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Dr. Mystery #10: Der silberne Dämon

2017 130 Seiten

Leseprobe

Der silberne Dämon

von A. F. Morland


Dr. Mystery Band 10 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo


Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.


Im Jahre 1924 verschwand eine wissenschaftliche Expedition im Ewigen Eis von Grönland. 1975, fünfzig Jahre später, macht sich eine neue Expedition auf, um diesem Rätsel nachzugehen. Einer der Teilnehmer ist der Wissenschaftler Doktor Steve Pratt. Laut einer Legende soll ein »silberner Dämon« in den klirrenden Weiten der Eiswüste sein Unwesen treiben, geleitet und kontrolliert von einer blutrünstigen Hexe. Als Pratt und seine Mannschaft in Gefahr geraten, kann nur noch der Parapsychologe Doktor Mystery helfen!


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Da war es wieder!

Clay Brown öffnete die Augen und lauschte angestrengt.

Der eiskalte Grönlandwind fauchte über das Zelt hinweg und rüttelte es durch. Die Stützstangen knackten, die Seile, die die Planen an den Eisboden fesselten, ächzten.

Hin und wieder knatterte die kleine Fahne, die sie vor dem Zelt aufgepflanzt hatten.

Doch all diese Geräusche waren dem Mann vertraut. Sie hätten doppelt so laut sein können. Davon wäre er nicht aufgewacht.

Es war etwas anderes, das ihn geweckt hatte. Etwas Unheimliches.

Brown hatte das Gefühl, der Tod würde um das schmale Siebenmannzelt schleichen.

Ein Wolf vielleicht?

Ein Polarwolf? Ausgehungert und auf der Suche nach frischem Fleisch?

Nein, da draußen war kein Wolf. Er hätte sich anders verhalten. Von ihm hätte man nicht das kleinste verräterische Geräusch vernommen.

Vor dem Zelt war jemand, der nicht die Absicht hatte, seine Anwesenheit geheim zu halten.

Clay Brown schauderte.

Er verkroch sich in die Tiefe seines pelzgefütterten Schlafsacks. Die anderen schnarchten fest und laut.

Herrgott, dachte Brown. Wie können die nur schlafen. Merken die denn nicht, was da draußen vor sich geht? Wir sind in Gefahr. Jemand will uns ans Leben!

Brown hielt es auf einmal nicht mehr in seinem Schlafsack aus. Er riss ihn auf, erhob sich, warf ihn auf das flache Feldbett. Es war empfindlich kalt im Zelt, obwohl die Luft vom Atem der sieben Menschen zumindest ein wenig erwärmt wurde.

Plötzlich hörte Brown es ganz deutlich. Ein seltsames Schnauben und Stampfen war es. Ein Scharren und Fauchen.

Das war der Tod.

Clay Brown schlüpfte hastig in seine dicke Pelzjacke. Es drängte ihn aus dem Zelt. Er wollte den Tod sehen. Und er war sicher, dass er ihn sehen würde…



2

Die anderen hörten nicht, wie er das Zelt verließ. Sie schnarchten weiter, hatten keine Ahnung, wie nahe ihnen das Ende gekommen war. Sie hatten sich zu weit vorgewagt in das Reich des silbernen Dämons. Doch keiner wollte das wahrhaben. Sie taten das Ganze als lächerliche Sage ab. Keiner wollte glauben, dass es den silbernen Dämon wirklich gab.

Es gab ihn.

Schon damals, im jenem Jahre 1924.

Brown glitt aus dem Zelt. Er schloss es hinter sich wieder.

Es hatte angefangen zu schneien.

Der geisterhafte Wind jaulte über Eisklippen hinweg, peitschte die Schneeflocken in Browns bleiches Gesicht. Wie feine Nadelstiche schmerzte der Aufprall der winzigen Eiskristalle.

Brown mummte sich fester ein.

Er hob das Gewehr, das er mit nach draußen genommen hatte und ohne das er sich keinen Schritt in diese unwirtliche Nacht hinein zu tun gewagt hätte.

Ängstlich schaute er sich um.

Das Schnauben und Stampfen war jetzt nicht mehr zu vernehmen.

Er dachte eine Sekunde an einen Eisbären, der sich zu nahe an ihr Zelt herangewagt hatte. Aber hätten da nicht die Schlittenhunde angeschlagen? Sie fürchteten diese zotteligen Riesen nicht. Sie verbellten sie tapfer, wenn sie ihnen zu nahe kamen.

Doch im Moment lagen die Schlittenhunde zitternd und eng aneinandergepresst im Schnee, wagten die Schnauzen nicht zu heben, schienen fürchterliche Angst zu haben.

Die Kälte kroch unbarmherzig in Browns Felljacke.

Er vermochte sich nicht zu erwärmen. Eiskalte Schauer rieselten über seinen Rücken, der sich mit Angstschweiß bedeckt hatte.

Clay Brown stapfte mit unsicheren Schritten durch das Schneegestöber.

Obwohl er befürchtete, es könne ihm etwas Grauenvolles zustoßen, war es ihm nicht möglich, umzukehren, ins Zelt zu kriechen, sich den anderen anzuvertrauen, ihnen seine Wahrnehmung mitzuteilen.

Er war auf sich selbst gestellt.

Er fühlte sich schrecklich allein, hier draußen in der eisigen Wildnis.

Allein mit seiner bebenden Angst, die ihn bei lebendigem Leibe aufzufressen versuchte.

Da!

Er hörte wieder diese unheimlichen Geräusche. Sie schienen sich vom Lager entfernt zu haben.

Brown überlegte nicht lange, ob er diesen Geräuschen folgen sollte.

Er ging ihnen einfach nach. Er musste ihnen folgen. Und er begann zu begreifen, dass es dieses unbekannte Wesen darauf anlegte, ihn vom Lager wegzulocken.

Er wusste das, aber er konnte sich nicht dagegen wehren.

Zitternd stakte er durch den hartgefrorenen Schnee.

Seine Augen waren auf den Boden geheftet. Er versuchte Spuren zu entdecken, doch dazu war es zu dunkel.

