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Deines nächsten Witwe

2017 130 Seiten

Zusammenfassung

Maximilian Pohl alias Harry Schneider hat ein ungewöhnliches Hobby: Er sammelt Todesanzeigen. Diese analysiert er sorgfältig, bis er ein neues Opfer gefunden hat: eine weitere alleinstehende Frau, die er kennenlernen und dann um ihr Geld bringen kann. Auch Helga Berger soll es so ergehen. Minutiös plant Pohl jeden einzelnen Schritt, vom Kennenlernen bis hin zum finalen Coup – der Plünderung von Helgas Bankkonto. Weil sich Liska, Helgas Tochter gegen Pohl stellt, schmiedet er ein Mordkomplott gegen das kleine Mädchen. Dann taucht ein Mann auf, der von einer verflossenen Liebe Pohls in Peru Schulden eintreiben will. Pohl jedoch kommt es auf einen Mord mehr oder weniger nicht an …

Leseprobe

DEINES NÄCHSTEN WITWE


Kriminalroman






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2017

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext:

Maximilian Pohl alias Harry Schneider hat ein ungewöhnliches Hobby: Er sammelt Todesanzeigen. Diese analysiert er sorgfältig, bis er ein neues Opfer gefunden hat: eine weitere alleinstehende Frau, die er kennenlernen und dann um ihr Geld bringen kann. Auch Helga Berger soll es so ergehen. Minutiös plant Pohl jeden einzelnen Schritt, vom Kennenlernen bis hin zum finalen Coup – der Plünderung von Helgas Bankkonto. Weil sich Liska, Helgas Tochter gegen Pohl stellt, schmiedet er ein Mordkomplott gegen das kleine Mädchen. Dann taucht ein Mann auf, der von einer verflossenen Liebe Pohls in Peru Schulden eintreiben will. Pohl jedoch kommt es auf einen Mord mehr oder weniger nicht an …








PROLOG


Liska war die Kleinste und vielleicht auch die Blondeste in der quirligen Menge der Kinder, die sich auf dem großzügig angelegten Spielplatz der Wohnsiedlung Stefanswald tummelten. Die Sechsjährige, ebenso hartnäckig wie beherzt, wurde akzeptiert. Unter den regelmäßigen Benutzern der Anlage gehörte sie zu den jüngsten anerkannten Mitgliedern der Spielplatzclique Stefanswald. Sie hatte sogar Freunde unter den größeren Jungen, die den Spielplatz zum Ärger der auf den gelben Bänken des Verkehrsvereins herumsitzenden Erwachsenen in ein Fußballstadion umfunktionieren wollten.

Liska, laut Geburtsurkunde Elisabeth, genauer genommen Elisabeth Maria Berger, gehörte einfach hierher. Aber niemand nannte sie Elisabeth, ja, wahrscheinlich wusste überhaupt keiner, dass sie so hieß, denn auch ihre Mutter, die dann und wann und zu ganz bestimmten Zeiten vom Balkon nach ihr rief, nannte sie so, wie sie der Vater, der Bauingenieur Karl Berger, ehe er vor Jahresfrist tödlich mit dem Auto verunglückte, immer gerufen hatte: Liska.

Liska also kletterte die Sprossen der Stahlleiter hinauf bis zur abgewetzten, roten Kunststoffplattform, hob das Röckchen, setzte sich, stieß sich ab und schlidderte kreischend die Rutschbahn hinunter. Dort, abgebremst durch beide Hände, fing sie der Sand auf. Erneut schürzte sie den Rock, zog das verrutschte Unterzeug gerade, lief zurück und stellte sich erneut in die Reihe der Wartenden, die das Vergnügen des Hinabgleitens und der Beschleunigung auskosten wollten. Und plötzlich rollte ihr Jörgs schwarzweißer Profi‑Ball direkt vor die Füße. Ganz instinktiv holte sie mit dem rechten Bein aus, stieß die Spitze ihres roten Schuhs mit Kraft gegen das runde Leder und trat es so günstig, dass es hoch in die Luft stieg und zu ihrem eigenen Erschrecken jenseits der Ligusterhecke, die den Platz abschirmte, verschwand.

Jörg, der Schütze, schrie, aber andere überschrien seinen Protest, riefen »Tor!«, oder »Abseits!«, grölten und johlten, und Liska, die sich wieder gefasst hatte, übertönte diesen Krawall mit ihrer weitaus helleren Stimme: »Ich hol' ihn! Ich hol' ihn zurück!«

Schon zwängte sie sich durch eine Lücke der Ligusterhecke, lief über den Parkweg und auf die Wiese, wo sich der Ball am Fuße eines Strauches gefangen hatte. Und so war sie unversehens nur noch für Jörg und seine Kumpane interessant, während sich alle anderen schreiend und jauchzend wieder in das Gewühl des Spielplatzes stürzten.

Liska warf den Ball zurück über die Hecke. Jörg fing ihn auf, schoss ihn zu Uwe und rannte hinterher. Liska war vergessen.

Aber auch sie dachte schon nicht mehr an den kleinen Zwischenfall. Sie hatte den Käfer gesehen. Grün schillernd krabbelte er über den Parkweg. Liska bückte sich, hockte sich hin, wusste nicht recht, ob der Käfer vielleicht gar böse war oder giftig, und wich, weniger aus Angst als aus natürlicher Vorsicht, kaum merklich zurück, eine Sekunde nur, und da, plötzlich, bemerkte sie den Schuh, den großen, schweren, braunen Schuh, der unmittelbar vor ihr stillstand, sich hob, jäh und hart auf den Käfer trat und ihn nach einem leisen, knackenden Geräusch mit der Schuhsohle zerrieb und hineinpresste in die groben Poren des Asphaltweges.

Als der Schuh die Stelle freigab, an der der grüne, schillernde Käfer vor Sekunden noch zielstrebig seinen Weg verfolgt hatte, die Stelle, an der soeben noch Leben war, gab es da nur noch einen dunklen, feuchten Fleck und sonst nichts mehr.

