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Jack Raymond - Die Bestie: Kriminalroman

2017 120 Seiten

Leseprobe

Die Bestie

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Rod Vandermoore bleckte grimmig die Zähne. Drei Cops.

Und alle bis auf die Zähne bewaffnet... Das war selbst für einen Mann etwas viel, den man 'Die Bestie' nannte und der wegen fünfundzwanzigfachen Auftragsmordes seinem Prozeß entgegensah.

Vandermoore saß angekettet im hinteren Bereich des Gefangenentransporters. Die Hände waren mit Handschellen gefesselt, an den Fußgelenken trug er ebenfalls Ketten.

Zwei Uniformierte saßen auf der Bank gegenüber, einer neben ihm. Er sollte in das Staatsgefängnis von Newark verlegt werden.

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Vandermoore ein Straßenschild mit der Aufschrift WEST NEW YORK/ UNION CITY.

"War doch ganz nett auf Riker's Island", flachste Vandermoore.

"Ich verstehe gar nicht, wieso ich nicht dort auf meinen Prozess warten kann!"

Der Transporter fuhr eine scharfe Rechtskurve.

Die Straße war übersät mit Schlaglöchern. Die Stoßdämpfer des Transporters wurden auf eine harte Probe gestellt. Der Wagen fuhr an Industrieruinen vorbei, die sich in dieser Gegend meilenweit erstreckten. Verfallene Schlote, baufällige Fabrikhallen und ein wilder Autofriedhof.

Vandermoore spürte das Rumpeln und Stoßen, mit dem der Wagen über die Schlaglöcher fuhr.

Das war doch nicht der Weg nach Newark! Wo brachten diese Kerle ihn hin?

Sein Instinkt für Gefahr meldete sich. Er atmete tief durch.

Der Transporter erreichte den Autofriedhof.

Hunderte von Fahrzeugen rosteten hier vor sich hin. Die Besitzer hatten sie einfach abgestellt, alles was noch irgendwie brauchbar an ihnen gewesen war, ausgeschlachtet und den Rest sich selbst überlassen.

"Fahr irgendwo hin, wo man uns von der Straße aus nicht sieht, Birdy!", sagte der Mann auf dem Beifahrersitz zum Fahrer.

Der lachte heiser. "Hier fährt sowieso niemand her, der bei Trost ist!"

"Trotzdem. Ich will, dass die Sache ordentlich zu Ende gebracht wird..."

Vandermoore, der im Gefangenenraum des Transporters saß, begriff, dass hier eine verdammte Sauerei ablief.

Der Kerl, der ihm direkt gegenübersaß, hatte eine MPi in den Händen und verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. Sein Sitznachbar tat dasselbe, nur etwas zeitverzögert. Ein Goldzahn blitzte dabei auf.

"Was ist hier los?", zischte Vandermoore.

Das Gesicht des Killers war kreideweiß geworden.

Der Kerl mit der MPi verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. Sein Sitznachbar tat dasselbe, nur etwas zeitverzögert. Ein Goldzahn blitzte dabei auf.

"Wart's doch einfach ab!", antwortete der MPi-Mann.

Der Wagen kam mit einem Ruck zum Stehen.

Vandermoore zog mit Daumen und Zeigefinger der Rechten heimlich ein nagellanges Drahtstück hinter seiner Armbanduhr hervor. Es war nicht das erste Mal, dass er mit so einem Hilfsmittel ein paar Handschellen öffnete.

"Ihr seid keine Cops, was?" sagte er. "Wer schickt euch?

Irgendjemand von denen, die Angst haben, dass ich ihre Namen im Prozess erwähnen könnte?" Vandermoore lachte heiser. "Hab ich's mir doch gedacht."

Der Kerl mit dem Goldzahn stieß die Hecktüren des des Transporters auf.

"Erraten, 'Bestie'!", grinste der Mann mit der MPi.

"Wer hat euch geschickt?", knurrte Vandermoore.

"Denk nach! Vielleicht kommst du in den letzten Sekunden, die dir bleiben, noch selbst drauf..."

Die Mündung der Heckler & Koch-MPi zeigte jetzt direkt auf Vandermoores Kopf, während sich gleichzeitig der dritte

'Cop' an seinen Fußfesseln zu schaffen machte und sie ihm abnahm.

"Los, raus jetzt mit ihm!", sagte der Mann mit dem Goldzahn. Vandermoore stand auf, drehte sich zur offenen Hecktür um. Er erhielt einen brutalen Stoß in den Rücken und stolperte aus dem Wagen. Bäuchlings fiel er hart zu Boden.

Zwei der Uniformierten packten ihn an den Oberarmen und zerrten ihn wieder auf die Beine.

"Wir haben keine Lust, dich zu tragen, 'Bestie'!", grinste einer der Kerle. "Ist nicht im Preis inbegriffen."

Die anderen Uniformierten lachten.

"Am besten wir packen ihn in eines dieser Autowracks!", meinte ein anderer. "Da findet ihn in hundert Jahren niemand!"

"Bringen wir's hinter uns!", sagte der Kerl mit der MPi, Sie bildeten einen Halbkreis um Vandermoore.

"Nimm's nicht persönlich, 'Bestie'. Du kennst das doch.

Es ist nur ein Job. Mehr nicht. Außerdem würdest du wohl sowieso die Giftspritze kriegen, bei dem, was du auf dem Kerbholz hast. Für einige Leute macht es aber einen kleinen Unterschied, ob du vorher noch in aller Öffentlichkeit das Maul aufreißen kannst oder nicht."

Vandermoore hatte es inzwischen geschafft, die Hände zu befreien. Seine Rechte zuckte mit unglaublicher Geschwindigkeit vor. Ein fassungsloser Ausdruck gefror im Gesicht des falschen Cops, als Vandermoore ihn mit einem mörderischen Handkantenschlag am Hals traf.

Der Uniformierte verdrehte die Augen und schwankte.

Vandermoore zog ihn zu sich heran, benutzte ihn als Deckung und riss ihm dabei die SIG Sauer P226 aus dem offenen Holster -

die Standardwaffe aller New Yorker Polizeieinheiten.

Vandermoore ließ sich zusammen mit dem Toten seitwärts fallen, während die MPi losratterte. Mehrere Dutzend Geschosse knatterten dicht über ihn hinweg und perforierten die Seitenfront eines halb verrosteten Lieferwagens.

Auf dem Boden rollte Vandermoore sich ab, riss die Waffe in seiner Faust empor und gab dann einen einzigen gezielten Schuss ab. Er traf den Kerl mit der MPi mitten in der Stirn. Vandermoore wirbelte herum, drehte den Lauf der SIG

ein paar Grad und feuerte noch einmal. Er erwischte den Kerl mit dem Goldzahn am Oberkörper, noch ehe dieser seine eigene Waffe ganz herausreißen konnte. Ein ächzender Laut kam über die Lippen des Getroffenen, während er zusammenklappte wie ein rostiges Taschenmesser. Vandermoore warf sich zur Seite, während links und rechts von ihm Projektile in den staubigen Boden schlugen. Er hechtete hinter einen Ford, der irgendwann einmal blau lackiert gewesen war.

Noch zwei Gegner waren übrig und er hatte noch 14 Patronen im Magazin, eine im Lauf. Im Gegensatz zu den falschen Cops besaß er keine Reservemunition und konnte sich daher nicht auf langwierige Schießereien einlassen.

Aber als Profi-Killer der Sonderklasse war er es gewöhnt, präzise zu arbeiten. Mit einem Minimum an Aufwand.

Er nahm die SIG mit beiden Händen und tauchte vorsichtig hinter dem Schrottwagen hervor. Ein Hagel von Geschossen empfing ihn. Vandermoore zuckte wieder zurück.

Hinter einem Chevrolet hatte er eine huschende Bewegung registriert. Einer der falschen Cops hatte offenbar einen Bogen geschlagen, um Vandermoore von der anderen Seite zu erwischen.

Der Uniformierte feuerte seine Pistole zweimal kurz hintereinander ab. Vandermoore warf sich in derselben Sekunde zur Seite. Die Geschosse schlugen Löcher, so groß wie eine Daumenkuppen, in das rostige Blech des Wagens hinter ihm.

Vandermoore riss seine Waffe hoch und feuerte. Der erste Schuss traf den falschen Cop im Oberschenkel, der zweite durchschlug seinen Hals.

