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Dr. Mystery #9: Grauen über Istanbul

2017 130 Seiten

Leseprobe

Grauen über Istanbul

von A. F. Morland


Dr. Mystery Band 9 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo


Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.


In Istanbul verschwinden in den Nächten spurlos mehrere junge Männer. Der Parapsychologe Luc Morell, der sich in der Stadt aufhält, kommt bald einem grauenvollen Geheimnis auf die Schliche. Medusa, das dämonische Weib aus der griechischen Sagenwelt, verbreitet Angst und Schrecken in der türkischen Metropole…


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Als der junge Ahmet die schöne junge Frau sah, hatte er nur einen Gedanken.

Die musst du besitzen!

Wie ein Wiesel huschte er hinter der Unbekannten her, wand sich schlangengleich durch die engen Gassen der Altstadt von Istanbul.

Und dann sah er es in einer schmalen dunklen Straße. Sie stand da, als würde sie auf ihn warten.

Seltsam, dachte Ahmet. Sehr seltsam. Das ist mir noch nie passiert.

Er ging auf sie zu und musste in einem fort daran denken, wie wunderschön sie war und wie sehr er sie begehrte.

»Guten Abend!«, sagte sie mit einer weichen Stimme, die seinem Ohr schmeichelte.

»Guten Abend!«, gab er zurück, und sein Herz schlug so hoch oben im Hals, dass er kaum noch Luft bekam. So aufgeregt wie diese Frau hatte ihn noch keine. Sie sah nicht aus wie eine Türkin. Aber sie beherrschte die Sprache so perfekt, dass man sie mit geschlossenen Augen für eine Türkin halten musste.

»Weshalb bist du mir nachgelaufen?«, fragte sie.

Er entschuldigte sich mit einem verlegenen Achselzucken. »Du bist so… so wunderschön. Du hast mich angesehen, ich dachte, ich müsse dich unbedingt kennenlernen.«

»Wie heißt du?«, fragte sie.

»Ahmet. Und du?«

»Ich heiße Medusa!«

Und während sie das sagte, stieg ein schwefelgelber Brodem aus ihrem Mund, der sie innerhalb einer einzigen Sekunde von Kopf bis Fuß umhüllte. Sie stieß erschreckende Fauchlaute aus, während die Schwefelschwaden sie umgaukelten. Ihr Körper begann auf einmal vor Ahmets schockgeweiteten Augen zu fluoreszieren. Ihre Augen glühten hellrot.

Aus ihrem gütigen Lächeln wurde eine dämonische Fratze. Der Mund nahm einen Ausdruck namenlosen Grauens an, während sich eherne Klauen an ihren Händen bildeten. Fauchend kam sie auf Ahmet zu.

Er stand ganz im Bann ihres schrecklichen Blicks. Aus dem wabernden Schwefelnebel trat ihm ein Wesen entgegen, das aus einer anderen Welt zu kommen schien. Diese Bestie hatte keine Ähnlichkeit mehr mit jenem bildschönen Mädchen, hinter dem er hergelaufen war. Diese schreckliche Frau war alt und hässlich.

Tiefe Runzeln zerfraßen ihr abstoßendes Gesicht, doch das Schlimmste von allem waren die scheußlichen Schlangen auf ihrem haarlosen Haupt.

Zischend und züngelnd tanzten die ekelhaften Reptilien auf dem Kopf der Medusa auf und nieder. Sie streckten sich dem jungen Mann mit feindseligem Blick entgegen, schnappten nach ihm, erwischten ihn jedoch nicht, weil die Medusa noch zwei Meter von ihm entfernt war.

Das Glühen ihrer Augen wurde unerträglich.

Er fühlte, wie diese Hitze auf seinen Körper übergriff.

Er hatte das Gefühl, bei lebendigem Leib zu verbrennen. Sein Gesicht verzerrte sich unter unsäglichen Schmerzen. Sein Mund öffnete sich zu einem grässlichen Schrei.

So musste es sein, wenn man einen Menschen lebend in einen Hochofen schob.

Seine Haut warf Blasen. Er brannte tatsächlich. Aber es war ein Feuer, das sich nur seines Körpers, nicht aber seiner Kleider bemächtigte.

Er litt wahnsinnige Qualen und brüllte aus vollem Hals um Hilfe.

Die Haut wurde welk und nahm die Farbe von Granit an. Er begriff mit einem Mal, dass er bei lebendigem Leibe versteinerte. Solange er brüllen konnte, tat er dies.

Doch der steinerne Tod kroch rasch über ihn, erreichte binnen Kurzem seine Kehle und ließ ihn verstummen.

Sekunden später war er steif und starr wie ein aus Granit gehauenes Denkmal.

Die Medusa riss ihr hässliches Maul auf, in dem furchterregende, eberartige Zähne schimmerten. Sie stieß ein grauenvolles Gelächter aus, holte tief Luft und blies den zu Stein erstarrten Menschen mit der Stärke eines Orkans um.

