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Wenn Liebe eine Entscheidung trifft

2017 120 Seiten

Leseprobe

Wenn Liebe eine Entscheidung trifft …







IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Paul Chabas, 2017

(ehem. Titel: Jetzt muss ich sein Leben retten)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext:

Für den Notfallarzt Lutz Liebau stürzt eine Welt ein, als seine Verlobte, die Anästhesistin Brigitte Schleyer, ihm gesteht, einen anderen zu lieben, Tasso von Kottenburg, den Spross einer alten Adelsfamilie. Alles hätte er sich vorstellen können, nur keine Trennung von Brigitte. In ihm keimt Hass auf den Nebenbuhler. Brigittes neue Liebe indes wird auf eine harte Probe gestellt: Tasso wird Opfer eines schweren Verkehrsunfalls, bei dem er mit schlimmen Hirnverletzungen überlebt. Durch Zufall erfährt Lutz, wer der Schwerverletzte ist, dessen Leben er versuchen muss zu retten. Er muss nicht lange überlegen. Dann trifft er eine folgenschwere Entscheidung …


Männer wie aus Zigarettenwerbungen, strenge gesellschaftliche Konventionen. Glenn Stirlings Roman aus den späten 70er-Jahren ist tief durchdrungen vom (Zeit)Geist der ersten Jahrzehnte der heranwachsenden Bundesrepublik. Und genau das macht aus „Wie weit die Liebe geht“ ein überaus interessantes Stück Zeitgeschichte. In loser Folge veröffentlicht die Edition Bärenklau Heftromane aus den 60er‑ und 70er‑Jahren und gibt dem Leser die Möglichkeit, diese Zeit in sich aufzunehmen.





Roman:

Es goss in Strömen, als der Hubschrauber landete. Dr. Liebau öffnete die Tür, sprang hinaus und rannte geduckt auf die Notaufnahme zu. Als er die Glastür aufschob, sah er Brigitte.

Die junge dunkelhaarige Anästhesistin hatte die Hände in die Taschen ihres Kittels gesteckt.

Zu spät?“, fragte sie und starrte auf die Schmutz und Blutflecke an Dr. Liebaus ehemalig weißem Kittel.

Die ganze rechte Seite war voller Lehm. Auch die Schuhe waren beschmutzt und die Hose.

Er trat sich den Schmutz von den Schuhen herunter, schüttelte sich wie ein durchnässter Hund und sagte mit Bitterkeit in der Stimme:

Eine alte Frau! Sie muss kurz nach dem Unfall gestorben sein, lange bevor wir dort waren. Dabei sind wir ziemlich rasch dort gewesen. Mein Gott, ich brauche dringend ein Erfolgserlebnis! Das ist schon der vierte Fall hintereinander, wo wir nicht mehr helfen konnten.“

Komm erst mal herein, Lutz! Ich wollte eigentlich mit dir reden. Aber in dieser Verfassung …“

Er sah sie an.

Was ist passiert? Du bist überhaupt so eigenartig in letzter Zeit.“

Sie gingen an der Notaufnahme vorbei den Gang entlang zum Arztzimmer.

Dr. Brigitte Schleyer gab ihm keine Antwort. Erst als sie das Arztzimmer betreten hatten, sagte sie:

Es ist noch Kaffee da, willst du welchen?“

Den habe ich geradezu nötig“, erwiderte er und zog sich den schmutzigen Kittel aus.

Während sie aus der Thermoskanne Kaffee in zwei Tassen goss, die sie aus dem Schrank genommen hatte, betrachtete Brigitte den jungen Arzt.

Dr. Lutz Liebau war groß, breit in den Schultern und hatte doch kein grobes Gesicht. Sein blondes Haar war jetzt triefend nass und lag ihm am Kopf. Im Augenblick rubbelte er es sich mit einem Handtuch trocken und sah dann zufällig zu ihr herüber. Ihre Blicke begegneten sich.

Du wolltest mir etwas sagen! Was ist also los?“

Sie antwortete immer noch nicht darauf, sondern trug die Tassen zum Tisch, zog sich einen Stuhl heraus und setzte sich.

