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Schöne Frauen morden nicht

2017 120 Seiten

Leseprobe

Schöne Frauen morden nicht


Kriminalroman


Walter G. Pfaus



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Motiv by freepht/pixabay, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Es ist wie in einem Albtraum. Auf dem Bahnsteig entgeht er nur knapp einem Anschlag. Statt ihm stirbt ein anderer im Gleisschacht. Eine schöne Frau war seine Rettung. Ein paar Stunden später wird er von einem Gangsterpaar entführt, mit Äther betäubt und auf Schienen gelegt. Er kann sich im letzten Moment retten. Er geht zu der schönen Frau. Sie hilft ihm. Danach wird er von einem Killer verfolgt. Er kann ihn stellen und erfährt, wer der Auftraggeber ist. Er erfährt dort, dass alles mit seinem reichen Onkel in der Schweiz zusammenhängt. Die schöne Frau erklärt sich bereit, ihn in die Schweiz zu fahren. Doch unterwegs stellt er fest, dass sie verfolgt werden. In ihm gärt plötzlich ein schrecklicher Verdacht: Steckt die schöne Frau hinter allem?



1



Der Bahnsteig war so voll, wie ich es nicht erwartet hätte. Es war seit langer Zeit wieder das erste Mal, dass ich mit dem Zug fahren musste. Evelyn hatte am Tag zuvor mit meinem Wagen einen kleinen Unfall gehabt. Nichts Ernstes. Nur ein kleiner Blechschaden. Aber der Wagen musste in die Werkstatt, und ich hatte heute einen dringenden Termin in München.

Ich wollte auf keinen Fall den ICE verpassen und so war ich natürlich viel zu früh auf dem Ulmer Hauptbahnhof. Ich hatte mich in den Bereich C begeben und stand fast ganz vorne an der Bahnsteigkante. Ich sah nach rechts, von wo ich den Zug erwartete. Neben mir stand eine hübsche junge Frau. Sie hatte schwarzes, langes glattes Haar, das ihr weit über die Schultern reichte, ein rundliches Gesicht, große braune Augen und einen sinnlichen, roten Mund. Ich genoss es, schon so früh am Morgen neben einer so hübschen Frau zu stehen. Der betörende Duft eines mir unbekannten Parfüms stieg mir in die Nase.

Hinter uns drängte sich die Menschenmenge, und es wurden immer mehr. Die meisten schienen Schüler zu sein. Sie trugen Rucksäcke. Etwas weiter hinten entdeckte ich Manfred Koller. Koller war Lehrer. Er unterhielt sich mit zwei Frauen. Offensichtlich Lehrerinnen. Demnach schien es sich um einen Schulausflug zu handeln. Da hatte ich ja wohl den besten Tag erwischt. Zum Glück stand ich schon ganz vorne. Ich würde also mit Sicherheit einen Sitzplatz ergattern. Ich hasste es, über eine Stunde stehen zu müssen.

Ich drehte mich ein wenig zur Seite – und erschrak. Unmittelbar hinter mir stand Klaus Brandner. Er schien sich durch die Wartenden hindurch geschlängelt zu haben.

Was, zum Teufel, hatte dieser Dreckskerl hinter mir zu suchen?

Brandner grinste unverschämt, und ich blickte sofort wieder nach vorn. Ich konnte den Kerl nicht riechen. Besonders dann, wenn er so unverschämt grinste. Ich wusste, warum er das tat, und ich hätte ihn deshalb gern mitten in sein grinsendes Gesicht geschlagen. Aber Gewalttätigkeiten lagen mir nicht. Deshalb strafte ich ihn mit Verachtung. Er war einfach Luft für mich.

Im Moment half es mir jedoch wenig, wenn ich mir einbildete, er wäre Luft für mich. Er war da. Er war aus Fleisch und Blut. Ich spürte ihn in meinem Rücken, und ich fühlte seinen warmen Atem in meinem Nacken. Ich roch ihn sogar. Er benutzte ein Rasierwasser, das auch ich schon genommen hatte. An mir oder an anderen empfand ich den Duft als sehr angenehm. An ihm nicht. Er verpestete die Luft damit. An ihm roch das Rasierwasser nach Jauche, und mir wurde schlecht.

Ich beugte mich etwas vor, um aus dem Geruchsbereich von Brandner zu kommen. Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Arm, und ich zuckte zusammen. Als ich den Kopf wandte, sah ich, dass die Hand zu der schönen Frau gehörte, und ich beruhigte mich wieder.

„Sind Sie lebensmüde?“ fragte das Mädchen mit heller, samtweicher Stimme.

„Nein, aber hier stinkt’s.“

„Hier auf dem Bahnsteig riecht es doch immer nach irgend etwas“, sagte das Mädchen.

„Heute stinkt es nach Jauche“, erklärte ich. „Und der Gestank kommt von hinten.“

„Ich trete dich gleich in den Arsch“, sagte Brandner in meinem Rücken.

„Sehen Sie“, sagte ich zu dem Mädchen, „Jetzt stinkt es noch mehr. Er hat den Mund aufgemacht.“

Brandner stieß mir sein Knie von hinten gegen den Oberschenkel. „Noch ein Wort, und ich werfe dich vor den Zug.“

„Der bringt das glatt fertig“, sagte ich zu dem Mädchen. „Dann hätte er endlich freie Bahn.“

Und dann geschahen einige Dinge gleichzeitig.

Der Zug, den ich vorher schon weit hinten kommen sah, rauschte mit relativ hoher Geschwindigkeit in den Bahnhof ein. Ich wollte auf die andere Seite der jungen Frau, um aus Brandners Geruchsbereich zu kommen. Ich machte einen schnellen Schritt zur Seite und zwängte mich hinter der Frau vorbei, um auf ihre andere Seite zu kommen, und im selben Augenblick flog ein Körper an mir vorbei. Er streifte mich sogar noch, und ich wurde gegen die ältere Frau gestoßen, die hinter der schönen Schwarzhaarigen stand.

Ein markerschütternder Schrei ertönte und dann sah ich zu meinem Entsetzen, dass Brandner auf den Schienen lag. Er versuchte noch, sich aufzurappeln um aus dem Gleisschacht zu kommen. Aber es war zu spät. Er wurde vom Zug erfasst, ein Stück mitgeschleift und dann überrollt.

Sekundenlang waren wir alle, die das schreckliche Ereignis mit angesehen hatten, wie gelähmt. Dann begann ein junges Mädchen schrill zu schreien und andere fielen mit ein und plötzlich herrschte auf dem Bahnsteig ein furchtbares Tohuwabohu. Alles schrie durcheinander. Die vorderen, die alles gesehen hatten, schrien vor Grauen, Angst und Entsetzen, die hinter wollten wissen, was da vorne los war. Ich fühlte, wie wir langsam nach vor gegen den immer noch nicht haltenden Zug gedrängt wurden. Ohne mir dessen richtig bewusst zu sein, schlang ich den Arm um die Hüfte der hübschen Schwarzhaarigen, hielt sie fest und stemmte mich mit aller Macht gegen den Druck von hinten.

Es dauerte lange, bange Sekunden, bis der Zug endlich zum Stillstand gekommen war. Die Türen öffneten sich, und die Leute aus dem Zug, die nichts von dem schrecklichen Vorfall mitbekommen hatten, drängten aus den Wagen.

Den Menschen um mich herum stand noch immer das blanke Entsetzen in den Gesichtern. Das schöne Mädchen, das ich noch immer umschlungen hielt, drehte sich in meinem Arm um, griff mit beiden Händen nach meinen Jackenaufschlägen, krallte sich daran fest, presste den Kopf an meine Brust und weinte.

Ich hielt sie weiter fest und versuchte, rückwärts durch die Menschenmenge zu kommen. Es ging leichter als ich gedacht hatte. Die Leute wichen bereitwillig zur Seite, froh darüber, wieder ein Stück weiter nach vorn zu kommen.

In meinem Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander, und ich brauchte eine Weile, um sie zu ordnen. Als es mir einigermaßen gelungen war, blieben ein paar Fragen übrig.

Hatte er tatsächlich vorgehabt, mich in den Schienenschacht zu stoßen? Und war er dann ins Leere gelaufen, weil ich plötzlich nicht mehr da gewesen war? Oder hatte es jemand auf ihn abgesehen und die Chance sofort wahr genommen, als ich zur Seite trat? Wenn letzteres zutraf, musste es jemanden geben, der ihn noch mehr hasste als ich.

Unwillkürlich blieb ich stehen und sah mich um. Aber ich sah nur eine Menge fremder Gesichter. Ich kannte nur zwei Leute, und die hatten mit Brandner nichts zu tun. Einer von ihnen war Koller, der Lehrer. Außerdem standen sie viel zu weit weg vom Geschehen.

Der Lärm und das Geschrei auf dem Bahnsteig wurden immer lauter. Knapp zwei Meter von uns entfernt versuchte ein großer Mann sich zum Schienenschacht vorzukämpfen. Er hatte braunes, struppiges Haar und eine Hakennase. Plötzlich schlug er auf einen kleineren Mann vor ihm ein, weil dieser ihm nicht weichen wollte. Der kleine Mann schlug zurück, traf aber nicht die Hakennase, sondern eine Frau neben ihm. Die schlug ihm prompt die Handtasche über den Schädel.