Als der Stein auf den Boden krachte, zerbarst er. Gleichzeitig wurde alles an ihm brüchig und porös. In Gedankenschnelle löste sich der Stein zu kleinen, grauen Sandkörnern auf, den der Sturm aus dem Maul dieses unheimlichen Wesens erfasste und einfach davonblies.

Von Ahmet blieb nichts übrig.



2

Ununterbrochen ließen die Schiffe, die ins Goldene Horn einfuhren, ihre dumpfen Sirenensignale ab.

Monique Dumas warf sich seufzend auf die andere Seite und wollte noch ein bisschen weiterschlafen. Doch die Sonne strahlte so hell durch das ornamenthafte Gitter, dass an Weiterschlafen nicht zu denken war.

Seufzend schlug sie die Augen auf und blinzelte auf ihre Uhr.

Neun war es. Und somit war es eigentlich Zeit, aufzustehen, wenn man nicht landauf, landab als Faulpelz und Langschläfer verschrien sein wollte.

Monique hatte eine himmlische, traumlose Nacht hinter sich.

Sie war nun schon fast eine Woche in Istanbul, und sie konnte sich nicht erinnern, irgendwo sonst so gut geschlafen zu haben wie hier.

Mit einer vitalen Bewegung warf sie die Decke zurück. Den Weg ins Bad legte sie nicht ganz so vital zurück.

Aber nachdem sie geduscht hatte, fühlte sie sich wahrhaft prächtig und verspürte einen Heißhunger, der voll Ungeduld darauf wartete, gestillt zu werden.

Sie zog ein warmes Flanellkleid an. Es war Oktober. Und wenn auch die Sonne noch recht kräftig schien, merkte man doch die Nähe des Herbstes.

Wohlgelaunt verließ Monique Dumas ihr Zimmer.

Sie befand sich im Hause des Lehrers Mehmet Akbar, der die Absicht hatte, Mireille Dorleac, Moniques beste Jugendfreundin, in naher Zukunft zu heiraten. Mireille wohnte seit einem halben Jahr bei ihm, und da sie des Türkischen noch nicht so mächtig war, hatte sie ihren zukünftigen Gemahl gebeten, eine gute Freundin nach Istanbul einladen zu dürfen, um auch einmal wieder mit jemandem in der Muttersprache ausgiebig sprechen oder schwatzen zu können.

Monique hatte die Einladung freudig angenommen. Doktor Luc Morell, dessen Sekretärin sie war, weilte zurzeit in Sofia. Er hatte schweren Herzens auf ihre wertvollen Dienste verzichtet, worauf Monique sofort die Koffer gepackt hatte und abgeflogen war, ehe es sich Luc Morell noch mal anders überlegen konnte und sie mit dem Bannfluch der Unabkömmlichkeit belegte.

»Guten Morgen«, sagte Monique artig, als sie ins Speisezimmer trat.

»Guten Morgen, mein lieber Schatz!«, rief Mireille erfreut aus. Sie war ein quirliges junges Mädchen, dessen pechschwarzes Haar Monique schon in früheren Jahren stets imponiert hatte.

Mireille lief ihr entgegen und küsste sie herzlich auf beide Wangen.

Mehmet Akbar faltete die Zeitung zusammen und legte sie beiseite. Er erhob sich, neigte den Kopf leicht zur Seite und wünschte Monique in gutem Französisch ebenfalls einen schönen Morgen. Er war ein Mann, wie er den Frauen gefällt. Vielleicht ein wenig zu ernst oder sensibel, mit einem traurigen Blick, der in jedem Mädchen auf der Stelle den Mutterinstinkt wachrief.

»Tut mir leid, dass wir mit dem Frühstück nicht auf Sie warten konnten«, sagte er mit einer Stimme, die mit Samt ausgelegt schien. »Aber ich muss leider heute früher los zu einer wichtigen Lehrerkonferenz.«

»Ich bitte Sie, Mehmet. Das macht doch nichts«, erwiderte Monique Dumas. »Das Frühstück braucht nur gut und reichlich zu sein, das ersetzt mir jede Gesellschaft. Ich habe nämlich einen Bärenhunger.«

»Das hört man gern, Chérie«, lachte Mireille.

Monique setzte sich an den Tisch.

Sie hatte bereits einen Stammplatz.

Mehmet Akbar verließ das Zimmer und kam erst wieder, als er ausgehfertig war. Mireille bekam einen Kuss. Monique nickte er freundlich zu. Dann verließ er sein Haus.

Nachdem Monique ihren Gaumen ausgiebig verwöhnt hatte, wobei sie sich speziell auf die türkischen Leckerbissen konzentriert hatte, fragte Mireille: »Nun, und was stellen wir beide heute an?«

»Ich dachte, das Programm würdest du zusammenstellen?«

»Wenn du möchtest.«

»O ja.«

»Willst du zum Fischen an den Bosporus fahren?«

»Nach Fischen ist mir heute eigentlich nicht.«

»Wäre dir ein Besuch des Topkapi angenehm?«

Moniques Augen leuchteten.

