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Alfred Bekker Krimi Sammelband: Drei Morde - Amok-Wahn, Bilder eines Mordes, die Tour des Mörders

2017 400 Seiten

Leseprobe

Krimi Sammelband: Drei Alfred Bekker Morde

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2017.

Alfred Bekker Krimi Trio #1

––––––––

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält die Kriminalromane:

Alfred Bekker: Amok-Wahn

Alfred Bekker: Bilder eines Mordes

Alfred Bekker: Die Tour des Mörders

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

AMOK-WAHN

Thriller von Alfred Bekker (Henry Rohmer)

Der Umfang dieses Ebook entspricht 140 Taschenbuchseiten.

In einem großen Kaufhaus richtet ein Amokläufer ein wahres Blutbad an. Stand der Täter unter Drogen oder trieb ihn ein krankhafter Wahn zu seiner Tat? Die Ermittler finden jedoch heraus, dass dieses Massaker einen ganz anderen Hintergrund hat...

Und es ist erst der Anfang einer blutigen Serie...

Action Thriller von Henry Rohmer

Henry Rohmer ist das Pseudonym des vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher bekanntgewordenen Schriftstellers Alfred Bekker.

Copyright

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

1

"Legt euch hin, verdammt noch mal, oder ich niete euch alle um!", rief Ron Dexter. Er feuerte zweimal seine Automatik ab. Schreie gellten durch das New Yorker Kaufhaus Macy's. Eine der Kugeln durchdrang die Verkleidung unterhalb des Rolltreppenhandlaufs. Etwas zischte. Ein Teil der Beleuchtung fiel aus. Die Rolltreppe blieb mit einem Ruck stehen. Etwa zwei Dutzend Personen befanden sich dort, wurden durcheinandergewirbelt, duckten sich. Dexter feuerte über ihre Köpfe hinweg. Der bärtige Mittvierziger trug einen Army-Helm, eine Tarnhose mit Springerstiefeln sowie eine abgeschabte Lederjacke mit aufgenähtem Totenkopf und der Aufschrift BORN TO RIDE HARLEY. Dexters Augen waren weit aufgerissen, die Pupillen stark erweitert. Das Gesicht glich einer verzerrten Maske. Niemand unter den Geiseln zweifelte daran, einem Wahnsinnigen in die Hände gefallen zu sein.

2

Aus den Augenwinkeln heraus nahm Dexter eine Bewegung wahr. Er wirbelte herum, die Automatik im Beidhandanschlag. Mehrere Kunden und zwei Verkäuferinnen standen in der Nähe der Registrierkasse.

"Wer eine falsche Bewegung macht stirbt!"

Ein Mann im dunklen Anzug griff sich unter das das Jackett. Sein Kopf war hochrot, er rang nach Luft.

Dexter feuerte.

Die Kugel traf den Mann in die Stirn.

Er schlug der Länge nach zu Boden. Regungslos blieb er in verkrampfter Haltung liegen. Das Jackett rutschte zur Seite. Von einer Waffe war nichts zu sehen.

Die anderen Geiseln des Wahnsinnigen waren wie erstarrt.

Niemand rührte sich.

"Auf den Boden!", knurrte Dexter.

Auch die Geiseln in der Nähe der Registrierkasse legten sich nach und nach nieder. Dexter feuerte einmal zwischen sie. Die Kugel fuhr in den Teppichboden.

Eine Frau stieß einen schrillen Schrei aus.

Dexter drehte sich herum, schoss in Richtung eines Kleiderständers, wo er eine Bewegung gesehen zu haben glaubte. Ein Spiegel wurde getroffen und zersprang.

"Ihr kriegt mich nicht!", schrie Dexter mit heiserer Stimme. Die Halsschlagader trat dabei deutlich hervor, pulsierte.

Er blickte hinauf zu den Balustraden der oberen Geschosse. Dexter stand inmitten eines Atriums. Licht fiel durch eine Glaskonstruktion in der Decke. Fünfundzwanzig Meter oder acht Stockwerke lagen zwischen Dexters Standort und diesem Licht. Von den Balustraden aus konnte man von höheren Stockwerken zum Ort des Geschehens hinunterblicken. Hier und da sahen neugierige Passanten nach unten. Sie hatten zwar die Schüsse gehört, aber niemandem war klar, was sich weiter unten abspielte.

Dexter stieß einen wilden Schrei aus.

Er schoss eine Salve von fünf schnell nacheinander abgefeuerten Schüssen ab.

Die Neugierigen an den Balustraden verzogen sich.

Dexter wandte sich den neben der Registrierkasse am Boden liegenden Geiseln zu.

Neben dem Mann, den er erschossen hatte, bildete sich eine immer größer werdende Blutlache. Eine der Verkäuferinnen zitterte, war einem Nervenzusammenbruch nahe.

Sie biss die Lippen aufeinander.

Dexter riss das Magazin aus der Automatik, griff in die Seitentasche seiner Lederjacke und ersetzte es durch ein Frisches.

An der Balustrade des nächst höheren Stockwerks gingen Security Guards in Stellung. Sie blieben mit ihren Revolvern vom Kaliber .38 lieber in Deckung. Auf eine Situation wie diese hatte sie niemand vorbereitet.

Dexter feuerte in ihre Richtung.

Dann zog er eine Handgranate unter der Lederjacke hervor. Er hatte sie an dem breiten Army-Gürtel getragen, an dem außerdem noch eine Munitionstasche und ein Kampfmesser hingen. Drei weitere dieser Hölleneier befanden sich außerdem noch dort.

"Verschwindet da oben!", rief er. "Oder ich jage hier alles in die Luft."

Eine Megafonstimme ertönte.

"Seien Sie vernünftig! Wir möchten mit Ihnen reden!"

Dexter wirbelte herum, feuerte sofort in die Richtung aus der er die Megafonstimme gehört zu haben glaubte. Er erwischte mit seiner Salve ein Mobilé aus ultraleichten Plastik-Micky-Maus-Figuren, das scheinbar freischwebend an fast unsichtbaren Fäden von der Decke hing.

"Was immer auch Ihre Forderungen sein mögen, wir können darüber reden!", meldete sich erneut die Megafonstimme. "Tun Sie jetzt nur nichts Unüberlegtes!"

Schweißperlen glänzten auf Ron Dexters Stirn.

Er wirkte wie ein gehetztes Tier.

Dexter wandte sich einem der neben der Registrierkasse am Boden liegenden Geiseln zu. Er stieß eine junge Verkäuferin mit dem Stiefel an. "Aufstehen!", knurrte er.

Die Verkäuferin wimmerte.

Am Revers ihres blauen Kleides hing ein Namensschild.

Sarah Norman stand darauf.

Das lange, blonde Haar war durcheinandergewirbelt, das Make-up vollkommen verlaufen.

Dexter richtete seine Waffe auf sie.

Er deutete auf die andere Seite des Raums, wo eine Tür zum Treppenhaus führte.

"Ich will, dass Sie vor mir hergehen!", rief er.

"Bitte..."

Sarah Norman wimmerte. Tränen flossen über ihr Gesicht. Sie zitterte am ganzen Körper. Dexter fasste sie am Arm, stieß sie vorwärts.

Er deutete mit dem Lauf der Automatik in Richtung der Tür zum Treppenhaus.

"Wo ist der Schlüssel?", fragte er.

"Es ist nicht abgeschlossen!"

In den New Yorker Hochhäusern war es lange üblich gewesen, die Zugänge zum Treppenhaus abzuschließen und erst im Notfall durch Sicherheitspersonal öffnen zu lassen. Seit dem Einsturz des World Trade Centers hatte man in dieser Hinsicht vielerorts umgedacht. Im Ernstfall ging nämlich wertvolle Zeit verloren.

Dexter führte Sarah Norman vor sich her, blickte zwischendurch nach oben. Das gesamte Bereich, in dem er sich befand, war von den Balustraden der oberen Etagen aus einsehbar. Ich bin hier wie auf dem Präsentierteller!, durchzuckte es ihn.

Er wirbelte herum, schoss über einen Kleiderständer hinweg, hinter dem er eine Bewegung erkannt zu haben glaubte.

Sein Blick glitt zur Seite.

Zwischen zwei Regalfronten war eine gerade Gasse, die sich bis zur anderen Seite des Verkaufsraums zog. Dort befand sich ein Nebenausgang für das Personal. Die Tür stand offen.

In geduckter Haltung lauerten dort drei schwarz uniformierte Security Guards.

Die Revolver trugen sie im Anschlag.

"Waffe weg!", brüllte einer von ihnen.

Sie zögerten.

Keiner von ihnen wagte zu schießen. Die Gefahr für die Geisel war unkalkulierbar. Dexter handelte blitzschnell.

Er zog Sarah Norman wie einen Schutzschild vor sich, feuerte gleichzeitig seine Automatik ab. Fünf Schüsse in rascher Folge wummerten durch den Gang.

Einer der Security Guards sank getroffen zu Boden.

Die anderen beiden gingen rechts und links hinter den Regalfronten in Deckung.

"Verzieht... euch, ihr... Ärsche!", brüllte Dexter.

Sein Gesicht wurde zur Grimasse. Die Augäpfel traten hervor. Die Halsschlagader ebenfalls. Sie pulsierte deutlich sichtbar. Dexter brüllte weiter. Aber niemand verstand, was er sagte. Es hörte sich wie das Lallen eines Betrunkenen an. Laute, Silben, manchmal Wortfetzen, die aber keinen Sinn ergaben.

Sarah Norman stieß einen schrillen Schrei aus.

Dexter schob sie vorwärts.

Schließlich blieb er etwa zehn Meter vor dem Treppenhaus-Zugang stehen.

Er gab Sarah einen Stoß, richtete seine Automatik auf sie.

"Tür öffnen!"

Sarah Norman wimmerte, schien einem Nervenzusammenbruch nahe zu sein.

Sie bewegte sich schleppend auf die Tür zu.

"Schneller!"

Dexter glaubte hinter sich eine Bewegung zu erkennen, wirbelte herum, feuerte ohne zu zielen. Zwei Kugeln fetzten in einen Kleiderständer hinein, zerrissen den Stoff von einem Dutzend Long Jacketts. Sarah Norman rannte in Richtung des Treppenhauszugangs. Offenbar glaubte sie, dem Wahnsinnigen entkommen zu können. Sie erreichte den Treppenhauszugang, riss die Tür auf. Dahinter standen mehrere Uniformierte Security Guards. Sie hielten ihre Waffen im Anschlag.

Dexter handelte reflexartig.

Er griff mit der linken zum Gürtel, riss eine der Handgranaten hervor. Mit den Zähnen betätigte er den Auslöser. Die Granate war jetzt scharf. Dexter schleuderte sie in Richtung der Guards, feuerte gleichzeitig auf sie.

Die Uniformierten hatten Dexter nicht rasch genug durch einen gezielten Schuss ausschalten können.

Sarah Norman stand ihnen im Weg.

Dexters Handgranate detonierte. Sowohl Sarah als auch die Security Guards wurden davon erfasst.

Die Schreie wurden vom Explosionsgeräusch übertönt. Dexter selbst bekam noch die Druckwelle zu spüren, wurde zu Boden gerissen.

Er rollte sich ab.

Die mörderische Flammenhölle sengte ihn an. Sein Jackenärmel fing Feuer. Dexter schrie auf, ruderte heftig mit dem Arm, schlug damit auf den Boden.

Die Flamme erlosch.

Dexter rappelte sich auf.

Er drehte sich herum. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.

Zum Aufzug!, durchzuckte es ihn.

Eigentlich hatte er den Lift nicht benutzen wollen. Das Risiko war einfach zu groß. Durch Abschalten des Stroms konnte man ihn ziemlich leicht kaltstellen.

Aber jetzt blieb ihm keine andere Wahl, als das Risiko einzugehen.

Ich bin eingekreist!, durchfuhr es ihn. Seine Verfolger schienen überall zu sein. Ein Laserstrahl brach sich für Sekundenbruchteile in einer Glasscheibe. Dexter reagierte blitzschnell, hechtete hinter eine Regalwand. Dort, wo er gerade noch gestanden hatte, brannte sich ein Projektil in den Teppichboden. Dexter sah den Laserpunkt wandern. Der Schütze musste sich auf einer der Balustraden der oberen Stockwerke befinden. Ihr werdet mich nicht kriegen!, schwor er sich. Und wenn ich dafür das ganze Gebäude in die Luft sprengen muss!

3

Milo und ich waren Richtung Midtown Manhattan unterwegs. Es war gegen 17.00 Uhr. Ausnahmsweise waren wir einmal relativ pünktlich aus dem Bundesgebäude an der Federal Plaza herausgekommen, um Feierabend zu machen.

Trotzdem sollte es an diesem Abend noch mehrere Stunden dauern, ehe ich Milo an der bekannten Ecke absetzen konnte.

Wir erhielten einen dringenden Notruf aus der Zentrale. Mister Jonathan D. McKee war persönlich am Apparat. "Fahren Sie sofort zum Kaufhaus Macy's, da ist im Moment die Hölle los!", berichtete uns der Chef des FBI Field Office New York. Wir hörten seine Stimme über die Freisprechanlage des Sportwagens, den die Fahrbereitschaft des FBI uns zur Verfügung stellte. "Ein offensichtlich geistesgestörter Amokschütze befindet sich dort, hat zeitweilig Geiseln genommen und wild um sich geschossen. Unter anderem sprengte er mehrere Wachleute und eine Angestellte mit einer Handgranate in die Luft. Spezialkommandos der City Police sind auf dem Weg zum Einsatzort..."

"Einen gemütlichen Feierabend hatte ich mir anders vorgestellt, Sir", sagte ich, ließ dabei das Seitenfenster herunter.

Milo reichte mir das Rotlicht an.

Ich setzte es auf das Dach.

"Tut mir leid, Jesse, muss leider sein. Sie und Milo sind am dichtesten dran!", setzte Mister McKee noch hinzu.

"Schon in Ordnung", meinte Milo.

Ich trat das Gaspedal durch, schaltete die Sirene ein.

Minuten später erreichten wir das Macy's.

Dutzende von Einsatzwagen der City Police waren bereits am Ort des Geschehens.

Wir hatten Glück, so nahe am Ort des Geschehens gewesen zu sein. Andernfalls hätten wir Schwierigkeiten gehabt, überhaupt noch durchzukommen. In spätestens einer Viertelstunde würde der Verkehr um das Macy's herum zum Erliegen kommen. Ich stellte den Wagen am Straßenrand ab.

Wir stiegen aus und legten die Kevlar-Westen an. Die Dinger sind zwar unbequem, können aber Leben retten. Bei Einsätzen wie diesem sind sie für jeden G-man Pflicht. Außerdem legten wir Ohrhörer und Mikro an. Wenn wir tatsächlich ins Macy's hineingingen, um den Amokläufer zu stellen, dann war das nur denkbar, wenn wir die ganze Zeit über mit der NYPD-Einsatzleitung vor Ort in Funkkontakt blieben.

Zahlreiche panikerfüllte Kunden strömten ins Freie. Ein noch so großes Aufgebot an Police Officers hätte sie nicht aufhalten können.

Die Situation war chaotisch.

Die NYPD-Kollegen versuchten verzweifelt, etwas Ordnung zu schaffen. Ein Team des Emergency Service stand zum Einsatz bereit. Aber noch konnte es nicht in Aktion treten.

Ein paar Dutzend Meter von uns entfernt sah ich das Kamerateam eines Lokalsenders. Cops verhinderten, dass es sich weiter dem Eingangsbereich des Macy's näherte.

Die mobile Einsatzzentrale befand sich in einem Van der City Police.

Dort trafen wir den Einsatzleiter. Captain Mike Rovanovich vom 23. Precinct.

Rovanovich war ein etwas fülliger Mittvierziger. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn.

"Schön, dass euer Field Office jemanden geschickt hat!", sagte er in unsere Richtung. "Wir brauchen jede Unterstützung. Leider läuft hier alles im Moment noch ziemlich chaotisch..."

"Wo befindet sich der Kerl?", fragte ich.

"Das ist ja das Problem! Wir haben ihn verloren!"

"Was?"

"Er stieg in einen Aufzug, nachdem er mit einer Handgranate mehrere Wachleute und eine Verkäuferin in die Luft sprengte. Aber anscheinend ist er nirgendwo ausgestiegen! Sonst wäre das auf der Videoüberwachung zu sehen gewesen."

"Dann ist der Kerl noch im Lift!", stellte ich fest.

"Die Kabine war leer!", gab Mike Rovanovich zur Antwort.

Ich überprüfte die Ladung meiner SIG und stellte den zu meinem Ohrhörer passenden Funkempfänger auf die bei der City Police gebräuchliche Frequenz ein.

"Sie haben sicher schon von diesen verrückten Lift-Surfern gehört, Captain!"

Captain Rovanovich runzelte die Stirn. "Sie meinen, der Kerl turnt jetzt an den Drahtseilen im Liftschacht herum?"

4

Unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell trafen wenig später ein. Ihr Weg hier her war etwas länger gewesen als der unsere. Ein Spezialeinsatzkommando steckte im Stau fest. Rund um das Macy's war in Midtown Manhattan der Verkehr total zusammengebrochen. Die Vielzahl von Einsatzfahrzeugen war daran nur zum Teil Schuld. Tausende von Besuchern des Macy's strömten völlig unkontrolliert aus dem Kaufhaus, liefen zu ihren Fahrzeugen in der Tiefgarage und versuchten von Panik getrieben diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Familien mit Kindern waren darunter, die einen vergnüglichen Spätnachmittag beim Einkaufsbummel hatten verbringen wollen.

Die Panik, die der Amokläufer verbreitet hatte, musste sich rasend verbreitet haben. Es hatte keinen Sinn, diese Menschenmassen mit einer Handvoll Cops aufhalten zu wollen. Das hätte nur in einer Katastrophe geendet. Wir konnten nur hoffen, dass die Security Guards in der Videozentrale wirklich sehr genau ihre Bildschirme kontrolliert hatten.

Wenn nicht, war der Amokläufer vielleicht mit den Menschenmassen hinausgespült worden, ohne dass ihn jemand bemerkt hatte.

In dem Fall hatten wir schlechte Karten.

Captain Rovanovich entschied, das Eintreffen des Spezialkommandos nicht abzuwarten.

Wir gingen in das Gebäude hinein. Das Emergency Service-Team folgte uns. Der Strom der von Panik ergriffenen Macy's-Kunden kam uns dabei entgegen und sorgte dafür, dass wir länger brauchten als gewöhnlich. Rovanovich leitete den Einsatz vom Van aus. Er war dabei in ständigem Funkkontakt mit der Videoüberwachungszentrale des privaten Security Service, der normalerweise innerhalb des Kaufhauses für Sicherheit zu sorgen hatte.

Bei den Aufzügen trafen wir ein paar Security Guards.

Sie waren mit der Situation vollkommen überfordert. Der Schrecken stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

"Fragen Sie mal nach, welchen Lift der Killer benutzt hat!", wandte ich mich über Funk an Captain Rovanovich.

Wenig später konnte mir der NYPD-Captain darauf eine Antwort geben.

"Er hat die Nummer 5 benutzt!"

"Danke!"

Ich ging zum Aufzug mit der Nummer fünf und sorgte per Knopfdruck dafür, dass sich die Kabine in Bewegung setzte.

Wir G-men und einige der City Police-Cops warteten geduldig ab, während die anderen sich auf den Weg in den siebten Stock machten. Dort sollte es einen schwerverletzten Mann mit einer Schusswunde geben. Sicherheitshalber nahmen die Kollegen den Weg über das Treppenhaus.

Schließlich war der Amokläufer in Besitz von Handgranaten. Vielleicht hatte er auch weiteren Sprengstoff dabei. Sobald er sich in die Enge getrieben fühlte, war dieser Tätertyp vollkommen unberechenbar.

Die Kabine von Nummer 5 erreichte das Erdgeschoss.

Ich wandte mich an einen der hauseigenen Security Guards.

"Können Sie im Aufzugsbereich den Strom abschalten?"

"Das ist gegen die Vorschriften, Sir!", bekam ich zur Auskunft. "Schließlich könnten sich noch Personen in den Aufzügen befinden...!"

"Tun Sie es trotzdem, wir können nicht länger warten!"

"Ich werde die Verantwortung nicht übernehmen!", erwiderte der Guard.

Milo meldete sich zu Wort. "Wenn der Kerl wirklich irgendwo in diesem Schacht herumklettert, dann sollten wir ihn schleunigst stellen!", fand er. "Schließlich hat er Handgranaten bei sich."

Jay Kronburg wandte sich an den Wachmann. "Wir übernehmen die Verantwortung! Also stellen Sie den Strom ab!"

Ich wartete nicht länger. Sollte Jay versuchen, mit der Autorität eines Ex-Cops dafür sorgen, dass die Stromversorgung der Aufzüge abgeschaltet wurde.

Ich betrat die Kabine. Milo folgte mir. Ich deutete mit dem Lauf der SIG hinauf zum Kabinendach. "Schau dir das an!"

"Du hattest den richtigen Riecher, Jesse!"

Eine der Platten des Kabinendachs war aus ihrer Halterung gebrochen worden. Der Täter hatte sich nicht die Mühe gemacht, sie wieder exakt in die Lücke hineinzupassen.

Milo bildete mit den Händen einen Tritt.

Ich steckte die SIG ein, schwang mich hinauf. Die Platte war lose. Sie ließ sich zur Seite schieben. Mit einem schabenden Laut fiel sie vom Kabinendach herunter in die Tiefe. Und das mussten mindestens noch einmal zehn oder zwölf Meter sein, schließlich befanden sich unterhalb des Macy's mehrere Parkdecks, zu denen man ebenfalls über die Aufzüge gelangen konnte.

Ich zog mich mit einem Klimmzug empor. Die Öffnung war groß genug, um hindurchzuklettern. Der Amokschütze hatte es etwas schwerer gehabt. Ich vermutete, dass er die seitlichen Haltegriffe als Tritte benutzt und die Finger durch das Gitter eines Lüftungsschlitzes knapp unterhalb der Decke gekrallt hatte. Ich griff zur SIG, blickte mich um. Es herrschte Halbdunkel. Eine schwache Notbeleuchtung gab es hier im Schacht. Irgendwo weit über mir fiel spärliches Licht durch dicke Glasbausteine in der Gebäudedecke.

"Siehst du was?", fragte Milo.

Ich brauchte einige Augenblicke, um mich an das Halbdunkel zu gewöhnen.

Ein knarrender Laut ließ mich abwärts blicken. Eine der Liftkabinen wurde angehoben, kam langsam höher. Von dem Amokläufer sah ich dort jedoch keine Spur.

Immer wieder machten sogenannte Lift-Surfer von sich reden, die eine Mutprobe daraus machten, in den Schächten von einer Kabine zur anderen zu springen. Ein riskantes Spiel. Schon so mancher war dabei buchstäblich zerrissen worden. Die Sicherheitsbestimmungen waren inzwischen verschärft worden, sodass es schwieriger war, die Liftkabine zu verlassen. Offenbar reichten diese verschärften Vorschriften noch immer nicht aus.

Von oben senkte sich ebenfalls eine Kabine herab.

Ich hörte die Megafonansagen der NYPD-Kollegen. Alle, die sich noch im Gebäude aufhielten, wurden angewiesen, nicht die Fahrstühle zu benutzen.

Dann hielten beide Liftkabinen mit einem Ruck.

Die Notbeleuchtung verlosch.

"Hier spricht Special Agent Jesse Trevellian vom FBI!", rief ich. Meine Worte hallten im Schacht wider. Ich musste langsam und deutlich sprechen. "Wir wissen, dass Sie hier sind! Sie haben keine Chance zu entkommen. Aber was immer auch Ihr Anliegen sein mag, Sie werden in einem fairen Prozess die Möglichkeit bekommen, es an die Öffentlichkeit zu bringen!"

Ich lauschte. Was ich gesagt hatte, war nicht mehr als ein Schuss ins Blaue. Niemand von uns wusste, was wirklich in dem Kopf des Amokläufers vor sich ging. Manche wollten einfach nur auf spektakuläre Weise in die Öffentlichkeit. Gescheiterte Existenzen, die sich einen großen Abgang inszenierten und sich dabei Vorbilder aus den Medien nahmen. Je nachdem, wie der groß der Schaden war, den sie angerichtet hatten, starben diese Menschen in der Gewissheit, dass der Bürgermeister, der Gouverneur oder in besonders schweren Fällen sogar der Präsident öffentlich von ihnen Notiz genommen hatte.

Es gab andere Fälle, in denen sich die Betreffenden einfach nur voll bewusstseinsverändernder Drogen gepumpt hatten.

Ich hoffte nicht, dass der Kerl, mit dem wir es zu tun hatten, zu dieser Kategorie zählte.