Eine Männerstimme sagte:

»Jetzt ist er tot, der hässliche Kerl!«

Liska ließ ihre Augen an der grauen Hose des Mannes hinaufgleiten bis zu seinem weißen Rollkragenpullover, seinem Kinn, seiner Nase, seinen blauen, von einer Welle dichten schwarzen Haares beschatteten Augen, die Liska überraschenderweise freundlich anlächelten, als seien sie voller Genugtuung darüber, das Kind vor einer Gefahr bewahrt zu sehen.

Liska, eher ernst als traurig, wich dem Blick des Mannes nicht aus.

»Wie heißt du?«, fragte sie.

Der Mann, schlagfertig, antwortete:

»Onkel Max!«

Er kramte in seiner rechten Hosentasche, förderte einen wie Perlmutt schimmernden Stein zutage und hielt ihn dem Mädchen hin:

»Der ist schön, nicht? Du kannst ihn haben!«

Aber Liska schüttelte den Kopf.

»Ich nehme nichts von einem fremden Onkel!«, sagte sie ungerührt und mit großer Bestimmtheit.

»Da hast du ganz recht«, pflichtete ihr der Mann bei, »aber jetzt kennst du mich ja, ich bin Onkel Max!«

Doch Liska blieb bei ihrem Entschluss:

»Ich nehme nichts!«

»Auch nicht von Onkel Max?«, fragte der Mann amüsiert.

Liska schüttelte erneut den Kopf:

»Du heißt nicht Onkel Max!«

Sie begriff nicht und vermochte auch der jähen Blässe seines Gesichtes nicht die Bedeutung zu geben, dass ihn ihre schnell hingeworfene Behauptung irritiert hatte.

»Wie denn?«, fragte er ein wenig ratlos und warf den glatten, rosafarbenen Stein mit einer beiläufigen, unbewussten Handbewegung auf die Wiese.

Aber Liska sah den Mann nicht mehr an. Ihr Blick wanderte von dem achtlos weggeworfenen Stein zurück auf den Weg und blieb schließlich auf dem dunklen, feuchten Fleck haften, der vor ein paar Atemzügen noch ein grün schillernder Käfer gewesen war. Ohne Hast stand sie auf, lief dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, rasch über Weg und Wiese, zwängte sich durch die Lücke der Hecke in die Geborgenheit des Spielplatzes und rief laut und unvermittelt zurück:

»Onkel Mörder!«



Kapitel 1 - DER MANN


Maximilian Pohl war ärgerlich. Mit raschen Schritten bog er um die Ecke. Als er den Lärm des Spielplatzes nicht mehr hören konnte, hing der Ruf des kleinen Mädchens immer noch wie ein von unsichtbaren Wänden vielfach zurückgeworfenes Echo in seinem Ohr.

»Göre!«, dachte er, fingerte aus der Packung in der Gesäßtasche seiner Hose eine Zigarette heraus und steckte sie sich an.

Seine Hand zitterte, als er das Feuerzeug aufflammen ließ. Er machte einen tiefen Zug und blies den Rauch aus.

Unwillig schüttelte er den Kopf. Er, ein Mörder! Was für eine hirnverbrannte Idee! Wie das alberne, freche Ding nur auf einen solchen Gedanken kommen konnte! Dabei war er Kindern von jeher besonders zugetan! Und nie im Leben hatte er jemanden umgebracht – ausgenommen vielleicht ein Insekt oder eine streunende Katze – und, bei Gott, er würde auch in Zukunft nicht scharf darauf sein, sich einen Mord an den Hals zu hängen. Mord war nicht sein Metier. Er war auf ganz andere Dinge spezialisiert, einträglichere und weit weniger gefährliche.

Onkel Mörder!

Verächtlich spuckte er ein Stück Tabak, das ihm zwischen die Zähne gekommen war, auf die Straße. Nach zweihundert Metern erreichte er den Parkplatz, startete den blauen Volvo und gab Gas. Eine halbe Stunde später fuhr er auf den Hof der Firma Overbeck & Kalt, ließ die Bremsen kreischen und parkte den Wagen zwischen Tankstelle und Werkstatt. Dann ging er über den Platz, auf dem die verkaufsfertigen Gebrauchtwagen standen, zu den Umkleideräumen. Er Schloss seinen Stahlspind auf, zog die graue Hose und den Rollkragenpullover aus und stieg in seinen Overall. Über dem Waschbecken im Vorraum seifte sich Walter Peetz, der kleine, rothaarige Mechaniker mit der Hasenscharte, gerade die ölverschmierten Hände ab.

»Wieder zurück?«, fragte Peetz durch die offenstehende Tür.

Pohl brummte nur vor sich hin.

Peetz spülte den Rest des Reinigungsmittels mit einem kräftigen Wasserstrahl in den Abfluss:

»Läuft er wieder, der Volvo?«

Maximilian nickte:

»Zieht astrein durch!«

»Dann ist ja alles o.k.!«

»Genau!«

Peetz trocknete sich die Hände ab und kam durch die Tür:

»Gefällt’s dir bei uns?«

Maximilian schnürte sich die Schuhe zu.

»Kann sein!«, sagte er.

»Nicht zufrieden?«

»Bin ja erst drei Wochen hier!«

»Was hältst du vom Chef?«

»Ich kann nicht klagen!«

Peetz betrachtete den neuen Kumpel von oben bis unten:

»Als Junggeselle bist du ja 'n freier Mann! Ist doch praktisch, gleich hier in der Firma zu wohnen. Der Chef hat die Apartments erst voriges Jahr bauen lassen. Was musst du dafür bezahlen?«

»Hundert im Monat, alles inklusive!«, antwortete Maximilian.

»Verdammt preiswert, und nur 'n paar Schritte zur Bushaltestelle! Ich gäb' was drum, wenn ich noch mal so 'ne sturmfreie Bude hätte! Hast du vor, hierzubleiben?«

Pohl zog das lederne Band seiner Armbanduhr fester.

»Mal sehen!«, sagte er und schickte sich an, zu gehen.

»Die Piepen stimmen doch?«, fragte Peetz.