»Ja, Mireille. Ja! Das wäre eine fabelhafte Idee.«

Eine halbe Stunde später saßen sie in Mireilles dunkelblauem VW-Käfer. Mehmet hatte ihn ihr gekauft, damit sie nicht auf öffentliche Verkehrsmittel oder Taxis angewiesen war. Mit diesem Wagen war sie jederzeit beweglich und konnte ganz Istanbul und Umgebung unsicher machen.

Auf der Fahrt zum Topkapi erwähnte Mireille Dorleac einen Zeitungsbericht, der ihr Sorgen zu machen schien.

Seit geraumer Zeit geschahen seltsame Dinge in Istanbul. Dinge, die sich niemand erklären konnte. Drei junge Männer waren nacheinander spurlos verschwunden. Man hatte wohl ihre entsetzlichen Schreie gehört, doch als man ihnen zu Hilfe eilen wollte, hatte man sie nirgendwo entdecken können.

»Seltsam«, sagte Monique.

»Seltsam sagst du?«, fragte Mireille erregt. »Ich finde das nicht bloß seltsam, Monique. Ich finde das unheimlich. Hier geht es doch nicht mit rechten Dingen zu. Menschen verschwinden. Es sind aber nicht alte, gebrechliche Leute. Nein, es sind junge, kräftige Männer. Findest du es nicht eigenartig, dass sie sich nicht zu wehren vermochten?«

»Was weiß man denn konkret über das Verschwinden dieser Männer?«, fragte Monique Dumas interessiert.

»Wie bitte?«, fragte Mireille zurück, während sie den dunkelblauen Käfer durch das Verkehrsgewühl steuerte, das auf der Galatabrücke herrschte.

»Was weiß man zum Beispiel über diese drei Männer?«, präzisierte Monique ihre Frage.

»Sie waren arm.«

»Welchen Beruf hatten sie?«

»Jeder einen anderen. Der eine war Schuhputzer. Der andere Wasserträger. Der dritte war Geldwechsler. Den Geldwechsler hat es übrigens gestern Nacht erwischt.« Mireille stockte. »Erwischt ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Er verschwand eben gestern Abend.«

»Wo verschwand er?«

»Hinter der Hagia Sophia.«

»Und die anderen?«

»Wie?«

»Wo verschwanden die anderen?«

»Der Schuhputzer beim Feuerturm. Der Wasserträger verschwand drüben auf der asiatischen Seite, in Üsküdar.«

»Wie weit ist es vom Topkapi zur Hagia Sophia?«, erkundigte sich Monique Dumas nicht ohne Hintergedanken.

»Es ist nur ein Katzensprung. Warum fragst du?«

»Was meinst du, ob wir den Katzensprung mal wagen sollten, Mireille?«

Moniques Freundin wurde blass. Sie trat so scharf auf die Bremse, dass Monique fast an die Windschutzscheibe sprang.

»He!«, rief Luc Morells Sekretärin erschrocken. »Was treibst du denn?«

»Du möchtest zur Hagia Sophia?«, fragte Mireille ängstlich.

Hinter ihrem Käfer begann ein zerbeulter Ford zu hupen. Andere Fahrzeuge stimmten in den Lärm sofort mit ein. Mireille war gezwungen, weiterzufahren.

»Warum nicht?«, entgegnete Monique. »Ich möchte mich da gern mal umsehen.«

»Du weißt nicht, was du dir da vornimmst! Ich kann darauf gerne verzichten!«

»Angst?«, fragte Monique amüsiert.

»Natürlich. Es muss schließlich nicht dabei bleiben, dass immer nur junge Männer verschwinden. Es können auch mal junge Frauen an der Reihe sein. Ich muss dabei nicht die erste sein, Monique!«

»Soweit ich in die Sache hineinsehe, verschwanden die Leute stets während der Dunkelheit. Wir haben noch nicht einmal Mittag, Mireille. Also droht uns keinerlei Gefahr.«

Moniques Freundin zuckte zaghaft die Achseln.

»Na, also ich weiß nicht«, drückte sie hervor. Dann lenkte sie ihren Käfer auf einen Parkplatz unweit des Topkapi-Eingangs.

Sie schlossen sich einem Französisch sprechenden Führer an und ließen sich die ganze Pracht der herrlichen ehemaligen Palastanlage zeigen. Doch all die prachtvolle Innenornamentik der ottomanischen Baukunst, die wertvollen Edelsteine und Sultansgewänder vermochten Monique nicht zu fesseln.

Sie musste immerzu an diese seltsamen Ereignisse denken, von denen ihr Mireille Dorleac erzählt hatte.

Sie war froh, als die Führung vorüber war.

In einem nahe gelegenen Restaurant aßen sie.