Plötzlich erschreckte ihn ein silberner Schimmer. Ein Schimmer, der gleichermaßen am Himmel zu hängen schien wie auch über den Boden gekrochen kam.

Browns Finger krampften sich um die Flinte. Er bezweifelte, dass er noch die Kraft haben würde, den Abzug der Waffe zu betätigen.

Trotzdem vermittelte ihm das Gewehr ein kleines Fünkchen Sicherheit, an dem er seinen angststarren Geist zu erwärmen versuchte.

Was ist das?, fragte sich Brown furchtsam. Was ist das für ein seltsamer Schimmer?

Er stolperte darauf zu.

Mit einem Mal war ihm heiß und kalt zugleich. Er peitschte sich selbst zu größter Eile an, ohne zu wissen, warum er so atemlos auf diesen gespenstischen Schimmer zulief.

Je näher er dem Schein kam, desto tiefer und drohender wurde seine Todesangst.

Er begriff, dass sein Leben in dem Moment zu Ende gehen würde, da er das Geheimnis dieses silbernen Scheins gelüftet hatte.

Trotzdem blieb er nicht stehen.

Von Umkehren war keine Rede.

Das Licht zog ihn magisch an. Er keuchte durch das eiskalte Schneegestöber, die Flinte fest an die Hüfte gepresst. Er war entschlossen, auf alles zu schießen, was sich bewegte. Er war entschlossen, bis zum Umfallen um sein Leben zu kämpfen. Gleichzeitig machte ihm aber sein Unterbewusstsein klar, dass er jetzt schon ein lebender Leichnam war.

Das war eine Tatsache, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte.

Jetzt hörte er wieder das Schnauben.

Er war ihm näher gekommen.

Eine dicke Schneekuppe trennte ihn noch von der nächtlichen Erscheinung, die ihn hergelockt hatte.

Atemlos überkletterte er den angewehten Schneeberg. Er sank bis zu den Hüften ein. Der Schnee machte ihm jeden Schritt ungemein schwer. Doch Clay Brown gab nicht auf. Er kämpfte gegen das eiskalte Weiß, das seine Beine umschloss, ihn zurückhalten wollte, ihn vor seinem Ende zu bewahren versuchte.

Brown kämpfte sich verbissen vorwärts. Schweiß brach aus allen Poren. Er spürte die Kälte nicht mehr. Im Gegenteil. Ihm war entsetzlich heiß. Er konnte den dicken Pelz kaum noch auf dem erhitzten Körper vertragen. Wild riss er die Verschlüsse auf. Der bitterkalte Polarwind pfiff ihm bis auf die Haut. Doch Clay Brown schwitzte immer noch und immer mehr.

Endlich hatte er wieder festgefrorenen Boden unter den Füßen.

Er schnaufte. Seine fieberglänzenden Augen suchten die schwarze Nacht nach der unheimlichen Erscheinung ab.

Der silberne Schimmer hatte sich verstärkt. Brown wähnte sich der Erscheinung ganz nahe. Sein Herz klopfte wie verrückt gegen seine Rippen.

Ich habe es gleich geschafft, dachte er, und er wunderte sich darüber, dass er sich freute.

Ein neuerliches Stampfen ließ ihn mit einem heiseren Schrei herumfahren.

Da war es!

Browns Augen weiteten sich in namenlosem Erstaunen. Was er sah, raubte ihm beinahe den Verstand.

Vor ihm, in einer Entfernung von fünf Metern, stand ein silbernes Etwas.

Ein Tier.

Es stampfte und schnaubte. Aus seinen Nüstern zischten flammende Wolken.

Es hatte kurze, kräftige Beine. Das Fell war lang und zottelig wie das eines Eisbären. Wahnsinnig böse Augen glotzten Brown hasserfüllt an.

Der Mann fühlte, dass ihm diese Erscheinung ihren Willen aufzwang.

Er wehrte sich verzweifelt dagegen, presste die Lider fest zusammen, doch als er die Augen wieder öffnete, war das Tier immer noch da.

Sein Fell schien aus puren Silberfäden zu bestehen. Dieses Fell gab das Licht ab, das Brown entdeckt hatte. Seit ihm das Tier gegenübergetreten war, war die Nacht auf unerklärliche Weise hell und unnatürlich kontrastreich.

Clay Brown war in der Lage, jedes erschreckende Detail genau zu erkennen.

Eine gallbittere Angst schnürte ihm plötzlich die Kehle zu.

Du bist verloren!, hämmerte es in seinem erhitzten Kopf. Du bist verloren!

Fassungslos glotzte er das gespenstische Tier an. Es war ein Fabelwesen. Es hätte nicht wirklich existieren dürfen. Es gehörte in das Reich der Fantasie.

Und doch stand es kraftstrotzend vor ihm, hatte den Kopf gesenkt und das mächtige, lange, gefährliche Horn, das aus seiner silbernen Stirn wuchs, genau auf seine Brust gerichtet.

Brown stand einem silbernen Einhorn gegenüber.

»Es gibt es also doch!«, brüllte der entsetzte Mann in den jammernden Wind hinein. »Dich gibt es!«, schrie er das Einhorn in panischer Furcht an. »Es gibt dich! Du bist keine Sage! Der silberne Dämon existiert!«



3

Rick Bradley stieß sich den Kopf am Feldbett. Davon wachte er auf.

Es fiel ihm auf, dass Clay Brown nicht neben ihm lag.

Er setzte sich benommen auf, versuchte mit den Augen das im Zelt herrschende Dunkel zu durchdringen und rief Browns Vornamen. Davon erwachten die anderen.

»Was ist denn?«, knurrte Hunt Chambers, der neben Bradley lag.

»Clay ist verschwunden!«, sagte Bradley besorgt.

»Was heißt verschwunden?«

»Er ist nicht da.«

»Seine Pelzjacke ist auch nicht da«, sagte ein anderer.

»Und sein Gewehr ist auch weg!«, rief eine zweite Stimme aus der Dunkelheit.

»Der ist Wasser abschlagen gegangen!«, knurrte Hunt Chambers.

»Doch nicht mit dem Gewehr!«, widersprach Rick Bradley.

