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TEXAS MUSTANG #15: Der Fremde mit dem Stern

2017 120 Seiten

Leseprobe

Der Fremde mit dem Stern



Ein Western von LUKE SINCLAIR




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:

Eigentlich war nichts Besonderes an dem Fremden, wenn man von dem blinkenden Stern an seiner Brust und dem kalten, furchtlosen Blick seiner Augen absah, der ihn mit einem Hauch tödlicher Unnahbarkeit umgab.

Marshal Jim Allison war gekommen. Er wollte einen ganz bestimmten Mann verhaften. Aber als die Bewohner der kleinen Stadt erfuhren, weshalb er gekommen war, da befand er sich plötzlich in einem Hexenkessel...

Ein Roman, der jeden in Atem hält – geschrieben von Luke Sinclair!







Roman:

Die Straße lag leer und staubig in der warmen Sonne, und obwohl es noch längst nicht Mittag war, erweckte die kleine Stadt den Eindruck, als hielten ihre Bewohner Siesta. Der einzelne Reiter, der in die Stadt geritten kam, war groß und von guter, männlicher Statur, und er erregte bei den wenigen Betrachtern unwillige Aufmerksamkeit, ja sogar Misstrauen; jenen Unwillen, den man überall fremden Ordnungshütern entgegenbrachte.

Eigentlich war nichts Besonderes an ihm, wenn man von dem blinkenden Stern an seiner Brust und dem kalten, furchtlosen Blick seiner grauen Äugen absah, der ihn mit einem . Hauch tödlicher Unnahbarkeit umgab.

Der junge Mann, der auf der Veranda vor dem Sheriff’s Office auf einem Stuhl saß und die Füße auf das Geländer gelegt hatte, blinzelte ihm.unter dem Hutrand hervor mit deutlich zur Schau gestellter Lässigkeit entgegen. Die ganze Welt und besonders seine Umgebung schien diesen Burschen zu langweilen.

Der Reiter zügelte sein Schecken King und schickte einen kurzen, forschenden Blick zu dem jungen Mann auf der Veranda, der seine Haltung nicht geändert hatte. Dann saß der Fremde ab, schlang die Zügel seines Braunen um die Haltestange und klopfte sich den Staub von den Kleidern. Da der Junge sich noch immer nicht rührte, stieg er wortlos die beiden Stufen hinauf und ging in das Office.

Es war leer, wie er sofort feststellte, und strahlte eine gewisse Verschlafenheit aus. Die beiden Gitterzellen im Hintergrund schienen mehr dekorativen Zwecken zu dienen und wurden offenbar nie benutzt, wie der unberührte Staub verriet. Der Schreibtisch war sauber aufgeräumt, drei Gewehre standen ordentlich in ihrem Ständer an der Wand, und der gusseiserne Kanonenofen wartete geduldig auf den nächsten Winter und wurde solange als Ablage für alte Zeitungen benutzt.

Als der Fremde wieder herauskam, empfing ihn die Stimme des jungen Mannes. »Ich hätte Ihnen sagen können, dass Sheriff Hamley nicht da ist.«

Das klang gekränkt, offensichtlich fühlte er sich in seiner Wichtigkeit übergangen.

»Bist du sein Deputy?«

Der junge Bursche hatte sich den Hut einenZoll weit aus dem Gesicht geschoben und musterte den fremden Marshal mit mäßiger Aufmerksamkeit. »Nein, ich tue ihm nur manchmal’nen Gefallen, so wie jetzt.« .

»Und wo ist er?«

»Da, wo sie alle sind«, erklärte der Junge geringschätzig, »in der Kirche.«

»Dann ist wohl heute Sonntag.«

Der Junge grinste. »Ziemlich lange unterwegs, wie? Da hört man auf, die Tage zu zählen. Sie sind wohl hinter jemandem her?«

Der Mann mit dem Stern an seiner staubigen, braunen Cordjacke ließ diese Fragen unbeantwortet und sagte statt dessen: »Ziemlich fromme Gemeinde, wie es aussieht.«

»Sie sind nur alle bei ’ner Trauung«, erklärte der Junge gelangweilt. »Die Hochzeit des Jahres. Was passiert denn hier sonst schon. Da genügt es, dass in der Kirche jemand ja sagt, um die Leute anzulocken.«

»Nur dich nicht«, sagte der Marshal leicht ironisch.

Irgend etwas daran schien den Jungen wütend zu machen.

»Wollen Sie sonst noch was, Mister?«, fragte er abweisend.

»Ja«, nickte der Marshal ruhig, »du kannst mal da drinnen Staub wischen, damit die Zellen wieder benutzt werden können.«

Der Junge nahm die langen, dünnen Beine vom Geländer und erhob sich mit einer heftigen Bewegung von seinem Stuhl. »Hören Sie, Mister Marshal, wenn Sie mich für die Putzfrau halten, dann sollten Sie sich gelegentlich ’ne Brille zulegen.«

»Na endlich«, sagte der Marshal befriedigt über den Zornesausbruch des Jungen, »dachte schon, du seist gelähmt oder so was. Also, wenn du dir zum Staubwischen zu schade bist, dann geh mal in die Kirche und hol deinen Sheriff Hamley her. Sag ihm, Marshal Jim Allison will ihn sprechen. Es ist dringend!«

Der Junge holte tief Luft. »Sie haben hier keinerlei Amtsbefugnisse«, stellte er mühsam beherrscht fest.

»Das ist richtig«, nickte Allisonn mit kühler Gelassenheit. »Und aus diesem Grund kann ich.es mir leisten, dich windelweich zu prügeln, wenn du noch lange hier herumstehst und den Gang der Dinge aufhältst.«

Die Lippen des Jungen pressten sich zu einem dünnen Strich zusammen, und seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Die Hand sank auf den Griff des Revolvers herab, der von seiner Hüfte abstand. Aber auch diese Geste ließ Jim Allisonn unberührt. Einer jener großmäuligen Wichtigtuer, die erst noch ihre eigenen Erfahrungen machen müssen, dachte er.

