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Dr. Mystery #11: Der Höllen-Chirurg

2017 120 Seiten

Leseprobe

Der Höllen-Chirurg

von Franc Helgath


Dr. Mystery Band 11 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo


Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.


Das rätselhafte Verschwinden einer jungen Frau führt den Parapsychologen Luc Morell auf die schottische Insel Skye. Er ahnt nicht, dass in einem alten Schloss ein ehemaliger Chirurg, der durch einen Unfall übersinnliche Kräfte erlangte, sein Unwesen treibt. Bei seinen grausamen Experimenten verwandelt er seine wehrlosen Opfer in menschenfressende Ungeheuer…


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Schrill pfeifend heulte der Wind von den kahlen Bergkuppen herunter in das schilfbewachsene, morastige Tal in den schottischen Highlands. Bleigraue Wolkenfetzen jagten über den kaltblauen Himmel, dessen Farbe sich mit zunehmender Dunkelheit immer mehr in ein schmutziges Grün verwandelte. Schon patschten die ersten dicken Regentropfen herab, klatschten schwer in das Gesicht der jungen Frau, die den schmalen Pfad aus ihren zusammengekniffenen Augen kaum mehr erkennen konnte. Elenore Lughton schlug den Mantelkragen höher und verkroch sich noch mehr in ihren dünnen Trenchcoat, ein Fähnchen, das den Unbilden dieser Witterung bei Weitem nicht gewachsen war.

Von einer Hügelkuppe herab, die fatal einem menschlichen Schädelknochen ähnelte, wallten zerrissene Nebelschwaden in das Schilf, verwoben sich mit den steifen Gräsern zu einem undurchdringlichen Gespinst aus klammer Nässe und sich widerspenstig beugender Halme.

Der Sturm nahm an Stärke zu, peitschte die karge Natur und ließ den Mantelsaum des Mädchens knatternd flattern. Gespenstischen Fabelwesen gleich standen von Wind und Wetter zu bizarren Gestalten verformte Felsblöcke, wie von einer Riesenfaust in das Tal geschleudert. Die junge Frau versuchte verzweifelt, den Pfad nicht zu verlieren, und wusste doch, dass es sich bereits hoffnungslos verlaufen hatte.

Noch wollte Elenore das nicht wahrhaben. Keuchend stolperte sie weiter, heraus aus der Senke. Der Boden schmatzte gierig unter ihren Füßen.

Plötzlich sah sie das wild gischtende Meer vor sich. Fauchend wie ein Untier warf sich die Brandung gegen die steinige, steil abfallende Küste der Insel, die Elenore zusammen mit drei Studienkollegen als Wochenendziel auserkoren hatte. Schon längst bedauerte sie es, das warme und gemütliche Gasthaus verlassen zu haben, um noch einen Abendspaziergang zu machen.

Das Stück der Küste, das vor ihr lag, hatte sie noch nie gesehen.

Hier war sie mit Sicherheit noch nie gewesen. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Der kleine Quell der Hoffnung versiegte wieder, so schnell er aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins gedrungen war, und machte umso stärkeren Zweifeln und Bedenken Platz, zu denen sich mit zunehmender Dunkelheit die Angst gesellte.

Die Angst vor dem Unbekannten und der Aura des Unheimlichen, die dieser Landschaft zur Natur geworden war.

Sagen und Legenden fielen ihr ein, die gestern Abend am gemütlich prasselnden Kaminfeuer die Runde gemacht hatten. Die Geschichte von der Weißen Frau und die neuere Geschichte vom buckeligen Mörder, der sich nachts seine Opfer aus dem Moor holt, um sie in die Tiefen der Grotten und Höhlen zu verschleppen, aus denen es keine Wiederkehr mehr gibt.

Ludewig Hightower, ihr Freund, hatte noch seine Witze darüber gerissen, nachdem der Wirt ihres Gasthofes den Raum für einen Augenblick verlassen hatte. Denn auch der Wirt hatte einen Buckel, der ihn gekrümmt gehen ließ und ihm ein Aussehen gab, als wäre er der Bilderseite eines alten Märchenbuches entsprungen, in dem noch von Kobolden, Zwergen, Nachtmahren und Monstern erzählt wird.

Es gab viele im Dorf, die den buckligen Mörder nachts schon einmal gesehen haben wollten, und einige der Gäste hatten sich bekreuzigt, als die jungen Leute sich über die Gespenster auf der Insel am Rand der Highlands lustig machten.

Elenore Lughton war stehen geblieben. Kalt kroch es ihren Rücken hoch.

Und die Dunkelheit nahm zu. Der grünliche Schimmer des Himmels war einem dreckigen Dunkelgrau gewichen.

Die Schaumkronen der Brandung leckten gierig an der felsigen Küste, wuschen gespensterhafte Gebilde aus dem Stein. Elenore sah einen grinsenden Totenschädel mit leer starrenden Augenhöhlen, in denen Möwen nisteten. Die Vögel hatten sich in den Schutz der Höhlung zurückgezogen. Ihre durchdringenden Schreie gingen auf im Tosen des Sturms.

Ratlos sah sie sich um. Der Pfad, dem es bisher gefolgt war, verlor sich auf den Steinplatten vor einem winzigen, halbmondförmigen, mit Kieselsteinen übersäten Strand, über der sich die auslaufende Brandung wie eine lüsterne Zunge ausbreitete und nur widerwillig wieder zurückfloss.

