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Zwei furchtlose Reiter

2017 120 Seiten

Leseprobe

ZWEI FURCHTLOSE REITER


PAT URBAN


Ein Roman aus dem amerikanischen Westen




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von C.M. Russel, 2017

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappentext:


Was ist ein Menschenleben wert? Diese Frage stellen sich Tornado Pat und Daniel Roy immer wieder. Für sie gibt es darauf eine einfache Antwort – ALLES!

Die zwei furchtlosen Reiter, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein können, verbindet doch eine sehr bedeutsame Sache – ihre Einstellung zur Ehre, Treue und Hilfsbereitschaft ungeachtet der Folgen für ihr eigenes Leben. Sie verbünden sich, werden Freunde und letztendlich zu Partnern.

Doch was bewusst verbreitete Lügen und gesponnene Intrigen, um besser vor anderen dazustehen oder das eigene Leben zu retten, aber hunderte andere dafür zu gefährden, für Folgen haben können, bekommen beide auf verschiedenste Weise am eigenen Leib zu spüren und weichen trotzdem vor dieser Herausforderung nicht zurück …

Werden sie es dennoch schaffen die Kämpfe zwischen den rivalisierenden Indianerstämmen zu verhindern? Ihre Zeit wird knapp …





Roman:

Da sind wir!“, murrt Old Silver ärgerlich.

Er schiebt seinen Hut in den Nacken und zieht die Bremse fest. Dann knotet er die Leine um das Sitzbrett und sieht nach hinten, wo Kid Kerry im Wagen liegt.

Der Junge ist doch glatt eingeschlafen. Einen Moment wartet Cornelia, die neben dem alten Reiter sitzt, dann sagt sie enttäuscht: „Kid, komm wach auf und hilf mir vom Wagen. Der Alte hat wieder einmal seinen schlechten Tag!“

Wie elektrisiert fährt der Junge aus dem Stroh, drückt sich den Hut in die Stirn und springt wie ein Panther vom Wagen. Schnell rückt er seinen Gurt zurecht, bindet das Halstuch straffer und reicht er der Lady den Arm, damit diese ohne Gefahr auf die Straße springen kann.

Danke Kid! Welch ein Trost, dich zu haben!“ Damit wendet Cornelia sich zurück und sagt traurig mit verstellter Stimme: „Du kannst ja allein nachkommen, Großvater. Aber fall nicht in den Staub!“

Old Silver sieht stur nach vorn und rührt sich nicht. Jawohl, er ist verärgert. Muss das Mädchen ausgerechnet in der heißen Mittagsstunde zum Einkauf nach Ellicott fahren?

Die Straße ist wie leergefegt. Alle Fensterläden sind geschlossen und Old Silver braucht nicht einmal ein Hellseher zu sein, er weiß es auch so: Jeder Bürger dieses kleinen Ortes liegt jetzt im kühlsten Teil seines Hauses und ruht sich aus.

Leichtfüßig schwingt sich der Alte vom Sitzbrett. Argwöhnisch sieht er sich um und knurrt leise:

Natürlich hat das Mädchen recht. Dies ist die günstigste Zeit für uns, ohne jede Gefahr unsere Einkäufe zu erledigen. Bei dieser Hitze und diesem grellen Licht halten sich nur Narren draußen auf. Aber warum muss das Mädchen auf diese Idee kommen und nicht ich? – Heh, ihr müden Gäule“, wendet er sich an die beiden Gespannpferde, „darf ich mir das gefallen lassen?“

Die beiden Tiere werfen nickend ihre Köpfe hoch, als der alte Cowboy sie anspricht und scharren unruhig im Staub der Straße. Da ärgert sich Old Silver schon wieder und sagt deshalb:

Ihr steht im Schatten, Freunde. Mehr gibt es nicht in Ellicott. Und bei dieser Hitze noch etwas saufen wollen, ist ungesund. Hunger könnt ihr noch keinen haben. Also steht still!“

Nach diesen Worten stiefelt der Alte los. Er biegt um die Ecke des Hauses und folgt seinem Boss in den Store.

Cornelia ist nicht nur eine Lady. Sie ist zugleich auch die Besitzerin der Corral Bluffs Ranch, also ein Boss.

Auf dem Vorbau tritt sich Old Silver die Schuhe geräuschvoll ab, damit Cornelia ihn hört. Und das bedeutet, er grollt noch immer.

In Wirklichkeit ist Old Silver gar nicht böse. Er tut nur so brummig. Er kennt die Lady schon seit der Zeit, als sie noch in den Windeln lag. Auch Kid Kerry lag damals noch in den Windeln, als sie ihn fanden. Und seitdem lebt er auf der Corral Bluffs wie ein Halbbruder.

Old Silver war damals der erste und ist heute der letzte Reiter dieser Ranch. Alle anderen Jungs sind tot oder zerschlagen aus dem Lande geflohen.

So sieht es auf dieser Weide aus. Die Bürger von Ellicott aber sagen, Cornelia hätte selbst schuld. Warum will sie den Jungen und reichen Boss der Fork Ranch, Mortimer Curtis, denn nicht heiraten?

No, die Bürger rühren keine Hand, um dem Mädchen zu helfen. Das würde nur Ärger bedeuten, mehr als eine Stadt ohne Sheriff schlucken kann. Denn Mortimer hat zwölf Reiter im Sattel. Von seiner Ranch lebt die Stadt.


*


Doch kaum wenige Minuten später wirbelt der Staub der Straße erneut auf. Auch wenn sich diese Reiter große Mühe geben, recht leise zu sein, so werden sie trotzdem von einigen Bürgern gesehen, die neugierig an die Fenster taumeln.

