehr als ein Jahr, seit er hier zum letzten Mal ermittelt hatte, aber in der Zwischenzeit hatte sich der Laden in erstaunlicher Weise verändert. Aus einem billigen Strip-Lokal war so etwas wie eine Nobel-Disco mit Laser-Show und allen nur denkbaren Schikanen geworden.

Bount staunte.

Um diese Zeit war natürlich an einem Ort wie diesem noch nichts los und so ging er schnurstracks dorthin, wo er Tony Willis' Büro vermutete. Es war immer noch am selben Platz und war eines der wenigen Dinge hier, die sich kaum verändert hatten.

Ja, dachte Bount, von ihrem Outfit her hätten Peters und McCarthy in einen Laden wie diesen hineingepasst.

Tony Willis war alles andere als erfreut, als er Bount hereinplatzen sah. Er erhob sich hinter seinem Schreibtisch. Der Mann, der sich in einen der protzigen Ledersessel geflezt hatte, war wie ein Kleiderschrank gebaut und war vermutlich nicht für die Buchführung angeheuert worden.

Als er Bount eintreten sah, bildeten sich auf seinem konturlosen Gesicht tiefe Furchen, die Schlimmes ahnen ließen. Aber Bount wusste, dass dieser Wachhund nur beißen würde, wenn sein Herr es ihm befahl.

"Was willst du?", fragte Tony Willis. "An deinen letzten Besuch habe keine guten Erinnerungen. Im Endeffekt läuft es doch immer darauf hinaus, dass du mir meine Gäste verscheuchst!"

Bount grinste. "Das könnte auch an den Gästen liegen", meinte er. "Aber wie auch immer . Im Moment ist dein Laden ja leer."

"So etwas spricht sich leider herum."

"Dann machen wir es kurz. Ich will mich mit dir unter vier Augen unterhalten."

Tony Willis atmete tief durch und nutzte diesen Augenblick zum Nachdenken.

Dann wandte er sich an den Gorilla. "Geh ein bisschen frische Luft schnappen", wies er diesen an.

Der Gorilla baute sich zu voller Größe auf, unterzog Bount einer kritischen Musterung und gehorchte dann - mit sichtlichem Widerwillen.

"Scheint sich viel verändert zu haben, was das Round Midnight betrifft."

"Ja. Es ist ganz anderer Laden geworden mit völlig verändertem Publikum!"

"Publikum mit mehr Geld, wie ich annehme."

"Da nimmst du richtig an."

"Ich frage mich, woher das Geld für solche Investitionen kommt..."

Willis verzog das Gesicht. "Wer weiß, vielleicht drucke ich es einfach!"

"Jedenfalls muss jemand viel Geld hier 'reingesteckt haben. Wem gehört das Round Midnight jetzt?"

Willis ließ die Frage unbeantwortet und meinte: "Was willst du hier?"

"Glenn Peters und Miles McCarthy - arbeiten die für dich?"

"Seit ein paar Wochen, ja. Sechs Tage die Woche ab acht Uhr abends. Warum?"

"Dann hast du mir die Kerle auf den Hals geschickt!"

"Für wen hältst du mich!"

Reiniger kramte das Bild von der Yonkers-Toten heraus und hielt es Willis hin.

"Kennst du sie?"

"Nein."

"Sie hat nicht zufällig für dich gearbeitet?"

"Nein, bestimmt nicht. Und ich habe sie auch noch nie hier gesehen. Sie wäre mir aufgefallen, so hübsch wie sie ist." Willis hob die Augenbrauen. "Sonst noch was - oder war es das?"

"Peters und McCarthy, haben die vielleicht noch eine Art 'Nebenjob'?", hakte Bount nach.

Willis zuckte betont gleichgültig die Achseln. "Das geht mich nichts an!", meinte er. "Ich kümmere mich nur um meine Angelegenheiten."

Bount lächelte dünn.

"Diese Sache könnte schneller deine Angelegenheit werden, als dir lieb ist!"

"Was meinst du damit?" Und dann fiel sein Blick erneut auf das Bild der Toten.

Jetzt begriff er. "Ich vergebe keine Mordaufträge, wenn es das ist, was du meinst."

"Wer dann?"

"Kein Kommentar."

"Kennst du jemanden, dem in letzter Zeit vielleicht etwas abhanden gekommen ist? Schwarzgeld, Stoff, irgendetwas in der Art."

Willis kniff die Augen zu engen Schlitzen zusammen und lehnte sich etwas zurück.

Er fühlte sich jetzt sichtlich unwohl in seiner Haut. Bount hatte irgendeine Saite in Willis zum Klingen gebracht. Aber nach dessen Gesicht zu urteilen, musste es wohl ein Misston sein.

"Ich kann mich ja umhören", grunzte Willis.

"Tu das", nickte Bount in der Gewissheit, von diesem Kerl nicht mehr zu hören zu bekommen. Es musste seinen Grund haben, dass Willis auf einmal solche Manschetten bekommen hatte.

Vielleicht lag es daran, dass er besonders nah am Vulkan saß und keine Lust hatte, etwas abzubekommen, wenn er zum Ausbruch kam...

10

Der Mann war klein, aber sehr kräftig. Aber das Auffallendste an ihm waren nicht seine breiten Schultern, die ihn noch etwas kleiner wirken ließen, als er in Wirklichkeit war, sondern sein gelocktes, dunkles Haar.

Der Lockenkopf saß in einem Schnellrestaurant mit Blick auf die Straße und kleckerte Hamburgersoße auf die Zeitung, die er vor sich ausgebreitet hatte. WER KENNT DIESE FRAU?, stand dort und er dachte mit einem Anflug von Zynismus: Das hat sie nun davon!

Es war viel schneller zu Ende gewesen, als er gedacht hatte. Er hatte sie eigentlich für etwas cleverer gehalten. Aber die Leute, die sie gejagt hatten, waren mindestens so clever und der Lockenkopf wusste ganz genau, dass er sehr auf der Hut sein musste, wenn er verhindern wollte, dass es ihm genau so erging wie ihr.

Er schlug die Zeitungsseite um. Er konnte dieses Gesicht einfach nicht mehr sehen.

Vielleicht sollte ich einfach verschwinden!, kam es ihm zum ersten Mal in den Sinn. Einfach alles vergessen und sich irgendwo verkriechen.

Aber insgeheim wusste er, dass das keine Möglichkeit war.

Und alles wegen einem kleinen Päckchen!, ging es ihm schmerzhaft durch den Kopf. Aber es gab kein Zurück. Augen zu und durch. Er musste das Päckchen wieder in seine Hände bekommen, und zwar um jeden Preis.

Wenigsten hatte er einen Anhaltspunkt dafür, wo sich das Päckchen befand. Der Lockenkopf grinste. Bount Reiniger, Privatdetektiv...

Ich möchte wissen, wie sie an den gekommen ist!, ging es ihm durch den Kopf.

Der Lockenkopf hatte den Hamburger zu drei Vierteln aufgegessen, da sah er vorne bei der Tür einen Schwarzen hereinkommen, der in seinem edlen Zwirn einfach lächerlich hier wirkte. Der Lockenkopf kannte den Kerl flüchtig. Er war nicht zum Essen gekommen, das lag auf der Hand.

Der Blick des Schwarzen wanderte im Raum umher und hatte den Lockenkopf zwei Sekunden später gefunden.

Er ließ den Rest vom Hamburger fallen und sprang auf. Er musste weg hier. Es war schon beinahe zu spät, aber vielleicht hatte er ja noch eine Chance. Seine beschmierte Hand wanderte unter das Jackett und zauberte eine Pistole hervor.

Wahrscheinlich hätte er sofort abgedrückt und vermutlich auch getroffen, denn er war kein schlechter Schütze.

Doch es kam anders.

Er hatte die Pistole gerade entsichert, da fühlte er, wie etwas sehr Hartes in seinen Rücken gestoßen wurde.

Wahrscheinlich eine Revolvermündung.

"Schön ruhig und nicht umdrehen!", zischte es in seinem Rücken. Eine Hand griff von hinten um ihn herum und langte nach der Pistole des Lockenkopfs. "Haben wir dich endlich, du Ratte!", kam es von hinten. Der Schwarze kam indessen näher, während Gäste und Personal in dem Schnellrestaurant wie erstarrt dastanden.

Der Lockenkopf ahnte, dass er jetzt alles versuchen musste.

Bevor der Hintermann seine Waffe genommen hatte, wirbelte der Lockenkopf herum und ließ die Linke mitten in das Gesicht seines Gegners krachen. Einen Sekundenbruchteil war dieser unfähig, etwas zu tun und das nutzte der Lockenkopf blitzschnell. Er packte den Kerl im Würgegriff und setzte ihm die Pistole an die Schläfe.

"Waffe fallen lassen!" Der Kerl gehorchte. Die Waffe plumpste mit einem unüberhörbaren Geräusch auf die Fliesen.

Der Schwarze hatte indessen ebenfalls unter die Jacke gegriffen und seine Waffe herausgeholt, aber jetzt stand er wie zur Salzsäule erstarrt da.

"Wenn du dich auch nur einen Schritt bewegst, dann ist dein Freund hier erledigt!"

Der Schwarze warf einen unschlüssigen Blick zu seinem Komplizen.

"Tu, was er sagt!", röchelte dieser. Das Blut war ihm aus der Nase geschossen und über das Gesicht gelaufen. Es sah allerdings viel schlimmer aus, als es in Wirklichkeit war.

"Okay, okay", murmelte der Schwarze.

"Die Waffe ganz vorsichtig auf den Tisch!"

"Ich mache alles, was du sagst!"

Irgendjemand wird längst die Polizei gerufen haben!, durchfuhr es den Lockenkopf.

Es wurde Zeit für ihn, zu verschwinden. Das was er jetzt am wenigsten gebrauchen konnte, waren stundenlange Verhöre und dergleichen. Außerdem war er selbst nicht so ganz koscher und würde wohl kaum ungeschoren aus der Sache herauskommen.

"Keine falsche Bewegung!", zischte er den Schwarzen an, als dieser seine Waffe auf den Tisch legen wollte. Der Lockenkopf hatte das kaum merkliche Zucken sehr wohl registriert. Für den Bruchteil einer Sekunde hing alles in der Schwebe.

Und dann machte der Schwarze doch noch eine falsche Bewegung.

Der Lockenkopf hatte das kommen sehen und schoss zuerst. Zweimal. Die erste Kugel ging in die Schulter und riss ihn herum. Die Zweite traf in Bauchnabelhöhe und ließ den Schwarzen wie ein Taschenmesser zusammenklappen.