»Dann hat er vielleicht ‘nen Bären herumschleichen gehört.«

»Wir sollten uns um ihn kümmern!«, sagte Bradley.

»Ohne mich!«, zischte Hunt Chambers. »Draußen ist es verflucht kalt.«

»Das ist es auch für Clay.«

»Seine Sache. Er hätte ja im Zelt bleiben können.«

Rick Bradley redete auf Chambers solange ein, bis dieser sich breitschlagen ließ und sich aus dem Schlafsack schälte.

»Verdammter Quälgeist!«, beschimpfte er Bradley.

Nun erhoben sich auch die anderen. Sie schlüpften in ihre dicken Pelzjacken, griffen sich ihre Gewehre und krochen aus dem Zelt.

»Clay!«, rief Rick Bradley. Er hatte die Hände trichterförmig an den Mund gelegt und schrie Clays Namen in alle vier Himmelsrichtungen.

»Clay!«, riefen nun auch die anderen.

Aber sie bekamen keine Antwort.

»Dem ist etwas zugestoßen!«, stöhnte Rick Bradley nervös.

»Hör auf, zu unken!«, fauchte Hunt Chambers ärgerlich. »Solange du uns nicht das Gegenteil beweisen kannst, lebt der gute Clay noch. Selbst wenn dir das nicht passt: Mit Clay ist noch alles in bester Ordnung!«



4

Gebannt starrte Clay Brown auf das mörderische Horn.

Der silberne Dämon scharrte mit seinen Hufen das blanke Eis auf.

Gleich greift es an!, dachte Brown.

Plötzlich kam ihm in den Sinn, dass er bewaffnet war.

Blitzschnell legte er die Flinte an.

Das Einhorn stand unbeweglich da.

Brown zielte zitternd und drückte ab. Der aufpeitschende Schuss zerfetzte die Stille der eiskalten Nacht.

Brown traute seinen Augen nicht.

Er war ein guter Schütze. Auf dieser Entfernung war es ihm niemals möglich, danebenzuschießen.

Verdattert stellte er fest, dass die Kugel das Tier zwar getroffen hatte, dass sie aber von seinem silbernen Fell wirkungslos abgeprallt war.

Dieses Einhorn war mit einer Gewehrkugel nicht zu töten.

Brown wusste es, doch in seiner panischen Furcht repetierte er hastig, legte erneut an, drückte wieder ab. Der Rückstoß des Gewehrs warf ihn fast in den Schnee.

Das Einhorn rührte sich nicht vom Fleck.

Brown repetierte atemlos. Er zielte auf das rechte Auge des silbernen Dämons.

Bellend verließ die Kugel den Lauf.

Das Geschoß traf das Ziel. Aber das Auge musste diamanthart sein.

Das Projektil vermochte es nicht zu zerstören.

Die Kugel schwirrte als zirpender Querschläger davon.

Da brüllte Brown entsetzt auf. Er schleuderte das Gewehr nach dem silbernen Einhorn und brach heulend auf die Knie.

Langsam, mit gesenktem Haupt, kam das unheimliche Wesen auf ihn zu.

Es setzte ihm die schlanke Spitze seines langen Horns an die Brust.

Brown brüllte, solange er konnte.

Mit einem gnadenlosen Stoß nahm ihm der silberne Dämon das Leben. Das tödliche Horn durchbohrte den Leib des Bedauernswerten und drang ihm aus dem Rücken…



5

»Er hat geschossen!«, rief Rick Bradley erschrocken.

»Wir haben es gehört!«, murrte Hunt Chambers. »Wir sind schließlich nicht taub.«

»Wir müssen ihm zu Hilfe eilen! Er braucht Hilfe.«

»Woher weißt du das?«

»Er schießt doch nicht ohne Grund!«, schrie Rick Bradley aufgeregt.

Die Männer brachten ihre Gewehre in Anschlag und keuchten durch das immer dichter werdende Schneegestöber.

»Verrückt, sich so weit vom Zelt zu entfernen!«, maulte Hunt Chambers. »Wenn Clay was passiert, dann ist er selbst dran schuld.«

»Vielleicht hat er sich verlaufen!«, brachte Bradley zu Browns Entschuldigung vor.

»Quatsch. Man kann sich nicht verlaufen, wenn man nicht wegläuft!«

Plötzlich hörten sie Browns furchtbares Gebrüll.

»O mein Gott! O Gott!«, presste Rick Bradley erschüttert hervor. »So schreit man nur, wenn es einem ans Leben geht!«

Den Männern gefror das Blut in den Adern.

»Kommt!«, keuchte Bradley. Er warf sich gegen den heulenden Sturm, winkte den anderen hektisch zu, rannte ihnen allen voraus. »Kommt! Kommt! Schneller! Nicht so langsam! Schneller!«

Sie hetzten auf das Gebrüll zu.

Plötzlich riss es ab.

Sie erstarrten.

»Zu spät!«, ächzte einer der Männer.

»Was ist das für ein silberner Schein?«, fragte Hunt Chambers mit vibrierenden Nerven und flatternden Lungenflügeln.

»Keine Ahnung!«, stöhnte Rick Bradley.

»Es kommt auf uns zu!«, schrie plötzlich der Mann neben Bradley. »Es kommt näher. Das Licht kommt auf uns zu.«

Sie stellten sich nebeneinander auf. Jedem zitterten die Knie. Jeder klammerte sich an seine Flinte. Mit rasch schwindendem Mut glotzten sie dem heller werdenden Silberschein entgegen. Der Wind umpeitschte sie, schlug ihnen den Schnee in die erhitzten, furchtverkrampften Gesichter. Die weißen Flocken blieben auf ihrer heißen Haut kleben, schmolzen und rannen über ihre Wangen. Klatschnass waren die Gesichter der entsetzensstarren Männer, vom Schweiß und vom geschmolzenen Schnee.

»Da!«, kreischte plötzlich Hunt Chambers bestürzt.

Er hätte die anderen darauf nicht aufmerksam machen müssen.

Sie alle sahen es.

Ein Einhorn kam langsamen Schrittes aus dem Schneegestöber auf sie zu.