Mortimer Curtis reitet in den Ort und er ist nicht allein. Er hat sein raues Rudel dabei. James Allen ist der Vormann, ein wüster Schläger ohne rechten Verstand. Keith Bates und Hank Crofton sind zwei mittelmäßige Schießer, die sich Mortimer für hohen Lohn erwarb.

Aber der Schlimmste dieses Rudel ist Logan Eastman, er ist ein Mörder. Natürlich nennt er sich auch Revolvermann und bekommt den gleichen Lohn, wie seine beiden Kollegen. Doch Logan verdient noch ein paar Extraprämien dazu. Seine Spezialität sind Rückenschüsse.

Gegenüber dem Store steht das verlassene Marshall-Office, auf dessen Hof Mortimer zuhält und hier sein Pferd zum Stehen bringt.

Nur ruhig Boss, die können uns nicht mehr entkommen“, glaubt Allen mit wichtiger Miene sagen zu müssen. Er steigt von seinem schweren Gaul und hält beflissen die Zügel von Mortimers Pferd fest.

Dabei sieht er besonders die beiden Schießer an und dehnt befehlend:

Der Alte gehört nur mir, Freunde. Das ist ganz allein mein Mann. Vergesst es nur nicht!“

Die Befehle gebe ich, James!“, stößt Mortimer nervös heraus. „Zum Teufel nochmal, wir wollen uns nicht einfach mal prügeln, sondern diese verdammten Corral Bluffs Burschen fertigmachen. Und das nach einem genauen Plan. Sperrt gefälligst eure Ohren auf! Ich predige nicht zweimal.“

Mortimer sieht sich überlegen im Kreise um, denkt angestrengt nach und sagt dann erklärend zu Logan Eastmann:

Deine Aufgabe ist die Hintertür. Lass dich nicht sehen, aber lass auch keinen entkommen!“

Nicht nur auf die Tür achten!“, wirft Hank Crofton ein.

Doch da trifft diesen ein wilder Blick von Logan und er zischt seinen Partner an:

Der Boss bestimmt hier. Verdammt, mach dich nicht so wichtig. Ich und mein Gewehr – an uns kommt nicht einmal eine Laus vorbei.“

Er wendet sich nun an Mortimer und fragt kalt:

Was ist nun, Boss, soll ich schießen?“

Lass das Mädchen ganz, du Narr!“, keucht dieser. „Mann, muss ich jeden Befehl zweimal vorkauen? Verschwinde schon! Wenn ich dich brauche, so rufe ich laut genug.“

Mortimer sagt das Letzte grinsend, denn er weiß genau, dass sie mit fünf Männern mehr als genug Leute sind, um die Lady und ihren letzten Anhang in die Flucht zu schlagen.

Aber er will sie ja nicht in die Flucht schlagen. Er will sie heiraten und seine vier Leibwächter sollen ihm dabei helfen. Denn der Weg zu Cornelia geht über Kid Kerry und Old Silver. Und der Junge schießt eine verdammt saubere Kugel.

Dann fährt Mortimer fort:

Keith, du stellst dich drüben an die Tür. Sollten der Alte oder der Junge James durch die Finger gehen, drückst du ihnen nur den Colt in den Rücken. Aber pass auf! Der Alte ist wie ein Wiesel und kennt eine Menge Tricks.“ Mortimer denkt weiter nach. Sein Blick fällt auf Hank Crofton.

Und du, Hank, stehst bei mir als Reserve. Wir beiden nehmen hier auf dem Vorbau Aufstellung. James will ja die Angelegenheit im Store allein regeln. – Mach es nicht zu rau, James! Schließlich will ich sie noch heiraten. Und eine Braut mit blauen Flecken …“

Hahaha“, lacht James Allen röhrend. „Boss, ich fasse Cornelia nur mit den Fingerspitzen an. Oh, ich kann schon mit einer Lady umgehen.“

Nichts kannst du. Und denk an den Jungen. Er soll verdammt schnell sein. Ihn musst du zuerst ausschalten. Schlag ihn aber nicht gleich tot. Er wird prächtig in unsere Mannschaft passen. Nun geh schon!“


*


Im Store steht der mürrische Barney Mittshel an der Theke. Mortimer hat ihm verboten, an die Corral Bluffs Ranch zu verkaufen. Aber Cornelia zahlt auch in bar.

Hier in der Kühle des Raumes wirkt sie nicht so erschöpft. Sie hat eine lange Liste dabei und ihre beiden treuen Reiter geben die vorgelesenen Artikel an Barney weiten. Und sie bestimmen auch die Menge, denn Old Silver ist zugleich auch der Koch der Ranch.

Im Store hört und sieht man nichts von den Vorbereitungen auf der Straße. Aber mancher Bürger beobachtet die Männer der Fork Ranch.

Doch keiner wagt es, sein Haus zu verlassen, um Cornelia zu warnen.

Teilweise tut ihnen das Mädchen leid. Zum anderen denken sie, dass sich jeder nach der Decke strecken muss. Und in Ellicott bestimmt Mortimer. Er ist zugleich das Gesetz, denn ihm gehört hier alles.

Unruhig lehnt der reiche Rancher an einem Pfosten auf dem Vorbau des verlassenen Marshall-Office. Ärgerlich denkt er daran, dass er immer alles bekommen hat. Nur Cornelia sträubt sich gegen das Glück und dabei waren sie alte Freunde.

Mit einem Seitenblick stellt Mortimer fest, wie uninteressiert Hank in den blauen Himmel sieht. Eben betritt James den Store. Da sagt er bitter:

Wenn das Girl sich noch länger sträubt, machen wir ernst.“ –

Er sieht dabei zum östlichen Ausgang von Ellicott und erkennt fern, noch hinten in der Prärie einen Reiter. „Verdammt Hank, wer ist denn das?“, fragt er seinen Nebenmann.