Im nächsten Moment hörte Vandermoore, wie der Motor des Gefangenentransporters gestartet wurde. Mit durchdrehenden Reifen brauste der Wagen davon.

Vandermoore schnellte hoch, versuchte mit einem Schuß die Reifen zu erwischen und ließ dann die Waffe sinken.

Feigling!, dachte er.

2

Um ein Haar hätte ich mich an Helens vorzüglichem Kaffee verschluckt, als ich an diesem Morgen in Mr. Leighs Büro saß und an einer eiligst einberufenen Besprechung teilnahm.

Was Mr. Leigh, der Chef des FBI-Districts New York im Rang eines Special Agent in Charge, uns G-men mitzuteilen hatte, verschlug uns allen die Sprache.

Rod Vandermoore - in der Boulevardpresse und in der Unterwelt auch als 'Die Bestie' bekannt - war von der Gefängnisinsel Riker's Island entkommen.

Erst vor gut drei Monaten war dieser Mann, bei dem es sich um einen der gefährlichsten Lohnkiller in der Geschichte des organisierten Verbrechens handelte, ins Netz des FBI gegangen. Mein Partner Lew Tucker und ich hatten daran nur mittelbaren Anteil. Unser Kollege Special Agent Fred Raska hatte bei der Verhaftung die Einsatzleitung gehabt. Ein Tipp aus Gangster-Kreisen hatte dafür gesorgt, dass Vandermoore auf der New Yorker Gefängnisinsel Riker's Island gelandet war.

Eine ganze Abteilung des District Attorneys arbeitete inzwischen an der Anklageschrift.

Ich tauschte einen kurzen Blick mit Lew. Er war ebenso erstaunt wie ich. Als ich ihn vor einer halben Stunde an unserer bekannten Ecke abgeholt hatte, war von Vandermoores Ausbruch noch nichts in den Radionachrichten gewesen. Aber vielleicht wurden die Informationen auch aus fahndungstaktischen Gründen noch zurück gehalten. Länger als ein paar Stunden würde das aber aller Erfahrung nach nicht klappen. Irgendwo gab es immer eine undichte Stelle.

Außer Lew und mir waren noch ein halbes Dutzend weiterer G-men im Raum, darunter auch Fred Raska.

"Wie konnte das nur passieren?", fragte Fred. "Ich dachte, ein Ausbruch von Riker'S Island sei so gut wie unmöglich!"

Mr. Leigh zuckte die Schultern.

Sein Gesicht wirkte sehr ernst.

"Wie man sieht geht es doch", sagte er.

"Allerdings wohl nicht ohne fremde Hilfe. Ein Computer-Dossier liegt noch nicht vor, aber die Einzelheiten sehen zusammengefasst so aus: Ein Kommando von angeblichen Beamten der State Police wird auf Riker's Island vorstellig, um Vandermoore ins Staatsgefängnis von Newark zu verlegen. Sie legen die richtigen Papiere vor, es kommt die telefonische Bestätigung aus Newark und von der hiesigen Justiz..."

"Das heißt, die konnten völlig unbehelligt mit ihm davonfahren!", stieß unser indianischer Kollege Delladonna hervor.

Mr. Leigh nickte. "Das ist leider der Fall. Dieser Coup ist perfekt eingefädelt worden. Die Täter müssen über Verbindungen verfügen, die es ihnen erlaubt haben, die fingierten Nachrichten abzusenden. Möglicherweise hatten sie Unterstützung von Hackern, um sich in die entsprechenden Datensysteme einzuloggen. Und der Zeitpunkt war auch geschickt gewählt."

"In wie fern?", hakte Lew Tucker nach.

"Weil es seit einigen Wochen ein juristisches Hin und Her um eine mögliche Verlegung gab, über das auch die Medien hinreichend berichtet haben.

Es dürfte so ziemlich jeder New Yorker davon erfahren haben. So schöpfte auch bei den Verantwortlichen auf Riker's Island niemand Verdacht, als es dann tatsächlich zu einer Verlegung des Gefangenen kam."

"Jetzt werden einige Gangster-Größen bestimmt erleichtert aufatmen", war Cleve Caravaggio überzeugt. Der flachsblonde Italo-Amerikaner stellte den Kaffeebecher auf den Tisch und beugte sich etwas vor. "Als erstes würde mir da zum Beispiel der Batistuta-Clan einfallen..."

"Das sind nicht die Einzigen, die froh sind, dass Vandermoore jetzt wohl kaum noch einen Deal mit dem District Attorney schließen und auspacken wird", erklärte unser Chef.

"Es gibt da wirklich genug Adressen für Sie alle und ich kann Ihnen die mühsame Aufgabe leider nicht ersparen, sie der Reihe nach abzuklappern."

Ich sah, dass Lew die Augen verdrehte. Das war genau die Art von Sisiphos-Arbeit, nach der wir uns alle sehnten.

"Die Chancen stehen schlecht, Vandermoore wieder einzufangen", war Fred Raska überzeugt. "So viel Glück wie beim letzten Mal werden wir kaum noch einmal haben..."

Mr. Leigh sah Fred an. "Dieser anonyme Informant, der Ihnen vor drei Monaten den entscheidenden Tipp gegeben hat..."

"...ist leider immer noch so anonym wie ein Schweizer Nummernkonto", sagte Fred. "Aber möglicherweise bekommt der Kerl jetzt kalte Füße. Schließlich könnte Vandermoore wissen, wer für seine Verhaftung verantwortlich ist."

"Dann wird er sich an dem Verräter sicher rächen wollen", sagte ich.

"Eben."

In diesem Moment meldete Helen, die Sekretärin unseres Chefs, über die Gegensprechanlage: "Sir, die Mitarbeiter des District Attorney warten hier!"

"Gut, Helen. Sie möchten hereinkommen!" Mr. Leigh wandte sich wieder uns zu. "Die Staatsanwaltschaft wird Sie jetzt gleich auf den letzten Stand ihrer Prozessvorbereitungen bringen. Vielleicht ergeben sich daraus ein paar Anhaltspunkte, wo wir bei der Fahndung nach Vandermoore am Sinnvollsten ansetzen können!"

Die Staatsanwaltschaft erschien in Gestalt eines grauhaarigen, blassen Mannes mit kantigem Gesicht und einer jungen Frau im adretten Kostüm und seriös wirkender Steckfrisur. Unter dem biederen Kostüm zeichneten sich allerdings deutlich prächtige Kurven ab, die geeignet waren, die männliche Hälfte jeder Geschworenen-Jury völlig aus dem Häuschen zu bringen.

Sie hieß Gail Lebrocki und hatte durch ihre akribische Arbeitsweise von sich reden gemacht. Der Grauhaarige war der Staatsanwalt persönlich. Jay Garrison würde bei den kommenden Wahlen ganz sicher nicht wieder antreten, sondern sich in den Ruhestand zurückziehen. Ziemlich offen favorisierte er Gail Lebrocki als seine Nachfolgerin. Der Ausbruch eines Verbrechers wie Vandermoore konnte die Stimmung natürlich gegen diese Pläne kippen lassen, auch wenn keiner der beiden etwas dafür konnte.

Entsprechend nervös waren die beiden.

"Vor einem halben Jahr wurde Victor Minchew, der Boss der ukrainer Müll-Mafia in Brooklyn ermordet", erinnerte uns Gail Lebrocki. "Dank der Arbeit Ihres Special Case Field Offices, Mr.

Leigh, hatten wir in dem Fall die besten Aussichten, Vandermoore die Tat nachzuweisen und ein Todesurteil zu erwirken."

"Und der mutmaßliche Auftraggeber war der Batistuta-Clan aus Little Italy", ergänzte Fred Raska.

Gail Lebrocki nickte ihm zu. "Die direkte Konkurrenz der Ukrainer - Sie sagen es!"

Und Jay Garrison sagte: "Auf Initiative von Miss Lebrocki haben wir Rod Vandermoore einen Deal vorgeschlagen. Die Giftspritze wäre ihm erspart geblieben, wenn er uns endlich etwas gegen John Batistuta in die Hand gegeben hätte. Der tanzt uns schon seit Jahren auf der Nase herum. Irgendwann wird er es schaffen, sein illegal erworbenes Vermögen in legale Geschäfte zu transferieren. Dann kommt niemand mehr an ihn heran."

"Wie war Vandermoores Reaktion auf das Angebot?", fragte ich.

Garrison zuckte die Achseln. "Sein Anwalt bat für ihn um Bedenkzeit."

