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Leadville #4: Kopfgeld für den Herdenboss

2017 120 Seiten

Leseprobe

Kopfgeld für den Herdenboss


Ein Western von Uwe Erichsen




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Ysbrand Cosijn/123RF (sowie Whitman & Poulson), 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Gene Crighton hat Frank Castle in einem Duell erschossen und ist aus Texas geflüchtet. Franks Vater hat auf Crighton ein hohes Kopfgeld ausgesetzt, denn der Tod des einzigen Sohnes muss gerächt werden. Crighton ahnt jedoch noch nichts davon, dass er hartnäckige Verfolger auf seiner Fährte hat – und einige von ihnen befinden sich sogar schon an dem Ort, den auch Crighton als Ziel hat: Leadville, die Minenstadt. Dorthin ist Crighton mit einer Rinderherde unterwegs.

Als Marshal Clay Caldwell von den Kopfgeldjägern und deren Absichten erfährt, will er sie stoppen. Aber die Kerle sind gerissener als er vermutet hat. Zum Glück bekommt er Hilfe von seinem neuen Deputy Frank Haggard, der manchmal auch sehr unkonventionelle Methoden hat, um in einen Kampf einzugreifen ...




Roman:

Gene Crighton spürte ganz kurz die alte Erregung, als Isobel Castle sich an ihn drängte.

Warum hatte sie ihn hereingeholt in das große Haus, in dem sie jetzt mit Fred und dem Alten lebte?

Bitte!“, sagte er gequält und versuchte, sich von ihr zu lösen. Sie war Fred Castles Frau, und Gene kannte den jungen Ranchersohn als einen jähzornigen Mann.

Gene spürte, wie ihm plötzlich das Blut in den Kopf stieg. Aus den Augenwinkeln hatte er den Schatten oben auf der Galerie erkannt.

Fred! durchfuhr es ihn. Heftig stieß Gene Crighton die Frau von sich. Seine Hände fielen schwer herab.

Auch Isobel hatte ihren Mann gesehen. „Fred!“, schrie sie. „Um Gottes willen, nicht! Es war doch alles ganz anders, als du ...“

War es wirklich ganz anders, dachte Gene bestürzt. Oder begehrte er sie immer noch? Aber die Antwort auf diese Frage spielte in diesem Moment keine Rolle. Wichtig war nur, dass Fred Castle wusste, wie es einmal um seine Frau und Gene Crighton gestanden hatte. Gene hatte die blondhaarige Isobel geliebt. Doch die heißblütige Frau konnte nicht warten. Und außerdem versprach ihr Gene Crighton, der Trailboss, nicht das Leben, das sie sich erwünschte. Fred Castle hatte leichtes Spiel bei ihr gehabt. Was sollte er jetzt denken, da er seine Frau in den Armen des einstigen Geliebten überraschte?

Fred Castles Rechte klatschte auf den Griff des Revolvers. Sein Gesicht schwebte als hassverzerrte Fratze über dem Geländer der Galerie.

Gene wusste, dass der andere ihn hasste, und dass er versuchen würde ihn zu töten. Jetzt. In diesem Augenblick.

Fahr zur Hölle!“, drang die wilde Stimme des Ranchersohns an Gene Crightons Ohr.

Gene Crighton vermochte sich einen schrecklichen Moment lang nicht zu rühren, während tausend Gedanken durch seinen Kopf schossen - die fast sichere Gewissheit, jetzt sterben zu müssen ... Isobel .... Freds Frau ... warum hatte sie sich ihm an den Hals geworfen? Hier, im Haus ihres Mannes und des Alten? War sie unglücklich mit Fred? Nein, wohl weniger mit Fred, als mehr mit seinem Vater, dem despotischen Besitzer der großen CT, der Castle of Texas.

Freds Revolver fuhr aus der Halfter.

Gene starrte in die große Mündung, in der ein orangefarbenes Licht aufleuchtete. Das Licht verwandelte sich in einen grellen Feuerball.

Gene hörte das Pfeifen der Kugel und den betäubenden Donner der Explosion. Er wartete auf den Schmerz in seinem Inneren, der entstand, wenn die Kugel seine Eingeweide zerriss, doch der Schmerz blieb aus.

Gene ging in die Knie. Mechanisch riss er seinen Colt heraus. Pulverdampf wehte von der Galerie herab. Immer noch füllte das Krachen des Schusses die Halle.

Fred ... Gene ... Um Gottes willen!“, schrie Isobel verzweifelt.

Immer noch zielte Fred Castle auf den Herdenboss. Gene sah plötzlich Aufblitzen in den Augen des jungen Mannes und drückte ab.

Die beiden Schüsse dröhnten fast gleichzeitig auf.

Gene spürte ein heftiges Brennen in seinem linken Oberarm. Er achtete jedoch nicht auf den Schmerz. Aus brennenden Augen starrte er nach oben.

Fred Castle brach in die Knie. Er klammerte sich mit einer Hand am Geländer fest. Die Finger lösten sich, bevor Gene sich in Bewegung setzen konnte, um den Sturz des Sterbenden zu verhindern.

Fred Castle stürzte kopfüber die Treppe hinab. An ihrem Fuß blieb er liegen. Isobel presste die Häride vor den Mund, um das Wimmern zu ersticken.

In Genes Ohren rauschte das Blut, als er den Colt einsteckte.

Oh, Gott!“, stammelte Isobel. „Gene ... Dafür wird der Alte dich umbringen ...“

Gene kniete neben Fred nieder. Er drehte ihn auf den Rücken und drückte die Lider über die erloschenen Augen. Schwerfällig richtete er sich auf. Ohne die Frau noch einmal anzusehen, verließ er das Ranchhaus. Er ging in den Stall und holte sein Pferd aus der Box.

Während Gene den Gurt festzurrte, bemerkte er den Oldtimer, der den Stalldienst auf der CT versah. Der Mann lehnte an einem Strohballen und sah Gene intei’essiert zu.

Wann geht’s los, Gene?“, fragte er.

Was hast du gesagt?“

Wann es losgeht, habe ich gefragt. Hast du die Herde beisammen? Und die Männer?“

Nächste Woche geht’s los. Das Wasser des Red River soll in den letzten Tagen gefallen sein ...“

Gene war mit seinen Gedanken bei dem toten Fred Castle.

Wieder nach Colorado?“, erkundigte sich der Oldtimer.

Ja, nach Colorado.“

Wie immer in den letzten Jahren, dachte Gene. Er war einer der Männer, die die großen Herden quer durch Texas nach Colorado zu den Minenstädten trieben. Ein freier Trailboss. Vier Monate lang würde er unterwegs sein und wohl kaum einmal aus den Stiefeln kommen.

Gene führte sein Pferd nach draußen.

Breitbeinig stand der alte Castle auf der Veranda. Die weiße Mähne rahmte das verwitterte Gesicht ein. Auf den Armen trug er seinen toten Sohn. Tränen rannen über die bleichen Wangen.

Langsam ging Gene auf den alten Mann zu. Am Fuß der Verandatreppe blieb er stehen und sah zu dem Rancher hinauf. Isobel stand hinter dem breiten Rücken des Alten, als ob sie sich dort vor Gene verstecken wolle.

Es tut mir leid, Sir“, sagte Gene steif. „Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll.“ Die Wunde an seinem linken Oberarm brannte. Er konzentrierte sich auf den stechenden Schmerz, um den Kummer in den Augen des anderen nicht sehen zu müssen.