Wer?“, dehnt dieser, ohne seine Stellung zu verändern.

Sieh nach Osten! Oder träumst du? Da kommt doch jemand.“

Ein Reiter Boss. Meinst du, ich habe ihn noch nicht gesehen? Und was ist schon ein Mann? Schief hängt der Kerl auch noch im Sattel. Das ist doch kein Gegner für mich, no, der nicht.“

Doch in dieser Sekunde wird die Tür des Stores wie von einer unsichtbaren Faust aufgeschlagen, sodass der Flügel an die Hauswand kracht. Wie ein prall gefüllter Kornsack, von kräftigen Armen geworfen, fliegt der dicke Mittshel heraus. Schleift mit den Füßen über den Vorbau und landet dumpf aufschlagend, im Staub der Straße.

Im Haus hört man Old Silver wütend brüllen:

Du Bulle, du verfluchter Bulle …“

Gurgelnd endet dieser Schrei. Und als sich Mortimer erregt von seinem Pfosten abstößt, erscheint der zappelnde Alte am gestreckten Arm von James. Ein Ruck, ein kräftiger Fluch und Old Silver segelt einer Schwalbe ähnlich, ebenfalls auf die Straße.

Erschrocken bleibt Mortimer stehen. Er weiß nicht, was sich im Store abgespielt hat. Aber plötzlich steht der Junge in der Tür.

Wirr hängt ihm das lange Haar in die Augen und eine große Beule verunziert seinen Kopf. Links an der Schläfe blutet Kid Kerry. Aber er ist da, und er hat seinen Colt in der Faust.

Hoch die Pfoten!“, schreit er grell und stößt die Waffe hart James Allen in die Seite.

Einen Augenblick lang scheint es, als wenn der Schläger vor Schrecken einknicken will. Dann steht er steif wie ein Brett und sagt mit flatternden Augen:

Nicht Junge!. Du – du …“

Wie eine Raubkatze schnellt Keith hinter der Tür hervor. Sein Arm fliegt hoch und saust schon herunter. Es gibt ein scheußliches Geräusch. Dann bricht Kid Kerry, wie vom Blitz gefällt, zusammen und kracht polternd auf die Dielen des Vorbaus.

Du blöder Büffel“, zischt der Revolvermann mit eisiger Stimme.

Du und dein großes Maul. Hätte der Junge doch abgedrückt. Mir liegt nichts an schmutziger Arbeit, zum Teufel!“

Barney Mittshel stellt sich einfach bewusstlos und glaubt so, sich aus der heiklen Lage heraushalten zu können.

Old Silver aber ist noch keine Sekunde auf der Straße, da schüttelt er sich schon und stellt fest, dass an ihm nichts kaputt ist. Er schnellt hoch und jagt wie ein Wiesel die Stufen zum Vorbau hoch. Er wirft sich James Allen entgegen, der überrascht ein paar Schritte zurückweicht.

James stößt mit seinem breiten Kreuz auf die Lady, die taumelnd aus der Tür wankt und sich in das schweißnasse Hemd des Schlägers krallt.

Der kümmert sich jetzt nicht um den Alten. Er greift nach hinten, um die Lady zu fassen. Aber diese ist wie eine Katze.

Old Silver ist jedoch nun einmal am Zuge. Ehe Keith Bates es verhindern kann, unterläuft er den bulligen Vormann und bringt ihn zu Fall. Cornelia spürt es kaum, als sie, mitgerissen, auf die Dielen knallt, so fest hat sie sich in James Arm verbissen.

Wie ein uriger Büffel grunzt James auf. Schüttelt trotz der Bisswunde Cornelia ab und lässt Old Silver noch einmal anlaufen. Er trifft den Alten mit seinem Stiefel in den Magen.

Das verträgt der alte Reiter nicht und wird schlapp. James Allen wirft ihn wie ein schmutziges Hemd einfach vom Vorbau auf die Straße. Doch er muss es sich anders überlegt haben. Wie rasend springt er hinterher und auf einmal sind die beiden in einer riesigen Staubwolke verschwunden.

Keith Bates steht dabei und sieht nur den Vormann. Er vergisst Cornelia, die den Moment nutzt und in den Store rennt. Mit wehendem Rock erreicht sie unangefochten die Ladentheke, springt herum und reißt die Schublade neben der Kasse auf.

Richtig, sie hat sich nicht getäuscht. Hier verwahrt Barney Mittshel seine Waffe für den Notfall.

Keith, die Lady!“, schreit Mortimer wütend. „Seid ihr denn alle Narren? Hinten steht Logan. Wehe wenn ihr etwas zustößt!“

Da springt Keith in den Laden und Mortimer brüllt in die Staubwolke zu James:

Was ist nun, du verdammter Maulheld, bist du bald fertig mit ihm?“


*


Keith Bates springt genau vor den Colt. Das Mädchen denkt an den bulligen Vormann und drückt ab. Aber ein Colt ist kein Strickzeug. Der Rückschlag schleudert den Lauf zur Seite und etwas kann sich der reaktionsfähige Revolvermann noch nach rechts retten. Doch die Kugel ist zu schnell. Sie wirft Keith glatt zu Boden.

Er stöhnt vor Schmerzen auf, doch er verliert die Nerven nicht.

Seine Chance ist die winzige Schreckenssekunde des Mädchens nach dem Schuss.

Ächzend stößt er sich ab und erreicht mit diesem lahmen Sprung Cornelia. Und Keith bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen. Er schlägt hart zu, denn eben riss sie den Lauf hoch.

