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Dr. Mystery #7: Das Kabinett des toten Hexers

2017 120 Seiten

Leseprobe

Das Kabinett des toten Hexers

von A. F. Morland

Dr. Mystery Band 7 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

Während einer Totenzeremonie erhebt sich ein Skelett aus dem Sarg ‒ und ermordet einen der Trauergäste. Ein Fall für Luc Morell, den Parapsychologen, den man »Doktor Mystery« nennt. Er und seine Gefährten Monique Dumas und Doktor Steve Pratt treten ein in das Schreckenskabinett des toten Hexers...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Wie versteinert lag Earl Cappa in seinem gläsernen Sarg. Sein Gesicht war grau. Um den harten Mund lag selbst im Tod noch ein grausamer Ausdruck.

Leise Orgelklänge füllten den Aufbahrungsraum des Beerdigungsinstituts. Das Licht war nicht grell, sondern gedämpft, so als sollte der Tote nicht in seiner Ruhe gestört werden. Blumenarrangements lagen um den Sarg herum. Kränze mit goldenen Gedenkschriften lehnten zu beiden Seiten daran.

Etwas Unheimliches ging von diesem Leichnam aus.

Cappas Witwe schluchzte hinter dem schwarzen Schleier, der ihr hübsches Gesicht verdeckte. Gramgebeugt saß sie auf dem Stuhl, der zwei Meter vom Sarg ihres Mannes entfernt stand. Die anderen Trauergäste saßen in den Sesselreihen dahinter.

Plötzlich geschah etwas Unvorstellbares.

Die Trauergäste wurden von einem wahnsinnigen Grauen gepackt. Einige von ihnen stießen grelle Schreie aus. Zwei Frauen in der vordersten Reihe griffen sich kreischend an die Schläfen, während ihre Augen weit aus den Höhlen traten.

Cappas Körper war auf einaml brüchig geworden. Vor den Augen aller Anwesenden hatte der Körper des Leichnams Sprünge bekommen. Dann brach dieser Körper auf und...

Das Skelett des Toten kam zum Vorschein!

Es schwebte aus dem Sarg heraus, obwohl der Deckel darauf lag!

Das Skelett richtete sich drohend auf. Der bleiche Totenschädel schien zu grinsen. Die leeren Augenhöhlen waren auf Candice Cappa gerichtet.

Und plötzlich stürzte sich das Gerippe auf die Frau, krallte die bleichen knöchernen Finger um ihren Hals, drückte erbarmungslos zu und würgte vor den entsetzten Trauergästen die schwarzgekleidete Witwe.

Jo Haxford saß in der letzten Reihe. Er schüttelte den Schock am schnellsten ab. Während die anderen noch wie verrückt brüllten, handelte er.

Haxford war Footballspieler. Er hatte breite Schultern, Fäuste, mit denen er fest zulangen konnte, und ein sympathisches, jungenhaftes Gesicht mit vielen Sommersprossen.

Reaktionsschnell federte er von seinem Stuhl hoch.

Ein Höllenspektakel herrschte im Aufbahrungsraum des Beerdigungsinstituts.

Die Trauergäste waren zum Teil entsetzt vor dem Skelett zurückgewichen, in den letzten Winkel geflohen.

Haxford hatte keine Angst. Er stürmte zwischen den Stuhlreihen hindurch auf das Skelett zu, dessen Finger immer noch den schlanken Hals der Witwe umkrallten.

Haxford rannte auf das Gerippe zu. Wild packte er es an den Knochenschultern und riss es hoch.

Das Skelett kreiselte zischend herum. Dann schlug das Monster mit ungemeiner Härte zu.

Haxford duckte ab. Der Hieb traf ihn seitlich am Kopf und schleuderte ihn quer durch den Aufbahrungsraum.

Von seinem Mut angesteckt, griffen nun auch andere Trauergäste in dieses schaurige Geschehen ein. Sie versuchten, das Skelett zu stellen.

Candice Cappa rutschte langsam vom Stuhl und fiel zu Boden.

Keiner fand sich, der sich um sie kümmerte. Alle wollten das mordende Skelett niederringen.

Das Gerippe schlug unheimlich kraftvoll zu. Jede Bewegung war von einem schauderhaften Knurren begleitet.

Die Trauergäste wurden wild durch den Raum gewirbelt. Sie kamen wieder. Und sie brachten Stühle mit. Auch Haxford. Mit den Stühlen droschen sie auf das Monster ein, doch es war nicht zu besiegen.

Mit seinen Händen, die hart wie Stein waren, drosch sich das Ungeheuer einen Weg durch die Menschen. Ohne dass es jemand verhindern konnte, erreichte das Scheusal den Ausgang.

Haxford riss seinen Stuhl noch einmal mit ungeheurem Schwung hoch und drosch ihn dem knöchernen Gespenst auf den bleichen Schädel.

Der Stuhl zersplitterte. Das Skelett wankte nicht einmal. Es zeigte überhaupt keine Wirkung. Es war unverwundbar.

Seine kraftvollen Arme hackten nach Haxfords Gesicht. Der Junge wich nicht schnell genug aus. Diesmal traf ihn das Skelett voll.

Er spürte einen furchtbaren Schmerz, der durch seinen Kopf raste.

Mit einem Mal war er gelähmt. Ein schwarzes Kissen senkte sich auf seine Augen. Er flog zurück und in die Arme mehrerer Männer, die ihn auffingen und zu Boden gleiten ließen.

Das Monster hastete aus dem Raum.

Der Anblick dieses durch den Korridor des Beerdigungsinstituts hetzenden Skeletts war haarsträubend und schrecklich. Mit weiten Sätzen strebte das Monster einer Tür zu.

Wenige Mutige folgten dem Scheusal.

Das Gerippe riss die Tür auf und wirbelte aus dem Institut. Es lief durch den Park, der das Institut umgab und auf den sich nun langsam der Abend senkte. Zwischen hohen Nordmanntannen verschwand der schaurige Spuk.

