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Das Null-Experiment

2017 190 Seiten

Leseprobe

Das Null-Experiment



Zukunfts-Roman



Gerd Maximovič





IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2017

Gewollt in alter deutscher Rechtschreibung

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext:

Die Menschheit, in Erkenntnis, strebt immer höher und weiter. Es gibt anscheinend keine Grenze, die sie nicht zu überwinden gedenkt. Jeremy Blunt gehört zu einer extremen Forschergruppe. Der wahnsinnige Wissenschaftler unternimmt den äußersten Schritt, er will das reine Nichts erschaffen. Das ist eine winzige atomare Stelle im Weltraum, die von allem Sein, mithin vor allem von Gott entblößt ist. Denn Gott ist ja mit dem Sein identisch, eine totale Leerstelle wird also ohne Gott auskommen müssen. Ist es denkbar, an Gott zu appellieren, daß er - wenn auch nur aus einem winzigen Teilbereich des Seins - verschwinden möge?

Wir erleben im Verlauf einer dramatischen Handlung, wie Gott dem Wunsch des wahnsinnigen Wissenschaftlers bis zu einem gewissen Grade nachkommt. So öffnet sich an der gewünschten Stelle ein Schwarzes Loch, das ist hier ein verhängnisvoller Ort, in den in zunehmendem Ausmaß alle Materie, alle Strahlung, alles Sein hineinstürzt. Die Weltvernichtung droht, der Untergang des gesamten Universums steht bevor - und das nur, weil ein einzelner, wahnsinnig gewordener Wissenschaftler sich aufspielte, selbst Gott herausfordern zu wollen.

Es gilt, diese letzte, ultimate Katastrophe abzuwenden. Robert Hanson, mit seinem besonders ausgerü steten Rettungskreuzer Piquet, eilt folglich herbei. Er, sein Schiff und dessen Besatzung sind die einzige, die letzte Chance, das eigene Leben sowie das ganze Universum zu retten. Wird es Robert Hanson und seiner Mannschaft gelingen, nicht nur das vorliegende Problem richtig zu erkennen, sondern sich selbst und mithin den gesamten Kosmos vor dem Untergang zu bewahren?



Lesen Sie selbst diesen äußerst unterhaltsamen Roman, der bis an die Grenze führt und der dabei an Dramatik und Spannung nichts zu wünschen übrig läßt. Eingewoben in ihn sind Erwägungen, die Gott und unser Verhältnis zu ihm betreffen. Wir gewärtigen hier also ein Musterbeispiel tiefgründiger, philosophischer Überlegung, dargeboten auf unterhaltsame, nie langweilende Weise. Stilistisch wie inhaltlich gehört diese anspruchsvolle Arbeit gewiß zum Feinsten, was die Science Fiction auf dem Gebiet der Gedankenliteratur bisher hervorgebracht hat.





"Ich weihe mich meinem Berufe ... so lange noch ein Hauch in mir ist und so lange es Gott gefällt, ohne deßen Willen kein Haar vom Haupte fällt, geschweige denn ein Gedanke in der Vernunft aufsteigt." (Schelling)










I.




"Die Station Gamma 3 muß ganz nah sein."

"Ach ja?"

Carlucci, der dies fragte, drehte sich zu seinem Vorgesetzten, Kapitän Hanson, um.

"Ja, natürlich! Sehen Sie das hier, Paolo?"

Der I. Offizier sah es. Das war eine Raumwelle, die sich vor ihnen schier in die Unendlichkeit erstreckte. Das erkannte man daran, daß alle hereinkommenden Eindrücke und Bilder von Milchstraßen und Sternen wie verschoben oder verzerrt wirkten. Man wußte nämlich deren Positionen genau, bloß aus anderer Perspektive und von anderen Orten aufgenommen. Und auf Grund der jetzt ermittelten Verschiebungen ließen sich Form und Struktur dessen, was sie eine Raumwelle nannten, einigermaßen bestimmen.

"Und wo, bitte, Chef", wollte der I. Offizier zögernd wissen, "soll Gamma 3 sein?"

"Mitten drin", erwiderte Robert Hanson.

"Mitten drin?" Der I. Offizier runzelte die Stirne.

"Aber, Verzeihen Sie, Chef, bei aller Peilung", wandte er ein, "ich kann nichts erkennen. Nimmst Du etwas wahr, Jürgen?"

Jürgen Offerman, der II. Offizier, drehte an der virtuellen Stellschraube, welche ihm Raum und Zeit, insbesondere aber die verwirrende Umgebung unmittelbar näherbringen sollte.

"Jürgen?"

"Da ist tatsächlich etwas", murmelte der II. Offizier.

"Sie sehen etwas, Offerman?" wollte Hanson mit großer Gelassenheit wissen.

"Ja, da ist etwas", bestätigte der II. Offizier.

"Und was ist da?" fragte Carlucci.

"Metall", erwiderte Offerman, nach kurzem Bedenken.

"Metall?"

"Ein Splitter in der Strömung."

Der I. Ingenieur, Bruce Boxinger, drängte näher. Er hatte sich schon mit der Beschaffenheit von Raum und Zeit voraus befaßt, und ihm war auch jenes vom II. Offizier benannte Objekt aufgefallen.

"Also", sagte, an Boxinger gewandt, Hanson, "das ist die Station. Oder jedenfalls das, was von ihr übrig geblieben ist. Sehen Sie das auch so?"

"Das muß sie sein", bestätigte der I. Ingenieur.

"Na ja", verkündete Irene Springstein, die II. Ingenieurin, "dann haben wir sie ja gefunden."

"Oder sie - oder ihre Überreste - hat uns gefunden", hielt Carlucci dagegen.

"Wie meinst Du das, Paolo?"

"Ich gehe von einer gegenseitigen Anziehung aus", erwiderte der I. Offizier.

"Anziehung?"

"Ja, Anziehung!"

"Aber wir sind doch nicht magnetisch", wandte der III. Offizier, Bonlieu, verwundert ein.

"Ich meine damit auch nicht den Magnetismus", wehrte Carlucci ab.

"Nein, was meinst Du dann?"

"Sondern, das muß sich auf elektronische Wechselwirkung von Objekten beziehen", erklärte der I. Offizier gelassen.

Nun runzelte Bonlieu die Stirne.

"Objekte beeinflussen sich elektronisch gegenseitig immer", schaltete sich nun Hanson wieder ein, der seinem I. Offizier damit Recht gab. "Auch wenn sich der Zusammenhang manchmal nur schwer nachweisen läßt."

"Aha", sagte Bonlieu zu seinem Kollegen, dem I. Offizier, "und Du meinst, auf diese Weise haben uns das Objekt oder seine Überreste gerufen?"

"Wir haben jedenfalls eine Art Welle oder Strahlung aufgenommen", erklärte Carlucci.

"Der wir folgten", bestätigte wiederum Hanson.

"Das ist mir schon klar", wehrte Bonlieu ab, der wie alle anderen mit den Reflektorbildern vertraut war. "Ich meine etwas anderes. Aber so, wie ich Dich verstanden habe, Paolo", sagte Bonlieu zu seinem Kollegen, "wollte Gamma 3 - oder was davon übrig geblieben ist - aufgenommen werden."

"Da muß eine Strahlung an Bord der Station oder in ihrem Umkreis, in ihren Trümmern, sein", versetzte Hanson, "welche dies bewirkt, welche sich auf uns richtet, welche uns gewissermaßen dort hinzieht."

"Was ist mit den Interferenzen?" erkundigte sich Bonlieu bei dem I. Ingenieur, Boxinger.

"Nichts, was uns aufgefallen wäre", erwiderte dieser.

"Da war eine Überlagerung oder Störung", beerichtigte ihn seine Kollegin Springstein.

"Du meinst den Fehler in der Transformationsanlage?" wollte Boxinger stirnrunzelnd wissen.

"Ja, den meine ich."

"Hm", sagte der Ingenieur, "das war doch bloß ein minderwertiges Rauschen."

"Das würde ich andere auffassen, Herr Kollege."

"So, wie denn?" Der I. Ingenieur schluckte.

Denn in der Tat, vielleicht gehörte das, was sie verzeichnet hatten, zum üblichen Hintergrundrauschen des Weltalls. Doch möglicherweise war es sehr viel mehr, gerade in dieser Umgebung. Etwas, das sich aber nur in einem verblüffend kurzen, zudem verwaschenen Wellenbild sichtbar machte.

"Unser Auftrag besteht doch darin", versetzte Hanson, "die Station Gamma 3 ausfindig zu machen, oder was von ihr übrig geblieben ist."

"Ja, Chef."

"Und dann zu klären, was dort schief gegangen ist."

"Ja, Chef."

"Warum sich niemand von dort mehr meldet."

"Gamma 3 ist verschwunden", erklärte Carlucci.

"Wir haben jetzt also Spuren zu diesem Objekt oder zu seinen Überresten vorliegen", bemerkt Hanson.

Sie alle, die führenden Offiziere sowie Ingenieure, aber auch zahlreiche der anderen Besatzungsmitglieder, sofern abkömmlich, starrten auf den Hauptschirm. Der Raum sah dort ganz normal aus. Doch die Sterne und die Spiralnebel auf ihm tanzten ganz leicht, kaum merkbar, wie in leichtem Seegang. Man brauchte schon ein scharfes Auge, um dies auf normalem Beobachtungswege zu bemerken. Doch die hochempfindlichen elektronischen Meßgeräte hatten längst Alarm geschlagen und schrillten, bis man ihre Tonfolge zu einem leisen Flüstern dämpfte.

Es war völlig klar, die nähere Umgebung, in der sich die Piquet befand, schien alles andere als normal. Und aller Vorstellung nach befanden sie sich schon mitten drinnen.

"Chef, ich habe etwas gefunden", meldete sich da plötzlich der Funker Bronstein.

"Bronislaw?"

Bronislaw Bronstein nannte die Daten. Tatsächlich, alle freien Antennen und Peilgeräte wurden in diese Richtung ausgedreht, man vernahm von dort ein Zirpen.

"Das ist ungefähr dort, wo wir das Metall entdeckt haben", bemerkte der II. Offizier.

"Sind das gezielte Signale, Bronislaw?"

"Schwer zu sagen, Chef."

"Stefan?" fragte Hanson Van der Built, einen ihrer in der EDV-Abteilung tätigen Leute.

"Klingt eher wie ein Energieüberschuß, der dort nicht hingehört", erwiderte dieser.

Ein Energieüberschuß an dieser heiklen Stelle? Woher kam dann diese Energie? Energie war überall, ihre Konzentration hier warf Probleme auf. Und wenn dieselbe - was man vermuten mußte - zur Gamma-Station (oder ihren verbliebenen Teilbereichen) gehörte, warum strahlte dieselbe dann in dieser höchst ungewöhnlichen Weise?

"Was macht die Bildaufklärung?"

"Kein Bild möglich, Chef", vermeldete Boxinger.

"Chef", sagte da Carlucci, beunruhigt.

"Paolo?"

"Was ist das?"

Der I. Offizier wies auf die ihre Örtlichkeit so genau wie nur irgend möglich beschreibenden Parameter.