Sie Wüstling“, schreit Cornelia erschrocken über den wilden Ausdruck in den Augen des Revolvermannes.

Ja, Keith Bates ist wütend. Nicht, weil das Mädchen auf ihn geschossen hat. Die Wunde ist schmerzhaft, aber nicht gefährlich. Er ist nur wild, gegen eine Lady kämpfen zu müssen. Schließlich hat er auch irgendwelche Vorstellungen von Fairness.

Ganz automatisch hatte Cornelia die Arme als Schutz vorgestreckt. Diese werden ihr nun zur Falle. Keith macht es rau, denn er will es hinter sich bringen. Er greift zu und dreht die Arme nach hinten. Dann schlingt er seine Linke um die Taille des Mädchens und trägt sie nach draußen.

Boss!“, ruft er peitschend, als er diesen tatenlos neben James Allen stehen sieht, „hier hast du das Mädchen. Verdammt, mir reicht es jetzt. Ich bin Revolvermann, kein Mädchenkiller!“

Hast du geschossen?“, fragt Mortimer etwas zu schrill.

Sie hat den Colt vom alten Barney erwischt. Ich sprang genau in eine Feuerwolke. Sie hat mich getroffen, ist aber nur ein Kratzer. Mir blieb keine andere Wahl, ich musste es rau machen. Hol sie dir!“

Du bist auch nur so ein Narr mit einem Ehrenkomplex“, brüllt Mortimer zurück.

Ganz plötzlich taucht der alte Cowboy aus dem Staub vor ihm auf.

Da greift Mortimer nach seiner Waffe und schlägt blitzschnell zu. Old Silver ist schon angekratzt, dieser Schlag wirft ihn gleich in den Staub zurück und damit es so bleibt, gibt ihm Mortimer noch einen Tritt in die Seite.

Spuckend und fluchend erscheint James Allen und stolpert fast über den stürzenden Alten. Das gibt Mortimer den Rest und gefährlich zischt er den erstaunten Schläger an:

Dir werde ich gleich dieselbe Medizin verpassen, du verfluchter Urmensch. Wie lange brauchst du eigentlich, um mit diesem Affen fertig zu werden? Eine Hilfe bist du mir nicht, James.“

Er lässt den verdatterten Vormann stehen und ruft zum Vorbau:

Dann lass die Lady doch endlich los, Keith. Wo hat sie dich denn getroffen?“

Doch er will keine Antwort, er sagte es nur als Beruhigung. Und als die Lady frei steht, versucht sie, wieder in den Store zu laufen.

Cornelia!“, ruft er zornig, „renne nicht weg. Sonst machen wir Old Silver fix und fertig. Warte, ich komme zu dir.“

Aber nicht näher als drei Schritte, Mortimer Curtis. Der Teufel wird dich eines Tages holen, dich und deine Killer.“


*


Als Mortimer losgeht, kommt er an der stummen und still liegenden Gestalt des Storebesitzers vorbei. Da schießt in ihm der Zorn noch einmal brennend hoch, denn Barney hat sein Spiel nicht mitgemacht.

Brutal greift er sich den alten Mann und stellt ihn auf die Beine, „Barney!“, brüllt er so laut, dass man ihn in jedem Haus von Ellicott hören kann, „Du schmutziger kleiner Geschäftsmann! Hatte ich dir nicht verboten, an die Corral Bluffs zu verkaufen? Ist das der Dank, den du noch meinem Vater schuldest, du gelbgestreifte Ratte? Jetzt bist du dran, Lump.“

Und als er es gesagt hat, fällt sein Blick auf Hank Crofton, der steif und arbeitslos, keine fünf Yard von ihm entfernt, in den Himmel sieht, so als ginge ihn der ganze Kram nichts an. Da stößt er den Storekeeper mit einem wilden Tritt gegen Hank und sagt kaltlächelnd: „Hank, du kannst auch mal etwas tun. Pass auf Mann! Ich schicke dir unseren Freund Mittshel.“

Aber Hank Crofton ist ein eingebildeter Revolvermann, kein Schläger. Angewidert nimmt er seine Fäuste hoch und lässt Barney auflaufen. Doch der Zusammenprall ist so wuchtig, dass der fette Storebesitzer zurücktaumelt, genau auf Mortimer zu. Dazu sagt Hank gallebitter: „Da hast du ihn wieder, Boss. Prügel sind nicht mein Geschäft. Erledige es selbst!“

Und dabei nimmt er jene typische Haltung ein, die seinen Beruf verrät. Er steht leicht vornübergebeugt und hat die Daumen hinter den Gurt gehakt. Sein Blick ist kalt.

Aber Mortimer hat eine Menge Geld ausgegeben, um diese drei Revolverschwinger zu haben. Für Weidearbeit halten sich diese Burschen auch zu fein. Teufel, er bezahlt nicht umsonst. Der Zorn kriecht in ihm hoch und unbeherrscht antwortet er:

Du wirst ihm Manieren beibringen, Hank! Das ist ein Befehl! Oder bist du zu vornehm für Handarbeit? Dann rufe ich Logan.“

Dieser Befehl sitzt. Denn Logan ist eine Drohung. Der wird nicht zögern, für ein paar Scheine auch seinem Partner in den Rücken zu schießen. Das weiß Hank und so nimmt er sich Barney Mittshel vor.


*


Mortimer kommt nicht weit. Eben erhebt sich Old Silver und holt saugend Luft. Dann drückt er sich ab.

Ach, es ist kein Abdrücken. Ein gewöhnlicher Krebs ist gewiss noch schneller als Old Silver. Doch der Alte schafft es, an Mortimer heranzukommen und knurrend wirft er sich ihm entgegen. Er holt aus und glaubt einen weithergeholten Schwinger auf die Reise zu schicken.