Denn die Angehörigen dieser Sorte konnte man mit noch so geschickt gewählten Worten nicht beeinflussen.

Milo kletterte inzwischen zu mir herauf.

Noch immer herrschte ansonsten absolute Stille im Schacht.

"Hören Sie, man wird Ihnen helfen!", rief ich. "Ich bin überzeugt davon, dass Sie Hilfe brauchen. Ich verspreche Ihnen, dass man Sie Ihnen auch geben wird! Es muss mit dem heutigen Tag nicht alles für Sie zu Ende sein! Allerdings können Sie dieses Gebäude nur lebend verlassen, wenn Sie sich ergeben!"

Wieder keine Antwort.

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, ein rotes Blitzen hoch über mir zu sehen. Ein Laserstrahl, der an mehreren Stellen mit den fingerdicken Drahtseilen zusammentraf. Dadurch wurde er selbst auf die große Entfernung hin für einen Sekundenbruchteil gut sichtbar.

"Er ist dort oben", flüsterte ich Milo zu, der nach unten geblickt und davon nichts mitbekommen hatte.

"Wie kommst du darauf?", fragte mein Partner.

"Ich habe den Laserpointer seiner Waffe gesehen."

"Warum hat er sich verdammt noch einmal nach oben tragen lassen? Das gibt doch keinen Sinn, Jesse!"

"Vielleicht doch!"

"Du meinst, da wird man ihn zuletzt suchen!"

"Ich hoffe, dass das der einzige Grund ist", murmelte ich. Ich gab die ungefähre Position, an der ich den Strahl des Laserpointer zu sehen geglaubt hatte, an die Einsatzzentrale durch. Captain Rovanovich konnte so schon einmal ein paar Leute auf den Weg schicken.

Milo wandte den Kopf zu mir.

"Na, was ist? Hat der Amateurpsychologe Jesse Trevellian schon aufgegeben oder versuchst du noch einmal, den Typ aus der Reserve zu locken?", fragte Milo.

Er fasste die SIG mit beiden Händen.

Suchend blickte er empor.

Das schwache Gegenlicht, das durch die Glasbausteine in der Decke drang, machte es nicht gerade einfacher, etwas zu erkennen. Aber einen Scheinwerfer zu benutzen, wäre für uns vermutlich Selbstmord gewesen. Der Amokläufer hätte dann ein gut sichtbares Ziel vor sich gehabt.

Ein schabendes Geräusch war zu hören, hallte mehrfach wider.

Immerhin bestätigte mich das in der festen Überzeugung, dass dort oben tatsächlich jemand war.

"Hier ist nochmal Jesse Trevellian vom FBI", rief ich zu ihm hinauf. "Draußen warten ein paar Fernsehteams und Presseleute! Aber das Macy's ist komplett abgeriegelt. Von denen kommt keiner nahe genug heran, um Sie auf das Band zu bekommen! Sie wollen doch, dass man von Ihnen Notiz nimmt, oder?"

Die Antwort des Amokläufers bestand aus Schweigen.

"Wenn Sie aufgeben, sorge ich dafür, dass Sie vorne durch den Haupteingang geführt werden, wenn Sie das wollen. Dann werden Ihr Gesicht und das, was Sie in die Kameras sagen, um die ganze Welt gehen. Es ist beste Prime Time. Sie werden der Aufmacher in den Abendnachrichten sein! Was ist? Ist das kein Angebot?"

Wieder war ein Geräusch zu hören. Es klang wie ein Ratsch. Eine Waffe wurde durchgeladen. Dann folgte ein Schrei. Ein dunkler Schatten fiel aus Höhe des fünfzehnten oder sechzehnten Stocks. Der Körper eines Menschen. Genau das hatte ich befürchtet. Deswegen, so glaubte ich in diesem Moment, war der Amokläufer aufwärts "gesurft". Er gehörte offenbar zu jener Sorte, denen es einzig und allein um die Inszenierung eines dramatischen Abgangs ging.

"Verdammt!", knurrte Milo.

Im nächsten Moment hörten wir tief unten seinen Körper aufschlagen.

Ein alptraumhafter Laut.

Im nächsten Moment wurde es hell im Schacht. Eine gewaltige Explosion brach los. Tief unter uns war eine Flammenhölle. Der Knall war ohrenbetäubend. Offenbar war eine der Handgranaten losgegangen, die der Kerl bei sich trug. Wahrscheinlich hatte er den Auslöser noch gezogen, während er in die Tiefe fiel. Die Druckwelle erfasste die Liftkabine, auf deren Dach wir uns befanden mit voller Wucht. Wir mussten uns festhalten, klammerten uns an den Drahtseilen fest. Es wurde höllisch heiß. Wir kletterten in die Kabine zurück. Zuerst Milo, dann ich. Leslie und Jay nahmen uns in Empfang, halfen uns dabei. Eine weitere Detonation erschütterte jetzt den gesamten Aufzugsschacht.

"Der Kerl scheint jede Menge Explosives bei sich gehabt zu haben", kommentierte Milo den zweiten Knall.

Wir traten aus der Kabine heraus.

"Jesse! Milo! Was ist da bei euch los, verdammt noch mal?", dröhnte die Stimme von Captain Rovanovich in meinem Ohrhörer.

Ich atmete tief durch.

"Der Kerl hat sich das verschafft, worauf er es wohl von Anfang an abgesehen hatte - einen spektakulären Abgang", berichtete ich.

"Er hätte auf dein Angebot eingehen sollen, Jesse!", murmelte Milo düster. "Dann wäre er auch berühmt geworden..."

Ich schloss einige Augenblicke lang die Augen. Die aufgeregte Stimme von Captain Rovanovich beachtete ich für den Moment nicht weiter. Irgendetwas stimmt hier nicht, durchzuckte es mich. Ich konnte nicht sagen, was genau es war. Aber ich hatte das deutliche Gefühl, dass es hier um mehr ging, als nur um einen Mann, der in die Psychiatrie gehört hätte. Ich zermarterte mir das Hirn, versuchte mir noch einmal im Einzelnen zu vergegenwärtigen, was gerade geschehen war. Irgendein winziges Detail passte nicht ins Bild. Nur ein winziges Stück in einem Puzzle. So sehr ich mich auch anstrengte, es fiel mir nicht ein. Noch nicht.

5

Am nächsten Morgen saßen wir im Besprechungszimmer von Mister McKee, dem Chef des FBI Field Office New York im Rang eines Special Agent in Charge. Außer Milo und mir waren auch die Agenten Jay Kronburg und Leslie Morell anwesend. Darüber hinaus Max Carter aus dem Innendienst unseres Field Office.

"Ich möchte mich für Ihren Einsatz bedanken", sagte Mister McKee. "Dass dieser Mann es am Ende doch vorgezogen hat, seinem Leben ein spektakuläres Ende zu setzen, war ganz gewiss nicht Ihr Fehler! Immerhin scheint sich der Verdacht, dass dieser Amoklauf irgendeinem terroristischen Hintergrund hat, bislang nicht bestätigt zu haben...."

Seit dem Anschlag auf das World Trade Center waren sämtliche offiziellen Stellen in den USA in dieser Hinsicht äußerst sensibel und gingen jedem, auf den ersten Blick noch so geringfügigen Verdacht nach. Dabei drohte die Gefahr durchaus nicht nur durch die Anhänger von Al-Quaida. Manchmal geriet allzu leicht in Vergessenheit, dass einige der schlimmsten und skrupellosesten Terror-Anschläge der letzten Jahre von US-Bürgern im eigenen Land verübt worden waren. Der Bombenleger von Oklahoma City war da nur ein Beispiel.

Ich nippte an meinem Kaffee.

Mandys Spezialmischung. Der Kaffee, den die Sekretärin unseres Chefs braute, war im gesamten Bundesgebäude an der Federal Plaza eine Legende.

Mister McKee gab inzwischen das Wort an Max Carter weiter.  "So wie ich das sehe, dürfte der Fall so gut wie abgeschlossen sein, auch wenn noch nicht alle Berichte vollständig vorliegen. Bei dem Amokläufer handelt es sich um einen ehemaligen US-Marine und Teilnehmer am ersten Golfkrieg 1991. Ronald W. Dexter jr., ein für seine Tapferkeit ausgezeichneter Sergeant. Sein letzter Einsatz war in Somalia. Dexter kehrte hochgradig traumatisiert zurück und wurde für dienstunfähig erklärt. Nach seinem Ausscheiden aus dem Marine Corps schloss er sich einer Rocker-Gang an, deren Angehörige von Clubbesitzern als Türsteher engagiert wurden. Diese Türsteher kontrollierten, welche Dealer und Prostituierten in die Clubs hineinkamen und welche nicht."

"Sicher ein einträgliches Geschäft!", kommentierte Jay Kronburg.

Carter fuhr fort. "Dexter handelte sich ein paar Vorstrafen wegen Körperverletzung ein, war wohl zeitweilig auch drogensüchtig. Nach Angaben seines Bewährungshelfers hat ihn am Ende sogar seine Gang ausgestoßen..."

Ein tragisches Schicksal, ging es mir durch den Kopf. Vom gefeierten Held aller Patrioten zu einem drogensüchtigen Outcast. Aber war das Grund genug, um mit einer Waffe und mehreren Handgranaten in ein großes Kaufhaus zu gehen, um dort ein Blutbad anzurichten? Keiner der Menschen, die dort in Mitleidenschaft gezogen worden waren, hatte Dexter etwas angetan. Der pure Zufall hatte sie zu seinen Opfern gemacht.

Ich lehnte mich etwas zurück, nahm noch einen Schluck Kaffee.

Max Carter setzte inzwischen seine Ausführungen fort.

"Es gibt hier einen Bericht von Dr. Jeremy Eisenman. Er ist forensischer Psychiater und attestierte Dexter im letzten Jahr im Zusammenhang mit einer Körperverletzung eine schwere Psychose. Dexter hatte offenbar Wahnvorstellungen, glaubte verfolgt zu werden."

"Aber was hat dazu geführt, dass er gestern durchdrehte?", fragte ich.

Max Carter zuckte die Achseln. "Eine Verkettung unglücklicher Umstände vielleicht. Wahrscheinlich werden wir es nicht mehr herausfinden."

"Der Fall steht mehr oder weniger kurz vor dem Abschluss", erklärte Mister McKee. "Ich bin froh, dass wir es wenigstens mit einem gewöhnlichen Verrückten zu tun hatten - und nicht mit dem Selbstmordattentäter irgendeiner wahnsinnigen Terror-Sekte!"

Mein Instinkt meldete sich. Irgendetwas passte hier nicht zusammen. Ich wandte mich an Max Carter. "Hast du was dagegen, wenn ich mir den vorläufigen Bericht mal ansehe?"

"Bitte!"

6

Später saßen Milo und ich in unserem gemeinsamen Dienstzimmer, das wir uns schon seit einer Ewigkeit teilten.

"Ich verstehe dich nicht", meinte Milo. "Was hoffst du in diesem verdammten Bericht zu finden? Wir haben jede Menge Arbeit, da sollte uns dieser Dexter nicht länger beschäftigen, als unbedingt notwendig."

"Milo, ich möchte, dass wir das alles noch einmal durchgehen..."

"Wenn's sein muss."

"Muss sein."

"Dafür bist du mir dann aber was schuldig!"

"Durch die Handgranaten-Explosion unten im Schacht ist kaum etwas von Dexter übrig geblieben..."

"Aber wir wissen, dass er eine automatische Waffe vom Typ FDK-234 Remington, Kaliber .44 benutzte. Von dem Schießeisen blieb genug übrig, um es identifizieren zu können..."

"Andernfalls müssten wir ein paar Tage warten, bis die Kollegen der Ballistik die Projektile untersucht hätten, die Dexter verballert hat!"

"Die FDK-234 ist eine automatische Waffe." Ich deutete auf den Computerschirm. Milo umrundete den Schreibtisch und sah sich die Abbildung an, die ich mir von der Internetseite des Herstellers heruntergeladen hatte. "12 Schuss sind im Magazin. Die Hülsen werden automatisch ausgeworfen, es gibt keinen Sicherungsbügel und selbstverständlich braucht man sie nicht durchzuladen..."

"Worauf willst du hinaus, Jesse?"

"Ich habe mir die ganze Zeit das Hirn zermartert. Ich kam einfach nicht drauf. Aber jetzt hat es klick gemacht!"

"Na, da bin ich aber gespannt!"

"Du musst es auch gehört haben..."

"Was?"

"Kurz bevor der Kerl in die Tiefe sprang, habe ich gehört, wie eine Waffe durchgeladen wurde."

Milo sah mich entgeistert an, runzelte die Stirn und schüttelte schließlich energisch den Kopf.

"Das gibt doch keinen Sinn, Jesse!"

"Eben. Es sei denn, man geht davon aus, dass da noch jemand war..."

"Das ist nicht dein Ernst!"

"Ich habe einen Laserpointer aufblitzen sehen. Davon ist aber nichts gefunden worden, wenn man nach den Ergebnissen des Berichtes geht!"

"Kann sein, dass er durch die Detonation so zerfetzt wurde, dass Spezialisten ein halbes Jahr die Einzelteile zusammenpuzzeln müssten..."

"Vielleicht war Dexters Waffe auch gar nicht mit einem Laserpointer ausgestattet!"

"Es gibt Videoaufzeichnungen des Amoklaufs, Jesse."

"Worauf warten wir noch?"

"Glaubst du, dass der Aufwand wirklich lohnt? Außerdem sind die Bänder im Labor. Warten wir doch einfach ab, was die Kollegen der Scientific Research Division in der Bronx herausfinden..."

Ich erhob mich von meinem Bürostuhl.

"Angenommen, Dexter ist gar nicht gesprungen, sondern wurde erschossen... Der Täter hätte irgendwo aus einer der anderen Liftkabinen heraus feuern können. Wie leicht sich die Außenwandung öffnen lässt, haben wir ja gesehen. Ein Kinderspiel."

"Es gab kein Schussgeräusch."

"Dann hat er einen Schalldämpfer benutzt."

"Wenn du angeblich hören konntest, wie eine Waffe durchgeladen wird, dann müsstest du trotz Schalldämpfer auch etwas von dem Schuss mitgekriegt haben."

"Hängt davon ab, ob bei der verwendeten Waffe seitlich Schall austreten kann oder nicht. Und natürlich von der Qualität des Dämpfers. Du weißt genau, dass es Modelle gibt, bei denen man wirklich so gut wie nichts hört. Außerdem gab es Nebengeräusche, die das leicht überdecken konnten. Du hast doch von dem Durchladen auch nichts mitgekriegt, Milo!"

"Und das Mündungsfeuer? Jesse, du willst jetzt nicht behaupten, dass du so etwas gesehen hättest!"

"Nein, das nicht...", musste ich zugeben.

"Na siehst du!", meinte Milo. "Es war ziemlich dunkel, dass hätte richtig geblitzt, meinst du nicht auch?"

"Je nachdem, in welchem Winkel wir zum Schützen gestanden hätten. Wenn wir mit dem Rücken zu ihm gestanden haben..."

Milo unterbrach mich.

"Du bist unverbesserlich, Jesse, aber diesmal hast du dich eindeutig verrannt!"

"Milo!"

"Wenn du deine Theorie Mister McKee vortragen willst, halte ich dich nicht ab, Jesse. Aber alles, was du damit erreichen wirst ist, dass du ein paar Tage auf Erholungsurlaub geschickt wirst! Außerdem ergibt das doch keinen Sinn, was du da sagst!"

"Wieso?"

"Wer sollte denn ein Motiv dazu haben, Dexter in den Fahrstuhlschacht nachzusteigen, um ihn abzuknallen? Jedenfalls besteht die Bewaffnung der Security Guards nicht aus Waffen, die mit Laserpointern ausgestattet sind. Ganz zu schweigen von einem Schalldämpfer..."

Ohne Schalldämpfer hätten Milo und ich in dem geschlossenen Liftschacht das Schussgeräusch nicht überhören können.

Dass einer der Wachmänner oder der Cops im Rahmen des Einsatzes auf Dexter geschossen hatte, war so gut wie auszuschließen. Der Einsatz war schließlich von Captain Rovanovich zentral koordiniert worden.

"Es gibt noch eine Möglichkeit, die vielleicht alles erklärt, Jesse."

Ich sah meinen Partner an, hob die Augenbrauen. "Da bin ich aber gespannt!"

"Dexter könnte sich selbst erschossen haben. Den Lauf an die Schläfe und Peng."

"Und warum das?"

"Er hatte Angst, in der Tiefe auf dem Asphalt aufzuschlagen. Klingt absurd, aber psychologisch erklärbar. Du weißt selbst, dass es immer wieder Selbstmörder gibt, die auf Nummer Supersicher gehen..."

"...und die Handgranate hat sich dann von selbst gezündet!"

Milo schüttelte den Kopf. "Du lässt nicht locker, was? Dexter könnte den Auslöser der Handgranate zuerst betätigt, sich dann erschossen und hinabgestürzt sein."

"Vorausgesetzt er war schnell."

"Er war ein Marine, Jesse", gab Milo zu bedenken.

7

Was hast du nur getan, Ron!, durchzuckte es die junge Frau. Sie stellte die Kaffeetasse auf der Anrichte ihrer Wohnküche ab, strich sich anschließend mit einer fahrigen Geste eine blonde Strähne aus dem Gesicht.

Susan Dexter traten Tränen in die Augen. Wie gelähmt saß sie vor dem Fernseher und starrte auf den Bildschirm. Ein Reporter in kariertem Jackett berichtete über das Thema eins aller New Yorker Lokalsender. Der Amokläufer im Macy's. Susan hatte schon am Abend davon gehört, diese Nachricht aber nicht mit ihrem Bruder Ron in Verbindung gebracht. Erst jetzt wurde ihr die Wahrheit bewusst.

Tränen rannen ihr über das Gesicht und verwandelten ihr Make-up in ein Aquarell. Ron war zehn Jahre älter als sie. Bevor er zu den Marines gegangen war, hatte sie eine sehr starke Bindung zu ihrem großen Bruder gehabt. Später nicht mehr. Zu stark hätte er sich verändert. Dennoch, sein Tod und dessen grauenhafte Begleitumstände rissen Susan in einen Abgrund der Depression.

Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Warum nur?, durchzuckte es ihre Gedanken. Ein dicker Kloß steckte im Hals. An der Tür klingelte es. Erst beim zweiten Mal wurde es ihr wirklich bewusst. Sie ging zur Tür, blickte durch den Spion. Zwei Männer in schwarzen Anzügen standen vor der Tür. Susan aktivierte mit einem Knopfdruck die Sprechanlage.

"Was möchten Sie?", fragte die junge Frau.

"Miss Dexter? Wir sind von der Homicide Squad des 23. Precinct, New York Police Department. Mein  Name ist Lieutenant Smith. Neben mir steht mein Partner Sergeant Romero. Wir möchten Ihnen ein paar Fragen stellen..."

Susan schluckte. Ein dicker Kloß steckte ihr im Hals. Es geht bestimmt um Ron und das, was er im Macy's angerichtet hat!, durchzuckte es sie. Sie spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden. Sie hatte weiche Knie. Der Schock, den sie durch die Nachricht von der Wahnsinnstat ihres Bruders erlitten hatte, steckte ihr sichtlich in den Knochen.

Der Mann, der sich Smith nannte hielt ihr seine ID-Card vor den Spion.

"Einen Augenblick", murmelte sie, fast wie in Trance. Die ganze Situation erschien ihr vollkommen irreal. Sie öffnete die Tür. Die beiden Männer traten ein, ließen den Blick durch das Ein-Zimmer-Apartment schweifen.

Der Mann, der als Sergeant Romero vorgestellt worden war, trat ein paar Schritte nach rechts und warf einen Blick ins Bad. Dabei hatte er die Hand an der Waffe, die er im Gürtelholster unter dem Jackett trug.

Smith' Gesicht blieb unbewegt.

Er musterte Susan einen Augenblick. "Miss Dexter, Ihr Bruder..."

"Ich habe es eben in den Nachrichten erfahren!", sprudelte es aus ihr heraus. "Und ich habe keine Ahnung, weshalb er etwas so Schreckliches getan hat. Ich meine, mir war natürlich bekannt, dass Ron nicht mehr derselbe war, seit er damals aus Somalia zurückkehrte. Die Bilder von dem toten US-Marine, der durch die Straßen von Mogadischu geschleift wurde, gingen ja um die Welt. Ron muss dort schreckliche Szenen miterlebt haben." Sie atmete tief durch, schluckte und verschränkte die Arme vor der Brust.  "Posttraumatischen Belastungstrauma, so lautete die Diagnose. Sie werden natürlich sagen, dass so etwas keine Entschuldigung dafür sein kann, wenn jemand Jahre später in voller Bewaffnung in ein Kaufhaus geht und ein Blutbad hinterlässt..."

"Es muss ein Schock für Sie sein, das von Ihrem Bruder zu erfahren", sagte Smith.

Sie nickte. "Ich kann es noch immer nicht glauben."

"Nach unseren Unterlagen sind Sie Ron Dexters einzige noch lebende Verwandte."

"Ja. Unsere Eltern starben vor drei Jahren an den Folgen eines Verkehrsunfalls."

"Was machen Sie beruflich, Miss Dexter?"

"Ich bin Lehrerin an einer Grundschule hier in Queens. Im Moment sind Ferien."

"Hatten Sie in letzter Zeit des öfteren Kontakt mit Ihrem Bruder?"

"Nein..."

Susan war etwas verwirrt. Warum diese Fragen?

"Wir wissen, dass Ihr Bruder vor drei Tagen hier in Ihrer Wohnung war, Miss Dexter", meldete sich jetzt Romero zu Wort.

"Sie haben Ron beobachtet!", stieß sie hervor.

"Wir haben uns bei den Nachbarn erkundigt... Ich muss Ihnen leider noch ein paar weitere unerfreuliche Dinge über Ihren Bruder sagen", fuhr Smith nach kurzer Pause fort. "Er war in kriminelle Geschäfte verwickelt, ob Sie es nun glauben oder nicht."

Susan nickte leicht. "Er hatte jeden Halt verloren", murmelte sie. "Ich habe ihn vor drei Tagen zum erstenmal seit über einem Jahr gesehen..."

"Wissen Sie, was Ihr Bruder in der Zeit davor gemacht hat?"

"Keine Ahnung."

"Sie hatten überhaupt keinen Kontakt?", vergewisserte sich Smith.

Susan Dexter wich einen Schritt zurück. "Warum ist das so wichtig für Sie? Bei allem Respekt Sir, aber ich habe mit dem, was gestern im Macy's passiert ist, nicht das Geringste zu tun. Ich verstehe also nicht, weshalb Sie mich..."

Smith unterbrach sie. "Vor drei Wochen hat Ihr Bruder Sie angerufen. Das können wir beweisen."

Susan schluckte. "Woher wissen Sie das? Hören Sie mein Telefon ab?"

Smith gab darauf keine Antwort.

"Erzählen Sie mir, was er von Ihnen wollte."

"Ich dachte, Sie wissen es!"

"Ich möchte sehen, ob Sie uns nun die Wahrheit sagen!"

Susan atmete tief durch. "Ron war in Schwierigkeiten."

"Was für Schwierigkeiten?"

"Hat er nicht gesagt. Er war in Eile." Susan machte eine kurze Pause. Die Gedanken rasten nur so in ihrem Kopf. Es hat keinen Sinn, mit irgendetwas hinter dem Berg zu halten!, ging es ihr durch den Kopf. Ron kannst du mit deiner Aussage sowieso nicht mehr schaden... Susan fuhr fort: "Er bat mich, etwas für ihn aufzubewahren. Wir kamen nicht einmal dazu, einen Treffpunkt auszumachen, dann war das Gespräch schon zu Ende."

"Aber als Ron Dexter vor drei Tagen bei Ihnen auftauchte, hat er es Ihnen gegeben?"

"Ja", flüsterte Susan.

"Dann händigen Sie es uns bitte aus."

Susan nickte, ging zu einem Schrank, öffnete die Schublade und holte eine braunen Umschlag hervor. Smith nahm ihn ihr aus der Hand, öffnete ihn und holte zwei CD-Roms hervor. Er schob sie zurück.

"Worum geht es hier eigentlich?", wollte Susan.

Sie erhielt keine Antwort.

"Haben Sie sich angesehen, was auf den Scheiben drauf ist?", fragte Smith.

"Nein."

"Das ist gut so."

Smith nickte Romero zu, der breitbeinig auf der Couch saß. Romero griff unter sein Jackett, zog seine Pistole hervor. Aus der Seitentasche des Jacketts holte er einen Schalldämpfer und schraubte ihn anschließend in aller Seelenruhe auf. Dann lud er die Waffe durch.

"Sie sind keine Cops!", stieß Susan hervor.

Ihr Gesicht war zu einer Maske des Entsetzens geworden.