»Das schon«, erwiderte Pohl, »ich kratz' erst mal was zusammen, und dann geh' ich vielleicht ins Ausland, vielleicht sogar nach Südamerika, ich steh' nämlich auf Brasilianerinnen!«

Peetz musste lachen. Er begleitete Pohl auf dem Weg zur Waschstraße:

»Was hast'n gelernt? Verstehst doch allerhand von Motoren! Warum arbeitest du bei der Tankstelle und nicht in der Werkstatt?«

»Ich bin Schiffsmechaniker«, sagte Maximilian, »und einen Schiffsmechaniker kann man eben nicht als Kfz‑Mechaniker einstellen. Als Arbeitsloser muss man heute nehmen, was man kriegt!«

Der Rothaarige sah ihn von der Seite an:

»Ist ja 'n Segen, wenn man in solchen Fällen keine Familie hat. Aber wenn du was schaffst, kannst du beim Chef auch was rausholen!«

»Ich kann's abwarten!«, sagte Maximilian.

Er wollte gerade »Tschüss!«, hinzufügen und zur Tankstelle abbiegen, als plötzlich jemand hinter ihm herrief: »Pohl! Hallo, Pohl! Warte mal!«

Maximilian und Peetz drehten sich gleichzeitig um. Es war Lampert, der da hinter ihnen hergelaufen kam. In der rechten Hand schwenkte er einen dunklen Gegenstand, der sich beim Näherkommen als lederne Brieftasche erwies.

»Lag vor deinem Spind«, keuchte der atemlose Lampert, »ich hab' nachgeguckt, wem sie gehört! Stand auf dem Führerschein!«

»Schönen Dank«, sagte Pohl und nahm die Brieftasche an sich, »es kommt schon nichts weg bei uns! Sind zwar keine Reichtümer drin, aber meine Papiere! Am besten, ich trag' sie gleich zurück und schließ' sie ein. Im Arbeitsanzug kann ich sie nicht verstaun. Gehst du nach vorn?«

Lampert nickte.

»Ich komm 'n paar Minuten später«, sagte Pohl, »bis dann!«

»Könntest mir ja einen ausgeben!«, rief Lampert ihm nach.

»Mach ich glatt! Morgen in der Kantine!«

»Bist du morgen Mittag denn da?«

»Bin ich!«, rief Maximilian Pohl zurück und verschwand hinter zwei Kleinbussen.

Lampert blickte Peetz an und sagte:

»Komischer Kauz, was?«

»Find' ich nicht«, antwortete Peetz, »er ist clever und arbeitet gut!«

»Das schon«, meinte Lampert, »aber jeden zweiten Tag fährt er während der Mittagspause mit einem anderen Wagen los!«

»Er hat eben Spaß dran«, sagte Peetz, »und er hat Bekannte in der Nähe, ich glaub' in Stefanswald. Ich bin ganz froh, dass die Wagen, die aus der Werkstatt kommen, bei dieser Gelegenheit gleich Probe gefahren und mal richtig durchgetreten werden. Einer muss es ja machen. Wir haben schließlich genug von den Kisten, und das Benzin zahlt ohnehin die Kundschaft!«

Lampert blieb bei seiner Meinung:

»Er ist trotzdem ein komischer Kauz!«

»Wieso?«, wollte Peetz wissen.

Lampert holte tief Luft:

»Er sammelt Todesanzeigen!«

Peetz wusste nicht, ober richtig gehört hatte:

»Er sammelt was?«

»Todesanzeigen«, wiederholte Lampert, »ich musste ja nachsehen, wem die Brieftasche gehört, und bevor ich noch an den Führerschein rankam, hatte ich so an die zwei Dutzend Todesanzeigen in der Hand, fein säuberlich ausgeschnitten!«

»Vielleicht Verwandte oder Bekannte!«, wandte Peetz ein.

»So viele tote Verwandte und Bekannte kann ein Mensch gar nicht haben! Ich kann's mir jedenfalls nicht vorstellen! Die Anzeigen waren alle nicht viel älter als ein Jahr und aus den verschiedensten Gegenden der Bundesrepublik, aus München und Frankfurt und Bremen …«

»Hast dich ja gut informiert!«

»Na und?«

»Geht's dich was an?«

»Das nicht«, sagte Lampert, »aber ich find's trotzdem komisch!«

»Wenn's so ist, wie du sagst, find' ich's auch komisch, aber es kratzt mich nicht. Es ist nicht mein Bier, verstehst du?«

»Schon gut«, sagte Lampert, »mein Bier ist's auch nicht. Tschüss!«

»Tschüss, bis morgen!«

Während Peetz auf das Ausgangstor zusteuerte, schlenderte Lampert zur Tankstelle hinüber.


*


Maximilian Pohl begann seinen Nachmittagsdienst mit einer Viertelstunde Verspätung. Aber er wollte sich keine Nachlässigkeit vorwerfen lassen und arbeitete daher unverdrossen fünfzehn Minuten länger als gewöhnlich, zumal er sicher war, dass ihn Kalt, der Chef, vom Fenster des Büros aus beobachtete. Gegen halb sechs stieg er dann im angrenzenden Wohntrakt die Treppe zu seinem, im ersten Stock liegenden Apartment hinauf, das aus einem modernen Wohnschlafraum mit Kochnische, Bad und Toilette bestand. Maximilian setzte den Plattenspieler in Bewegung, duschte, rasierte sich und zog ein frisches Hemd an.

Der Tag war zu seiner vollsten Zufriedenheit verlaufen, die Gemeinschaftsantenne für den Fernsehempfang noch immer nicht repariert, positiver und negativer Grund, in die Stadt zu fahren und ins Kino zu gehen. Er hatte vor, den Sieben‑Uhr‑vierzig‑Bus zu nehmen und brauchte sich nicht zu beeilen. Er schaltete den Heißwasserspeicher ein, stellte das nach flüchtigem Spülen inzwischen abgetropfte Frühstücksgeschirr – das einzige, das er überhaupt besaß – auf eine rote Wachstuchunterlage, legte sich Besteck, fertig geschnittenes Leinsamenbrot und zwei Aufgussbeutel mit Tee zurecht und räumte Margarine, Wurst und Käse aus dem Kühlschrank. Um sich nicht die Mühe machen zu müssen, eine neue Schallplatte aufzulegen, drückte er auf den Ausstellknopf des Steuergerätes. Der Summton des Heißwasserspeichers machte sich bemerkbar, und Maximilian ließ kochendes Wasser über beide Teebeutel in seine Tasse laufen, gab einen Löffel Zucker dazu, griff nach der Rumflasche, die neben dem Zeitungshalter stand, und bediente sich reichlich. Dann schlug er die Tageszeitung auf, überflog die einzelnen Seiten jedoch nur diagonal und begann erst dann interessierter zu lesen, als er bei den Familiennachrichten angelangt war.

