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Gesamtausgabe Mission Corpus Christi - Science Fiction Thriller

von Alfred Bekker (Autor:in) Marten Munsonius (Autor:in)
2017 360 Seiten

Leseprobe

AM ENDE DES ZEITALTERS

Einige Jahre vor dem Beginn von DAS BLUT DER APOKALYPSE - Eine Geschichte aus dem

„Mission Corpus Christi – Universum“

von

ANDRÉ VIEREGGE

(mit Marten Munsonius)

***

© der Digitalausgabe 2012 AlfredBekker/CassiopeiaPress Ein CassiopeiaPress E-Book.

www.AlfredBekker.de

***

PROLOG

Im Antlitz des Todes stieg eine blutrote Sonne empor. Die ersten Vorläufer eines weiteren Tages, der sich einreihte in die endlose Konstanz langsamen Siechtums bis zur finalen Erlösung von allen Leiden. Gespenster zerfetzter Wolkenleichen jagten von Nord nach Süd über das Schlachtfeld des Himmelszeltes und trieben ein hämisches Spiel mit Licht und Schatten auf dem regennassen Beton.

Die Welt gefangen in Schwarz und Rot, dem Abgrund zur Hölle näher, als dem Tor zum Himmel.

Der nahende Tag vertrieb die lichtscheuen Kreaturen der Nacht von den Gehwegen der labyrinthischen Straßenschluchten, aus denen kein Faden den Weg heraus in die Arme der Ariadne weisen konnte. Auf Lebenszeit gefangen in einem perversen göttlichen Spiel, welches sogar die Grenzen der Komödie sprengte. Dantes Inferno in der Überresten westlicher Konsumgesellschaft.

In den Autowracks mit ihren fast unzerstörbaren Scheiben aus Verbundplastik reflektierte sich das tiefe Rot wie ein düsteres Nachglimmen der schmutzigen Bombe über Mexiko-City, deren Erinnerung auch zwanzig Jahre später noch immer einen gellenden Aufschrei des Entsetzen durch die Herzen der Millionen von Hinterbliebenen und Zeitzeugen der Massenmedienkultur schneiden lässt.

Ein leichter Nieselregen wehte durch die öden Gassen. Keine Menschenseele war zu sehen, auch nicht in der Kirche am Ende der Straße. Leer und verlassen hatte sie die Zeit ihrer Blüte seit Jahrzehnten hinter sich und harrte nun mit jedem Tag des erlösenden Schlages der Abrissbirne.

Doch er blieb aus. Von dem löchrigen Dach aus flüchtete sich das Wasser in winzigen Wasserfällen hinab in die Dunkelheit verrottender Beichtstühle und brüchigen Kanzeln. Durch die Ritzen der alten Holzdielen tropfte es noch ein Stockwerk tiefer in den Hauptraum des verlassenen Kirchenschiffs, um sich wieder in kleinen Bächen zu sammeln und den schier unendlichen Weg ziellos fortzusetzen. Erst am tiefsten Punkt angelangt, würde es seine Reise beenden und verharren, bis es schließlich spurlos verginge. Besser konnte man auch den Zustand der Menschen in jener Abstellkammer der zivilisierten Welt nicht beschreiben. Sie waren auf der untersten Stufe der Existenz angelangt und verharrten in einer todähnlichen Starre, bis Charon sich letztendlich erbarmte, sie auf die andere Seite des Styx überzusetzen.

Es roch nach Feuchtigkeit und Moder, nach aufgequollenem Holz und nassen Lumpen. Die sakralen Hallen waren verlassen. Ein Teil der Bänke war umgestürzt, zerbrochen, durcheinander gewirbelt und angehäuft. Irgendwann, vor langer Zeit, wollte jemand dort drinnen ein Feuer machen.

––––––––

Schwarzer Ruß auf einstmals weiß gestrichenem Holz. Zwischen Altar und dem Beichtstuhl, nahe einer saftlosen Steckdose, befand sich ein großes Loch in der Wand. So groß wie ein Taufbecken.

Wasser und mitgeschwemmte Sedimente gluckerten daraus hervor, und verströmten einen Geruch, wie ihn nasser Schlamm oder faulende Pflanzen erzeugen. Aber dann war da noch etwas. Ein scharfer, ekelhaft metallischer Gestank. Noch beherrschten Finsternis und Kälte den überwiegenden Teil des Raumes. Kein Laut. Nur das Plätschern von der Decke herab. An einigen Stellen vermischte sich das Regenwasser mit einer anderen Substanz. Das Kreuz über dem Altar war halb aus der Deckenverankerung gerissen, hielt sich aber noch.

Mit arglistiger Gier drängten sich als erste die Ratten aus ihren zahlreichen Unterschlüpfen im maroden Fundament des Gotteshauses. Sie huschten mit einer kleinen Vorhut über den Boden zwischen den zersplitterten Holzbänken hindurch. Am Altar enterte eine junge Ratte mit einem verkümmerten Schwanzstummel ein Stück Seil und kletterte daran hoch. Bereits auf halber Strecke riss das verschimmelte Material. Unter schrillem Fiepen stürzte der wagemutige Nager ab und platschte auf die kalten Stufen vor dem Altar, wo er halb betäubt liegen blieb.

Wenig später löste sich etwas von dem Kreuz und schlug mit einem trägen Schmatzen auf dem Boden auf. Plötzlich schienen die Ratten in einen dionysischen Rausch zu verfallen und strömten in Heerscharen herbei. Es dauerte nicht lange, dann war der Altar erobert. Irgendwie schafften die kleinen Biester es, die bereits kalten Eingeweide zu packen, welche dem Mann am Kreuz vor dem Gesicht hingen. Einer der grauschwarzen Brut krallte sich an dem zerrissenen Hemd fest, und für einen Moment sah es so aus, als würde der Mann mit einem Kopfschütteln versuchen, seinen Darm beiseite zu wischen, um das gesamte Kirchenschiff vor sich überblicken zu können.

Nun sprang ein besonders flinker Nager dem Toten mitten ins Gesicht und verbiss sich in die dunkelblaue Zunge, die zwischen einer gelichteten Reihe von Zahnstummeln wie ein nasser Lumpen leblos heraushing. Es würde schwierig werden, den Mann zu identifizieren. Sein Gesicht war eine einzige breiige Maße aus rohem Fleisch und bleichen Stellen kalter Haut, inmitten von Inseln aus violetten Hämatomen. Zwischen den halb geschlossenen Augenlidern hatte sich eine Menge inzwischen verkrusteten Blutes gesammelt.

Von den Wolken befreit, fiel auf einmal goldgelbes Licht durch die verschmutzten Scheiben auf den verstümmelten Leib und umgab ihn mit einem heiligen Strahlenkranz. In einem Spiel von Engelsherrlichkeit spiegelte sich der Schein auf dem Nass des Bodens. Die ganze Szenerie wirkte übernatürlich und unwirklich wie ein ins Groteske verkehrtes Sakralbild Karl Friedrich Schinkels.

Da plötzlich schien der mit dem Kopf voran an das alte Holzkreuz genagelte Mann mit einem verkrampften Zucken aufzuerstehen. Doch es waren nur die Ratten, die sich in seine geöffnete Bauchhöhle vorgearbeitet hatten.

Als der erste Obdachlose die Tür weit genug geöffnet hatte, um den nunmehr vom göttlichen Wesen durchdrungenen Raum des Kirchenschiffs mit den Augen zu durchmessen, wünschte er sich die letzten Stunden unter einem verregneten Himmel zurück, als wäre es das verlorene Paradies gewesen.

*

U.D.S.E. Electronic Mailservice

M. 16.09.2070 - 22.35

From: Morgan Hellwein

To: Francesco Maccachio:

Subject: Az-09-10-2071-19576-P.D.L.T.

DIENSTAG 09.00

IN MEINEM APPARTEMENT

HERMES TOWER 43 C

PÜNKTLICH!

MORGAN

Dienstag, 17. September, 8.58:

Nahezu lautlos hob die Druckluft den Fahrstuhl empor bis in die 43. Etage. Nur ein kurzes Glockenklingeln, welches die neoklassische Fahrstuhlmusik für einen Wimpernschlag unterbrach, verhieß das Ende der Fahrt. Im Mantel kalten Eisens offenbarten sich zu allen vier Seiten Sicherheitstüren.

Francesco Maccachio sah sich um. Welche der Türen würde wohl öffnen? Jede von ihnen führte zu einer anderen Wohnung. Er wollte nicht den ersten Eindruck verloren geben, indem er wie eine Figur aus einer Comedyserie die verkehrte Richtung fixierte, während die schweren Metallplatten hinter oder neben ihm zur Seite glitten. So war es eine große Erleichterung als noch rechtzeitig winzige elektronische Namensschilder neben den Retinascannern entdeckte. Hellwein! Da stand es, gerade noch rechtzeitig, bevor sich ihm der Eingang in das Appartement erschloss.

Schon in diesem Moment erwies sich seine Sorge ohnehin als unbegründet, denn niemand erwartete ihn. Vorsichtige Schritte führten ihn in die Wohnung hinein. Er befand sich in einer Art Vorraum, vom welchem eine Aluminiumtreppe auf eine etwa drei Meter höher liegende Wohnebene führte.

Nur einige Jacken und Mäntel hingen an den Haken einer Gitterkonstruktion, welche wohl den Zweck einer Garderobe erfüllen sollte, aber eher an eine abstraktes Kunstwerk aus den Anfängen des Jahrtausend erinnerte. Ein übertrieben großer Spiegel, von einem matt bläulichen Licht angestrahlt, gestattete es Maccachio, noch einmal den korrekten Sitz seines Mantels zu überprüfen.

Alles war in Ordnung, obwohl er sich bewusst war, mit seiner abgetragenen Hose und den unmodischen Sportschuhen, die unter dem Saum des grauen Trenchcoats garstig hervorblickten, dennoch kein seriöses Auftreten zu besitzen. Er fuhr sich mit der Hand noch kurz durch die wirren schwarzen Haare, die einen jeden Hairstylisten erschaudern lassen würden, um dann entschlossen die Stufen empor zu steigen. Ein unhöflicher Hausherr konnte auch nicht mit höflichem Verhalten seiner Gäste rechnen. Hinter ihm schlossen die Türen des Fahrstuhls ebenso lautlos, wie sie geöffnet hatten.

Am Ende der Treppe erstreckte sich ein hallenartiger Raum von der Größe einer mittelgroßen Turnhalle. Ein im kalten Neonlicht glänzender schwarzer Marmorimitatboden, verlieh dem Raum keine geringere Gemütlichkeit, als die einer Bahnhofshalle. Die Jalousien der riesigen Fensterseite waren allesamt heruntergelassen worden. Nur einen winzigen Spalt geöffnet, wagte sich selbst das abgebrühte Tageslicht der Großstadt kaum durch sie hindurch.

Die Gummisohlen seiner Schuhe quietschten auf dem geschliffenen Dunkel, doch noch immer schien niemand seiner Gegenwart gewahr zu werden, oder gewahr werden zu wollen. An der rechten Wand erstreckte sich über mehrere Meter hinweg ein Meerwasseraquarium mit dunkelblau bis violett angeleuchteten Felsen, Korallen und Seeanemonen. Inmitten des Raumes stand ein mächtiger Schreibtisch. Er schien in einem Stück aus dem Boden herausmeißelt, und ein jeder Besucher wurde von einer Reihe antiker Statuen und Skulpturen geradlinig zu ihm geleitet. Es war, als würde man durch einen riesigen Thronsaal schreiten, um am anderen Ende den Souverän um eine Audienz zu bitten. Doch auf dem Ledersessel hinter der großen Tischplatte saß niemand. Auf einem dreidimensionalen Display sah der Maccachio lediglich Bilder, Zahlen und Zeichen in einem schier unendlichen Strom aufblinken und wieder erlöschen.

Was sollte das alles? Sein Blick streifte weiter durch das Dunkel jenes unheimlichen Domizils. Er entdeckte noch eine weitere Treppe. Ebenfalls aus Aluminium, drehte sie sich korkenziehend um die eigene Mitte nach unten. Vermutlich befanden sich dort unten Schlafzimmer und Bad, denn eine Küche nebst gut ausstaffierter Bar entdeckte er am anderen Ende des Marmorsaales. Daneben eine Couchgarnitur und einen weiteren großen Sessel, beides ebenfalls aus schwarzem Leder. Ein Videobeamer warf verschiedene dreidimensionale Fernsehprogramme an die Wand. Kein Ton war zu hören. Francesco schlängelte sich, zwischen weiteren Skulpturen und kleinen Regalen mit einem Allerlei scheinbar okkulter Gegenstände hindurch, auf die Sitzecke zu, welche nicht schwarz, sondern nachtblau war. Die Dunkelheit in dem Raum hatte seine Augen getäuscht.

„Nicht auf den Kreis treten!“, dröhnte plötzlich ein Stimme aus dem Sessel hervor und verhallte in den Weiten des Saales.

Francesco war zusammengezuckt und instinktiv stehen geblieben. Als er vor sich auf den Boden blickte, erkannte er dort einen Kreis von roter Farbe, der von verschiedenen Geraden in geometrischen Exaktheit durchschnitten wurde.

„Wollen Sie damit den Teufel beschwören?“ Inzwischen war der Mann ziemlich verärgert.

Er hasste die Arroganz jener Person, deren Antlitz er noch nicht einmal ansichtig geworden war. Er kam sich geschulmeistert vor, wie es ihm seit seiner Studienzeit nie wieder geschehen war.

„Nein“, der Mann in dem Sessel hatte sich erhoben. „Ich versuche damit, zu ihm zu gelangen.“ Er setzte ein unverschämtes Grinsen auf. „Nach Hause.“

„Man hat mich vor Ihrem schwarzen Humor gewarnt.“

„So, hat man das?“ Zwei goldene Augen blitzten auf.

Maccachio musterte sein Gegenüber genau. Morgan Hellwein war eine Erscheinung, die durchaus auch einem aktuellen Modekatalog hätte entstiegen sein können. Er war groß, durchtrainiert, und seine Gesichtszüge traten hart und markant unter dem kurzen, silbergefärbten Haar hervor.

Durch die schwarzen Stoppeln eines Dreitagebartes hindurch, entblößte sein hämisches Grinsen eine Reihe strahlend weißer Zähne. Das Auffälligste aber waren seine goldenen Augen, die aus seinem bleichen Antlitz wie verglühende Kometen herausstachen. Francesco war sich sicher, dass es sich bei diesem unübersehbaren Merkmal nicht um Colorlinsen handeln konnte.

„Sie sind ein Klon. Hab ich recht?“, fragte er forsch, da er für seine sonst so höfliche Zurückhaltung bei diesem Mann keinen Anlass sah..

„Genesis Enterprises Forschungsreihe 04102052-M-013. Einziges noch lebendes Exemplar“, erwiderte Morgan sachlich wie eine Maschine.

„Einziges noch lebendes Exemplar?“ Maccachio zog die rechte Augenbraue hoch. Ein Reflex, den er selbst kaum noch wahrnahm.

„Es hatte ein wenig gedauert, bis man erkannte, dass unsere genmanipulierten Körper einige zusätzliche Anreize brauchten, um all ihre Funktionen aufrecht erhalten zu können.“ Hellwein zog eine kleine verchromte Schatulle hervor, klappte den Deckel auf und hielt sie seinem Gast entgegen.

Dieser erkannte scheinbar gewöhnliche Zigaretten.

„Sind ein bisschen angereichert“, erklärte Morgan, indem er sich eine ansteckte. Auf den fragenden Blick seines Gegenübers hin fuhr er fort: „Feringita Elodianum. Besser bekannt als Nemesis.“

„Nemesis? Das ist ein Nervengift. Auf Dauer ist es tödlich.“ Der Klon sah abwesend auf die Leinwand.

„Daher wohl auch der Name“, stellte Maccachio weiter fest.

„Die Todesbotin der antiken Götter.“ Hellwein ging hinüber zur Bar. „Und Sie? Sie sind Jesuit?“ Francesco nickte.

„Wieso wird wohl ein Jesuitenpriester in meine Einheit versetzt?“ Der Klon schien inzwischen fündig geworden zu sein und schenkte sich ein Glas einer nicht näher bestimmbaren Flüssigkeit ein.

„Ich denke mal, Sie trinken nicht.“

Maccachio ignorierte die Unhöflichkeit.

„Ich bin kein Priester. Nach meinen Theologiestudium in Florenz, Weimar und San Sebastian ging ich zum Oculus Dei. Und ich trinke nur mit Menschen, die ich schätze.“

„Das Auge Gottes.“ Morgen Hellwein schien das erste Mal beeindruckt. „Das ist der Geheimdienst des Vatikan, nicht wahr?“

Sein Gegenüber zuckte mit den Schultern.

„Schon gut“, winkte der Klon ab und wandte sich wieder seinem Glas zu. „Ich trinke auch nur mit Leuten, die ich schätze... Deshalb trinke ich immer allein.“

„Dann sind wir uns ja einig.“

––––––––

„Das sind wir, Partner.“

„Wäre es jetzt nicht an der Zeit, mir zu sagen, dass Sie keinen Partner wollen, und immer allein arbeiten?“

„Sie haben wohl zu viele 2D-Streifen aus dem letzten Jahrhundert gesehen, wie? Ich habe sogar gern einen Partner. Dann hat man jemanden, der vielleicht die Kugel abkriegt, die für einen selbst bestimmt war.“ Ein weiteres Mal pflügte sich ein hämisches Grinsen durch seine Gesichtszüge.

„Glaube, es ist an der Zeit, mich in die Einzelheiten einzuweihen.“ Der Mann aus dem Vatikan ging zu der Couch hinüber und ließ sich ungebeten auf dem weichen Leder nieder. Dann beobachtete er entspannt, wie Morgan Hellwein zurück kam und sein Glas abstellte. Mit einer schnellen Armbewegung warf ihm der Klon eine Aktenmappe zu, die auf dem abstrakten Glasgebilde gelegen hatte, welches er wohl als Tisch erworben hatte.

„Die Propheten der letzten Tage! Eine Sekte religiöser Fanatiker, die immer mehr Anhänger findet.

Wir beobachten sie schon eine geraume Zeit, und die Entwicklungen sind mehr als erschreckend.

Für den Verfassungsschutz gelten sie noch als Geheimbund, aber ihre Einflusssphäre wächst. Es ist schon jetzt kaum noch nachzuvollziehen, wie weit ihre Arme reichen.“

„Wie ist es möglich, dass sich so ein Netz nahezu unbemerkt um die UDSE legt?“

„Wir können uns glücklich schätzen, wenn es nur um die Union Demokratischer Staaten Europas geht. Es besteht der begründete Verdacht, dass ihr Schatten ebenfalls bereits Amerika und Vorderasien verdunkelt.“

„Aber wie ist das möglich?“, wiederholte der Jesuit seine Frage.

Morgan hielt einen Moment inne. Dann ließ er sich in seinen Sessel zurückfallen, bevor er fortfuhr.

„Wie konnte sich am Ende des letzten Jahrhunderts das Al-Qaida Netzwerk so weit ausbreiten?

Wieso tat niemand etwas gegen die bewaffneten Armee der Nevada Cobra Milita und der Oklahoma Aryan Victory Milita, bevor sie in ihrem gemeinsamen Todesmarsch auf Washington 2038 über 2.000 Muslime ermordeten? Warum griff die Nationalgarde erst viel zu spät ein? Oder warum konnte niemand Phillippe Farreras und seine Jünger am 11.09.2051 von dem Abwurf der schmutzigen Bombe auf Mexiko City abhalten?“

„Aber von all diesen Gruppierungen wusste man schon vorher.“

„Und man tat nichts. Das ist es ja. Die Verwaltungsapparate rotieren, es wird observiert, Akten werden angelegt, aber es passiert nichts. Die westlichen Demokratien waren zu langsam. Unser Job ist es diesmal schneller zu sein.“

Die Stirn Maccachios legte sich in Falten.

„Wie können wir...?“

„Psst!“, zischte Morgan plötzlich. „Heidrun, Lautstärke Kanal 17 auf 8. Vollbild.“ Francesco konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Heidrun war vermutlich das Stimmaktivierungscodewort für die 3D-TV Computerkontrolle.

Eines der vielen kleinen Bildausschnitte auf der Leinwand wuchs an, bis es die anderen überdeckte.

Die immer gleiche Stimme einer Nachrichtensprecherin erklang: „... immer wieder Anlass zu Spekulationen gewesen. Vom Premierminister der Union Demokratischer Staaten von Europa wurde die Existenz eines solchen Raumschiffes bis zum heutigen Tage stets dementiert. Berichten der Nachrichtenagentur E.N.T. zufolge, sind nun jedoch die ersten Informationen aus zuverlässigen Quellen über erste Tests des neuen Antriebssystems durchgesickert. Das Büro des Premierministers schweigt zu den Anfragen. Dr. Jakob Erikson vom Institut für Raumfahrt und Raumfahrttechnologie in Göteborg betonte gegenüber...“

„Lautstärke auf 0, Kanal 17 rückführen“, befahl der Mann mit den goldenen Augen. „Ich weiß es ganz genau. Die Zeit der interstellaren Raumfahrt beginnt. Die können bestreiten, was sie wollen, aber spätestens in zehn Jahren können wir unser Sonnensystem verlassen.“

„Nur wohin wird uns der Weg führen? Die Besiedlung des Mars ist noch Embryonalstadium. Was sollen wir da in anderen Galaxien?“

„Der Mars?“ Hellwein prustete verächtlich. „Ein toter Klumpen Staub. Das Terraforming- Projekt wird noch Jahrzehnte dauern. Solange wäre die Ewigkeit in der Hölle, dem Leben dort immer noch vorzuziehen. Die Zukunft der Menschheit wird sich nicht in unserem Sonnensystem entscheiden.

––––––––

Andere Planeten, vielleicht sogar andere Völker, werden die Geschichte der Menschheit revolutionieren.“

„Fragt sich nur in welche Richtung.“

„Egal in welche Richtung. Hauptsache es ändert sich etwas.“ Der Klon nahm einen großen Schluck aus seinem Glas und ließ sich diesen für einige Augenblicke auf der Zunge zergehen. „Die Welt geht unter, Francesco.“

Der ehemalige Agent war überrascht über den plötzlichen Wechsel der Anredeform, hörte jedoch gespannt weiter zu.

„Die Welt brodelt wie ein Vulkan. Er kann jede Sekunde ausbrechen, um die Menschheit zu vertilgen. Religiöse Konflikte durchziehen die Lande wie Magmaströme. Verborgen unter einer dicken Schicht, scheinen sie nicht zu existieren oder zumindest nicht die gesamte Menschheit zu bedrohen, doch ihr Vernichtungspotential überschreitet die Wirkung jeder Wasserstoffbombe.

Die Hungersnöte seit den 40er Jahren, die Arbeitslosigkeit, das Leben in den Slums im kalten Schatten des Wolkenkratzers eines Megakonzerns, haben die Menschen selbst im Westen zurück in die Fänge der geistlichen Führer getrieben. Seit Jahrhunderten hat die katholische Kirche nicht mehr so viele Gläubige und vor allem blind Gläubige gehabt wie heute. Und für alle anderen bieten die Sekten ein vergiftetes Auffangbecken. Glaubt einer das Heil zu erreichen, indem er Menschenherzen frisst, dann gibt es eine Sekte dafür. Glaubt einer, er müsse dafür kleine Kinder missbrauchen, dann gibt es eine Sekte dafür. Glaubt einer, er müsse seinen mongoloiden Gott in den Arsch ficken, dann gibt es eine beschissene Sekte dafür.“ Der Klon atmete tief durch, bevor er etwas leiser fortfuhr.

„Mag sein, dass der letzte interlaterale Krieg schon über 50 Jahre her ist, doch ich sehne diese Zeiten manchmal innigst zurück. Damals wusste man wenigstens, wo die Front verläuft. Auf der einen Seite waren die Freunde, auf der anderen die Feinde. Und heute? Sehen Sie sich um! Woher wissen Sie, ob der Mann hinter Ihnen im Supermarkt nicht Sie und alle anderen mit einer Bombe in die Luft sprengt, um auf irgendeinen verdammten Missstand aufmerksam zu machen, den ihm sein spiritueller Oberguru, Priester, Geist oder auch sein idiotischer Gott eingeredet hat. Was soll man tun? Jeden, der irgendwie fremdländisch aussieht, gleich umlegen oder jeden der irgendeine Art von Amulett, Kreuz oder Ring trägt? Von allen Möglichkeiten ist diese noch die Beste.“ Morgan griff hinter sich und zog zwei Pistolen hervor, die er dort in Halftern an seinem Gürtel trug.

Für einen Moment betrachtete er sie, dann legte er die beiden Waffen vor sich auf den Tisch.

„Walther P15, 11mm, 12 Schuss Schrapnelle und Federated Arms Purgatory, 9mm, 8 Schuss panzerbrechend. Ich bin gern auf jede Art von Freak vorbereitet.“

„Scheint als wäre unsere Aufgabe nicht ganz leicht“, stellte der ehemalige Papstagent fest. „Ist es nicht langsam an der Zeit, mir zu sagen, warum ich zu Ihrer Einheit abkommandiert wurde? Oder soll ich das ganze Ding erst lesen?“ Er winkte mit der Akte, die Morgan ihm gegeben hatte.

„Ich denke, es ist jetzt wirklich Zeit dafür.“ Die goldenen Augen blitzen. „Tragen Sie eine Waffe?“ Francesco war für einen Moment überrascht, hatte er doch mit einer längeren Erklärung gerechnet.