„Wir müssen weg“, sagte ich zu der schönen Frau, die noch immer an meiner Brust weinte, „sonst stecken wir gleich mitten in einer wüsten Schlägerei.“

Aber im Moment steckten wir einfach nur fest. Wir kamen weder vorwärts noch rückwärts.

Einige Meter weiter vorne tauchten zwei Männer der Bahnpolizei auf. Einer der beiden hob beide Hände an den Mund, formte sie zu einem Sprachrohr und schrie: „Zurücktreten, bitte! Bitte treten Sie doch zurück!“

Aber niemand schien ihn zu hören.

Der Beamte wiederholte seine Aufforderung so laut er konnte. Aber genauso gut hätte er gegen eine Wand schreien können. Verzweifelt sah er sich nach Hilfe um. Ich versuchte ihm zu helfen und schrie in die Menge: „Geht doch zurück, Leute! Verdammt noch mal, geht doch zurück!“

Aber auch ich hatte keinen Erfolg. Im Gegenteil. Leute, die schon in die Wagen gestiegen waren, kamen wieder heraus, erkundigten sich, was geschehen ist, und drängten dann auch zu der Stelle, an der Brandner unter die Räder gekommen war.

Das Mädchen hob jetzt den Kopf. Sie hielt sich immer noch an meiner Jacke fest und sah mich mit ihren großen tränennassen Augen an.

„Kommen Sie“, sagte ich. “Versuchen wir, hier wegzukommen. Die bringen uns sonst noch um.“

Sie nickte nur, und ich fasste nach ihrer Hand, drehte mich um und kämpfte mich nach hinten durch.

Aber das war leichter gesagt als getan. Zunächst kamen wir keinen Meter vorwärts. Dann wurde ich wütend, und ich schrie den Mann an, der vor mir stand und nicht zur Seite weichen wollte: „Verdammt noch mal, geh zur Seite, oder ich kotz’ dir das Hemd voll!“

Das half. Er schob sich zur Seite und machte Platz, und die nächsten wichen ebenfalls aus. Ich zog das Mädchen hinter mir her, und zwei Minuten später saßen wir auf einer Bank, und das Mädchen nahm ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und hielt es sich gegen die Augen. Nach einer Weile nahm sie es weg und sagte: „Das war das Schrecklichste, was ich je gesehen habe.“

„Haben Sie gesehen, wie es passierte?“

„Natürlich... Ich stand doch ganz vorne.“

„Nein, das meine ich nicht“, sagte ich. „Ich meine, ob Sie gesehen haben, wie es dazu gekommen ist? Warum lag er plötzlich auf den Schienen? War es ein Unfall, ist er gestoßen worden, oder hat er sich selbst vor den Zug geworfen?“

„Das habe ich nicht gesehen“, antwortete das Mädchen. „Ich sah nur, wie er auf einmal schreiend auf den Schienen lag. Und dann kam der Zug...“

„Vielleicht wollte er mich in den Schienenschacht werfen“, murmelte ich.

„Sie?“ Das Mädchen sah mich erschreckt mit ihren großen Augen an. „Aber warum hätte er das tun sollen? Kannten Sie ihn?“

„Und ob ich ihn kannte.“

„Wer war der Mann?“

„Er hieß Klaus Brandner, und er glaubte, er wäre der Größte. Aber in Wirklichkeit war er nichts weiter, als ein nichtsnutziger MöchtegernCasanova, der hinter verheirateten Frauen her war.“

„Sie sind verheiratet?“

„Ja.“

„Und er war hinter Ihrer Frau her?“

„Ja.“

„Wollte er Sie wirklich vor den Zug werfen?“ fragte das Mädchen ungläubig.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht.“ Aber dann schüttelte ich den Kopf. „Nein, eigentlich habe ich nicht wirklich geglaubt, dass er es tun würde. Ich bin nur einfach zur Seite getreten, weil ich nicht vor ihm stehen wollte. Und im selben Augenblick ist er an mir vorbeigeflogen...Er hat mich sogar noch gestreift, und ich habe die Frau hinter Ihnen angerempelt... Ich hatte bestimmt keinen Grund, ihn zu mögen. Aber so einen Tod habe ich ihm nie gewünscht.“

„Vielleicht hat es ein anderer getan“, sagte das Mädchen leise.

„Wer sollte so etwas tun?“

„Vielleicht jemand, der ihn auch aus dem Weg haben wollte.“

„Glauben Sie?“

„Es wäre doch möglich.“

„Aber dann hätte er mich doch auch... Ich stand schließlich genau vor ihm.“

„Vielleicht hat er gesehen, dass Sie zur Seite gewichen sind und hat die Gelegenheit ausgenutzt. Er ist doch an Ihnen vorbeigeflogen, haben Sie gesagt?“

„Natürlich habe ich das gesagt.“

„Dann muss er gestoßen worden sein“, stellte das Mädchen fest. „Denn ein Mann, der sich für einen Casanova hält, wirft sich bestimmt nicht selbst vor einen Zug.“

„Da haben Sie sicher recht“, gab ich zu. „Brandner war alles andere als ein Selbstmörder.“

Und dann kamen vier weitere Polizisten in Uniform auf den Bahnsteig gestürzt, und sie brachten es fertig, dass die Menge vom Bahnsteig zurückwich. Es gab ohnehin nichts zu sehen, so lange der Zug noch am selben Fleck stand. Man würde ihn erst zurücksetzen müssen.

Vier weitere Polizisten stürmten heran, und wenig später erschienen zwei Beamte in Zivil.

Der Zugführer setzte langsam den Zug zurück.

Das Mädchen sagte: „Ich glaube, ich muss auf die Toilette.“

„Ist Ihnen schlecht?“

Sie sagte nichts. Sie stand auf und ging schnell Richtung Ausgang.

Ich blieb sitzen und überlegte, was ich jetzt tun sollte. Ich hatte mit Brandners Sturz nichts zu tun. Trotzdem wurde mir abwechselnd heiß und kalt, wenn ich daran dachte, dass ich ganz bestimmt verhört werden würde. In meinem ganzen Leben war ich noch nie mit der Polizei in Berührung gekommen. Und jetzt steckte ich in einer so dummen Geschichte drin. Es war auch nicht ausgeschlossen, dass man mich verdächtigen würde.

Aber ich konnte auch nicht einfach davonlaufen. Mehrere Leute hatten mich gesehen und würden sich bestimmt an mich erinnern. Auch wenn sie meinen Namen nicht kannten, für die Polizei würde es nicht schwer sein, mich ausfindig zu machen. Und dann wäre alles nur noch schlimmer.

Ich erhob mich, stellte mich auf die Bank und versuchte, über die Menschenmenge hinwegzusehen. Der Zug war jetzt zurückgefahren worden, und die Polizeibeamten blickten in den freigewordenen Schienenschacht.

Die Leiche musste schrecklich ausgesehen haben, denn einer der Beamten drehte sich schnell um und hielt sich die Hand vor den Mund. Schon bei dem Gedanken daran, wie es jetzt auf den Schienen aussehen musste, wurde mit schlecht.

Ich atmete ein paar Mal tief durch die Nase ein und ließ meinen Blick über die vielen Menschen schweifen. Die Polizisten hatten weitere Verstärkung bekommen, und es waren jetzt fast zwanzig, und einige von ihnen waren dabei, Namen und Adressen von Zeugen zu notieren. Einer befragte gerade die ältere Frau, die hinter dem Mädchen gestanden hatte. Sie redete aufgeregt auf den Beamten ein, und ihre Hände waren dabei ständig in Bewegung. Sicher würde sie ihm von mir und dem Mädchen erzählen, und es würde nicht mehr lange dauern, bis die Polizei uns suchen ließ.

Ich war gerade dabei, wieder von der Bank herunterzusteigen, als ich ihn sah. Er stand drüben auf Bahnsteig vier und sah zu den Polizeibeamten herüber.

Onkel Bodo!

2


Seit er es damals vorgezogen hatte, seinen Lebensabend in der Schweiz, in Montreux am Genfer See zu verbringen, hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Das war vor sieben Jahren gewesen, und ich war damals gerade zwanzig Jahre alt.

Onkel Bodo hatte mir seine Adresse gegeben und mich gebeten, ihn doch mal in seinem Haus in Montreux zu besuchen. Aber es war nie dazu gekommen, obwohl wir uns immer ausgezeichnet verstanden hatten. Er war mein einziger Verwandter, und ich hing als Junge sehr an ihm.

Anfangs schrieb ich ihm ein paar Mal. Aber ich bekam nie eine Antwort, und nach einiger Zeit stellte ich den einseitigen Schriftverkehr ein.

Und jetzt stand er dort drüben am Bahnsteig und blickte zu den vielen Menschen herüber, als suche er jemanden.

Ich hob den Arm und winkte ihm.

„Onkel Bodo!“ rief ich. „Hallo, Onkel Bodo! Hier bin ich!“

Einige Leute drehten sich nach mir um. Nur Onkel Bodo nicht. Er wandte mir den Rücken zu und ging weg.