"Wenn er dem Deal nicht sofort zustimmte, scheint ihm sein Leben nicht besonders wichtig zu sein!", warf 'Orry'

Delladonna ein.

"Um ehrlich zu sein: Ich habe mich auch gewundert", nickte Jay Garrison. "Jedenfalls wird Mr. Batistuta jetzt wieder besser schlafen können, nehme ich an. Und er ist nicht der einzige, für den das gilt. Wir haben Ihnen eine Namensliste mit Personen zusammengestellt, die an einer Befreiung Vandermoores interessiert sein müssen."

Er reichte uns die Liste.

Wir würden uns diese Ganoven alle vornehmen müssen.

3

Zwei Stunden später fuhr ich meinen Jaguar in der Centre Street kurz vor der Cleveland Plaza an den Straßenrand. Lew und ich stiegen aus. Ich blickte in die Richtung aus der wir gekommen waren. John Batistuta kontrollierte das ganze Gebiet bis zur Hester Street. Es gab keinen Coffee Shop, keinen Friseurladen und keine Pizzeria, an der er nicht wenigstens beteiligt war. Die meisten Läden befanden sich ganz in seinem Besitz. Aber das war nur die Oberfläche von Batistutas Geschäften. Sein Geld machte er in anderen Bereichen. Vor allem mit illegaler Giftmüllentsorgung. Das pfiffen mittlerweile die Spatzen von den Dächern, auch wenn es noch kein Staatsanwalt geschafft hatte, diese Pfiffe in eine wirksame Anklageschrift zu übertragen.

Wir hatten die unangenehme Aufgabe, uns mit Batistuta zu unterhalten. Niemand hatte sich darum besonders gerissen.

Batistuta pflegte kein Wort ohne Gegenwart kampflustiger Anwälte zu äußern und schon so mancher Cop war aus einem Treffen mit ihm selbst als Angeklagter wegen Hausfriedensbruch, Verleumdung oder anderer Kleinigkeiten hervorgegangen. Haltlose Anschuldigungen, aber Batistuta ging nach der Devise, dass immer etwas hängenbleibt, wenn man mit genug Dreck nach jemandem wirft.

Fred Raska und unser Kollege Sid Caddox von der Fahndungsabteilung versuchten unterdessen doch noch etwas über den geheimnisvollen Informanten herauszubekommen, der Vandermoore ans Messer geliefert hatte. Und die anderen Kollegen klapperten den Rest der Namensliste ab, die die Staatsanwaltschaft uns überlassen hatte. Selbstverständlich wurden auch alle sonstigen Fahndungsinstrumente eingesetzt, zum Beispiel die Kontrolle von Flughäfen und dergleichen. Aber es war kaum anzunehmen, dass Rod Vandermoore so dumm war, sich in diesem Netz für gewöhnliche Kriminelle zu verfangen. Vandermoore war eine Klasse für sich.

Lew und ich standen vor einem mindestens zehnstöckigen Brownstone-Komplex. Das war Batistutas Residenz.

Verglichen mit den wirklich großen Wolkenkratzern des Big Apple war dieses Haus natürlich winzig. Als Domizil eines einzelnen Mannes allerdings recht beachtlich.

An der Tür aus Panzerglas zeigten wir den finster dreinblickenden Wächtern unsere Ausweise. Die Männer trugen dunkle Anzüge.

Die Jacketts wurden von ihren Waffen ausgebeult.

"Warten Sie!", wies uns einer der Männer an und griff zum Walkie-talkie. Anschließend erklärte er uns, dass Mr.

Batistuta nicht die Absicht habe, mit uns zu sprechen.

"Wir können ihn auch offiziell vorführen lassen", stellte Lew klar. "Ich weiß nicht, ob es Ihrem Boss recht ist, wenn er auf diese Weise in die Schlagzeilen kommt."

Der Bodyguard grinste. In der oberen Zahnreihe glänzte ein viel zu weißes Inlay.

"Du kannst jederzeit einen Termin mit Mr. Batistutas Anwalt bekommen, G-man. Rex Tardelli. Er hat sein Büro einen Block weiter Richtung Cleveland Plaza!"

"Richte deinem Boss aus, dass wir mit ihm jetzt und hier sprechen wollen - und zwar über Rod Vandermoore!"

"Hast du schlechte Ohren, G-man?", zischte der Bodyguard meinem Partner ins Gesicht. "Mein Boss ist an einem Gespräch nicht interessiert!"

Ich trat einen Schritt an ihn heran. "Dein Boss wird dir den Kopf abreißen, wenn du ihm das nicht ausrichtest!"

Der Bodyguard war einen Augenblick lang verunsichert. Er wechselte einen ratlosen Blick mit seinen Kollegen, dann griff er nochmal zum Walkie-talkie - und zwei Minuten später trug uns ein Aufzug in den obersten Stock.

Wir wurden in einen Raum geführt, der so mit kostbaren orientalischen Teppichen überladen war, dass man sich wie in einem türkischen Bazar vorkam.

Ein Springbrunnen plätscherte. Und auf einer Couch räkelte sich eine Blondine, deren prächtige Kurven das hautenge Kleid, das sie trug, beinahe zu sprengen drohten.

Der Bodyguard, der uns bis hierher begleitet hatte, postierte sich an der Tür. Die junge Frau erhob sich, als sie uns sah.

"Mit wem habe ich das Vergnügen?", hauchte sie.

"Special Agent Murray Deiser, FBI", stellte ich mich vor und deutete dann auf Lew. "Dies ist mein Kollege, Agent Lew Tucker. Wir hatten eigentlich erwartet, mit Mr.

Batistuta sprechen zu können."

"Es tut mir unendlich Leid, aber heute werden Sie mit mir Vorlieb nehmen müssen." In ihren Augen blitzte es. Sie näherte sich mit katzenhaften, geschmeidigen Bewegungen.

"Ich bin Mr. Batistutas Schwiegertochter Alana, und er vertraut mir in allen Dingen vollkommen."

Wir hatten davon gehört, dass der große John Batistuta einen Sohn namens Eric hatte, von dem er nicht sonderlich viel hielt. Niemand in Little Italy traute Eric zu, eines Tages die Familie führen zu können. Er galt als alkoholabhängig und spielsüchtig. Offenbar hatte das seiner Anziehungskraft auf Frauen aber keinen Abbruch getan.

"Hören Sie", sagte Lew, "wir sind nicht wegen irgendeiner Lapalie hier, sondern..."

"Wegen Rod Vandermoore!", unterbrach Alana ihn. Zwei Reihen makelloser Zähne blitzten auf. "Er soll von Riker's Island entkommen sein."

Ihrem Gesichtsausdruck nach genoss sie Lews Verblüffung.

"Ach, davon wissen Sie?", fragte ich erstaunt.

"Nun, wie soll ich mich da ausdrücken?" Sie begann am Revers meines Jacketts herumzunesteln und sah mich mit ihren himmelblauen Augen an. "Wissen Sie, einige gute Freunde unserer Familie sitzen auf Riker's Island. Und Neuigkeiten sprechen sich dort schnell herum. Dort - wie auch hier in Little Italy." Sie lachte. "New York ist in dieser Beziehung ein Dorf, G-man."

"Es besteht der Verdacht, dass Ihr Schwiegervater etwas mit Vandermoores Befreiung zu tun hat! Wo ist er jetzt?", fragte ich in sachlichem Tonfall.

"Er ist nicht hier!", antwortete Alana. "Mein Schwiegervater leidet unter Asthma. Er ist für ein paar Tage an die See gefahren."

"Long Island?"

"Nein, Kalifornien."

"Adresse?"

"Er besitzt eine Villa in Long Beach. Adresse und Telefonnummer schreibe ich Ihnen auf."

"Okay."

Ich blickte ihr fest in die Augen und hatte plötzlich den Eindruck, eine Spielerin vor mir zu haben. Sie spielte mit allem. Mit der Wahrheit genauso wie mit mir. Ich nahm mir vor, Alana nicht zu unterschätzen.

Lew reichte ihr einen Notizblock, den er bei sich trug.

"Außerdem brauchen wir den Namen Ihres Informanten auf Riker's Island."