Ein silbernes Einhorn, dessen Fell leuchtete und die Nacht erhellte.

Ein grauenvolles Einhorn, denn an dem langen Horn, das aus seiner Stirn ragte, hing der durchbohrte Körper von Clay Brown.

Schlaff baumelten seine Arme und Beine herab. Sein Kopf wackelte bei jedem Schritt, den das Einhorn auf die verstörten Männer zu machte.

Er war auf eine grauenvolle Weise ums Leben gekommen.

Und seinen sechs Freunden drohte das gleiche Schicksal…



6

Monique Dumas fuchtelte mit ihren Händen, als würde sie dirigieren. Dadurch sollte der farblose Nagellack schneller trocknen.

»Nun, Monique, was sagen Sie zu Steve Pratts Brief?«, fragte Doktor Luc Morell. Er erhob sich und trat ans Fenster seines Arbeitszimmers. Von hier konnte er in den Innenhof von Château de Lamatime blicken.

Luc Morells Sekretärin lächelte amüsiert. »Es kommt höchst selten vor, dass Sie mich um meine bescheidene Meinung fragen, Chef.«

Luc wandte sich schnell um. »Sie tun ja gerade so, als wäre ich ein Sklavenhalter, Monique«, sagte er vorwurfsvoll.

Das hübsche Mädchen blinzelte schlau. »Sie können mir schon lange nichts mehr vormachen, Chef.«

»Monique…«, gab sich der Doktor entrüstet, doch seine Sekretärin winkte lachend ab.

»Sie fragen mich zumeist dann um meine Meinung, wenn Sie sicher sein können, dass ich mich genauso äußere, wie Sie es sich vorstellen und wünschen.«

Luc setzte sich mit zusammengezogenen Brauen an den Schreibtisch, vor dem Monique lächelnd saß. Er wusste, dass sie recht hatte, aber er hätte das niemals zugegeben.

»Ich muss schon sagen, Sie haben keine besonders gute Meinung von mir, Monique.«

»Wollen Sie trotzdem hören, was ich zu Steve Pratts Brief sage, Chef?«

»Natürlich«, knurrte Luc. »Jetzt erst recht.«

»Ich finde Steves Vorschlag fantastisch.«

»Das ist auch meine Meinung«, nickte Luc Morell.

»Ist mir bekannt«, kicherte Monique. Dann schüttelte sie schmunzelnd den Kopf. »Wer hätte gedacht, dass der Historiker Steve Pratt mal an einer Grönland-Expedition teilnehmen würde.«

»Warum denn nicht?«, sagte Luc Morell. »Es gibt bestimmt viele interessante Dinge da, deretwegen sich eine solche Reise für einen Historiker lohnt.«

»Ich finde es süß von ihm, dass er an uns gedacht hat, Chef.«

Das hörte Luc nicht eben gern. Monique Dumas war zwar »nur« seine Sekretärin, aber sie verkörperte so viele gute Eigenschaften, dass er sie keinesfalls an irgendjemanden verlieren wollte.

Monique war schön, intelligent, sprühend vor Lebendigkeit und Charme. Sie war zuverlässig, verstand es, selbständig zu arbeiten, war tapfer und mutig und stand ihrem Chef in den gefährlichsten Abenteuern unerschrocken zur Seite.

Und gefährlich war es in der Nähe von Luc Morell, dem Parapsychologen, den Spötter wie Bewunderer »Doktor Mystery« nannten, allemal, denn Luc stieß immer wieder auf übersinnliche Phänomene, die ihn dazu zwangen, sich schwarzmagischen Mächten und dämonischen Feinden zum Kampf zu stellen.

»Süß! Was heißt, Sie finden es süß von ihm, dass er an uns gedacht hat?«

»Er hätte uns nicht zu schreiben brauchen.«

»Er weiß, dass mein Spezialfach die Parapsychologie ist, er weiß, dass ich mich für alte Sagen interessiere, er weiß, dass ich es mir zum Lebensinhalt gemacht habe, Dämonen zu jagen und zur Strecke zu bringen. Nun gibt es eine Sage, die von einem silbernen Dämon spricht, der in Grönland hausen soll und schon viele Menschen in Angst und Schrecken versetzt oder sogar getötet hat. Außerdem ist die Rede von einer Hexe namens Banrass. Sie soll angeblich mit dem Dämon gemeinsame Sache machen. Hin und wieder fungiert sie als dessen Lockvogel. Doktor Steve Pratt weiß, dass ich es ihm nie verzeihen würde, wenn er die Expedition machen würde, ohne mich dazu einzuladen. Deshalb hat er uns diesen Brief und diese Spezialkarte geschickt. Das ist zwar sehr aufmerksam von ihm, aber süß kann man das beim besten Willen nicht nennen.«

Monique Dumas schmunzelte belustigt. »Wie Sie meinen, Chef.«

»Eben«, nickte Luc bestimmt.

»Er lädt uns ein, an dieser Expedition teilzunehmen, Chef.«

»Ja, das tut er.«

»Werden wir daran teilnehmen?«

Luc grinste. »Hegten Sie jemals einen Zweifel daran?«

»Eigentlich nicht.«

»Dann packen Sie Ihre wärmste Unterwäsche ein, Monique. Was wir sonst noch brauchen, kaufen wir in Paris.«



7

Damals, im Herbst 1924, waren es sieben Amerikaner gewesen, die nach Nordostgrönland gekommen waren.

Sieben Mann.

Einer von ihnen hatte Clay Brown geheißen.

Sie waren mit dem Schiff zur Mündung des Scoresbysundes gekommen, des größten Fjords der Welt, Hunderte Kilometer von der nächsten menschlichen Niederlassung entfernt.

Sie hatten die Aufgabe gehabt, Vorbereitungen für die Schaffung einer neuen Eskimokolonie am Scoresbysund zu treffen, um der Übervölkerung der Angmagssalik-Eskimos, die zum Volk der Inuit gehörten, an der südlichen Ostküste abzuhelfen. Vier von ihnen waren Zimmerleute gewesen. Sie hätten an gut geschützten Stellen der Fjordküste kleine Holzhütten für je eine Eskimofamilie errichten sollen, während die anderen mit der Erforschung der Naturverhältnisse, ganz besonders des Tierlebens als erste und wichtigste Existenzgrundlage der künftigen Besiedlung, beauftragt waren.

