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Roy Hunter - Der einsame Reiter

Western

2017 120 Seiten

Leseprobe

ROY HUNTER - DER EINSAME REITER

JOACHIM HONNEF


Roman



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von C.M. Russel mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

Originaltitel: Der Einzelgänger

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:


Vom Hass auf den Mörder seines Bruders getrieben, streift er wie ein ruheloser, einsamer Wolf durch das Land. Er kennt nur ein Ziel – Rache …

Als er den sterbenden John Collin findet, stirbt mit diesem auch sein Hass. Er erfährt Dinge, die er nicht hören möchte und macht sich nach dessen Tod auf die Suche nach Johns Mördern. Was er jedoch noch nicht weiß ist, dass er damit auf ein Wespennest stößt …

Banditen überfallen die Bank und rauben sie aus. Die Situation gerät außer Kontrolle, Menschen werden getötet, liegen im Dreck auf der Straße. Eine Belohnung zur Ergreifung der Täter wird ausgesetzt. Ein Suchtrupp verfolgt ihre Spur, auch Roy Hunter macht sich auf die Suche. Doch er arbeitet allein, bleibt wie ein Raubtier im Hintergrund verborgen, um im richtigen Moment zuzuschlagen. Gelingt es ihm? Oder sind andere listiger oder gar schneller, denn es gibt jemand, der die alleinige Macht über Winfield erlangen möchte …




Roman



Pfoten hoch, sonst knallt’s!“

John wusste, dass er keine Chance hatte. Die Kerle hatten ihn überrascht.

Vier Männer. Raue, abgerissene Typen. Die harte Sorte vom rauchigen Trail.

Zwei hielten ihre Spencer-Gewehre auf ihn gerichtet. Der dritte zielte mit zwei Revolvern auf Johns Magengrube. Der vierte kramte in den Satteltaschen des Braunen, den John am Ufer des kleinen Creeks zwischen einer Baumgruppe festgebunden hatte.

Langsam hob John die Hände.

Was soll das?“, fragte er mit ruhiger Stimme, obwohl er die Antwort schon wusste. Die Kerle hatten sich nicht an ihn herangeschlichen, um mit ihm zu palavern.

Der Mann mit den zwei Revolvern lachte. Er war der Wortführer der Banditen. Ein großer Mann, ebenso groß wie John, mit bulliger Statur und einem üppig wuchernden, schwarzen Bart.

Ein bisschen Gymnastik kann nie schaden“, erklärte er grinsend. „Höher mit den Fingern!“

Er wartete, bis John gehorchte. Dann gab er einem seiner Kumpane einen Wink.

Der Bandit, ein junger, schlaksiger Bursche, trat von hinten an John heran und zog ihm den Peacemaker aus dem Holster. Er steckte Johns Waffe in den Hosenbund und glitt wieder zwei Schritte zurück.

Gut, Kiddy“, sagte der Bärtige zufrieden. Sein Blick schien John abzutasten. „Fremd in dieser Gegend?“, fragte er lauernd.

John dachte an das Geld in den Taschen seiner Lederjacke, und das flaue Gefühl in seinem Magen verstärkte sich noch.

Dreitausend Dollar.

Dafür hatte er mehr als einmal Kopf und Kragen riskiert. Fast ein halbes Jahr Arbeit.

Drei Jobs. Als Deputy in Ponca City, Oklahoma. Als Leibwächter eines reichen Ranchers im Pawhusky County. Und als Transportbegleiter der Wells Fargo Company in Kansas.

Dreitausend Dollar. Das Startkapital für eine Zukunft mit Susan. Susan, das zierliche, blonde Mädchen, das in Winfield auf ihn wartete.

Eh, ich hab dich was gefragt!“, blaffte der Bärtige.

John vermied es, in die Mündungen der beiden Revolver zu blicken. Er wog noch einmal seine Chancen ab und kam endgültig zu der Erkenntnis, dass seine Lage aussichtslos war. Die Kerle waren Profis, daran bestand kein Zweifel. Sie hatten ihn kalt erwischt. Sie waren aufeinander eingespielt, und sie gaben sich keine Blöße.