Dafür wirst du sterben, Gene Crighton!“, sagte der Rancher. Seine Stimme klang gefährlich ruhig. „Ich werde einen Preis auf deinen Kopf aussetzen. Zehntausend Dollar! Wohin du auch kommen wirst, Gene Crighton, sieh dich vor! Dein Vollstrecker wird schon auf dich warten!

Gene senkte den Blick. Er stellte den Fuß in den Steigbügel und, zog sich schwerfällig auf den Rücken des Braunen. Langsam ritt er vom Ranchhof. Er versuchte, den Mann zu vergessen, den er getötet hatte. Doch er wusste, dass ihm das niemals gelingen würde. Der Rancher würde schon dafür sorgen. Er würde seinen Schwur wahrmachen.

Gene sehnte sich nach seiner Herde und den Männern. Draußen bei der Treibherde konnte er den toten Fred Castle vielleicht einige Zeit vergessen.


*


Die Straßen von Leadville schienen leergefegt. Wie begraben lag die Stadt unter der weiß glühenden Sonne. Noch nie war es im Juni so heiß gewesen, behaupteten die älteren Einwohner. Das Thermometer zeigte vierunddreißig Grad im Schatten!

Und doch schien es Menschen zu geben, die noch die Kraft für einen Streit aufbrachten.

Durch die weit geöffneten Fenster eines Hauses weiter drüben an der Hauptstraße wehten die Schreie einer Frau hinaus in die bleierne Luft. Eine zweite Frauenstimme fiel mit wüsten Flüchen ein. Plötzlich verstummte der Lärm der kreischenden Stimmen.

Ein klatschendes Geräusch war zu hören.

Ein schriller Schmerzensschrei war die Antwort.

Eine Frau taumelte an das geöffnete Fenster. Schweißfeucht klebte das aschblonde Haar an ihrem Kopf. Verzweifelt schrie sie um Hilfe;.

Sekunden später tauchte hinter ihr der Umriss eines schlanken, schwarzhaarigen Mannes auf, der sie hart zurückriss. Der Schrei erstarb. Die einsetzende Stille hatte etwas Beklemmendes.

Deputy Frank Haggard begrub seine Hoffnung auf einen geruhsamen Mittagsschlaf. Er seufzte schwer, spähte aus dem Schatten der mächtigen Ulme hervor, die ihre Äste weit über die steinerne Mauer streckte, die ein angrenzendes Lagerhaus von der Straße trennte. Er runzelte verwirrt die Stirn.

Nein, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Frank Haggards Laune sank auf einen selten erreichten Tiefpunkt. Er hatte sich seinen neuen Job viel einfacher und sorgenfreier vorgestellt. Was aber wohl damit zu tun hatte, dass Mashal Clay Caldwell ihn mehr oder weniger davon überzeugt hatte, den Stern zu tragen. Die Stadt hatte einen Gehilfen für Caldwell gesucht – und ihn hatten sie gefunden. Weil er wohl auch der einzige Bewerber gewesen war.

Frank Haggard war mittelgroß, hager und wirkte wie ein Satteltramp, der einen staubigen Ritt hinter sich hatte. Auch von seinem Äußeren konnte man leicht getäuscht werden. Wenn es jedoch darauf ankam, konnte er durchaus seinen Mann stehen. Auch wenn ihm das bisher kaum jemand zugetraut hatte. Da der Marshal aber dringend Unterstützung brauchte, hatte er Haggard schließlich den Stern angesteckt.

Doc Holliday hätte besser damit ausgesehen, dachte Haggard und seufzte innerlich, als ihm bewusst wurde, dass der ruhige Tag jetzt und hier ein vorläufiges Ende gefunden hatte.

Das laute Klatschen war unüberhörbar gewesen. Eine Frau wurde verprügelt und schrie nach Hilfe.

Frank richtete sich auf. Schweiß rann in seine Augen. Er peilte zu den Häusern an der Straße hinüber, und er war kaum überrascht, als er den Silver Dollar Saloon als Ort des Geschehens identifizierte.

Der Deputy erhaschte gerau noch einen Blick auf eine leichtbekleidete, aschblonde Person, die am offenen Fenster über dem Tanzsaal stand, ehe sie von einem schwarzhaarigen Burschen ins Innere des Raumes zurückgerissen wurde.

Der Schrei riss jäh ab.

Frank stemmte sich in die Höhe. Natürlich, der Silver Dollar Saloon! Der Ruf dieses Etablissements war nicht nur schlecht - er war ausgesprochen miserabel, seit er neue Besitzer hatte. Was allerdings seinem Zulauf keinen Abbruch tat. Eher das Gegenteil war der Fall, überlegte der Deputy grämlich. Aber eingreifen musste er, das geboten ihm sein Amt und das Gefühl der Ritterlichkeit, das auch die Damen aus dem Rotlichtbezirk nicht ausschloss.

Er rannte los. Die Revolverhalfter klatschte bei jedem Schritt seiner kurzen Säbelbeine gegen den Oberschenkel.

Frank lief um die Ostseite des Gebäudes herum, sprang auf den kurzen Plankenweg vor dem Eingang, der aus einer farbenfrohen Bluff-Fassade herausgeschnitten war. Wie ein Derwisch schoss Frank durch die Pendeltür. Er rückte den Revolvergurt zurecht, sah sich forschend um. Zu seiner Linken erstreckte sich die Tanzdiele. Die Stühle waren auf die Tische gestellt worden. In der Mitte stand ein Wassereimer. Der Wischlappen und der Schrubber lagen am Boden. Der Mann, dem die Reinigung des rohen Bretterbodens oblag, döste in einer Ecke.

Frank stürmte auf die Treppe zu. Die Girls, die abends den Minenarbeitern das Geld aus den Taschen luchsten, hausten in winzigen Kammern im Obergeschoss.

Frank setzte seinen Fuß auf die unterste Stufe, als ihn eine Bewegung innehalten ließ.

Aus dem tiefen Schatten unter der Treppe löste sich eine Gestalt. Ein schlanker Bursche streckte eine Hand durch die Geländerstäbe.

He, du!“ grunzte der Kerl. „Verschwinde! Die Damen brauchen Ruhe!“

Er war Arthur Black, einer der beiden neuen Besitzer des Silver Dollar Saloons.

Frank warf sich in die Brust, um den Stern besser zur Geltung zu bringen. „Ich habe einen Hilfeschrei gehört“, erklärte er. „Ich bin verpflichtet, der Sache nachzugehen.“

Nicht hier“, bestimmte Black kategorisch.

Frank räusperte sich. Es ist ein Kreuz mit diesen Kerlen, dachte er verdrossen. Sie wollen nicht einsehen, dass es Männer gibt, deren Pflicht es ist, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Und wenn einer dann noch so aussah wie er, der kauzige Deputy von Leadville, Colorado, glaubten die Burschen leichtes Spiel zu haben. Aber Frank wusste, wie er sich bei diesen Typen Respekt verschaffen konnte.

Black entging das listige Blinzeln in Franks Augen. Der Deputy nahm seinen Fuß von der Stufe. Er stellte sich breitbeinig vor Black, fixierte ihn drohend.

Hier ist alles in Ordnung, Mann“, grunzte der Kerl.