Danach begaben sie sich zur Hagia Sophia, an der ein dicker Verkehrsstrom vorbeiflutete. Sie fanden die schmale Gasse, in der es passiert war. Mireille Dorleac fühlte sich nicht wohl in ihrer Gänsehaut. Hier warfen glatte hohe Mauern dunkle Schatten. Vom Himmel war nur ein schmaler blauer Streifen zu sehen. Mireille zitterte bis in die Seele hinein. Sie konnte nicht verstehen, dass Monique an einem solchen Abenteuer Gefallen fand.

»Wollen wir nicht besser wieder gehen?«, fragte sie. Sie fröstelte, obwohl an diesem Tag milde Temperaturen herrschten.

»Hier hat man den Geldwechsler also um Hilfe rufen gehört«, sagte Monique.

»Ja, hier. So steht es jedenfalls in der Zeitung.«

»Kam ihm denn niemand zu Hilfe?«

»Doch. Aber – nun ja. Du weißt ja, wie der Bericht lautet. Ich möchte nicht mehr darüber sprechen.«

Ein junger Bursche in zerlumpten Kleidern kam die Straße entlang.

»Geldwechsel?«, sagte er freundlich. »Change Money?«

Einer Eingebung folgend hielt Monique den Jungen auf.

»Ja, bitte?«, fragte der Geldwechsler auf Türkisch.

»Sprechen Sie Französisch?«, fragte ihn Monique.

Der Junge lächelte. »Ich hatte mal das Vergnügen, eine hübsche Französin zur Freundin zu haben.«

»Wie schön. Sie hat ihre Nation hoffentlich nicht blamiert?«

»O nein, Mademoiselle. Sie war ganz große Klasse. Brauchen Sie türkisches Geld? Ich wechsle besser als die Bank.«

»Arbeiten Sie immer hier?«, fragte Monique.

»Meistens. Jeder hat sein Revier sozusagen. Woanders bin ich nicht gern gesehen.«

»Wie ist Ihr Name?«

»Ich heiße Mustafa Bursa, Mademoiselle. Stets zu Diensten. Ich tue für Geld fast alles.«

Monique steckte ihm eine größere Banknote zu. »Meine Freundin und ich haben von diesem Vorfall gestern Abend in der Zeitung gelesen. Was wissen Sie denn darüber?«

Mustafa riss die dunklen Glutaugen erschrocken auf. »Mademoiselle, Sie sollten sich nicht um solche schlimmen Dinge kümmern! Das ist nicht gut! Das bringt Unheil!«

»Waren Sie gestern Abend hier, Mustafa?«

»Ja, Mademoiselle.«

»Dieser Mann, der hier verschwand, war Geldwechsler wie Sie.«

»Ja.«

»Wie hieß er doch gleich?«

»Ahmet. Er hieß Ahmet. Er war mein Freund.«

»Wie kam es zu diesem seltsamen Ereignis, Mustafa?«, wollte Monique wissen.

Bursa schüttelte den Kopf.

»Lass ihn!«, sagte Mireille Dorleac nervös. »Du siehst doch, dass er nicht darüber sprechen will.«

»Vielleicht habe ich ihm bloß zu wenig Geld gegeben«, meinte Monique und schob ihm eine zweite, ebenso große Banknote in die zerlumpten Kleider.

»Sie beschämen mich, Mademoiselle!«, rief Mustafa schwitzend aus. »Ich kann dieses Geld nicht annehmen.«

»Weshalb nicht?«

»Weil ich Angst habe. Jawohl! Ich habe Angst, über das zu sprechen, was gestern war.«

Der dritte Geldschein schickte die Angst in ein finsteres Verlies.

Mustafa Bursa begann mit brüchiger Stimme zu erzählen.

»Da war ein Mädchen«, sagte er so dumpf, als wollte er sich mit Monique gegen irgendjemanden verschwören. »Ein ungemein hübsches Mädchen. Sie ging an uns vorbei. Sie hat Ahmet so sonderbar angesehen. Er war ganz durcheinander und lief ihr sofort nach. Ahmet war ein hübscher Junge. Ich dachte, das Mädchen würde sich für ihn interessieren, und er dachte das auch. Heute glaube ich aber, dass sie sich aus einem anderen Grund für ihn interessierte, als wir annahmen. Sie muss ihn in eine höllische Falle gelockt haben. Ich hörte ihn schreien. Es war grauenvoll. Ich dachte, den Verstand zu verlieren, so grässlich hat Ahmet geschrien. Ich war wie gelähmt. Ich wollte ihm zu Hilfe eilen, kam aber nicht vom Fleck. Es war so, als hätte ich im Boden Wurzeln geschlagen. Als es mir endlich gelang, die Lähmung abzuschütteln, eilte ich meinem Freund sofort zu Hilfe. Sein Schrei war bereits verstummt. Das machte mir große Angst. Ich lief so schnell ich konnte. Als ich den Eingang in diese Straße erreichte, fauchte mir ein Sandsturm entgegen, der mich beinahe umgerissen hätte. Von Ahmet fand ich nichts mehr. Ich suchte ihn verzweifelt, rief immer wieder seinen Namen, aber er blieb verschwunden.«

Mustafa Bursa wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine Zunge huschte aufgeregt über die Lippen.

