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Vier Krimis: Bount Reiniger rechnet ab

von Alfred Bekker (Autor) Wolf G. Rahn (Autor)

2017 500 Seiten

Leseprobe

Vier Krimis: Bount Reiniger rechnet ab

Alfred Bekker and Wolf G. Rahn

Published by Alfred Bekker, 2017.

Alfred Bekker & Wolf G. Rahn

Bount Reiniger rechnet ab – Vier Krimis

Dieses Buch beinhaltet folgende Kriminalromane:

Wolf G. Rahn: Herzen aus dem Tiefkühlfach

Alfred Bekker: Tod eines Schnüfflers

Alfred Bekker: Killerjagd

Alfred Bekker: Ein Sarg für den Prediger

Bount Reiniger ist ein Privatdetektiv in New York. Zwischen den Häuserschluchten des Big Apple ermittelt er in aussichtslosen Fällen und kämpft gegen das Verbrechen. Mal mit der Automatik, mal mit Scharfsinn und Verstand.

––––––––

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius..

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Herzen aus dem Tiefkühlfach: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Wolf G. Rahn

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

Raul Perrazo sollte illegal in die Staaten einreisen und dort am Herz operiert werden, stattdessen landet er als Wasserleiche mit einem Messer im Rücken in einem Fischernetz. June March, die hübsche Assistentin des New Yorker Privatdetektivs Bount Reinigers, verbringt gerade ihren Urlaub in Florida und wird Zeugin, als der Tote geborgen wird. Sie alarmiert ihren Boss, denn die örtlichen Behörden scheinen nicht daran interessiert, den gewaltsamen Tod eines puerto-ricanischen Flüchtlings aufzuklären. Aber für June steht fest: Der Ermordete muss einer Schlepperbande zum Opfer gefallen sein. Daraufhin fliegt Bount nach Florida und gibt sich als Auftraggeber aus, um den Schleusern eine Falle zu stellen. Doch er wird enttarnt und ins Meer geworfen ...

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die Hauptpersonen des Romans:

Greco Perrazo - der in den Staaten lebende Puertoricaner identifiziert die Leiche als die seines Bruders.

Vulve Matisse - für ihn geht die vollbusige Anita Carrera anschaffen, aber sie ist nicht seine einzige Dollarquelle.

Roderick Calhoun - der mehrfache Hotelbesitzer ist ein Ehrenmann, denn er tut viel für die karitativen Verbände.

Toby Rogers - der Leiter der Mordkommission Manhattan muss den Helfer in der Not spielen, als es um den Freund geht, denn ...

June March - von Urlaub kann für Bount Reinigers hübsche Mitarbeiterin nicht mehr die Rede sein, als sie mit einer Wasserleiche konfrontiert wird.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

Prolog

Bei Nacht und Nebel wurden die fünf Puertoricaner vor Miami von einem Fischkutter übernommen. Illegale Einwanderer in die Staaten. Jeder hatte rund fünftausend Dollar an die Organisation gezahlt, die sie sicher und ohne behördliche Formalitäten in die Staaten einzuschleusen versprach.

Der Fischkutter steuerte auf die Ostküste zu. Doch die Aufregung ließ Raul Perrazo plötzlich zusammenklappen. Die übrigen Illegalen riefen nach dem Kapitän und berichteten, dass Raul einen Herzfehler hätte.

Der Schiffsführer bekam einen Wutanfall.

»An Deck mit dem Kerl!«, brüllte er. »Wohl verrückt geworden?«

Zwei Leute zerrten Raul aus der Frachtluke und knallten sie wieder zu. Dann klatschten sie ihm Seewasser ins Gesicht, bis er wieder zu sich kam.

»Du bist herzkrank?«, fuhr der Kapitän ihn an.

»Ja, Señor, ich soll operiert werden«, stammelte er.

Dies waren seine letzten Worte. Mit einem Messer im Rücken warfen sie ihn außenbords ...

1

June March räkelte sich am Strand von Vero Beach. Sie hatte sich absichtlich nicht für eine der überlaufenen Touristen Metropolen wie Miami oder Daytona entschieden. Sie wollte zwei Wochen lang nichts als faulenzen, baden und hin und wieder etwas Leckeres speisen. Einen Flirt schloss sie nicht völlig aus, aber sie würde ihn nicht suchen. Weiß Gott nicht!

Das Jahr war lang gewesen. Genau genommen neunzehn Monate lang. So lange hatte Bount Reiniger, für den sie arbeitete, immer wieder einen Vorwand gefunden, sie nicht entbehren zu können.

Erst waren es die langwierigen Ermittlungen in der Versicherungsbetrugssache gewesen, dann der Fall Bertram, der sie beide um ein Haar Kopf und Kragen gekostet hätte, darauf der Feuerteufel von Brooklyn, nach ihm Ashley, der Kindermörder, dem sie am liebsten eigenhändig den Hals umgedreht hätte, die Gang der sieben Drachen und und und ... Es war von Mal zu Mal dicker gekommen.

Aber dann war endlich eine kleine Verschnaufpause eingetreten, und sie hatte nicht mehr locker gelassen.

Schließlich hatte auch Bount dringend Erholung gebraucht. Die hoffte er bei seinem Freund in Arizona zu finden.

June drehte sich auf den Rücken, blinzelte in die Sonne und schaute anschließend übers Meer. Sie seufzte und freute sich, dass dies erst ihr zweiter Ferientag in Florida war.

Sie langte nach dem Sonnenöl und richtete sich auf.

Ein Fischkutter tuckerte heran. Zwei bärtige Männer gestikulierten und redeten hitzig aufeinander ein. Der Wind trug ein paar Wortfetzen zu June herüber.

«... seit Tagen ...«, verstand sie und » ... Polizei verständigen ...«

Sie erhob sich vollends und schattete ihre Augen ab. Polizei? Wahrscheinlich war den beiden etwas gestohlen worden. Vielleicht hatte auch ein Unbekannter an ihren Netzen hantiert und sie zerstört. Solche Gemeinheiten gab es nicht nur in New York, sondern eben auch in dem kleinen Vero Beach.

Als sie zum Wasser lief, zogen die Fischer den Kutter mit einer Winde auf den Strand, und verkeilten ihn.

Neugierige Kinder eilten schreiend herbei. Vielleicht ließ sich etwas Hübsches erbetteln. Ein paar attraktive Muscheln zum Beispiel oder ein Seestern.

Als die Kinder den Kutter erreicht hatten, jagten die beiden Männer sie erregt davon. »Seht zu, dass ihr verschwindet! Wird’s bald?«

June wunderte sich über die Unfreundlichkeit. Mit einem der beiden hatte sie gestern ein paar Worte gewechselt und ihn als durchaus zugänglich kennengelernt. Brachte der Diebstahl sie derart in Rage, dass sie ihre Wut an den Kindern ausließen?

Sie ging nun ebenfalls hinüber, wurde aber schon von Weitem gestoppt.

»Bleiben Sie, wo Sie sind, Miss!«, schrie einer. »Das ist kein Anblick für eine junge Lady!«

Jetzt wurde June neugierig. Um ein zerfetztes Netz konnte es sich nicht handeln, obwohl die beiden immer wieder kopfschüttelnd auf ihren zappelnden Fang deuteten, der sogar ungewöhnlich reich ausgefallen zu sein schien. Sie setzte ihren Weg fort - trotz der eindringlichen Warnungen.

Als sie neben dem Boot stand, hielt sie sekundenlang den Atem an und befahl ihrem Magen, sie jetzt nicht zu blamieren.

Die Männer hatten nicht übertrieben. Es war ein scheußliches Bild. Der Mann, der sich in dem Netz verfangen hatte, starrte sie an. Sein Gesicht war angefressen, aber noch nicht völlig entstellt.

Auf jeden Fall war er tot.

Am Körper trug er nur noch Lumpen. Das meiste war in Fetzen gegangen. Er erweckte überhaupt einen armseligen Eindruck. Um einen Badegast handelte es sich bestimmt nicht. Eher um einen Kollegen der beiden, die jetzt eine Ölhaut über den Leichnam deckten.

»Ertrunken?«, erkundigte sich June überflüssigerweise.

Doch so überflüssig war die Frage gar nicht, wie die Antwort bewies: »Wenn Sie für möglich halten, dass ein Hai dem armen Kerl das Messer in den Rücken gestoßen hat, mögen Sie recht haben, Miss. Wir glauben aber eher, dass das geschah, bevor er ins Wasser fiel.«

»Ermordet?«

Die Fischer nickten. »Man muss die Polizei holen. Oh Mann! Das wird wieder eine Menge Ärger geben.«

June dachte daran, dass der Erstochene den größeren Ärger gehabt hatte, und nahm sich vor, den Zwischenfall schleunigst zu vergessen. Schließlich hatte sie Urlaub, und die Polizei in Florida würde den Fall schon lösen.

Aber da täuschte sie sich.

2

Fernanda Elcano, eine glutäugige Mexikanerin mit feurigem Herzen und großzügigem Dekolleté, nippte an ihrem Glas und warf ihrem Gegenüber einen verlangenden Blick zu. Weit beugte sie sich zu dem Mann hinüber und gewährte ihm atemberaubende Einblicke.

»So nachdenklich, mein aufregendes Detektivchen?«, fragte sie und klapperte mit den langen Wimpern. »Gelten deine Überlegungen mir?«

Ihre Blicke trafen sich. Der Mann grinste. Was hatte sich Mathew nur dabei gedacht, diese Nervensäge auf ihn zu hetzen? Was die temperamentvolle Frau im Sinn hatte, war nicht schwer zu erraten, aber er suchte sich seine Partnerinnen lieber selbst aus. Fernanda entsprach ganz und gar nicht seinem Typ.

Immerhin war sie in gewisser Weise unterhaltsam, wenn man nicht gerade Wert auf Ruhe und Entspannung legte. Doch genau das war bei ihm zur Zeit der Fall.

»Natürlich denke ich ständig an dich, Fernanda«, log er und nahm ebenfalls einen Schluck von seinem eisgekühlten Drink. »Ich frage mich, wie reich euer Land sein muss, dass es sich leisten kann, solche Kostbarkeiten über die Grenze zu schicken.«

Die Frau lachte gurrend. »Du bist sehr charmant. Findest du es hier auf der Terrasse nicht auch zu heiß. Gehen wir lieber ins Haus. In meinen Zimmern ist es herrlich kühl.«

Das wird aber nicht lange so bleiben, dachte Bount Reiniger und drehte sich um. Warum kehrte Mathew nicht wieder zurück? Glaubte er wirklich, ihm mit diesem mexikanischen Vulkan einen Gefallen zu tun?

Fernanda Elcano deutete seinen Blick falsch. Sie zog ihn begeistert aus dem Korbsessel, hängte sich bei ihm ein, dass ihm der Duft ihres schweren Parfüms fast den Atem verschlug, und schob ihn zum Haus. Dabei glitt ihre flinke Hand unter sein T-Shirt und strich gekonnt über seine Brust.

Ein Schwarzer mit blitzenden Zähnen und weißem Leinenanzug brachte das Telefon.

»Für Sie, Mister Reiniger.« Er hielt Bount den Hörer entgegen.

Der schüttelte energisch den Kopf. Nichts da! Er hatte Urlaub. Zu Hause in New York hatte er keine unerledigten Fälle zurückgelassen. Sein Freund Toby Rogers, seines Zeichens Leiter der Mordkommission Manhattan C/II, wusste zwar, wo er sich während der nächsten beiden Wochen aufhielt, sie hatten aber vereinbart, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen.

Nur für den Fall, dass einer von ihnen von einem Informanten die Nachricht erhielt, dass die Welt im Begriff stand, unterzugehen, würden sie diese Botschaft weitergeben. Dem strahlenden Himmel über Südarizona nach zu urteilen, war in absehbarer Zeit mit einer derartigen Katastrophe nicht zu rechnen.

Der Anruf konnte also nur Arbeit und Unannehmlichkeiten bedeuten. Dann befasste er sich schon lieber mit dieser mexikanischen Wildkatze.

»Sagen Sie dem Burschen, Bosso, ich sei abgereist. Mit unbekanntem Ziel.«

»Ist kein Bursche, Sir«, beharrte der Farbige. »Ist junge Lady.«

»O Detektivchen!«, fauchte Fernanda Elcano hitzig. »Du bist mir nicht treu. Ich werde dieser Lady die Augen auskratzen.«

Sie griff nach dem Hörer, doch der Diener hielt ihn so hoch, dass es ihr unmöglich war, ihn zu erreichen. Da sie sich aber gewaltig reckte, rutschte ihr knappes Röckchen fast bis zur Taille hoch und enthüllte zwei Oberschenkel, denen selbst Bount die Anerkennung nicht verweigern konnte.

Über ihm erklang gedämpftes Lachen. Es sprudelte aus dem Telefonhörer wie aus einer Dusche.

Das war doch Junes Stimme! Wieso rief sie ihn an? Ausgerechnet sie, die auf diesen Urlaub gedrungen hatte. Dass sie sich ohne ihn in Florida einsam fühlte, war nur schwer vorstellbar. June verfügte über sämtliche Qualitäten, die ihr eine reichhaltige Anhängerschaft garantierten, wenn sie nur wollte.

Bount nahm nun doch den Hörer entgegen und meldete sich. Dabei warf er Fernanda Elcano besänftigende Blicke zu.

»Oh Detektivchen!«, ahmte June die Stimme der Mexikanerin belustigt nach. »Du bist wohl deiner armen June nicht treu?«

»Du scheinst meinen Notstand geahnt zu haben«, erwiderte Bount. »Dein Anruf hätte keine Minute später erfolgen dürfen. Was ist los? Hast du deine Kreditkarte verloren?«

»Beantworte mir erst eine Frage. Die Frau bei dir, magst du sie?«

»Na, hör mal! Das hört sich ja nach Eifersucht an.«

»Sei nicht albern«, entgegnete die Anruferin spontan. »Ich will nur wissen, ob es dir schwerfällt, dich von ihr loszueisen. Ich will nicht schuld an deinem gebrochenen Herzen sein.«

»Da brauchst du dich nicht zu sorgen. Was hast du also auf dem Herzen? Du rufst mich doch nicht an, um dich nach meinem Liebesleben zu erkundigen.«

»Du kannst den Privatdetektiv eben auch im Urlaub nicht verleugnen. Ich brauche dich hier in Vero Beach. Ich habe es Greco Perrazo versprochen.«

»Interessant. Und wer ist dieser Greco Perrazo?«

»Ein Geschäftsmann, der vor Jahren aus Puerto Rico eingewandert ist. Man hat seinen Bruder ermordet. Zumindest behauptet er das.«

»Das tut mir leid, aber ich sehe keine Notwendigkeit, deswegen meinen Urlaub abzubrechen, zu dem du selbst mich gezwungen hast.«

»Ich weiß, ich weiß. Ich bin wieder mal schrecklich inkonsequent. Aber mir hat der grässliche Anblick gründlich die Ferienlaune verdorben.«

»Du hast die Leiche gesehen?«, fragte Bount überrascht.

June berichtete, wie zwei Fischer den Toten an Land gebracht hatten.

»Das Messer steckte noch in seinem Rücken. Es handelt sich eindeutig um Mord.«

»Und damit um einen Fall für die Polizei. Ich habe mir sagen lassen, dass die Jungs in Florida allerlei gewohnt seien.«

»Eben deshalb ist die Chance nur minimal, dass sie sich wegen eines toten Puertoricaners zerreißen, Bount. Ich kann dir am Telefon nicht alles haarklein auseinandersetzen. Tatsache ist, dass die ermittelnden Beamten den Fall schon kaum noch bearbeiten. Sie sagen, eine Klärung sei unter den gegebenen Umständen so gut wie ausgeschlossen. Greco Perrazo vermutet aber, dass sie nur Angst haben, in ein dickes Wespennest zu stechen, und ich neige dazu, ihm recht zugeben. Ich habe ihm von dir erzählt, und er bat mich sofort, mich mit dir in Verbindung zu setzen. Große Reichtümer hat er zwar nicht ansammeln können, doch er sieht sich durchaus in der Lage, dich zu bezahlen. Er hat bereits ein hübsches Sümmchen dafür hingeblättert, dass sein Bruder in die Staaten eingeschleust werden sollte.«

»Aha, illegal!«

»Natürlich. Der Mann war schwer krank. Ein Herzleiden, das in unserem Land, wie die Perrazos hofften, geheilt werden sollte. Daraus wurde aber nichts, denn Raul Perrazo kam nicht an. Jedenfalls nicht als Lebender.«

»Ein Raubmord?«, fragte Bount.

»Raul war nach Aussage seines Bruders ein armer Schlucker. Die Kosten für die Behandlung hätte Greco übernommen. Dieser behauptet übrigens, und hier wird es nach meiner Meinung interessant, dass schon mehr illegale Einwanderer spurlos verschwunden seien. Nicht jeder verfängt sich in einem Fischernetz. Die Haie legen zuweilen einen enormen Appetit an den Tag.«

Bount Reiniger kannte das Problem, das die Illegalen für die amerikanischen Behörden darstellten. Natürlich wurde das offiziell geleugnet, doch wer wollte den Beamten verdenken, dass sie nach deren Mördern weniger leidenschaftlich fahndeten als zum Beispiel nach einem Bombenleger, der die Subway in New York City bedrohte? Ein Illegaler, der das Land seiner Hoffnungen nicht erreichte, kostete den Staat keinen einzigen Dollar.

»Es sollen auch Kinder dabei sein«, ließ sich June beschwörend vernehmen. »Ganze Familien, Bount. Wenn du dich von deiner Verehrerin nicht losreißen kannst oder willst, werde ich mich allein um diese Angelegenheit kümmern.«

»Das tust du auf keinen Fall«, widersprach Bount heftig.

June blieb gelassen. »Willst du mir befehlen, was ich in meinem Urlaub zu tun oder zu lassen habe? Verlange nicht von mir, mich weiterhin am Strand rösten zu lassen, als wäre nichts geschehen.«

Bount seufzte und streifte die ihn ungeduldig beobachtende Mexikanerin mit einem Blick, der aussagte, dass sie eigentlich gar nicht so übel gewesen wäre. Anziehender jedenfalls als eine Wasserleiche aus Puerto Rico.

»Du hast mich überredet«, sagte er in den Hörer. »Ich nehme die nächste Maschine. Aber bilde dir nicht ein, dass in nächster Zeit ein Urlaub drin ist.«

»Darüber sprechen wir noch, Detektivchen«, sagte June erleichtert und legte rasch auf.

3

In Orlando wartete June auf Bount. Sie hatte einen Leihwagen besorgt und brannte darauf, ihren Boss mit allen Fakten zu füttern, die sie bisher in Erfahrung gebracht hatte.

»Ich bringe dich als erstes zu Greco Perrazo«, kündigte sie an. »Er wohnt in Fort Pierce und betreibt dort einen Handel mit Surfbrettern und Taucherausrüstungen. Obwohl er seinen Bruder seit acht Jahren nicht mehr gesehen hatte, schwört er, dass es sich bei dem Ermordeten um ihn handelt.«

»Kann er sich auch ein mögliches Motiv denken?«, fragte Bount. »Sie standen doch bestimmt in schriftlichem Kontakt.«

»Natürlich. Er musste ja Raul genaue Anweisungen geben, damit dieser auf das richtige Schiff gelangte, das ihm die Fahrt in die neue Heimat ermöglichen sollte. Das Motiv liegt eigentlich auf der Hand. Wir haben es offenbar mit einer Organisation zu tun, die zwar die nicht unbeträchtlichen Gebühren für ihre Hilfe kassiert, dann aber ihren Teil der Vereinbarung nicht erfüllt.«

»Keine gute Reklame für Folgegeschäfte«, wandte Bount ein.

June lachte hart. »Du weißt so gut wie ich, dass sich diese armen Teufel an jeden Strohhalm klammern. Oft genug handelt es sich um Kriminelle, die sich der heimatlichen Justiz entziehen wollen. Manche erhoffen das wirtschaftliche Paradies oder aber, wie Raul Perrazo, medizinische Hilfe, die ihm sein Land nicht gewährt. Kaum einer fragt, was aus denen geworden ist, die den Sprung vor ihm gewagt haben. Hinweise auf angebliche Erfolge genügen meistens. Es passiert schließlich selten, dass jemand ein zweites Mal die Leistungen der Fluchthelfer in Anspruch nehmen möchte. Und zur Polizei können diese Leute auch nicht gehen, die sich immerhin über geltendes Recht hinweggesetzt haben.«

Damit sagte sie Bount nichts Neues. Er war gespannt auf Greco Perrazos Darstellung.

Der Puertoricaner erwartete den Privatdetektiv bereits voller Ungeduld und begrüßte ihn mit allen Zeichen der Erleichterung.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Mister Reiniger«, beteuerte er mehrfach. »Miss March hat mir wahre Wunderdinge über Sie erzählt. Sie sollen in New York ziemlich gefürchtet sein.«

»Nur bei denen, die Dreck am Stecken haben«, erwiderte Bount und drängte darauf, möglichst schnell zur Sache zu kommen. Er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, in ein paar Tagen seinen Urlaub in Arizona fortsetzen zu können. Sein Freund Mathew hatte ihn ohnehin nicht abreisen lassen wollen.

Greco Perrazo bat seine Gäste ins Haus, dessen ein wenig exotisch anmutende Einrichtung die Herkunft des Besitzers nicht verleugnete.

Bount lehnte die angebotene Zigarre ab und zündete sich stattdessen eine seiner gewohnten Pall Mall an. Nach den ersten Zügen begann der Puertoricaner zu reden.