"Es gibt keinen Informanten", behauptete sie. "Nur Gerüchte, die Bekannten von uns zu Ohren gekommen sind. Und dass diese Gerüchte stimmen, beweist Ihr Auftauchen hier, Murray!" Ihr Augenaufschlag war gekonnt. Sie atmete tief durch, wobei sich die straffen Brüste noch deutlicher unter dem Stoff ihres Kleides hervorhoben. "Sie wollen mir doch daraus keinen Strick drehen?"

"Den dreht sich jeder selbst", erwiderte ich.

In diesem Moment meldete sich mein Handy.

Es war Mr. Leigh, der mich anrief.

Auf einem wilden Schrottplatz waren vier Leichen in Uniformen der State Police gefunden worden.

Es sprach viel dafür, dass es sich dabei um jene Männer handelte, die Rod Vandermoore befreit hatten...

4

"Ob es klug war, diese G-men zu empfangen?"

Der große, dunkelhaarige Mann nippte an seinem Glas mit Kentucky-Bourbon. Er hatte Ringe unter den Augen und sah aus, als hätte er mehrere Nächte hintereinander durchgezecht.

Alana verschränkte die Arme unter den Brüsten.

"Welche Wahl hatte ich denn?", fauchte sie gereizt.

"Wir hätten es wissen müssen..."

"Was? Dass der FBI zuerst hier auftaucht, wenn Vandermoore sich vom Acker macht?"

"Ja, das auch."

Sie ging auf ihn zu, nahm ihm das Glas aus der Hand, leerte es in einem Zug. Dann sah sie ihn mit funkelnden Augen an. "Wir sitzen ganz schön in der Klemme, Eric. Aber wenn wir jetzt die Nerven behalten, dann..."

"Was dann?", grinste Eric Batistuta und legte beide Hände auf ihre geschwungene Hüfte.

"Lass das jetzt!", wies sie ihn zurecht. "Wir können froh sein, wenn wir aus dieser Sache mit heiler Haut herauskommen!"

Erics Grinsen ging über das ganze Gesicht. "Ich dachte, du liebst Spiele genauso wie ich, Baby!"

Ihr Blick wurde abschätzig. "Im Gegensatz zu dir stehe ich mehr auf die Art von Spielen, bei denen es auch eine reelle Gewinnchance gibt!"

Der Summton der hausinternen Sprechanlage unterbrach ihren Disput. Alana ging zum Apparat. "Ja?"

"Ein Anruf für Sie, Mrs. Batistuta", sagte eine sonore Männerstimme.

"Wer ist es?"

"Ein gewisser Rod Vandermoore. Auf welchen Apparat soll ich durchstellen?"

5

Der Ort des Gemetzels war ein wilder Schrottplatz inmitten einer Industriebrache, drüben auf der anderen Seite des Hudson im Staat New Jersey.

Unsere Kollegen Delladonna und Cleve Caravaggio waren schon dort, als wir ankamen. Außerdem unser Arzt Doc Reiser und unsere Erkennunsdienstler Agent Sam Steinberg und Agent Mell Forster.

Normalerweise ist an einem Tatort auch immer die Scientific Research Division anzutreffen, der zentrale Erkennungsdienstes aller New Yorker Polizei-Einheiten.

Daneben haben wir allerdings auch unseren eigenen Spezialisten, die in Fällen wie diesem zum Einsatz kommen..

New Jersey gehört zum Zuständigkeitsbereich des FBI Field Office New York, aber die Scientific Research Division und das NYPD haben hier, außerhalb der Grenze von New York State, normalerweise nichts zu suchen.

"Die vier starben durch Schussverletzungen", berichtete Doc Reiser. "Sehr präzise Treffer. Der Täter muss ein erstklassiger Schütze gewesen sein! Mehr kann ich im Moment nicht sagen. Du musst schon auf meinen Bericht warten, Murray."

"Trotzdem danke", sagte ich.

Ich beobachtete unseren Kollegen Agent Mell Forster dabei, wie er die Gesichter der Toten fotografierte. Wir würden die Bilder durch unsere Datenbanken jagen und auf Übereinstimmungen hin abfragen. Es musste schon mit dem Teufel zugehen, wenn dabei nichts zutage kam. Wer es schaffte, einen Gefangenen aus Riker's Island herauszubekommen, konnte kein blutiger Anfänger sein.

Ich sprach mit Agent Steinberg, der mich auf ein paar Spuren hinwies.

Auf dem Boden waren Abdrücke von Schuhsohlen zu sehen und der Abdruck einer Hand. Es war die linke Hand.

"Hier hat jemand Deckung gesucht", stellte Steinberg fest.

"Ich frage mich, weshalb Vandermoore seine Befreier umgebracht hat", murmelte ich

"Vielleicht haben die ihn nur befreit, um ihn endgültig zum Schweigen zu bringen.", überlegte Lew.

Ich nickte düster.

Wieder ein Punkt, der in Richtung jener Leute wies, die eine Heidenangst davor haben mussten, dass Rod Vandermoore den Mund aufmachte. Jemand hatte ihm vorher das Lebenslicht ausblasen wollen. Aber da hatte sich dieser Jemand gründlich verrechnet...

6

"Hier hast du dich also verkrochen, Birdy!", zischte eine unangenehm hohe Fistelstimme.

Birdy hatte sich gerade über einen der Billard-Tische von

'Jackson's Tavern' an der 74. Straße Ost gebeugt, als der hagere Mann mit dem knochigen Totengesicht auftauchte.

Birdy schluckte.

Einen Augenblick lang überlegte er, die Automatik unter dem weiten Hemd hervorzureißen, das er über der Hose trug.

"Tu nichts Unüberlegtes!", zischte das Totengesicht. Er trat näher. Seine rechte Faust steckte in der linken Jacketttasche. Der Lauf eines Revolvers drückte sich durch den Stoff.

"Was willst du von mir, Randy?", fragte Birdy. Er warf einen Blick zur Tür. Der überbreite Kleiderschrank, der sich dort mit verschränkten Armen aufgebaut hatte, musste zu dem Bleichgesicht gehören. Und ein schmächtiger Mittvierziger, der nun an die Bar trat und den Kellner verscheuchte, gehörte offenbar auch dazu.

Verdammt, dachte Birdy, ich bin ihnen in die Falle gegangen!

In Birdys Kopf rasten die Gedanken.

So wie er Randy und seine Meute kannte, hatte auch am Hinterausgang noch einer seiner Männer Posten bezogen.

"Hör mal, Randy, wir können uns bestimmt irgendwie einigen", sagte Birdy. Er wollte Zeit gewinnen.

Sein bleichgesichtiges Gegenüber strich sich mit einer fahrigen Geste der linken Hand über das dunkle, nach hinten gekämmte Haar. Randys Augen waren wässrig-blau. Und sie fixierten Birdy auf unangenehme Weise.

"Red' keinen Stuss, Birdy. Du weißt, was ich jetzt tun muss. Fällt mir nicht leicht, aber..."

Die letzten Gäste von 'Jackson's Tavern' verließen den Schankraum. Der Muskelmann, der sich an der Tür postiert hatte, winkte sie durch.

Randy trat nahe an Birdy heran. "Erzähl mir, was mit Vandermoore ist!"

"Keine Ahnung."

"Was soll das heißen, keine Ahnung?"

"Die Sache ist schief gegangen!"

"Was du nicht sagst!"

"Ich bin mit knapper Not entkommen. Der Mann ist ein Teufel!"

Randy schüttelte den Kopf. "Dein Pech, Birdy. Die anderen haben's ja wohl schon hinter sich."

"Wovon sprichst du?"

"Von der großen Überfahrt!", höhnte der Schmächtige an der Theke.

"Ihr wollt mich wirklich - umlegen? Das... das ist doch nicht euer Ernst!"

Randy zuckte die Achseln. "Du weißt einfach zu viel. Und außerdem - wie sieht das aus? Du hast einen Auftrag erhalten, ihn verpatzt und es nicht mal für nötig befunden, uns davon in Kenntnis zu setzen, geschweige denn dein Geld zurückzugeben."

"Das wollte ich ja!"

Blitzschnell hatte Randy die Waffe herausgerissen. Es war eine Automatik, Kaliber 45. Der Lauf war auf Birdys Oberkörper gerichtet.

"Du begleitest uns jetzt auf einer Spazierfahrt!", zischte er.

Birdy taumelte zurück, griff unter sein Hemd. Ein Akt der Verzweiflung.

Er riss seine Pistole hervor, eine Beretta. Aber er war nicht schnell genug. Randy drückte ab, traf Birdy in die Schulter.