„Ja, eine 6mm Spinelli“, gab er schließlich zur Antwort.

„Spinelli? Nie gehört. Trägt man das im Vatikan, um Tauben von den Kirchtürmen zu schießen?“ Morgan war erneut aufgestanden und zu seinem Schreibtisch gegangen. Als er zurückkehrte, hatte er eine silberne Halbautomatik in der Hand.

„Ich hatte so was befürchtet. 6mm sind einfach zu wenig. Hier braucht man Power.“ Ohne viele Umschweife warf er Maccachio die Waffe zu. „Willkommen im SEK 13 für Sekten und Religiösen Fanatismus.“

Francesco betrachtete die Waffe von allen Seiten. Der Verschluss glitt leichtgängig zurück und arretierte fehlerfrei. Die Pistole war in einem hervorragenden Zustand. Ein kurzes Klicken, und das Magazin glitt aus dem Griffstück. Er sah den Klon fragend an, woraufhin dieser ihm ein Päckchen mit Munition nebst eines Ersatzmagazins zuwarf.

„Woher die Notwendigkeit einer solchen Waffe?“, fragte der Agent aus dem Vatikan, während er beide Magazine aufmunitionierte.

„Sie würden nicht glauben, wie fanatisch manche Spinner weitermachen, nachdem man ihnen eine verpasst hat, nur weil sie glauben, im Sinne ihres Gottes zu heilen und so als Märtyrer in sein Reich einzugehen!“

„Wer steckt hinter dieser Art von Gehirnwäsche?“

„Gehirnwäsche?“, Morgan lacht. „Die christliche Lehre geht genau so vor. Im Alten Testament verlangt Gott von seinem Diener Abraham seinen liebsten Sohn um seinetwillen zu ermorden und ihm obendrein noch als Opfer darzubringen. Ist es da ein Wunder, dass die Menschen im Bann der Religion zur Unmündigkeit und zum blinden Gehorsam degenerieren?“

„Doch da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu und sprach: Abraham, Abraham! Und er sagte: Hier bin ich! Und er sprach: Strecke deine Hand nicht aus nach dem Jungen, und tu ihm nichts! Denn nun habe ich erkannt, dass du Gott fürchtest, da du deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast. 1. Buch Mose, Kapitel 22, Vers 11 und 12“, versuchte Francesco zu erklären.

„Macht es das besser? Abraham war bereit dazu, im Namen seines Glaubens einen Mord zu begehen. Der erste religiös- fanatische Attentäter der christlichen Geschichte.“

„Wenn Sie es so sehen wollen.“

„Anders kann es nicht gesehen werden.“ Hellwein war einige Schritte durch die Halle gegangen und starrte nun auf die breite Fensterfront. Mit der rechten Hand ergriff er einen Degen, der an einem der Regale gelehnt hatte.

„Fechten.“

„Bitte?“ Maccachio war irritiert.

„Das ist ein spanischer Fechtkreis auf dem Boden.“

„Aha.“

Die Waffe noch immer in der Hand, schritt der Klon wieder auf die Sitzecke zu.

„Wie ich bereits sagte, es tut sich etwas in dieser Sekte. Etwas Großes steht bevor. Wir werden uns umhören und versuchen in die Organisationsstruktur vorzudringen, um so viele Informationen wie möglich zu sichern. Dazu sind Sie da. Laut ihrer Akte sind Sie Spezialist für spirituelle Zeremonien, Bräuche und Traditionen im westlichen Kulturkreis. Sie haben ihre Promotion über christliche Geheimbünde geschrieben. Und Sie beherrschen Latein, Hebräisch, Altgriechisch und Sumerisch.

Wir brauchen jemanden, der Ihre Sprachen spricht. Die höheren Ordensmitglieder benutzen häufig Sumerisch und biblische Glaubensmotive als eine Art Geheimcode. Sie sollen unsere Eintrittskarte in Ihre Welt sein. Außerdem wurden Sie für den Außendienst ausgebildet.“ Der studierte Theologe zog die rechte Braue hoch, wie er es immer tat, wenn er von einer Entwicklung überrascht war.

„Wissen Sie etwas über die Propheten der letzten Tage?“, fragte Morgan.

„Wenig“, gab Maccachio unverblümt zu.

„Das ist schon mehr, als wir wissen. Sie sind trotz ihrer wachsenden Zahl äußerst effektiv organisiert. Es ist äußerst schwierig, einen Schwachpunkt in ihrem Panzer zu finden. Dennoch ist es uns gelungen, ein hohes Ordensmitglied für uns zu gewinnen.“

„Wie?“

„Nun, ähnlich der Mafia oder der Triaden, ist auch die Mitgliedschaft in diesem Orden ein Treuegelöbnis bis zum Tode, der im Falle einer Ausstiegswilligkeit schneller eintreten kann, als man das letzte Gebet zu sprechen in der Lage ist. Im Austausch für Straffreiheit und eine neue Identität hat er uns einige Hinweise zukommen lassen. Wir können ihn allerdings nicht kontaktieren, bis er endgültig aussteigt. Bis dahin erhalten wir von ihm nur vereinzelte Hinweise, die er uns über einen V-Mann auf den verschiedensten Wegen zu kommen lässt.“

„Und ich bin hier, um einen solchen Hinweis nachzugehen?“ Morgan hob beschwichtigend die Hände.

„Langsam. Immer langsam. Erst einmal sind Sie hier, um alles Notwendige zu erfahren. In den nächsten Tage werden Sie alle Mitarbeiter, V-Männer, Quellen, Lokalitäten und was sonst noch wichtig ist, kennen lernen. Sie werden Zugang zu den Akten erhalten und über den neuesten Stand der Ermittlungen informiert werden. Erst dann sollen Sie mit mir zusammen versuchen, über unsere spärlichen Hinweise hinaus zu ermitteln. Fehler können wir uns nicht leisten.“ Maccachio lud die Pistole durch, sicherte sie und ließ sie in den Holster gleiten.

„Wann fangen wir an?“

„Wir sind bereits dabei.“ Morgan griff eine Lederjacke, die achtlos über eine Statue geworfen war.

„Folgen Sie mir. Man erwartet uns. Heidrun, alle Funktionen herunterfahren.“ Etwas überhastet folgte Francesco zum Aufzug. Lautlos schlossen die Türen.

Dienstag, 17. September, 10.34:

Wieder ein Fahrstuhl. Macchachio fragte sich, ob mittlerweile die ganze Welt aus Fahrstühlen bestand. Man kam nicht mehr um sie herum. Nahezu ein jedes Gebäude besaß zumindest einen. Die Rolltreppen und Beförderungsbänder in Bahnhöfen, Flughäfen und Kaufhäusern waren schließlich auch nichts anderes als Fahrstühle, nur schräg oder ebenerdig verlaufend. Er schüttelte den Kopf. Wenigstens im Vatikan hatte man sich eine gewisse traditionelle Rückständigkeit bewahrt.

Wieder glitten die Türen zur Seite. Er und Hellwein traten hinaus in einen großen Büroraum.

Auf vielen Schreibtischen flimmerten Computerbildschirme. Die Fenster waren abgedunkelt, lediglich der kaltblasse Schein riesiger Neonröhren kämpfte verzweifelt gegen die Dunkelheit an.

Neben dem Aufzug befand sich eine Reihe von Spinden aus grauem Hartplastik. Kleine Namensschilder wiesen dem dort erwähnten einen halben Kubikmeter Privatsphäre im weißblauen Kunstlicht des Arbeitsalltags. Menschen saßen an den Tischen, standen um sie herum, redeten, suchten, tippten, schrieben oder tranken Sojakaffee aus Tassen, deren bunte Farben oder pseudokomischen Aufdrucken verzweifelt nach einem Fluchtweg aus der Tristesse zu schreien schienen. Keine Bilder an den Wänden, keine Pflanzen in den Ecken.

„Hier sitzt unser kleiner Recherchen- und Verwaltungsapparat“, erklärte Morgan.

„Welch ein Glück für Sie.“

„Was?“

„Ach, nichts.“

Über die Bildschirme flackerten verschiedene Symbole und Bilder mythologischen oder religiösen Gehalts, Texte in fremdländischen Sprachen, die selbst Maccachio unbekannt waren, Videoanalysen oder einfach Zahlen und Daten.

Ihr Weg führte sie auf einem Mittelgang quer durch die Reihen der Lohnsklaven, wie Francesco sie zu nennen pflegte. Am Ende befand sich eine Tür aus echtem Teakholz. Als einziges Anzeichen von Geschmack und Leben stand sie antagonistisch zu all jenem, das sich vor ihr trister Modernität ergab.

„Haben Sie auch einen Arbeitsplatz hier?“, fragte Maccachio.

––––––––

Morgan sah den Mann aus dem Vatikan missbilligend an und öffnete dann wortlos die schwere Tür. Sie eröffnete den Zutritt zu einem einzelnen Büroraum. Hellwein ließ seinen neuen Partner zuerst eintreten, folgte dann selbst und schloss die Tür. Eine edel wirkende Holzvertäfelung umschloss drei Seiten des Zimmers, entpuppte sich aber bei näherer Betrachtung als Kunstholz, wenngleich ein teures. Neben einem großen Schreibtisch stand eine kleine Couchgarnitur. Die Türseite war zugestellt mit Aktenschränken, während die verbleibende ungetäfelte Seite frei blieb, denn sie bestand aus einem riesigen Panoramafenster.

Mit einem Becher Kaffee in der Hand stand dort ein Mann vor einem Teleskop und beobachtet angestrengt etwas im gegenüberliegenden Gebäude.

„Es ist unglaublich! Die treiben es schon wieder. So eine Chefin würde ich mir auch noch gefallen lassen“, schnaubte die kleine hagere Gestalt. Als jener heimliche Beobachter sich von seinem Fernsichtgerät abwandte, schien er keineswegs unangenehm berührt, dass jemand anderes seine Worte vernommen hatte. Der Mann blickte sich im Zimmer um, als suchte er dort noch ein Pärchen zu entdecken, das sich von ihm beim Geschlechtsakt beobachten ließe. Dann deutete er mit einer einladenden Geste auf die Garnitur.

„Nehmen Sie Platz, meine Herren!“

Morgan und Francesco ließen sich auf der Couch nieder, während der Mann seinen Kaffee abstellte und sich auf den gegenüberliegenden Sessel lümmelte.

––––––––

„Ich bin Gernot Seiler, Leiter des SEK 13 für Sekten und Religiösen Fanatismus“, stellte er sich vor.

„Herrn Hellwein haben Sie ja bereits kennen gelernt.“ Maccachio nickte nur, während er die kleine Gestalt vor sich, sorgsam auf Unauffälligkeit bedacht, musterte.

Seiler griff indes nach einer kleinen Fernbedienung, die auf dem Couchtisch gelegen hatte.

Er drückte eine Taste und hinter der Sitzecke glitt ein Teil der Holzvertäfelung zur Seite, um einen großen Bildschirm frei zu geben. Auf diesem formte sich das dreidimensionale Bild eines religiösen Führers aus dem ersten Viertel des 21. Jahrhunderts.

„Schon zur letzten Jahrtausendwende prophezeiten NATO-Sicherheitsexperten das Ende interlateraler Kriege. Religiöse Konflikte wurden als das Hauptproblem unserer Zeit vorhergesehen.

Doch dass es solche Ausmaße annehmen würde, war selbst den größten Pessimisten wohl nicht klar.

Man hoffte darauf, dass den anderen Weltreligionen ähnliches geschehen würde, wie dem Christentum. Weltliche Konsumkultur sollte den Einfluss von Rabbis, Priestern und Propheten zurücktreiben. Der Videorekorder sollte den Koran verdrängen, wie er die Bibel aus unserer Welt nahezu verbannt hatte. Mann hoffte durch eine allgemeine breitere Bildung und Medieneinfluss die Menschen aus Moscheen, Tempeln und Kirchen fernzuhalten, um sie Demagogen und Fanatikern aus den Klauen zu reißen. Doch man hatte sich geirrt.“ Inzwischen flackerte Maschinengewehrfeuer über den Bildschirm, Nachrichtenbilder von Verstümmelungen, Erschießungen, Hunger und Tod folgten. Frauen weinten um ihre Söhne, vor den kalten Linsen der Kameras, durch welche die westliche Welt live ihre Gier nach Gewalt im Abendfernsehen stillte, ungeahnt der latenten Gefahr, die vor ihren Häusern Stellung bezog.

„Die Religionen außerhalb der westlichen Welt verloren nicht an Bedeutung, sondern gewannen innerhalb ihrer eigenen Grenzen aus Stahl, Plastik und Plexiglas einen Zulauf, wie sie ihn seit Jahrhunderten nicht mehr gekannt hatten. Wirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen und verheerende Attentate trieben die Menschen zurück in das weit geöffnete Maul des Glaubens.“

„Ich muss doch sehr bitten“, protestierte Maccachio.

„Sorry.“ Der kleine Mann zeigte jedoch kein Zeichen von Reue. „Also weiter! Sekten schossen wie Schimmelpilze bei feuchtwarmen Wetter empor. Religiöse Führer auf der ganzen Welt scharrten Staaten von Anhängern um sich. Sie...“

„Warum erzählen Sie mir das alles?“, intervenierte der Mann aus dem Vatikan. „Diese Entwicklungen kenne ich auch!“

Hellwein funkelte ihn mit seinen goldenen Augen an. Er hatte sich eine Zigarette angesteckt und war aufgestanden, um sich ebenfalls eine Tasse Kaffee zu holen.

„Lassen Sie ihn ausreden!“, befahl er.

Maccachio zuckte mit den Schultern und lehnte sich wieder zurück. Das Angebot eines Kaffees wies er mit einer kurzen Handbewegung ab. Dies begriff Gernot Seiler als Aufforderung fortzufahren.

„Staatliche Organe und Institutionen verloren an Bedeutung. Wen schert schon das irdische Jammertal, wenn einen doch als Dank für die Frömmigkeit das ewige Paradies erwartet? Das Bewusstsein über den Wert menschlichen Lebens, welches sich nach 1945 mehr und mehr zu etablieren begonnen hatte, wich den höheren Zielen und Aufgaben, welche die überirdischen Instanzen ihren Jüngern vorgaben. Da müssten einige Zukunftsvisionäre ins Staunen geraten sein.

Die Welt im letzten Drittel des 21. Jahrhunderts liegt nicht in den Händen der Konzerne, sondern in den eisernen Fäusten der Kirchen. Und es gibt kein oberstes Gesetz, dass sie beherrscht.“ Die begleitende Bildtour führte mittlerweile durch verschiedene sakrale Gebäude, zeigte Straßenprediger und Sektentreffen, okkulte Zeremonien, sowie rituelle Opferungen.

„Willkommen im finsteren Mittelalter. Der heilige Krieg steht bevor, und gewinnen wird ihn der, der die Gläubigen auf seiner Seite vereinen kann. Die Welt braucht einen Messias, und sie braucht ihn schnell!“

Francesco betrachtete seinen zukünftigen Chef. Dieser Mann hatte nichts übrig für das Christentum, welchem er selbst sein ganzes Leben gewidmet hatte. Seiler gehörte zu den Menschen, die an nichts glaubten, das sie nicht besitzen oder töten konnten. War das vielleicht der Grund, aus dem sie seine Hilfe angefordert hatten? Brauchten sie weniger jemanden mit seinen Kenntnissen, als vielmehr jemanden, der die Gläubigen verstand, der einer von ihnen war? Hellwein und sein Chef hielten vom Papst in Rom nicht mehr als von einem verrückten Sektierer auf einer Erdnussfarm in Idaho. Soviel war sicher.

„Und weiter?“ Maccachio tat vollkommen ahnungslos.

„Der Kommandoleiter schien erfreut, dass sein neuer Schützling scheinbar endlich Interesse bekundete.

„Die meisten der entstandenen Sekten künden vom bevorstehenden Ende aller Tage. Vom Ragnarök oder von der Apokalypse. Wie auch immer. Die Zeit, welche viele der Vorhersagen als den Untergang der Welt bezeichneten, nähert sich, und mit ihr kommt das Chaos. Hier in den UDSE

sind in den letzten Monaten vermehrt eine Sekte mit Namen Die Propheten der letzten Tage sowie ihr rivalisierende Gruppierungen auffällig geworden. Unsere Informanten vermelden eine erhöhte Aktivität in diesen Kreisen.“

„Herr Hellwein hat mich bereits darüber in Kenntnis gesetzt.“

„Sehr schön.“ Seiler nickte zufrieden. „Jetzt kommen wir also zu dem, was Sie am Meisten interessieren dürfte: Ihre Aufgabe bei der ganzen Sache.“ Maccachio beugte sich ein wenig vor.

„Dann wird er Ihnen ja auch gesagt haben, dass wir Ihre besonderen Kenntnisse benötigen, um einen Zugriff auf jene Organisationen, denn nichts anderes sind sie für mich, zu finden.“ Dachte ich es doch, schoss es dem päpstlichen Agenten durch den Kopf.

„Und was genau soll ich mit meinen Kenntnissen leisten. Mir wurde bereits angedeutet, im Außendienst tätig zu sein, um in innere Strukturen vorzudringen.“

„So oder so ähnlich.“ Sein Gegenüber nahm einen großen Schluck aus der Tasse. „Zuerst wird Morgan Ihnen die wichtigsten Lokalitäten und Personen vorstellen, damit Sie sich ein Bild machen können. Dann werden Sie beginnen, aus den gesammelten Informationen ein Profil zu erstellen. Mit diesem werden wir dann versuchen, einen neuen Zugang zu erschließen.“ Francesco blickte zu dem Klon hinüber. Dieser hatte sich bis dato uninteressiert gezeigt, runzelte nun aber überrascht die Stirn. Seinem Vorgesetzten schien das nicht entgangen zu sein, obwohl sich Morgan, mit der Tasse in der Hand, an einen der Aktenschränke gelehnt, außerhalb seines Sichtbereiches befand.

„Ja, unser Informant ist tot. Er war wohl nicht vorsichtig genug. Seine Leiche wurde heute früh von ein paar Obdachlosen in einer verlassenen Kirche gefunden. Er war dort verkehrt herum an ein Kreuz genagelt worden.“

„Seit wann ist er tot?“, fragte Morgan betont sachlich.

„Seit etwa 72 Stunden.“

„Fuck!“ Der Klon knallte seinen Becher auf den Schreibtisch. Hektisch tippte er auf ein paar Tasten seines Handgelenktelefons und wartete. Etwas unschlüssig starrten ihn die beiden anderen an. Nach einer Weile drückte der Mann mit den goldenen Augen verärgert eine weitere Taste.

„Wir müssen los! Kommen Sie!“, rief Morgan seinem neuen Partner zu, während er bereits aus dem Raum hinausstürzte. Maccachio warf dem verwirrten Gernot Seiler nur einen ahnungslosen Blick zu und eilte dann dem Klon hinterher. Durch die sich schließenden Fahrstuhltüren stieß er gerade noch rechtzeitig zu ihm.

Dienstag, 17. September, 11.04:

Maccachio betrachtete das Seitenprofil Hellweins. Am Seitenfenster des Wagens zogen die finsteren Fassaden anonymer Wohnblocks vorbei. Seitdem sie im Auto saßen, hatte sein neuer Partner noch einige Male versucht, jemanden über seine Telefon zu erreichen, stets ohne Erfolg.

„Erklären Sie mir jetzt, was los ist?“, fragte Francesco schließlich, nachdem er es Leid war, auf eine freiwillige Erläuterung Morgans zu warten.

„Einer unserer Verbindungsmänner hat erst vor Kurzem eine Nachricht von diesem Informanten erhalten. Er sollte sich mit ihm treffen.“

„Wann?“

––––––––

„Welches wann?“

„Beide“, knurrte Maccachio entnervt.

„Die Nachricht bekam er im Laufe des gestrigen Tages. Gegen Abend informierte er mich, dass er für heute ein Rendezvous hätte.“

„Und da ihr Spitzel zu diesem Zeitpunkt bereits tot war...“

„... kann es sich nur um eine Falle handeln...“

„... um herauszufinden, wer dahinter steckt, und wie viel derjenige schon weiß.“

„Genau das.“ Morgan schien zufrieden mit dem Neuen.

Der Agent vom Oculus Dei starrte indes wieder aus dem Fenster. In kurzen Intervallen befreite der Scheibenwischer das Hartplastik der Frontscheibe von dem bitteren Nieselregen, der die Konturen des Grau, welches in einer sich schier endlos wiederholenden Schleife an ihnen vorbeihuschte, mit einem unwirklichen Glanz umgab. Wie große Säulen schienen die Hochhäuser die schwarzen Wolken zu stützen, auf dass sie ob ihres Gewichtes nicht zu Boden fielen.

Die zerfurchte Straße wurde zur Linken sowie zur Rechten von heruntergekommenen Fahrzeugen gesäumt, deren Zulassungen zum Teil seit über zehn Jahren abgelaufen waren. Aber wer interessierte sich in einer solchen Gegend schon für Scheine und Papiere? Die Arbeitslosenslums durchzogen wie ein Geschwür die Zentren der großen Städte. In einem Land, dessen Sozialsystem vor mehr als 30 Jahren zusammengebrochen war, verkamen die über 40 Prozent Beschäftigungslosen schnell zu einem wachsenden Moloch im Herzen der einstigen Dekadenz einer westlichen Industrienation. Sex, Gewalt, Verbrechen und Religion waren die einzigen Opiate für ein Volk ohne Zukunft und ohne Gegenwart.

Dienstag, 17. September, 11.35:

Morgan stoppte den Wagen vor einem schäbigen kleinen Motel, welches denjenigen, die sich nichts Besseres leisten konnten, zumeist nur für ein oder zwei Wochen eine Zuflucht vor der Kälte der Straße bot. Oder es war einfach nur die passende Örtlichkeit, sich der abgenutzten Genitalien einer Hure, eines Transvestiten, Schwulen oder eines Hybrides aus all dem zu bedienen. Sollten beide zuvor genannten Gründe nicht zutreffen, so war es einfach ein warmer und trockener Fundort für die sterblichen Überreste eines Suizidwilligen, der sich all dem zu entziehen trachtete.

Es erschien Maccachio zunächst töricht, den silbergrauen AIM »Cerberus« vor jenem Gomorra des 21. Jahrhunderts unbewacht stehen zu lassen. Allied Inter Motors war zwar bekannt für radikale Sicherungssysteme, doch galt für jene, was für alle Sicherheitssystem gilt. Bevor sie endlich auf den Markt gelangen, hat irgendwer schon einen Weg gefunden, sie zu knacken. Aber Morgan schien sich keines Risikos bewusst. Man kannte ihn dort.

Die beiden Ermittler betraten eine rauchige Vorhalle mit speckigen, gelben Wänden. Auf einem zerschlissenen Kunstledersofa saß der Vermieter, wie Francesco mutmaßte, da die kleine Rezeption nicht besetzt war. Der Mann sah aus, als hätte er schon viele Leichen oder solche, die es lieber sein sollten, aus seinem Haus heraus oder in es hinein getragen. Es gab wohl kaum eine Abartigkeit der menschlichen Existenz, welcher er noch nicht ansichtig geworden wäre.

„Ist Riklef oben?“, fragte der Klon unfreundlich.

„Ist mir das vielleicht völlig Latex“, pöbelte der Kerl auf dem Sofa zurück. „Bin doch nicht seine Hure von Mutter.“

„Immer eine Freude mit dir.“ Morgan grinste sporadisch.

„Fick dich!“

Der alte Vermieter hatte weder als wir sein Motel betreten hatten, noch während seiner wenigen Worte zu uns aufgesehen. Das änderte sich auch nicht, als wir an ihm vorbei zum Fahrstuhl gingen.

Nichts hören, nichts sehen und nichts sagen, wofür man kein Geld bekam. Seit hundert Jahren die selben Überlebensregeln für Affen im Großstadtdschungel.

Maccachio hätte lieber die Treppen genommen, anstatt wieder in einen Aufzug zu steigen, dessen maroder Zustand durchaus versprach, den direkten Weg nach oben zu weisen. Und zwar nach ganz oben. Zumindest hoffte der Theologe gegebenenfalls auf diese Richtung. Allerdings wollte er seine sterblichen Überreste nur sehr ungern auf seinem Freiflug ins himmlische Utopia dabei beobachten, wie sie von dem Schrott des Fahrstuhles abgekratzt wurden.

„Bis jetzt hat er immer gehalten.“ Morgan grinste wieder, als hätte er die Gedanken des Mannes vom Oculus Dei erahnt. „Zumindest immer, wenn ich damit gefahren bin.“ Francesco warf ihm einen verächtlichen Blick zu und stieg dann in die kleine Kabine, in der es auffällig nach synthetischem Tabakqualm roch. Die Türen schlossen. Als sie sich wieder öffneten, gaben sie den Blick auf einen Korridor frei. Modern grelle Neonbilder verdeckten einen Teil der Risse, welche unter der abbröckelnden mintgrünen Wandfarbe den Blick auf kalten Stahlbeton freigaben. Einzig die Türen schienen innerhalb der letzten 40 Jahre erneuert. Sie waren mit moderner Sicherheitselektronik versehen. Zügig marschierte Hellwein auf einen Eingang am Ende des Korridors zu.

Mehrmals betätigte der Klon die Klingel, aber weder das Surren des Öffners, noch das leise Summen der Überwachungskamera verhieß, dass jemand zu Hause war. Kurzerhand ergriff Morgan seine Polizei- ID- Karte und zog sie durch den Scanner am Schloss. Mit einem leisen Klicken sprang die Tür auf.