"Die Werte haben sich verschoben, Chef", erklärte Boxinger dazu.

"Wir setzen uns in Bewegung", sagte, erschrocken, die Springstein.

Ohne ihren Wunsch und Willen. Das sagte sie aber nicht. Doch alle der Umstehenden dachten es.

"Bitte, die genauen Koordinaten!" verlangte Hanson, der selbst überrascht war.

Die ihre Veränderung eindeutig ausweisenden Zahlen glitten über den Bildschirm. Und dort hinten tauchte etwas wie eine gelbe Wolke mitten in dem sie anziehenden Strudel auf. Diese gelbe Wolke hatte es vorher noch nicht gegeben.

"Was ist das? Station Gamma?"

"Chef, die Station hatte einen gelben Anstrich."

"So, und warum?" fragte Hanson abermals für die anderen, er, der das selbst am allerbesten wußte.

"Damit man sie unter allen Umständen in jedem noch so lächerlichen Zusammenhang gut unterscheiden und erkennen kann."

"Chef, die Ortsveränderung", sagte Carlucci.

"Paolo?"

"Sollen wir laufen lassen?"

"Vorerst."

"Ich möchte mich doch ein wenig wundern", verstzte Jürgen Offerman, während sie fasziniert auf den gelben, noch sehr weit entfernten Lichtschein vor sich starrten.

"Warum, Jürgen?"

"Nun, sie malen eine Station gelb an."

"Und?"

"Ich meine", der II. Offizier stotterte fast, "ich habe nichts dagegen."

"Nein?"

"Nein, aber das alles, im Zusammenhang gesehen, wundert mich doch ein bißchen."

"Metall", meldete da Carlucci wieder.

"Paolo?"

"Mitten aus dem gelben Leuchten, Chef", bestätigte der I. Offizier, "das ist eindeutig."

"Das ist die Station", stellte Bonlieu fest.

"Oder das, was von ihr übrig geblieben ist", ergänzte Boxinger.

"Die Resonatoren schlagen an", versetzte die Springstein.

Die II. Ingenieurin bezog sich auf die Einrichtungen, nach denen man alle Massevorkommen im Welt- oder Zwischenraum erkunden konnte.

"Das kann nicht sein", sagte sie dann, wie vor den Kopf geschlagen.

"Irene? Was kann nicht sein?"

"Das Masseaufkommen, Chef", erwiderte die II. Ingenieurin.

"Lassen Sie, bitte, einmal sehen!"

"Erkennen Sie das, Chef?"

"Was ist das?"

"Das war das Zentrum der Galaxis", brummte Carlucci.

"Und wie erklärt man sich das, Irene?" wollte Hanson bezüglich des unerhörten, immer noch ansteigenden Masseaufkommens Kurs voraus wissen.

"Es kommt von dem gelben Fleck her", stellte Bonlieu fest.

"Die Galaxis ist verschwunden", sagte Carlucci.

"Was hat die Station dort eigentlich zu suchen gehabt?" fragte Bonlieu.

"Im Zentrum dieser Galaxis?"

"Ja, warum muß man sich gerade diesen Ort zur Erforschung aussuchen?"

"Die Galaxis wurde nicht erforscht", versetzte Hanson.

"Sondern?" fragte Bonlieu mit erstauntem Augenaufschlag.

"Sie war nur ein Hilfsmittel", erwiderte der Kapitän.

"Und wofür?" Der II. Offizier, wie die anderen über diesen Aspekt nur unzureichend unterrichtet, zeigte sich verwundert.

"Es ging um grundlegende Experimente oder entscheidende Erkenntnis."

"Was die Galaxis zusammenhält?"

"Nein, was das Universum als Ganzes oder, wenn Sie so wollen, auch das Sein zusammenhält", lautete die Antwort.

"Was das Sein zusammenhält?" Bonlieu staunte. "Und wieso mußte man sich zu diesen Zwecken das Zentrum einer ganzen Milchstraße aussuchen?"

"Einer weit entfernten", bemerkte, nachgerade bescheiden, Carlucci.

"Wegen des Energiereserven in ihrem Inneren", erteilte Hanson nunmehr bereitwillig Auskunft.

"Die ganze Energie einer weit abgelegenen Galaxis", sann Bonlieu, "das ist doch eine tüchtige Menge, nicht wahr?"

"Ja, das ist es, Jean."

"Hm, und zu welchem Zwecke zapfte man die im Zentrum einer Milchstraße verborgene Energie an?"

"Zu einem ganz einfachen Zweck."

"Und der wäre?" Bonlieu, der aufmerksam zuhörte, konnte es nicht fassen.

"Man wollte den Unterschied von Sein und Nichtsein ergründen."

"Was?" Dem III. Offizier blieb das Wort im Halse stecken.

"Der Unterschied zwischen Sein und Nichtsein interessierte", wiederholte der Kommandant ganz ungerührt.

Der III. Offizier wischte sich den Schweiß von der Stirne, denn derselbe war inzwischen zumindest tröpfchenweise dort ausgebrochen. Gleichzeitig mit der eigentlich unerhörten Eröffnung durch seinen Vorgesetzten ging ihm die ungeheure Dimension des zur Debatte stehenden Themas auf, auch wenn er dieselbe noch nicht entfernt in vollem Umfang erfaßte.

Carlucci, deutlich besser unterrichtet als die anderen, lachte.

"Ich habe mich vor Antritt unserer Reise kundig gemacht", verkündete er.

"Über den Sinn von Gamma 3?"

"Ja, und zwar über die Hintergründe."

"Du meinst die theoretische Erwägung?"

"Ja."

"Von Sein und Nichtsein", sagte Van der Built und lachte.

Doch das Lachen blieb auch dem III. Ingenieur im Halse stecken. Er starrte das gelbe metallische Leuchten an, das sie aus großer Entfernung erreichte. Das war die Station Gamma 3. Oder das, was von ihr übrig geblieben war. Sie war untergegangen. Oder sie ließ sich jedenfalls nicht verzeichnen. Oder sie antwortete zumindest nicht mehr, was immer das bedeuten mochte.

"Wie erkennt man das?" fragte, ganz ernsthaft, Carlucci.

"Du meinst, den Unterschied zwischen Sein und Nichts zu ergründen?" fragte Van der Built, noch immer mit halb offenem Munde.

"In der Tat", bestätigte Carlucci.

"Den gibt es überhaupt nicht", entgegnete Van der Built, nach kurzem Bedenken.

"So, und warum nicht?" Der I. Offizier runzelte die Stirne.

"Das doch Unsinn!" erklärte der III. Ingenieur entschieden.

"So, und warum, Stefan?"

"Weil es kein Nichts gibt", antwortete dieser, nunmehr mit breitem Grinsen.

"Und weil es kein Nichts gibt, ist es unsinnig, von einem Unterschied zwischen Sein und Nichts zu sprechen?"

"Na, sicher!" bestätigte Van der Built fröhlich.

"Und warum gibt es kein Nichts?" forschte Carlucci nach.

"Weil alles voll Sein ist."

"Aber im Weltraum", wandte Offerman ein, "da ist doch auch alles leer und öde. Da würden wir ohne unsere Schutzanzüge beispielsweise zugrunde gehen. Also können wir den Weltraum als das Nichts betrachten."

"Nein, der kosmische Raum ist überhaupt kein Nichts", erwiderte Van der Built trocken. "Wenn Du den Sauerstoff wegnimmst, dann entsteht doch kein Nichts, sondern bloß eine Umgebung, in der wir nicht mehr atmen können. Oder?"

"Natürlich", pflichtete die Springstein bei.

"Und im übrigen sehen wir", fuhr der III. Ingenieur fort, offenbar stolz darauf, seine durchdachten Kenntnisse anwenden zu können, "der Weltraum um uns herum" - und er wies nach draußen - "ist nicht leer, sondern voll, und zwar gerammelt voll. Oder vielleicht nicht?"

"Voller Wellen?" fragte anteilnehmend die Springstein.

"Voller Wellen, voller Strahlung. Leer kommt uns der Raum nur vor, weil wir seinen Inhalt mit unseren Organen, vom Licht einmal abgesehen, kaum aufnehmen können."

"Da ist etwas dran", räumte Carlucci ein.

Er mußte dabei an die vielen Radioteleskope in einer Umlaufbahn um die Erde, aber auch um andere Planeten sowie um ihre Monde denken.

"Also", sagte Hanson, der bis dahin eher geduldig ruhig zugehört hatte, "der Raum ist nicht leer, sondern voll. Mit Wellen, welche wir nur indirekt nachweisen können."

"Es gibt demnach kein Nichts?" erkundigte sich Van der Built, höchst erfeut über die Bestätigung seiner Auffassung.

"Was uns als Nichts vorkommt, ist eine Illusion oder eine falsche Vorstellung. Oder auch bloß eine Denkschwäche", vermeldete der Kapitän.

"Wieso Denkschwäche, Chef?" forschte Carlucci nach, sich dadurch möglicherweise selbst angesprochen fühlend.

"Weil wir sehr einfach, doch oft fehlerhaft vorgehen", erwiderte der Kommandant.

Der I. Offizier verstand nicht. Man las dies seinem Gesichtsausdruck ab. Sein Vorgesetzter lachte.

"Man sagt, die Sonne geht auf", versetzte er.

"Dabei geht sie gar nicht auf, sondern die Erde dreht sich nur unter ihr weg, so entsteht dieser falsche Eindruck", beeilte sich Carlucci zu versichern.

"So ist es, Paolo."

"Und hier, in unserem Zusammenhang?" wollte der I. Offizier dann wissen.

Sein Vorgesetzter ging bereitwillig auf diese Frage ein.

"Nun", versetzte er also, "stellen Sie sich vor", und er wandte sich an alle ihn umstehenden Ingenieure und Offiziere, "Sie haben Ihren Hut an den Hutständer gehängt."

Paolo Carlucci lachte.

"Das kann ich mir gut vorstellen", bekannte er schmunzelnd.

"Und nun nehmen Sie Ihren Hut von dort weg."

"Ja, ja, das soll vorkommen", brummte Carlucci, der sich Hut und Hutständer lebhaft vorstellte.

"Es geht hier um die Vorstellung", erläuterte Hanson, "die wir im Sprachgebrauch dem nunmehr leeren Hutständer entgegen bringen."

"Da, wo der Hut hing, da ist nichts mehr", warf Van der Built ein.

"Genau so ist es, Stefan!"

"Und was sagt uns das?"

"Wir sprachen unbesonnen vom Nichts, meinen es aber nicht so", bekannte der III. Ingenieur.

"Unser Sprachgebrauch täuscht uns also", sagte Hanson.

"Und führt uns mithin zu falschem Denken", ergänzte die Springstein.

"Na klar", ereiferte sich Carlucci, "dort, wo der Hut hing, ist, indem man ihn wegnahm, nicht etwa das Nichts entstanden. Sondern die vom Hut entblößte Stelle füllte sich mit Luft an."

Stolz blickte der I. Offizier um sich. Und erfreut nahm er zur Kenntnis, daß sein Vorgesetzter beifällig nickte.