Die Wucht des Treffers ließ Birdy nach hinten taumeln.

Er versuchte, sich an einem der Billard-Tische festzuhalten.

Der zweite Schuss traf Birdy in die Brust. Aufstöhnend ließ er die Beretta fallen, rutschte zu Boden und blieb reglos liegen.

"Los, weg hier!", knurrte der breitschultrige Kleiderschrank an der Tür.

7

Zusammen mit unseren Innendienst-Fahndern Walter Flint und Sid Caddox versuchten Lew und ich die Identität der Toten vom Schrottplatz herauszukriegen.

Die vermeintlichen Polizisten hatten außer einem Handy nichts bei sich gehabt, was ihre Identität hätte verraten können.

Der Führerschein, den der Fahrer in der Tasche gehabt hatte, war eine plumpe Fälschung. Die Kerle waren auf Nummer sicher gegangen.

Die Handy-Lizenz lautete auf den Namen Lawrence Johnson, geboren am 14. April 1969. Wir stellten fest, dass Johnson schon seit fünf Jahren auf dem St.Joseph's Cemetary lag, einem Friedhof in Hoboken. Unser Mann hatte die Identität eines Toten verwendet.

Seinen wahren Namen bekamen wir dann über den Abgleich der Bilddateien heraus.

Der Kerl mit dem Handy hatte Vince Dozinsky geheißen und war einschlägig vorbestraft gewesen. Es gab mehrere Verurteilungen wegen Körperverletzung und außerdem einen Freispruch aus Mangel an Beweisen in einem Mordprozess.

Die anderen waren von ähnlichem Kaliber.

Tom Magnus, Rick Celera und Partrick Ridley waren immer wieder mit der Justiz in Konflikt geraten. Magnus war sogar noch auf Bewährung draußen gewesen. Und Celera hatte Verbindung zu Randy Torturro gehabt, der als Mann fürs Grobe im Batistuta-Clan galt. Celera hatte als Rauschmeißer in Torturros Nachtclub NIGHT FEVER gearbeitet.

"Torturro ist eine Nuss, die schwer zu knacken sein wird", meinte Sid Caddox. "Der hat sich sich bislang immer schön im Hintergrund gehalten, damit er nicht in die Schusslinie gerät. Er stand zwar in zwei Mordfällen vor Gericht, allerdings nur als Mittäter und beide Male reichten die Indizien nicht für eine Verurteilung."

"Wenn man die Anwälte der Batistuta-Familie an seiner Seite hat, lässt sich wohl so manche Anklage überstehen", kommentierte Lew.

Sid Caddox blickte auf die Uhr. "Torturros Nachtclub müsste bald öffnen. Ihr könntet dem Kerl ja mal ein bisschen auf den Zahn fühlen."

Ich nickte. "Bringt wahrscheinlich mehr, als dieser aalglatten Schwiegertochter des großen John Batistuta noch einmal zuzusetzen."

"Fragt sich, wer da wem zusetzen würde!", stichelte Lew.

Ich sah ihn an. "Was soll das denn heißen, Alter?"

"Nur, dass ich deine Konzentrationsschwierigkeiten in Gegenwart dieser Spitzen-Lady sehr wohl bemerkt habe!"

"Ha, ha!" Ich wandte mich an Sid. "Ich möchte wissen, worum es in dem Mordprozess ging, in den dieser Vince Dozinsky verwickelt war."

"Kein Problem", meinte Sid und seine Finger klapperten in rasendem Tempo über die Computerttastatur.

Der Mordfall, in dem Dozinsky angeklagt gewesen war, lag schon ein paar Jahre zurück. Eine junge Börsenmaklerin namens Rose Pelham war in ihrem Appartment umgebracht worden. Den Akten nach ein Raubmord. Mitangeklagter war damals ein gewisser Robert 'Birdy' Reinaldo gewesen.

Beiden hatte die Tat letztlich nicht nachgewiesen werden können, obwohl es eine Reihe belastender Indizien gegeben hatte.

"Hatte dieser 'Birdy' Reinaldo vielleicht auch irgendeine Verbindung zu Torturro oder den Batistutas?", fragte ich.

Sid durchforstete das Datenmaterial. Der einzige Zusammenhang war, dass ein Anwaltsbüro damals Reinaldos Verteidigung übernommen hatte, das normalerweise für Torturro tätig war.

"Ich brauche die gegenwärtige Adresse von diesem

'Birdy'!", sagte ich.

Lew hob die Augenbrauen.

"Hast du eine Eingebung oder habe ich da irgend etwas nicht kapiert?"

"Robert 'Birdy' Reinaldo könnte der fünfte Mann sein, Lew."

"Der Überlebende."

"Ja."

Eine Viertelstunde später machten wir uns auf den Weg zu Birdys letzter Adresse in der Stanton Street, Lower East Side.

Ich saß am Steuer des roten Jaguars, den die Fahrbereitschaft des FBI mir zur Verfügung stellte. Lew hatte auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Es dauerte nur wenige Minuten und wir steckten mitten im dicksten Rush Hour-Verkehr, der die Fahrt um ein paar Häuserblocks zu einer halben Weltreise machen konnte.

"Vandermoore ist eine Mordmaschine", sagte Lew irgendwann in die Stille hinein. "Ein Mann, der ohne Bedenken jeden Mordauftrag ausführt." Er machte eine Pause und atmete tief durch. "Was würdest du an seiner Stelle tun, Murray?"

Ich zuckte die Achseln.

"So weit wie möglich flüchten!"

"Er sitzt in der Falle und kann das Land nicht verlassen."

"Wieso nicht?"

"Weil die Leute, die ihm dabei helfen müssten, versucht haben, ihn umzubringen!"

"Dann wird er sich an andere wenden."

Lew hob die Augenbrauen.

"Wenn wirklich die Batistutas hinter der Sache stecken, dann dürfte es kaum einen anderen geben, der es wagen würde, einen Mann zu schützen, der auf der Todesliste eines großen Bosses steht."

"Du meinst, dafür käme nur ein anderer großer Boss in Frage."

"So kann man es auch sehen."

Die Fahrt in die Lower East Side zog sich hin. Inzwischen erreichte uns ein Anruf aus dem Headquarter. Mr. Leigh war am Apparat. Die Kollegen in Kalifornien, wo ja auch mein geschätzter Neffe Will seinen Dienst beim FBI tat, hatten versucht, John Batistuta in seiner Villa aufzutreiben.

Vergeblich. In die Villa war eingebrochen worden und das offenbar schon vor einiger Zeit, wie die Spurensicherung ergab. Dass keiner der Nachbarn davon etwas bemerkt hatte, war nicht verwunderlich, da das Anwesen auf einem recht weiträumigen Gelände lag. Aber ich erfuhr, dass es eine Alarmanlage gab, von der die Täter offenbar sehr genau gewusst hatten, wie man sie ausschalten musste. Und von Batistutas Security-Leuten, die normalerweise den Besitz ihres Bosses kompromisslos schützten, war offenbar auch nichts zu sehen gewesen, als der Einbruch geschehen war.

"Wir werden der schönen Alana noch ein paar unangenehme Fragen stellen müssen", stellte Lew fest.

Aber zuerst stand dieser 'Birdy' auf unserer Liste. Mein Instinkt sagte mir, dass wir uns beeilen mussten, wenn wir Birdy noch in die Finger bekommen wollten. Wenn er der fünfte Mann war, dann musste er seinen Auftraggebern erklären, wieso er und seine Komplizen versagt hatten.

Gut möglich, dass die Auftraggeber Birdy nun als gefährlichen Mitwisser ansahen und auszuschalten versuchten.

Möglicherweise war Birdy daher inzwischen unterge-taucht.

Wir fuhren über die Delancey Street in die Lower East Side, bogen dann am Roosevelt Park ein, um schließlich die Stanton Street zu erreichen.

Das Mietshaus, in dem sich Birdys Adresse befand, war schon ziemlich renovierungsbedürftig. Ein Graffiti-Sprayer hatte sich mit seiner Signatur verewigt.

Birdys Wohnung lag im dritten Stock. Wir nahmen den Aufzug.

"Immerhin ist sein Namensschild noch an der Tür", kommentierte Lew, als wir vor der Wohnung standen.

"Das muss nichts heißen", erwiderte ich.

Die Klingel war defekt.

Ich klopfte.

"Mr. Reinaldo?", rief ich.

Keine Antwort.