Hinter ihr befand sich ein heruntergewirtschaftetes Appartement. Früher einmal hatte man dort sicherlich gut leben können, doch der Zahn der Zeit hatte gierig an der Unterkunft genagt, oder besser geschlungen. Leere Flasche und Fastfoodboxen säumten den Boden. Die Vorhänge waren zugezogen. Das einzige Licht ging von der Unterwasserbeleuchtung des Hologrammaquariums in der Wand aus. Solche Aquarien waren sehr beliebt in einer Zeit, da kaum jemand das Geld und die Ruhe hatte, sich um lebende Haustiere zu kümmern. Außerdem sah man lebende Fische ja auch nur an, ebenso wie holographische.

Während Morgan durch die Tür zur Linken in das Schlafzimmer trat, betrachtete sein Partner die in den Hauptraum integrierte Küche. Reste des Frühstücks verwiesen auf einen überhasteten Aufbruch. Aus der Temperatur des Tees und der Härte des Toast geschlossen, lag dieser schon einige Stunden zurück. Maccachio warf einen Blick auf den Bildschirm neben dem Esstisch. Er war noch eingeschaltet und zeigte die Titelseite der aktuelle E-News Ausgabe. Der Jesuit betrachtet die Schlagzeile: Der Westen rüstet auf.

Er selbst hatte am Morgen nicht die Muße gefunden, einen Blick hinein zu werfen, obwohl ihn die Ergebnisse der Abrüstungsverhandlungen brennend interessierten. Francesco ließ sich auf einem Stuhl nieder und las weiter.

Der Westen rüstet auf

UDSE- Außenminister verlässt Abrüstungsverhandlungen in Hanoi.

Nach acht Tagen kam es in der vergangenen Nacht im Plenarsaal der University of Hanoi zum Eklat. Nach dem Vorwurf des US-Gesandten Edward Hushing, die Verhandlungen nur zu benutzen, um die militärische Vormachtstellung der Union Demokratischer Staaten Europas zu erreichen, verließ der europäische Außenminister Pjotr Ilskac die Verhandlungen. Er bezeichnete die Bemühungen um eine Lösung des weltweiten Overkillpotentials als Utopie und beschimpfte den amerikanischen Außenminister und dessen Amtskollegen Masato Dehan von der Ostasiatischen Föderation als skrupellose Geschäftsmänner, die ihre Zuschüsse von der Waffenindustrie nicht verlieren wollten. Am frühen Nachmittag äußerte sich bereits der...

Maccachio vernahm das Klicken eines Spannhebels neben sich. Im selben Moment spürte er auch das kalte Metall des Laufes an seiner Schläfe.

„Während der Arbeit sollte man immer mindestens ein Auge für sein Umfeld übrig haben.“ Morgan sicherte seine Waffe wieder und steckte sie zurück in den Halfter.

Francesco war inzwischen aufgesprungen und wollte den Klon mit einem Haken zu Boden strecken, besann sich aber noch rechtzeitig darauf, diesem lieber in die genmanipulierte Fresse zu brüllen, an welchen dunklen Ort er sich seine makaberen Späße schieben konnte. Die Charakterisierung von Hellweins Mutter, die der studierte Theologe am Liebsten noch als Garnierung hinzugefügt hätte, verschluckte er jedoch mit Rücksicht auf dessen Reagenzglasfamilie.

Morgan schienen die Beschimpfungen jedoch nicht im Mindesten zu interessieren.

––––––––

„Früher oder später werden Sie erkennen, wie recht ich habe“, sagte er nur. „Ich hoffe für Sie, dass es eher früher als später ist.“

Maccachio starrte auf das Aquarium voll bunter Fische aus Lichtpartikeln.

„Er ist wohl schon weg.“

„Ist er wohl“, bestätigte der Klon.

In diesem Moment gab das kleine Telefon am Handgelenk einen elektrischen Impuls an seinen Körper weiter. Morgan nahm den Anruf entgegen.

„Was ist?... Hast du ihnen gesagt, dass wir hier sind?... Gut!...Wie sahen sie aus?... Danke!... Ja ja, ich weiß!“

„Wir kriegen Besuch“, rief der Beamte vom SEK 13 Maccachio zu, während er seine Pistolen aus dem Halfter zog.

„Wer war das?“, wollte der ehemalige Papstagent wissen.

„Thor, der Kerl unten aus der Halle. Zwei Typen haben gerade nach dem Appartement von Riklef Alberts gefragt. Er hat sie zu uns hochgeschickt.“ Schnell verbargen sich die beiden an verschiedenen Plätzen, die ihnen ausreichend Deckung boten aber auch gestatteten, die unbekannten Besucher, welche in Kürze in den Raum treten würden, unbemerkt zu beobachten. Sie brauchten nicht lange zu warten, bis sie Schritte auf dem Gang vernahmen. Maccachios Herz schlug höher. Er war zwar für den Außendienst ausgebildet, doch hatte er den Großteil seiner Zeit beim Geheimdienst des Vatikans mit der Jagd auf Akten und Schriften verbracht. Das Risiko, von diesen in Ausübung seiner Pflicht umgelegt zu werden, war akzeptabel gewesen.

Morgan indes schien gänzlich unbeeindruckt. Mit starrem Blick fixierte er die Tür, an welcher sich etwas tat. Die anderen Männer schienen ebenfalls mit einer UniCard das Schloss überwinden zu wollen. Doch plötzlich ertönte ein kurzer schriller Signalton. Der Klon sprang aus seinem Versteck hervor.

„Fuck! Das sind Profis! Die Karte hat sie gewarnt, dass die Tür vorher von einer UDSE-Regierungs-UniCard geöffnet worden ist.“

Schnelle Schritte dröhnten über den Korridor. Der Klon stürmte hinaus. Maccachio hetzte hinterher, so schnell er konnte. Sie rannten an den verschiedenen Appartements vorbei auf das Treppenhaus zu. Mit großen Sprüngen überbrückte Hellwein die meisten der Stufen. Sein Partner hatte große Mühe, ihm zu folgen. Als sie durch eine Brandsicherungstür in die Empfangshalle stürzten, sahen sie gerade noch zwei Gestalten durch den Haupteingang verschwinden.

Verzweifelt versuchte der Mann aus dem Vatikan mit dem Beamten des Sondereinsatzkommandos mitzuhalten. Doch im Gegensatz zu diesem, war er solche Verfolgungen nicht gewohnt. Seine Bücher hatten immer brav gewartet. Keines wäre je auf die Idee gekommen, vor ihm zu fliehen und dann noch in so einem affenartigen Tempo. Der kleine Bauch, der sich beim Studium abertausender verstaubter Seiten angesetzt hatte, erwies sich nun als äußerst hinderlich.

Hellwein jagte an dem noch immer von allem scheinbar ungerührt dasitzenden Vermieter vorbei und riss die Tür auf. Die Zeit, die er dabei verlor, genügte Francesco, ihn wieder einzuholen, so dass sie, wie aus einer zu kleinen Popcorntüte, gemeinsam auf die Straße platzen. Der Klon hatte die neue Situation schneller erfasst.

„Den Rechten!“, brüllte Hellwein, während er selbst über das tiefe Dach seines Wagens hastete, um dem Einen der beiden Flüchtigen über die zum Glück vollkommen unbenutzte Straße nachzusetzen.

Im selben Moment wandte Maccachio sich nach rechts und erblickte dort den Zweiten, der, ein wenig humpelnd, durch die Pfützen im nassen Beton des Gehweges hastete. Hatte Morgan diese leichte Behinderung wahrgenommen und ihn deshalb dem weniger trainierten Francesco überlassen? Es blieb keine Zeit darüber nachzusinnen. Er atmete noch einmal tief ein und preschte dann dem Mann hinterher.

Trotz seiner augenscheinlichen Behinderung war der Flüchtige in erstaunlich guter körperlicher Verfassung. Seinem Verfolger vom Oculus Dei fiel es schwer, näher heran zu kommen. Maccachio überlegte, während ihm der Regen ins Gesicht klatschte, ob er es riskieren konnte, den Mann mit einem Schuss zu stoppen. Die Straße war menschenleer. Sollte er ihn verfehlen würde das Geschoss vermutlich nur in eine Häuserwand, ein abgestelltes Auto oder einen Data-erminal einschlagen. Da alle drei vermutlich sowieso bereits verfallen, demoliert oder unbrauchbar waren, blieb das Risiko annehmbar. Doch was war, wenn er den Mann traf? Konnte er einfach auf ihn schießen, wie in einem billigen Actionfilm? Bis jetzt hatte der Unbekannte nur versucht, unrechtmäßig in eine Wohnung einzudringen. Vielleicht nicht einmal das. Womöglich war er ein Freund des Eigentümers oder der Hausmeister oder sein homosexueller Lebensgefährte, der nur für einen Quickie am Morgen vorbeischauen wollte.

Im selben Moment erwiesen sich alle Überlegungen als hinfällig. Der Mann, den er verfolgte, hatte offenbar weniger Skrupel, was den Gebrauch einer Schusswaffe betraf. Plötzlich warf er sich zwischen zwei am Gehweg abgestellte Wagen und schoss zweimal in Maccachios Richtung. Dieser hechtete blitzschnell zur anderen Seite und suchte seine Deckung hinter einer uralten Sammlung von Sperrmüll, die der letzte Müllwagen, der dort vor 1000 Jahren mal durchgefahren war, wohl übersehen hatte.

Francesco landete äußerst unsanft auf einem Haufen Elektroschrott, konnte aber von dort aus die Position seines Gegners, etwa 25 Meter vor sich, überblicken. Den Mann selbst sah er allerdings nicht. Mehr zur Warnung gab er zwei Schüsse auf den Wagen ab, hinter welchem sich sein Ziel verschanzt hatte. Hellwein hatte nicht zuviel versprochen. Die Geschosse rissen riesige Löcher in die Plastikverkleidung des Autos, durchschlugen es wie Pergament. Ohne noch einen Schrei von sich geben zu können, kippte der Körper des unglücklichen Flüchtigen aus seiner Deckung hervor.

Eine der Kugeln hatte ihm die Hälfte seines Gesichtes weggerissen.

––––––––

Dienstag, 17. September, 15.19:

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass Sie ihn umgelegt haben“, spöttelte Hellwein.

„Dass ihrer die Angelegenheit überlebt, ist auch noch nicht raus.“

„Noch atmet er, oder?“

„Eigentlich atmet mehr eine Maschine für ihn.“

„Er hätte sich ja nicht wehren müssen.“

Inzwischen war ein junges Mädchen an den Tisch herangetreten. Sie trug die seit über hundert Jahren bewährt unansehnliche Tracht der Bedienungen eines Fast Food Restaurants. In der Hand hielt sie einen elektronischen Notizblock, und in ihrem Gesicht quälte sich mühsam ein Trinkgeldlächeln hervor. Maccachio gefielen ihre großen braunen Augen. Hellwein dagegen schien wenig beeindruckt. Desinteressiert zog er an seiner Zigarette.

„Zweimal das Tagesmenü!“, befahl er, bevor sie oder auch Francesco etwas sagen konnten.

„Aber geizt nicht so mit der Soße. Das Chemiezeugs ist ja schließlich billig genug!“ Leicht verschnupft stapfte das Mädchen zur Theke zurück.

„Vielleicht wollte ich ja etwas Anderes“, maulte der Maccachio.

„Glaub ich nicht.“ Der Klon beobachtete interessiert den Streit eines jungen Ehepaares, das gemeinsam auf dem riesigen Parkplatz der großen Shoppingmall gegenüber den Kofferraum eines eleganten Zato »Impala« mit den Errungenschaften eines harten Einkaufstages füllte.

„Zehn zu eins, die trennen sich bald.“

„Sehr gewagte Prognose, in einer Zeit, in der die durchschnittliche Ehe zwei Monate hält.“ Ein ironisches Grinsen zog sich über Maccachios Gesicht. „Bald muss wohl der gesamte Rest der Menschheit in der Mikrowelle aufgetaut werden.“

„Vielleicht wäre das auch besser, dann könnte man die vielen beschissenen Eigenschaften aus ihnen herauszüchten. Ihre Depressionen, ihre Feigheit, ihre Schwäche und ihre Dummheit.“

„Sie halten nicht viel von uns, oder?“

„Was halten Sie denn von mir? Sie haben mich soeben mit Ihrer Formulierung aus Ihrer Art ausgeschlossen. Für Sie bin ich also nicht einmal ein Mensch!“

„Das habe ich nicht gesagt“, versuchte der ehemalige Agent des Vatikan sich zu verteidigen.

„Das ist auch nicht nötig. Ich bin Ihnen in allen Bereichen überlegen, sowohl geistig als auch körperlich. Ich bin schneller, stärker und besser als sie. Und das macht Ihnen Angst. Sie haben Angst, dass Menschen wie sie bald nicht mehr benötigt werden, und dass sie dann den Abschaum am Rande einer Gesellschaft auf der höchsten Stufe der Entwicklung bilden werden.“

„Sie wollen der letzte Spross auf der Evolutionsleiter sein?“, fragte Maccachio spöttisch.

„Sie sind ein Kreation des Menschen und damit fehlerhaft. Wir hingegen sind von Gottes Hand erschaffen und damit weitaus perfekter, als all jenes, welches ein Mensch auf Erden zu erschaffen vermag.“

„Ich bin also kein Geschöpf Ihres Gottes?“ Morgan zuckte mit den Schultern. „Und wenn schon. Kann nicht sagen, dadurch jemals einen Nachteil erfahren zu haben. Wo ist denn Ihre göttliche Perfektion? Wo ist Ihr alles überragender Gott, um denjenigen, die er angeblich nach seinem Ebenbild formte, den Weg in eine bessere Welt zu weisen? Nach seinem Ebenbild bedeutet für mich nur, dass auch er fehlerhaft ist. Die alten Griechen wussten das wenigstens von ihren Göttern. Eure Welt ist eine Utopie, und euer Gott nur eine Idee, entsprungen dem Geist eines Wahnsinnigen.“

Der studierte Theologe wischte sich den Mund ab, und legte die Serviette dann betont langsam neben seinen Teller. Süffisant lächelnd lehnte er sich zurück.

„Sie fragen wo unsere Perfektion liegt? Ich will es Ihnen sagen! Der Mensch ist in der Lage sich den Veränderungen der Welt, des Universums anzupassen. Gottes Kinder werden immer einen Weg aus dem Dunkel finden. Sie hingegen können nicht einmal in dieser Welt existieren, ohne ihren Körper durch Chemikalien am Leben zu erhalten. Die Natur wird diesem irrwitzigen Wahn des Menschen seine Grenzen aufzeigen. Irgendwann wird Ihr Körper gegen die Droge immun sein, und Sie werden sterben. Dann wird mit Ihrer biologischen Hülle alles vergehen, was Sie jemals waren.

Nichts wird von Ihnen fortdauern.“

„Das ist wohl bei Ihnen anders, weil Ihre Seele ja bis in alle Ewigkeit leben wird?“

„So ist es.“

„Ich verzichte dankend. Da friste ich doch lieber ein einziges kurzes Leben auf dieser beschissenen Erde, als bis zum Ende der Zeit einem Traum hinterher zu rennen und im großen Finale vor der endlosen Schwärze des Universums auf einen Airbus mit Engelsflügeln zu warten, dessen Verspätung ewig ist.“

„Sie tun mir leid.“

„Dann können wir uns ja gegenseitig trösten.“

Die beiden Männer sahen sich ein Zeit schweigend an. Just in dem Moment, als die Bedienung mit dem Essen kam, prustete Morgan plötzlich los. Francesco konnte nicht anders, als mit einzustimmen.

Etwas verwirrt platzierte das Mädchen zwei gut gefüllte Teller samt Besteck auf dem Tisch und zog dann wortlos Hellweins UniCard durch den Scanner. Vermutlich war sie verstimmt, dass der Klon ihr nicht gestattet hatte, ein zusätzliches Trinkgeld abzuziehen.

„Ich denke, wir werden gut zusammenarbeiten, Mulder.“ Der Agent des Papstes blickte skeptisch in die goldenen Augen seines Gegenübers.

„Mulder?“

„2D Television. Vergessen Sie es“ , grinste Morgan.

Die Beiden widmeten sich ihrem Tagesmenü, in Form eines Sojasteaks mit einer seltsam breiartigen Masse als Beilage. Maccachio hasste diesen modernen Junkfood, in den grellsten Farben beinahe strahlend, als wäre das Zeug ohne die Chemikalien nicht schon giftig genug. Aber vermutlich störte sich in diesen Regionen der Welt niemand daran, die selbige womöglich ein paar Jahre früher zu verlassen. Immerhin kam es vom Geschmack einem echten Steak recht nahe.

„Es ist wirklich unglaublich“, platzte es aus dem Klon plötzlich wieder heraus. „Ihr erster Tag und gleich sauber einem Kerl die Rübe demontiert.“

„Morgan.“

„Bang! Wie ein Abrissunternehmen. Einfach weg.“

„Morgan!“

Der Klon hielt scheinbar überrascht inne.

„Es reicht! Sagen Sie mir lieber, wie es jetzt weiter geht“, forderte Maccachio gereizt.

„Na ja, wir warten, bis die beiden identifiziert sind. Dann werden wir uns ein wenig in deren Umfeld umsehen.“

Der Mann vom Auge Gottes stocherte in seinem Essen herum, legte das Besteck nieder und nahm einen großen Schluck seines Softdrinks, welcher sich in seinem schlichten Blau vergeblich mühte, dem Leuchten der festen Nahrung zu konkurrieren.

„Warum dauert das so lange?“, fragte Maccachio schließlich ungeduldig.

„Das identifizieren ist sicher schon abgeschlossen. Etwas über sie herauszubekommen, ist die eigentliche Schwierigkeit. Solche Typen leben zumeist außerhalb unseres Systems von Ausweisen, IDs, Papieren und Daten.“

Maccachio kicherte.

„Darum könnte man sie fast beneiden.“

„Fast“, murmelte der Klon etwas geistesabwesend. „Jedenfalls sind diese Kerle sowieso schon kaum registriert. Und wenn sie, wie ich annehme und für unsere Ermittlungen hoffe, zu einer Sekte gehören, ist es nahezu unmöglich sie zu finden. Häufig haben sie ihren gesamten Besitz über irgendeine Briefkastenfirma dem Oberguru überschrieben. Sie haben keine eigene Wohnung, kein eigenes Auto, arbeiten nicht, sind nicht versichert. Wahrscheinlich haben sie nicht einmal einen Ausweis, eine Sozialversicherungsnummer oder einen Führerschein.“

„Vielleicht haben sie ja einen Waffenschein.“

Morgan verzog das Gesicht zu einem missbilligenden Grinsen.

„Wohl heute Morgen einen Lachsack gefickt, was?“

„Schon gut.“ Francesco blickte etwas in dem kleinen Restaurant umher. Weniger weil ihn das kalte Kunstharzinterieur interessierte, als vielmehr er einen Moment des Schweigens ersehnte.

Hauptsächlich Violett und Silbergrau dominierten die breite Theke und den davor befindlichen Raum, der vor Tischen nahezu überquoll. Die Wände waren dekoriert mit modernen Digitalgemälden der Neongotik. Traurige Wölbungen voller Vergänglichkeit und Klage durchbrochen von abschreckendem Grün und Gelb, welche sich nahezu in das Auge des Betrachters schnitten. Ein surreales Hybrid finsteren Mittelalters und noch finsterer Gegenwart in grellster Groteske.

Maccachio wandte sich wieder seinem Gegenüber zu.

„Warum sind Sie beim SEK 13, Morgan?“

„Ich bin ein Kind der Regierung.“ Die goldenen Augen blickten nachdenklich zur Decke. „Im Auftrag der UDSE wurde ich erschaffen, und um meine Schuld zu bezahlen, muss ich dem Staat zur Verfügung stehen. Man könnte sagen, ich musste in die Firma meines Vaters eintreten.“

„Und dieser Vater gab Ihnen auch den Namen Hellwein?“ Morgan lächelte.

„Nein. Den Namen gab mir der Mann, der einem biologischen Vater wohl am ehesten entspräche.

Viktor Hellwein war der leitende Wissenschaftler bei Genesis Enterprises und verantwortlich für meine Versuchsreihe.“

„Also arbeiten Sie für die Regierung, weil Sie mussten. Aber warum Sekten und religiösen Fanatismus? Wieso sind Sie nicht Finanzbeamter geworden oder zum Militär gegangen, zum Geheimdienst oder zu sonst irgendeiner anderen Sondereinheit?“ Der Klon sah den Mann auf der anderen Seite des Tisches nachdenklich an. Er wirkte geradezu so, als ob er an dieses Thema noch nie einen Gedanken verschwendet hatte.

„Vielleicht liegt es gerade daran, dass ich eben kein Geschöpf Gottes bin. Womöglich habe ich Leute, die fanatisch einer unsichtbaren Präsenz hinterherlaufen, deren Wille verkündet wird, durch Menschen, die ebenso fehlbar sind, wie der gesamte Rest ihrer Spezies, schon immer gehasst.

Vielleicht war es einfach mein Wunsch gegen sie zu kämpfen. Ich wäre nicht der erste, der aus Unverständnis einem heraus gegen andere vorgeht.“

„Ist das Ihr Ernst, oder versuchen Sie gerade mich zu verarschen?“ Morgan lächelte, so wie er immer lächelte, wenn sich überlegen fühlte.

„Wissen Sie, Francesco...“

Mitten im Satz forderte das Funktelefon an Hellweins Handgelenk erneut dessen Aufmerksamkeit.

Eine kurze Textmeldung erschien auf dem Display.

––––––––

„Man hat zu einem der Beiden etwas gefunden“, fasst der Klon den Inhalt zusammen.

„Zu meinem oder zu ihrem?“

„Zu ihrem.“

„Und was?“

„Er hat bis vor drei Jahren im Nietzsche gearbeitet.“

„Was ist das Nietzsche?“

Morgan grinste.

„Sie werden es erleben. Das ist genau das Richtige für sie.“ Da wusste Maccachio bereits, dass er es hassen würde.

Dienstag, 17. September, 16.50:

Das Nietzsche trug seinen Namen zweifelsohne zurecht. Die traurigen Reste menschlicher Existenzen, die dort im Delirium der Verdrängung zombieähnlich ihrem Ende entgegendämmerten, negierten wahrlich alles, das aus der Realität in ihr Wachkoma einzudringen trachtete. Nihilismus Narkotika am Ende der Philosophie.

Maccachio und Morgan schritten die lange Treppe hinunter, welche sie einige Meter unter den Beton der Straßen und Gehwege hinab führte. Dort im trüben Halbdunklen, wo sich ätherische Dämpfe mit Zigarettenrauch und Alkoholgeruch vermischten, bewegten sich einige Körper lethargisch im Takt einer elektronischen Musik aus den Anfängen des Jahrhunderts, die mehr und mehr ihren Weg zurück in die Gehörgänge jener Menschen fand.

„Wieso ist der Laden schon offen?“, wunderte sich Francesco. „Die meisten dieser Schuppen geben ihre Hallen doch erst nach Feierabend frei.“

„Um Arbeitszeiten zu beachten, muss man Arbeit haben. Die Kreaturen, die hier rumhängen kennen so etwas nicht. Ohne einen Sinn für Zeit scheidet sich das Leben für sie nur in Nacht und etwas weniger Nacht.“ Die goldenen Augen Hellweins erforschten mit dem Blick eines jagenden Raubvogels das zwielichte Innere. Maccachio war sich sicher, dass der Klon viel mehr sah als er.

Bei den Katakomben des Nietzsche handelte es sich um einen ehemaligen Luftschutzbunker, wie der Mann aus dem Vatikan zumindest vermutete. Die Wände waren in einem Hochglanzschwarz gestrichen, welches an Latex gemahnte. Flankierend zur Rechten wie zur Linken der Tanzfläche befanden sich zwei kleinere Tresen, ein größerer geradeaus auf einer Anhöhe im Hintergrund. Viele Nischen und Einbuchtungen ließen die Halle wie ein Gruft erscheinen. Große von der Decke herabhängenden Vorhänge aus rotem Samt, sowie durchgesessene, ebenfalls rote Sofas und Couchgarnituren erweckten ein gewisses Gefühl von Behaglichkeit. Sie boten in regelmäßigen Abständen den Siechenden einen Platz, ihren Rausch, gleich welcher Art, in aller Bequemlichkeit auszukosten. Die Beleuchtung war bedrückend schummrig. Holofackeln und dreidimensionale Feuer ließen orangerote Reflexionen auf dem schwarzen Glanz der Wände züngeln.

Jeder Schritt führte die beiden weiter in der Untergrund der Stadt. Francesco spürte, dass diverse Blicke auf ihnen lasteten, obwohl niemand offenkundig zu ihnen hinüber sah. Aber sie waren dort Eindringlinge, und als solche wurden sie sofort erkannt. Selbst wenn Morgan in seinem schwarzen Dress noch als einer von ihnen durchgegangen wäre, so hätte man ihn mit seinem grauen Duster, der alten Jeans und den modernen Sportschuhen schon als Außenseiter erkannt, bevor er mit dem ersten Atemzug die abgestandene Luft jener menschlichen Müllhalde aufgenommen hatte. Und Außenseiter konnte hier nur eines bedeuten: Gefahr.

Sein Partner marschierte zielstrebig über die verwaiste Tanzfläche auf den hinteren Tresen zu. Er selbst blieb an einer der Säulen am Eingang stehen. Von dort aus konnte Maccachio fast den gesamten Raum überblicken. Unauffällig wanderte seine Hand unter den Mantel und umfasst den Griff seiner Waffe. Er konnte sich eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren. Dieses Mal wollte er nicht darauf vertrauen, dass ihn die ersten Schüsse verfehlten.