Ich versuchte hastig die Treppe hinunter zu rennen, um auf den anderen Bahnsteig zu kommen. Aber es war verdammt schwer. Dass sich auf Bahnsteig zwei ein Unfall zugetragen hatte, schien sogar schon nach draußen durchgedrungen zu sein. Es kamen immer mehr Menschen die Treppe herauf. Als ich endlich drüben ankam, war Onkel Bodo verschwunden. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Nachdenklich ging ich zu der Bank zurück.

Ich war sicher, dass es Onkel Bodo gewesen war. Trotz der sieben Jahre, die wir uns nicht mehr gesehen hatten, hatte ich ihn sofort wieder erkannt. Er hatte sich nur wenig verändert. Er war ein wenig dicker und sein Haar war ein wenig grauer geworden. Aber sonst stimmte alles. Der dichte, buschige, nach außen gezwirbelte Schnurbart und der unvermeidliche graue Trachtenanzug. Onkel Bodo hatte außer zwei Smokings nur Trachtenanzüge im Schrank hängen gehabt. Ich hatte ihn nie anders, als in einem grünen oder grauen Trachtenanzug gesehen, und soweit ich zurückdenken konnte, hatte er immer den buschigen, sehr gepflegten Schnurbart getragen.

Es musste Onkel Bodo gewesen sein.

Aber was hatte er hier zu suchen? Warum tauchte er jetzt plötzlich hier in Ulm auf, nachdem er sieben Jahre nichts von sich hatte hören lassen?

Oder war er es am Ende gar nicht? Vielleicht hatte ich es mir auch nur eingebildet?

Dann stand auf einmal das Mädchen vor mir, und ich war sehr froh, dass sie wieder da war.

Sie sah ein bisschen blass aus, aber das war nicht verwunderlich, nachdem, was wir uns hatten mit ansehen müssen.

„Geht’s wieder besser?“ fragte ich.

„Es geht wieder.“ Sie sah mich an. „Sie machten gerade einen ziemlich verwirrten Eindruck. Ist schon wieder etwas passiert?“

„Nein, nichts“, log ich. „Die Polizei befragt die Leute und notiert Namen und Adressen. Sicher werden sie auch bald zu uns kommen.“

„Hoffentlich. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“ Sie setzte sich auf die Bank. „Ich habe im Büro angerufen und gesagt, dass ich erst nach dem Mittagessen komme.“

„Mein Gott“, sagte ich. „Ich sollte auch im Büro anrufen. Besser gesagt, ich sollte in München anrufen, dass ich nicht komme.“

Aber ich tat es nicht. Ich setzte mich neben das Mädchen auf die Bank und dachte an Onkel Bodo. Er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich fragte mich, weshalb er gerade jetzt hier aufgetaucht war. Was hatte das zu bedeuten?

Ich befand mich im Moment nicht gerade in einer beneidenswerten Situation. Ein Mann war vor einen Zug gefallen oder gestoßen worden, und ich hatte ein Motiv für die Tat. Jedenfalls würde es für die Polizei so aussehen, wenn sie erst einmal erfahren würde, wie ich zu Brandner gestanden hatte. Zum Glück würde das Mädchen bezeugen können, dass ich es gar nicht getan haben konnte.

Ich sah das Mädchen an. „Sie werden doch bezeugen, dass ich es nicht getan habe.“

„Sie? Weshalb sollten Sie ihn...“

„Weil er doch immer hinter meiner Frau her war, und ich habe einmal gedroht, ihn umzubringen, wenn er es noch einmal wagen sollte, meine Frau zu belästigen.“

„Das haben Sie getan?“ fragte sie entsetzt.

„Mein Gott, in der Wut sagt man manchmal Dinge... Aber es war nicht so gemeint. Es war einfach so dahergesagt, weil ich mich so über ihn geärgert habe.“

„Werden Sie das der Polizei sagen?“

„Ich weiß nicht. Ich glaube nicht.“

„Hat jemand gehört, wie Sie ihm gedroht haben?“ fragte das Mädchen.

„Nein. Niemand. Nur meine Frau.“

„Dann würde ich es auch nicht sagen.“

Ich nickte langsam. „Sicher haben Sie recht. Es ist besser, wenn ich es ihnen nicht auf die Nase binde. Ich könnte sonst in Schwierigkeiten kommen.“

„Sie würden ganz sicher in Schwierigkeiten kommen“, sagte das Mädchen ernst.

„Werden Sie bezeugen, dass ich es nicht gewesen sein kann?“ fragte ich noch einmal.

„Natürlich“, sagte sie.

Ich atmete auf und lächelte sie an. „Ich heiße übrigens Manuel Krüger.“

„Ich heiße Brigitte Stolzenberg.“

„Ich hätte wetten können, dass Sie einen sehr schönen Namen haben“, sagte ich.

„Warum?“

„Zu einer schönen Frau passt einfach nur ein schöner Name“, erklärte ich.

„Sie brauchen mir nicht zu schmeicheln“, sagte sie. „Ich sage auch so für Sie aus.“

„Das ist nicht geschmeichelt“, widersprach ich. „Das ist die reine Wahrheit.“

Sie lächelte, und in ihren Augen blitzte es kurz auf.

„Brigitte ist einer der schönsten Mädchennamen, die es gibt“, sagte ich.

„Mir gefällt der Name nicht.“ Sie rümpfte die Nase. “Ich würde lieber Dagmar oder Elisabeth oder Christine heißen. Oder Ruth.“

„Brigitte passt besser zu Ihnen“, sagte ich. „Wissen Sie, woher der Name kommt und was er bedeutet?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Er stammt aus dem altirischen und bedeutet soviel wie die Tugendhafte, die Erhabene.“

„Sehe ich sehr erhaben aus?“ fragte sie.

Ich lachte. „Nein, nicht sehr. Einfach nur schön.“

Statt ihrer Antwort drang plötzlich eine keifende, schrille Frauenstimme an mein Ohr: „Das ist der Mann. Herr Kommissar, das ist der Mann! Er war es!“

Ich blickte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Keine zehn Schritte von uns entfernt, stand die Frau, die vorher hinter Brigitte Stolzenberg gestanden hatte und gegen die ich bei meinem Ausweichmanöver gestoßen war.

Ihr ausgestreckter Finger zeigte auf mich.


3


Sekundenlang saß ich wie erstarrt. Ich starrte die Frau an, die mit dem Finger auf mich zeigte, und ich konnte mich nicht rühren.

Dann kam ein Mann auf mich zu und blieb vor mir stehen.

„Stimmt das, was die Frau sagt?“ fragte er. Er hatte eine tiefe, irgendwie sympathische Stimme.

„Ich weiß gar nicht, was die Frau von mir will“, antwortete ich mit heißerer Stimme.

„Die Frau behauptet, Sie hätten den Mann in den Schienenschacht gestoßen“, erklärte der Mann. Er war klein und dick, hatte ein rundes Gesicht und freundlich blickende Augen. Er war ungefähr Mitte fünfzig.

„Die Frau muss verrückt sein“, sagte ich. „Ich habe den Mann nicht vor den Zug gestoßen. Die Frau lügt. Fräulein Stolzenberg wird Ihnen bestätigen, dass ich es nicht getan habe. Ich bin nur zur Seite getreten.“

Ein Teil der Menge hatte sich jetzt um uns geschart, und sie starrten mich an wie einen Schwerverbrecher. Der Kommissar winkte zwei uniformierte Beamte heran.

„Die beiden werden Sie jetzt aufs Präsidium bringen“, sagte er zu mir. „Dort werden wir uns weiter unterhalten.“

„Und was ist mit mir?“ fragte Brigitte Stolzenberg.

„Haben Sie etwas zur Sache auszusagen?“

„Ja.“

„Gut, nehmt sie auch mit.“

Die Beamten nahmen uns in die Mitte und führten uns zur Treppe. Ein Mann kam die Treppe herauf gerannt. Er hatte einen Fotoapparat um den Hals hängen. Als er uns sah, blieb er stehen und schoss ein paar Fotos. Einer der Beamten jagte ihn weg, und der Mann ging lachend weiter.

Während wir die Treppe hinunter gingen, berührte ich Brigittes Hand. Ich drückte sie kurz und lächelte sie an, und sie lächelte zurück.

„Es wird alles gut werden“, flüsterte sie leise.

Ich nickte ihr dankbar zu.

Als wir draußen auf dem Bahnhofsplatz standen, blieb ich stehen und atmete ein paar Mal tief ein.

„Mein Gott, tut die frische Luft gut.“

Einer der beiden Beamten hielt die Tür eines Audi’s auf.

„Kommen Sie, steigen Sie ein.“

Wir stiegen beide hinten ein. Einer der Polizisten setzte sich hinter das Steuer; der andere nahm auf dem Beifahrersitz Platz.

Als wir losfuhren, sah ich Onkel Bodo wieder. Er stand vor einer Fußgängerampel und wartete auf grün. Aber ich war sicher, dass er mich nicht gesehen hatte.

Im Neuen Bau mussten wir uns in einem Korridor auf eine Bank setzen und warten. Einer der beiden Beamten setzte sich zu uns, der andere wollte wieder weggehen. Ich hielt ihn noch zurück.

„Hören Sie, ich muss dringend telefonieren.“

Die Beamten sahen sich an, und der eine, der neben uns saß, schüttelte den Kopf.