Das Mädchen fröstelte. Panik drohte in ihr aufzukommen, als sie immer noch keinen Punkt ausmachte, der ihr bekannt vorkam.

Da zuckte der erste Blitz herab.

Wirr verästelt wie eine knorrige Eiche fuhr er weit draußen in die gischtenden Wellenkämme. Sekunden später folgte der Donner. Die Wolkendecke, die wie ein Alptraum bleiern schwer über dem melancholischen Land lastete, riss für Sekunden auf.

Elenore Lughton sah ganz kurz die schlossähnliche Burg mit den trutzigen Mauern.

Endlich wusste sie, wo sie sich befand. Das konnte nur Dunvegan Castle sein, die Burg fast auf der anderen Seite der kleinen Insel Skye. Dort würde man ihr bestimmt weiterhelfen. Ganz bestimmt sogar. Der Name Lughton hatte einen guten Klang in Schottland. Ihr Vater war einer der erfolgreichsten Kaufleute des Landes. Sein Handelshaus in Edinburgh unterhielt Geschäftsverbindungen über den ganzen Erdball.

Elenore eilte den steinigen Pfad hinauf, der sich vor ihren Füßen in Serpentinen den Hang hinaufwand. Ein Absatz des rechten Schuhs rutschte weg. Das Mädchen achtete nicht darauf. Nur weg von hier.

Dort oben warteten Sicherheit und Geborgenheit auf sie.

Sie knöpfte ihren Mantel auf, um schneller voranzukommen. Der Sturm erfasste ihren gelben Seidenschal und nahm ihn mit. Wie eine tanzende Schlange wirbelte er in die Finsternis hinaus. Auch das war dem Mädchen egal.

Die Burg lag dunkel. Keine der nachtschwarzen Fensterhöhlen war erhellt. Nur die Konturen des mächtigen Bauwerks waren auszumachen. Auf der Seeseite überragte ein zinnenbewehrter Turm das langgestreckte Geviert. Kleine Erker schoben sich an jeder Gebäudekante in den Nachthimmel. Undeutlich ragte die Mauer des Vorhofes über den steil abfallenden Felsklotz. Noch ein Turm auf der Landseite. Er war niedriger als der andere. Dort flammte in diesem Augenblick ein helles, freundliches Licht auf, riss ein anheimelndes Quadrat aus der sturmdurchtobten Düsternis.

Elenore Lughton eilte darauf zu. Schließlich rannte sie. Sie konnte es nicht mehr erwarten, endlich wieder innerhalb schützender Mauern zu sein.

Ihr Atem flog, als sie vor dem hohen, oben spitz zulaufenden Portal anlangte. Doch eine Klingel oder etwas Ähnliches suchte sie vergeblich. Nicht einmal ein Türklopfer war zu entdecken.

Das Mädchen schrie, doch der Sturm riss ihm die Worte vom Mund, kaum dass sie gesagt waren, und trug sie hinaus in die tobende Nacht. Scharf heulte der Wind über die Kanten der Steinquader und brachte sie zum Singen. Er entlockte ihnen einen sphärischen Klang, der das Herz des Mädchens noch schneller schlagen ließ.

Einen Klang, der sie in Angst und Schrecken versetzte.

Ihr Hilferuf wurde lauter, kämpfte gegen das Röhren des Sturmes an. Und trotzdem konnte er durch das dicke Mauerwerk nicht gehört werden.

Elenore wollte schon aufgeben. Sie wischte sich die klatschnassen Haare aus der Stirn, auf der Regen sich mit Schweiß vermengte. Von der Burg führte eine Straße zurück ins Dorf. Zumindest die Gefahr, dass sie sich verirren könnte, war jetzt ausgeschlossen.

Sie wandte sich schon zum Gehen, als sich hinter ihr der eine Flügel des Portals knarrend öffnete.

Eine riesige Pranke hatte das Holz umfangen.

Das Mädchen sah vorerst nur diese Pranke und bereute im selben Augenblick, sich bemerkbar gemacht zu haben. Sie war bereit, wegzulaufen, doch etwas in ihr zwang sie, auf der Stelle zu verharren und sich wieder voll umzuwenden.

Kaltes Licht stach aus dem halb geöffneten Portal. Von dem Mann, der dort stand, sah sie nur die Silhouette. Er musste fast zwei Meter groß sein, obwohl er noch gebeugt stand. Elenore konnte das Gesicht nicht erkennen, ein Gesicht, das in einem Schädel saß, der sich wie eine Bergkuppe über die breiten Schultern wölbte. Die Ohren standen ab. Feine Härchen daran schimmerten im Gegenlicht. Der Kopf selbst war kahl. Die Stimme aus dem hünenhaft breiten Brustkorb war kehlig und wie des Sprechens ungewohnt.

»Halten Sie ein, Miss«, sagte der gebeugte Riese. »Unser Tor wird jedem aufgetan.«

Dann kicherte er grundlos.

»Kommen Sie doch, Miss«, lockte er und trat einen Schritt zurück.

Elenore Lughton konnte einen erschrockenen Aufschrei nicht unterdrücken. Ein derart hässliches Wesen war ihr noch nie zuvor begegnet.