»Was ist?«, fragte Allison geduldig. »Hast du was mit den Ohren?«

»Sie wollen hier den harten Gesetzeshüter markieren, aber Sie haben sich den falschen Ort ausgesucht. Hier hat nur Sheriff Hamley was zu sagen.« Die Haltung des Jungen entspannte sich langsam. »Und wenn ich jetzt gehe, dann tue ich es für ihn. Wir reden ein andermal weiter.«

»In Ordnung, Junge«, murmelte Allison, während der Bursche auf dem Absatz kehrtmachte, mit schnellen Schritten auf der Straße entlangstakste und wütend nach einem Hund trat, der ihm arglos über den Weg trottete.

Marshal Allison ließ sich aufatmend auf dem Platz nieder, wo vorhin der Junge gesessen hatte, zündete sich eine dünne, schwarze Sonorazigarre an und lehnte sich behaglich zurück, den Rauch genießerisch in die stille Luft paffend.

Es tat gut, nach dem langen Weg im Sattel endlich wieder auf einem Stuhl zu sitzen, der sich nicht unter einem bewegte.

Viel zu bald kam der Junge mit dem Sheriff zurück. Allison sah sie beide die Straße entlang kommen und erhob sich widerwillig.

Hamley war ein älterer, leicht untersetzter Mann mit einem grauen Schnurrbart. Er trug einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd mit dunkler Schleife und wirkte in dieser Aufmachung wie ein Mann, den die Stiefel drücken. Ebenso war auch sein Mienenspiel. Aber das mochte wohl von der Störung herrühren, die der fremde Amtskollege ihm bereitete, und von der düsteren Vorahnung nahender Unannehmlichkeiten, zumindest aber von der Befürchtung, das Hochzeitsmahl zu versäumen.

Er blieb vor seinem Gast stehen und sagte: »Sie sind also dieser Marshal Allison. Freut mich, Sie kennenzulemen.« Es klang wie das, was es war: eine nicht ehrlich gemeinte Höflichkeitsfloskel. »Was ist denn so dringend, dass Sie mich deshalb mitten aus einer Trauung holen lassen?«

»Ich habe etwas Dienstliches mit Ihnen zu besprechen.«

»Das dachte ich mir schon.«

»Er ist nicht Ihr Deputy«, sagte Allison mit einem Seitenblick auf den Jungen. »Können wir hineingehen?«

Hamley nickte schweigend, und sie gingen ins Office. Der Junge blieb verärgert draußen und schlug in unregelmäßigem Takt mit der flachen Hand auf das Geländer der Veranda.

Allison nestelte ein zusammengefaltetes Papier aus seiner Tasche und erklärte dabei: »Ich habe einen Haftbefehl, und ich habe Grund zur Annahme, dass sich dieser Mann hier in Ihrer Stadt aufhält.«

Er reichte Hamlfey das Papier, der eine Brille mit dünnem Nickelrahmen aus der Tasche zog und sie umständlich aufsetzte. Während er las, wurden seine Augen immer größer, und es schien Allison, als verlöre sein Gesicht plötzlich alle Farbe.

»Ist was nicht in Ordnung?«, fragte Allison.

»Habe doch geahnt, daß es nichts Gutes bedeutet, wenn ein fremder Marshal hier auftaucht«, murmelte er und reichte Allison das Papier zurück. »Verflixt und zugenäht! Wissen Sie, wer dieser Crooker ist?«

»Der Mann, der in Globe einen Bankkassierer erschossen hat«, versetzte Allison nüchtern.

»Das meine ich nicht.« Hamley drehte sich; um und schaute durch die blinden Scheiben, nach draußen. »Es ist der Mann, dessen Trauung vor wenigen Minuten begonnen hat.«

»Dann bin ich wohl gerade noch zur rechten Zeit gekommen, um die Braut vor einem folgenschweren Fehler zu bewahren.«

»Wir können ihn jetzt nicht verhaften! Ich werde das für Sie erledigen, gleich, wenn die Trauung vorbei ist.«

»Nicht nötig. Ich tue meine Arbeit selbstl! Ich wollte nur Ihr Einverständnis haben.“

»Es wäre wohl nicht im Sinne des Gesetzes dieser Stadt, wenn ich Ihnen das verweigerte«, sagte Hamley müde und resignierend. »Und so wie ich Sie einschätze, hätten Sie ihn sich auch ohne meine Einwilligung geholt.«.

»Ich sehe, wir verstehen uns«, gab Allison zu. Es war eine Härte in seiner Stimme, die keinen Widerspruch duldete. »Und ich werde es gleich hinter mich bringen.«

»Das können Sie nicht...«, wollte Hamley protestieren, aber er hielt mitten im Satz inne, als er dem eiskalten Blick des großen Mannes begegnete.

»Wer sollte mich daran hindern?«

»Vielleicht Ihr Feingefühl«, sagte der Sheriff etwas kleinlaut. Er wusste, dass er gegen diesen Mann, der wie eine gespannte Feder wirkte, nicht ankommen konnte. Nicht einmal in jungen Jahren hätte er ihm das Wasser reichen können.

Nichts als Geringschätzung über diese Bemerkung des Sheriffs war in Allisons Augen.

»Ich gehe jetzt«, sagte er nur. »Die Braut kann mir dankbar sein, dass ich sie vor diesem Kerl bewahre.«

»Sie wird Ihnen die Hölle heiß machen«, widersprach Hamley, als Allison bereits bei der Tür war. »Welche Braut schätzt es schon, wenn ihr jemand vor dem Traualtar den Bräutigam wegholt.«

Allison kümmerte sich nicht um diesen Einwand, und der Sheriff folgte ihm nach draußen. »Diesem verflixten Burschen ist nichts heilig«, murmelte er dabei.

Die Augen des Jungen folgten der Gestalt des Marshals die Straße entlang, wobei sein Mund einen seltsam verkniffenen Ausdruck angenommen hatte.