»Raul ist, das heißt, er war fünf Jahre jünger als ich und immer etwas kränklich. Sein Herzfehler wurde übersehen. Vor ungefähr einem halben Jahr schrieb er mir, dass er sich unbedingt operieren lassen müsse. Die einheimischen Ärzte gaben ihm jedoch keine Überlebenschance. Ich hatte ihm all die Jahre etwas Geld geschickt. Nicht sehr viel. Jetzt begriff ich, dass ich verpflichtet war, ihm massiv zu helfen. Ich wollte ihn in die Staaten holen, um ihn hier operieren zu lassen. Meine Behördengänge blieben erfolglos. Ein herzkranker Puertoricaner ist kein ausreichender Grund für eine Ausnahme in den Einwanderungsgesetzen. Ich war verzweifelt. Da sprach mich eines Tages ein wildfremder Mann auf der Straße an. Er hatte von meinem Problem gehört und bot mir Hilfe an. Von ihm erfuhr ich von Leuten, die es sich zur Aufgabe gestellt hatten, Hilfesuchende wie meinen Bruder in die Staaten zu schleusen.«

Perrazo brach ab und starrte vor sich hin. Dann fuhr er fort: »Natürlich war mir bekannt, dass jährlich Tausende illegaler Einwanderer ins Land reisen. Der Mann erklärte mir, dass diese Leute das ohne entsprechende Hilfestellung kaum schaffen würden. Er nannte mir eine Adresse, die ich unverzüglich aufsuchte. Dort musste ich fast noch mehr Fragen beantworten als bei den Behörden. Man erklärte, dass sie das Risiko, von Spitzeln hereingelegt zu werden, möglichst gering halten müssten. Das sah ich auch ein. Ich wollte schließlich selbst, dass alles glattging. Ich musste fünftausend Dollar in bar zahlen und erhielt bestimmte Anweisungen, die ich an Raul weitergab. Er war ganz aus dem Häuschen, als er von der eingeleiteten Rettungsaktion erfuhr, und versicherte, mir ewig dankbar zu sein und den Schutz der Madonna für mich zu erflehen. Wir ahnten beide nicht, dass ich ihn seinen Mördern in die Hände spielte.«

Bis dahin hatte der Mann seine Fassung bewahrt. Jetzt brach er in Tränen aus und konnte sich lange Zeit nicht beruhigen. Es war ganz klar. Er gab sich die Schuld am Tode seines Bruders.

»Wie können Sie so sicher sein, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Ihren Bruder handelt?«, fragte Bount nach einer Weile. »Meine Mitarbeiterin berichtete mir, dass der Mann schon mehrere Tage im Wasser gelegen haben musste und erheblich entstellt war.«

»Erstens konnte die Polizei die Leiche nicht identifizieren«, erwiderte Greco Perrazo leise. »Wichtiger aber ist, dass alle Daten übereinstimmen. Größe, geschätztes Alter, Augenfarbe und Schädelform. Ich habe zwei alte Fotos, auf denen Raul abgebildet ist. Selbst die Polizeibeamten mussten zugeben, dass er es sein könnte. Das war allerdings alles, was sie zur Klärung dieses Verbrechens beitrugen. Miss March hat mir Ihre Konditionen genannt. Ich bin einverstanden, Mister Reiniger. Ich weiß, dass Sie Raul nicht wieder zum Leben erwecken können, aber ich bin es ihm schuldig, alles zu tun, was in meiner Macht steht, dass seine Mörder bestraft werden.«

Wieder wurden seine Augen feucht, und Bount beeilte sich, sich nach der Kontaktadresse und etwaigen Namen sowie Personenbeschreibungen zu erkundigen.

Greco Perrazo gab die gewünschten Informationen und blickte Bount fragend an. »Was haben Sie vor?«

Bount antwortete gefährlich leise: »Ich will versuchen, den Ratten eine Falle zu stellen.«

4

Vulve Matisse schüttete den Rest Rum, der sich noch im Glas befunden hatte, in sich hinein und rülpste ungeniert.

»Du bist ein Schwein«, sagte die Frau mit der kaffeebraunen Haut.« Sie war dabei, ihre Zehennägel zu lackieren. »Benimmt man sich so in Gegenwart einer Dame?«

»Nein«, meinte Matisse, »das würde mir nie einfallen. Zum Glück befindet sich keine in der Nähe.«

»Was erlaubst du dir?«, empörte sich die schwarzhaarige Kubanerin.

Der Mann, ebenfalls aus Kuba stammend, wischte ihren Einwand mit einer geringschätzigen Handbewegung fort.

»Zählst du dich etwa zu den Damen?«, höhnte er. »Nitrolack auf den Füßen und Klunkerketten am Hals lassen aus einer Hure noch lange keine Lady werden.«

Er duckte sich blitzschnell, denn das Fläschchen mit dem Nagellack flog ihm entgegen und verfehlte ihn nur dank seiner Blitzreaktion.

Anita Carrera vermochte er allerdings nicht so mühelos auszuweichen. Sie sprang ihn wie eine Katze an, krümmte die Finger und versuchte, ihm die Augen auszukratzen.

»Du mieser Bock!«, kreischte sie. »Was bist denn du, wenn du mich eine Hure nennst? Lass in Zukunft gefälligst die Finger von mir, wenn ich dir zu billig bin! So einen wie dich finde ich hinter jeder Mülltonne!«

Vulve Matisse wehrte sie mit einer schallenden Ohrfeige ab. Gleich darauf krümmte er sich jaulend. Die Aufgebrachte hatte ihn mit dem Knie an seiner empfindlichsten Stelle getroffen.

»Das zahle ich dir heim«, japste er mühsam und versuchte, sie zu packen.

Anita Carreras schwarze Augen schleuderten Blitze. Niemand durfte wagen, ihre Ehre anzutasten. Auch Vulve nicht. Es spielte keine Rolle, dass er im Grunde recht hatte.

»Wenn du mich anfasst, läufst du für den Rest deines Lebens als Lady ’rum«, fauchte sie. »Dann hast du nichts mehr, worauf du dir etwas einbilden könntest.« Sie hob erneut ihr Knie, um ihm zu demonstrieren, was sie beabsichtigte.

Der Kubaner brachte sich auf Distanz, aber im selben Augenblick hielt er ein Messer in der Hand. Spielerisch ließ er seinen Daumen über die Schneide gleiten.

»Hure!«, stieß er hervor und wippte wurfbereit mit der Klinge. »Du drohst mir? Was wärst du denn ohne mich, du billige Schlampe? Noch heute würdest du es mit jedem treiben, der dir zehn Dollar zahlen könnte. Nur mir hast du zu verdanken, dass du deine Ansprüche höherschrauben konntest.«

»Leg das Messer weg, Vulve!«, forderte die Kubanerin giftig und schaute sich sicherheitshalber nach einer Deckung um. Vulve war unberechenbar. Besonders, wenn er getrunken hatte, was fast immer der Fall war.

Der Mann fühlte sich mit der Waffe stark.

»Sage, dass du eine verdammte Nutte bist«, forderte er die Frau gehässig auf und hob den Wurfarm. »Gib zu, dass du es vor einem Jahr noch für eine warme Suppe getrieben hättest!«

Anita Carrera spie Gift und Galle, aber sie hütete sich, eine riskante Bewegung auszuführen. Vulve war ein verdammt schneller und sicherer Messerwerfer. Das hatte sie schon mit eigenen Augen erlebt.

»Wir wollen uns wieder vertragen«, lenkte sie ein.

Der Kubaner hatte schon zu viel Rum getrunken. Er spürte das Bedürfnis, seine Überlegenheit herauszustellen.

»Hinterher«, lehnte er ab. »Erst gehorchst du, oder ich ...«

Weiter gelangte er nicht. Ein Summton ließ ihn verstummen.

Anita Carrera atmete auf.

»Besuch«, flüsterte sie. »Wer mag das sein?«

Vulve Matisse schnitt eine Grimasse, steckte aber das Messer weg und fuhr sich mit allen zehn Fingern durchs krause Haar.

»Hoffentlich ein Kunde«, entgegnete er. »Es wird Zeit, dass die Kasse wieder klingelt. Geh hinunter! Ich komme auf dein Zeichen nach, falls es erforderlich ist.«

Der Streit war vergessen. Ab sofort dachten beide nur noch an möglichen Profit. Darin gab es zwischen ihnen keine Meinungsverschiedenheiten.

Anita Carrera klapperte auf hochhackigen Pumps eine ausgetretene Holztreppe hinunter.

Im Erdgeschoss befand sich eine Pizzeria, welche die Gäste nicht nur aufsuchten, um etwas zu essen oder einen Drink zu nehmen. Viele wollten im Nebenzimmer Billard spielen oder sich die Zeit an Flippergeräten oder Geldspielautomaten vertreiben.

Ein paar Eingeweihte wussten auch, dass es hier etwas fürs Herz gab. Nicht ganz billig, aber, so war die Meinung derer, die es wissen mussten, Anita war ihr Geld wert.

Pedro, die schmuddelige Bedienung, deutete im Vorbeischlurfen mit einer gelangweilten Kopfbewegung zu dem Mann am Tresen. Anita Carrera steuerte auf ihn zu.

»Hallo!«, grüßte sie mit dunkler, verheißungsvoller Stimme.

Der Mann war Bount Reiniger. Er steckte in einem cremefarbenen Anzug und drehte einen gleichfarbenen Hut zwischen den Händen. In seiner Krawatte glitzerte ein winziger Diamant. So putzte er sich nur selten heraus.

»Hallo!«, erwiderte er und musterte die Kubanerin mit zusammengekniffenen Augen, bevor er sich wieder seinem Drink zuwandte.

»Trinken Sie immer allein?«, setzte Anita Carrera das unterbrochene Gespräch fort.

Wieder traf sie ein zweifelnder Blick.

»Hören Sie, Miss. Ich bin nicht zu meinem Vergnügen hier. Ich habe Probleme, also lassen Sie mich in Ruhe.«

Bount spielte seine Rolle gekonnt. Er wusste von Pedro, dass ihm diese Frau weiterhelfen konnte, doch er wollte sein Interesse nicht zu deutlich zeigen. Ein Mann in seiner angeblichen Situation war durch eine gehörige Portion Misstrauen charakterisiert.

Die Frau schob sich dichter an ihn heran, bis sich ihre Schultern berührten. Sie griff nach seinem Glas, nahm einen winzigen Schluck und hinterließ ihren Lippenstift am Rand.

»Vielleicht kann ich helfen, Ihre Probleme zu lösen, Mister«, sagte sie. »Ich kenne einige Leute, die Dinge fertigbringen, die man kaum für möglich hält. Auch die Polizei steht oft vor einem Rätsel.«

Jetzt hielt es Bount für angebracht, seine Zurückhaltung aufzugeben. Er blickte sich vorsorglich nach allen Seiten um, ob sie nicht belauscht wurden, und senkte seine Stimme zu einem Flüstern.

»Mein Name ist Ronald Brown«, erklärte er.

»Namen tun nichts zur Sache«, entgegnete die Kubanerin schnell. »Sie können oft gefährlich sein. Ich werde Sie Ronald nennen, und ich bin Anita.«

»Hallo, Anita! Was wollen Sie trinken?«

»Etwas Alkoholfreies. Pedro kennt schon meinen Geschmack.«

Augenblicke später stand ein nach Pfefferminz duftender, grüner Longdrink vor der Frau. Sie nippte an ihm, kletterte auf den Hocker neben Bount und ließ ihren engen Rock geschickt in die Höhe rutschen. Wenn der Typ in der eleganten Schale wider Erwarten nicht zwei Riesen brachte, wollte sie ihn wenigstens um ein paar Hunderter erleichtern. Mit ihm würde es wahrscheinlich sogar Spaß bereiten.

Bount wartete noch einige Minuten, ehe er sein Anliegen vorbrachte.

»Ich habe diese Adresse von einem Freund. Ich weiß nicht recht, wie ich beginnen soll. Die Situation ist für mich irgendwie befremdlich. Ich war noch nie gezwungen, auf diese Weise meine Schwierigkeiten zu regeln.«

»Vor mir brauchen Sie keine Hemmungen zu haben«, ermunterte ihn die Frau mit gewagtem Lächeln.

»Es ... es geht um eine Frau. Ich habe sie vor einem Jahr kennengelernt. Kennen und lieben. Sie ist fantastisch! Verzeihen Sie, wenn ich in Ihrer Gegenwart zu schwärmen beginne. Aber es ist Tatsache, dass ich noch nie zuvor eine solche Frau erlebt hatte. Ich möchte sie unbedingt für immer bei mir haben.«

»Verstehe.«

»Das glaube ich kaum. Diese Frau lebt leider nicht in den Staaten, sie stammt aus ärmlichen Verhältnissen, und sie ist bedauerlicherweise verheiratet.«

»Aha«, sagte Anita, wobei offenblieb, ob sie die Problematik erkannte.

»Selbst wenn es mir gelänge, Meike zu entführen und mit ihr das Land zu verlassen, wie sollte ich sie in die Staaten bringen? Diese Frage beschäftigt mich schon seit Wochen und macht mich ganz krank.«

Die Kubanerin lächelte süß. »Was hält Ihre Geliebte von Ihrer Absicht?«

»Sie würde lieber heute als morgen bei mir sein. Ich kann ihr nicht nur erheblich mehr bieten als ihr Mann, der für eine große Gesellschaft Bauxit fördert, vor allem liebt sie nur mich. Freiwillig lässt dieser Bursche sie natürlich nicht gehen. Was soll ich nur tun?«

»Zunächst müssen Sie mir sagen, wo sich Ihre Meike aufhält.«

»In Brokopondo.«

»Wo liegt das?«

»Im nördlichen Surinam.«

Anita Carrera pfiff durch die Zähne. Es hörte sich ordinär an und passte nicht zu ihrem sonstigen Gehabe.

»Das wird nicht ganz billig«, sagte sie.

»Sie meinen, Sie sehen eine Möglichkeit, Meike herüberzubringen, ohne dass sie erwischt wird oder ich in Schwierigkeiten gerate?«

»Wenn Sie oder Ihre Freundin keine Schwierigkeiten bereiten, von unserer Seite kann ich perfekte Arbeit garantieren.«

Bount tat erstaunt. »Sie meinen, Sie selbst ...«

Anita wehrte lachend ab. »Unsinn! Ich gebe nur Ihren Wunsch weiter. Den Wunsch und das Geld.«

»Wie viel?«

Die Kubanerin zögerte. Offensichtlich taxierte sie den Kunden, der recht finanzkräftig auf sie wirkte. Den konnte man getrost kräftiger als üblich zur Ader lassen. Entscheiden durfte sie das allerdings nicht selbst. Dazu brauchte sie Vulve. Leider!

»Warten Sie hier«, bat sie und rutschte vom Hocker. »Ich bin gleich wieder da.«

Sie verschwand durch die Tür, durch die sie aufgetaucht war, und es dauerte tatsächlich kaum mehr als fünf Minuten, bis sie mit Vulve Matisse zurückkehrte.

»Das ist Vulve«, stellte sie vor.

Der Kubaner riss sofort die Unterhaltung an sich und stellte seine Partnerin ins Abseits.

»Achttausend«, verlangte er lauernd. »Natürlich in bar.«

Bount zuckte zusammen, fasste sich aber schnell und versuchte zu handeln, doch Vulve Matisse blieb eisern.

»Acht Riesen, oder Sie können das Geschäft vergessen. Es ist ohnehin ein Spottpreis, wenn Sie das Risiko und unsere Unkosten bedenken. Natürlich können Sie nicht verlangen, dass wir Ihre Tussi für dieses Trinkgeld von ihrem Mann kidnappen. Sie muss zur richtigen Zeit an einer Stelle sein, die Sie ihr rechtzeitig mitteilen werden. Von dort wird sie auf ein Schiff verfrachtet. Alles andere ist Routine. Es wird erst hier vor der Küste noch einmal brenzlig. Aber dieser Gefahr sind unsere Leute gewachsen.«

»Welche Garantie habe ich, dass Sie das Geld nicht einfach einstecken und mich betrügen? Vielleicht existiert dieses Schiff, von dem Sie sprechen, gar nicht.«

»Solche Geschäfte sind Vertrauenssache«, erwiderte der Kubaner überheblich. »Einen Film haben wir über unsere Aktionen noch nicht drehen lassen.« Er lachte meckernd, und Bount schlug eine geballte Ladung Alkoholdunst ins Gesicht.

Er zog seine Brieftasche und entnahm ihr zehn Hundertdollarnoten, die er vor sich auf den Tresen legte.

Vulve Matisse griff zu, aber Bount hatte seine Hand vor ihm auf dem Geld.

»Halt!«, bremste er den Voreiligen. »Mehr habe ich im Moment nicht bei mir. Es ist aber kein Problem, den Rest zu bringen. Doch dafür erwarte ich eine gewisse Garantie, dass ich nicht für nichts und wieder nichts zahle.«

»Wie stellen Sie sich das vor, Mister?«, brauste der Kubaner auf. »Wollen Sie vielleicht an so einer Fahrt teilnehmen?«

»Warum nicht? Das würde mich außerordentlich beruhigen.«

»Viel zu gefährlich! Ich müsste auch erst mit dem Boss reden.«

»Dann tun Sie das, bitte.« Bount schickte sich an, die Banknoten wieder einzustecken.

Anita warf Vulve einen beschwörenden Blick zu. Es schmerzte sie, zusehen zu müssen, wie das schöne Geld wieder in der anderen Brieftasche verschwand. Acht Riesen hatte Vulve gefordert. Das war mehr als sonst üblich. Den großen Gewinn erzielten ohnehin die anderen. Sie musste sich mit Kleingeld zufriedengeben. Warum sollte sie nicht mal ein paar Lappen extra einfahren?

Vulve Matisse verstand ihren Blick und bedeutete Bount zu warten. Er verließ den Schankraum und blieb eine halbe Stunde weg.

Diese Zeit nutzte Anita, um Bount nach weiterer Zahlungsbereitschaft abzutasten.

»Sie gefallen mir, Ronald«, erklärte sie unumwunden. »Schade, dass Sie nur an Ihre Meike denken. Ich hätte Ihnen auch einiges zu bieten. Und ich wäre Ihnen kein Klotz am Bein.«

Bount grinste. »Sie wären ein ausgesprochen erfreulicher Klotz, Anita. Ich verspreche Ihnen schon jetzt eine hübsche Extrabelohnung, wenn alles glatt über die Bühne geht.«

Vulve Matisse kehrte zurück.

»Sie haben Glück«, berichtete er. »Der Boss ist einverstanden, dass Sie sich mit eigenen Augen von unserer reellen Arbeit überzeugen können. Er verlangt aber, dass Sie den halben Betrag anzahlen. Also viertausend. Der Rest wird fällig, sobald wir Ihr Misstrauen zerstreut haben. Sind Sie damit einverstanden? «

Bount nickte nach kurzem Zögern. Er hatte auf Anhieb mehr erreicht, als er zu hoffen gewagt hatte. Entweder ließ die Geldgier diese Leute jede Vorsicht vergessen, oder sie hatten tatsächlich ihren Kunden gegenüber nichts zu verbergen. Raul Perrazo konnte ja auch bei einem Streit von einem der anderen Einwanderer getötet worden sein.

Diese Menschen, die das Äußerste wagten, um in das Gelobte Land zu gelangen, lebten wochenlang in einer extremen Stresssituation. Es war kein Wunder, wenn sich die aufgestaute Spannung bei dem einen oder anderen auf aggressive Weise entlud.

Nachdem Bount die tausend Dollar dem Kubaner hinübergeschoben hatte, vereinbarten sie, dass er mit seiner Geliebten Kontakt aufnahm, um sie auf die geplante Aktion vorzubereiten. Später würde dann alles ziemlich schnell gehen müssen.

»Können wir Sie irgendwo erreichen?«, erkundigte sich Vulve Matisse.

Bount war sich im Klaren, dass man ihn möglicherweise beobachten würde, bevor man ihn in streng gehütete Geheimnisse einweihte. Es durfte also niemand erfahren, dass er Detektiv war und für Greco Perrazo arbeitete. Auch musste sein Kontakt zu der bildhübschen June befremdlich wirken, wenn er angeblich von einer Frau in Surinam träumte.

»Ich bin erst vor ein paar Stunden aus Arizona hier eingetroffen und habe mir noch keine Zeit genommen, mich um ein Quartier zu kümmern. Wird hier vielleicht vermietet?«

Wie nicht anders erwartet, erhielt er einen abschlägigen Bescheid. Doch empfahl ihm der Kubaner eine Pension, in der er Bount ankündigen wollte.

»Gehen Sie in der nächsten Zeit möglichst nicht zu oft aus«, empfahl er. »Es kann sein, dass wir schnell mit Ihnen Kontakt aufnehmen müssen. Die Schiffe warten nicht.«

Bount sagte zu, sich an diese Anweisung zu halten. »Wenn ich innerhalb der nächsten drei Tage nichts von Ihnen höre, melde ich mich wieder bei Pedro.«

Vulve Matisse grinste böse. »Nichts da, Mister! Sie liefern morgen die fehlenden drei Mille bei mir ab. Vorher läuft überhaupt nichts. Übrigens, falls Sie nicht das ganze Unternehmen in Frage stellen wollen, rate ich Ihnen dringend, in nächster Zeit den Schweigsamen zu spielen. Also kein Wort zu irgendjemandem. Kapiert?«

»Das ist doch selbstverständlich. Ich werde Sie erst weiterempfehlen, nachdem ich Meike in die Arme schließen konnte.«

Sie waren sich einig, obwohl jeder insgeheim seine eigenen Ziele verfolgte. Bount Reinigers Papiere waren längst nicht so gut, wie er hoffte.

5

Bount zog in die genannte Pension ein und zahlte am folgenden Tag die restlichen dreitausend Dollar.

Mit June nahm er von einer Telefonbox am Strand Kontakt auf, als er sie in ihrem Hotelzimmer wusste.

»Ich habe kein gutes Gefühl, Großer«, klagte sie.

Bount lachte. »Was willst du, June? Du warst es schließlich, die mich hergeholt hat. Nur auf diese Weise spüre ich die Organisation auf. Die Kubaner haben meine Story geschluckt. Jetzt muss ich erfahren, wer ihr Boss ist. Ich glaube nicht, dass wir das wahre Motiv schon kennen. Perrazo hat sechstausend gezahlt, von mir wurden acht verlangt, wobei ich vermute, dass sich dieser Vulve die Differenz in die eigene Tasche schiebt. Das lohnt sich doch für eine vielköpfige Gang nicht, die auch noch erhebliche Unkosten abziehen muss.«

»Was vermutest du?«, fragte June.

Darauf konnte Bount noch keine Antwort geben. Er hatte lange darüber nachgedacht und die gewagtesten Theorien aufgestellt.

Vielleicht wurden die Einwanderer auf hoher See festgehalten und nur gegen ein Lösegeld freigelassen, das beträchtlich höher war als die anfangs geforderte Summe.

Er hielt aber auch für denkbar, dass die Ahnungslosen als Legionäre in Krisengebiete verschachert wurden, wo man sie zwang, für eine Idee zu kämpfen, mit der sie absolut nichts zu tun hatten. Hiergegen sprach allerdings, dass auch Frauen und Kinder nach Greco Perrazos Angaben zu den Verschwundenen zählten.