Der Klon hatte inzwischen sein Ziel erreicht, schwang sich auf einen Barhocker und zündete sich eine Zigarette an. Es dauerte nicht lange, dann schlich ein verwahrlostes Individuum, erbärmlich einen Barkeeper plagiierend, zu ihm hinüber.

„Morgan“, stellte der Junkie sachlich fest. „Was willst du?“

––––––––

„Wo ist Karen?“

„Sie arbeitet heute nicht.“

„Hol sie her!“

„Ich sagte, sie arbeitet heute nicht“, wiederholte der Mann hinter der Theke, während er seine Zigarette gelangweilt auf dem Tresen ausdrückte. Morgan wurde langsam ungeduldig. Bedrohlich lehnte er sich auf seinem Platz etwas vor.

„Hör mir mal zu, Gumbo, oder wie dich deine bekifften Mongoloiden, die hier ihr jämmerliches Dasein fristen, nennen. Wenn ich jetzt selbst nach hinten gehe und dem versifften Fixer, der gerade seinen schrumpeligen Wurm in ihre pelzige Grotte schiebt, höchstpersönlich seine Klöten rausreiße, dann ist das bestimmt keine gute Publicity für den Laden. Got it?”

“Schon kapiert. Mir hat ja keiner das Hirn getoastet.“ Morgan blickte in die trüben Augen, welche aus dem bleichen, eingefallenen Gesicht des Jungen ungefähr in seine Richtung starrten. Er war wahrscheinlich nicht älter als achtzehn. Dennoch konnte ihm wohl kein Arzt mehr eine allzu lange Lebensspanne prophezeien. Die Drogen hatten seinen Körper ausgesaugt wie ein Wüstenwanderer seinen Wasserschlauch. Der kümmerliche Rest der blieb, war zu wenig, um in den 70er Jahren zu bestehen.

„Sicher, Einstein. Und nun beweg deinen Kadaver, bevor dich die Würmer auffressen!“

„Siehst gar nicht aus wie ein Cop, Kleiner“, raunte eine rauchige Frauenstimme aus der Dunkelheit.

Maccachio zuckte zusammen. Er hatte sich vollkommen auf Morgan konzentriert und dabei seine Peripherie sträflicher Unachtsamkeit anheim gegeben.

„Ganz ruhig, wir beißen nicht, und wenn wir es täten, würdest du es wollen.“ Der Abgeschiedenheit einer kleinen Nische, welche Francesco zuvor noch als Gruft bezeichnet hatte, waren zwei Frauen entstiegen, die wahrhaftig so aussahen, als hätten sie das irdische Leben bereits hinter sich gelassen. Bleichgeschminkte Haut, aus welcher an allen Stellen die Knochen herauszustechen drohten. Abgemergelt wie der Tod, erinnerten sie an Pestkranke auf mittelalterlichen Holzstichen, die in Gewissheit des nahen Todes ihrer Erlösung harrten.

„Du siehst aus, als könntest ein wenig Unterhaltung vertragen“, hauchte die Eine. Sie hatte lange schwarze Haare, welche mit ihrem langen, gleichfarbigen Kleid zu verschmelzen schienen. Die Andere trug ein rotes Lackledertop und einen ebensolche Rock, der an der Seite weit aufgeschlitzt war, um freigiebig den Blick auf ihre langen Beine zu gewähren.

Der studierte Theologe lenkte seinen Blick zurück auf die hintere Theke, wo Hellwein noch immer wartete. Die beiden Frauen ließen sich jedoch von seinem zur Schau getragenen Desinteresse nicht täuschen. Lasziv lehnte sich die Lady in Red mit dem Rücken an die Säule, hinter welcher er sich postiert hatte. Mit einem Lächeln winkelte sie ihr rechtes Bein an, so dass die Sohle der hohen Stiefel gegen den Pfosten gerichtet war. Ihr Rock offenbarte nun noch mehr des schlanken Oberschenkels.

Unwillentlich betrachtete Francesco ihren fast weiß gefärbten Kurzhaarschnitt, unter dem zwei entschlossen funkelnde Augen die seinen fixierten. Dann wanderte sein Blick nach unten.

Unterdessen hatte die andere ihr Kinn von hinten in seine Schulter gebettet und glitt mit ihren Händen seine Arme entlang. Scheinbar spürte jenes Wesen seine Verunsicherung.

„Nervös?“, fragte sie leise. So leise, dass der studierte Theologe nicht wusste, ob er jenes gehauchte Wort wirklich vernommen hatte, oder ob es ein Streich seiner Phantasie gewesen war.

Morgan beobachtete die ganze Szenerie aus sicherer Entfernung und lächelte. Er genoss es zu sehen, wie Maccachio sich der Situation, die ihm sichtlich unangenehm war, auf möglichst galante Weise zu entziehen suchte.

Solche Biester habt ihr in eurem Eunuchenstaat nicht, was?, dachte er bei sich. Just in jenem Moment hatte die Frau im schwarzen Kleid ihre Hand in tiefere Regionen des Glaubens sinken lassen, um entschlossen zum Kruzifix zu greifen. Hellwein musste sich beherrschen nicht zu lachen, als sein Partner die Hand behutsam entfernte und wohl gerade zaghaft protestierte. Leider konnte Morgan auf Grund der Musik nicht hören, was er sagte, doch konnte er es sich lebhaft vorstellen.

Äh, entschuldigen Sie gute Frau, aber ich glaube, das gehört mir. Oder: Dürfte ich Sie freundlichst bitten, nicht an mir herumzufummeln. Ich meine, ich fühle mich ja irgendwie geschmeichelt. So oder so ähnlich würde er wohl klingen. Der Klon bedauerte fast, dass er im Augenwinkel Karen hereinkommen sah. Ohne sie zu beachten, stand er auf und setzte sich an einen Tisch direkt neben der Tanzfläche. Wenige Sekunden später ließ Karen ihren üppigen Körper in den gegenüberliegenden Stuhl sinken.

„Was willst du von mir, Morgan?“ Sie sprach in dem monotonen Seufzen einer Drogenabhängigen, der soeben begann, in die graue Wirklichkeit zurückzukehren.

„Ich habe dich doch nicht bei wichtigen Geschäften gestört, oder? Ich meine Vertragsverhandlungen oder große Galadiners.“

„Fick dich, Morgan. Was willst du?“

„Ich brauche einige Informationen über einen Mann, der mal hier gearbeitet hat. Sein Name ist Jakob Lienberg. Muss vier oder fünf Jahre her sein.“

„Du glaubst doch nicht im Ernst, das ich mich an jeden Junkie, der sich hier den goldenen Schuss verdient hat, noch kenne? Falls ja, dann haben dir die verfluchten Zigaretten wohl schon das Hirn zersetzt.“

Hellwein ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken, blies etwas grauen Dunst in die Schwärze der Halle und grinste.

„Lass doch diese Spielchen, Karen! Ich weiß, dass du jeden kennst, der hier arbeitet oder gearbeitet hat. Was hast du dir auch sonst schon zu merken? Also sag mir schon, wo der Kerl jetzt wohnt, und ich schaue mal, wie lange gewisse Behörden nichts von dem erfahren, was du so in den hinteren Räumen tust.“

„Du bist ein falsches Arschloch, Morgan!“

„Verklag mich!“

Die aufgedonnerte Hure funkelte ihn unter einem Berg von Kosmetik aus zugekniffenen Augenschlitzen an. Dann bedeutete sie dem Klon ihr seinen Handgelenkcomputer zu geben. Sie tippte einige Buchstaben ein und reichte ihn dann wieder zurück.

„Das ist seine letzte Adresse. Mehr weiß ich nicht.“

„Das soll mir vorerst genügen“, sagte Morgan, ohne einen Blick auf das Display zu werfen. Er drückte die Zigarette auf dem Tisch aus und schnippte die Asche auf den Boden. Vor der Treppe entriss er Maccachio noch den Armen der Circen, um ihn hinter sich her die Treppe hoch zu schleifen. Francesco konnte eben noch ein „Hat mich gefreut.“ herauswürgen, dann standen sie auch schon wieder im sauren Regen der Straße.

Dienstag, 17. September, 17.43:

Ein typischer Wohnblock. Typische Industriebaustoffe in fadem Selbstmordgrau. Typische Bewohner aus dem Niemandsland des Lebens. Trübe Bedeutungslosigkeit im Abseits des Alltages.

Und natürlich ein Fahrstuhl.

„Wissen Sie, Morgan, langsam gehen mir diese Dinger echt auf den Geist.“

„Was für Dinger?“, fragte der Klon mehr aus Höflichkeit denn aus aufrichtigem Interesse.

„Fahrstühle, Lifte, Rolltreppen. All so was halt.“

„Fein, ich warte oben, bis Sie die Treppen zum 32.Stockwerk erklommen haben.“

„Der praktische Nutzen ist mir ja bewusst...“

„... dann nörgeln Sie nicht.“

Maccachio schwieg ein wenig pikiert.

Mit einem altertümlichen „Bing“ öffnete die Tür des Aufzugs. Hinter ihr knickte ein kleiner Korridor nach wenigen Metern links und rechts ab. Der kurze Blick auf die Appartementnummern verriet, dass sie nach rechts mussten. Diese Gegend war weit weniger heruntergekommen als das Ghetto, welches sie noch vor wenigen Stunden aufgesucht hatten. Dies zeigte sich auch in der Gestaltung des Gebäudes. Die Wände waren in Vanilleweiß gehalten, während ein erdbeerroter Zickzackstreifen für Abwechslung im Dekor sorgte. Der Boden wies deutliche Gebrauchsspuren auf, war aber nicht schmutzig. Vor Appartement 3215 blieben sie stehen. Der Name Laura Fadé leuchtete in Grün auf dem Display. Hellwein betätigte den Summer.

Wenige Sekunden später öffnete sich eine kleine Klappe in der Tür, und das schwarze Objektiv einer Eingangskamera glotzte die beiden Männer mit elektronischer Penetranz an.

„Morgan Hellwein, Polizei.“ Er hielt die UDSE-UniCard neben seine goldenen Augen und beobachtet dann geduldig, wie sich die Linse weitete. Vermutlich zoomte die Kamera auf die Karte, um die Netzhautidentifikationen zu vergleichen. Kurz darauf glitt die Eingangstür mitsamt der Kamera zur Seite.

Laura Fadé war recht groß, ansonsten aber eher unscheinbar. Maccachio schätzte sie auf Mitte dreißig. Ob ihres unerwarteten Besuches schien die junge Frau ein wenig verwirrt, hatte sich doch wohl auf einen gemütliche Feierabend eingestellt, wie der ehemalige Agent des Papstes aus ihrer schlabberigen Freizeitkleidung schloss.

„Dürfen wir hereinkommen?“, fragte Morgan mit aller Freundlichkeit, die er aufzubringen vermochte, denn sie standen noch immer in der Tür.

Die Frau sah sie etwas unsicher durch ihre modisch getönten Brillengläser an, nickte dann aber. Mit einer zögerlichen Geste und der Andeutung eines Lächelns wies sie auf das Wohnzimmer, welches sich direkt neben der Eingangstür befand. Hellwein und Maccachio ließen sich auf einem äußerst weichen Wassersofa nieder, während Laura ihnen gegenüber auf dem billigen Plagiat eines Designersessels Platz nahm. Das Appartement war schlicht, aber mit Geschmack eingerichtet.

Möbel aus Buchenimitat erweckten das Gefühl privater Geborgenheit.

„Schön haben Sie es hier“, eröffnete Francesco das Gespräch. Sein Partner schien allerdings weniger an Smalltalk interessiert und kam sofort zum Thema.

„Welches Verhältnis haben Sie zu Jakob Lienberg?“, fragte er forsch.

Die Frau schien einen Moment zu überlegen, wie viel sie sagen konnte und wie viel die beiden Männer vermutlich bereits wussten. Schließlich erklärte sie:

„Ich... er ist mein Lebensgefährte.“

„Wohnt er hier?“

Laura Fadé sah Morgan misstrauisch an.

„Warum fragen Sie mich das?“

„Nun... Er ist tot.“

Maccachio war erschrocken, mit welcher Gleichgültigkeit der Klon dieses sagte. Er verhielt sich, als würde er ihr mitteilen, dass sie einen Strafzettel für überhöhte Geschwindigkeit erhalten hatte.

Aber zu Francescos Überraschung verhielt sich die Frau auffallend gefasst.

„Irgendwann musste das ja so kommen.“

„Er hatte sich in den letzten Monaten oder Jahren sehr verändert, richtig?“, bohrte Morgan weiter.

Sie nickte.

„Er gehörte einer religiösen Gemeinschaft an, die sich die Propheten der letzten Tage nennt.“ Sie nickte abermals, doch mittlerweile hatte sich ihre anfängliche Gefasstheit aufgelöst, und Tränen rannen ihre Wangen herab. Heftig schluchzend stand die Frau plötzlich auf und verschwand in einem der anderen Zimmer. Als sie wiederkehrte, hatte sie ein Taschentuch in der einen und ein dünnes Buch in der anderen Hand. Sie nahm ihren Platz wieder ein und reichte Morgan die kleine Hardcoverausgabe, der sie nach einem kurzen Blick an seinen neuen Partner weitergab. Maccachio las den Titel.

„Prophetatio Dierum Ultimorum. Die Prophezeiung der letzten Tage.“ Morgan blickte ihn bestätigend an.

„Vor einigen Tagen hat er diese Schrift von einer Versammlung mitgebracht“, begann Laura zu erklären. „Es hat ihn in irgendeiner Form verändert. Er war aufgeregt und sprach von den Tagen, die kommen würden. Er sagte, die Zeit hätte uns eingeholt, und sie wären die einzigen, die das große Unglück noch verhindern könnten. Ich hatte den Eindruck, er wusste auch nicht so recht, was passieren würde, nur das es passieren würde.“

––––––––

„Das stimmt mit unseren Beobachtungen überein“, bestätigte der Klon. „Es tut sich etwas.“ Der Mann aus dem Vatikan hatte inzwischen begonnen sich der Lektüre zu widmen. Doch plötzlich hob er den Kopf und starrte Morgan an.

„Hier geht es um das Evangelium nach Matthäus.“

„Na und?“

„Es geht um das Original!“ Maccachios Stimme klang zum Einen euphorisch zum Anderen entsetzt.

„Noch mal: Na und?“

„Sie verstehen nicht. Es hieß in den alten kirchlichen Überlieferungen, Matthäus habe das Evangelium zuerst in hebräischer Sprache verfasst. Es gab aber nie einen Beweis für diese Legende.

Aber die Priester der Sekte behaupten in dieser Schrift, jenes Evangelium gefunden zu haben. Und nicht nur das, sie schreiben auch von Fehlern in der griechischen Übersetzung. Wenn das wahr wäre, dann bedeutete das eine Sensation.“

„Und wie wahrscheinlich ist das?“, fragte Morgan von der Euphorie des Papstagenten leidlich genervt.

„Wen interessiert die Wahrscheinlichkeit bei jenem geistigen Hort, der als Belohnung dem Suchenden winkt?“

Maccachio blätterte weiter gierig in dem Heft herum. Hellwein wandte sich indes wieder an die Lebensgefährtin des Verstorbenen.

„Wie geriet Herr Lienberg an diese Organisation?“

„Es ist jetzt etwa vier Jahre her. Er arbeitete als Barkeeper im Nemesis und hat sich da wohl mit einem Gast über die Lage in der Welt sowie die nähere Zukunft unterhalten. Diese Person hat ihn dann angehalten, mit zu einem dieser Treffen zu kommen.“

„Was waren das genau für Treffen.“

Morgan zündete sich eine Zigarette an. Die missbilligenden Blicke Lauras störten ihn wenig.

„Es sind Zusammenkünfte kleiner Gruppierungen dieser Sekte. Immer ein Priester und 30 bis 40

Anhänger. Zum Inneren der Organisation haben sie keinen Zutritt. Sie werden lediglich über aktuelle Dinge aufgeklärt. Dann wird in verschiedenen Zeremonien gebetet und der Gottesdienst geleistet.“

„Wo finden diese Treffen statt?“

„Das weiß ich nicht. Die Anhänger erhalten erst kurz vor Beginn eine Mitteilung, wann sie wohin kommen müssen.“

„Hat Ihnen Ihr Lebensgefährte jemals genau geschildert, was auf diesen Treffen vor sich geht?“ Die Frau schüttelte den Kopf.

„Nein, aber er wollte mich immer überreden, ihn doch einmal zu begleiten. Ich habe mich jedoch immer geweigert.“

„Warum?“ Morgan blies eine Dunstwolke in ihre Richtung.

„Weil ich gesehen habe, wie ihn die Besuche dort veränderten. Er hat seinen Job gekündigt, weil er meinte, es wäre unnütz seine verbleibende Zeit so zu vergeuden. Außerdem ist er ernster geworden.

Stets war er für die Propheten unterwegs und hat Aufträge erledigt, über die er nicht mit mir sprechen wollte.“

„Ich kann mir vorstellen, wie diese Aufträge aussahen“, murmelte Maccachio vor sich hin, während er noch immer auf die theistischen Zeilen starrte.

Morgan warf ihm einen kurzen Blick zu. Als er aber erkannte, dass der Jesuit ihn nicht wahrnahm, widmete er sich wieder der Wohnungseigentümerin.

„Wovon hat er die ganzen Jahre gelebt?“

„Na, von mir“, die Frau schnaubte verächtlich. „Aber lange hätte ich das nicht mehr mitgemacht.

Das können Sie mir glauben!“

Ein kurzes Schweigen zog von der gelben Sitzgarnitur über den Plexiglastisch bis hin zu der Staffelei, den Aquarellen und Ölgemälden, die an den Wänden hingen oder zu ihren Füßen lehnten.

„Wie ist er gestorben?“, fragte Laura schließlich, als wäre ihr diese Frage soeben erst in den Sinn geschossen. Maccachio löste sich abrupt von seiner Lektüre, während Morgan antwortete.

„Er hat das Feuer auf einen UDSE-Beamten eröffnet und ist in dem darauf folgenden Schusswechsel selbst zu Tode gekommen.“ Die Ausführungen des Klons waren ebenso sachlich wie gefühlskalt.

„Ja, das habe ich ihm prophezeit. Aber er wollte die Pistole nicht ablegen. Er sagte, er brauche sie für seine Mission. Für seine heilige Mission.“ Die Frau brach in Tränen aus.

„Es lohnt nicht, zu weinen.“, versuchte Morgan sie zu beruhigen. „Er hatte seine Seele und sein Herz längst der Sekte verpfändet. Sie waren für ihn nicht mehr als eine Goldgrube, die er auf der Suche nach Nuggets ab und an mal besteigen musste.“

„Morgan!“, fuhr Maccachio seinen Partner an, doch dieser beachtete ihn nicht einmal.

„So ist es doch. Seien Sie lieber froh, dass jetzt die offizielle Gelegenheit besteht, sich anderweitig umzusehen.“

Laura sah den Mann ihr gegenüber ungläubig an. Sein gefühlloses Auftreten hatte sie vollkommen überrascht. Diesen Moment hielt Francesco für den richtigen, die arme Frau wieder allein zu lassen.

Er schlug das kleine Buch zu und erhob sich.

„Vielen Dank für ihr Entgegenkommen, Frau Fadé. Sie brauchen jetzt sicher etwas Zeit für sich.

Wir werden Sie nicht weiter belästigen.“

Die goldenen Augen seines Partners fixierten den Mann aus dem Vatikan mit einem Hybrid aus Verwunderung und Ärger über die eigenmächtige Handlung. Jedoch erhob er sich ohne eine Äußerung des Missfallens ebenfalls vom Sofa und ging wortlos zur Tür.

„Bitte verzeihen Sie das flegelhafte Benehmen meines Partners, aber er...

„... ist kein Mensch. Er hat keine Gefühle wie wir“, setzte die Frau den Satz fort. Für einen Moment schwiegen beide.

„Darf ich das Buch vielleicht mitnehmen?“, fragte Maccachio, der nun allein mit ihr im Wohnzimmer stand. Der Jesuit hatte ein freundliches Lächeln aufgesetzt und hätte der Frau gern noch ein wenig zur Seite gestanden, doch wusste er, dass Morgan sich wohl kaum so lange geduldet hätte.

„Ja, bitte. Nehmen Sie das Buch mit. Und auch noch einige andere Dinge.“ Der Agent aus dem Vatikan horchte auf.

„Was für Dinge?“

Laura Fadé ging hinüber zu einer Kommode und öffnete die untere Schublade. Daraus holte sie eine kleine Hartplastiktruhe hervor, etwa in der Größe eines Aktenkoffers. Mit einer dankenden Geste nahm Maccachio sie an sich.

Morgan wartete inzwischen vor der Tür. Die Kippe seiner Zigarette hatte er auf dem Boden ausgetreten. Als Francesco zu ihm heraustrat, warf der Klon lediglich einen kurzen Blick auf die Beute, die der Papstagent mit sich brachte und schlenderte dann auf den Fahrstuhl zu.

Dienstag, 17. September, 18.15:

Hellweins Züge wirkten nahezu gespenstisch im roten Schein der Digitaldisplays des Fahrzeugcockpits. Daneben bildete nur noch das Glimmen seiner Zigarette eine weitere Lichtquelle.

Es war bereits dunkel geworden. Rasend schnell zog die Stadtautobahn unter ihnen dahin.

Im regelmäßigen Rhythmus glitten die Lichtkegel der Straßenlaternen über die Windschutzscheibe und ließen die beiden Insassen des Wagens für kurze Zeit aus der Dunkelheit auftauchen. Der süßlich schwere Duft einer Nemesis lastete auf Maccachios Kopf und rief ein beständig anwachsendes Pochen hervor.

Seit sie das Hochhaus verlassen hatten, war kein Wort gesprochen worden, doch plötzlich war es Hellwein, der unerwartet das monotone Surren des sonst kaum hörbaren Wasserstoffmotors durchbrach.

„Was denken Sie gerade?“, fragte er.

Francesco blickte weiter geradeaus auf die Straße.

„Ich denke an die Worte Seilers. Die Welt braucht einen Messias, um die Gläubigen zu einen.“

„Ja?“ Die Stimme des Klons schien verständnisvoller als sonst.

„Derjenige, der diesen Menschen auf seiner Seite hat, wird sie beherrschen.“

„Oder sie zerstören.“

––––––––

„Macht Ihnen das keine Angst?“

„Mehr als alles sonst.“

Wieder strömte das bedrückende Schweigen eines Momentes düsterer Visionen durch das Fahrzeug.

Während dieser Zeit beobachtete Maccachio den Mann am Steuer, den er vor wenigen Stunden zum erstenmal getroffen hatte, sehr genau.

„Irritiert es Sie, dass ich Angst habe?“ Morgan blickte für einen Moment vom Fahrersitz herüber. „Ich bin nicht völlig emotionslos, auch wenn ich kein Mensch wie Sie bin.“ Der Theologe aus dem Vatikan wusste nicht genau warum, doch er fühlte sich beschämt.

Ohne etwas zu erwidern, sah er hinaus auf die finsteren Fassaden, die sich außerhalb des Laternenlichtes in den so angenehmen Schleier der Anonymität einer Megametropole hüllten.

Wahrscheinlich war es nirgends leichter, sich seinen Mitmenschen völlig zu verschließen, obwohl man sie jeden Tag sieht. Womöglich war derjenige, der keine Gefühle preisgab, am sichersten vor der Grausamkeit jedes neuen Tages.

Morgan lenkte den Wagen an der nächsten Abfahrt in Richtung eines kleinen Randbezirkes, nahe des Airports 7, wo die Polizeidirektion für Maccachio ein Zimmer gebucht hatte. Vor der noch aus dem 20. Jahrhundert stammenden Fassade des kleinen Mittelklassehotels hielt sein Partner an.

„Ich werde mich noch um das verbleibende Aktenwälzen kümmern, wegen des kleinen Zwischenfalles heute Morgen.“

Francesco nickte mit einem leichten Lächeln, und auch auf dem Gesicht Hellweins glaubte er die Andeutung eines Lächelns zu erkennen.

„Wir treffen uns um neun bei Genesis Enterprises for Neurobiological and Transmutational Existence Research. Ich will ihnen dort etwas zeigen.“ Dann schloss sich die hydraulische Beifahrertür und leise glitt der AIM »Cerberus« wieder in den geringen Verkehr auf der nachtschwarzen Straße.

Dienstag, 17. September, 20.31:

Maccachio hatte noch kurz eine Kleinigkeit gegessen und sich an der Hotelbar einige Gläser 12

Jahre alten Scapa gegönnt. Nun saß er mit einem weiteren Glas des teuren Scotch Whiskys hinter dem kleinen Wohnzimmertisch seines Appartements in einem Sessel und sah sich wenig aufmerksam einen 2D-Film an. Der flache Kasten des Jakob Lienberg, den er von dessen Lebensgefährtin erhalten hatte, stand vor ihm auf dem Tisch. Gedankenverloren durchwühlte der ehemalige Agent vom Oculus Dei den Inhalt. Er fand einige kurze Schriften und Flugblätter der Propheten, ein Amulett aus Titan, sowie eine Schachtel Munition, in welcher jedes einzelne Geschoss mit einem durchgestrichenen Kreuz versehen war.