Clay Brown und seine Freunde kamen nicht dazu, ihre Aufgabe zu erfüllen.

Keiner von ihnen war von ihrer letzten Fhrt, die sie ins Landesinnere gemacht hatten, zurückgekehrt.

Nun, im Jahre 1975, hatte sich wieder eine Gruppe von Amerikanern, der auch Doktor Steve Pratt angehörte, zusammengefunden, die da weitermachen wollte, wo Clay Brown 1924 nicht mehr weitergemacht hatte. Das Projekt von damals war inzwischen längst verworfen worden. Es waren rein private Interessen, die diese neuerliche Expedition zustande gebracht hatten.

Diesmal waren sie zu acht.

Und ihre Ausrüstung war wesentlich besser. Die Waffen waren perfekter und zuverlässiger. Die Kleidung der Männer war leichter und hielt die Kälte besser ab, als es die dicken Felljacken früher gekonnt hatten. Dadurch war es den Männern möglich, sich ungehinderter zu bewegen.

Sie waren wie Clay Brown und seine Freunde mit dem Schiff durch das Packeis gekommen und verwendeten wie die sieben verschollenen Männer Hundeschlitten.

Steve Pratt und all die anderen hofften, jenes hartgefrorene Geheimnis zu knacken, das das Verschwinden dieser sieben Expeditionsteilnehmer umhüllte. Sie hofften, herauszufinden, wo diese sieben Männer abgeblieben waren, was ihnen zugestoßen war, wieso man nie mehr wieder etwas von ihnen gehört hatte.

Sobald sie von Bord gegangen waren, spannten sie die kläffende Hundemeute vor die Schlitten. Ihr vorläufiges Ziel war das Jamesonland, ein großes, nur an seinen Randgebieten bekanntes Land im äußeren Teil des Fjordes.

Noch am Abend desselben Tages erreichten sie Kap Stewart an der Ostküste des Jamesonlandes und fanden hier, wie vermutet, die Depothütte einer dänischen Expedition.

Hier übernachtete die Gruppe.

Am nächsten Tag sagten sie der mächtigen Eiswüste zum ersten Mal den erbitterten Kampf an.

Sie wussten, welchen Weg Brown und die anderen 1924 eingeschlagen hatten, und sie nahmen denselben Weg.

Die gewaltige Stimme der Natur begleitete sie. Lange Zeit hörten sie noch das Rauschen der Fjordwasser, vernahmen das Brechen und Krachen des Eises und das ferne, dumpfe Kalben der majestätischen Gletscher.

Steve Pratt hatte seinem Freund Luc Morell einen Treffpunkt im Landesinneren vorgeschlagen.

Diesen Punkt, eine dem Vernehmen nach sehr gut erhaltene Depothütte, wollten die Männer um Pratt auf dem Landwege erreichen, während Luc dort mit dem Hubschrauber eintreffen sollte.

Die Hütte war auf jener Spezialkarte markiert, die Pratt dem Freund mit dem Brief zugesandt hatte. Wenn Luc also kommen würde – und Steve war felsenfest davon überzeugt, dass dies der Fall war –, würden sie einander an dieser bezeichneten Stelle um eine bestimmte Zeit an einem bestimmten Tag treffen und die Expedition dann gemeinsam fortsetzen.

Als die Dämmerung hereinbrach, begannen sie in einer windgeschützten Mulde das Zelt zu errichten. Viel Mühe kostete sie das Loshacken und Heranschleppen schwerer Eisblöcke, mit denen sie das Zelt befestigten. Der Petroleumkocher verbreitete schnell eine behagliche Wärme im Zelt. In den Schlafsäcken liegend verzehrten die Männer ihr frugales Abendessen.

Dann holte einer seine Mundharmonika hervor und begann wehmütige Weisen zu spielen.

Neben Steve Pratt lag Steinunn Snorre, ein kraftstrotzender, sympathischer Norweger. Er leitete die Expedition. Sein Gesicht war von einem blonden Kinnbart bedeckt. Er hatte weißblonde Brauen und wasserhelle Augen.

»Dieser Luc Morell«, sagte Snorre mit gedämpfter Stimme zu Pratt. »Der Wissenschaftler, den wir treffen sollen, was ist das für ein Mensch?«

Steve schmunzelte.

»Er ist mein Freund.«

»Ist er verträglich?«

»Genau wie ich.«

»Warum haben Sie ihn eingeladen, an dieser Expedition mitzumachen?«

»Er ist Parapsychologe«, erwiderte Steve.

»Eben. Was gibt es für einen Parapsychologen in Grönland zu entdecken?«, fragte Steinunn Snorre. Sie sprachen Norwegisch miteinander. Steve beherrschte die Sprache leidlich.

»Luc Morell ist ganz versessen auf alte Sagen«, meinte Steve. »Es reizt ihn, diesen Geschichten auf den Grund zu gehen, ihren Ursprung zu studieren. Er möchte den Kern solcher Sagen erforschen. Es heißt, dass hier in der Gegend ein silberner Dämon sein Unwesen treibt. Zusammen mit einer Hexe namens Banrass. Doktor Morell hätte es mir nie verziehen, wenn ich ihm nichts geschrieben hätte.«

»Haben Sie seine definitive Zusage, dass er kommt?«, fragte Snorre.

»Nein, Steinunn. Die habe ich nicht. Aber Sie können hundertprozentig mit ihm rechnen. So ein Abenteuer lässt sich mein Freund nicht entgehen.«



8

Wildes, wütendes Heulen weckte die Männer in dieser Nacht.

Steve Pratt schnellte aus seinem Schlafsack. Er griff sofort nach seinem Gewehr.

»Wölfe!«, schrie Steinunn Snorre gereizt.

Er stürmte mit Doktor Pratt aus dem Zelt. Sie sahen sie sofort. Soeben hatten sie versucht, die Schlittenhunde anzugreifen.