„Das geht jetzt nicht“, sagte er. „Da müssen Sie schon warten, bis der Kommissar kommt.“

„Was soll das?“ fragte ich. „Bin ich festgenommen oder verhaftet?“

„Nein“, erklärte der andere Beamte. „Sie sind nur zur Vernehmung hier.“

„Dann kann ich auch telefonieren“, sagte ich. „Dazu habe ich das Recht.“

Sie sahen sich wieder unschlüssig an.

„Wen wollen Sie anrufen?“ fragte der Polizist, der noch stand.

„Ich möchte meine Frau anrufen, und ich muss meine Dienststelle verständigen.“

„Wo arbeiten Sie?“

„Ich bin Finanzbeamter.“

Die beiden sahen sich wieder an. Dann nickte der eine, der vor uns stand.

„Gut. Warten Sie.“

Er ging weg und kam fünf Minuten später wieder zurück.

„Sie können telefonieren“, sagte er. „Kommen Sie.“

Er führte mich in ein Büro. Ein junger Mann mit roten Haaren saß hinter einem Schreibtisch und musterte mich eingehend. Die Tür zum angrenzenden Zimmer stand offen, aber soviel ich sehen konnte, war es leer.

Auf dem Schreibtisch, an dem der Rothaarige saß, war das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und wählte die Nummer meiner Dienststelle. Mein Kollege Joachim Kurz war am Apparat, und ich sagte ihm, dass ich nicht vor Mittag kommen könnte. Er wollte wissen, was los war, aber ich erklärte ihm, ich würde es ihm später erzählen.

Dann rief ich Evelyn an. Sie war zu Hause. Sie war schon seit ein paar Tagen krank geschrieben. Ihre Migräne machte ihr wieder zu schaffen.

„Ach, du bist’s.“ Ihre Stimme klang verschlafen und mürrisch.

„Evi, kannst du dich noch an den Rechtsanwalt erinnern, den wir vor einiger Zeit kennen gelernt haben?“ erkundigte ich mich.

„Meinst du diesen Degenbach oder Degenberg oder so?“

„Nein, Degenhardt hieß er. Helmut Degenhardt.“

„Na, dann eben Degenhardt. Was ist mit ihm?“

„Er hat mir doch damals seine Karte gegeben. Sie steckt in meiner Brieftasche. Wärst du bitte so gut und würdest die Karte ans Telefon holen?“

„Wozu brauchst du sie?“

„Ich weiß noch nicht, ob ich ihn brauche“, erklärte ich geduldig. „Aber ich möchte sicherheitshalber seine Telefonnummer haben.“

„Was ist los?“ Ihre Stimme wurde lebhafter. „Wo steckst du?“

„In Schwierigkeiten.“

„Schon wieder?“

„Was heißt da schon wieder? Gestern warst du es, die in Schwierigkeiten steckte. Und eigentlich bist du dran Schuld, dass ich jetzt hier auf der Polizei bin! Hättest du gestern das Auto nicht kaputt gefahren, hätte ich heute nicht mit dem Zug fahren müssen, und dann wäre mir das alles nicht passiert...“

„Ja, ja, schon gut“, beschwichtigte sie. „Was sind das für Schwierigkeiten? Muss ich mir Sorgen machen?“

„Ich weiß es noch nicht. Ich bin hier im Neuen Bau bei der Kriminalpolizei. Ich bin nur zur Vernehmung hier, wie man mir sagte. Ein Mann ist heute Morgen auf dem Bahnhof vor den Zug gefallen und überrollt worden. Ich stand genau daneben und habe es gesehen. Jetzt bin ich hier, um meine Aussage zu machen.“

„Mein Gott, ist der Mann richtig überfahren worden?“

„Natürlich ist er richtig überfahren worden.“

„Und du hast zugesehen?“

„Mir blieb keine Wahl. Ich stand ja daneben.“

„O Gott, wie schrecklich.“

„Ja, es war schrecklich. Wärest du jetzt bitte so lieb und würdest die Karte aus meiner Brieftasche holen?“

„Wozu brauchst du eigentlich einen Rechtsanwalt, wenn du nur eine Aussage machen musst?“

„Ich werde ihn vermutlich nicht brauchen“, sagte ich. „Aber ich würde mich wohler fühlen, wenn ich seine Telefonnummer in der Tasche habe. Nur für den Fall eines Falles.“

„Gut, Manuel, ich hole dir die Karte.“

Ich hatte ihr absichtlich nicht gesagt, dass es sich bei dem Toten um Klaus Brandner handelte und dass ich deshalb die Telefonnummer eines Rechtsanwaltes brauchte. Ich wollte nicht, dass sie sich aufregt. Es ging ihr zurzeit ohnehin nicht besonders gut. Sie würde es noch früh genug erfahren.

Nach einer Minute war sie wieder am Apparat. Der Rothaarige hatte mir wortlos einen Zettel und einen Kugelschreiber zurechtgelegt.

Ich notierte mir die Nummer von Rechtsanwalt Degenhardt, und Evelyn überschüttete mich noch mit guten Ratschlägen, und ich musste ihr versprechen, sofort wieder anzurufen wenn ich hier fertig war.

Ich versprach es ihr und legte auf.

Ich bedankte mich bei dem rothaarigen jungen Mann und ging wieder hinaus. Ich zweifelte nicht daran, dass das leere Büro das Büro des Kommissars war und dass der Rothaarige einer seiner Mitarbeiter war. Sicher würde er dem Kommissar von dem Telefongespräch erzählen. Aber das störte mich nicht.

Als ich wieder neben Brigitte Stolzenberg auf der Bank saß, fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, Evelyn nach Onkel Bodo zu fragen. Es wäre ja möglich gewesen, dass er erst bei mir zu Hause war.

Aber dann sagte ich mir, dass Evelyn bestimmt etwas gesagt hätte, wenn Onkel Bodo sich gemeldet hätte. Schon deshalb, weil sie noch gar nichts von Onkel Bodo wusste. Ich hatte vergessen, ihr von ihm zu erzählen. Aber wir waren auch erst vier Monate verheiratet.

Brigitte Stolzenberg sagte: „Alles erledigt?“

„Alles klar. Ich habe mir die Telefonnummer eines Rechtsanwalts geben lassen. Sicherheitshalber.“

„Ich hoffe, Sie werden ihn nicht brauchen.“

„Das hoffe ich auch.“


4


Der Kommissar war Hauptkommissar und hieß Dangel. Er war der Leiter der Abteilung Tötungsdelikte. Sein Mitarbeiter war ein großer, schlanker Mann mit dunklem lichtem Haar und einem dichten Schnurbart. Er hieß Mayer und war Oberkommissar. Und wie ich vermutet hatte, gehörte auch der Rothaarige dazu. Er hieß Staudinger und war Kommissar. Er war der jüngste in dem Dreierteam.

Brigitte Stolzenberg und ich kamen in getrennte Räume. Oberkommissar Mayer blieb bei Brigitte Stolzenberg. Hauptkommissar Dangel und der Rothaarige nahmen mich in die Zange. Der Hauptkommissar saß mir gegenüber. Rechts hinter mir saß Staudinger. Er hielt einen Stenoblock in den Händen.

Nachdem der Hauptkommissar sich und seine Mitarbeiter vorgestellt hatte, kam ich an die Reihe. Ich hatte zwar schon Angaben zur Person gemacht, aber er wiederholte alles noch einmal.

„Sie heißen Manuel Krüger und wohnen im Merianweg achtundfünfzig.“

„Ja.“

„Wie alt sind Sie, Herr Krüger?“

„Siebenundzwanzig.“

„Verheiratet?“

„Ja. Seit vier Monaten.“

„Kannten Sie den Toten?“

„Ja“, sagte ich zögernd.

Das Gesicht Dangels blieb undurchdringlich. Er ließ nicht erkennen, ob er von meinem Ja überrascht war oder nicht.

„Woher kannten Sie den Toten?“

„Er wohnt nicht weit von mir entfernt.“

„Hatten Sie näheren Kontakt zu ihm?“

Die Frage musste ja kommen.

„Ich konnte ihn nicht riechen“, sagte ich offen.

„Warum?“

„Weil er hinter meiner Frau her war.“

„Hat er Ihre Frau belästigt?“

„Ja. Dauernd.“

„Was hat er gemacht?“

„Er ist ihr nachgestiegen und ist sogar schon ins Haus gegangen, wenn ich nicht da war.“

„Woher wissen Sie, dass er bei Ihnen in der Wohnung war?“ wollte der Hauptkommissar wissen. „Sie waren doch nicht zu Hause.“

„Meine Frau hat es mir erzählt.“

„Und was hat sie gemacht?“ fragte der Kommissar weiter. „Hat sie ihn rausgeworfen?“

Polizisten scheinen ein unheimliches Gespür für die richtigen Fragen zu haben. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell an den für mich kritischen Punkt gelangen würden.