Der Jesuit lehnte sich in seinem Sessel zurück und ließ die Ereignisse des Tages noch einmal vor seinem inneren Augen erscheinen. Schließlich erhob er sich und trat, das Glas in der Linken, hinaus auf den Balkon seines Zimmers. Es war kalt. In der Ferne zeichneten sich die Lichter jener verruchten Stadt ab, in der zehn Millionen Menschen verzweifelt versuchten, irgendwie eine Hoffnung für ihr Leben zu bewahren. Diejenigen, denen es auch nur annähernd gelang, konnten sich zu den Glücklichen zählen. Durfte man es ihnen verdenken, wenn sie für diese Hoffnung bereit waren, alles zu tun. Morgan hätte ihm jetzt gesagt, dass er selbst nicht anders sei, seine Sekte nur größer als die meisten anderen wäre.

Francesco kehrte in seinen Sessel zurück und leerte das Glas mit einem Zug. Dann griff er wieder zu dem kleinen Buch und las noch einmal jene Stelle, welche er sich deutlich markiert hatte.

„So kündet Matthäus vom Tode Jesu Christi: Die Finsternis herrschte im ganzen Land von der sechsten bis zur neunten Stunde, und die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Doch höret auch was geschah, als das Lamm das sechste Siegel auftat: Da entstand ein gewaltiges Beben, und die Sonne wurde schwarz wie ein Trauergewand.

So verheißt der letzte Atemzug des Sohnes Gottes jenes, das da geschehen wird, wenn er zurückkehrt auf Erden. Wie er ging, so wird er wiederkehren. Denn seine Worte, welche er zu seinen Jüngern sprach, da sie ihn auf dem Berge Galiläas, den er ihnen genannt hatte, sahen nach seiner Auferstehung, sind in der bisher gekannten Schrift des Matthäus von verändertem Gehalt.

––––––––

Dort spricht Jesus Christus: Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende des Zeitalters. So jedoch gibt uns Matthäus Kunde in der alten Schrift über die letzten Worte Christi: Und siehe, ich bin bei euch alle Tage am Ende des Zeitalters.“

Maccachio schlug das Buch zu und starrte durch das Fenster in die Finsternis hinaus.

Ende

C, 2012 by Andre Vieregge & Marten Munsonius

Mission Corpus Christi

nach Ideen von Alfred Bekker & Marten Munsonius Band 1

Blut der APOKALYPSE

-

Ein Roman von

C. J. Walkin, Nicole E. Seiz & Marten Munsonius

***

Created by Marten Munsonius

Ideen,Treatment & Exposé Alfred Bekker & Marten Munsonius

© der Digitalausgabe 2012 AlfredBekker/CassiopeiaPress Ein CassiopeiaPress E-Book.

Www.AlfredBekker.de

*****

Prolog

Aus den Tiefen des Alls sah der Planet richtig friedlich aus. Das Blau der Meere, die riesigen Kontinente, die von den unvergleichlich schönen Ozeanen umrahmt wurden, die Wolkenmassen, die alles unwirklich zu verdecken schienen, dies alles ließ einen den Eindruck entstehen, dass hier wahrer Friede herrschen sollte. Doch den gab es hier nie.

Die Instrumente des Schiffes, das von einem Ort weit entfernt nach hier unterwegs war, überprüften abermals die Daten, die von hochsensiblen Sensoren aufgefangen uns analysiert wurden. Doch nichts deutete auf irgendeine Gefahr hin. Aber auch das konnte trügerisch sein.

Die Welt, die sich vor der Besatzung des Schiffes so wunderschön ausbreitete, war nach den Gesichtspunkten des Universums eher als Säugling zu bezeichnen, denn die Bewohner dieser Welt hatten erst vor kurzem damit begonnen, sie sich Untertan zu machen, und waren doch schon im Begriff, sie zu zerstören. Noch war es nicht so weit, auch wenn die Grundsteine gelegt wurden, wahrscheinlich schon heute, doch das konnte dort unten keiner mit Bestimmtheit sagen. Viel gravierender jedoch war jedoch die Tatsache, dass heute nicht nur der Grundstein für die Zerstörung dieser Welt gelegt werden konnte, denn das ganze Universum, das ganze Sein schien von den heutigen Ereignissen bedroht, Ereignissen, die auf diesen kleinen, und unscheinbaren Planeten sich zutrugen und die keiner aufhalten konnte. Vielleicht doch, es gab Lebewesen in den Weiten des Kosmos, die dazu fähig wären. Sie waren getäuscht worden, und als sie von dem Bevorstehenden erfuhren, war es zu spät noch rechtzeitig einzugreifen.

Aber – es durfte nicht einfach so enden.

Gabreth schaute auf als der Informationsoffizier sich vor ihn stellte und mit gefalteten Händen vor ihm verbeugte.

„Wir haben unseren Zielort erreicht.“ Er sah ihn dabei nicht an.

Gabreth blickte ihn für einen Moment mit seinen stechenden Augen an, bevor er sich erhob und darauf achtete, dass seine durch und durch schwarze Robe, die zugleich einen Umhang beinhaltete, sich ehrwürdig an seinen Körper anpasste.

Die gelbliche Haut seines Gesichts schien zu schimmern.

„Hoffen wir, dass wir noch nicht zu spät kommen.“ Dann schritt er in den Kommandoraum des Schiffes, das von außen wie ein riesiger, unförmiger Felsbrocken wirkte. Ein kleiner Planetoid, vergleichbar mit dem Marsmond Daimos. Nichts Vergleichbares war in diesem Sektor des Universums zu finden.

Das Innere des Kommandoraumes sah aus wie die herkömmlichen Führungsbrücken, die sich bei allen Schiffen - egal welches Planetenbundes - etabliert hatten.

An dem Pult, das dem riesigen, die Vorderseite fast gänzlich einnehmenden Schirm am nächsten stand, saß der Pilot, der mit seinen Assistenten alleine dafür verantwortlich war, dass dieses Schiff genau dorthin flog, wohin es befehligt wurde. Des weiteren gab es Bereiche für die Kommunikation, die verschiedenen Außenräume und die Abschnitte des Schiffes, das praktisch von hier aus befehligt wurde. Zwar verfügte auch dieses Schiff über einen Captain, wie jede Einheit, doch der eigentliche Befehlshaber war Gabreth, oberstes Mitglieder des Zwölferrates. Es war sein Schiff, einzig und alleine dafür gebaut, dass er sich dorthin begebe, wohin man ihn schickte. Keiner würde ihn widersprechen oder ihn gar in Frage stellen - sein Wort war Gesetz.

Doch eines Wortes bedurfte es hier und jetzt nicht, auch wenn Gabreth geradezu ein Verfechter des gesprochenen Wortes war. Der Augenblick, der alles verändern konnte, machte Effektivität mehr als nötig, weswegen er die Fähigkeit einsetzte, die jedem Mitglied des Zwölferrates eigen war, und alle Anwesenden der Brücke nur mit seinen Gedanken zu instruieren, was er von ihnen erwartete, geradezu verlangte.

Auch die Besatzung verfügte über diese im Universum fast exklusiven Kräfte, doch nicht annähend in dem Maße wie Gabreth, der wohl jederzeit in ihre Gedanken eindringen konnte, doch niemand von der Besatzung war je in der Lage in seines einzudringen, und wenn sie es versuchten, würde die Belastung ihre Gehirne zum kollabieren bringen. Die geistigen Kontrollkräfte reichten bei jedem Mitglied der Brücke gerade einmal dazu aus, um die ihnen anvertrauten Bereiche zu kontrollieren und ihre Aufgaben zu erfüllen. Deswegen gab es hier auch nur wenige Schalter, Knöpfe oder sonstige Vorrichtungen, die man von den anderen Schiffen gewohnt war, denn alles spielte sich in der geistigen Verbindung der Besatzung zu ihren Instrumenten ab. Die meisten Vorrichtungen dienten vielmehr der Zierde oder der Tradition, doch eigentlich konnte man auf sie vollkommen verzichten.

Gabreth erfüllte es diesmal nicht mit Genugtuung als er mit seinen Gedanken spähte, und feststellte, dass die Besatzung wieder einmal perfekt harmonierte, denn die Ereignisse auf der Welt vor ihm eskalierten gewaltig, dass sie möglicherweise nicht nur das Sein des Zwölferrates, sondern das ganze Sein des Universums erschütterten.

Lautlos trat ein junger Mann neben ihm, der fast so gekleidet war wie er, nur dass seine Robe einen etwas helleren, eher anthrazitfarbenen Ton aufwies und sein Kopf nicht kahl war, sondern ein dicker Zopf auf der Hinterseite seines Hauptes kunstvoll geflochten herunterhing.

„Eine wahrhaft schöne Welt“, stellte Mak’el fest und seine Augen schienen von innen zu leuchten. „Ich kann verstehen, warum ER sich gerade diese Welt aussuchte. Sie scheint perfekt.“

Gabreth Zorn war ohne Grenzen.

„Diese Welt, die du für so perfekt hältst, junger Anwärter, könnte das Zentrum des Endes sein.“

„Und doch hatte ER so viel Vertrauen, dass ER sie erwählte.“

„Ein törichter Fehler.“

„ER? Fehler?“

Gabreth sah den amüsiert wirkenden Mak’el hasserfüllt an, doch im Gegensatz zu allen anderen Besatzungsmitglieder, die ebenfalls seine Gefühle spürten, wich dieser nicht zurück, noch erschien er beunruhigt.

Lange blickte Gabreth den viel jüngeren in die Augen und erkannte dort nicht das geringste Anzeichen für Furcht.

Entweder war dieser Mak’el sehr gerissen oder sehr dumm, es würde sich zeigen. Gabreth musste sich innerlich zügeln – schließlich geziemte es einem Mitglied des Zwölferrates nicht, seine Gefühlsausbrüche vor der Mannschaft zu zeigen.

Überall zuckten Blitze und gaben den Ort etwas Unheilvolles. Pechschwarze Wolken zogen auf, verdunkelten das von der Sonne sonst so ausgedörrte Land, bevor der Abend selbst sich ankündigen konnte.

Etwas Schreckliches schickte sich an heute und hier präsent zu werden, und die Welt schien es zu wissen.

Mak’el und Gabreth schritten langsam den staubigen Berg hinauf, um den sich eine Menschenmenge gebildet hatte. Fast alle Anwesenden trugen sie hier erdfarbende Gewänder aus rauen Stoff, einfache Leute, die sich spontan versammelt hatten, da auch sie spürten, dass etwas Wichtiges geschah. Oben auf dem Berg, umrahmt von den gleißenden Zuckungen des Unwetters, standen einige in Rüstungen gekleidete Männer, welche die Menge davon abhalten sollte, dem Ort zu nahe zu kommen. Sie hatten die Macht und sie waren hier die absoluten Herrscher, die eines ihrer blutigen Rituale abhielten, um ihre Macht dem Volk zu beweisen, das sie vor unzähligen Zeitaltern unterjocht hatten, so wie sie es schon so oft davor gemacht hatten und mit Bestimmtheit noch öfter tun würden.

Heute, einen Tag nach dem heiligen Fest, dieses von ihnen besiegten Volkes, hatten sie wieder die Aufgabe, den Befehl ihres hiesigen Statthalters auszuführen und diejenigen zu bestrafen, die sich gegen ihre Herrschaft auflehnten. Es waren drei, die hier für ihre Vergehen bestraft wurden, doch nur einer unter ihnen galt die ganze Aufmerksamkeit, der wie geschockt schweigenden Menschenmenge, die auf ein Wunder hoffte oder auf seinen gnädigen Tod.

Der junge Mann, dessen sonst so friedvolles Gesicht nun vor Schmerzen verzerrt war, hatte jeden von ihnen Hoffnung gebracht, Hoffnung, dass eines Tages Frieden und Gerechtigkeit dieses Volk und die ganze Welt erfassen würden und alles Leid endete. Sie hatten seinen Worten geglaubt, seinen flammenden Reden, seiner suggestiven Überzeugungskraft. Doch stattdessen wurde er verraten, gerichtet, misshandelt und ihm mehr Gewalt angetan, als so manchen Menschen vor ihm. Und ihn schließlich unter Hohn, Spott und Schlägen an den Fuß des unbedeutenden Berges zu schleppen, wo er sterben sollte. Das dafür vorgesehene Gerät musste er selbst nach hier tragen, ein Kreuz, an das er schließlich am Ende seiner Reise mit unförmigen Nägeln - einen durch die überlappenden Füße und einen durch jeweils eine Hand –

geschlagen wurde, damit er unermesslich leidend seinen letzten quälenden Atemzug machte.

Gabreth Hand verzog sich zu einer Faust und sein Gesicht, das unter der Kapuze seines Gewandes verdeckt war, spiegelte nackten Zorn. Mak’el spürte seine Gefühle und hielt seinen Mentor zurück.

„Nicht, das ist nicht SEIN Wille.“

Gabreth sah ihn wieder hasserfüllt an und deutete auf IHN.

„Wie kann das SEIN Wille sein! Seht, was sie mit IHM machen, dieses Gewürm! Ich werde sie alle hinwegfegen, wie ich es schon einmal tat. Ich...“ Der Mann am Kreuz stöhnte laut auf und sofort richteten sich alle Blicke wieder auf ihn. Gabreth erschrak für einen Moment, als er sah, dass ER auf ihn herniederblickte, genau in seine Augen und er wich einen Schritt zurück. Dann sprach der Mann und seine Worte schienen nur für ihn bestimmt zu sein.

„Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Gabreth wich noch einen Schritt zurück und schüttelte entsetzt den Kopf, drehte ihn weg, als könnte er den Blick des Mannes nicht weiter ertragen. Tränen bildeten sich in seinen Augen die er nicht zurückhalten wollte, zu gewaltig war das Gefühl des Blickes, der ihn bis in sein Herz zu gehen schien. Er musste sich schließlich ganz abwenden.

Mak’el hingegen blieb stehen und sah fassungslos den Mann an, der dort oben alle Qualen der Welt zu tragen schien und doch so erhaben wirkte, wie keiner sonst, der ihm jemals begegnet war.

Dann erhob der Mann sein Haupt gen Himmel.

„Meinen Geist befehle ich in deine Hände.“ Und der Mann am Kreuz tat seinen letzten Atemzug und starb und Mak’el war es als würde ihm das Herz aus dem Leibe gerissen.

Nur schwer konnte es sich von dem Anblick des Toten lösen, doch als er den Kopf endlich Gabreth zuwendete, war bei diesem der Ausdruck von rasendem Zorn zurückgekehrt.

„Lass uns den suchen, der für das alles verantwortlich ist.“

Damit schritt Gabreth den Berg hinunter und blickte nicht zurück. Mak’el folgte ihm, drehte sich noch einmal um, als müsste er sich dieses Bild des gekreuzigten, toten Mannes, dessen Kopf friedlich und nun ohne Schmerzen auf seiner Schulter ruhte, genau einprägen, damit er es niemals vergessen würde. Dann folgte er Gabreth scweigend.

Als der Mann sich den Berg hinaufschleppte, wurde jeder seiner Schritte von Blitz und Donner begleitet. Etwas Schreckliches war heute geschehen und er war Schuld daran.

Warum hatte er das nur getan?

Es schien ihm so, als hätte er keine andere Wahl gehabt, doch war das so gewesen. Hatte er denn nicht die Macht gehabt, es zu ändern? Wenn nicht er, wer dann?

War er doch der Einzige der Gemeinschaft, der über wahre Macht verfügte.

Als er die Kuppe des Berges erreichte, war sein erdfarbendes Gewand ebenso wie sein buschiger schwarzer Bart und die langen schwarzen Haare völlig durchnässt und hin schwer an seinem Körper. Doch das spürte er nicht mehr. Es zählte nicht. Alles hatte in dieser Stunde seine Wichtigkeit verloren, denn ER war gestorben. Durch seine Schuld.

Und doch war da was in SEINEN Augen gewesen, das ihn hoffen ließ.

„Du musst glauben“, hatte er gesagt und tief in ihn hineingesehen. „Du bist der Einzige, der es verstehen kann. Bitte glaube an mich und das, was ich tun muss, auch wenn du es nicht verstehst. Glaube an mich.“ Er hatte geglaubt und getan, was man von ihm verlangte. Doch nun war alles vorbei. Sein Glaube war mit IHM am Kreuz gestorben, nichts zählte mehr.

Deshalb war er hier, um dort, wo er denjenigen verraten hatte, der ihn noch wenige Stunden vorher um sein Vertrauen bat. Hier hatte das Ende begonnen und hier sollte auch er sein Ende finden.

Geboren, um ewig zu leben, wollte er nun seinem Leben ein Ende setzen.

Geschickt, so wie er es in den Jahren an diesem unheiligen Ort gelernt hatte, knüpfte er eine Schlinge, die er sofort über den stärksten Ast des Baumes warf, wo er sein Leben aushauchen wollte. Das Seil befestigte er an dem starken Stamm des Baumes, der hier wie ein König über sein Reich thronte und nun auch sein Richter werden sollte.

Als Blitz und Donner sich wieder vereinten, stieg er auf den Schemel, der wackelig am Baum gelehnt hatte.

Er war nicht recht stabil, aber lange müsste er nicht halten.

Einmal sollte reichen.

Sich an der Schlinge festhaltend, stieg er auf den Schemel, versuchte so wenig Gewicht wie nötig draufzulegen, damit er nicht vor der gewünschten Tat unter ihm zusammenbrechen würde. Dann endlich legte er sich die Schlinge um den Hals.

Das Knirschen unter ihm verriet, dass das Gewicht für den alten, nur provisorisch hergerichteten Stuhl zu schwer wurde und es nicht mehr lange dauern würde, bis er endgültig zusammenbrechen würde, um sein Schicksal zu besiegeln.

Der Mann, der unter Blitz und Donner auf seine gerechte Strafe wartete, schloss seine Augen.

„Vater, der Du bist in der Höhe, gelobpreist werde Dein...“

Der Schemel brach unter ihm zusammen und sein Körper wurde abrupt nach unten gerissen. Schon spürte er den Zug an seinem Genick, das unter der herabfallenden Last wie ein Streichholz brechen würde und ihm den Tod brächte. Dies sollte nie geschehen.

Als der Mann, der an seinem Hals aufgeknüpft die Augen öffnete, blickte er in Gabreth’ vor Zorn bebendes Gesicht.

„Du glaubtest doch nicht, dass ich dich so entkommen lasse, Bruder.“ Das letzte Wort spie er förmlich aus, als widerte es ihm an, dem Gegenüber so zu betiteln.

Im nächsten Moment vollführte er eine Handbewegung und wie von selbst öffnete sich die Schlaufe der Schlinge und der Mann sackte vor ihm auf die Knie. Sofort war Gabreth bei ihm, war kurz davor ihn zu packen, aber noch einmal hielt er inne. Dann entfuhr ihn ein Wort in einer Sprache, die diese Welt seit ihrem Anbeginn nicht mehr vernommen hatte. Nur dieses eine Wort reichte, um den Mann zu seinen Füßen schmerzerfüllt herumwirbeln zu lassen, bevor er krachend auf dem Rücken landete.

„Deine Gestalt ist aus Staub gemacht und zu Staub werde ich dich zurückverwandeln.“

Schon setzte Gabreth dazu an, den hilflos am Boden liegenden Mann endgültig zu töten, für immer aus dem Gedächtnis des Universums zu tilgen, doch Mak’el schritt dazwischen.

„Mit Verlaub, mein Herr, das könnt ihr nicht tun.

Er ist einer von uns.“

Gabreth sah ihn rasend vor Wut an. „Wie könnt Ihr es wagen! Dieses Geschmeiß im Körper einer dieser Niedrigen ist keiner von uns!“

„Bedenkt, er ist einer der Zwölf.“

„Nicht mehr und nicht mehr der unsrigen.“

„Er war am Anfang da, so wie Ihr.“

Gabreth Augen funkelten.

„Ja, und beinahe drohte er alles zu zerstören.“

„Und doch war er da und damit Teil der Ordnung.“ Gabreth nickte.

„Und diese Ordnung werde ich nun wieder herstellen.“

Wieder setzte er an, den Mann am Boden mit nur einem Wort zu vernichten.

„Er folgte IHM, war an SEINER Seite. ER wusste es.“

Gabreth hielt inne und seine Blicke verrieten Verwirrung. Mak’el blieb ruhig.

„Was ER sich auch mit seinem Tun hier gedacht hatte, dieser hier war Teil davon. Wir mögen es nicht zu sagen, was ER gewollt hat. Aber dieser hier, weil er ein Teil davon war, gehört zu diesem Plan. Weißt du, wie er aussieht? Ist es an dir, SEINE Pläne in Frage zu stellen?“ Statt einer Antwort, erntete Mak’el nur einen kurzen, hasserfüllten Blick. Dann beugte sich Gabreth zu dem Mann zu seinen Füßen nieder.

„Du sollst leben, Bruder, denn es ist wahr, ich kann dich nicht töten, bist du doch vom selben Ursprung wie ich. Doch nie wieder sollst du die Wärme Ädons spüren und dein Name soll aus dem Gedächtnis aller getilgt werden. Lebend, ewig lebend sollst du dein Dasein fristen als eine dieser Kreaturen, deren Existenz du hier angenommen hast und damit deinen wahren Leib verpestest. An dem Ort, der am weitesten entfernt ist von dem Licht, an dem Ort, der deinesgleichen vorbehalten ist, sollst du gebracht werden. Dort sollst du verrotten.“ Als Gabreth sich erhob, sprach er nur ein Wort und wieder krümmte sich der Leib des hilflosen, der darauf in ein helles Licht getaucht wurde und plötzlich verschwand.

Gabreth sah Mak’el lange an, der aber seinen Blicken standhielt. Dann verschwanden auch sie und ließen die Welt in Blitz und Donner hinter sich.

Über zweitausend Jahre würden sie nicht zurückkehren.

Kapitel 1

„Ich hab da ein ganz mieses Gefühl.“

Dieser Satz ging in die Geschichte ein.

Es sollte der letzte sein, den Laborassistent Karl Junghof in seinem sechsundzwanzigjährigen Leben aussprach, bevor die Katastrophe ihn und seinem Freund Sam Packett, der mit ihm wieder einmal die Nachtschicht gemeinsam verbrachte, als erste Opfer forderte.

Sowohl Karl wie auch Sam waren helle Köpfe, denen innerhalb der Hierarchie des größten Genlabors von Zentral Berlin eine ansehnliche Karriere bevorstand.

Zudem sah Karl mit seinen dunkelblauen Augen, den blonden, langen Haaren und dem athletischen Körper eines Surfers blendend aus und war der Schwarm aller Frauen, die er mit nur einem Lächeln betören konnte. Sam, ein Deutsch-Amerikaner, der eigentlich sein ganzes Leben hier verbracht hatte, machte mit seinem pechschwarzen Haar und seiner ebenfalls sportlichen Figur keine Ausnahme. Als Team wurde sie schon als die Zukunft des Labors gehandelt, denn es fehlte ihnen weder an Ehrgeiz noch an Glück, das Glück des Tüchtigen. Sie scheuten sich nicht, die für andere lästige Nachtschicht zu übernehmen, wo es nur darum ging, die Experimente zu beobachten und jede Stunde genaue Berichte zu verfassen, keine sehr spannende Aufgabe. Zudem juckte es ihnen in den Fingern, selbst Hand an die verschiedenen Reagenzgläser zu legen, was ihre Vorgesetzen und Professoren sogar von ihnen erwarteten, doch sie taten es nicht, schon aus Respekt. Sie würden schon ihre Chance bekommen, und je loyaler und vertrauenswürdiger sie sich erwiesen, desto eher würde die Chance kommen. Eine Chance, die sie allerdings nie erhalten würden.

Wie es zur großen, alles verändernden Katastrophe von 2010 kam, konnte später keiner mehr sagen. Am Anfang lag die Vermutung nahe, dass es bei diesen beiden jungen Männern liegen musste, aber diese Vermutung wurde schnell fallen gelassen. Zwar zeigten die letzten Aufnahmen aus dem Labor - bevor sich alles in eine Gluthölle verwandelte - die beiden Männer in der Nähe des Explosionszentrums, aber das war es auch schon.

Wie immer hatten sie in einem Raum gesessen, in denen sich unzählige Monitore befanden, welche die einzelnen Labors und von einigen ausgewählten Experimenten noch Skalen und Werte anzeigten. Sie warteten dort geduldig, bis ihre nächste Runde anstand, notierten sie einzelne Werte und spielten Karten, ließen dabei aber nie die Monitore länger als zehn Sekunden aus den Augen.

Und dann hatte Karl etwas bemerkt und seine Stirn zog sich in Falten. Auch Sam schien es gesehen zu haben und beide setzten sie sich an das Pult und hackten parallel auf ihre jeweiligen Konsolen ein, überprüften immer wieder die Daten, die ihnen der Computer lieferte. Doch mit jeder Information wurden die Furchen ihrer Stirn tiefer.

„Kannst du dir das erklären?“, fragte Sam mit seinem unnachahmlichen amerikanischen Akzent, von dem er sich hütete, ihn jemals zu verlieren, da er damit noch mal so viele Chancen bei den Frauen hatte. „Das kann doch gar nicht sein.“

Karl schien ihn nicht zu hören, tippte wieder auf die Tasten ein, ließ dabei seinen Monitor nicht aus den Augen. Dann hob er den Hörer hoch und drückte einen Knopf, der ihm eine direkte Leitung zu dem Hauptlabor, in dem rund um die Uhr Betriebsamkeit herrschte und in dem vor allem einer der Hauptverantwortlichen für sämtliche Experimente anwesend war. Ein Signal teilte ihm mit, dass er durchgeschaltet wurde. Dann wandte er sich an Sam.