»Ein Wort von Ihnen, Sheriff, und ich jage den Burschen für Sie aus der Stadt. Er hat hier nichts zu suchen.«

»Wenn du nur etwas mehr Verstand hättest, Hank, dann würdest du nicht so reden«, verwies ihn der Sheriff.

»Wer ist er schon?«, schnappte Hank Bancroft gereizt. »Irgendein Marshal, der sich hier aufspielen will!«

Der Sheriff schaute nachdenklich dorthin, wo Allison verschwunden war. »Wer über so viele Meilen nicht locker lässt, bis er seinen Mann aufgespürt hat, der ist gewiss nicht irgendein Marshal. Du musst dir die Leute genauer anschauen, ehe du dich mit ihnen anlegst, sonst könnte es sein, dass du nicht alt wirst.«

»Sie können sich darauf verlassen, Sheriff: Er verbrennt sich genauso den Hintern, wenn er sich ins Feuer setzt, wie ich.«

»Nun«, meinte Hamley, »im Gegensatz zu dir sieht er aus wie ein Mann, der auf seinen Hintern achtgeben kann. Aber verdammt, ich möchte sehen, wie er das anstellt.«

»Was?« Hank Baricrofts Kopf ruckte herum.

»Im Augenblick ist er gerade dabei, Joel Crooker zu verhaften.«

Der Junge starrte den älteren Mann neben sich an, und sein Mund blieb einen Moment offenstehen. Dann brach er in ein schallendes Gelächter aus.


*


Die Kirche lag am Ende der Straße etwas außerhalb des Ortes. Etliche Einspänner standen davor. Einer von ihnen war mit Blumen und bunten Bändern geschmückt. Pferde dösten in der warmen Sonne. Sonntägliche Ruhe lag über allem, die Stimme des Pfarrers klang gedämpft nach draußen. Vor dem Portal hatte sich eine Anzahl Kinder versammelt, die schwatzten und kicherten.

Jim Allison ging auf das Portal zu. Hoffentlich hat er kein Schießeisen bei sich, dachte er.

Die Stimme des Pfarrers traf ihn in voller Lautstärke, als er das Portal öffnete und eintrat. Köpfe wandten sich zu ihm um, zuerst nur vereinzelte; dann wurden es immer mehr, so als spränge ein unsichtbares Signal von einem zum anderen.

Er ging den Mittelgang zwischen den Sitzreihen entlang, und er spürte die Welle von Abneigung, die ihm entgegenschlug. Aber das kümmerte ihn nicht weiter. Er hatte mit diesen Leuten hier nichts zu schaffen, und in einer Stunde würde er mit seinem Gefangenen schon wieder auf dem Weg sein.

»Crooker!«, sagte er und legte gewohnheitsmäßig die Hand an den Griff des Revolvers.

Der Blick des Pfarrers hob sich und traf zwischen den Köpfen des Brautpaares hindurch auf ihn. Entrüstung begleitete ihn. Auch Joel Crooker und die Braut drehten verwundert die Köpfe.

»Was Sie auch zu uns treiben mag, Marshal«, sagte der Pfarrer mit ruhiger Zurechtweisung, »es gibt Ihnen nicht das Recht, diese Trauung zu stören. Setzen Sie sich hin und warten Sie, bis wir fertig sind. Dann können Sie reden.«

»Crooker«, wiederholte Allison, als hätte er die Worte des Predigers überhaupt nicht gehört, »im Namen des Gesetzes verhafte ich dich.«

»Du bist wohl übergeschnappt, Marshal?«, keuchte Joel Crooker. Furcht schlich sich in seine Augen. Er hatte keine Waffe bei sich und konnte nur auf die Hilfe der Bürger von Elsworth hoffen. »Du kannst hier überhaupt niemanden verhaften, am allerwenigsten in einer Kirche.«

»Er hat recht«, schaltete sich der Pfarrer ein. »Hier an diesem Ort hat es das noch niemals gegeben. Und Sie werden nicht den Anfang damit machen.«

»Es wird wohl auch nicht üblich sein, dass Mörder hier heiraten«, entgegnete Allison mit kaltem Zynismus. Das erregte Stimmengemurmel glich auf erstaunliche Weise dem gereizten Summen in einem Wespennest.

»Sie wissen ja nicht, was Sie da sagen«, rief die junge Braut erregt. Sie hatte ein schönes, energisches Gesicht, dessen Zorn jetzt in krassem Gegensatz zu dem zarten Tüll des Schleiers stand. »Sie müssen ihn verwechseln.«

»Ganz gewiss nicht, kleine Lady«, entgegnete Allison bestimmt: »Und er weiß es ganz genau.«

»Der Kerl lügt!«, schrie Joel Crooker mit gespielter Entrüstung. »Er ist von einer fixen Idee besessen. Ich habe diesen Kerl noch nie gesehen. Vermutlich ein Irrer, der sich als Marshal aufspielt.«

Das Gesumm der Stimmen schwoll zum Tumult an. Männer erhoben sich in den Bankreihen, und drohende Fäuste wurden geschwungen. Allison zog den Revolver und spannte den Hahn.

Kein Wunder, dass Crooker diese Leute auf seiner Seite hatte. In seinem eleganten Anzug konnte ihn kein Mensch für den skrupellosen Mörder halten, der er war. Und er, Allison, irgendein Fremder, der in ihre Feier hineinplatzte.

Der Stimme des Pfarrers gelang es nur zögernd, die Ruhe wiederherzustellen. Er hob beschwörend die Arme und mahnte zur Besonnenheit.

»Ihr seid in der Überzahl, Leute«, sagte Allison laut in die zurückkehrende Stille, »aber ich bin im Recht, und ich werde von der Waffe Gebrauch machen, um dieses Recht durchzusetzen, falls Sie nicht vernünftig sind.«

»Auch in einer Kirche?«, kreischte jemand cholerisch.