»Sie erwähnten einen Sandsturm, Mustafa«, sagte Monique.

»Ja, Mademoiselle. Es war ein richtiger Sandsturm.«

»Obwohl es in ganz Istanbul windstill war?«

»Es war ein Sandsturm. Was soll ich machen?«

»Können Sie dieses Mädchen beschreiben?«

»Welches Mädchen?«

»Das, hinter dem Ihr Freund her war.«

»Das ist das eigenartigste an der ganzen Geschichte, Mademoiselle. Ich kann sie nicht beschreiben. Ihr Bild fehlt in meiner Erinnerung. Es scheint so, als hätte sie es mitgenommen.«

»Das gibt es doch nicht, Mustafa.«

»Wenn es möglich ist, dass mein Freund spurlos verschwindet, Mademoiselle, dann ist auch so etwas möglich!«, sagte Bursa trotzig.

Damit hatte er natürlich recht. Monique wusste das.



3

Den ganzen Tag über gab es für Monique Dumas nur noch dieses Problem. Mireille Dorleac versuchte die Freundin mit allem möglichen abzulenken, doch Monique konnte nicht mehr vergessen, was sie gehört hatte.

In dieser Stadt wurde seit geraumer Zeit ein unheimliches Spiel gespielt. Inszeniert von irgendwelchen Dämonen, die sich eines überaus hübschen Mädchens bedienten, um junge Männer in eine tödliche Falle zu locken, aus der es kein Entrinnen mehr gab.

Diese Falle war so perfekt, dass nach dem Tod der Männer nicht einmal deren Leichnam zurückblieb, an dem man hätte feststellen können, auf welche Art sie ums Leben gekommen waren.

Das wäre ein Fall für Doktor Luc Morell, dachte Monique, den Parapsychologen und Dämonenjäger, den man auch »Doktor Mystery« nannte.

Ja, sie wollte den Chef informieren.

Heute noch.

Er hielt sich in Sofia auf. Sie wusste den Namen des Hotels.

Wenn sie ihm diesen Braten schmackhaft genug servierte, würde er sich vermutlich wie ein hungriger Löwe darauf stürzen.

In einem Fall wie diesem konnte die Polizei nichts tun. Bestimmt hatten sich ihre Ermittlungen schon rettungslos festgefahren.

Hier waren üble Kräfte am Werk. Denen konnte man nicht mit polizeilicher Logik kommen. Solchen bösen Kräften musste man mit übernatürlichen Taten zu Leibe rücken.

Luc Morell war zu solchen Taten fähig, seit er im Besitz jenes silbernen Amuletts war, das er von seinem Vorfahr Vincenzo de Lamatime geerbt hatte. Dieses silberne Amulett machte ihn zum Herrscher über Geister und Dämonen. Mit ihm vermochte er sie zu vernichten.

Ohne diesen Talisman war er jedoch genauso verletzbar wie jeder andere Sterbliche auch.



4

Luc Morell alias »Doktor Mystery« war von der bulgarischen Regierung eingeladen worden.

Er und sein Kollege Paco Fuente sollten hier in Sofia über ihr Spezialgebiet, die Parapsychologie, vor östlichen Wissenschaftlern referieren. Die Sache war ganz groß aufgezogen worden. Man feierte die beiden westlichen Doktoren wie Heroen. Man gab ihnen zu Ehren sogar ein Staatsbankett, um damit zum Ausdruck zu bringen, welch großartiger Wertschätzungen sie sich erfreuen durften.

Luc Morells und Fuentes Referate fanden ein vielbeachtetes Echo.

Und am letzten Tag ihres Bulgarien-Aufenthalts äußerte der Staatspräsident persönlich den Wunsch, die beiden Wissenschaftler im nächsten Jahr wieder in Sofia begrüßen zu dürfen.

Sowohl Doktor Morell als auch Doktor Fuente nahmen diese offiziell ausgesprochene und vom staatlichen Fernsehen übertragene Einladung dankend an.

Dann kam der letzte Abend in Sofia. Den wollten die beiden Doktoren ganz und gar unwissenschaftlich genießen.

»Keinerlei Parapsychologie heute Abend!«, hatte Luc versprochen.

»Kein Wort über Uri Geller und seine Nebenerscheinungen!«, hatte sich Fuente lachend ausbedungen.

»Okay. Wollen wir in die Hotelbar gehen?«

»Ich beuge mich Ihren Wünschen, Señor!«, sagte der Spanier.

Sie gingen in die Hotelbar.

Zwei Stunden später waren sie schon in blendender Stimmung.

Mitten in dieses feuchte Gelage hinein platzte der Anruf von Monique Dumas.

»Woher kommt der Anruf?«, fragte Luc verwundert.

»Aus Istanbul«, sagte der Boy.