Steve Pratt wusste, dass sich die Polarwölfe den Schlittenhunden gegenüber einer abscheulichen Angriffsweise bedienten. Durch plötzliche Überrumpelung, mitunter durch einen gemeinen Biss in den Kopf, suchten sie die Hunde umzuwerfen und versuchten dann, ihr Opfer durch einen blitzschnellen Biss in die Hoden kampfunfähig zu machen.

Dem erbärmlich heulenden Opfer rissen sie dann die Bauchdecke auf, um die Eingeweide zu verschlingen.

Kein Wunder daher, dass selbst Schlittenhunde, die an Größe und Stärke den Wölfen keineswegs unterlegen wären, es stets vorzogen, diesen schrecklichen, gewandten Räubern aus dem Weg zu gehen.

»Da!«, brüllte Steinunn Snorre aufgeregt. »Da! Da! Da!«

Er zeigte auf die geduckten Schatten. Sie waren von einem ganzen Wolfsrudel umringt.

Nun waren auch die anderen Expeditionsteilnehmer aus dem Zelt gekrochen.

Sie eröffneten sofort das Feuer, ballerten aus allen Rohren auf die knurrenden Bestien.

Die Schlittenhunde pressten sich mit gesträubtem Fell in den Schnee.

Die Kugeln der Männer streckten fünf kräftige Wölfe nieder.

Sofort fiel das Rudel über die verendeten Tiere her. Knurrend zerfleischten die hungrigen Wölfe ihre Artgenossen und schleppten sie, eine breite Blutspur zurücklassend, vom Lager fort.

Steve Pratt setzte keuchend die Flinte ab.

Er schaute Snorre an.

»Was meinen Sie, Steinunn. Ob die noch mal wiederkommen?«

Der Norweger schüttelte den Kopf. »Als sie herkamen, hatten sie Hunger. Den werden sie nun stillen. Sie werden uns in Ruhe lassen.«

»Ihr Wort in Gottes Ohr!«, seufzte Steve Pratt. Die anderen nickten mit vor Erregung bleichen Gesichtern.

Snorre schaute nach den Hunden.

Keiner von ihnen war verletzt.

»Das ist noch mal gut ausgegangen«, sagte der Norweger und kroch mit den anderen wieder in das Zelt.



9

Doch in dieser Nacht konnten die Männer lange Zeit nicht einschlafen.

Aus der Ferne schwebte ein grauenvolles, klagendes Geheul über die weite weiße Decke der Landschaft.

»Hören Sie das, Steinunn?«, fragte Steve Pratt in die Dunkelheit hinein.

»Wir hören es alle«, sagte der Mann, der neben Steve lag.

»Was ist das?«, fragte der dritte.

Dann sagte jemand: »Das ist der Wolf. Er beklagt seine Niederlage.«

Doch Steinunn Snorre schüttelte grimmig den Kopf.

»So grauenvoll kann kein Wolf heulen!«, sagte er heiser.

»Sie haben recht, Steinunn«, sagte der Mann neben Steve. »Es hört sich schauderhaft an.«

»Was kann es sein?«, fragte Steve Pratt.

Snorre hob die Schultern.

»Ich weiß es nicht«, sagte er.

Aber Steve Pratt wusste, dass der Norweger log.

Das ist Banrass!, dachte Steve. Das ist die Hexe Banrass. Nur sie kann so fürchterlich heulen. Nur sie. Sonst niemand.

Steve schauderte. Er hatte nicht gedacht, dass sie ihr schon so nahe gekommen waren.



10

Am nächsten Morgen schneite es.

Kein Lüftchen regte sich. Jene tiefe Grabesstille umgab die Männer, die in der klaren Luft des Nordens auch das geringste Geräusch wie aus unmittelbarer Nähe an das Ohr des Lauschenden bringt.

Über eine Schneewehe huschte plötzlich ein kurzer Schatten, wurde schnell länger, wuchs ins Riesenhafte, verschwand sofort wieder.

»Da war etwas!«, rief Carter Tamarr aufgeregt. Er wies auf die Stelle, wo er die Wahrnehmung gemacht hatte. Tamarr war ein Koloss von einem Mann. Er hatte bis zu seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr in Boston mit gutem Erfolg geboxt. Jetzt war er dreißig, hatte ein eingeschlagenes Nasenbein und genügend Geld auf der Bank, um sich die Teilnahme an dieser Expedition, die jeder selbst mit finanzieren musste, leisten zu können.

»He!«, schrie er den anderen wütend zu. »Hört ihr nicht? Da war eben etwas!«

Die Männer brachen ihre Arbeit ab.

»Was war?«, fragte Steinunn Snorre. Sein Englisch war besser als das Norwegisch von Steve Pratt.

»Ein Schatten!«, sagte Carter Tamarr aufgeregt. »Ein riesiger Schatten!«

»Wo?«, fragte Snorre.

»Dort.«

»Über der Schneewehe?«

»Ja.«

»Nichts zu sehen.«

»Verdammt, aber da war etwas. Es ist sofort wieder verschwunden, Steinunn! Wir sollten nachsehen, wer an uns Interesse hat.«

»Okay«, nickte Snorre.

Er griff nach seinem Gewehr. Steve Pratt bewaffnete sich ebenfalls. Zu dritt stapften sie auf die Schneewehe zu. Je näher sie ihr kamen, desto nervöser wurde Tamarr. Er zitterte, und seine Zähne klapperten aufeinander.

»Mann, reißen Sie sich doch zusammen!«, sagte Snorre eindringlich.

»Was soll ich machen, ich habe Angst!«, stöhnte Tamarr.

»Ein kräftiger Mann wie Sie – mit einem Gewehr! Sie brauchen doch keine Angst zu haben!«

»Sie haben nicht gesehen, was ich sah, Steinunn!«, stieß Tamarr aufgewühlt hervor.

Sie erreichten die Schneewehe.

Tamarr blieb einen Schritt hinter Steve Pratt und Snorre zurück.

»Nun?«, fragte er mit flatternden Augen.

»Nichts!«, knurrte Snorre.

»Jetzt machen Sie aber ‘nen Punkt!«, schrie Tamarr wütend.