Ja, Mister“, antwortete John, „ich bin fremd hier. Wollte nach Winfield. Muss wohl ein bisschen die Orientierung verloren haben. Oder bin ich noch auf dem richtigen Weg?“

Der Bärtige tauschte einen Blick mit seinen Kumpanen.

Er will nach Winfield“, sagte er mit seltsamer Betonung. „Na, ist das nicht prächtig?“ Er lachte wie über einen Witz. Der Mann rechts von John stimmte in das Lachen ein. Kiddy blieb stumm.

Wir werden dir den richtigen Weg schon zeigen“, erklärte der Bärtige. Er fühlte sich mit den beiden Revolvern im Anschlag stark und überlegen. Die Situation schien ihm Spaß zu machen.

Der Bandit bei Johns Pferd stieß einen Pfiff aus. „Eh, verdammt, der Kerl ist ein Sternträger!“ Seine hohe Stimme klang schrill, beinahe erschrocken.

Es war John, als streiche eine eisige Hand über seine Wirbelsäule.

Der Stern!

Die Bürger von Ponca City hatten ihm den Stern bei seinem Abschied geschenkt. Aus Dankbarkeit, weil er die Stadt vom Terror einer Banditenbande befreit hatte. Als Erinnerung.

John sah, wie es in den Augen des Bärtigen aufblitzte.

Das is’n Ding“, murmelte der Bandit. Die Revolver in seinen Fäusten ruckten hoch.

Erzähl mal“, sagte er hart. „Wer bist du, und was hast du hier verloren? Ich schätze, du wirst dir eine verdammt gute Erklärung einfallen lassen müssen.“

John sagte mit gleichgültiger Stimme: „Ach, das Stück Blech ist ein Souvenir, so ’ne Art Talisman. Ich war mal ein paar Wochen lang Deputy in Ponca City. Aber das ist lange her. Die Brüder haben mich zu lausig bezahlt.“

Der Bärtige starrte ihn finster an. Sekundenlang war es totenstill.

Reichlich komischer Zufall“, sagte der Bandit schließlich. „Ich trau dem Braten nicht. Die Sache stinkt. Ein Sternträger auf dem Weg nach Winfield! Wo jeder weiß, dass der alte Masterson einen Nachfolger sucht. Na, wie findet ihr das, Jungs?“ „Gefällt mir gar nicht“, sagte der Mann seitlich von John. Er sprach atemlos und undeutlich. „Was meinst du, sollen wir ihn …“

Der Bärtige schien zu überlegen. John spürte, wie seine Handflächen feucht wurden. Sein Pulsschlag beschleunigte sich.

Hört mal, Leute“, sagte er mit erzwungener Ruhe. „Ich weiß nicht, was ihr wollt. Ich kenne weder einen Masterson, noch habe ich vor …“

Er spürte die Bewegung hinter sich, wollte den Kopf zur Seite reißen, doch es war zu spät. Etwas schien auf seinem Hinterkopf zu explodieren. Der junge Bandit namens Kiddy hatte zugeschlagen.

Der brutale Hieb löschte Johns Bewusstsein aus.

Er spürte nicht mehr, wie er zusammensackte und vornüber fiel.


*


Jefferson Pall lächelte.

Stimmt auffallend“, sagte er zufrieden und verstaute das Banknotenbündel in seinem Schreibtisch. „Die Firma dankt, mein Freund.“

Er schloss die Schublade ab und steckte den Schlüssel in die Tasche seines Prince-Albert-Rocks.

Dann zwinkerte Pall seinem Gegenüber zu.

Bob Melville wich dem Blick aus. Er konnte den feisten Mann nicht leiden. Es war ein Tick von Pall, jeden mit „mein Freund“ anzureden und dabei vertraulich zu zwinkern und zu blinzeln. Palls schmierige Art war Melville zuwider. Aber er brauchte den Mann.