»Soso. Aus Istanbul.«

Luc schloss sich in die Fernsprechzelle ein und versuchte, sich nichts von seinem kolossalen Rausch anmerken zu lassen.

»Hallo, Monique!«, rief er.

»Sie haben getrunken, Chef!«, rief Monique zurück.

»Riechen Sie das?«

»Kann sein. Was wird gefeiert?«

»Abschied.«

»Sie reisen morgen ab?«

»Meine Mission ist erfüllt.«

»Ich brauche Ihre Hilfe, Chef.«

»Sind Sie mit dem Geld knapp? Ich überweise Ihnen gern welches, Monique.«

»Ich brauche nicht Geld, sondern Doktor Mystery. Sie! Den Mann mit dem silbernen Amulett.«

Luc war fast mit einem Schlag wieder nüchtern.

»Was ist los, Monique?«, fragte er hastig.

Monique erzählte es ihm. Sofort stand sein Entschluss fest.

»Erwarten Sie mich morgen Mittag in Istanbul!«, sagte er. Dann hängte er ein. Und hinterher sagte er das Fest mit Paco Fuente ab. Er brauchte morgen einen klaren Kopf.



5

Leila Pasa war eine der Attraktionen des Hilton Hotels. Sie trat allabendlich in der Dachterrassenbar als leichtgeschürzte Bauchtänzerin auf und hatte mit ihrer Nummer täglich den gleichen umwerfenden Erfolg.

Es ging auf Mitternacht zu, als sie müde aus dem Hotel trat.

Über Istanbul wölbte sich ein schwarzsamtener Himmel, gespickt mit unzähligen Diamanten. Der Mond war hell und voll und wirkte größer als irgendwo sonst auf der Welt.

Leilas Wagen stand um die Ecke auf einem kleinen Parkplatz.

Auf der Straße begegnete ihr kein Mensch. Die schwarzhaarige Frau fröstelte und zog die grüne Kostümjacke ein wenig zu.

Seit drei Jahren arbeitete sie nun schon im Hilton. Und seit drei Jahren verließ Leila Pasa das Hotel kurz vor Mitternacht.

Sie ahnte nicht, dass sie es heute zum letzten Mal verlassen hatte.

»Na, so allein?«, fragte sie plötzlich eine dunkle Männerstimme.

Sie fuhr erschrocken herum.

Der Mann grinste. »Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe, Leila.«

»Ich habe Sie nicht kommen gehört.«

Sein Blick war glasig. Er hatte einiges getrunken. Sein Atem roch übel nach Raki. »Sie sollten um diese Zeit nicht allein durch die Straßen laufen!«

»Ich tue das seit drei Jahren.«

»Einmal kann Ihnen etwas passieren.«

»Was sollte mir schon passieren?«

»Sie sind ein ausnehmend hübsches Mädchen, Leila. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?«

Leila lachte. »Sie möchten wohl, dass ich Sie stütze, Mr. Coon.«

Der Mann war ihr nicht unbekannt. Er wohnte im Hilton, hieß Jeff Coon und nannte sich selbst einen Weltenbummler.

Coon war Amerikaner. In New York zu Hause. Er leitete drüben einen riesigen Konservenkonzern. In diesem Jahr war er schon in Hongkong, Bombay und Ankara gewesen. Und nun war er in Istanbul. Wie lange er hier bleiben würde, hing von den Umständen ab und wie es ihm hier gefiel.

Coon war eine Erscheinung, die man stattlich nennen konnte. Er hatte breite Schultern und mächtige Fäuste. Sein Kopf war kantig, das Haar rot und gekraust. Alles in allem war er recht sympathisch.

»Darf ich Sie noch zu einem Drink einladen, Leila?«

»Ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir, Mr. Coon. Ein andermal gern. Aber nicht heute. Ich bin müde. Bitte haben Sie Verständnis.«

»Natürlich. Darf ich Sie nach Hause bringen?«

»In Ihrem Wagen?«

»Ich habe einen schicken Thunderbird gemietet. Schneeweiß. Wie eine Hochzeitskutsche.«

»Aber Mr. Coon. Sie können doch in Ihrem Zustand nicht mehr Auto fahren.«

»Dann fahren eben Sie mich.«

»Ich fahre lieber mit meinem eigenen Wagen, Mr. Coon.«

»Okay. Okay. Ich sehe schon, aus uns beiden wird niemals ein Paar!«, sagte er seufzend. »Aber ich darf es doch weiterhin versuchen, oder?«

Leila lachte. »Natürlich dürfen Sie das, Mr. Coon. Es ist Ihr gutes Recht.«

Sie kehrte ihm den Rücken zu und ging weiter.

Jeff Coon schaute ihr bedauernd nach. Die wäre für ihn genau richtig gewesen.



6

Das helle Mondlicht ließ die Wagendächer silbrig schimmern.

Als Leila Pasa den Parkplatz betrat, blieb ihr beinahe das Herz stehen. Zwei Katzen hatten ein entsetzliches Kreischen ausgestoßen und waren dann vor ihr in die Dunkelheit geflohen.