Frank schüttelte den Kopf. „Ich werde selbst nachsehen, auch wenn du was dagegen hast. Eine Frau hat um Hilfe gerufen. Soll sie mir sagen, dass alles in Ordnung ist.“ Bevor der Kerl protestieren konnte, setzte Frank schnell hinzu: „Und wenn du mich fragst: In einer stinkigen Baracke wie dieser hier ist nichts in Ordnung. Und falls du nicht augenblicklich deine dreckigen Pfoten von deinem Ballermann nimmst, klopfe ich dir auf die Finger, du Vogelscheuche!“

Black riss den Mund auf. Er stieß einen heiseren Fluch aus und machte Anstalten, sich auf den Deputy zu stürzen. Seine Fäuste schwangen wie Keulen auf Frank Haggards Kopf zu.

Frank riss sich den Hut vom Kopf. Blitzschnell bückte er sich. Die Fäuste zischten über ihn hinweg. Entschlossen rammte er Black den Schädel in den Magen.

Der Bursche knickte ächzend zusammen. Im Aufrichten knallte ihm Frank noch den Kopf unter das Kinn, dann versetzte er ihm einen leichten Stoß mit der Hand. Der Kerl taumelte in eine Ecke, stolperte über einen Schemel und ging polternd zu Boden.

Frank verlor jetzt keine Zeit mehr. Behende flitzte er die Treppe hinauf. Irgendwo fluchte eine raue Männerstimme, ein Mädchen wimmerte. Frank peilte eine der dünnen Türen an, hinter der seiner Berechnung nach die dramatischen Ereignisse abliefen.

Mit der Schulter voran warf er sich gegen die Tür.

Latten barsten, das leichte Schloss splitterte aus dem Rahmen.

Frank flog in einen schmalen länglichen Raum hinein.

Mit einem Blick erfasste er die Situation. Zwei üble Burschen misshandelten zwei Girls.

Tanzgirls, aber immerhin Girls.

Keine Bewegung, Leute! Ich bin das Gesetz!“, brüllte er, wobei er wild mit den Augen rollte.

Verzieh dich, du Zwerg!“, zischte ein magerer Bursche. Er hatte helles Haar und schmale Lippen. Seine Klauenhand lag auf der nackten Schulter eines.üppigen Mädchens. Die Finger bohrten sich tief in ihr Fleisch. Blaue Flecken an zahlreichen anderen Stellen ihres Körpers zeigten deutlich, wo diese Finger bereits zugefasst hatten. Das Gesicht der Pummeligen hatte sich vor Schmerz verzogen. Die beiden lagen auf dem Bett. Der Magere trug nur sein verschwitztes Hemd und eine Unterhose.

Der andere Kerl stand im toten Winkel neben dem Fenster. Er hielt das aschblonde Girl an sich gepresst, das um Hilfe gerufen hatte. Die Hand des Mannes hatte sich tief in das lange Haar gewühlt. Brutal riss er den Kopf des Mädchens zurück. Aus ihrem geöffneten Mund drangen wimmernde Laute.

Der Kerl war untersetzt. Schweiß bedeckte das Gesicht mit den fleischigen Wangen. Aus kleinen wässrigen Augen musterte er den Deputy. Es war ein verschlagener Blick.

Hau ab. Wir haben bezahlt, und wir wollen unseren Spaß haben, nicht wahr, Johnny?“

Raus hier“, befahl der Deputy.

He, nicht so hastig! Den Girls macht’s doch auch Spaß, nicht wahr?“ Der Untersetzte schüttelte den Körper der Schwarzhaarigen.

Ja“, stieß sie hervor.

Siehst du! Verschwinde, Mann!“

Frank bemerkte den flehenden Blick der Pummeligen. Nichts war in Ordnung. Das waren perverse Halunken. Gemeine Strolche. Sie waren fremd in der Stadt. Vor drei Tagen waren sie angekommen. Frank hatte sie seit ihrer Ankunft voller Misstrauen beobachtet.

Lange Diskussionen blieben fruchtlos bei dieser Sorte von Galgenvögeln, das wusste der Deputy aus Erfahrung. Er bückte sich und packte das Handgelenk des Mageren. Blitzschnell und mit unvermuteter Kraft presste er die Finger zusammen. Die Klauen des Burschen lösten sich aus dem Fleisch des Tanzgirls, seine Augen wurden groß. Frank riss die Faust in die Höhe und bog dem Kerl den Arm auf den Rücken.

Der Verblüffte schrie auf. Das halbnackte Mädchen wälzte sich hastig zur Seite.

Shooter! Tu doch was!“, knischte der Magere, der Johnny hieß.

Shooter schleuderte die Schwarzhaarige gegen Frank. Frank sah erst jetzt, dass der Untersetzte einen Revolver trug.

Das Girl prallte gegen die Schulter des Deputys und fiel dann über die Pummelige. Shooter griff nach seinem Revolver.

Frank ließ den Arm des Mageren los. Seine Handfläche klatschte auf den abgewetzten. Kolben des Sechsschüssers. Die Waffe glitt aus der gefetteten Halfter. der Lauf beschrieb einen Bogen, und dann krachte auch schon ein Schuss, der die scheinbar so friedliche Stille der Siesta-Stunde ebenso jäh wie endgültig beendete.


*


Marshal Clay Caldwell schoss mit einem Fluch in die Höhe. Er war sofort hellwach. Mechanisch angelte er nach dem Revolvergurt, der wie immer über der Stuhllehne neben der Pritsche hing. Seine langen Beine stellte er auf den Boden. Eine gleitende Bewegung brachte den großen Mann an das Fenster des Office.

Während er den Revolver festschnallte, spähte er über die Hauptstraße. Sie lag da wie ausgestorben. Wie eine Straße in einer dieser Geisterstädte Nevadas, die von den Goldgräbern aufgegeben worden war. Langsam wanderten Clay Caldwells Augen über Gebäude, Stores und Lagerhallen, tasteten an den kleineren Häusern entlang bis zum angrenzenden Minengelände. Er konnte den Anfang der Brücke sehen, wo ein verlassenes Fuhrwerk stand. Kein Windhauch bewegte die staubigen Blätter der wenigen Bäume.

Clay Caldwell wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es waren viele Fremde in der Stadt. Neu angeworbene Minenarbeiter, Kaufleute, Glücksritter, Kartenhaie. Sie alle warteten auf das große Geld. Gestern Abend erst war ein Büffeljäger in die Stadt gekommen. Er hatte eine Herde Longhorns einige Meilen südwestlich von Canon City gesehen. Drei Tagesreisen entfernt.

Noch drei Tage. Die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft der ersten Herde dieses Jahres hatte sich wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet. Die Spannung näherte sich dem Höhepunkt. Denn in der Minenstadt wurde dringend Fleisch benötigt. Leadville war in den letzten beiden Jahren zu einem Hexenkessel und Schmelztiegel geworden. Und jeder der hier lebenden Männer und Frauen wollte und musste essen. Denn nur so konnte man die Strapazen des harten Alltages überstehen.

Clay Caldwell verließ das Office. Die Hitze draußen traf ihn wie ein körperlicher Schlag. Mit weit ausgreifenden Schritten überquerte er die Hauptstraße, wobei er versuchte, nicht daran zu denken, was die Hitze in den Köpfen einiger Heißsporne anrichten konnte.

Es blieb still. Zu still, wie der Marshal meinte. Der Schuss hatte ihn beunruhigt. Niemand ballerte an einem Mittag wie diesem aus Spaß in der Gegend herum.