"Das ist ein Naturgesetz", fuhr Hanson fort. "Es gibt keine leere Stelle im Raum oder im Universum. Dort, wo man etwas wegnimmt, strömt anderes Sein hinein. Materie oder Strahlung, wie immer Sie wollen, füllt den entbößten Raum aus. Die Natur läßt keine Lücke. Es gibt in der Natur keine leere Stelle. Dort, wo etwas fehlt oder verschwindet, strömt etwas anderes herbei, die entstandene Lücke zu schließen."

"Es gibt kein Nichts im ganzen Universum", stellte Offerman fest, "es gibt also keine leere Stelle."

"Nein, Jürgen, es gibt nur das Sein, nach allem, was wir feststellen können", bestätigte sein Vorgesetzter.

"Aber sagten Sie nicht vorhin, daß auf dieser Station", und der II. Offizier wies auf den Bildschirm und auf die gelben, metalldurchsetzten Schwaden, welchen sie sich allerdings kaum merklich näherten, "der Unterschied zwischen Sein und Nichts überprüft werden sollte?"

"So ist es, Jürgen."

"Aber was sollte man da überprüfen, wenn vorher schon klar ist, daß es kein Nichts gibt?" fragte stirnrunzelnd der II. Offizier.

"Das ist eine interessante Frage, Jürgen", stellte der Kommandant fest.

"Ja, allerdings", lachte Offerman, "das würde ich auch sagen."

Dann verstummte er aber. Und erbleichte.

"Sie wollen damit doch nicht etwa andeuten..."

"Was, Jürgen?"

"Also", Jürgen Offerman mußte sich erst einmal räuspern, "jedenfalls gerüchteweise verlautet, er hätte sich um die kleinsten materiellen Bestandteile gekümmert."

Und der arme II. Offizier, alleine bei dieser Vorstellung arg in Bedrängnis geraten, mußte husten.

"Sie meinen Blunt, den Chef von Gamma 3?"

"Ja, den meine ich."

Damit war erstmals der ihnen allen auf der Zunge liegende Name des berühmten oder berüchtigten verrückten Wissenschaftlers gefallen. Jeremy Blunt, hochqualifizierter Experte in der Mikro- und Nanoforschung, aber auch, wie die Nachrichtenagenturen vermeldeten, in der Atomphysik bewandert.

"Und was hat er tatsächlich gemacht? Ich meine Blunt und seine Leute?" fragte Boxinger und wies zögernd auf die Station, die es offenbar nicht mehr gab.

Sie waren ja selbst aufgebrochen, ihren Verbleib oder ihr Schicksal zu ermitteln.

"Das muß doch etwas Erhebliches ein, wenn bei dieser Gelegenheit eine ganze Station in die Luft fliegt!" brummte Van der Built.

"Na, in die Luft ist sie ja nicht gerade geflogen", hielt Carlucci, sich auf den luftleeren Weltraum beziehend, dagegen.

"Du weißt schon, was ich meine."

"Wer sagt Ihnen denn, daß die Station ihren Dienst vollständig eingestellt hat?" erkundigte sich angelegentlich Hanson.

"Nun ja, normal vorhanden oder aufzeichenbar ist sie jedenfalls nicht", erwiderte der I. Ingenieur. "Und ich habe auch nicht den Eindruck, daß sie sich auf unsere Bemühungen hin meldet."

Da gab es nämlich noch das tickende Untergrundrauschen, wie sie alle wußten. Es entsprach einer Blackbox, wie man sie früher etwa in Flugzeugen verwendete. Sollten dieselben vom Himmel fallen, so würde man die in jeder erdenklichen Hinsicht abgesicherten Boxen nur auffinden müssen, um den Hergang des Unfalls zu klären.

Jedes Raumschiff unter modernen Vehältnissen war mit einer solchen, in Raum und Zeit tickenden Sonde ausgerüstet. Sie galt als unverwüstlich. Und egal, was mit einem Raumschiff je geschehen mochte, die unter anderem vor jeglicher Strahleneinwirkung geschützte Sonde würde man nur auffinden müssen, um festzustellen, was sich mit dem entsprechenden Objekt ereignet hatte.

Und natürlich, auch jeder andere, einigermaßen wichtige Forschungskörper, den man jemals in den Kosmos ausbrachte, war mit tickenden Untergrundbojen ausgerüstet. Denn man wußte ja nicht, was irgendwann mit den vielversprechenden Objekten geschehen mochte. Das galt für die Erkundungssatelliten und Meßproben wie für vieles mehr. Allein ihre Spur, insbesondere im substallaren Raume, ließ sich dadurch schon besser verfolgen.

Und selbstverständlich, auch Gamma 3 - ja, Gamma 3 erst recht! - war mit solchen Sonden versehen. Und auf Grund der Bedeutung des Projektes nicht nur mit einer, sondern gleich mit dreien, von denen, allen Ermittlungen zufolge, erfreulicherweise alle drei noch tickten.

"Also", sagte Boxinger, nachdem er eben auf diese tickenden Untergrund- oder substellaren Bojen abgehoben hatte, "da muß doch etwas Erhebliches geschehen sein, wenn gleich alle drei Blackboxem nicht mehr direkt antworten."

"Zugegeben, Bruce", sagte Hanson zu ihm. "Aber die Sonden sind ja alle noch vorhanden. Wir müssen sie bloß genauer orten, um sie anschließend bergen und dann abhören und auswerten zu können."

"Hm", brummte Boxinger, "das klingt ja so, als ob sie - ich meine die Bojen - sagen wollten, hier hört mal, wir sind noch vorhanden."

"Es ist jedenfalls etwas geschehen, aber dieses Ereignis hat nicht alle Spuren verwischen können", erklärte Hanson.

"Das hängt ja wohl auch damit zusammen", beharrte der Ingenieur auf seinem vorhin schon vorgebrachten Standpunkt, "was sie wollten, nicht wahr, Chef?"

"Die Leute von der Gamma-Station?"

"Ja. Sie sagten, Jeremy Blunt und seine Leute hätten sich mit der Mikro- oder Nanotechnik beschäftigt?"

Das hatte Robert Hanson nicht gesagt, doch in der Sache behielt Bruce Boxinger Recht. Der Kommandant der Piquet nickte also.

"Und, zu welchem Zweck oder Ziel genau, wenn wir das erfahren dürfen?"

"Sie wollten das Sein und das Nichts - oder den Zusammenhang oder den Unterschied zwischen ihnen - ergründen", erinnerte Carlucci.

"Ach ja?"

"Sie rührten im kleinsten herum", sagte Carlucci.

"Das Kleinste", brummte Boxinger und schneuzte sich dabei ein wenig, "ist das Atom, soweit wir wissen."

"Nicht ganz, Bruce", hielt seine Kollegin Springstein dagegen, die auf atomare Unterschichten abhob.

"Na ja gut", gestand Boxinger zu, "aber jedenfalls die klassische atomare Richtung ist doch wohl jene, in welche wir sinnen müssen, wollen wir das Schicksal der Station ergründen?"

"Das ist richtig", bestätigte Hanson.

"Und was haben sie vorgehabt? Ich meine, die Leute auf Gamma 3?" erkundigte sich neugierig der I. Ingenieur. "Das ist doch überhaupt unter größter Geheimhaltung gelaufen. Man plärrt in den Medien irgendwelchen Unsinn stets groß hinaus, doch von solch wesentlichen Dingen erfährt man überhaupt nichts!"

"Wie gesagt, der Unterschied von Sein und Nichts interessierte, und zwar fundamental", erklärte Hanson.

"Man wollte also das Nichts erzeugen?" mutmaßte Boxinger in einem Anflug kühner Ahnung, nunmehr durchaus auf den Spuren jener Leute wandelnd.

"In gewisser Weise, Bruce."

Der I. Ingenieur lachte. "Und wie erzeugt man das Nichts?"

Er lachte wieder. "Wenn man bedenkt, daß es doch keinen leeren Raum im Universum gibt. Sondern es strömt das Sein immmer in jede sich öffnende, auch nur ansatzweose leer werdende Stelle."

Und er, selber Fachmann, schaute fordernd um sich.

"Soweit wir wissen, nach dem Staubsaugerprinzip", antwortete Carlucci trocken.

"Nach dem Staubsaugerprinzip?" Boxinger blieb der Mund offen stehen.

"Ja, nach dem Staubsaugerprinzip!" bekräftigte der I. Offizier geradezu gemütlich.

"Hm, der Staubsauger", überlegte der I. Ingenieur, "saugt doch den Dreck von einer schmutzigen Stelle ab."

"Mit einer Vakuumpumpe."

"Tja", sann Boxinger weiter, "aber so weit ist es da mit dem Vakuum ja doch nicht her."

"Wie meinst Du das, Bruce?" fragte die Springstein ihren Kollegen.

"Nun", erwiderte dieser, "man saugt die Luft und den Dreck ab, aber man erzeugt damit doch kein Vakuum, also keinen Leerraum. Sondern man stellt eine vom Schmutz befreite Stelle her, welche sich aber in jedem Falle wieder mit Luft füllt. Und, wenn man höher hinaus will, falls man per Saugkraft dort Strahlung heraus nimmt, dann tritt doch in jedem Falle andere Strahlung an diesen Ort. Es gibt keine Leere und kein Nichts im Kosmos, wie wir soeben feststellten. Oder?"

Fragend, nein fordernd, blickte sich der I. Ingenieur um, auch gekränkt infolge seines unzureichenden Wissens hinsichtlich der verunglückten Station.

"Hast Du schon einmal etwas von der Triangulations-Schleuder gehört?" erkundigte sich angelegentlich Carlucci.

"Nein, habe ich nicht", antwortete Boxinger.

"Was ist das?" fragte Van der Built, ebenso wenig informiert wie seine Kollegin und sein Kollege.

"Das ist ein Apparat, um das Nichts zu erzeugen", erwiderte Hanson für seinen I. Offizier.

"Die Triangulations-Schleuder?" staunte Van der Built.

"Ja, die Triangulations-Schleuder oder - Pumpe", bestätigte der Kapitän.

"Und wie funktioniert sie?" Der stämmige, untersetzte III. Ingenieur runzelte die Stirne.

"Wie ein Staubsauger, doch die Schleuder verschlingt nicht nur Dreck oder Luft, sondern alles, was Sie sich vorstellen können."

"Alles, was ich mir vorstellen kann?"

"Ja, alles."

"Hm", brummte Van der Built, "also Licht etwa?"

Er lächelte. "Dann wird es in der Umgebung der Schleuder - oder Pumpe - also finster?"

"Das würde unseren ursprünglichen Beobachtungen entsprechen", meldete sich die Springstein abermals, diesmal aufgeregt, zu Wort.

"Du meinst den schwarzen Fleck, den wir dort, wo sich Gamma 3 befinden sollte, ausgemacht haben?" erkundigte sich Bonlieu.

"Ja, den meine ich", bestätigte kopfnickend die Springstein. "Ist das also gar keine schwarze Stelle, sondern", sie mußte sich räuspern, da ihr das Wort stockte, "der Ausdruck von Nichts, in dem es also auch kein Licht gibt, beziehungsweise, wo auch das Licht verschwindet?"