„Ich hab da ein ganz mieses Gefühl.“

Sein letzter Satz. Seine Augenbrauen waren ganz eng zusammengezogen. Man sah selbst in der Aufzeichnung, wie es fieberhaft hinter seiner Stirn arbeitete. Wie er eins und eins zusammenzählte...

möglicherweise versuchte er noch einen Fluch über die Lippen zu bringen...

Dann folgte die Explosion.

Es gab wohl keinen Menschen auf der Erde, der die digitale Aufzeichnung über die letzten Minuten der beiden Laborassistenten nicht mindestens ein Dutzend Mal gesehen hatte. Die Nachrichtenkanäle verbreiteten sie über die ganze Welt - sie gehörten quasi zum allgemeinen Kulturgut, und doch waren sie noch immer erschreckend, besonders wenn man wusste, was danach folgen würde.

Manche meinten jedoch auch, dass es die beiden am besten getroffen hatte, wurden sie doch durch eine Explosion getötet, so dass ihnen die folgenden Schrecken erspart blieben.

Die Explosion war so stark und so ungeheuer heiß, dass Sam und Karl von einem Moment zum andern in Asche verwandelt wurden. Da das Labor sich tief unter der Erde befand, konnte man es in Berlin nicht hören, doch selbst wenn man es gekonnt hätte, wäre es zu spät gewesen, darauf zu reagieren.

Die Wucht der Explosion entlud sich fast im ganzen Stockwerk und forderte noch einige Opfer, jedoch nur verhältnismäßig wenige, da in der Nachtschicht hier kaum Menschen anwesend waren.

Das Verheerendste jedoch war, dass die Explosion das gesamte Lüftungssystem erfasste und auch die Pfeiler der Etage zum Einsturz brachte. Dies schien unmöglich, doch die freigesetzten Chemikalien, gepaart mit dem sich ausbreitenden Höllenfeuer ließen die metallenen Stützen schmelzen wie Käse.

Durch den Einsturz des Stockwerkes wurde eines der Zentrallabors, das sich direkt darüber befand nach unten gerissen, womit sämtliche Sicherheitsvorkehrungen null und nichtig wurden. Bei der Planung hatte man fein säuberlich darauf geachtet, dass keine der gefährlichen Bakterien und Chemikalien je aus dem Labor hätte entweichen können. Und sollte dies doch möglich sein, würden die Sicherheitsschleusen eine großflächige Kontamination verhindern.

Und selbst dahinter baute man noch doppelte und dreifache Sicherheitsbarrieren und Reinigungssysteme.

Niemand dachte daran, dass der dicke Betonboden einfach weggerissen werden könnte.

Viele von den Herren der Labore geschaffene gentechnisch veränderte Viren erblickten so das Licht der Welt, vermischten sich mit anderen Stoffen, an deren Paarung man nie gedacht hatte und deren Folgen man nicht einmal erahnte.

Da der ganze Laborkomplex fast zentimetergenau visuell überwacht wurde, war jedes Detail der Katastrophe später rekonstruierbar. Als sich die ersten Viren und Chemikalien mischten, nützten auch die Schutzanzüge nichts mehr. Sie lösten sich einfach auf und fraßen sich in ihre menschlichen Träger, die nun dem ganzen Inferno hilflos ausgeliefert waren. Vor den Augen der entsetzten Betrachter, löste sich die Haut der Opfer auf, schmolz unter ihren Schmerzensschreien dahin, legte die blanken Knochen frei, die spröde einfach wegbrachen. Für keine Menschenseele in dem großen Laborkomplex gab es ein Entkommen.

Der Alarm hatte den Wachdienst auf den Plan gerufen, die wegen der Explosion einen terroristischen Anschlag vermuteten, da in den Labors selbst eigentlich keine hochexplosiven Stoffe gelagert wurden. Die große Zerstörung, die sich wie eine Welle von Stockwerk zu Stockwerk nach oben fortsetzte, schien auch diesen Eindruck zu bestätigen, doch das Ausmaß der Katastrophe war viel größer.

Mit den Waffen im Anschlag bahnten sich Männer der Wachtruppe in Kampfmonturen gekleidet, ihren Weg zu den Labors. Aus späterer Sicht, während der Schadensanalyse, wirkte dieses Vorgehen mehr als lächerlich und naiv, doch die Männer taten nur das, was sie gelernt hatten. Auf eine solche Situation waren sie nicht vorbereitet, auf die Glut- und Virenhölle, die bis zu diesem Zeitpunkt sich niemand ausmalen konnte.

So war ihr Handeln nicht verwunderlich. Das Genlabor war ein von der Außenwelt abgeschotteter Komplex von mehr als 40 Stockwerken gewesen. Nur die obersten drei ragten aus dem märkischen Sand. Die Wachtruppe kam nicht weit. Der Boden unter den Männern musste enorm vibrieren. Die Scheiben neben dem Haupteingang zerbarsten mit einem lauten Knall. Der Anführer entschied sich für die Nottreppe, um in den unterirdischen Komplex vorzustoßen.

Weit kamen sie nicht. Die Flure zu den Zentrallabors waren zerstört.

Als sich die ersten Mitarbeiter aus den Labortrümmern befreiten, dabei vor Schmerzen schreiend und sich aufgrund des fortgeschrittenen Zersetzungsprozess ungelenk auf die Männer der Wachtruppe zu bewegten, begannen diese zu ahnen, das die Katastrophe weit bedeutender sein würde, als alles, was die Notfallpläne jemals vorgesehen hatten.

Als der Anführer der Wachtruppe eine hilflose Person unter Labortrümmern hervorzog, hielt er vor Unglauben mehr als eine Minute die Luft an.

Keiner der Überlebenden war mehr in der Lage, sich richtig zu artikulieren, war ihre Zunge doch entweder unverhältnismäßig angeschwollen oder schon aufgelöst, so dass sie nur noch unmenschlich klingende Laute von sich geben konnten. Auf die Sicherheitskräfte hatten sie wie Zombies aus einem Horrorfilm wirken müssen. Dieser Vergleich drängte sich förmlich auf, war doch ein beliebtes Sujet in diesen Filmen ( warum plötzlich Untote wieder über die Erde wandelten ), dass es zu einem Laborunfall gekommen war. Und so taten die Sicherheitskräfte das Einzige, was sich ihnen in ihrer Panik ins Gehirn brannte... sie feuerten auf die entsetzlichen Gestalten, die aus den Trümmern kamen..

Im Nachhinein war dies ein nur allzu menschliches Verhalten in einer solchen beängstigenden Ausgangssituation, doch die Bilder, wie die Opfer nach Hilfe suchend einfach in Stücke geschossen wurden, war für alle Zeit einer der schmerzlichsten Augenblicke jener ersten Stunden der Katastrophe von Berlin.

Doch auch die Wachmannschaften blieben nicht ungeschoren, wie keiner, der sich in dieser Nacht im oder nahe am ehemaligen Laborkomplex befunden hatte. Auch sie fielen alle den genmanipulierten Viren und Bakterien zum Opfer, die sich hier zu immer neuen Paarungen verbündeten und immer verheerendere Auswirkungen auf Mensch und Umwelt verursachten.

Unaufhörlich,

egal

wie

viele

Sicherheitsmaßnahmen es auch gab, bahnte sich der Sog des Todes seinen Weg an die Oberfläche. Vielleicht hätte es eine Chance gegeben, alles in diesen einen Komplex einzuschließen, aber die Verantwortlichen reagierten zu spät und zu naiv. Und so zog die wohl gefährlichste, vom Menschen erzeugte Wolke über einen einfachen Lüftungsschacht in einen Untergrundbahntunnel, der die Übergabestation des unterirdischen Komplexes mit dem übrigen Berlin verband und gelangte von dort in die Stadt hinaus.

„Erst Berlin, dann die ganze Welt.“

Dieser alte Spruch aus dem 20.Jahrhundert sollte sich als überaus treffend erweisen und DVR, Das Vierte Reich, so wie man den Virus später zynisch nannte, schickte sich an, als Geißel die ganze Welt zu unterjochen.

„Mann, hast du dir mal den Film “Das Vierte Reich“ angesehen? Ich habe ihn jetzt schon fünfmal gesehen, gestern erst in diesem neuen 3D-Kino, das letzte Woche aufgemacht hat. Kein Vergleich, sag ich dir, überhaupt kein Vergleich. Wenn die ersten Opfer des Virus schmelzen, dann tropft dir ihre Haut förmlich ins Gesicht, total geil.

Ich kannte ja auch schon die anderen Filme, hab sie zu Hause alle auf Disk, aber, hey, der war der beste, wahrlich. Die haben sich wirklich Punkt für Punkt an das aufgezeichnete Material gehalten, es detailgetreu nachgestellt. Das konnten die vorherigen Filme natürlich nicht, da ja das Original damals als streng geheim eingestuft war. Deswegen habe ich darauf gewartet, dass sie es endlich freigaben, denn ich wusste, Mann, wenn das veröffentlicht wird, dann machen die bestimmt einen geilen Film daraus. Und der ist geil geworden., echt, Mann.

Ne Brezel?“

Keiner konnte Jochen Vogt leiden, denn er galt als die größte Nervensäge überhaupt. Er war ein Filmfreak, sah sich jeden Mist an, den er in die Finger bekommen konnte. Besonders stand er auf die derben Splatterfilme der späten Jahre des letzten Jahrhunderts, je heftiger umso besser. Noch mehr stand er auf Dokumentationen, denn nichts turnte ihn mehr an, als die Gewissheit, dem echten Tod beizuwohnen zu können. Deswegen auch seine Vorliebe für Katastrophenfilme, die auf reale Begebenheiten basierten, wie eben die große Katastrophe, die immerhin schon sechzig Jahre zurücklag.

Man konnte fast sagen, dass genau diese Katastrophe der Grund war, warum er sich genau an diesem Ort befand, denn jedes andere Labor hätte ihn nur gelangweilt, nicht jedoch dieses, in dem er mit seinem mitleidserregenden Partner – Alex Groß, der den kürzesten Strohhalm gezogen hatte und deswegen mit ihm die Nachtschicht abhalten musste – in seinem Kontrollraum saß.

„Es ist doch echt geil, Mann: vor sechzig Jahre, genau in diesem Laborkomplex, nahm das Unheil seinen Lauf. Es ist sogar fast die gleiche Etage.

Wie die das nur wieder aufgebaut haben? Und dann noch im Geheimen, hab nie was darüber gelesen.

Hätte bestimmt aus aller Welt auch Stunk gegeben, könnte ich wetten. Bin echt froh, dass man mir den Job angeboten hat, möchte nirgends lieber sein.“ Ich schon, dachte Alex bei sich und sah auf die verschiedenen Monitore, die nachts nur die unbelebten Gänge zeigten. Für die einzelnen Labors gab es keine Überwachungsmonitore, jedenfalls nicht hier. Für die Augen der beiden einfachen Wachmänner war nicht bestimmt, was sich dort abspielte, aber im Grunde war es Alex auch egal. Es war ein guter Job, brachte fast doppelt so viel Geld ein, wie der letzte, was er gut brauchen konnte. Dafür musste er sich nur als verschwiegen erweisen und seine Klappe halten. Das fiel ihm nicht schwer, denn was sah er hier schon groß, worüber er schweigen sollte oder was er hätte ausplaudern können.

O.k., er schob Dienst an einem Ort, den es eigentlich seit sechzig Jahren nicht mehr geben durfte und der als Ursprung allen Übels galt, aber das war doch schließlich lange her. Er stellte keine Fragen, auf die er eh keine Antworten bekommen würde, und alles lief gut.

Mit seinen fast vierzig Jahren, die sich in einem gut sichtbaren Bauchansatz, der immer mehr gegen seine Uniform spannte, und dem immer lichter werdenden Haaransatz, den er so oft es ging durch seine Mütze zu verdecken versuchte, konnte er mehr als froh über diesen Job sein. Er würde jedenfalls nichts tun, um ihn zu verlieren. Na ja, vielleicht eines, Jochen Vogt umbringen, aber das bisher auch nur in Gedanken. Er müsste nur etwas warten, dann würde sich Vogt selber aussortieren, denn im Gegensatz zu Alex, verfügte der Mittdreißiger, mit dem ständig verschwitzten Haar und Uniform und den ungepflegten Bartansatz nicht über eine solche Verschwiegenheit und Arbeitsauffassung. Für jeden war es ein Rätsel, wie Jochen Vogt an diesen Job gekommen war, jedenfalls nicht über den üblichen Weg. Alle hofften nur, dass er auf einen ebenso mysteriösen Weg wieder verschwinden würde, am besten recht bald.

Als die kleine Gruppe von Menschen um die Ecke kam, sprangen beide erschrocken auf, denn keiner von ihnen hatte damit gerechnet, dass so spät noch jemand vorbeikommen würde. Während Jochen Vogt sich sofort aus dem Zimmer begab, um die Gruppe aufzuhalten, erkannte Alex, dass es sich bei den nächtlichen Besuchern um Professor Äks, einen kleinen, dicklichen Mann, der sozusagen der Chef dieser Anlage war und nie ohne seine Pfeife unterwegs war, und zwei halb vermummte Gestalten handelte, die man auch kannte, wenn man nur etwas Fernsehen sah oder Zeitung las. Dann würde man auch wissen, dass man sich besser still verhielt, wenn man einen von den beiden sah, besonders denjenigen, der eine pechschwarze Kutte trug, während sein Begleiter, der immer einen Schritt hinter ihm blieb, sein Gesicht sowie seine Hände unter tiefroten Stoff verbarg. Vogt hingegen schien ganz offensichtlich keine Zeitungen zu lesen und so stellte er sich mit einer Hand an der Waffe, die an seinem Gürtel im Holster steckte, sich ihnen in den Weg stellte.

„Halt, meine Herren. Bis hier hin und nicht weiter“, meinte er gebieterisch, was Alex fast dem Atem raubte. Wusste der Scheißkerl denn nicht, wen er da vor sich hatte? Wieder kam ihn sein Gedanke von eben in den Sinn, in dem er sich gewünscht hatte, Jochen Vogt sollte doch möglichst bald verschwinden. Dies konnte nun unmittelbar geschehen.

Professor Äks, ein Mann, von den man beinahe annehmen konnte, dass er die damalige Katastrophe selbst noch miterlebt hatte, sah Vogt durch seine Brille mit funkelnden Augen an.

„Vogt, sie Idiot, was wagen sie es, sich uns in den Weg zu stellen?“

Doch Vogt ließ sich nicht davon beeindrucken.

„Professor, natürlich weiß ich wer sie sind, doch diese beiden vermummten Kerle sind mir unbekannt.

Vielleicht sind es ein paar Terroristen, die sie entführt haben, wer weiß.“

Professor Äks Gesicht wurde von einem Moment auf den anderen völlig rot und er schien kurz davor zu stehen, sich auf Vogt zustürzen, um ihn eigenhändig zu erwürgen. Er wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als der Schwarzvermummte seine Hand hob. Dann griff er an die Kapuze seiner Kutte und schlug sie zurück und ein faltiges Gesicht, dessen Augen aber eine unheimliche Wachheit ausdrückte und mit wahrhaft kalten Blick, Vogt fixierte, der unwillkürlich schlucken musste.

„Wissen Sie jetzt, wer ich bin?“, fragte eine frostige, emotionslose Stimme.

Vogt versuchte so souverän zu wirken, wie es ihm nur möglich war. Dies war unter den gegebenen Umständen nicht viel.

„Nein, Sir, ich kenne Sie nicht und kann Sie deswegen nicht passieren lassen.“

Die Blicke seines Gegenübers wurden noch kälter, bis sich ein schmales Lächeln auf dessen Mund abzeichnete.

„Nun, dann werde ich dafür sorgen, dass Sie mich nie vergessen werden.“

Damit ging er an ihm vorbei und Professor Äks folgte ihm auf den Fuß.

„Hey, Sie können doch nicht...“ rief Vogt den beiden hinterher und wollte schon seine Waffe ziehen, als er sich des Rotgekleideten bewusst wurde und sich zu ihm umdrehte, der ihnen ebenfalls folgen wollte.

„Moment mal Freundchen, wo soll’s hingehen?“ Alex hielt den Atem an, als er sah, wie Jochen Vogt, ein einfacher Wachmann und wahrscheinlich hirnlosester Dämel des ganzen Landes, dem persönlichen Assistenten von Rufus-Adolpho, oberster Leiter der Glaubensfragen des Vatikans und wohl mächtigste Mann der ganzen Kirche, die Hand auf die Brust legte, um ihn aufzuhalten.

Der Rotgekleidete hielt abrupt an. Zwar konnte man unter der Kapuze seine Augen nicht sehen, aber Alex spürte förmlich, wie das Feuer der Hölle in ihnen brannte.

„Noch einmal, wohin wollt Ihr, Freundchen?“ Der Rotgekleidete hob seine Hand und machte vor Vogt eine Bewegung, als würde er ihn segnen.

„Was zum Teufel...“

Weiter kam Vogt nicht, denn blitzschnell hatte ihn sein gegenüber gepackt und mit einem lauten Krachen das Genick gebrochen.

Achtlos ließ er Vogts schweißbedeckten Körper fallen, murmelte ein paar Worte auf Latein, um dann Rufus-Adolpho zu folgen.

Alex war so entsetzt über das gerade geschehene, dass er gar nicht bemerkte, wie der oberste Leiter der Glaubensfragen des Vatikans an seinen Raum getreten war und ihn nun mit fesselndem Blick ansah, während sein Blick falsche Güte verriet.

„Tut mir leid die Sauerei. Könnten Sie sich bitte darum kümmern, dass sie entfernt wird.“

Alex nickte nur, wagte nicht, sich zu bewegen.

„Danke, mein Sohn.“

Dann wendete sich Rufus-Adolpho ab und Alex atmete aus, nur um wieder erschrocken zusammenzuzucken, als der Schwarzgekleidete wieder an seinem Raum erschien.

„Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn sämtliche Beweise des Geschehens verschwinden würden, wie zum Beispiel Kameraaufnahmen. Ich würde nur ungern jemanden schicken, der sich um eine vollständige Beseitigung aller Beweise kümmert.“ Alex blieb das Herz stehen und er nickte entschieden. Dann war Adolpho endgültig weg.

Sofort machte sich Alex daran, die Leiche von Jochen Vogt wegzuschaffen und die Silberscheiben zu vernichten. Die Zeit, die er noch mit Wachdienst verbringen musste, erschien ihm endlos, bevor er endlich nach Hause konnte, wo er seine Frau veranlasste, so schnell wie möglich zu packen, seine Kinder ins Auto steckte, nur um möglichst weit weg zu kommen. Wie von Jochen Vogts Wohnung, so blieb auch bei der Explosion von Alex Groß Auto, dessen Bombe erst hinter der Grenze auf einem Berghang zündete, nichts übrig, das sich lohnte von der Spurensicherung zusammengesetzt zu werden.

Kapitel 2

Als Rufus-Adolpho beim Laborkomplex ankam, der seit sechzig Jahren eigentlich still gelegt sein sollte, zuckten über dem Himmel gewaltige Blitze, welche die Wolken sprichwörtlich in Fetzen rissen. Der Sturm trieb den Regen wie einen Flüchtling vor sich hin und der Donner rollte über die verwaist daliegende Landschaft, die nur aus toten Bäumen und Feldern voller seltsam verkrümmter Maispflanzen zu bestehen schien. Weitere Blitze fuhren durch die Wolken und erhellten die Nacht einen winzigen Moment in bläuliche Dämmerung und beleuchtete das Band der Straße, das die Felder in viele einzelne Quadrate trennte. An den Schnittpunkten standen kleine, modrig wirkende Türme mit verglasten Eingänge, die seit vielen Jahrzehnten keiner mehr zu betreten haben schien. Genau das wollten diejenigen, die diese Anlage wieder aufbauten und Rufus-Adolpho war einer von ihnen.

Im Inneren eines jeden Turmes befanden sich Dutzende von Fahrstühlen, die in die Tiefe, in den wahren Komplex führten. Rufus-Adolpho, der von Professor Äks erwartet worden war, betrat mit diesem und seinem persönlichen Assistenten einen dieser Fahrstühle. Endlich war er seinem Ziel so nah, wie es nie möglich schien.

Die Solarlampen tauchten das Labor in grelles Licht. Sie sollten das Sonnenlicht ersetzen, das man in diesen elenden unterirdischen Städten nie zu sehen bekam, so dass man sich beinahe wie ein Vampir fühlte, wenn man mal in einem Film die Schönheit eines Sonnenaufgangs bestaunte. Aber diese Solarlampen ersetzten die Sonne nicht, sie waren zu grell und erinnerten entfernt an das wässrig, beißende Licht einer frühen Wintersonne. Und in diesem Labor erschien das Licht besonders grotesk.

„Sie sind mein bester Mann! Ich kann dieses Projekt nur an Sie abgeben“, hatte Professor Äks gesagt und ihm wieder einen Sonderauftrag zugedacht.

„Ich bin nicht der Beste! Ich habe nur zu viel Zeit!“, hatte damals Frank Stein gedankenverloren gemurmelt. Eigentlich arbeitete er nur deshalb so viel, um nicht seinen Gedanken nachhängen zu müssen, Gedanken, die ihn an seine verstorbene Frau erinnerten.

Doch in Wahrheit hatte er mehr als genug Zeit zum Nachdenken, die es ihm ermöglichte, sich zum absoluten Experten auf dem Gebiet der neurointelligenten Roboter zu entwickeln. Das, und nur das, sah er nun als Grund, dass er überhaupt die Möglichkeit bekam, an diesem streng geheimen Projekt mitzuarbeiten, dass noch einmal seine Lebensgeister weckte, die er mit dem Tod seiner von ihm so geliebten Frau verloren zu haben schien.

Und so arbeitete er seit Jahren ohne Assistent, allein in diesem ultramodernen Labor, von dem die Welt annahm, dass es dieses gar nicht gab.

„Und du allein bist Schuld, Lara“, sagte er leise und wendete den Kopf zu einer Fotografie, die an der Wand hing. Sie zeigte das Bild einer hübschen jungen Frau in UDSE-Paradeuniform.

„Wärst du noch hier, hätte ich besseres zu tun, als Tag und Nacht in diesem Labor zu verbringen. Seit 13

Jahren! Wie viele davon hier?“

Er hielt kurz inne und lächelte. War es wirklich schon so lange, dass sie nicht mehr da war und er sich in die Arbeit gestürzt hatte? Und auch schon Jahre her, seit Professor Äks das erste Mal an ihm herantrat und von einem unglaublichen Projekt erzählte, dass streng geheim und nur vom Vatikan finanziert wurde? Erst hatte er ihn für verrückt erklärt, doch als er durch die hiesigen Gänge schritt, Gänge, die es gar nicht mehr hätte geben dürfen, Labors sah, opulent ausgestattet und in denen die besten und angesehensten Männer und Frauen arbeiteten, da hatte er angefangen zu glauben. Und nun war er schon fast drei Jahre hier.

Wieder wendete er sich seiner Arbeit auf seinen Tisch vor sich zu, die ihm immer wieder ein Lächeln aufs alte Gesicht zauberte.

„Aber jetzt habe ich ein wahres Kunstwerk erschaffen. Amick würde dir gefallen“, sagte Stein und ein Lächeln huschte wieder über sein hageres, blasses Gesicht.

Er streckte die Hand nach dem Holobildschirm aus, auf dem der Körper des neuen Neuroroboters zu sehen war und berührte das Bild, streichelte über das kurze, dunkle Haar. In einem Anfall von Sentimentalität hatte er dem einst kalten, gefühllosen Geschöpf einen Namen gegeben, einen Namen, der seiner Frau bestimmt gefallen hätte.

Lara mochte die alten Filme aus dem letzten Jahrhundert, besonders die trivialen Gruselfilme. Und “Twin Peaks“, immer wieder “Twin Peaks“.

So war der Neuroroboter zu seinem Namen gekommen – in den Datenbanken allerdings war er unter der Seriennummer AG-t-eX, die letzten beiden Buchstaben für EXPERIMENTAL gespeichert, und so wurde er auch von Professor Äks und allen anderen Beteiligten genannt. Stein jedoch tat das nie.

„Du musst dich noch ein wenig gedulden, Mädchen Amick. Wir sind noch nicht ganz fertig mit deiner Programmierung. Du willst doch ein kluges Mädchen sein. Mach meiner Lara keine Schande!

An deinem Äußeren müssen wir nichts mehr ändern. Du siehst perfekt aus. Du reichst beinahe an das Original heran und das will schon etwas heißen.“ Während er so redete, ließ er den Frauenkörper in allen Ebenen rotieren und war sichtlich zufrieden mit seiner Arbeit. Dann wechselte er in die Programmierebene.

„Aber zuerst haben wir noch etwas anderes vor uns. Mal sehen, ob wir dein Regenerationssystem ordentlich hinbekommen haben.“

Damit startete er den Simulationslauf “Angriff Stufe X“, der eine virtuelle Amick in eine ebenso virtuelle Schlacht führte.

Für dieses Mal war eine Auseinandersetzung in der Wüste vorgeschrieben, der Amick mit minimalen Handfeuerwaffen begegnen musste, während ihre Gegner über ein weitaus größeres Arsenal an Waffen verfügten und dazu noch zahlenmäßig weit überlegen waren.

Doch das störte die virtuelle Amick nicht.

Ungerührt schritt sie voran, während ihr langes glattes und haselnbußbraunes Haar vom harten Wüstenwind noch hinten geblasen wurde und von ihrer pechschwarzen Montur, die sich wassergleich an ihren makellosen Körper anschmiegte von kleinen, aber hartnäckigen Körnern topediert wurde. Doch die äußeren Umstände interessierten und irritierten sie in keiner Weise.

