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Wenn nachts die tote Lady ruft...

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wenn nachts die tote Lady ruft

Klappentext:

Roman:

Wenn nachts die tote Lady ruft

 

Rolf Michael

 

Romantik-Thriller

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Titelbild: Pixabay und Kathrin Peschel, 2018

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Dicke Nebel steigen im dunklen Kensington Park auf, als die junge Sarah Godwing allein auf dem Weg nach Hause ist und nur der Mond trübes Licht spendet. Diese unheimliche Stimmung wird von dem Krächzen zahlreicher Krähen noch verstärkt, als plötzlich wie aus dem Nichts ein unheimlich wirkender Mann vor ihr steht. Der unerwartet plötzliche erste Kuss des Mannes verdreht ihr den Kopf, raubt ihr den Verstand und auch ihren freien Willen.

Auf das seltsame Angebot Charles McLeods, ihm nach Schottland in die uralte Burg seiner Ahnen zu folgen und seine Frau zu werden, kann sie nur zustimmen. Die Burg steht auf einer Insel, und Sarah wäre nach der Eheschließung Herrin über Leod Island.

Sarah weiß nicht warum, aber ein paar Tage später befindet sie sich tatsächlich auf dem Weg nach Schottland. Dass sie bereits nach ganz kurzem Aufenthalt auf der Burg einem Grauen gegenübertreten wird, der sie an den Rand des Wahnsinns bringt, von dem sie in Horrorromanen zwar schon gelesen hat, aber niemals glauben würde, dass es so etwas im normalen Leben wirklich gibt, kann Sarah zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen. Und am Ende kommt es noch schlimmer …

 

 

 

Roman:

In der beginnenden Dämmerung wirkte der Kensington Park fast unheimlich. Die Sonne hatte eben noch mit ihren goldenen Strahlen das gelblich werdende und vom Regen nasse Herbstlaub berührt, jetzt versank sie und verschwand hinter aufgetürmten Wolkenwänden, und der vorher freundlich wirkende Himmel wurde stahlgrau.

Kensington Gardens im frühen Herbst.

Sarah Godwing schlenderte durch, die Parkanlagen. Nun beschleunigte sie ihre Schritte. Wie hatte sie ihren ersten Sommer in London genossen. Die Wochen und Monate im strahlenden Sonnenschein, in denen der Hyde Park wie eine grüne Zauberlandschaft wirkte. Fast jeden Abend war sie durch den Park spaziert. Sie hatte sich von dem üppigen Grün des Rasens und den alten Bäumen berauschen lassen.

In ihrer Heimatstadt Leeds gab es nur graue Hausmauern und Fabrikschlote, deshalb war sie zu einer Freundin nach London gezogen, die nun mit ihr eine kleine Wohnung teilte und ihr auch einen Job in einer kleinen Boutique in Chelsea besorgt hatte. Kein großer Verdienst, aber zum Leben genügte es.

Sarah hatte damals rausgewollt, aus der rauen und tristen Welt einer englischen Industriestadt. Sie hatte sogar auf eine gut bezahlte Stelle verzichtet, die man ihr in Leeds angeboten hatte.

Nur fort von den grauen Steinmauern und den rauchenden Schloten, wo Menschen mit bleichen Gesichtern, vom Uhrzeiger gehetzt, um ihr Dasein und ihr kleines häusliches Glück kämpfen.

Sie war noch keine fünfundzwanzig Jahre. Hier in London und der Umgebung hielt sie es aus. Sie brauchte das Grün der Wiesen und der Bäume um sich herum.

In den wenigen Urlaubswochen war sie stets nach Wales gefahren, in die Berge von Schottland oder in die grünen Hügel von Dorset. Hier lebte Sarah auf – um dann zu Hause wieder in eine gedrückte, depressive Stimmung zu verfallen.

London war zwar eine Großstadt mit betriebsamer Hektik – doch in den großen Parks, die überall in der Stadt lagen, fand man Ruhe und Beschaulichkeit. Besonders der Hyde Park, an den sich im Westen übergangslos die Kensington Gardens anschließen, hatte es Sarah Godwing angetan.

Wenn die Boutique, in der sie jetzt arbeitete, geschlossen hatte, fuhr Sarah mit dem Bus bis Hyde-Park-Corner und schlenderte dann durch das grüne Herz von London. Sie erfreute sich am Leben und am bunten Treiben, das überall hier herrschte. Interessiert beobachtete sie, wie aus Knospen Blätter und Blüten wurden, und sah zu, wie die Vögel Nester bauten. Sie fütterte Schwäne und Enten am Teich und lockte die zutraulichen Eichhörnchen an, wenn sonst niemand in der Nähe war.

Immer war ihr Weg durch den Hyde Park und die Kensington Gardens wie eine Reise durch eine bezaubernde Naturlandschaft. Sarahs Herz öffnete sich und genoss den Frühling und den Sommer.

Aber jetzt, Mitte September, änderte sich das Bild. Zwar waren die Tage noch warm und sonnig, doch wenn Sarah in der Boutique Feierabend hatte, dann hatten die meisten Spaziergänger den Park bereits verlassen, denn die Tage wurden kürzer. Wenn sie den Kensington Palast erreicht hatte, der den Park im Westen begrenzte, schienen meistens schon die Laternen, mit denen die großen Wege des Parks beleuchtet wurden …

Aber jetzt musste es irgendwo im Stromnetz einen Defekt gegeben haben. Denn keine von den Lampen flammte auf, um mit mildem Licht die Wege zu erhellen, dabei schritt die Dämmerung immer weiter fort.

Und irgendwie spürte Sarah Godwing, dass sie aus der einbrechenden Dunkelheit heraus beobachtet wurde …

 

*

 

Obwohl sich Angst beklemmend um Sarahs Herz legte, verließ sie den breiten Weg, der hinunter zur Rotten Row, dem bekannten Reitweg, führte. Sie nahm einen kleinen Seitenweg in nördlicher Richtung, der zum Ausgang an der Bayswater Road führte. Dort befand sich die U-Bahn-Station in der Nähe am Lancaster Gate, und sie brauchte nicht den weiten Weg bis zur Hyde-Park Corner zurückzulaufen.