Gewissenhaft studierte er die Todesanzeigen und kam zu dem befriedigenden Ergebnis, dass sich unter ihnen nichts Besseres befand, als er ohnehin schon aufgespürt hatte. Er war fündig geworden, und das bewog ihn, die Sammlung von Todesanzeigen, die er in seiner Brieftasche aufbewahrte, zum letzten Mal wie ein Puzzlespiel vor sich auf den Couchtisch zu legen.

Obwohl er die Anzeigen fast auswendig kannte – sie entstammten süddeutschen wie norddeutschen regionalen und überregionalen Blättern –, ging er sie alle noch einmal durch, wiegte gelegentlich skeptisch den Kopf hin und her oder nickte beifällig wie ein Lehrer, der einen seinen Ambitionen entsprechenden Schulaufsatz zu korrigieren hatte.

Schließlich, nachdem er diesen Mittwoch, den 7. Juni, in seiner Vorstellung noch einmal hatte Revue passieren lassen, zerriss er die Todesanzeigen bis auf eine einzige, über die er sich, Tee schlürfend, offensichtlich besonders freute. Hatte er nicht im wahrsten Sinne des Wortes wieder einmal ins Schwarze getroffen? Oft genug hatte er den Text neben dem schlichten schwarzen Kreuz schon gelesen oder auswendig vor sich hingesagt:

Wir müssen für immer Abschied nehmen von unserem geliebten Mann, Vater und Schwager KARL FRIEDRICH BERGER. Ein plötzlicher Unglücksfall riss ihn, für uns unfassbar, kurz vor Vollendung seines 33. Lebensjahres aus unserer Mitte.

Helga Berger, geb. Schilling, und Tochter Elisabeth Schwester Domenica Schilling.

Die Anzeige war im März des Vorjahres eingerückt worden und enthielt noch Hinweise auf ein Seelenamt und den Zeitpunkt der Beerdigung. Natürlich fehlte auch die Ortsangabe nicht. Was Maximilian aber mit dem ihm dafür eigenen Instinkt hellsichtig erkannt hatte, war die Tatsache, dass es außer Helga Berger und – was zwar missliebig, aber nicht zu ändern war, denn es passte ja nie alles zusammen – einem Kind namens Elisabeth offenbar nur noch eine leibliche Schwester und keine weiteren Verwandten gab. Und diese Schwester, vermutlich als Ordensschwester in der Mission tätig, lebte, wie eine Ortsangabe unter ihrem Namen erkennen ließ, in Ayacucho. Ayacucho wiederum – das wusste Maximilian zufällig sehr gut – lag in Peru, und Peru war weit vom Schuss. Schließlich hatte er dort als Dreißigjähriger vor sieben Jahren seine zweite Karriere gestartet und bald darauf den Seesack endgültig an den Nagel gehängt. Dafür und für den Pass seines im Hafen von Guayaquil in Ecuador stockbetrunken über Bord gegangenen Landmannes Josef Kalinke war er dem Schicksal immer dankbar gewesen. Und nicht nur dafür. Genüsslich drehte er das Rad seiner Erinnerungen zurück.

Damals fuhr er noch unter seinem richtigen Namen Harry Schneider als zweiter Ingenieur auf der »Marie Christensen«, einem rostigen Hamburger Frachter, nach Mexiko, Ecuador, Peru und Chile. Im Hafen von Catlao gab es Schwierigkeiten mit der Aufnahme neuer Fracht, und die deutsche Kolonie lud abkömmliche Offiziere und Mannschaften – zu neunzig Prozent Deutsche – während der Liegezeit zu einem Besuch von Lima und zu allerlei geselligen Veranstaltungen ein. Und da war diese Puppe, Tochter eines Franzosen und einer Spanierin, Juana Murzeau, die auf ihn flog wie ein Nachtfalter in den Lichtkegel eines Scheinwerfers, ein verdammt hübsches Kind, wenn auch eine Spur zu anhänglich. Und weil er in Geldverlegenheit war, pumpte er sie an, und sie zeigte sich – unter der Voraussetzung einer engeren Bindung des Harry Schneider an ihre Person – keineswegs abgeneigt, ihm finanziell unter die Arme zu greifen. Ihr Vater machte Geschäfte mit Kupfer und Vanadium, verwaltete Silber‑ und Quecksilberminen und besaß ein herrschaftliches Anwesen im Kolonialstil, droben in Ayacucho, der Hauptstadt des gleichnamigen Departamentos, zweieinhalbtausend Meter hoch in den Anden. Fünfundzwanzigtausend Seelen wohnten dort, unter Indianern und Mestizen zehn Prozent Weiße.

Aber das alles wusste er noch nicht einmal zu dem Zeitpunkt, als Señor oder Monsieur Murzeau durchblicken ließ, dass er den Absolventen einer deutschen Ingenieurakademie und einer Seefahrtschule in seinen vielfältigen Betrieben recht gut als Techniker gebrauchen konnte. Das Angebot war nur in einer Beziehung klar: Wirst du mein Schwiegersohn, kriegst du außer meiner hübschen Tochter, die dich ja offenbar anhimmelt, auch noch einen guten Posten, gratis und franko, aber freilich droben in den Kordilleren, 700 km von Lima entfernt, am Ende der Welt!

Muchas gracias, pero no puedo aceptarlo – danke sehr, aber das kann ich nicht annehmen! Das hätte er, Harry Schneider, damals vielleicht sagen sollen. Stattdessen ließ er sich von Juana die Altstadt von Lima und, in einer Seitenkapelle der Kathedrale, den gläsernen Sarg mit der Mumie des Francisco Pizarro zeigen, ohne den er die achtzehnjährige Schönheit an seiner Seite schließlich nicht erneut um zweitausend Moneten hätte anpumpen können, wobei er freilich an Soles und nicht an Centavos dachte und ihr in höchst eindringlicher Weise etwas von seiner kranken Mutter in Deutschland vorjammerte.