He, Marshal!“

Clay blieb stehen, sah sich um. Aus dem tiefschwarzen Schatten von Moss Grimmicks Livery Stable löste sich die Gestalt eines Pferdeburschen.

Ja, Sid?“

Der Schuss kam aus dem Silver Dollar Saloon, da wette ich.“

Clay Caldwell tippte grüßend an die Hutkrempe. „Danke, Sid.“ Er beschleunigte seine Schritte.

Der Silver Dollar Saloon! Das überraschte ihn nicht. Dieser Laden war zwar nur einer von vielen, aber dafür lockte er die übelsten Figuren an wie kaum ein zweiter in dieser wilden Minenstadt. Vielleicht stellte der Tanzpalast deshalb einen besonderen Anziehungspunkt dar, weil die Girls dort besonders freigiebig mit ihren Reizen waren.

Clay setzte seinen Weg rasch fort. Als er den Silver Dollar Saloon mit der bunt bemalten Bluff-Fassade vor sich liegen sah, hielt er lauschend inne. Bis er die lauten Stimmen hörte und den erstickten Schmerzensschrei eines Mannes.

Clay Caldwell begann zu rennen. Wie ein Büffel stürmte er durch den Eingang, wo er einen Moment die Augen schloss, um sie nach der grellen Helligkeit draußen an das Halbdunkel zu gewöhnen.

Unter der Treppe wankte eine Gestalt hervor. Ein hagerer, aalglatt wirkender Mann, der sich mit einer Hand am Geländer festhalten musste. Die andere Hand lag auf dem Kolben eines Revolvers. Natürlich kannte ihn Caldwell – es war Arthur Black, und seine Miene verdüsterte sich. Dass er Black nicht leiden konnte, hatte er ihm schon des öfteren zu verstehen gegeben. Als die glasigen Augen Blacks den Marshal erkannten, ließ er den Revolver los, als ob der Kolben aus glühendem Eisen bestünde.

Alles in Ordnung, Marshal“, lallte Black abwehrend. Er rieb sein unrasiertes Kinn, wo ihn Frank Haggards Schädel getroffen hatte. Dabei grinste er einfältig. „Alles in Ordnung, bestimmt“, behauptete er. Unauffällig, wie er meinte, schob er sich vor die Treppe.

Ein Stockwerk höher polterte etwas zu Boden, ein Möbelstück krachte gegen eine Wand. Die Lampe an der Decke begann heftig zu schaukeln. Caldwell stieß Black zur Seite und stürmte die Treppe hinauf.

Sofort fiel sein Blick auf eine Tür, die aus dem Rahmen gesprengt zu sein schien. Zornige Stimmen und heisere Schreie drangen ihm entgegen.

Als Caldwell in der Tür stand, starrte er sprachlos auf das Chaos aus zertrümmerten Möbeln und nackten oder nur spärlich bekleideten Körpern.

Jemand fluchte. Caldwell erkannte das unverwechselbare Organ seines Deputys.

Frank!“, donnerte er. „Was zum Teufel geht hier vor?“

Ein Mann wurde von einem Fußtritt gegen die Wand katapultiert, dann erschien Frank Haggards verschwitztes Gesicht hinter dem Bett. Verblüffte Augen musterten den Marshal.

Immerhin ist er bekleidet, stellte Caldwell erleichtert fest. Er hatte auch so schon genug Schwierigkeiten mit dem Bürgerausschuss und einigen viel zu einflussreichen Mitgliedern. Einen Skandal, in den sein Deputy verwickelt war, konnte er sich nicht leisten.

Clay!“, knarrte Frank. „Was suchst du denn hier?“ Er stemmte sich in die Höhe. Über seinem rechten Wangenknochen zeigte sich eine hellrote Schramme. „Ich habe alles fest in der Hand, Clay...“

Hast du geschossen?“, fragte Caldwell gefährlich ruhig.

Hör zu, Clay...“"

Welcher Teufel hat dich geritten?“, brüllte Caldwell.

Frank deutete anklagend auf den untersetzten Halunken, der die linke Hand auf seinen blutenden Unterarm presste und Frank dabei hasserfüllt anstarrte. „Ich musste ihm eins verpassen, Clay. Er war dabei, das Mädchen - äh, die Lady da, umzubringen. Stimmt’s, Lady?“

Die Aschblonde raffte den zerrissenen Unterrock um ihren Körper, wobei sie es mit der Bedeckung ihrer interessantesten Blößen nicht allzu genau nahm. Frank schluckte und starrte eine Stelle an der fleckigen Wand an.

Das Mädchen schluckte ebenfalls. Dunkelrot angelaufene Würgemale zierten den schlanken Hals.

Er spinnt“, erklärte sie. Dabei funkelte sie den Deputy zornig an.

He, Miss ...“ Frank hob beide Hände, er wandte sich der Pummeligen zu, um sie als Zeugin anzurufen, doch die senkte den Blick.

Die Halunken begannen zu grinsen. Frank ballte die Fäuste und machte Anstalten, sich erneut auf die Kerle zu stürzen.

Clay, du glaubst ihr doch nicht? Oder diesen Kerlen?“

Caldwell packte Frank am Arm. Er schob ihn aus der Kammer und stellte ihn draußen an die Wand.

Mach hier kein Theater!“, zischte er seinem Deputy zu. „Du lernst es nie, du Ritter ohne Furcht und Tadel! Die Kerle haben bezahlt, und sie wollen sich amüsieren.“

Caldwell betrat erneut den Raum. Die Halunken grinsten immer breiter. Der Untersetzte hatte den Ärmel von seinem Hemd gerissen und presste den Stoff auf die heftig blutende Fleischwunde.

Verschwindet“, sagte Clay Caldwell.

He, Marshal, Sie nehmen sich da etwas zuviel heraus!“, protestierte der Magere.

Raus habe ich gesagt. Ich gebe euch zehn Sekunden.“ Er sah den Untersetzten an. „Gehen Sie zu Doc Craven. Die Behandlungskosten übernimmt die Stadt.“

He, langsam!“, schrie der Magere wütend. „Sie können uns hier nicht so einfach rausschmeißen!“

Caldwell seufzte. Er musste etwas tun, um das Gesicht seines Deputys zu wahren. Außerdem schienen die Kerle wirklich etwas zu weit gegangen zu sein. Die Mädchen sahen tatsächlich ziemlich mitgenommen aus. Aber so waren sie nun mal. Im ersten Moment schrien sie Zeter und Mordio, im nächsten warfen sie sich den gleichen Burschen, die sie eben noch misshandelt hatten, wieder an den Hals.

Wie heißen Sie?“, fragte der Marshai grob. „He, Sie da!“ Er sah den Mageren an.

John.“

John? Und weiter?“

Gullo“ sagte der Mann verdrossen. „Johnny Gullo.“

Und Sie?“, wandte sich der Marshal an den Verletzten.

Ich weiß nicht, was es Sie angeht, Marshal, aber um des lieben Friedens willen - ich bin Nick Fink.“

Caldwell kniff die Lider zusammen. „Shooter Fink?“

Yeah!“, machte der Kerl erfreut. „Sind Sie etwa auch’n Fan von mir?“ Er lachte rau. „Haben Sie meinen Steckbrief gesehen? Das Ding können Sie sich in die Haare schmieren, Mann! Der Steckbrief gilt nur in New Mexiko und in Arizona.“

Wenn Sie sich ordentlich benehmen, Fink, sind Sie hier willkommen. Wenn nicht...“

Wenn nicht? Was dann?“ Die kleinen wässrigen Augen des Banditen hatten sich verengt, der strichdünne Mund zeigte einen verächtlichen Ausdruck.