»Es ist sinnlos, sich darüber den Kopf zu zerbrechen«, sagte Bount. »Ich hoffe, dass ich schon bald Gelegenheit erhalte, diese Fragen vor Ort zu ergründen. Rufe mich nicht in der Pension an. Ich nehme an, dass die Telefone dort abgehört werden. Ich werde ein paar irreführende Gespräche führen. Im Übrigen kann ich nur abwarten.«

»Greco Perrazo gibt sich sehr ungeduldig«, sagte June. »Der niederträchtige Tod seines Bruders hat ihn arg mitgenommen. Hoffentlich unternimmt er nichts auf eigene Faust.«

»Ich verlasse mich auf dich, dass du ihn davon abhältst. Ich kann keinen Kontakt zu ihm halten. Das würde auffallen. Ich melde mich von nun an alle acht Stunden bei dir, falls es keine dringenden Nachrichten gibt.«

»Pass auf dich auf, Bount.«

»Das habe ich vor.«

Bount Reiniger, dessen Erfolge in der Verbrecherjagd manchmal geradezu phänomenal waren, hängte den Hörer ein und schlenderte am Strand entlang. Dabei hatte er schon bald das Gefühl, beobachtet zu werden.

Er setzte sich in ein Strandcafé und bestellte einen Espresso. Dabei tat er gelangweilt, beobachtete seine Umgebung jedoch scharf.

Nach kurzer Zeit glaubte er, seinen anhänglichen Schatten erkundet zu haben. Es handelte sich um eine weißblonde Sexbombe, die an einem der Nebentische Platz genommen hatte und von Zeit zu Zeit ein unergründliches Lächeln zu ihm hinüberschickte.

Bount erwiderte flüchtig ihren Blick und widmete sich wieder seinem Espresso.

Gleich darauf tauchte sie an seinem Tisch auf und bat ihn um Feuer für ihre Zigarette.

»Ich habe Sie hier noch nie gesehen«, flötete sie.

»Ich bin auch erst kurze Zeit hier«, antwortete Bount bereitwillig. »Geschäftlich«, fügte er hinzu, nachdem sie ungeniert auf dem freien Stuhl Platz genommen und ihre schlanken Beine übereinandergeschlagen hatte.

»Sie müssen ausgezeichnete Geschäfte machen«, meinte sie und schenkte ihm einen erregenden Blick.

Bounts Augen blieben matt. Er durchschaute das Spiel. Seine Partner wollten in Erfahrung bringen, wie viel ihm an seiner Geliebten in Surinam lag.

Er schaute aufs Meer hinaus, wo sich die Surfer tummelten, und seufzte leidend.

»Kummer?«, fragte die Weißblonde mit gespielter Anteilnahme.

Bount grinste verlegen. »Das alte Lied von den Königskindern: Sie konnten zusammen nicht kommen!«

Die Weißblonde klatschte begeistert in die Hände. »Himmel, Sie sind ja romantisch. Ich liebe Romantiker.« Sie rückte ihren Stuhl dichter an Bount heran und suchte seine Hand.

Bount schüttelte den Kopf und zog seine Hand fort.

»Wenn Sie einen Drink spendiert haben wollen, dann sagen Sie es«, erklärte er ungehalten. »Aber im Übrigen lassen Sie mich in Ruhe. Ich bin nicht aufgelegt, die Augen zu verdrehen.«

Blitzartig änderte sich das Gebaren der Strandschönen. Sie sprang auf und schrie ihn an: »Was fällt Ihnen ein, Sie Flegel? Was glauben Sie, wen Sie vor sich haben?«

Bevor Bount die Erzürnte beschwichtigen konnte, tauchte ein Kerl auf, der anscheinend nur auf sein Stichwort gewartet hatte. Er trug einen Maßanzug und Modellschuhe. Der Inhalt aber war ungeschliffen und grob. Ein Affe hätte sich geschämt, so auszusehen.

»Hat der Typ Sie belästigt, Miss?«, erkundigte er sich scheinheilig und ließ seine Muskeln spielen.

Das falsche Luder mit den angeklebten Wimpern verzog weinerlich die Lippen und deutete anklagend auf Bount.

»Er hat mich behandelt wie eine ...« Den Rest behielt sie für sich. Mehr war auch nicht nötig, denn der Kerl mit den Schmiedehammerfäusten hörte ohnehin nicht zu. Er hatte seinen Einsatz.

Bount hielt blitzschnell nach weiteren Gegnern Ausschau, doch offenbar gab es keine zusätzlichen Darsteller in dieser laienhaft inszenierten Komödie.

Er stand auf, bevor ihn der andere erreichte, und wartete ab.

»Ein Missverständnis«, versuchte er zu erklären, obwohl er genau wusste, dass hier jedes Wort vergeblich war. Er durchschaute nur noch nicht ganz den Sinn.

Der Gorilla fletschte die Zähne und zeigte beachtliche Lücken. Seine Fäuste aber waren vollständig, und damit schlug er zu.

Bount federte zurück. Solche plumpen Angriffe stellten keine Gefahr dar.

Er hoffte immer noch, dass sich sein Gegner anders besann. Er hasste sinnlose Schlägereien. Wenn er Pech hatte, tauchte die Polizei auf und zwang ihn, sich auszuweisen. Er trug seine Papiere vorsichtshalber nicht bei sich.

Auch sein Schulterholster mit der Automatic hatte er nicht umgelegt. Als Ronald Brown würde er damit verdächtig erscheinen. Die Polizei würde jedoch auf einer Legitimation bestehen. Damit wären seine Rolle und sein ganzes Vorhaben gefährdet.

Sein Widersacher knurrte böse, als er ins Leere schlug. Das steigerte seine Wut. Er griff nun unbeherrscht an.

Die Weißblonde zog sich zurück. Ihre Aufgabe war erfüllt.

Es gelang Bount, einen Uppercut ins Ziel zu bringen. Der andere ächzte. Verdutzt ließ er die Fäuste sinken und stierte sein vermeintlich hilfloses Opfer an. Mit so wirkungsvoller Gegenwehr hatte er nicht gerechnet.

Bount erkannte, dass er einen Fehler begangen hatte. Er durfte nicht den geschickten Kämpfer herauskehren. Er war irgendein Geschäftsmann aus Arizona, kein durchtrainierter Privatdetektiv, zu dessen täglichem Brot es gehörte, sich mit Gangstern aller Schattierungen herumzuprügeln.

Um jeden Argwohn zu zerstreuen, schluckte er absichtlich eine linke Gerade. Er taumelte mehr, als nötig gewesen wäre, und stellte fest, dass der Gorilla den Clinch suchte. Auch im Nahkampf stellte er nun eine erbärmliche Figur dar.

Als er die ungeschickte Hand in seinem Sakko spürte, wusste er, dass seine Rechnung aufgegangen war. Er schlug seinem Gegner mit halber Kraft in den Magen, worauf dieser nicht die geringste Wirkung zeigte. Als eine Faust seine Brust berührte, stolperte Bount nach hinten und stürzte. Er versuchte, angeschlagen auszusehen, und schämte sich, weil er ein so jämmerliches Bild abgeben musste.

Der andere setzte nicht nach. Er stieß noch eine Drohung aus, die darin gipfelte, sich in Zukunft gefälligst gegenüber einer Lady anständig zu benehmen. Darauf trottete der Schläger davon.

Ein Griff in die Brusttasche überzeugte Bount davon, dass seine Brieftasche verschwunden war. Er hatte nichts anderes erwartet.

Er klopfte sich den Schmutz vom Anzug und grinste insgeheim.

Die Brieftasche enthielt ungefähr dreihundert Dollar, eine Rechnung, die auf den Namen Ronald Brown ausgestellt worden war, und vor allem einen handgeschriebenen Brief. Ihn hatte er von June verfassen und mit »Deine Dich ewig liebende Meike« unterschreiben lassen. Darin kam die Sehnsucht einer Frau zum Ausdruck, endlich für immer bei ihrem Ronny zu sein.

Die Halunken hatten sich den Köder geholt. Jetzt mussten sie ihn nur noch schlucken.

6

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem er sein Pensionszimmer aufgesucht hatte, wurde er ans Telefon gerufen.

Er meldete sich mit Brown und erkannte die Stimme des Kubaners.

»Sind Sie’s, Ronald?«

»Natürlich. Wer soll ich sonst sein?«

»Sie hören sich so fremd an.«

»Kein Wunder, Vulve. Ich hatte Ärger. Irgend so ein Muskelprotz hat mich zusammengeschlagen und mein ganzes Bargeld geraubt. Zum Glück handelte es sich um keine bedeutende Summe. Aber mein Anzug ist ruiniert, und jeder Knochen im Leib tut mir weh. Florida ist ein scheußliches Pflaster. Ich werde froh sein, wenn ich endlich wieder zu Hause in Arizona bin.«

»Sie sind selbst schuld«, tadelte der Kubaner. »Ich hatte Sie ausdrücklich aufgefordert, in der Pension zu bleiben. Ich habe schon einmal versucht, Sie zu erreichen.«

»Aber ich muss doch auch einmal etwas essen«, verteidigte sich Bount lahm. »Außerdem ersticke ich in diesem Zimmer. Sie haben mir eine wahre Bruchbude empfohlen. Ich bin bessere Quartiere gewöhnt.«

»Wollen Sie Ihre Tussi in die Staaten holen oder nicht?«, fragte Vulve Matisse grob.

»Na... natürlich«, stotterte Bount.

»Dann halten Sie sich gefälligst an meine Anweisungen und vergessen Sie Ihren gewohnten Lebensstil. Während der nächsten Tage werden Sie sogar auf ein richtiges Bett verzichten müssen, falls Sie es sich nicht doch anders überlegen.«

Bount straffte sich. »Heißt das, dass es losgeht?«, erkundigte er sich heiser.

»Heute Nacht läuft ein Fischkutter aus. Sie werden mit an Bord sein. Ziehen Sie sich wetterfest an. Man wird Sie abholen. Das Kennwort ist >Ölpest<. Sie antworten darauf >Fliederstrauß<. Ist das klar?«

»Ich habe verstanden. Kann ich ... ich meine die Frau in Surinam, kann ich sie schon in einem Brief vorbereiten?«

»Noch keine Einzelheiten«, wehrte Vulve ab. »So schnell geht das alles nicht. Vor allem müssen Sie dafür sorgen, dass der Ehemann der Puppe nichts erfährt. Noch eine Frage?«

»Muss ich heute Nacht irgendetwas mitnehmen? Verpflegung zum Beispiel?«

»Sie werden mit allem versorgt. Delikatessen werden allerdings an Bord nicht gereicht. Noch eins: Die Männer in dem Boot üben einen gefahrvollen Job aus. Legen Sie sich nicht mit ihnen an. Sie sind über den Passagier ohnehin nicht erfreut. Am besten, Sie machen sich möglichst unsichtbar. Falls eine Patrouille der Coast Guard den Kutter aufbringt, sind Sie ein Tourist, der mal mit den Fischern aufs Meer fahren wollte. Ein falsches Wort von Ihnen, und Sie haben alles verdorben.«

»Ich weiß, um was es geht, Vulve«, beteuerte Bount eifrig. »Ich werde keinen Fehler begehen.«

Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, kehrte Bount in sein Zimmer zurück und traf einige Vorbereitungen für die nächtliche Fahrt.

Eine Schusswaffe durfte er nicht mitnehmen. Er musste damit rechnen, dass man ihn kontrollierte. Doch ein kräftiges Klappmesser konnte keinen Verdacht wecken. Viel ließ sich damit allerdings im Ernstfall nicht anfangen.

Eine Stunde später verließ er, entgegen der ausdrücklichen Anordnung des Kubaners, die Pension und suchte ein Restaurant auf. Er nahm seine Mahlzeit ein und rief June an.

»Es geht los, June. Heute Nacht soll ich Zeuge werden, wie ein paar Illegale eingeschmuggelt werden.«

»Wenn ich dir nur helfen könnte«, sagte June.

»Das kannst du. Sollte ich mich innerhalb der nächsten drei Tage nicht bei dir melden, informierst du Toby. Die hiesige Polizei schaltest du nur ein, wenn Toby keine bessere Idee hat. Unternimm vor allem nichts auf eigene Faust. Damit hilfst du mir am meisten.«

Danach kehrte Bount auf dem schnellsten Weg in die Pension zurück und blieb dort, bis es an seine Zimmertür klopfte.

»Ich komme wegen der Ölpest, Mister.«

Bount atmete tief durch. »Einen Moment, bitte. Ich muss nur noch dem Fliederstrauß Wasser geben.«

Er öffnete die Tür und sah einen schmächtigen Burschen mit verschlagenem Blick vor sich.

»Gehen wir!«, befahl das Männchen und drehte sich auf dem Absatz um. Damit zeigte er deutlich die Absicht, sich in kein Gespräch mit dem ungebetenen Passagier einzulassen.

Bount folgte ihm. Draußen war es längst dunkel. Er war gespannt, ob diese Nacht Licht in das Rätsel um den Tod Raul Perrazos bringen würde.

7

Der Kutter sah schäbig und klapprig aus, doch der eingebaute Motor verursachte kaum Lärm. Er musste ein kleines Vermögen gekostet haben. Kein normaler Fischer hätte ihn sich leisten können.

Bount kauerte am Heck des Bootes und stellte sich schlafend. Er hoffte, dass sich die sechsköpfige Besatzung dann ungenierter unterhalten würde.

Doch er wurde enttäuscht. Kaum ein überflüssiges Wort drang über die Lippen der Männer. Sie bildeten ein eingespieltes Team, das sein Ziel kannte. Fragen und Anweisungen erübrigten sich. Jeder erledigte die Handgriffe, für die er zuständig war.

Sie fuhren nun bereits drei Stunden in ungefähr südöstlicher Richtung. Von Zeit zu Zeit tauchten in der Ferne die Lichter eines anderen, größeren Schiffes auf und zogen vorbei. Niemand schien von dem Kutter Notiz zu nehmen.

Auch um Bount kümmerte sich keiner. Der Boss hatte erlaubt, dass er mitfuhr. Also erhob niemand dagegen Einspruch.

Bount bedauerte, nicht doch seine Automatic eingesteckt zu haben, denn man hatte sich für den Inhalt seiner Taschen nicht interessiert. Er sah deutlich, dass einige der angeblichen Fischer bewaffnet waren, doch keiner von ihnen wandte sich in feindlicher Absicht gegen ihn. Alle dachten offenbar nur an die Leute, die sie irgendwann an Bord nehmen sollten.

Bount blinzelte in die Nacht hinaus. Er war sich im klaren, dass er gegen sechs Gegner im Ernstfall keine Chance hatte. Doch er war überzeugt, seine Rolle glaubwürdig zu spielen. Wenn die Halunken an ihm und seiner Geliebten in Surinam verdienen wollten, musste sie ihn unbehelligt lassen.

Plötzlich spürte er eine gewisse Spannung in der Mannschaft. Er richtete sich auf und erkannte in der Ferne einen Schatten, auf den sie nach einer Kurskorrektur zusteuerten.

Bounts bemächtigte sich eine ungewöhnliche Erregung. Er hielt die Augen offen. Ihm durfte nichts entgehen. Seine einzige Orientierungshilfe stellte seine Uhr dar. Anhand der Zeit würde er später schätzen müssen, wie weit sie sich von der Küste Floridas entfernt hatten.

Zu seiner Enttäuschung ließen die Männer das Schiff passieren. Doch eine Viertelstunde später stoppten sie. Das leise Motorengeräusch verstummte vollends. Die Besatzung bewaffnete sich mit Ferngläsern und starrte in die Richtung, in der das Schiff verschwunden war.

Mehr als eine Stunde verging.

»Dort sind sie«, zischte einer und deutete nach Osten.

Die übrigen Köpfe ruckten herum. Ein paar gestikulierten mit den Armen. Taue wurden ausgerollt, zwei Rettungsringe bereitgelegt.

In die Stille hinein klangen gedämpfte Kommandos. Jetzt sah auch Bount das Schlauchboot, das auf den Kutter zutrieb.

Er zählte fünf Köpfe. Die Menschen in dem windigen Gefährt jubelten verhalten. Sie erblickten die Rettung vor sich.

Die Rettungsringe klatschten ins Wasser, Taue strafften sich. Der erste kletterte an Bord und umarmte dankbar den Fischer, der ihm am nächsten stand.

Er wurde brutal zurückgestoßen. »Holt die anderen herein! Beeilt euch, verdammt! Zuerst die Frau.«

Es handelte sich um eine Frau und vier Männer, ausnahmslos Farbige. Sie wirkten erschöpft und verängstigt.

Das Schlauchboot trieb langsam davon, nachdem der Letzte es verlassen hatte.

Die Geretteten schauten sich ratlos um. Sie froren in ihren nassen Sachen.

Die Frau, sie mochte fünfundzwanzig Jahre alt sein, obwohl sie älter aussah, taumelte vor Schwäche. Bount sprang herbei, um sie zu stützen.

»In den Laderaum mit ihnen!«, befahl einer von der Besatzung. »Hier oben sind sie uns im Weg.«

Bount war der Frau behilflich, durch die Luke zu klettern, und folgte ihr. Er hatte die Absicht, sie über die Umstände ihrer Einwanderung zu befragen.

Die Fischer kümmerten sich nicht um ihn. Das war ihm recht.

»Woher kommen Sie?«, flüsterte Bount.

Die Frau antwortete in Spanisch. Er erfuhr, dass sie alle aus Kuba stammten, sich aber erst auf dem Schiff kennengelernt hatten.

Sie hieß Maria Paradiso und hatte in ihrer Heimat die Hölle erlebt. Ihre Liebe zu einem politisch Verfolgten, der vor einem Jahr ein Opfer des Regimes geworden war, hatte sie auf die schwarze Liste gebracht. Ihr ehemaliger Lehrer, dem schon vor Jahren die Flucht gelungen war und mit dem sie in lockerer Verbindung stand, hatte ihr dringend geraten, die Insel ebenfalls zu verlassen, bevor es dafür zu spät war. Tatsächlich war sie dem Militär nur mit viel Glück entgangen. Zu diesem Zeitpunkt war schon alles für ihre Flucht vorbereitet gewesen.

Sie war mit einem winzigen Motorboot geflohen und später von einem Frachter aufgenommen worden. Es befanden sich bereits drei weitere Flüchtlinge an Bord. Der letzte gesellte sich später hinzu. Damit waren sie komplett.

»Sie werden sicher von Ihrem Lehrer erwartet«, sagte Bount.

Maria Paradiso nickte glücklich. »Er wird in Miami sein und Papiere für mich haben. Unsere Freunde, die uns bis jetzt geholfen haben, können auch Pässe beschaffen. Wir haben gewaltiges Glück gehabt.«

Dieser Meinung schlossen sich auch die Übrigen an. Besonders ein älterer Mann, der von seinem Sohn - Ricardo Garanto - in Orlando in die Staaten geholt wurde, hatte Tränen der Dankbarkeit in den Augen.

»Wer immer in einem freien Land gelebt hat, kann nicht nachempfinden, wie uns zumute ist, Señor«, versicherte er. »Ich bin jetzt siebenundsechzig, aber ich will gerne bis an mein Lebensende hart arbeiten, um meinem Sohn die Auslagen zurückzuzahlen. Mein Ricardo hat eine hübsche Frau und vier Kinder. Der Älteste hat mich bereits zum Urgroßvater gemacht. Stellen Sie sich vor, Señor, ich werde meine Familie sehen und mit ihr leben dürfen.«

»Haben Sie keine Angst, dass noch etwas schiefgehen könnte?«, fragte Bount.

Vertrauensvolles Kopfschütteln war die Antwort. »Wir werden uns an alle Anweisungen halten. Sie brauchen uns nur zu sagen, was wir zu tun haben.«

Bount stellte richtig, dass er auf dem Kutter überhaupt nichts zu melden habe.

»Ich setze meine Hoffnungen ebenfalls auf diese Leute«, erklärte er, »und wollte mich nur davon überzeugen, ob ich ihnen vertrauen kann.«

Ein Kopf tauchte in der Luke auf.

»Was lungern Sie denn da unten herum?«, blaffte einer. »Kommen Sie nach oben! Die Leute wollen schlafen. Sie müssen ausgeruht sein, sobald wir uns der Küste nähern.«

Bount hütete sich, Unwillen zu erregen. Fürs Erste hatte er genug erfahren. Vorläufig gab es auch keine Anzeichen, dass die Crew des Kutters mit den Illegalen eine Gemeinheit im Schilde führte. Das Boot nahm wieder Kurs auf das Festland. In vier Stunden würde man es erreicht haben. Zu dieser Zeit kehrten üblicherweise die Fischer mit ihrem Fang zurück.

Bount kletterte nach oben. Die Luke wurde geschlossen.

»Was hattest du dort unten zu tuscheln, Schnüffler?«, wurde er angefahren. Zwei Kerle rissen seine Arme auf den Rücken. Ein dritter bohrte ihm den Lauf eines Revolvers in den Bauch.

Bount bemühte sich, seine Rolle nicht aufzugeben. Noch war nichts verloren.

»Vulve sagte mir, dass ich mich ruhig mit den Leuten unterhalten dürfe«, erwiderte er selbstbewusst. »Sie sind sehr froh, dass sie es nun bald geschafft haben. Meine Bedenken sind ausgeräumt. Wahrscheinlich wissen Sie, dass auch ich Ihre Hilfe in Anspruch nehmen möchte.«

Höhnisches Lachen schlug ihm entgegen.

»Du? Ein Bulle?«

Bount tat erschrocken. »Ein Bulle? Was meinen Sie damit? Ich habe nichts mit der Polizei zu tun. Ich habe bereits die Hälfte der geforderten Summe gezahlt und werde nach unserer Rückkehr unverzüglich den Rest begleichen.«

»Nichts wirst du. Du bist ein Spitzel. Du bildest dir ein, uns ans Messer liefern zu können, um uns das Geschäft zu verderben.«

»Wie kommen Sie denn darauf?«, verteidigte sich Bount und kalkulierte seine Chancen. Er würde keine Zeit haben, sein Messer aus der Hosentasche zu holen. Vorher war er tot. »Fragen Sie doch Vulve. Der kennt meine Geschichte. Und der Boss weiß auch Bescheid.«

»Stimmt, aber der ist auf dein Märchen nicht hereingefallen. Wir sind sicher, dass du uns lauter Lügen aufgetischt hast. Und wenn nicht?« Der Sprecher zuckte mit den Schultern. »Dein Pech. Wir können kein Risiko eingehen. Mach's Maul auf! Wer hat dich geschickt?«

Bount blieb bei seiner Version von dem Freund, der ihm Pedros Adresse gegeben hatte.