Vier Männer folgten dem Skelett.

Hinter den Tannen ragte eine weiße Mauer auf. Nicht sehr hoch. Spielend leicht zu überwinden. Sie sollte niemanden abhalten, stellte bloß eine bauliche Einfriedung dar.

Das Skelett sprang mit einem weiten Satz über die Mauer hinweg.

Dahinter lag die schier endlose Weite eines stillen Friedhofs.

Bodennebel wallten gespenstisch, richteten sich auf und umhüllten das knöcherne Monster wie ein grauer zerschlissener Mantel.

Die vier Männer zögerten, als sie die Mauer erreichten. Keuchend starrten sie einander an. Schweiß glänzte in ihren Gesichtern. Jeder wartete darauf, dass der andere den entscheidenden Schritt machen würde.

»Was sollen wir nun tun?«, fragte ein untersetzter Mann mit den kräftigen Händen eines Schwerarbeiters.

Ein schlanker Vierziger schüttelte unangenehm berührt den Kopf. Er kniff die Augen zusammen und blickte über die Mauer auf den Friedhof. »Also, ich geh’ da nicht weiter.«

»Ich auch nicht«, sagte der dritte.

»Wollt ihr diesen Klappermann wirklich entkommen lassen?«, fragte der vierte entrüstet.

»Du hast gesehen, dass er weder verwundbar noch niederzuringen ist«, sagte der zweite.

»Verdammt unheimlich ist das«, sagte der erste.

»Ich krieg schon ‘ne Gänsehaut, wenn ich nur über die Mauer gucke«, seufzte der zweite. »Wenn wir diesen Friedhof betreten, kehren wir nicht mehr lebend zurück, ich fühle das! Deshalb gehe ich keinen Schritt mehr weiter. Meinetwegen soll dieser Spuk durch ganz New York geistern. Wenn ihr ihn noch weiter verfolgen wollt, dann lasst euch nicht aufhalten. Aber mit mir könnt ihr nicht rechnen. Ich habe Angst. Jawohl! Ich habe lausige Angst!«

Das hatten auch die drei anderen Männer.

Sie gaben auf und kehrten in das Beerdigungsinstitut zurück.

2

»Gute Nacht, Darling«, sagte Steve Pratt lächelnd.

Das ›Darling‹ war dreiundzwanzig, hatte strohblondes Haar, eine tolle Figur und Augen, die so klar wie ein Gebirgssee waren.

»Gute Nacht, Steve«, hauchte das Mädchen, rutschte näher an ihn heran und küsste ihn auf den Mund. Er schlang seine Arme um sie, drückte sie fester an sich, genoss den Duft ihres Parfüms.

Sie löste sich von ihm.

Auch Steve stieg aus dem Wagen. Eng umschlungen gingen sie bis vor das Haus, in dem Steves Freundin im vierten Stock eine Wohnung hatte. Es brannte oben Licht, denn sie wohnte nicht allein, sondern mit einer guten Freundin.

»Vielen Dank für den herrlichen Abend, Steve«, flüsterte sie. Er spürte den warmen, sanften Druck ihres Körpers. Sie schlang ihre zarten nackten Arme um seinen Hals, küsste und küsste ihn immer wieder.

Er versprach ihr, sie in den nächsten Tagen anzurufen. Sie sagte ihm, dass sie mit Sehnsucht auf diesen Anruf warten würde.

Dann holte sie den Schlüssel aus ihrer Handtasche, führte ihn ins Schlüsselloch, drehte ihn herum und verschwand hinter der nüchternen Haustür.

Lächelnd und träumend wandte sich Steve Pratt um.

Doktor Steve Pratt war Historiker, ein an und für sich nüchterner, kluger Kopf. Dieser Doktor Steve Pratt war bis über beide Ohren verliebt.

Er ging zu seinem Wagen zurück.

Als er ihn beinahe erreicht hatte, vernahm er plötzlich ein knirschendes Geräusch hinter sich. Ohne misstrauisch zu sein, wandte er sich um. Man konnte diese Reaktion eher als Neugierde bezeichnen.

Ein hässlicher Kerl sprang ihn an. Steve sah in der rechten Faust des Burschen etwas aufblitzen und spürte die Messerspitze schon in der nächsten Sekunde schmerzhaft an seiner Kehle.

Der Kerl sah verwahrlost aus. Er trug zerschlissene Jeans, schief gelaufene Sandalen an den nackten Füßen und einen schlotternden Pulli mit Rundkragen, aus dem ein dürrer Hals ragte. Sein Kopf glich dem eines Raubvogels.

Hunger und Gier funkelten in seinen pechschwarzen Augen. Karies hatte seine schrägen Zähne zerfressen. Er hatte einen widerlichen Mundgeruch, der Pratt den Atem nahm.

»Hübsch still, Freundchen!«, fauchte der Kerl.

Steve regte sich nicht. Das Messer an seiner Kehle bohrte sich schmerzhaft in die Haut. Steve begann zu bluten. Die Hand, die das Messer hielt, zitterte.

Pratt glaubte zu wissen, mit was für einer Type er es zu tun hatte. Der Kerl war süchtig. Und er brauchte dringend Geld, um sich neuen Stoff zu kaufen, ohne den er nicht mehr leben konnte.

»Was soll das?«, fragte Pratt scharf.

»Schnauze, ja?«

»Nimm gefälligst das Messer weg, verdammt noch mal!«, zischte Steve furchtlos. Es wäre völlig verkehrt gewesen, knieschlotternd Angst zu zeigen.

»Das Messer bleibt.«

»Du willst Geld, eh?«

»Erraten«, sagte der Kerl lachend. Er leckte sich gierig über die schmalen, ab und zu zuckenden Lippen.