Ist nichts los im OP?“, wollte er wissen.

Ich habe mir freigenommen“, erklärte sie. „Ich wollte nur noch auf dich warten.“

Freigenommen, wozu? Du hast doch ein freies Wochenende. Wir wollten doch …“

Sie schüttelte den Kopf und blickte in seine blauen Augen.

Setz dich doch!“, bat sie. „Trink erst einmal einen Schluck. Und dann höre, was ich dir zu sagen habe!“

Er wusch sich noch die Hände, zog sich einen neuen Kittel an und setzte sich ihr dann gegenüber. Umständlich rührte er in seiner Tasse um, trank endlich und sah sie erwartungsvoll an.

Brigitte war von einer eigenartigen Schönheit. Ihr Äußeres allein rief in jedem Manne den Beschützerinstinkt wach. Sie war durchaus nicht so zerbrechlich, wie sie anmutete und konnte bei aller Zierlichkeit sehr energisch werden. „Lutz“, begann sie und stützte die

Arme auf den Tisch, während zugleich ihre Finger mit der dünnen Perlenkette spielten, die sie um den Hals trug, „ich glaube, wir verstehen uns nicht mehr gut genug.“

Er sah sie verblüfft an.

Ich begreife nicht ein Wort davon.“

Sie lächelte schmerzlich.

Du willst mich nicht verstehen. Aber überleg doch mal, frag dich doch selbst, Lutz! Gibt es eigentlich etwas über das Medizinische hinaus, über unsere Zusammenarbeit im OP, was uns bindet? Wir sind beide begeisterte Ärzte. Aber das Leben besteht doch nicht nur aus Medizin!“

Natürlich nicht“, entgegnete er. „Worauf spielst du denn an, wir haben uns doch sonst ganz gut verstanden, oder etwa nicht?“

Ich weiß, was du meinst“, sagte sie und vermied es, ihn anzublicken.

Sie strich sich eine Strähne ihres dunklen Haares aus der Stirn und sah kurz zum Fenster hin. Das Licht schien auf ihre Augen, die hellgrün waren. Katzenaugen, hatte er einmal scherzhaft gesagt.

Brigitte wandte sich ihm wieder zu und sagte:

Es gibt mehr als das, was du meinst. Und es gibt vor allen Dingen auch mehr als unseren Beruf. Das Leben besteht nicht nur aus dem Operationssaal und aus dem Bett!“,

Diesmal sagte er nichts; er lächelte nur. Sie hasste es, wenn er so lächelte. Es deutete eine Überlegenheit an, die sie herausforderte.

Wenn ich mit dir mal ein Gespräch führen will“, fuhr sie fort, „da hast du nie Zeit.“

Ich hab’ auch wirklich wenig Zeit. Aber dass ich nie Zeit habe, musst du nicht sagen. Wir haben uns noch vor vierzehn Tagen ausführlich unterhalten und …“

Sie lachte auf.

Ausführlich unterhalten über ein medizinisches Problem. Dafür hast du immer Zeit!“

Das ist nun mal mein Beruf. Deiner im Übrigen auch!“

Sie nickte.

Natürlich, aber irgendwo ist doch eine Schranke. Irgendwo ist doch Schluss. Es kann doch nicht den ganzen Tag und die ganze Nacht sich alles nur um deinen Beruf drehen. Sieh mal, als du noch auf der Intensivstation gewesen bist, da hattest du mehr Zeit für mich.“

Natürlich!“, rief er und lachte. „Ganz klar, da hatte ich Schichtdienst. Von sechs bis zwei, oder von zwei bis zehn, oder von zehn bis sechs; genau meine acht Stunden. Drei Mannschaften sind wir gewesen. Jeweils zwei Chirurgen und ein Anästhesist. Und wir neun Mann konnten auch im Notfall mal den Dienst tauschen, damit der andere länger frei hatte, wenn es für ihn einen langen Tag gab. Da hatte ich natürlich Zeit.“