Zweitausend Soles, das waren nicht einmal zweihundert Mark! Der Betrag war kaum eine Rückzahlungsverpflichtung wert, geschweige denn ein Eheversprechen! Doch er wollte nicht nur schmarotzen, sondern die hübsche Kleine – wenigstens einmal – auch besitzen, und die Zeit drängte. Und so gab er ihr im schummrigen Dunkel der Kathedrale, während ihr Vater auf der Plaza de Armas in einem gemieteten Auto wartete, den Verlobungskuss und versprach ihr, seine Zelte in Deutschland abzubrechen und schnurstracks zurückzukehren in ihre Arme und in den goldenen Käfig der Ehe, hoch droben in Ayacucho. Und natürlich versprach er auch, das Geld zurückzuzahlen, was sie ebenso glatt ablehnte wie die Einladung in seine Kajüte.

Jammerschade war’s, dass er sie nicht herumgekriegt hatte, diese dunkle Schöne mit den spanischen Glutaugen und dem französischen Charme! Als sie ihm dann erzählte, dass sie in einem Privatflugzeug, das ihr Vater bei geschäftlichen Besprechungen in der Hauptstadt zu benutzen pflegte, nach Ayacucho zurückfliegen würde, da dämmerte es ihm auch, dass er an eine Geldquelle geraten war, die er ebenso falsch eingeschätzt hatte wie seine Wirkung auf Frauen; denn, während Señor Murzeau mit zwei deutschen Geschäftspartnern im Gran Hotel Bolivar in der Plaza San Martin tafelte, begleitete ihn Juana zum Schiffsanleger nach Callao, und er war mehr als überrascht (und vermochte diese Überraschung kaum zu verbergen), als sie ihm unter Abschiedstränen und salzig schmeckenden Küssen die erbettelten zweitausend in die Hand drückte, die sich zu seinem maßlosen Erstaunen nicht als zweitausend Soles, sondern – fraglos im Hinblick auf sein Flugticket von Hamburg‑Fuhlsbüttel nach Lima Jorge Chavez – als zweitausend Dollar entpuppten.

Damit war das Bild seiner verwitweten Mutter, das er Juana ab Pfand zurückgelassen und angesichts dessen er ihr Treue geschworen hatte, mehr als bezahlt.

Juana, deren Vater von ihrer Zweitausend‑Dollar‑Spende keine Ahnung hatte, blieben als Sicherheit nur der Name des Schiffes und die falschen Adressen der Reederei und seines deutschen Wohnsitzes, die er ihr – qua fastidio! – hinterlassen hatte, ohne je ernsthaft vorgehabt zu haben, jemals wieder in Callao festzumachen oder gar glühende Liebesbriefe in Schulfranzösisch oder schlechtem Spanisch über das große Wasser zu schicken.

»Du bist ein Schwein!«, hatte er damals zu sich gesagt, aber er hatte dabei gelächelt wie einer, der nichts dagegen einzuwenden hatte, für zweitausend Dollars gelegentlich ein Schwein zu sein. Dreitausend hätte er verlangen können oder auch viertausend! Aber das Geschäft war nun einmal so und nicht anders abgeschlossen worden, und die »Marie Christensen« hatte längst wieder Kurs auf Panama genommen.

Merkwürdigerweise aber hatte er Juana nie ganz vergessen können. Einerseits hatte ihn ihre Schönheit beeindruckt und andererseits war sie es schließlich gewesen, die ihm bewusst gemacht hatte, was er bei Frauen zu erreichen imstande war.

Josef Kalinke war seinerzeit im Hafen von Guayaquil nicht wieder an die Wasseroberfläche gekommen, und da war es für ihn, Harry Schneider, ein leichtes gewesen, zu behaupten, Kalinke hätte seine Papiere stets mit sich herumgetragen. Dabei hatte er sie in einem Anflug von praktischer Überlegung, wie er es nannte, einfach aus Kalinkes Koje genommen und in die eigene Brusttasche gesteckt.

Zurückgekehrt von großer Fahrt, heuerte er in Hamburg ab und hieß für die nächsten drei Jahre Kalinke, wobei es ihm zugute kam, dass Kalinke keinerlei Verwandte besaß. Leider war das Passbild des Ostpreußen von ihm nur stümperhaft gegen sein eigenes ausgetauscht worden, so dass er, als ihm der Boden im Saarland, in Holland und in Luxemburg zu heiß geworden war, in St. Pauli Papiere auf den Namen Maximilian Pohl hatte kaufen müssen. Das hatte ihn zwar eine ganze Stange Geld gekostet, aber nachdem er inzwischen vier gutbetuchte Witwen um den größten Teil ihrer Ersparnisse oder ihres Barvermögens gebracht hatte, war es ihm nicht schwergefallen, zu zahlen.

Manchmal, wenn ihn jemand nach seiner Tätigkeit fragte, war er versucht zu sagen, er sei von Beruf Heiratsschwindler, aber er war dieser Versuchung natürlich nie erlegen. Es gefiel ihm weitaus besser, leichtgläubigen Frauen Geld aus der Tasche zu ziehen, als in überhitzten, nach Öl stinkenden Maschinenräumen über den Atlantik zu schaukeln. Und schließlich brachte ihm sein neuer Beruf auf bequeme Art ein, was er sich sonst hätte hart verdienen müssen. Der Pass mit dem Bild des Harry Schneider, auf den Namen Maximilian Pohl lautend, war fünf Jahre gültig. Kam Zeit, kam Rat.

Daneben besaß er freilich noch seinen regulären Pass, in dem das schon etwas ältere Bild des Harry Schneider auch mit dem Namen des Harry Schneider übereinstimmte. Dieser Harry Schneider lebte offiziell bei seiner Mutter in Bremerhaven, während Maximilian Pohl seinem Pass zuliebe – er hatte sich das nicht aussuchen können – in München gemeldet war, wo er in einem Schwabinger Hochhaus ein Eigentums‑Apartment bewohnte oder, besser gesagt, nicht bewohnte. Er sah dort gelegentlich nur nach dem Rechten, und glücklicherweise fragte in einem solchen Betonklotz niemand nach dem Woher und Wohin.