»Für einen Schuss, was?«

»Bist ein cleveres Bürschchen!«, sagte der Kerl kichernd. »Nun rück mal raus mit den Moneten, Mister Cleverness! Aber ein bisschen plötzlich. Sonst mache ich ein Rotkehlchen aus dir.«

Steve griff nach der Brieftasche.

»Moment!«, zischte der Süchtige misstrauisch. Ein gefährliches Funkeln erschien in seinen Augen. »Keine Tricks, verstanden?«

»Ich bin doch nicht lebensmüde«, gab Steve zurück.

Langsam holte er die Brieftasche hervor. Er machte keine schnelle Bewegung. Diese Sorte Mensch war ziemlich runter mit den Nerven. Man konnte sie sehr leicht schrecken. Der Kerl hätte mit dem Messer sicherlich augenblicklich zugestochen, wenn Steve ihn erschreckt hätte.

Langsam öffnete Pratt die Brieftasche.

Dem Süchtigen gingen die Augen über. Benommen starrte er auf die Banknoten. Gierig griff er danach.

Das war der richtige Zeitpunkt für Steve, um zu handeln. Der Kerl hatte das Messer von Pratts Gurgel genommen.

Steve schnellte urplötzlich zurück, klappte die Brieftasche zu.

Der Bursche stieß ein wütendes Fauchen aus.

Rasend vor Zorn stach er auf Steve Pratt ein. Doch der Wissenschaftler war kein alter Tattergreis. Er war durchtrainiert und beherrschte einige Kampfsportarten beinahe perfekt. Auf jeden Fall reichten seine Kräfte und seine Kenntnisse aus, um diesen Räuber ungespitzt in den Boden zu rammen.

Gleich nachdem Steve die Brieftasche weggesteckt hatte, packte er mit eisernem Griff die vorschnellende Hand des Süchtigen. Er riss sie schwungvoll hoch und drehte sie mit ungeheurer Kraft herum.

Der Bursche schrie auf. Seine Finger öffneten sich. Das Messer klimperte auf den Gehsteig. Mit der freien Hand wollte der Kerl Steve die Nase platt schlagen. Doch Pratt nahm den Kopf reaktionsschnell zurück. Der Hieb verpuffte wirkungslos.

Steve schleuderte den Süchtigen gegen die Hausmauer. Schwer krachte der Dürre dagegen. Um ein Haar wäre er umgekippt.

Mit schreckgeweiteten Augen sah er Pratt auf sich zukommen.

Er stemmte sich von der Mauer ab und versuchte, Steve mit seinen dünnen, kraftlosen Fingern an den Hals zu fahren.

Steve wischte die Arme des Angreifers blitzschnell nach oben und versenkte seine Rechte knallhart in die Magengrube des Gegners.

Der Bursche stieß fauchend die Luft aus. Er klappte zusammen.

Steve ließ seine Handkante auf den Nacken des Gegners niedersausen.

Das gab dem Burschen den Rest. Er fiel auf die Knie und röchelte benommen.

Auf allen vieren kroch er davon, richtete sich in einer Entfernung von drei Metern hastig auf und nahm mit weiten Sätzen Reißaus.

Steve legte keinen Wert darauf, hinter dem Burschen herzujagen, um ihn der Polizei zu übergeben. Er hatte seine Haut wirkungsvoll verteidigt. Die Sache war für ihn erledigt.

Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr nach Hause.

Nach einer ausgiebigen Dusche nahm er sich einen Bourbon mit Eis. Im Bademantel setzte er sich in den weichen Plüschsessel, griff nach der Zeitung, die er noch nicht gelesen hatte, machte Musik und begann die Schlagzeilen zu überfliegen.

»Grauenvoller Spuk in Steinway«, las Steve.

Der Artikel interessierte ihn. Schließlich war er der Freund von Luc Morell. Und Luc Morell wiederum war ein bekannter Parapsychologe. Seine Kritiker und Zweifler hatten ihm den spöttischen Spitznamen ›Doktor Mystey‹ verpasst, doch inzwischen nannten auch seine Freunde und Bewunderer so, und Luc Morell hatte sich daran gewöhnen müssen.

Viele schaurige Abenteuer hatten Steve und Luc schon hinter sich gebracht. Deshalb war Steve für geheimnisumwitterte Storys jederzeit offen.

»In Steinway, neben dem St. Michel’s Cemetery, erlebten gestern am späten Nachmittag mehrere Menschen etwas Grauenvolles. Sie hatten sich als Trauergäste in dem dort befindlichen Beerdigungsinstitut eingefunden, um von der sterblichen Hülle ihres Freundes Earl Cappa Abschied zu nehmen. Plötzlich geschah das Unfassbare. Aus dem gläsernen Sarg, in dem der Leichnam aufgebahrt war, stieg das Skelett des Toten. Es stürzte sich auf die trauernde Witwe und erwürgte sie vor den Augen der Anwesenden. Einige beherzte Männer wollten das Gespenst überwältigen, doch ihr Vorhaben scheiterte. Das Skelett konnte über den St. Michel’s Cemetery entkommen und ist seither spurlos verschwunden. Niemand kann sich erklären, wie dieser schaurige Spuk zustande kam. Die Trauergäste stehen verständlicherweise immer noch unter dem Einfluss des schweren Schocks.«

Steve Pratt ließ die Zeitung sinken.

Nachdenklich führte er sein Glas an die Lippen. Er trank den Bourbon und las die Headline des Artikels noch einmal: »Grauenvoller Spuk in Steinway.«

Steve dachte an Luc Morell. Sicherlich würde ihn dieses Ereignis interessieren.

Steve nahm sich vor, Luc anzurufen. Aber nicht jetzt. Morgen war schließlich auch noch ein Tag.

3

»An das Institut für Parapsychologie in Rom. Via Cascade Nummer 17«, diktierte Luc Morell stehend, während Monique Dumas, seine Sekretärin, auf einem Stuhl saß und flink auf einen Block notierte, was Luc sagte.