Der Lockenkopf ließ den Lauf seiner Waffe in der Gegend umherzeigen, aber es drohte von niemandem Gefahr. Keiner wagte es, da einzuschreiten. Er zog den Kerl, den er noch immer im Schwitzkasten hatte, mit sich durch die Hintertür. Das war eine Vorsichtsmaßnahme, die ihm schon seit langem mehr oder weniger in Fleisch und Blut übergegangen war: Nie ein Lokal besuchen, in dem man den Hinterausgang nicht kannte.

Es ging ein paar Stufen hinab durch einen engen Korridor.

Aus der Ferne war eine Polizeisirene zu hören.

Der Lockenkopf stoppte und überlegte eine Sekunde, während sein Gefangener ächzte. Sie tauschten einen Blick. Der Kerl ahnt langsam, dass ich ihn nicht am Leben lassen kann!, ging es dem Lockenkopf durch den Kopf.

"Du bist ein toter Mann!", zischte der Kerl mit der zerschlagenen Nase. "Verlass dich drauf! Du wirst nicht davonkommen."

"Wart's ab!"

"Das hat noch keiner geschafft!"

Blitzschnell steckte der Lockenkopf die Pistole in die Jackentasche, packte dann mit beiden Händen zu und drehte dem Kerl den Kopf herum. Es dauert nur einen Augenaufschlag lang. Bevor der Mann schreien konnte, brach sein Genick.

Der Lockenkopf ließ ihn die Wand hinuntersacken und rannte dann den Korridor entlang. Dann erreichte er den Hintereingang, riss die Tür auf und lief hinaus.

11

Bount Reiniger hatte sich die Stimme auf dem Band jetzt zum dritten Mal angehört, aber er war nicht schlauer, als nach dem ersten Mal.

Er schüttelte entschieden den Kopf.

"Nein, diese Stimme habe ich noch nie gehört."

"Er wird sich ja vielleicht wieder melden", erwiderte June. "Was kann das sein, worum es hier geht? Dieser Anrufer glaubt, dass du dir etwas unter den Nagel gerissen hast, das dir nicht gehört - und Peters und McCarthy hatten wohl ähnliche Gedanken. Also, wenn du mich fragst, dann hast du am Montagmorgen einer Diebin geholfen."

Bount zuckte mit den Schultern.

"Ja, sieht so aus. Ich habe versucht, von Tony Willis zu erfahren, wem Rauschgift oder Schwarzgeld abgenommen wurde. So etwas kommt ja immer wieder mal vor."

"...obwohl es doch so etwas wie ein sicheres Todesurteil ist!", gab June zu bedenken.

"Daran denken die wenigsten. Sie sehen nur den schnellen Profit. Stell dir vor, da liegt eine Million und du brauchst nur zuzugreifen."

June lächelte. "So etwas stelle ich mir lieber nicht vor."

Etwas später kam dann der zweite Anruf des Unbekannten.

Reiniger nahm ab. Er erkannte die Stimme sofort wieder.

"Sie sind am Montag im Central Park einer jungen Frau begegnet, Mister Reiniger...", begann der Unbekannte. "Und ich nehme, dass sie etwas Bestimmtes bei Ihnen deponiert hat."

"Wer sind Sie?", fragte Bount.

"Das tut nichts zur Sache."

"Haben Sie Peters und McCarthy hinter der jungen Frau hergeschickt?"

"Die beiden Gorillas? Nein. Da liegen Sie völlig falsch. Aber ich habe beobachtet, wie Sie die beiden abgefertigt haben. Alle Achtung! Aber auf die Dauer werden Sie so nicht durchkommen..."

Bount seufzte. "Etwas genauer hätte ich es schon ganz gerne..."

"Ich kann Ihnen aber sagen, dass Sie auf der Todesliste einiger sehr einflussreicher Leute stehen, Reiniger."

"Weshalb?"

"Können Sie sich das nicht denken?"

"Und wer steckt dahinter?"

"Ich dachte mir, Sie dass interessiert sind, das zu erfahren, Reiniger. Aber meine Auskunft ist nicht umsonst."

"Sie wollen das Päckchen?"

"Ihr Leben sollte Ihnen schon soviel wert sein, Reiniger."

Bount überlegte kurz. Dann sagte er: "Okay." Er hatte nichts, was er dem Kerl anbieten konnte. Aber vielleicht kam er ja trotzdem ein Stück weiter, wenn er sich mit dem Anrufer traf.

Der Unbekannte gab in knappen Worten Ort und Zeit an und legte dann auf. Bount blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk. Er hatte eine gute halbe Stunde.

12

Bount setzte sich sofort in seinen 500 SL, um zum Treffpunkt zu fahren. Der Ort, den der Anrufer angegeben hatte, war ein Hinterhof und da war es ratsam, ein bisschen früher dort zu sein. Schließlich konnte es sich ja auch um eine Falle handeln.

Ein paar Minuten erst hatte sich Bount in den Verkehr eingefädelt, da war er sich bereits ziemlich sicher, verfolgt zu werden. Bount hatte das einfach zu oft erlebt.

Da entwickelte man für solche Dinge eine Art sechsten Sinn.

Es war ein schwarzer Mitsubishi mit getönten Gläsern.

Bount machte an einer Ampel die Probe aufs Exempel. Nachdem er sich bereits die Geradeaus-Spur eingeordnet hatte, zog abrupt nach rechts herüber, als es dort grün wurde. Jemand hupte und zeigte ihm einen Vogel. Bount hatte Glück, seinen Mercedes ohne Kratzer auf die Abzweigung zu bringen.

Es vergingen kaum ein paar Minuten, da hatte Bount den Mitsubishi wieder hinter sich. Der Fahrer war nur als Schemen erkennbar.

Der Privatdetektiv blickte in den Rückspiegel und versuchte, sich das Nummernschild zu merken.

Bount beschleunigte plötzlich, zog mit quietschenden Reifen an einem Müllwagen vorbei und bog in eine Nebenstraße, in der kaum Verkehr herrschte. Die Gerade nutzte Bount, um etwas Abstand zwischen sich und seinen Schatten zu legen.

Durchschlagenden Erfolg brachte das allerdings auch nicht.

Der Mitsubishi ließ sich nicht abhängen und solange Bount ihn auf den Fersen hatte, konnte er nicht zu dem Treffpunkt mit dem Unbekannten.

Vielleicht will der Kerl gar nicht mich!, ging es Reiniger durch den Kopf. Es konnte ja genau so gut sein, dass der Verfolger im Mitsubishi hoffte, über Bount an den Unbekannten heranzukommen - jemanden, der vielleicht eine viel wichtigere Rolle in diesem undurchsichtigen Schachspiel innehatte.

Die ganze Sache artete zu einem immer undurchsichtiger werdenden Spiel aus.

Wird Zeit, dass ich den Spieß mal umdrehe!, dachte Bount.

Nachdem der Mitsubishi ihm um eine weitere Ecke gefolgt war, jagten sie eine Einbahnstraße entlang.

Plötzlich schwenkte Bount in eine Parklücke am Straßenrand ein. Es war die einzige Lücke auf mehr als zweihundert Meter und so blieb dem Verfolger nichts anderes übrig, als an Bount vorbeizuziehen, zumal er noch einen ungeduldigen Lkw im Nacken hatte.

Bount grinste, als er den Kerl fluchen und wütend gegen das Lenkrad schlagen sah.

Für einen kurzen Augenblick sah er auch sein Gesicht - oder besser gesagt das, was die übergroße Sonnenbrille und der hochgeschlagene Mantelkragen davon übrig ließen.

Reiniger sah eine Zahnkrone blinken, aber alles in allem würde das, was er zu Gesicht bekommen hatte, kaum reichen, den Kerl je zu identifizieren.

Als der Mitsubishi gezwungenermaßen an Reinigers Mercedes vorbeigezogen und der Müllwagen mit seinen zischenden Bremsen die Straße freigegeben hatte, riss Bount das Lenkrad ganz herum, trat auf das Gaspedal und ließ den 500 SL die Einbahnstraße in umgekehrter Richtung entlang brausen. Ein VW und ein Buick wichen in letzter Sekunde zu den Seiten aus. Bount erntete böse Blicke und ein mittleres Hupkonzert. Ein Lieferwagen stoppte direkt vor ihm, so dass Bount auf den Bürgersteig ausweichen musste.

Als er die nächste Ecke erreicht hatte, war er gerettet. Der Privatdetektiv blickte sich kurz um. Bount erblickte noch die Rückfront des Müllwagens. Von dem Mitsubishi war nichts zu sehen.

Bount fädelte sich wieder in den Verkehr ein und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Es würde knapp werden, wenn er noch pünktlich am Treffpunkt sein wollte.

Bount fuhr noch einen kleinen Umweg. Ein paar Schnörkel konnten nicht schaden.

Er wollte sichergehen, den Verfolger auch wirklich abgehängt zu haben.

13

Die Farbe blätterte von der Hausfassade, aber niemand schien Interesse daran zu haben, hier mal für einen neuen Anstrich zu sorgen. Diese Straße hatte in ferner Vergangenheit sicher einmal bessere Zeiten erlebt, aber davon war kaum noch etwas zu sehen.

Einige uralte Leuchtreklamen, die längst nicht mehr in Betrieb waren, zeugten noch davon, dass es hier sogar einmal Geschäfte gegeben hatte. Aber die waren alle verschwunden. Jetzt war hier Slum.

Bount stellte den Mercedes am Straßenrand ab und hoffte, ihn noch vorzufinden, wenn er zurückkam.

Er stieg aus.

Leichter Nieselregen fiel aus dem grauen Himmel und der Privatdetektiv schlug sich den Kragen hoch. Seine Rechte war in der Manteltasche und umfasste den Griff seiner Automatic.

Er musste auf der Hut sein. Vielleicht suchte nur irgendjemand eine passende Gelegenheit, um ihn an unauffälliger Stelle vom Leben zum Tod zu befördern.

Bount musste mit allem rechnen.

Er warf einen Blick auf die Hausnummern. Hier war er richtig. Bount gelangte durch eine enge Schlucht zwischen zwei schmuck- und fensterlosen Hauswänden in einen tristen Hinterhof. Er sah einen fast völlig ausgeschlachteten Ford, der an allen Vieren aufgebockt war.

Dahinter bewegte sich etwas.

Bount kam etwas näher heran, und dann sah er, was los war.

Zwei Kerle beugten sich über einen Mann, der reglos am Boden lag.

Die beiden wirbelten herum, als sie Bount bemerkten. Die beiden waren sicher noch unter zwanzig und trugen Blousons, die mit martialischen Emblemen bedruckt waren.

Der Mann am Boden war mit Sicherheit nicht mehr am Leben. Eine Kugel hatte ihm die Schläfe so zerschmettert, dass da nicht die leiseste Chance eines Irrtums bestand.