"Sie haben Erfolg gehabt", versetzte Carlucci.

"Was?" Die Springstein fröstelte. "Jeremy Blunt und seine Leute?"

"Jeremy Blunt, Geoffrey Kieser, sein Assistent, und die anderen", bestätigte der I. Offizier.

"Erfolg darin, das Nichts zu schaffen?" Die II. Ingenieurin wollte es nicht glauben.

"Ja, nach allem, was wir wissen, ist ihnen der Durchbruch gelungen", erklärte Carlucci geradezu unerschütterlich.

"Zum Nichts", flüstere die Springstein, der allein bei dieser Vorstellung unbehaglich wurde.

"Aber wieso ist dann die ganze Umgebung der Station gut zu erkennen, wenn doch das Licht abgesaugt wurde?" wollte Offerman hartnäckig wissen.

"Na ja, mein Lieber", sagte Carlucci zu ihm, "ihr Vorgehen, per Absaugen das Nichts herzustellen, begrenzt sich auf eine bestimmte Stelle. Oder meinst Du, sie wollten das ganze Universum absaugen?"

"Denen ist alles zuzutrauen", versetzte der II. Offizier.

Carlucci, dem ja nun auch Bedenken und Zweifel gekommen waren, lachte etwas gequält.

"Was diese Pumpe betrifft...", fuhr Offerman fort.

"Die Vakuumpumpe?"

"Ja, Triangulation oder wie immer Ihr das nennen möchtet..."

"Ja?"

"Wie wirkt sie? Ich meine, wir haben gehört, daß sie - wie ein Staubsauger - alles absaugt. Aber ich habe da doch Probleme, mir das konkret vorzustellen."

"Und die wären?"

"Also, wenn man überhaupt alles an sich saugen könnte, was da an Material, an Stoff und Strahlung ist", setzte der II. Offizier fort, "dann entsteht doch per Saugwirkung eine Art Hohlraum?"

Und der II. Offizier runzelte fragend die Stirne.

"Das ist ja der Zweck der Sache", gestand Carlucci ihm zu.

"Und, wie wir eben vernahmen, in diesen Hohl- oder Leerraum stürzt auch das Licht hinein?"

"Ja, natürlich. Es verschwindet alles. Sonst wäre die entstandene Stelle nicht identisch mit dem Nichts."

"So daß wir an dieser Stelle nichts mehr sehen können?" beharrte wiederum hartnäckig Offerman.

"Ja", sagte, aufatmend, Carlucci. "Und zwar begrenzt. Das Licht wird ausgelöscht nur in der vorgeschriebenen Umgebung."

"Gut, zugegeben", gestand nun Offerman zu. "Aber es ist doch so, daß diese Leerstelle alles an sich zieht. Weil sie - dem grundlegenden Naturgesetz folgend - ist sie erst einmal entstanden, sich mit Stoff oder Strahlung füllen möchte?"

"Klar", räumte Carlucci fast überheblich ein. "Das ist das gefräßigste Monster, das man sich je vorstellen kann."

Und er lachte. Indes, Zweifel ob des bis dahin Erörterten waren augenscheinlich auch in ihn eingezogen.

"Verstehe ich das richtig", fuhr Offerman bedächtig fort, "daß diese echte Leerstelle im Raum alles in ihrer Umgebung verschlingt?"

"Das sagten wir ja schon", bekräftige Carlucci. "Worauf willst Du hinaus, Jürgen?"

"Nun, auf die Pumpe", erwiderte dieser.

"Auf die Pumpe?"

"Ja, auf die Pumpe!"

"Inwiefern, bitte?" Carlucci runzelte die Stirne.

"Nun, ganz einfach. Wenn das schwarze Loch - wenn ich mich einmal so unmißverständlich ausdrücken darf - alles verschlingt, dann verschluckt es doch zunächst alles in seiner näheren Umgebung, ungeachtet aller durchddachten Sicherheitsvorkehrungen?"

"Ein schwarzes Loch im Sinne unerhörter Materiekonzentration ist das nicht", wandte Van der Built ein.

"Das meine ich mit diesem Ausdruck ja auch gar nicht", erwiderte der II. Offizier.

"Sondern?"

"Sondern das ist ein totales schwarzes Loch in dem Sinne, daß dort nichts ist, sondern bloß eine leere Stelle."

"Na gut", sagte der III. Ingenieur. "Und worauf hebst Du damit - also mit dieser totalen Leerstelle - ab?"

Und er musterte seinen Kollegen forschend.

"Nun", fragte dieser, "wie machten sie es, den Raum völlig leer zu pumpen, dabei aber gleichzeitig zu verhindern, daß die Schleuder, die sich zwangsläufig in unmittelbarer Nähe des Pumpgebietes befindet, selbst in das frisch erzeugte, alles verschlingende Loch hineinstürzt?"

Hanson, der Kapitän, schaltete sich in die Debatte ein. "Mit dieser Gefahr haben sie gerechnet."

"So, inwiefern denn?"

"Das ganze Unternehmen war beschränkt und abgesichert."

"Womit?"

"Durch Schranken."

"Ich habe gehört, im Verlauf dieses Versuches wäre der Energieverbrauch enorm angestiegen", erklärte Bonlieu.

"Sie haben also Energieschranken errichtet", bemerkte Offerman, "um zu verhindern, daß die Triangulations-Schleuder in das selbst geschaffene Loch hinein stürzt?"

"Ja, die ganze Umgebung um das Versuchsgelände war strahlungsmäßig abgesichert."

"Aber ich verstehe das nicht", beharrte der II. Offizier, "was immer man als Schranke dort anbringen mag - Energie oder was auch immer - es ist doch Stoff oder Strahlung, also ein Teil des Seins. Und damit dem Zug zum Schwarzen Loch hin unterworfen."

"Soweit ich weiß, haben sie dies durch eine kreisförmige Bewegung zu verhindern gewußt", erklärte Hanson.

"Die Energieschranke bewegt sich?" wollte Carlucci wissen.

"Ja", sagte sein Vorgesetzter, "ähnlich wie ein Planet um seine Sonne kreist. Die Anziehungskraft der Sonne ist stets gewaltig, und doch stürzt der Planet gewöhnlich niemals in seine Sonne hinein."

"Sie haben sich also die Raumkrümmung zunutze gemacht, um einen Totalabsturz zu vermeiden?" erkundigte sich Van der Built.

"Ja, offenbar, Stefan."

"Aber das Ganze ist doch Sperrgebiet", bemerkte die Springstein.

"Ja", sagte Carlucci, "auf jetzt und womöglich für immer."

"Auf jetzt und für immer?"

"Ja, auf jetzt und, wer weiß schon, für immer."

Frösteln überkam bei dieser Bemerkung des I. Offizieres da die meisten.

"Ich verstehe nicht", wunderte sich die II. Ingenieurin, "hat man das Gebiet aus dem normalen Raum herausgenommen?"

"Sieht so aus, Irene."

"Und für immer?"

"Ja, es sieht ganz so aus."

"Und mit ihm die Zeit?" Sie hob ihre schönen Brauen, indes aber, als ob sie das Unfaßbare noch gar nicht verstehen würde.

"Na ja, in gewisser Weise", gestand Carlucci zu.

"Ich meine", sagte die Springstein, "die Raumzeit hängt doch zusammen. Ohne Raum keine Zeit. Ich begreife das nicht."

"Was verstehst Du nicht?"

"Sind dort die normalen Naturgesetze aufgehoben?"

"Im Nichts gelten keine Gesetze."

Die Springstein schluckte.

"Dieser Ort ist doch versiegelt?" wollte sie dann wissen.

"Ja, soweit wir das überhaupt können", räumte Hanson ein.

"Wenn man den Raum oder das Sein und damit die Zeit wegnimmt, entschuldige", flüsterte die Springstein, "was tut sich dann dort?"

"Nichts", erwiderte Hanson.

"Wo kein Raum oder kein Sein ist, da ist auch keine Zeit", sagte Bonlieu.

"Das leuchtet mir nicht ein", widersprach die Springstein, sich den inzwischen dort ausgebrochenen Schweiß von der Stirne wischend.

"Nein, was leuchtet Dir nicht ein?"

"Dort drin, in dem Schwarzen Loch, gibt es keine Zeit?"

"Nein, dort ist nichts, also auch keine Zeit."

"Aber nebenan, in der Umgebung, dort, wo die Strahlensperre errichtet wurde, findet die Zeit doch ganz normal statt?"

"Ja, gewiß."

Sie starrten auf den Bildschirm und auf die gelbe, metallische Wolke, zu der sie - genau, wie geplant - mit wachsender, doch beherrschbarer Geschwindigkeit hinunterstürzten.

"Was ist eigentlich aus dieser Galaxis geworden?" wollte Boxinger da auf einmal wissen.

Und er spielte die entsprechenden Bilder mit einer bloßen Handberührung auf einen Nebenausschnitt des Schirmes. Sie alle kannten Galaxien wesentlich auch von ihren Reisen, von oben und von unten, von der Seite, aus jeder möglichen Draufsicht. Eine Milchstraße ähnelte gewöhnlich einem gigantischen, aus Sternen bestehenden, sich drehenden Rade. So auch die Galaxis M-Perrier 12 390, in deren Überresten sie sich derzeit bereits bewegten.

Doch von der ursprünglich schönen, auch in seiner Form anmutigen Galaxis mit ihren Streifenarmen war nicht viel übrig geblieben. Vielmehr schien es, als ob eine unsichtbare Kraft - wiederum die Grenzen von Raum und Zeit sprengend, mithin alle Naturgesetze aufhebend - diese ganze Sternansammlung gewissermaßen zusammengedrückt hätte. Zu einer Art Kugelsternhaufen. Dergleichen Anhäufung von Sonnen mit einem unvergleichlich gleißenden Zentrum war vorher nicht einmal ansatzweise da gewesen.

"Das sind ungeheure Kräfte, die da gewirkt haben müssen", stellte Van der Built angesichts der auch ihn unbehaglich berührenden Bilder trocken fest.

"Der ganze Versuch war doch ins Zentrum von M-Perrier 12 390 angelegt?" erkundigte sich Bonlieu.

"Ja", erwiderte Hanson, "man wollte an die im Inneren der Milchstraße waltenden Kräfte herankommen und sie zu eigenen Zwecken nutzen."

"Das ist ja schön in die Binsen gegangen", knurrte Offerman, auch er über die gestauchte Galaxis abermals mehr als nur erschrocken.

"Die Entfernungen innerhalb des innersten galaktischen Kerns betrugen doch immer noch Hunderte oder Tausende von Lichtjahren?" wollte Bonlieu wissen.

"Ja, warum fragst Du?"

"Also, wenn man mit normalen technischen Mitteln arbeiten will, dann braucht es also Hunderte oder Tausende von Erdjahren, um auch nur die Energie zu transportieren. Oder?"

"Ja", sagte Carlucci.

"Aber sie haben einen Weg gefunden, dies alles zu konzentrieren oder zu verdichten?"

"Anscheinend."

"Mit der Triangulations-Schleuder?"