Evelyn hatte zu meinem Ärger nichts dergleichen getan. Sie hatte ihn weder rausgeschmissen, noch hatte sie ihn energisch in seine Schranken gewiesen. Ihr gefiel diese freche Balzerei dieses Dreckskerls auch noch, und sie hatte über meine Eifersuchtsszenen immer nur gelacht und gesagt: „Mein kleiner, lieber, eifersüchtiger Idiot. Er tut mir doch nichts, und ich will auch nichts von ihm. Aber ich fühle mich einfach geschmeichelt, wenn mir ein so junger und gutaussehender Mann den Hof macht. Jede Frau hätte das gern.“

Ich war zwar eifersüchtig, aber ich war alles andere als ein Idiot. Evelyn ist achtundzwanzig, also ein Jahr älter als ich, und Brandner war einundzwanzig und geradezu unverschämt gutaussehend. Sie wäre zweifellos schwach geworden, wenn ich nicht so gut aufgepasst hätte.

Und jetzt saß ich da und wusste nicht, was ich dem Kommissar antworten sollte. Sagte ich die Wahrheit, würden sie mich erst recht in die Mangel nehmen. Log ich sie an und sie würden später dahinterkommen, saß ich noch tiefer in der Tinte. Würde ich mich weigern, die Frage zu beantworten und nach einem Rechtsanwalt verlangen, käme das dem Lügen gleich. Also entschloss ich mich zu lügen, im Vertrauen darauf, dass sie nicht weiter nachforschen würden.

Ich sagte: „Natürlich hat sie ihn rausgeworfen. Aber der unverschämte Kerl kam immer wieder.“

„Und was haben Sie dann getan?“

„Ich habe ihn zur Rede gestellt und ihm mit der Polizei gedroht, falls er weiterhin meiner Frau nachstellen würde.“

„Aber Sie sind nicht zur Polizei gegangen.“

„Nein. Es war nicht mehr nötig. Er ließ meine Frau von da an in Ruhe. Jedenfalls kam er nicht mehr ins Haus.“

„Und wie war das heute morgen?“ fragte Hauptkommissar Dangel. Er zündete sich umständlich eine Zigarette an und bot mir auch eine an. Aber ich lehnte dankend ab. Ich war seit drei Jahren Nichtraucher.

„Das habe ich Ihnen doch schon gesagt.“

„Nein, das haben Sie nicht. Beginnen Sie ganz von vorn.“

„Ich bin heute Morgen um sechs Uhr aufgestanden, und es war ein Tag wie jeder andere...“

„Nein, nicht soweit vorne“, unterbrach mich der Hauptkommissar.

„Ich dachte, es interessiert Sie vielleicht, wie ich meinen Tag beginne“, sagte ich.

„Das interessiert hier niemanden. Fangen Sie an, als Sie an den Bahnsteig traten.“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Gut, wie Sie wollen.“ Ich machte eine kleine Pause. Dann fuhr ich fort. „Ich bin heute früher aufgestanden als sonst. Ich hatte einen Termin in München, und ich musste mit der Bahn fahren, weil meine Frau gestern unser Auto demoliert hat...“

„Ein Unfall?“

„Nein, nur Blechschaden.“

„Ist der Herr Brandner daran beteiligt gewesen?“

„Nein, natürlich nicht! Wie kommen Sie denn darauf?“

„Ich frage nur.“

„Meine Frau war einkaufen und beim ausparken hat sie einen Betonpfeiler gerammt. Wir mussten den Wagen in die Werkstatt bringen...“

„Gut, weiter.“

„Da ich selten Zug fahre, war ich viel zu früh am Bahnhof. Ich kam zusammen mit Fräulein Stolzenberg am Bahnsteig an. Ich kannte sie bis dahin noch nicht. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Aber wie Sie sicher auch schon bemerkt haben, ist sie eine außergewöhnlich hübsche Frau, und ich stellte mich einfach neben sie. Ich lächelte sie an und grüßte sie, und sie grüßte zurück und lächelte ebenfalls. Dann kamen immer mehr Leute, und wir haben uns nicht weiter unterhalten Als ich einmal nach hinten blickte, entdeckte ich Klaus Brandner unmittelbar hinter mir. Sein Rasierwasser roch nach Jauche, und ich beugte mich ein wenig vor, um dem Gestank zu entgehen. Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meinem Arm, und ich zuckte zusammen. Aber als ich sah, dass die Hand zu Frau Stolzenberg gehörte, beruhigte ich mich wieder. Auf ihre Frage, ob ich lebensmüde sei, antwortete ich ihr, dass der Kerl hinter mir furchtbar stinken würde. Brandner hatte es natürlich gehört, und er erklärte, er würde mich gleich in den Arsch treten. Ich sagte dann zu Fräulein Stolzenberg, dass es jetzt noch mehr stinken würde, weil der Kerl den Mund aufgemacht habe. Brandner wurde daraufhin sehr wütend und drohte mir allen Ernstes, mich vor den Zug zu stoßen, wenn ich noch ein Wort sagen würde. Ich erklärte dem Mädchen, dass der Kerl tatsächlich dazu imstande wäre, und ich glaubte es auch. Ich hatte plötzlich ein ungutes Gefühl, und ich trat einen schnellen Schritt zur Seite. Ich zwängte mich zwischen das Mädchen und die Frau, die hinter dem Mädchen gestanden hatte, und gleichzeitig flog der Körper hinter mir vorbei. Er streifte mich sogar noch, und ich stieß gegen die Frau, die jetzt behauptet, ich hätte den Kerl vor den Zug gestoßen. Aber das stimmt nicht. Ich habe es nicht getan. Es war alles genau so, wie ich es Ihnen gerade erzählt habe.“

„Habe ich das richtig verstanden?“ erkundigte sich der Hauptkommissar. „Sagten Sie, hinter Ihnen flog ein Körper vorbei?“

„Das haben Sie richtig verstanden.“

„Aber dann muss er doch gestoßen worden sein“, sagte Dangel. „Oder sind Sie anderer Meinung?“

„Ich weiß nicht“, antwortete ich vorsichtig. „Ich habe nicht gesehen, dass ihn jemand gestoßen hat.“

„Aber Sie halten es für möglich?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wie gut kannten Sie Brandner?“

„Nicht sehr gut.“

„Kannten Sie ihn vorher schon? Ich meine, bevor er Ihrer Frau nachstellte?“

„Ja. Wir trafen uns ab und zu in meiner damaligen Stammkneipe.“

„War das vor Ihrer Heirat?“

„Ja. Nachher ging ich nicht mehr hin.“

„Was war Brandner für ein Mensch?“

„Ich sagte schon, ich habe ihn nicht sehr gut gekannt.“

„Aber Sie haben sich doch mit ihm unterhalten.“

„Ja. Manchmal.“

„Und was hatten Sie für einen Eindruck von ihm?“

„Keinen besonders guten. Ich mochte ihn schon damals nicht. Er war ein Sexprotz.“

„Ein Sexprotz?“

„Ja. Mit ihm konnte man sich nur über Frauen und übers Vögeln unterhalten. Er prahlte immer mit den vielen Frauen, die er schon gehabt habe. Fast nur verheiratete Frauen. Er behauptete, keine Frau könne ihm widerstehen.“

„Und dann machte er sich an Ihre Frau heran.“

„Ja.“

„Sie waren nicht gut auf ihn zu sprechen. Ist das richtig?“

„Ich war furchtbar wütend auf ihn.“

„Und heute Morgen nahmen Sie die Gelegenheit wahr und schafften ihn sich ein für alle Mal vom Hals.“

„Nein, das habe ich nicht getan“, erklärte ich ruhig. “Ich bin einfach zur Seite gewichen. Sonst nichts.“

„Warum sind Sie zur Seite gegangen?“

„Das habe ich doch gerade gesagt. Ich hatte einfach plötzlich ein ungutes Gefühl.“

„Dann werde ich es Ihnen sagen“, erklärte Hauptkommissar Dangel. „Sie sind zur Seite getreten, haben nach hinten gegriffen und Brandner in den Schienenschacht gestoßen.“

„Dann können Sie mir sicher auch sagen, wie ich das gemacht haben soll“, sagte ich. „Er stand immerhin gut einen Meter hinter mir.“

„Wir haben eine Zeugin, die gesehen hat, dass Sie es getan haben.“

„Die Frau lügt! Ich habe es nicht getan. Warum fragen Sie nicht die Frau Stolzenberg? Sie wird Ihnen sagen, das ich es nicht getan habe.“

Der Kommissar erhob sich wortlos und ging hinaus Der Rothaarige setzte sich auf die Schreibtischkante.

„Sieht nicht gut aus für Sie“, sagte er ruhig.

„Verdammt noch mal, ich war’s nicht.“

„Warum sollte die Frau lügen?“

„Das weiß ich nicht. Vielleicht will sie sich wichtig machen.“

„Den Eindruck hat sie eigentlich nicht gemacht.“

„Es ist mir egal, was sie für einen Eindruck gemacht hat. Ich weiß, dass sie lügt.“

Dann kam der Kommissar wieder zurück, und er hielt ein Blatt Papier in den Händen. Langsam ließ er sich auf seinen Stuhl sinken und sah mich an.

„Das ist die Aussage von Fräulein Brigitte Stolzenberg“, sagte er. „Soll ich sie Ihnen vorlesen?“

„Ich bitte darum.“

Der Kommissar begann zu lesen. Ihre Aussage deckte sich mit meiner Aussage völlig. Bis auf das Wichtigste. Sie erklärte sehr einleuchtend, dass ja alles in ihrem Rücken geschehen war, und dass sie deshalb gar nichts gesehen hatte. Außerdem sei alles so schnell gegangen, dass sie es erst richtig mitbekommen hatte, als der Mann schon auf den Schienen lag.