Der Parapsychologe trat an das Fenster seines Arbeitszimmers.

Wie ein dichter Ring umschloss die alte Mauer Château Lamatime. Der ausgetrocknete Graben war ein ungestörtes Revier für Unkraut und Gestrüpp. Die alte Zugbrücke mit den schweren rostigen Ketten funktionierte noch. Wie eine stumme Bedrohung wirkten die Spitzen des mächtigen eisernen Fallgitters.

In der Mitte des gepflasterten Schlosshofes war ein tiefer Ziehbrunnen auszumachen, und vom Fenster des Arbeitszimmers aus konnte Luc die Serpentinen sehen, die sich auf sein Schloss zuwanden.

Hohe dunkle Kastanien säumten die Straße. Links und rechts davon wurde der lichte Mischwald immer wieder von satten grünen Weiden unterbrochen. Verstreute Gehöfte duckten sich in Bodensenken.

Es war wohl die typische Gegend für das malerische Loiretal.

Luc Morell wandte sich vom Fenster ab.

Sein Blick streifte Monique.

Sie hatte die langen, makellosen Beine übereinandergeschlagen. Ihr Kleid war ein Traum aus Paris. Der Ausschnitt war dezent und äußerst raffiniert.

»Haben Sie, was ich diktiert habe?«, fragte Luc Morell.

»Ja, Chef. Die Anschrift des Instituts für Parapsychologie in Rom.«

»Und?«

»Mehr war noch nicht, Chef.«

»Also, weiter. Sehr geehrte Herren!«

Auf dem klobigen Schreibtisch schlug das Telefon an und unterbrach mit seinem schrillen Laut das Diktat.

Monique legte den Bleistift weg und griff nach dem Hörer. »Hier bei Doktor Luc Morell! Dumas am Apparat.«

Es knisterte und knackte in der Leitung. Aber dann war Steve Pratts Stimme so deutlich zu hören, als würde er nicht aus New York anrufen, sondern von unten im Dorf. »Spreche ich mit der hübschesten Frau des ganzen Loiretales?«

»Steve!«, rief Monique erfreut aus, und Doktor Morell horchte auf. »Steve, wie geht es Ihnen.«

»Mittelprächtig, würde ich sagen. Und wie geht's bei euch?«

»Viel Arbeit.«

»Wie immer.«

»Möchten Sie den Chef haben?«, fragte Monique.

»Er ist zwar weit weniger attraktiv als Sie, aber geben Sie ihn mir trotzdem«, sagte Steve Pratt lachend. »Ich hoffe, wir sehen uns demnächst wieder. Ich habe da ein neues Restaurant in Manhattan aufgetan, da müssen wir beide unbedingt mal hingehen. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, dürfen Sie auch Ihren mürrischen Brötchengeber mitbringen. Geben Sie mir jetzt mal den alten Gauner. Ich habe ihm eine tolle Geschichte zu erzählen.«

Monique reichte den Hörer weiter. »Es ist Doktor Pratt, Chef.«

»Das habe ich an Ihrer Begeisterung sofort erkannt«, sagte Luc Morell.

»Sie sind doch nicht etwa eifersüchtig, Chef?«, fragte sie mit einem gekonnten Augenaufschlag. »Doch nicht auf Steve. Er ist doch Ihr Freund.«

»Na eben!«, knurrte Luc grinsend. Dann meldete er sich am Telefon.

»Sag mal, du Geizhals, dir würde es nie einfallen, mich anzurufen, was? Vergräbst dich auf deinem alten Schloss und scherst dich keinen Deut darum, wie es deinem armen Freund geht«, beschwerte sich Pratt.

»Wie geht es also dem armen Freund?«

»Mittelprächtig«, kicherte Steve. »Ich sagte es Monique schon.«

»Was verschafft uns die Freude deines Anrufs, Steve? Möchtest du ein paar ruhige Wochen auf Château Lamatime verbringen? Kannst du haben.«

»Möchtest du ein paar aufregende Tage in New York verbringen? Kannst du auch haben«, gab Steve Pratt zurück. »Ich hab etwas für dich, das dich bestimmt interessieren wird.«

»Und zwar?«

»Hör zu. Ich zitiere: Grauenvoller Spuk in Steinway. Es handelt sich um einen Zeitungsartikel«, erklärte Steve. »In Steinway, neben dem St. Michel’s Cemetery, erlebten gestern am späten Nachmittag mehrere Menschen etwas Grauenvolles...«

Steve las den ganzen Artikel vor.

Er hatte recht. Luc Morell interessierte sich dafür. Nun raschelte Steve am anderen Ende der langen Leitung mit der Zeitung. Er erzählte, dass er bereits einige Nachforschungen angestellt hatte und berichtete dem interessierten Parapsychologen, was er in dieser kurzen Zeit in Erfahrung gebracht hatte.

Schon brannte Luc wie Stroh.

Da war ein unheimlicher Dämon am Werk. In Luc Morells Innerem erwachte sogleich das Jagdfieber. Es war wie ein Zwang. Wenn er vom Auftauchen irgendwelcher Geister oder Dämonen hörte, drängte es ihn, sein Schloss zu verlassen und auf die Jagd zu gehen. Eine anschauliche Anzahl von Monstern hatte er bereits vernichtet, doch die Welt war voll von diesen Bestien, die nicht immer gleich als solche zu erkennen waren.

Luc hatte sich vorgenommen, so viele wie möglich davon zu vernichten.

»Ich dachte, das würde Sie interessieren, Doktor Mystery«, witzelte Steve Pratt in New York.

»Und wie mich das interessiert!«, rief Luc Morell begeistert aus.