Dann schmeißen wir Sie raus, Fink“, erklärte der Marshal gelassen. „Es gibt eine Verordnung, die mir das Recht gibt, unerwünschte Personen aus der Stadt zu weisen.“

Verheben Sie sich mal nicht, Marshal! Warten Sie ab! Und diesen mickrigen Zwerg da draußen werden wir uns noch vorknöpfen. Und nicht nur das! Wir werden diese ganze Stadt auseinandernehmen!“

Clay Caldwell streckte eine Hand aus. Es war eine lässige Bewegung. Er packte Shooter Finks Schulter, wirbelte den Mann herum und schleuderte ihn durch die Tür in den Gang.

Johnny Gullo ging freiwillig. Die Kerle stolperten zur Treppe.

Clay nickte den Mädchen zu. „Beim nächsten Mal sucht ihr euch eure Freunde gefälligst sorgfältiger aus“, sagte er gleichgültig, ehe er die Kammer der beiden verließ.

Johnny Gullo war am Treppenabsatz noch einmal stehengeblieben. Er hatte den Kopf umgedreht und suchte Caldwells Blick.

Ich wette, Marshal, wenn dieser Puff Emily Dunn gehörte oder Leadville Chronicle hieße, würden Sie uns jetzt noch gratis die Stiefel putzen!“

Clay sprang vor. Seine großen Fäuste schwangen bedrohlich auf Johnnys Gesicht zu.

Clay!“, rief Frank. „Clay!“

Der Marshal ließ die Arme herabfallen. „Schon gut, Frank, schon gut. Ich werde mir an diesen Burschen die Finger nicht schmutzig machen.“

Es ist die Hitze, Clay“, tröstete ihn der Deputy. „Nur die Hitze.“

Womöglich hatte Frank Haggard recht mit dem, was er sagte. Aber Clay war stinksauer, dass sich diese beiden Hundesöhne so feindselig benommen hatten. Lag es vielleicht daran, dass Arthur Black nicht energisch genug durchgriff? Seine Partnerin Linda Johnson hätte das gewiss getan – aber die hatte vor zwei Tagen die Stadt verlassen. Es hieß, sie hätte in Canon City wichtige Geschäfte zu erledigen. Zumindest hatte Clay das so gehört. Auch das änderte nichts daran, dass seine Laune den sprichwörtlichen Nullpunkt erreicht hatte.

Beiseite!“, knurrte er, als er wutschnaubend das Zimmer verließ und Arthur Black keines weiteren Blickes würdigte. Frank Haggard folgte ihm seufzend.


*


Clay wurde ein Gefühl der Unruhe nicht los.

Hatte die Drohung der beiden Strolche aus dem Silver Dollar Saloon damit zu tun?

Clay setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Er suchte den Packen mit den Steckbriefen heraus, die er routinemäßig vom Office des US Marshals aus Denver bekam. Es waren die Steckbriefe der Kerle, die nach den Gesetzen des Staates Colorado nicht belangt werden konnten. Clay hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, diese Steckbriefe genauestens zu studieren. Es war immer gut zu wissen, wen man in der Stadt hatte und was man von einem solchen Strolch eventuell zu erwarten hatte.

Er brauchte nicht lange zu suchen, bis er das rote Blatt fand, das er im Sinn hatte. Zweitausend Dollar Belohnung wurden für die Ergreifung eines gewissen Nick „Shooter“ Fink geboten. Der Sheriff von Abilene suchte diesen Mann wegen eines Raubüberfalls, begangen vor einem halben Jahr. Der Marshal von Tulsa suchte Shooter Fink im Zusammenhang mit einem Mord, begangen von ihm und zwei unbekannten Komplizen an einem Farmer. Es gab Hinweise, so stand auf dem Steckbrief, dass Shooter Fink nach Westen geflohen sei.

Jetzt war er in Leadville gelandet. Clay Caldwell beschloss, noch heute ein Telegramm an den US-Marshal abzusetzen.

Eine feine Gesellschaft begann sich in der Minenstadt zu versammeln, dachte Clay. Er stand auf und trat ans Fenster. Er sah über seine Stadt.

Die Schatten wurden länger. Die Menschen verließen ihre Häuser oder die schattigen Orte, wo sie während der größten Tageshitze Schutz gesucht hatten.

Ein Fuhrwerk, schwer beladen mit Bahnschwellen und Bauholz, rumpelte über die Front Street. Sein Ziel war das Depot der Atchison, Topeka & Santa Fe Eisenbahn.

Vor dem Hotel hielt ein leichter Buggy mit hohen schmalen Rädern. Das Verdeck war zum Schutz vor der sengenden Hitze hochgeklappt. Ein plump wirkender Mann sprang vom Bock. Er winkte einem Jungen, dem er die Zügel gab.

Clay Caldwell erkannte etwas weiter oberhalb der Straße den Geschäftsmann Robert Sheldon und dessen Partner David Moore, und ihm fiel ein, dass heute Abend die Minenbesitzer drüben im Hotel tagten. Die Trockenheit und die frühe Hitze machten außerdem allen Bewohnern der Stadt Sorgen.

Die Sitzung bedeutete wieder eine lange Nacht für den Marshal und seinen Gehilfen, denn entsprechend lange hielten sie es in den Saloons und den Tanzhallen aus. Es würde Streitigkeiten zu schlichten geben. Pokerhaie, die in einigen der Leute eine willkommene Beute sahen, mussten überwacht werden.

Zwei Reiter gerieten in Clay Caldwells Blickfeld und fesselten für Augenblicke seine Aufmerksamkeit.

Sie hatten einen langen scharfen Ritt hinter sich. Die Flanken ihrer Tiere waren mit dem grauen Staub der Prärie bedeckt. Erschöpft ließen Pferde und Reiter die Köpfe hängen. Die Männer hatten ihre Halstücher über Mund und Nase gebunden. Der Schweiß grub helle Streifen in den Staub, der die Haut der Wangen überkrustete. Schwerfällig ließen sich die Reiter aus den Sätteln fallen. Clay bemerkte die Winchestergewehre, deren Kolben aus den Scabbards ragten.

Sid, der Stallbursche, eilte herbei, um den Ankömmlingen die Pferde abzunehmen. Die Reiter fragten den Jungen etwas, und Sid deutete auf Logans Badehaus. Der Kleinere der beiden gab dem Jungen ein Geldstück, dann lösten die Männer die Satteltaschen und wandten sich ab. Sid zog die Pferde ins Innere des Stalls.

In diesem Moment bemerkte Caldwell die beiden Strolche, die vorhin im Silver Dollar Saloon für Ärger gesorgt hatten. Sie näherten sich vom Haus des Doc der Station. Shooter Finks Arm war verbunden worden. Clay beschloss, den Doc zu fragen, ob die Verletzung die Schusshand des Banditen beeinträchtigte.

Die Kerle blieben unter dem Dach der Station stehen. Koffer und Kisten waren an der Kante einer Plattform aufgebaut, bereitgestellt, um in die Transortwagen verladen zu werden, die bald in der Stadt eintreffen mussten.