Unaufhörlich ließ ihre Feuerwaffen, die einem gestandenen Mann schon beim normalen tragen Probleme bereitet hätten, aufblitzen, wobei sie wegen ihrer geringen Munition eine Zielgenauigkeit offenbarte, die einfach nur unglaublich war. In Windeseile hatte sie sich ein Teil der Waffe des Feindes angeeignet und unzählige Gegner niedergestreckt, die aus hier stereotypischen Wüstenkriegern mit beigefarbenen Monturen und Schals, die ihr Gesicht verdeckten, bestanden. Obwohl der Druck der übermächtigen Gegner zunahm und auch sie nicht ohne Verletzungen geblieben war, kämpfte sie weiter.

Doch genau darum drehte sich diese Simulation.

Die Anzeige dokumentierten jede einzelne Verletzung, ihre jeweilige Schwere, Amicks Reaktionen und den gesamten Zeitablauf, den die Testkriterien waren streng. Nur wenn Amick sogar den schwersten Testlauf zur Zufriedenheit aller bestand, würde sie nicht wieder auseinander genommen. Deswegen protokollierte der Computer auch dieses Mal den gesamten Testlauf, der Amicks Fortschritte innerhalb der Testreihe aufzeigen sollte.

Stein rieb nervös seine Finger aneinander, bis seine Gelenke zu knacken begannen. Er faltete seine Hände und ließ sie in den Schoss sinken.

„Ganz ruhig. Es wird schon alles gut gehen“, redete er sich selbst zu und sein Blick war an den Holoschirm und die Kontrolleinheit geheftet. So lange hatte er an diesem Projekt gearbeitet. So viel Herzblut investiert. Es durfte nicht schief gehen.

Amick kämpfte sich weiter durch. Da der Feind sie von Anfang an entdeckt hatte und es auch keine Chance gab, sich irgendwo zu verstecken, kam sie auch gar nicht auf die Idee, sich in Sicherheit zu bringen. Ihr Befehl lautete, die feindliche Einheit zu erledigen und der Befehl trat erst außer Kraft, wenn sie jeden Einzelnen getötet hätte, und das tat sie. Stein beobachtete das Geschehen gebannt.

Dann endlich kam das Signal: „Simulationslauf Angriff Stufe X ist abgeschlossen“.

Stein war nervös. Es stand weit mehr auf dem Spiel als sein Ruf. Dieser Neuroroboter musste alles toppen, was er bislang an Kreationen erschaffen hatte. Sie, Amick, sollte wahrhaftig die Krönung seiner Schöpfung werden.

Und sie war noch viel mehr: Das Abbild Laras, seiner geliebten Frau, die im Sondereinsatz für die UDSE ums Leben gekommen war, und ihn allein zurückgelassen hatte mit den Träumen und Plänen für die Zukunft.

Wie lange hatte er auf diese Gelegenheit gewartet?

Lara würde zurückkehren. Und diesmal wäre sie unsterblich! Vorausgesetzt seine Berechnungen waren korrekt.

Gewissenhaft checkte Stein alle Parameter, verglich Kurven und Zahlenreihen, alles schien perfekt, aber er wollte sich nicht auf die Auswertung des Simulationsprogrammes verlassen. Vielleicht lag irgendwo im Detail noch ein Problem verborgen, ein Problem, das bei der automatischen Auswertung als Fehlerwert aus der Berechnung herausgestrichen worden war. Aber es gab keine Anzeichen dafür, dass dem Programm ein Fehler unterlaufen war. Mädchen Amick hatte den Simulationslauf Angriff der Stufe X nahezu ohne Schaden durchlaufen. Als erster Neuroroboter!

„Herzlichen Glückwunsch, Amick!“, sagte Stein und lächelte abermals. „Dann fehlt jetzt nur noch deine Seele. Was meinst du? Bist du bereit, ein Selbst zu bekommen?“, fragte er. Aber eigentlich stellte er eine ganz andere Frage. Eine Frage, die an Lara gerichtet war. Und sie lautete: Darf ich diesem Roboter deine Seele, deine Ziele und Träume und Vorstellungen von der Welt schenken?

Frank Stein stand auf und lief im Raum auf und ab.

Seine Schritte jedes Mal machten ein kaum hörbares quietschendes Geräusch, während er ins Leere starrte und vor seinem inneren Auge Lara sah. Er sah sie, wie sie sich damals von ihm verabschiedet hatte. Es hätte ihr letzter Außeneinsatz sein sollen, denn danach hatte sie in den Innendienst wechseln wollen. Sie wollten Kinder haben.

Und sie zählten beide zu den wenigen Glücklichen dieser Tage, die noch eigene Kinder bekommen konnten.

Dann war dieser Sondereinsatz für den Vatikan gekommen und sie hatte ihn angenommen, weil sie sich beruflich einiges davon versprochen hatte, denn man hatte ihr einen Posten im Ministerium für kooperative Fragen in Aussicht gestellt.

„Siehst du, nun bekommst du doch noch deine Tochter“, sprach er sanft zu dem Bild der jungen Frau in UDSE-Uniform. Setzte sich wieder an den Holoschirm und begann mit der Konfiguration der emotionalen Parameter, die allerdings nicht Teil des vatikanischen Auftrags waren, aber das war ihm egal. Was konnten sie ihm schon tun? Das war seine Arbeit, seine persönlichste Konstruktion. Nur deswegen hatte er den Auftrag angenommen, sah er doch darin eine Möglichkeit, seine geliebte Frau wenigstens auf eine gewisse Weise wieder zum Leben zu erwecken.

Und so war es für ihn auch keine schwere Arbeit, die emotionalen Parameter einzustellen, denn er hatte immer seine Lara vor Augen. Er wusste, was sie gesagt hätte: „Du übertreibst! Ich bin doch kein Engel!“ Aber in seinen Augen war sie das gewesen. Und jetzt setzte er ihr ein Denkmal. Ein Denkmal, das wie sie als UDSE-Agentin in die Welt ziehen würde. Und er würde wieder, wie damals, in seinem Labor zurückbleiben.

Als Professor Äks mit zwei anderen, Stein wohl bekannten Männern eintrat, wusste er, dass die Zeit des Wartens ein Ende hatte. Jetzt kam es darauf an.

„Guten Morgen, Stein! Wie sieht es aus. Kann ich Ergebnisse sehen?“, fragte Professor Äks, den Stein noch nie ohne seine Pfeife gesehen hatte. Deshalb umgab ihn stets eine Wolke, die nach Vanille und Torffeuer roch.

Stein hatte ihn gar nicht kommen hören, so vertieft war er in die Ergebnisse der letzten Verhaltenstests. Er wendete den Kopf und nickte zufrieden: „Das kann man so sagen!“ Er gab einen Code in den Computer ein. Der Sicherheitscountdown begann zu laufen und nach wenigen Augenblicken war die Prüfung abgeschlossen. Der virtuelle Raum öffnete sich und gab den Blick frei auf Mädchen Amick. Da stand sie, das perfekte Ebenbild Laras, jedenfalls hoffte er das.

Schon auf dem Holoschirm war er mit dem Ergebnis zufrieden gewesen, so übertraf das tatsächliche, das wahre Wesen seine Vorstellungen immer wieder bei weitem.

Noch hatte Amick die Augen geschlossen und sah aus, als würde sie einen langen schönen Schlaf träumen, so wie Schneewittchen. Noch ragten überall aus ihr diverse Kabel heraus, die darauf hindeuteten, dass es sich bei ihr wahrlich nicht um eine normale junge Frau handelte, sondern dass dort noch mehr dahinter steckte.

Im Gegensatz zu ihrem virtuellen Ich war sie vollkommen nackt und nur eine Hülle aus fast durchsichtigen Plastik verhinderten einen genauen Einblick. Stein hatte vom Anfang an vorgehabt, sie so realistisch wie möglich zu machen, so dass man das Ergebnis von einem realen Menschen nicht mehr unterscheiden konnte. Vielleicht doch in einem Punkt: sie sah einfach zu perfekt aus, denn sie war Schönheit und Güte zugleich, und würde es noch mehr sein, wenn er erst einmal das vollständige Parameter-Programm Lauras integriert hätte.

„Ich hatte schon immer eine Schwäche für schöne Frauen“, gab Rufus-Adolpho mit seinem typischen Lächeln zu verstehen.

„Nun, ich finde es auch sehr passend, dass derjenige, der IHN schützen soll, eine Frau ist“, meinte Stein. „Es hat so etwas natürliches.“

„Mein guter Stein, noch ist es nicht so weit“, gab Rufus-Adolpho zu bedenken. „Ich gebe zu, dass ihr Projekt das bei weitem ansehnlichste ist, aber es ist nur eine Möglichkeit von vielen. Bei der Tragweite unserer Mission können wir nur das Beste gebrauchen. Fehler könnten fatal sein.“

„Sie ist perfekt! Sie hat sämtliche Simulationsläufe mit Bravour bestanden!“

„Ja, Simulationsläufe“, mischte sich jetzt Professor Äks ein. „Aber wie sieht es mit realen Auseinandersetzungen aus? Die anderen haben in weniger Zeit mehr geschaffen als sie an dem einen Projekt verwendeten. Ich als Wissenschaftler kann ihre Vorliebe für AG-t-eX...“

„Sie heißt Mädchen Amick“, unterbrach ihn Stein, der dafür von beiden nur missbilligende Blicke erntete.

„Wie auch immer“, fuhr Äks fort, es ist nur einer.

Nichts gegen ihre Fähigkeiten, die ihnen keiner absprechen will, aber wir brauchen greifbare Resultate.

Die Zeit läuft uns davon. Bevor die Mission in die entscheidende Phase kommt, müssen wir sicher sein, dass der Schutz garantiert ist.“

„Sie wird bereit sein.“

Damit drückte Stein einen großen Knopf an der Konsole und sofort sah man, wie leben in Amick kam, die ihre hellblauen Augen öffnete und die Gruppe freundlich anblickte.

„Guten Tag, mein Name ist Mädchen Amick, Offizier der UDSE-Spezialeinheit. Ich erwarte meinen ersten Auftrag“, sagte sie mit einer reinen, warmen Stimme und trat einige Schritte vor, wobei die Plastikhülle herunterfiel und sie nun völlig nackt vor der Gruppe stand.

„Na, das nenne ich Ergebnisse! Hoffentlich haben Sie nicht die teuerste Sexpuppe, die je gebaut wurde, konstruiert.“ Professor Äks klopfte Stein auf die Schulter, wobei er sich gewaltig strecken musste, um seine Schultern überhaupt zu erreichen.

„Mhm, danke. Ja, ...“, antwortete Stein und konnte seinen Blick nicht von Mädchen Amick lösen. Er sah dort keine nackte Frau, sondern nur seine Lara. Sie stand da und sprach wie sie immer gesprochen hatte. Wie sehr hatte er diese Stimme vermisst?

Rufus-Adolpho hatte hingegen die Zeit genutzt, um einen von Steins Laborkittel zu nehmen und ihn Amick zu reichen, die ihn sich überzog. Dies tat sie nicht, weil sie sich irgendwie geschämt hatte, sondern weil man dies tat, wenn jemand einem einen Kittel reichte.

„Wie lange denken Sie, werden Sie noch mit ihr beschäftigt sein, Doktor Stein.“ Der zweideutige Unterton war nicht zu überhören, doch Stein war wieder in seiner eigenen Welt und bekam davon nichts mit.

„Nun, rein körperlich ist sie fertig...“

„Offensichtlich.“

„Aber ihre neuronalen Parameter sind noch nicht richtig geeicht. Hinzukommen Körperkontrolle und Kampftechniken, die ebenfalls einer neuronalen Kontrolle unterliegen. Zwar ist sie gedanklich in der Lage, sie auszuführen, aber der Körper hat dies noch nicht gelernt und verinnerlicht.

Aber sie wird zu gegebener Zeit bereit sein.“ Rufus-Adolpho nickte.

„Das hoffe ich. Es wäre zu schade, wenn dies schöne Geschöpf auf dem Müll landen müsste.“ Stein sah ihn irritiert an, aber Rufus-Adolpho drehte sich um und verließ mit seinem Begleiter und Professor Äks den Raum und ließ Stein mit Amick, die nun ihn anblickte, alleine.

„Du wirst sie noch alle überraschen, nicht war Amick. Du wirst sie alle in erstaunen versetzen.“ Genau als Mädchen Amick den Kittel fallen ließ, damit Stein sie wieder anschließen konnte, kam ein junger Laborassistent herein, der Stein seinen Kaffee bringen wollte. Stattdessen vergaß er bei Amick nackten Anblick alles und ließ den Kaffee einfach fallen, als hätte er plötzlich sämtliche Muskelkontrollen verloren, was sich auch in seinem Gesicht niederschlug, fiel ihm doch das Kinn abrupt herunter. Amicks Mine veränderte sich nicht.

Kapitel 3

Die Wüstensonne stand tief als der Abend graute und sofort war die angenehme Kühle zu spüren, die sich nun für die Nacht überall verbreitete. Es würde sogar so kühl werden, dass so mancher Erfrierungen bekäme, weswegen es ratsam war, dicke Kleidung zu tragen.

Auch die plötzlichen Regenfälle, die nach den großen Naturkatastrophen, die auf das unvernünftige Einschreiten der Menschheit zurückzuführen waren, konnten einen hier gefährlich werden. Von einem Moment auf den anderen viel so viel Wasser vom Himmel wie das ganze Jahr nicht, was dazu führte, dass man in der Wüste, die doch nur aus Sand bestand, Ertrunkene finden konnte.

Doch wer sich in ihr auskannte und ihre Gesetze, die schon seit Jahrtausenden ihre Gültigkeit hatten, respektvoll beachtete, für diesen konnte sie eine Mutter und Beschützerin sein.

Der völlig in schwarz gekleidete Mann, der das traditionelle Gewand der Sarazenen-Krieger trug, befolgte die Gesetze der Wüste, betrachtete er die Wüste doch als seine Mutter. Eine menschliche Frau hatte ihm zwar das Leben geschenkt, aber das war nur der natürliche Akt, der die wahre Verbindung von ihm und seiner Umgebung nicht schmälern konnte. Er war ein Sohn der Wüste, ein Kämpfer des Sandes, der aus ihrem Schoss geboren wurde und eines Tages wieder dort versinken würde. Aus Staub war der Mensch gemacht, zu Staub sollte er zurückkehren.

Nirgendwo sonst galten diese Worte so wie hier.

Wie die Tradition es verlangte, war sein Kopf unter einem meterlangen Tuch verborgen, dass er als Turban um seinen Kopf gebunden hatte und nur einen Schlitz für die Augen offen ließ. Dadurch, dass der Kopf mit unzähligen Umrundungen des Tuches fest umwickelt war, wurde er trotz der Hitze kühl gehalten, und in der Nacht, wenn die Kälte hier einzog, bot sie ihm Wärme. Das einzelne Tuch, das Mund und Nase bedeckte sicherten ihm die freie Atmung, denn die Poren waren so fein, dass sie zwar genügend Luft durchließen, aber selbst den feinsten Sand daran hindern würden, dort durchzudringen. Heute mochte es modernere Methoden geben, die den gleichen Effekt gehabt hätten, Methoden, die auch hier am Ende der Welt bekannt waren, aber dies war auch ein Ort, wo man das alte Wissen respektierte und Dinge nicht einfach aufgab, weil man sie durch neue ersetzen konnte. Was sich einst bewährte, würde sich auch noch länger bewähren, und bis dahin, wenn die Änderungen kam, würde man es so tun wie einst und immer.

Eigentlich hätte der schwarze Sarazenen-Krieger auf einem Pferd reiten müssen, aber das hatte er schon vor ein paar Tagen mitsamt seine ganzen Proviant verloren. Es war ein gutes Pferd von reinstem Blute, ein wahrer Trinker der Lüfte, so wie die Araber ihre Pferde anerkennend nannten. Als der Angriff erfolgte, zeigte es keine Angst, sondern die gleiche Entschlossenheit zu kämpfen oder im Kampf zu sterben, doch dies wollte sein Reiter nicht zulassen. Er befahl ihm zu gehen und ein solches Pferd ignorierte nie den Befehl seines Herren, auch wenn es deutlich machte, dass es mit dem Befehl nicht einverstanden war. Doch sein Herr wollte lieber sterben –

im Kampf oder später in der Wüste -, als es zuzulassen, dass seine Angreifer dies edle Tier in Besitz bekamen. Für einen Araberkrieger gab es nichts wertvolleres und wichtigeres als sein Pferd und den Falken auf seiner Hand; dafür würde er ohne zu zögern sterben.

Das Letzte, was er von seinem edlen Tier sah, war wie es noch im Galopp sich zu ihm umblickte. Ein paar seiner Angreifer wollten ihm folgen, aber er wusste, dass sie es niemals bekommen würden. So war er auch vollkommen zufrieden und ohne Sorge, da das wertvollste in seinem Leben in Sicherheit war. Der darauf folgende Kampf war nur von kurzer Dauer und nun wanderte er schon seit Tagen immer nur in eine Richtung, direkt auf sein Ziel zu, dass hinter der nächsten Düne lag.

Solche Zeltlager wechselten ständig ihren Standort, denn das Volk der Wüste, war ein wanderndes Volk, dass überall lebte. Die Vorstellungen, so wie andere nur an einem Ort ihres Landes zu leben, hatte für sie etwas außerordentlich befremdliches. Wozu sollte man an einem Punkt bleiben, wenn einem das ganze Land gehörte? Zu Hause war für dieses Volk dort, wo sie ihre Zelte aufschlugen. Damit hatten sie eine viel festere Verbindung mit ihrer Umgebung, waren sich den Wirkungen ihres Handelns viel mehr bewusst. Doch was nützte ihnen ihre Verbundenheit, wenn der Rest der Welt lieber Krieg hielt und ihn sogar bis nach hier trug? Was in der Welt geschah, machte vor der Wüste nicht halt. Genau aus diesem Grund war er jetzt hier.

Als er sich dem Zeltlager näherte, dass in der untergehenden Abendsonne wie ein malerisches Bild aus Tausend und eine Nacht aussah, hielt er seinen Blick starr geradeaus. Jeder hätte glauben können, dass er nicht mitbekommen würde, was sich rechts und links neben ihm abspielte, dass er vollkommen auf sein Ziel fixiert sei, aber das war nicht wahr. Jede Nuance, jeder Windhauch und jedes Flattern der Zeltstoffe wurde von ihm genauestens registriert.

Als der schwarze Sarazenen-Krieger in das Lager schritt, hielt ihn keine Wache auf, was ungewöhnlich war.

Stattdessen saßen vor den Zelten unzählige traditionell vermummte Frauen und Kinder, die ihn allesamt beobachteten. Vereinzelt konnte er nun auch die Lagerwachen ausmachen, die ihn mit hartem Blick fixierten, jedoch keinerlei Anstalten machten, ihn aufzuhalten, während er immerfort auf die Mitte des Lagers zuschritt, wo alter Mann in farbenprächtigen Gewändern saß und seinen Blick nicht von ihm nahm.

Der Angriff erfolgte abrupt und ohne Vorwarnung, anders hatte es der schwarze Krieger auch nicht erwartet.

Seine Gegner hatten sich unter dem Wüstensand versteckt gehalten, der sie vollständig bedeckte. Schon seit einer ganzen Weile hatten sie dort lauen müssen, doch sie waren das Warten gewöhnt. Und nun, wo er das Lager vollständig betreten hatte, war für sie der Zeitpunkt des Angriffs gekommen.

Als sie wie Gespenster aus dem aufwirbelnden Sand hervorsprangen, bewaffnet mit Säbeln und Lanzen, da blieb der schwarze Sarazene einfach stehen, schloss für einen Moment die Augen, danke Allah für seine Güte, ihn so weit kommen zu lassen, um dann blitzschnell nach hinten zu greifen, wo recht und links sich zwei Säbel, befanden, die sich auf seinem Rücken überkreuzten. Seit unzähligen Generationen waren sie in seiner Familie weitergereicht worden und ihre Herkunft ließ sich bis zum großen Saladin zurückverfolgen, der sie einem seiner Vorfahren als Anerkennung für Treue und Tapferkeit in der Schlacht überreicht hatte. Diese zog er nun, ließ sie einmal drehen und wartet auf die erste Attacke, die schon im nächsten Moment erfolgte.

Der erste Streich, der direkt gegen sein Gesicht geführt wurde, parierte er mit dem Säbel seiner linken Hand, nur um mit dem Säbel seiner rechten einen Schlag quer über die Brust seines Kontrahenten zu führen, der stöhnend zusammenbrach.

Schon folgte der nächste Schlag gegen seinen Körper, da immer mehr Angreifer ihn erreichten und sofort nach ihm schlugen, ohne ihn auch nur einmal treffen zu können. Schlag um Schlag sauste durch die Luft und durchschnitten mit den scharfen Klingen doch nur den leise dahinwehenden Wind, während der schwarze Krieger immer wieder geschickt auswich und seine Säbel wie Windmühlenblätter kreisen ließ. Einer nach dem anderen seiner Angreifer sank zu Boden, während er ihre Angriffe mühelos parierte und ihnen auswich, nur um im nächsten Moment selbst einen Angriff auszuführen, der mit überragender Genauigkeit sein Ziel traf und einen weiteren Angreifer zu Boden schickte.

Daran konnten auch die Lanzenträger nichts ändern, die mehr damit beschäftigt waren, ihre eigenen Mitstreiter nicht zu treffen, die der schwarz gekleidete ihnen immer wieder in die Angriffsbahn lenkte.

Als einer der Lanzenträger endlich seine Chance sah, zuzustoßen, bewegte sich der schwarze Sarazene im letzten Moment zur Seite, wobei er seine Säbel wieder in die auf seinen Rücken geschnallten Scheiden gleiten ließ.

Dann packte er den Lanzenstab, riss kurz daran, so dass er dem überraschten Träger aus den Händen glitt.

In Windeseile hatte der Sarazene den Stab in der Mitte gepackt und ließ ihn nun herumwirbeln, wobei er einerseits seine Angreifer von ihren Waffen trennte und andererseits das stumpfe Stabende schmerzhaft gegen ihre Körper krachen ließ.

Die Angreifer, die mittlerweile bemerkten, dass sie so nicht an ihn herankommen würden, bildeten nun einen Kreis um ihn, während er den Stab nur mit der rechten Hand hielt, ihn nahe an seinen Körper drückte und die linke Hand wie einen Peilsender vor sich hielt.

Wieder erfolgte ein Angriff. Ein Krieger hob seinen Säbel mit zwei Händen und beabsichtigte ihn, auf seines Gegners Schädel niedersausen zu lassen. Doch dazu sollte es nie kommen.

Blitzschnell ließ der schwarze Sarazene seine Lanze dreimal gegen den Kopf des Angreifers krachen, der danach einfach in sich zusammensackte.

Doch schon griffen die anderen an, doch auch ihnen sollte das gleiche Schicksal zu Teil werden. Immer wieder forderte die durch die Luft schwirrende Lanze ihre Opfer, kaum eines stand wieder auf.

Sofort begannen die übrigen den schwarzen Sarazenen zu umkreisen, der dies aber eher teilnahmslos zur Kenntnis nahm. Stattdessen stellte er die Lanze wie eine Wache neben sich in Position und wartete.

Dies schien nicht die optimalste Abwehrhaltung, doch dies täuscht, wie der nächste Gegner erfahren musste.

Auch er war schnell, meinte so, den Schwarzen endlich zu überwinden, aber er wurde eines Besseren belehrt. Bis zum letzten Moment wartete der Sarazene, um dann die Lanze einfach zu senken. Hätte sein Gegner den Angriff nicht sofort gebremst, wäre er mit voller Wucht in die Spitze der Lanze gelaufen, die nun auf seinen Kehlkopf zielte. Noch immer mit erhobenem Schwert hielt er einfach in der Bewegung inne und sah seinen gegenüber mit großen Augen an. Doch der ließ nichts erkennen, bis er plötzlich die Lanze nach unten drückte und damit die Gewänder durchschnitt. Bevor sein Angreifer auch nur irgend etwas machen konnte, ließ er schon die Lanze kreisen, so dass das stumpfe Ende krachend gegen dessen Kiefer knallte. Damit war dieser Angriff vorbei.

Der Sarazene erwartete die nächste Attacke, aber seine Gegner schienen genug zu haben, denn sie schlichen sich langsam zurück, ohne ihn allerdings aus den Augen zu lassen.

Im nächsten Moment erkannte er den Grund ihres plötzlichen Rückzugs.

Im letzten Moment hielt er die Lanze so vor seinen Körper, so dass die ersten drei Pfeile sich in den Stab bohrten und nur Zentimeter von seinem Gesicht stecken blieben.

Dann ließ er die Lanze fallen, zog seine beiden Säbel und wartete auf die drei Bogenschützen, die im wilden Galopp aus der Wüste angeritten kamen, ihre kleinen Bögen fest in der Hand, so dass sie sich nur in den Steigbügeln festhielten, um nicht vom Pferd zu kippen.