Doch mit jedem Schritt dorthin wurde der Weg für Sarah eine Reise in die unheimlichen Gefilde des romantischen Schauers.

Leise knirschte der feine Kies unter ihren Schuhen. Laub, das bereits bunt gefärbt von den Bäumen gefallen war, raschelte. Diese leisen, kaum wahrnehmbaren Geräusche glichen flüsternden Geisterstimmen. Das kurz geschnittene Gras war noch von der Feuchtigkeit des Regens gezeichnet, der vor einer guten Stunde niedergeprasselt war und die Spaziergänger und Erholungssuchenden aus dem Park vertrieben hatte.

Der Herbst! Die Zeit des Alterns und des Verfalls. Die Zeit des Schlafs – und des Sterbens. Aber auch die Zeit der großen Ernte.

Glich das tauüberflossene Gras einer Decke, die den Schlaf behütete, oder einem Totenlaken? Innerlich zitterte Sarah bei dem Gedanken.

Sie sah in dieser trüben und schummerigen Welt nur das Ende des Jahres heraufdämmern. Der Fall der Blätter erinnerte sie daran, dass auch sie einst wie ein müdes, welkes Blatt hinabsinken würde. Melancholie ergriff das hochgewachsene, schlanke Mädchen mit den schulterlangen, blonden Haaren und den strahlenden, blauen Augen, als es gerade in diesem Moment das rotgold gefärbte Blatt eines Ahornbaumes in sanftem Gleitflug zu Boden segeln sah, das sich dort auf das andere Laub legte.

Krampfhaft bemühte sich Sarah, die trüben Gedanken aus ihrem Inneren zu verbannen. Die bedrückende Melancholie des Herbstabends im Kensington Park sollte nicht auf sie übergehen.

Sarah rief Erinnerungen der Sommertage in ihr Gedächtnis zurück, als Kensington Gardens für sie nicht grau, düster und kalt gewesen waren, sondern warm und vom Leben erfüllt. An die Zeit, als überall Blumen blühten und das Grün des Rasens leuchtete.

Da waren aber nicht nur die Parks in ihrer Erinnerung, da war auch Michael Brown.

Sie hatten sich beim Entenfüttern an der Serpentine kennengelernt. Er studierte in Oxford und war nur am Wochenende in London. Aber Sarah und er hatten viele gemeinsame Interessen. So oft sie konnten, waren sie zusammen, wenn Michael seine Eltern besuchte, die im vornehmen Stadtteil Mayfair wohnten.

Liebe? War es vielleicht Liebe, die Sarah für Michael empfand?

Sie war sich darüber noch nicht im Klaren. Gewiss war es mehr als eine bloße Freundschaft, die sich mit gemeinsamen Unternehmungen wie Spaziergängen im Park, Besuche von Museen, Galerien und Ausstellungen oder einem Abend in der Oper erschöpfte.

Michael und Sarah hatten sich geliebt, hatten sich gegenseitig mit Zärtlichkeiten beschenkt, die zu glühender Leidenschaft geworden war. Es waren Nächte, wie sie Sarah vorher noch niemals erlebt hatte. Sie bereute nichts davon. Gar nichts.

Aber sie wollte jetzt nicht mehr darüber nachdenken.

Der Sommer war vorbei – und vielleicht auch ihr Verhältnis zu Michael Brown. Sarah hatte sich so darauf gefreut, jetzt in den Semesterferien mit ihm zusammen zu sein und ihn nicht nur an den Wochenenden zu sehen. Sie hoffte, dass er sie mit seinem kleinen Austin nach Feierabend von der Boutique abholte. Maryann, ihre Freundin, bei der Sarah wohnte, war für einige Wochen bei ihren Eltern in Sheffield. Niemand nahm Anstoß daran, wenn Sarah in dieser Zeit mit Michael zusammenlebte und sie in dieser Zeit erprobten, ob sie wirklich zusammen passten.

Doch zwei Tage vor Beginn der Semesterferien erklärte ihr Michael, dass er einen Job als Hilfssteward auf einer Fähre angenommen hatte, die zwischen Harwich und Hamburg kreuzte. Sie legte immer nur für ungefähr sechs Stunden an und lief dann wieder aus. Eineinhalb Tage dauerte die Überfahrt quer über die Nordsee.

Sarah war erbost. Michael hatte das bestimmt nicht nötig. Seine Eltern waren wohlhabende Leute, die ihrem Sohn problemlos das Studium ermöglichen konnten. Warum war Michael so halsstarrig und bestand darauf, seinen Teil für das Studium mit beizutragen? Gerade jetzt, wo sie sich kennen und lieben gelernt hatten.

An seinen Eltern lag es bestimmt nicht. Sarah war einmal bei den Browns zum Tee eingeladen gewesen und hatte zwei nette, zuvorkommende ältere Herrschaften kennengelernt. Als Sarah jetzt noch mal mit ihnen gesprochen hatte, weil sie annahm, dass sie von ihrem Sohn verlangt hätten, einen solchen Job anzunehmen, floss Sylvia Brown, Michaels Mutter, über vor Mitgefühl. So sei ihr Sohn nun mal. Er habe es immer so gehalten und sich in den Ferien eine Arbeit verschafft, weil er seinen Teil für einen gesicherten Lebensweg in der Zukunft beitragen wolle. Wenn Sarah ihn liebe, dann müsse sie das vorbehaltlos akzeptieren.

Alle Gegenargumente nützten nichts. Michael fuhr mit dem Frühzug von London nach Harwich.

Es wurde also nichts mit dem zeitweiligen Zusammenleben. Sarah verbarg ihre Enttäuschung, so gut es ging. Am Tage hatte sie Abwechslung durch ihre Arbeit in der Boutique. Aber wenn sie am Abend alleine durch den Park ging, fehlte ihr die warme Hand Michaels, die die ihre zärtlich hielt. Sie vermisste seine melodisch klingende Stimme, das jungenhafte Gesicht unter dem halblangen Blondhaar, seine blauen Augen und seinen Mund, der so unverschämt gut küssen konnte. Michael fehlte nicht nur bei den Spaziergängen im Park, sondern auch in den einsamen Nächten.