Sie erwachte aus ihrer Erstarrung, schnellte zurück und kam gerade noch bis zur Anrichte ihrer Wohnküche. Zweimal machte es "Plop". Romeros erster Schuss traf Susan in der Bauchgegend, der Zweite durchdrang die Schläfe. Ihr Körper zuckte. Als sie zu Boden fiel, riss sie die Kaffeetasse mit sich, die noch auf der Anrichte stand. Die Tasse zersprang auf dem Boden. Der Kaffee spritzte hoch auf. Smith wischte ärgerlich ein paar Tropfen von seinem Jackettärmel.

"Sorry", sagte Romero.

"Schon gut."

"Hätten wir sie wirklich umbringen müssen? Sie hat uns doch die Cop-Nummer abgekauft!"

"Ich gehe gerne auf Nummer sicher." Smith deutete auf den Computer, der in einer Ecke angeschlossen war. "Wer weiß, ob sie sich die Scheiben nicht doch angesehen hat!"

8

Die Untersuchungen im Fahrstuhl-Schacht des Macy's waren kompliziert. Spezialisten der Scientific Research Division hatten dort wahrscheinlich noch ein paar Tage zu tun, um Spuren zu sichern. Das Kaufhaus würde während dieser Zeit geschlossen bleiben. Mit einem aussagekräftigen Bericht war nicht so schnell zu rechnen.

Dennoch gab es bereits am nächsten Morgen erste Hinweise darauf, dass Ron Dexter vielleicht doch nicht aus eigenem Antrieb den Tod gefunden hatte.

Unser Chefballistiker Agent Dave Oaktree erläuterte uns die Daten, die sich bislang ergeben hatten. "Das Schwierigste bei diesem Fall ist die Sicherung der Spuren", erläuterte uns Dave bei der allmorgendlichen Besprechung in Mister McKees Büro. "Das gilt nicht nur für uns. Ich nehme an, die Kollegen von der Gerichtsmedizin haben da weitaus größere Probleme. Schließlich hat die Explosion der Handgranate fast alles zerfetzt, was Erkennungsdienstler normalerweise unter das Mikroskop legen. Aber es gibt zum Glück ein paar Dinge, die auch gegen Explosionen ziemlich resistent sind. Projektile zum Beispiel. Dexter benutzte eine MLK 27. Das ist eine automatische Pistole, die auch für den FBI mal als Standardwaffe in der näheren Auswahl war, bevor man sich schließlich für unsere SIG Sauer P 226 entschied. Der Punkt ist der: Es wurde im Schacht geschossen. Wir haben zwei Projektile gefunden. Ob Dexter wirklich durch diese Schüsse starb, ist schwer zu sagen. Die Kollegen der Gerichtsmedizin werden versuchen, das durch Untersuchungen an verschiedenen Knochenfragmenten festzustellen. Falls Knochen getroffen oder auch nur gestreift wurden, stehen die Chancen gut, falls die Schüsse nur durch weiches Gewebe gedrungen sind, wird man diese Frage nie mehr mit absoluter Sicherheit klären können. Aber eins steht zweifelsfrei fest: Sowohl die verschossenen Projektile, als auch die ebenfalls aufgefundenen Patronenhülsen sind nicht mit Dexters Waffe abgeschossen worden!"

Mister McKee hob die Augenbrauen.

"Konnten Sie denn noch ballistische Tests mit Dexters Waffe durchführen?"

Dave Oaktree schüttelte energisch den Kopf. "Nein, natürlich nicht. Die MLK war in einem viel zu schlechten Zustand. Aber wir konnten die Projektile mit jenen vergleichen, die der Amokläufer zuvor abgeschossen hatte. Der Befund ist eindeutig. Es wurde aus einer anderen Waffe gefeuert."

"Kommt einer der Security Guards in Frage?", hakte Mister McKee nach.

"Das Kaliber passt nicht. Die Guards im Macy's tragen alle einen Smith & Wesson-Revolver vom Kaliber .38 Special."

"Und jemand von unseren Leuten, der sich vielleicht besonders hervortun wollte?"  Mister McKee sprach diese Vermutung in gedämpftem Tonfall aus. Es war schier undenkbar, dass sich ein FBI-Agent oder ein Officer des NYPD so verhielt. Und doch konnte man diese Möglichkeit nicht völlig außer Acht lassen.

"Das ist nicht anzunehmen", erklärte Dave. "Natürlich kann niemand garantieren, dass alle im Einsatz befindlichen Kräfte unsere Standard-Waffen benutzt haben. Dann würde uns nicht einmal eine ballistische Untersuchung sämtlicher eingesetzter Waffen etwas nutzen. Aber ich denke, wir kommen auf einem anderen Weg schneller ans Ziel."

"Und der wäre?"

"Warten Sie..."

Dave Oaktree projizierte mit Hilfe eines Beamers, den er an seinem Laptop angeschlossen hatte, eine schematische Darstellung des Aufzugsschachtes an die Wand. "Wir haben hin und her gerechnet...", meinte er und markierte mit einem Laserpointer eine bestimmte Stelle in der Schachtwand.  "Hier traf eines der Geschosse auf und blieb stecken. Wir fanden mikroskopische Gewebespuren. Die Kugel muss den fallenden Körper durchschlagen haben. Der Schütze befand sich etwa in Höhe achten Stocks."

"Das bedeutet, dass wir den Täter auf Video haben müssten", stieß ich hervor. "Schließlich wird das Macy's flächendeckend überwacht.

Dave Oaktree nickte. "Stimmt."

"Der Killer wird die Außenhaut von einer Liftkabine geöffnet und von dort geschossen haben."

"Wir haben die Kabine identifiziert. Allerdings wissen wir nicht, in welche Etage er in den Lift gestiegen ist. Das bedeutet eine lange Video-Sitzung."

Das Verfahren, das Dave Oaktree vorschlug war aufwändig. Und es war noch nicht einmal sicher, dass etwas Brauchbares dabei herauskam. Wenn der Täter nur von hinten oder aus einem ungünstigen Winkel zur Überwachungskamera zu sehen war, konnte man ihn eventuell selbst anhand von Videobildern nicht identifizieren.

"Was das Motiv angeht, so tappen wir wohl noch vollkommen im Dunkeln", meinte Milo.

"Das Rätsel wird noch etwas verworrener, Milo", erklärte Mister McKee. "Gestern Abend wurde Ron Dexters Schwester Susan in Queens tot in ihrer Wohnung aufgefunden."

"Da muss natürlich nicht unbedingt ein Zusammenhang bestehen", meinte ich.

Mister McKee wandte den Blick in meine Richtung. "In diesem Fall besteht aber einer. Der ballistische Schnelltest hat ergeben, dass Susan Dexter mit derselben Waffe getötet wurde wie ihr Bruder."

Mir fiel der Kinnladen herunter. "Das gibt's doch nicht!"

"Es werden natürlich noch eingehendere Untersuchungen durchgeführt, deren Resultate wir nicht vor morgen früh haben. Aber ich rechne damit, dass dieses Ergebnis bestätigt wird."

9

Milo und ich fuhren in die Broxon Lane in Queens. Nummer 412 war ein zehngeschossiges Apartmenthaus im Brownstone-Stil. Für New Yorker Verhältnisse waren die Mieten hier günstig.

Wir waren mit Captain Simon Cromer verabredet, dem Leiter der Homicide Squad II des 74. Reviers. Er leitete die Ermittlungen im Mordfall Susan Dexter. Wir trafen ihn zusammen mit zwei Kollegen der Scientific Research Division in der Wohnung an.

Cromer begrüßte uns freundlich.

"Sieht aus, als wäre das ein Fall für euch", meinte er. "Jedenfalls, nach dem vorläufigen ballistischen Bericht." Cromer kratzte sich am Hinterkopf. "Ich hätte nie gedacht, dass so etwas dabei herauskommt."

"Und wir haben jetzt die undankbare Aufgabe, herauszufinden, warum ein Kaufhausamokläufer und seine Schwester durch Projektile aus derselben Waffe getötet wurden."

"Dieser Ron Dexter hat eine bunte Vergangenheit", meinte Cromer. "Ich habe mir die Daten angesehen, die über NYSIS abrufbar sind. Vom hochdekorierten Kriegshelden zur gescheiterten Existenz..."

"Manchmal ist das nur ein kleiner Schritt", sagte Milo.

"So wie ich das sehe, war Dexter in den letzten Jahren ein Kleinkrimineller, mehr nicht. Vielleicht psychisch krank. Aber seine Schwester war eine graue Maus. Da gibt es nicht den geringsten Zusammenhang mit irgendwelchen halbseidenen Sachen."

"Vielleicht wissen wir einfach noch zu wenig über die Lady...", murmelte ich und ließ dabei den Blick durch das Apartment schweifen. Dort, wo die Tote am Vortag aufgefunden worden war, befanden sich weiße Markierungen mit Kreide. Überall waren Blutflecken zu sehen. Eine zersprungene Kaffeetasse lag auf dem Boden.

"Wann ist Susan Dexter gestorben?", fragte Milo.

"Gestern Nachmittag", gab Simon Cromer Auskunft. "Natürlich müssen wir da noch den Bericht der Gerichtsmedizin abwarten. Am Abend war Miss Dexter mit einem gewissen Allan Montgomery zu einem Theaterbesuch verabredet. Montgomery ist Angestellter einer Bank in Midtown Manhattan."

"Mit diesem Montgomery würde ich gerne sprechen."

"Die Adresse schreibe ich Ihnen auf. Jedenfalls haben Montgomery und Miss Dexter gegen 16.30 miteinander telefoniert. Als Montgomery sie dann gegen 19.30 abholen wollte, machte niemand auf. Er schöpfte Verdacht, drang in die Wohnung ein und fand seine Freundin. Susan Dexter starb also zwischen 16.30 und 19.30."

"Wie gelangte Montgomery in die Wohnung?", hakte ich nach.

"Er hatte einen Schlüssel. Die beiden hatten übrigens vor, in zwei Monaten zu heiraten."

"Wir sind hier soweit fertig", erklärte eine der beiden SRD-Kräfte. Eine attraktive Dreißigjährige, die selbst in dem weißen Einweg-Overall, den sie bei der Arbeit trug, noch sexy aussah.

Cromer wandte sich ihr zu und fragte: "Hat sich noch etwas Neues ergeben?"

Die SRD-Kollegin nickte und deutete auf die Couch. "Der Killer saß auf der Couch. Aber es befand sich höchstwahrscheinlich noch ein zweiter Mann im Raum."  Sie deutete auf eine bestimmte Stelle auf dem Teppichboden, die ebenfalls markiert war. "Der zweite Mann hat im weichen Teppichboden einen Abdruck seines Schuhabsatzes hinterlassen. Er scheint vor kurzem durch eine Öllache oder etwas Ähnlichem gelaufen zu sein."

"Könnte es sich um Montgomerys Abdruck handeln?", fragte ich.

Die SRD-Kollegin zuckte die Achseln. "Sofern er mindestens Schuhgröße 45 hat, ja."

"Solche Riesenfüße dürften uns wohl gleich ins Auge fallen, wenn wir in besuchen", raunte Milo.

Die schöne SRD-Kollegin wandte sich zur Tür. Dort angekommen blieb sie noch einmal stehen, drehte sich herum. "Noch was... Der zweite Mann hat vermutlich Kaffeeflecken an der Kleidung."

Ich hob die Augenbrauen.

"Woher wollen Sie wissen, dass es ein Mann war?"

Sie zuckte die Achseln. "Ich gebe es zu: Es könnte auch eine Frau mit Schuhgröße 45 aufwärts gewesen sein, aber die sind selten, oder?"

10

"Es muss hier gleich sein", sagte der Mann, der sich "Smith" genannt hatte. Er saß am Steuer eines weißen Toyotas.

"Romero" hatte eine Karte auf dem Schoß.

Sein Gesicht wirkte angestrengt.

Smith lenkte den Toyota die schmale Straße entlang, die sich etwa eine Stunde vom Big Apple parallel zur Connecticut-Küste verlief.

Schließlich erreichten sie den Parkplatz, der als Treffpunkt fungieren sollte.

Eine dunkle Limousine mit Überlänge parkte dort.

Zwei Männer in schwarzen Anzügen patrouillierten auf und ab. Sie waren mit MPis ausgerüstet.

"Unser Freund One-Eye ist schon da!", stellte Romero fest.

"Gefällt mir nicht", knurrte Smith.

"Wieso?"

"Ich bin gerne der Erste am Treffpunkt. Aus Prinzip. Dann kann man besser die Lage checken und man fühlt sich einfach sicherer."

Romero grinste, überprüfte kurz noch die Ladung seiner Pistole und die Justierung des Laserpointer. Er lud sie durch. Anschließend verbarg er die Waffe wieder unter der Jacke.

"Eine Automatik wäre praktischer", meinte Smith.

"Aber keine ist so leise wie dieses Eisen", gab Romero zur Antwort.

Er sah auf die Uhr. Smith lenkte den Toyota auf den Parkplatz, hielt etwa zwanzig Meter von der Limousine entfernt. Romero stieg zuerst aus, dann Smith. Die beiden Bodyguards richteten ihre MPis auf die beiden.

"So etwas nenne ich einen warmherzigen Empfang!", knurrte Romero.

Smith ließ den Blick schweifen. Nebel hing über dem Long Island Sound. Es war kühl.

"Ich werde allein mit One-Eye sprechen", sagte Smith. "Du bleibst hier und erschießt diese Bastarde, sollte mir jemand ein Haar krümmen."

"Mit Vergnügen!"

Smith griff unter sein Jackett, zog eine Pistole hervor und gab sie Romero. "Bewahre sie gut für mich auf!"

"Worauf du einen lassen kannst."

Smith ging auf die beiden Bodyguards zu, hob leicht die Hände dabei. Einer der beiden durchsuchte ihn kurz nach Waffen. Dann führte er ihn an die Limousine heran, während der andere Bodyguard Romero im Auge hielt.

Smith blickte in Richtung der Limousine.

Eine der getönten Seitenscheiben wurde herabgelassen.

Ein vollkommen haarloses Gesicht war zu sehen. Eine Filzklappe bedeckte das rechte Auge. Smith schätzte diesen Mann auf etwa fünfzig Jahre. One-Eye war sein Nickname. Wer der Kahlkopf wirklich war, wussten sie nicht.

"Wir haben Dexter zur Strecke gebracht", sagte Smith. "Jetzt sind Sie an der Reihe, Ihren Teil der Abmachung einzuhalten."

One-Eye besaß keine Augenbrauen. Sein Gesicht blieb vollkommen unbewegt, zeigte nicht die geringste Reaktion. "Was ist mit der zweiten Sache, die Sie für mich erledigen sollten?"

"Sehen Sie kein Fernsehen? Die New Yorker Lokalsender haben den Tod von Susan Dexter zwar nicht ganz so groß herausgebracht wie den Abgang ihres Bruders, aber..."

"Ich spreche von den CD-Roms."

"Wo ist das Geld?"

One-Eye schnipste mit den Fingern.

Der Bodyguard, der bislang seine MPi auf den unbewaffneten Smith gerichtet hatte, ging zum Kofferraum der Limousine, öffnete sie und holte einen Diplomatenkoffer hervor. Anschließend kehrte er zu Smith zurück und überreichte ihm den Koffer.

"Das Zahlenschloss hat die Kombination 12345", sagte One-Eye.

"Wie originell!", ätzte Smith.

Er öffnete den Koffer einen Spalt. Weit genug, um zu sehen, dass er mit Greenbucks gefüllt war.

"Die Summe stimmt", erklärte One-Eye.

"Falls nicht, werden Sie es bereuen", erwiderte Smith eiskalt.

Er griff unter seine Jacke, holte die beiden CD-Roms hervor, die Ron Dexter seiner Schwester zur Aufbewahrung gegeben hatte.

One-Eye nahm sie entgegen.

Er grinste zynisch. "Falls sich auf einer der Scheibe hier nur ein Baller-Game befinden sollte, dann werden Sie das bereuen!"

"Ich habe nicht die geringste Ahnung, was auf den CDs drauf ist!"

"Gut so. Leben Sie wohl. Falls ich Ihre Dienste noch einmal in Anspruch nehmen möchte, weiß ich ja, wie ich mit Ihnen in Kontakt treten kann..."

Die getönte Seitenscheibe der Limousine glitt empor. Das Gesicht des Kahlkopfs verschwand. Der Motor wurde gestartet. Die beiden Bodyguards stiegen zu und die Limousine brauste davon. Smith sah sie in Richtung Stamford fahren.

Smith reckte die Faust empor, stieß dabei einen Triumphschrei aus. Ein Superjob war das gewesen! Smith kehrte zu Romero zurück. Als die beiden Männer etwa zwei Meter voneinander entfernt waren, warf Romero ihm die Waffe zu. Smith fing sie auf, reichte Romero den Geldkoffer.

"Sieh mal nach, ob der einäugige Gauner sich nicht verzählt hat!" Romero legte den Koffer auf die Motorhaube des Toyotas, öffnete ihn.

"Wird Zeit, sich zur Ruhe zu setzen, was?", murmelte er. Ein zufriedenes Lächeln spielte um seine dünnen Lippen.

Smith hob die Pistole.

"Für einen dürfte es reichen!", meinte er.

Romero wirbelte herum, blickte direkt in den Lauf der Automatik.

Smith drückte ab.

Aus der Waffe löste sich kein Schuss. Es machte lediglich "klick". Romero griff in aller Seelenruhe zu seiner eigenen Waffe.

"Ich hatte mir schon gedacht, dass du keine Lust hast, zu teilen", zischte Romero zwischen den Zähnen hindurch. "Aber gerade eben warst du so sehr auf unseren Freund One-Eye fixiert, sodass du gar nicht mitgekriegt hast, wie ich das Magazin deiner Waffe entleert habe!"

"Du Bastard!"

"Mich den Hauptteil dieser Drecksarbeit machen lassen und dann mit dem Geld nach Rio! Das hätte dir so passen können!"

Der rote Punkt des Laserpointer ruhte zwischen Smith' Augen. Smith wollte sich in einem Anflug von Panik auf sein Gegenüber stürzen. Romero ließ ihm keine Chance. Er drückte ab. Getroffen taumelte Smith zu Boden, blieb regungslos in eigenartig verrenkter Haltung liegen. Romero schloss den Geldkoffer, trat an den am Boden liegenden Smith heran und drehte ihn mit dem Fuß herum.

"Volltreffer", murmelte Romero. "Oder wie würdest du das ausdrücken, Partner?" Romero lachte zynisch. "Ein Superjob!"

11

Milo und ich verbrachten noch etwa zwei Stunden in Haus Nummer 412, Broxon Lane. Wir zeigten Ron Dexters Foto herum und fragten nach zwei Männern, die Susan Dexter zur Tatzeit besucht hatten...

Ron Dexter wurde auf Grund seines auffälligen Äußeren von mehreren Mietern identifiziert. Nach ihren Aussagen hatte Dexter seine Schwester vor drei Tagen besucht.

Was die beiden Unbekannten anging, war unsere Aktion ein Schlag ins Wasser.

Niemand schien auf die beiden geachtet zu haben. Eine aufwendige Sicherheitstechnik inklusive Videoüberwachung gab es in diesem Haus leider nicht.

Also beschlossen wir, uns erst einmal Montgomery vorzunehmen.

Allan Montgomery war Anlageberater der Grand National Bank. Milo und ich suchten ihn in seinem Büro auf.

Wir stellten uns vor und zeigten ihm unsere Dienstausweise.

"Ich bin froh, dass sich das FBI für diesen Fall interessiert. Ich werde alles tun, um mitzuhelfen, denjenigen zur Strecke zu bringen, der Susan auf dem Gewissen hat." Allan Montgomery schluckte. Es war ihm anzusehen, dass ihn der Tod seiner Verlobten sehr mitgenommen hatte. Er presste die Lippen aufeinander, schüttelte stumm den Kopf. "Ich kann es immer noch nicht wirklich glauben. Manchmal hat Susan mich in der Mittagspause kurz angerufen. Und wenn jetzt das Telefon klingelt, dann..." Montgomery sprach nicht weiter. Mit einer fahrigen Handbewegung wischte er sich über das Gesicht. Die Augen waren leicht gerötet.

"Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Für uns ist alles wichtig, was mit Susan Dexter und ihrem Bruder zu tun hat..."

Montgomery wandte ruckartig den Kopf. "Sie reden über Ron..."

Ich nickte. "Ja."

"Dieser Verrückte... Er hat Susan letztlich zu Grunde gerichtet! Ron ist für Susans Tod verantwortlich..." Montgomery ballte die Hände zu Fäusten. Sein Gesicht wurde zu einer starren, grimmigen Maske.

"Das verstehe ich nicht", bekannte ich und bemerkte dabei Milos Blick. Er war auf Montgomerys Schuhe gerichtet. Allerhöchstens 43, so schätzte ich. Sicherheitshalber würde ich ihn trotzdem fragen, um jeden Zweifel daran auszuschließen. "Ron Dexter war tot, als Ihre Verlobte erschossen wurde...", gab ich zu bedenken.

Montgomery atmete tief durch. "Mag sein. Aber Ron war immer in irgendwelche krummen Sachen verwickelt. Er war drogensüchtig, arbeitete als Türsteher, wahrscheinlich auch als Zuhälter und wer weiß was noch alles. Es würde mich nicht wundern, wenn der Killer aus diesem Milieu käme."

"Dann werden wir ihn früher oder später finden", versprach ich.

"Sie scheinen ein Optimist zu sein, Agent Trevellian."

"Andernfalls hätte ich mein Leben nicht dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet", erwiderte ich.

Er musterte mich einige Augenblicke lang. Sein Gesicht wirkte jetzt nachdenklich. Schließlich murmelte er: "Ich glaube Ihnen sogar, Agent Trevellian. Für Sie scheint Ihre Tätigkeit beim FBI wirklich mehr zu sein, als nur ein Job." Er wurde jetzt etwas ruhiger, deutete auf eine Sitzecke und bot uns an Platz zu nehmen. Montgomery ließ sich als letzter in eine der klobigen Ledersessel fallen.

"Was können Sie uns noch über Susan Dexter und ihren Bruder sagen?", meldete sich Milo Tucker nach einer Pause des Schweigens zu Wort.

Montgomery hob die Augenbrauen.

"Dann gehen Sie beide also auch von einem Zusammenhang aus?"

"Ja", sagte ich entschieden.

Montgomery seufzte schwer. Schließlich erklärte er: "Ron rief ziemlich unregelmäßig an. Meistens wollte er Geld von Susan. Susan hat mir viel über ihn erzählt. Irgendwie scheint der Kerl seit seinem Ausscheiden aus dem Marine Corps nichts mehr richtig zu Stande gebracht zu haben. Nicht einmal ein einigermaßen erfolgreicher Krimineller war er. Sonst hätte er sich nicht immer wieder Geld borgen müssen. Wahrscheinlich hat er gezockt. Ich habe Susan gesagt, dass sie ihm keinen Cent mehr geben soll. Aber sie konnte ihm gegenüber einfach nicht nein sagen. Er tat ihr leid."

"Sind Sie Ron Dexter mal begegnet?", erkundigte ich mich.

Montgomery nickte. "Ich werde das nie vergessen. Susan und ich waren in einem französischen Restaurant in Chelsea. Ron platzte in schrägem Outfit herein und machte eine Riesenszene, bis Susan ihm einen Scheck ausstellte."

"Woher wusste er denn, wo Sie beide waren?"

"Wir waren ziemlich oft dort. Vermutlich hatte Ron seine Schwester zu Hause  nicht angetroffen und dann einfach die Örtlichkeiten abgeklappert, wo Susan zu finden war, wenn sie ausging."

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass Miss Dexter mit der Situation zufrieden war", meinte Milo.

Montgomery zuckte die Achseln. "Ron Dexter war ein psychisches Wrack. Das Problem war, dass er sich partout nicht helfen lassen wollte. Was soll man da machen? Für Susan wiederum war er das einzige, was von ihrer Familie übrig geblieben war."

"Sie erwähnten den Kollegen der Homicide Squad gegenüber, dass Dexter seine Schwester zum letzten Mal vor drei Tagen besucht hätte", fragte ich.

"Ja. Susan hat mir davon erzählt, ich war nicht dabei. Angeblich wollte er nicht einmal Geld von ihr."

"Sondern?"

"Sie sollte etwas für ihn aufbewahren. Als Susan mir das erzählte, dachte ich erst an Rauschgift oder dergleichen."

"Wissen Sie, was es war?"

"Susan hat es mir gezeigt. Es handelte sich um zwei CDs."

Milo und ich wechselten einen erstaunten Blick.

"Wissen Sie etwas über den Inhalt der Scheiben?", fragte Milo.