Und so war er auch als Maximilian Pohl aus München ins Ruhrgebiet gekommen, hatte es aber leicht vermeiden können, sich bei der Firma Overbeck & Kalt mit zweitem Wohnsitz anzumelden. Es gefiel ihm ganz gut, doppelt existent zu sein – er besaß sogar zwei Versicherungshefte – zumal es für sein Geschäft, bei dem er die Illusionen von Liebe und Geborgenheit gegen Bargeld verkaufte, nicht nur praktisch, sondern geradezu unerlässlich war, sich jederzeit mühelos eine andere Identität geben zu können.

Wann immer er wollte, konnte er den Besitz in München verkaufen und wieder in seine eigene Haut, also in die Haut des Harry Schneider, kriechen, notfalls sogar wieder als Schiffsingenieur anheuern und für einige Zeit verschwinden. Harry Schneider alias Josef Kalinke alias Maximilian Pohl besaß inzwischen, auf verschiedene Bankkonten verteilt, rund hunderttausend Mark, und er hatte vor, diese Summe noch erheblich zu vergrößern, ehe er sich – vielleicht, wenn seine Mutter einmal nicht mehr lebte – endgültig ins Ausland und möglicherweise wirklich nach Brasilien abzusetzen gedachte. Vorläufig war jedoch keine Eile geboten. Routiniert hatte er einen Köder ausgeworfen, und er war sicher, dass sein Fisch bereits angebissen hatte.

Nachdem er lange genug in Erinnerungen geschwelgt hatte, dachte er mit Vergnügen an seine – wie er sie vor sich selbst bezeichnete – Geschäftsprinzipien, ohne die er nicht so durchschlagende Erfolge hätte verbuchen können. Und es konnte gar nichts schaden, wenn er sie sich immer wieder von neuem in sein Gedächtnis zurückrief.

Vor allem galt es, engere persönliche Bindungen zu vermeiden und damit mögliche potentielle Mitwisser auszuschalten. In seinem Beruf konnte und durfte man nur auf sich selbst vertrauen. Unauffälligkeit und Geduld waren oberste Gebote, Unauffälligkeit auch im Hinblick auf die Perioden, in denen er einer geregelten Arbeit nachging, beziehungsweise nachgehen musste. Solange er sich seiner Umwelt gegenüber korrekt verhielt – und dies betraf von Zeit zu Zeit eben auch Arbeitskollegen und Vorgesetzte – und solange er nicht den Anschein erweckte, genügend Geld zu besitzen, konnte ihm nicht viel passieren. Und noch eines verbat sich von selbst: Fotografieren oder fotografiert werden, in welchem Zusammenhang auch immer, denn Fotos waren stets handfeste Beweisstücke.

Wenn er dann noch die wichtigste aller Grundregeln beachtete, nämlich die, sich nie und niemals in eines seiner Opfer zu verlieben, weil jede Gefühlsreaktion den Verstand beeinträchtigte und einen wenn auch noch so gut eingefädelten Plan von vornherein zum Scheitern verurteilte, musste eigentlich alles gutgehen.

Was also die Frauen anging, auf die er es abgesehen hatte, sollten sie möglichst nicht allzu hübsch oder attraktiv sein, wiederum aber auch nicht so hässlich, dass es ihn Überwindung kosten würde, mit ihnen ins Bett zu gehen. In diesem Punkte konnte er sich nun einmal leider nicht so verstellen, dass man es ihm nicht unverzüglich angemerkt hätte.

Zweifellos waren Frauen mit Geld die geeignetsten Jagdobjekte für ihn, Frauen, die über das Geld, das sie hatten, auch verfügen konnten. Und da ihm die schwarz umrandeten Anzeigen in den Zeitungen von vornherein unschätzbare Hilfsdienste erwiesen hatten – auch in Bezug auf Altersangaben und familiäre Details –, war er aus praktischen Gründen bei den Witwen geblieben, und dies nicht zu seinem Nachteil.

Gut war es, wenn diese Frauen nicht zu jung waren, keinen Beruf hatten oder ihren Beruf nicht (oder noch nicht wieder) ausübten, keine Kinder und möglichst auch keine weiteren Familienangehörigen besaßen. Außerdem mussten sie sich in jener Phase seelischer und körperlicher Einsamkeit befinden, die dem Schock, den Lebenspartner verloren zu haben, erst nach einiger Zeit folgte, nach einem guten Jahr etwa. Es zeigte sich, dass zu diesem Zeitpunkt die persönlichen Probleme meist abgeklärt waren und der Lebens‑ und Leistungswillen wieder anfing, die Oberhand zu gewinnen. Das war nun zwar von Witwe zu Witwe unterschiedlich, und mehr als einmal hatte er sich – noch als Josef Kalinke – gezwungen gesehen, den Rückzug anzutreten, aber im Großen und Ganzen waren ihm seine Erfahrungen von Mal zu Mal nützlicher geworden.

Er lernte das hohe Maß von Behutsamkeit schätzen, das erforderlich war, um eine Frau tiefgehend zu beeinflussen, und wiewohl seine Opfer, nach einer Zeit unfreiwilligen Darbens, mit ihm, dem gutgewachsenen, gutaussehenden, blauäugigen, schwarzhaarigen Mann zweifellos auch erotische Wunschvorstellungen verbanden, so hatte er doch im eigenen Interesse bald gelernt, sexuelle Kontakte hintanzustellen und sie niemals – was überwiegend sogar den Tatsachen entsprach – als primäre Absicht erkennen zu lassen. Wenn es sich jedoch so ergab, waren ihm derartige Kontakte als I‑Punkte seiner Unternehmungen durchaus willkommen.

Im Augenblick schienen alle Voraussetzungen dafür zu sprechen, dass er sein neuestes Geschäft erfolgreich würde abwickeln können. Maximilian stellte das Geschirr unter den Wasserhahn ins Spülbecken, drückte aus einer Plastikflasche einen Spritzer wasserentziehenden Fettlöser in die leere Teetasse und drehte den Wasserhahn dann so lange auf, bis das Geschirr unter einem Berg von Schaum versunken war. Er zog seine Jacke an und verließ die Wohnung.