»Kommst du nach New York?«

»Ja. Ich wollte ohnedies wieder mal ausspannen. Zu Hause komme ich nicht dazu. Hier türmt sich ein Haufen Arbeit.«

»Lass ihn liegen. Vielleicht verrottet er inzwischen«, schlug Steve Pratt vor. »Ich werde ein Apartment in der Nähe des Central Parks für dich mieten.«

»Ist gut, Steve. Vielen Dank im Voraus.«

»Dank mir lieber nicht. Vielleicht wohnt im Apartment daneben ein Trompeter und im Apartment darüber ein Schlagzeuger.« Steve lachte. »Jetzt muss ich aber Schluss machen, Freund. Sonst wird das Telefonat zu kostspielig. Und wenn du dann hier bist, weiß ich nichts mehr mit dir zu reden, weil bereits alles gesagt ist. Wir sehen uns hoffentlich recht bald. Küss deine Sekretärin von mir. Auf sie freue ich mich besonders.«

»Dann lass ich sie zu Hause.«

»Schuft!«, schrie Steve und legte auf.

Luc Morell ließ den Hörer lächelnd sinken. »Er ist ein verdammter Bursche. Aber er ist sympathisch.«

»O ja. Das ist er, Chef«, sagte Monique.

»Diese Bemerkung hätten Sie sich sparen können«, knurrte Luc amüsiert. »Wo waren wir stehen geblieben?«

Monique nahm schmunzelnd den Block zur Hand. »Bei: Sehr geehrte Herren!«

»Also: Sehr geehrte Herren...«

4

Grölend zogen die vier Rocker über den Rummelplatz von Coney Island. Niemand war vor ihnen sicher. Sie stänkerten Pärchen an, verhöhnten und verspotteten alte Leute, bespuckten Kinder, wenn sie ihnen nicht schnell genug aus dem Weg gingen, und drohten deren Eltern, wenn diese sich darüber aufregen wollten.

Sie trugen schmuddelige Jeans mit Nieten an den Seiten. Ihre schwarzen Lederwesten waren zerkratzt, schäbig, unansehnlich. Eine Menge Abzeichen klebten daran. Auch Hakenkreuze und SS-Runen fehlten nicht.

Ihr Anführer hieß Len Prissy. Er war brutal und gemein. Es bereitete ihm mächtigen Spaß, zu quälen und zu zeigen, was für ein Mordskerl er war, vor dem sich die Leute zu fürchten hatten.

Prissy war zwanzig. Er hatte einen verschlagenen Blick. Sein Mund wirkte grausam. Seine Züge spiegelten die Härte seiner Seele wieder.

Eben umringten die Rocker lachend einen krumm gewachsenen ›Liliputaner‹. Sie schlugen dem Kleinwüchsigen auf den Kopf und drehten ihm die Nase um.

»Na, du kleiner Möchtegernriese!«, höhnte Len Prissy von oben herab. »Bist wohl auch auf dem Rummelplatz unterwegs, um dich zu amüsieren. Genau wie wir. Warum amüsieren wir uns nicht gemeinsam?«

»Lasst mich in Ruhe!«, kreischte der Kleinwüchsige ärgerlich. »Geht mir aus dem Weg. Lasst mich durch.«

»Du gehst, wenn wir es dir gestatten!«, knurrte Prissy gefährlich. »Solange wir es dir nicht gestatten, bleibst du. Klar?«

»Sag mal, ist es wahr, dass bei euch Liliputanern alles so klein ist?«, fragte einer der Rocker und lachte wiehernd. Die anderen fielen in sein Gelächter ein.

»Wenn ihr mich nicht sofort in Ruhe lasst, rufe ich um Hilfe!«, drohte der Mann.

Prissy schüttelte sich aus vor Lachen. »Er ruft um Hilfe, der Kleine. Mit seinem kleinen Stimmchen.« Prissy schlug ansatzlos zu. Er gab dem Mann eine Ohrfeige, die ihn umwarf. »Los! Schrei mal!« Er trat nach seinem Opfer. »Schrei doch! Wir wollen dich schreien hören!«

Der kleinwüchsige Mann schrie.

»Siehst du! Und wer kommt dir zu Hilfe? Kein Aas.« Prissy trat noch einmal nach dem Kleinwüchsigen. Dann verlor er die Lust an diesem Spiel, und er und seine Gang zogen weiter.

An einer Schießbude schossen sie, ohne zu bezahlen. Hinterher zerschlugen sie das Glas eines Glücksspielautomaten ein, weil Len Prissy nicht gewonnen hatte.

Und dann lief ihnen Marion mit ihrem neuen Freund in die Arme.

Die Rocker waren gerade so richtig in Fahrt gekommen. Sie hatten sich Whisky gekauft und waren schon halb betrunken.

Marion Spencer war mal eine Weile mit Prissy zusammen gewesen. Das schwarzhaarige Mädchen hatte aber sehr bald eingesehen, dass Len nicht zu ändern war, wie sie geglaubt hatte. Er war durch und durch schlecht. Als sie das erkannte, hatte sie ihm den Laufpass gegeben. Prissy hatte sie ein letztes Mal verprügelt. Dann durfte sie gehen.

Als sie nun von Prissy und seinen widerlichen Freunden angehalten wurden, ahnte das Mädchen nichts Gutes. Sie fürchtete sich und schmiegte sich zitternd an ihren Freund.

Der Junge hieß Jerry Steel. Er war groß, sah gut aus, war schlank und spielte hervorragend Tennis. Marion hatte ihn während eines Turniers kennengelernt, an dem eine ihrer Freundinnen teilgenommen hatte. Er war blond, hatte gute Manieren und war in puncto Sex nicht gleich mit der Tür ins Haus gefallen, so wie Len das damals getan hatte.

Prissy war wütend.

Marion bemerkte das sofort an seinen schmalen Augen.

Er konnte es nicht vertragen, dass sich ein anderer etwas nahm, was er einmal besessen hatte. Noch dazu solch ein Kerl, dessen Anständigkeit dem Rocker förmlich in die Nase stank.