Aufgeregt begab sich das Mädchen zu seinem Wagen. Es war der letzte in der langen Reihe.

Dahinter ragten einige dunkle Büsche auf, deren geisterhaftes Rauschen sie zu noch größerer Eile antrieb.

Während des Gehens holte sie die Wagenschlüssel aus der Handtasche.

Unwillkürlich musste sie an die Zeitungsberichte denken, die die Stadt zurzeit in Atem hielten. Junge Männer verschwanden spurlos. Nur junge Männer? Waren noch niemals Frauen verschwunden?

Seit drei Jahren ging sie diesen Weg ohne Furcht. Allein. Doch an diesem Abend hatte sie mit einem Mal unerklärliche Angst.

Berechtigte Angst, wie sie fühlte, ohne den grauenvollen Grund erkennen zu können.

Je näher sie ihrem Wagen kam, desto größer wurde ihre Furcht.

Bald begriff sie, dass sie sich nicht vor ihrem Wagen ängstigte, sondern vor dem finsteren, rauschenden Busch, der gleich dahinterstand.

Aus diesem Gebüsch schien ihr Gefahr zu drohen.

Innerlich aufgewühlt starrte sie das zitternde Blattwerk an.

Sie vermeinte, eine Gestalt dahinter zu entdecken, redete sich diese Halluzination dann aber schnell wieder aus.

Ihre Schritte waren langsamer geworden.

Sie merkte bestürzt, dass sie nicht mehr auf ihren Wagen zuging, sondern sich mit jedem Schritt mehr jenem Gebüsch näherte, vor dem sie sich so sehr fürchtete.

Ein Brausen legte sich in ihre Ohren.

Sie war nicht mehr imstande, klar zu denken. Der Schweiß brach ihr aus allen Poren.

Leila verspürte eine Angst, wie sie sie nicht kannte.

Es war Todesangst, die sie befiel.

Und jeder Schritt, den sie tat, steigerte die furchtbare Todesahnung, die sie in diesem schauderhaften Moment quälte. Aber sie konnte nicht stehen bleiben.

Ein seltsamer Nebel floss zwischen den Zweigen hervor. Er war gelblich und roch nach Schwefel. Er legte sich beklemmend auf Leilas flatternde Lunge. Sie vermochte kaum noch zu atmen, riss den Mund auf, als fürchtete sie zu ersticken.

In der undurchdringlichen Schwärze des unheimlichen Busches regte sich etwas.

Leila stand nur wenige Meter davor.

Sie erkannte zwei glühende Punkte, die sie so intensiv anstarrten, dass ein jäher Schock sie auf der Stelle lähmte.

Plötzlich teilte sich das Gebüsch.

Mit einem fürchterlichen Fauchen schnellte dem Mädchen eine grauenvoll anzusehende Frau entgegen.

Hellrot glühten ihre Augen.

Scheußliche Schlangen tanzten auf ihrem kahlen Schädel. Ihre Hände waren mehr Klauen, und eberartige Zähne schimmerten aus dem grausam geformten Mund.

Sie blieb dicht vor Leila stehen.

Sie tat nichts weiter, starrte das Mädchen nur an.

Als Leila das schreckliche Brennen spürte, stieß sie qualvolle Schreie aus.

Ungeheuer schnell versteinerte sie der Anblick der grausamen Medusa.

Als sie steif und starr war, als kein Leben mehr in ihrem bildschönen Körper war, fegte sie ein Sturm zu Boden, wo ihr steinerner Körper bereits im nächsten Augenblick zerbrach, zu Sand wurde und unter schaurigem Heulen davonflog.



7

Jeff Coon hatte dem hübschen Mädchen nachgesehen.

Als Leila aus seinem Gesichtsfeld verschwunden war, wandte sich Jeff Coon um und wollte nach Hause gehen.

Seufzend wankte der Amerikaner die Straße entlang.

Da hörte er plötzlich Leilas qualvolle Schreie. Ihm stockte das Blut in den Adern.

Langsam, wie in Zeitlupe, drehte er sich um.

Viele Menschen ernüchtert der Schock. Bei Jeff Coon war es anders.

Die Aufregung machte ihn noch betrunkener.

Schaukelnd und torkelnd eilte er die Straße zurück, um Leila Pasa zu helfen.

Er ballte die großen Hände zu Fäusten und schnaubte. Er dachte an irgendwelche Kerle, die über das hübsche Mädchen hergefallen waren, um ihr Gewalt anzutun.

»Schweine!«, brüllte er, während er stampfend und keuchend rannte.

Atemlos erreichte er den Parkplatz.

Ein gewaltiger Windstoß raffte ihn von den Beinen. Er fiel um, kämpfte sich schnaubend wieder hoch. Sand knirschte zwischen seinen Zähnen. Angewidert spuckte er ihn aus.

Dann hetzte er weiter.