"Scheint als wollte Birdy nicht mit uns reden", raunte Lew.

Ich versuchte es noch einmal.

"Mr. Robert Reinaldo? Hier ist der FBI! Machen Sie die Tür auf!"

Ein Geräusch war von der anderen Seite der Tür zu hören.

Lew und ich griffen in derselben Sekunde zu den Dienstwaffen, traten zur Seite.

Ein wummernder, ohrenbetäubender Laut ertönte.

Projektile schossen uns durch die Tür hindurch entgegen. Sie rissen faustgroße Löcher in das Holz und pfiffen dicht an uns vorbei.

Dann begann eine MPi zu knattern.

Ein Cluster von deutlich kleineren Löchern entstand.

Lew und ich befanden uns rechts und links der Tür. Wir duckten uns, um nicht von Querschlägern getroffen zu werden.

Die Kugeln ließen auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs den Putz von den Wänden rieseln. Handgroße Stücke wurden aus dem Mauerwerk herausgesprengt, kleinere Brocken schossen regelrecht durch die Luft.

Wir warteten die ungeheure Wut dieses Bleihagels einfach ab.

Es mussten zwei Gegner sein.

Mindestens.

Auf jeden Fall war aus zwei verschiedenen Waffen geschossen worden, mit unterschiedlichem Kaliber.

Sie mussten verdammt nervös gewesen sein.

Anders war diese Kurzschlussreaktion nicht erklärbar.

Der Geschosshagel verebbte. Aus der Wohnung drang das Geräusch von Schritten. Etwas wurde umgestoßen, kam scheppernd auf den Boden.

"Gib mir Feuerschutz!", rief ich Lew zu.

Ein Tritt und das, was von der Tür übriggeblieben war sprang zur Seite. Ein Scharnier brach heraus, das andere ächzte. Ich ging in die Hocke, die SIG im Beidhandanschlag, den Körper so ausgerichtet, dass er möglichst wenig Zielfläche bot.

"Waffen weg! FBI!", schrie ich.

Niemand zu sehen.

Mein Blick taxierte die Wohnung.

Es sah dort aus, wie auf einem Schlachtfeld. Eine Couch war umgestoßen worden, die Kissen aufgeschlitzt. Federn segelten durch die Luft.

Ein Mann tauchte plötzlich hinter der umgestoßenen Couch hervor, schnellte in Richtung der Tür auf der linken Seite.

Dabei riss er den Lauf seiner MPi in meine Richtung.

Die Waffe knatterte los.

Ich feuerte ebenfalls, warf mich seitwärts, rollte herum und tauchte dann hinter einem umgestürzten Tisch wieder hervor.

Aber mein Gegenüber war bereits durch die Tür des Nachbarraums verschwunden.

Ich hörte seine schnellen Schritte.

Mein Gegner feuerte eine MPi-Salve durch die Tür zum Nachbarraum.

Ich rettete mich mit ein paar Sätzen neben den Türrahmen, presste mich gegen die Wand.

Als das Feuer abebbte, tauchte ich hervor, feuerte die SIG dreimal kurz hintereinander ab und stürzte dann in den Nachbarraum.

Die Balkontür stand offen.

Mein Gegner war bereits draußen.

Er trug eine Baseballkappe und eine Sonnenbrille, die aussah, als ob er sie auch zum Schweißen benutzen würde.

Er ließ die MPi erneut losknattern.

Ich warf mich zur Seite, rollte auf dem Boden ab.

Glas splitterte.

Die Projektile zerfetzten den Wandschmuck und verfehlten mich nur um Haaresbreite.

Ich feuerte zurück, verfehlte aber. Gerade noch sah ich, wie mein Gegner sich über die Balkonbrüstung schwang.

Dann war er verschwundden.

Ich schnellte hoch, stürzte mit der SIG in der Faust hinaus auf den Balkon und blickte hinab.

Der Kerl mit der Baseballkappe war nirgends zu sehen.

Die klassischen New Yorker Feuertreppen führten auf dieser Seite des Hauses die Fassade hinunter in einen Innenhof. Der Kerl hätte mit einem Sprung vom Balkon aus eine von ihnen erreichen können. Aber es war unmöglich, dass er so schnell in den Hof hinuntergelaufen war und sich dort versteckt hatte.

Es gab nur eine schmale Ausfahrt zur Straße, ansonsten war der Hof von allen vier Seiten durch Häuserfronten begrenzt.

Genau unter dem Balkon befanden sich überquellende Müllcontainer, daneben ein großer Haufen von Pappkartons unterschiedlicher Größe mit der Werbeaufschrift einer großen Supermarktkette.

"Alles klar, Murray?", hörte ich Lew.

Er erreichte die Balkontür.

"Mit mir ja", antwortete ich, "aber unser Mann hat sich in Luft aufgelöst!"

Ich starrte auf den Kartonhaufen.

Der Mann mit der Baseballmütze war vielleicht einfach hinuntergesprungen. Stuntmen benutzten solche Kartonhaufen, wenn sie zu einem Freiflug über mehrere Stockwerke ansetzten.

Ich schwang mich jetzt ebenfalls über die Balkonbrüstung. Mit einem Sprung landete ich auf dem Absatz der Feuertreppe, der aus einem Rost bestand.

Auf dem Rost lag ein messingfarbenes Feuerzeug. Die Initialen L.S. waren eingraviert, außerdem ein Totenkopf.

Sah aus wie eine Sonderanfertigung. Vielleicht hatte der Kerl mit der Baseballmütze es verloren. Ich steckte es ein.

Lew forderte unterdessen Verstärkung an.

Sowohl unsere Leute als auch Kollegen der City Police, die sich in der Nähe befanden und schnell am Tatort sein konnten.

Ich stürmte inzwischen die Feuertreppe hinunter.

Ein durchdringendes, schepperndes Geräusch entstand dabei.

Aus einem der gegenüberliegenden Fenster blickte jemand hinaus und stierte mich an.

Verdammter Narr!, dachte ich. Wenn der Kerl mit der Baseball-Kappe noch irgendwo in der Nähe lauerte, konnte es auch für diesen Zuschauer brenzlig werden.

Ich erreichte den Fuß der Feuertreppe, blickte mich um.

Die SIG hielt ich schußbereit in der Rechten, den Lauf leicht nach oben gerichtet.

Mein Instinkt meldete sich.

Ich konnte die Gefahr geradezu körperlich spüren. Ein Geräusch ließ mich erstarren.

Der Kerl war hier und beobachtete mich.

Ich machte ein paar vorsichtige Schritte voran, umrundete die Container und den Kartonhaufen. Auf der anderen Seite des Innenhofs waren einige Pkw abgestellt worden. Auch dort konnte unser Mann sich verkrochen haben.

In der Ferne hörte man die Sirenen der NYPD-Kollegen.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich eine Bewegung.

Ein Karton hob sich, ganz leicht nur.

Einen Sekundenbruchteil später zuckte darunter etwas Rotes hervor.

Das Mündungsfeuer einer MPi.

Unvermittelt knatterte die Waffe los. Ich warf mich zur Seite, hechtete mich hinter einen der Container. Die Kugeln der MPi-Salve zerfetzten das Metall. Manche der Kugeln traten auf der anderen Seite des Containers wieder aus.

Ich wartete, bis der Geschosshagel verebbte.

Der Kerl musste in heller Panik sein. Er war in Kartons hineingesprungen, hatte sich in den Haufen regelrecht hineingegraben. Vielleicht war er auch verletzt.

"Hier spricht Agent Deiser, FBI!", rief ich zu ihm hinüber. "Sie haben keine Chance, hier herauszukommen!

Kommen Sie mit erhobenen Händen aus Ihrem Versteck! Sie sind verhaftet!"

Das einzige, was unser Gegenüber tun konnte war, uns mit seiner MPi eine Weile in Atem zu halten. Aber eine Chance davonzukommen, gab es nicht.

Lew konnte von oben schließlich alles überblicken. Und sobald sich der Mann zeigte, befand er sich im Schussfeld meines Kollegen.

Aber wo der Komplize geblieben war, das mochte der Teufel wissen.

Ich hörte ein Stöhnen.

"Nicht schießen!", krächzte eine heisere Stimme.

"Die Waffe zu uns herüber!", befahl Lew.

Er gehorchte, arbeitete sich unter den Kartons hervor und schleuderte die MPi im hohen Bogen davon.