Montgomery lachte heiser auf. "Dieser Spinner Ron hat immer davon gesprochen, sich eines Tages seine Erlebnisse im Marine Corps von der Seele zu schreiben. Vor allem das, was seinen Einsatz im Rahmen der UNO-Mission in Somalia angeht. Vielleicht erinnern Sie sich an die Fernsehbilder von dem toten US-Marine, der von einem blutrünstigen Mob durch die Straßen Mogadischus geschleift wurde. So wie Susan es mir erzählte, muss ihr Bruder dort Zeuge unbeschreiblicher Grausamkeiten gewesen sein. Das Schlimmste war wohl, dass er mehr oder weniger zur Untätigkeit verdammt war. Das hat er nicht verwinden können."

Ich unterbrach Montgomerys Redefluss. "Sie meinen, auf den CDs war nichts weiter als Dexters Lebensbericht?"

"... und jede Menge Fotomaterial dazu."

"Trotzdem – das ist eine Menge Speicherplatz! Da hätte Dexter eine ganze Bibliothek voll schreiben können!"

"Mich dürfen Sie danach nicht fragen. Susan sollte eine Kopie aufbewahren. Dexter litt unter Schüben von Paranoia. Er war überzeugt, dass unsere Regierung verhindern wollte, dass seine Lebensbeichte ans Licht der Öffentlichkeit geriet. Das ist natürlich totaler Blödsinn."

"Sie sagten, Dexter hätte bei seinem letzten Auftauchen kein Geld von Susan gewollt", hakte Milo jetzt nach.

Montgomery nickte entschieden. "Stimmt. Vielleicht hatte er ausnahmsweise beim Zocken mal etwas gewonnen, wer weiß? Zwischenzeitlich hat er sich sogar durch Blutspenden und die Teilnahme an Medikamententests über Wasser gehalten."

"Medikamententester?", hakte ich nach. Normalerweise wurden Personen, die sich an offiziellen Testreihen großer Pharma-Konzerne beteiligten buchstäblich auf Herz und Nieren untersucht. Jemand, der wegen psychischer Schwierigkeiten in Behandlung gewesen war, schied gewöhnlich von vornherein aus dem Kandidatenfeld aus. Dasselbe galt für Drogensüchtige. Aber offenbar gab es schwarze Schafe in der Branche, die weniger wählerisch waren.

"Susan erwähnte das mal...", sagte Montgomery.

"Sie wissen nicht zufällig, für welches Unternehmen oder um was für eine Art von Medikamenten es ging?"

Montgomery schüttelte den Kopf.

"Nein, keine Ahnung. Ist das so wichtig?"

"Eine regelmäßig verabreichte Dosis von Medikamenten, deren Wirkung noch nicht restlos erforscht ist, könnte vielleicht der Auslöser für Dexters Amoklauf gewesen sein..."

Zuletzt fragte ich Montgomery nach der Schuhgröße. Er hatte 43, wie ich geschätzt hatte. Das bedeutete nicht mehr und nicht weniger, als dass unsere hübsche Kollegin von der Scientific Research Division wohl recht mit ihrer Vermutung hatte.

Zwei Personen hatten sich zum Zeitpunkt von Susan Dexters Ermordung in ihrer Wohnung aufgehalten.

12

"Sie haben mich rufen lassen,  Mister Flanagan?", fragte One-Eye. Das Haus von Jesper O. Flanagan in der Westlake Road Nr. 432, Newark, New Jersey, war nach dem Vorbild einer römischen Villa erbaut worden. Das Zentrum wurde durch ein Atrium gebildet. Bei schlechtem Wetter wurde es durch Glasscheiben überdacht. Flanagan war ein hagerer Mann in den Fünfzigern. Sein falkenhafter Blick war angestrengt auf die Rosensträucher gerichtet, die er gerade beschnitt. Zwei Dobermänner saßen hechelnd in der Nähe. Einer von ihnen knurrte leise.

One-Eye wartete geduldig ab.

Flanagan ließ durch nichts erkennen, dass er den Gast bemerkt hatte.

Mit fast zeitlupenhaften Bewegungen knipste er überzählige Triebe mit der Rosenschere ab.

Schließlich blickte er in One-Eyes Richtung.

"Kommen Sie näher!", forderte er.

One-Eye gehorchte, ging bis auf zwei Meter an den hageren Mann heran.

"Der Kerl, den Sie zu mir geschickt haben, um mich abzuholen, hat die Sache ziemlich dringend gemacht!", stellte One-Eye fest.

"Das ist sie auch." Flanagan atmete tief durch. Der Blick seiner grauen Augen musterte den Einäugigen von oben bis unten. "Ich will auf den Punkt kommen. Ihre Leute haben dieser Susan Dexter zwei CD-Roms abgenommen..."

"Das ist richtig", bestätigte One-Eye. Er musste unwillkürlich schlucken.

"Auf einer der beiden Scheiben war nichts drauf. Ich brauche aber den gesamten Datensatz!"

"Was?"

Dem Einäugigen fiel die Kinnlade herunter.

Sein Gesicht wurde noch blasser, als es ohnehin schon war.

Flanagan hob die Augenbrauen. "Haben Sie dafür irgendeine Erklärung?"

"Nein, Sir, ich..." One-Eye begann zu stammeln. Schließlich verstummte er.

"Sie wissen, was von dieser Sache abhängt!"

"Sicher."

"Sollte ich herausfinden, dass Sie mich hintergangen haben, dann werden Sie den Tag Ihrer Geburt irgendwann verfluchen. Ich werde Sie nämlich so fertig machen, wie nicht einmal ein Sadist wie Sie sich das vorzustellen vermag."

Ein Muskel zuckte unruhig unterhalb von One-Eyes Auge. Der Kahlköpfige wirkte nervös. "Vielleicht war diese Susan Dexter nicht die einzige Person, der etwas zur Aufbewahrung gegeben wurde."

"Sie glauben, Ron hat die Daten auf mehrere Verstecke verteilt?"

"Warum nicht? Würden Sie das nicht auch so machen, Mister Flanagan?"

Flanagan lachte zynisch. "Ich glaube, Sie überschätzen Ron Dexter. Dessen Hirn arbeitete doch nur noch einwandfrei, wenn es darum ging, den nächsten Kokain-Dealer ausfindig zu machen oder..." Er machte eine kurze Pause. "...jemanden zu töten", vollendete Flanagan dann.

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Flanagan wandte sich wieder dem Beschnitt der Rosen zu. "Vielleicht haben Sie einfach die falschen Leute mit der Sache betraut..."

"Mittlerweile scheint mir das auch so", knurrte One-Eye düster.

Flanagan schnipste mit den Fingern. "Regeln Sie das. Und zwar schleunigst."

"Ja, Sir."

13

Milo und ich fuhren am nächsten Tag nach Paterson, New Jersey. Dort hatte sich Dr. George McCullen zur Ruhe gesetzt. McCullen war einige Jahre Arzt und Psychiater in den Diensten des Marine Corps gewesen, bevor er eine eigene Praxis eröffnet hatte.

Ron Dexter war mehrere Jahre sein Patient gewesen.

Beide waren etwa zur gleichen Zeit aus den Diensten des Marine-Corps ausgeschieden.

Wir erhofften uns von McCullen einfach noch zusätzliche Informationen zu Ron Dexters Persönlichkeit. Eventuell ergaben sich auch weitere Anknüpfungspunkte für Ermittlungen.

In dieser Hinsicht sah es bislang nämlich ziemlich finster aus.

Unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell versuchten zur gleichen Zeit, einige jener Männer ausfindig zu machen, mit denen Dexter zusammen Mitglied in verschiedenen Rockerbanden gewesen war. Weitere Kollegen klapperten die Clubs und Diskotheken rund um den Big Apple ab, um Informationen aus jener Zeit zu erlangen, als Dexter noch Teil der Türsteher-Szene gewesen war.

Der erste Bruch in Ron Dexters Leben waren zweifellos die traumatischen Erlebnisse in Somalia und das damit verbundene Ausscheiden aus dem Marine Corps gewesen. Aber dieser Einsatz lag Jahre zurück. Danach hatte es offenbar noch einen zweiten Bruch in seiner Biographie gegeben, der geradewegs zur Macy's-Katastrophe geführt hatte.

Und da sowohl Susan als auch Ron offenbar von einem Profi-Killer umgebracht worden waren, lag der Verdacht nahe, dass hier Zusammenhänge mit dem organisierten Verbrechen bestanden.

"Wenn die Lebenserinnerungen eines Marine wirklich der Grund für einen Auftragsmord darstellen, dann sollten wir uns vielleicht mal die alten Kameraden aus dem Marine Corps vorknöpfen", meinte Milo, während wir die Liberty Lane in Paterson erreichten.

"Wenn wir doppelt so viele Leute hätten wäre das kein Problem", erwiderte ich. Seit dem Anschlag auf das World Trade Center hatte die Terrorismusbekämpfung in allen sicherheitsrelevanten Behörden absolute Priorität. Das war auch beim FBI nicht anders. Im Windschatten dieser Verfahrensweise versuchte so mancher gewöhnliche Kriminelle zu segeln.

Dr. McCullen wohnte in Haus Nummer 576. Eine schmucke Villa. Wir parkten am Straßenrand, gingen zum gusseisernen Einfahrtstor. Milo betätigte die Sprechanlage.

"Hier McCullen", meldete sich eine heisere Stimme.

"Special Agent Milo Tucker vom FBI Field Office New York. Wir möchten Ihnen ein paar Fragen zu einem Ihrer Patienten stellen."

"Ich bin an die gesetzliche Schweigepflicht gebunden. Es hat wenig Sinn, sich mit mir über ehemalige Patienten unterhalten zu wollen."

"Wir haben hier einen richterlichen Beschluss, der Sie von der Schweigepflicht entbindet. Es geht um Ron Dexter..."

"Wir können Sie natürlich auch offiziell vorladen lassen, Mister McCullen", mischte ich mich ein. 

Ein Kameraauge bewegte sich surrend. Es war oben auf der etwa zwei Meter hohen Mauer angebracht. Ich hielt meine ID-Card hoch.

Einige Augenblicke lang geschah gar nichts.

Schließlich meldete sich McCullens Stimme wieder. "Okay, kommen Sie herein und stellen Sie Ihre Fragen."

Das gusseiserne Tor öffnete sich selbsttätig.

Wir betraten das von einem parkähnlichen Garten umgebene Anwesen.

Ein grauhaariger Mann mit Halbglatze erwartete uns auf den Stufen des protzigen Säulenportals. Ich schätzte ihn auf Ende fünfzig. Die Rechte steckte in der Seitentasche seines Jacketts. Ich nahm an, dass er eine kurzläufige Waffe in der Hand hielt.

"Ich bin Agent Jesse Trevellian. Wir sind wirklich vom FBI. Ansonsten hoffe ich, dass die Waffe in Ihrer Jackentasche auch offiziell zugelassen ist."

McCullen war überrascht, wurde rot.

Er atmete tief durch, nahm vorsichtig die Hand aus der Tasche. Ein 22er-Revolver kam zum Vorschein.

"Die Waffe ist ordnungsgemäß registriert, das können Sie gerne überprüfen", sagte McCullen. Er reichte sie mir. Ich sah sie mir an. Immerhin war die Seriennummer nicht abgefeilt.

"Vor wem haben Sie Angst, Mister McCullen?", erkundigte sich Milo.

Er zuckte die Achseln. "Man braucht doch nur den Fernseher einzuschalten, um zu sehen, was heutzutage auf den Straßen los ist!"

"Ich nehme an, Sie können mir die Registrierung belegen."

"Sicher. Kommen Sie herein."

McCullen führte uns in die hohe Eingangshalle. Der Boden war mit Marmorplatten ausgelegt. Das Anwesen musste ein Vermögen gekostet haben. McCullen führte uns in einen Salon, der mit Antiquitäten nur so vollgestellt war. Der Psychiater deutete auf eine Sitzecke mit zierlichen Rokoko-Möbeln und bot uns etwas zu trinken an.

"Danke, wir sind im Dienst", sagte ich. Wir setzten uns.

McCullen schlug die Beine übereinander.

"Was wollen Sie über Dexter wissen?", fragte er.

"Können Sie uns etwas über seine psychische Erkrankung sagen?"

"Er litt unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Aber das müssten Sie seinen Akten eigentlich entnommen haben."

"Durch welches Erlebnis wurde dieses Trauma ausgelöst?", fragte ich.

"Während seines Einsatzes in Somalia geriet er zusammen mit zwei anderen Marines und einigen Somalis vorübergehend in Gefangenschaft. Einer der rivalisierenden Clans kidnappte die ganze Gruppe. Man hat Dexter und den beiden anderen Marines kein Haar gekrümmt. Schließlich wollte man Lösegeld für ihre Freilassung erpressen. Allerdings mussten sie mit ansehen, wie die einheimischen Gefangenen bestialisch verstümmelt und zu Tode gefoltert wurden. Sie gehörten einem verfeindeten Clan an und es gab wohl auch keine Aussicht, mit ihnen ein Lösegeld zu erzielen."

"Was ist aus den anderen beiden Marines geworden, die das mit ansehen mussten?"

"Einer ist heute Ausbilder im Fort Lejeune. Der andere verließ ebenso wie Dexter das Marine Corps, verfiel dem Alkohol und kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Umstände ließen darauf schließen, dass es in Wahrheit ein Selbstmord war."

"Sie waren damals bei den US-Truppen in Somalia."

"Ja."

"Waren die beiden anderen Marines auch bei Ihnen in Behandlung?"

"Natürlich."

"Dann geben Sie uns bitte die Namen."

"James Kirkpatrick und Harold Montalban. Dienstgrad und so weiter weiß ich nicht mehr. Sie werden die näheren Daten sicher vom Marine Corps bekommen..."

Milo mischte sich jetzt in die Befragung ein. "Warum verließen Sie selbst nach Somalia das Marine Corps, Dr. McCullen?"

Dr. McCullen lächelte dünn. "Weil ich es auf die Dauer leid war, ein kleines Rädchen in einer großen Maschinerie zu sein, wenn Sie verstehen, was ich meine."

"Ich glaube nicht, dass die Abfindung beim Marine Corps dazu ausreicht, sich eine Praxis einzurichten", hakte Milo nach.

McCullen lächelte dünn. "Ich hatte ein gutes Angebot aus der freien Wirtschaft. Es bringt bedeutend mehr, ausgebrannte Manager wieder in Top-Form zu coachen als traumatisierte Soldaten zu therapieren. Patriotismus zahlt sich eben im Endeffekt nicht aus." Er hob die Augenbrauen. "Ich fürchte, was Dexter angeht, kann ich Ihnen nicht sehr viel weiterhelfen. Seit einiger Zeit habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm."

"Wissen Sie, ob er bei einem anderen Psychiater in Behandlung war?", fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. "Nein."

"Bekam er Medikamente?"

"Er bekam etwas gegen Depressionen. Er hat zwar einen Entzug hinter sich, bei dem ich ihn auch medizinisch-psychologisch begleitet habe, aber ich bin überzeugt davon, dass er bis zuletzt Drogen genommen hat. Dafür habe ich einen Blick."

"Schildern Sie mir Ihr letztes Zusammentreffen mit ihm."

"Wir hatten uns zuvor eine ganze Weile nicht gesehen, er war mit ein paar zweifelhaften Typen aus seiner Motorrad-Gang durch die Vereinigten Staaten gezogen."

"Wie würden Sie seinen Zustand beurteilen?"

"Er wollte eine ziemlich große Menge an Schlafmitteln. Ich musste ihm leider sagen, dass ich nichts im Haus hätte und ihm nichts verschreiben könnte. Selbst wenn ich wollte." Dr. McCullen zuckte die Achseln. "Schließlich hatte ich mich in der Zwischenzeit ja zur Ruhe gesetzt und die Praxis geschlossen."

"Wie hat Dexter reagiert?", hakte ich nach.

"Ziemlich aufbrausend. Er war früher schon nahe daran gewesen, eine richtige Paranoia zu entwickeln. Inzwischen war es wohl so weit. Er beschuldigte mich, für die Regierung zu arbeiten, die ihn immer noch verfolgen würde."

Milo meldete sich zu Wort. "Hat er Ihnen gegenüber mal erwähnt, dass er seine Biographie schreiben wollte?"

McCullen lachte heiser. "Das war sein Lieblingsthema. Ich habe ihn auch dazu ermutigt, sich die Dinge von der Seele schreiben, die ihn belasteten."

"Wir haben Grund zu der Annahme, dass sowohl Ron als auch Susan Dexter umgebracht wurden, weil jemand in den Besitz von Ron Dexters Aufzeichnungen gelangen wollte."

McCullens Gesicht erstarrte. Für einen kurzen Moment glichen seine Züge einer eisigen Maske. Schließlich zwang er sich zu einem Lächeln. "Das klingt wie eine der wilden Verschwörungstheorien, an die Dexter glaubte. Die CIA, die Mafia und der Ku-Klux-Klan wollten ihn mit vereinten Kräften aus dem Weg räumen, so hat er es mir mal erläutert."

"War er nicht ein Fall für eine stationäre Behandlung?", erkundigte ich mich skeptisch.

"Das lässt sich im nach hinein natürlich leicht sagen. Aber zum damaligen Zeitpunkt war nicht vorhersehbar, dass dieser Mann zu einem Amokläufer mutieren würde. Menschliches Verhalten ist einfach nicht berechenbar."

Eine Frau betrat jetzt den Raum.

Sie war höchstens 25, trug ein hauteng anliegendes Kleid, das ihre attraktive Figur betonte. Das seidige, blauschwarze Haar fiel ihr über die Schultern.

"George...oh, ich wusste nicht, dass du Besuch hast."

McCullen erhob sich. "Kein Problem, Schätzchen!" Er legte besitzergreifend einen Arm um ihre schmale Schulter. "Darf ich dir die Special Agents Jesse Trevellian und Milo Tucker vorstellen?"

"FBI?", fragte die junge Frau besorgt.

"Ja, aber mach dir keine Gedanken." McCullen wandte sich uns zu und deutete auf die Frau in seinem Arm. "Dies ist Mona Garrison, eine... gute Bekannte!"

Für eine "gute Bekannte" drückte McCullen die junge Frau ziemlich eng an sich, wie ich fand.

Das Telefon läutete.

Mona musterte uns beide misstrauisch.

McCullen ging zum Apparat. Es handelte sich um ein sehr edles Uralt-Modell mit Wählscheibe. Es war teilweise vergoldet, der Griff des Hörers bestand aus Elfenbein. Ein Telefon, das zu der Ansammlung von Antiquitäten in McCullens Anwesen passte.

"Ich hoffe nicht, dass Sie den guten Doc eines Verbrechens verdächtigen!", säuselte Mona mit rauchiger Stimme.

Ich hörte ihr nur mit halbem Ohr zu, achtete mehr auf McCullen und das Telefon.

"Ja, ja, Sie sind richtig verbunden. Hier spricht Dr. McCullen. Aber ich habe meine Praxis seit geraumer Zeit geschlossen und bin an kostenlosen Medikamentenproben nicht mehr inter..."

Weiter kam der Psychiater nicht.

Der Hörer in seiner Hand explodierte.

14

Etwa zur gleichen Zeit befanden sich unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina in der Leichenhalle des Coroners von Stamford, Connecticut. Clive bekleidete den Rang eines stellvertretenden Special Agent in Charge. Damit war der flachsblonde Italoamerikaner nach Mister McKee der zweite Mann im Field Office New York.

Die State Police von Connecticut bearbeitete einen Leichenfund, der mit dem Dexter-Fall offenbar in Zusammenhang stand.

Auf einem Parkplatz an der Küstenstraße Richtung Stamford war ein Toter gefunden worden. Ein  NYPD-Dienstausweis und ein Führerschein hatte man bei ihm gefunden. Beide lauteten auf den Namen Norman E. Smith. Wie eine Daten-Schnellabfrage ergeben hatte, war zumindest die ID-Card des NYPD eine Fälschung.

Im Laufe des Vormittags war das vorläufige ballistische Gutachten erstellt worden.

Und dessen Ergebnis hatte den zuständigen Beamten der State Police dazu veranlasst, den FBI einzuschalten.

Der falsche Police-Lieutenant Norman E. Smith war nämlich mit derselben Waffe erschossen worden wie Ron Dexter und seine Schwester Susan.

"Schön, dass jemand vom Field Office so schnell Zeit für uns hatte", wurden sie von Ruben Van Doren begrüßt, einem Captain der State Police von Connecticut, die den Fall, um den es ging, zunächst bearbeitet hatte. Van Doren deutete auf den Mann im Weißkittel neben sich. "Das ist Dr. Soames von der Gerichtsmedizin. Er hat die Autopsie vorgenommen."

"Kommen Sie", sagte Dr. Soames und winkte die beiden G-men zu den Kühlfächern, in denen die Leichen aufbewahrt wurden. Er öffnete eins der Fächer. Ein weißes Tuch bedeckte den Körper des Toten. Soames zog es vom Gesicht. "Dieser Mann starb eindeutig durch die ihm beigebrachten Schussverletzungen", erläuterte er. "Er wurde aus einer Entfernung von maximal vier Metern erschossen. Laut den Papieren, die er bei sich trug, war dieser Mann 32 Jahre alt. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass er mindestens zehn Jahre älter ist. Das Haar ist übrigens gefärbt. In Wahrheit ist es vermutlich vollkommen ergraut."

"Welche Schuhgröße hatte er?", fragte Clive. "Unsere Kollegen haben nämlich am Tatort im Fall Susan Dexter einen Abdruck sichern können..."

"Fünfundvierzig. Die Sachen, die Smith oder wie immer sein tatsächlicher Name auch sein mag, am Leib trug, sind noch im Labor."

Clive wandte sich an Captain Van Doren. "Was die wahre Identität dieses Mannes angeht..."

"...haben wir bislang nicht die geringste Ahnung, Sir. Tut mir leid. Allerdings wurde die Waffe, die dieser Mann bei sich trug, vor einigen Wochen schon einmal benutzt."

"Wer war das Opfer?"

"Ein gewisser Gilbert Bradley, Mitte vierzig, ehemaliger Lieutenant im Marine Corps, Teilnehmer am ersten Golfkrieg und an verschiedenen anderen Einsätzen."

Orry hob die Augenbrauen. "Zufällig auch in Somalia?" erkundigte sich unser indianischer Kollege.

Van Doren zuckte die Achseln. "Ich habe Ihnen ein Dossier zusammengestellt, lesen Sie es selber nach. Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls ist dieser Bradley nach seiner Dienstzeit ziemlich weit heruntergekommen, kam sozusagen auf die schiefe Bahn. Er gehörte verschiedenen kriminellen Rockerbanden an und hat diverse Vorstrafen wegen Körperverletzung und Drogendelikten vorzuweisen."

"Klingt nach einem Zwilling von Ron Dexter", fand Orry.

Clive fiel die Parallele ebenfalls auf. "Wäre doch nicht ausgeschlossen, dass Dexter und Bradley sich gekannt haben", murmelte er nachdenklich.

"Vielleicht standen sie demselben großen Boss im Weg", war Van Dorens Vermutung. "Schließlich bewegten sie sich doch wohl beide in sehr halbseidenem Milieu. Wer weiß, wen die gegen sich aufgebracht haben..."

"Gut möglich", nickte Orry.

Van Doren fuhr fort: "Kommen Sie, ich möchte Ihnen in einem etwas angenehmeren Ambiente die Videoaufzeichnung des Tatorts vorführen. Da gibt es nämlich auch noch ein paar interessante Details."

"Ich bin gespannt", bekannte Clive.

"Und noch was: Dieser Smith benutzte eine Kreditkarte, die auf denselben Namen ausgestellt war wie seine anderen Papiere. Dadurch haben wir herausbekommen, dass er ein Haus an der Küste bei Buckner Bay gemietet hat, das ist dreißig Meilen weiter die Küste entlang."

"Waren Sie schon dort?"

"Kollegen haben sich das Haus angesehen und Spuren gesichert. Offensichtlich ist es noch von einer zweiten Person bewohnt worden. Den Utensilien im Bad nach ein Mann."

"Vielleicht der Mörder?", fragte Orry.

Captain Van Doren zuckte die Achseln. "Wie auch immer, wir konnten genetisches Material sicherstellen. Die Tests sind aber erst in den nächsten Tagen ausgewertet..."

"Wir würden uns in dem Haus gerne mal umsehen", erklärte Clive.

"Ich schicke Ihnen einen meiner Männer mit. Das Haus ist schließlich versiegelt."