Und warum hast du dich zur Hubschrauberstaffel gemeldet?“

Du hast doch erlebt, wie es draußen ist. Du weißt doch, was wir damals gesehen haben bei diesem Unfall. Bei dem wir beide helfen konnten. Du konntest das Kind retten und ich die Mutter. Und damals, auf der Autobahn vor Frankfurt, da hatte ich mir geschworen, auch zu helfen bei diesen schrecklichen Verkehrsunfällen. Dort wird unsere Hilfe am schnellsten und am meisten benötigt. Es ist wie im Krieg. Da ist es sicher nicht viel besser zugegangen als zum Beispiel heute bei dieser alten Frau, die gegen den Omnibus gelaufen war. Oder bei all den anderen schrecklichen Unfällen, die ich immer wieder erlebe; jedenfalls das erlebe, was davon bleibt!“

Es gibt andere, die das auch tun könnten“, erwiderte Brigitte.

Wenn das jeder sagte“, entgegnete er ernst, „dann gäbe es keine Ärzte, die mit dem Rettungshubschrauber unterwegs wären. Keine Ärzte, die in den Klinomobilen säßen oder in den Notarztwagen. Das alles fände gar nicht statt, könnte nicht durchgeführt werden, wenn jeder meinte, ein anderer sei dafür auch gerade noch gut genug.“

Sie seufzte.

Natürlich hast du recht. Es tut mir auch leid, dass ich das gesagt habe. Auf der anderen Seite möchte ich dann auch mit einem Mann glücklich sein, möchte etwas von ihm haben, möchte ihm auch etwas geben. Und du bist ein Mann, der nie Zeit hat, der immer unterwegs ist. Und …“

Und?“, fragte er.

Sie senkte den Kopf, starrte auf das kleine Loch in der Tischplatte und spielte mit dem Zeigefinger darin herum.

Ich weiß nicht. Es ist auch sonst etwas zwischen uns.“

Er zuckte die Schultern.

Ich wüsste nicht, was zwischen uns wäre. Natürlich habe ich wenig Zeit, und natürlich bin ich oft auch müde. Drei, vier Stunden Schlaf pro Tag sind eben recht wenig. Und wenn ich dann mal die Möglichkeit habe, auszuspannen, ja, das gebe ich zu, dann schlafe ich schon mal ein.“

Ich habe sogar dafür Verständnis“, behauptete sie.

Er schüttelte den Kopf.

Ich glaube nicht, dass du dafür Verständnis hast. Aber sprechen wir doch Deutsch. Was ist es denn? Liebst du einen anderen?“,

Sie hielt immer noch den Kopf gesenkt und bohrte mit der Fingerspitze in jenem Loch in der Tischplatte herum, spitzte die Lippen, als wollte sie etwas sagen, schwieg aber.

Also doch ein Mann!“, sagte er, und es klang mehr feststellend als fragend.

Er sog die Luft hörbar ein und fuhr dann fort:

Ich weiß nicht, Brigitte, warum du versuchst, mir mit meinen Berufsinteressen zu kommen, mit der wenigen Zeit, die ich habe und mit was weiß ich sonst noch. Sag doch gleich rundheraus, um was es geht! Wer ist es denn, kenne ich ihn? Oder nein, sag es nicht, du willst es ja nicht sagen. Sag mir nur, ob ich recht habe; ja oder nein!“

Sie hob den Kopf, blickte ihn an und über ihren Augen schien ein Schleier zu liegen. Ihre Nasenflügel bebten. Und dann sagte sie kaum hörbar:

Ja, ja, ein anderer Mann!“

Schade“, erwiderte er nach einer Weile, stand auf, trat ans Fenster und blickte hinaus in den strömenden Regen.

Im Dunst der Schauer stand der Hubschrauber wie verloren auf dem betonierten Landeplatz, und im peitschenden Wind bewegten sich die Flügel des Rotors. Blätter segelten von den Bäumen, und das Wasser der großen Pfützen vor der Notaufnahme kräuselte sich.

Ein anderer, dachte er. Wer mag es sein? Zwei Jahre kenne ich Brigitte, seit einem halben Jahr sind wir miteinander vertraut. Und ich weiß, dass ich sie liebe! Ich habe immer geglaubt, dass auch sie mich liebt. Eine Farce, ein Irrtum, ein Versehen, was sonst? Sie hat einen anderen.