"Ja, natürlich."

"Aber, wenn ich das richtig verstehe", fuhr der III. Offizier fort, "haben Blunt und seine Leute doch nur auf eine äußerst begrenzte Stelle zugegriffen?"

"Ja, Jean."

Der III. Offizier holte tief Atem, als ob er es selbst nicht glauben könne. "Auf den Atomkern?"

"Ja, sicher."

"Auf den Kern eines einzigen Atomes?"

"Ja, Jean."

"Um diesen aus dem vorhandenen Sein oder der gegebenen Welt zu entfernen?"

Niemand, nicht einmal Carlucci, gab jetzt darauf noch eine Antwort.

"Das klingt irgendwie eigenartig", versetzte Offerman.

"Inwiefern?" fragte die Springstein.

"Blunt und Kieser wollten einen Atomkern aus der Welt entfernen?" Der II. Offizier runzelte die Stirne.

"Sieht so aus, Jürgen. Was stört Dich daran?"

"Aber es gibt doch gar kein Atom im körperlichen Sinne", wehrte der II. Offizier ab.

"Du meinst als Partikel?"

"Ja", stimmte Jürgen Offerman zu. "Bekanntlich geht doch im Inneren des Stoffes das, was für uns Materie ist, über in die Welle. Es gibt also kein kleinstes Partikel, weil dort im Innersten, im Kleinsten, das Ganze sogenannte materielle Sein in eine Welle umschlägt."

"Also die Vorstellung der alten Griechen, daß man ein Partikel weiter und immer weiter bis ins Unendliche teilen könne, ist demnach falsch?"

"Ja, eindeutig falsch", stimmte Offerman entschlossen zu. "Weil, je weiter sie spalten oder teilen, sie am Ende auf etwas ganz Unerwartetes, nämlich auf die Welle, treffen werden."

"Gut", flüsterte die Springstein und zeigte lächelnd ihre herrlichen Zähne. "Sie, Blunt und seine Leute, wollten also ein Partikel aus dem Sein entfernen, das es in der gewöhnlichen Vorstellung als Partikel gar nicht geben konnte. Das beschäftigt Dich?"

"Ja, das beschäftigt mich." Jürgen Offerman nickte entschieden. "Ich kann nur entfernen, was es gibt. Oder?"

"Materielles Sein und Welle", gab der Kapitän zu bedenken, "sie sind beide vorhanden, Jürgen. Nur in unterschiedlicher Weise. Was sie da entfernen wollten, ist also, genau genommen, nur von geringer Bedeutung. Entscheidend ist bloß, daß letztgültig überhaupt etwas weggenommen werden sollte."

"Na ja", wehrte der II. Offizier ab, "ein Partikel zu entfernen, das kann ich mir schon vorstellen, Chef, aber eine Welle zu eliminieren?"

Fragend hob er die Augenbrauen.

"Man kann Wellen stören, beirren, umlenken, also auf verschiedenste Weise beeinflussen", gab Robert Hanson daraufhin zu bedenken.

"Aber wie man eine Welle aus dem Sein ganz wegnimmt, das wissen Sie auch nicht?"

"Nein", bekannte der Kommandant. "Doch es muß den Forschern unter Einsatz hoher Energie in irgend einer Weise möglich gewesen oder zumindest machbar erschienen sein. Sonst hätten sie es wohl nicht unternommen. Oder?"

Und sie starrten wieder auf den Bildschirm und auf die zerquetsche Galaxis M-Perrier 12 390.

"Wissen Sie, was mich beschäftigt?" wollte da Carlucci wissen.

"Nein, Paolo", antwortete Hanson.

"Warum", und der I. Offizier wies wie anklagend mit spitzem Finger auf das, was von einer ganzen Galaxis übrig geblieben war, "man so etwas macht oder zuläßt."

"Dieses Experiment auf der Station Gamma 3?"

"Durchaus! Ich meine", nun runzelte der I. Offizier seinerseits die Stirne, "den Wissensdurst der Wissenschaftler, Jeremy Blunt an ihrer Spitze, kann ich ja noch verstehen. Es gibt wohl nichts, was solche Forscher nicht herausfinden wollen."

"Nein, da würde ich Ihnen zustimmen, Paolo."

"Aber", fuhr Carlucci fort, "das Ganze kostet doch eine Menge Geld. Ich meine, allein diese Station in höchst heikler Umgebung zu errichten, ist nicht billig. Das muß wahrhaft Unsummen verschlungen haben. Und dann die mit erheblichen Kosten verbundenen Folgen. Sie versuchten doch sogar eine ganze Galaxis zu verschieben oder zu beeinflussen oder jedenfalls zu ihren Zwecken nutzbar zu machen. Oder ist das vielleicht ein Zufall, daß sie eine so weit entfernte, abgelegene Milchstraße für ihr Projekt ausgewählt haben?"

"Nein, das ist kein Zufall, Paolo."

"Und", beharrte der I. Offizier, "was also versprachen sie sich davon?"

"Nicht die Wissenschaftler, Paolo, sondern deren Auftraggeber?" erkundigte Hanson sich angelegentlich.

"Ja", Carlucci nickte, "deren Auftraggeber."

"Vito, Sie haben sich doch damit beschäftigt?" fragte Hanson einen Chiffrieroffizier, der sich bis dahin auffallend ruhig in der Ecke zurück gehalten hatte.

Vito Montabene trat einen Schritt vor.

"Was der offizielle Auftrag Blunts und der Station war?" forschte er dann nochmals nach.

"Ja, Vito. Warum hat man die Wissenschaftler an dieses einmalige Projekt gesetzt oder herangelassen?"

"Eine gute Frage", brummte Montabene, wie in Gedanken verloren.

Er trank einen Schluck Wasser aus einer der überall verfügbaren Karaffen, als ob er sich auf diese Weise für eine Antwort erst einmal stärken oder zumindest seine Stimmbänder geschmeidig machen müsse.

"Nun, Vito?"

Der Chiffrieroffizier stellte die Karaffe mit einem entschlossenen Ruck weg.

"Nun, diese Versuchsanordnung war zunächst als Tor zum Kosmos gedacht", gab er dann bereitwillig Áuskunft.

"Tor zum Kosmos?" fragte Van der Built. "Wir haben doch die Zwischenraumfahrt. Damit erschließt sich uns der Kosmos in bestmöglicher Weise."

"Der Zwischenraum ist eine große Entdeckung", gestand Montabene zu. "Aber er reicht nicht für unsere Zwecke. Er stellt ja auch nur eine Raumdimension dar und ist somit insbesondere witterungsmäßig den Zufälligkeiten oder Schwankungen seiner konkreter Umgebung unterworfen."

"Sie meinen die elektronischen Stürme, die uns im Zwischenraum durchzuschütteln pflegen?" fragte Hanson.

"Ja", erwiderte Montabene. "Substellar zu reisen und sich damit allen Bedingungen dieser besonderen Sphäre auszusetzen, genügt nicht."

Robert Hanson, wie er dies für ihn allerdings Altvertraute vernahm, mußte für einen Moment an ihr prächtiges, zuverlässiges Schiff, die Piquet, denken. Mit ihm hatten sie in der Tat schon so manchen elektronischen Sturm und nicht nur ein entsprechendes Unwetter mitgemacht und vor allem überstanden. Doch gewiß, wäre es nicht angenehmer, in ruhigen, stillen kosmischen Gewässern zu segeln, statt sich den Launen und dem Spiel der Naturgewalten auszusetzen?

"Und wie", fragte Carlucci, der dabei fast ein Grinsen unterdrücken mußte, "hat man sich das gedacht, dieses bequeme, ungestörte Reisen?"

"Man erwog Sprünge über große Raumstrecken hinweg", antwortete Montabene.

"Also ich springe einfach von A nach B", folgerte der I. Offizier, "und überwinde auf diese Weise hundert oder tausend oder eine Million Lichtjahre, als ob der Raum dazwischen gar nicht vorhanden wäre?"

Montabene nickte.

"Ein reizender Gedanke", brummte gönnerhaft Carlucci, "Raum und Zwischenraum auf diese Weise auszuschalten."

"Das erinnert mich an die Wurmlöcher", warf Boxinger ein, "von denen sie früher einmal gesprochen oder vielmehr geträumt haben."

"Na ja", sagte Hanson, geduldig wie immer, er ließ seine Leute gerne sprechen oder erörtern, das hob die Moral, wenn man es nicht zu weit trieb, "so ganz ausgeschlossen war dieser Gedanke ja nicht."

"Und warum nicht Chef?" fragte Carlucci wider besseres eigenes Wissen.

"Wegen der nachgewiesenen Krümmung des Raumes", erwiderte sein Vorgesetzter. "Wenn etwas krumm ist, dann braucht man nicht seiner Oberfläche zu folgen, sondern man kann auch mitten hindurch stechen und die Strecke somit abkürzen."

"Das dürfte soweit klar sein", bemerkte Bonlieu versöhnlich.

Und der III. Offizier wandte sich an den Chiffrieroffizier.

"Wie haben sie sich das vorgestellt, diese besondere Abkürzung durch den Raum, von der wir doch eigentlich nur träumen können?" wollte er dann von ihm wissen.

"Über das Atom", erwiderte Montabene.

"Über das Atom?" Nunmehr mußte Bonlieu fast lachen.

"Ich denke", versetzte er dann, "die Idee war doch nur, ein Atom, gleich welcher Beschaffenheit es wäre, wegzunehmen. Aus dem Sein zu entfernen. Und dann zu sehen, was sich anschließend ereignen würde. Oder?"

"Ja", bekannte Montabene. "Doch man hegte vor diesem Experiment gewiß auch manche Vorstellungen, was geschehen würde und was sich daraus machen ließe."

"Man entfernt ein Atom, wie immer es beschaffen wäre, und öffnet somit die Brücke zu den Sternen?"

"Ganz so witzig, wie Dir das vorkommt, ist es nicht", hielt der Chiffrieroffizier dagegen.

"Nein? Warum nicht?"

"Indem man ein Atom entfernt, schafft man tatsächlich eine neue, ungeahnte Realität."

"Wirklich?" Der III. Offizier wirkte skeptisch.

"Und außerdem", Montabene holte tief Atem, "ein einzelnes Atom zu entfernen, wäre unter diesen Voraussetzungn ja erst der Anfang. Um eine denkbare stabile Transportbrücke über die Raumkrümmung zu errichten, müßte man vielleicht noch ganz anders in die vorliegende atomare Struktur eingreifen."

"Dieser Versuch, ein einzelnes Atom zu entfernen, war also nur der allererste Anfang in diese Richtung?"

"Ja, natürlich."

"Und ist gründlich schief gegangen", stellte nun Carlucci fest.

"Aber jedenfalls", beeilte sich Hanson zu versichern, "die Idee war, man öffne eine unsichtbare Pforte, und ein Tor zu anderen Raumbereichen wäre, wenn nicht sogleich, dann doch für später geschaffen."

"Die Station Gamma 3 ist nicht völlig verschwunden", bemerkte Carlucci mit Blick auf die gelbe Wolke, der sie sich weiter näherten.