»Auch in einer Kirche«, bestätigte Allison ruhig. »Hier gilt dasselbe Recht wie anderswo.«

Die Unmutsäußerungen nahmen erneut zu, und Allison musste danach trachten, diesen Ort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Er wusste, was eine hysterische Menge anrichten konnte, und er hatte keine Lust, es bis zum Äußersten kommen zu lassen. Schüsse in der Kirche würden die gesamte Stadt gegen ihn aufbringen. Er war jetzt schon weiter gegangen, als es gut für ihn war. Aber sein unverzügliches Verschwinden mit seinem Gefangenen aus der Stadt würde die Geniüter bald wieder beruhigen.

»Es sind schwerwiegende Beschuldigungen, die Sie hier vorgebracht haben.« Die Stimme des Pfarrers drängte die wieder aufkommenden Aggressionen zurück. »Können Sie diese auch beweisen?«

»Ich werde hier gar nichts beweisen«, sagte Allison entschieden. »Wenn Sie Zweifel an meinen Worten haben, dann kommen Sie in das Office des Sheriffs. Ich werde dort noch etwa eine halbe Stunde anwesend sein.« Er machte mit seiner Waffe eine auffordemde Bewegung zum Ausgang hin. »Vorwärts, Crooker!«

Aus den Augenwinkeln sah er etwas Weißes auf sich zurauschen.

»Sie aufgeblasener Sternträger!«, fauchte die Braut ihn an. »Sie glauben doch nicht, dass Sie damit durchkommen. Nur, weil Sie ein Schießeisen haben, können Sie nicht so einfach in unsere Privatangelegenheiten hineinplatzen und einen unbescholtenen Bürger verhaften. Sie... Sie Revolverschwinger ...!«

Verdammt, das hatte ihm gerade noch gefehlt: Eine Frau, noch dazu im Brautgewand, kämpfte um den Mann, den er verhaften wollte. Wenn sie ihn zwang, gegen sie vorzugehen, dann konnte die ganze Sache höllisch gefährlich für ihn werden.

Er atmete auf, als es dem Pfarrer noch im letzten Augenblick gelang, sie aufzuhalten. Joel Crooker jedoch nutzte die Gelegenheit, da er sich unbeachtet glaubte, ihm die Waffe aus der Hand zu schlagen. Aber Allison hatte aufgepasst, wich blitzschnell aus und schlug Crooker den stählernen Lauf ins Genick. Crooker stolperte nach vorn und fiel auf Hände und Knie.

Sofort brach der Tumult von neuem los. Männer fuhren in die Höhe und wollten mit geballten Fäusten auf ihn losgehen. Aber der hochschwenkende Revolver in seiner Hand stoppte augenblicklich ihren Tatendrang.

»Ich warne Sie!«, sagte er über die Schulter an die Adresse des Pfarrers gerichtet. »Halten Sie gefälligst Ihre Schäfchen zurück, wenn Sie Ihre Kirche nicht mit Blut beflecken wollen!«

Das schien auch die anderen zur Räson zu bringen.

Crooker kam ächzend wieder hoch und hielt sich mit theatralischer Geste das Genick.

»Versuch mit mir nicht solche Mätzchen«, warnte Allison und stieß ihn auf das Portal zu. »Sonst schaffst du es nicht bis nach Globe.«

»Wir werden es nicht zulassen!«, schrie die erzürnte Braut hinter ihm her. »Wir werden Ihnen schon zeigen ...!«

Die Kinder vor der Kirche waren verstummt. Schweigend und mit großen, neugierigen Augen beobachteten sie, wie der fremde Marshal seinen Gefangenen vor sich her die Straße entlangschob.

Er war noch keine zwanzig Schritte weit gekommen, als hinter ihm die brodelnde Menge aus der Kirche quoll und sich hinter ihnen herschob. Aber sie hielt sich in respektvoller Entfernung, denn hier auf der Straße erschien die Waffe in Allisons Hand noch bedrohlicher als innerhalb der Schutz versprechenden Kirchenwände.

Ohne Zwischenfall gelangten sie zu Sheriff Hamleys Büro, von wo aus ihnen Hank Bancroft mit einem hämischen Grinsen entgegensah.

»Sieht so aus, Marshal, als hätten Sie mehr abgebissen, als Sie kauen können.«

Allison beachtete ihn gar nicht und schob seinen Gefangenen in eine der offenen Zellen.

»Gibt es auch einen Schlüssel dafür?«, fragte er herausfordernd, und Burt Hamley warf ihm einen Schlüsselbund zu. Allison bugsierte seinen Gefangenen hinein und schloss die Zelle ab.

Sie machen sich keine Freunde, Marshal“, sagte Hamley seufzend. „Angie wird erst dann Ruhe geben, wenn Crooker wieder frei ist.“

Ist das die Braut?“, fragte Allison.

Hamley nickte. „Ihr gehört das Steakhouse auf der anderen Straßenseite. Als sie vor zwei Jahren mit ihrem Vater hierher kam, war der alte Sheldon bereits krank, und er starb kurze Zeit später. Angie hat sich trotzdem nicht unterkriegen lassen...“

Eigentlich hatte er noch mehr sagen wollen – aber genau in diesem Moment hörte er hitzige und wütende Stimme vor dem Eingang des Sheriff´s Office. Sofort schaute er durchs Fenster und sah, dass sich einige Menschen draußen auf der Straße versammelt hatten. Einige von ihnen schüttelten wütend die Fäuste.

Tun Sie was“, forderte Allison Hamley auf. „Oder soll ich mich darum kümmern?“

In seiner Stimme klang etwas an, was Hamley zur Vorsicht mahnte. Er rückte sich den Revolvergurt zurecht, öffnete die Tür und ging hinaus. Allison hielt es für besser, ihm nicht zu folgen, denn er wollte die Stimmung nicht noch mehr anheizen, als es ohnehin schon der Fall war.