Zum Schluss hatte sie dann noch hinzugefügt, dass sie nicht glaube, dass ich es getan hätte. Die andere Zeugin müsse sich getäuscht haben. So wie ich sehe kein Mörder aus.

Aber wie sehen Mörder dann aus?


5


Hauptkommissar Dangel sah mich eine Weile schweigend an. Dann sagte er: „Was sagen Sie jetzt?“

Ich sagte nichts.

„Wollen Sie nicht ein Geständnis ablegen?“

Ich wollte nicht. Ich schwieg beharrlich weiter. Dann hatte ich mich zu einem Entschluss durchgerungen.

„Ich möchte telefonieren.“

„Wen wollen Sie anrufen?“ fragte Dangel.

„Meinen Rechtsanwalt.“

„Ach ja“, sagte er höhnisch. „Sie waren ja so umsichtig, sich schon vorher die Nummer Ihres Rechtsanwalts geben zu lassen.“

Der Rothaarige hatte also geplaudert. Aber das hatte ich auch nicht anders erwartet.

Ich fragte: „ Kann ich jetzt bitte telefonieren?“

„Wozu brauchen Sie einen Rechtsanwalt, wenn Sie unschuldig sind?“ fragte Dangel.

„Ich werde Ihnen keine Frage mehr beantworten, bevor nicht mein Rechtsanwalt neben mir steht.“

Dangel sah mich lange Zeit schweigend an. Dann deutete er mit einer kurzen Handbewegung auf das Telefon. „Bitte.“

Ich nahm den Zettel aus der Tasche und wählte die Nummer, die ich mir vorher notiert hatte. Degenhardt meldete sich sofort. Mit wenigen Worten erklärte ich ihm meine Situation und er versprach mir, sofort zu kommen.

Ich legte den Hörer auf und setzte mich wieder.

Oberkommissar Mayer erschien im Türrahmen und winkte dem Hauptkommissar. Dangel erhob sich und ging mit Mayer in den anderen Raum.

Wenige Minuten später kam er wieder zurück. Er blieb neben mir stehen, sah mich eine Weile an und sagte: „Sie können nach Hause gehen.“

Ich starrte ihn ungläubig an.

„Sie glauben mir also?“

„Ich glaube gar nichts.“

„Warum lassen Sie mich dann gehen?“

„Sie wollten doch so schnell wie möglich hier raus, oder nicht?“

„Natürlich. Aber...“

„Warum gehen Sie dann nicht?“

Ich erhob mich und ging langsam zur Tür. Ich konnte es nicht fassen.

Was war geschehen? Warum ließ er mich plötzlich laufen? Hatte er kalte Füße bekommen, weil ich einen Rechtsanwalt angerufen hatte?

Ich öffnete die Tür.

„Aber bleiben Sie zu Hause“, sagte Hauptkommissar Dangel. „Die Sache ist für Sie noch nicht ausgestanden. Wir werden uns bestimmt wiedersehen.“

Daran zweifelte ich keinen Augenblick.

Als ich die Tür hinter mir zugezogen hatte, kam Rechtsanwalt Degenhardt den Gang entlang. Ich ging ihm entgegen und begrüßte ihn.

„Ich danke Ihnen, dass Sie so schnell gekommen sind“, sagte ich. „Aber ich fürchte, Sie können nichts mehr für mich tun. Man hat mich soeben laufen lassen.“

„Dann habe ich vielleicht doch schon etwas für Sie getan“, sagte Degenhardt. “Die haben genau gewusst, dass ich nicht länger als zehn Minuten brauchen würde, um Sie da rauszuholen. Deshalb hat man Sie freiwillig laufen lassen.“

„Etwas Ähnliches habe ich mir auch schon gedacht“, erklärte ich.

„Kommen Sie.“ Degenhardt nahm mich am Arm. „Ich fahre Sie nach Hause, und Sie erzählen mir ganz genau, was passiert ist.“

Wir gingen zusammen hinaus, und Degenhardt führte mich zu seinem Wagen. Er fuhr einen metallicgrünen BMW 635 Csi. Ein sehr teurer Wagen. Seine Kanzlei schien ausgezeichnet zu florieren.

Degenhardt selbst sah ebenso interessant aus wie sein Wagen. Er hatte dunkles, glattes Haar, das von einigen grauen Fäden durchzogen war. Die grauen Strähnen und die grauen Schläfen wirkten, als hätte er sie wegen des interessanten Aussehens vom Friseur tönen lassen. Das Grau in dem schwarzen Haar passte gut zu dem schmalen, braungebrannten Asketengesicht und der hohen, schlanken Gestalt. Man hätte ihn als gutaussehend bezeichnen können, wenn nicht der verkniffene Zug um seinen schmalen Mund gewesen wäre, der nur verschwand, wenn er lachte.

Ich setzte mich auf den Beifahrersitz, und während er mich nach Hause fuhr, erzählte ich ihm in allen Einzelheiten, was passiert war. Ich berichtete ihm auch, wie die Vernehmung war, und was ich der Polizei verschwiegen hatte.

Als ich fertig war, schwieg Degenhardt eine Weile, und ich stellte fest, dass er nicht gerade den kürzesten Weg zu mir nach Hause nahm und dass er immer wieder in den Rückspiegel blickte.

„Das sieht nicht sehr gut für Sie aus“, bemerkte Degenhardt, nachdem er wieder einmal unnötigerweise in eine Nebenstraße abgebogen war. „Sie hätten der Polizei alles erzählen sollen. Sie hätten nicht verschweigen dürfen, dass Ihre Frau Brandner gegenüber keineswegs eine ablehnende Haltung eingenommen hat. Und Sie hätten ihnen auch sagen müssen, dass Sie Brandner gedroht haben, ihn umzubringen, sollte er Ihre Frau nicht in Ruhe lassen.“

„Aber außer meiner Frau und Brandner hat das doch niemand gehört“, erklärte ich.

„Sind Sie da so sicher?“ Degenhardt betätigte wieder den Blinker. Diesmal bog er nach links ab. „Sie sagten mir doch, dass Sie in einem Appartementhaus wohnen. Die Wände solcher Appartementwohnungen sind meistens sehr dünn, und laut geführte Unterhaltungen werden von den Nachbarn ungewollt mitgehört.“

Ich erinnerte mich daran, dass wir nachts oft ungewollt Zeuge des Liebesspiels unserer Nachbarn zur Linken geworden waren. Die Frau hatte dabei immer obszöne Worte ausgestoßen, und wir hatten jedes Wort verstanden.

„Außerdem haben Sie mir erzählt, dass Brandner immer mit seinen Liebesabenteuern geprahlt habe“, fuhr der Rechtsanwalt fort. „Ich bin überzeugt, dass er irgendjemandem auch von Ihrer Drohung berichtet hat, und die Polizei wird ihn ausfindig machen. Darauf können Sie Gift nehmen.“

Ich fühlte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. Daran hatte ich wirklich nicht gedacht. Und Degenhardt hatte sicher recht. Brandner war der Typ, der so etwas weitererzählen würde. Früher oder später würde es also die Polizei doch erfahren, und ich saß noch tiefer in der Tinte.

„Und was machen wir jetzt?“ fragte ich kleinlaut.

„Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen“, beruhigte mich der Rechtsanwalt. „Sie haben es ja nicht getan, oder?“

„Ich schwöre Ihnen, dass ich nichts damit zu tun habe.“

„Gut. Dann kann Ihnen auch nichts passieren.“

„Aber ich habe ein Motiv. Und es gibt eine Zeugin, die behauptet, ich hätte Brandner in den Schienenschacht gestoßen."

„Gut“, sagte Degenhardt. „Sie haben ein Motiv. Aber wenn dieser Brandner der Typ ist, wie Sie ihn mir geschildert haben, dann wird die Polizei ganz schnell feststellen, dass es noch mehr Männer gibt, die ein Motiv gehabt hätten. Und die Zeugin? Die können Sie getrost mir überlassen. Wenn ich mit der fertig bin, ist sie sich nicht einmal mehr sicher, überhaupt neben Ihnen gestanden zu haben.“

Das hörte sich sehr gut an. Es klang selbstsicher und überzeugend, und ich fühlte, wie ich ruhiger wurde.

Dann waren wir endlich vor dem Appartementhaus, und Degenhardt stellte seinen Wagen neben meinen VW. Er stellte den Motor ab und öffnete die Tür.

„Ich bin auf Umwegen hierher gefahren“, sagte er. „Haben Sie das bemerkt?“

„Natürlich. Glauben Sie, dass wir verfolgt worden sind?“

„Wir sind nicht verfolgt worden“, erklärte Degenhardt. „Also hat die Polizei Ihnen keine Falle gestellt.“

„Warum hätte sie mir eine Falle stellen sollen?“ fragte ich verblüfft.