Hoffentlich geht alles klar“, sagte Melville.

Der fette Mann mit dem pausbäckigen Gesicht steckte sich ein Zigarillo an. Genussvoll blies er den Rauch aus. Seine Rechte fächerte den Rauch zur Seite.

Na klar geht alles klar“, erklärte er überzeugt. „Dafür garantiert Jefferson Pall, mein Freund. Ich habe vier meiner besten Cowboys mit dem Job beauftragt.“

Cowboys, dachte Melville, dass ich nicht lache. Banditenpack ist das, nichts anderes.

Für einen Augenblick bereute er, sich mit Pall eingelassen zu haben. Aber dann sagte er sich, dass es keine andere Lösung seines Problems gab. Er steckte in der Klemme. Er war auf Pall und seine Banditen angewiesen.

Er selbst konnte die Bank in Winfield nicht überfallen.

Jedermann in der Stadt wusste, dass er einen Schuldschein unterschrieben hatte. In einer einzigen Nacht hatte er dreitausendsechshunert Dollar beim Pokern verloren.

Diese verdammte Spielleidenschaft.

Es war wie ein Fieber über ihn gekommen.

Wenn er bis zum Ende des Monats den Schuldschein nicht einlöste, musste er Kenton, dem Nachbarrancher, die Südweide abtreten. Gutes Weideland, das an den Bach grenzte.

So stand es in dem Dokument, das er in jener Nacht im Saloon unterschrieben hatte. Der Sheriff und der Bankdirektor hatten als Zeugen unterzeichnet. Kenton war ein gerissener Hundesohn und hatte sich abgesichert.

Der Schuldschein lag im Safe der Bank von Winfield …

Pall unterbrach Melvilles Gedankengang.

Bald sind Sie Ihre Sorgen los, mein Freund“, sagte er jovial. Er faltete die Hände vor dem fetten Bauch. „Sie zahlen die zweite Rate, also noch mal fünfhundert, und Sie bekommen dafür den Schuldschein. Das ist doch ein gutes Geschäft, oder?“

Pall zwinkerte ihm grinsend zu.

Sie sind ein großer Menschenfreund“, sagte Melville spöttisch.

Palls wässrig-blaue Augen blickten beinahe schläfrig. Er drückte das Zigarillo im Aschenbecher aus. Dann zuckte er gleichmütig mit den Schultern.

Ich bin Geschäftsmann“, sagte er, und ein Grinsen spielte um seine wulstigen Lippen.

Melville senkte den Blick. „Okay, Pall, ich komme dann morgen Abend wieder. Hoffentlich verläuft alles reibungslos.“

Pall rieb sich die Hände. „Darauf können Sie sich verlassen.“

Eine Fliege krabbelte über die Schreibtischplatte. Pall verfolgte sie einen Augenblick lang mit den Augen, dann klatschte seine Hand herab.

Volltreffer“, verkündete er und hielt Melville das tote Insekt auf der Handfläche hin.

Melville erhob sich.

Also dann“, murmelte er und wandte sich zur Tür.

Vergessen Sie die zweite Rate nicht!“, rief Pall ihm nach.

Melville gab keine Antwort.

Die Tür fiel hinter ihm zu. Schritte verklangen auf der Veranda. Kurz darauf klang Hufschlag auf.

Pall stemmte sich ächzend aus dem Stuhl und schritt zum Fenster. Er blickte dem Reiter nach, der in einer Staubwolke verschwand.

Wenn du wüsstest, was ich weiß, dachte er zufrieden.

Er ging zu der Tür, die zum Nebenraum führte, und öffnete sie.

Entschuldigen Sie, Mister Kenton, dass ich Sie so lange warten ließ. Ihr Freund ist gerade weggeritten. Jetzt können wir uns in Ruhe über das Geschäftliche unterhalten.“


*


Dämmerung senkte sich über die Stadt. Die beiden Lampen vor dem Winfield Number One Saloon schaukelten im Abendwind, der von Norden her über die Main Street wehte und Staub aufwirbelte.