Er hatte einige Male versucht, sie in der Boutique anzurufen, wenn das Fährschiff um Mittag in Harwich anlegte. Gerade zu diesem Zeitpunkt aber war im allgemeinen Hochbetrieb in der Boutique. Und dann konnte Sarah höchstens einige belanglose Worte mit ihm wechseln. Vier Stunden später legte die Fähre schon wieder ab. Eine zu kurze Zeit, um sich zu sehen.

Zweifel und Ängste nagten in Sarah, wenn sie daran dachte, dass Michael vielleicht in dieser Zeit ein anderes Mädchen treffen könnte, das ihm besser gefiel als sie. Wenn sie sich Michael in der smarten Uniform eines Stewards vorstellte, dann wusste sie, dass er eine Verlockung für jedes weibliche Wesen darstellte.

Diese verdammte Eifersucht … aber sie konnte diese Gedanken aus ihrem Inneren nicht verdrängen.

„Du musst mir vertrauen!“, hatte ihr Michael zum Abschied gesagt. „Ich liebe dich und bin dir auf ewig treu. Egal, was kommt!“

Vertrauen! – Konnte sie Michael denn vertrauen?

Ich liebe dich – so waren seine Worte. Aber was bedeutete der Begriff „Liebe“ für Michael Brown? Nur ein Wort, das man im geeigneten Moment über die Lippen fließen ließ? Verband er damit die gleichen Gefühle, die Sarah empfand? Oder jedenfalls zu empfinden glaubte.

Sarah Godwing war sich über ihre Gefühle nicht im Klaren. Für Michael hegte sie Sympathie und Zuneigung. Sie fand es herrlich, mit ihm zu reden oder herumzualbern. Und sie sehnte sich danach, am Abend bei mildem Kerzenlicht bei ihm zu sein, klassische Musik zu hören und seine Nähe zu spüren. Nächte voll zärtlicher Romantik.

Doch immer wieder erwischte sich Sarah Godwing dabei, dass auch andere Männer als Michael Brown sie faszinieren konnten. Wenn sie durch London ging, begegneten ihr manchmal solche Männer, hochgewachsene junge Gentlemen in tadellosen Anzügen und gepflegtem Äußeren. Ein Hauch des Unnahbaren ging von ihnen aus, der Sarah gleichzeitig anzog.

Michael kleidete sich immer etwas salopp und sportlich, was Sarah zwar sehr gut gefiel, ihn aber gleichzeitig auf die Stufe von Tausenden stellte. Dabei konnte er in konservativer Kleidung so attraktiv wirken. Sarah hatte es damals bei einem Konzertbesuch in Covent Garden fast die Sprache verschlagen, als sie Michael im Smoking mit blütenweißem Hemd und sorgfältig gebundener Fliege sah. Oder im eleganten Anzug, als sie damals zu Besuch bei seinen Eltern war.

Aber sonst sah sie ihn meistens im offenen Hemd mit einer modischen Collegejacke und einer modernen Jeans. Sarah hatte eigentlich nichts dagegen, weil es ihm einen jungenhaften Touch und einen Hauch von verwegenem Abenteuer gab. Auch mochte sie es, wenn er mit ihr in seinem ausgewaschenen Jeans-Anzug und dem bis zur Brust aufgeknöpften Hemd außerhalb von London Pferde mietete, um für einige Stunden im Gelände zu reiten. Sie bewunderte dann seinen geschmeidigen Körper, der sich mit fließender Bewegung in den Sattel zog und die lässige Art, wie er einen feurigen Hengst unter Kontrolle hielt. Er trug dann auch hochhackige Cowboystiefel, die ihm den besten Halt in den Steigbügeln verliehen.

Oft ließen sie dann die Pferde an einem romantischen Flecken an einem Teich oder einer Waldlichtung verschnaufen und sanken gemeinsam ins Gras. Der Geruch der Pferde mit dem Duft, den die freie Natur in herrlich klarer Luft verströmte, hatte für Sarah eine eigenartige Faszination. Sie ließ sich ganz von ihren Gefühlen treiben und genoss es, wenn Michael seine starken Arme um ihren Körper legte, sie zu sich heranzog und sie seine Lippen auf ihrem Mund verspürte.

Doch immer wieder fragte sie sich, ob das Liebe war? Liebte sie Michael wirklich? Warum verglich sie ihn dann mit anderen Männern? Wäre sie nicht wunschlos glücklich mit Michael, wenn es wirkliche Liebe war, die sie für ihn empfand?

Während sie ihre Gedanken ordnete, schritt Sarah immer langsamer durch den Park, der in der niedersinkenden Düsternis immer unheimlicher wurde …

 

*

 

Dampfend stiegen weiße Bodennebel aus dem feuchten Gras. Sie waberten über den Rasen wie ein Schleier, der gemächlich auf- und niederwallt. Die Bäume waren nur noch in ihren Konturen zu erkennen, die uralten Stämme teilweise seltsam krumm gewachsen, sodass sie hier in der Dämmerung wie die unheimlichen Gestalten aus einer Sagenwelt wirkten. Die rissige Rinde der Eichen sah aus wie eine uralte, runzlige Haut. Abgebrochene Äste sahen aus wie die Nasen in einem unförmigen Gesicht. Vertiefungen im Holz oder Krebswucherungen im Stamm wirkten wie Augen oder grässliche Warzen in den toten Gesichtern.

Die mächtigen Stämme der Bäume schienen im Nebel aus dem Nichts entstanden zu sein. Wenn Sarah bei ihrem Gang vom gezeichneten Weg abkam und den Rasen unter dem Nebel betrat, stolperte sie über die mächtigen Ausläufer der Baumwurzeln, die sich überall dicht unter der Grasnarbe verzweigten.

Sarah vernahm das heisere Krächzen einer Krähe. Sie sah nach oben und entdeckte auf einem Baum, wo die Äste schon kahl waren und wie eine knöcherne Hand ins schwarzgraue Nichts griffen, die schwarze Gestalt des Vogels. Der bleiche Mond, der sich mühsam durch die schwarzgraue Dämmerung Bahn brach, schnitt die Konturen des Federviehs aus der Dunkelheit.