Über der unförmigen, zerschlagen wirkenden Nase glotzte sie ein weit aufgerissenes Auge an, das keinerlei Wimpern hatte. Aus dem anderen Auge gloste es glänzend weiß. Der Augapfel hatte weder Iris noch Pupille.

Das Mädchen wich entsetzt zurück. Die wulstigen Lippen des unförmigen Hünen flossen auseinander, legten schwarze Zahnstummel frei. So lächelte Bonzo gewinnend. Es war eine Fratze, wie sie der phantasievollste Künstler nicht ersinnen konnte.

»Sie sind erschrocken, Miss?«, kam es stinkend aus dem faulenden Rachen. »Sie müssen keine Angst haben. Bonzo tut Ihnen nichts.«

Dabei hieb er mit seiner Pranke dröhnend gegen seine monströse Brust und stieß wieder sein Gelächter aus, das mehr wie ein bösartiges, hasserfülltes Keuchen klang.

Elenore Lughton schlug sich den Handrücken gegen den Mund, um einen weiteren Schrei zu unterdrücken. Sie wollte sich abwenden, wollte davonlaufen. Ihr Herz klopfte wie wild.

»Gehen Sie weg!«, kreischte sie und streckte abwehrend ihre Hände vor.

Die schartigen Lippenwulste des Riesen zogen sich noch breiter. Dann machte das titanische Wesen einen ersten tapsigen Schritt auf das Mädchen zu.

Elenore konnte sein hämisch glotzendes Auge nicht mehr sehen. Nur der massige, unförmige Körper hob sich noch gegen den hellen Lichtrahmen ab, warf einen monströsen Schatten in den herausfallenden Schein.

Und der monströse Schatten fiel auch auf Elenore Lughton, hüllte sie ein wie modriges Sumpfgras.

Die Beine des Mädchens versagten ihren Dienst. Der nächste Schrei erstickte auf ihren Lippen. Der monströse Koloss hatte ihr mit seiner einen Pranke den Mund verschlossen. Mit dem anderen Arm umfing er die Taille des Mädchens und hob es hoch, als würde er einen Sack mit Daunen aufnehmen.

Elenore Lughton zappelte, strampelte mit den Beinen, trommelte mit ihren zierlichen Fäusten auf den breiten Rücken des Riesen, doch Bonzo schleppte seine Beute in die Burg, durchquerte die drei Wehrhöfe nach dem Tor und stapfte dann auf das Hauptgebäude zu.

Dort stand die Tür offen.

In dem erhellten Rechteck stand schwarz wie ein Scherenschnitt eine hochgewachsene Gestalt.

»Gut gemacht, Bonzo«, sagte eine sonore, sympathische Stimme. »Bringe das Mädchen hinunter. Du wirst noch eine freie Zelle finden. Im Augenblick brauche ich das Kind noch nicht.«

Der Hüne beugte seinen haarlosen Schädel wie vor einem Gott.

»Jawohl, Lord«, flüsterte er untertänig. »Es geschehe, wie du befohlen hast.«

Die Beute in der Hand des Riesen zappelte nicht mehr.

Eine gnädige Ohnmacht hatte Elenore Lughton erlöst.



2

Der Perpendikel des alten Regulators in der Wirtsstube rückte auf die dreiundzwanzigste Stunde zu. Dreimal tönte der melodische Gong durch den verräucherten Nebenraum, in dem Buchenscheite im offenen Kamin prasselten. Mit winzigen Explosionen zerknallte das Harz.

Ein Außenstehender hätte annehmen können, die drei jungen Leute, die in bequemen Ledersesseln lagen, würden sich wohl fühlen.

Erst bei näherem Hinsehen hätte er bemerkt, dass die Stimmung bedrückt war. Äußerst bedrückt.

Ludewig Hightower, Student der Rechte an der Edinburgh University, schaute zum x-ten Mal auf die Uhr.

»Verdammt«, entfuhr es ihm. »Wo sie nur bleibt.«

Die anderen beiden, die übers Wochenende mit heraus nach Skye gekommen waren, schwiegen betreten. Mary Green, die Blondine mit dem Puppengesicht und dem herzförmigen Mund, schaute auf ihre violett lackierten Fingernägel. Gilbert Warner, ihr etwas dicklicher Freund mit der Nickelbrille auf der zu klein geratenen Nase und dem fettigen schulterlangen Haar starrte mit Hingabe auf die Spitzen seiner Schuhe.

»Sie wird schon wieder aufkreuzen«, meinte er ohne jede Überzeugungskraft in der Stimme und so leise, dass die anderen ihn kaum verstehen konnten.

Ludewig Hightower sprang abrupt auf.

»Tut meinetwegen, was ihr wollt«, sagte er. »Ich halte es hier jedenfalls nicht mehr aus. Diese Warterei macht mich noch rasend.«

Gilbert Warner verharrte noch einige Augenblicke in seiner apathischen Haltung. »Ich komme mit«, raffte er sich schließlich auf.