Eine derbe Faust klatschte in sein Gesicht.

Er hielt still. Der Revolver warnte ihn vor einer Unüberlegtheit.

»Wer weiß von diesem Ausflug? Du hast ein paarmal von der Pension aus, aber auch von draußen telefoniert. Man hat dich beobachtet. Damit hast du wohl nicht gerechnet?«

»Ich kann nichts anderes sagen, als dass ihr euch irrt. Ich möchte, dass ihr eine Frau aus Surinam herausholt. Ich liebe sie. Wollt ihr mehr Geld? Darüber können wir reden. Aber ich möchte mit Vulve verhandeln. Oder am besten gleich mit dem Boss. Mir liegt sehr viel daran, dass die Angelegenheit glatt über die Bühne geht.«

»Nicht über die Bühne«, höhnte sein Gegenüber. »Über Bord wirst du gehen. Durchsucht seine Taschen!«

Der Befehl galt den beiden Komplizen, die Bount noch immer wie in einem Schraubstock festhielten.

Jetzt mussten sie ihn loslassen, um ihn zu Filzen. Darin erkannte Bount seine Chance.

Bevor die erste Hand in seine Tasche fuhr, schlug er seitlich gegen die Revolverfaust des gefährlichsten Mannes.

Die Waffe schwenkte ein Stück herum. Der Kerl drückte reflexartig ab. Der Schuss löste sich. Die Kugel schrammte an Bounts Schulter vorbei und schlug in die Bootswand.

Im Laderaum begann es zu rumoren. Die Detonation war unten gehört worden. Zweifellos knüpften sich daran nun die schwärzesten Spekulationen. Sollten auch diese Bedauernswerten anschließend umgebracht werden?

Bount rammte dem Burschen, der genau hinter ihm stand, den Ellbogen in die Magengrube und verschaffte sich mit einem kreisenden Handkantenschlag ein wenig Luft.

Im nächsten Augenblick sprang er zur Seite.

Da rissen auch die beiden anderen ihre Revolver aus den Gürteln. Zwei ihrer Komplizen näherten sich vom Bug und nahmen Bount damit in die Zange. Es wurde brenzlig.

Widerstand war reiner Selbstmord. Einen konnte er vielleicht überwältigen. Möglicherweise sogar zwei. Doch spätestens dann erlag er seinen Verletzungen, die ihm die anderen in der Zwischenzeit beigebracht hatten.

Er ging hinter den Aufbauten in Deckung. Suchend glitt sein Blick über die Planken.

Im Film hätte er jetzt wahrscheinlich ein Schnellfeuergewehr in Reichweite entdeckt. Doch dies hier war kein Film, sondern raue Wirklichkeit, und die Gangster taten ihm nicht den Gefallen, ihm eine Waffe zu überlassen.

Vorsichtig richtete er sich etwas auf, zog aber den Kopf schleunigst wieder ein, als eine Kugel über seinen Scheitel zwitscherte. Das hätte ins Auge gehen können.

»Lebend kommst du hier nicht weg, Schnüffler!«, schrie einer hasserfüllt.

Die nächste Kugel klatschte dicht neben ihm ins Holz, und auch auf der anderen Seite blitzte es auf.

Bount hechtete quer über den Kutter und wechselte sofort wieder seinen Standort. Er stolperte über ein aufgerolltes Tau und ruderte durch die Luft.

Hinter ihm krachten Schüsse und johlten triumphierende Stimmen.

Da stieß er sich mit aller Kraft ab und flog über Bord. Es war seine Einzige Möglichkeit, ihren Kugeln zu entgehen.

Dafür erwartete ihn unweigerlich der nasse Tod.

8

Eine Zeit lang veranstalteten sie ein Scheibenschießen auf ihn. Zum Glück war es noch zu finster, um ihn zu treffen. Trotzdem war Bount gezwungen, immer wieder zu tauchen und an einer unerwarteten Stelle hochzukommen.

Doch wie lange wollte er das durchstehen? Sie hatten bestimmt keinen Mangel an Munition.

Er wartete eine erneute Salve ab und stieß einen gurgelnden Schrei aus. Dann ließ er sich sinken.

Als er wieder auftauchte, stellte er fest, dass sich der Kutter entfernte. Entweder glaubten die Gangster, ihn tatsächlich erledigt zu haben, oder sie wollten das den Naturelementen überlassen: dem Wasser, der Kälte und den Haien.

Der Gedanke an diese drei drohenden Gefahren ließ Bount erschauern. Gleichzeitig aber stachelte er seinen Überlebenswillen an. Noch war er nicht tot. Noch gab es eine winzige Chance.

Er begann zu schwimmen, obwohl ihm klar war, dass er auf diese Weise die Küste niemals erreichen würde. Sie waren vier Stunden unterwegs gewesen. Mit Muskelkraft würde er ein Vielfaches brauchen.

Bount war nicht der Mann, der sich aufgab. Auch nicht in ausweglos erscheinenden Situationen. Sonst würde er schon längst nicht mehr leben.

Zum Glück war er nicht verletzt. Seine Schuhe und seine Jacke zog er aus und folgte dem Kutter, den er schon kaum noch erkennen konnte.

Die See war verhältnismäßig ruhig, aber keineswegs spiegelglatt. Das Vorwärtskommen kostete eine Menge Kraft.

Von Zeit zu Zeit legte er sich auf den Rücken und achtete nur darauf, dass er nicht wieder zurückgetrieben wurde.

Er versuchte, an die Frau und die vier Männer im Rumpf des Kutters zu denken, um von seiner eigenen Situation abgelenkt zu werden. Erfahrungsgemäß mobilisierten die Schwierigkeiten anderer Leute bei Bount größere Kraftreserven als seine eigenen Probleme.

Nein, es war für ihn nur schwer vorstellbar, dass die Gangster für die paar tausend Dollar eine risikoreiche, kostspielige Flucht organisierten, um die Leute dann auf hoher See umzubringen. Das ergab keinen Sinn.

Raul Perrazo musste aus einem anderen Grund den Tod gefunden haben. Wenn die Gangster ihn nicht aus heiterem Himmel angegriffen hätten, würde Bount jetzt dazu neigen, sie für Idealisten zu halten, die an der Not anderer Menschen nichts verdienen wollten. Aber Idealisten pflegten nicht grundlos zu schießen.

Seine wasserdichte Uhr am Handgelenk funktionierte noch. Er war jetzt fast eine Stunde im Wasser. Seine Kräfte erlahmten. Er musste immer häufiger eine Pause einlegen.

War es nicht klüger, sich einfach treiben zu lassen und seine Energien zu sparen?

Langsam, aber sicher verwandelte ihn die Kälte in einen Eisklumpen. Das beeinträchtigte seine Durchblutung. Früher oder später würde sich der erste Krampf einstellen. Dann war er verloren.

Als er sich wieder auf den Rücken legte, entdeckte er in einiger Entfernung etwas Gelbes.

Ein freudiger Schreck durchzuckte ihn. Ob es sich um das Schlauchboot handelte, mit dem die Kubaner zum Kutter gerudert waren?

Er warf sich herum und schwamm darauf zu.

Tatsächlich! Es war das Boot, und es schien unversehrt zu sein.

Zehn Minuten brauchte er, bis er es erreichte und sich hineinziehen konnte. Erschöpft blieb er liegen.

Eine lange Ruhepause gönnte sich Bount nicht. Er musste überlegen, wie es weitergehen sollte. Ihm standen keine Riemen zur Verfügung. Außerdem war das acht Mann fassende Boot für einen Einzelnen nur unter großen Anstrengungen vorwärtszubewegen.

Er gelangte nach reiflichem Nachdenken zu dem Schluss, dass er nichts anderes tun konnte, als sich treiben zu lassen. Die Floridastraße gehörte nicht zu den einsamen Gewässern. Wenn er Glück hatte, wurde er bald entdeckt.

Er würde aber sehr großes Glück brauchen.

9

June wartete drei Tage und keine Minute länger. Dann griff sie zum Telefon und rief Toby Rogers in New York an.

Der Captain hörte ihr schweigend zu und zeigte sich anschließend bestürzt.

»Und das nennt ihr Urlaub?«, fauchte er. »Muss man euch denn immer ein Kindermädchen mitgeben? Was gehen euch die verdammten Illegalen an? Überlasst sie gefälligst der Polizei von Florida. Die Kollegen dort werden auch nicht mieser bezahlt als wir.«

»Ein Mann wurde ermordet, Toby«, mahnte June. »Nur ein Puertoricaner, aber ohne Frage ein Mensch, den sein Bruder geliebt hat. Ein kranker Mensch. Ein hilfloser Mensch ...«

»Hör schon auf, Mädchen«, unterbrach Toby Rogers. »Mir kommen gleich die Tränen.«

»Dazu hast du auch allen Grund«, fuhr June erregt fort. »Bount ist mit den Gangstern hinausgefahren, um ein paar von diesen Leuten zu holen. Spätestens in drei Tagen wollte er zurück sein. Diese Frist ist jetzt abgelaufen. Er trug mir auf, mich danach mit dir in Verbindung zu setzen. Ich mache mir große Sorgen.«

»Hast du die Küstenwache verständigt?«

»Das wollte Bount ausdrücklich nicht. Anscheinend traut er dir mehr Fingerspitzengefühl zu.«

»Danke für die Blumen. Ich muss nachdenken. Kann ich zurückrufen?«

»Ich bleibe im Hotel.« Sie gab ihm die Nummer.

Danach setzte sie sich mit Greco Perrazo in Verbindung, doch der Puertoricaner wusste auch nichts über Bounts Verbleib.

»Er ist tot«, murmelte er düster. »Eines Tages werden ihn Fischer aus dem Meer holen. Mit einem Messer im Rücken. Genau wie Raul.«

June wollte dagegenhalten, dass ihr Boss nicht zu den Leuten gehöre, die sich mir nichts, dir nichts ein Messer zwischen die Rippen jagen ließen. Sie musste aber zugeben, dass er sich längst bei ihr gemeldet hätte, würde er noch leben. Hätte sie ihn doch in Arizona gelassen!

Sie ließ sich das Essen aufs Zimmer bringen, um keinesfalls Tobys Anruf zu versäumen. Als das Telefon läutete, riss sie den Hörer von der Gabel.

»Zu was hast du dich entschlossen, Toby? Hallo, Toby?«

»Hier ist Bount«, erhielt sie zur Antwort. »Ich wollte mich nur bei dir melden, damit du dich nicht unnötig sorgst.«

»Bount?« June schrie diesen Namen in die Sprechmuschel. Tränen der Erleichterung rannen über ihre Wangen. Sie schämte sich ihrer nicht. »Wo, um alles in der Welt, steckst du?«

»In Miami, mein Schatz. Ich bin mit einer todschicken Jacht hergegondelt. Die hätte dir bestimmt auch gefallen.«

»Ich verstehe nur Bahnhof«, bekannte June. »Weißt du, dass ich vor drei Stunden bei Toby Alarm ausgelöst habe? Du hast dich länger als drei Tage nicht gemeldet.«

»Ich weiß. Die Floridastraße ist nur sehr spärlich mit Telefonzellen ausgestattet. Du kannst Toby wieder Entwarnung geben. Ich komme schnellstmöglich nach Vero Beach. Im Moment suche ich hier einen Mann.«

»Willst du mir nicht verraten, was du herausgefunden hast?«

»Mit Sicherheit weiß ich nur, dass ich mein Leben zwei reizenden Engländern zu verdanken habe. Einem Pärchen, das mein Schlauchboot auf dem Wasser treiben sah, als ich schon fast einen Hitzschlag hatte.«

»In einem Schlauchboot? Haben sie dich ausgesetzt?«

»Das wäre sehr milde ausgedrückt. Ich erzähle dir alles, wenn ich wieder bei dir bin. Sei ohne Sorge. Es geht mir schon wieder ganz gut. Jetzt muss ich nur noch wissen, ob das Maria Paradiso und die anderen auch von sich behaupten können.«

Wahrscheinlich waren das noch die Auswirkungen der Sonnenbestrahlung, der Bount in seinem Schlauchboot über zwei Tage ausgesetzt gewesen war, bevor ihn die Engländer aufgefischt hatten. June konnte sich jedenfalls keinen Reim auf seine geheimnisvollen Andeutungen bilden.

Aber was spielte das für eine Rolle? Bount lebte. Es war ihm nichts Ernstliches passiert.

June informierte Toby Rogers, und der regte sich auf, dass sie wieder mal völlig grundlos die Pferde scheu gemacht habe.

»Allmählich müsstest du doch diesen Bastard kennen. Der trampelt auf unseren Nerven herum und wundert sich hinterher noch über unsere Aufregung. Das eine sage ich dir: Bei deinem nächsten Hilferuf bleibe ich cool, völlig cool.«

June beendete das Gespräch und überlegte.

Maria Paradiso? Sie konnte sich nicht erinnern, diesen Namen jemals gehört zu haben.

10

Am nächsten Morgen traf Bount bei ihr im Hotel ein. June fiel ihm um den Hals, denn sie sah sofort, welche Strapazen er hinter sich hatte. Bounts Gesicht wirkte wie eine ausgedörrte Feige.

Bei einem ausgiebigen Frühstück erstattete Bount über seine Erlebnisse Bericht. Er stellte alles ein bisschen harmloser dar, doch in dieser Beziehung konnte er June nichts vorerzählen.

»Dass du noch lebst, ist ein Wunder«, folgerte sie. »Du hast also diesen Lehrer aufgespürt, von dem die Kubanerin auf dem Kutter gesprochen hatte? «

Bount nickte. »Er wartet noch immer auf sie. Dabei müsste sie längst bei ihm eingetroffen sein, wenn alles glatt gegangen wäre.«

»Und er wurde auch über keine Panne verständigt?«

»Die Leute haben jeden Kontakt zu ihm abgebrochen. Über die alte Telefonnummer ist niemand mehr zu erreichen.«

June zögerte, bevor sie die Frage stellte, die ihr auf der Seele brannte: »Du glaubst, dass die Frau nicht mehr lebt? «

»Eine andere Erklärung habe ich nicht, und doch wäre ihr Tod völlig sinnlos und überflüssig. Man hat nicht einmal versucht, mehr Geld herauszuholen.«

»Hast du auch schon mit diesem Ricardo in Orlando gesprochen?«

»Ich möchte, dass wir beide hinfahren«, schlug Bount vor. »Ich habe dir noch eine Menge zu erzählen. Das können wir unterwegs erledigen.«

June war einverstanden.

Nach dem Frühstück fuhren sie los. Bount hatte nichts dagegen, dass sich June hinters Steuer setzte. Er fühlte sich noch immer kraftlos und ausgelaugt. Da er zweifellos in nächster Zeit noch einiges zu bewältigen hatte, wollte er jede Gelegenheit nutzen, um neue Energien zu tanken. Auf Junes Fahrkünste durfte er sich blind verlassen.

»Ich habe die Fakten von allen Seiten beleuchtet«, sagte er, während sie auf der Interstate 95 nach Norden fuhren. »Um was es hier eigentlich geht, habe ich immer noch nicht herausgefunden. Niemand ist so töricht, für ein paar lumpige Dollars ein immenses Risiko auf sich zu nehmen und einen Mord nach dem anderen auf sich zu laden. Aber Raul Perrazo ist tot, und ich war auch nicht mehr sehr weit davon entfernt. Was aus den fünf Kubanern geworden ist, kann ich nicht einmal vermuten. Ich hoffe nur, den alten Garanto bei seinem Sohn und dessen Familie zu finden.«

Sie trafen gegen Mittag bei den Garantos ein. Die Familie bewohnte einen einfachen Bungalow am Rande der Stadt.

Als der Leihwagen vor dem Haus hielt, näherten sich neugierig zwei Kinder dem Fahrzeug. Das Mädchen mochte acht sein, der Junge elf.

»Ist euer Daddy zu Hause?«, erkundigte sich Bount.

Die beiden schüttelten die Köpfe. »Er arbeitet.«

»Aber eure Mammy?«

Diesmal nickten sie und rannten auf das Haus zu.

June und Bount stiegen aus und folgten ihnen.

An der Haustür erschien eine Frau, die den Besuchern beinahe ängstlich entgegenblickte.

»Mein Mann ist nicht zu Hause.«

»Wir sind wegen Ihres Schwiegervaters hier, Mrs. Garanto«, erklärte Bount. »Diese Fragen können Sie uns sicher beantworten.«

Die Frau wurde blass. »Mein Schwiegervater lebt in Kuba«, stammelte sie. »Wieso interessieren Sie sich für ihn?«

Bount versuchte, die Erschrockene zu beruhigen. Zweifellos rechnete sie mit Schwierigkeiten.

»Wir sind nicht von der Einwanderungsbehörde und auch nicht von der Polizei. Sie können uns vertrauen. Mein Name ist Bount Reiniger. Ich arbeite als Privatdetektiv. Dies ist Miss June March, meine Mitarbeiterin.«

»Hallo!«, sagte June und lächelte.

»Detektive?«, wiederholte die Frau. Das erschien ihr gleichbedeutend mit der Polizei. »Wir haben nichts zu verbergen. Mein Mann ist legal eingewandert. Ich kann Ihnen sämtliche Unterlagen zeigen. Ich stamme aus Florida. Wir lernten uns hier kennen. Was wollen Sie von uns?«

»Ich habe Ihren Schwiegervater kennengelernt«, erwiderte Bount mit Nachdruck. »Vor einigen Tagen. Von ihm selbst weiß ich Ihre Adresse.«

Das Gesicht der Frau veränderte sich. Ihre eben noch furchtsamen Augen begannen zu leuchten.

»Sie haben mit ihm gesprochen? Dann bringen Sie Nachricht von ihm. Geht es ihm gut? Wir hatten eigentlich geglaubt, es würde alles schneller gehen.«

Bount und June wechselten bezeichnende Blicke.

»Er ist also noch nicht hier?«, fragte Bount.

»Natürlich nicht. Sie sagten doch, Sie wüssten, wo er sich jetzt aufhält.«

»Da haben Sie mich missverstanden. Ich wusste es vor drei Tagen. Da befand er sich auf einem Fischkutter zusammen mit vier Landsleuten aus Kuba. Der Kutter müsste spätestens am folgenden Tag Florida angelaufen haben.«

»Man hat uns nicht benachrichtigt.«

»Das haben wir befürchtet. Wie viel mussten sie für die Aktion zahlen?«

Die Frau hob hilflos die Schultern. »Richard sprach von fünftausend Dollar.«

»Richard?«

Sie lächelte verlegen. »Ricardo nennt sich jetzt so. Er möchte nicht mehr an seine Vergangenheit in Kuba erinnert werden. Er fühlt sich längst als Amerikaner.«

»Verstehe. Fünftausend also. Ganz hübsche Summe. Sollten später noch weitere Zahlungen geleistet werden?«

Die Frau verneinte und brachte einen Zettel, auf dem eine Telefonnummer notiert war.

»Über diese Nummer hielten wir Kontakt mit den Leuten, die sich bereit erklärt hatten, Richards Vater herüberzuholen. Im Augenblick können wir sie nicht erreichen. Wir haben sie noch auf See vermutet. Ich weiß aber immer noch nicht, was Sie eigentlich von uns wollen.«

Es fiel Bount schwer, diese Frage zu beantworten. Er konnte der Frau wenig Hoffnung geben, ihren Schwiegervater jemals kennenzulernen.

Er bat sie, ihn unbedingt telefonisch zu verständigen, falls der Mann entgegen seinen Befürchtungen auftauchen sollte.

»Ich nehme an, diese Organisation wurde Ihnen von Freunden empfohlen, die gute Erfahrungen mit ihr hatten«, fuhr er fort.

Die Frau schüttelte den Kopf. »Richard kehrte eines Tages heim und berichtete, dass ihn ein Mann angesprochen und den Vorschlag unterbreitet habe, seine Verwandten in Kuba in die Staaten zu holen. Richard dachte sofort an seinen Vater, konnte sich aber nicht vorstellen, dass die Sache klappen könnte. Der Mann zerstreute seine Bedenken, und die Kosten erschienen uns tragbar. Deshalb beschlossen wir, es zu riskieren. Wir zahlten den verlangten Betrag und ließen meinen Schwiegervater wissen, wann und auf welche Weise er Kuba verlassen sollte. Und nun erscheinen Sie und bringen diese schreckliche Nachricht.« Tapfer hielt sie ihre Tränen zurück, denn die beiden Kinder schauten aus einiger Entfernung neugierig herüber.

»Es ist vorläufig nur eine Befürchtung«, schwächte Bount ab. »Einen Sinn kann ich mir darauf selbst nicht zusammenreimen. Ich nehme doch nicht an, dass Ihr Schwiegervater etwas Wichtiges oder Wertvolles bei sich trug, an dem diese Leute interessiert gewesen sein könnten.«

»Nur sein nacktes Leben«, sagte Mrs. Garanto.

»Ich habe die fünf Flüchtlinge gesehen«, erklärte Bount. »Ein siebenundsechzigjähriger Mann, eine fünfundzwanzigjährige Frau, ein Mann, der über eine ausgezeichnete Bildung zu verfügen schien, ein anderer, der eher von ganz einfachem Herkommen war, und schließlich ein blutjunger Bursche, der bereit war, die Welt aus den Angeln zu heben. Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, bei der ich als einzige Gemeinsamkeit erkannte, dass sie in die Staaten wollten. Die ganze Fuhre brachte den Menschenschmugglern fünfundzwanzigtausend Dollar. Auf den ersten Blick ein hübsches Sümmchen. Zieht man jedoch ihre Unkosten ab, rechnet man die vielen Beteiligten hinzu und berücksichtigt das Risiko, so ist das ein miserables Geschäft.«

»Könnte es nicht sein, dass der Geheimdienst dahintersteckt?«, fragte June. »Es muss ja nicht der unsere sein.«

»Du meinst, die Asylsuchenden werden überredet, als Agenten zu arbeiten?«

»Oder gezwungen. Man hat sie schließlich in der Hand.«

»Und wer sich weigert, erhält ein Messer in den Rücken«, spann Bount den Gedanken weiter. Diese Theorie hatte tatsächlich etwas für sich. Aber wahrscheinlich freundete er sich nur deshalb so bereitwillig mit ihr an, weil sie bedeuten würde, dass die meisten Verschwundenen noch lebten.