In Wirklichkeit kriecht seine Faust zeitlupenartig hoch.

Du aufgeblasener Lümmel“, gurgelt Old Silver hervor, „du bist nichts weiter, als eine fette Laus. Du wirst uns niemals schaffen. Schluck diesen Schwinger.“

Der Junge Rancher weicht dem Schlag nicht einmal aus. Er blockt Old Silvers rechten Arm ab und schlägt den hochgezogenen Linken wie eine Zeitung zur Seite. Dann setzt er seine Rechte dem Alten unters Kinn.

Als er sich wütend umsieht, fällt sein Blick auf James Allen, der ihn wie eine Erscheinung ansieht und sprachlos den Mund aufreißt.

Da faucht er würgend:

Muss ich denn alles allein machen, du gehirnloser Sattelaffe. Los, kümmere dich um ihn, er war doch dein Mann. Der ist noch lange nicht fertig.“

Er geht los und sieht zufällig zum Osteingang von Ellicott. Und nun kann er es deutlich sehen. Der Reiter hängt nur noch im Sattel. Wie eine Schnecke kommt er heran. Das Pferd scheint völlig ausgepumpt zu sein.

Ein Verwundeter, denkt er ohne Argwohn und steigt die Stufen zum Vorbau des Stores hoch. Dicht vor Cornelia bleibt er stehen. Und als er das zerschundene Kleid und das schmutzige Gesicht sieht, gibt es ihm doch einen Stich im Herzen. Mitleidig fragt er die Lady:

Schmerzen?“ Und als diese verbissen schweigt, fährt er fort seine Sache halbwegs zu entschuldigen. „Du zwingst mich zu solchen Aktionen. Ich will, dass du meine Frau wirst. Hier in Ellicott gibt es keinen Fuß Boden, der nicht mir gehört. Auch das Land ringsherum ist mein Eigentum. Ich kann dir das Leben einer Königin bieten. Sag endlich Ja, Cornelia! Ich kann es mir nicht leisten, dass du einmal einen anderen heiratest; du bedrohst dadurch meine Existenz. Und wir Curtis waren die ersten hier im Land. Sag nicht nein –“, bittet er, als Cornelia den Mund aufmacht.

Doch es kommt ganz anders. Cornelia antwortet auf ihre Art. Sie spuckt vor ihm aus und sagt voller Abscheu:

Pfui Teufel! Dein Anblick schlägt mir auf den Magen. Ich fühle, ich muss mich gleich übergeben. Und so einen Kerl habe ich einmal auf meiner Ranch geduldet, so einen Lumpen nannte ich meinen Freund. Du bist doch der dreckigste …“

Halt!“, schreit Mortimer mit überschlagender Stimme, zornig bis in die letzte Faser seines Körpers. Da ist sie wieder, diese spitze Zunge, die ihn zum Wahnsinn treibt. „Kein Wort mehr, Satansweib …“

Ich rede wann ich will!“, gellt Cornelias Stimme über die Straße.

Und diese Stimme wird von jedem Bürger in Ellicott gehört. Sie dringt wie ein Fanfarenstoß in jedes Ohr, wie ein Dolch in jedes Herz, das Sinn für Ordnung, aber auch Sinn für Vernunft hat.

Lieber sterbe ich, als deine Frau zu werden!“

Cornelia!“

Ich heiße Miss Patterson, du Schuft. Und wenn ich einmal heirate, so will ich Kinder haben. Aber keine heranwachsenden Ratten und Klapperschlangen, du verfluchter Mörder.“

Da ist es mit Mortimers Beherrschung vorbei. Ohne nachzudenken schlägt er zu.

Boss!“, sagt Keith Bates grell. „Boss, sie ist eine Lady!“ Und er greift nach der schlagenden Hand.

Der Rancher hat sich schnell gefasst. Er atmet tief durch und sagt matt:

Es ist schon gut, Keith. Packt sie und ihre verdammte Brut und schmeißt sie auf den Wagen. Sie sollen verschwinden. Ich will sie nicht mehr sehen.“

Er will sich beleidigt abwenden, da stößt sein Fuß an den wie tot liegenden Jungen. Mortimer wird ganz weiß und er fragt:

Was ist mit dem Jungen? James, hast du ihn …“

Whisky“, greint da eine Stimme in ihrem Rücken.

Selbst Hank Crofton ist erschrocken, denn plötzlich ist noch jemand da, ohne, dass man ihn herankommen hörte. Er fährt auf den Absätzen herum und lässt seine Hände über den Kolben seiner Colts schweben. Aber dann entspannt er sich und denkt grinsend: ein Urmensch.


*


Eine Sekunde verschwenden sie wohl alle an dieser Gestalt, die auf einer merkwürdigen Kreuzung zwischen Esel und Ziege sitzt. Denn so kann ein Pferd niemals aussehen. Und sein Reiter hat nur das ungefähre Maß eines Menschen. Alles andere besteht aus Lumpen und Dreck.

Whisky“, bettelt der Kerl nun noch einmal. Aber es kümmert sich keiner mehr um ihn. Denn in dieser Sekunde beugt sich Keith Bates zu Kid Kerry nieder.

Kid!“, schreit Cornelia. Und noch einmal verzweifelt: „Kid!“ Dann wankt sie und gleitet neben dem Jungen zu Boden.