Die Kerle blickten Bount abwartend an. Einer von ihnen hatte noch die Brieftasche des Toten in der Hand.

Einen Augenblick lang geschah gar nichts. Aber Bount bemerkte die Anspannung bei seinen Gegenübern. In ihren Augen blitzte es. Dann griff der Rechte von ihnen unter seine Jacke. Bount hatte es instinktiv erwartet, riss die Automatic heraus und kam dem Kerl zuvor, unter dessen Blouson sich eine Pistole befand.

Der junge Mann erstarrte zur Salzsäule, bevor er die Waffe richtig in Anschlag gebracht hatte. Er kniff die Augen zu engen Schlitzen zusammen und blickte direkt in die Mündung der Automatic.

"Schön ruhig!", befahl Bount.

"Ein Bulle", meinte der andere, den die Panik erfasst zu haben schien, aber auch er wagte keine Bewegung. "So ein verdammter Mist!", knurrte er missmutig vor sich hin.

"Waffe auf den Boden", knurrte Bount.

Der Kerl zögerte noch eine Sekunde, tat dann so, als wollte er die Pistole tatsächlich zu Boden fallen lassen und riss sie dann urplötzlich in die Höhe.

Kurz hintereinander bellten zwei Schüsse auf.

Der erste kam von Bount und erwischte den Kerl am Arm, dessen Kugel ins Nichts abgelenkt wurde. Jetzt erst fiel die Pistole zu Boden. Der Kerl hielt sich den Arm und fluchte vor sich hin.

"Das wäre nicht nötig gewesen", stellte Bount kühl fest und kam etwas näher, bis die Pistole direkt zu seinen Füßen lag. Bount blickte kurz abwärts. Kaliber acht Millimeter, genau wie bei der Toten in Yonkers.

Bount deutete mit dem Lauf der Automatic auf den Toten.

"Wart ihr das?"

"Nein, er war schon tot! Ich schwör's!", rief der, der sich die Brieftasche genommen hatte. Der andere kämpfte im Augenblick so sehr mit seinen Schmerzen, dass er ohnehin nicht viel hätte sagen können.

"Wenn der Kerl mit der Waffe deines Freundes umgebracht wurde, wird sich das herausstellen!", meinte Bount.

"Die Waffe? Die kommt doch von ihm!" Dabei deutete er auf den Toten. "Schauen Sie ruhig nach! Er trägt unter dem Jackett ein Schulterholster. Die Pistole paßt haargenau hinein!"

Bount streckte die Hand aus.

"Die Brieftasche, wenn ich bitten dürfte!"

Der Kerl warf sie herüber und Bount schnappte sie aus der Luft. Der Inhalt war nicht weiter ungewöhnlich. Führerschein, Kreditkarten, etwas Bargeld. Der Tote hieß Dick Fowler - ein Name, der Bount im Moment noch nichts sagte.

Aber er hätte seinen 500 SL dafür verwettet, dass es sich um den Mann handelte, der ihn unbedingt hatte sprechen wollen. Bount ging zu der Leiche. So ein Schuss in die Schläfe war kein schöner Anblick. Das Gesicht hatte nur noch entfernte Ähnlichkeit mit dem, das in dem Führerschein abgebildet war.

Es war ein kleiner, drahtiger Mann mit einem Lockenkopf.

Bount schlug Mantel und Jackett des Toten zur Seite. Da war tatsächlich ein leeres Holster.

Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die beiden Kerle tatsächlich nur Leichenfledderer und nicht die Mörder.

"Was habt ihr gesehen?", fragte Bount.

"Nichts!", knurrte der Verletzte. Und der andere meinte: "Ich sagte doch, als wir kamen, war schon alles passiert."

"Habt ihr keinen Schuss gehört?"

"Nein."

"Und sonst irgendetwas?"

"Jemand lief weg, jemand der ziemlich elegant gekleidet war und in einen tollen Schlitten stieg."

"Was für ein Schlitten?"

"Ein BMW."

"Nach der Autonummer brauche ich wohl nicht zu fragen..."

"Was denken Sie sich eigentlich! Glauben Sie, wir haben nichts Besseres zu tun, als uns Autonummern zu merken?"

"Na, das würde jedenfalls niemandem schaden!"

Der Verletzte verzog das Gesicht. "Ha, ha, sehr witzig!", knurrte er gallig. Der andere hob ein wenig die Hände und meinte: "Vielleicht können wir uns irgendwie einigen... Ich meine, es ist doch nicht unbedingt nötig, dass Sie uns aufs Revier schleppen und so. Wir könnten..."

"Was war mit der Mann, der davonrannte?", schnitt Bount ihm das Wort ab.

"Wie sah er aus?"

"Er hatte Schlitzaugen. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich dachte mir noch: Der gehört doch eigentlich nicht in diese Straße!"

"Schlitzaugen?"

"Wie ein Chinese!"

Bount bewegte den Lauf seiner Automatic hin und her. "Verschwindet!", meinte er.

Es dauerte eine volle Sekunde, ehe sie begriffen hatten und sich in Marsch setzten.

14

"Dick Fowler...", murmelte Toby Rogers, als er mit seinen Leuten am Tatort war.

"Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor", meinte der dicke Captain nachdenklich. "Verdammt! Ich weiß nur noch nicht, wo ich ihn einordnen soll!"

Bount lächelte dünn.

"Es fällt dir bestimmt wieder ein, Toby!"

Rogers blickte auf. "Wollen es hoffen!"

"Wie wär's, wenn sich deine Leute mal ein bisschen umhören, wem in der Unterwelt etwas Wertvolles abhanden gekommen ist, Toby! Stoff, Schwarzgeld, irgendetwas in der Art."

"Du glaubst, darum geht es?"

"Worum sollte es sonst gehen? Jemand hat die Hand ausgestreckt und konnte nicht nein sagen."

"Du sprichst von der Lady in Yonkers?"

"Vielleicht." Bount deutete auf die Leiche, die gerade hinter einem Spurensicherer verborgen war. "Vielleicht aber auch dieser Dick Fowler."

Rogers nickte. "So könnte es sein."

"Hast du übrigens eine Ahnung, wessen Geld das Round Midnight derartig aufgemöbelt hat?"

"Meinst du diese Kaschemme an der Bowery?"

"Jetzt ist es ein Luxusladen."

"Ich werde mich bei den Kollegen von der Sitte umhören", versprach Rogers. "Ich habe da einige Gerüchte gehört."

Reiniger zog die Augenbrauen hoch. "Was für Gerüchte?"

"Harry Dominguez soll einige alte Schuppen aufgekauft und auf Vordermann gebracht haben. Natürlich über Strohmänner, damit es nicht so auffällt."

Bount pfiff durch die Zähne. "Der Harry Dominguez?"

"Ja, ganz recht", nickte der dicke Captain. Dominguez hatte seine Finger in allem, was profitabel war. Um Gesetze und Menschenleben pflegte er sich dabei weniger zu kümmern. Angeblich war er ein ganz großer Hecht im Drogen-Teich. "Du weißt", fuhr Rogers fort, "Leute wie Dominguez brauchen Orte, an denen sie ihr Geld waschen können... Das Round Midnight kann er dazu so gut wie jeden anderen Laden gebrauchen. Und bei der Richtigen Aufmachung zieht es auch zahlungskräftiges Publikum an. Leute, die Koks nehmen, um 24 Stunden am Tag Geld verdienen zu können, sind eine einträglichere Kundschaft, als arme Junkies vom Straßenstrich."

"Kann ich mir denken."

"Übrigens hat es in einem Schnellrestaurant zwei Tote gegeben." Rogers sah sich den Führerschein von Dick Fowler an. "Der Kerl hier passt genau auf das Phantombild, das jetzt an alle gegangen ist... Einem der Toten hat er das Genick gebrochen. Da gehört schon einiges dazu..."

"Ein Ex-Marine? Fremdenlegionär?"

"Vielleicht. Der andere starb an einer 8-mm-Kugel."

"Ein Kaliber, das in Mode zu kommen scheint", murmelte Bount.

15

Als Bount Reiniger am nächsten Tag Captain Rogers’ Büro aufsuchte, war schon manches klarer.

Rogers machte ein ernstes Gesicht.

"Es gibt paar neue Antworten, die ein paar neue Fragen nach sich ziehen, Bount!"

Bount lachte. "Daran müsstest du dich langsam gewöhnt haben! Schließlich machst du deinen Job ja nicht erst seit gestern!"

Der Police-Captain schüttelte den Kopf. "Es gibt Sachen, an die werde ich mich wohl nie gewöhnen. Zur Sache: Der Mord an der Lady in Yonkers scheint geklärt."

Bount hob interessiert die Augenbrauen. "Hat sich dieser Terrier namens Clarke an die richtige Spur geheftet?"

"Nein, Clarke war wohl völlig auf dem Holzweg. Es war Kommissar Zufall!"

Rogers hob die Waffe, die er vor sich auf dem Schreibtisch liegen gehabt hatte.

Eine 8-mm-Pistole. "Das ist die Waffe von diesem Dick Fowler, der sich gestern mit dir treffen wollte. Und es ist mit hundertprozentiger Sicherheit auch die Waffe, mit der die Frau in Yonkers umgebracht wurde, das haben die ballistischen Tests ergeben!"

Bount zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Lungenzug, bevor er erwiderte: "Aber wir wissen noch immer nicht, wer die Tote eigentlich war, oder?"

"Ich habe vor einer Stunde noch mit Clarke telefoniert. Bis jetzt hat sich kein glaubwürdiger Zeuge gemeldet, der die Frau identifizieren konnte!", Rogers grinste über das ganze Gesicht. "Du scheinst diesem Lieutenant in schlechter Erinnerung geblieben zu sein, Bount!"

"Kunststück!"

Bount stand auf und versuchte nachzudenken. Es musste doch irgendeinen Sinn in diesem Puzzle aus Tod und Unbekannt geben! "Ich hatte dir gestern die Nummer eines schwarzen Mitsubishi gegeben, der mich auf dem Weg zu Dick Fowler verfolgt hat..."

"Gefälscht", sagte Rogers ungerührt.

"Und Fowler? Schon etwas über ihn herausgefunden?"

"Er war bei den Marines und ist rausgeflogen, weil er Armeegut veruntreut hat. Nachher hat er sich als Leibwächter, bei privaten Sicherheitsdiensten, als Rausschmeißer und so weiter durchgeschlagen. Er ist mehrfach wegen Körperverletzung dran gewesen."

"Sein letzter Arbeitgeber?"

Rogers lachte heiser. "Zuletzt ist er vor fünf Jahren straffällig gewesen. Das war drüben in Philadelphia. Seitdem ist er entweder zahm geworden oder hat sich geschickter angestellt." Rogers zuckte mit den Achseln. "Es ist ärgerlich, Bount, aber ich kann es auch nicht ändern: Jede Spur führt konsequent in die Sackgasse!"