Er wusste auch, dass mit Geheimdiensten, ganz gleich welcher Seite, nicht zu spaßen war. Ein möglicher Schnüffler wurde rigoros liquidiert. Das würde erklären, warum man ihn auf dem Kutter voll Blei pumpen wollte.

Aber ein Siebenundsechzigjähriger als Spion? Oder gar ein Todkranker wie Raul Perrazo?

»War diesen Leuten das Alter Ihres Schwiegervaters bekannt?«, wollte Bount noch von Mrs. Garanto wissen.

»Ich glaube nicht«, erwiderte sie. »Doch das ist schließlich leicht zu schätzen. Mein Mann ist einundfünfzig.«

Nein, so gelangte er nicht weiter. Vermutungen führten zu nichts.

Aber es gab Leute, die mit Sicherheit mehr wussten. Denen wollte Bount auf den Zahn fühlen.

11

»Ich begleite dich«, entschied June.

Bount lehnte entrüstet ab. »Nichts da, verehrte Lady! Du bist mein Joker. Dich bringe ich erst ins Spiel, wenn ich keinen Trumpf mehr im Ärmel habe. Mit diesem krausköpfigen Kubaner werde ich auch allein fertig.«

Diesmal nahm er die Automatic mit, als er die Pizzeria aufsuchte.

Pedro zeigte ein gleichgültiges Gesicht, als er Bount sah. Offensichtlich wurde er über Einzelheiten nicht informiert. Er wusste demzufolge auch nicht, dass Bount eigentlich tot sein müsste.

»Ich will Vulve sprechen«, verlangte Bount mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

Pedro nickte und drückte auf einen versteckten Knopf hinterm Tresen.

Es dauerte nicht lange, bis Anita Carrera auftauchte. Sie hatte sich zwar blendend in der Gewalt, doch ihre Bestürzung, als sie Bount erkannte, konnte sie doch nicht völlig verbergen.

»Hallo, Ronald!«, tat sie erfreut. »Haben Sie Sehnsucht nach mir? Das finde ich nett. Darf ich mir wieder einen Drink bestellen? Ich nehme an, Sie bringen die zweite Hälfte des Geldes.«

Sie hatte tatsächlich die Dreistigkeit, so zu tun, als wäre nichts geschehen.

Bount war mit wenigen Schritten bei ihr und passte auf, dass sie nicht plötzlich davonlief.

»Ist Vulve oben?«, fragte er, ohne auf ihr Gerede einzugehen.

»Ich werde ihn holen«, sagte sie hastig. Ihr Blick flackerte unruhig.

Bount ergriff ihren Oberarm und hielt sie zurück.

»Nur keine Umstände«, sagte er böse. »Ich komme gleich mit. Er wird ja nicht ausgerechnet unter der Dusche stehen.«

Anita Carrera zögert. »Vulve wird sehr ungehalten, wenn ich Besuch mitbringe«, warnte sie.

»Ich bin kein Besuch«, stellte Bount richtig. »Außerdem hat er noch nicht erlebt, wie es ist, wenn ich ungehalten bin. Also vorwärts!«

»Na, hören Sie!«, entrüstete sich die Kubanerin und wollte sich losreißen.

Bount ließ ihr keine Chance. Frauen gegenüber hielt er sich zwar in der Regel zurück, sofern sie ihn nicht mit einer Waffe bedrohten, aber er ließ sich von ihnen auch nicht für dumm verkaufen.

Zähneknirschend stieg Anita Carrera neben ihm die Treppe hinauf.

»Falls Sie ihn warnen wollen, sollten Sie daran denken, dass seine Kugeln zuerst Sie treffen würden«, erklärte Bount sachlich. »Das ist es nicht wert.«

»Was ist nur in Sie gefahren, Ronald?«, klagte die Frau und drängte sich gegen ihn. »Sie waren doch so nett. Ich habe mir tatsächlich eingebildet, dass Sie mich mögen. Bin ich denn so widerwärtig, dass Sie sich nichts Hübsches mit mir vorstellen können?«

Mit schneller Handbewegung öffnete sie ein paar Knöpfe der Bluse, unter der sie nichts weiter trug. Es war ein massiver Angriff auf die Standhaftigkeit eines jeden Mannes. Bisher hatte sie damit wohl immer Erfolg gehabt.

Nicht bei Bount. Solche Mätzchen zogen bei ihm nicht. Schon gar nicht, wenn es darum ging, das Schicksal verschwundener Menschen aufzuklären.

»Heben Sie sich Ihren parfümierten Charme für ein lohnenderes Opfer auf, Anita«, wehrte er eisig ab. »Ich bin sauer, und in dieser Verfassung pflege ich nicht zu flirten.«

Endlich standen sie vor der Tür, hinter der sich angeblich der Kubaner aufhielt.

»Öffnen Sie!«, zischte Bount. »Und denken Sie daran, was ich Ihnen gesagt habe. Sie tun Ihrer Schönheit keinen Gefallen, wenn Sie sich durchlöchern lassen.«

Die Tür flog auf.

Vulve Matisse saß in einem Sessel und reinigte sich mit einem Messer die Fingernägel. Als er Bount erkannte, sprang er auf und stierte ihn entgeistert an.

»Ihre Freundin hatte sich besser unter Kontrolle«, sagte Bount höhnisch. »Warum sind Sie so fassungslos, Vulve? Weil Sie mich bei den Fischen wähnten? Ich hatte wohl vergessen zu erwähnen, dass ich in Notfällen fliegen kann.«

Endlich klappte Vulves Unterkiefer wieder hoch. Er entschloss sich, den Spieß einfach umzudrehen.

»Dass Sie sich überhaupt noch hertrauen, Ronald«, sagte er giftig. »Ihretwegen habe ich mir einen Riesenrüffel eingehandelt.«

»Tatsächlich?«

»Ich hatte Sie ausdrücklich gebeten, die Aktion nicht zu behindern. Und was tun Sie? Sie brechen einen Streit vom Zaun, durch den um ein Haar das ganze Unternehmen gescheitert wäre.«

»Hat man Ihnen dieses Märchen erzählt, oder handelt es sich um Ihre eigene Erfindung? In beiden Fällen muss ich die Fantasie bewundern. Reden wir Klartext. Ihre Leute wollten mich umbringen, weil sie mich für gefährlich hielten. Dass es nicht geklappt hat, war ein großes Glück für mich. Aber ich frage mich, was aus den Kubanern geworden ist, die sich im Laderaum des Kutters befanden, als ich über Bord ging.«

»Was wird schon aus ihnen geworden sein?«, fauchte Vulve Matisse. »Sie befinden sich längst bei ihren Angehörigen.«

»Irrtum! Und das wissen Sie genau. Nicht einer von ihnen ist am Zielort. Ich habe mich selbst davon überzeugt.«

»Also doch ein Schnüffler!«, stieß der Kubaner hasserfüllt hervor und schleuderte ansatzlos sein Messer in Bounts Richtung.

Bount hatte die ganze Zeit die Hände seines Gegenübers beobachtet. Es gelang ihm, der gefährlichen Klinge auszuweichen, die nun im Spiegelrahmen hinter ihm steckte.

»Das war hoffentlich nicht Ihr einziges«, höhnte er. »Sonst sehen Sie jetzt verdammt blass aus.«

Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie sich Anita Carrera vorsichtig zurückzog. Vielleicht wollte sie sich verdrücken. Wahrscheinlicher aber war, dass sie die Absicht hatte, Hilfe zu holen.

Mit zwei schnellen Schritten war Bount bei ihr und stieß sie in die Mitte des Raumes zurück.

»Ihr scheint mich noch immer für einen Idioten zu halten«, sagte er kalt.

»Solche Irrtümer werden oft teuer. Ich behaupte, eure Landsleute, die auf eine bessere Zukunft in unserem Land gehofft hatten, wurden ermordet.«

»Verrückt!«, begehrte Vulve Matisse auf. »Denen wird kein Haar gekrümmt.«

»Auch Raul Perrazo nicht? Der Ärmste hatte ein Messer im Rücken. Es ähnelte jenem, das dort im Spiegel steckt.«

Der Kubaner verfärbte sich. Er musste begriffen haben, dass sein lästiger Besucher eine ganze Menge wusste und aus dem Rest gefährliche Schlussfolgerungen ableitete. Dass er ihm den Mord an dem Puertoricaner anhängen wollte, ging ihm gehörig gegen den Strich.

»Damit habe ich nichts zu tun«, kreischte er. »Ich habe den Mann überhaupt nicht gekannt.«

»Seinen Bruder dafür umso besser«, entgegnete Bount. »Er war es, von dem ich eure Adresse hatte.«

»Verdammt! Was kann ich dafür? Es war nicht mein Messer. Das beschwöre ich.«

»Auch vor Gericht?«

Der Kubaner wurde unsicher. Bount schlug rasch tiefer in die gleiche Kerbe. Er ahnte, dass diese beiden nur ganz kleine Lichter waren. Die eigentlichen Drahtzieher blieben im Hintergrund. Aber gerade an sie wollte er heran. Sie hatten den Tod Raul Perrazos zu verantworten. Und auch den Mordversuch an ihm selbst.

»Ihr habt die Wahl«, sagte er. »Ihr könnt eure Rolle als ahnungslose Würstchen weiterspielen. Dann steht ihr spätestens in einer Stunde vor dem zuständigen Captain der Mordkommission und könnt versuchen, ihn zu überzeugen. Da wünsche ich euch jetzt schon viel Spaß. Der Boss wird sich ins Fäustchen lachen. Ohne die Narren, die den Kopf für ihn hinhalten und in vorderster Linie stehen, könnte er nicht so unbehelligt seine Schäfchen ins trockene bringen. Bildet ihr euch wirklich ein, dass er euch eure Loyalität dankt? Wahrscheinlich finanziert er nicht einmal eure Verteidigung. Wenn ihr Pech habt, schickt er euch sogar noch einen Killer, damit ihr nicht doch noch redet. Wenn ihr aber gleich den Mund auftut, erhaltet ihr wesentlich bessere Karten in die Hand. Ich will den Boss, versteht ihr? An euch bin ich nur interessiert, wenn ihr auf stur schaltet.«

Anita und Vulve tauschten Blicke. Es war klar, freiwillig würden sie nicht zu singen anfangen. Vor dem Boss hatten sie Angst. Ein Mann, der kaltschnäuzig über Leben und Tod entschied, machte notfalls auch mit ihnen kurzen Prozess.

Die Frau trat einen Schritt auf Bount zu und stand nun so, dass sie ihren Komplizen verdeckte.

»Wahrscheinlich haben Sie recht, Ronald«, räumte sie ein. »Oder heißen Sie gar nicht Ronald Brown?«

»Ich bin Bount Reiniger«, erwiderte dieser. Er sah keinen Grund, noch länger das Versteckspiel aufrechtzuerhalten. »Privatdetektiv aus New York. Im Augenblick arbeite ich für Greco Perrazo, dem ich versprochen habe, den Mörder seines Bruders zu finden. Ich habe mir angewöhnt, meine Versprechen zu halten.«

»Sie haben es fertiggebracht, mich zu täuschen, Bount. Meine Hochachtung. Ich hätte spüren müssen, dass Sie etwas Besonderes sind.«

»Aber nicht besonders dumm, Anita. Gehen Sie dort hinüber. Meinen Sie, ich merke nicht, dass Sie Ihrem Partner die Möglichkeit verschaffen wollen, eine neue Waffe hervorzuholen?«

Anita wirbelte blitzschnell zur Seite. Wenn es Vulve bis jetzt nicht geschafft hatte, war ihm nicht zu helfen.

Die Hand des Kubaners zuckte unter eins der zahllosen Kissen, die hinter ihm auf dem Sessel lagen. Doch bevor er den Revolver hervorholen konnte, richtete sich schon Bounts Automatic auf ihn.

»Aufstehen!«, befahl er. »Los, los, an die Wand und umdrehen! Mit den Händen dagegenstützen und einen Schritt zurück. Wird’s bald?«

Vulve Matisse gehorchte zähneknirschend.

»Sie auch«, wandte sich Bount an Anita Carrera, deren schwarze Augen in tiefem Hass brannten. »Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Ihr habt euch für den ungemütlichen Weg entschieden. Den könnt ihr haben.«

Er suchte den Kubaner nach versteckten Waffen ab, fand aber nur eine feste Schnur, mit der man einen Gegner erdrosseln konnte. Bount benutzte sie, um dem Mann die Hände auf den Rücken zu binden. Von dem Wutschnauben ließ er sich nicht stören.

Auch die Kubanerin tastete er ab.

Sie stöhnte auf und hoffte, ihn damit auf andere Gedanken zu bringen.

Unter einem ihrer Strumpfbänder entdeckte Bount eine flache Pistole für vier Schuss. Die hätte ihm noch gefährlich werden können.

Er verzichtete darauf, auch sie zu fesseln, und presste Vulve Matisse die Mündung der Automatic gegen die Wirbelsäule.

»Vorwärts, Freundchen! Jetzt reden wir Klartext. Du hast genau zehn Sekunden, um mit deiner Story zu beginnen. Ein Tatsachenbericht, wenn ich bitten darf. Fangen wir bei Raul Perrazo an. Warum wurde er getötet und nicht einfach an Land gebracht?«

»Weil sich erst an Bord herausstellte, dass er schwer krank war«, erklärte der Kubaner widerwillig.

»Das verstehe ich nicht. Das hätte euch doch gleich sein können.«

»Eben nicht. Der Boss kann nur Gesunde brauchen.«

»Für welchen Zweck?«

Vulve Matisse wand sich wie ein Aal am Haken. Bount stieß mit der Automatic nach, um in Erinnerung zu bringen, dass er hier das Kommando hatte.

»Hör zu, Reiniger«, begann Matisse. »Scheint so, als säßest du am Drücker. Aber du bist Detektiv und kannst dir nicht leisten, mich einfach abzuknallen. Schon gar nicht in den Rücken.«

»Aber ich kann euch zur Polizei bringen, und das werde ich auch tun. Bildet euch nur nicht ein, eure Freunde unten in der Pizzeria könnten mich daran hindern. Ich wähle von diesem Telefon dort eine Nummer, und in zehn Minuten wimmelt es in der Gegend von Polizisten. So einfach ist das.«

»Und wenn ich rede?«

»Wenn ich mit deinen Informationen zufrieden bin, garantiere ich euch, dass ich eure Namen vergesse, sofern ihr nicht an der Ermordung Perrazos beteiligt wart.«

»Das haben wir doch schon gesagt.«

»Eure Behauptungen genügen mir nicht. Das möchte ich von höherer Stelle bestätigt haben. Ihr nennt mir den Boss und sagt mir, wo ich ihn finde. Ihr habt mein Wort, dass auch er von mir eure Namen nicht erfährt. Und dann will ich noch wissen, was hier überhaupt gespielt wird.«

Der Kubaner zögerte noch immer. »Calhoun bringt uns um, wenn er davon Wind kriegt«, quetschte er hervor.

»Aha! Calhoun heißt der Mann also. Adresse?«

»Palm Shores. Er betreibt dort ein angebliches Forschungsinstitut.«

»Und was ist es wirklich?«

»Von dort werden verschiedene private Kliniken mit Organen für Transplantationen versorgt. Der Bedarf ist gewaltig. Es gibt längst nicht genügend Spender.«

Bount fiel es wie Schuppen von den Augen. Ihm wurde übel. Schlagartig war ihm klar, für was die illegalen Einwanderer von vornherein bestimmt waren.

»Perrazo war nicht zu verwenden, weil sein Herz selbst austauschbedürftig war. Deshalb erhielt er schon an Bord des Fischkutters ein Messer zwischen die Rippen. Aber all die anderen werden erst in diesem Institut getötet, nicht wahr? Hier entfernt man operativ ihr Herz und wahrscheinlich auch die in aller Welt so dringend benötigten Nieren.«

»Das ist nur ein kleiner Teil«, murmelte der Kubaner. »Heutzutage ist die Medizin schon viel weiter. Man kann eine Menge verwenden. Die Hornhaut der Augen zum Beispiel, die Gehörknöchelchen. Zuckerkranken bietet eine Transplantation der Bauchspeicheldrüse Rettung. Bei Leukämie ist oft eine Knochenmarkübertragung die letzte Chance zum Überleben. Bei schweren Verbrennungen muss die Haut verpflanzt werden. Die Leber- und Lungentransplantation steht zwar erst am Anfang, aber es hat schon Erfolge gegeben, und gerade hier ist es erforderlich, dass die Chirurgen auf eine möglichst reichhaltige Organauswahl zurückgreifen können. Hast du schon mal daran gedacht, dass so ein armer Teufel, dem das Leben ohnehin nichts zu bieten hatte, fünf Menschen oder noch mehr retten kann? Das ist doch eine einfache Rechenaufgabe. Was ist höher einzuschätzen - ein Leben oder fünf?«

Die reinste Horrorvision eröffnete sich Bount.

In jenem Institut in Palm Shores wurden die Einwanderer regelrecht ausgeschlachtet, und dieser Calhoun dachte dabei bestimmt nicht an die Empfänger der menschlichen Ersatzteile, sondern an die Preise, die diese Organe auf dem schwarzen Markt erzielten.

Eine Niere war bestimmt nicht unter fünfzigtausend Dollar zu haben. Das war schon ein anderer Gewinn als die fünf Riesen, die Greco Perrazo für seinen Bruder zahlen musste.

»Wie würde es euch gefallen, wenn euer Boss plötzlich Lust verspürte, eure Bauchspeicheldrüsen an ein Millionärsehepaar in San Francisco zu verschachern?«, fragte Bount eisig. »Hätte dann die Rechnung, fünf sei mehr als eins, auch noch ihre Gültigkeit? Habt ihr wirklich noch nie daran gedacht, dass sich dieser Calhoun so gefährliche Mitwisser wie euch auf die Dauer nicht leisten kann? Früher oder später wird er euch austauschen und an euch noch kräftig verdienen. Anitas zauberhafte Augen werden einem Gangsterboss in Chicago die Sehkraft erhalten. Vulves Knochenmark wird in die Vene eines korrupten Senators gespritzt. Der Rest wird im Ersatzteillager aufgehoben. Könnt ihr überhaupt noch ruhig schlafen? Ihr wisst doch nicht, wer unten auf euch wartet, wenn Pedro auf den Knopf drückt.«

Seine Worte blieben nicht ohne Wirkung.

»Madonna!«, flüsterte die Kubanerin, und Vulve Matisses Kinn begann vor Erregung zu zittern.

»Verflucht!«, murmelte er. »Da ist was Wahres dran. Calhoun sahnt kräftig ab, und uns speist er mit zwei Riesen pro Neuvermittlung ab.«

»Selber schuld, wenn ihr euch das gefallen lasst«, schürte Bount den Zorn. »An eurer Stelle würde ich zurückschlagen, bevor es die andere Seite tut.«

»Was er sagt, hat Hand und Fuß, Vulve«, ließ sich Anita Carrera kleinlaut vernehmen. »Ich bin es längst leid, für den großen Macker Handlangerdienste zu leisten. Dann hätte ich ja gleich auf der Straße bleiben können. Wo sind denn die dicken Prämien, von denen er ständig quatscht? Bis heute haben wir noch keine gesehen. Ich bin dafür, dass wir Reiniger alles sagen, wenn er uns Straffreiheit zusichert.«

»Das habe ich schon getan«, erinnerte Bount. »Also, was gibt es noch, was ich wissen müsste?«

Vulve Matisse gab sich sichtbar einen Ruck, bevor er auspackte.

»Ich warne dich«, sagte er, »im Institut aufzukreuzen. Für offizielle Kommissionen, die sich von Zeit zu Zeit für derartige Unternehmen interessieren, spult man dort eine perfekte, unverdächtige Show ab. Ein paar Tierversuche, Haartransplantationen an Ratten und eine chemische Giftküche, in der angeblich Impfstoffe und biologische Dünger entwickelt werden. Eine Leiche kriegen diese Leute nicht zu sehen. Einzelbesucher gehen ein beträchtliches Risiko ein, das Institut nicht wieder lebend zu verlassen, falls sie zu neugierig werden oder gar Beschuldigungen vorbringen. Der sicherste Weg ist, sich den Boss zu schnappen. Ganz ohne Bullen, deren Auftauchen ohnehin nur Alarm im Institut auslösen würde. Ein paar Minuten später ist dort nichts Belastendes mehr zu finden.«

»Hält sich Calhoun nicht hauptsächlich im Institut auf?«, fragte Bount.

Diese Frage wurde verneint. Es passte zu dem Gangsterboss mit dem schaurigen Handwerk, dass er seine Mannschaft von seinem Prunksitz aus befehligte. Er hatte es nicht nötig, den Leichenabtransport zu überwachen. Er konnte das Leben genießen.

Bount erfuhr, dass der Mann eine Prachtvilla in Cocoa Beach bewohnte und dort als honoriger Geschäftsmann und Wohltäter zugunsten zahlreicher Kirchen und Verbände galt.

»Er führt ein offenes Haus mit vielen Gästen«, berichtete der Kubaner. »Ein neues Gesicht wird ihm nicht auffallen. Behaupte einfach, für einen karitativen Zweck zu sammeln. Er wird sich deinen Spruch anhören und anschließend in die Brieftasche greifen. Meines Wissens war er ein Karatemann, er dürfte aber nicht mehr im Training sein.«

Er verriet noch ein paar weitere Einzelheiten, die sich aber hauptsächlich auf Gegebenheiten bezogen, die er nur aus Erzählungen kannte und nicht aus eigener Anschauung bestätigen konnte.