Geht nach Hause, Leute!“, vernahm er Hamleys laute Stimme. „Es ist alles in Ordnung. Ich habe den Haftbefehl gesehen. Der Marshal tut nur seine Pflicht – und keiner von uns sollte ihn daran hindern!“

Es ist nicht richtig!“, rief jemand. „Crooker ist kein Verbrecher. Das weiß jeder hier“

Das Gesetz wird sich darum kümmern, was richtig und was falsch ist – aber nicht ihr!“, lautete Hamleys Antwort. „Was ist jetzt? Geht ihr endlich, oder muss ich andere Saiten aufziehen?“

Während die letzten Worte über seine Lippen kamen, bewegte er die rechte Hand hinab zu seinem Revolver – und diese Geste war eindeutig. Dann gaben sie schließlich auf. Wenige Minuten später hatten sie sich zerstreut.

Danke“, sagte Allison, der durch das Fenster alles beobachtet hatte. „Ich weiß das zu schätzen.“

Abwarten“, brummte Hamley. „Die Sache ist noch längst nicht ausgestanden. Crooker hat viele Freunde in der Stadt. Sie sollten verdammt aufpassen, was Sie tun. Was haben Sie jetzt vor?“

Ein Pferd für meinen Gefangenen besorgen“, sagte Allison. „Und dann sehe ich zu, dass ich so schnell wie möglich von hier verschwinde.“


*


Die beiden Frauen, die vor dem Schaufenster eines Geschäftes standen, unterbrachen ihre Unterhaltung und schauten ihn böse und grußlos an. Allison selbst beachtete sie nicht. Er ging mit langsamem, sicherem Schritt und schaute weder nach rechts noch nach links.

Als er durch das geöffnete Tor des Mietstalles trat, blieb er einen Moment stehen, um seine Augen an das Halbdunkel zu gewöhnen.

Ein bärtiger. Mann in zerschlissener Arbeitskleidung trat auf ihn zu, musterte ihn, während er näher kam und registrierte mit abweisender Miene den Stern an seiner Brust.

»Ich bin gekommen, um Joel Crookers Pferd zu holen«, sagte Allison ohne Umschweife.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Der hat überhaupt keinen Gaul, jedenfalls nicht hier.« Es klang wie eine heimliche Genugtuung.

»Gibt es noch einen Mietstall in der Stadt?«

Der Mann schüttelte abermals den Kopf und diesmal stahl sich ein schwaches Grinsen unter seinem Bartgeflecht hervor.

»Dann bleibt mir nichts weiter übrig, als ein Pferd zu kaufen«, sagte Allison.

»Wir verkaufen hier keine Gäule. Und Sie werden auch in der ganzen Stadt keins bekommen, Marshal. Wissen Sie, Joel Crooker war immer großzügig, und alle hier mochten ihn.«

Allison packte den Mann in einer plötzlichen Aufwallung von Zorn an seinem Arbeitshemd und zog ihn mit einem harten Ruck ein Stück zu sich heran »Ich werde für das Pferd bezahlen, Mann, und wenn das nicht genügt, werde ich es aus Ihnen herausprügeln.«

Der Mann wehrte sich nicht, aber seine Augen blickten ihn ohne Furcht an.

»Machen Sie nur weiter so«, sagte er ruhig, »dann wird Sheriff Hamley gezwungen sein, gegen Sie einzuschreiten. Denn Sie sind hier kein Gesetzeshüter, vergessen Sie das nicht! Sie sind hier nur irgendein Fremder, der herumstänkert.«

Allison ließ den Mann los. »Schon gut. Vergessen Sie das mit dem Pferd.«

Er hatte gelernt, sich zu beherrschen, wenn es sein musste, auch dann, wenn die neue Situation seine Pläne über den Haufen warf. Die Worte des Mannes vor ihm hatten ihm klargemacht, dass es für Crookers Abtransport kein Pferd in dieser Stadt geben würde. Er hätte das wissen müssen.


*


»Es gibt keinen Gaul in dieser ganzen verdammten Stadt«, erklärte Allison dem Sheriff, als er zurück war. »Aber Crooker kann nicht bis Globe laufen.« Er wandte seinen Kopf zu der Zelle im Hintergrund. »Aber er könnte es zumindest versuchen.«

»Das können Sie nicht tun«, wendete Hamley ein.

»Vielleicht stiftet dann jemand ’nen Gaul für ihn. Er ist doch so beliebt hier. Oder haben Sie einen anderen Vorschlag, Sheriff?«

Hamley schaute den Marshal einen Augenblick lang an. Dieser Bursche würde seinen Gefangenen von hier wegbringen, und wenn er ihn hinter seinem Pferd herschleifen müsste. Wenn doch diese Narren da draußen das nur einsehen würden.

»Die Kutsche fährt morgen Mittag nach Westen. Sie können sie zumindest bis Albuquerque benutzen und sich dort irgendwo ein Pferd besorgen.«

»Die Kutsche!«, fauchte Allison bissig. Er wusste, wie töricht es war, einen Gefangenen in einer Kutsche zu befördern, von der jeder wusste, welchen Weg sie nahm. Es wäre ein Kinderspiel, sie einzuholen oder irgendwo aufzuhalten. Aber so, wie die Dinge lagen, blieb ihm wohl nichts anderes übrig.

»Ein besseres Angebot kann ich Ihnen leider riicht machen«, sagte Hamley bedauernd. »Ich selbst besitze keinen Gaul. Für meine wenigen Ausritte, die ich noch unternehme, leihe ich mir einen aus dem Mietstall.«

»Sollte kein Vorwurf sein«, erwiderte Allison versöhnlich. Er hatte sich wieder völlig in der Gewalt, und es wäre unsinnig, über Dinge, die nicht zu ändern waren, in Wut zu geraten. »Nur müssen Sie in diesem Fall die gespannte Atmosphäre bis morgen ertragen.«

Der Sheriff zuckte resignierend mit den Schultern. »Ich werde es überleben, denke ich, und ich wünsche Ihnen, dass Sie das gleiche von sich sagen können.«

»Danke«, sagte Allison knapp. Er wandte den Kopf, denn er sah in diesem Moment Angie Sheldon über die Straße auf das Sheriffs Office zukommeri. Sie hatte sich umgezogen und trug jetzt ein schlichtes, blassgrünes Sommerkleid. Ihr kastanienbraunes Haar, das sie im Nacken zusammengebunden hatte, glänzte in der hellen Mittagssonne. Ihr Schritt war resolut und sehr zielstrebig.