Aus dem Saloon klangen Stimmengewirr und das Klimpern eines Pianos.

Patrick Delany stieß die Flügel der Schwingtür auf und betrat das Lokal. Tabaksqualm und der Geruch von Alkohol und Schweiß trieben ihm entgegen. Ein Betrunkener torkelte an ihm vorbei ins Freie.

Patrick Delany verzog angewidert das Gesicht. Er verachtete Menschen, die sich gehenließen. Er trank nie mehr als zwei Glas Bier. Aus Prinzip.

Doch an diesem Tag brach Patrick Delany mit seinen Grundsätzen. Er setzte sich an einen freien Tisch und bestellte bei Susan, der blonden Kellnerin, einen Whisky.

Susan blickte den Mann mit dem grauen Tuchanzug überrascht an.

Whisky, Mister Delany?“, vergewisserte sie sich.

Delany nickte. Nervös suchte er in seinen Taschen nach einer Zigarre. Er rauchte sonst immer zwei Zigarren pro Tag, eine nach dem Mittag und eine nach dem Abendessen.

Heute hatte er bereits vier Zigarren geraucht.

Patrick Delanys Welt war ins Wanken geraten.

Susan bemerkte die Veränderung des Mannes. Sie musterte ihn beinahe sorgenvoll.

Was ist, Susan?“, fragte er, „warum schauen Sie mich so an? Sie haben mich doch bisher mit keinem Blick gewürdigt. Ich war Ihnen doch nicht gut genug.“

Die letzten Worte klangen bitter, voller Selbstmitleid.

Susan zwang sich zu einem Lächeln. Es war ein scheues Lächeln, das um Verständnis bat.

Delany, der kleine, stille Bankangestellte, hatte sie lange umworben. Vor sechs Wochen hatte sie seinen Heiratsantrag abgewiesen. Sie hatte über seine unbeholfene Liebeserklärung lachen müssen. Sie ahnte nicht, wie sehr sie ihn damit gekränkt hatte.

Immer noch böse mit mir, Patrick?“, fragte sie weich.

Delany blickte sie an. Seine Miene zeigte eine Mischung aus Trauer und Trotz. „Nein, das bin ich nicht. Warum sollte ich auch? Ich habe schließlich kein Recht auf Sie. Wenn Sie immer noch an diesem John hängen …“ Er zuckte mit den Schultern. Eine mutlose, resignierte Geste. „Ich kann nichts daran ändern. Glauben Sie wirklich, Susan, er kommt eines Tages wieder?“

Susan nickte heftig. „Ich weiß es. Er hat es mir gesagt.“

Na ja.“ Wieder hob Delany die Schultern. „Wenn er das gesagt hat. dann wird’s wohl stimmen. Geben Sie mir jetzt einen Whisky?“

Natürlich.“

Verwirrt wandte sich Susan ab und ging zum Tresen, um bei dem kahlköpfigen Joel die Bestellung aufzugeben.

Whisky?“, fragte auch Joel verwundert. „Hat er tatsächlich Whisky bestellt?“

Susan nickte abwesend. Sie war in Gedanken bei John. Das kurze Gespräch mit Delany hatte sie aufgewühlt. Wie lange war John jetzt schon fort? Eine Ewigkeit. Einmal hatte er ihr geschrieben. Ein einziges Mal. Sie kannte den Brief auswendig. Wenn die Einsamkeit zur Qual wurde und die Sehnsucht in ihr zu brennen begann, dann holte sie den Brief aus ihrem Nachttisch und las ihn, immer wieder. Und sie träumte von dem Tag, an dem John zurückkommen und sie in die Arme nehmen würde.

Joel, der Keeper, brachte den Whisky selbst zu Delany. Susan bediente einen anderen Gast.

Joels gutmütiges Mondgesicht zeigte ein breites Grinsen.