»Ich habe ihn noch nie in seiner Villa aufgesucht. Das würde Calhoun ziemlich sauer aufstoßen. Schließlich kennt er mich. Er war einmal hier, um sich selbst ein Urteil über meine Zuverlässigkeit zu bilden. Wenn du ihm gegenüber meinen Namen erwähnst, bin ich selbst dann ein toter Mann, wenn es mit seiner Verhaftung klappt. Er wird über seine Anwälte den Befehl geben, mich und Anita umzubringen.«

»Ich habe noch nie einen Informanten ans Messer geliefert«, entgegnete Bount. »Allerdings gehe ich davon aus, dass ihr keinen Trick mit mir versucht. Der würde sich für euch nicht auszahlen. Ein zweites Mal bin ich zu keinem Handel bereit.«

»Wir sind doch nicht verrückt, Reiniger«, protestierte der Kubaner, und Anita Carrera nickte eifrig, wobei ihr großer Busen unter der Bluse in Schwingungen geriet. »Wir haben kapiert, dass mit dir nicht gut Kirschen essen ist. Außerdem weiß ja dieser Puertoricaner über uns Bescheid. Das mit seinem Bruder tut mir leid. Es wäre nicht nötig gewesen, ihn umzulegen. Aber so sind nun mal Calhoun und seine Leute. Mit denen darfst du uns nicht in einen Topf werfen.«

»In Ordnung«, sagte Bount. »Dann sind wir uns also einig. Vertrauen gegen Vertrauen. Dabei werdet ihr nicht schlecht fahren. Du kannst ihm nachher die Fessel abnehmen«, wandte er sich an die Frau. »Deine Kanone behalte ich vorläufig. Du kriegst sie wieder, sobald alles vorbei ist.«

»Dann finden wir bestimmt auch Gelegenheit, uns ein bisschen netter zu unterhalten, Bount«, lockte Anita Carrera, die sichtlich erleichtert wirkte. »Du wirst sehen, ich kann richtig nett sein, und für dich mache ich einen Sondertarif.«

Bount verließ die beiden. Er hatte genügend Informationen gesammelt. Jetzt konnte er zuschlagen.

Er kehrte ins Hotel zurück, in dem er nun wieder wohnte, und informierte June über das Ergebnis seines Gespräches. Er sah ihr entschlossenes Gesicht und schüttelte den Kopf.

»Ich fahre allein zu Calhoun. Er muss genauso singen wie Matisse. Dann kann ich ihn der Polizei übergeben, die das Institut auffliegen lässt.«

»Hast du schon vergessen, dass du eben erst wie durch ein Wunder gerettet wurdest, Bount? Dieser Gangster ist brandgefährlich, und viel zu selten tauchen ein paar hilfsbereite Engländer im richtigen Augenblick auf.«

»Wo du recht hast, hast du recht«, räumte Bount grinsend ein. »Trotzdem. Ich muss das im Alleingang erledigen. Umso leichter gelange ich an Calhoun heran. Schlimmstenfalls weißt du jetzt, wo sich dieses Institut befindet, und kannst dort mit einer Armee Polizisten anrücken, falls ich heute nichts mehr von mir hören lasse. Ihr könnt euch auch an Matisse und die Carrera halten, aber keinesfalls vor morgen. Das habe ich ihnen versprochen. Ich halte mein Wort.«

12

Vulve Matisse rieb seine Handgelenke, die Anita Carrera von der Fessel befreit hatte.

Die Kubanerin entfernte das Wurfmesser aus dem Spiegelrahmen und warf es achtlos auf den Sessel.

»Das zahle ich ihm heim«, zischte Matisse. »Ich traue ihm nicht.«

»Natürlich nicht«, pflichtete ihm Anita Carrera bei. Sie war gekränkt, weil Bount ihren Reizen widerstanden hatte. »Er ist kein Mann, er ist ein Schuft. Ich könnte ihn umbringen.«

Matisse grinste gehässig. »Das werden andere erledigen«, sagte er überzeugt. »Früher, als er sich träumen lässt.«

Dann griff er nach dem Telefonhörer und wählte eine Nummer. Ungeduldig lauschte er dem Rufzeichen.

Als sich der Teilnehmer meldete, verlangte er: »Ich muss den Boss sprechen. Hier ist Matisse. Es ist wichtig.«

»Der Boss hat Gäste«, erhielt er zur Antwort.

»Dann soll er sie gefälligst zum Teufel schicken, brauste der Kubaner auf. »Das kannst du ihm getrost ausrichten.«

Diese Redeweise beeindruckte den Mann am Telefon. Er bat um etwas Geduld, und Matisse musste erneut warten.

»Was fällt dir ein, Matisse?«, fauchte endlich Calhouns Stimme. »Bist du größenwahnsinnig geworden?«

»Die Gefahr besteht bei meiner Bezahlung nicht, Boss. Ich habe zwei interessante Nachrichten, die jede für sich zehn Riesen wert sein sollte.«

»Neues Material?«, fragte Calhoun.

»Diesmal nicht, Boss. Höchste Alarmstufe.«

»Rede schon, Mann!«

»Zwanzig Riesen?« Der Kubaner ließ nicht locker.

»Nur, falls du nicht übertrieben hast. Wir werden uns schon einig, Matisse. Spuck endlich deine Neuigkeiten aus.«

Vulve Matisse grinste zufrieden. Er dachte an die zwanzigtausend Dollar, die ihm so gut wie sicher waren. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass Calhoun von seiner Information elektrisiert sein würde.

»Du erinnerst dich an Ronald Brown, der seine Mieze aus Surinam holen lassen wollte?«

»Erzähle mir bloß nicht, du seist dahintergestiegen, dass der Typ ein Schnüffler war. So schlau war ich selbst. Deshalb musste er ja auch ins Gras beißen.«

»Er hat nicht gebissen, Boss. Brown lebt, und in Wirklichkeit heißt er Bount Reiniger und ist ein Privatdetektiv aus New York.«

»Woher willst du wissen, dass er nicht tot ist? Sechs Zeugen haben ihn krepieren sehen.«

»Er war gerade hier, Boss. Ein bisschen lädiert sah er ja aus, aber sonst hatte er noch allerlei drauf. Er weiß jetzt Bescheid.«

Eine kurze Pause trat ein, bevor das Donnerwetter losbrach.

»Du hast ihm von dem Institut erzählt?«, brüllte Calhoun.

Matisse musste den Hörer vom Ohr weghalten. »Ausflüchte hat er mir nicht abgenommen. Er drohte mit den Bullen. Da fiel mir was Besseres ein. Er wird bald bei dir aufkreuzen, um dich hochgehen zu lassen. Ich finde, das solltest du wissen. Er erscheint allein in Cocoa Beach.«

»Du musst wahnsinnig geworden sein, Matisse. Du schickst mir den Schnüffler auf den Hals?«

»Falsch, Boss. Ich gebe ihn in deine Gewalt. Er lässt die Bullen aus dem Spiel. Das ist sicher.«

»Hm!«, murmelte Calhoun. »Der Kerl hat es also irgendwie geschafft, auf ein Boot gehievt zu werden. Und Darley hat geschworen, ihm einen Kopfschuss verpasst zu haben. Wahrscheinlich hast du richtig gehandelt, Matisse.«

»Dann erhalte ich also das Geld?«

»Ich werde dir nichts schuldig bleiben«, versprach Calhoun vieldeutig und legte auf.

13

Es war nicht schwierig, sich zu Calhouns Prachtvilla durchzufragen. Jeder in dem kleinen Badeort Cocoa Beach kannte sie und seinen Besitzer, der allseits einen ausgezeichneten Ruf genoss.

Ein Wolf im Schafspelz, dachte Bount Reiniger grimmig und lenkte den gemieteten Chevrolet zu der kurzen Palmenallee, die die Zufahrt zum Anwesen des Gangsters bildete.

Schon von Weitem sah er die chromblitzenden Limousinen illustrer Gäste, die sich in der Villa eingefunden hatten. Demnach hatte Vulve Matisse nicht gelogen.

Sein Chevy wirkte schäbig neben den Luxuskarossen, aber schließlich war er ja angeblich erschienen, um für einen wohltätigen Zweck einen Scheck zu erbetteln. Zu solchen Anlässen fuhr man nicht im Cadillac vor.

Zwei weiß livrierte Schwarze näherten sich ihm, als Bount ausstieg. Sie lächelten unverbindlich und zeigten nicht das geringste Erstaunen über das fremde Gesicht.

»Ich möchte etwas mit Mister Calhoun besprechen«, erklärte Bount. »Sie brauchen ihn aber nicht zu stören, falls er gerade beschäftigt ist. Ich kann warten.«

Er wurde nach seinem Namen gefragt, und Bount nannte einen Tierschutzverein, den er zu vertreten behauptete. Sich selbst stellte er als Bill Sweater vor.

»Drüben an der Bar erhalten Sie einen Drink, Sir«, sagte einer der Bediensteten, während sich der andere zurückzog, um sein Erscheinen zu melden.

Bount beobachtete, wie der Schwarze auf einen grauhaarigen Mann im weißen Smoking zuging, der sich gerade angeregt mit einem noch jugendlichen Pärchen unterhielt. Der Grauhaarige blickte kurz zu ihm, nickte und entließ seinen Diener, der bereits einen weiteren Wagen die Auffahrt heranrollen sah.

Calhoun plauderte noch einige Minuten, bevor er sich entschuldigte und sich Bount näherte.

»Mister Sweater, wenn ich Ihren Namen richtig verstanden habe? Ich bin Roderick Calhoun. Seien Sie in meinem Hause willkommen. Sie haben nichts zu trinken?« Er rief ein leicht geschürztes Girl herbei, das auf hochhackigen Pumps mit einem silbernen Tablett voller Gläser zwischen der Gästeschar entlangbalancierte.

Bount nahm ein Glas und trank dem Gastgeber zu. »Sehr freundlich von Ihnen, Mister Calhoun«, sagte er und schaute sich um. »Hier kann man sich wohl fühlen.«

Calhoun lächelte. »Ein hübsches Kompliment, Mister Sweater. Es war schon immer mein Bestreben, dass sich meine Gäste bei mir wohl fühlen. Wie ich höre, treten Sie für die geschundene Kreatur ein.«

»Meine Vereinigung wendet sich gegen unnötige Tierversuche für kosmetische Zwecke. Man sagte mir, dass in Ihrem Institut auch derartige Experimente durchgeführt werden.«

Calhoun hob beschwichtigend die Hand. »Da wurden Sie unkorrekt informiert, mein Lieber. Wir können auf Versuche am lebenden Tier zwar nicht völlig verzichten, wenn wir Menschenleben retten wollen, doch sie beschränken sich ausschließlich auf medizinische Bedürfnisse. Mein Institut unterliegt nicht nur strengen staatlichen Kontrollen, auch private Vereinigungen wie die Ihre gehen bei uns ein und aus und können sich davon überzeugen, dass wir jedes Lebewesen respektieren.«

»Das zu hören, freut mich wirklich, Mister Calhoun. Es ermuntert mich, meine eigentliche Bitte vorzutragen.«

»Ich vermute, dass Ihre Vereinskasse leer ist«, sagte Calhoun leutselig.

Bount tat beschämt. »Unsere Unkosten sind beträchtlich. Man findet leider nicht überall so vorbildliche Verhältnisse wie bei Ihnen.«

»Wäre Ihnen mit einem Scheck über fünftausend Dollar gedient?«

»Das wäre überaus großzügig. Sie erhalten selbstverständlich eine Spendenquittung. Darüber hinaus wird Ihr Name in unserem monatlich erscheinenden Vereinsblatt genannt.«

Calhoun lächelte und griff in seine Brusttasche.

Bount war auf der Hut, aber die Hand erschien ohne Waffe aus der Brusttasche. Auch sonst kümmerte sich keiner der Angestellten oder Gäste um den Fremden.

»Natürlich!« Calhoun seufzte. »Der Smoking ist heute erst von der Reinigung gebracht worden. Ich habe kein Scheckbuch drin. Darf ich Sie bitten, auf einen Sprung mit ins Haus zu kommen? Ich hoffe, dass Sie anschließend noch für eine Weile mein Gast bleiben. Ihre Arbeit interessiert mich wirklich.«

Bount folgte dem Hausherrn und behielt seine Umgebung im Auge, doch niemand wandte sich gegen ihn. Hier lief eine harmlose Party, deren oberstes Gebot war, dass sich alle amüsierten.

Für den Augenblick überlegte Bount, ob ihn der Kubaner angelogen hatte. War dieser Calhoun in Wahrheit ein harmloser Bürger? Steckte der eigentliche Boss an ganz anderer Stelle?

Sie betraten die Eingangshalle, in der sie angenehme Kühle empfing. Die Klimaanlage arbeitete geräuschlos und zuverlässig.

Calhoun deutete auf eine Tür. »Mein Arbeitszimmer.«

Der Raum war prachtvoll eingerichtet. Das Mobiliar war zweifellos aus Europa eingeflogen worden. Die Wände wurden von hohen Bücherregalen bedeckt. Hinter dem massigen Schreibtisch dehnte sich eine Glasfront aus, die den Blick auf das Meer freigab.

Bount dachte an sein eigenes Büro in Manhattan. Er konnte den Central Park sehen und eine Menge Hausdächer.

Calhoun schloss die Tür und bat Bount, einen Moment Platz zu nehmen, während er selbst im Schreibtisch nach seinem Scheckbuch suchte. Er fand es auf Anhieb und füllte das oberste Formular aus.

»Bitte sehr, Mister Reiniger«, sagte er sanft, als er es abtrennte.

Mister Reiniger?

Bounts Hand zuckte zur Waffe. Er kapierte, dass der Schuft ihm die ganze Zeit eine perfekte Komödie vorgespielt hatte. Er kannte seine wahre Identität, und die konnte er nur von Vulve Matisse erfahren haben.

Mit kaltem Lächeln richtete er die Automatic auf den Gangster und ging auf den Mann hinter dem Schreibtisch zu, der ihm ohne sonderliche Erregung entgegenblickte.

»Tun Sie nichts Unüberlegtes«, empfahl Calhoun. »Zu dumm, dass mir Ihr Name herausgerutscht ist. Aber ich bin der Meinung, dass wir uns deshalb nicht wie ungezogene Kinder benehmen müssen. Man kann über alles reden.«

»Auch über unschuldige Menschen, die in Ihrem Institut kaltblütig ermordet und ausgeschlachtet werden?« Bount lauschte, ob er an der Tür ein Geräusch vernahm, doch es war nichts zu hören.

Der Grauhaarige lehnte sich in seinem Sessel zurück und faltete die Hände über seiner Smokingbrust.

»Sie sprechen von Menschen, Reiniger? Haben Sie schon mal daran gedacht, dass Sie eines Tages selbst auf der Warteliste für eine Niere stehen könnten? Was ist Ihnen dann lieber? Zwei Jahre oder noch länger zu hoffen und schließlich doch zu verrecken, oder rasche Hilfe zu erhalten?«

»Wenn ich mir Ihre Villa betrachte, begreife ich, dass ich es mit einem Wohltäter zu tun habe«, erwiderte Bount sarkastisch. »Ich denke an Ihre Opfer, und die werden für Ihre Art von Menschenliebe kaum Verständnis aufbringen.«

Calhoun winkte ab. »Was wollen Sie? Wir beschränken uns ausschließlich auf Farbige - Neger, Mulatten, Mestizen.«

»Soll das etwa eine Rechtfertigung sein? Die verzweifelten Hilfesuchenden aus der Karibik oder Südamerika sind für Sie leichte Opfer. Welcher illegale Einwanderer kann schon auf staatliche Hilfe rechnen? Selbst deren Verwandte sind gezwungen, den Mund zu halten. Ich habe von Berufs wegen schon mit vielen Verbrechern zu tun gehabt, aber Sie, Calhoun, gehören zu der miesesten Sorte. Stehen Sie auf, nehmen Sie die Hände hoch, und drehen Sie sich um!«

Der Gangster grinste lässig. »Sie sind ein Narr, Reiniger. Sie können mich nicht einschüchtern. Ich rufe meine Leute, damit sie Ihnen die Antwort geben, die Ihnen gebührt.«

»Das würde ich Ihnen nicht empfehlen. Meine erste Kugel wird Ihre Schulter treffen. Wenn Ihre Gorillas dann noch immer nicht den Weg freigeben, ziele ich auf den Punkt. Sie können sich auf meine Treffsicherheit verlassen.«

»Na, dann drücken Sie getrost ab!«, höhnte Calhoun.

Im selben Augenblick schnellte eine Panzerglasscheibe aus seinem Schreibtisch in die Höhe und schirmte ihn gegen jede Kugel ab. Gleichzeitig schwenkten zu beiden Seiten zwei Bücherregale zurück und gaben den Blick auf mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer frei.

Bount saß in der Falle.

»Lassen Sie Ihre Spielzeugpistole fallen, Reiniger!«, befahl Calhoun höhnisch.

Er musste gehorchen, spielte aber unverzüglich seinen nächsten Trumpf aus.

»Sie können mich umlegen lassen, Calhoun, doch damit holen Sie sich die Polizei auf den Hals. Etwas wusste der Verräter Matisse nämlich nicht. Ich arbeite nicht allein. Ich habe Anweisungen gegeben, dieses Nest hier auszuräuchern, falls ich nicht alle zwei Stunden ein Lebenszeichen von mir gebe. Hatten Sie wirklich gedacht, ich hätte mich sonst allein hierhergewagt?«

Die beiden Kerle mit den MPis rückten näher. Während ihn einer in Schach hielt, untersuchte ihn der andere nach weiteren Waffen und entdeckte die Ersatzpistole, die er in eine Ecke schleuderte. Der fallen gelassenen Automatic versetzte er einen Fußtritt, dass sie bis zum Fenster rutschte.

Calhoun verzichtete trotzdem nicht auf den Schutz aus Panzerglas. Für den Fall, dass Bount Reiniger seine Männer zwang, auf ihn zu schießen, wollte er sich keine verirrte Kugel einfangen. Die Rolle des Helden lag ihm nicht.

»Sie können wirklich sehr spannend erzählen, Reiniger«, sagte Calhoun unbeeindruckt. »Sie haben nur eine Kleinigkeit vergessen. Die Polizei dieses Küstenstrichs legt auf einen windigen Privatschnüffler aus New York nicht den geringsten Wert. Sie wird sich doch nicht den Geldhahn zudrehen, der von Roderick Calhoun gespeist wird!« Er lachte selbstgefällig.

Bounts Gehirn arbeitete fieberhaft. Er hatte sich in eine äußerst ungemütliche Situation manövriert, doch er konnte sich nicht vorstellen, dass ihn die Gangster an Ort und Stelle umbringen würden. Für die Detonationen des Kugelhagels würde man den zahlreichen Gästen gegenüber kaum eine einleuchtende Erklärung finden. Außerdem musste die Leiche auf dem schnellsten Weg aus dem Haus geschafft werden. Und es galt, die Blutspuren zu beseitigen. Einfacher war es, ihn an einem neutralen Ort zu töten.

Roderick Calhouns Worte bestätigten diese Gedankengänge. »Meine Männer unternehmen jetzt eine kleine Spazierfahrt mit Ihnen, Reiniger. Ich darf um Diskretion beim Verlassen des Grundstückes bitten. Vergessen Sie nicht, dass eine Pistole mit Schalldämpfer auf Ihren Rücken gerichtet ist. Es wäre sinnlos, die Aufmerksamkeit auf sich lenken zu wollen. Sie dürfen uns getrost eine gewisse Erfahrung auf diesem Gebiet zubilligen.«

Die beiden Gangster, die Bount flankierten, traten zwei Schritte zurück. Zwei andere drangen durch die von den Bücherregalen hinterlassenen Wandöffnungen und hielten großkalibrige Pistolen in den Fäusten. Darüber legten sie ihre Jacken.

Ihre Komplizen packten ihre automatischen Waffen in unauffällige Diplomatenkoffer. Erst jetzt trat Roderick Calhoun hinter seinem Schreibtisch hervor und ließ das Panzerglas wieder in der Versenkung verschwinden.

»Ich hasse nichts so sehr wie Verschwendung«, sagte er. »Es wäre doch ein Jammer, Sie so einfach abzuknallen, zumal Sie noch viele gute Dienste leisten können. Sie sehen gesund aus, Reiniger. Natürlich müssen wir Sie vorher genau untersuchen und Ihre Werte bestimmen. Die Kliniken verlassen sich auf unsere exakten Daten. Nicht auszudenken, wenn sich Ihr Herz bei dem Empfänger als unverträglich herausstellen sollte. So etwas wäre doch glatter Mord!« Er lachte über diesen geschmacklosen Witz und gab seinen Leuten das Zeichen zum Abmarsch.

Bount wusste nun, welches Schicksal ihm zugedacht war. Er sollte auf dem Operationstisch enden. Für seine Organe würde Calhoun ein Vermögen kassieren.

14

Die beiden Gangster mit den Diplomatenkoffern nahmen ihn in die Mitte. Dei beiden mit den Pistolen gingen hinter ihm, während Roderick Calhoun voranschritt und sich wieder seinen Gästen zuwandte, sobald sie das Haus verlassen hatten.

Niemand nahm von der gespenstischen Prozession Notiz. Nur das Mädchen mit den Drinks tänzelte auf sie zu und bot Erfrischungen an. Einer der Gangster scheuchte es fort.

Sie bewegten sich auf den großflächigen Parkplatz zu. Auf einem abgetrennten Bereich standen die Limousinen, die zur Villa gehörten.

Sie entschieden sich für einen grünen, viertürigen Chrysler C522i Turbo. Einer der Pistolenmänner nahm hinter dem Steuer Platz. Der andere stieß Bount auf den Beifahrersitz, während die Typen mit den MPis hinten Platz nehmen wollten.

Bount reagierte blitzschnell. Er ahnte, dass dies seine letzte hauchdünne Chance war.

Er warf sich gegen den Fahrer und schleuderte ihn ins Freie zurück, drehte gleichzeitig den Zündschlüssel und schob sich wie eine Schlange hinters Lenkrad. Schon drosch er den Rückwärtsgang ins Getriebe und ließ die Kupplung los. Der 2,2 Liter Turbomotor heulte auf. Die beiden Gangster im hinteren Bereich schafften es nicht mehr, in den Fond zu hechten. Der Fahrer kippte zur Seite. Der Vierte gab einen überhasteten Schuss auf Bount ab.

Bount wendete mit schleudernden Reifen und duckte sich. Er nahm sich keine Zeit, wenigstens die Tür auf seiner Seite zu schließen. Wie eine grüne Libelle schwirrte der Chrysler davon und ließ die Palmen zu beiden Seiten zurück.

Im Rückspiegel beobachtete er, wie seine Verfolger zu zwei anderen Fahrzeugen stürmten. Sie wählten brandheiße Flitzer, denen er über weite Strecken unterlegen sein würde. Er hoffte jedoch, dass er sie bald abschütteln konnte.

Das Ende der Auffahrt war in Sicht. Mit einer Hand hielt er das Lenkrad, mit der anderen suchte er im Handschuhfach nach einer Waffe und fand tatsächlich einen geladenen Revolver. Jetzt war ihm schon beträchtlich wohler.

Hinter ihm knatterten die ersten Schüsse. Etwas rammte hart ins Blech, durchschlug es aber nicht.

Bount legte den Revolver neben sich. Noch hatte er keine Möglichkeit, das Feuer zu erwidern.