Genau diese Steigbügel hatten den islamischen Kriegern in den ersten Kreuzzügen die Oberhand in den Schlachten gegen die Kreuzritter ermöglicht, die diese nicht kannten und somit sich immer mit einer Hand an den Zügeln festhalten mussten. Hinzu kamen die speziellen Pferde der Araber, die Trinker der Lüfte, die kleiner und wendiger als die riesigen, schweren Streitrosse der Europäer waren, und die es zudem nicht im Geringsten mit ihrer Schnelligkeit und ihren Mut aufnehmen konnten. Das Pferd eines arabischen Kriegers, besonders eines Sarazenen würde seinen Herren niemals in Stich lassen, sondern eher bei dem Versuch, ihn zu retten, sterben. Berühmt war die Geschichte des treuen Pferdes, dass seinen verletzten Herrn unzählige Meilen durch die Wüste trug, ihn auf seinen Rücken hielt, obwohl er sich kraftlos kaum mehr festhalten konnte, und dies alles im stetigen Galopp, weil seine Feinde ihnen dicht auf den Fersen waren. Die Feinde jedoch hatten die beiden in eine Falle gelockt, denn der Weg endete abrupt an einer tiefen Schlucht. Doch das Pferd sprang hinab, und während es dabei starb, rettete es seinen Herren dadurch doch das Leben, denn der Körper des Pferdes fing die ganze Wucht des Aufpralls ab und die Verfolger ließen von ihrer Jagd ab, stiegen in die Schlucht hinab und verpflegten denjenigen, den sie vor wenigen Momenten noch töten wollten, benachrichtigten seine Diener und gestatteten ihnen, ihren Herren in Sicherheit zu bringen, und dies alles nur wegen dem Respekt vor dem Mut seines Pferdes.

Der schwarze Sarazene zweifelte nicht daran, dass seine berittenen Angreifer ebenfalls über solche Pferde verfügten, die ihnen ohne Angst in den Tod folgen würden. Zudem waren sie mit Bögen ausgestattet, die man in den Geschichtsbüchern als “Die Maschinengewehre des Mittelalters“ bezeichnete, da es den Schützen damit möglich war bis zu zwanzig Pfeile in der Minute abzufeuern und diese an die fünfzig Meter weit zu schießen, wobei sie eine Aufprallwucht von zirka einem Zentner aufwiesen und somit mühelos jede abendländische Rüstung durchschlugen. Ein weiter Grund, warum die Kreuzritter sich an diesen Gegner aufrieben.

Diese Schnelligkeit der Schützen bekam nun auch der schwarze Sarazene zu spüren. Unzählige Pfeile schossen auf ihn zu, alle zielgenau. Er benötigte sein ganzes Können und Geschicklichkeit, um ihnen auszuweichen.

Einen nach den anderen ließ er die Pfeile durch seine Säbel abprallen, wobei er darauf achten musste, dass die Wucht der Pfeil ihm die Säbel nicht aus den Händen riss, oder an sich vorbeigleiten.

Schließlich erreichten die Reiter die Grenze des Zeltlagers. Da sie nun so nahe an ihr Ziel herangekommen waren, tauschten sie ihre Bögen gegen Säbel, die fast so groß waren wie sie selbst und die man nur mit zwei Händen halten konnte. Mit diesem Säbel über den Kopf halten preschten sie in ungebremster Geschwindigkeit auf ihr Ziel los. Doch der Sarazene rührte sich nicht.

Der riesige Säbel raste auf den Kopf des Schwarzgekleideten hernieder, doch dieser ließ sich im letzten Moment zu Seite gleiten, so dass die Klinge ihn haarscharf verfehlte und es für einen zweiten Streich zu spät war.

Schon war der nächste Reiter da, dessen Hieb vom Sarazenen mit seinen beiden Säbeln abgefangen wurde, so dass der Reiter sein ganzes Können aufbringen musste, um nicht aus dem Sattel zu fallen.

Der dritte Reiter hingegen, bremste sein Pferd vorher ab, so dass es vor den schwarzen Krieger zum stehen kann, umso einen platzierten Hieb zu landen. Bevor er zuschlagen konnte, hatte sich jedoch dieser unter den Körper des Pferdes geworfen und rollte darunter durch, nur um dann loszuspurten, bevor seine Angreifer genügend Zeit hatten, seine Flucht zu bemerken.

Schon hatten die drei ihre Pferde gewendet und machten sich für einen erneuten Angriff bereit. Doch der erfolgte erst einmal nicht. Ruhig, ohne jegliche Bewegung verharrten sie in ihrer Stellung und sahen zum Sarazenen, der mit beiden gezogenen Säbeln zum Anfang des Zeltlagers gelangt war, wo er nun auf seine Gegner wartet, wobei auch er sich nicht bewegte und die Säbel gut sichtbar zur Seite hielt.

In dieser Stellung wartete er, bis sein treues Pferd, das er schon beim ersten Angriff der Reiter hinter ihnen gesehen hatte, neben ihn anhielt, damit er aufsteigen konnte. Mochte das Pferd so wie er seit Tagen auf der Flucht gewesen sein, so zeigte es in diesem Moment weder Erschöpfung noch Müdigkeit. Wie schon seine Ahnen würde es seinen Herren bis in den Tod begleiten oder sein Leben geben, um das seinige zu retten.

Als der schwarze Sarazene auf sein Pferd aufstieg und seine Stiefel fest in die Steigbügel setzte, warteten seine Angreifer weiterhin ohne jede Regung. Wie eben präsentierte er ihnen seine beiden Säbel, die in der Sonne glänzten, und im selben Augenblick preschte sein Pferd und die Pferde seiner Angreifer los.

Die Strecke war nicht lang, aber trotzdem gelang es den Tieren in der kurzen Zeit ihre maximale Geschwindigkeit zu erreichen, so dass die Gegner im Bruchteil eines Momentes aufeinander trafen.

Der Hieb des ersten Angreifers parierte der schwarze Sarazene geschickt ab und traf ihn mit seinen anderen Säbel mit voller Wucht quer über den Körper, so dass dieser wenige Meter weiter aus dem Sattel fiel.

Der nächste Hieb zielte darauf, den schwarzen geradezu zu halbieren, doch dieser ließ sich in einer unmenschlich anmutenden Bewegung nach hinten gleiten, so dass die Klinge, die durchaus keinerlei Mühe gehabt hätte, ihn in zwei Hälften zu teilen, schadlos über seinen überdehnten Körper hinwegsauste. Während er dies aber tat, schlug der mit seinem Säbel nach der Sattelschnalle seines Gegners, durchtrennte sie, ohne die Haut des Pferdes zu verletzen. Kurz danach rutschte der Sattel zur Seite und sein Gegner knallte hilflos in den Steigbügeln gefangen mit dem Kopf auf dem Boden auf. Das Pferd hielt zwar sofort an, um weitere Verletzungen zu vermeiden, aber auch dieser Gegner war fürs weitere außer Gefecht gesetzt.

Als der schwarze Sarazene wieder hoch kam, wartete dort schon die Klinge des letzten Gegners. Nur mit Mühe gelang es ihm, den Hieb der viel zu schweren Waffe zu parieren. Eigentlich waren die leichteren und kleineren Säbel für ein schnelles Kämpfen von Vorteil, aber ein Gegner ging mit seiner riesigen Waffe so geschickt um, dass dieser Vorteil hier nicht gegeben war. Auch nütze es ihm nichts, dass er zwei Waffen besaß, den er brauchte sie, um sich ständig gegen die flinken Angriffe seines Gegners zu schützen und damit seine gesamte Geschicklichkeit und Wissen abverlangte.

Hinzukam, dass ein solcher Kampf zu Pferde eigentlich ungeeignet war und nur deswegen so lange dauerte, da sich hier zwei hervorragende Kämpfer gegenüberstanden. Doch keiner würden den ersten Schritt tun, dieses zu beenden, da ein Zögern den sicheren Tod bedeuten konnte.

So wog der Kampf noch einige Zeit hin und her, wobei es keinen der beiden gelang, die Oberhand zu gewinnen. Die Zuschauer, besonders der alte Mann auf seinem Thron, zollten dies mit schweigendem Respekt, und keiner wagte es, einzugreifen. Gab es vorher noch unzählige Gegner für den schwarzen Sarazenen, von denen noch einige übrig waren und hätten eingreifen können, so zeigte keiner von ihnen Anstalten, einzugreifen. Dieser Kampf gebührte den beiden, und niemand würde ihnen die Ehre eines ruhmreichen Sieges oder Todes nehmen.

Als der Angreifer wieder seine immense Klinge hob, machte das Pferd des schwarzen Sarazenen einen Satz nach vorne und brachte damit seinen Herren aus der unmittelbaren Gefahrenzone. Sofort danach sprang der Sarazene ab und drehte sich zu seinem Gegner, der sein Pferd gewendet hatte und nun auf ihn herabblickte. Dieser drehte plötzlich seinen langen Säbel um und rammte die Spitze in den Wüstensand, wo die Klinge tief in den Boden drang und stecken blieb. Dann stieg auch er ab und beide Pferde entfernten sich wie auf Kommando.

Für einen Moment blickten sich die beiden Gegner nur an, die nun beide mit jeweils zwei Säbeln in den Händen dastanden.

Wie vorhin erfolgte der Angriff der beiden ohne Vorwarnung und im gleichen Moment.

Unaufhörlich schlugen die Klingen aneinander, so dass das Klirren einen nahezu unaufhörlichen Ton bildete.

Schlag folgte auf Schlag und wurde doch wieder pariert.

Für die Außenstehenden musste es wie ein bizarrer Tanz wirken, so vollendet erschien er, doch keiner zweifelte auch nur eine Sekunde von dessen tödlichen Schönheit.

Wer der Bessere der beiden war, das ließ sich nicht ausmachen, sie erschienen absolut gleichwertig. Wenn der eine die Überhand zu gewinnen schien, schaffte es der andere durch eine geschickte Finte, dessen vermeintlichen Vorteil wieder aufzuheben.

Doch dann verharrten beide Gegner in einer Position, in der die jeweiligen Klingen sich nur Zentimeter vor ihren Gesichtern befanden. Doch der Angreifer nutzte seinen besseren Stand, um plötzlich sein Knie den schwarzen Sarazenen in die Seite zu rammen, der dadurch das Gleichgewicht verlor. Schon schlug sein Gegner mit den stumpfen Griffen seiner Säbel zu, parierte den vergeblichen Gegenangriff und entwaffnete mit ein paar flinken Bewegungen den schwarzen Krieger, der nun keuchend auf die Knie sank, während sein Gegner mit beiden Säbel über ihn befand und zu dem alten Mann auf seinen Thron blickte, der ihm emotionslos zunickte.

Schon sausten die Säbel hernieder, aber da war der schwarze Sarazene schon nicht mehr da, vollführte eine Rolle, nahm dabei die verlorenen Säbel wieder auf, nur um sich blitzschnell wieder zu Seite zu drehen, wo schon der nächste Angriff erfolgte. Doch die Säbelklingen sollten ihr Ziel nicht erreichen.

Mit aller Kraft parierte er beide Klingen auf einmal, hielt sie so nur für einen Moment an einer Stelle fest, aber mehr brauchte er auch nicht. Seine zweite Klinge hingegen sauste in Windeseile dreimal über den ungeschützten Unterleib seines Angreifers, dessen Bewegungen abrupt erschlafften, so dass er auch den zweiten Säbel zur Hilfe nehmen konnte, die Säbel des Gegners zur Seite schlug und so mit einer kunstvollen Kombination aus Hieben, seinem Gegenüber den Rest gab, der schließlich auf die Knie sank, um dann nach vorne zu fallen und im Wüstensand bewegungslos liegen zu bleiben.

Mit strengem Blick sah sich der Sieger um, fixierte jeden der übrig gebliebenen Krieger mit seinen stechenden Augen, doch keiner schien bereit, sich erneut in einen Kampf mit ihm stürzen zu wollen. Dies wäre auch gegen ihren Ehrenkodex gewesen, hatte er sich doch als würdiger Kämpfer erwiesen.

So fiel das erste Mal seit langem die Spannung aus seinem Körper und er steckte die beiden Säbel weg, denn heute würde ihn von den anderen Männern keine Gefahr mehr drohen.

Ruhig kam sein Pferd zu ihm und senkte sein Haupt, worauf er es über die lange Schnauze strich. Aus dem Augenwinkel konnte der schwarze Sarazene sehen, wie ein Junge zu ihm kam, ganz langsam, damit er ihn auch sehen konnte. Ihm gab er die Zügel des Pferdes, das sich sogleich ohne Gegenwehr wegführen ließ.

Und dann ging der schwarze Sarazene endgültig zu dem alten Mann, der noch immer in feines Tuch gehüllt auf seinen Thron saß und sich seit seiner Ankunft nicht mehr bewegt hatte.

Lange blickte der alte Mann ihn an, um dann erst zu lächeln und sogleich laut zu lachen, worauf alle im Lager in sein Lachen mit Jubel einfielen.

Zu gleichen Zeit kam auch wieder Leben in die überall am Boden liegenden gefallenen Wüstenkrieger, die sich eine nach dem anderen schwerfällig aufrichteten und dabei ächzten und stöhnten, wie Untote, die aus ihre Gräber stiegen.

„Che Suwa, du hast dich wahrlich als würdig erwiesen“, meinte der alte Mann und nickte immer wieder anerkennend.

Che Suwa, der schwarze Sarazene, nahm das Tuch von seinem Gesicht, das dieses bisher verdeckt hatte.

Darunter kamen markante, jedoch auch feine Gesichtszüge zum Vorschein, die man einem Mann, der in der Wüste aufgewachsen war, gar nicht zugetraut hätte. Er wirkte vielmehr wie ein arabischer Geschäftsmann als wie ein Krieger, eine Art Wüsten-James-Bond, denn sein Lächeln war dem von Sean Connery gar nicht so unähnlich.

Eben dieses Lächeln zeigte er, als der Krieger, den er als letztes besiegt hatte nun neben ihn trat und ihm die Hand reichte. Beide umschlossen den Arm des anderen direkt hinter dem Handgelenk.

„Che Suwa, du bist wahrhaft würdig“, meinte der Krieger, der nun auch sein Tuch lüftete, worunter ein lächelndes, von einem Vollbart umrahmtes Gesicht zum Vorschein kam.

„Warum hast du es mir dann so schwer gemacht, Arkim?“

„Ich konnte doch nicht die Gelegenheit verpassen, dich mal so richtig ranzunehmen. Außerdem kann so keiner behaupten, wir hätten aus Freundschaft zueinander geschummelt.“ Arkim lächelte noch mehr.

„Aber du hättest mich beinahe umgebracht.“

„Das hätte ich nur sehr ungern getan. Ich wäre darüber sehr unglücklich gewesen.“

Beide lachten schallend, bevor sie sich unter den begeisterten Jubel aller umstehenden in die Arme fielen.

Doch damit war noch nicht Schluss.

Sämtliche Männer, die Che Suwa besiegt hatte, streiften ihre lädierten Kleider ab, wo unter den Rüstungen, noch eine zweite Sicherheitsschicht hervorkam, damit gewährleistet war, dass bei diesem Test keiner ernsthaft zu Schaden kam. Statt der normalen Kriegsbekleidung brachten die Frauen ihnen nun dunkelblau schimmernde Gewänder, die dem Anlass entsprechend förmlicher Natur waren.

Auch Arkim erhielt solch ein Gewand, nur Che Suwa nicht, der auf ein Zelt blickte, wo vier Männer einen dampfenden Kessel, der an Holzstangen befestigt war, die auf den Schultern der Männer ruhten, zu ihm trugen und auf ein Steinpodest abstellten, das einige andere Männer aufgebaut hatten, so dass der zischende schwarze Kessel genau vor Che Suwas Oberkörper stand. Im Kessel befanden sich bis oben hin unzählige rot glühende Kohlen und zwei Stangen, die fast wie Strohhalme aussahen.

Arkim, der sein Gewand nun vollständig angelegt hatte, lächelte Che Suwa diebisch an.

„Nun kommt der wirklich lustige Teil.“ Damit holte er einen sichelförmigen Dolch hervor, den man vor allem fürs Halsdurchschneiden benutzte. „Bereit, alter Freund?“

Che Suwa nickte und hielt ihm beide Arme hin, worauf Arkim die Ärmel auftrennte, um sogleich auch noch den Rest von den schwarzen Gewändern am Oberkörper aufzuschneiden, bis Che Suwa mit nacktem Oberkörper vor ihm stand.

„Ich beneide dich nicht, Freund.“

Che Suwa nickte seinem Gegenüber ernst zu, dann wandte er sich an den alten Mann auf dem Thron.

„Che Suwa, du hast dir das Recht erworben, die Male zu tragen, die dich für jetzt und immer zum Sharie machen werden. Bis du nun bereit, die Male zu empfangen.“

Die Stimme des Alten klang feierlich, und doch machte ihr Klang einem sofort klar, wie ernst die Frage und die daraus folgende Antwort war. Che Suwas Leben sollte nie wieder so sein wie es vorher war.

„Weiser, ich bin bereit, die Male zu empfangen.“ Mit diesen Worten stellte sich Che Suwa vor den glühenden, eisernen Krug, so dass der Alte ihn sehen konnte. Seine Arme hielt er rechts und links neben den Krug, so dass dieser sich genau zwischen seinen Armen befand. Die Hände zu Fäusten geballt, die Mine zur totalen Konzentration verzogen, atmete er noch einmal durch. Dann drückt er die Innenseiten seiner Unterarme an die Markierungen, die etwas vom Rand des Kruges abstanden.

Sofort hörte man ein laut vernehmliches Zischen und es roch nach verbranntem Fleisch, als sich der heiße Stahl in Che Suwas Unterarme fraß. Der stolze Wüstenkrieger jedoch ließ keinen Laut von sich, obwohl man seinem Gesicht die Schmerzen ansehen konnte.

Schließlich nahm er die Arme wieder weg, trat einen Schritt zurück und hielt dem alten Mann die Brandmale entgegen, so dass er die uralten Zeichen sehen konnte.

Nun stand der alte Mann auf und Che Suwa trat neben ihm. Der alte Mann nahm darauf eine der Stangen, die in den Krug ragten, holte sie hervor um sie sogleich Che Suwa auf die obere linke Brust zu drücken. Wieder zischte es und sein Gesicht verzog sich vor Schmerz.

Als das Brandeisen weggenommen wurde, sah man dort einen Falken, das edelste Tier, was die Wüstenvölker kannten.

Doch sogleich holte der Alte die zweite Stange hervor und drückte deren Kopf auf die andere Brust. Als es sie wegnahm, war dort deutlich die Umrisse eines Löwen zu erkennen.

„Nun, Che Suwa, bist du ein echter Sharie, und damit dem geheimen Gesetz unterworfen. Dein Leben gehört nicht länger dir, sondern du bist zu einem geheimen Krieger Allahs geworden. Er gebietet von nun an über dein Schicksal.“

Damit beugte sich der Alte vor und murmelte Worte in einer vergessenen Sprache, küsste Che Suwa, der bewegungslos vor ihm stand, auf die rechte und auf die linke Wange und zum Schluss auf die Stirn.

„Erweise dich als würdig, so wie du es heute und alle Tage deines Lebens es war. Und möge Allah deinen Weg und deinen Tod ruhmreich gestalten.“

Damit trat der Alte ab, dem man erst jetzt anmerkte, wie viel Anstrengung ihn diese Zeremonie gekostet hatte. Zwei junge Männer, ganz offensichtlich keine Krieger, traten neben ihn und führten ihn stützend zu seinem Zelt. Er sollte heute die letzte Ernennung eines Sharies vorgenommen haben.

Arkim klopfte seinen Freund anerkennend auf die Schulter, der die Zähne zusammenbeißen musste, um unter den Schmerzen nicht plötzlich aufzuschreien. Zudem traute er sich kaum, sich zu bewegen, denn alles tat ihm weh. Dies rührte nicht nur von den Brandmalen, sondern von den Kämpfen und Strapazen der letzten Tage. Er fühlte sich nur noch kaputt und zerschunden, jedoch auch unheimlich glücklich.

„Mann, Suwa, nun bist du endlich einer von uns.“ Damit drückte Arkim seinen Freund freudig lachend an sich, der aber nur aufstöhnen konnte, bis er ihn endlich losließ.

Eine Frau kam herbei und hielt den beiden feuchte Verbände entgegen, wovon Arkim einen dankend nahm und ihn auf das Brandmal des linken Armes legte, was Che Suwa zusammenzucken ließ, er aber sofort die lindernde Wirkung bemerkte.

„Gestatte mir die Gunst, deine Ehrenmale in meinem Zelt zu versorgen, Freund und Bruder.“

„Es wäre mir eine Ehre, wenn du mir diese Gunst erweisen würdest, Freund und Bruder.“

Beide nickten lächelnd.

Doch dann sahen sich gleichzeitig die kleine Staubwolke, die von der Wüste sich dem Lager näherte und immer größer wurde. Es war ein Reiter und er brachte keine frohe Botschaft, dass wussten sie.

Es hatte begonnen, und von nun an sollte die Welt nie wieder so sein, wie sie einmal war.

Kapitel 4

Es gab viele Wüsten in der neuen Welt, denn der Krieg ließ hier nur wenig anderes zurück. Kein Jahr schien vergangen zu sein, ohne dass es hier Krieg gegeben hätte.

Niemand war davon verschont geblieben, auch diese Stadt nicht, an deren Namen sich keiner erinnern konnte, denn die unzähligen Schlachten verschluckten Namen und Geschichten und tilgten sie aus dem Gedächtnis der Nachkommen. So nannte man sie nur Trabas, denn irgendeinen Namen musste man ihr geben. Nur was einen Namen hat, existiert wirklich.

Trabas diente vielen Pilgern, die aus unterschiedlichen Gründen die Wüsten der Emiraten durchquerten, als Ort des Unterschlupfs. Es waren oft vereinzelte Männer, manchmal Gruppen, die nach hier kamen, doch schon seit langem hatte Trabas nicht mehr eine solche Flut von Menschen gesehen.

Eines Tages waren sie wie Geister aus einem Wüstensturm aufgetaucht und nicht mehr verschwunden.

Stattdessen hatten sie die Stadt für sich eingenommen und überall allerlei Gerät aufgebaut. Nun fuhren durch die alten Geschäfts- und Wohnviertel wieder lärmende Lastwagen, Panzer und Jeeps. In der Luft dröhnten riesige Hubschrauber. Trabas war erneut gefallen.

Der Anführer der großen Menschenmenge, die sowohl aus offensichtlichen Soldaten und Zivilpersonen, bei denen es sich um Wissenschaftler handelte, war Professor Atkins. Wenn es nach der Welt ging, dann wäre er tot. Nicht, weil er sich Vergehen an der Menschheit schuldig gemacht hätte, sondern weil man nach Einstellung des Raketenprogramms der UDSE, besonders von Deutschland, nicht mehr glaubte, dass er noch weiter existierte, war er doch mit einem Schlag arbeitslos geworden. Nur sehr wenige Eingeweihte wussten, dass mit der Einstellung des Programms seine eigentliche Arbeit erst begann, die sein Lebenswerk werden sollte.

Professor Ernest Benjamin Atkins war Mitte fünfzig und wurde unter der Hand von seinen Mitarbeitern nur “Hemingway“ genannt, da er wie der der bärige, mit weißem Haar und Vollbart versehende, braun gebrannte Schriftsteller aus alten Tagen aussah. Er wirkte mehr wie ein Abenteurer als wie ein Wissenschaftler, passte eher in die Umgebung einer Safari als in ein Labor. Und auch wirklich schien er hier in der Wüste, wo er weit abseits der Stadt auf einer Bergkuppe das Lager errichten ließ, eher in seinem Element. Er war voller Enthusiasmus und Energie, dass er am liebsten direkt begonnen hätte, jetzt, wo er so nahe dran war.

„Stehen die Kameras, Hoffmann?“, fragte Atkins mit seiner rüden Art, die weit weniger herrisch gemeint war als es für Außenstehende den Anschein hatte.

Deswegen zuckte der achtundzwanzigjährige Gunter Hoffmann, der über seinen Computern im Zelt saß, auch nicht mehr zusammen, wie er es das erste Mal getan hatte, als er mit Atkins Art zusammenprallte.

„Die Kameras stehen und... gehen jetzt auf Sendung.“

Beide sahen auf die drei Computerbildschirme, die jeweils in sechs kleine Quadrate unterteilt waren, die eine nach dem anderen von Schneegestöber in ein klares Bild übergingen und die Stadt aus einem jeweils anderen Blickwinkel zeigten. Zur gleichen Zeit grinsten beide und Atkins klopfte Hoffmann anerkennend auf die Schulter.

„Werden sie auch halten?“

„Oh, das hoffe ich für sie Professor, sonst muss ich denen in den Arsch treten.“

Beide lächelten wieder. Doch sofort trat wieder die barsch wirkende Mine von Atkins hervor.

„Und was ist mit der Verbindung zum Hauptquartier?“

Wieder drückte Hoffmann einige Knöpfe an einem anderen Computer, bevor verkündete: „Verbindung steht.

Die sollten nun alles sehen, was wir auch sehen.“ Atkins nickte und trat dann nach draußen, wo er ein Funkegerät hervorholte, während er auf das rege Treiben unten in der Stadt sah.

„Natasha, meine Gute, wie sieht es da unten aus?“ Natasha, eine blonde, langhaarige Frau von dreißig Jahren, die einen braun gebrannten Körper besaß, den sie hier draußen nur in knappe Shorts und enge Tops zu kleiden pflegte und jedes Männerherz höher schlagen ließ, holte ihr Funkgerät hervor und drückte die Sprechtaste.

„Läuft alles nach Plan, Professor. Das Loch ist tief genug und die Vorrichtung ist justiert. Nun fehlt nur noch das Baby.“

Atkins nickte, bevor er wieder den Sprechknopf drückte. „Dann machen sie es.“

Details

Seiten
360
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910650
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
gesamtausgabe mission corpus christi science fiction thriller

Autoren

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Titel: Gesamtausgabe Mission Corpus Christi - Science Fiction Thriller