Wieder schrie die Krähe, dass es schauerlich in der Stille des Parks widerhallte. Und dann vernahm Sarah plötzlich von überall her ein Rauschen.

Über ihren Kopf brauste es hinweg. In die markerschütternden Schreie der Krähe auf dem Baum mischten sich die krächzenden Rufe anderer Rabenvögel. Dieses ungeheure Tier, das dort oben auf dem Baum saß, schien der Anführer eines Schwarms zu sein. Ein König, der seine Diener rief.

Sarah wusste, dass sich Krähen nicht nur im Fall von Gefahren zusammenfinden sondern auch, wenn sie reiche Nahrung entdeckt hatten.

Bei diesem Gedanken glaubte Sarah, dass plötzlich ein kleiner Bach aus Eiswasser über ihren Rücken lief. Sie hatte gehört, dass die Raben und Krähen im Mittelalter auf den Hinrichtungsstätten die Körper der Gehenkten fraßen. War hier in der Nähe nicht der Platz gewesen, wo man zur Ritterszeit die Missetäter vom Leben in den Tod beförderte? Hatten die schwarzgefiederten Ungeheuer nichts vergessen, und ihr tierischer Instinkt trieb sie zusammen, um gemeinsam eine Beute zu finden, die sich nicht wehren konnte?

Von unten beobachtete Sarah, wie immer mehr Krähen herbeischwärmten und im Geäst der uralten Bäume im näheren Umkreis Platz nahmen. Heiseres Geschrei folterte das Gemüt des Mädchens und ließ brennende Angst in Sarah hochsteigen.

Gerade an dieser Stelle war Kensington Garden besonders verrufen. Sarah glaubte, in jedem Rascheln der Blätter geheimnisvoll wispernde Geisterstimmen zu vernehmen, die aus dem Jenseits zu ihr drangen. Der kalte Wind, der mit ihrem Haar spielte, strich wie eine eisige Totenhand über ihr Gesicht.

Das Rascheln des Laubes unter ihren Füßen war für ihre Nerven wie Schmirgelpapier. Dazu die knackenden, brechenden Geräusche, wenn sie auf einen trockenen Ast trat.

„Du machst dich verrückt!“, flüsterte Sarah zu sich selbst. „Es ist immer noch der gleiche Park wie im Sommer. Nur dass wir jetzt Herbst haben. Und dazu gehört auch der Nebel. Immerhin sind wir hier in London – da gehört der Nebel dazu!“

Sie blieb stehen und lauschte in die Stille. Nur ihr schneller werdender Atem und ihr pochender Herzschlag waren zu vernehmen. Sarah spürte, wie sie am ganzen Körper zitterte.

Doch nicht die Kälte ließ sie zittern. Es war die Angst. Angst vor einer unbekannten Gefahr, die irgendwo im weißlichen Nebelschleier verborgen war und Sarah beobachtete.

„Einbildung! Alles Einbildung!“, flüsterte Sarah, um sich selbst zu beruhigen. „Da ist nichts. Gar nichts. Der Park ist leer, weil bei so einem Wetter kein vernünftiger Mensch um diese Tageszeit hier einen Spaziergang macht.“

Sarah wusste genau, dass sie recht hatte – und fürchtete sich trotzdem. Wenn sie nur nicht so allein gewesen wäre. Hier mitten im pulsierenden Herzen von London schien Sarah Godwing in diesem Augenblick die einzige lebende Seele zu sein. Der leichte Wind trug aus der Ferne den Straßenlärm zu ihr herüber. Die Melodie der Großstadt – in diesem Augenblick war sie unglaublich weit entfernt. Sonst suchte Sarah gern die Einsamkeit, aber jetzt wäre sie froh gewesen, Gesellschaft zu haben.

„Krawah!“ Die hässlich krächzende Stimme aus den Zweigen über ihr machte ihr klar, dass sie nicht völlig alleine war. Doch auf diese Art von Gesellschaft konnte Sarah gut verzichten. Ungefähr einen Steinwurf von ihr entfernt saß die Krähe, die sie vorhin beobachtet hatte. Das Tier schien sich absolut nicht zu fürchten. Selbst auf die Entfernung erkannte Sarah, wie die dunklen Augen des schwarzen Vogels glitzerten. Die Krähe starrte sie geradezu mit herausfordernder Frechheit an.

Rauschen in der Luft zeigte Sarah an, dass immer neue Rabenvögel herbeigeflattert kamen. Ihr heiseres Krächzen hallte durch die Luft. Ein grausiger Chor der schwarzen Vögel – in einer abstoßenden Harmonie.

„Geht weg!“, rief Sarah laut. „Verschwindet!“

Der Klang ihrer Stimme wurde durch das heisere Geschrei der Krähen übertönt. Die Vögel dachten gar nicht daran, zu verschwinden. Sie spürten, dass sie in der Gemeinschaft stark waren. Stärker als das einsame Mädchen dort unten.

Sarah sah, wie sich der Anführer der Krähen kräftig von seinem Ast abstieß und die Flügel ausbreitete. Mit majestätischen Bewegungen flatterte er auf den kahlen Ast eines anderen Baumes. Jetzt war das Tier so nahe, dass Sarah es fast mit den Händen greifen konnte. Der Kopf mit dem mächtigen Schnabel ruckte vor, und stieß auf Sarah zu, die entsetzt zurückwich.

„Häh!“, machte die Krähe laut und triumphierend.

„Geh weg! Bitte, geh weg!“, flüsterte Sarah und hob abwehrend ihre Hände vor das Gesicht. Rings um sie herum sah sie andere schwarze Vögel auf den kahlen Ästen, die offensichtlich nur auf das Kommando ihres Anführers warteten, um sich dann hinabzuschwingen. Die hohlen Krächzlaute übertönten den Lärm von der weit entfernten Straße. Sarah war allein im nebelüberfluteten Park mit ihrer Angst – und den unheimlichen, schwarzen Vögeln.

„Fliegt weg! Lasst mich in Ruhe! Bitte …!“, kam es über Sarahs zitternde Lippen.