»Sehen wir mal nach ihr. Ich sag’s dir aber schon vorher, dass es unsinnig ist, Elenore bei diesem Wetter draußen zu suchen. Skye ist eine Insel mit einer Ausdehnung von 1665 Quadratkilometern und…«

»Ich weiß, dass du früher einmal Primus deiner Klasse warst«, unterbrach Ludewig Hightower den feisten Burschen. »Ich weiß auch, dass es nicht einfach sein wird, Elenore zu finden. Sicher hat sie sich in der Dämmerung verirrt.«

»Nun mach dir keine Sorgen«, sagte Gilbert Warner. Er schien nicht beleidigt zu sein. »Es gibt genügend Schafhirten hier. Bestimmt ist Elenore bei einem von ihnen untergekommen und wartet nur das Ende des Regens ab.«

Er schaute zum Fenster hinüber. Die karierten Gardinen waren vorgezogen, doch das Klatschen der Tropfen gegen die Scheibe war deutlich zu vernehmen.

»Hast du eine Ahnung, welche Richtung sie genommen haben könnte?«, fragte Gilbert Warner.

Ludewig Hightower zuckte ratlos mit den Schultern. »Viele Möglichkeiten hatte sie nicht. Links und rechts des Dorfes sind Steilküsten, und ich glaube nicht, dass sie sich bei diesem Sturm zu den Klippen hinaufgewagt hat. Sie wird ins Landesinnere gegangen sein.«

»Ins Tal von Glencoe? Dort ist es doch sumpfig. Kein vernünftiger Mensch würde nachts dorthin gehen.«

»Seit wann ist Elenore schon vernünftig«, brummte Ludewig Hightower, der das quirlige Mädchen schon lange genug kannte. »Wir können sogar ziemlich sicher sein, dass sie in das Tal von Glencoe gegangen ist.«

»Dann können wir lange suchen«, schniefte Gilbert Warner missmutig, »das Tal zieht sich bis hinüber auf die andere Seite der Landzunge.«

»Vom Herumstehen wird es nicht kürzer. Hast du deine Jacke hier unten, oder musst du noch mal auf dein Zimmer?«

»Sie hängt draußen in der Wirtsstube«, antwortete der dickliche Warner.

»Und was soll ich inzwischen machen?«, schmollte Mary Green, und ihr herzförmiger Mund wurde zu einer herzförmigen Schnute.

»Du bleibst schön brav zu Hause und passt auf, dass dein Bett nicht davonläuft«, empfahl Gilbert Warner. »Am besten, du legst dich drauf und hältst es fest.«

»Ich möchte aber mit«, meinte das Mädchen.

»Bitte sehr.« Gilbert Warner hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Wenn du deine neue Frisur unbedingt ruinieren willst?«

Das Argument zeigte die gewünschte Wirkung.

»Vielleicht ist es doch besser, wenn ich hierbleibe«, wurde Mary kleinlaut. »Schließlich könnte es ja sein, dass Elenore in der Zwischenzeit wieder auftaucht, und dann wäre niemand von uns hier.«

»Du bist ein sehr kluges Mädchen«, sagte Gilbert und drückte seinem Mädchen einen feuchten Kuss auf die Stirn. »Wir kommen zurück, sobald wir Elenore gefunden haben.«

Ludewig Hightower war schon in seine Windjacke geschlüpft und vorausgegangen. Vom Wirt bekam er zwar nicht die gewünschte Taschenlampe, aber eine Sturmlaterne, die ihren Dienst genauso erfüllen würde. Ludewig Hightower wartete, bis auch der Studienkollege in seine Windjacke geschlüpft war und sie an der Brust und unter dem Kinn fest verschnürt hatte.

Der Sturm blies nicht mehr so stark wie in den früheren Abendstunden. Auch der Regen war erträglicher geworden. Doch es war finster draußen, wie in einer geschlossenen Truhe. Die wenigen Straßenlampen von Glencoe konnten kaum etwas daran ändern.

Das Gasthaus lag etwas außerhalb und überhöht über dem kleinen Fischernest. Hier war die brennende Sturmlaterne das einzige Licht neben der Lampe, die über dem, Gasthausschild pendelte: »White Woman’s Inn« – »Zur Weißen Frau«.

Man konnte Morris Bramburry ein gewisses Quantum schwarzen Humors nicht abstreiten, wenn er seiner Gaststätte ausgerechnet diesen Namen gegeben hatte. Aber nicht nur die Engländer, auch die Schotten liebten ihre Spukgestalten und Gespenster und hielten sie in Ehren.

Gilbert Warner zog den Kopf ein. Schon bereute er es fast, so schnell zugesagt zu haben. Elenore Lughton bedeutete ihm nicht viel. Sie hatte ihn schon des Öfteren merken lassen, dass sie von ihm als Mann alles andere als begeistert war. Ständig zog sie ihn wegen seiner etwas aus der Form geratenen Figur auf.

»Und was jetzt?«, fragte Warner unschlüssig. Mit gekrauster Stirn schaute er in die unfreundliche Nacht hinaus und auf den Pfad, der noch weiter weg von der Ortschaft in das Tal von Glencoe führte.

»Na, komm schon«, meinte Ludewig Hightower und schlug den Weg in das Innere der Landzunge ein, die sich im Norden der Insel Skye weit in die See hinausschiebt.

Gilbert folgte ihm und versuchte, vorerst noch den Pfützen auszuweichen, die sich auf dem Pfad gebildet hatten. Bald gab er es auf.