Hallo, Mister Delany. Es freut mich, dass Sie mal meinen Whisky kosten wollen. Ein vorzüglicher Tropfen, das kann ich Ihnen sagen.“

Wortlos nahm Delany das halbgefüllte Whiskyglas und kippte den Inhalt in einem Zug hinunter.

Wie gebannt schaute Joel zu. Ein ungewohnter Anblick. Patrick Delany, der Korrekte, der Standhafte, trank Whisky!

Delany bekam einen Hustenanfall. Joel klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken.

Teufelszeug“, ächzte Delany. Und dann fügte er zu Joels grenzenloser Verwunderung hinzu: „Noch einen davon!“

Joel ging eilig zum Tresen und holte die Flasche. Er schenkte großzügig ein und beobachtete fasziniert, wie Delany wiederum wie ein Verdurstender trank.

Viel zu tun in der Bank?“, fragte Joel mit scheinbarem Interesse, weil ihm nichts anderes einfiel und er die Gunst der Stunde nutzen wollte, einmal mit dem sonst so verschlossenen, stillen Mann zu plaudern.

Delany setzte mit einem Ruck das Glas ab und starrte Joel finster an. „Wieso?“

Joel lachte unsicher. „Ich dachte nur – ich meine, wenn man den ganzen Tag Geld zählt, da bekommt man schon mal Durst, Mister Delany.“ Und grinsend setzte er hinzu: „Ist doch ein schöner Job, den Sie haben. Ständig im Geld wühlen …“

Delany lachte amüsiert.

Sie sind ein Witzbold“, sagte er. „Sie vergessen, dass es nicht mein Geld ist, in dem ich wühle. Genauso gut könnte ich sagen, dass Sie einen Traumjob haben. Den ganzen Tag und die halbe Nacht in der Kneipe. Bei Whisky, Weibern und Musik …“

Joel lachte herzlich.

Der Pianospieler hatte etwas von Musik gehört und hämmerte von neuem auf die Tasten ein. Er spielte nicht schlecht, obwohl er wie immer um diese Zeit bereits halb betrunken war.

Ein anderer Gast rief nach Joel, und der Keeper murmelte eine Entschuldigung und ging davon. Die Whiskyflasche ließ er vor Delany auf dem Tisch stehen.

Delany spürte, wie ihm der Alkohol in den Kopf stieg. Seine Wangen begannen zu glühen. Einen Augenblick lang machte er sich Vorwürfe, weil er seinen Grundsätzen untreu geworden war. Dann erfasste ihn eine Welle von Selbstmitleid und verdeckte das Gefühl der Scham. Mit einem weiteren Schluck besänftigte er sein schlechtes Gewissen.

Verdammt, schuld an allem war dieses Teufelsweib.

Lydia Cohen.

Ihretwegen war seine Welt zusammengestürzt wie ein Kartenhaus. Oder etwa nicht? Vielleicht war alles Schicksal. Vielleicht hatte er die dreißig Jahre seines Lebens nur auf eine Frau wie Lydia gewartet?

Seine Gedanken drehten sich im Kreis.

Er schenkte sich noch einmal Whisky ein. Sein Puls hatte sich bei den Gedanken an Lydia beschleunigt.

Er hatte nie geglaubt, dass Himmel und Hölle so nahe beieinander liegen könnten.

Vor drei Wochen war es passiert. Schlagartig hatte sich sein Leben geändert …

Lydia kam in die Bank.

Sie wünschte eine Auskunft über ihr Konto, die er ihr nicht auf der Stelle geben konnte. Er entschuldigte sich und versprach, die Unterlagen für den nächsten Tag herauszusuchen.

Sie lächelte ihn die ganze Zeit über an. Ein geheimnisvolles, lockendes Lächeln, das ihn zutiefst gefangen nahm und verwirrte.

Bevor sie ihm die Hand reichte, um sich zu verabschieden, lud sie ihn zu sich ein. Am Abend ging er zu ihr. Er blieb die ganze Nacht.

Von dem Konto und der gewünschten Auskunft war nicht mehr die Rede gewesen. Nicht in dieser Nacht.