Aber Bount schüttelte energisch den Kopf. Das wollte er nicht gelten lassen.

"Wahrscheinlich sind wir nur zu dumm, alles zusammenzubringen oder es fehlt uns das Schlüsselstück zum Ganzen!"

"Deine beiden freundlichen Besucher sind übrigens wieder auf freiem Fuß, Bount!"

"Peters und McCarthy?"

"Ja. Illegaler Waffenbesitz, darauf wird es hinauslaufen. Die Kaution ist lächerlich."

"Und der Mann, der mit Peters' 8-mm-Waffe vor drei Jahren umgebracht wurde?"

"Peters hat die Waffe erst später gekauft."

"Und daran glaubst du!"

"Ja, er saß nämlich zu jener Zeit eine kürzere Haftstrafe ab."

Bount kratzte sich am Ohr. Alles schien ins nichts zu führen.

"June wird die beiden das nächste Mal sicher nicht ins Büro lassen!" Bount seufzte.

"Ich brauche ein Bild von Fowler."

"Warum? Willst du damit hausieren gehen?"

"Ganz recht, Toby."

"Wie wär's, wenn wir uns zusammen aufmachen?"

Aber Bount schüttelte den Kopf. "Das wäre in diesem Fall nicht so gut. Jemandem wie mir erzählt man vielleicht etwas mehr als der Polizei!"

16

Am Abend zog Bount Reiniger noch durch ein paar einschlägige Etablissements an der Bowery und Umgebung und zeigte dort seine Fotos herum. Nicht nur das von Dick Fowler, sondern auch die namenlose Tote aus Yonkers.

Bei Fowler hatte er überhaupt keinen Erfolg. Überall behauptete man, ihn nicht zu kennen, und selbst Leute, die Bount in früheren Fällen schon als Informanten gedient hatten, waren plötzlich sehr schweigsam geworden. Die Yonkers-Leiche hingegen glaubte jemand wiederzuerkennen, aber der Kerl war so betrunken, dass Bount schließlich zu der Überzeugung kam, dass die Erinnerung dieses Mannes doch etwas durch die vielen Drinks gelitten hatte.

Es war schon deutlich nach Mitternacht, als Bount eine kleine, schlecht beleuchtete Nebenstraße passierte, um zu seinem Wagen zu gelangen, den er in der Nähe abgestellt hatte.

Plötzlich hörte er in seinem Rücken ein Geräusch, das langsam anschwoll. Es war ein Motorengeräusch. Irgendein Instinkt bewog Bount dazu, gerade noch rechtzeitig den Kopf zu wenden.

Es war eine dunkle Limousine, die mörderisch beschleunigte und auf ihn zuraste.

Bount wirbelte herum. Das Licht blendete ihn. Er konnte sich nur noch durch einen Sprung auf die Motorhaube retten. Er rollte über das Blech und fiel seitlich herunter, während der Wagen in eine Gruppe von Mülltonnen raste.

Bount sah zu, dass er wieder auf die Beine kam, denn ihm war sofort klar, was hier gespielt wurde. Dies war nichts anderes als ein Mordversuch. Jemand war ihm gefolgt und suchte nun seine Chance.

Der Wagen setzte zurück.

Bount suchte nach einer Möglichkeit, sich zu schützen. Er spurtete zu einem Hauseingang auf der anderen Straßenseite, während er hinter sich die Limousine erneut herankommen hörte.

Es war knapp, aber Bount schaffte es um Haaresbreite in die Nische des Hauseingangs.

Er riss seine Automatic aus dem Schulterholster, feuerte auf die Reifen und traf.

Erst den Rechten, dann den Linken.

Die Limousine raste über den Bürgersteig, schlingerte und blieb dann an einem parkenden Kastenwagen hängen.

Der Fahrer stieg aus. Bount sah ihn nur als Schemen. Ein Mündungsfeuer blitzte in der Nacht und Bount nahm Deckung. Zwei, drei Kugeln wurden in Bounts Richtung geschickt und fuhren allesamt in das Mauerwerk des Türeinganges.

Dann hörte Bount schnelle Schritte. Der Kerl rannte davon.

Bount tauchte indessen geduckt aus der Deckung heraus und hob die Automatic.

"Stehenbleiben!", rief er, bekam als Antwort aber nur einen mehr oder minder schlecht gezielten Schuss.

Bount feuerte zurück, allerdings ebenfalls ohne zu treffen. Der Flüchtende bog um eine Ecke und Bount spurtete ihm hinterher. Als der Privatdetektiv ebenfalls die Ecke passierte, war ihm schon klar, dass er ihn verloren hatte.

Bount blickte die Straße entlang. Parkende Autos zu beiden Seiten und eine ganze Reihe von Diskotheken und Bars. Hier war rund um die Uhr Betrieb. Ein geradezu idealer Ort, wenn man schnell untertauchen wollte. Und in diesem Fall hatte Bount keine Chance. Er wusste ja strenggenommen nicht einmal sicher, ob er nach einem Mann oder einer Frau zu suchen hatte.

Bount steckte seine Waffe zurück ins Schulterholster und ging zurück, um nach dem Wagen zu schauen. Aber große Hoffnungen in Bezug auf Spuren brauchte er sich da auch nicht zu machen. Wahrscheinlich war die Limousine gestohlen.

Irgendjemand hat mich auf seiner Liste!, ging es Reiniger durch den Kopf.

17

Der nächste Tag war nicht so furchtbar wie der vorhergehende. Der Himmel war zwar immer noch grau in grau, aber es regnete wenigstens nicht mehr. Der Mann, der da allein auf der Parkbank saß, hatte sich den Mantelkragen hochgeschlagen.

Vom East River kam ein frischer Wind und er versuchte, sich mit einer Zigarette etwas warm zu halten.

Er wartete.

Mindestens einmal in der Minute schaute er auf die Uhr.

"Tag, Ridley!"

Der Mann fuhr herum. Sein Gesicht entspannte sich ein wenig. "Reiniger! Sie müssen verrückt geworden sein!"

Bount Reiniger lächelte. "Weshalb?"

"Na, halten Sie du es wirklich für eine gute Idee, dich hier im East River Park mit mir zu verabreden?"

"Hätten wir uns vielleicht vor aller Augen auf der Bowery treffen sollen?"

Der Mann, der Ridley hieß, machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Wir hätten uns überhaupt nicht treffen sollen, Reiniger! Ich muss wahnsinnig sein!"

"Und geldgierig!"

Bount hatte plötzlich 500 Dollar zwischen den Fingern. Ridley stierte wie hypnotisiert auf das Geld und nahm es dann, nachdem er sich sorgfältig nach allen Seiten umgedreht hatte.

Ridley war ein Informant, mit dem Bount hin und wieder zusammenarbeitete, sofern es sich anbot. Und in diesem Fall bot es sich an, denn Ridley war für gewöhnlich gut informiert, was die Unterwelt - und speziell die Drogenszene - anging. Wovon er selbst lebte, das wollte Bount gar nicht so genau wissen. Die meisten seiner Unternehmungen befanden sich mit Sicherheit jenseits der Grenze, die das Gesetz zog, ein weiterer Teil lag wohl im schmalen Niemandsland dazwischen.

Aber so viel Geld er auch verdiente, Ridley war es stets noch schneller wieder los, als er es herbeischaffen konnte. Dafür sorgte ein unersättliches Laster. Er zockte.

Für Bount bedeutete das, dass Ridley an einer Mitarbeit immer interessiert war, da er ständig Geld brauchte.

"Was willst du?", fragte er, während Bount sich zu ihm setzte und sich ebenfalls eine Zigarette anzündete.

"Irgendjemandem muss in letzter Zeit etwas Wertvolles abhanden gekommen sein", stellte Bount fest. "Hast du davon etwas gehört?"

"Man hört so manches..."

"Also, du hast..."

"Ich muss auch leben, Reiniger!"

"Verstehe, wie viel willst du?"

Er grinste.

"Du verstehst nicht. Ich will am Leben bleiben! Die Sache, in der du da herum bohrst, ist verdammt heiß!"

"Das habe ich schon gemerkt, als ich versucht habe, aus Willis etwas herauszubekommen..."

Ridley grinste flüchtig. "Wollte nicht mit dir reden, was? Kann ich gut verstehen! Und wenn du mich fragst, ich gebe dir den guten Rat, dich erst einmal ein bisschen zu verdrücken." Er zuckte die Achseln. "Kann doch für dich kein Problem sein! Du hast doch Geld genug! Mach Urlaub in Europa oder auf Mauritius. So weit weg wie nur möglich!"

"Das ist nicht mein Stil, Ridley!"

"Alles andere wäre jetzt reine Dummheit. Reiniger, ich gebe dir diesen Rat völlig kostenlos, aber ich meine es verdammt ernst! Ein Kilo Kokain ist weggekommen. Irgend so ein kleiner Hampelmann wollte schnell Millionär werden... Du hast schon genug Wirbel gemacht, Reiniger! Geh auf Tauchstation!"

Bount machte etwas ganz anders. Er holte die Brieftasche heraus und zeigte Ridley den Stapel mit Scheinen. Große Scheine. Ridley schluckte.

"Wem ist das Kokain abhanden gekommen?"

"Ich habe nur Gerüchte gehört!!"

"Und wie lauten die?"

"Mein Leben ist mir lieb und teuer, Reiniger! Teurer, als du bezahlen kannst!"

"Gut, fangen wir die Sache anders an. Sagt dir der Name Dick Fowler etwas?"

"Leibwächter, Rausschmeißer, vielleicht auch Mörder, das weiß ich nicht. Ein Mann, dem ich immer gerne aus dem Weg gegangen bin. Wie kommst du auf den?"

"Er ist tot."

"Vielleicht bist du der nächste, Reiniger!"

"Soll das eine Warnung sein?"

Er nickte. "Besser, du fasst es so auf und nimmst die Sache ernst. Angeblich sollst du mit der Sache etwas zu tun haben. Mit dem gestohlenen Kokain, meine ich."

"Traust du mir so etwas zu?"

"Darum geht es nicht, Reiniger. Wenn es dir derjenige zutraut, dem das Zeug abhanden gekommen ist, bist du genau so dran wie Dick Fowler."

"Für wen hat Fowler zuletzt gearbeitet?"

Ridley bedachte erst Reiniger, dann dessen Brieftasche mit einem nachdenklichen Blick.

"Das wird teuer!"

"Bedien dich!"

Er griff zu. Dann murmelte er ziemlich leise einen Namen. "Harry Dominguez."

Bingo!, dachte Bount. Langsam begann sich für Bount ein Bild zusammenzusetzen.