Er drehte sich abrupt um, stemmte die Fäuste in die Hüften und sah sie aus schmalen Augen an.

Kenne ich ihn?“

Sie zuckte die Schultern.

Ich weiß nicht, ich glaube nicht. Wir sind immer sehr ehrlich miteinander gewesen. Ich will dir auch sagen, wie alles gekommen ist.“

Sie kam auf ihn zu, blieb vor ihm stehen.

Lutz, du hast mir viel gegeben. Ich möchte, dass wir Freunde bleiben, bitte!“

Sein Mund formte sich zu einem schmerzlichen Lächeln. „Mit dieser Aufforderung findet das Begräbnis einer Liebe statt; falls es von deiner Seite aus eine Liebe gewesen ist!“

Du bist ungerecht! So musst du nicht reden! Ich habe dich geliebt, aber vielleicht habe ich da noch nicht gewusst, dass es noch eine Steigerung in der Liebe geben kann. Sagen wir einmal, ich habe dich sehr gern gehabt. Aber Tasso, den liebe ich!“

Spott huschte über sein Gesicht.

Tasso heißt er? Wunderbar!“

Er lachte. Aber es war kein befreiendes Lachen, eher eine Herausforderung für Brigitte.

Du brauchst dich nicht zu amüsieren über ihn; du kennst ihn gar nicht! Er ist ein phantastischer Mensch. Und ich liebe ihn, Lutz, ich liebe ihn sehr!“

Sein Gesicht verzog sich wie in wahnsinniger Pein.

Und ich liebe dich auch, dich!“

Sie zuckte wie unter einem Schlag zusammen.

Bitte, Lutz, schrei doch nicht so! Können wir nicht vernünftig miteinander reden?“

Er wandte sich ab, blickte wieder zum Fenster hinaus, und der Regen passte gut zu seiner Stimmung.

Sie war hinter ihn getreten, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte leise:

Wir müssen noch lange zusammen arbeiten. Wir sollten wenigstens gute Freunde bleiben. Ich sage wenigstens, das ist ganz schlecht. Manchmal ist eine Freundschaft viel mehr als eine Liebe!“

Wo hast du das gelesen?“ fragte er, ohne sie anzusehen.

Warum bist du so gemein?“

Was soll ich denn sein?“

Jetzt wandte er sich um, blickte sie an.

Wie hättest du es denn gern? Du hast mich schwer getroffen! Diesen Triumph kannst du mitnehmen zu deinem Tasso. Tasso, welch ein Name! Wie heißt er denn noch, dieser Tasso?“

Bedeutet das etwas für dich?“, fragte sie, merklich kühler.

Vielleicht schon; aber lass nur! Ich könnte …“

Das Funkrufgerät in seiner Tasche piepste.

Er zuckte die Schultern, wandte sich ab, ging zum Telefon und wählte die Zentrale an. Als er sich gemeldet hatte, antwortete eine weibliche Stimme:

Herr Dr. Liebau, Einsatz im Hubschrauber! Sind Sie bereit?“

Sofort bereit“, erwiderte Dr. Liebau und legte auf. „Hubschraubereinsatz“, sagte er zu Brigitte und öffnete die Tür. Über die Schulter rief er ihr zu: „Damit wäre wohl alles gesagt, oder gibt es noch etwas zu sagen?“,

Sie schüttelte nur stumm den Kopf.

Wenig später stand sie am Fenster und blickte nach draußen, als er zum Hubschrauber lief, die Tasche in der Linken. Der Motor des Hubschraubers sprang gerade an, der Rotor drehte sich. Dr. Liebau schob die Tür auf, zog sich empor in die Kabine, und kurz darauf heulte der Motor auf. Der Hubschrauber hob sich schwankend vom Boden.

Brigitte wandte sich ab, wischte sich über die Stirn und ging hinaus auf den Flur. Draußen traf sie Schwester Rosemarie, die grüne Operationskleidung trug und offensichtlich auf dem Weg zum OP war.