Die beiden Typen palaverten eine Weile miteinander, dann trabte der Magere - Johnny Gullo - los. Er verschwand in einem Saloon. Als er kurz darauf auf die Straße zurückkehrte, hielt er eine Flasche Whisky unter dem Arm. Die Kerle setzten sich auf die Bank unter dem Vordach. Bald wanderte die Flasche zwischen ihnen hin und her.

Clay wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht.

Sein Blick fiel auf Doc Randolph Cravens schwarzgekleidete Gestalt. Der Doc näherte sich dem Marshal’s Office, doch Clay vermutete, dass eher der Silver Dollar Saloon das Ziel des Arztes war.

Clay verließ das Office. Wie zufällig traf er vor der Tür mit dem Doc zusammen. Die beiden nickten einander zu. Craven strich mit einer Hand über die feuchte Stirn.

Heiß“, sagte er.

Ja“, bestätigte der Marshal. Er passte seine Schritte dem Tempo des Doc an.

Vor dem Silver Dollar Saloon, dem größten und berühmtesten Saloon der Stadt, standen bereits sieben oder acht Pferde am Hitchrail. Caldwell und Doc Craven betraten den Saloon. Drinnen zog der Doc ein Stück Mull aus seiner Tasche und trocknete sich sorgfältig Stirn und Hals.

Konnte man gewöhnlich in Linda Johnsons und Arthur Blacks neuester Errungenschaft sein eigenes Wort nicht verstehen, so lag heute eine auffallend beklemmende Stille über dem Raum.

Schweigend hingen die Minenleute und Handwerker, einige Geschäftsleute und zwei oder drei Fremde über ihren Gläsern.

Die Hitze, nur die Hitze, dachte Clay. Sie schafft uns alle.

Mike, der hünenhafte Barkeeper mit dem zerknitterten Gesicht und dem Gehabe eines Philosophen, sah die neuen Gäste fragend an.

Zwei Bier“, bestellte Clay Caldwell. „Aber nur, wenn’s richtig kalt ist!“

Natürlich.“ Mike zapfte das Bier und stellte die überschäumenden Gläser vor Clay und den Arzt auf die Theke. „Miss Dunn ist noch oben.“

Wie bitte?“, knurrte Clay gereizt. Weil auf einmal sämtliche Sinne in ihm Alarm schlugen. „Was zum Teufel hat sie denn …?“

Ich dachte tatsächlich, es würde Sie vielleicht interessieren“, gab Mike zurück. Er wischte das übergelaufene Bier von der Theke und wandte sich dann ab.

So gewinnt man Freunde“, sinnierte der Doc. „Aber sagen Sie mal, was war denn da los vorhin? Mir war, als hätte ich einen Schuss gehört.“

Das war Frank. Er glaubte, die Tugend zweier Tanzmädchen beschützen zu müssen ... He, tun Sie bloß nicht, als wüssten Sie nicht Bescheid über die Geschichte! Die Strolche waren doch bei Ihnen!“

Ach ja, richtig! Ich bekomme fünf Dollar dafür. Oder wollte der Bursche mich etwa leimen?“

Das geht schon in Ordnung, keine Sorge, Doc. Sie bekommen das Geld, wenn wir nachher an meinem Office vorbeikommen. Ich frage mich nur, was Emily hier wieder veranstaltet ...“ Er blickte besorgt zur Treppe hinauf, die in die oberen Räume führte und hörte nur beiläufig, was der Doc zu sagen hatte.

Ich habe nicht die Absicht, diesen Platz so schnell wieder aufzugeben, Marshal. Aber sagen Sie mal, was sind das eigentlich für Kerle?“

Welche Kerle?“, fragte Clay abwesend.

Sie wissen genau, wen ich meine! Sie machen Ihnen Sorgen ...“

Die und Sorgen machen? Das sind Strolche. Zwei von vielen. Von der Sorte gibt’s ne ganze Menge in der Stadt.“ Clay nahm einen langen Schluck. „Sie ergingen sich in Drohungen. Offenbar erwarten sie noch jemanden. Sie sprachen von einem gewissem Jim. Wenn der erst mal in der Stadt wäre, würden sie hier das Tor zur Hölle aufmachen.“

Clay setzte das Glas ab, wischte den Schaum von seinen Lippen. „Jim, eh?“

Ja, Jim.“ Der Doc musterte den Marshal. „Sagt Ihnen der Name etwas?“

Clay lachte kurz und schüttelte den Kopf. Drei Männer ... Drei Banditen haben in der Gegend von Pueblo einen Farmer ermordet ...

Woran denken Sie?“, erkundigte sich der Doc.

In drei Tagen trifft eine Viehherde hier ein“, log er.

Ich habe davon gehört, Clay. Es ist schon jetzt viel Gesindel in der Stadt. Sie sollten bald ein paar Deputys verpflichten.“

Vorläufig schaffen ich und Frank es noch allein.“

Die Stadt wird langsam zu groß, selbst für einen Mann, wie Sie einer sind“, meinte der Doc ernsthaft.

Wild Bill Hickock hatte eine Stadt mit zweiundzwanzig Saloons im Griff“, sagte Clay Caldwell. „Was Hickock konnte, kann ich auch. Und notfalls kann ich auf die Hilfe von Doc Holliday zählen...“

Hickok war ein schießwütiger Bastard – genau wie Holliday. Und das sind Sie nicht. Und Sie wissen, wie er umgekommen ist. Clay, Sie sind kein Wundermarshal, und ich bin kein Wunderdoc.“

Caldwell grinste. „Na, wo ist denn der Scheffel?“

Welcher Scheffel?“

Unter den Sie Ihr Licht stellen können.“

Doc Craven strich ärgerlich übers markante Kinn. Er suchte nach einer schlagfertigen Antwort, als sich die Köpfe der Anwesenden hoben und ihre Blicke sich belebten.

Emily Dunn, Inhaberin und Chefredakteurin des Leadville Chronicle, schwebte die Stufen aus dem Obergeschoss herab. Dicht gefolgt von Arthur Black. Und der schaute immer noch so griesgrämig drein wie vorhin!


*


Sie ist immer frühzeitig zur Stelle, wenn etwas passiert, grübelte Clay, während er die bewundernden Blicke der meisten Gäste bemerkte. Aber selbst wenn sich Emily dessen bewusst war, so ließ sie sich dennoch nichts anmerken. Sie nickte dem Barkeeper kurz zu und schaute dann hinüber zu Clay und dem Doc.

Clay hatte Gelegenheit, Emilys vollendete Figur in dem perfekt sitzenden Kleid zu bewundern. Er hegte den Verdacht, dass sie ihm bewusst die Gelegenheit verschaffte, ihren Körper zu bewundern, ehe sie das sorgfältig frisierte Haar mit einer anmutigen Kopfbewegung zurückwarf und auf ihn zukam.

Hallo, Clay!“ Ihre Stimme jagte einen Schauer über seinen Körper. Ein strahlendes Lächeln überzog Emilys Gesicht. Ihre Haut war trocken. Clay fragte sich, wie sie es fertigbrachte, bei diesen Temperaturen nicht zu zerfließen.

Sie sah ihn unverwandt an, und nach einer ganzen Weile stellte sie fest: „Sie sehen so aus, als hätten Sie Sorgen. Doc, was hat er?“, erkundigte sich Emily bei Craven, weil Clay nicht sofort antwortete.