Allison presste die Lippen zusammen. Das sah verdammt so aus, als würde es wieder Ärger geben.

Angie Sheldon raffte etwas ihren Rock, als sie die beiden Stufen erklomm. Ihre Augen suchten durch die offene Tür hindurch den Marshal; eine Frau, die noch längst nicht aufgegeben hatte. In der Nähe der Tür, durch die sie hereinkam, blieb sie stehen und sah kalt an dem großen, hartgesichtigen Mann hoch, der heute in diese Stadt gekommen war und die große Stunde im Leben einer Frau auf so schmähliche wie brutale Art zerstört hatte.

»Ich möchte mit ihm reden«, sagte sie fordernd, fast gebieterisch. Nichts Beschämtes oder Geschlagenes war an ihr, nichts, das nur irgendwie darauf hindeutete, dass sie resignierte.

»Fünf Minuten«, willigte Allison ein; und seine harten Augen musterten sie dabei mit einer stummen, aber eindringlichen Warnung. Er sah, wie sie tief Luft holte und sich dann an Sheriff Hamley wandte.

»Weshalb lassen Sie das eigentlich zu, dass dieser Mann hierher kommt und sich benimmt, als wäre er...«

»Wollen Sie nun den Gefangenen sehen oder nicht?«, unterbrach Allison sie schroff.

»... und sich benimmt, als wäre er das Gesetz persönlich«, fuhr Angie Sheldon hartnäckig fort. »Nur Sie haben doch hier das Gesetz zu vertreten.«

»Weil dieser Mann leider im Recht ist«, erklärte Hamley ruhig. »Sie sollten sich damit abfinden, Angie. Es hat noch niemandem etwas eingebracht, sich gegen das Gesetz zu stellen, am wenigsten einer Frau.« Er machte eine hilflose Geste. »Ich kann ja verstehen, wie Ihnen zumute ist, aber...« .

»Nein, das können Sie nicht!«, fuhr die junge Frau ihm erregt über den Mund. »Sonst würden Sie nicht so dastehen und...«

»Eine Minute ist schon um«, erinnerte Allison mit unnachgiebiger Strenge.

Ihr wilder Blick traf den großen Marshal, und ihr Busen hob sich unter einem tiefen, bebenden Atemzug, aber sie sagte nichts mehr.

Dafür sagte Joel Crooker von seiner Zelle her: »Warum schmeißt du den verdammten Kerl nicht einfach raus, Hamley!«

»Weil du in Globe einen Mann erschossen hast, mein Junge«, erwiderte der Sheriff bestimmt.

»Der Kerl lügt doch!«, schnauzte Crooker und packte mit beiden Fäusten die Gitterstäbe vor sich. »Verdammt, wieso glaubt ihm eigentlich jeder? Nur weil er einen Blechstern trägt?«

Hamley schwieg, und Allison sah, wie der Sheriff unsicher wurde.

»Sie können nach Globe telegrafieren, wenn das Ihr Gewissen beruhigt«, bot er ihm ruhig an. Crooker sagte nichts mehr. Er wusste, dass er so nicht weiterkam. Hamley schaute einen Moment zu ihm hin und murmelte dann: »Schon gut, Allison.«

»Wir möchten allein sein«, sagte Crooker bissig.

Allison sah Angie fragend an.

»Ja, er hat recht. Schließlich wollten wir heute heiraten und wären längst Mann und Frau, wenn ...«

»Sparen Sie sich die Details.« Allison zog sie am Arm herum und zwang sie mit einer schnellen, entschlossenen Bewegung, sich an der Wand abzustützen. Flink tasteten seine Hände ihre Seiten, den Rücken und den lose fallenden Rock ab.

»Fass sie nicht an, du Schwein, oder ich bringe dich um!«, fauchte Crooker und rüttelte an dem Gitter.

Allison beachtete ihn nicht und sagte warnend zu Angie Sheldon: »Wenn Sie irgendwelche Dummheiten versuchen, schaden Sie ihm damit nur... und sich selbst.«

Sie drehte sich um, als er fertig war, und fragte voll Verachtung: »Sind Sie jetzt;zufrieden, Marshal?«

Allison antwortete nicht und folgte dem Sheriff nach draußen, wo der junge Hank Bancroft ihn mit einem bösen Blick empfing.

»Solche rüden Manieren sind wir hier nicht gewöhnt. Bei uns werden Frauen anständig behandelt.«

Allison sagte nichts. Er blieb so stehen, dass er die Frau und den Mann in der Zelle im Auge behalten konnte, die leise und schnell miteinander sprachen.

Bancroft wollte demonstrativ die Tür schließen.

»Lass das, Junge!«, hielt Allison ihn mit schneidender Stimme zurück.

»Sie haben ein Recht darauf, einen Moment allein zu sein«, sagte Bancroft laut und mit einer Erregung, für die es keine rechte Erklärung gab. »Sie haben sich doch überzeugt, dass sie kein Schießeisen unter dem Rock hat. Also was wollen Sie noch?«

»Ich erledige meinen Job auf meine Weise«, sagte Allison mit eisiger Ruhe, »und es wäre gut für dich, wenn du dich da raushieltest, Junge!«

»Sie können mich ja auch noch einsperren.« Bancroft stellte sich aufsässig vor die Tür:

»Ich werde es tun, wenn du nicht vernünftig bist, Hank, und dich weiterhin aufführst wie ein kleiner Junge, der seinen Willen nicht bekommt«, mischte Hamley sich ein. »Und jetzt mach, dass du dort von der Tür wegkommst!«

Der Junge zog beleidigt ab, und Hamley wandte sich an Allison: »Es wäre gut, wenn Sie sich so weit wie möglich zurückhielten, Marshal. Ich bleibe nämlich hier, wenn Sie verschwinden, und ich möchte nicht mehr Ärger haben als notwendig ist.«