Hängt es mit dem Hubschraubereinsatz zusammen?“ fragte sie.

Schwester Rosemarie blieb stehen. Sie war groß, hatte ein schmales Gesicht und brünettes Haar, von dem man jetzt allerdings nichts sehen konnte. Sie war älter als Brigitte und hatte damals, als Brigitte zum ersten Male in diesem Hause als Anästhesistin gearbeitet hatte, Brigitte sehr geholfen.

Es ist ein schwerer Verkehrsunfall, ich weiß nicht genau, wo. Aber es ist ein gutes Stück weg. Außerhalb!“

Und dann bei diesem Wetter!“, erwiderte Brigitte.

Ja, Sie wissen ja, Fräulein Doktor“, erwiderte Schwester Rosemarie, „bei diesem Wetter passiert das meiste. Wir sind jedenfalls auf fünf Schwerverletzte vorbereitet! Sie sind noch mit einem zweiten Hubschrauber unterwegs. Auch ein Klinomobil ist auf dem Wege.“

Werde ich gebraucht? Eigentlich habe ich frei.“

Ich glaube nicht, dass man Sie braucht. Es sind ja noch drei Anästhesisten da. Aber Sie können ja mal bei Dr. Malwetter nachfragen! Vielleicht kann Ihnen der Herr Oberarzt sagen, ob man Sie braucht oder nicht. Ich kann das ja nicht beurteilen. Ich bin nur Operationsschwester.“

So habe ich das ja auch nicht gemeint.“

Brigitte ging zu Dr. Malwetter, dem Oberarzt. Sie fand ihn bereits in Operationskleidung, als sie eintrat. Er rauchte noch eine Zigarette und lächelte ihr zu wie ein Lausejunge, der bei etwas Unrechtem ertappt worden war.

Ich weiß, ich weiß“, rief er, „sagen Sie nichts! Aber der Mensch ist schwach.“

Sie wusste zunächst nicht, was er meinte. Dann fiel es ihr ein, dass er geschworen hatte, sich das Rauchen abzugewöhnen. Er war rückfällig geworden.

Brauchen Sie mich? Ich habe gehört, dass Sie auf fünf Schwerverletzte warten.“

Es kommen nur zwei hierher. Die anderen kriegen wir nicht, Und hoffentlich sind sie noch beide am Leben. Es soll ganz grauenhaft gewesen sein, wie ich gehört habe. Aber Ihr Lutz ist ja unterwegs. Und wenn etwas zu machen ist, der wird etwas machen. Wissen Sie eigentlich, meine Liebe, dass Lutz Liebau ein Mann ist, auf den Sie stolz sein können? Nicht nur als Mann, sondern vor allem als Arzt. Er hat eine phantastische Begabung. Und ich glaube, wenn noch mehr Erfahrung hinzukommt, wird er mal so etwas werden wie unser Professor Ackermann. Man kann Sie nur beglückwünschen. Sie haben sich den Richtigen ausgewählt!“

Brigitte durchfuhr es wie ein Stich. Aber sie war nicht imstande, ihm zu antworten, wie es wirklich um sie stand. Statt dessen sagte sie nur:

Also, Sie brauchen mich nicht?“

Nein, machen Sie sich einen freien Tag!“

Er wurde ernst.

Ihr Lutz hat es nicht so gut wie Sie!“

Sie zuckte nur die Schultern. Etwas Besseres fiel ihr nicht ein.


*


Dann wandte sie sich um und ging hinaus. Kurz darauf betrat sie wieder das Ärztezimmer, ging zur Garderobe, zog ihren Kittel aus und ließ ihn in den blauen Wäschesack sinken. Sie zog sich den Regenmantel über, stülpte die Kapuze übers Haar und ging. Draußen in der Vorhalle blieb sie stehen, warf einen Blick auf die Uhr an der Tür und dachte: Jetzt bin ich noch zehn Minuten zu früh. Vielleicht kommt er früher. Aber ich kann nicht in diesen Regen hinausgehen. Ich muss warten. Immerhin hat es den Vorteil, dass nicht allzu viele Leute zusehen, wenn ich bei ihm einsteige.