„Es gibt drei Möglichkeiten, weshalb die Polizei Sie nach Hause gehen ließ“, fuhr Degenhardt fort, bevor ich etwas sagen konnte. „Erstens: Ihr Anruf bei mir. Zweitens: Man wollte Ihnen eine Falle stellen. Man lässt Sie gehen, setzt aber einen Mann auf Sie an, der Sie beobachtet, und hofft darauf, dass Sie einen Fehler machen. Drittens: Die Zeugin ist umgefallen. Letzteres scheint mir am wahrscheinlichsten. Es gibt genug Leute, denen immer erst hinterher einfällt, was sie mit ihrem wichtigtuerischen Geschwätz angerichtet haben, und dann widerrufen sie ihre Aussage.“

„Das wäre das Beste, was mir passieren könnte.“

„Und wenn es nicht so sein sollte, werde ich sie mir ein wenig vornehmen“, versprach Degenhardt. „Also machen Sie sich keine Sorgen. Es wird schon alles wieder ins Lot kommen. Gehen Sie jetzt zu Ihrer Frau, und bleiben Sie heute zu Hause.“

„Wollen Sie nicht einen Moment mit hinaufkommen?“ fragte ich ihn.

„Ich habe leider keine Zeit“, sagte er. „Ich habe noch einen Haufen Arbeit. Ich habe alles stehen und liegen gelassen und bin zu Ihnen geeilt...“

„Dafür bin ich Ihnen auch sehr dankbar“, unterbrach ich ihn schnell. „Es ist ein wirklich sehr beruhigendes Gefühl, wenn man sich in guten Händen weiß.“

„Wir schaukeln das schon.“

Er ließ den Motor an, und wir verabschiedeten uns. Dann fuhr er auf die Straße zurück.

Ich sah ihm nach, bis er hinter der nächsten Kurve verschwunden war. Dann ging ich über den kleinen Hof, der von schattenspendenden Büschen und Bäumen eingesäumt war. Ich schloss die Eingangstür auf und ging langsam die Treppe ins zweite Stockwerk hinauf.


6


Evelyn saß im Wohnzimmer in einem Sessel, eine Modezeitschrift auf den Knien und Lockenwickler in den Haaren. Neben ihr auf dem Tisch stand das Telefon.

„Ich dachte, du rufst an“, sagte sie mit leisem Vorwurf in der Stimme. Sie hatte es nicht gern, wenn ich sie mit Lockenwickler im Haar sah.

„Ich hätte dich ja angerufen“, antwortete ich müde. „Aber dann hat Degenhardt mir angeboten, mich nach Hause zu fahren.“

„Degenhardt? Der Rechtsanwalt?“

„Genau der.“

„Musstest du ihn doch anrufen?“

„Ja, es ging nicht anders.“

„Aber warum denn? Du hast mir doch gesagt, du müsstest nur eine Aussage machen, als Zeuge. Wozu brauchst du als Zeuge einen Rechtsanwalt?“

Sie sah mich erstaunt an.

„Ich habe dir am Telefon nicht die ganze Wahrheit gesagt“, gestand ich. „Ich wollte nicht, dass du dich unnötig aufregst.“

Auf Evelyns Stirn erschienen zwei steile Falten, das untrügliche Anzeichen dafür, dass sie verärgert war. Aber dann schien sie sich doch noch zu besinnen. Die Falten verschwanden wieder, und sie sagte, jedes Wort betonend: „Würdest du mir dann bitte jetzt die Wahrheit sagen.“

„Was ich dir verschwiegen habe, ist, dass der Tote Klaus Brandner war“, sagte ich leise.

„Was?“ Es klang wie ein Schrei. Ihr Mund stand weit offen, und ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen.

„Du hast richtig gehört. Klaus Brandner ist vor meinen Augen vom Zug überrollt worden, und es sah ganz danach aus, als ob er gestoßen worden wäre. Aber ich habe nichts damit zu tun. Ich habe ihn nicht gestoßen.“

„Klaus ist tot?“ flüsterte Evelyn entsetzt. „Mein Gott, das ist ja schrecklich.“

„Ich finde das gar nicht so schrecklich... Ich meine, dass er tot ist. Furchtbar fand ich nur die Art, wie er gestorben ist.“

„Mein Gott, was bist du nur für ein Barbar!“ stieß Evelyn hervor. „Wie kannst du nur so etwas sagen?“

Ich hatte es so gemeint, wie ich es gesagt hatte. Aber um Evelyn zu beruhigen, schwächte ich ein wenig ab.

„Es war natürlich nicht so gemeint“, sagte ich. „Ich habe ihm nicht den Tod gewünscht...“

„Natürlich hast du ihm den Tod gewünscht!“ schrie Evelyn. „Du hast ihm sogar gedroht, ihn umzubringen...“

Sie brach ab und starrte mich an.

„Sieh mich nicht so an!“ versetzte ich heftig. „Ich habe es nicht getan!“

„Erzähl mir, wie es passiert ist“, verlangte Evelyn plötzlich ruhig.

Ich erzählte es ihr. Sie hörte mir zu und unterbrach mich mit keinem Wort.

Als ich fertig war, fragte sie: „Und du warst es wirklich nicht?“

„Ich schwöre dir, ich habe nichts damit zu tun.“

„Warum bist du dann zur Seite getreten?“ erkundigte sich Evelyn misstrauisch.

„Ich weiß es nicht“, antwortete ich. Ich wusste es wirklich nicht. „Vielleicht wollte ich ihm damit zeigen, dass ich ihm alles Mögliche zutraue. Vielleicht war es die Angst, er könnte seine Drohung wahrmachen. Vielleicht wollte ich ihm damit aber auch nur zeigen, wie sehr ich ihn verachte. Oder ich habe einen sechsten Sinn. Ich weiß es nicht. Ich bin einfach zur Seite getreten, ohne darüber nachzudenken, warum.“

„Aber wer sollte Klaus umbringen wollen?“

„Es gibt sicher noch mehr wütende Ehemänner“, erklärte ich. „Klaus hat ja immer damit geprahlt, dass ihm keine Frau widerstehen könne.“

„Das ist doch Quatsch. Ich konnte ihm leicht widerstehen. Ich wollte nie etwas von ihm.“

„Aber er wollte etwas von dir.“

„Na und? Er hat es aber nicht bekommen.“

„Da bin ich gar nicht so sicher.“

„Verdammt noch mal, fängst du schon wieder damit an!“ schrie Evelyn. „Zwischen Klaus und mir hat es nie etwas gegeben. Ich habe nie daran gedacht, mit ihm ins Bett zu gehen.“

„Warum hast du ihn dann nicht zum Teufel gejagt, wenn du nichts von ihm wolltest?“ fragte ich laut.

„Das habe ich dir schon tausendmal gesagt. Es hat mir einfach gefallen, dass mir so ein junger, gutaussehender Mann den Hof macht. Außerdem konnte er sehr amüsant plaudern.“

„Der und amüsant plaudern“, sagte ich verächtlich. „Der konnte doch nur Sprüche klopfen. Ein Angeber und Aufschneider war er. Ein Taugenichts... Der hat doch gelogen, wenn er nur den Mund aufmachte.“

„Du solltest dich schämen“, sagte Evelyn. „So über einen Toten zu reden...“

„Wo liegt da der Unterschied?“ fragte ich erstaunt. „Ich habe nicht gut über ihn geredet, als er noch lebte. Wieso sollte ich es jetzt tun? Ich bin kein Heuchler. Außerdem besteht ja auch die Möglichkeit, dass er mich umbringen wollte.“

„Er dich?“

„Ja, er mich. Er hat es mir schließlich angedroht.“

„Wann?“

„Am Bahnsteig. Aber das habe ich dir doch erzählt.“

„Das glaubst du doch nicht im Ernst?“

„Warum nicht? Er hat es doch gesagt.“

„Du hast es auch gesagt.“

„Aber ich habe es nicht getan.“

„Aber er soll es getan haben.“

„Sagen wir, er wollte es tun“, verbesserte ich. „Aber dann war ich plötzlich nicht mehr da, und er ist ins Leere gelaufen und von seinem eigenen Schwung in den Schienenschacht gestürzt.“

„Und das glaubst du?“

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll.“ Ich lehnte mich im Sessel zurück. „Ich weiß nur, dass ich es nicht getan habe.“

Sekundenlang war es still. Dann setzte sich Evelyn zu mir auf die Sessellehne und schlang die Arme um meinen Hals.

„Natürlich hast du es nicht getan“, sagte sie und schmiegte zärtlich ihre Wange an die meine. „Daran habe ich keinen Augenblick gezweifelt.“

„Ist das wahr?“

„Ich kenn dich doch. Du könntest niemanden umbringen. Und das werde ich auch diesen verdammten Idioten von der Polizei sagen, wenn sie es wagen sollten, hier aufzutauchen.“

„Wenn Degenhardt erst einmal diese Frau in die Zange genommen hat, werden sie mich in Ruhe lassen. Ohne die falsche Aussage dieser Frau, haben sie nichts gegen mich in der Hand. Sie wird zugeben müssen, das sie sich getäuscht hat, und das Mädchen hat für mich ausgesagt.“

„Ist dieser Degenhardt als Rechtsanwalt in Ordnung?“ erkundigte sich Evelyn.

„Er ist in Ordnung“, versicherte ich ihr. „Er hat einen guten Eindruck auf mich gemacht.“

Evelyn nickte befriedigt.