Der Weg bestand nach wenigen Metern nur mehr aus Pfützen. Die beiden Männer wurden nass bis hinauf zu den Knien. Gilbert Warner fluchte leise vor sich hin.

Nach einer halben Stunde begannen sie, Elenores Namen zu rufen.

Ludewig Hightower schwenkte dabei die Sturmlaterne.

Doch die Nacht gab keine Antwort.

Dann ging der Regen in ein sachtes Nieseln über. Die Sicht wurde besser. Bleich schob sich der Mond aus einer schwarzen Wolkenbank und ließ die Tropfen auf dem Schilf sanft aufglitzern. Ludewig und Gilbert hatten schon fast das andere Ende der Halbinsel erreicht. Sie konnten den Ozean sehen, dessen Brandung jede Wildheit verloren hatte. Die Winde hatten sich beruhigt.

Wie ein Mahnmal aus vergangenen Tagen hob sich Dunvegan Castle gegen den Himmel ab. Kalt glitzerte der Nordstern. Er stand genau über den Zinnen des höheren Turmes.

Ludewig Hightower starrte auf die See hinunter, die sich träge gegen die Ufer wälzte. Beide Männer dachten dasselbe. Gilbert sprach es aus.

»Glaubst du, dass sich Elenore während des Sturmes zu nahe ans Wasser gewagt hat?«

Ludewig schüttelte den Kopf. »Sie ist doch nicht verrückt. Wahrscheinlich ist sie zur Burg hinaufgelaufen, wenn sie überhaupt hierher kam und nicht schon längst im Gasthof zurück ist. Aber wenn wir schon mal hier sind, können wir auch nachfragen.«

»Jetzt, um diese Zeit? Es ist schon Mitternacht vorüber.«

Ludewig Hightower schaute zur Burg hinauf. »In einem der Fenster brennt noch Licht. Mehr als rauswerfen können sie uns nicht.«

»Na, gut«, seufzte Gilbert Warner ergeben und sehnte sich nach seinem Bett, in dem ein Mädchen mit herzförmigem Mund auf ihn wartete. »Fragen kostet nichts.«

Sie stiegen den felsigen Pfad hinauf. Auf einmal stoppte Ludewig und bückte sich. Mit einem verschmutzten gelben Etwas kam er wieder hoch. »Ist das nicht Elenores Schal?«

Gilbert Warner fasste den klatschnassen und verdreckten Stoff an. »Kaum wiederzuerkennen. Aber ich glaube, er ist es.«

»Dann war sie auch hier. Wir werden oben in der Burg mal fragen. Bestimmt hat sie dort wegen des Unwetters Schutz gesucht.«

»Sie hätte wenigstens im Gasthof anrufen lassen können«, maulte Gilbert und stieg ächzend weiter. Nach wenigen Minuten hatten sie das Portal erreicht. Sie hatten noch nicht einmal nach einem Klingelknopf suchen müssen, als sich auch schon das Tor vor ihnen auftat.

Ein Mann von etwa fünfzig Jahren trat heraus. Er trug einen Hausmantel. Seine Baritonstimme strahlte Verständnis und Ruhe aus.

»Ich sah Ihre Lampe«, sagte der Mann. »Ich dachte, dass Sie zu uns wollen. Haben Sie sich verirrt?«

Ludewig Hightower hatte seine Fassung am schnellsten zurückgewonnen.

»Nein, nein«, sagte er. »Wir suchen eine junge Frau. Elenore Lughton heißt sie. Sie war nicht zufällig bei Ihnen, als der Sturm losbrach?«

Der freundliche Mann schüttelte bedauernd den Kopf. »Leider hatte ich nicht das Vergnügen, diese Dame kennenzulernen. Hier war niemand.«

»Aber der Schal. Wir haben Ihren Schal auf dem Weg herauf ins Schloss gefunden.«

Ludewig Hightower streckte dem freundlichen Mann das verschmutzte Etwas entgegen.

»Tut mir aufrichtig leid«, sagte dieser daraufhin. »Aber es war niemand hier. Kann ich Ihnen sonst noch irgendwie behilflich sein? Wollen Sie für diese Nacht meine Gäste sein?«

Ludewig schüttelte schnell den Kopf. »Nein, nein. Vielen Dank, Sir. Wirklich sehr freundlich von Ihnen. Wahrscheinlich haben wir uns ganz umsonst Sorgen gemacht, und Elenore ist schon längst zurück. Entschuldigen Sie bitte nochmals die Störung.«

»Sie wohnen in Glencoe? Soll ich Sie in meinem Wagen zurückbringen? Ich müsste mich nur schnell umziehen.«

»Nein. Wirklich sehr freundlich von Ihnen. Haben Sie vielen Dank. Aber wir gehen. Verzeihen Sie bitte nochmals, wenn wir mitten in der Nacht einfach zu Ihnen hereingeplatzt sind.«

»Keine Ursache«, sagte der freundliche Mann. »Ich hätte Ihnen gerne geholfen.«



3

Monique Dumas legte Doktor Luc Morell die Post auf den Schreibtisch.

»Nichts Besonderes heute«, sagte sie dabei.

Luc Morells Sekretärin war an diesem Tage besonders gut aufgelegt.