»Hier ist nicht mal die Spur eines Polarhasen zu sehen!«, erwiderte der Norweger frostig. »Sie müssen sich geirrt haben, Carter.«

Tamarrs Gesicht lief rot an. »Mann, ich bin doch nicht verrückt. Und auf meine Augen kann ich mich verlassen. Ich habe etwas gesehen! Einen Schatten, verdammt noch mal! Ich habe einen Schatten gesehen! Warum wollen Sie mir das denn nicht glauben?«

»Was für ein Schatten war das?«, fragte Steve Pratt den Wütenden.

»Ein riesenhafter Schatten. Er verschwand sofort wieder…«

»War es der Schatten eines Tieres oder der eines Menschen?«

»Weiß ich nicht! Es ging so schnell! Es sah so schauderhaft aus…«

»Überlegen Sie doch, Carter!«, sagte Snorre eindringlich. »Wenn Sie tatsächlich irgendetwas gesehen hätten, müssten wir hier Spuren erkennen. Aber es gibt keine Spuren.«

»Ich habe trotzdem einen Schatten gesehen!«, beharrte der starrsinnige Ex-Boxer.

Snorre nickte seufzend. »Okay. Dann haben Sie eben den Schatten gesehen, wenn Ihnen daran so viel liegt.«

»Verdammt, Sie dürfen mit mir nicht wie mit einem Verrückten reden, Steinunn!«, brüllte Tamarr zornig. »Dazu haben Sie kein Recht!«

»Entschuldigen Sie, Carter«, erwiderte der Norweger. »Ich wollte Sie nicht beleidigen.«

Sie kehrten zu den anderen zurück, packten alles Zeug auf die beiden Schlitten und zogen los.

Es schneite, wie es nur in Polarländern schneien konnte.

Überall sanken die Männer bis über die Knie ein. Gleichmäßig kamen dicke Flocken vom Himmel. Die Männer konnten keine hundert Meter weit sehen. Langsam und schwerfällig ruderte ein Rabe über ihren Köpfen durch den dichten Schneefall. Einige Eiderenten flogen auf und flatterten davon. Die Männer gingen im Gänsemarsch, einer in den Fußstapfen des anderen, um dadurch Kräfte zu sparen. In Senkungen und Vertiefungen war das Gehen oft ganz unmöglich. Sie sanken bis an die Hüften ein. Eine Orientierung war so gut wie unmöglich.

Mit Carter Tamarr war eine seltsame Wandlung vor sich gegangen. Zuerst fiel sie niemandem auf. Doch dann bemerkte Steve Pratt, dass mit dem Mann irgendetwas nicht stimmte.

Tamarrs Gesicht war seltsam verzerrt. Er sah grausam aus. Seine Augen hatten einen feindseligen Ausdruck angenommen. Immer wieder wandte er sich furchtsam und ruckartig um, als fürchte er, jemand stünde ganz dicht hinter ihm und wolle ihm das Leben nehmen.

Todesangst schüttelte ihn, obwohl die Landschaft friedlich und keinerlei Gefahr zu erkennen war.

»Merkt ihr nichts?«, fragte Tamarr während einer kurzen Rast.

»Was sollen wir merken?«, fragte Steve Pratt zurück.

»In dieser Gegend stimmt etwas nicht!«, knurrte Carter Tamarr.

»Das bilden Sie sich doch bloß ein«, sagte Steinunn Snorre. Er holte eine flache Schnapsflasche aus seiner Jacke und reichte sie dem Ex-Boxer. »Hier. Nehmen Sie einen Schluck. Der Alkohol wird Sie wärmen und auf andere Gedanken bringen!«

Tamarr schlug dem Norweger die Flasche wütend aus der Hand.

Sie fiel in den Schnee.

»Fangen Sie schon wieder an, mich wie einen Narren zu behandeln?«, brüllte Tamarr den Expeditionsleiter an.

»Aber nein! Natürlich nicht, Carter. Warum sind Sie bloß immer gleich beleidigt? Ich mag Sie. Ich mag Sie wirklich. Warum können wir uns nicht vertragen?«, fragte der Norweger. Dann bückte er sich und hob seine Flasche auf. Er bot den anderen seinen Schnaps an.

Vier davon nahmen die Einladung dankend an.

»In dieser Gegend stimmt etwas nicht, da könnt ihr sagen, was ihr wollt!«, fing Carter Tamarr schon wieder an. »Ich fühle es. Wir werden beobachtet. Wir werden verfolgt, sage ich euch. Hinter uns ist jemand her!«

»Wer?«, fragte Steve Pratt kühl.

»Weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir diese Reise nicht allein machen! Und ich werde allmählich das Gefühl nicht los, dass wir – alle, die wir hier versammelt sind – diese Reise nicht überleben werden!«

»Jetzt reicht es aber, Carter!«, rief Steinunn Snorre ärgerlich aus. »Was soll denn Ihr Gerede? Was bezwecken Sie damit? Wollen Sie Ihren Freunden etwa Angst machen?«

Tamarr schaute mit fieberglänzenden Augen in die Runde. »Nein, Steinunn. Ich brauche meinen Freunden keine Angst zu machen. Die werden sie schon kriegen! Sehr bald schon!«



11

Doktor Luc Morell kam mit seiner Sekretärin Monique Dumas am späten Nachmittag beim Heliport Julianehab an.

Luc hatte vor, hier zu übernachten und tags darauf die nötigen Schritte zur Weiterreise einzuleiten.

Er hatte sich per Fernschreiber bereits mit der einzigen innergrönländischen Fluggesellschaft »Grönlandfly« in Verbindung gesetzt.

Man erwartete ihn im Büro des Unternehmens. Ein zuvorkommender Angestellter war um den Doktor und seine Sekretärin sehr bemüht.

Der Mann war der Meinung, dass er keine Schwierigkeiten für Luc sehe. Der Doktor könne mit einem Hubschrauber rechnen, der ihn ins Jamesonland bringen würde.

Sie verbrachten einen netten Abend in angenehmer Gesellschaft einiger wohlhabender Touristen. Gegen Mitternacht brachte Luc seine Sekretärin auf ihr Zimmer.