„Das ist gut. Wenn es je zum Äußersten kommen sollte, ist es sehr beruhigend, einen guten Rechtsanwalt zur Seite zu haben.“

„Ich glaube nicht, dass es zum Äußersten kommen wird“, meinte ich zuversichtlich. „Ich bin überzeugt, dass die Frau ihren Irrtum einsehen und ihre Aussage revidieren wird.“

„Hoffentlich.“ Evelyn seufzte. Dann fiel ihr plötzlich etwas ein. „Da war übrigens ein Anruf. Eine Frau war am Apparat. Sie wollte dich sprechen.“

„Wann?“

„Kurz bevor du zur Tür herein kamst.“

„Was wollte sie?“

„Das hat sie nicht gesagt. Sie sagte nur, sie würde später noch einmal anrufen.“

„Hat sie ihren Namen genannt?“

„Ja. Stolzenburg oder Stolzenberg oder so.“

„Das ist die Frau, die neben mir gestanden hat“, erklärte ich aufgeregt. “Was könnte sie gewollt haben?“

„Ich weiß es nicht. Aber sie ruft ja wieder an.“ Evelyn schlug die Augen nieder. „Ist sie hübsch?“

„Was soll die Frage?“

„Es ist eine ganz normale Frage. Ist sie hübsch?“

„Lieber Himmel, ja, sie ist hübsch. Sehr hübsch sogar. Aber das ist doch jetzt nicht wichtig. Wichtig ist doch nur, dass sie mir hilft.“

„Kennst du sie schon lange?“

„Ich habe sie heute Morgen zum ersten Mal gesehen. Was soll das? Bist du etwa eifersüchtig?“

„Nein, ich bin nicht eifersüchtig. Aber es würde mich interessieren, warum sie gerade heute morgen neben dir stand.“

„Ich habe mich neben sie gestellt“, erklärte ich. „Und als ich später nach hinten blickte, entdeckte ich seine Visage, und mir wurde schlecht. Dann bin ich zur Seite getreten, und er flog hinter mir vorbei in den Schienenschacht. Er hat kurz aufgeschrien, und dann war nichts mehr von ihm zu sehen. Vom Grauen gepackt, wandte sich das Mädchen ab und lehnte sich an den Nächstbesten an. Und der Nächstbeste war eben ich. Sie krallte sich an meiner Jacke fest und presste ihr Gesicht an meine Brust, und ich bahnte mir einen Weg durch die Menge, weil die uns sonst erdrückt hätte. Als wir durch waren, setzten wir uns auf eine Bank, und wenig später ging das Mädchen auf die Toilette, weil sie sich übergeben musste. Und dann sah ich plötzlich...“

Ich brach ab und sah Evelyn an.

„Wen hast du gesehen?“ wollte Evelyn wissen.

„Sag mal, war Onkel Bodo hier?“

„Onkel Bodo? Welcher Onkel Bodo?“

„Ich glaube, ich habe dir noch nicht von ihm erzählt“, sagte ich. „Ich habe einen Onkel. Er müsste jetzt so um die sechzig sein, heißt Bodo Bergmann und lebt seit sieben Jahren in Montreux am Genfer See. Obwohl wir uns immer gern gemocht hatten, haben wir uns aus den Augen verloren. Er gab mir zwar seine Adresse und bat mich, ihn mal zu besuchen, aber nachdem er meine Briefe und Karten nicht beantwortet hat, gab ich den Briefwechsel auf, und ich besuchte ihn auch nicht.“

„Und heute morgen hast du ihn gesehen?“

„Ja. Ist das nicht merkwürdig?“

„Was soll daran merkwürdig sein?“

„Nun, erst lässt er sieben Jahre nichts von sich hören, und dann taucht er gerade in dem Augenblick auf, wo ich in einer verdammt brenzligen Situation stecke.“

„Bist du sicher, dass es dein Onkel war?“

„Ziemlich sicher. Ich habe ihn später dann noch einmal gesehen, als ich schon im Polizeiauto saß.“

„Und er hat dich nicht gesehen?“

„Nein, anscheinend nicht. Weder am Bahnsteig noch im Auto. Findest du das nicht auch komisch?“

„Ich weiß nicht.“ Evelyn legte einen Finger auf die Lippen. „Vielleicht hast du dich getäuscht, und es war gar nicht dein Onkel.“

„Dann müsste er einen Doppelgänger haben“, sagte ich.

„Viele Menschen haben einen Doppelgänger.“

„Aber keinen, der nicht nur gleich aussieht, sondern sich auch noch gleich kleidet.“

„Warum, wie kleidet er sich?“

„Er trägt immer nur graue oder grüne Trachtenanzüge, und der Mann, den ich gesehen habe, trug einen grauen Trachtenanzug.“

„Das ist allerdings seltsam“, sagte Evelyn nachdenklich.

„Und noch seltsamer finde ich, dass er nicht hierher gekommen ist. Er weiß doch, wo ich wohne. Das hier ist seine Wohnung. Er hat sie sich gekauft, und als er wegging, hat er sie mir einfach geschenkt.“

„Er hat dir die Wohnung einfach so geschenkt?“ fragte Evelyn verwundert. „Ist er denn so reich?“

„Du, das weiß ich nicht. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht. Er war zwar nie arm, aber wenn du mich fragst, wie reich er ist, muss ich passen. Außerdem, ab wann ist man denn reich? Wie viel Geld muss man denn haben, um zu den Reichen zu zählen?“

„Ich weiß nicht.“ Evelyn zuckte mit den Schultern. “Ich denke mindestens eine Million.“

„Eine Million?“ Ich lachte. „Dann ist Onkel Bodo zweifellos reich. Eine Million traue ich ihm ohne weiteres zu. In geschäftlichen Dingen war er schon immer ein Schlitzohr. Das heißt, gearbeitet hat er eigentlich nie. Er ist nur immer viel in der Welt herumgefahren, und wenn er zu Hause war, hing er oft tagelang am Telefon. Wenn ich ihn fragte, was er eigentlich arbeite, dann sagte er nur: ‚Mein Junge, wer was auf sich hält, der arbeitet nicht selbst, der lässt arbeiten.’ Da er aber keine Angestellten hatte, fragte ich ihn, wer denn für ihn arbeiten würde, und er antwortete: ‚Papier, mein Junge, Papier. Du glaubst gar nicht, wie gut man Papier für sich arbeiten lassen kann.’ Als ich mit der Mittleren Reife von der Schule ging, riet mir mein Onkel zur Beamtenlaufbahn. Er sagte, Finanzbeamter wäre mein Beruf, und er hatte recht. Ich liebe meinen Beruf. Er hat mich gut gekannt.“

„Du bist lustig“, stöhnte Evelyn. „Da hast du einen reichen Onkel und lädst ihn nicht einmal zu deiner Hochzeit ein. Und mir hast du ihn unterschlagen.“

„Ehrlich gesagt, ich habe schon vor einigen Jahren seine Adresse verloren. Ich weiß nur noch, dass er in Montreux ein Haus gekauft hat. Aber Montreux ist groß, und vielleicht lebt er gar nicht mehr dort.“

„Ich verstehe dich nicht“, sagte Evelyn. „Du hast einen reichen Onkel, den du eines Tages vielleicht beerben könntest, und du kümmerst dich gar nicht um ihn.“

„Er hat sich um mich nicht gekümmert“, widersprach ich. „Ich habe ihm mindestens zehn Briefe und ebenso viele Karten geschrieben. Aber er hat nicht darauf reagiert...“

In diesem Moment klingelte das Telefon. Ich rannte hin und hob ab.

Es war Brigitte Stolzenberg.


7


„Gott sei Dank, Sie sind zu Hause“, sagte das Mädchen, nachdem ich mich gemeldet hatte. „Dann hat es also doch etwas genützt.“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie für mich ausgesagt haben“, erklärte ich. „Aber ich glaube nicht, dass Ihre Aussage bewirkte, dass man mich nach Hause gehen ließ.“

„Nein, natürlich nicht“, sagte das Mädchen schnell. „Meine Aussage hatte damit nichts zu tun. Ich konnte ja nur das sagen, was ich gesehen habe, und gesehen habe ich eigentlich gar nichts. Ich sah den Mann erst, als er schon auf den Schienen lag. Aber ich habe etwas anderes getan.“

„Was haben Sie getan?“

„Ich habe mit der Frau gesprochen.“

„Mit welcher Frau?“

„Mit der Frau, die Sie beschuldigt hat.“

Zusammenfassung

Es ist wie in einem Albtraum. Auf dem Bahnsteig entgeht er nur knapp einem Anschlag. Statt ihm stirbt ein anderer im Gleisschacht. Eine schöne Frau war seine Rettung. Ein paar Stunden später wird er von einem Gangsterpaar entführt, mit Äther betäubt und auf Schienen gelegt. Er kann sich im letzten Moment retten. Er geht zu der schönen Frau. Sie hilft ihm. Danach wird er von einem Killer verfolgt. Er kann ihn stellen und erfährt, wer der Auftraggeber ist. Er erfährt dort, dass alles mit seinem reichen Onkel in der Schweiz zusammenhängt. Die schöne Frau erklärt sich bereit, ihn in die Schweiz zu fahren. Doch unterwegs stellt er fest, dass sie verfolgt werden. In ihm gärt plötzlich ein schrecklicher Verdacht: Steckt die schöne Frau hinter allem?

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910544
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
schöne frauen

Autor

Zurück

Titel: Schöne Frauen morden nicht