Du kannst wiederkommen“, sagte sie, als er sich im Morgengrauen aus ihrem Haus schlich.

Er war wiedergekommen.

Beim dritten Mal hatte er bezahlen müssen. Einen stolzen Betrag, fast einen halben Monatslohn. Aber da war er bereits so verrückt nach ihr, dass er jede Summe hingeblättert hätte, um seine Leidenschaft austoben zu können.

Er war Lydia verfallen.

Und ihre Geldforderungen steigerten sich in dem Maße, in dem sie seine Begierde anheizte. Und dann, als er keinen lausigen Cent mehr besaß, wollte sie Informationen. Über die Bank, über den Kontostand der reichen Bürger, über den Direktor, über den Safe …

Er hatte mit sich gekämpft, hatte gewusst, dass er den entscheidenden Schritt auf den falschen Weg tat.

Er hatte den Kampf verloren …

Patrick Delany trank sein Glas leer und legte ein paar Geldscheine auf den Tisch. Er wusste nicht, was der Whisky kostete, und er bezahlte fast den doppelten Preis, aber das war ihm auch gleichgültig.

Auf ein paar Dollar kam es jetzt nicht mehr an. Er steckte zu tief in der Sache mit drin. Es gab kein Zurück mehr.


*


Sein Gang war beschwingt, als er den Saloon verließ. Er war in Gedanken und hörte nicht, wie ihm Joel einen Gruß nachrief. Seine Gedanken drehten sich um Lydia. Er musste zu ihr. Jetzt gleich.

Draußen sog er tief die frische Luft ein.

Sein Blick glitt über die stille Main Street. Der Vollmond verschwand gerade hinter einer Wolke. Ein Mann trat aus dem Sheriff Office und blieb auf dem Gehsteig stehen. Der Stern auf der Jacke des Mannes blinkte matt im Schein des Laternenlichts. Der alte Masterson begann seinen abendlichen Rundgang durch die Stadt.

Patrick Delany wartete, bis Masterson in die andere Richtung verschwunden war, dann ging er entschlossen durch die dunkle Gasse neben dem Saloon. Er umrundete das Gebäude und gelangte an die Rückseite des Nachbarhauses. Es war ein kleiner, einstöckiger Holzbau mit nur zwei Räumen.

Er klopfte an die Hintertür. Dreimal.

Dann wartete er mit pochendem Herzen.

Er vernahm Schritte, die sich der Tür näherten, und atmete auf.

Die Tür wurde geöffnet. Lydia blickte ihn überrascht an.

Ach du bist’s. Schon wieder.“ Sie musterte ihn und erkannte mit kühlem Verstand, in welcher Verfassung er sich befand. „Na, komm schon rein, oder willst du da Wurzeln schlagen?“

Ihre Stimme klang dunkel und weich und schwingend.

Benommen folgte Delany der Frau in den Raum.

Das Zimmer war gemütlich eingerichtet. Ein dicker Teppich. Ein Sofa, mit grünem Samt bezogen, zwei Sessel und ein Schaukelstuhl vor dem offenen Kamin.

An der Wand über dem Sofa hing ein Gemälde mit verschnörkeltem Goldrahmen.

Lydia Cohens Porträt in Öl.

Große, wie fragend blickende, dunkle Augen, ein beinahe madonnenhaftes Gesicht, von langem, schwarzem Haar umschmeichelt, ein kleiner Mund mit halbgeöffneten, lächelnden, lockenden Lippen.

Sie schritt mit wiegenden Hüften zum Schaukelstuhl.

Lydia trug ein himmelblaues Kleid aus Seide. Der dünne Stoff spannte sich um ihre Kurven wie eine zweite Haut. Die schwarzen Lederstiefel bildeten einen seltsamen Kontrast zu dem eleganten Kleid.

Sie wandte sich um und musterte Patrick Delany. Sie bemerkte seinen verlangenden Blick, mit der er ihren Körper umfing, und lächelte.