Ich tauchte hinter dem Container hervor, Lew kam die Feuertreppe hinunter.

Der Kerl mit der Baseballmütze sah bleich wie die Wand aus. Er steckte immer noch bis zur Brust in den Kartons.

"Kommen Sie raus!", befahl ich.

"Ich kann nicht!", rief er. "Ich bin verletzt. Mein Fuß! Ich glaub', da ist was gebrochen."

"Wenn das ein Trick sein sollte, dann kommt er zu spät!", meinte Lew. Ein Teil seiner Worte ging im Sirenengeheul der Einsatzwagen verloren, die jetzt die enge Einfahrt zum Innenhof passierten. Zwei Chevys der City Police. Die Türen öffneten sich, die Kollegen sprangen heraus und bracten ihre Waffen in Anschlag.

Lew arbeitete sich durch die Kartons hindurch auf den Verhafteten zu, der inzwischen die Hände gehoben hatte.

Die Männer der City Police bildeten einen Halbkreis.

In diesem Moment bellte ein Schuss auf.

Ein Schrei folgte.

Ein Ruck ging durch den Mann mit der Baseballkappe. Die Kugel hatte ihn am Kopf erwischt. Blut rann unter dem Mützenschirm hervor. Er sank in sich zusammen. Der Kopf sackte nach vorn. Die Kartons verhinderten, dass der Kerl zu Boden schlug.

8

Ich wirbelte herum, riss den Lauf der SIG in jene Richtung, aus der der Schuss gekommen sein musste.

Den Rost zur Abdeckung eines Kellerfenster-Schachts hatte jemand ein Stück zur Seite.

Zuvor war mir das nicht aufgefallen.

"Lassen Sie das Haus umstellen!", rief ich den City-Police-Cops zu und spurtete dann los, die SIG in der Faust.

Schlagartig wurde mir alles klar.

Der zweite Mann!

Er hatte dort unten im Schacht gekauert und abgewartet, was geschehen würde.

Sein Komplize war nicht so schnell wie er gewesen.

Der Mann im Schacht hatte unbedingt verhindern müssen, dass sein Partner lebend in unsere Hände fiel und dann womöglich ausplauderte, was er wusste.

Darum hatte der Kerl mit der Baseball-Kappe sterben müssen.

Ich erreichte den Kellerfensterschacht, sprang hinab.

Das Fenster selbst war eingeschlagen. Ein nahezu lichtloser Raum gähnte dahinter.

Ein NYPD-Officer war mir auf den Fersen.

An seinem verschwitzen Uniform-Hemd waren Name und Rang aufgestickt. Er hieß Brenders.

Ich stieg durch das Fenster, sprang und federte auf dem Boden ab. Ich befand mich in einem Heizungskeller. Die Tür stand einen Spalt offen. Vom Flur her drang etwas Neonlicht herein. Innerhalb einer Sekunde war ich dort, riss die Tür vollends auf und stürzte in den Flur. Kahle Betonwände, an denen die Leitungen offen verlegt worden waren. In regelmäßigen Abständen hingen Neonröhren an der Decke. Eine davon war wohl nicht mehr ganz in Ordnung, sie flackerte.

Zur Linken war eine feuerfeste Stahltür zu sehen. Zur Rechten ging der Flur etwa zehn Meter weiter, bevor eine Biegung kam.

Brenders erreichte mich.

Ich machte ihm ein Zeichen. Er verstand und ging auf die Stahltür zu. Er verursachte so gut wie kein Geräusch, dann drückte er die Türklinke herunter.

Abgeschlossen.

Der Komplize musste in die andere Richtung davongerannt sein.

Ich hoffte, das die NYPD-Kollegen inzwischen den Block abgeriegelt hatten, so dass er nicht ins Freie flüchten konnte.

Der Klang der Sirenen war bis hier unten zu hören.

Ich pirschte mich an die Stelle heran, wo der Kellerflur eine Biegung machte. Brenders war hinter mir, um mir Feuerschutz zu geben.

Ich machte Brenders ein Zeichen. Er nickte. Dann stürzte ich vor, duckte mich dabei und riss den Lauf meiner SIG

empor.

Brenders folgte.

Ein Schuss zischte dicht an meinem Kopf vorbei.

Ich hörte Brenders' Aufschrei.

Mein Zeigefinger krallte sich um den Stecher der SIG, aber ich konnte unmöglich abdrücken.

Vor mir stand ein Mann Mitte fünzig in grauem Kittel und vor Angst weit aufgerissenen Augen. Der Angstschweiß perlte von seiner hohen Stirn. Er musste so eine Art Hausmeister sein. Ein unglaublich kräftiger Bodybuilder-Arm hatte ihn im Schwitzkasten.

Der Kerl, der den Hausmeister wie einen lebenden Schild vor sich hielt, war gut anderthalb Köpfe größer als sein Opfer. Seine Linke hielt einen 45er Magnum. Der Lauf zielte auf mich.

Der Bodybuilder bleckte die Zähne.

Sein blondes Haar war kurz wie englischer Rasen.

"Bleib ja stehen, du Ratte!", zischte er zwischen seinen makellosen Zahnreihen hindurch.

Mir blieb tatsächlich nichts anderes übrig.

Wenn ich eine falsche Bewegung machte, dann brach der Riese seiner Geisel mit bloßen Händen das Genick.

"Sie kommen hier nicht raus!", meinte ich.

Ich wandte den Kopf dabei. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Brenders reglos am Boden liegen.

Kalte Wut stieg in mir auf.

Aber ich konnte nichts tun.

Alle Trümpfe lagen in der Hand meines Gegners.

"Die Waffe auf den Boden!", zischte der Blonde. Er setzte den Lauf des Magnum-Revolvers an den Kopf seiner Geisel, verzog das Gesicht dabei zu einem zynischen Grinsen.

"Mach schon, G-man, oder ich blas dem Kerl hier den Kopf weg!"

Ich beugte mich langsam nieder, um meine SIG vorsichtig auf den Boden zu legen.

"Gut so!", knurrte mein Gegner. Er machte eine ruckartige Bewegung mit dem Lauf des Magnum-Revolvers "Kick das Eisen zu mir rüber!"

Ich gehorchte, gab der SIG einen Stoß mit der Fußspitze, so dass sie über den etwas unebenen Estrich rutschte.

Der Blonde drückte seine Geisel brutal gegen die Wand. Der Lauf des Magnum-Revolvers presste er dem Mann in den Rücken.

Der Blonde beugte sich nieder und hob meine SIG auf. Er steckte sie in den Hosenbund, lachte heiser.

Einen Augenblick lang erwog ich, mich auf ihn zu stürzen. Aber das Risiko für die Geisel war einfach zu groß.

Der Blonde zerrte den Hausmeister wieder wie einen Schutzschild vor sich.

Er grinste mich an.

Sadistische Freude glänzte in seinen Augen.

"Bye, G-man!", höhnte er. Mit provozierender Langsamkeit hob er den Magnum-Revolver.

Ich sah in den blanken Lauf.

Eine Sekunde später leckte das Mündungsfeuer wie eine rote Zunge heraus, als die Waffe loswummerte.

9

Alana Batistuta lag nackt auf einem großen Wasserbett.

Spärliches Licht herrschte in dieser Penthouse-Wohnung, Ecke Cedar Street/Broadway.

Der Schein von Leuchtreklamen auf der gegenüberliegenden Straßenseite drang durch Jalousien und warf Streifenmuster auf Alanas makellose Haut. Die Muster aus Licht zeichneten die aufregenden Formen ihres Körpers wie bei einer Nachtclub-Tänzerin nach.

Alana war noch immer etwas außer Atem von dem wilden Liebesspiel mit Mike Gillinger. Der schlanke Mann mit dem scharf gezeichneten Profil saß in Shorts und T-Shirt am anderen Ende des für New Yorker Verhältnisse geräumigen Ein-Zimmer-Appartments. Das bläuliche Licht eines Computerschirms strahlte ihn an.

Gillingers Augen waren starr.

Er war hoch konzentriert.

Alana lächelte.

So war Gillinger nun einmal und da es im Wesentlichen nur guter Sex und ein paar gemeinsame Interessen waren, die sie beide miteinander verbanden, ärgerte sie sich auch nicht darüber.

Gillinger war Börsenmakler in Wall Street. Seine Wohnung befand sich genau an der Grenze zwischen Lower Manhattan und dem Financial District. Ein eigenes Auto brauchte er nicht.