Ein Bild, das ihm nicht gefiel, aber jetzt wusste er wenigstens, mit wem er es zu tun hatte.

Bount erhob sich.

"Hat Dominguez zufällig auch das Round Midnight aufgekauft?"

"Er hat Geld hineingepumpt und hat jetzt das Sagen."

"Bis zum nächsten Mal, Ridley!"

18

Harry Dominguez bewohnte ein herrschaftliches, villenartiges Haus, das von einer hohen Mauer umgeben war.

Als Bount Reiniger seinen Mercedes vor dem gusseisernen Tor stoppte, wandte er sich an Captain Rogers, der neben ihm saß. Ohne den dicken Captain hatte er nicht die geringste Chance, überhaupt je zu Dominguez vorzustoßen oder gar in sein privates Refugium eingelassen zu werden. Aber mit einem Captain der Mordkommission, der dazu noch offiziell ermittelte, war das etwas anderes.

"Worauf wartest du, Toby? Sag am Sprechgerät deinen Text auf!"

"Du hast dir mit Harry Dominguez wirklich den Richtigen ausgesucht, Bount! Ihm etwas anzuhängen ist schwerer, als einen Pudding an die Wand zu nageln!"

Bount zuckte die Achseln. "Vielleicht klappt es ja diesmal, Toby! Außerdem habe ich es mir ja nicht ausgesucht."

"Ich weiß."

"Hattest du schon einmal mit Dominguez zu tun?"

"Ich bin ihm mal begegnet, da war ich noch Lieutenant. Er hat schon damals den biederen Geschäftsmann herausgekehrt. Das ist eine Rolle, die er meisterhaft zu spielen versteht, Bount."

Zwei Sekunden später meldete sich am Sprechgerät irgendeine niedere Charge.

Aber als Toby das Wort Kriminalpolizei über die Lippen brachte, war das gusseiserne Tor schon so gut wie geöffnet. Dominguez wollte keine Schwierigkeiten. Und er war sich wohl auch absolut sicher, dass ihm nichts anzuhängen war. Nicht einmal falsches Parken.

Nachdem sie das Tor passiert hatten, stellte Bount seinen Mercedes vor dem protzig wirkenden Portal der Villa ab.

Sie stiegen aus und wurden anscheinend schon erwartet. Ein dunkelhaariger Mann mit asiatischen Gesichtszügen kam die Stufen des Portals herunter.

Sein Anzug war ziemlich enggeschnitten. Für einen Sekundenbruchteil glaubte Bount eine gewisse, charakteristische Ausbuchtung zu sehen, die ein Pistolenholster verriet.

"Sie sagten, Sie sind von der Polizei?", fragte der Asiate.

Toby Rogers hielt seine Marke hoch und nickte.

"Genau so ist es. Wir möchten zu Mister Dominguez."

"In welcher Angelegenheit?"

"Das möchten wir ihm schon selbst sagen, Mister..."

"Tanaka. Wenn Sie mir bitte folgen wollen..."

Dominguez konnte man sicher jedes nur denkbare Verbrechen nachsagen, aber nicht, dass er keinen Geschmack hatte. Seine Villa schien vollgestopft zu sein mit erlesenen Antiquitäten.

"Sind Sie Japaner?", fragte Bount, als Tanaka sie in einen Salon geführt hatte. Die Bilder an den Wänden waren sämtlich Originale. Es war ein Raum, der nicht in erster Linie Reichtum, sondern Kultiviertheit vermitteln sollte.

Tanaka bedachte Bount mit einem nachdenklichen Blick, der schwer zu deuten blieb. Seine dunklen Mandelaugen schienen sich dabei ein wenig zu verengen.

"Meine Eltern waren Japaner, ich bin US-Bürger." Er lächelte geschäftsmäßig und kalt. "Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden. Ich werde Mister Dominguez sagen, dass Sie auf ihn warten!"

Tanaka wandte sich zum Gehen.

Er hatte den Ausgang des Salons schon beinahe erreicht, da fragte Bount ihn: "Wo waren Sie gestern Nachmittag, sagen wir zwischen vier und fünf?"

Tanaka erstarrte mitten in der Bewegung. Es verging ein Moment, eher sich herumdrehte. Mit völlig ausdruckslosem Gesicht erwiderte er dann völlig überflüssiger weise: "Sprechen Sie mit mir?"

"Sehen Sie hier noch jemanden?"

Tanakas Blick ging von Reiniger zu Rogers und wieder zurück. Er atmete einmal tief durch und erklärte dann im Brustton absoluter Überzeugung: "Ich war hier."

"Hier, im Haus von Mister Dominguez?", vergewisserte sich Bount.

"Ja. Ich hatte Dienst."

"Tragen Sie eine Waffe?"

Tanakas Arm spannte sich unwillkürlich an, seine Hand glitt ein wenig höher. Er fühlte sich jetzt sichtlich unwohl in seiner Haut, wollte dies aber um keinen Preis der Welt zeigen. Schließlich nickte er. "Ja, ich trage eine Waffe. Und ich habe dafür auch einen Schein." Er schlug sein Jackett zur Seite und holte Sie heraus.

Bount nahm sie ihm aus der Hand. Es war ein 45er Revolver, Dick Fowler hingegen war mit einer Beretta getötet worden.

Bount roch dennoch am Lauf.

"Hiermit ist vor kurzem geschossen worden", stellte er fest.

"Ich muss im Training bleiben", gab Tanaka zur Antwort. "Sie wissen doch, wie das ist, Sir! So eine Villa übt eine starke Anziehungskraft auf Gesindel aller Art aus!"

Bount gab ihm die Waffe zurück.

Tanaka steckte sie wieder ein und ging.

"Er könnte Fowlers Mörder sein", meinte Bount. Tanaka konnte der Mann mit dem asiatischen Gesicht sein, den die Leichenfledderer hatten weglaufen sehen. Teuer genug war sein Anzug jedenfalls, um in einer solchen Gegend für Aufsehen zu sorgen.

"Du hast seine Waffe gesehen, Bount."

"Er könnte eine andere benutzt haben."

"Ach komm, Bount! Warum glaubst du, dass er es war? Nur, weil er Schlitzaugen hat?"

Bount schüttelte den Kopf. "Nein, weil er in den Diensten von Harry Dominguez steht. Das schafft eine Verbindung zwischen ihm und Fowler. Was glaubst du wohl, auf wie viele Leute in Dominguez' Dunstkreis eine ähnliche Beschreibung passen würde?"

Die beiden Freunde verstummten rechtzeitig, bevor Harry Dominguez das Zimmer betrat. Dominguez war ein sonnengebräunter Mann um die fünfzig, dessen Kopf sicher irgendwann einmal mit schwarzem, lockigem Haar bedeckt gewesen war.

Jetzt war davon das meiste ergraut.

Ein Lächeln stand in Dominguez jovial wirkendem Gesicht, ein Lächeln, bei dem man sich sehr davor hüten musste, nicht darauf hereinzufallen.

Er gab erst Rogers und dann Bount die Hand und erkundigte sich dann, worum es ging. Bount wartete auf Tanaka. Aber der zog es offensichtlich vor, nicht in den Salon zurückzukehren.

"Es geht um Sie, Mister Dominguez", behauptete indessen Captain Rogers gedehnt, obwohl das natürlich nicht ganz stimmte. "Einer Ihrer Angestellten ist gestern tot aufgefunden worden..."

Dominguez machte zunächst ein etwas verdutztes Gesicht und hob dann mit einer hilflosen Geste beide Hände in die Höhe. "Tut mir Leid, meine Herren, aber für mich arbeiten so viele Menschen. Die meisten habe ich nie gesehen..."

"Es handelt sich um Dick Fowler!", warf Bount ein. "Ihren Leibwächter."

Dominguez' Gesicht blieb gelassen. Er schien einen Augenblick lang nachdenken zu müssen und nickte dann. "Ja, richtig", sagte er, "ein Mann namens Fowler hat eine Weile für meine Sicherheit gesorgt."

"Und seit wann nicht mehr?", fragte Rogers.

"Ach, das ist eine leidige Geschichte, besser wir wärmen Sie nicht auf, Lieutenant!"

"Captain!"

"Verzeihung."

"Sagen Sie schon, worum es ging. Zumindest Fowlers Ruf kann es nicht mehr schaden", knurrte Rogers.

Dominguez zuckte mit den Schultern.

"Also gut", sagte er, "ich will ganz offen zu Ihnen sein. Fowler hat geklaut. Sie sehen ja, dass es hier in diesem Haus genug Dinge gibt, die mitzunehmen sich lohnt. Manchmal habe ich auch einiges an Bargeld hier und..."

"Und vielleicht auch ein Kilo Kokain?", warf Bount ein.

Über Dominguez' Gesicht flog ein freudloses, aus Verlegenheit geborenes Lächeln, das nur dazu diente, seinen Ärger zu überspielen. Aber er hatte das gut drauf. Er war ein Mann, der sich hervorragend zu beherrschen wusste, wenn es nötig war.

"Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mister Reiniger. In letzter Zeit besonders oft..."

"Ich hoffe, nur Gutes", meinte Bount.

"Wie man es nimmt, Reiniger. Wo Licht ist, ist immer auch Schatten."

"Wie wahr!" Dominguez wandte sich an Rogers. "Ich möchte die letzten Bemerkungen ihres Freundes einfach mal überhört haben, Captain. Und wenn Sie Ihre Streifen behalten und nicht doch eines Tages wieder Lieutenant oder arbeitslos sein wollen, dann kommen Sie auf diese Sache am besten erst dann wieder zurück, wenn Sie Beweise haben!"

Das war nicht mehr und nicht weniger als eine handfeste Drohung und Rogers verstand sehr genau, was sein Gegenüber damit sagen wollte. Dominguez' Verbindungen reichten weit nach oben. Er hatte Einfluss und Beziehungen und man munkelte, dass vielleicht sogar der eine oder andere Staatsanwalt auf seiner Gehaltsliste stand.

Das war einer der vielen Gründe dafür, dass sich an Dominguez bis jetzt noch jeder die Zähne ausgebissen hatte. Er war einfach nicht zu packen.

"Stimmt es etwa nicht, dass Ihnen ein Päckchen Kokain abhanden gekommen ist?", fragte Bount ungeniert und erntete von Dominguez dafür einen Blick, der soviel sagte, wie: 'Dir wird dein Mut auch noch vergehen, Reiniger!'

"Sie werden nicht im Ernst erwarten, dass ich darauf eine Antwort gebe! Halten Sie sich an die Fakten, nicht an Ihre wilde Fantasie!"