Sie hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als ein roter Sportwagen heranschoss, eingehüllt in einen Wasserschleier, den die Reifen verursachten.

Der Wagen stoppte vor dem Portal. Aber da das schwarze Verdeck geschlossen war, konnte Brigitte den Fahrer nicht sofort erkennen. Erst als sich sein Gesicht der verregneten Scheibe näherte, sah sie, dass es Tasso war.

Als er die Tür öffnete und Anstalten machte, auszusteigen, da rannte sie hinaus in den Regen und rief:

Ich komme!“

Er stieg dennoch aus und winkte ihr zu. Er war mittelgroß, hatte blondes Haar, nur viel heller noch als Lutz. Auch wirkte er kräftiger als Lutz, war sehr breit in den Schultern und machte einen äußerst sportlichen Eindruck.

Er lief um den Wagen herum, öffnete den Schlag und rief Brigitte zu, als sie bei ihm ankam:

Nun mach aber rasch, sonst wirst du klitschnass!“

Erst als er im Wagen saß und schon wieder Gas gab, sagte Brigitte:

Eine seltsame Begrüßung!“

Sie schnallte sich an, lehnte sich behaglich zurück und sah dann Tasso von der Seite an.

Er hatte ein kühnes Profil. Aber dann bemerkte sie, dass er sich nicht angeschnallt hatte und sagte:

Du hast vergessen, dich anzuschnallen! Und im Übrigen fährst du unerhört schnell. Warum rast du so? Wir sind immer noch im Krankenhausgelände!“

Mein Gott, soll ich wie eine Schnecke schleichen? Es ist ja kaum ein Mensch unterwegs bei dem Wetter!“

Niemand unterwegs? Das merken wir. Zu keiner Zeit passieren so viel Unfälle wie bei solchem Wetter.“

Nun hör aber auf mit deinen Moralpredigten! Du hast mir versprochen, dass wir beide uns einen schönen Tag machen.“

Er sah kurz zu ihr herüber, lachte wie ein Lausejunge, sah dann aber wieder nach vorn und erklärte:

Eigentlich habe ich mir eine Menge vorgenommen. Aber wenn ich dein Gesicht sehe … Ist irgendwas schiefgelaufen?“

Brigitte starrte auf die tanzenden Scheibenwischer.

Ich habe es ihm gesagt“, erwiderte sie so leise, dass er sie nicht verstand und noch einmal fragte. Sie wiederholte ihre Antwort etwas lauter und sagte dann: „Es hat ihn schwerer getroffen, als ich befürchtet hatte.“

Aber er wird davon nicht umkommen; daran stirbt man nicht“, behauptete Tasso.

Das vielleicht nicht. Aber es war doch hart für ihn. Ich habe gar nicht gewusst, dass er so sehr an mir hängt.“

Tasso gab nicht sofort eine Antwort. Sie waren aus dem Gelände der Universitätskliniken herausgefahren und befanden sich jetzt in einer kurvenreichen Gefällstrecke. Auf der nassen Asphaltstraße lag glitschiges Laub, das der Sturm von den Bäumen geweht hatte. Die Straße war schmierig und gefährlich.

Fahr doch um Himmels willen langsam!“ meinte Brigitte.

Er fuhr tatsächlich etwas langsamer, blickte zu ihr herüber, lachte, dass seine Zähne blitzten, und rief ihr zu:

Angst?“

Ach, Unsinn! Es hat doch mit Angst nichts zu tun. Du brauchst ja nicht wie ein Irrer zu rasen, oder willst du unbedingt im OP landen?“

Und wenn schon. Wenn ich dann unter deinen zarten Händen operiert werde …“

Unter meinen Händen gar nicht. Ich bin Anästhesistin. Ich mache dir die Narkose. Und im Übrigen, bilde dir nur nicht ein, dass das etwas Schönes ist.“

Er schwieg dazu, fuhr aber doch langsamer, bis sie die Autobahn erreichten. Es hatte inzwischen aufgehört zu regnen. Aber die Fahrbahn war noch nass. Trotzdem drehte Tasso auf und zeigte, was in seinem schnellen Wagen an Leistung steckte.