Alana war sich noch nicht einmal sicher, ob Gillinger überhaupt einen Führerschein hatte.

Der Aktienhandel lief rund um die Uhr, unabhängig davon, ob das Parkett von Wall Street, London oder Tokio gerade geöffnet hatte oder nicht. Kein Wunder also, dass Gillinger ständig online war. Schließlich wollte er keine wichtige Entwicklung verpassen.

Alana erhob sich jetzt vom Bett, streckte sich und ging dann mit katzenhaften Bewegungen auf Gillinger zu.

Seitlich von ihm blieb sie stehen.

Aber im Moment hatte Gillinger kaum einen Blick für die aufregenden Rundungen ihres unverhüllten Körpers.

"Ich will nicht hoffen, dass du in der letzten Stunde irgend etwas Weltbewegendes verpasst hast!", meinte sie spöttisch.

Er wandte den Kopf, sah kurz an ihr hinab und grinste dann.

"Manchmal muss man eben etwas riskieren!", fand er.

"Wem sagst du das!", schnurrte sie, trat näher an ihn heran und strich ihm durch das dichte, schwarzbraune Haar.

Ihre Brüste stießen dabei gegen seine Schulter.

Er blickte zu ihr auf.

"Vermisst dein Mann dich nicht langsam?"

"Eric?" Alana lachte schallend. Ein harter, kristallener Klang schwang in diesem Lachen mit. Hart wie Diamant. Und kalt. "Eric verzockt wahrscheinlich in irgendeinem Nachtclub unser Geld."

Gillingers Zähne blitzten. "Kann dir doch jetzt egal sein

- jetzt, da der alte 'Big Boss' John Batistuta euch die Cents nicht mehr einzeln zuteilen kann."

Sie verzog das Gesicht. "Immer auf dem Teppich bleiben, Baby. Das ist meine Devise!"

"Ach, wirklich?" Gillinger tätschelte ihren Po. "Dann hättest du nie versucht, deinen Wahnsinnsplan in die Tat umzusetzen."

Alana zuckte die Achseln. Sie strich Gillinger über die Schultern und ging dann mit federnden Schritten weiter bis zum Fenster. Sie zog die Jalousien etwas an, so dass man durch die Lamellen besser hindurchblicken konnte. Die Trinity Church verschwand beinahe zwischen den gewaltigen Komplexen von Banker's Trust und dem American Stock Exchange.

"Eigentlich sind wir doch alle Zocker!", meinte Gillinger, der sich wieder dem Bildschirm zuwandte und plötzlich damit begann, hektisch mit der Maus herumzuklicken. "Du genauso wie dein schlafmütziger Ehegatte."

"Und was ist mit dir?", fragte Alana.

"Ich auch", nickte Gillinger. "Und ich bin auch genauso süchtig in dieser Hinsicht wie zum Beispiel dein Mann. Der Unterschied ist nur, dass ich nur Spiele mitmache, die sich wirklich lohnen."

"Mike...", begann Alana.

Sie wartete, bis er sie ansah.

"Was ist?"

"Wir können uns für 'ne Weile nicht sehen. Kein Telefonkontakt, gar nichts."

"Völlige Funkstille?" fragte Gillinger verständnislos.

Sie nickte. "Ja."

"Was soll das?"

"Es gibt Ärger."

"Was für Ärger?"

Sie verschränkte die Arme. "Der FBI war bei mir. Ein Agent namens Deiser und sein Kollege haben mir ziemlich zugesetzt."

"Weswegen?"

"Wegen der Sache mit Vandermoore! Weswegen wohl sonst?"

"Du hast gesagt, auf Torturro und seine Leute könnte man sich verlassen!"

"Kann man auch, Mike!"

"Dann sollen die das in Ordnung bringen!"

"Die tun, was sie können. Vandermoore hat sich gemeldet. Er will Geld von mir! Immerhin wird er sein Wissen nicht an den FBI weitergeben, solange er glaubt, mich damit in der Hand zu haben."

"Du denkst nicht daran zu zahlen?"

"Jedenfalls nicht auf die Dauer. Vandermoore könnte sich als Fass ohne Boden entpuppen. Aber was dich betrifft..."

Gillinger stand jetzt auf, trat auf sie zu. Die Börsen-stimmung in Tokio interessierte ihn plötzlich nicht mehr so besonders.

"Es führt doch keine Spur zu mir, oder?", vergewisserte sich Gillinger.

"Ich denke nicht. Du solltest aber trotzdem vorsichtig sein. Wer weiß, was dieser Teufel rausgekriegt hat? Ich traue Rod Vandermoore mittlerweile alles zu."

"Du hättest ihn niemals engagieren dürfen!"

Alana hob die Augenbrauen. "Hinterher ist man immer schlauer."

"Verdammt, es hätte dir doch klar sein müssen, dass der Mann nicht so leicht zu kontrollieren ist wie die Grobiane, die dein Schwiergervater anzustellen pflegte, um seine Organisation zusammenzuhalten!"

Alana atmete tief durch.

"Ich brauchte einen Killer der Sonderklasse. Das weißt du genau. Und jetzt nachzukarten hat sowieso keinen Sinn."

Gillinger zuckte die Achseln.

Er sah an ihrem aufregenden Körper herab, zeichnete mit dem Blick ihre Kurven nach.

"Der Sex mit dir wird mir fehlen, Baby!", meinte er breit grinsend.

Alana deutete auf den flimmernden Computerschirm.

"Red keinen Unsinn, Mike! Du hast doch genug Beschäftigung!"

Sie ging durch den Raum und sammelte ihre Kleider auf.

"Warum schickst du Eric, diesen Trottel nicht einfach in die Wüste, Alana?", fragte Gillinger plötzlich.

"Ich brauche ihn noch", erklärte sie lachend.

Gillinger zuckte verständnislos die Schultern. "Und was

'Big Boss' John Batistuta angeht... Wie lange gedenkst du den Schwindel noch aufrecht zu erhalten?"

"So lange es irgend geht, Mike..."

Gillingers Augen wurden schmal, während er ihr beim Anziehen zusah. "Ich hoffe, du überspannst den Bogen nicht."

Ihr Lächeln war kalt wie ein Whiskey on the Rocks.

"Um mich braucht sich niemand Sorgen zu machen!", murmelte sie leise vor sich hin.

10

Ich war völlig wehrlos.

Nicht eine Sekunde hatte ich daran gezweifelt, dass der Blonde auf mich schießen würde.

Blitzschnell riss ich das metallene Feuerzeug aus der Tasche. Noch ehe sich ein Schuss aus dem gewaltigen Colt Magnum gelöst hatte, schleuderte ich es dem Blonden mit einem Wurf aus dem Handgelenk entgegen.

Das Ding traf den Blonden am Kopf, ließ ihn eine reflexartige Bewegung machen.

Im selben Moment löste sich der Schuss aus dem Magnum-Revolver des Blonden.

Die Kugel ging ins Leere.

Ich warf mich zur Seite. Mit voller Kraft prallte ich gegen die Tür zu einem Kellerraum. Die Scharniere waren vom Rost zerfressen, brachen ächzend aus ihren Halterungen.

Zusammen mit der Tür fiel ich in den Raum hinein.

Der Blonde feuerte noch einmal.

Ich rollte mich am Boden ab, kam auf die Beine und fand mich in einem Abstellraum wieder. Hohe Metallregale standen hier in mehreren Reihen hintereinander. Flaschen, Gläser und Kisten standen darin.

Es war ziemlich dunkel.

Nur aus dem Flur drang Licht herein.

Ich hechtete mich hinter eins der Regale und verhielt mich ruhig.

Der Blonde tauchte zusammen mit seiner Geisel im Türrahmen auf. Wie ein dunkler Schattenriss zeichnete er sich gegen das Neonlicht im Flur ab.

Die Geisel ächzte.

Der Blonde hielt den Mann mit einem Arm brutal im Würgegriff.

Eine Sekunde lang hörte man keinen Laut, dann ein klickende Geräusch, als der Blonde den Hahn des 45er Magnum spannte.

Er trat einen Schritt vor, suchte den Lichtschalter.

Dieser befand sich direkt neben dem Türrahmen. Der Blonde betätigte ihn mit dem Lauf des Magnum-Revolvers.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910742
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369847
Schlagworte
jack raymond bestie kriminalroman

Autor

Zurück

Titel: Jack Raymond - Die Bestie: Kriminalroman