15

Anderthalb Stunden später waren Clive Caravaggio und Orry Medina auf dem Weg Richtung Buckners Bay. Ein Dienstfahrzeug der Connecticut State Police folgte ihnen. Zuvor hatten sich die beiden G-men noch die Ermittlungsergebnisse vom Fundort der Leiche angesehen, der nach Ansicht von Captain Van Doren und seinen Leuten mit dem Tatort identisch war. Die State Police Beamten hatte den Ort des Geschehens sorgfältig per Video abgefilmt. Jedes Einzelbild ließ sich bei Bedarf vergrößern und genauer unter die Lupe nehmen. Nach der Rekonstruktion von Van Dorens Ermittlern ergab sich folgendes Bild: Smith und sein Mörder hatten sich mit jemandem auf dem Parkplatz getroffen. Die Spuren eines zweiten Wagens waren unverkennbar. Es handelte sich den Reifenspuren nach um eine überlange Limousine, wahrscheinlich ein Mercedes. Der Umstand, dass der Parkplatz nicht asphaltiert, sondern lediglich mit Schotter ausgelegt war, hatte Van Dorens Leuten die Arbeit wesentlich erleichtert. So war eindeutig festzustellen, dass der Mann, der sich Smith genannt hatte, zu der Limousine und wieder zurückgegangen war, bevor er erschossen worden war.

"Sieht nach einer Art Geldübergabe oder dergleichen aus", meinte Zeeery während der Fahrt nach Buckner Bay.

Clive nickte. "Fragt sich nur, worum es da genau ging und was das mit den Dexters zu tun hatte."

"Die zwei waren Lohnkiller, so schätze ich das ein", war Orrys Meinung.

Clive Caravaggio hob die Augenbrauen. "Und du meinst, die beiden nahmen gerade ihr Blutgeld in Empfang?"

"Ja. Und einer von ihnen hatte offenbar keine Lust, die Summe zu teilen."

"Möglich."

"Hast du eine bessere Erklärung?"

"Warten wir erst einmal ab, was wir in dem Haus vorfinden. Wenn die beiden nämlich Profis wären, wären sie kaum so unvorsichtig gewesen, genetisches Material zu hinterlassen."

"Sie konnten doch nicht ahnen, dass die State Police in ihrem Unterschlupf in Buckner Bay das Unterste zu oberst kehrt!"

"Aber der Mörder, der seinen Komplizen auf dem Parkplatz umgebracht hat, hätte normalerweise nichts dringenderes zu tun gehabt, als sämtliche Spuren zu beseitigen. Schließlich muss er sich doch an fünf Fingern ausgerechnet haben, dass die Polizei dort früher oder später auftauchen wird..."

Orry atmete tief durch, ließ den Blick über die malerische Küste entlang des Long Island Sounds schweifen.

"Vielleicht hat ihn irgendetwas davon abgehalten, nach Buckner Bay zurückzukehren..."

"Dann muss es aber verdammt wichtig gewesen sein..."

Buckner Bay war ein kleines, verschlafenes Nest. Eine Kirche, ein paar Häuser und Geschäfte, das war alles.

Das Haus, in dem Smith die letzte Zeit über gelebt hatte, lag etwas abseits. Es gehörte einem Geschäftsmann aus Manhattan namens Jarvis M. Browning, wie die State Police Kollegen inzwischen herausbekommen hatten. Es handelte sich um ein blau gestrichenes Holzhaus und lag auf einer Landzunge. Ein paradiesischer Platz für jeden Angler oder Bootsfahrer. Ein Motorboot lag am Landungssteg. In der Zufahrt parkte ein Geländewagen vom Typ Ford Maverick.

Clive parkte den unscheinbaren metallicfarbenen Chevrolet aus dem Fuhrpark des FBI Field Office New York dahinter. Die beiden G-men stiegen aus.

Der State Police Officer, der ihnen gefolgt war, hielt ebenfalls, sprang förmlich aus dem Wagen und hatte schon seine Waffe in der Faust.

Etwas irritiert drehte sich Clive zu ihm herum.

"Was ist los?"

"Der Maverick war nicht hier, als ich das Haus versiegelt habe", erklärte der State Police Officer. Name und Rang standen an seinem Uniformhemd: Lieutenant S. Rogers.

Beinahe reflexartig griffen auch Clive und Orry zu ihren SIGs.

Sie nahmen hinter dem Chevy Deckung, beobachteten dabei die Fenster.

"Da muss jemand drin sein!", war Lieutenant Rogers überzeugt. Er griff zum Handy und rief Verstärkung. "Es wird etwa zwanzig Minuten dauern, bis unsere Leute hier sind", erklärte er. "Ich schlage vor, wir warten so lange ab!"

Im nächsten Augenblick peitschte ein Schuss.

Rogers schrie auf, sank getroffen zu Boden.

Der State Police-Mann blieb regungslos liegen.

Clive und Orry warfen sich zu Boden.

Der Schuss, der Lieutenant Rogers niedergestreckt hatte, war aus einem Dachfenster heraus abgegeben worden, das einen Spalt breit geöffnet war.

Jetzt aber wurde auch aus dem Untergeschoss heraus gefeuert. Fensterscheiben gingen zu Bruch. Ein Bleihagel aus einer MPi regnete auf die G-men nieder.

Orry und Clive blieb nichts anderes übrig, als sich an den Boden zu pressen und abzuwarten. Die Schüsse perforierten das Blech des Chevy.

Dann ebbte der Geschosshagel ab.

Das Knattern der MPi verstummte.

Offenbar hatte der Schütze sein Magazin leergeschossen und war gezwungen, es auszuwechseln.

Clive Caravaggio war blitzschnell auf den Beinen. Er fasste die SIG mit beiden Händen, tauchte hinter der Motorhaube des Chevy hervor und feuerte auf jenes Fenster, aus dem die MPi-Salven gekommen waren. Von der Fensterscheibe steckten nur noch Bruchstücke im Kitt. Clive glaubte eine schattenhafte Gestalt zu erkennen.

Orry feuerte oben zum Dachfenster.

Ein kurzer Seitenblick in Richtung von Lieutenant Rogers sagte ihm, dass für den State Police-Mann jede Hilfe zu spät kam.

"Gib mir Feuerschutz!", rief Orry und rannte vorwärts, während Clive Schuss um Schuss abgab.

Orry schaffte es bis zum Maverick, feuerte dann selbst noch ein paar Schüsse in Richtung des Fensters und spurtete schließlich in einem Bogen zur Hauswand.

Clive hatte sein komplettes SIG-Magazin leergeschossen. Er tauchte wieder hinter den Chevy.

So schnell es ging lud er seine Waffe nach und ging wieder in Stellung.

Auf der anderen Seite rührte sich nichts.

Orry presste sich gegen die Hauswand, tauchte unter einem Fenster hindurch und erreichte die Tür.

Das Siegel der State Police war erbrochen. Das Schloss ebenfalls. Die Tür stand einen Spalt offen.

Orry stürmte vorwärts.

Er hielt die SIG in beiden Händen. Mit einem wuchtigen Tritt ließ er die Tür zur Seite fliegen.

"Waffe weg, FBI!", rief Agent Medina.

Im Inneren herrschte Halbdunkel.

Orry sah eine Gestalt im Gegenlicht, das durch ein Fenster auf der anderen Seite hereinkam. Die Gestalt wirbelte herum, riss eine Waffe empor. MPi-Feuer ratterte. Mündungsfeuer blitzte auf. Orry schoss um den Bruchteil einer Sekunde früher als sein Gegenüber.

Mit einem Schrei flog der Getroffene auf den Rücken.

Er blieb regungslos liegen. Mit wenigen Schritten durchquerte Orry den Raum. Es handelte sich um ein großzügig angelegtes Wohnzimmer, das fast das gesamte Erdgeschoss einnahm. Eine Treppe führte hinauf unter das ausgebaute Dach. Wahrscheinlich befanden sich dort die Schlafzimmer.

Die Tür zur Küche stand halb offen.

Orry konnte eine Kaffeemaschine erkennen, die auf einer Anrichte stand.

Auf der rechten Seite gab es zwei weitere Türen. Bad und Abstellkammer, schätzte Orry. Ein Keller existierte nicht. Der Untergrund war hier an der Connecticut-Küste so felsig, dass sich diesen Luxus kaum jemand leisten konnte.

Orry erreichte den am Boden liegenden MPi-Schützen.

Er war zweifellos tot.

Orry lauschte. Es gab mindestens noch eine weitere Person im Haus. In der Küche zerbarst eine Scheibe.

Die Tür flog zur Seite.

Orry zielte mit der SIG, ließ aber im nächsten Augenblick die Waffe sinken.

Vor ihm stand Clive, der inzwischen einen Bogen geschlagen und durch ein Küchenfenster in das Haus eingestiegen war.

Clive Caravaggio hatte seine SIG ebenfalls im Anschlag. Beide atmeten tief durch. Keiner sagte ein Wort. Orry deutete zuerst auf die Türen, die vermutlich zum Bad und zum Abstellraum führten, dann auf die Treppe.

Clive verstand auch ohne Worte. Der stellvertretende SAC nickte.

Orry nahm sich zuerst das Bad vor. Ergebnislos. Clive sicherte von hinten, behielt gleichzeitig die Treppe im Auge. Die zweite Tür kam an die Reihe. Orry öffnete sie. Es handelte sich tatsächlich um einen Abstellraum, kaum drei Quadratmeter groß. Licht fiel nur durch ein winziges Fenster.

Ein Geräusch ließ Orry und Clive aufhorchen. Es klang, als ob ein schwerer Sack aus einem der Dachgeschossfenster geworfen worden war.

Beiden G-men war sofort klar, was passiert war.

Der zweite Gangster hatte einen Sprung aus dem Fenster gewagt. Die Höhe mochte etwa drei Meter fünfzig bis vier Meter betragen.

Ein Ungeschickter brach sich den Hals, aber für jemanden, der einigermaßen durchtrainiert war, bestand die Chance, unverletzt davonzukommen.

Clive rannte zur Haustür, stürzte mit der SIG im Anschlag heraus.

Ein Mann humpelte in Richtung des Bootsstegs.

In der Rechten hielt er eine Automatik.

"Stehenbleiben!", rief Clive und legte an. "FBI, Sie sind verhaftet!"

Der Kerl keuchte. Offenbar hatte er sich bei dem Sprung den Knöchel verstaucht. Etwa zehn Meter lagen noch zwischen ihm und dem Landungssteg. Zehn Meter ohne jede Deckung.

Er blieb stehen, zögerte.

"Die Waffe fallen lassen!", rief Clive.

Und Orry, der inzwischen auch das Freie erreicht hatte, ergänzte: "Sie haben keine Chance, uns beide zu erledigen, bevor wir nicht ein paar Kugeln in Ihren Körper gejagt haben!"

Eine quälend lange Sekunde noch hing alles in der Schwebe. Offenbar spielte der Kerl noch immer mit dem Gedanken, die Waffe herumzureißen und wild drauflos zu feuern. Schließlich sah er ein, dass das sein Tod gewesen wäre.

Seine Automatik ließ er fallen, hob die Hände.

Clive und Orry waren Augenblicke später bei ihm. Orry legte ihm die Handschellen an, Clive erklärte ihm seine Rechte. "Alles, was Sie von nun an sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Aber selbst, wenn Sie nichts sagen, werden unsere Kollegen da drinnen so viele Beweise gegen Sie sichern können, dass es schwer werden wird, Ihren Kopf noch aus der Schlinge zu ziehen!"

Der Festgenommene verzog das Gesicht. Clive schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er hatte eine hohe Stirn, auf der eine V-förmige Narbe knapp unterhalb des Haaransatzes zu sehen war.

"Sie brauchen Ihre Spielchen gar nicht erst zu versuchen", knurrte er.

"Jetzt hätte Ihre Aussage noch einen Wert. Jeder District Attorney würde das positiv berücksichtigen. Aber wenn Sie erst warten, bis andere auspacken oder das Verfahren, das auf Sie zukommt, durch Indizien entschieden wird..."

"Leck mich doch, G-man!"

"Ich weiß nicht, ob Ihnen wirklich klar ist, was Sie getan haben! Sie haben einen State Police Officer erschossen! Und Sie wissen ja sicher, wie Gerichte bei Polizistenmord urteilen..."

Er verzog nur das Gesicht.

Orry durchsuchte ihn. Er trug einen Führerschein bei sich, der auf den Namen Barry Martinson ausgestellt war. Außerdem fand Orry eine Skizze, auf der der Weg von Stamford hier her beschrieben war.

Clive griff zum Handy.

Mit Hilfe einer Kurzwahl-Taste war er Sekunden später mit Mister McKee verbunden. "Sir, wir brauchen ein Team von Erkennungsdienstlern und den besten Gerichtsmedizinern, das sich auftreiben lässt..."

16

Im Haus von Dr. McCullen wimmelte es nur so von Erkennungsdienstlern und Sprengstoffspezialisten und Mitarbeitern des zuständigen Coroner.

Etwa eine Stunde war seit der Explosion vergangen, die Dr. McCullen natürlich sofort getötet hatte.

Mona Garrison befand sich in einem der anderen Räume dieses großen Hauses und sprach mit Dr. Erica St.James, einer Polizeipsychologin des Paterson Police Department. Ich hoffte, dass Dr. St.James es schaffte, die junge Frau wieder soweit zu stabilisieren, dass wir von ihr eine brauchbare Aussage aufnehmen konnten.

Agent Sam Steinburg, ein Erkennungsdienstler unseres Field Office wandte sich an Milo und mich.

"Na, ihr seid aber auch noch ziemlich blass um die Nase!"

"Kein Wunder!", erwiderte Milo. "Wenn dieser Raum nicht allein schon dreimal so groß wäre wie eine durchschnittliche Wohnung im Big Apple, dann hätten wir wahrscheinlich auch etwas abgekriegt."

Sam Folder nickte. "Aber die Sprengladung schien sehr genau dosiert gewesen zu sein."

"Profis!", stieß ich hervor.

"Mit Sicherheit. Es sollte nur die Person getötet werden, die den Hörer ans Ohr hielt. Sonst niemand."

"Dazu passt, dass sich der Anrufer offensichtlich noch einmal vergewissert hat, ob er auch den Richtigen an der Strippe hat", stellte Milo fest.

Sam deutete mit einer beiläufigen Geste hinüber zu Agent Al Baldwin, unserem Sprengstoff-Ass. "Al meint, die Sprengung sei per Funk ausgelöst worden. Wir bemühen uns zwar, alle Einzelteile des Hörers wieder zusammenzusuchen, aber ob dabei etwas Gescheites herauskommt, müssen wir abwarten..."

"Verstehe", murmelte ich.

"Vor allen Dingen wird die weitere Untersuchung im Labor natürlich Zeit brauchen."

"Genau das, was wir nicht haben", meinte ich. "Derjenige, der hinter den Dexter-Morden steht, hat vermutlich auch Dr. McCullen auf dem Gewissen."

"Eine Hypothese", gab Sam Folder zu bedenken.

"Aber eine, die stichhaltig genug ist, um damit arbeiten zu können. Der Tod der Dexters, der Tod dieses Killers auf dem Parkplatz in Connecticut und jetzt der Anschlag auf Dr. McCullen. Das sind professionell ausgeführte Morde."

"Mit Ausnahme der Parkplatz-Sache", mischte sich Milo ein. "Das war vielleicht nur eine Streiterei zwischen Gangstern."

"Trotzdem", beharrte ich. "Es muss irgendetwas geben, was all diese Puzzleteile miteinander verbindet!"

Agent Al Baldwin gesellte sich jetzt zu uns. "Wir sollten noch einen anderen Aspekt bedenken", erklärte unser Kollege.

Ich hob die Augenbrauen. "Und der wäre?"

"Der oder die Mörder von Dr. McCullen müssen Zugang zu seinem Haus gehabt haben. Ein Einbruch wurde nicht gemeldet. Es sind auch im ganzen Haus keinerlei Spuren festzustellen, die in diese Richtung weisen würden."

"Das ist sicher?", hakte ich nach.

"Mit über neunzig Prozent würde ich aus meiner Berufserfahrung als Erkennungsdienstler sagen", bestätigte Sam Folder die Aussage von Agent Al Baldwin.

Die Konsequenzen lagen auf der Hand. "Dann muss der Mörder einen Komplizen hier im Haus gehabt haben", meinte ich.

"Oder es wurde in letzter Zeit etwas an der Telefonanlage repariert", gab Milo zu bedenken.

Aber Sam Folder schüttelte energisch den Kopf. "Das habe ich vorhin checken lassen. Die Telefongesellschaft sagt, dass es bei Dr. McCullen weder eine Störung noch irgendeinen Reparaturbedarf am Gerät gegeben hätte..."

Ich wechselte einen Blick mit Milo. "Wir knöpfen uns jetzt die junge Lady mal vor..."

17

"Miss Garrison ist noch sehr verstört", erklärte Dr. St. James, bevor wir den Raum betraten, in dem sich die junge Frau befand. Dr. St. James war Anfang dreißig, schlank und dunkelhaarig.

"Ich weiß nicht, ob es gut wäre, Sie jetzt zu vernehmen", fuhr Dr. St. James fort.

"Wir müssen", erwiderte ich. "Und woher die Verstörung kommt, ist auch noch nicht ganz klar."

"Was meinen Sie damit? Diese Frau hat ein traumatisches Erlebnis hinter sich!"

"Sie wäre nicht die erste Mord-Komplizin, die erst nach der Tat die Tragweite Ihres Handelns begreift..."

"Das ist nicht Ihr Ernst!", entfuhr es Dr. St. James.

Ich zuckte die Achseln. "Wir haben soeben die Personalien der jungen Lady telefonisch abgecheckt. Sie ist mehrmals unter dem Verdacht der Prostitution festgenommen worden. Bei den Kollegen der Vice-Abteilung des Paterson Police Department ist sie eine alte Bekannte."

"Da macht sie noch nicht zu einer Mörderin."

"Natürlich nicht. Aber sie hätte die Gelegenheit gehabt, den Telefonhörer zu manipulieren. Und der misstrauische Dr. McCullen hatte offenbar nicht gerade viel Besuch..."

Wir betraten den Raum. Dr. St.James folgte uns. Mona Garrison saß auf einer Couch. Das Make-up war tränenverwischt. Die junge Frau blickte auf, musterte uns.

"Miss Garrison, dies ist ein offizielles Verhör", erklärte ich. "Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass alles, was Sie im Verlauf dieses Verhörs sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden kann."

"Heißt das, Sie verdächtigen mich, etwas mit diesem Mord zu tun zu haben?", fauchte sie.

"Wir stellen Ihnen lediglich ein paar Fragen, die Sie uns bitte wahrheitsgemäß beantworten", mischte sich Milo ein.

Sie zuckte die Achseln. "Bitte!"

"Wie oft besuchten Sie Dr. McCullen?", fragte ich. "Ich denke, wir brauchen nicht um den heißen Brei herumzureden: McCullen hat Sie für Ihre Dienste bezahlt."

"Beweisen Sie es!"

"Das können wir wahrscheinlich nicht. Aber wir sind auch nicht vom Vice. Uns interessiert: Seit wann und wie häufig?"

"Seit etwa zwei Wochen. Fast täglich."

"Wo haben Sie Dr. McCullen kennen gelernt?"

"Im Tijuana Club. Das ist der einzige Nachtclub, den es in Paterson gibt. Und ob Sie es nun glauben oder nicht: Wir waren verliebt!"

"Sicher."

"Wollen Sie mir was anhängen oder was?" Sie fauchte wie eine Wildkatze.

"Ich möchte wissen, wer hinter dem Mord an dem Mann steckt, von dem Sie behaupten, dass Sie ihn lieben. Sie auch?"

"Natürlich."

"Die Bombe wurde durch einen Sender gezündet. Aber jemand muss sie in den Telefonhörer eingebaut haben."

"Vielleicht sind die Täter eingebrochen. George und ich waren oft weg... Wir haben so viel unternommen..."

"Es gibt keine Spuren eines Einbruchs!"

"Man kann doch auch irgendwo einbrechen, ohne Spuren zu hinterlassen, oder?" Sie atmete tief durch, strich sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Eine Pause des Schweigens entstand. Schließlich fuhr Mona fort: "Vor zwei Tagen war ein Service-Team der Telefongesellschaft da!"

"Die Telefongesellschaft hat niemanden geschickt. Das haben wir abgecheckt!"

"Na, sehen Sie! Da haben Sie Ihre Komplizen!"

Milo mischte sich ein. "Gibt es irgendjemanden, der Ihre Angaben bestätigen könnte?"

Sie zuckte die Achseln. "Wie denn? Wir waren allein, das heißt..."

"Ja?"

"An dem Tag war ein Kollege von Dr. McCullen hier. Er hat ein paar Unterlagen vorbeigebracht."

"Wie heißt der Kollege?"

"Er wurde mir als Dr. Jason Stein vorgestellt. So viele Psychiater mit diesem Namen dürfte es ja wohl nicht geben - außerdem steht die Telefonnummer wahrscheinlich im Adressregister."

"Von dem ist leider nicht viel übrig geblieben", sagte Milo.

"Jedenfalls wird Dr. Stein meine Aussage bestätigen können."

"Wir werden das überprüfen", kündigte ich an. "Wir werden Sie zur Federal Plaza mitnehmen, damit unser Zeichner dort Phantombilder der angeblichen Techniker erstellen kann."

"Muss das sein?", fragte sie.

Ich nickte. "Ja, das muss sein. Was mich trotzdem wundert ist die Tatsache, dass die Telefongesellschaft und der Netzbetreiber keine Störung angeben. Wieso hat Dr. McCullen diese Techniker dann überhaupt ins Haus gelassen?"

"Uns gegenüber machte er nämlich einen äußerst misstrauischen Eindruck und hat uns gleich mit seiner Waffe bedroht", ergänzte Milo.

"Ich weiß doch auch nicht, was passiert ist! Bitte glauben Sie mir! Ich weiß nur, dass diese Männer hier waren und behaupteten, sie müssten Dr. McCullens Telefon überprüfen, weil in diesem Gebiet eine großflächige Störung vorliege."

"Hat McCullen mit Ihnen darüber gesprochen, vor wem er so große Angst hatte, dass er offenbar ständig bewaffnet war?", hakte Milo nach.

Sie schüttelte den Kopf. "Keine Ahnung."

Ich glaubte es fast mit Händen greifen zu können: An der Aussage von Mona Garrison war einiges faul. Aber wir hatten nichts, um sie wirklich festnageln zu können.

18

Am nächsten Morgen sahen wir etwas klarer. Gegen Mona Garrison lagen keine Indizien vor, die für eine Verhaftung ausgereicht hätten. Die Phantombilder, die sie zusammen mit Agent Prewitt, unserem Spezialisten auf diesem Gebiet, erstellt hatte, waren in der Fahndung. Der Psychiater-Kollege namens Jason Stein, von dem Mona gesprochen hatte, existierte tatsächlich. Telefonisch bestätigte er Monas Aussage. Wir würden ihn allerdings noch eingehender vernehmen müssen.

An diesem Morgen waren außer Milo und mir noch eine ganze Reihe weiterer G-men anwesend. Darunter Clive Caravaggio, der uns über die Ereignisse in Connecticut unterrichtete.

So erfuhren wir, dass der Tote auf dem Parkplatz sich als Police-Lieutenant Norman E. Smith ausgegeben hatte. "Dort muss eine Art Duell zwischen zwei Profi-Killern stattgefunden haben", meinte Clive. "Wahrscheinlich ging es ums Geld. Aber das Interessanteste an der Sache ist, dass dieser falsche Lieutenant einen Mann namens Bradley auf dem Gewissen hat, der von seinen Daten her wie ein Zwilling von Ron Dexter wirkt." Der stellvertretende SAC wandte ich an Max Carter, unseren Innendienstler aus der Fahndungsabteilung. "Hast du inzwischen mehr über diesen Bradley herausgefunden?"

Max nickte.

Mit Hilfe des Beamers, an den er seinen Laptop angeschlossen hatte, projizierte er das über NYSIS zugängige Foto von Bradley. Es war bei seiner letzten Verhaftung gemacht worden. Bradley war Anfang 40, wirkte aber zehn Jahre älter. Max gab uns einen kurzen Abriss seiner Army-Karriere. Die Parallelen zu Dexter waren wirklich sehr stark. Der Wendepunkt war auch für Bradley der Einsatz in Somalia gewesen.

Danach war es bergab mit ihm gegangen.

"Ich habe eine Adressenliste von Personen zusammengestellt, die mit Bradley zu tun hatten", erklärte Max. "Wenn diese Personen eingehend befragt werden, kommen wir vielleicht zu neuen Erkenntnissen..."

"War dieser Bradley in psychiatrischer Behandlung?", fragte ich an Max gerichtet.

Er sah mich erstaunt an. "Ja, das stimmt!"

"Lass mich raten, sein Arzt hieß Dr. George McCullen."

"Jesse, bist du Hellseher?"

"Ich zähle nur eins und eins zusammen. McCullen war auch in Somalia. Er behandelte Dexter. Warum sollte Bradley ihn nicht auch dort kennen gelernt haben? So groß war das amerikanische Korps damals auch nicht..."