Doc Craven hob die Schultern. „Mir sagt er’s auch nicht. Vielleicht ist er nur wütend. Weil Frank einen Strolch in den Arm geschossen hat.“

Emily sah den Marshal an. „Ich bin bereits bestens informiert. Die beiden Mädchen haben geredet – auch wenn Mr.Black das ganz und gar nicht passt. Selbstverständlich werde ich in der morgigen Ausgabe meiner Zeitung über diesen Vorfall berichten und ...“

Was sagt Black dazu?“, unterbrach sie Clay etwas schroffer, als er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Schauen Sie doch rüber zu ihm – dann können Sie sich denken, was ihm gerade durch den Kof geht“, erwiderte Emily leicht gereizt. „Er wollte mich daran hindern, mit den Frauen zu sprechen.“

Was ihm wohl nicht gelungen ist, wie?“, schmunzelte Doc Craven. „Ich muss schon sagen – Ihre Art und Weise kann manchmal sehr direkt sein. Passen Sie aber auf, dass Sie den Bogen nicht überspannen.“

Clay registrierte die besondere Betonung in der Stimme Cravens – aber er maß dem jetzt und hier keine Bedeutung zu. Stattdessen beschäftigte er sich in Gedanken mit den beiden Reitern, deren Ankunft in Leadville ihm nicht entgangen war. In diesem Augenblick betraten sie den Silver Dollar Saloon.

Clay sah die Neuankömmlinge im Spiegel über der Bar. Obwohl sie sich nach dem Bad bei Logan sehr verändert hatten, erkannte er die beiden sofort wieder. Auch nachdem sie sauber gewaschen waren und sich umgezogen hatten, gefielen sie Clay genauso wenig wie bei ihrer Ankunft. Achselzuckend hob der Marshal das Bierglas an die Lippen. Ich soll meine Schäfchen ja nicht lieben, beruhigte er sich.

Die Neuankömmlinge marschierten auf die Theke zu. Einer schnippte mit den Fingern und bestellte Bier. Caldwell musterte die Kerle unauffällig. Der Mann, der das besondere Interesse des Marshals auf sich zog, war mittelgroß und hager. Er trug einen gepflegten hellblonden Kinnbart, wie ein Seemann. Seine Kleidung war makellos sauber. Er trug eng anliegende hellgraue Tuchhosen und ein geblümtes Baumwollhemd. An seinem rechten Schenkel festgeschnallt saß die Halfter aus schwarzem Leder. Der Kolben eines 45er Remingtom mit Messingrahmen ragte weit daraus hervor. Die Walnussgriffschalen waren dunkel und abgegriffen.

Jetzt nahm der Fremde den Hut ab. Er hatte dünnes blondes Haar, das sich an den Seiten um die rosigen Ohren ringelte. Die Augen in den tiefen Höhlen schienen sich nicht zu bewegen, und doch war Clay sicher, dass ihrem Besitzer nichts in diesem Raum entging.

Der Begleiter des Blonden war etwas größer als dieser, doch sein nichtssagendes Gesicht und die nachlässige Art der Kleidung verrieten, dass der Blonde der bestimmende Mann des Duos war. Der Größere hatte breite Hände und wulstige Lippen. Schwarzes Lockenhaar klebte fettig an eingesunkenen Schläfen. Als er sein Bier trank, legte er den Kopf weit in den Nacken. Das laute Schluckgeräusch war deutlich zu hören. Auch er trug einen Revolver.

He, Miss!“, rief der Blonde plötzlich.

Emily wandte sich dem Mann zu. Sie verhielt sich zögernd. Offensichtlich glaubte der Mann, sie würde zum lebenden Inventar dieses Saloons zählen.

Miss, man hat uns erzählt, in diesem Schuppen könnten wir die heißesten Weiber nördlich von Texas finden. Sind Sie das einzige Weib?“ Er grinste mit herabgezogenen Mundwinkeln.

Ich bin Emily Dunn“, sagte sie ohne dem prüfenden Blick des Mannes auszuweichen. „Mit den Geschäften des Saloons habe ich nichts zu tun. Dafür ist der Gentleman dort drüben zuständig ...“ Sie zeigte dabei in die Richtung, wo sich Arthur Black aufhielt und grimmig zur Theke schaute, wo Caldwell und der Doc standen.

Die Damen kommen Punkt sieben herunter, Mister“, mischte sich nun Clay in das Gespräch ein. „Wenn Sie vorher etwas essen möchten, haben Sie jetzt die beste Gelegenheit dazu.“ Er postierte sich so, dass die beiden Kerle seinen Stern sehen konnten. Aber das schien ihnen völlig gleichgültig zu sein.

Wir wollen die Weiber sehen“, beharrte der Blonde.

Clay überlegte kurz. Die Kerle wollten Stunk. Sie waren zu lange durch die Sonne geritten.

Sie müssen sich schon gedulden, Gentlemen“, erklärte er, immer noch beschwichtigend. Mike war wie zufällig neben ihm stehengeblieben. Er brauchte nur kurz in den Knien einzuknicken, um entweder die Schrotflinte oder den Hartholzknüppel packen zu können. Die ohnehin nicht sehr lebhaften Unterhaltungen der anderen Gäste waren verstummt.

Wir haben Geld“, sagte der Blonde mit flacher, ausdrucksloser Stimme. „Bekommen wir hier etwas dafür? Oder müssen wir uns woanders umsehen? Also vorwärts, sorgen Sie für Musik! Und dann möchte ich auch noch tanzen!“

Natürlich bekommen Sie etwas für Ihr Geld, Gentlemen, dafür sind wir ja da“, riskierte es Black. Schließlich konnte und durfte er jetzt nicht weiterhin untätig zusehen. Das würde seine eigene Position vor den anderen nur schwächen. „Aber wenn Sie bei uns tanzen oder sich unterhalten möchten, müssen Sie noch etwas warten. Tut mir leid, Gentlemen.“

Ah, wir verschwenden nur unsere Zeit. Wo sind die Weiber? Oben? Mann, die warten doch nur auf uns!“ Der Blonde knuffte den Lockigen. Er machte Anstalten, sich von der Theke zu lösen und zur Treppe zu gehen.

Hören Sie nicht, was Mister Black zu Ihnen gesagt hat?“, knurrte Clay Caldwell. Seine großen Hände lagen flach auf der Theke. Einige Männer, die den Marshal kannten, verzogen sich aus der Schussrichtung. Der Doc und Emily blieben jedoch neben dem Gesetzeshüter stehen - ein Zeichen ihres unerschütterlichen Vertrauens. Interessiert beobachteten sie die beiden Männer, die etwa sieben Schritte vom Marshal entfernt standen und sich die plötzlich spröden Lippen leckten.

Der Blonde runzelte die Stirn. Auch seine Hände waren gut sichtbar. Sie lagen auf dem Handlauf der Bar. Es waren schmale, sensibel aussehende Hände. Geschickte Hände, die sich bestimmt dazu eigneten, mit Karten umzugehen.

Haben Sie etwa uns gemeint, Marshal?“, erkundigte er sich.

Wen sonst, Mister?“ Clay spürte, wie sein Blut in Wallung geriet. Ein winziger Funke würde genügen, um ihn hochgehen zu lassen wie ein Pulverfass. Ein gefährlicher Zustand für einen Sternträger.

Wo war bloß seine gewohnte Besonnenheit geblieben? Es lag etwas in der Luft. Etwas zerrte an seinen Nerven.