Draußen schien die Sonne und tauchte Château de Lamatime, Luc Morells ererbten Besitz im Tal der Loire, in ein besonders freundliches Licht, das auch die Butzenscheiben des Arbeitszimmers nicht fernhalten konnten. Schon seit Tagen herrschte herrliches Herbstwetter.

Der Doktor schaute von dem dicken Folianten auf, in dem er gerade gelesen hatte.

»Legen Sie’s nur hin«, sagte er zerstreut.

»Sie werden doch am Nachmittag wieder zurück sein?«

»Schon in einer Stunde«, meinte sie. »Sie wissen doch, dass ich Sie nicht gern allein lasse. Irgendjemand muss doch auf Sie aufpassen.«

»Sie halten mich für einen großen Jungen«, grinste Luc Morell. »Obwohl Sie’s eigentlich inzwischen besser wissen müssten. Aber ich kann Sie beruhigen: Eine Stunde ohne Sie werde ich mit knapper Not noch überstehen.«

Monique zog sich zurück. Luc Morells Sekretärin war eine quirlige junge Frau, auf das man sich verlassen konnte. Luc Morell hätte gar keinen besseren Griff mit ihr machen können. Er war rundherum mit ihr zufrieden. Nicht nur, weil sie von ihrem Beruf immens viel verstand, sondern auch, weil Monique einfach eine Augenweide war, die allein mit ihrer Erscheinung auch einen trüben Tag verschönen konnte.

Luc Morell sah die Briefe durch, blätterte in den Magazinen und Zeitungen. Die Post dieses Tages bot nichts Besonderes.

Der Besitzer vom Château Lamatime wollte sich soeben wieder seiner unterbrochenen Lektüre zuwenden, als das Telefon schellte.

Monique hatte nicht vergessen, den Anschluss von ihrem Vorzimmer aus zu ihm durchzustellen.

»Das darf doch nicht wahr sein«, rief Luc Morell erfreut, als er die Stimme erkannte. »Steve, alter Freund! Wo treibst du dich wieder herum. Ich habe ja schon seit Wochen nichts mehr von dir gehört.«

Doktor Steve Pratt, Luc Morell Freund und der Mann am anderen Ende der Leitung, teilte Lucs erfreute Erregung nicht. Seine Stimme klang sorgenvoll. Das war trotz der weiten Entfernung zu hören, aus der er anrufen musste. Das statische Prasseln in der Leitung war unüberhörbar.

»Grüß dich, Geisterjäger«, sagte Steve Pratt, und gleichzeitig war herauszuhören, dass er diesmal den Freund wegen seines Faibles für Parapsychologie und Okkultismus nicht aufziehen wollte. Steve musste echte Sorgen haben. Sorgen, mit denen er allein nicht fertig wurde.

»Was ist los?«, fragte Luc. »Hast du dein sonniges Gemüt irgendwo liegen gelassen, oder wie heißt die Laus, die dir über die Leber gelaufen ist?«

»Ich rufe von Schottland aus an«, sagte Steve. »Von Edingburgh aus, genau gesagt. Und die Laus heißt Elenore Lughton.«

»Seit wann hast du Kummer mit hübschen Frauen? Sie ist doch hübsch?«

»Weiß ich nicht. Ich habe sie noch nie gesehen. Ich kenne nur den Vater. Er ist ganz aufgelöst. Seine Tochter ist vor vierzehn Tagen verschwunden.«

»Ich nehme an, dass sie nicht nur durchgebrannt ist«, sagte Luc. »Weshalb rufst du mich also an?«

»Es sind die Umstände ihres Verschwindens. Ich dachte mir, das würde dich interessieren. Mariot Lughton ist ein alte Studienfreund von mir. Er hat ein paar Jahre mit mir in Havard studiert. Ich habe ihn hier in Edinburgh zufällig wiedergetroffen. Ich dachte, ich könnte ihm einen Gefallen tun.«

»Erzähl.«

»Es war vor ungefähr zwei Wochen. Seine Tochter ist übers Wochenende zusammen mit drei Freunden auf die Insel Skye gefahren und dort an einem Samstagabend spurlos verschwunden. Die Insel ist nicht so besonders groß. Sie wurde praktisch auf den Kopf gestellt. Mariot Lughton hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit das Mädchen wieder gefunden wird. Aber nichts. Außer einem Schal und einem abgetretenen Absatz hat man nichts mehr von ihr gefunden.«

»Ist sie vielleicht beim Baden verunglückt?«

»Es ist Oktober. Der Atlantik hat jetzt vielleicht noch elf Grad. Außerdem hat Elenore Lughton einige Titel bei Schwimmmeisterschaften gewonnen. Das scheidet aus.«

»Entführung?«

»Dann hätten sich die Kidnapper doch inzwischen gemeldet. Auch Sittlichkeitsdelikt oder ähnliches fällt aus. Die Insel hat nur elftausend Einwohner. Schon seit Jahren ist dort, abgesehen von einigen kleineren Diebstählen, nichts mehr passiert. Es scheidet überhaupt alles aus. Die Polizei hat ihren Offenbarungseid schon geleistet. Selbst der Einfluss von Lughton konnte es nicht verhindern, dass die Suche vor drei Tagen ergebnislos abgebrochen wurde. Aber das ist noch nicht der Grund, warum ich mich in dieser Angelegenheit an dich wende.«

Luc ließ den Freund weitersprechen. Er unterbrach ihn mit keinem Wort.