„Häh!“, kam es aus dem großen, schwarzen Schnabel vor ihr. Dann hackte die Krähe auf den Ast, sodass die Holzspäne flogen. Sarah kreischte auf, als sie erkannte, welche Kräfte in diesem Schnabel lagen. Wenn ein Hieb damit solche Späne aus dem Holz reißen konnte, dann …

Sarah konnte den Gedanken nicht zu Ende denken. Denn in diesem Moment schwang sich der Anführer der Krähen auf und segelte mit ausgebreiteten Flügeln zu ihr herab. Wie auf ein geheimes Kommando folgten ihm die anderen Vögel.

Sarah wollte schreien. Doch unsägliches Grauen ließ keinen Ton über ihre Lippen kommen. Sie wollte davonlaufen. Aber ihr ganzer Körper schien wie mit Blei ausgegossen.

Doch obwohl Schah schon das Sausen der Schwingen um sich verspürte und die Federn der Krähen fast über ihren Körper strichen, sie wurde von den unheimlichen Vögeln nicht angegriffen. Die Biester ließen sich mit ausgebreiteten Flügeln auf den Boden sinken und verschwanden fast im Nebel, der auf und nieder wallte und immer mehr zerrissen wurde, je mehr Krähen niedergingen. Sarah hörte das Klappern von Schnäbeln und gackernde Geräusche, mit denen die Tiere ihr Wohlgefallen kundtaten.

Der verfliegende Nebel enthüllte Sarah das Geheimnis. Alles hatte eine natürliche Erklärung, und Sarahs Erleichterung war fast wie ein Schock.

Picknick ist in England eine alltägliche Sache. Kein sparsamer Brite wird in ein teures Restaurant gehen, wenn er bei einigermaßen erträglichem Wetter seine mitgebrachte Mahlzeit in Gottes freier Natur verzehren kann. Niemand nimmt daran Anstoß, und die Parkwächter achten darauf, dass kein Müll liegenbleibt. Doch immer wieder gibt es tierfreundliche Zeitgenossen, die jede Menge Speisereste hinterlassen für die Vögel, die Eichhörnchen, für die Igel und für was sonst noch eine Heimat in einem gepflegten englischen Park findet.

Sarah war vom Wege abgekommen und stellte fest, dass sie zufällig mitten in einer solchen „Futterstelle“ stand, die von den scharfen Augen der Krähe ausfindig gemacht worden war. Ihre Angst war völlig umsonst gewesen. Alles ganz natürlich. Die Tiere hier waren nicht besonders menschenscheu. Offensichtlich hatten sie nur Hunger – und da sind diese Vögel ziemlich frech.

Sarah wollte in ein befreiendes Gelächter ausbrechen.

Doch ihr silberhelles Lachen gefror auf den Lippen. Denn aus der Düsternis klang ein anderes Lachen zu ihr herüber. Leise, spöttisch und überlegen.

Als Sarah Godwing aufsah, erkannte sie die hochgewachsene Gestalt eines Mannes, der langsam aus der Dunkelheit auf sie zuschritt …

 

*

 

Der Unbekannte war ungefähr einen Kopf größer als Sarah und trug einen eleganten, dunklen Trenchcoat, der seine Gestalt fast mit der Dunkelheit verschmelzen ließ. Sein bleiches Gesicht mit den modisch geschnittenen blonden Haaren schien auf die Entfernung gesehen im freien Raum zu schweben.

Doch an den leisen Geräuschen des unter den Schuhsohlen knirschenden. Kieses erkannte Sarah, dass es keine Geistererscheinung war, die aus dem dunklen Nichts auf sie zuglitt. Sarah sah auch dünne, fein gliedrige Hände und am Ringfinger der rechten Hand einen protzig wirkenden Siegelring mit einem kunstvoll eingravierten Wappenschild.

„Sie haben mich erschreckt!“, brachte Sarah Godwing hervor. Sie musste sich mühsam zum Sprechen zwingen, denn der Unbekannte sah sie an, ohne einen Ton zu sagen. Sarah überlief es bei diesem Blick heiß und kalt. Seine grauen, Augen musterten sie scharf, auch eindringlich, ohne dass sie dabei ihren leicht spöttischen Ausdruck verloren.

Diese aristokratisch wirkende Erscheinung hatte eine Ausstrahlung, die sie zugleich faszinierte und zutiefst ängstigte.

„Die Vögel haben Sie erschreckt!“ Die Stimme des Fremden klang melodisch. Sie war weder zu hell noch zu dunkel, und doch klang etwas in ihr, das eine prickelnde Gänsehaut auf Sarahs Körper zauberte.

„Ja, Sie haben recht!“ Sarah nickte. „Sie waren mir unheimlich, als ich sie gesehen habe. Und als sie dann noch hier herabflogen, hatte ich Angst, dass die Krähen mir etwas antun wollten. Sie sind so groß und haben scharfe Schnäbel.“

„So was passiert doch nur in schaurigen Geschichten oder in gruseligen Kinofilmen!“, sagte der Unbekannte. „Krähen sind Aasfresser und würden kein Wesen angreifen, in dem noch Leben ist. Da sind sie wie die Geier; die warten auch, bis der letzte Pulsschlag erstorben ist und die Augen gebrochen in den Himmel starren.“

„Warum sind Sie nicht vorher gekommen, um mich damit zu beruhigen?“

„Weil nur die Helden in Romanen und Filmen immer im entscheidenden Moment zur Stelle sind. Ich aber bin kein Held – sondern ein ganz normaler Mensch!“

Jetzt deutete der Fremde eine leichte Verbeugung an. Sarah war aufgefallen, dass er zwar ein völlig korrektes Englisch sprach, aber den etwas harten Klang des schottischen Akzents nicht verbergen konnte. Seine Heimat musste der Norden der britischen Inseln sein.

„Hat dieser normale Mensch auch einen Namen, mit dem ich ihn anreden kann?“, fragte Sarah.

„Ich bin Charles McLeod!“, stellte sich der Fremde vor.