Sie wusste, welche Wirkung sie auf Männer hatte, kannte diese Blicke, bewundernde, schmachtende, lüsterne Blicke. In diesem frauenarmen Land war eine schöne Frau wie ein seltenes Juwel. Schon viele Männer hatten sich geprügelt und geschossen, um ihre Gunst zu erwerben.

Du hast getrunken“, stellte sie fest. Sie sagte es freundlich und nicht vorwurfsvoll, doch er senkte schuldbewusst den Blick. Er war einen Kopf kleiner als sie, und er stand etwas gebeugt vor ihr, die Schultern hochgezogen, als fröre er.

In Wirklichkeit war es ihm heiß, sehr heiß.

Ich wette, du warst im Number One “, fuhr sie fort. „Das war nicht sehr klug von dir. So kurz vor der Entscheidung. Was ist nur in dich gefahren? Hattest du vielleicht Sehnsucht nach der kleinen Susan?“

Fast trotzig warf er den Kopf in den Nacken.

Das ist doch längst vorbei“, sagte er. „Das weißt du doch. Lydia, ich – ich halte das alles nicht mehr aus. Ich bin mit den Nerven am Ende.“

Sie legte ihre schmale, gepflegte Rechte auf ihre Hüfte und wiegte sich kaum merklich. Ihre Haltung war hoheitsvoll und herausfordernd zugleich.

Du musst dich zusammenreißen, Patty“, sagte sie sanft. „Morgen sieht alles ganz anders aus. Du bekommst deinen Anteil und bist alle Sorgen los. Niemand wird dich mit dem Bankraub in Verbindung bringen …“

Und wenn etwas schiefläuft?“

Aber Patty, was soll denn schieflaufen? Du brauchst nur zu tun, was die bösen Bankräuber von dir verlangen. Das ist doch wirklich kein Problem.“

Sie räkelte sich in dem Schaukelstuhl und wippte auf und ab. Mit glänzenden Augen starrte er sie an, beobachtete, wie sich ihr Busen unter dem dünnen Stoff hob und senkte.

Ja“, murmelte er, „es wird schon alles gutgehen.“ Er ging zu ihr, kniete sich neben sie, bettete seinen Kopf in ihren Schoß.

Sie streichelte über sein Haar, und sein Atem beschleunigte sich. Sie genoss es, dass er ihr zu Füßen lag.

Demütig wie ein Hund, dachte sie. Kleiner Pinscher.

Ihr Blick glitt zu dem Ölgemälde. Frank McDouglas hatte es gemalt. Der einzige Mann, den sie je wirklich geliebt hatte …

Der einzige Mann, dem sie zu Füßen gelegen hatte.

Und sie lachte, lachte laut und spöttisch.

Sie lachte Patrick Delany aus, wie Frank McDouglas sie damals ausgelacht hatte.

Delanys Kopf ruckte hoch. Beinahe erschrocken blickte er sie an.

Seine Unsicherheit bereitete ihr tiefe Genugtuung. Langsam, aufreizend langsam, öffnete sie die obersten Knöpfe des Seidenkleides.

Lydia, ich bin verrückt nach dir“, stammelte er. „Du machst mich wahnsinnig.“ Er wollte sie küssen, doch sie bog den Kopf zurück. Es machte ihr Spaß, ihn zappeln zu lassen.

Nicht, Patty, sei vernünftig.“ Sie wehrte sich zum Schein, erfreut, dass er den letzten Rest seiner Beherrschung verlor.

Du hast doch kein Geld, Patty. Du bist ein Nichts.“

Die gleichen Worte hatte damals Frank gebraucht. Frank, den sie über alles geliebt hatte.

Du hast doch kein Geld, Lydia. Du bist ein Nichts.

Er hatte sie ausgelacht, gedemütigt, tief in ihrem Innern verletzt. Und ein paar Tage später hatte er die millionenschwere Witwe aus dem Osten geheiratet …

Ihre Worte ernüchterten Delany schlagartig. Er kam sich plötzlich jämmerlich vor, fühlte sich wie ein getretener Wurm.