Keith erhebt sich schuldbewusst. Sein Gesicht wirkt wie eine Maske als er Mortimer anschaut und leise sagt:

Er ist tot, Boss! Mein Gott, ich habe ihn …“

Da geht auch ein Ruck durch den fremden Reiter. Nur für einen Moment, aber aus den Augenwinkeln heraus kann Hank es sehen. Er betrachtet daraufhin den Fremden und stellt fest, dass es ein ganz verkommener Bursche ist. Das Gesicht wird von einem verfilzten Bart verdeckt, kaum, dass man die Augen sehen kann. Hank empfindet eine ganz winzige Unruhe bei der Betrachtung dieses Subjekts, kann sich aber nicht erklären, warum.

Er sieht noch einmal hin. Und jetzt glaubt er, dass die kühne Adlernase, die aus all den Haaren ragt, der Anlass seiner Unruhe ist.

Nun sieht auch Mortimer hinüber und ein Gedanke durchzuckt sein Gehirn, als sein Auge an dieser traurigen Figur hängenbleibt, der weniger als miserabel ist. Freundlich fragt er den Fremden:

Wo willst du denn hin? Bist du verwundet?“

Doch dieser scheint zu allem Unglück auch noch schlecht zu hören.

Er sieht sich jeden der Anwesenden an und lässt dann seine Augen rundherum wandern. Und als er nach Westen starrt, erkennt er fern am Ortseingang einen Reiter.

Nur er kann den Mann sehen und er kann ihn auch erkennen. Denn sein Blick ist so scharf, wie der eines Falken. Nein, zu diesen Männern hier, kann der nicht gehören, das verrät schon das Bündel hinter dem Sattel.

Und ein Sheriff ist es auch nicht, dafür ist jener viel zu elegant gekleidet. Nein, der ist unterwegs, so wie er stets unterwegs ist.

Nun, da der Fremde alles gesehen zu haben glaubt, wird er gleich in den Kampf einsteigen. Denn dieser Reiter blufft nur. Sein Name ist Pat, man nennt ihn Tornado Pat. Ein Halbblut, aber ein fanatischer Kämpfer, wenn er irgendwo ein Unrecht wittert. Er ist ein erfahrener Wolf, der sehr trickreich vorgeht.

Hörst du schlecht“, röhrt James Allen, dem die Antwort zu lange dauert. „Bist du besoffen oder vielleicht verwundet?“

Jetzt richtet sich Pat im Sattel auf. Sein Blick ist leer, aber er erfasst sie alle: den Rancher und seine Leute, die beiden Alten im Staub, Cornelia und den Jungen. Da sagt er salbungsvoll:

Verwundet! Ja, mein Herz ist verwundet wegen so viel Unrecht. Ist das eine Art, eine Lady zu schlagen und einen Jungen zu töten? Wer gibt euch das Recht, ihr traurigen Pilger?“

Hahaha“, lacht Mortimer hysterisch und es soll besonders lustig klingen, „er ist nicht verwundet und nicht betrunken. Er ist ein Reverend!“

James Allen fällt pflichtgemäß in dieses Lachen ein und sieht verwirrt zu seinem Boss.

Cornelia!“, ruft Mortimer aufgeräumt, „komm herunter und besinne dich nicht länger. Hier ist ein Priester, er kann uns trauen.“

Los, runter mit dir!“, mischt nun auch James mit.

Dann hilf ihm doch, ehe er von seinem Ziegenbock fällt, du Narr!“, ermuntert Mortimer seinen Vormann. „Wie leicht kann er zu Schaden kommen; willst du das verantworten?“

Dem helfe ich schon“, grinst James und schielt zum Fuß des Reiters.

Er sieht noch einmal hin. Jawohl, es stimmt, der Kerl hat nicht einmal Steigbügel. Nur ein Griff und ein Ruck, denkt James voller Freude, dann liegt der Bursche im Dreck auf der Straße.

Er stelzt näher, macht eine artige Verbeugung und sagt höhnisch:

Mein Freund, mit deiner Erlaubnis möchte ich dir helfen.“

Blitzschnell springt er vor und greift nach dem Fuß, zumindest will er es.

Doch der Fuß ist schon weg, so schnell, dass er es nicht einmal bemerkt hat. Darum verliert er auch das Gleichgewicht und nur das struppige Fell des vorsintflutlichen Pferdes gibt ihm Halt.

Doch das scheint dem Gaul nicht zu gefallen. Er hebt den linken Vorderhuf und schlägt zu. Das Pferd ist nicht langsamer als sein Herr. Man sieht nichts, aber James brüllt schmerzhaft auf, als sein Arm getroffen wird. Jetzt fällt er doch noch in den Staub.

Sein massiger Schädel kommt nahe am Hinterhuf des Pferdes zum Liegen. Der Gaul trifft ihn voll. Pat zählt nur noch drei Gegner.

Aber jetzt muss er sich verdammt beeilen. Hank Crofton weiß nun Bescheid. Er lässt sich nicht länger täuschen. Doch er muss schneller als sonst sein, denn auch Pat hat ihn als den gefährlichsten Mann erkannt und lässt seinen Gaul anspringen.

Geschickt rettet sich Hank in letzter Sekunde zur Seite. Aber als der Gaul, ihn fast noch streifend, vorbei ist, steht wie aus dem Boden gewachsen, Pat vor ihm und schon schwebt dessen Rechte mit dem Colt über seinen Kopf.

Pat schlägt mit seiner Linken Hank in den Magen. Der muss die Kolben fallen lassen und sich ducken. In diesem Augenblick zischt die Rechte herunter. Es wird ein voller Erfolg.

Das kann Hank nicht verdauen. Mit glasigen Augen geht er zu Boden. Auch Pat lässt sich fallen. Denn nun hat er Mortimer und Keith als Gegner. Da schießt der Rancher auch schon.

Keith steht dabei, die Hände schweben über den Kolben seiner Colts aber er bleibt fair. Mortimer verfehlt Pat mit seinem ersten Schuss.