"Davon war auch gar nicht auszugehen", erklärte Montabene. "Soweit mir bekannt ist, gedachten sie, zuerst nur kleine Metallsplitter durch das hoffentlich entstehende kosmische Tor zu schicken."

"Metall wie dieses, welches wir hier orten?" fragte der I. Offizier.

"Ja", gestand Montabene zu.

"Dann haben sie das Metall jedenfalls nicht sehr weit geschickt", brummte Carlucci zufrieden.

"Und das war der Grund, sich in so hohe Kosten zu stürzen?" erkundigte sich Offerman nach kurzer Bedenkzeit.

"Es wäre Grund genug gewesen", erwiderte Montabene.

"Ah, es gab also noch andere Gründe, diese Versuchsstation zu errichten?"

"Ja, natürlich, die gab es."

"So, und welche wären das, bitte?" wollte der II. Offizier wissen.

"Auch das Militär spricht da mit", erwiderte Montabene.

"Das Militär? Na klar, wie kann man das nur vergessen! Und inwiefern interessiert sich das Militär für die Entfernung eines Atomes aus dieser Welt?" erkundigte sich Jürgen Offerman beharrlich.

"Einerseits wegen der Energiegewinnung", erteilte Montabene Auskunft.

"Das Militär als Energieversorger?" fragte Offerman, höchst erstaunt.

"So ganz abwegig ist das nicht", stellte Hanson fest.

"So, und warum nicht?" fragte der II. Offizier.

"Nun, alle militärische Forschung, welche wir kennen, wirkte letztlich auch stets auf die zivile Nutzung ein", erwiderte sein Vorgesetzter.

"Da ist etwas dran", stimmte Carlucci zu.

"Und welcher Zusammenhang besteht in diesem Falle?" fragte Offerman mit gerunzelter Stirne.

"Na, ich hebe nur auf die atomare Forschung ab. Ich meine die herkömmliche, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen", erwiderte der I. Offizier.

"Du meinst, sie bauen eine Bombe, um den Gegner zu vernichten, und als Nebenzweck fallen zivile Kernkraftwerke zur Energieversorgung an?"

"Ja, allerdings, so war es doch, oder so ist es eigentlich immer."

"Das Militär als Energiegewinner für die Zukunft", wunderte sich die Springstein.

"Aber wenn wir einmal die segensreichen Nebenwirkungen beiseite lassen, welche die Militärs herbeiführen werden", fuhr sie dann fort, "was war denn ihr vorrangiges Ziel?"

Montabene, in die Defensive geraten, zögerte auf einmal mit einer Antwort.

"Also der Bau einer Bombe", folgerte die Springstein trocken.

Und sie starrte den Chiffrieroffizier streng, wie bei einem Verhör, an. Vito Montabene nickte schwächlich.

"Ja, sie wollten tatsächlich eine Bombe bauen", räumte er dann ein.

"Und zwar die größte, die es je gegeben hat?" bohrte die II. Ingenieurin beharrlich nach.

Vito Montabene, der arme Chiffrieroffizier, nickte.

"Kann man aus dem Kleinsten das Größte machen?" wollte da Van der Built wissen.

"Natürlich", erwiderte Boxinger. "Man darf sich hinsichtlich der Größenverhältnisse nicht täuschen. Es gilt nicht, je kleiner die Dinge werden, umso unscheinbarer sind sie. Das genaue Gegenteil ist der Fall! Je mehr wir in den atomaren Bereich vordringen, umso mehr lernen wir die ungeheure Kraft kennen, welche die Welt im Innersten zusammenhält."

"Da ist etwas dran", pflichtete Carlucci bei. "Die Kernspaltung bei der ersten Atombombe, also dem Manhattan-Projekt, beweist es."

"Ich wundere mich denn doch", sagte Bronstein, der Funker.

"Worüber, Bronislaw?" fragte Hanson, mit dem bisherigen Verlauf der Unterredung nicht unzufrieden.

"Na ja, was das Manhattan-Projekt betrifft", erwiderte Bronstein.

"Das müssen Sie schon näher erklären, Bronislaw!"

"Nun", antwortete der Funker, "soweit mir bekannt ist, schwebte damals - in der Wüste von Neu-Mexiko - eine ganz andere Gefahr in der Luft."

"So, und welche meinst Du?" erkundigte sich Carlucci.

"Das mit der Kernspaltung verbundene Problem", erwiderte Bronstein.

"Nun ja, sie wußten halt nicht, daß höchst schädliche, giftige Gamma-Strahlung bei der Explosion freigesetzt wird. Aber daraus lernte man wenig später."

"Das meine ich nicht", wehrte Bronstein ab.

"Das meinst Du nicht?"

"Nein, das meine ich nicht."

"So, und worauf beziehst Du Dich dann?"

"Auf die Kernspaltung", erwiderte der Funker.

"Auf die Kernspaltung?"

"Ja, die Atom-Ingenieur wußten nicht, wohin diese erste reale Kern-Spaltung am großen Objekt führen würde."

"Wie meinst Du das?"

"Nun, man war sich nicht darüber im klaren, was diese Kettenreaktion, erst einmal ausgelöst, bewirken oder wohin sie führen würde."

"Ja, aber dieser Vorgang beschränkte sich doch auf eine begrenzte Menge Uran und später Plutonium", brummte Carlucci.

"Nun, egal, worauf es sich beschränkte, man wußte vorher nicht, wohin es führen könnte", beharrte Bronstein.

"Du meinst", der I. Offizier trommelte jetzt mit einem Bleistift leicht, doch sichtlich nervös, auf die Konsole, "sie hatten auch in Betracht gezogen, daß die erstmals ausgelöste atomare Kettenreaktion die ganze Welt in Brand setzen würde?"

"Eine ansteckend, um sich greifende, nicht mehr aufhaltbare Spaltung." Bronislaw Bronstein, der Funker, nickte.

"Na ja", erklärte Carlucci heiser und starrte dabei den Bildschirm an, "es ist ja damals, beim Manhattan-Projekt, nochmal alles gut gegangen."

Und er legte den Bleistift weg, als ob er nun genug getrommelt hätte.

"Sie haben doch eine Energieschranke um die Station errichtet", stellte Boxinger fest.

"Die wir in Kürze durchqueren werden", erklärte die Springstein.

"Aber warum?" erkundigte sich der Chefingenieur.

"Warum eine Energieschranke um das gesamte Gebiet errichtet wurde?"

"Ja, warum?"

"Nun, bestimmt, um eine Katastrophe zu verhindern."

"Um eine Entleerung des Raumes zu vermeiden?"

"Warum nicht?"

Und die Springstein spitzte die Lippen.

"Denn, was bedeutet der schwarze Fleck da mitten in der fraglichen Zone?" wollte sie dann wissen.

"Sie haben doch tatsächlich eine Null-Stelle geschaffen", stellte Hanson fest.

"Blunt, Kieser und ihre Leute?"

"Ja."

"Eine Null-Stelle?"

"Ja."

"Eine Null-Stelle, was, genau, ist das?"

"Ein Ort", erwiderte Hanson, "an dem nichts mehr ist."

"Nichts mehr ist?"

"Ja, nichts mehr ist", bekräftigte der Kapitän. "Wir haben das doch vorhin schon erläutert."

"Und? Ich kann mir das einfach nicht vorstellen", erklärte die II. Ingenieurin.

"Ein Raum völliger Leere", versuchte Offerman ihr aufzuhelfen.

"Ein Raum, an dem auch kein Raum ist?" fragte, wenn auch wenig belustigt, Carlucci.

"Na ja, wenn ich mir die Sperrvorrichtungen anschaue, kann ich mir vorstellen, daß sie bis zu einem gewissen Grade durchaus Erfolg gehabt haben", bemerkte Stefan Van der Built.

"Den Raum abzusaugen?" fragte Carlucci.

"Nicht nur", beharrte der III. Ingenieur.

"Sondern?"

"Sondern das, was wir Wirklichkeit nennen würden, zu entfernen."

"Das ist ziemlich verwegen", brummte Carlucci.

"Und warum sonst all diese Maßnahmen zur Absicherung des Geländes?" fragte Van der Built.

"Und den schwarzen Fleck nicht zu vergessen", erinnerte die Springstein.

Da mischte sich der Kapitän wieder ein.

"Sie haben Erfolg gehabt", stellte er nämlich unverblümt fest.

"Worauf beziehen Sie sich, Chef?" erkundigte sich Offerman.

"Auf die fortgesetzte Kettenreaktion", erwiderte der Befehlshaber.

Der II. Offizier staunte. "Sie meinen, das, was den Verantwortlichen beim Manhattan-Projekt nicht gelungen ist, hier ist es eingetreten?"

"Die Verantwortlichen des Manhattan-Projektes haben nicht auf eine weltvernichtende Kettenreaktion hin gearbeitet."

"Aber sie haben damit gerechnet?"

"Sie haben sie wägend in Kauf genommen."

"Und hier - beim Gamma-Projekt - hat man auch manches wägend in Kauf genommen oder vielmehr gezielt darauf hin gearbeitt?"

"Ja, Jürgen."

"Die Kettenreaktion griff um sich?"

"Ja, die Kettenreaktion griff um sich."

"Wenn dem so ist, dann aber nicht vollständig, sondern nur bis zu einem gewissen Grade", wehrte Offerman hastig ab, als ob er alleine mit seinen Worten das Universum beschützen könne.

"Naürlich", erwiderte Hanson prompt kaltblütig, "sonst wäre ja der Kosmos längst verschwunden."

Paolo Carlucci lachte und versetzte: "Und wir mit ihm."

Und verstummte.

"Sind diese Leute wahnsinnig gewesen?" erkundigte er sich dann.

"Mit so etwas spielt man doch nicht!" schloß Bonlieu sich ihm an.

"Nein, Jean, mit so etwas spielt man nicht", bestätigte der Kommandant des Rettungsunternehmens.

"Und was genau, bitte, machen wir dort?" wollte Boxinger wissen.

"Sollen wir ebenfalls in dem entstandenen Abgrund versinken?" fragte beifällig Jean Bonlieu, der III. Offizier.

"Nein, das hat niemand vor", widersprach Hanson.

"Also, was genau ist unser Auftrag?"

"Der so geheim ist, daß wir erst unterwegs, während des Fluges, Genaueres darüber erfahren", fügte die Springstein hinzu.

"Sie haben sich alle freiwillig gemeldet", bemerkte Hanson eher schroff.

"Nach Maßgabe, daß wir hier etwas von außerordentlicher wissenschaftlicher Bedeutung kennen lernen würden", knurrte Carlucci.








II.




"Es ist ein Problem aufgetreten", erklärte Robert Hanson.

"Ein Problem, Chef?" fragte Carlucci.

"Ja, ein Problem, Paolo."

"Und welches, bitte?" Sein Stellvertreter warf einen Blick auf die vor ihnen schwebende gelbe Wolke, aber auch auf die nach wie vor zu verzeichnenden Metallüberreste.

"Die Barriere ist das Problem, Paolo."

"Die Energiebarriere?"

"Ja, die Energiebarriere."