»Hi, Marion!«, sagte er grinsend. Doch dieses Grinsen erreichte nicht seine Augen.

»Hi, Len«, sagte das Mädchen und legte den Arm um Jerrys Hüften.

»Jetzt treibst du es wohl mit dem da, eh?«

»Lass uns in Ruhe, Len.«

»Wie ist sie denn?«, fragte Prissy Marions Freund. »Ist sie immer noch so scharf wie früher?«

Jerry wollte sich auf Prissy stürzen.

»Nicht, Jerry!«, zischte das Mädchen ängstlich. »Er will dich nur reizen, damit sie dann alle über dich herfallen und dich brutal zusammenschlagen können.«

Prissy stellte sich breitbeinig vor Jerry Steel auf. Er schaute den Jungen, der um einen halben Kopf größer war als er, verächtlich und höhnisch an. »Wolltest du etwa die Hand gegen mich erheben?«

»Ich schlag dir die Zähne ein, wenn du uns nicht in Ruhe lässt!«, fauchte Jerry Steel.

»Still! Jerry, sei still!«, bettelte Marion bestürzt. Sie kannte Len Prissy. Sie wusste, was für ein grausamer, brutaler Kerl er war.

»Seht nur, wie sie um ihren Schönling zittert!«, sagte Prissy lachend zu seinen Freunden.

Die Rocker lachten mit ihm.

»Pass auf, Jerry. Ich werde dir jetzt gleich mal beweisen, was für eine totale Null du bist. Ich werde deinem Mädchen in den Ausschnitt fassen, und du wirst nichts dagegen tun können. Absolut gar nichts. Du kannst nur blöde gaffen. Das ist alles, was du kannst.«

Prissy streckte die Hand nach den Brüsten des Mädchens aus.

Das war Jerry zu viel.

»Jerry, tu’s nicht!«, kreischte das Mädchen verzweifelt. Sie wollte ihn zurückzerren, doch der Junge schüttelte sie ab und drosch Len Prissy die Faust kraftvoll ans Kinn.

Prissy flog zurück, wurde von seinen Freunden aufgefangen und so lange gehalten, bis er sich wieder gesammelt hatte.

Jetzt war das Unheil nicht mehr zu verhindern.

Alle vier Rocker stürzten sich auf Jerry Steel. Sie nagelten ihn schwer zusammen. Als das Mädchen ihm helfen wollte, schlugen sie auch sie zu Boden.

Dann schleppten sie die beiden halb Ohnmächtigen unter wüsten Beschimpfungen mit sich fort.

5

Mit wenig Gepäck kamen Doktor Luc Morell und seine Sekretärin auf dem Kennedy Airport an.

Steve war als Empfangskomitee erschienen. Er rollte geistig den roten Teppich auf und hieß Monique und den Parapsychologen herzlich willkommen.

»Guten Flug gehabt?«, fragte er unter anderem.

»Über dem Atlantik war es ein bisschen turbulent«, sagte Monique.

Steve trug ihre Reisetasche zu seinem Wagen.

»Ich fahre euch gleich mal zu eurem Apartment«, sagte er.

»Wir wohnen im selben...«, begann Monique.

»Natürlich nicht im selben«, sagte Pratt grinsend. »Ich kann Sie doch nicht mit diesem Wüstling... Nein, das wäre wirklich unverantwortlich. Es ist ein Apartment mit sechs Zimmern. Drei für ihn und drei für Sie. Es gibt zwar eine Verbindungstür, aber ich hoffe doch sehr, dass diese abgeschlossen bleibt.«

Monique setzte sich neben Steve. Luc Morell verfrachtete sich in den Fond des Wagens.

»Ist wieder etwas vorgefallen, Steve?«, erkundigte sich Luc.

»Ich erzähle dir später alles, was du wissen musst«, sagte Steve Pratt und ließ den Motor an. Der Wagen rollte langsam vom weitflächigen Parkplatz. »Der Knochenmann ist nicht wiederaufgetaucht«, sagte Steve dann, nachdem er in den Southern Parkway eingebogen war.

»Meinen Sie nicht, dass es sich um eine Zeitungsente handelt?«, fragte Monique Dumas. Von übersinnlichen Kräften und dergleichen hielt sie nicht viel. Beinahe gar nichts. Für Monique war alles irgendwie zu erklären.

»Ich würde die Ente akzeptieren, wenn es keine Leiche gegeben hätte, Monique«, sagte Steve Pratt und überholte einen Kühltransporter. »Aber die tote Witwe kann man nicht einfach unter den Teppich kehren. Die ist ein Faktum, über das man nicht hinwegkommt. Earl Cappas Frau wurde ermordet. Von wem auch immer. Sie wurde erwürgt.«

»Aber von einem Skelett, Steve! Ich bitte Sie...«

»Etwa dreißig Augen haben diesen Mord gesehen, Monique.«

»Wer weiß, was diese dreißig Augen wirklich gesehen haben.«

»Na hören Sie mal, Monique...«

»Eine Massenhysterie vielleicht, Steve.«

»Kann ich mir nicht vorstellen.«

»Vor den Augen dieser entsetzten Menschen ist ein Mord verübt worden«, sagte Monique. »Ihr Unterbewusstsein schirmte sich gegen diesen schweren Schock damit ab, dass es ein Gespenst in ihren Geist projizierte. Die Leute glaubten, ein Gespenst gesehen zu haben, stattdessen hatten sie einen aus ihrer Mitte gesehen...«

»Wir werden dieses rätselhafte Ereignis wohl kaum theoretisch lösen können«, sagte Luc Morell. »Aber wir werden es praktisch lösen, davon bin ich überzeugt.«

Der Central Park kam bald danach in Sicht.