"Nun, Fakt ist, dass Dick Fowler nach einem gewissen Päckchen suchte, als er mich kurz vor seinem Tod anrief. Ein Päckchen, das sehr wertvoll sein muss und das er sich von dem Gehalt, das Sie ihm gezahlt haben, bestimmt nicht leisten konnte..."

Dominguez verzog das Gesicht. Er deutete mit dem Daumen auf Rogers. "Wenn ich Police-Captain wäre, würde mich die Frage interessieren, weshalb er dann ausgerechnet Sie angerufen hat! Vielleicht wäre da eine kleine Durchsuchung angebracht!" Einen Augenblick lang blickte er noch auf Bount Reiniger, dann funkelte er Rogers an. "Stattdessen belästigen Sie mich und stehlen mir meine wertvolle Zeit!"

"Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, Mister Dominguez!", dröhnte der dicke Rogers zurück. "Bis jetzt hat Sie noch niemand angeklagt. Wir versuchen nur, den Tod Ihres Ex-Leibwächters aufzuklären!"

"Ach, und was hat dann Ihr Freund Reiniger getan?"

"Er hat eine Hypothese aufgestellt. Vielleicht haben Sie ja eine Bessere. Wer könnte Fowler Ihrer Meinung nach auf dem Gewissen haben?"

"Soll ich vielleicht auch noch Ihre Arbeit machen? Kommt nicht in Frage!"

Rogers nahm auf einem der zierlichen Stühle Platz, die aussahen, als hätten sie ein Vermögen gekostet. Für einen so massigen Mann wie Rogers war das sicher nicht das geeignete Sitzmöbel, aber Robusteres gab es in diesem Raum nicht.

Dominguez baute sich zu einer imposanten Pose auf und meinte: "Hören Sie, ich weiß, dass Dick Fowler kriminell gewesen ist. Ich hatte ihm eine Chance geben wollen, er hat sie nicht genutzt. Alles weitere interessiert mich nicht. Das Kapitel ist für mich damit abgeschlossen. Und zwar endgültig. Wenn sie mich jetzt entschuldigen würden. Mister Tanaka wird Sie hinausbegleiten..."

Harry Dominguez drehte sich auf dem Absatz herum und wollte schon durch die Tür verschwinden, da hielt Reinigers Stimme ihn zurück. "Einen Moment noch!", rief ihm der Privatdetektiv hinterher. Dominguez drehte sich herum und hob die Augenbrauen.

"Was gibt es noch?"

"Ich möchte, dass Sie sich noch etwas ansehen!" Bount holte das Zeitungsbild der Yonkers-Leiche heraus, trat nahe an Dominguez heran und hielt es ihm unter die Nase. Dominguez sah nur ganz kurz hin oder besser: Er schielte für einen Sekundenbruchteil auf das Foto.

"Kennen Sie die Frau?"

"Nein."

"Sehen Sie sie sich doch einmal richtig an!"

"Ich sagte, dass ich sie nicht kenne. Das ist doch wohl genug, oder?"

"Wie Sie meinen."

Bount tat das Bild wieder beiseite und dachte: Der Kerl hat sie wiedererkannt! Wenigstens etwas, was bei der Sache herausgekommen ist!

19

Harry Dominguez trat an Fenster und blickte hinaus in den Garten. Er sah, wie Reiniger und Rogers in den Mercedes 500 SL stiegen und davonfuhren.

Dominguez steckte sich eine Havanna an und nahm einen tiefen Zug. Das beruhigte ihn ein bisschen. Seine Gedanken wurden klarer. Wenig später hörte er, wie Tanaka in seinem Rücken auftauchte.

Dominguez drehte sich nicht um.

"Wir müssen sehen, dass unser Problem jetzt endlich gelöst wird!", schimpfte er. "Und zwar sehr schnell!"

"Sie sollten sich keine Sorgen machen, Mister Dominguez", meinte Tanaka. "Wenn die etwas gegen Sie in der Hand hätten, wären sie ganz anders aufgetreten. Aber sie haben nichts."

"Ich weiß. Und ich hoffe, dass das so bleibt."

Tanaka kam näher heran und trat neben seinen Boss, der noch immer aus dem Fenster sah.

"Wie wär's, wenn wir die Angelegenheit erst einmal eine Weile ruhen lassen, Boss?"

Dominguez blies den Rauch seiner Havanna in einer langgezogenen Wolke aus dem Mund und schüttelte den Kopf. "Nein", meinte er. "Das kommt nicht in Frage! Dann verliere ich das Gesicht - und vielleicht noch mehr. Jeder wird dann denken, dass er mit mir machen kann, was er will!"

"Ich glaube nicht, dass dieser Reiniger wirklich den Stoff hat", meinte Tanaka im Brustton der Überzeugung. "Sonst hätte er nie und nimmer die Polizei eingeschaltet."

Aber da konnte Dominguez nur lachen. "Dieser fette Captain wäre nun wirklich nicht der Erste, der für einen Freund beide Augen zudrückt. Vielleicht hängt er sogar mit drin in der Sache! Im übrigen geht es auch gar nicht in erster Linie um den Stoff. Es ist mir ziemlich gleichgültig, wer ihn hat..."

"Fowler hatte ihn jedenfalls nicht."

"Nicht mehr, meinst du wohl."

Tanaka nickte. "Ja."

Dominguez drehte sich nun zu Tanaka herum und musterte ihn kritisch.

"Ich hoffe nicht, dass du je auf ähnliche Gedanken kommst!", knurrte er mürrisch.

"Ich bin ja nicht lebensmüde!"

Dominguez lächelte. "Siehst du, genau das ist der Grund, warum die Sache keinen Aufschub duldet! Sonst kommen Leute wie du auf dumme Gedanken, Tanaka!"

Tanakas Gesicht blieb unbeweglich.

"Dieser Reiniger weiß, dass ich Fowler erledigt habe. Schließlich hat er mich darauf angesprochen."

Dominguez' Augen wurden zu engen Schlitzen. "Woher kann er das wissen? Hat dich jemand gesehen?"

"Keine Ahnung."

"Du wirst schon eine Lösung für das Problem finden, Tanaka. Davon bin ich überzeugt!"

20

"Dominguez kannte das Mädchen", meinte Bount Reiniger an Rogers gewandt, der noch auf einen Sprung in Reinigers Office in der 7th Avenue gekommen war. "Das ist für mich so sicher wie das Amen in der Kirche!"

Rogers hob die Schultern.

"Und was bitte schön bedeutet das? Der Mörder der Yonkers-Toten ist Dick Fowler gewesen, nicht Dominguez und seine Leute. Und außerdem wissen wir nach wie vor noch nichts über die Identität des Mädchens."

"Wenn Dick Fowler tatsächlich seinen Chef um ein Kilo Kokain erleichtert hat, dann könnte die junge Lady seine Komplizin gewesen sein", schlug Bount vor.

"Und warum sollte Fowler sie dann umbringen?", dröhnte Rogers.

Bount zuckte die Achseln. "Vielleicht wollte er nicht teilen."

"Alles Theorie, Bount. Beweisen können wir davon gar nichts."

"Ich weiß."

"Ich bin ja nun nicht erst seit gestern beim Police-Department und ich habe gesehen, wie andere Abteilungen sich an Dominguez die Zähne ausgebissen haben. Speziell die Sitte. Es hat sich niemand gefunden, der bereit war, vor Gericht gegen ihn auszusagen. Selbst wenn wir also etwas Handfestes in den Händen hätten, könnten wir damit vermutlich wenig anfangen!"

Jetzt schaute June March durch die Tür.

"Bount, da ist ein Anruf, der sehr merkwürdig ist. Eine junge Frau, die ihren Namen nicht nennen will..."

Bount hob die Augenbrauen.

"Stell sie durch!"

"Schon geschehen. Ich werde das Gespräch aufzeichnen." Bount nahm seinen Hörer. "Hallo?"

"Spreche ich mit Mister Reiniger?" Die Stimme klang seltsam vertraut. So vertraut, dass es Bount einen Stich versetzte.

"Ja, hier ist Reiniger", murmelte er.

"Sie müssen mir helfen!"

"Wer sind Sie?"

"Erinnern Sie sich nicht? Wir sind uns im Central Park begegnet. Sie haben mich vor diesen Kerlen gerettet."

"Ich dachte, ich hätte Sie in einem Leichenschauhaus gesehen."

"Bount, da draußen ist jemand, der mich umbringen wird!"

"Wo sind Sie?"

Sie nannte ihm eine Adresse in Spanish Harlem. Ein Hotel oder zumindest etwas, das sich so nannte.

"Was soll ich tun?", fragte sie, völlig verzweifelt. Was immer sie sonst auch über sich erzählt hatte - viel war es ja nicht gewesen - ihre Verzweiflung schien Bount zumindest echt zu sein.

"Schließen Sie Ihr Zimmer ab und lassen Sie niemanden herein", riet Bount, obwohl er wusste, dass das auch nicht viel nützen würde. "Ich bin gleich da!"

"Was ist los?", wollte Rogers wissen, als Bount aufgelegt hatte und die Ladung seiner Automatic kurz überprüfte.

"Scheint, als wäre die Frau aus Yonkers aus dem Jenseits aufgetaucht! Jedenfalls gibt es was zu tun!"

21

Bount ließ den 500 SL auf Hochtouren laufen, soweit dies der Stadtverkehr zuließ.

Und Rogers orderte per Funk einige Streifenwagen nach Spanish Harlem.

Die Adresse war leicht zu finden. Ein billiges Stundenhotel, an dessen Rezeption ein hohläugiger Latino saß, der behauptete, kein Englisch zu verstehen.

Bount hielt ihm das Bild der Toten aus Yonkers unter die Nase.

"No he visto esa mujer!", behauptete er mit reicher Gestik, ohne wirklich hinzusehen.

"Welche Nummer!", zischte Bount ungeduldig. "Que numero?"

Als Toby Rogers ihm seine Marke auf den Tisch legte, wurde er blass. Vielleicht war er illegal hier oder es gab noch irgendeinen anderen Grund, aus dem eine Polizei-Marke ihm Schrecken einjagte. Jedenfalls wurde er sofort auskunftsfreudiger. "Numero ocho", murmelte er und deutete die Treppe hinauf.

Nummer acht. Bount holte die Automatic heraus und spurtete die Treppe hinauf.

Dann ging es den Flur entlang.

Vor der Nummer acht stand ein Mann im hellen Regenmantel, der sich an der Tür zu schaffen machte. In der Rechten hielt der Kerl eine Pistole mit Schalldämpfer.

Bount stoppte, während der Killer herumwirbelte und sofort schoss. Es machte 'Plop!', ein Geräusch, das fast so klang, als würde jemand niesen. Bount ließ sich zur Seite fallen, während das Projektil über ihn hinwegschoss, um dann am Ende des Flurs die Tapete von der Wand zu kratzen. Noch im Fallen ballerte Bount zurück und erwischte den Killer an der Seite. Der Kerl wurde rückwärts gegen die Tür gerissen. Sein heller Mantel färbte sich rot, während er erneut den Arm hochriss und seine Waffe auf Bount richtete.