Lydia bemerkte die Veränderung, die mit ihm vorging.

Mach nicht so ein Gesicht, Patty“, sagte sie lächelnd. „Morgen bist du ja wieder bei Kasse. Zieh dich aus. Ich gebe dir einen Vorschuss auf deinen Anteil.“


*


Jefferson Pall musterte sein Gegenüber.

Ray Kenton, der Rancher, war ein kleiner Mann mit schmächtiger Figur. Er war, wie Jefferson Pall wusste, achtundvierzig Jahre alt, doch er wirkte wesentlich jünger. Man hätte ihn auf Anfang Dreißig schätzen können.

Er trug Jeans, ein grüngelb kariertes Baumwollhemd und eine Weste aus schwarzem Leder.

Das tiefgebräunte Gesicht mit den hellblauen Augen strahlte Gutmütigkeit aus. Der 45er Colt an der Hüfte des kleinen Mannes wirkte beinahe lächerlich.

Doch Jefferson Pall lachte nicht.

Er wusste, dass Kenton die Waffe nicht zur Zierde trug.

Und er wusste, wie gefährlich der kleine, schmächtige Mann war. Schon viele hatten den Fehler gemacht, ihn zu unterschätzen. Sie hatten ihren Irrtum mit dem Leben bezahlt.

Ray Kenton war nicht immer Rancher gewesen. Erst vor drei Jahren war er im Winfield County aufgetaucht. Jetzt besaß er die größte Ranch im Umkreis von fünfzig Meilen. Das Startkapital für sein Imperium hatte er sich mit dem Revolver verdient.

Als Killer.

Jefferson Pall kannte ihn seit vielen Jahren. Eine Zeitlang war er Kentons Partner gewesen. Er wusste alles über die blutige Vergangenheit des Mannes, der ihn hergeholt hatte, um seine schmutzigen Geschäfte von anderen ausführen zu lassen und selbst den Biedermann spielen zu können. Aber sein Wissen nutzte Pall nicht viel. Wenn er es preisgab, lieferte er sich selbst ans Messer.

Außerdem lebte er nicht schlecht von den Aufträgen Kentons. Und zu tun gab es für den machtbesessenen Mann genug.

Ray Kenton holte ein paar Dollarscheine aus seiner Tasche und warf sie auf den Tisch.

Du bist mir dafür verantwortlich, dass die Sache mit Melville sauber erledigt wird“, schnarrte Kenton. Er hatte eine unangenehm heisere Stimme.

Sicher, Kenton“, sagte Jefferson Pall und nahm die Scheine an sich wie ein Kellner, der ein Trinkgeld einsteckt.

In den blauen Augen des kleinen Mannes glitzerte es.

Mister Kenton“, sagte er, und seine Haltung straffte sich. Er war sehr eitel, und er betrachtete sich als Mittelpunkt der Welt. Für ihn war es eine Beleidigung, wenn man ihn nicht hofierte. Man erzählte sich, dass die Männer auf seiner Lohnliste ihn mit Sir anreden mussten. Wer nicht vor ihm kuschte, handelte sich einen Haufen Ärger ein.

Ray Kenton, der kleine Großrancher, war der einzige Mann, den Jefferson Pall nicht mit „mein Freund“ anredete.

Pall lächelte breit. „Entschuldigung, Mister Kenton.“

So verkommen der Bandit auch war, einen Rest von Selbstachtung wollte er sich erhalten. Am liebsten hätte er diesem größenwahnsinnigen Zwerg die Faust auf die Nase geschmettert. Aber er beherrschte sich, denn er wusste, dass er sich damit selbst zum Tode verurteilt hätte. Ray Kenton war immer noch ein Ass mit dem Revolver.

Jefferson Pall griff in Gedanken nach einem Zigarillo.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910926
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
hunter reiter western

Autor

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Titel: Roy Hunter - Der einsame Reiter