„Ich bin Sarah Godwing!“, stellte sich die junge Frau daraufhin vor. „Ich denke, damit sollten wir unsere kurze Begegnung abbrechen, Mr. McLeod, und …“

„Charles! Nennen Sie mich bitte bei meinem Vornamen, Sarah“, bat der Schotte. „Ich komme mir sonst wie ein alter Mann vor.“

„Sie sehen aber absolut nicht vergreist aus, Charles!“, erwiderte Sarah und musterte ihn genau. Die straffe Gestalt und das edel geschnittene Gesicht ließen sie vermuten, dass Charles McLeod ungefähr in ihrem Alter war. In seinen grauen Augen war ein Feuer, als glühten dort Kohlen, und dieses Feuer schien auch sie in Flammen setzen zu wollen, während Eiswasser durch ihre Adern pulsierte.

Sie stand ganz im Bann dieser Augen und war unfähig, sich noch zu regen.

„Mit vierzig Jahren ist man kein Teenager mehr“, sagte er und lachte leise. „Aber man sollte sich auch noch nicht zum alten Eisen zählen.“

Sarah schnappte nach Luft. Das war doch nicht möglich. Dieser Mann sollte bereits vierzig Jahre sein? Fast fünfzehn Jahre älter als sie. Kaum zu glauben. Sie hätte schwören mögen, dass er der gleiche Jahrgang war wie sie.

„Ich denke, wir sollten uns jetzt besser verabschieden“, presste Sarah hervor, die der seltsamen Situation entfliehen wollte. „Ich will zum Ausgang, und Sie wollen sicherlich noch etwas in der Dunkelheit schlendern!“

„Ich denke, ich habe meine Pläne geändert“, sagte Charles McLeod. „Geben Sie mir die Ehre, Sie zum Ausgang begleiten zu dürfen, Sarah?“

„Ich habe nichts dagegen.“ Sarah versuchte ein Lächeln. „Wo es doch hier tatsächlich jetzt so unheimlich wird, dass ich mich ein wenig fürchte!“

Das war stark untertrieben, aber man soll seine Angst nie so deutlich zeigen. Charles McLeod lächelte nachsichtig und reichte ihr galant seinen Arm.

Sie waren kaum einige Yard gegangen, da hatte Sarah seine Einladung zum Abendessen angenommen …

 

*

 

Der kühle Nachtwind trug den dumpfen Klang der fernen Turmuhr von Big Ben herüber. Elfmal schlug die Glocke, als Charles McLeod seine schwarze Oldtimer-Limousine vor dem Haus abbremste, in dem Sarah wohnte.

Sie hatten in einem exklusiven Restaurant in Soho vorzüglich gespeist und waren sich dann in einer gemütlichen kleinen Bar nähergekommen.

Sarah wusste inzwischen, dass Charles McLeod auf einer kleinen Insel oben an der Westküste von Schottland wohnte, die man zu den Inneren Hebriden zählte.

Die Insel war seit Menschengedenken die Heimat des Clans McLeod, dort standen auch die Mauern der uralten Stammburg. Charles McLeod hatte diese Burg größtenteils wieder renovieren und ausbauen lassen. Die Einnahmen von drei gut florierenden Touristenhotels auf der Insel machten es möglich, dass er das Erbe seiner Ahnen instand setzen konnte, das im Verlauf der letzten Jahrhunderte stark verfallen war. Noch sein Vater hatte versucht, auf der Hebride mit der kärglichen Landwirtschaft zu überleben. Etwas Getreide und Futterrübenanbau, einige Rinder und eine bescheidene Herde von Schafen und Milchziegen. Dazu einige schlecht erhaltene Räume im Untergeschoss von Caer Leod, wie das Stammschloss des Clans genannt wurde. Caer ist der altschottische Ausdruck für Burg oder Schloss, der heute noch in Schottland weitläufig Verbreitung findet. Nur die Engländer im Süden haben das Wort „Castle“ aus dem lateinischen „Castellum“ übernommen. In Schottland wird stark auf Traditionen geachtet, und deswegen musste Charles McLeod mit seinen Ideen warten, bis sein Vater in der uralten Familiengruft beigesetzt wurde, bevor er seine eigenen Pläne in die Tat umsetzte.

Die Hotels, die er baute, waren sehr einfach, die Zimmer rustikal eingerichtet. Doch die Leute, die dort hinkamen, hatten Geld und zahlten eben genau dafür. Sie genossen es, dass es hier noch so zünftig wie zu Urgroßvaters Zeiten zuging. Sie kamen zum Fischen oder zum Jagen der wilden Ziegen, die überall auf der Insel das ohnehin karge Grün zwischen den Felsen kurzhielten.

Charles McLeod hielt die Hebride so weit wie möglich vom großen Touristenansturm fern, damit die Herren vom Geldadel unter sich blieben. Das wurde honoriert, indem diverse Kreise sich in immer kürzer werdenden Abständen dort trafen. Um dann dort zu leben, wie sie es als Jungen getan hatten. Nur dass die älteren Gentlemen eben doch diverse Bequemlichkeiten der Zivilisation so unauffällig erhielten, dass es nicht störend wirkte.

Die Einwohner der Insel, die sich weniger als britische Staatsbürger, sondern als Untertanen der McLeods betrachteten, stellten bald fest, dass sie gut damit fuhren. Sie verkauften selbstgebackenes Brot und selbstgemachten Ziegenkäse. Dazu ein dunkles, starkes Bier, was heimlich vom Festland importiert wurde, den Leuten jedoch als selbstgebraut verkauft wurde. Diesen kleinen Betrug hatte noch niemand bemerkt. Der Whisky dagegen wurde auf Caer Leod wie überall in Schottland nach uralten Hausrezepten selbst gebrannt. Zwar nur wenig für den Eigengebrauch oder den Verkauf unter der Hand – aber dafür unverzollt. Für die Beträge, die von den zahlungskräftigen Kunden hingelegt wurden, hätte man jedoch auch die edelsten Whiskysorten von Schottland bekommen.

Durch die Geschäftstüchtigkeit des Charles McLeod ließ es sich auf der Hebride also recht gut leben, und die Bewohner waren mehr als zufrieden.