"Inwiefern, bitte? Sie meinen doch nicht", der I. Offizier unterbrach sich selbst erschrocken, "die Barriere hält nicht?"

"Doch, Paolo, noch hält sie."

"Noch hält sie?" Dem I. Offizier fehlten ersichtlich die Worte.

"Ja, aber es ist ein negativer Effekt aufgetreten."

"Ein negativer Effekt?"

"Ja, Paolo."

"Und welcher?"

"Die errichtete Energieschranke rutscht nach innen."

"Rutscht nach innen?"

"Aber die Energiebarriere ist doch negativ geladen", wandte Boxinger, seinen verhältnismäßig geringen Kenntnisstand anbringend, ein.

"Ja, das ist sie, Bruce."

"Und stößt mithin alles von sich, was sich ihr nähern sollte?"

"Ja, so ist es."

"Aber trotz dieses Abstoßungseffektes wird sie gleichwohl in Mitleidenschaft gezogen?"

"Ja, Bruce."

"In das entstandene Loch hinein?"

Der I. Ingenieur wollte es nicht glauben. Dergleichen Vorkommnisse hatte es bei den Vorhaben, an denen er beteiligt war, jedenfalls noch nicht einmal ansatzweise gegeben.

"Ja, das wird sie, Bruce", bestätigte, scheinbar gänzlich ungerührt, sein Vorgesetzter.

"Und warum?" wollte Boxinger wissen. "Es handelt sich bei der Schranke doch um abstoßende negative Energie."

Er stutzte. "Ah, Sie meinen, auch negative Energie, egal, wie gepolt und ausgerichtet, ist eine Form von Sein."

"So ist es, Bruce."

"Und wird darum von der Null-Stelle angezogen, gleichgültig, welche Vorkehrungen man gegen einen solchen Vorgang getroffen hätte?"

"So ist es vermutlich, Bruce."

"Und diese verdammte Barriere", Boxinger wies fast empört auf den Bildschirm und auf die rote Schranke, der sie sich nunmehr immer weiter näherten, "sie gibt nach, ja?"

"Ja, sie hält nicht."

"Und wir sollen den Einsturz der Schutzmauer verhüten oder verhindern?"

"Ja, wir sind vermutlich die allerletzte, zu diesem Zwecke aufgebotene Hilfs- oder Eingrifftruppe", bestätigte sein Vorgesetzter.

Boxinger lachte ungläubig. "An uns hängt das Schicksal?"

"Wenn Sie so wollen, Bruce."

"Um das Universum zu retten?"

Bruce Boxinger schluckte. Ihnen, wie allen anderen, die dies vernahmen, war das Lachen längst vergangen.

"Und über welche Mittel verfügen wir zu diesem Zweck?" fragte der I. Ingenieur dann, wieder praktisch werdend.

"Die Piquet ist energetisch besonders ausgerüstet", erwiderte Hanson.

"Ja, ich weiß", brummte Boxinger, der sich in seiner Ehre gekränkt fühlte (denn wer, wenn nicht er, sollte darüber unterrichtet sein).

"Aber glauben Sie, Chef, das reicht, um diese gewaltige Schranke zu bearbeiten?" wollte die Springstein wissen.

"Die Energie, über welche wir verfügen, kann nur ein Nebeneffekt sein", antwortete Hanson, der gleichzeitig zum Konverterraum und zu dem dort tätigen Fachmann, Fernando Gonzalez, hinabrief.

"Wieso Nebeneffekt?" fragte die II. Ingenieurin.

"Weil wir, wie Blunt und seine Leute es getan haben, damit bloß den Anschub geben."

"Und der Rest?" erkundigte sie sich staunend.

"Der Rest wird von der Natur erledigt, Irene."

"Chef?" fragte derweil Gonzalez über die Bildleitung von unten.

"Sind Sie mit den Standardleitungen fertig, Fernando?" wollte Hanson von ihm wissen.

"Aber, Chef", wehrte dieser ungehalten ab, "wir haben mit den Arbeiten doch eben erst begonnen."

"Sie haben eben erst angefangen, Fernando?"

"Ja, Chef, genau, wie ich sage."

"Was meinen Sie mit eben erst?"

"Na", Gonzalez, eine seiner Mitarbeiterinnen ungeduldig beiseite schiebend, warf einen Blick auf die für ihn sichtbare große Uhr im Hintergrunde, "vor fünf Minuten."

Robert Hanson umklammerte, wie er dies vernahm, ungläubig die Reling, vor der er stand, mit seinen Fäusten. Er warf einen Blick auf seine eigene Uhr am Handgelenk, und gleich noch einen zweiten auf einen der auch in der Zentrale angebrachten Zeitmesser.

"Entschuldigen Sie, Fernando, wann genau haben Sie mit den Arbeiten begonnen?" wollte der Kapitän da nochmals wissen.

"Vor fünf Minuten, Chef, wie ich schon erwähnte."

"Um neun Uhr dreißig?"

"Um neun Uhr dreißig, Chef, wie angeordnet."

"Aber jetzt ist es zehn Uhr, Fernando", erklärte Hanson, der einen bangen Blick auf den im Bild nicht mitgelieferten Chronometer dort unten im Konverterrraum zu erhaschen versuchte.

Gonzalez war verblüfft, wie er dies vernahm. Die Mitarbeiterin, Elizabeth Curtis, die er eben noch unsanft beiseite geschoben hatte, umklammerte abermals seinen Arm. Auch sie schaute auf die ihnen leicht zugängliche Uhr.

"Zehn Uhr?" fragte Gonzalez.

"Zehn Uhr", versicherte Hanson.

"Sie müssen sich täuschen, Chef", entgegnete Gonzalez schwächlich.

"Inwiefern, Fernando?"

"Jetzt ist es neun Uhr fünfunddreißig, oder warten Sie, sechsunddreißg. Ja, neun Uhr sechsunddreißig."

Doch Fernando Gonzalez verglich gleichzeitig die ihm optisch zugespielte Uhr in der Zentrale mit dem ihm vor Ort zur Verfügung stehenden Chronometer. Gerade so, wie sein Vorgesetzter die nunmehr ausdrücklich ins Bild gerückte Uhr dort unten im tiefen Bauch des Schiffes entsetzt bestaunte.

"Sehen Sie, was ich sehe, Fernando?" wollte Hanson dann von seinem Mitarbeiter wissen.

Dieser streifte diesmal die Hand von Elizabeth Curtis ganz sanft von seinem Arm ab (als wolle er weder sie noch sonst etwas verletzen oder verstören).

"Neun Uhr siebenunddreißig und zehn Uhr zwei", sagte die Curtis, als ob sie Gonzalez zu Hilfe kommen müsse.

"Die Uhren gehen verschieden", krächzte Gonzalez, und seine Stimme versagte.

"Kann das ein rein technischer Fehler sein, Chef?" fragte Carlucci im Versuch, des Problems auf diese Weise Herr zu werden.

"Sie meinen, daß eine der Uhren - oder beide - einen technischen Defekt aufweist?"

"Ja", bekannte der I. Offizier. "Wir sind doch früher schon durch Strahlenfelder gefahren, und alle elektrischen wie elektronischen Vorrichtungen an Bord drehten durch. Nicht einmal der Kühlschrank arbeitete mehr wie immer. Erst, als wir das Strahlenfeld hinter uns gelassen hatten, ließ die Spannung nach, und alles normalisierte sich wieder zunehmend."

"Haben wir hier ein Strahlenfeld durchquert, Chef?" fragte Elizabeth Curtis unverzüglich.

"Wir bewegen uns zunehmend unter solchen Bedingungen", räumte Hanson ein.

"Also?"

"Was machen die anderen Zeitnehmer?" wollte der Kapitän hingegen unverzüglich wissen.

Nun waren an allen möglichen Aggregaten auch Zeitschaltvorrichtungen angebracht. Sie ermöglichten ein automatischen Starten oder Beenden der eingeleiteten Programme, ohne daß sich jemand in besonderer Weise darum bemühen mußte. Und natürlich, überall, buchstäblich überall an Bord des Schiffes, fanden sich kleine und große Computer, in Mobilfunkstationen und an anderen Orten. Ohne sie vermochte man auch bei solch ausgedehnten Weltraumausflügen wie dem vorliegenden buchstäblich nichts mehr zu unternehmen. Und Computer, sie arbeiteten ja grundsätzlich immer, und zwar mit höchster Genauigkeit, etwa über Zeitschaltuhren.

Fernando Gonzalez und sein Vorgesetzter in der Zentrale, sie kamen, unabhängig voneinander, anscheinend beide gleichzeitig auf diesen Gedanken. Zur Einschätzung der gegenwärtigen Unstimmigkeiten wären erst einmal die auch durch atomare Uhren betriebenen Computer heranzuziehen. Was gab es Sichereres, als die über Nanopartikel gelieferte Zeit abzulesen und damit den Verlauf der gewöhnlichen, optisch groß angebrachten Chronometer zu überprüfen?

Sie, Gonzalez übrigens mit zitternden Fingern, tippten also unverzüglich in primitiver Weise fast gleichzeitig "Nano-Time" jeweils auf dem für sie nächsterreichbaren Sichtfeld. Dabei waren sich beide über die Fragwürdigkeit dieser Methode durchaus im klaren. Denn woher, wenn nicht aus diesen grundlegenden Einheiten, bezogen denn die großen Uhren ihre zu verarbeitenden Informationen?

"Neun Uhr achtundreißig", verkündete Gonzalez, noch immer leicht erschrocken, "und das ist verbindlich, Chef."

"Zehn Uhr null fünf", erklärte sein Vorgesetzter hingegen, wie sein Untergebener die anhängigen Sekunden beiseite lassend, "und daran besteht kein Zweifel."

"Dann haben wir hier in der Zentrale im Vergleich zu Euch im Bunker ja Zeit verloren", sagte Carlucci im Versuch, einen Scherz zu landen, fest.

"Eine halbe Stunde", schloß sich die Springstein stirnrunzelnd seiner Äußerung an.

"Ihr seid eine halbe Stunde älter als wir hier unten", ergänzte die Curtis.

"Was bedeutet das?" wollte Boxinger wissen, noch bevor sich alle von diesem Schock erholt hatten.

"Die Zeit verläuft verschieden", erklärte Hanson.

Sie überprüften noch verschiedene weitere indirekte Zeitmessungen. Alle erbrachten - bei heraufdämmernder Erkenntnis - dasselbe, im übrigen niederschmetternde, Ergebnis.

"Was hat das für Folgen?" erkundigte sich Carlucci.

"Wie kann das sein", versetzte Van der Built, "die Zeit verläuft merklich verändert an verschiedenen Orten desselben Schiffes?"

"Wir persönlich merken nichts davon", brummte Gonzalez, als ob er sie oder sich selbst damit beruhigen könne.

Robert Hanson, dessen Gedanken sich überschlugen, ächzte.

"Das muß an dem Umfeld liegen, welches wir passieren", versetzte er endlich. "Und an der Spannung, die wir mit uns führen."

"Am Konverter?"

"Ja, an beidem."

"Wann, bitteschön, verläuft die Zeit denn unterschiedlich?" erkundigte sich Bonlieu, obwohl er dies sehr wohl wußte, um die Diskussion auf ihre Grundlage zu bringen.