"Leider werden wir Dr. McCullen danach nicht mehr fragen können", stellte Milo fest.

Ich nippte an meinem Kaffee. Obwohl es sich um Mandys berühmte Spezialmischung handelte, schmeckte mir das Gebräu heute nicht so recht.

Es musste irgendeine Verbindung zwischen den vielen Puzzleteilen geben die uns bis jetzt vorlagen. Aber dieses entscheidende Verbindungsstück fehlte uns bislang.

Max setzte seine Ausführungen fort.

Die Identität des Festgenommenen war inzwischen ermittelt. Sein wahrer Name lautete Edward Parrish. Er hatte früher als Türsteher in einem Nachtclub namens "Tijuana" in Paterson gearbeitet.

Genau dort, wo Dr. McCullen und die schöne Mona Garrison sich kennen gelernt hatten. Ob es da einen Zusammenhang gab, musste sich erst noch herausstellen.

"Wem gehört das Tijuana?", fragte Mister McKee.

"Soweit wir wissen, steht das Tijuana nicht unter Kontrolle irgendwelcher zwielichtiger Bosse", erklärte Agent Max Carter. "Aber ich habe Nat gebeten, diesen Laden noch einmal unter die Lupe zu nehmen."

Agent Nat Norton war unser Spezialist für Betriebswirtschaft. Häufig lieferten wirtschaftliche Verflechtungen im Bereich der organisierten Kriminalität den Schlüssel zur Lösung eines Falles.

Mister McKee nickte. "Ich hoffe nur, dass auch etwas dabei herauskommt", meinte er etwas angespannt. Unser Chef blickte zur Uhr.

Mandy meldete sich über das Sprechgerät auf Mister McKees Schreibtisch.

"Dr. Kingsley ist gerade eingetroffen!", erklärte die Sekretärin des Chefs.

"Soll sofort hereinkommen!", erwiderte Mister McKee.

Wenige Augenblicke später betrat ein rundlicher Mann in den Fünfzigern den Raum. Der Knebelbart war millimetergenau rasiert.

"Das ist Dr. Andrew Kingsley. Er ist Dozent für Gerichtsmedizin an der FBI-Akademie in Quantico", stellte Mister McKee den Ankömmling vor.

"Tut mir leid, dass ich etwas zu spät bin, Sir...", entschuldigte sich Kingsley. "Ich steckte im Stau!"

"Schon gut", schnitt Mister McKee ihm etwas ungeduldig das Wort ab und wandte sich an die anwesenden G-men. "Dr. Kingsley ist von den Kollegen der Scientific Research Division angefordert worden, weil... aber das berichten Sie am besten selbst."

Kingsley nickte.

Er trug einen Laptopkoffer bei sich, packte das Gerät aus und aktivierte es. Max Carter half ihm dabei, den Beamer anzuschließen. Wenig später hatten wir die Projektion eines Fotos vor uns, mit dem keiner von uns etwas anzufangen wusste. Es schien sich um ein verkohltes Metallstück in starker Vergrößerung zu handeln.

"Dieses Objekt wurde bei den sterblichen Überresten von Ron Dexter gefunden", erklärte Dr. Kingsley. "Die tatsächliche Größe entspricht etwa einem Daumennagel. Es handelt sich dabei um ein Implantat, das Ron Dexter im Körper getragen haben muss. Im Unterarm, um genau zu sein."

"Wissen Sie inzwischen auch, welchem Zweck dieses Implantat gedient hat?", fragte Mister McKee.

"Ja, es handelt sich um ein Gerät, das dafür sorgen sollte, irgendeinen Wirkstoff kontinuierlich abzugeben."

"Das bedeutet, dass Dexter unter Medikamenten stand, als er im Macy's Amok lief!", stellte Clive fest.

Dr. Kingsley bestätigte das. "Das ist richtig."

"Könnte dieses Implantat in irgendeinem Zusammenhang mit der psychiatrischen Behandlung stehen, in der sich Dexter befand?", fragte ich.

Kingsley schüttelte entschieden den Kopf.

"Nein, das halte ich für ausgeschlossen. Diese Implantate werden normalerweise bei Patienten eingepflanzt, die beispielsweise auf Grund sehr starker Schmerzzustände Morphium bekommen. Der Wirkstoff wird dann entweder gleichmäßig oder zu vorher einprogrammierten Zeitpunkten abgegeben. Es ist auch möglich, bestimmte physiologische Parameter wie Blutdruck oder Muskelspannung als Auslöser zur Wirkstoffabgabe zu programmieren. Bei Anfallserkrankungen kann das dem Patienten das Leben retten." Dr. Kingsley wies uns mit Hilfe eines Laserpointer auf einen Teil des Implantats hin, der offenbar durch die Explosion besonders in Mitleidenschaft gezogen worden war. Er wirkte wie zusammengeschmolzen. "Hier befindet sich normalerweise das Wirkstoffreservoir. Mit Hilfe einer Injektionsnadel kann man sehr leicht das Reservoir wieder auffüllen. Die Nadel durchsticht dabei eine Kunststoffmembran, die die Eigenschaft hat, sich sofort wieder zu schließen. Wie Sie hier sehen können, ist diese Membran allerdings weitaus weniger hitzebeständig als der Rest."

Max Carter machte plötzlich ein sehr nachdenkliches Gesicht. Er blätterte in einem der Computerausdrucke herum, die er neben seinem Laptop liegen hatte.

"Ich habe hier den gerichtsmedizinischen Bericht im Fall Bradley", sagte er schließlich. "Bei der damaligen Untersuchung wurde festgestellt, dass Bradley mehrmals am Unterarm operiert worden ist. Man maß diesem Umstand damals keine weitergehende Bedeutung zu. Schließlich war die Todesursache eindeutig der Schuss, der auf ihn abgegeben worden war!"

Ich erinnerte mich an die Aussage von Montgomery, nach der Dexter an Medikamententests teilgenommen hatte.

Vielleicht war das der Schlüssel zu allem. Das verbindende Glied. Mir war jetzt klar, dass wir so schnell wie möglich herausfinden mussten, wer zwei heruntergekommenen Veteranen des Marine Corps Implantate zur regulierten Medikamentenabgabe eingesetzt hatte...

"Ist es möglich, den Hersteller des Implantats zu ermitteln?", fragte Mister McKee.

"Das haben wir bereits. Es gibt auf diesem Markt bislang nur wenige Anbieter und die Geräte unterscheiden sich sehr deutlich. Dieses Produkt stammt zweifellos von der Firma Emerson Medo-Tech Inc. in Newark, New Jersey. Normalerweise hat ein derartiges Implantat eine Seriennummer, sodass über diese Nummer stets das Krankenhaus und der behandelnde Arzt identifiziert werden können, die die Behandlung vorgenommen haben."

"Darf ich raten?", fragte ich. "In diesem Fall gibt es keine Seriennummer!"

Dr. Kingsley nickte. "Genau."

"Wer prägt die Seriennummern auf?", erkundigte sich Mister McKee.

Dr. Kingsley wirkte etwas verwundert. "Der Hersteller natürlich", gab er zur Antwort.

"Ist es möglich, diese Kennung zu entfernen?"

"Nein. Nicht ohne das Implantat stark zu beschädigen. Wenn ich Ihnen das mal erläutern darf..."

"Vielleicht später, Dr. Kingsley", unterbrach unser Chef die Ausführungen des Gerichtsmediziners. "Aber vorher möchte ich noch wissen, ob diese Kennung bei der Explosion zerstört worden sein könnte?"

"Ausgeschlossen. Sie müsste sich genau hier befinden." Dr. Kingsley markierte die Stelle mit dem Laserpointer. "Sie sehen, dass diese Region kaum in Mitleidenschaft gezogen wurde."

"Die logische Schlussfolgerung wäre doch, dass sich jemand Implantate dieses Typs ohne Serienkennung herstellen ließ!" Unser Chef wandte sich an Milo und mich. "Ich denke, wir werden Emerson Medo-Tech Inc. mal auf den Zahn fühlen müssen..."

19

Der Killer, der sich als Sergeant Romero ausgegeben hatte, betrat das ehemalige Lagerhaus in Chinatown. Etwa hundert Chinesinnen saßen hier an ihren Nähmaschinen. Ihr Stimmengewirr mischte sich mit dem Surren der Maschinen.

Romero ließ den Blick schweifen.

Ein kleiner, drahtiger Aufseher mit asiatischen Gesichtszügen und einem dünnen Knebelbart ging auf zu. Romero sah auf den ersten Blick die Ausbuchtung im Jackett. Genau unter der linken Schulter. Der Kerl war bewaffnet.

Der Chinese sprach Romero in einer Mischung aus Chinesisch und Englisch an.

"Bitte - gehen!", sagte er schließlich.

"Ich will zu Mister Chang."

"Mister Chang - nicht da!"

"Ich bin mit Ihm verabredet!"

"Wer sind Sie?"

Romero packte den Chinesen grob am Kragen, zog mit der anderen Hand blitzschnell seine Waffe und drückte sie ihm in den Bauch. "Du willst mich doch nicht für dumm verkaufen! Ich war gestern Abend schon einmal hier!"

"Ah - wegen Papiere!" Das Lächeln des Chinesen wirkte wie gefroren.

"Du sagst es! Und jetzt erzähl mir nicht, dass dein Boss die Sachen noch nicht fertig hat! Führ' mich zu ihm! Los!"

Romero griff dem Chinesen unter das Jackett, riss dessen Waffe an sich. Dann schob er ihn vor sich her. Einige der chinesischen Näherinnen hatten aufgehört zu arbeiten und starrten auf die beiden Männer. Sie wirkten wie erstarrt. Romero war sich sicher, dass keine von ihnen sich je an die Cops wenden würde.

Die meisten dieser Frauen konnten nicht ein einziges Wort Englisch.

Romero schob den chinesischen Bodyguard vor sich her. Den Weg zum Büro kannte Romero nur zu gut. Mehr als einmal hatte er Mister Changs Dienste in Anspruch genommen. Der Inhaber dieser Näherei verdiente den Hauptteil seines Geldes mit der Beschaffung falscher Papiere aller Art.

Durch eine Nebentür verließen Romero und der Chinese die Halle der Näherinnen. Sie gingen einen Korridor entlang. Auf der linken Seite befand sich die Tür zu Mister Changs Büro.

Romero hielt seine eigene Waffe in der Rechten, die des Chinesen in der Linken.

Er zielte mit seiner Automatik auf den Bodyguard.

Genau auf die Schläfe.

"Rühr dich nicht!", knurrte Romero.

Mit einem harten Schlag des Pistolenlaufs knockte er den Bodyguard aus. Er sackte in sich zusammen, ohne noch eine Laut von sich zu geben.

Mit dem Fuß schob Romero die Beine des Chinesen zur Seite.

Romero setzte zu einem mächtigen Tritt an.

Die Bürotür flog zur Seite.

Mister Chang saß hinter einem durch Schnitzereien reich verzierten Schreibtisch. Drachenköpfe befanden sich an den Ecken und fletschten die Zähne.

"Chang, du Ratte! Warum lässt du dich verleugnen? Wir hatten eine Abmachung!"

Romero betrat den Raum.

Mister Chang war ein hagerer, sehr schmächtig wirkender Mann in den Fünfzigern. Sein Haar war allerdings noch immer blauschwarz, was nicht zu seinem schon recht faltigen Gesicht passte.

Der chinesische Nähereibesitzer blieb äußerlich vollkommen gelassen. Keine Regung war in seinem Gesicht zu erkennen.

Romero kickte die Tür mit dem Absatz ins Schloss.

"Du hast lausige Gorillas, Chang!"

"Es tut mir leid, aber es war mir nicht möglich, unsere Abmachung einzuhalten", erklärte Chang in akzentschwerem Englisch. Sein Tonfall war eiskalt.

"Wie bitte? Vielleicht redest du mal Klartext!"

"Ich hätte gerne früher Bescheid gesagt und Ihnen damit den Weg hier her erspart, Sir", erklärte Chang äußerst höflich. "Leider haben Sie mir keine Möglichkeit gegeben, Sie zu erreichen!"

Romero lachte heiser.

"Sonst hättest du mir wahrscheinlich längst meine Feinde auf den Hals gehetzt!"

"Wie können Sie nur so etwas behaupten?"

Romero steckte beide Waffen weg. Er packte Mister Chang blitzschnell am Kragen, zog ihn halb über den Schreibtisch. "Wer steckt dahinter, du Arschloch?"

"Tut mir Leid, Mister. Ich muss an meine Familie denken!"

"Ich hätte dir auch das Doppelte gezahlt! Geld habe ich nämlich wie Heu!"

"So viel können Sie mir gar nicht zahlen, Mister... So viel nicht!"

Romero versetzte Mister Chang einen Fausthieb mitten ins Gesicht. Chang landete in seinem Sessel. Das Blut schoss ihm aus der Nase.

"Bestell diesen Wichsern, dass sie mich in Rio oder an der Côte d'Azur suchen können!", knurrte er.

Wutentbrannt verließ er den Raum.

Der niedergeschlagene Bodyguard kam gerade zu sich. Romero trat dem am Boden Liegenden brutal in die Magengrube.

"Das wirst du noch bereuen, Chang!", brüllte er durch den Korridor.

Mister Chang wischte sich das Blut aus dem Gesicht.

Er griff zum Telefon, betätigte eine Kurzwahltaste.

"Er kommt jetzt raus", murmelte er einen Augenblick später in den Hörer hinein.

20

Romero verließ die Näherei durch den Hinterausgang. Er führte auf einen asphaltierten Hof, der von fünf bis sechsstöckigen Brownstone-Häusern umgeben war. Ehemalige Lagerhäuser, die um 1900 errichtet worden waren, inzwischen aber ganz anderen Zwecken dienten. Kleinbetriebe und Wohnungen befanden sich hier auf engstem Raum nebeneinander. Der Geruch von Ingwer hing in der Luft. In Dutzenden dieser kleinen Wohnungen wurde offenbar gekocht. Hier und da war Stimmengewirr zu hören. Kein Wort Englisch war unter dem, was Romero aufschnappte. Man hätte denken können, in Taipeh oder Hongkong zu sein.

Auf dem Hof standen zahlreiche Fahrzeuge. Zumeist Kleinlaster und Vans. Zulieferer von Mister Changs Näherei.

Romero ließ den Blick schweifen. Eine Hand hatte er immer an der Waffe. Die Luft schien rein zu sein.

Verdammt, was ist da nur verkehrt gelaufen?, ging es dem Killer durch den Kopf. Ich habe einen Koffer voller Geld und kein Mensch will was davon haben...

Romero zermarterte sich das Hirn darüber.

Der Einäugige steckte hinter Mister Changs Reserviertheit.

So viel war für Romero klar.

Ich wusste gar nicht, dass One-Eyes Verbindungen so weit reichen!, überlegte er. Aber vielleicht waren das ja auch nur geliehene Verbindungen. Verbindungen, die eigentlich jener großen Nummer gehörten, die hinter One-Eye steckte.

Warum mischen sich diese Leute ein, wenn ich meinen Partner umbringe?, fragte Romero sich. Wir hatten unseren Job erfüllt. Alles andere kann denen doch gleichgültig sein!

Auf der gegenüberliegenden Seite des Hinterhofs befand sich eine Ausfahrt zur Bayard Street. Die nächste Subway Station konnte nicht weit sein. Romero ging eine der schmalen Gassen zwischen den parkenden Fahrzeugen entlang.

Für einen kurzen Moment sah Romero den Laserpointer eines Zielerfassungsgerätes aufblitzen.

Er duckte sich.

Der Griff seiner Rechten ging zur Waffe.

Romero reagierte zu spät.

Er spürte einen Schmerz in der linken Schulter. Ein Betäubungspfeil steckte in seinem Körper. Romero versuchte, das Projektil herauszureißen. Aber seine Hände gehorchten ihm nicht mehr. Dasselbe galt für die Beine. Er stürzte zu Boden, war unfähig sich zu bewegen.

Er blieb auf dem Asphalt liegen, war aber bei vollem Bewusstsein.

So sehr er sich auch anstrengte - nicht einen einzigen Muskel seines Körpers vermochte er anzuspannen. Seine Rechte krallte sich um den Pistolengriff, aber er war nicht in der Lage, die Waffe hervorzuziehen.

Augenblicke vergingen.

Es dauerte nicht lange, dann hörte Romero Schritte.

Romero verrenkte sich beinahe die Augäpfel, um zu sehen, wer da auf ihn zukam. Zu weiteren Bewegungen war er nicht fähig. Romero bekam plötzlich einen Tritt in die Seite. Er blickte auf, sah in das Gesicht des Einäugigen. Ein breites Grinsen stand in One-Eyes Gesicht.

Zwei weitere Männer standen links und rechts von ihm.

"Haben wir dich endlich, du Ratte!", murmelte One-Eye. Er beugte sich nieder. Seine Lippen verzogen sich zu einem zynischen Lächeln. "Ihr habt uns etwas vorenthalten. Wahrscheinlich wolltet ihr noch etwas am Honorar drehen. Aber das wirst du bitter bereuen, mein Freund!" 

"Wir haben euch nichts vorenthalten!", krächzte Romero. Er hatte Mühe zu sprechen. Die allgemeine Muskellähmung, die ihn durch die Wirkung der Injektionsnadel befallen hatte, machte sich auch teilweise im Hals- und Kehlkopfbereich bemerkbar. Romero musste würgen, stieß einen röchelnden Laut hervor.

One-Eye erhob sich, schnipste mit den Fingern.

Seine beiden Begleiter packten Romero daraufhin grob an Armen und Beinen.

"Wir bringen dich an einen Ort, an dem wir ungestörter sind", versprach One-Eye.

21

Zusammen mit unseren Kollegen Orry Medina und Clive Caravaggio betraten Milo und ich das Bürogebäude der Firma Emerson Medo-Tech Inc. in Newark, New Jersey.

Zunächst versuchte man uns abzuwimmeln, aber unsere ID-Cards machten schließlich doch den nötigen Eindruck.

Der Geschäftsführer war ein hagerer Mann mit dichtem grauem Haar. Sein Name war Edgar Delany. Unsere Anwesenheit gefiel ihm überhaupt nicht.

Clive kam ohne Umschweife zur Sache.

Er erläuterte kurz, worum es ging.

"Ihre Firma ist die einzige Produzentin dieser Implantate, das ist doch richtig?"

Edgar Delany verzog das Gesicht zu einer Grimasse. "Wenn jemand anderes das versuchen würde, zögen wir ihn vor ein Gericht, um unsere Patentansprüche durchzusetzen!", erwiderte er gallig.

Clive blieb bewundernswert gelassen. "Wie ich Ihnen schon erläuterte, wurde bei Ron Dexters sterblichen Überresten eines Ihrer Implantate gefunden. Es verfügte allerdings über keinerlei Serienkennung. Und da es unmöglich ist, diese Kennung zu entfernen, ohne Spuren zu hinterlassen..."

"...nun mal langsam!", unterbrach Edgar Delany den stellvertretenden Special Agent in Charge.

"Wollen Sie etwa Ihre eigene Werbung anzweifeln?", fragte ich. Während des Gesprächs hatte ich mir eine der Broschüren genommen, die im Büro des Geschäftsführers auslagen und eigentlich für potentielle Kunden gedacht waren. "Sie weisen hier ausdrücklich auf die Sicherheitsmerkmale Ihres Produkts hin!"

Delanys Gesicht wurde düster.

"Was wollen Sie mir eigentlich am Zeug flicken?", knurrte er.

Clive Caravaggio schüttelte den Kopf.

"Wir wollen nur wissen, wer sich von Ihnen eine Lieferung von solchen Implantaten ohne Serienkennnummer anfertigen ließ."

Delany blieb reserviert. "Sie wissen wahrscheinlich so gut wie ich, dass das gegen die Vorschriften verstoßen würde!"

"Wir sind keine Aufsichtsbehörde des Gesundheitswesens", stellte Clive klar. "Uns interessiert es nicht, ob Sie gegen irgendwelche Vorschriften verstoßen haben."

Delany hob die Augenbrauen. "Sie wissen, dass Diskretion in unserem Business ein hohes Gut ist."

"Und vielleicht wissen Sie, dass wir diese Firma auch komplett auf den Kopf stellen könnten", mischte ich mich ein. "Wir haben einen Durchsuchungsbefehl und wären sogar berechtigt, sämtliche Computer mitzunehmen und genauestens unter die Lupe zu nehmen!"

"Das ist Erpressung!", ereiferte sich Delany.

"Nein, nur eine Warnung", stellte Clive klar. "Wenn Sie uns nicht freiwillig geben, was wir suchen, dann müssen wir es uns eben gegen Ihren Willen nehmen!"

"Sie würden mit derartigen Maßnahmen unsere Arbeit komplett lahm legen!"

"Es liegt in Ihrer Hand, Mister Delany!", erwiderte Clive kühl.

Delany atmete tief durch, wischte sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht.

"Also gut", brachte er schließlich heraus. "Es gab tatsächlich einen Auftrag dieser Art."

"An wen?", hakte Clive unerbittlich nach.

"An das IPCR. Das steht für Institute of Psychiatry and Clinical Research. Ein privates Forschungsinstitut."

"Wer betreibt dieses Institut?", fragte ich.

Delany wandte den Kopf in meine Richtung.

"Soweit ich weiß wird es durch Spendengelder mehrerer Firmen in der Pharma-Branche finanziert. Mehr weiß ich darüber nicht."

"Es gibt doch sicher Unterlagen über diese Lieferung", sagte Clive.

Delany nickte. "Natürlich. Ich werde meine Sekretärin bitten, sie Ihnen herauszusuchen."

22

Jesper O. Flanagan kniete auf dem großen Bett. Er trug kein Stück Stoff am Leib, genau wie die junge Frau, deren Hüften er umfasste und gegen seine Lenden drückte.

Mona Garrisons volle Brüste schwangen im Takt seiner heftigen Stöße.

Flanagan grunzte wohlig dabei.

Schweiß glänzte auf seiner Stirn.

Nachdem er seinen Orgasmus hatte, sank er zur Seite, ließ sich in die Kissen fallen und schnappte nach Luft.

Mona wirkte eher gelangweilt.

Sie rollte sich herum und schloss für einen Moment die Augen.

Flanagan hatte sich inzwischen erholt.

"Hey, ich hatte das Gefühl, du bist nicht so richtig bei der Sache!", maulte er. "Hast du heute noch kein Spritze gekriegt oder was ist los, Baby!"

"Ach, leck mich doch!"

"Na, wenn's weiter nichts ist...."

Flanagan wollte sich erneut an das Girl heranmachen. Er umfasste ihre Schultern, griff nach ihren wohlgeformten Brüsten, aber sie stieß ihn von sich.

"Lass das!"

"Hey, was soll das? Auf einmal die Mimose spielen?"

Mona Garrison erhob sich, trat zum Fenster. Sie blickte hinaus, verschränkte die Arme unter den Brüsten. Schließlich drehte sie sich herum.

"Das ganze wird nicht gut gehen, Jesper!", stieß sie hervor.

"Scheiße, wovon redest du, Girl?"

"Von der Sache mit Dr. McCullen natürlich! Wovon denn sonst?" Wie eine Wildkatze fauchte sie diese Worte heraus. Sie sah Flanagan wütend an. Ihre Augen funkelten. "Und tu nicht so, als wüsstest du nicht ganz genau, was ich meine!"

Flanagan atmete tief durch. "Mona, du hast deinen Job klasse gemacht!"

"Ich hänge da mit drin, verdammt noch mal! Jesper, begreifst du das denn gar nicht?"

Flanagan grinste. "Ich hätte dir nie zugetraut, dass du es hinkriegst, den Sprengstoff richtig in den Telefonhörer einzusetzen... Alle Achtung!"

"Die werden doch früher oder später auf mich kommen!"

"Hey, Mäuschen! Setz dir doch erst mal einen Schuss, dann sieht die Welt auch schon wieder ganz anders aus. Komm schon... Ich mix dir einen schönen Cocktail von Muntermachern und dann ab in die Vene damit! Oder lieber doch ein paar Pillen?"

"Du verstehst überhaupt nichts!", kreischte sie.

Doch, dachte er still und kalt. Ich begreife sehr wohl, dass du kurz davor bist, die Nerven zu verlieren...

Jesper O. Flanagan erhob sich, zog sich an. Genüsslich betrachtete er dabei Monas nackten Körper. Wäre schade um dich!, ging es ihm durch den Kopf.

Nachdem er sich Hemd und Hose angezogen hatte, ging er auf Monas zu, fasste sie grob bei den Oberarmen. "Dr. Stein hat doch deine Aussage bestätigt, Baby. Worüber machst du dir also Sorgen, heh?"

"Das FBI wird Jason in die Mangel nehmen und dann..."