Während sie in der Bar an kühlen Drinks nippten, äußerte Sarah mehrfach den Wunsch, diese romantische Insel mit der alten Burg und den freundlichen Bewohnern einmal kennenzulernen. So wie Charles es schilderte, musste es dort oben im Norden märchenhaft schön sein. Die unendliche Weite des Meeres, an dessen Horizont das Blau des Wassers sich mit der Farbe des Firmaments vermischte. Das Grau der schroffen Felsen im Einklang mit dem Grün der Wiesen. Das klare Wasser kleiner Bäche, in dem man die Forellen zwischen den Steinen dahinhuschen sah. Uralte, krüppelige Bäume, die dem Sturm der Jahreszeiten seit Jahrhunderten trotzten.

Im Geist sah sich Sarah heimlich an der Seite von Charles McLeod über eine grüne Wiese mit leuchtenden Frühlingsblumen gehen, im Hintergrund ein uraltes, graues Steingemäuer. Doch für Sarah wirkte die Burg nicht bedrohlich – denn sie wusste, dass es ihr Zuhause werden sollte. Sarah Godwing – die Herrin der Insel.

„Wir sind da, Miss Sarah.“ Die Stimme von Charles riss sie aus ihren Träumen.

„Möchten Sie noch mit nach oben kommen? Ich koche uns noch einen Kaffee.“

„Dieser Aufforderung kann ich absolut nicht widerstehen!“, gab Charles lächelnd zurück.

„Ich will wirklich nur Kaffee kochen!“, sagte Sarah wie entschuldigend. Und dabei spürte sie, dass sie log. Sie erschrak selbst darüber, kam mit ihren widerstreitenden Gefühlen nicht zurecht.

Mein Gott, was tue ich nur? dachte sie.

Aber sie war eine erwachsene Frau. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte.

Ach, wenn Michael sich doch überwunden hätte, seine Semesterferien mit ihr zu verbringen, dann würde sie jetzt nicht in dieser Situation stecken!

Sie spürte, wie Erregung in ihr aufstieg, als Charles neben ihr die Treppe hinaufging. Die zittrigen Finger fanden kaum den richtigen Schlüssel, und dann war sie auf einmal so ungeschickt, dass Charles für sie aufschließen musste. Das Mädchen hörte sich Worte sprechen, die eigentlich lächerlich und ohne Zusammenhang waren. Sie sah nur seine Augen und wurde von seinen Lippen wie magisch angezogen. Charles McLeod ließ ihr keine Chance, er umarmte sie sanft und doch feste, zog sie an sich – und küsste sie!

Michael Brown ist daran schuld, dachte sie. Sein verdammter Stolz war ihm ja wichtiger als ich. Jetzt verliert er mich, heute und in dieser Nacht. Ob es ihm überhaupt etwas ausmachen wird?

In diesem Moment zählte für Sarah nur das Hier und Jetzt. Und das war in diesem Augenblick Charles McLeod. Sein Kuss war voller Leidenschaft und Gefühl, er schickte Lavaströme und spitze Eiskristalle durch ihren Körper, und die konnte die in ihr aufsteigende Glut einfach nicht unterdrücken.

Sie wollte, dass Charles sie liebte, wollte ewig in diesen starken Armen gefangen sein und seinen sanften, zärtlichen Kuss genießen.

Als sich ihre Lippen wieder voneinander lösten, legte sie den Kopf an seine starke Brust.

„Ich liebe dich, Sarah!“, sagte Charles unvermittelt. Doch nicht mit der zärtlichen Leidenschaft, mit der er sie gerade geküsst hatte, sondern im geschäftsmäßig nüchternen Ton. Für Sarah wirkte das wie eine kalte Dusche.

„Charles“, sagte Sarah irritiert. „Was … was sagen Sie da?“

„Es ist mein voller Ernst!“ Seine Stimme klang so, als ob er an der Börse über Aktienkurse diskutierte. „Ich liebe dich, du bist die Frau, nach der ich immer suchte. Vielleicht gelingt es dir …“ Er brach ab. Irgendetwas schien ihm die Sprache zu nehmen.

Sarah erkannte, dass sich seine Gesichtszüge um einige Nuancen veränderten. Sie wurden zu einem Teil weicher – und dennoch härter und gnadenloser. Seine vorher ruhig blickenden Augen schienen in gelbem Hass zu glimmen.

Es war, als ob ein bösartiges Wesen in seinem Inneren hauste, das nun für den Bruchteil eines Herzschlages seine wahre Identität gezeigt hatte. Es war immer noch das Gesicht von Charles McLeod – aber in einer bösartig-negativen Erscheinung.

Im gleichen Moment, als Sarah die unheimliche Verwandlung richtig zu Bewusstsein kam, war es schon wieder vorbei.

Was war das für ein Phänomen? Und wie kam es zustande? War die letzte, unausgesprochene Bemerkung daran schuld? Was sollte ihr, Sarah Godwing, denn gelingen?

Das Mädchen getraute sich nicht, eine Frage zu stellen. Sie spürte, dass sie in diesem Moment wohl leichenblass war. Mit bebenden Lippen rang sie nach Worten, die nicht ausgesprochen wurden.

„Sarah! Willst du meine Frau werden?“, fragte Charles in diesem Moment.

„Aber, Charles!“, rief Sarah erschrocken, dann aber versuchte sie, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu geben.

„Wir … wir kennen uns doch gar nicht …“

„Wir kennen uns lange genug!“ In seiner Stimme lag ein eigenartiger Trotz. „Liebst du mich denn nicht?“

Charles sah ihr tief in die Augen. Da war er wieder, dieser Blick, dem sich Sarah nicht entziehen konnte. Dieser Blick, der auf sie wie hypnotisiert wirkte. Vielleicht war es sogar Hypnose, denn Sarah hatte in diesem Augenblick keinen eigenen Willen mehr.

„Doch … doch, ich … ich glaube schon, dass … dass ich dich liebe“, hörte sich Sarah selbst sagen, ohne den Sinn ihrer Worte zu begreifen.

„Dann komm zu mir nach Schottland und heirate mich!“ Es war keine Bitte, sondern ein Befehl, ausgestoßen mit einer Stimme, die jeden Widerstand brach. Sarah spürte, dass dieser Mann ihr keine Chance ließ, sich zu wehren.