Bount rollte sich am Boden herum und wollte seine Automatic ebenfalls in Anschlag bringen. Aber er kam nicht mehr dazu. Ein Schuss krachte und traf den Killer mitten in der Brust, ließ ihn mit dem Rücken gegen die Tür des Hotelzimmers fallen und an dieser zu Boden rutschen. Seine Augen blickten starr und tot geradeaus.

Bount rappelte sich hoch und blickte zurück.

Es war Toby Rogers, der den letzten Schuss abgegeben hatte. Der dicke Captain war vom Treppensteigen noch ganz außer Atem.

"Danke", sagte Bount. "Das war knapp."

"Es hat eben doch seine Vorteile, dass wir unterschiedliche Sprintgeschwindigkeit haben, Bount!", erwiderte der Dicke, nachdem er wieder zu Atem gekommen war.

Bount behielt die Automatic in der Hand und stellte sich neben die Tür.

"Machen Sie auf!", rief er "Ich bin's! Reiniger!"

Ein paar Augenblicke lang geschah gar nichts. Nicht die geringste Bewegung war auf der anderen Seite der ramponierten Holztür zu hören, auf der kaum noch Lack war.

Dann wurde das Schloss herumgedreht.

Die Tür ging einen Spalt breit auf und zwei dunkle Augen blickten misstrauisch hervor. Dann öffnete sie die Tür ganz. Ihre Augen verrieten eine deutliche Spur von Entsetzen, als ihr die Leiche des Killers auf diese Weise ein Stück entgegenrutschte.

"Er wollte mich umbringen", flüsterte sie und Bount nickte.

"Ja. Haben Sie eine Ahnung, wer ihn geschickt haben könnte?"

"Nein."

"Wollen Sie mich zum Narren halten?"

"Ich weiß nichts! Ich weiß überhaupt nichts." Sie deutete auf Toby Rogers. "Wer ist das?"

"Ein Captain der Mordkommission."

Das schien für sie wie ein Schlag vor den Kopf zu sein und ihr absolut nicht zu gefallen. Rogers beugte sich indessen über den Toten und durchsuchte dessen Taschen. Aber er fand nichts, was etwas über seine Identität aussagen konnte. "Wir haben sein hübsches Gesicht sicherlich in unserer Fotosammlung", meinte er.

Von draußen waren Sirenen von Polizeiwagen zu hören und wenig später tauchten ein paar Uniformierte auf. Rogers zeigte ihnen seine Marke und wies sie an, jemanden von der Spurensicherung zu holen.

"Der Kerl hat mich schon den ganzen Tag verfolgt", berichtete die junge Frau. "Ich dachte schon, dass ich ihn abgehängt hätte. Aber das war ein Irrtum..."

Indessen legte Bount der jungen Frau einen Arm um die Schulter und führte sie von dem toten Killer weg in das schäbige Hotelzimmer hinein.

"Ich bin Ihnen schon wieder zu Dank verpflichtet, Bount!", meinte sie.

"Wie wär's, wenn Sie mir jetzt langsam Ihren Namen sagen würden."

Sie musterte Bount mit ihren ausdrucksstarken, dunklen Augen. Eine hübsche Frau, ging es Bount durch den Kopf. Aber eine, bei der man aufpassen musste, um nicht unversehens über den Tisch gezogen zu werden. "Ich heiße Teresa", sagte sie.

"Und weiter?"

"Marquez."

"Mexiko? Puertorico?"

"Spielt das eine Rolle?"

"Was weiß ich! Wenn Sie am Leben bleiben wollen, spielt alles eine Rolle!" Bount ahnte, was in ihrem hübschen Kopf vor sich ging. Sie dachte, jetzt, da der Killer tot war, könnte sie genau so weitermachen wie bisher. Aber das kam nicht in Frage.

Jetzt war es für sie an der Zeit, endlich auszupacken. "Wo ist das Päckchen?", fragte Bount und sie blickte ihn mit bleichem Gesicht an.

"Welches Päckchen?"

"Wenn Sie mir so dumm kommen, ist es vielleicht das Beste, ich überlassen Sie Harry Dominguez."

Sie wurde noch bleicher.

"Sie wissen also Bescheid...", murmelte sie schluckend. Bount gab dazu keinen Kommentar. Es war das Beste, sie erst einmal im Unklaren darüber zu belassen, wie viel er wirklich wusste.

Es war ja wenig genug.

Bount zog die Augenbrauen in die Höhe. "Also?" Er machte den Kleiderschrank auf. Es war nichts darin, außer ihrem Regenmantel. Ansonsten schien sie kein Gepäck zu haben. Nur eine Handtasche, die sie mit beiden Händen umklammerte.

Bount riss sie ihr aus der Hand.

"Was fällt Ihnen ein!"

Anstatt eine Antwort zu geben, öffnete Bount die Tasche und wühlte sie durch. Er fand einige tausend Dollar an Bargeld, ein paar Papiertaschentücher, etwas Parfum, eine Zahnbürste und noch einige weitere Kleinigkeiten...

Bount tastete noch das Innenfutter ab, aber ein Kilo Koks befand sich dort auf keinen Fall.

Teresa trat nahe an Bount heran "Halten Sie mich wirklich für so dumm, das Zeug hier in diesem Zimmer zu haben", flüsterte sie.

"Sie waren ja auch dumm genug, es zu stehlen!"

Sie warf den Kopf in den Nacken und strich sich eine Strähne ihrer dunklen Haare aus dem Gesicht. "Können wir uns nicht irgendwo anders über die Sache unterhalten?"

"Glauben Sie, Sie schaffen es, ohne die Polizei am Leben zu bleiben?"

Sie trat noch näher an Bount heran. Ihr Parfum war sehr dezent. Sie roch gut und sie wusste, wie man mit den Wimpern aufschlagen musste, um auf Männer Eindruck zu machen. "Wenn Sie mir helfen, Bount..."

"Ich habe mich inzwischen selbst ziemlich unbeliebt bei den Brüdern gemacht..."

"Aber doch nicht meinetwegen!"

"Ich wüsste keinen anderen Grund!"

"Das tut mir Leid."

"Das braucht es nicht. Mir reicht es schon, wenn Sie Ihre Karten auf den Tisch legen. Dann enden Sie und ich vielleicht nicht mit einer Kugel in der Schläfe - wie Dick Fowler." Bount gab ihr die Tasche zurück. "Vielleicht sollten wir wirklich an einem anderen Ort unterhalten", meinte er dann. "Geben Sie Rogers Ihre Personalien. Sind Sie immer noch eine Illegale?"

"Nein. Es ist alles in bester Ordnung. Die Leute, für die ich gearbeitet habe, hatten immer vorzügliche Beziehungen."

"Na, dann wird es ja keine Probleme geben."

22

Bount glaubte, dass er vielleicht mehr aus Teresa herausbekommen konnte, wenn er sie allein in die Mangel nahm. Herumstehende Polizisten und ein dröhnender Captain Rogers konnten da nur stören.

Rogers begriff das sofort und legte Bount daher keinen Stein in den Weg.

Schließlich wusste er, dass er sich Bount absolut verlassen konnte.

Teresa hatte allen Grund, vorsichtig zu sein, was die Polizei anging. Der Besitz eines Koks-Kilos war ja schließlich keine Kleinigkeit - allerdings hatte man es bis jetzt ja nicht bei ihr gefunden. Und wahrscheinlich träumte Teresa Marquez nach wie vor davon, als dem kleinen Päckchen doch noch Geld machen zu können...

Dieser Gedanke stand ihr förmlich auf der Stirn geschrieben - aber das konnte sie sich abschminken.

"Den Killer habe ich zum ersten Mal in der U-Bahn gesehen", erzählte sie noch während der Autofahrt. "Ich musste mir ein paar neue Sachen kaufen. Wenn man so ohne Gepäck reist... Sie verstehen sicher!"

"Sie haben Glück gehabt!", meinte Bount.

"Ich dachte schon, ihn los zu sein, da taucht er plötzlich in einer Seitenstraße wieder hinter mir auf und hat auf mich geschossen. Ich bin um mein Leben gerannt, Bount!"

"Auf die Dauer werden sie nicht schnell genug rennen können, Teresa. Ich hätte übrigens schwören können, Sie schon einmal mausetot im Leichenschauhaus von Yonkers gesehen zu haben!"

Sie lächelte traurig.

"Das war meine Zwillingsschwester Isabel." Einige Tränen liefen ihr unwillkürlich über das feingeschnittene Gesicht. Sie suchte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch und fand es schließlich auch.

"Etwas in der Art habe ich mir schon gedacht", meinte Bount. "Wie wär's, wenn Sie mir die ganze Story mal von Anfang an erzählen würden!"

Sie wirkte plötzlich in sich gekehrt und nachdenklich. Ihr Blick ging aus dem Seitenfenster des Mercedes ins Nichts.

"Was wollen Sie wissen?"

"Zum Beispiel, wie Sie an Dominguez geraten sind!"

"Sehen Sie, vor drei Jahren sind meine Schwester und ich nach New York gekommen. Ein Schlepper hat uns von Venezuela hierher geschleust, und an verschiedene Nachtclubs vermittelt. Ein Zwillingspaar - manche Leute stehen auf so etwas, Bount. Verstehen Sie, was ich meine?"

"Ich denke schon."

"Irgendwann trafen wir dann in einem dieser Clubs auf Harry Dominguez und seinen Leibwächter..."

"Dick Fowler!"

"Ja."

"Stand Dominguez auch auf Zwillinge?"

"Er war ganz verrückt nach uns."

"Und wann sind Sie und Ihre Schwester dann auf die Idee gekommen, den großen Boss zu beklauen?"

Sie schüttelte den Kopf. "Es war nicht unsere Idee, sondern Fowlers. Für uns war Dominguez ein Kunde wie jeder andere, allerdings einer, mit dem sich viel Geld verdienen ließ, wenn wir ihn nachher noch in seine Villa begleiteten. Aber eines Tages kam Fowler dann mit seinem Vorschlag. Wir hatten keine Ahnung, einen Drogenbaron vor uns zu haben, aber es war uns schon klar, um was für Dollar-Beträge es da geht. Als Dominguez dann eine Lieferung im Haus hatte, meinte Fowler, dass die Gelegenheit da wäre, mit einem Schlag ein Vermögen zu machen. Reiner Stoff, verstehen Sie! Was glauben Sie, was sich aus einem Kilo machen lässt, wenn man es richtig zu verlängern weiß! Der Plan war, dass wir den großen Boss so ablenken, dass Fowler freie Hand bekam. Fowler wollte jeder von uns Zwanzigtausend geben." Sie atmete tief durch und fragte dann: "Haben Sie eine Zigarette für mich, Bount?"