Brigitte sagte nichts mehr. Er bemerkte ihr Schweigen, sah kurz zu ihr hinüber und erkannte ihre Verstimmung. Jetzt fuhr er doch langsamer, suchte nach einer Entschuldigung, fand aber keine und wartete einfach darauf, dass sie etwas sagen sollte. Aber sie schwieg ebenfalls. Nun legte er seine Hand auf ihr Knie, und sie ließ es geschehen.

Sag etwas!“, bat er.

Sie blickte ihn groß an.

Ich bin müde, irgendwie erschöpft. Verzeih mir, bitte! Ich scheine nicht sehr nett zu dir zu sein.“

Das warst du wirklich nicht“, stimmte er zu. „Aber es sei dir verziehen. Mein Gott, man kann nicht immer fröhlich sein. Das mit ihm, das scheint dich ganz schön mitgenommen zu haben.“

Sie nickte.

Hat es mich auch. Mehr, als ich zugeben möchte.“

Er wird es überwinden, und du wirst es auch überwinden. Macht es dir große Schwierigkeiten?“

Überhaupt keine. Das Schwierige daran war nur“, erklärte sie, „dass es ihn so schwer getroffen hat. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich hatte ihm … wie soll ich sagen, ich hatte nicht geglaubt, dass er mich so liebt.“

Das beweist mir, wie wenig du ihn geliebt hast.“

Das habe ich ihm auch gesagt. Ich habe ihm gesagt, ich hätte ihn sehr gerne gehabt. Aber geliebt …“

Sie sah Tasso an, lächelte, und fuhr fort:

Lieben tue ich dich, Tasso!“

Er bog unvermittelt in einen Parkplatz ein, bremste scharf, riss Brigitte in seine Arme und küsste sie heftig.

Der stürmische Schwung und die Glut seiner Leidenschaft rissen sie mit. Seine starken Hände hielten sie fest, und seine heißen Lippen pressten sich auf die ihren. Ihr war, als müsste sie verglühen. Als würde in ihr eine Flamme lodern, die alles versengte.

Sekundenlang vergaß sie völlig ihre Umwelt, war absolut hingerissen von dieser überwältigenden Leidenschaft. Sie wünschte sich nichts mehr, als mit ihm völlig allein zu sein. Irgendwo in einem Raum, in den andere nicht kommen konnten, in dem sie nicht zusehen konnten, wie sie sich ihm hingab. Und dazu war sie bereit. Ganz und gar. Aber die Erkenntnis, dass es hier und jetzt nicht sein konnte, wirkte ernüchternd. Und aus der hochschlagenden Flamme wurde wieder ein Flämmchen. Die Ernüchterung brachte Abkühlung. Sie löste sich von ihm, und er lächelte zu ihr herab und murmelte:

Ich liebe dich wahnsinnig!“

Sie schwieg. Sie sah nur sein Gesicht, tief gebräunt von der Sonne, seine hellen, blauen Augen, die ihr noch heller erschienen als die von Lutz. Und sie begann zu vergleichen. Sie hatte sich immer geschworen, es nicht zu tun. Aber nun erwischte sie sich doch dabei, dass sie Tasso mit Lutz verglich.

Er ahnte wohl ihre Gedanken, sah sie prüfend an und meinte:

Wir sollten nicht so viel überlegen! Ich glaube, ich fahre jetzt weiter.“

Er richtete sich auf, ließ den Motor wieder an und fuhr los.

Die Wolkendecke war aufgerissen, die Sonne lugte durch die Lücken und ließ den Asphalt glänzen. Sie reflektierte in den Pfützen und verursachte eine gleißende, blendende Helligkeit.