Steve hielt den Wagen an. »Wir sind da, Herrschaften. Hoffentlich gefällt euch das Apartment. Ich musste zwar erst eine Kommune hinauswerfen...«

Lachend betraten sie das Gebäude, vor dem ein livrierter Portier stand. Marmor, wohin man blickte.

6

Die Rocker hatten Marion Spencer und ihren Freund in eine düstere Schaubude gebracht, die sich abseits vom großen Trubel befand und nicht mehr benützt wurde.

Die Bude bestand aus zwei Räumen. Durch das Dach fiel das Tageslicht. An den Wänden waren ekelerregende Zeichnungen zu sehen. Maschinen, die irgendetwas angetrieben hatten, waren demontiert worden. Man sah noch die Rechtecke und die Löcher im Betonboden, wo sie gestanden hatten.

Auf Len Prissys Befehl wurde Marion gefesselt.

Dann griffen sich die Rocker schwere Fahrradketten. Im Kreis stellten sie sich um Jerry Steel, dessen Gesicht nun fahl wurde.

Schweiß perlte auf seiner Stirn. Diese Rocker waren gnadenlose Bestien.

Die Ketten rasselten.

Jerry drehte sich im Kreis. Marion zerrte verzweifelt an ihren Fesseln.

»Zwei Dinge wirst du dir in Zukunft zu merken haben, Freundchen!«, zischte Len Prissy wie eine Klapperschlange, kurz bevor sie tödlich zubeißt. »Erstens geht man nicht ungestraft auf mich los. Zweitens klaut man mir nicht ungestraft mein Mädchen.«

»Ich bin nicht dein Mädchen!«, schrie Marion wild.

»Halt die Klappe, Marion!«

»Ich bin es nicht!«, kreischte sie. »Ich wollte, ich wäre es nie gewesen. Du bist ein Teufel. Ihr seid alle Teufel!«

Die Rocker lachten amüsiert. Es war ein Kompliment für sie, wenn man sie Teufel nannte. Und sie setzten alles daran, um diese Bezeichnung zu verdienen.

Kraftvoll schlugen sie mit ihren ölverschmierten Fahrradketten auf den wehrlosen Jungen in ihrer Mitte ein.

Jerry Steel versuchte den mörderischen Ring mehrmals verzweifelt zu durchbrechen. Er blutete bereits aus mehreren Platzwunden. Immer wieder warfen ihn die keuchenden Rocker zurück. Immer wieder schlugen sie brutal auf ihn ein.

Das Mädchen kreischte wie von Sinnen.

Das stachelte die Rocker noch mehr an. Schwitzend und schnaufend machten sie den Jungen in ihrer Mitte fertig.

Erst als Jerry röchelnd auf dem Boden lag und sich unter unsäglichen Schmerzen wand, ließen sie von ihm ab.

Grinsend ging Len Prissy neben dem zerschlagenen Jungen in die Hocke. »Na, Freundchen, wie schmeckt dir das? Kannst gern noch etwas mehr davon haben. Einen Nachschlag sozusagen. Fürchte nur, dass du den nicht mehr verdauen kannst. In Zukunft wirst du in der Wahl deiner Mädchen ein wenig vorsichtiger sein, nehme ich an. Wenn du aber denkst, dass wir nun schon alle Register gezogen haben, irrst du dich. Die Sache mit den Ketten war erst der Anfang. Die Ouvertüre, verstehst du? Das war etwas für den Körper. Jetzt kommt etwas für die Seele.«

Prissy richtete sich mit teuflisch funkelnden Augen auf.

»Los! Packt sie. Schafft sie nach nebenan!«, sagte er zu seinen Freunden.

Die Rocker rissen das Mädchen hoch.

»Neiiin!«, schrie Marion. »Lasst mich! Lasst mich, ihr Schweine!«

Lachend schleppten die Rocker die wild um sich schlagende junge Frau nach nebenan und legten es dort auf den Boden.

Prissy wandte sich wieder an Jerry Steel, der offenbar nicht die Kraft hatte, sich zu erheben. »Wir werden es deiner Freundin gründlich besorgen. Einer nach dem andern. Und du wirst das Vergnügen haben, zuzuhören.«

7

Wie durch dicke Wattekissen hörte Jerry Steel das Mädchen schreien. Blutüberströmt kämpfte er sich hoch. Ein schweres gequältes Röcheln kam aus seinem zerschlagenen Mund. Er mobilisierte die allerletzten Kräfte, um aufzustehen und dem Mädchen, das er liebte, zu Hilfe zu eilen.

»Nein!«, hörte er Marion keuchen. »Nein! Bitte! Bitte...!«

Roter Nebel waberte vor seinen Augen. Drei grinsende Gesichter begegneten ihm. Er wankte an ihnen vorbei, auf die Tür zu, die offenstand und hinter der Marion so wahnsinnig schrie.

»Hiergeblieben, Jerry!«, sagte Len Prissy scharf. »Marion hat ihren Spaß dran. Glaube mir. Ich kenn diese Nutte besser als du.«

Jerry suchte das verhasste Gesicht des Rockers. Als er es sah, schlug er kraftlos zu.

Prissy hatte Zeit genug, dem Schlag auszuweichen.

Er lachte teuflisch. Dann schnarrte er hartherzig: »Los, Frank. Hau ihm auf die Schnauze.«

Und Frank schlug zu.

Das Letzte, was Jerry hörte, war ein unendlich verzweifelter, unendlich gequälter Schrei seiner Freundin.

8

Marions Kleid war in Fetzen gegangen. Über ihr keuchte ein ekelhafter Rocker. Speichel floss aus seinem offenstehenden Mund und tropfte auf ihre entblößten kleinen Brüste.

Plötzlich wurde es schlagartig kalt.

Marion zitterte mit einem Mal und fror erbärmlich. Mit schockgeweiteten Augen erlebte sie das Unfassbare von Anfang an mit. Und sie wusste ihre wahnsinnige Angst nicht anders abzubauen, als damit, dass sie so lange schrie, bis eine tiefe Ohnmacht auf sie zuraste und sie unter sich begrub.