»Der Grund ist, dass Mariot Lughton seit der Nacht ihres Verschwindens von furchtbaren Träumen heimgesucht wird. Er sagte mir, die Träume wären so real und plastisch, als würde er im Kino vor einer riesigen Leinwand in der ersten Reihe sitzen. Und jede Nacht ist es derselbe Traum. Nur eine einzige Kleinigkeit ist jedes Mal anders. Er träumt, dass seine Tochter in sumpfigem Gelände steht, die Arme nach ihm ausstreckt und dabei laut um Hilfe ruft. Doch jede Nacht steckt sie tiefer in diesem Sumpf. Jede Nacht ist sie ein Stückchen weiter im Morast versunken. Lughton glaubt, dass seine Tochter noch lebt, und dass sie erst dann tot ist, wenn sie ganz in diesem Sumpf versunken ist.«

»Ein Phänomen, das öfter zu beobachten ist«, sagte Luc. »Zwischen Vater und Tochter müssen starke Verbindungen bestehen. Lughton empfängt vermutlich verschlüsselte telepathische Signale.«

Er hörte Steve am anderen Ende der Leitung aufatmen.

»Ich wusste, dass du eine Erklärung parat haben würdest«, sagte er erleichtert.

»Aber das bringt uns keinesfalls dem Ziel näher. Elenore Lughton ist nach wie vor verschwunden.«

»Eben. Könntest du nicht nach Edinburgh kommen und dich mal umsehen? Du hast doch in solch haarigen Fallen schon öfter Erfolg gehabt. Ich habe Mariot von dir erzählt. Er hat noch einmal einen Funken Hoffnung geschöpft. Ich spüre es förmlich: Das ist ein Fall, bei dem man mit Suchaktionen und Polizeigewalt nicht mehr weiterkommt. Kann ich Mariot sagen, dass du dich damit beschäftigen wirst?«

Luc Morell brauchte nicht zu überlegen. »Natürlich kannst du das«, sagte er spontan. »Aber versprich Mariot Lughton nichts. Ich bin kein Hellseher. Aber ich werde alles in meinen Kräften stehende tun. Erwarte mich morgen. Ich werde über London fliegen.«

Luc Morell legte auf. Er war nachdenklich geworden.

Schon beim Namen der Insel war eine Saite in seinem Unterbewusstsein angeklungen.

Skye…

Irgendwann hatte er schon einmal von dieser Insel im Westen Schottlands gehört.

Und es war nichts Gutes gewesen…



4

Die Maschine der British European Airways landete um 6 Uhr 30 auf dem Flugplatz von Edinburgh. Über Mittelengland hatten Unwetter getobt, und Luc Morell und Monique Dumas waren ganz schön durchgerüttelt, als sie über die Gangway auf den Betonboden hinunterstiegen. Es war kein angenehmer Flug gewesen.

Ein Tankwagen rollte heran, und Männer in gelben Overalls fuhren den langen Schlauch aus, über den die Tanks der kleinen Vickers Viscount neu gefüllt werden sollten. Die Maschine hatte nur eine halbe Stunde Aufenthalt, bis sie wieder in Richtung London mit einer Zwischenlandung in Birmingham startete. Die nächsten Fluggäste warteten schon hinter dem B-Gate. Trist starrten sie durch die verregneten Scheiben auf das Rollfeld heraus.

»Ob Doktor Pratt uns abholt?«, meinte Monique unschlüssig.

Luc hatte nicht zugehört. Er dachte an das silberne Amulett, das an einer silbernen Kette an seiner Brust hing. Das Amulett seines Urahns Leonardo de Lamatime, das er im Château gefunden hatte und das ihm Kraft über Geister und Dämonen verlieh. Würde das Amulett auch diesmal seine Wirkung entfalten können?

Luc zweifelte fast daran. Wie alle hypersensiblen Menschen konnte er seinen Ahnungen vertrauen, und die Ahnungen verhießen diesmal Gefahren aus einem Bereich der Dämonie, mit dem er bisher noch nicht konfrontiert worden war. Es war die Dämonie, die in jedem Menschen wohnt…

»Was?«, fragte Luc Morell aufgeschreckt. »Was haben Sie gesagt, Monique?«

Sie seufzte gottergeben. »Ich sehe schon. Sie stecken schon wieder mitten drin in einem neuen Fall. Ich hatte nur gefragt, ob Steve uns wohl erwarten wird.«

»Ich denke schon«, meinte Luc. »Er müsste mein Telegramm noch bekommen haben. Wir werden es ja ohnehin gleich erleben.«

Inmitten der übrigen Fluggäste waren sie am Eingang der Ankunftshalle angelangt. Zollformalitäten waren nicht mehr nötig. Die hatten sie schon in London erledigt.

Steve Pratt hatte das Telegramm noch rechtzeitig erhalten. Er stand schon an der Gepäckstraße und winkte wild. Doch die Freude, die sonst in seinen Augen bei einem Wiedersehen glänzte, fehlte diesmal. Die Begrüßung fiel auch nicht herzlich, aber auch keineswegs frostig aus. Sie war von Trauer und von Ungewissheit überschattet. Steve, der bei anderen Gelegenheiten Monique immer mit einem strahlenden Jungenlächeln empfing und sie mit Komplimenten überschüttete, reichte ihr diesmal nur die Hand und drückte die ihre herzlich. Die dunklen Augenränder verrieten, dass er schlecht oder überhaupt nicht geschlafen hatte.