*


»Komm näher heran, damit sie uns nicht hören können«, sagte Joel Crooker leise und drückte seine Schläfen zwischen die eisernen Stäbe. »Du musst mir helfen, Angie!«

»Darauf kannst du dich verlassen«, nickte sie bestimmt. »Bis nach Arizona ist es ein weiter Weg, da werde ich schon...«

»Nein.« Seine drängende Stimme schnitt ihr das Wort ab. »Allein schaffst du das nicht. Hör zu! In Cimarron halten sich meine drei Brüder auf. Amos ist der älteste. Schicke gleich nachher ein Telegramm an ihn und berichte, was hier passiert ist und dass der Marshal mich morgen Mittag mit der Postkutsche nach Albuquerque von hier wegbringt.«

Angie Sheldon nickte; ihr Gesicht war angespannt vor Aufmerksamkeit. »Amos Crooker in Cimarron«, wiederholte sie leise.

»Sie werden dann schon wissen; was zu tun ist«, flüsterte Crooker. »Sie werden diesen verdammten Sternträger in die Hölle schicken.«

Angie griff durch das Gitter und fuhr ihrem Bräutigam über das braune Haar. »Hast du wirklich diesen Mann erschossen, von dem der Sheriff sprach?«

»Lass uns doch jetzt nicht davon reden, in den wenigen Augenblicken, die uns noch bleiben.«

Sein, unwilliges Ausweichen schien Angie zu beunruhigen, und sie ließ deshalb nicht locker.

»Hattest du Streit mit ihm?«

»Ja, verdammt noch mal!« Er zog ihre Hand von seinem Kopf und hielt sie fest. »Und es war ein guter Freund des Marshals«, log er. »Und deshalb habe ich nicht die geringste Chance mehr, wenn dieser Mistkerl mich erst ans Ziel gebracht hat.«

Er sah ihrem Gesicht an, dass sie seine Lüge geschluckt hatte, und das befriedigte ihn. Er brauchte sie und ihre Loyalität jetzt. Sie war die einzige, die seine Brüder benachrichtigen konnte. Irgendwann würde sie zwar die.Wahrheit erfahren, aber bis dahin, so hoffte er, würde er längst wieder frei sein.

»Die Zeit ist um«, mahnte Allison von der Tür her. Angie löste ihre Hand aus der von Crooker.

»Du kannst dich auf mich verlassen«, versprach sie leise, aber bestimmt.

Als sie sich umdrehte, begegnete sie dem argwöhnischen und leicht spöttischen Blick des Marshals. Dieser Mann würde keine Gnade kennen, das war ihr von. Anfang an klar; aber er irrte sich, wenn er glaubte, ein leichtes Spiel zu haben. Insgeheim hatte sie plötzlich den drängenden Wunsch, diesen stolzen, unnachgiebigen Mann, der ihr Glück zerstören wollte, zu demütigen. Und wenn es sein musste, war sie sogar bereit, ihn zu töten. Jeder Mensch musste das Recht haben, um das, was er liebte, zu kämpfen.

»Was er Ihnen auch für Flausen in den Kopf gesetzt haben mag, vergessen Sie sie«, sagte Allison, als sie an ihm vorbeiging, »Sie werden es nicht schaffen.«

Ohne etwas darauf zu erwidern, ging sie hinaus und die beiden Stufen hinab. Auf der anderen Straßenseite wartete der junge Bancroft auf sie. Er nahm ergeben den Hut ab und verbog die Krempe mit den Händen.

»Miss Angie«, sagte er, und sie blieb stehen. In seinen Zügen spiegelte sich Verlegenheit wieder, aber seine Augen drohten ihr Gesicht beinahe zu verschlingen. »Kann ich irgend etwas für Sie tun, Miss Angie?«

Sie zögerte einen winzigen Augenblick.

»Ich glaube nicht.«

»Sie wissen, dass ich alles für Sie tun würde, Miss Angie, und ich habe keine Angst vor diesem Marshal.«

»Ich weiß«, nickte sie und schenkte ihm einen freundlichen Blick.

Es wäre ihr ein leichtes gewesen, ihn auf den Marshal zu hetzen. Aber sie brauchte ihn nur anzusehen, um zu wissen, dass er nicht die Spur einer Chance gegen diesen Mann hatte. Sie würde den Jungen in den Tod treiben und nicht das geringste damit bewirken. Deshalb sagte, sie: »Danke, Hank, ich komme schon allein zurecht. Aber es war nett, dass Sie an mich gedacht haben.«

Sie ging weiter zu ihrem Haus und verschwand darin. Hank Bancroft schaute ihr nach, bis sie verschwunden war, und er fühlte noch immer, wie das Herz in seiner Brust hämmerte.

Es war stets die gleiche Erregung in ihm, wenn er ihr begegnete. Und diesen Blick, den sie ihm geschenkt hatte, würde er lange nicht vergessen. Sie war ein feines Mädchen, und sie wollte ihn nicht mit ihren Sorgen belästigen; das verstand er. Aber er wollte es ihr und allen anderen schon zeigen, dass man sich auf ihn verlassen konnte, dass er nicht mehr der Jüngling war, für den sie ihn hielt, sondern ein Mann, den selbst dieser verdammte US Marshal aus Arizona ernst nehmen musste.


*


Jim Allison war wieder hineingegangen. Joel Crooker hockte auf der Pritsche hinter dein Gitterstäben, und sein Gesicht drückte zufriedene Selbstsicherheit aus. Die Unterredung mit seiner Bräut hatte ihn irgendwie verändert; er wirkte jetzt gelassener als vorher. Irgend etwas führten Crooker und seine Braut im Schilde.

»Na, Marshal«, grinste er, »ist wohl doch nicht so leicht, wie du dachtest, mich von hier wegzubringen.«

Allison schaute nach draußen und sah Angie Sheldon mit Bancroft sprechen.