„Ich … ich … ich weiß nicht. Das … kommt alles so überraschend.“

„Gibt es einen anderen Mann in deinem Leben?“, fragte Charles. „Einen Mann, der dir mehr geben kann als einen Titel und die Herrschaft über eine paradiesisch schöne Insel? Einen Mann, den du so liebst, dass du diese Gelegenheit ungenutzt an dir vorbeiziehen lässt?“

Sarah antwortete nicht. Für einen kurzen Augenblick tauchte Michaels jungenhaft lachendes Gesicht vor ihrem geistigen Auge auf.

Liebe …? Sicher, es war in gewisser Weise Liebe gewesen, was sie für ihn empfunden hatte. Aber war es die – Art von berauschendem Gefühl, das sie eigentlich mit diesem Wort verband? War diese Liebe so tief, dass sie ohne ihn nicht mehr leben konnte? Er konnte sehr wohl ohne sie, dass hatte er ja bewiesen.

Sie dachte an Charles’ Kuss. Er hatte alle ihre Sinne berührt, hatte Schauer durch ihren ganzen Körper geschickt. Allein die Erinnerung ließ sie schwindeln Noch nie in ihrem Leben war sie so geküsst worden.

Das war die Sehnsucht und Leidenschaft, nach der sie sich immer gesehnt hatte, schon jetzt bestand zwischen ihrem Herzen und Charles McLeod ein unsichtbares Band, das sie gefangenhielt.

„Der andere Mann bedeutet dir so viel?“, vernahm sie die Stimme von Charles.

„Wir … wir waren den ganzen Sommer über zusammen“, wich Sarah aus.

Charles nickte. „Überleg dir meine Worte in Ruhe. Ich muss schon morgen zurückfahren. Meine Geschäfte in London sind erledigt, und es ist mein letzter Abend hier. Ein Abend, den du verzaubert hast, Sarah.“

„Kann ich Sie anrufen?“, fragte Sarah schnell.

„Das ist leider nicht möglich“, gab Charles McLeod zurück. „Komm einfach, sobald du kannst. Dann weißt du, auf was du dich einlässt. Gefällt es dir bei uns nicht – und gefalle ich dir nicht! – dann fährst du zurück nach London, und ich werde versuchen, dich zu vergessen!“

„Ich … ich weiß nicht“, sagte Sarah, dann schüttelte sie den Kopf. „Ende nächster Woche kommt Sharon zurück aus dem Urlaub. Da könnte ich schon für einige Tage aus der Boutique wegbleiben und verreisen. Aber …“

„Das ist gut“, wurde sie von Charles unterbrochen. „Jetzt im Frühherbst ist es bei uns besonders schön – und die rauen Herbststürme haben dann noch nicht begonnen. Frage in Durneal Harbour nach dem alten Abel McCulloch. Der wird dich mit seinem Kahn sicher übersetzen. Ich werde inzwischen alles vorbereiten lassen!“

„Für die – Hochzeit?“, rief Sarah erschrocken.

„Es gibt viele Gründe, Feste zu feiern“, gab Charles zurück. „Hochzeiten werden bei uns genauso gefeiert – wie Beerdigungen!“

In diesem Augenblick schien von seiner Stimme wieder ein eisiger Hauch auszugehen, als ob der Nordsturm polare Kälte in das Zimmer brachte.

Er wandte sich um und ließ sie einfach stehen. Schon war er verschwunden …

 

*

 

Eine Woche später befand sich Sarah Godwing tatsächlich auf dem Weg in den Norden der britischen Inseln. In London war alles geregelt. Für Michael Brown hatte sie eine kurze Nachricht hinterlassen. Nur wenige Zeilen, in denen sie ihm mitteilte, dass sie sich entschlossen hätte, Urlaub zu machen und wo sie zu erreichen wäre, falls er ihr etwas mitteilen wollte. Sicher, fair war das nicht, aber auch Michael war nicht fair zu ihr gewesen, hatte sie vor vollendete Tatsachen gestellt.

Außerdem … spielte Michael überhaupt noch eine Rolle in ihrem Leben? Die vergangenen Tage hatte sie nur noch an Charles McLeod gedacht, an diesen geheimnisvollen, mysteriösen Mann. An seine starken Arme, in denen sie gelegen hatte und seinen flammendzärtlichen Kuss.

Sie hatte in den Nächten von ihm geträumt. Wie er sie liebte, ihren ganzen Körper mit glühenden Küssen liebkoste. Und sie hatte geträumt, mit ihm verheiratet zu sein, ganz ihm und seinem Zauber zu gehören. Es war berauschend.

Wollte sie das wirklich? Sie wusste es nicht, es waren ja nur Träume. Aber sie spürte, dass sich ein Teil ihrer Seele danach sehnte.

Mit ihrem kleinen Austin schaffte sie es in einem Tag von London bis in die Gegend von Glasgow. Sie übernachtete in einem Vorort der schottischen Metropole und setzte am nächsten Morgen ihre Reise fort. Bis Gairloch kam sie problemlos auf einer gut ausgebauten Straße voran.

Doch hinter dieser schottischen Kleinstadt gab es nur noch einspurige Feldwege, über die man vor Jahren einmal Schotter gestreut haben musste. Jetzt war überall das Gras durchgebrochen, und die Strecke war an zwei ausgewalzten Fahrspuren mehr zu erahnen. Fast hätte sie noch den halb verwitterten und im scharfen Wind fast zu Boden gedrückten Wegweiser übersehen, der ihr die Abzweigung nach Durneval Harbour wies. Der Weg wurde immer abschüssiger, je näher sie der Küste kam. Kleine Steine rollten unter den Rädern und prasselten unter das Bodenblech des Wagens. In einer kurvenreichen Serpentinenstraße führte der Weg hinab zum Meer.

Als Sarah kurz abbremste, um sich zu orientieren, sah sie tief unter sich eine kleine Siedlung liegen. Fischerboote schaukelten in den Wellen. Ein armseliges Nest, das den hochtrabenden Namen Durneval Harbour kaum verdiente.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910797
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
wenn lady

Autor

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Titel: Wenn nachts die tote Lady ruft...