"Wenn wir uns sehr schnell bewegen, ich meine, wenn wir uns dabei der Lichtgeschwindigkeit nähern würden, Jean", erläuterte Offerman. "Dann laufen die Uhren langsamer, und die Zeit vergeht zunehmend gemächlich."

"Oder in der Umgebung von erheblichen Schwerkraftfeldern", schloß sich Van der Built dieser Betrachtung an. "Auch dort läuft die Zeit zunehmend langsam."

"Chef", meldete sich da der Techniker Bruno Molinar.

"Bruno?"

Hanson erkannte ihn, einen hageren, abgehärmten Mann, auf seinem Rufbild, der jetzt noch hagerer und abgehärmter als früher wirkte. Und er verstand sofort, Molinar war unter anderem für die Leitplanken zwischen den beiden Schiffssegmenten verantwortlich.

"Die Leitungen, Chef", verkündete Molinar.

Hanson haßte das, wenn er seinen Mitarbeitern die Nachrichten oder Informationen wie Würmer aus der Nase ziehen mußte. Doch brachte er - wie er Molinars verstörtes Gesicht betrachtete - in diesem Falle dafür durchaus Verständnis auf.

"Was ist mit den Leitungen, Bruno?"

"Sie sind brüchig, Chef", erklärte der Fachmann, dem es Mühe bereitete, auch nur diese einfachen Worte klar und verständlich zu äußern.

Robert Hanson, wie er dies vernahm, ächzte lautlos. Die Leitungen sind brüchig. Metall zersplittert, wenn man es aufs äußerste beansprucht. Wie ist das aber, wenn die Zeit ihm zusetzt? Es rostet. Die Gedanken wirbelten durch seinen Kopf. Es sei denn, es wäre rostfrei. Und das sind sie doch alle, die Metalle an Bord ihres und eines jeden Schiffes.

"Kann ich mal sehen, Bruno?"

"Gerne, Chef", erwiderte der Technikexperte und seufzte.

Denn das, was er sich zu zeigen veranlaßt sah, das wollte er ja gerade nicht vorweisen. Die gleich optisch heraufgleitenden metallenen Strukturen, sie unterlagen bekanntlich seiner Verantwortung und der seiner Mitarbeiter. Und sie waren brüchig.

Tatsächlich, die unverzüglich überspielten Aufnahmen der metallenen, die beiden Schiffshälften verbindenden Feinstrukturen wirkten zumindest im Elektronenmikroskop löchrig.

"Ist das Rost dort, Bruno?" wollte Hanson von seinem Experten wissen.

"Nein, Chef", erwiderte dieser.

"Was dann, Bruno?"

"Verschleiß, Chef."

"Verschleiß, Bruno?"

"Ja, Chef."

"Und wie erklären Sie sich denselben?"

"Durch ruckartige Manöver, Chef", erteilte Molinar getreulich Auskunft.

"Ruckartige Manöver, Bruno?" Sein Vorgesetzter konnte es nicht fassen.

"Ja, Chef, ruckartige Manöver."

"Und wie kam es dazu, was meinen Sie?" forschte Hanson nach.

"Das ist, wie wenn Sie eine Stahlstange brechen würden, Chef", erwiderte der Technikexperte.

"Eine Stahlstange brechen?" staunte der Kapitän. "Aber wie stelle ich mir das vor? Ich breche doch eine Stahlstange nicht übers Knie!"

"Nein, Chef", sagte Molinar. "Aber da war ein Einfluß, der genau in diese Richtung zielte."

"Also kein Rost, so habe ich Sie richtig verstanden, löste diesen Verschleiß aus?" fragte Hanson.

"Nein, kein Rost, Chef. Rost braucht länger. Jedenfalls länger als eine halbe Stunde."

"Sondern da war ein mächtiger Impuls, der den Stahl in seiner innersten Struktur knickte?"

"Ja, genau genommen, anknickte, Chef", beteuerte Molinar.

"Wie kommt es dazu?" fragte Carlucci, seinem Vorgesetzten das Wort aus dem Mund nehmend.

"Ich vermute", erwiderte der Experte nach kurzem Bedenken, "starke Reibungskräfte sind die Ursache für diesen Verfall."

"Kräfte, welche durchs Schiff gerieben haben?" wollte der I. Offizier wissen.

Bruno Molinar, ohne zu antworten, nickte.

"Wie ist das jetzt, Bruno?" erkundigte sich Hanson. "Sind die Reibungskräfte noch aktiv, was meinen Sie?"

"Die Spannung hat nachgelassen", erwiderte der Technikexperte.

"Also wird", sagte Carlucci, ob dieser Vorstellung seltsam zufrieden, "das Schiff nicht in zwei Hälften zerbrechen."

"Es liegt am Zeitablauf", erklärte Molinar, ohne auf die anzügliche Bemerkung einzugehen.

"Wie meinen Sie das, Bruno?"

"Die Zeit in den beiden Schiffsteilen läuft verschieden, wie wir ja schon hörten", erwiderte dieser.

"Ja, und?"

"Die Metallverbindungen, welche die Piquet zusammenhalten, liegen genau dazwischen."

"Wie wirkt sich das auf eine Metallstange aus, wenn die Zeit in einer ihrer Hälften langsamer oder schneller als in der anderen Hälfte abläuft?" wollte Carlucci wissen.

Bruno Molinar nickte, als wäre die Antwort damit schon gegeben.

"Die Verbindung wird brüchig", brummte Hanson, "als ob man das Metall übers Knie legen und brechen würde?"

"Genau so, Chef, das würde ich vermuten."

"Hält das Schiff, Ihrer Ansicht nach, noch zusammen, Bruno?" erkundigte sich fürsorglich Hanson.

"Ja, Chef, wir haben bereits versucht, die Metallstrukturen über Nano-Eingriffe zu stabilisieren."

"Und der Einfluß ist geringer geworden?"

"Ja, Chef, aber wir können das alt oder brüchig gewordene Metall nicht ewig einer Verjüngungskur unterziehen."

"Sie meinen, wir müssen es über kurz oder lang durch neue, frische Metallstrukturen ersetzen?"

"Ja, Chef."

"In einer der Schiffsbauwerften?"

"Ja, Chef, das müssen wir. Übrigens", knurrte Molinor in einem Anflug von Humor, den ihm keiner seiner Zuhörer zugetraut hätte, "ich glaube, Ihr Bart ist gewachsen."

Robert Hanson fühlte nach Kinn und Wange. Er verfügte über einen dunklen Haarwuchs. Doch zu behaupten, daß dort bereits Stoppeln stünden, wäre gewiß übertrieben. Es war an den befühlten Stellen nur ein wenig kratziger als gewöhnlich, oder als zu erwarten. Der Kommandant stutzte. In der Zentrale war doch die normale Zeit von einer halben Stunde vergangen, welche sich aber den Leuten im Bunker und offensichtlich auch Bruno Molinar als fünf Minuten darstellte. Schauten diese also binnen fünf Minuten an, was sich in der Zentrale innerhalb einer halben Stunde zutrug? Die Zeitebenen fielen auseinander, nicht nur über die das Schiff zusammenhaltenden Stangen.

Für Bruno Molinar und vor allem für Fernando Gonzalez sowie für Elizabeth Curtis waren Hanson und seine Mitarbeiter in der Zentrale um dreißig Minuten älter geworden, während sie selbst nur um etwa fünf Minuten zulegten.

Robert Hanson schauderte, wie er dies überdachte. Das Schiff fiel auseinander, aber auf ganz andere Weise, als erwartet.

Bronislaw Bronstein, der Funker, meldete sich da. "Chef, eine Boje!"

"Eine Blackbox?"

"Ja, Chef, eine von den dreien."

"Von Gamma 3?"

"Ja, ganz eindeutig!"

"Können Sie sie auffangen?" fragte Hanson den führenden Ingenieur, Boxinger, der auch schon Bescheid wußte.

"Ziemlich sicher, Chef", erwiderte dieser. "Man muß das Schiff aber verlangsamen und etwas drehen."

Und er übermittelte sogleich die entsprechenden Daten, und zwar auch die anderen Boxen betreffend, die unverzüglich aufgefunden wurden.

"Wird gemacht, Bruce", erwiderte Hanson, in dessen Vorstellung auch noch ganz andere Erwägungen auftauchten, den Flug der Piquet hin zu der gelben Wolke langsamer zu gestalten.

"Fernando", sprach er darum wieder zu Gonzalez im Konverterraum hinunter.

"Chef?" antwortete dieser höchst gespannt, der wohlweislich zugehört hatte.

"Die Standardleitungen, Fernando, die Sie vor fünf Minuten begonnen haben."

"Vor zehn Minuten, Chef", erwiderte, herzerfrischend, dieser.

"Darf ich daraus schließen, daß Sie schon weiter sind, Fernando?"

"Wir haben nicht nachgelassen, Chef", antwortete die Curtis für ihren Kollegen.

"Ach, und wo sind Sie jetzt?"

"Wir haben uns etwas beeilt, aber nichts überstürzt, Chef", bemerkte Gonzalez.

"Wann können wir in gehöriger Weise bremsen?"

"In etwa fünf Minuten, Chef."

Fünf Minuten, das ist eine lange Zeit, dachte Robert Hanson bei sich, vor allem, wenn man überlegt, daß man sie in einem anderen Teil des Schiffes womöglich als dreißig Minuten verzeichnet, vom Bartwuchs einmal ganz abgesehen. Das war ungemütlich und unheimlich. Hielt das Schiff überhaupt noch zusammen? Konnte man ein solches - zeitlich zerfallendes Fahrzeug - wirklich sicher lenken? Mit einer Besatzung, die unterschiedlich alt geworden? Seltsam, und er faßte wieder nach seinem Kinn und nach den ganz normalen, kaum merkbaren Bartstoppeln dort. Die Differenz zwischen beiden Zeitvorstellungen betrug fünfundzwanzig Minuten. Was bedeutete das sonst noch? Was macht es aus, wenn netto fünfundzwanzig Minuten in unserem Leben gestrichen werden?

Das macht sehr viel aus, dachte Hanson bei sich, auch nur eine einzige Sekunde in unserem Leben wirklich zu verlieren. Von einer so ungeheuren Zeitspanne wie fünfundzwanzig Minuten also einmal ganz abgesehen. Und warum war das so? Wegen des mächtigen Konverters im Heckteil ihres Schiffes? Oder lag es daran, daß sie eine verheerende Energieschranke querten, die doch zum Schutz des Universums und ihrer aller Leben dienen sollte? Oder beruhte das auf dem gelben Fleck dort unten, den Überresten der Station Gamma 3, denen sie noch immer entgegenstrebten?

"Chef!" Gonzalez riß seinen Vorgesetzten aus dessen Gedanken.

"Fernando?"

"Fertig, Chef!"

"Die Schubsteuerung, Fernando?"

"Ja, Chef!"

"Wir können bremsen?"

"Ja, Chef."

Details

Seiten
190
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910551
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
null-experiment

Autor

Zurück

Titel: Das Null-Experiment