»So schlecht sieht es aus?«, fragte Luc mitfühlend.

Steve Pratt antwortete eine ganze Weile nicht.

»Nicht gut«, sagte er schließlich. »Ich wurde um vier Uhr geweckt, als dein Telegramm ankam. Ich hatte es kaum gelesen, als das Telefon klingelte. Mariot war am Apparat. Er hatte wieder geträumt. Du weißt, dass ich mir noch nie viel aus so was gemacht habe, aber es geht an die Nerven, mitzuerleben, wie ein Mann, ein Bulle von einem Mann und ein prächtiger Kerl noch dazu, von Tag zu Tag immer mehr ein Schatten seiner Selbst wird. Mariot Lughton ist am Ende.«

»Ein neuer Traum?«

»Ich fürchte, es war der letzte«, sagte Steve Pratt tonlos. »Wenn du mit deiner Theorie über telepathische Übermittlung recht hattest. Aber das wird dir Mariot selbst erzählen. Ich habe ihm gesagt, dass du heute Früh ankommst. Er erwartet uns in seinem Haus. Tu mir den Gefallen, bitte. Mache ihm ein wenig Hoffnung, und wenn du das zehnmal nicht verantworten kannst. Aber der Mann geht mir vor die Hunde, wenn er nicht etwas bekommt, woran er sich wieder aufrichten könnte.«

Luc Morell nickte nur. »Gehen wir. Hast du einen Wagen mit?«

»Ich bin mit ein Taxi gekommen. Der Fahrer wartet noch draußen.«

»Wir werden einen Leihwagen brauchen. Ich möchte sobald wie möglich in die Highlands und zur Insel hinüber. Würden Sie das für mich erledigen, Monique?«

»Wenn es hier im Flughafen Leihwagen gibt, natürlich«, nickte sie.

»Es gibt eine Agentur«, sagte Steve schnell.

»Und wo treffe ich euch wieder?«, fragte Monique Dumas.

»Fahre in die Princess Street«, riet Steve. »Das ist die Haupteinkaufsstraße von Edinburgh.«

Monique winkte ab. Die Einkaufsstraßen der schönsten Städte in der Welt waren ihr ein Begriff, »Und wo?«, fragte sie nur.

»Bei Gordon’s. Das ist ein Tagescafé, Ecke Stuart Street.«

»Kenne ich«, sagte Monique. »Und wann?«

»In etwa zwei Stunden.«

»Bon. Ich bin in zwei Stunden dort.«

Die Französin nickte den beiden Freunden nochmals zu und steuerte dann den Avis-Schalter an.

»Um das Gepäck kümmere ich mich«, sagte sie noch.

»Ein tüchtiges Mädchen«, meinte Steve Pratt, als Luc Morells Sekretärin außer Hörweite war. »Und ein verteufelt hübsches dazu.«

Luc Morell konnte nicht umhin, leicht zu grinsen. »Ich sehe, dir geht es schon wieder etwas besser.«

»Das täuscht«, sagte Steve und ging auf den Ausgang zu. Luc Morell folgte ihm.

Das Taxi hatte tatsächlich gewartet. Der Fahrer, ein schnauzbärtiger Oldtimer, schlug die druckfrische Morgenzeitung zusammen, mit der er sich die Zeit vertrieben hatte. Das Taxometer tickte.

»Winston Road 11«, sagte Steve und lehnte sich in die Polster im Fond zurück.



5

Die Fahrt verlief schweigend. Luc Morell und Steve Pratt unterhielten sich über Belanglosigkeiten. Dabei erfuhr Luc, dass Steve in der Königlichen Bibliothek des Edinburgher Schlosses zu tun gehabt hatte, um dort vielleicht auf Quellenmaterial zu stoßen, das er für sein neues Buch über die Anfänge der Naturwissenschaften in der Zeit vor der englischen Revolution brauchte. In der Königlichen Bibliothek werden noch handschriftliche Aufzeichnungen von Isaac Newton und James Watt aufbewahrt.

Nach knapp zwanzig Minuten waren sie am Ziel. Der schnauzbärtige Fahrer hielt sein kaum weniger altes Gefährt vor einem prachtvollen schmiedeeisernen Gatter an. Steve bezahlte.

Luc Morells Freund brauchte nur einmal kurz auf den Klingelknopf zu drücken, als das Tor auch schon, von einem Elektromotor getrieben, zurückschwang. Von der Villa herüber kam ein uniformierter Lakai mit einem riesigen Regenschirm gelaufen, obwohl es gar nicht mehr regnete. Er führte die beiden Freunde ins Haus.

»Mister Lughton erwartet Sie schon«, sagte er.

Mariot Lughton war trotz der frühen Stunde komplett angekleidet.

Der Exportkaufmann empfing sie an der Pforte, deren Vorbau von klassizistischen Säulen getragen war. Auf dem Kapitell war in einem Relief der Raub der Sabinerinnen dargestellt.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910919
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370078
Schlagworte
mystery höllen-chirurg

Autor

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Titel: Dr. Mystery #11: Der Höllen-Chirurg