Sein Seitenspiegel wurde weggefetzt. Die Gangster schossen sich ein.

Er wandte sich für einen flüchtigen Augenblick um und sah, dass einer seiner Verfolger ein schwarzes Kästchen in die Höhe hob und gegen ihn richtete.

Er ging vorsichtshalber hinter dem Sitz in Deckung.

Sekunden später wurde er nach vorn geschleudert und spürte einen stechenden Schmerz an den Nackenwirbeln. Die Räder des Chryslers drehten durch. Er hing in einem Auffanggitter, das die Gangster mittels einer Infrarotbedienung aus der Fahrbahn in die Höhe gefahren hatten. Durch seinen Blick nach hinten war Bount nicht rechtzeitig darauf aufmerksam geworden.

Die Sportcoupes stoppten neben ihm.

Bount griff nach dem Revolver - und langte ins Leere. Durch den Aufprall war die Waffe in den Fußraum geschleudert worden.

Bount sah sie am Boden liegen und bückte sich.

Da traf ihn von hinten ein Schlag am Kopf, der ihn stöhnend zusammenbrechen ließ.

Im Nu waren auch die übrigen Gangster heran. Sie versetzten ihm noch einige brutale Schläge, bis er bewusstlos war und sich nicht mehr zur Wehr setzen konnte.

Zufrieden nickten sie sich zu, hoben eins seiner Augenlider an und grinsten.

»Der wacht erst wieder auf, wenn ihn das erste Skalpell kitzelt«, sagte einer roh.

Trotzdem gingen sie kein Risiko mehr ein und fesselten ihn an Händen und Füßen, bevor sie ihn in den Kofferraum eines ihrer beiden Autos verfrachteten.

Zwei stiegen ein, während die anderen dafür sorgten, dass das zweite Coupe auf den Parkplatz zurückgebracht und der erheblich beschädigte Chrysler weggeschafft wurde.

Bount trat die Fahrt zum Institut an. Er hatte seine letzte Chance nicht nutzen können.

15

June March schaute immer wieder auf die Uhr. Sie war unruhig. Warum ließ Bount nichts von sich hören? Er war nun schon seit über fünf Stunden fort. Er wusste doch genau, dass sie sich sorgte.

Sie schielte zum Telefon. Ob sie Toby anrief? Aber dafür war es wohl noch zu früh. Bount hatte ihr klar aufgetragen, gegebenenfalls nichts vor morgen früh zu unternehmen.

Sie wartete eine weitere Stunde, rief danach Greco Perrazo an, der aber auch kein Lebenszeichen von Bount Reiniger erhalten hatte, und wählte schließlich doch Toby Rogers' Telefonnummer.

Der Captain brachte diesmal weit weniger Geduld auf als bei ihrem ersten Hilferuf. Er unterbrach sie und erinnerte sie an sein Versprechen, sich nicht wieder wegen eines blinden Alarms auf den Arm nehmen zu lassen.

»Du weißt so gut wie ich, dass Bount nur wieder unsere Nerven strapaziert.«

»Und wenn nicht, Toby? Immerhin ist er dein Freund.«

»Ich könnte mich ohnehin nur in dieser Eigenschaft für ihn verwenden. Als Leiter der Mordkommission habe ich in meinem Bereich hier in Manhattan das Sagen. Die Kollegen in Florida husten auf meine Anweisungen. Erwartest du, dass ich das FBI einschalte? Die lachen mich aus.«

»Sprich mit den Beamten in Titusville«, beschwor ihn June. »Die sind für Cocoa Beach zuständig. Sie sollen bei Calhoun eine Razzia veranstalten. Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl.«

»Das habe ich bei Bount meistens«, entgegnete Toby Rogers brummig. »Er begibt sich oft genug in riskantes Fahrwasser und manövriert zwischen Zuständigkeiten hindurch. Was soll ich den Kollegen sagen? Dass ein Privatdetektiv aus New York ihre Arbeit tut, weil sie anscheinend dem Problem keine ausreichende Bedeutung beimessen, und dass dieser Detektiv jetzt möglicherweise in Schwierigkeiten steckt?«

»Du wirst die passenden Worte finden, ohne ihnen auf den Schlips zu treten. Du bist doch so feinfühlend.«

»Sehr witzig. Ich höre jetzt schon ihre Antworten. Ich soll mich gefälligst um meinen eigenen Mist kümmern.«

»Bount ist kein Mist, Dickerchen.«

»Nenn mich nicht Dickerchen! Da werde ich fuchsteufelswild!«

»Ich auch bei deiner Bierruhe. Ich sage dir, Bount braucht unsere Hilfe. Vergiss nicht, dass er dir auch schon oft genug aus der Patsche geholfen hat, wenn du mit deinem Latein am Ende warst.«

»Daran brauchst du mich wirklich nicht zu erinnern«, fauchte Toby ärgerlich. »Lege bloß nicht jedes Wort auf die Goldwaage.«

»Ich habe Angst, Toby, und du erzählst mir was von Zuständigkeiten.«

»Du kennst doch die Gesetze genauso gut wie ich, June. Mir sind die Hände gebunden. Fünf Stunden sind einfach zu wenig. Vielleicht hat Bount diesen Calhoun gar nicht angetroffen.«

»Dann hätte er sich zwischendurch bei mir gemeldet. Wenn du nichts unternimmst, muss ich eben selbst etwas tun.«

»Lass diesen Unsinn!«, warnte Toby Rogers erschrocken.

»Und du bist schuld, wenn morgen eine bildhübsche, blonde Leiche angespült wird«, ergänzte June mit Nachdruck.

»Du verstehst es, Schuldgefühle zu wecken. Also gut, ich will sehen, was ich erreiche. Gib mir die Adresse dieses Calhoun.«

June atmete auf. Sie war sicher, dass sich von jetzt an Toby in den Fall verbeißen würde.

Sie ahnte allerdings nicht, dass auch der hochkarätige Polizeibeamte bei den zuständigen Stellen auf Granit beißen würde.

Eine Stunde später meldete sich Toby erneut. Er tobte wie ein Unwetter.

»Roderick Calhoun scheint so etwas Ähnliches wie ein Halbgott zu sein«, berichtete er. »Er ist über jeden Verdacht erhaben, so wurde mir mehrfach versichert. Im Übrigen ist nichts von einem Forschungsinstitut, gleich welcher Art, bekannt. Der Mann verdient seine Austern mit mehreren Hotels entlang der Küste Floridas.«

»Ist das sicher?«, fragte June bestürzt.

»Die Kollegen dort unten werden das wohl wissen.«

»Dann hat dieser Kubaner Bount einen dicken Bären aufgebunden. Ich werde ihn mir wohl selbst einmal näher anschauen müssen. Ganz vorsichtig, ohne ihm zu nahezutreten. Vielleicht erfahre ich etwas Interessantes.«

»Lass die Finger davon«, warnte Toby Rogers. »Ich schlag’ dir was vor. Morgen beginnt mein freies Wochenende. Ich fahre runter zu dir, und wenn Bount bis dahin nicht wieder von selbst aufgetaucht ist, klopfen wir dem Burschen in der Pizzeria auf den Zahn. Natürlich kann ich nicht in dienstlicher Eigenschaft auftreten, aber das wird in diesem Fall auch gar nicht nötig sein.«

June versprach, so lange zu warten, aber sie wusste jetzt schon, dass sie sich nicht daran halten würde.

16

Vulve Matisses Laune war blendend. Anita Carrera warf ihm von Zeit zu Zeit erstaunte Blicke zu. Sie wurde aus seinem Verhalten nicht klug.

Irgendetwas verheimlichte er ihr. Sie vermutete, dass es im Zusammenhang mit dem Telefonat stand, das er mit dem Boss geführt hatte und dessen Wortlaut sie leider nicht hatte verfolgen können.

Angeblich hatte er lediglich diesen Schnüffler ans Messer geliefert. Aber war das die ganze Wahrheit? Ein toter Mann, auch wenn er von ihm sehr geärgert worden war, hatte Vulve noch nie in solche Hochstimmung versetzt.

Wahrscheinlich ließ er sich den Verrat bezahlen und wollte sie um ihren Anteil betrügen. Das wurmte Anita mächtig, und sie überlegte, wie sie zu ihrem Recht gelangen könnte. Mit Gewalt war sicher nichts zu erreichen. Vulve war kräftiger, brutaler und geschickter - vor allem mit dem Messer  als sie.

Als das Summen einen Besucher ankündigte und Vulve wie von einem giftigen Insekt gestochen von seinem Sessel hochfuhr, ahnte sie, dass dies der Geldüberbringer war. Sie war schneller als Vulve und hastete durch die Tür. Sonst schickte er sie ja auch immer, um jeden Besucher, der zu ihnen wollte, in Augenschein zu nehmen und gegebenenfalls mit ihren Verführungskünsten einzuwickeln.

»Bring ihn herauf!«, rief der Kubaner hinter ihr her. »Aber ein bisschen fix! Ich habe mit ihm zu reden. Du kannst unten bei Pedro bleiben und aufpassen, dass wir nicht gestört werden. Es geht um ein paar Illegale aus Mexico.«

Wer’s glaubt!, dachte Anita böse und eilte die Treppe hinunter.

Am Tresen lungerte ein Bursche, den sie kannte. Er hieß Stefano und gehörte zu Calhouns Leuten. Er war schon ein paarmal hier gewesen. Sie wusste, dass er scharf auf sie war, aber bis jetzt hatte sie ihm stets die kalte Schulter gezeigt. Sie konnte die katzenhaft schleichende Art Stefanos nicht ausstehen.

Diesmal wollte sie es anders anpacken. Doch zuvor musste sie sicher sein, ob es sich lohnte.

Sie schob sich an den hageren Kerl mit den fuchsroten Haaren heran und ging intensiv auf Tuchfühlung. »Du warst lange nicht hier, Stefano. Trinkst du etwas mit mir?« Ihre schmalen Finger huschten spielerisch über seinen Handrücken mit den hervorquellenden Adern.

Stefanos Augen begannen begehrlich zu glitzern. Die kubanische Hexe hatte er schon lange einmal vernaschen wollen, doch sie hatte immer die Stolze markiert und sich auf Matisses Schutz verlassen. Offenbar hatten sich die beiden gestritten. Umso besser! Stefano hatte nichts dagegen, Versäumtes nachzuholen. Sein Atem ging jetzt schon schneller, wenn er sich Anitas nackten Körper vorstellte.

»Der Boss schickt mich«, sagte er zögernd. »Ich habe was mit Matisse zu erledigen. Ist er oben?«

Anita Carrera nickte. »Er schläft. Du kannst mir getrost aushändigen, was dir der Boss für ihn mitgegeben hat.«

Stefano kratzte sich am Kopf. Er schien zu überlegen, ob er sich korrekt verhielt, wenn er auf Anitas Vorschlag einging.

»Ich weiß nicht recht«, begann er.

Anita legte einen Arm um seinen Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Hast du etwa vor Vulve Angst? Ich weiß, dass du ihm Geld bringst. Warum teilen wir es uns nicht? Vulve lässt nach. Er ist diesem Geschäft nicht mehr gewachsen. Außerdem wollte er mich betrügen. Er hatte nicht die Absicht, mir meinen Anteil zu zahlen.«

Stefano grinste. »Dann sollten wir ihm einen Denkzettel verpassen«, meinte er, und die Kubanerin nickte dazu.

Er stieß sich vom Tresen ab und legte seinen Arm so um die Frau, dass seine Hand ihre rechte Brust umspannte.

Anita fühlte Abscheu, doch sie dachte an das Geld. Das allein zählte.

Sie gingen nach oben.

»Wo schläft er?«, wollte Stefano wissen.

Anita deutete auf die Tür. »Er könnte inzwischen wach geworden sein«, flüsterte sie, denn sie wusste genau, dass Vulve schon ungeduldig wartete.

»Ich gebe ihm eins auf die Nuss und schicke ihn für ’ne Stunde ins Reich der Träume«, versprach Stefano. »Dann komme ich zu dir. Warte nebenan auf mich.«

Die Kubanerin gehorchte und zog die Tür leise hinter sich ins Schloss. Dies war das Zimmer, in dem sie ihre gelegentliche Kundschaft empfing. Eine Liegelandschaft bildete den Mittelpunkt. Die Wände waren reichlich mit Spiegeln ausgestattet.

Sie nahm ein paar Kissen hoch und schob ihre Pistole darunter, die sie aus ihrem Strumpfband gezogen hatte. Längst hatte sie sich einen Ersatz besorgt, nachdem Bount Reiniger die andere behalten hatte. Sie liebte keine üblen Überraschungen, und bei Stefano war sie sich in dieser Hinsicht nicht sicher.

Schließlich entledigte sie sich ihrer Schuhe und ließ sich auf die Polster sinken. Sie lauschte, ob von nebenan ein Streit zu ihr drang.

17

Vulve Matisse blickte Stefano erwartungsvoll entgegen.

»Ich dachte schon, du kommst nicht mehr«, nörgelte er.

»Wir hatten vorher noch etwas zu erledigen«, erklärte der andere.

Vulve grinste. »Habt ihr den Schnüffler geschnappt?«

»Um den kümmern sich jetzt wahrscheinlich bereits die Chirurgen.«

»Dann ist ja alles klar. Gib das Geld.«

»Was für Geld?« Stefano grinste gemein und weidete sich an der Enttäuschung seines Gegenübers. Er hasste Vulve Matisse, weil der ihm ständig die Tour bei Anita vermasselt hatte.

»Die zwanzig Mille«, ereiferte sich Vulve. »Versuche nicht, mich zu betrügen. Ich habe Calhouns Wort.«

»Gar nichts hast du, du Narr«, entgegnete Stefano verächtlich. »Der Boss hat dir deinen gerechten Lohn dafür versprochen, dass du dem Schnüffler gegenüber das Maul aufgerissen hast. Das war ein verdammter Fehler, und den begeht man nur ein einziges Mal in seinem Leben.«

Er zog eine Pistole aus seiner Tasche. Ein klobiger Metallzylinder war auf den Lauf geschraubt. Die Gäste unten in der Pizzeria oder im Spielsaal würden nichts hören.

Vulve Matisse erbleichte. Er begriff, dass er sein Blatt überreizt hatte. Der Boss ließ sich nicht erpressen. Vor allem merzte er jede Schwachstelle in der Organisation gnadenlos aus, und er, Vulve, hatte sich als Schwachstelle erwiesen.

Vielleicht hätte er besser auf Bount Reiniger, den Schnüffler, hören sollen. Der hatte ihm prophezeit, dass ihn Calhoun früher oder später ersetzen würde.

Na gut, es gab also kein Geld. Aber umlegen ließ er sich auch nicht so ohne Weiteres. Da musste schon ein anderer aufkreuzen als ausgerechnet Stefano, der ständig mit seinen schmierigen Pfoten an Anita herumfummelte.

»Bist du sicher, dass du den Boss nicht missverstanden hast, Stefano? Ich schlage vor, du bringst mich zu ihm, und er kann mir erklären, was er mir vorwirft. Es wird sich alles aufklären. Trinkst du ’nen Schnaps mit mir?«

»Nicht mit einem Todeskandidaten, Matisse. Versuche gar nicht erst, mich einzuwickeln. Das schaffst du nicht.«

Der Kubaner seufzte. »Und was wird aus Anita? Hast du für sie auch eine Kugel im Magazin?«

»Ihr gehört zusammen, also sterbt ihr auch zusammen. Klarer Fall!«

»Ich begreife das nicht«, jammerte der Bedrohte, bevor er blitzschnell zur Seite hechtete, sein Messer aus dem Stiefel riss und gegen den Bewaffneten schleuderte.

Stefano schaffte es nicht mehr, sich fallen zu lassen. Aber er drückte ab, und die Kugel zerschmetterte Vulves rechten Ellbogen. Dadurch nahm das Messer eine andere Bahn und verfehlte sein Opfer.

Kaltblütig hob Stefano das Messer auf und schob es in seinen eigenen Stiefel. Langsam ging er auf Vulve zu, der nun grau im Gesicht war und sich vor Schmerzen krümmte.

»Dein Leben war voller Fehler, Matisse«, sagte Stefano eisig und spie seinem Opfer ins Gesicht. Dann drückte er zum zweiten Mal ab, und diesmal fand die Kugel mit einem »Plopp« genau ihr Ziel.

Der Killer wandte sich ab und verließ das Zimmer, um sich seine Belohnung zu holen. Die Pistole hatte er wieder in der Innentasche seiner weiten Jacke versenkt.

»Schläft er?«, empfing ihn Anita mit aufreizendem Lächeln.

»Und wie!«, erwiderte der Rothaarige. Er entledigte sich seiner Jacke und warf sich gierig über die Frau.

»Hast du das Geld?«, hauchte sie.

»In der Jacke«, erklärte Stefano und riss mit energischem Ruck ihre Bluse auf.

Um ein Haar hätte Anita ihm ins Gesicht geschlagen. Doch sie riss sich zusammen. Stefano sollte diesen Raum nicht lebend verlassen. Dafür würde die Pistole unter den Kissen sorgen. Das war der Preis für die Demütigungen.

Stefano war wie ein unersättliches Tier. Nach einer halben Stunde war Anita einer Ohnmacht nahe. Nur mit äußerster Energie widerstand sie der Bewusstlosigkeit. Ihr Körper bestand aus tausend Schmerzen.

»War ich gut?«, fragte sie atemlos und reckte die Arme über ihren Kopf. Eine Hand glitt unter das Kissen und spürte den kühlen Griff der tödlichen Waffe.

Stefano lachte brutal. »Gut? Du bist nichts weiter als ein mieses kubanisches Flittchen, in das ich keinen einzigen Dollar investieren würde.«

Mit einem Wutschrei riss Anita die Pistole hervor, doch da hielt Stefano schon das Messer in der Faust und vollführte eine schnelle Bewegung.

Der Schrei erstickte in einem Gurgeln. Der Blick Anitas wurde starr.

Der Mörder stemmte sich in die Höhe und brachte seine Kleidung in Ordnung. Das Messer ließ er liegen.

Pfeifend verließ er den Raum und ging die Treppe hinunter. Er durchquerte die Pizzeria und stieß an der Tür mit einer blonden Frau zusammen.

Normalerweise wäre sie genau seine Kragenweite gewesen, aber im Augenblick war sein Bedarf gedeckt. Außerdem hatte er sich schon viel zu lange aufgehalten. Er durfte den Boss nicht verärgern. Der ließ nicht mit sich spaßen. Matisse und die braunhäutige Hure konnten ein Lied davon singen.

Ein Todeslied.

18

Die blonde Frau, die die Pizzeria betrat, war June March, die nicht ahnte, dass sie soeben mit einem Doppelmörder auf Tuchfühlung gegangen war.

Sie suchte sich einen freien Platz an einem der kleinen Tische, bestellte eine Pizza, die schlecht belegt war, und ein Glas Rotwein. Von beidem kostete sie nur und ließ den Rest als ungenießbar stehen. Umso eifriger hielt sie Augen und Ohren offen.

Sie entdeckte keinen Mann, auf den Bounts Beschreibung von Vulve Matisse passte. Auch Anita Carrera war nirgends zu sehen. Wahrscheinlich hielten sie sich in den oberen Räumen auf.

Als June ihre Rechnung zahlte, beantwortete sie die erstaunte Frage, ob es ihr denn nicht geschmeckt habe, mit kummervollem Seufzen.

»Ich habe keinen Appetit. Ich hatte gehofft, Vulve Matisse hier zu treffen, aber man hat mir wohl eine verkehrte Adresse gegeben.«

»Warum haben Sie mich nicht gefragt, Miss?«, wunderte sich Pedro. »Gedulden Sie sich einen Moment.«

Das tat June. Sie sah, wie Pedro zum Tresen ging und dort ein Signal auslöste, das nach Bounts Beobachtungen zunächst die Kubanerin auf den Plan rufen würde. Der musste sie eine ergreifende Geschichte erzählen, um zu dem Mann gebracht zu werden, der zweifellos mehr über Bounts Verbleib wusste.

Sie musste sehr lange warten, und als Pedro wieder an ihrem Tisch vorbeiging, erinnerte sie ihn an ihr Anliegen.

Der Mann runzelte die Stirn, schlurfte wieder zum Tresen, drückte diesmal nachhaltiger den Knopf und gab June mit einem Grinsen zu verstehen, dass nun gleich jemand erscheinen würde.

Doch das war ein Irrtum, und nach dem dritten vergeblichen Versuch bequemte sich Pedro selbst nach oben, um nachzusehen, warum sich weder Anita noch Vulve blicken ließ.

Als er zurückkehrte, erkannte June an seinem fassungslosen Gesicht, dass etwas Unprogrammgemäßes passiert sein musste.

Sie hörte, wie er die Polizei anrief und etwas von einem Doppelmord stammelt. Da war ihr klar, dass sie von Matisse und seiner Gefährtin nichts mehr erfahren würde.

Bevor die Beamten eintrafen, versuchte sie, von Pedro etwas über den wahrscheinlichen Mörder und dessen Hintermänner in Erfahrung zu bringen, doch der völlig Geschockte versicherte, keine Ahnung zu haben.

»Ich kenne zwar den Namen des Burschen, der zuletzt mit Anita nach oben gegangen und später wieder heruntergekommen ist. Er heißt Stefano. Wahrscheinlich war er das Schwein, der die beiden umgebracht hat. Doch mehr weiß ich nicht.«

Bei dieser Behauptung blieb er auch der Polizei gegenüber, die kurze Zeit später mit drei Einsatzwagen eintraf und ihn sowie die wenigen noch anwesenden Gäste ins Verhör nahm.

June nannte dem Lieutenant den Namen Calhoun und dessen Institut und verlangte, den Gangster unverzüglich festzunehmen und dadurch hoffentlich Bount Reiniger noch zu retten.

Der Lieutenant hörte sich ihre Geschichte an, schüttelte aber anschließend ungläubig den Kopf.