»Was machst du denn, wenn für uns kein Platz mehr in der Kutsche ist?«, fragte Crooker hinter ihm hämisch.

»Darauf solltest du nicht hoffen«, antwortete Allison ungerührt, ohne sich umzudrehen. »Ist ’n verdammt langer Weg zu Fuß bis Globe.« Er sah Angie drüben in ihrem Haus verschwinden. Bancroft blickte kurz herüber und schlenderte dann die Straße entlang.

»Gib es doch auf, Marshal.« Die Pritsche knarrte leise, als Crooker sich auf ihr ausstreckte, die Hände unter seinen Kopf schob und zur Decke hinauf sah. »Du würdest dir ’ne Menge Ärger ersparen, und wenn du zurückkommst, könntest du sagen, du hättest mich nicht gefunden. Niemand würde dir das übel nehmen, und niemandem wäre geholfen, wenn du mich zurück brächtest.«

Allison beachtete weder Joel Crooker noch dessen Worte. Seine Aufmerksamkeit galt nach wie vor der Straße. Wenn es Schwierigkeiten geben würde, dann konnten sie im Moment nur von dort kommen.

Es dauerte nicht lange, und Angie Sheldon kam wieder aus ihrem Haus. Sie zog sofort Allisons Interesse auf sich. Er konnte nicht genau sagen, weshalb, aber irgendwie hatte er das Gefühl, auf sie achtgeben zu müssen.

Angie ging die Straße entlang in die Richtüng, in der sich auch der Mietstall befand.

Was hatte sie dort zu tun?

Sie war nicht für einen Ausritt gekleidet, und wenn sie für Crookers Flucht ein Pferd bereitstellen wollte, so hätte sie sicherlich bis zur Dunkelheit gewartet.

Allison trat auf die Veranda hinaus, um sie weiterhin im Auge behalten zu können.

Er sah, dass sie am Mietstall vorbeiging und geradewegs auf das Telegrafenbüro zusteuerte.

Das war es also! Sie wollte von irgendwo Hilfe herbeiholen. Vermutlich Crookers Komplizen bei jenem Banküberfall in Globe.

Der Marshal wartete, bis sie wieder herauskam, nach Hause ging und die Tür zum Steak House hinter sich schloss.

Dann wandte er sich an Sheriff Hamley. »Ich muss noch mal hinaus. Kann man im Saloon etwas essen?«

»Nicht so gut wie bei Angie Sheldon«, versetzte Hamley. »Aber dort werden Sie nicht hingehen wollen.«

»Lassen Sie niemand zu ihm während meiner Abwesenheit. Es dauert nicht lange.«

Allison trat auf die Straße und wandte sich nach rechts. Er ging langsam und ohne Hast und kümmerte sich keinen Deut um die neugierigen und unfreundlichen Blicke, die ihm folgten. Er betrat das Telegrafenbüro und stützte die Hände auf den Tresen. Der Mann mit den dunkelgrünen Ärmelschonern blickte zu ihm auf, und seine Miene verschloss sich, als er den fremden Marshal erkannte.

»Soeben war eine junge Lady hier«, sagte Allison, »und ich vermute, sie hat an irgend jemand eine Nachricht geschickt. Ich möchte den Wortlaut und den Empfänger wissen.«

Ablehnung war in den Augen des Mannes auf der anderen Seite des Tresens..»Das darf ich nicht, Mister. Sie vertreten hier in der Stadt kein Gesetz, wenn Ich richtig informiert bin.«

»Sie sind richtig informiert«, sagte Allison kühl. »Und weil das so ist, habe ich es auch nicht nötig, mich an gewisse Vorschriften zu halten.« Er beugte sich über den Tresen, packte den Mann mit beiden Händen an seinem Hemd und riss ihn nach vom. »Also sagen Sie mir schon, was ich wissen will.«

Der Mann lamentierte verzweifelt und fuchtelte mit den Händen auf dem Tisch herum. Die grünen Ärmelschoner wischten auf dem Holz hin und her und stießen gegen den Morseapparat.

In dem Moment fiel Allisons Blick auf den Papierkorb, den der Mann neben sich stehen hatte. Er ließ ihn los und kam um den Tisch herum. Der Kopf des Mannes schnellte hoch, und seine ängstlichen Blicke folgten jeder von Allisons Bewegungen.

Der Marshal bückte sich und fischte ein zusammengeknülltes Papier aus der Holzkiste, die die Funktion eines Papierkorbes übernommen hatte - es war das einzige Stück, das sich darin befand - und glättete es mit den Händen.

Flüchtig zu Papier gebrachte Wörter in unverkennbar weiblicher Handschrift.

»Ist das die Nachricht, die Sie für die Lady durchgegeben haben?«

Der. Angesprochene schwieg trotzig mit dem Mut der Verzweiflung, aber es war auch gar nicht nötig, dass er etwas sagte. Diese Nachricht war an einen Amos Crooker in Cimarron gerichtet, und nachdem Allison sie gelesen hatte, warf er den Zettel in die Kiste zurück.

»Danke für die Auskunft«, sagte er lakonisch und war schon wieder bei der Tür. Der Mann, der im Telegrafenbüro zurückblieb, schickte ihm einen Fluch nach.

Allison kümmerte sich nicht darum. Er hatte also mit seiner Ahnung recht gehabt. Das Mädchen hatte offensichtlich die Familie seines Gefangenen von der Situation hier in Kenntnis gesetzt. Verdammt, das konnte Ärger geben, aber es würde nichts daran ändern, dass er Joel Crooker nach Globe brachte. Notfalls würde er sein Vorhaben mit der Waffe erzwingen, selbst wenn er dabei jemand erschießen musste. Aber es kam ihm nicht ein einziges Mal der Gedanke aufzugeben. Entweder er kam mit seinem Gefangenen in Globe an oder gar nicht.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910773
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
texas mustang fremde stern

Autor

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Titel: TEXAS MUSTANG #15: Der Fremde mit dem Stern