Spielen Sie hier den Rausschmeißer, Marshal?“, höhnte der Blonde. „Oder gar den Zuhälter?“

Langsam schob sich Clay Caldwell auf den Burschen zu. Die runden Wangen des Mannes wurden bleich, aber er lächelte unverwandt. Selbstsicher hielt er dem bohrenden Blick des Marshals stand.

Caldwell baute sich vor dem Kerl auf. „Sie können viel Spaß in dieser Stadt haben, mein Freund“, erklärte Caldwell. „Wir haben sehr viel Verständnis für unsere Gäste. Aber“, der Marshal hob die Stimme, „wir greifen scharf durch, wenn sich einer nicht an die Spielregeln hält. Verstanden?“

Wer macht die Regeln?“, erkundigte sich der Blonde.

Wir. Die Bürger von Leadville. Einwände, Mister?“

Nein, Marshal“, antwortete der blonde Mann glatt. Sein Lächeln bekam etwas Unverschämtes, und in Clay Caldwells Hirn keimte ein Verdacht auf. Der Blonde ließ urplötzlich die Rechte auf den Kolben des Revolvers fallen.

Clay reagierte vollkommen mechanisch.

Blitzschnell zuckte seine Hand zur Hüfte, umspannte den glatten Kolben des Peacemaker. Die Waffe fuhr aus der Halfter.

Bevor der Blonde seinen Remington nur halb heraus hatte, blickte er bereits in die daumendicke Mündung des schweren Revolvers in Clay Caldwells Hand. Leise pfeifend stieß er die Luft aus. Der Remington fiel zurück.

Schon gut, Marshal“, sagte er. Er atmete flach. In seinen hellblauen Augen stand ein belustigtes Funkeln.

Clay Caldwell nickte ihm noch einmal grimmig zu, dann steckte er seine Kanone ein und wandte sich um.

Als er wieder neben dem Doc stand, fasste dieser Clay Caldwells Verdacht in Worte.

Ich glaube, der Kerl wollte Sie testen, Clay“, meinte Doc Craven.

Clay starrte den Freund fragend an.

Überlegen Sie doch — er wollte sehen, wie weit er gehen kann.“

Und? Was hat er herausgefunden?“, fragte Clay.

Doc Craven hob die Schultern. „Sie waren sehr beeindruckend - für jemanden, der Sie gut kennt.“

Clay Caldwell kam nicht mehr dazu, sich über die letzte Bemerkung des Doc den Kopf zu zerbrechen. Draußen war das Rumpeln von Wagenrädern zu hören. Der Transport aus Canon City war eingetroffen. Die Gäste des Sikver Dollar Saloon sprangen von ihren Stühlen auf.

Der Blonde warf ein paar Münzen auf die Theke, dann verließen er und der Schwarzlockige den Saloon. Beide grinsten als ob sie einen Sieg errungen hätten.

Emily sah ihnen besorgt nach, dann wandte sie sich an Clay.

Lassen Sie sich nicht provozieren“, mahnte sie ernst.

Keine Sorge, Emily ...“

Die Kerle führen etwas im Schilde.“

Der Doc schaltete sich ein. „Darauf wäre ich nie gekommen, Emily!“

Mike erschien neben der Herausgeberin des Leadville Chronicle. Er beugte sich herab und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Er sprach laut genug, so dass auch Clay und der Doc mühelos verstanden, was er sagte.

Die beiden Gentlemen dort drüben meinen, sie hätten die Kerle vor einiger Zeit unten in Arizona gesehen. Der Blonde heißt Eddie Madden, der andere ist Art Welsh.“

Ja, und?“

Sie sind Kopfgeldjäger, Miss Emily. Die Gentlemen sind ihrer Sache sicher.“

Na da steht uns ja noch einiges bevor“, vermutete Doc Craven.

Clay Caldwell fluchte, als er den Saloon verließ. Er dachte an einen Skalp, der zweitausend Dollar wert war.


*


Inmitten einer gewaltigen Staubwolke rollten mehrere Transportwagen vor der Station aus. Die schweißbedeckten Flanken der Pferde zitterten, weißer Schaum flockte aus den Mäulern. Stallburschen rannten herbei, um die erschöpften Tiere auszuspannen.

Leadville!“, brüllte eine erleichterte Stimme. „Leadville! Reisende nach Canon City bitte beeilen!“

Clay Caldwell schritt unter den Vordächern her auf die Station zu. Von Frank Haggard war keine Spur zu entdecken, wie der Marshal ärgerlich registrierte. Er hatte Frank zwar bis zum Abend freigegeben, doch er konnte doch wohl erwarten, dass der Deputy in der Nähe war, wenn die Transportwagen eintrafen!

Johnny Gullo und Nick „Shooter“ Fink hatten sich erhoben. Die leere Whiskyflasche stand verlassen neben der Sitzbank.

Der Kutscher und der bewaffnete Beifahrer kletterten vom Bock. Die Türen der Kutsche flogen auf.

Eine Reisetasche segelte durch die Luft. Sie landete genau zwischen Johnny Gullos und Shooter Finks Füßen. Die beiden Strolche sahen einander an und grinsten beglückt.

Die Kopfgeldjäger, die versucht hatten, im Silver Dollar Saloon Krach zu machen, hielten sich etwas abseits. Ihre Haltung verriet Anspannung und Konzentration, aber Clay Caldwell konnte nicht erkennen, ob sie jemanden aus der Kutsche erwarteten.

Dichter Staub wehte über die Straße und verdunkelte die Strahlen der schräg stehenden Sonne. Immer mehr Menschen versammelten sich bei der Station.

Es war das gewohnte Bild. Die Leute warteten auf Post, auf Nachrichten, auf neue Gesichter. Die Eisenbahn hatte das abgelegene Leadville noch nicht erreicht. Aber zwei miteinander rivalisierende Eisenbahngesellschaften hatten schon damit begonnen, in der Royal Gorge – einige Meilen westlich von Leadvillle – Schienen zu verlegen. Deswegen hatte es im letzten Jahr jede Menge Ärger gegeben. Un das würde so weitergehen, bis der Schienenstrang die Minenstadt endlich erreicht hatte. Und bis dahin stellten die Transportwagen immer noch die schnellste Verbindung nach Canon City dar.

Johnny Gullo schnappte sich die Reisetasche, die vor seinen Füßen lag. Shooter Fink verließ den Schatten des Vorbaus, baute sich neben der Kutsche auf und grinste in die Kabine hinein.

Clay Caldwell blieb an der Ecke des Gebäudes stehen. Er beobachtete die Kopfgeldjäger. Der Blonde, Eddie Madden, stieß seinen Partner an und deutete mit dem Kopf auf Shooter Fink. Welsh nickte, als ob er nichts anderes erwartet hätte.

Shooter schien ahnungslos. Er rechnete nicht damit, dass ihn die Wölfe bis hierhin verfolgten. Die Kopfgeldjäger konnten dem Banditen im Staate Colorado nichts anhaben, genauso wenig, wie es das Gesetz vermochte. Sie konnten erst zuschlagen, wenn der Gesuchte die Grenze nach Arizona oder New Mexico überschreiten sollte.

Weil das kaum zu erwarten war, würden die Jäger versuchen, ihr Opfer mit Gewalt dorthin zu verschleppen, wo sie die Belohnung kassieren konnten.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910537
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369204
Schlagworte
leadville kopfgeld herdenboss

Autor

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Titel: Leadville #4: Kopfgeld für den Herdenboss