»Wenn Ihr Boss diese Information von dem Ermordeten erhalten hat, dann wurde ihm ein tüchtiger Bär aufgebunden, Miss March. Zufällig kenne ich Mister Calhoun. Der Mann ist über jeden Verdacht erhaben. Dieses Institut, in dem angeblich Menschen ermordet werden, die man illegal ins Land geschleust hat, ist doch eine bloße Horrorvision. So etwas gibt es nicht. Das ist absurd. Mister Calhoun ist Hotelier. Nur Neider können etwas anderes behaupten. Der Mann ist ein Vorbild, wenn es darum geht, anderen Menschen zu helfen.«

»Statten Sie ihm wenigstens einen Besuch ab!«, forderte June den Beamten erregt auf. »Fragen Sie ihn, ob Bount Reiniger bei ihm war. Nehmen Sie das angebliche Forschungsinstitut in Palm Shore gründlich unter die Lupe. Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. Bount Reiniger war mit diesen Menschenschmugglern auf See. Man hat auf ihn geschossen. Er konnte sich nur durch die Flucht retten. Jetzt muss ich fürchten, dass er diesmal weniger Glück hatte. So unternehmen Sie doch etwas!«

Der Lieutenant blickte sie herablassend an. »Ich weiß selbst, was ich zu tun habe, Miss. Schließlich übe ich meinen Beruf nicht erst seit gestern aus. Die Ermordung der Carrera und Matisses ist für mich keine Sensation. Das waren zwei ganz schräge Vögel, die vermutlich versuchten, einen Kunden der Kubanerin aufs Kreuz zu legen. Diesmal gerieten sie jedoch an den Falschen. Selbstverständlich wird eine Fahndung nach dem Mörder eingeleitet. Ich glaube aber, dass er längst über alle Berge ist.«

June sah ein, dass hier jedes Wort auf taube Ohren stieß. Toby Rogers hatte recht gehabt. Dieser Calhoun musste sich das Image eines Wohltäters aufgebaut haben.

Aber dadurch konnte sich die Polizei täuschen lassen. Sie nicht. Sie würde etwas unternehmen. Auf der Stelle.

19

Bount Reiniger gelangte zu sich, als man ihn ins Haus trug. Er blinzelte durch seine geschlossenen Lider, konnte aber nicht erkennen, wohin man ihn gebracht hatte. Ihm fiel lediglich auf, dass er das Meer nicht riechen konnte.

Er stellte sich weiter bewusstlos und überlegte fieberhaft, ob ihm noch eine Chance blieb.

Die Gangster hatten ihn gefesselt. Er verfügte über keinerlei Waffe. Außerdem wurde er scharf bewacht. Das waren ganz miese Aussichten.

Zweifellos war dies das Institut, von dem Vulve Matisse gesprochen hatte. Hier sollte er das gleiche Schicksal erleiden wie die Einwanderer aus der Karibik, Mittel- oder Südamerika.

Sie verfrachteten ihn in einen Fahrstuhl. Es ging zwei Stockwerke nach oben. Dort wartete eine Bahre, auf die ihn die Gangster legten.

Es roch nach Krankenhaus, nach Äther und Desinfektionsmitteln.

Die Kerle, die ihn hergebracht hatten, übergaben ihn jetzt an ein paar Ärzte.

»Er muss schleunigst verschwinden, hat der Boss befohlen. Es ist ein Schnüffler, der uns das Geschäft versauen wollte.«

»Dieser Narr!«, war die verächtliche Antwort.

Ein Daumen hob sein linkes Augenlid. Bount schlug die Augen vollends auf. Es war sinnlos, die Ohnmacht weiterzuspielen. Er hielt es für wichtiger, sich einen gründlichen Überblick über die örtlichen Gegebenheiten zu verschaffen.

»Sieh da!«, höhnte einer der Weißkittel. »Die Narkose lässt nach. Willkommen bei uns! Ich muss sagen, einen so kräftigen, gut erhaltenen Spender hatten wir selten. Für den lassen sich glänzende Preise erzielen.«

Bount wurde durch eine zweiflüglige Tür geschoben. Die Gruppe durchquerte einen Raum mit Käfigen, in denen Versuchstiere an elektrische Geräte angeschlossen waren. Der folgende Raum war ein Labor, das allerdings verwaist war. Es diente nur als Tarnung.

Ein Untersuchungsraum schloss sich an. Bount wurde auf eine Liege gelegt, die mit Kunstleder überzogen war.

Dann begannen die Untersuchungen.

Ihm wurden Blut und Knochenmark entnommen. Er wurde geröntgt. Sämtliche Organe wurden genau durchgecheckt. Die Ware, die an die Kliniken geliefert wurde, musste einwandfrei sein. Vor allem wurden unzählige Daten benötigt, um die geeigneten Empfänger ermitteln zu können.

Bount rechnete damit, dass die Untersuchungen mehrere Stunden in Anspruch nehmen würden. Früher oder später musste man ihm die Fesseln abnehmen. Vielleicht ergab sich dann eine Gelegenheit zur Flucht. Er würde sich nicht scheuen, sie auch im nackten Zustand zu versuchen.

Doch er merkte schon bald, dass die Verbrecher nichts dem Zufall überließen. Sie ahnten, dass er sich noch nicht mit dem unausweichlichen Tod abgefunden hatte. Deshalb waren an sämtlichen Türen bewaffnete Wachen postiert. An denen gelangte er nicht vorbei.

Die skrupellosen Ärzte gingen bei den Untersuchungen nicht gerade behutsam vor. Doch Bount war sich im Klaren, dass er nie wieder eine so angenehme Zeit verleben würde, solange er sich in diesem Gebäude aufhielt. Alles, was danach folgte, würde seinen Tod nach sich ziehen.

Es kümmerten sich auch medizinische Assistentinnen um ihn. Doch keine von ihnen erlag seinem Charme. Sie gehörten zu Calhouns Gang und wussten, welche Gefahr er für ihr Unternehmen und den künftigen Profit darstellte. Ganz klar, dass er sterben musste.

Unerwartet tauchte Roderick Calhoun auf. Der Gangster musterte den an Elektroden Angeschlossenen zynisch und brachte eine Neuigkeit.

»Ich hatte Besuch von der Polizei. Eine gewisse June March hatte die Frechheit, mich unglaublicher Verbrechen zu beschuldigen. Kennen Sie diese Person vielleicht, Reiniger?«

Bount musste sich zusammenreißen. June hatte sich also nicht an seine Anweisung gehalten, bis zum nächsten Tag zu warten. Darüber konnte er zwar froh sein, doch andererseits fürchtete er nun um ihre Sicherheit. Würde Calhoun nicht auch sie aus dem Weg zu räumen versuchen?

Calhouns folgende Worte bestätigten seinen Verdacht.

»Sie scheint sehr besorgt um Sie zu sein, Reiniger. Haben Sie was mit ihr gehabt? Nun, die Zeiten sind vorbei, und das beste für die Puppe wäre, schleunigst nach New York zurückzufliegen. Tut sie es nicht, hat sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben. Finden wird die Lady Sie nämlich auf keinen Fall. Dort, wo sie vielleicht sucht, wird sie eine herbe Enttäuschung erleben. Ja, Matisse war zwar ein gewaltiger Quatschkopf, aber wo sich das Institut in Wirklichkeit befindet, konnte er keinem verraten, weil ich ihm das Versteck nie preisgegeben habe. Das kennen nur meine zuverlässigsten Mitarbeiter, und dazu gehörten die beiden Kubaner wirklich nicht.«

»Sie haben sie also ebenfalls umbringen lassen«, sagte Bount. Er hätte viel dafür gegeben, sich mit diesem Schuft Mann gegen Mann auseinandersetzen zu können.

»Sie hatten nichts anderes verdient«, erwiderte Calhoun geringschätzig.

Er wandte sich ungeduldig an die Ärzte. »Seid ihr immer noch nicht so weit? Wann kommt er auf den Tisch?«

»Ein paar Stunden brauchen wir noch. Es hängt auch von den Testergebnissen ab, ob noch weitere Untersuchungen erforderlich sind.«

»Beeilt euch!«, forderte der Boss. »Und lasst ihn keine Sekunde aus den Augen. Er ist ein Vermögen wert, und ich traue ihm nicht. Dieser Typ ist gefährlich, solange sein Herz noch in seiner eigenen Brust schlägt.«

»Das wird nicht mehr lange der Fall sein«, erklärte der Chefarzt, ein bärtiger Strolch mit stechendem Blick.

»Spätestens morgen früh kann es losgehen. Ich lasse schon alles vorbereiten.«

»Gut. Was ist mit den Kubanern?«

Der Mediziner zuckte zusammen. Diese Frage war ihm offensichtlich unangenehm.

»Der Alte hat die Untersuchungen nicht überstanden«, sagte er zerknirscht. »Offenbar haben ihm die Aufregungen zu sehr zugesetzt. Wir konnten längst nicht alle erforderlichen Werte ermitteln.«

»Verdammt!«, tobte Roderick Calhoun. »Ihr hättet eben besser aufpassen müssen! Was ist mit den vier anderen?«

»Zwei haben wir bereits operiert. Durchschnittsware. Bei dem dritten müssen wir noch den Kreislauf stützen, und die Frau ist schwanger. Das wusste sie angeblich nicht mal selbst.«

»Na und?«, fauchte der Gangster. »Wollt ihr bis zur Entbindung warten? Das hier ist kein Kurhotel! Ich will die Leute nicht länger hier haben als unbedingt nötig.«

»Natürlich«, sagte der Arzt erschrocken. »Das Ganze ist eine Frage der Reihenfolge. Wir könnten die Frau noch diese Nacht rannehmen. Doch dann muss der Schnüffler mindestens vierundzwanzig Stunden warten. Mein Team ist zu klein, und die Leute müssen ausgeruht sein. Beim geringsten Fehler werden die Organe wertlos. Wir leisten hier Arbeit am Fließband, wofür die großen Universitätsklinken viel mehr Zeit und modernste Apparaturen zur Verfügung haben.«

»Dafür werdet ihr auch besser bezahlt«, entgegnete der Gangsterboss. Er überlegte kurz, bevor er entschied: »Der Schnüffler genießt die höchste Priorität. Den will ich weghaben. Danach nehmt ihr euch die beiden anderen vor. Ausruhen könnt ihr euch anschließend wieder. Das nächste Schiff trifft frühestens in zehn Tagen ein.«

Bount wurde vom Grauen geschüttelt. Was waren das für Bestien!

Ricardo Garanto würde also vergeblich auf seinen Vater warten. Der alte Mann war gestorben.

Roderick Calhoun schenkte seinem Opfer keine Beachtung mehr. Er wechselte mit dem Bärtigen noch ein paar Worte, bei denen es um die Abnehmer der Organe ging. Es fielen zwei Namen von Kliniken, die sich Bount einprägte, obwohl er seine Kenntnis wohl kaum noch würde verwerten können.

20

June erreichte Palm Shore am späten Abend. Sie war zum Äußersten entschlossen, nachdem sie Toby Rogers telefonisch nicht erreicht hatte. Jetzt musste sie Bounts Rettung in die eigene Hand nehmen, denn die Polizei hatte bei Roderick Calhoun, wie nicht anders erwartet, nichts Verdächtiges entdecken können.

Sein Alibi für die Zeit des Doppelmordes stand wie eine Eins. Einen gewissen Stefano, auf den Pedros Personenbeschreibung passte, kannte er nicht. Von einem Bount Reiniger aus New York hatte er noch nie gehört und wusste auch nicht, was er mit einem Privatdetektiv zu tun haben sollte. Die Existenz eines Instituts, in dem gegen den Willen der Spender Transplantationsorgane entnommen wurden, war ihm nicht bekannt. Er selbst leitete selbstverständlich kein Unternehmen dieser Art.

Dass diese Behauptungen von der Polizei ohne Weiteres hingenommen wurden, gab June zu denken. Die Beamten waren offensichtlich bestochen worden.

Sie erkundigte sich an der Rezeption eines Hotels nach dem Forschungsinstitut von Professor Calhoun.

Der ältere Mann schaute sie verdutzt an. »Forschungsinstitut? So etwas gibt es meines Wissens in ganz Palm Shore nicht, und ich lebe hier immerhin schon seit mehr als vierzig Jahren.«

»Nun, seine Existenz ist wohl nicht an die große Glocke gehängt worden«, räumte June ein, die sich nicht vorstellen konnte, dass auch dieser Hotelangestellte mit dem Gangster unter einer Decke steckte. »Es handelt sich auch nur um eine kleine Anstalt.«

Der Mann blieb bei seiner Versicherung, er könne ihr von jedem Haus in diesem Ort sagen, welchem Zweck es diene.

»Wir leben hier vom Tourismus, Miss. Palm Shore ist ein winziges Dorf, wie Sie sich selbst überzeugen können. Es gibt bei uns keine Wissenschaftler.«

June ließ sich nicht entmutigen. Sie zog weiter, aber schon nach kurzer Zeit musste sie einsehen, dass die Spur abgerissen war. Vulve Matisse musste gelogen haben. Vielleicht hatte er es auch nicht besser gewusst. Auf jeden Fall existierte in diesem Ort kein Institut dieser Art.

Jetzt blieb noch die Villa in Cocoa Beach. Doch auch hier gab sich June keiner Illusion hin. Calhoun wusste durch die Polizei längst Bescheid, dass sie ihn verdächtigte. Es würde ihr nicht gelingen, ihn zur Wahrheit zu zwingen oder aber sich unbemerkt in sein Haus zu schleichen, um auf diese Weise zu erfahren, was aus Bount geworden war. Dazu brauchte sie Hilfe. Aber Toby Rogers traf frühestens morgen Vormittag ein.

Ratlos ging sie von Haus zu Haus. Nein, sie suchte am falschen Platz. Darüber gab es keinen Zweifel mehr.

Enttäuscht fuhr sie nach Vero Beach zurück, wo sie nach einer Stunde eintraf.

Vor ihrem Hotel wurde sie angesprochen. Ein Bürschchen von kaum mehr als zwanzig Jahren schob sich an sie heran und zwinkerte ihr verschlagen zu.

June wollte sich an ihm vorbeidrängen, bereit, ihm im Falle einer Handgreiflichkeit ihre Karatefähigkeit zu demonstrieren.

Doch der Bursche grinste nur und flüsterte: »Sie suchen eine Adresse, habe ich gehört.«

Schlagartig war June interessiert. »Woher wissen Sie das?«

»Das spricht sich ’rum, Miss. Sie haben ja genug Leute gefragt. Leider die verkehrten.«

»Und Sie sind der Richtige?«

»Wenn ich alles richtig verstanden habe, suchen Sie ein bestimmtes Institut, das sich ... äh ... mit medizinischen Spezialaufgaben befasst.«

»Und Sie können mir helfen?«, fragte June erregt. Unauffällig schaute sie sich um, ob sie nicht beobachtet wurden. Sie traute dem Typ noch längst nicht.

»Kommt drauf an.«

»Auf was?«

»Was Ihnen die Auskunft wert ist.«

Na klar! Umsonst erhielt sie die Adresse von so einem Galgenvogel nicht. Sie bot hundert Dollar und steigerte, als er sie auslachte, bis auf fünfhundert. Mehr hatte sie nicht in bar bei sich.

»Lassen wir diese Späßchen, Miss«, beendete der Bursche das Geplänkel.

»Ich gehe ein gewaltiges Risiko ein. Denken Sie an Vulve und Anita. Die beiden sind jetzt hinüber, weil sie das Maul nicht halten konnten. Ich verlange von Ihnen zwanzig Riesen. Und sofort haue ich aus dieser Gegend ab, damit mich die Schufte nicht mehr finden. Ich steige aus, verstehen Sie?«

Das wäre zu viel behauptet gewesen. Immerhin ahnte June, dass der Bursche für Calhoun gearbeitet hatte und nun mit seinem Boss unzufrieden war. Vielleicht hatte er nach dem Doppelmord auch nur Angst um seine eigene Haut. Deshalb war er zu einem Verrat für einen entsprechenden Preis bereit.

Aber zwanzigtausend Dollar waren der helle Wahnsinn. Woher sollte sie eine solche Summe nehmen?

»Ich könnte allenfalls fünftausend aufbringen«, gestand sie. »Aber selbst dafür brauche ich Zeit. Ich müsste morgen mit meiner Bank telefonieren. Sind Sie mit fünftausend einverstanden?«

»Ich sagte zwanzig, und dabei bleibe ich, Miss. Wir können das Geschäft auch lassen.« Er drehte sich um und wollte achselzuckend davongehen.

June hielt ihn zurück. »So warten Sie doch. Sie müssen einsehen, dass ich im Moment nicht weiß, ob mir meine Bank einen so hohen Kredit einräumt und das Geld auch gleich überweist. Andererseits eilt die Angelegenheit. Was halten Sie von einem Schuldschein?«

»Was halten Sie von einer falschen Adresse?«, entgegnete der Fremde, der schlecht rasiert war und auch sonst ausgesprochen ungepflegt aussah. »Gute Ware für gutes Geld. Das ist mein Prinzip. Ich schlage vor, Sie drehen einem anderen Ihren Schuldschein an und lassen sich dafür das Geld geben. Ich erwarte Sie im Laufe des morgigen Tages unten am Strand. Damit ich Sie nicht unnötig anspreche, tragen Sie ein rotes Tuch im Haar, falls Sie das Geld haben. Das muss sehr hübsch aussehen. Länger als bis morgen warte ich nicht. Danach können Sie mein Angebot als hinfällig betrachten. Ich möchte nicht, dass Sie sich irgendeine Niedertracht ausdenken. Ich hänge an meinem Leben. Lassen Sie die Finger von den Bullen oder irgendwelchen guten Freunden. Wenn Sie bei der Übergabe nicht allein sind, werden Sie vergeblich auf mich warten. Bis morgen also, Schätzchen!« Er eilte davon, warf sich in einen halb verrosteten Dodge, der am Straßenrand geparkt hatte, und fuhr davon.

Zwanzigtausend Dollar! Sollte Bount sterben, weil sie diese Summe nicht aufbrachte?

Junes Körper straffte sich. Sie war bereit, ihr letztes T-Shirt zu verkaufen, wenn sie Bount damit helfen konnte.

21

Als Erstes versuchte sie erneut, Toby Rogers zu erreichen. Wieder ohne Erfolg. Dann rief sie Sarah, ihre beste Freundin, an und diskutierte mit ihr das Problem, schnellstens an zwanzigtausend Dollar zu gelangen.

»Die Banken haben längst geschlossen«, sagte Sarah überflüssigerweise. »Vor morgen früh kann ich nichts für dich tun. Ich habe selbst nur ein paar Dollars im Haus.«

June kannte den Namen des Direktors ihrer Bank, und Sarah suchte, ihr dessen Privatnummer heraus. Aber auch dieser Mann war nicht zu erreichen. Alles hatte sich gegen sie verschworen.

Sie zog in Erwägung, zu irgendeinem Wucherer zu gehen und sich das Geld von ihm zu leihen.

Da klopfte es an ihre Tür.

Rasch nahm sie die flache Astra Pistole aus ihrer Handtasche und öffnete.

Eine Hand legte sich auf ihren Mund. Der Mann drängte sie ins Zimmer zurück und schloss die Tür hinter sich. Jetzt erst ließ er sie los.

«Toby!«, keuchte sie entgeistert. »Was treibst du für Spielchen mit mir? Um ein Haar hätte ich dir ein Loch in deinen Bauch geschossen.« Sie zeigte ihm die Waffe.

Toby Rogers grinste und behauptete, so dürr zu sein, dass sie ihn bestimmt selbst aus dieser Entfernung verfehlt hätte.

June war nicht zum Scherzen aufgelegt. Sie fiel dem Captain erleichtert um den Hals.

»Dass du schon da bist!«, murmelte sie.

»Ich habe mich sofort nach meinem Dienst in die nächste Maschine gesetzt und bin hergeflogen«, erklärte der Dicke schmunzelnd.

»Deshalb habe ich dich also nicht mehr erreicht. Es ist schrecklich, Toby. Bount ist nicht mehr aufgetaucht. Sie haben ihn erwischt. Davon bringt mich keiner ab. Ich weiß auch, dass dieser Calhoun dahintersteckt, obwohl der hiesige Lieutenant ihn als Halbgott darstellt.«

Sie berichtete in knappen Worten, wie sie während der vergangenen Stunden vergeblich das Institut gesucht hatte, das es zumindest in Palm Shore gar nicht gab. Sie vergaß auch nicht, den Fremden zu erwähnen, der ihr die richtige Adresse für zwanzigtausend Dollar angeboten hatte.

»Aber darauf brauche ich nun nicht mehr einzugehen«, endete sie. »Wer weiß, ob er mich nicht auch anlügen und mit dem Geld verschwinden würde. Jetzt bist du ja da, und wir können bei Roderick Calhoun aufmarschieren.«

Toby Rogers ließ sich auf den einzigen Stuhl fallen, der unter seinem Gewicht erbarmungswürdig ächzte.

»Das halte ich für keine gute Idee, June«, sagte er. »Wenn es stimmt, dass Calhoun Freunde bei der hiesigen Polizei hat, kann er mir die größten Schwierigkeiten bereiten. Ich verfüge hier in Florida nicht über die geringsten Kompetenzen. Ich muss das glauben, was meine Kollegen ermittelt haben. Eine Zusammenarbeit erscheint mir unter den gegebenen Umständen auch nicht erfolgversprechend.«

»Aber irgendetwas müssen wir doch tun«, sagte June erregt. »Du bist doch nicht hergeflogen, um mir zu erklären, dass dir leider die Hände gebunden seien.«

»Vor allem braucht niemand zu wissen, wer ich bin und dass wir zusammengehören. Ich habe mich hier im Hotel eingemietet. Deine Zimmernummer habe ich auf dem Belegungsplan unten in der Rezeption entdeckt. Deshalb wollte ich auch vermeiden, dass du mich vorhin an der Tür mit einem Jubelschrei begrüßt. Man weiß nie, von wem man beobachtet wird.«

»Du hast also einen Plan«, sagte June hoffnungsvoll.

»Ich bin der Meinung, dass Bount entweder schon tot ist. Dann können wir ihn allenfalls noch rächen und brauchen nichts zu überstürzen.«

»Na, du hast ja vielleicht Nerven. Du sagst das so seelenruhig, als wäre ...«

»Vielleicht lässt du mich erst mal ausreden«, unterbrach der Captain sie energisch. »Mir liegt Bounts Schicksal mindestens ebenso am Herzen wie dir. Das kannst du mir glauben. Deshalb klammere ich mich auch an die zweite Möglichkeit.«

»Und die wäre?«

»Calhoun ist offensichtlich kein Narr. Er spielt den Wohltäter und Biedermann, während er so ziemlich die scheußlichsten Verbrechen inszeniert, die man sich nur denken kann. Er legt einen Mann, der sich in seiner Gewalt befindet, nicht einfach um.«

Details

Seiten
500
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910711
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369713
Schlagworte
vier krimis bount reiniger

Autoren

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Titel: Vier Krimis: Bount Reiniger rechnet ab