"...wird gar nichts passieren. Die können uns nichts. Und die Story von den falschen Handwerkern, die du den G-men aufgebunden hast, ist doch wirklich klasse! Die Idioten suchen jetzt nach ein paar Typen, die es gar nicht gibt!"

Flanagan kicherte.

"Ich werden diese Aussage wahrscheinlich noch einmal wiederholen müssen. Und wenn ich mich dann in Widersprüche verstricke, dann..."

"...dann bist du einfach eine Frau, die durch das Attentat auf Dr. McCullen einen Schock erlitten hat und sich nicht mehr so genau erinnert."

Mona sah Flanagan direkt an.  "Ich habe schon Albträume."

"Vielleicht solltest du dich etwas ablenken, Baby. Eine Reise wäre vielleicht nicht schlecht..."

"Spinnst du?", fuhr sie auf. "Diese G-men gehen doch sowieso davon aus, dass ich irgendwie Dreck am Stecken habe. So wie die mich in die Mangel genommen haben!"

"Mona..."

"Wenn ich jetzt einfach verschwinde, dann ist das doch für die ein Schuldeingeständnis."

"Nun übertreib mal nicht!"

Das Telefon auf dem Nachttisch klingelte.

Flanagan ging an den Apparat, nahm den Hörer ans Ohr.

"Was gibt es?", knurrte er etwas unwirsch.

"Hier Edgar Delany. Es gibt Probleme, Mister Flanagan. Das FBI war gerade hier. Sie wissen von den Implantaten."

"War das nicht zu vermeiden?", brummte Flanagan. Er bleckte die Zähne wie ein Raubtier.

"Leider nein", antwortete Delany kleinlaut.

"Naja, ist ja auch gleichgültig. Die haben nichts gegen uns in der Hand. Gar nichts. Es sei denn, jemand verliert die Nerven und redet..."

23

Die Adresse des Institute of Psychiatry and Clinical Research war 765 Supreme Street, ein Gewerbegebiet ein paar Meilen von Paterson entfernt. Das Forschungsinstitut hatte dort offenbar Laborräume angemietet.

Wir brauchten etwa eine Dreiviertelstunde bis Paterson.

Das Gelände war abgezäunt. Die Labors befanden sich in einem quaderförmigen, fünfstöckigen Gebäude. Auf dem dazugehörigen Parkplatz waren schätzungsweise hundertachtzig bis zweihundert Pkws abgestellt worden, was wahrscheinlich in etwa der Zahl jener Personen entsprach, die zurzeit im Institut arbeiteten.

Telefonisch wurde Verstärkung nach Paterson beordert. Erkennungsdienstler des FBI vor allem. Und natürlich Computerspezialisten.

Um eine gründliche Durchsuchung der Gebäude des Institute of Psychiatry and Clinical Research würden wir nicht herumkommen. Die Verwendung der nicht gekennzeichneten Implantate musste geklärt werden.

Als wir eintrafen war ein Großteil der an der Operation beteiligten Beamten schon dort. Die New Jersey State Police sowie Kräfte des Paterson Police Department sicherten die Zufahrten.

Unser Kollege Jay Kronburg hatte den richterlichen Durchsuchungsbefehl dabei. Wir trafen ihn und Leslie Morell im Büro des ziemlich aufgeregten Institutsleiters.

Jay wandte sich an Clive.

"Dr. Stein möchte nicht, dass unsere Leute mit der Durchsuchung anfangen, solange sein Anwalt nicht anwesend ist!"

Clive verzog das Gesicht. "Auf die Anwesenheit eines Anwaltes haben Sie bei einer Vernehmung Anspruch, Dr. Stein. Auf den Beginn der Untersuchung hat das allerdings keinerlei Einfluss."

Der Institutsleiter fuhr sich mit einer nervösen Geste durch das schüttere, leicht gelockte Haar.

Ich sah ihn etwas erstaunt an. "Dr. Jason Stein?", fragte ich. "Sie sind doch nicht zufällig genau der Jason Stein, der die Aussage von Miss Mona Garrison so bereitwillig bestätigt hat, wonach kürzlich ein paar unbestellte Handwerker sich an Dr. McCullens Telefon zu schaffen gemacht haben."

"Was soll das denn? Sie wissen doch ganz genau, dass ich das bin, G-man!", knurrte Stein.

"Mein Name ist Trevellian!"

"Und jetzt wollen Sie mir wahrscheinlich auch noch anhängen, dass ich mit diesem explodierenden Telefonhörer etwas zu tun habe!"

"Wir hätten Ihre Aussage ohnehin noch mal genauestens unter die Lupe genommen und auf Widersprüche zur Aussage von Miss Garrison hin abgeklopft. Außerdem werden Sie nicht darum herumkommen, mit einem unserer Kollegen ein Phantombild dieser mysteriösen Handwerker zu erstellen!"

"...und ich bin mal gespannt, wie viele Übereinstimmungen es da zu den Zeichnungen gibt, die nach Miss Garrisons Angaben entstanden sind!", ergänzte Milo.

"Und wenn beides übereinstimmt, behaupten Sie wahrscheinlich wir hätten uns abgesprochen!"

Clive ergriff wieder das Wort. "Falls Sie sich belasten, haben Sie das Recht zu schweigen. Außerdem haben Sie Anspruch auf die Anwesenheit eines Anwaltes. Falls Sie eine Aussage machen, kann allerdings alles, was Sie hier äußern, vor Gericht gegen Sie verwendet werden, Dr. Stein."

"Verdammt noch einmal, was wird mir eigentlich vorgeworfen?"

Clive lächelte dünn. "Sollen wir nicht doch lieber auf Ihren Anwalt warten?"

"Ihre herablassende Art gefällt mir nicht, Agent..."

"...Caravaggio. Es geht um einige eigens für das Institut von der Firma Emerson Medo-Tech in Newark angefertigte Implantate zur kontrollierten Wirkstoffabgabe." Clive präsentierte ihm den Ausdruck des Lieferscheins und der Rechnung, die wir von Emerson bekommen hatten.

Steins Gesicht blieb regungslos.

Er scheint nicht besonders überrascht zu sein!, fiel mir auf. Wahrscheinlich war er längst gewarnt worden. Ich hoffte nur, dass Stein dennoch nicht Zeit genug geblieben war, um irgendwelches Beweismaterial verschwinden zu lassen.

"Das ist alles?", fragte Stein ungläubig. "Die Verwendung dieser Implantate ist nicht strafbar, wenn ich Sie daran erinnern darf. Es handelt sich um zugelassene medizinische Hilfsmittel."

"Das Einpflanzen dieser Implantate ohne entsprechende Serienkennung verstößt aber gegen die Vorschriften", stellte Clive klar.

Stein verdrehte die Augen.

"Wer sagt, dass diese Dinger jemandem eingesetzt wurden?"

"Mit Sicherheit wurden sie Ron Dexter eingesetzt, wahrscheinlich noch einem anderen Marine-Veteran namens Bradley. Beide sind tot. Und ihre Ermordung hängt miteinander zusammen..."

"Sie sagten Ermordung? So, wie ich die Sache in den Medien verfolgt habe, ist dieser Dexter einfach durchgedreht...", sagte Jason Stein plötzlich.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass die harte Fassade von Stein abgefallen war. Was genau das ausgelöst hatte, wusste ich nicht. Aber ich fand, dass man an der Stelle weiter nachbohren konnte.

"Dexter wurde von einem Killer erschossen, seine Schwester, bei der er CDs hinterließ ebenfalls", begann ich. "Wir wissen, dass Dexter an Medikamententests teilnahm, er hatte ein Implantat, das für Ihr Institut gefertigt wurde... Besser Sie packen jetzt aus, Dr. Stein. Unsere Leute werden jeden Computer in diesem Gebäude unter die Lupe nehmen. Und ich wette, dann wissen wir mehr!"

Unser Kollege Fred LaRocca betrat den Raum.

Er hatte zusammen mit anderen G-men zeitgleich Vernehmungen verschiedener Mitarbeiter des Instituts durchgeführt.

"Ich störe euch ungern, aber unsere Vernehmungen haben ein paar wichtige Hinweise ergeben."

Alle Augen waren auf Fred gerichtet. Er lächelte dünn, fixierte Jason Stein mit seinem Blick. "Erstens: Dexter nahm hier an Medikamententests teil. Genau wie Bradley. Zweitens: Dieses Institut arbeitet an Möglichkeiten, Soldaten durch Medikamente zu höherer Leistungsfähigkeit im Gefecht zu verhelfen. Medikamente, die zum Beispiel das Schlafbedürfnis reduzieren, die sogenannte Tötungshemmung ausschalten, Reflexe beschleunigen und für psychische Stabilität in Extremsituationen sorgen sollen."

Jason Stein fiel der Kinnladen hinunter.

Er sagte nichts, schluckte nur.

Clive Caravaggio pfiff durch die Zähne. "Ausgemusterte Veteranen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, stellen wahrscheinlich ideale Versuchspersonen für derartige Tests dar!", stellte er fest. "Jetzt packen Sie schon aus, Dr. Stein!"

"...und denken Sie daran, was Ihrem guten Bekannten Dr. McCullen passiert ist", ergänzte ich. "Die Leute, mit denen Sie und McCullen sich eingelassen haben, machen offenbar kurzen Prozess, wenn ihnen jemand gefährlich wird."

"Das sind doch alles Spekulationen", erwiderte Jason Stein. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. "Was wir hier tun ist absolut legal. Wir bekommen sogar Unterstützungsgelder der Regierung für unsere Arbeit! Der Mensch ist ein verflucht unvollkommenes Wesen. Wir versuchen in ein bisschen zu verbessern. Schon in wenigen Jahren werden auf Grund unserer Erkenntnisse, Soldaten mit Implantaten in den Kampf geschickt, die dafür sorgen, dass in bestimmten Stress-Situationen Wirkstoffe gezielt abgegeben werden können. Stoffe, die dafür sorgen, dass ein Marine länger wach bleibt und schneller reagiert."

"Damit machen Sie Menschen zu drogengesteuerten Robotern", sagte ich.

Jason Stein lachte heiser.

"Falsch, G-man! Wir sorgen dafür, dass die Marines der Zukunft länger am Leben bleiben."

"Welcher Wirkstoff ist Ron Dexter gegeben worden?", fragte Clive.

"Sie denken, dass er auf Grund unserer Versuche ein Massaker im Macy's verursacht hat?" Jason Stein schüttelte energisch den Kopf. "Es wird Ihnen schwer fallen, das zu beweisen."

"Wenn Sie sich da mal nicht irren", erwiderte Clive kühl.

24

"Ich habe diesen Bastard einer Befragung unterzogen, die er leider nicht überlebt hat", sagte One-Eye. Er zuckte die Achseln. "Glauben Sie mir, Mister Flanagan, wenn der Kerl gewusst hätte, wo die restlichen Daten sind, dann hätte er mir das verraten."

"Vielleicht haben Sie ihn etwas zu hart rangenommen", meinte Flanagan.

"Ich habe ihn zwei Stunden lang gefoltert. Und danach wäre er bereit gewesen, mir alles und jedes zu gestehen. Nein, der Typ wusste einfach nichts davon. Wir waren auf der falschen Fährte."

"Wirklich?"

"Ich habe diese beiden Lohnkiller wohl überschätzt. Die hatten nicht ganz so viel Grips, wie ich gedacht hatte."

Flanagan atmete tief durch. Er ging nervös auf und ab, ballte die Hände zu Fäusten.

Die beiden Typen, die One-Eye beauftragt hatte, die Dexters auszuschalten, waren tot.

"Die fehlenden Daten müssen wieder in unseren Händen sein!", knurrte Flanagan. "Und zwar so schnell wie möglich. Das FBI hat Dr. Stein und sein Institut im Visier."

"Was?" One-Eye fiel der Kinnladen herunter.

"Ja, Sie haben richtig gehört.  Die Cops stellen dort gerade alles auf den Kopf."

"Dann sollten wir uns jetzt ganz ruhig verhalten", meinte One-Eye.

Flanagan lachte heiser.

"Genau das Gegenteil werden wir tun! Sonst erledigt uns Dexter sogar noch aus dem Jenseits!" Flanagan ging auf den Einäugigen zu, fasste ihn bei den Schultern. "Wo könnte Dexter die andere CD gelassen haben?" überlegte er laut. "Angehörige hat er außer seiner Schwester nicht. Er besaß nicht einmal eine feste Wohnung, die man noch mal auf den Kopf stellen könnte."

"Das FBI hat es bei der Durchsuchung von Susan Dexters Wohnung nicht gefunden. Sonst wären Sie längst in Haft, Mister Flanagan..."

"Ich mag derartige Witze nicht!"

"Wenn die beiden Killer es nicht unterschlagen haben, bleiben eigentlich nur noch Dexters Kumpel aus der Veteranenszene."

"Der einzige, von dem wir wissen, dass er ihm nahe stand war Bradley!", erinnerte Flanagan den Einäugigen.

"Und der liegt unter der Erde."

"Klappern Sie die anderen Teilnehmer des Versuchsprogramms ab. Ich bin überzeugt davon, dass noch irgendeiner von denen mit Dexter unter einer Decke steckte! Verdammt, wir haben hier Kopien der Personaldaten. Gehen Sie alles noch einmal durch."

One-Eye nickte schwach. "Das wird knapp! Das FBI wird sich diese Leute auch der Reihe nach vornehmen!"

"Schauen Sie nach jemandem, der schon einmal einen Einbruch begangen hat. Als Dexter die Daten-CDs an sich brachte, ist er schließlich derart unauffällig in meine Villa eingestiegen, dass wir zunächst gar nichts bemerkt haben. Wie ein Profi. Das kam mir von Anfang an eigenartig vor."

"Sie meinen, er hatte Hilfe?"

"Warum nicht."

One-Eye bleckte die Zähne wie ein Raubtier. "Verlassen Sie sich auf mich, Mister Flanagan."

"Zuerst habe ich allerdings noch einen anderen Job für Sie."

"Geht es um unseren Mann, der in Connecticut verhaftet wurde...? An den komme ich erst heran, wenn er sich nicht im FBI-Gewahrsam befindet, sondern in die Untersuchungshaft auf Riker's Island überführt wird."

"Das kann warten."

"Worum geht es dann?"

"Mona... Die ist mir einfach zu labil. Wenn das FBI ihr noch einmal ein bisschen zusetzt, knickt sie womöglich ein!"

"Ich habe Ihnen gleich davon abgeraten, die Kleine in die Sache mit Dr. McCullen hineinzuziehen!"

"Verdammt, jetzt weiß ich, dass Sie Recht hatten!"

"Wo ist sie?"

"Im Atrium. Sie hat reichlich Pillen genommen und ist nicht so richtig beieinander."

One-Eye lächelte kalt.

"Um so besser."

25

Mona saß auf einer der Bänke, die sich im Atrium der Flanagan-Villa befanden. Ihr war schlecht. Eigentlich hatte sie erwartet, dass es ihr von den Pillen, die sie geschluckt hatte, besser ging. Das Gegenteil war der Fall. Ihre düstere, depressive Stimmung hatte sich verstärkt.

Sie hörte Schritte und blickte auf.

Flanagan erschien in Begleitung des Einäugigen.

Zwei weitere Männer in dunklen Anzügen folgten ihnen.

"Mona!", sagte Flanagan. "One-Eye wird dich jetzt nach Hause bringen."

"Nach Hause?", echote Mona leicht verwirrt. Ihr war schwindelig. Alles drehte sich vor ihren Augen. Es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

"Man sollte uns in nächster Zeit nicht zusammen sehen, Baby! So sehr mir der Sex mit dir auch fehlen wird, denn du hast wirklich was drauf!"

"Aber..."

"Bye, Mona!"

Flanagan schnipste mit dem Finger. Die beiden Gorillas, die sich bislang im Hintergrund gehalten hatten, kamen herbei, packten sie unter den Armen.

"Warum so eilig?", rief Mona. "Willst du mich loswerden?"

"Kein Gedanke."

"Ich habe mich für dich an McCullen herangemacht, mit ihm geschlafen und ihn zum Schluss in die Luft gejagt. Für dich!"

"Für ziemlich viel Geld, Baby! Vergiss das nicht."

"Und jetzt willst du mich loswerden!"

"Mona!"

"So ist es doch!"

"Red keinen Quatsch!"

Mona wollte sich aus dem Griff der beiden Mobster befreien. Aber sie war viel zu schwach dazu. Ihr Kopf begann zu dröhnen. Sie verdrehte die Augen. "Meine Handtasche!", murmelte sie.

"Wo liegt die?"

"Im Schlafzimmer."

"Ich hole sie dir!"

"Das mache ich schon selbst!"

"Du?" Flanagan lachte. "Du kannst ja nicht einmal alleine stehen!"

Die beiden Mobster führten Mona davon.

"Lasst sie irgendwo verschwinden, wo sie in hundert Jahren niemand findet!", raunte er One-Eye zu. "In ihrer Handtasche trägt sie immer einen 22er-Revolver bei sich. Damit müsste sich ein Selbstmord prima simulieren lassen."

26

Mona Garrison saß auf dem Rücksitz der schwarzen Limousine. Einer der Gorillas hatte neben ihr Platz genommen. Der andere saß am Steuer. One-Eye setzte sich auf den Beifahrersitz und reichte Mona die Handtasche nach hinten. Sie ergriff sie krampfhaft.

Die Limousine fuhr auf der Interstate 32 von Newark aus nach Norden. Mona bewohnte ein Apartment in Paterson, zwei Stockwerke über dem "Tijuana"-Club.

"Du siehst mitgenommen aus, Baby!", sagte One-Eye und grinste dabei.

"Danke, ich komme sehr gut klar!", erwiderte sie mit scharfem Unterton. Sie fasste sich an den Kopf. Ein rasender Schmerz pochte hinter ihrer Stirn. Das Schwindelgefühl hatte sich in der letzten Viertelstunde stetig verstärkt. Was haben die mir nur gegeben?, ging es ihr durch den Kopf. Ganz sicher war das nicht derselbe Muntermacher-Cocktail, den ich sonst bekommen habe... Sie versuchte, sich zusammenzureißen.

"Hey, nimm's nicht so schwer. Der Boss ist seelisch etwas angespannt. Wenn das FBI ihm die Hammelbeine lang zieht, dann..."

Mit einer ruckartigen Bewegung wandte sie sich an den Einäugigen.

"Mich haben die in die Mangel genommen! Mich!", unterbrach sie One-Eye.

"Ist ja schon gut, Baby. Beruhige dich. Du wirst sehen, in ein paar Wochen ist Gras über die Sache gewachsen."

Nein, dachte Mona. Über diese Sache wird nie Gras wachsen. Sie hatte mitangesehen, was mit Dr. McCullens Kopf bei der Explosion des Telefonhörers geschehen war. Immer wieder sah sie diese grausigen Bilder vor sich. Nachts träumte sie davon. All das Geld, das Flanagan ihr gegeben hatte, konnte diese Folgen nicht aufwiegen. Der Fahrer nahm die Highway-Abfahrt Richtung Union City und Lincoln-Tunnel.

"Hier geht es nicht nach Paterson", stellte Mona fest.

Ihre Stimme war tonlos.

"Kleiner Umweg, Baby!", erwiderte One-Eye mit einem gefrorenen Lächeln.

Plötzlich riss Mona den Reißverschluss ihrer Handtasche auf, griff hinein. Ein Klicklaut ließ sie erstarren. One-Eye hatte den Gurt gelöst und sich auf dem Beifahrersitz herumgedreht. In der Rechten hielt er einen 22er Revolver.

"Suchst du das hier, Mona?"

Monas Gesicht verlor den letzten Rest an Farbe.

"Ihr wollt mich umbringen", flüsterte sie.

"Wenn du mitspielst, hast du einen leichten Tod, Mona. Du nimmst noch was für die gute Laune und gehst ganz easy in die andere Welt."

"Ihr seid wahnsinnig!"

"Nein, du bist wahnsinnig. Du hattest Depressionen, das wird Dr. Stein jederzeit bestätigen. Außerdem warst du pillensüchtig. Da kann es schon einmal zu einer unvorhergesehenen Kurzschlussreaktion kommen. Zumal, wenn eine so labile Person einen Revolver bei sich trägt!"

"Ihr Schweine!", stieß Mona hervor.

"Du kannst es natürlich auch qualvoll haben. Liegt ganz bei dir."

Wenig später nahm die Limousine eine Highway-Ausfahrt.

Eine breite Straße führte in Richtung der Gewerbegebiete südlich von Union City.

Nach drei Meilen bog der Wagen erneut ab und nahm eine holprige, unbefestigte Piste. Sie erreichten einen verlassenen Schrottplatz. Hunderte von ausgeschlachteten Fahrzeugen waren hier abgestellt worden. Der Platz wurde offenbar schon seit Jahren nicht mehr regulär betrieben. Die Schrottpresse war ein vor sich hinrostendes Wrack. Der Büro-Bungalow des ehemaligen Platzbetreibers sah aus wie eine Ruine.

Die Limousine hielt.

One-Eye und seine beiden Begleiter stiegen aus.

Mona wurde aus dem Wagen gezerrt. Krampfhaft hielt sie ihre Handtasche fest. Sie zitterte leicht. Die Knie waren weich. Einer der Mobster hielt sie leicht am Arm.

One-Eye umrundete den Wagen, blieb stehen und überprüfte die Ladung des 22ers.

Ich habe keine Chance mehr!, wurde es Mona klar. Bitter erkannte sie, dass sie sich nie auf dieses mörderische Spiel hätte einlassen dürfen.

Aber es war nun einmal geschehen.

Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Diese Schweine! Sie sollen nicht ungestraft davon kommen!, ging es ihr durch den Kopf. In ihrem Hirn arbeitete es fieberhaft. Sie versuchte verzweifelt sich zu konzentrieren und einen klaren Gedanken zu fassen.

"Bringen wir es hinter uns!", meinte One-Eye.

Wahrscheinlich wird mich hier erst in vielen Wochen jemand finden!, durchzuckte es Mona. Ein Gedanke, der sie erschreckte. Das Schlimmste war, dass diese Killer aller Wahrscheinlichkeit nie zu Rechenschaft gezogen werden würden...

Eine winzige Chance blieb ihr...

Sie nahm all ihre Kraft zusammen, rammte dem Mobster, der sie am Arm hielt das Knie in den Unterleib.

Der Gorilla stöhnte auf, krümmte sich.

Mona stolperte davon, taumelte, griff dabei in ihre Handtasche und riss ihr Handy heraus.

One-Eye hob den 22er.

Seine Begleiter rissen die Waffen hervor.

"Mona, bleib stehen, das hat doch keinen Sinn!", rief One-Eye.

Mona stolperte weiter.

"Verdammte Närrin!", knurrte One-Eye.

Er feuerte den 22er ab.

Die Kugel traf Mona in den Oberkörper.

Sie taumelte zu Boden, stöhnte auf.

One-Eye trat an sie heran, kickte ihr das Handy aus der Rechten. "Glaubst du, die Cops könnten dir noch rechtzeitig helfen, wenn du sie jetzt rufst?" Er lachte heiser. Mona krümmte sich. Sie war unfähig, etwas zu erwidern. Die Linke presste sie gegen die Schusswunde. Blut rann ihr zwischen den Fingern hindurch.

"Ich habe dir ja gesagt, dass du es auch qualvoll haben kannst. Ein 22er-Projektil tötet nicht unbedingt gleich, wenn es aus mehreren Metern Entfernung abgefeuert wird." One-Eye nahm ein Taschentuch, wischte den Griff der Waffe sorgfältig ab.

Dann nahm er Monas Rechte, legte die Waffe hinein.

Er hielt sie dabei wie in einem Schraubstock, bog den Arm nach Innen und setzte den Revolverlauf auf die Wunde. Sie versuchte sich zu wehren, schlug und trat nach ihrem Peiniger. Einer der Gorillas sprang herbei und hielt sie fest. One-Eye drückte ihren Finger gegen den Stecher. Ein Schuss löste sich. Dann noch ein Zweiter.

Monas Augen wurden starr.

One-Eye erhob sich.

"Ob das als Selbstmord durchgehen wird?", zweifelte einer der Mobster.

Der Einäugige zuckte die Achseln. "Zumindest werden die Cops 'ne Weile brauchen, um zu begreifen, dass es keiner war. Eine psychisch kranke junge Frau lässt sich mit einem Taxi hier her fahren, um ihrem verpfuschten Leben ein Ende zu setzen. Dr. Stein wird das so oft bestätigen, wie die G-men es hören wollen. Und die Aussage eines Taxi-Drivers lässt sich notfalls auch für ein paar Greenbucks kaufen."

27

Die Untersuchungen in den Laborgebäuden des Institute of Psychiatry and Clinical Research zogen sich hin. Glücklicherweise gab es eine Reihe von Mitarbeitern, die weitaus kooperativer als Dr. Stein waren und unseren Kollegen Zugang zu den Computernetzwerken verschafften.