Da er noch ein paar Minuten Zeit hatte, betrat er unweit der Omnibushaltestelle eine Telefonzelle und wählte eine Bremerhavener Nummer. Auf der anderen Seite meldete sich eine Frauenstimme:

»Schneider!«

Er bekam jedes Mal Herzklopfen, wenn er mit seiner Mutter sprach. Er liebte sie und versuchte, das schlechte Gewissen, das er ihr gegenüber hatte, damit zu beruhigen, dass er sie reichlich mit Geld versorgte. Dass sie im Grunde nichts anderes war als eine von ihm privilegierte Einzelne in der großen Gruppe derer, die er seit Jahren systematisch betrog, nämlich eine Frau, kam ihm nicht in den Sinn, zumindest nicht bewusst.

»Hier ist Harry!«, sagte er und wartete ab.

»Harry, mein Junge, wo steckst du?«

»Ich bin in Rotterdam, Mam«, log er, »ich wollte dir nur mal schnell guten Tag sagen!«

»In Rotterdam? Es klingt, als wärst du in Bremen oder Cuxhaven!«

Er hielt sein Taschentuch vor die Sprechmuschel.

»Schön wär's!«

»Wie geht's dir, mein Junge?«

Sie sprach vor Freude und Begeisterung ganz hoch und hell.

»Mir geht's gut, Mam, und dir?«

»Ach, du weißt ja, mit Siebzig kann man nicht mehr viel verlangen!«

»Aber du bist doch okay?«

»Na ja, das Gehen fällt mir schwer und ich komm' nicht oft aus dem Haus, ich hatte ja diese Thrombose im linken Bein, aber Frau Wilkens hilft mir sehr!«

Frau Wilkens war die Nachbarin.

»Lebt der Kater noch?«

»Sicher!«

Er hörte sie rascheln und mit der Zunge schnalzen: »Katerle, komm her, miez, miez, miez … Katerle … Harry ist am Apparat!«

Maximilian lächelte nachsichtig vor sich hin.

»Er scheint mich nicht mehr zu kennen!«

»Doch, doch, erkennt dich bestimmt noch! Wann kommst du?«

»Tut mir leid, Mam, wir legen morgen in aller Frühe wieder ab! Ich schaff's nicht mehr hin und zurück!«

»Wie schade«, sagte sie, und die Enttäuschung war ihr deutlich anzumerken, »aber du kommst doch zu Weihnachten?«

2»Ganz bestimmt«, antwortete er, »das ist so gut wie sicher!«

»Jetzt, wo ich nicht mehr nach Rotterdam fahren kann, musst du viel öfter kommen« – sie wusste, dass das ein frommer Wunsch war, der kaum Aussicht auf Erfüllung hatte –, »nach Bremen oder Hamburg würd' ich's ja vielleicht noch schaffen …«

»Lass es gut sein, Mam, du weißt ja, wie das ist. Jetzt geht's erst mal nach Abidjan!«

»Wo liegt das denn?«

»In Afrika, an der Elfenbeinküste. Hast du das Geld gekriegt?«

»Ja, danke, mein Junge, du verwöhnst mich! Es kam aus Hamburg.«

»Von meiner Bank. Ich hab' ihr geschrieben.«

»So viel brauch' ich gar nicht, ich hab' ja die Rente …«

»Macht nichts«, sagte er, »mir ist's wohler, wenn ich weiß, dass es dir gutgeht! Sei nicht so sparsam, und leiste dir mal was! Hauptsache, du bleibst gesund! Ich melde mich schon wieder!«

»Weiß ich, mein Junge«, sagte sie und fügte nach einer Pause hinzu, »ich bin immer richtig froh, dass du nicht geheiratet hast, deine Frau wäre die meiste Zeit allein!«

Er sah den Bus kommen und drängte:

»Ja, ja, Mam, du hast schon recht, aber ich muss jetzt aufhören, ich hab' keine Münzen mehr … alles Liebe! Hörst du mich noch?«

Sie sagte nichts mehr, und er glaubte, sie schluchzen zu hören.

»Mam, hallo, Mam! Bist du noch da?«, rief er in den Apparat.

»Ja, ja, mein Junge«, antwortete sie kaum hörbar, »ich bin schon noch da …«

»Ich vergess' dich nicht«, sagte er, »und ich melde mich! Und ich komm' ganz bestimmt zu Weihnachten, ganz bestimmt, verlass dich drauf!«

Dann hängte er ein, lief zur Haltestelle hinüber und stieg als letzter in den gerade abfahrenden Bus.


Kapitel 2 - DIE FRAU


Die Tür zum Kinderzimmer stand einen Spalt offen. Helga Berger überzeugte sich davon, dass Liska schlief, drückte die Tür vorsichtig ins Schloss, schob das Fernsehgerät vor die Couch und schaltete die Abendnachrichten ein. Doch die Worte des Sprechers berührten sie nicht. Sie war nicht bei der Sache. Ihre Gedanken kreisten um die Vorfälle, die ihr Leben seit drei Monaten auf eine bestürzend unaufhaltsame Art veränderten.

Nach dem Tode ihres Mannes hatte sie zunächst nichts empfunden als Leere und Sinnlosigkeit. Karl war an diesem Unfall nicht schuld gewesen, und sie konnte nicht einmal den Lkw‑Fahrer verdammen, der, völlig übermüdet, die Vorfahrt missachtet hatte, ja, sie bemitleidete ihn sogar. Was nützte es ihr schon, dass er verurteilt worden war! Gewiss, seine Versicherung musste ihr eine relativ gute Unfallrente zahlen – auf den Ersatz des zu Schrott gefahrenen Wagens hatte sie verzichtet –, aber das Gefühl des Versorgtseins war schwächer ab das, einen unersetzbaren Verlust erlitten zu haben.

ln den ersten Wochen nach der Beerdigung lebte sie wie in Trance. Ab ihr jedoch bewusst wurde, wie sehr sie sich selbst bemitleidete und wie oft sie darüber grübelte, dass das Schicksal eine dreißigjährige Witwe aus ihr gemacht hatte, begann sie dieser Selbstzerstörung entgegenzuwirken, indem sie sich auf ihre Tochter Liska konzentrierte. Lange Zeit war sie davon überzeugt, dass ihr Leben keinen anderen Sinn mehr haben würde ab den, für ihr Kind da zu sein.