Als er zum zweiten Mal auf Pat einschwenkt, trifft ihn dessen Kugel in die Hand. Diese schmerzhafte Verwundung lässt ihn grell aufschreien und wie ein getretener Hund legt sich Mortimer neben Old Silver in den Dreck der Straße.

Keith schafft es nicht mehr. Als seine Waffen halb heraus sind, sieht er bereits in das Loch der Mündung von Pats Colt. Da hebt er vor Schreck die Arme.

Aber Pat hat schon erkannt, dass Keith den Ehrenkomplex hat und winkt nur mit dem Lauf, die Arme runter zu nehmen.

Du bist ein Narr, mein Freund“, ruft er kalt. „Auf die faire Art schaffst du mich nie. Ich bin Tornado Pat, du verfluchter Killer. Steh nur still und passe. Der Kampf ist vorbei!“

Aber da sind noch drei Dinge, die Pat übersieht. Hinter dem Haus schleicht Logan Eastman heran. Hank Crofton kommt wieder zu sich. Und fünfzig Yard entfernt zügelt der fremde Reiter sein Pferd.


*


Hank Crofton ist nicht Logan, aber auch nicht Keith. Jetzt, da er wieder klar wird, hat er nur einen Gedanken: die erlittene Schmach auszulöschen. Noch liegend richtet er seinen Colt auf Pats Rücken.

Hinter …“, kreischt Keith verzweifelt, der sich Pat verpflichtet fühlt.

Wirbelnd fliegt Pat herum. Zwei Yard schafft er auf diese Art nach rechts und schießt auf den liegenden Hank und trifft ihn tödlich.

Aber der Schuss, der Pat galt, geht in der alten Richtung weiter und dringt Keith in die Brust.

Einen Moment steht Keith noch, staunend blicken seine bereits trüben Augen zu Hank und mit einem Seufzer geht er zu Boden.

Der fremde Reiter hat genug gesehen. Er schüttelt den Kopf und sagt bitter:

Hoffentlich seid ihr nun alle zufrieden, ihr Narren. Bloß weg hier, Daniel Roy. Dies ist nicht der rechte Ort für einen Mann, der Weidearbeit sucht.“

Er sieht nicht mehr, als Pat sich erhebt und zum Vorbau geht. Neben Keith kniet dieser nieder und hebt den Kopf des Revolvermannes an. Mit brüchiger Stimme sagt er leise:

Das war verdammt fair, Bruder. Verzeih, ich nannte dich Killer.“

Noch einmal schlägt Keith die Augen auf. Er lächelt sogar und stöhnt mit schwacher Stimme:

Bin froh … kein – Killer – gewesen.“

Als sich Pat erhebt, fällt sein Blick auf Cornelia, die ihn mit entsetzten Augen anstarrt.

Ich“, stottert er, „Lady, ich bin nur ein Loofer. Pat ist mein Name. Ich gehe ja schon.“

Aber da erinnert er sich an Mortimer. Er muss diesem Mann, der mit Schlägern und Revolvermännern auf eine Lady losgeht, noch eine unvergessliche Lektion erteilen. Die Verwundung ist nicht Strafe genug.

Mortimer sieht Pat kommen. Er ahnt schon, was da auf ihn zukommt, hebt seine verwundete Hand und schreit:

Nicht Mann! Nicht schießen! Kein Mord mehr! Ich habe genug. Ja, es war ein Fehler. Aber ich zahle dafür. Mann, ich mache dich reich.“

Und als Pat ganz nahe ist, brüllt er irr vor Angst:

Halt, ich bin verwundet. Mann, bleibe fair. Nicht … nicht …“

Da lacht Pat bellend los. Aber es ist kein fröhliches Lachen.

Du Lump winselst um Gnade? Hast du Gnade gekannt, warst du fair? Oder hast du gar nicht die Lady geschlagen? Starb der Junge vielleicht vor Schreck, als du ihm einen Tausenddollarschein unter die Nase hieltest? Und die beiden Alten haben sich darüber so gefreut, dass sie sich in den Staub warfen, oder? Antworte mir und dann steh auf!“

Noch einmal sieht Daniel Roy zurück. Er interessiert sich nicht für den Kampf oder dessen Ausgang. Es ist eine rein mechanische Bewegung, ob sein Rücken frei ist. Denn dieser Reiter ist ein vorsichtiger Mann, der schon viel erlebt und gesehen hat.

Es ist der Moment, wo Logan Eastman um die Ecke des Stores schaut und erkennt, dass er um das Haus herumlaufen muss, will er Pat in den Rücken kommen.

Du lieber Gott, auch noch ein Heckenschütze“, stößt er voller Ekel hervor.“ Vorwärts, mein Brauner, nur weg von hier. Das hat uns noch gefehlt, was?“

Jetzt taucht Logan an der rechten Ecke des Stores auf. Mortimer sieht ihn sofort und schöpft neuen Mut, denn er kennt Logans Treffsicherheit.

Ja, auf Logan ist Verlass, wie auf eine hohe Spielkarte, die man im Ärmel versteckt hält. Gleich wird Mortimer Trumpf ausspielen, nur noch ein paar Sekunden braucht er durchzuhalten. Und er muss sich aus der Schussrichtung bringen.

Er lässt Pat auf drei Yard herankommen und sagt tief Luft holend:

Nun gut, Killer. Ich bin zwar verwundet aber ich will keine Gnade. Kämpfen wir also. Ich suche nur eben meinen Colt.“

Während Mortimer spricht, geht er mit kaum erkennbaren Schritten nach links. Und trotzdem fühlt er, dass dies die längsten Schritte in seinem bisherigen Leben sind. Nur noch einen Yard, dann kann Logan den Abzug durchreißen.