Brigitte blinzelte, klappte die Sonnenschutzblende herab und sagte:

Ein merkwürdiges Licht. Aber die Sonne scheint. Sie ist mit uns zufrieden. Ich liebe dich, Tasso!“

Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Tasso fuhr langsamer, und das Brummen des Motors wirkte einschläfernd. Sie träumte, mit Tasso zusammen Arm in Arm über die Felder zu gehen. Rechts und links wogendes Getreide, Sonne am Himmel, warme linde Lüfte. Und sie träumte, glücklich zu sein. Aber irgendwie war eine Unruhe in ihr, nagten Zweifel.

Spürte sie schon das drohende Unheil?


*


Sie saßen zu sechst in dem kleinen Raum neben dem OP. Alle trugen noch die grüne Operationskleidung. Schwester Anita brachte Kaffeetassen auf dem Tablett, setzte sie auf den kleinen runden Tisch, der zwischen Dr. Malwetter, Dr. Liebau und Professor Ackermann stand.

Weiter hinten, in einem Schaukelstuhl, den Professor Ackermann einmal von einem Patienten geschenkt bekommen hatte, wippte der Anästhesist‑Oberarzt Dr. Becker. Hinter ihm hatten sich die Operationsschwestern Rosemarie und Linda aufs Fensterbrett gesetzt. Ein Assistent war noch drüben im OP bei dem einen zuletzt Operierten, um ihn unter Kontrolle zu halten.

Professor Ackermann mochte etwa fünfundfünfzig Jahre alt sein, hatte ein Durchschnittsgesicht, dem man nicht ansah, welch geistige und manuelle Fähigkeiten dieser Mann beherrschte. Sein Haar war schon schütter, an den Schläfen grau. Er trug eine Brille.

Oberarzt Dr. Malwetter, in der Klinik von den Schwestern „Der schöne Hugo“ genannt, war das, was man einen gut aussehenden Mann nannte. Und er wusste das! Er war Mitte vierzig und genoss die Anziehungskraft, die er auf das weibliche Geschlecht ausübte. Doch wer ihn näher kannte, der wusste, dass er eine ausgezeichnete Ehe führte und über einen oberflächlichen, heiteren Flirt noch nie hinausgegangen war.

Etwa im gleichen Alter von Dr. Hugo Malwetter war auch der Anästhesist Dr. Becker. Er besaß eine Stirnglatze und hatte rotblondes Haar, das ebenfalls an den Schläfen schon grau zu werden begann.

In diesem kleinen Raum saßen Männer vereint, die zu den besten Ärzten des Landes zählten. Berühmt vor allem war Professor Ackermann, dessen Kniegelenk‑ und Ellenbogenoperationen bis weit über die deutschen Grenzen hinaus wegweisend geworden waren.

Berühmt war auch Dr. Becker, der ebenso wie der Professor an der hiesigen Universität dozierte.

Sie haben sich Ihre Brötchen ja heute sehr schwer verdienen müssen, mein lieber Liebau!“, sagte der Professor und klopfte Lutz freundschaftlich auf die Schultern.

Also, wie ich gehört habe“, meinte Dr. Malwetter, „muss das ja grauenhaft gewesen sein bei diesem Unfall da draußen!“,

Lutz nickte.

Es war grauenhaft. Und das Dumme ist, ich habe mir auch noch den Fuß vertreten. Mit dem Laufen ist es ziemlich Essig.“

Das sagen Sie erst jetzt?“, empörte sich der Professor. „Dann konnte Ihnen doch schon mal die Schwester einen Alkoholumschlag machen. Haben Sie sich schon röntgen lassen?“

Lutz lächelte.

Wann denn, Herr Professor, wann?“

Na ja, da haben Sie auch wieder recht. Sie kommen jetzt erst mal zu der Tasse Kaffee. Ist es schlimm?“,

Lutz hob seinen rechten Fuß hoch, zog das Hosenbein ein Stück nach oben, und sie alle sahen, dass der Knöchel geschwollen war.

Hoffentlich keine Fraktur!“, meinte der Professor.

An der Quelle saß der Knabe“, meinte Dr. Malwetter. „Was soll ihm schon viel passieren? Er ist ja in den richtigen Händen hier bei uns!“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910698
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369573
Schlagworte
wenn liebe entscheidung

Autor

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Titel: Wenn Liebe eine Entscheidung trifft