Was das entsetzte Mädchen gesehen hatte, war unfassbar. Plötzlich hatte die Luft geflimmert, und aus dem Nichts hatte sich das Skelett eines Menschen gebildet.

Das Gerippe hatte sich mit ausgestreckten Armen auf den keuchenden Rocker zubewegt. Der Bursche war mit solchem Eifer bei der Sache, dass er die drohende Gefahr nicht bemerkte.

Die harten Totenhände krallten sich um seinen muskulösen Hals.

Als sie kraftvoll zudrückten, schnellte er mit weit aufgerissenen Augen hoch.

Verzweifelt wehrte er sich gegen sein Ende, kreiselte mit dem Skelett wild umher. Seine Hände versuchten, die knöchernen Finger des Gespensts von seinem Hals zu reißen. Doch es gelang ihm nicht. Je wilder er sich zur Wehr setzte, desto kräftiger drückte das Monster zu.

Röchelnd ging er in die Knie.

Augenblicke später war er tot.

9

Prissy und seine Freunde hatten sich auf den Boden gesetzt. Sie rauchten Haschisch, waren bester Laune und warteten auf die Rückkehr des Freundes, um fortzusetzen, was er beendet hatte.

Der Freund ließ auf sich warten.

Marions greller Schrei war verstummt.

Len Prissy grinste in die Runde. »Was sag ich. Der Schlampe gefällt das. Ich hab’s doch gewusst. Jetzt genießt sie es in vollen Zügen.«

Sie hörten zwar das Röcheln von nebenan, schöpften aber keinerlei Verdacht.

Erst als überhaupt kein Geräusch mehr aus dem Nebenraum kam, horchte Len Prissy misstrauisch auf.

»Da stimmt doch was nicht!«, sagte er nervös. »Die Stille gefällt mir nicht.«

»Vielleicht genießen sie es jetzt alle beide«, meinte Frank achselzuckend.

»Quatsch.« Len Prissy schüttelte den Kopf. »Slim!«, rief er. »He, Slim! Mach ‘n bisschen Musik. Wir wollen dich hören.«

Slim von nebenan blieb stumm.

Prissy schaute die Freunde an.

»Das stinkt.«

»Soll ich mal nachsehen, Len?«, fragte Frank.

»Ja. Tu das!«, sagte Prissy, während er sich langsam mit angespannten Zügen erhob.

10

Steve Pratt hatte schon vor Luc Morells Eintreffen in New York angekündigt, dass er mit dem Parapsychologen aufkreuzen würde. Nun saßen sie in Jo Haxfords Junggesellenbude.

Das Zimmer war modern und geschmackvoll eingerichtet. Vielleicht ein wenig zu nüchtern. Das lag wahrscheinlich daran, dass Haxford wenig Liebe zum Detail hatte. Dafür waren die Frauen da. Und die kamen nicht sehr oft in diese Wohnung. Jo Haxford war Junggeselle und lebte danach.

»Ich hätte es selbst nicht geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, Doktor Morell«, sagte Haxford. Er stand immer noch unter dem Einfluss des erlittenen Schocks. »Niemand kann sich vorstellen, wie perplex wir alle waren, als es passierte. Sein Körper war auf einmal hart wie Stein und brach auf. Das Skelett löste sich heraus und schwebte durch den geschlossenen Deckel des Sarges. Es ist einfach unvorstellbar, aber es ist die Wahrheit. Der unheimliche Geist hat sich auf Mrs. Cappa gestürzt. Wir waren alle wie gelähmt. Tatenlos mussten wir zusehen, wie dieses Gerippe die Frau erwürgte. Ich wollte das Monster aufhalten, überwältigen, an der Flucht hindern. Es hat mich bewusstlos geschlagen.« Haxford seufzte. »Fragen Sie mich nicht, wie so etwas möglich ist, Doktor. Das weiß ich nämlich nicht. Das weiß keiner der Leute, die das miterlebt haben.«

»Waren Sie mit den Cappas verwandt, Mister Haxford?«, erkundigte sich Luc Morell.

»Nicht mal um sieben Ecken.«

»Warum haben Sie sich dann Earl Cappas Aufbahrung angesehen?«

»Ich habe Candice Cappa gekannt«, sagte der Footballspieler. »Sie war eine lebenslustige Frau. Wir haben uns vor einigen Monaten auf einer Party kennengelernt.«

»Unterhielten Sie ein Verhältnis mit Mrs. Cappa?«, fragte Luc geradeheraus.

»Leider nein.«

»Dann war sie ihrem Mann also treu?«

»Das war sie nicht.« Jo Haxford blickte auf seine Fingernägel. Sie waren gepflegt. »Es war ein offenes Geheimnis, dass Candice Cappa einen Geliebten hatte.«

»Wusste auch Earl Cappa davon?«

»Na, hören Sie. Wenn es ganz New York weiß, musste es auch Earl Cappa wissen.«

»Kennen Sie den Namen von Mrs. Cappas Geliebtem?«, fragte Luc.

»Doktor Jack Shepherd«, sagte Haxford wie aus der Pistole geschossen. »Sein Wissensgebiet ist die Kybernetik.«

Steve Pratt hörte aufmerksam zu, ohne mit Fragen zu stören. Was Luc wissen wollte, würde er schon selbst fragen. Danach würden wohl kaum noch irgendwelche Fragen offenbleiben. Luc Morell war sehr gründlich in solchen Dingen.

Monique hatten sie hierher nicht mitgenommen. Sie hatte die günstige Gelegenheit beim Schopf gepackt und die Absicht geäußert, eine ehemalige Schulfreundin aufzusuchen, die drüben in Queens wohnte.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910636
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
mystery kabinett hexers

Autor

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Titel: Dr. Mystery #7: Das Kabinett des toten Hexers