»Ich hätte nie gedacht, dass es in dieser Kälte so schön sein kann«, sagte Monique kichernd. Sie war ein wenig beschwipst.

»Gute Nacht, Monique«, sagte Luc Morell.

Die junge Frau schlang die Arme um seinen Nacken.

»Gute Nacht, Chef«, säuselte sie.

»Morgen oder übermorgen kriegen wir den Hubschrauber.«

»Wir werden rechtzeitig da sein, nicht wahr?«

»Natürlich, Monique. Wir werden sogar vor Steve und den anderen am vereinbarten Ort sein.«

Monique kicherte belustigt. »Neun Männer. Und eine einzige Frau. Wenn das nur gutgeht.«

»Das hängt von der Frau ab«, erwiderte Luc.

»Möchten Sie mich zu Bett bringen, Chef?«

Luc wurde heiß. »Gern, Monique. Aber…«

»Dieses verflixte Aber, Chef!«, klagte Monique. »Wird es das immer geben? Werden Sie immer nur mein Chef sein?«

»Sie sind süß, wenn Sie getrunken haben, Monique.«

»Davon habe ich nichts, wenn Sie nicht versuchen, an mir zu knabbern.«

»Sie sind süß – und gefährlich. Schlafen Sie gut, Monique.« Es fiel Doktor Mystery nicht leicht, sich von diesem hinreißenden Wesen zu trennen. Aber er wollte ihren Zustand nicht ausnützen. Wenn es passierte, dann sollte sie nüchtern sein. Ansonsten wäre dabei ein bitterer Geschmack zurückgeblieben.

»Gute Nacht, Sie standhafter Doktor!«, seufzte Monique Dumas bedauernd.

Dann schloss sie sehr langsam die Tür, als hoffe sie, dass Luc Morell es sich doch noch anders überlegen würde.



12

Auch am nächsten Tag war Carter Tamarr nicht normal. Im Gegenteil. Je tiefer sie ins Landesinnere vordrangen, desto mehr schien sich der Geist des Ex-Boxers zu verwirren.

Steinunn Snorre fing an, sich ernsthafte Sorgen um den Mann zu machen.

Er sprach mit Steve Pratt darüber, und sie beide zogen dann Doktor Richard Goss zu Rate.

Goss kam aus New York. Genau wie Steve Pratt. Er war mittelgroß, hatte ein pockennarbiges Gesicht, dunkelblaue Augen und große, kräftige Zähne in einem schmallippigen Mund.

»Was halten Sie von Tamarrs Zustand, Doc?«, fragte Steve Pratt den Arzt.

Goss schielte besorgt zu dem Mann, von dem die Rede war.

»Ich bin leider kein Psychiater.«

»Er hat den Verstand verloren, nicht wahr?«, fragte Snorre.

»Möglicherweise ist die Belastung dieser Reise für ihn zu groß«, erwiderte der Arzt ausweichend.

»Unsinn!«, meinte Steve Pratt kopfschüttelnd. »Er hat bis vor drei Jahren noch brillant geboxt. Für solch einen Kerl kann diese Reise doch keine zu große Belastung sein.«

»Der Schnee, das Eis, die Kälte. Sie machen ihm vermutlich mehr zu schaffen als uns. Aber man kann deshalb noch nicht behaupten, dass er verrückt ist«, sagte der Arzt.

»Und diese Angst?«, fragte Snorre hastig. »Wie erklären Sie sich seine Angst?«

»Er weiß von der Sage, die man sich über dieses Land erzählt«, meinte Doktor Goss. »Kann sein, dass er davor Angst hat.«

»Ein ehemaliger Boxer?«, fragte der Norweger ungläubig. »Das ist mir unverständlich.«

»Er ist organisch vollkommen gesund«, sagte Goss.

»Organisch schon. Aber im Kopf, da ist er krank«, meinte Steinunn Snorre kopfschüttelnd. »Und das kann für uns alle unter Umständen gefährlicher werden, als wenn er bloß ein organisches Leiden hätte.«



13

Sicherheitshalber nahmen sie ihm das Gewehr weg. Er merkte es nicht sofort, trottete neben dem Hundeschlitten her, glotzte hin und wieder in die Gegend, war aber ruhig.

Die fast horizontalen Sonnenstrahlen entfalteten eine blendendweiße Pracht, die den Augen der Männer jedoch wehtat.

Sie setzten ihre Schneebrillen auf. Alle bis auf Carter Tamarr. Steve Pratt machte ihn darauf aufmerksam, dass seine Augen einen schweren Schaden davontragen könnten, wenn er die Brille nicht aufsetzte. Da schleuderte Tamarr die Brille zornig fort und stieß wüste Verwünschungen aus.

Im selben Moment schien er etwas zu hören.

Einen Ruf. Einen Laut, den aber nur er und sonst niemand vernehmen konnte.

Er erstarrte.

Todesangst verzerrte sofort wieder sein Gesicht. Er wollte nach seinem Gewehr greifen, aber es lag nicht mehr auf dem Schlitten.

»Mein Gewehr!«, brüllte er entsetzt.

Snorre hielt die Hunde an.

»Wo ist mein Gewehr?«, schrie Tamarr wütend. »Wer hat mein Gewehr gestohlen? Gebt mir mein Gewehr sofort wieder! Ich brauche es. Ich muss mich verteidigen! Es kommt! Es greift uns an. Wir müssen darauf schießen! Schießt doch! Warum schießt ihr denn nicht! Es kommt! Hört ihr es nicht? Es kommt, um uns zu vernichten!«

Auf Tamarrs Lippen schimmerte weißer Schaum, und seine Augen hatten einen irren Ausdruck angenommen.

Die Männer blickten sich erschüttert an. Rings um sie war eine Stille, die durch kein Geräusch gestört wurde.

Es war nichts zu sehen und nichts zu hören. Es war unverständlich, weshalb sich Tamarr dermaßen aufregte.

»Jetzt dreht er vollends durch!«, stöhnte Steinunn Snorre sorgenvoll.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910902
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370075
Schlagworte
mystery dämon

Autor

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Titel: Dr. Mystery #10: Der silberne Dämon