"Sicher." Reiniger gab ihr eine von seinen und gab ihr auch Feuer. "Die Story ist sicher noch nicht zu Ende, oder?"

Teresa Marquez schüttelte den Kopf.

"Sie haben recht", murmelte sie mit belegter Stimme und seufzte dann wie jemand, der die Zeit gerne zurückdrehen würde. "Wir dachten, wir wären besonders schlau."

"Sie haben versucht, Fowler ebenfalls auf Kreuz zu legen, nicht wahr?", schloß Bount.

Sie nickte. "Es hat sogar geklappt. Wir haben ihm was in den Drink getan und sind dann mit dem Stoff auf und davon. Irgendwann haben wir uns dann getrennt. Zwillinge sind relativ auffällig, wissen Sie."

"Kann ich mir denken! Und damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt. Dem Stoff."

"Ich sagte doch, ich habe ihn nicht."

"Sie sagten, Sie hätten ihn nicht in Ihrem Hotelzimmer!"

"Bount, was soll die Haarspalterei?"

"Das wissen Sie genau!"

"Sie geben nicht auf, was?"

Bount zuckte mit den Schultern und erwiderte: "Wenn es nur um Ihr Leben ginge, dann wäre es mir vielleicht gleichgültig, ob Sie sich bei Harry Dominguez anstellen, um eine Kugel in den Kopf zu bekommen."

Sie verzog das Gesicht. "Ich dachte, Sie wären ein knallharter Bursche! Haben Sie so große Angst? Am Montag im Central Park haben Sie mir einen anderen Eindruck gemacht."

"Ich lebe gerne, wenn Sie es genau wissen wollen. Aber lassen wir mich mal außen vor, Teresa. Ich finde, es sind schon genug Leute wegen dieses Päckchens gestorben - von denen, die es konsumieren und langsam daran zu Grunde gehen werden, gar nicht zu reden!"

Sie schwieg, bis sie in der 7th Avenue waren und Bount den Mercedes irgendwo in der Nähe der Agentur abstellte. Bount schnallte sich ab und Teresa meinte: "Sie müssen mir helfen unterzutauchen, Bount!"

"Sie wollen wirklich mit aller Gewalt eine Kugel in den Kopf bekommen, nicht wahr?"

"Wenn Sie mir helfen, habe ich eine Chance!"

"Nein. So tief können Sie gar nicht tauchen, dass Dominguez Sie nicht aufspürt."

"Einer wie er kann den Verlust von einem Kilo doch wettmachen. Das wird ihm nicht das Rückgrat brechen!"

"Doch genau das wird es, Teresa. Es ist wie in einem Wolfsrudel: Wenn die Meute mitkriegt, dass der Leitwolf nicht mehr stark genug ist, um sich durchzusetzen, dann fängt die Meute an, über ihn herzufallen. Dominguez kann Sie unmöglich davonkommen lassen, Teresa. Und er wird Sie überall aufspüren."

"Ich biete Ihnen die Hälfte, Bount!"

"Von dem Kokain?"

"Ja."

"Vergessen Sie's!"

Ihre Hand langte nach dem Türgriff und öffnete. Sie wollte aussteigen.

"Wenn Sie jetzt gehen, dann garantiere ich Ihnen, dass man spätestens in einer Woche auch Ihr Bild in der Zeitung sieht. Wenn überhaupt! Vielleicht hängt man Ihnen auch einfach ein Gewicht um den Hals und lässt Sie auf dem Grund des Hudson verwesen..."

Sie blickte Bount an, schien ein paar Sekunden lang zu überlegen und schlug die dann wieder zu.

"Okay", sagte sie. "Sie sind Profi, Bount. Wenn Sie einen besseren Vorschlag haben, dann sagen Sie ihn mir. Ich werde ihn mir zumindest anhören!"

"Zu gütig!"

"Wissen Sie, wo ich herkomme? Aus einer Siedlung am Rande von Caracas, die aus Wellblechhütten besteht. Mit diesem Päckchen hätte ich ausgesorgt. Selbst die Hälfte würde für meine Ansprüche noch gut ausreichen..." Ihr Blick ruhte einen Moment auf Bount. Dann fragte sie: "Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun?"

"Geben Sie den Stoff mir."

"Damit Sie tun, wovon Sie meinen, dass ich es nicht schaffe?"

"Soviel Geld kann mir niemand bezahlen! Nein, darum geht es nicht."

"Worum dann?"

"Wir müssen Dominguez und seiner Bande eine Falle stellen, bevor sie uns umlegen. Eine andere Wahl haben wir nicht."

"Wie soll die Falle aussehen?"

"Das weiß ich noch nicht. Aber mir wird schon was einfallen."

"Und was hat das mit dem Stoff zu tun?"

"Wir brauchen einen Köder. Irgendetwas, das wir Dominguez anbieten können!"

Sie schwieg und schien mit sich zu kämpfen. Aber sie hatte nur eine Chance und Bount hoffte, dass ihr das langsam dämmerte. "Was ist mit Ihrem Freund, dem dicken Captain?"

"Rogers? Nun, ganz allein werden wir die Sache nicht durchziehen können."

"Jemand, der ein Kilo Koks besitzt, wird als Dealer angesehen. Man wird mich einlochen und später ausweisen."

"Wenn Dominguez Ihretwegen in den Bau wandert, wird es keine Schwierigkeit sein, mit der Staatsanwaltschaft zu verhandeln. Da bin ich mir sicher! Außerdem hat Sie bis jetzt noch kein Polizist mit dem Stoff aufgegriffen."

"Die Polizei muss draußen bleiben, Reiniger! Das ist meine Bedingung!"

Bount seufzte und schüttelte den Kopf. "Sie haben Sorgen, Lady! Aber wie Sie wollen..."

"Geben Sie mir Ihr Wort!"

"Meinetwegen! Und wo ist nun das Zeug?"

"In einem Schließfach. Fahren wir hin?"

Bount schüttelte den Kopf.

"Ich werde hinfahren, Sie bleiben derweil bei meiner Assistentin in der Agentur. Geben Sie mir den Schlüssel."

Sie verzog das Gesicht. "Und woher weiß ich, dass Sie mich nicht doch hereinlegen, Bount?"

"Sie wissen es nicht. Sie müssen einfach wählen, wem Sie mehr trauen. Ihren eigenen Fähigkeiten oder meinen!"

23

Der Schlüssel, den Teresa Bount gegeben hatte, gehörte zu einem Schließfach am John F. Kennedy-Airport und genau dorthin machte er sich nun auf den Weg. Er musste sichergehen, dass die junge Frau ihn nicht schlicht und einfach anschmierte.

Er traute ihr mittlerweile alles zu. Je selbstmörderischer eine Dummheit war, desto größer schien die Chance, dass Teresa sie auch beging.

Bount blickte immer wieder in den Rückspiegel, aber es verfolgte ihn niemand. Die gut dreißig Kilometer zwischen Midtown Manhattan und dem John F. Kennedy-Airport schaffte Bount in etwas weniger als einer Dreiviertelstunde, was - gemessen am Verkehr - kein schlechtes Ergebnis war. Schließlich hatte er sogar noch Glück bei der Parkplatzsuche und stand bald darauf vor einer Wand mit Schließfächern.

Bount wartete einen Augenblick ab, in dem etwas weniger Betrieb war.

Er suchte sich die entsprechende Nummer heraus und öffnete es. Da war wirklich ein Päckchen. Bount riss es auf. Es war voll kleiner, durchsichtiger Plastikbriefchen, in denen sich ein weißes Pulver befand. Bount steckte eines der Briefchen in die Hosentasche, packte den Rest zusammen und steckte das Päckchen in ein anderes, noch freies Schließfach.

In seinem Rücken hörte er dann Stimmengewirr. Als er den Kopf ein paar Grad zur Seite drehte, sah er eine Gruppe japanischer Touristen, die sich in Anmarsch auf die Schließfächer befanden.

Gerade noch gutgegangen!, dachte Bount, während er die Schlüssel beider Fächer nacheinander abzog und einsteckte. Zur gleichen Zeit hatten die ersten Japaner bereits die Wand erreicht und holten Ihr Gepäck heraus.

Bount wandte sich ab und ging davon. Er ließ den Blick über die Menschenmassen gleiten, die die riesige Halle erfüllten und in unregelmäßigen Wellen in die eine oder andere Richtung strömten, je nachdem, welcher Flug grade aufgerufen wurde.

Es schien, als hätte ihn niemand beschattet.

Bount war schon fast an einem der Ausgänge, da sah er einen alten Bekannten. Es war niemand anderes als Jim Lacroix, wie üblich in Rollkragen-Pullover und Jackett. Den Mantel hatte er locker über den angewinkelten Arm geworfen.

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich und Bount fragt sich, ob es wohl wirklich ein Zufall war, dass er den Dealer hier und jetzt traf.

Ein flüchtiges Grinsen ging über seine Lippen.

"Tag, Reiniger!", meinte er, nicht ohne einen unangenehmen, triumphierenden Unterton. Aber das war nur Oberfläche. Bount hatte es nie deutlicher gespürt, als in diesem Augenblick! Mit Lacroix war etwas geschehen. Seine selbstsichere Arroganz schien nur noch Maske zu sein; in Wahrheit hatte er Angst. "Nanu, wo geht die Reise denn hin, Lacroix?", erkundigte sich Bount und trat näher an den Dealer heran. Dabei ließ er den Blick kurz umherschweifen, um zu sehen, ob Lacroix in der Nähe vielleicht einen Gorilla lauern hatte.

Aber dem war nicht so. Er schien allein verreisen zu wollen.

Sein Grinsen wurde ziemlich breit.

"Das möchten Sie wohl gerne wissen, was?"

"Darf ich raten? Rio? Acapulco?"

"Sonnig und weit weg! Warum nicht, Reiniger?"

"Wird es Ihnen nicht schon in New York zu heiß?"

"Ach, hören Sie auf!"

"Glauben Sie vielleicht, dass die Zeugin, die Sie unter Druck gesetzt haben, vielleicht doch noch auspackt und man Sie wegen Mordes vor Gericht stellt!"

Bount lächelte dünn. "Vielleicht sollten Sie ihr mehr zahlen, dann könnten Sie ruhiger schlafen!"

Details

Seiten
0
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910988
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370175
Schlagworte
august krimi bibliothek seiten thriller spannung

Autoren

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Titel: Die August Krimi Bibliothek 2017 - 1603 Seiten Thriller Spannung