Auf diese Weise kamen wir in den Besitz umfangreicher Dateien zu verschiedenen Versuchsreihen, die das Institut offenbar über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg durchgeführt hatte. Ziel war es, Substanzen zu erproben, die die Leistungsfähigkeit und Kampfkraft von Soldaten im Einsatz zu erhöhen vermochten.

Darunter befanden sich auch Substanzen, die sogenannten Designer-Drogen sehr ähnlich waren.

An der Durchsuchung nahm auch Agent Nat Norton, unser Spezialist für Betriebswirtschaft teil. Schließlich waren die ökonomischen Verflechtungen des Instituts von großem Interesse. Dr. Stein hatte in so fern die Wahrheit gesagt, als offenbar tatsächlich ein Teil des Etats durch staatliche Forschungszuschüsse hereinkam. Ob die zuständigen Stellen wirklich richtig darüber informiert worden waren, was hier entwickelt wurde? Ich bezweifelte es. Aber der größere Teil des Geldes kam aus undurchsichtigen Quellen. Für Spezialisten wie Nat Norton war es allerdings nur eine Frage der Zeit, wann sie die Quellen dieser Geldströme ermittelt hatten.

Im Zusammenhang mit der Tätigkeit des scheinbar so harmlosen klinischen Forschungsinstituts waren immerhin mehrere Morde begangen worden. Morde, deren Schuldige ermittelt und bestraft werden mussten.

Bis zum frühen Abend waren sämtliche Mitarbeiter des Instituts eingehend befragt und ein Teil der Computerdaten ausgewertet worden. Dr. Stein und ein Dutzend führender Mitarbeiter wurden vorläufig festgenommen. Alle anderen bekamen die Auflage, in der nächsten Zeit die Stadt nicht zu verlassen und sich für eventuelle weitergehende Befragungen zur Verfügung zu halten.

Die Liste der Teilnehmer an den Experimenten war lang. Der Anteil von ehemaligen Veteranen überproportional hoch.

Wir gaben diese Liste sofort an das Field Office weiter, wo unsere Innendienstler die Namen so schnell sie konnten mit dem Datenberg abglichen, der dem FBI und anderen Polizeieinheiten über das Datenverbundsystem NYSIS zur Verfügung stand.

Das Ergebnis schockierte uns.

Dass Bradley und Dexter ermordet worden waren, hatten wir ja gewusst.

Aber nun stellte sich heraus, dass eine ganze Reihe der Probanden unverhältnismäßig früh verstorben war. In wie fern die Langzeit-Einnahme der Test-Wirkstoffe hier eine Rolle spielte, würden erst weitergehende Ermittlungen an den Tag bringen.

Ein interessantes Detail ergab die Untersuchung der Telefonanlage.

Nur wenige Minuten bevor Dr. McCullens Telefonhörer explodiert war, hatte Dr. Jason Stein ein Gespräch angenommen, das von einem Handy aus geführt worden war. Über den Telefonanbieter hatten unsere Kollegen an der Federal Plaza sehr schnell die Besitzerin des Gerätes ermittelt. Wir waren baff, als Max Carter uns das Ergebnis fernmündlich mitteilte.

"Mona Garrison!", entfuhr es Milo. "Wer hätte das gedacht?"

"Es macht Sinn, Milo", sagte ich. "Die Lady hat Dreck am Stecken, ich wusste es gleich."

Clive Caravaggio, der ein paar Schritte von uns entfernt dastand, mischte sich ein.

"Wovon sprecht ihr?"

"Davon, dass Mona Garrison sich wahrscheinlich mit Stein abgesprochen hat, während wir bereits damit beschäftigt waren, McCullen zu befragen", erklärte ich. "Später kam sie dann dazu. Aber offenbar wusste sie, was geschehen würde und sie hat sich gedacht, dass es nicht schlecht wäre, einen Zeugen aufbieten zu können, der ihre Aussagen bestätigen könnte."

"Vielleicht sollte man der Lady noch mal auf den Zahn fühlen."

"Wir könnten auf dem Rückweg nach Manhattan ja einen kleinen Umweg über den Tijuana-Club machen", schlug Milo vor. Er sah kurz auf die Uhr. "Der Laden müsste bald öffnen..."

Ich grinste. "Du bist wohl scharf darauf, dass aufregende Nachtleben von Paterson, New Jersey kennen zu lernen!"

"Gib's doch zu, Jesse! Auf diese Gelegenheit hast du doch auch schon lange gewartet!"

"Wer weiß!", mischte sich Clive ein. "Kann ja sein, dass direkt vor den Toren des Big Apple eine zweite Stadt existiert, die niemals schläft - und ihr beiden habt nie etwas davon mitbekommen!"

"Und wir dachten, du kennst dich nur in Little Italy aus, Clive!", grinste Milo.

28

Das Tijuana lag im Erdgeschoss eines zehnstöckigen Gebäudes. In den oberen Etagen befanden sich Apartments. Mona Garrisons Adresse war dort auch zu finden. Wir sahen uns zunächst im Club um. Es war noch nicht viel Betrieb. Ein paar leichtbekleidete Girls räkelten sich der Bühne. Der Bartender stand etwas gelangweilt hinter seinem Schanktisch. Ein paar Girls saßen vor ihren Drinks. Mona war nirgends zu sehen. Wir zeigten ein Polaroidfoto herum, das bei der erkennungsdienstlichen Behandlung der jungen Frau entstanden war. Außerdem Fotos von McCullen und Stein. Die Girls waren zunächst ziemlich schweigsam.

Zwei bullige Kerle in dunklen Rollkragenpullovern gesellten sich zu uns.

"Ihr schädigt das Geschäft, Jungs!", meinte der Größere der beiden.

Wir zeigten ihm unsere Ausweise.

"Welches Geschäft?", fragte ich ironisch. "Viel ist doch sowieso nicht los!"

"Wir machen es kurz und schmerzlos", versprach Milo. "Vorausgesetzt wir bekommen ein paar Antworten auf unsere Fragen."

"Ich möchte eins klarstellen!", meinte der Größere und verschränkte die Arme. "Wenn Sie uns irgendetwas in Richtung Drogen oder Prostitution vorwerfen wollen, dann wird hier niemand etwas sagen, bevor nicht ein Anwalt zugegen ist."

"Wie heißen Sie?", fragte ich.

"Tony Jordache. Ich sorge hier für einen geordneten Ablauf, wenn Sie verstehen, was ich meine."

"Okay, Jordache. Wir sind nicht vom Vice Department. Es geht uns auch nicht um diesen Laden, was nicht heißt, dass wir wegsehen, wenn wir etwas Illegales entdecken. Sie kennen Mona Garrison?"

Jordache nickte. "Natürlich. Sie ist oft hier. Aber wenn sie mit Gästen auf das Zimmer oder sonst wohin geht, hat das nichts mit dem Club zu tun..."

"...sondern nur etwas mit dem ausgeprägten Geschlechtstrieb der jungen Lady", unterbrach ich ihn. "Wahrscheinlich erzählen Sie mir als nächstes, dass Sie auch keine Ahnung davon haben, ob Mona jemals Geld dafür genommen hat. Ich sage Ihnen eins, wenn Sie mit mir eine Märchenstunde veranstalten wollen, werde ich ärgerlich!"

Jordache atmete tief durch. "Es gibt kein Gesetz, das mich zwingen kann, mich selbst zu belasten!"

"Bringen wir es auf den Punkt", fuhr Milo fort. "Mona ist regelmäßig hier im Tijuana. Wissen Sie, wo sie zurzeit ist?"

"Nein. Keine Ahnung. In letzter Zeit war sie auch seltener hier, seit..."

"Seit was?", hakte ich nach.

"Seit sie sich diesen Typen geangelt hat."

"Vielleicht diesen Typen?" Ich hielt ihm ein Foto von McCullen unter die Nase.

"Ja, möglich."

"Sehen Sie genau hin!"

"Ja, das war der Typ."

"Kam er in Begleitung?"

"Da waren noch ein paar andere Männer, mit denen zusammen er ins Tijuana gekommen war."

"Dann war Mona bestimmt nicht das einzige Girl, das sich um die Gruppe gekümmert hat!", stellte ich fest. Ich blickte mich um, musterte die Girls an der Bar, die bis dahin schweigend zugehört hatten.

"Ich war noch dabei", meldete sich eine Rothaarige mit üppigen Formen. Sie trug ein äußerst knappes Top, das fast alles preisgab.

Ich wandte mich an Milo. "Mach du hier weiter, ich werde die Lady mal zu einem Drink einladen!"

Zusammen mit der Rothaarigen ging ich zu einer der Sitzecken, während Milo die Befragung von Jordache fortsetzte.

"Sie kennen Mona näher?", fragte ich.

"Wir sind befreundet. Sie bewohnt das Apartment neben mir."

"Hat Sie mit Ihnen mal über ihr Verhältnis zu Dr. McCullen gesprochen?"

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, da war sie ziemlich einsilbig. Sie ist tagelang bei diesem Typ geblieben und nur noch sporadisch hier gewesen."

Ihr Handy klingelte. Sie griff in die Handtasche und holte es heraus. "Ich kann jetzt nicht", meldete sich das Girl ziemlich genervt. "Ruf später wieder an." Sie unterbrach die Verbindung. Ihr Blick blieb am Display haften. Sie tippte auf den Tasten herum und runzelte die Stirn. Ihr Gesicht wurde blass.

"Was ist los?", fragte ich.

"Ich habe hier eine Nachricht von Mona... Sie hat mir ein Foto geschickt. Sehen Sie selbst!"

Sie gab mir das Handy.

Im Display war ein Bild zu sehen. Es zeigte einen schwarz gekleideten, kahlköpfigen Mann. Ein Auge wurde von einer Filzklappe bedeckt. In der Rechten hielt er einen Revolver und zielte damit in Richtung der Handykamera.

"Ich glaube, Mona ist in Gefahr", flüsterte das Girl.

"Sie haben wirklich keine Ahnung, wo sie sich befindet?", hakte ich nach. Im Bildhintergrund war ein Schrottplatz zu sehen. Aber davon gab es im Umkreis von hundert Meilen um den Big Apple unzählige.

Sie schüttelte den Kopf. "Aber den einäugigen Typ erkenne ich wieder!"

"Na, los, raus damit!", forderte ich.

"Er war bei den Leuten um Dr. McCullen."

"Name?"

"Die Leute aus seinem Gefolge nannten ihn nur One-Eye!"

"Wie passend!"

Eine besonders hohe Auflösung hatte das Bild nicht. Ob die Datei reichen würde, um sie für einen Bildabgleich durch unser Datenverbundsystem zu jagen, war zweifelhaft. Aber zumindest konnte Mona Garrisons Handy angepeilt werden.

"Hören Sie mir gut zu", sagte ich an die Rothaarige gewandt. "Es wird Sie gleich ein Streifenwagen des Paterson Police Department zur Federal Plaza nach Manhattan bringen, damit Sie diesen Typen anhand von Fotos identifizieren können. Ihr Handy brauchen wir natürlich."

"Was geht da vor sich?", fragte sie. Ihre Besorgnis schien echt zu sein.

"Keine Ahnung", murmelte ich, während ich mir im Handymenü die Verbindungslisten anzeigen ließ. Das Bild war vor zweieinhalb Stunden abgeschickt worden. Die Rothaarige hatte offenbar in der Zwischenzeit keine Gelegenheit gehabt, sich ihre Nachrichten anzusehen.

Wahrscheinlich kamen wir also zu spät, um Mona noch helfen zu können.

29

Das Anpeilen von Mona Garrisons Handy gestaltete sich technisch ziemlich aufwändig. Wertvolle Zeit ging dadurch verloren.

Mit großem Aufgebot trafen wir schließlich bei einem Schrottplatz nördlich von Union City ein. Einsatzkräfte der New Jersey State Police unterstützten uns bei dem Einsatz. Darunter waren auch Hundeführer. Eventuell musste ein großräumiges Gebiet nach einer Leiche abgesucht werden.

Aber die kamen dann noch nicht zum Einsatz.

Wir fanden Mona Garrison in der Nähe der verfallenen Baracke. Wir konnten ihr nicht mehr helfen. Genau, wie ich es befürchtet hatte.

Ich atmete tief durch. "Sie hätte gleich auspacken sollen", murmelte ich düster. "Dann wäre das nie passiert!"

Milo ließ den Blick über den Tatort schweifen. "Offenbar hat der Mörder versucht, alles wie Selbstmord aussehen zu lassen."

Aber Mona war offenbar schlau genug gewesen, das zu vereiteln.

Ihre letzte Kraft hatte sie darauf verwendet, ihren Mörder hinter Gitter zu bringen, indem sie Beweise schuf. Beweise wie das per Handy geschossene Foto.

Wir fanden auch Reifenspuren.

Kollegen der State Police markierten die Stelle. Unsere Erkennungsdienstler waren noch unterwegs.

Clive Caravaggio und unser Kollege Orry Medina trafen schließlich ein. Wenig später fuhr der County Coroner mit seinem Wagen vor.

"Ich verwette den neuen Sportwagen dafür, dass dieser Einäugige auch etwas mit Dr. McCullens Tod zu tun hat", meinte ich.

Clives Handy schrillte.

Er sagte nur zweimal "In Ordnung, Sir", dann war das Gespräch bereits wieder beendet.

Offenbar hatte er mit Mister McKee gesprochen.

Wir sahen Clive erwartungsvoll an.

"Die Identität des Einäugigen steht jetzt fest", erklärte er.

Ich hob die Augenbrauen. "Ein alter Bekannter?"

"Kann man wohl sagen. Es handelt sich um Alex Dalbo. Er hat eine ganze Vorstrafenlatte wegen Drogendelikten. Inzwischen ist er aber nicht mehr selbst auf der Straße. Er gilt als Organisator des Designerdrogenhandels in Newark. Kein Pillendealer ist dort ohne seine Genehmigung aktiv."

"Was warten hier noch? Schnappen wir ihn uns!", forderte Orry.

Clive schüttelte den Kopf.

"Nichts überstürzen. Wir wissen, dass Dalbo mit fremdem Geld agiert. Er ist ein Strohmann für jemanden, den wir nicht kennen. Dalbo ist nur der Ausführende. Wir müssen an die graue Eminenz ran, die hinter ihm steht!"

"Er ist ein Killer! Wir könnten ihn festnageln!", meinte Milo. "Vielleicht sollte uns der Spatz in der Hand wichtiger sein, als die berühmte Taube auf dem Dach."

"Das ist eine Anweisung vom Chef", erklärte Clive. "Er besorgt sich einen richterlichen Beschluss, der es erlaubt, sämtliche Telefonanschlüsse von Dalbo abzuhören. Außerdem wird sein Haus in Jersey City unter Beobachtung gestellt. Er wird keinen Schritt mehr unternehmen können, ohne dabei beobachtet zu werden." Clive klopfte Milo auf die Schulter. "Nimm's nicht so schwer. Der Kerl ist schon so gut wie im Netz!"

"Vorausgesetzt, wir stellen ihm eine Falle!", ergänzte ich.

Und dass musste eine Falle sein, in die nach Möglichkeit auch der große Unbekannte hineintappte.

30

Im Verlauf des nächsten Morgens traf der vorläufige Bericht der Erkennungsdienstler vom Tatort bei Union City ein. Insbesondere die Reifenspuren waren von Interesse. Dem Bericht nach stammten die Abdrücke vom selben Reifentyp wie jene, die auf dem Parkplatz in Connecticut gefunden worden waren. Ein weiteres Indiz dafür, dass Alex "One-Eye" Dalbo jener Mann war der die beiden Lohnkiller beauftragt hatte, die die Dexters umgebracht hatten.

"Leider fehlt zur Zeit jede Spur von Dalbo", berichtete uns Max Carter aus der Fahndungsabteilung. "Unsere Beschattungsteams haben die ganze Nacht vor seinem Haus gewartet. Er ist definitiv nicht zurückgekehrt. Einen Handyanschluss, den wir anpeilen und abhören könnten, besitzt er nicht."

"Wahrscheinlich ist er klug genug, ein Handy mit Prepaid-Card zu benutzen", meinte Milo.

Max nickte. "Das nehmen wir auch an."

"Glaubst du, dass er sich schon abgesetzt hat?", fragte ich.

"Nein", erwiderte Max. "Es besteht für ihn eigentlich kein Anlass, jetzt die Nerven zu verlieren. Allerdings haben wir Dalbo vorsorglich in die sogenannte Stille Fahndung gegeben."

Stille Fahndung bedeutete, dass Dalbo nicht gleich verhaftet wurde, wenn er von Einsatzkräften der City Police oder der State Police von New Jersey gesehen wurde. In so einem Fall wurde lediglich der Aufenthaltsort festgestellt. Eine Ausnahme war natürlich, wenn er versuchte einen Flieger nach Übersee zu nehmen.

In dem Fall wäre er sofort verhaftet worden.

Fahndungsfotos in den Medien verboten sich natürlich. Schließlich hatten wir die Hoffnung, dass der Einäugige uns zu seinem Boss führte.

Blieb die Frage, für wen Dalbo den Strohmann spielte.

Nat Norton, unser Wirtschaftsexperte, hatte die Nacht über durchgearbeitet und erläuterte uns mit dicken Ringen unter den Augen die vorläufigen Ergebnisse seiner Ermittlungen. Danach bekam das "Institute of Psychiatry and Clinical Research" nur einen kleinen Teil seiner Finanzmittel aus staatlichen Zuschussquellen. Der größere Teil stammte aus Geldern einer dubiosen Stiftung, die ihrerseits wiederum durch Zuwendungen aus der Wirtschaft gespeist wurde. Insbesondere galt das offenbar für Unternehmen, die ihren Sitz auf den Cayman-Islands, den Niederländischen Antillen oder in Liechtenstein hatten. "Leider ist es uns bislang nicht möglich gewesen, herauszufinden, wer dahintersteckt", erläuterte uns Nat. "Der Kerl, der sich dieses Finanzierungsmodell ausgedacht hat, ist ein Meister der Tarnung gewesen! Und außerdem noch dreist genug, staatliche Fördermittel zu nutzen!"

"Meinen Sie, dass Sie die Spur des Geldes noch zurückverfolgen können, Nat?", hakte Mister McKee nach.

Nats Gesichtsausdruck wirkte skeptisch. "Das hängt davon ab, ob diese graue Eminenz in nächster Zeit einen Fehler macht. Aber da müssen wir wahrscheinlich Geduld haben..."

"Vielleicht sollte man das Pferd von der anderen Seite her aufzäumen", schlug Clive Caravaggio vor. "Ich meine, wer kommt denn für Geschäfte in Frage, bei denen es um die chemische Verwandlung von normalen Soldaten in Kampfmaschinen geht?"

"Entweder jemand der Waffenhändler ist oder seine Finger bei der Vermittlung von Söldner-Trupps hat", war Mister McKees spontane Antwort.

"Oder jemand, der im Designer-Drogengeschäft mitmischt und zusätzliche Absatzmärkte für seine Produkte sucht", ergänzte Clive. "Ganz nebenbei kann man so ein Forschungsinstitut ja auch noch als Geldwaschanlage benutzen..."

"Wir können ja mal beide Merkmale in einer NYSIS-Abfrage verknüpfen", sagte unser Innendienstler Max Carter. "Aber so geschickt, wie der Typ seine Finanzen getarnt hat, brauchen wir wohl auch sonst kaum auf einen Fehler zu hoffen."

"Es sei denn, er ist nervös", meinte ich. "Und die Art und Weise, wie er hinter der CD her war und seine Killer auf Dexter losgelassen hat, zeigt eigentlich, dass seine Nerven blank liegen müssen."

"Haben Sie irgendeine Fantasie darüber, was auf diesen CDs drauf sein könnte?", fragte Mister McKee.

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein, Sir. Aber wenn es sich um irgendwelche Daten handeln würde, die dieses Forschungsinstitut und seine zweifelhaften Methoden betreffen..."

"Dr. Steins Leute waren übrigens gar nicht so besonders clever, was die Verschlüsselung ihrer Daten anging", unterbrach mich Max. "Einige der Angestellten haben zwar bereitwillig mit unseren Leuten zusammengearbeitet, aber wenn sie mehr auf Datensicherheit geachtet hätten, wäre es trotzdem viel schwerer für uns geworden. Wir haben alles. Die Listen der Probanden, die medizinischen Unterlagen, die chemischen Analysen." Max schüttelte den Kopf. "Das einzige, was unsere Arbeit in die Länge zieht ist die Datenfülle. Manche der Rechner hatten noch nicht einmal ein Passwort! Kaum zu glauben."

Hacker machten sich den Umstand zu Nutze, dass in großen Netzwerken von Hunderten oder sogar Tausenden von Rechnern, wie sie in Behörden oder Unternehmen Gang und Gäbe waren, es immer Endgeräte gab, deren Sicherheitsvorrichtungen noch in der Werkseinstellung waren. Auf diese Weise war es gewissermaßen "durch die Hintertür" möglich, in die Systeme einzudringen.

"Für den Finanzbereich gilt dasselbe", erklärte Nat Norton. Er zuckte die Achseln. "Diese Leute haben offenbar nie damit gerechnet, dass sich jemand für den Inhalt ihrer Festplatten interessieren könnte!"

"Vielleicht blicken wir dann in die falsche Richtung", meinte ich und erntete dafür ein paar verwirrte Blicke. Ich fuhr fort: "Es könnte doch sein, dass diese Daten-CDs gar nichts mit dem Institut zu tun hat."

Mister McKee hob die Augenbrauen. "Sondern mit unserem geheimnisvollen Mister X, der aus dem Hintergrund die Fäden zieht?"

"Mit ihm oder mit Alex Dalbo. Vielleicht auch mit beiden. Das würde einiges erklären!"

Ein paar Augenblicke lang herrschte nachdenkliches Schweigen.

Eines der Telefone auf Mister McKees Schreibtisch schrillte.

Als er kurze Zeit später wieder auflegte, erklärte er: "In Chinatown wurde in einem Müllcontainer eine männliche Leiche gefunden. Im selben Container fand sich auch eine Pistole, auf der sich Fingerabdrücke des Toten befanden. Mit dieser Waffe wurde sowohl der Mord an Susan Dexter als auch der Mord auf dem Parkplatz in Connecticut begangen. Deshalb haben uns die Kollegen der City Police verständigt, nachdem sie den ballistischen Bericht vorliegen hatten. Der Mann starb übrigens an den Folgen schwerer Folterungen. Dem gerichtsmedizinischen Gutachten nach wurde ihm zuvor eine Substanz verabreicht, die die Muskeln vollkommen lähmt."

"Sieht ganz so aus, als würde es noch ein paar Leichen mehr geben, wenn wir diesen One-Eye Dalbo nicht möglichst schnell finden", kommentierte Milo düster.

31

Später saßen wir in dem Dienstzimmer, das Milo und ich uns seit langem teilten. Der Computerschirm flimmerte. Wir hatten die Liste der Probanden auf dem Schirm, die an den Tests des Forschungsinstituts teilgenommen hatten. Clive Caravaggio und Orry Medina gesellten sich zu uns.

Die Kaffeebecher stapelten sich nur so im Papierkorb, aber wir kamen einfach nicht weiter.

"Bradley, Dexter und Dr. McCullen!", stieß ich hervor. "Es muss einen Zusammenhang zwischen diesen dreien geben, der über das hinausgeht, was wir bislang wissen."

Clive stimmte mir zu. "Susan Dexter starb nur deshalb, weil sie sich dafür hergab, für ihren Bruder etwas aufzubewahren."

Milo meldete sich zu Wort. "Ich schätze, Dexter und Bradley haben versucht, den Einäugigen und seinen Hintermann zu erpressen. Womit auch immer..."

"Und du meinst, McCullen war auch daran beteiligt?", fragte Clive zweifelnd.

Milo zuckte die Achseln. "Möglich. Schließlich war McCullen seit langem in die Machenschaften des IPCR verwickelt. Vielleicht hat er etwas herausgefunden, woraus er mit Hilfe von Dexter und Bradley Kapital schlagen wollte."

Eine Pause des Schweigens folgte.

"Wir können hier nicht tatenlos herumsitzen, während dieser Dalbo vielleicht den nächsten Mord begeht", fand ich. "Und wir werden nicht in der Nähe sein, um das zu verhindern. Dieser Gedanke macht mich wahnsinnig."

"Du gehst davon aus, dass noch jemand in der Geschichte drinhängt!", stellte Milo fest.

Ich hob die Augenbrauen. "Können wir es ausschließen?"

Details

Seiten
400
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910568
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369212
Schlagworte
alfred bekker krimi sammelband drei morde amok-wahn bilder mordes tour mörders

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Titel: Alfred Bekker Krimi Sammelband: Drei Morde - Amok-Wahn, Bilder eines Mordes, die Tour des Mörders