Am Ende des kleinen Parkplatzes flimmerte in diesem Augenblick die Luft.

Soeben verschwand die Medusa, doch Jeff Coon bekam das nicht mit.

»Leila!«, brüllte er aufgewühlt.

Nichts!

Mit rasselndem Atem erreichte er den Wagen des Mädchens. Dann drehte er sich zwischen den Fahrzeugen wie verrückt um die eigene Achse.

»Leila!«, schrie er immer wieder. »Leila, wo bist du?«

Sie war nicht im Wagen.

Dass sie spurlos verschwunden war, dass sie sich aufgelöst hatte, wollte er einfach nicht wahrhaben.

Er kroch auf dem Boden herum. Er schaute unter jeden Wagen. Er warf sich in das Gebüsch, suchte das Mädchen und schrie immer und immer wieder ihren Namen.

Er konnte sie nirgendwo finden.

Dass er einen Teil von ihr zwischen den Fingern gehabt hatte, das ahnte er selbstverständlich nicht.



8

Der Kommissar hieß Örgen Afsak.

Jeff Coon hatte vom Hilton aus die Polizei auf den Parkplatz getrommelt. Nun hockte Coon auf dem Kofferraum eines Wagens. Er wirkte wie erschlagen. Die Polizisten suchten den Parkplatz gründlich ab.

»Hier hat sich jemand übergeben, Kommissar!«, rief einer der Beamten.

»Das war ich«, knurrte Coon.

»Sie haben zu viel getrunken, nicht wahr?«, fragte Kommissar Afsak.

»Ich war den ganzen Abend allein, was hätte ich anderes tun sollen?«

Afsak hatte den Kopf eines Geiers. Sein Blick war scharf und stechend. Er hatte kaum Fleisch unter der faltigen Haut. Sein Gang war aufrecht, beinahe arrogant. Er trug einen breitkrempigen Hut. Darunter war er so kahl wie eine Bowlingkugel.

»Erzählen Sie mir noch einmal, was sich zugetragen hat, Mr. Coon, ja?«

Der Amerikaner schaute den hageren Türken unwillig an. »Wozu? Haben Sie sich nicht gemerkt, was ich erzählte? Dann hätten Sie es sich aufgeschrieben, verdammt noch mal. Ich habe keine Lust, die ganze Nacht immer nur dasselbe zu sagen.«

Örgen Afsak wurde dienstlich. »Ich halte Ihnen zugute, dass Sie noch immer betrunken sind, Mr. Coon. Sonst würde ich anders mit Ihnen verfahren, verstehen Sie?«

»Was wollen Sie denn noch von mir? Ich habe Ihnen alles gesagt.«

»Wiederholen Sie es. Manchmal fällt Leuten beim zweiten Mal etwas ein, das sie beim ersten Mal vergessen haben.«

»Mir nicht. Mir fällt nichts mehr dazu ein.«

»Tun Sie es um Leila Pasas willen!«

Hier saß der Treffer genau und schmerzhaft. Der Kommissar hatte begriffen, dass Leila Pasa für den Amerikaner nicht bloß irgendein Mädchen gewesen war.

Jeff Coon leierte herunter, was er schon mal erzählt hatte.

Kommissar Afsak unterbrach ihn vorläufig nicht.

»Mich interessiert vor allem, was Sie wahrnahmen, als Sie diesen Parkplatz erreichten, Mr. Coon«, sagte er, als der Amerikaner kurz Luft holte.

»Hier nahm ich nichts mehr wahr, Kommissar. Tut mir leid. Ich wollte, ich könnte Ihnen etwas anderes sagen. Es gab einen mordsmäßigen Sturm, der mich umwarf. Ich hatte Sand zwischen den Zähnen, kämpfte mich wieder hoch, rannte weiter. Aber ich konnte Leila nirgendwo entdecken. Sie kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben, Kommissar.«

Afsak schüttelte den Kopf. »Nein, Mr. Coon. Das kann sie nicht. Aber vielleicht hat sie sich in Sand aufgelöst.«

»Machen Sie zu nachtschlafender Stunde immer so dämliche Witze?«, fragte Coon ärgerlich.

Örgen Afsak zuckte die Achseln. »War nur so eine Idee von mir, Mr. Coon. Hat weiter nichts zu bedeuten.«



9

Die Maschine aus Sofia traf pünktlich in Istanbul ein. Monique Dumas bildete das Empfangskomitee und hieß Luc Morell auf türkischem Boden herzlich willkommen.

»Wie war der Flug, Chef?«, fragte sie, als sie in Mireilles dunkelblauem Käfer saßen.

»Kurz«, sagte Luc.

»Und wie fühlen Sie sich?«

»Was soll die Frage?«

»Keinen Kater?«, fragte Monique und lachte dazu. Luc hatte seinen Zustand am Telefon doch nicht verheimlichen können.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910896
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370071
Schlagworte
mystery grauen istanbul

Autor

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Titel: Dr. Mystery #9: Grauen über Istanbul