Doch so sehr er sich auch verstellt, er kann nicht ganz ein leichtes Aufleuchten in seinen Augen verhindern. Und das entgeht Pat nicht, der sich schon über den plötzlichen Mut des Ranchers gewundert hat. Jetzt weiß er auch, dass hinter ihm eine Gefahr droht.

Pat könnte noch so schnell sein, es wäre schon zu spät. Logan ist nicht Hank, der aus einer Ohnmacht aufwachte, als er seine Waffe auf ihn richtete.

Trotzdem geht er mit einer unwahrscheinlich schnellen Bewegung zu Boden, zieht noch seinen Colt und will sich herumwerfen. Doch mitten in dieser Drehung trifft ihn die bereits abgefeuerte Kugel aus Logans Gewehr.

Aber nicht Pats Rücken wird getroffen, wie Logan beabsichtigt hat, sondern die Kugel streift ihn über den Kopf. Sie wirkt wie ein Hammerschlag. Pat verliert sofort das Bewusstsein und wäre nun dem zweiten Schuss des Mörders völlig hilflos ausgeliefert, was natürlich ein Mord gewesen wäre.

Doch mit Logans Schuss kracht zur gleichen Zeit noch ein Gewehr.

Es ist Daniel Roy, der hier mitmischt. Nur wenige Schritte war sein Gaul gegangen, da hielt er an.

Daniel“, sagt er zu sich, „du kannst nicht einfach davonreiten. Nein, Junge, das passt nicht zu dir. Du hast doch den Heckenschützen gesehen. Das bedeutet Mord.“

Er zögert nun nicht länger, reißt das Pferd herum und lässt es an springen. Mit fliegenden Händen greift er nach seinem Gewehr im Scabbard. Viel Zeit hat er nicht mehr, denn eben legt Logan an. Da schießt er von der Hüfte aus, ohne recht Ziel zu nehmen.

Noch weniger Zeit bleibt Logan Eastman. Er stirbt und weiß nicht einmal, dass es so ist.

Im vollen Galopp springt Daniel aus dem Sattel, sieht eine Sekunde auf Mortimer herab und sagt gefährlich sanft:

Verschwinde schon, Skunk!“

Dann schaut er sichernd in die Runde, erkennt Cornelia auf dem Vorbau und lüftet artig seinen Hut.

Jetzt bin ich wieder mittendrin“, dehnt er gallig aber so leise, dass ihn keiner versteht. Dann beugt er sich zu Pat nieder, erkennt die Ungefährlichkeit der Wunde und sagt fast fröhlich:

Mein lieber schneller Bruder, Glück hast du gehabt. Aber vom Rasieren scheinst du nicht viel zu halten, oder?“


*


Dass jetzt alle Gefahr vorbei ist, spürt auch Barney Mittshel. Er steht vorsichtig auf, prüft seine Arme und Beine und schleicht unhörbar davon.

Daniel sieht es und wundert sich nur, dass sich dieser Mann um nichts kümmern will, denn immerhin liegen hier Tote und Verwundete. Und als Barney schon auf dem Vorbau ist, ruft er hart:

Halt Großvater! Lauf nicht einfach davon! Hol mir den Doc!“

Ich brauche keinen Doc“, stöhnt Old Silver, der gerade wieder ins Leben zurückkehrt und glaubt, es drehe sich um ihn. Er stemmt sich auf und sieht sich um. Da glaubt er zu träumen. „Sie sind alle …“

Aber ehe er zu Ende sprechen kann, ist Cornelia bei ihm. Sie wirft sich dem Alten in die Arme und sagt schluchzend:

Mein Gott, Silver, du lebst? Ach – Silver – sie … sie haben Kid getötet.“

Old Silver hält die weinende Lady in den Armen aber er sieht sich um und kann nicht begreifen, dass dieser lächelnde Fremde nur allein lebt und einen Kampf gegen fünf Männer unbeschadet überstanden hat.

Old Silver weiß ja nichts von Logan und glaubt Mortimer am Boden erkennen zu können. Endlich ist sein Blick klarer. Da erkennt er auch den Haufen Haare und Lumpen und fragt Daniel:

Sie haben alle erschossen? Wo ist denn der Rancher und wer ist das?“ Sein Blick zeigt zu Pat.

Das ist der eigentliche Held in diesem Gefecht, Oldman. Ich kam gerade noch zur rechten Zeit, als sich einer der Burschen um das Haus schlich. Kümmern wir uns um die Verwundeten?“

Oh …“, flüstert Cornelia und löst sich aus Old Silvers Armen. „Entschuldigung, Madam, ich vergaß ganz – mein Name ist Daniel Roy.“ „Der große Daniel Roy, der bekannte Marshall? Sicher hat man in Denver von meinem Kampf gehört und schickt Sie nun …“

Aber Daniel winkt ab. Er greift sich Pat und ermuntert damit auch Old Silver, mit zuzupacken.

Tragen wir erstmal unseren unbekannten Freund in den Store. Holst du den Doc, Oldman? Vielleicht sind nicht alle tot.“

Doch in der Tür zu seinem Laden versperrt ihnen Barney Mittshel den Weg. Abwehrend sind seine Arme erhoben, als er ärgerlich sagt: „Hier ist kein Platz Fremder. Dies ist ein Geschäft und kein Krankenhaus. Ich hatte schon genug Verdruss wegen der Corral Bluffs Ranch.“

Daniel Roy, Mister! Ich appelliere an ihren Christenglauben, nicht an ihr Geschäft. Zur Seite, Großvater!“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910520
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369203
Schlagworte
zwei reiter

Autor

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Titel: Zwei furchtlose Reiter