Liska erschien ihr als einzige und gleichzeitig auch schönste Lebensaufgabe, der sie sich in Zukunft mit Liebe und Verantwortungsbewusstsein widmen würde. Nach Ablauf eines Jahres spielte sie, obwohl sie es finanziell nicht nötig hatte, jedoch immer öfter mit dem Gedanken, ihren Beruf, sobald Liska die Schule besuchen würde, wieder auszuüben und – vielleicht halbtags – als technische Zeichnerin zu arbeiten. Dann aber war jäh und unvermittelt dieser Mann in ihr Leben getreten, und sie, die geglaubt hatte, dass sie sich nie wieder etwas aus einem Mann machen würde, spürte eine nicht bekämpfbare Unruhe in sich, die sie zugleich beglückte und ängstigte. Wie oft schon war sie in Gedanken an den Ausgangspunkt dieser neuen Situation zurückgekehrt!

Sie hatte im Supermarkt eingekauft und sich dabei offensichtlich übernommen, hauptsächlich der knapp gewordenen Kartoffeln wegen, von denen sie fünfundzwanzig Kilogramm in einem netzartigen Sack mit sich herumschleppte. Als sie mühsam die Kasse passiert und den Kartoffelsack mit einem regelrechten »Ach‑du‑liebe‑Zeit!«‑Seufzer abgesetzt hatte, da stand er plötzlich vor ihr, dieser Bär von einem Mann mit blauen Augen und dunklem Haar, jedoch keineswegs plump, sondern ausgesprochen drahtig und – wie sich später herausstellte – viel gewandter, als sie im ersten Augenblick vermutete.

»Entschuldigen Sie«, sagte er, »aber das können Sie doch unmöglich schleppen!«

Und dabei entblößte er eine Reihe strahlend weißer Zähne und schaute sie an wie ein moderner Robin Hood, der aus der Krone eines Baumes gesprungen war, um ihr in ihrer Bedrängnis zu Hilfe zu kommen.

»Vielen Dank«, antwortete sie. »Es wird schon gehen!«

Doch da ahnte sie bereits, dass es ganz und gar nicht gehen würde, und als sie den Kartoffelsack ein wenig anhob, platzte das Netz so weit auf, dass ein paar Kartoffeln herausquollen und zu Boden rollten.

»Na, sehen Sie«, lachte der Mann unbekümmert, »es funktioniert keineswegs! Warten Sie, ich helfe Ihnen!«

Und dann bückte er sich, sammelte die herausgefallenen Kartoffeln auf, verknotete geradezu fachmännisch den Sack und nahm ihn ohne die geringste Anstrengung unter den Arm.

»Wohin damit?«, fragte er. »ln irgendeinen Kofferraum?«

»Nein, nein«, erwiderte sie, »vielen Dank, ich wohne gleich dort drüben in der Siedlung! Es sind vielleicht dreihundert Meter, aber wollen Sie wirklich …«

Und genau das wollte er. Er marschierte los, drehte sich burschikos um und feixte: »Lotsen Sie mich?«

Und so beeilte sie sich, ihn einzuholen, trippelte mit kleinen Schritten zuerst neben und dann vor ihm her, entschuldigte sich für den Wind, dass er ihr das Haar so zerzaust hatte, und war im Grunde ganz froh, dass ihr auf diese Weise geholfen wurde. Bis zur Siedlung hüllten sich beide in Schweigen, und dann war sie es, die notgedrungen die Sprache wiederfinden musste.

»So, hier ist es«, sagte sie, »schönen Dank!«

»Hier?«, fragte er ungläubig. »Sie wohnen doch nicht etwa vor der Haustür?«

»Natürlich nicht«, antwortete sie und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, »aber ich wohne ganz oben im dritten Stock, und ich kann Ihnen wirklich nicht zumuten …«

Doch noch während sie sprach, schulterte er den Sack mit erstaunlicher Lässigkeit, betrat unaufgefordert das Treppenhaus und nahm die Stufen mit so großen Schritten, dass sie ihm kaum zu folgen vermochte. Oben dann, vor der Etagentür, bedankte sie sich zum zweiten Mal und wartete, außer Atem geraten, bis er die Treppe wieder hinabzusteigen begann. Er legte zwei Finger seiner rechten Hand an die Schläfe und schleuderte sie mit der ganzen Kraft seines Unterarmes in die Luft wie einer, der einem alten Bekannten über eine große Distanz hinweg einen Gruß zuwirft. Und während sie ihren Wohnungsschlüssel aus der Tasche nestelte, hörte sie ihren ritterlichen Helfer unbekümmert pfeifend das Haus verlassen.

Sekundenlang stand sie wie betäubt und starrte auf das kupferne Türschild mit dem eingravierten Namen ihres verstorbenen Mannes, vielleicht, weil ihr Hilfe und Zuwendung lange nicht mehr zuteil geworden waren.

»Es ist gut«, dachte sie, als sie die Wohnung betrat, »dass dieses Schild noch an der Tür hängt. Man ist als Frau nicht so schutzlos, wenn man ein solches Schild vorweisen kann, ein Schild mit einem männlichen Namen …«

Unerklärlich erweise war ihr der Fremde immer wieder begegnet, so oft, dass er bald kein Fremder mehr für sie war. Meistens sah sie ihn im Supermarkt, und sie erklärte sich die Tatsache, dass sie ihn bemerkte, damit, dass sie ihn jetzt kannte und dass sie auf ihn achtete, während er früher eben nur eine Gestalt unter vielen, ein Umriss, ein Mann ohne Gesicht für sie gewesen war.

Manchmal lief er nur mit einer Tüte Apfelsinen in der Hand an ihr vorbei und erkannte sie gar nicht, und natürlich wäre es für sie nicht schicklich gewesen, sich bemerkbar zu machen. Dann wieder, wenn er sie zufällig erblickt hatte, lachte er sie an und grüßte sie sie seinem Zweifingergruß, machte aber nie Anstalten, ein paar Worte mit ihr zu wechseln.

Zum Kuckuck, sie konnte doch nicht jedes Mal, wenn sie ihn entdeckt hatte, einen Sack Kartoffeln kaufen! Und so ärgerte sie sich sowohl über ihn als auch über sich selbst, ohne dass ihre Unruhe dadurch geringer wurde. Es erschien ihr schwierig herauszufinden, welche Zeiten er für seine Einkäufe bevorzugte. Ihre erste Begegnung hatte an einem Samstag stattgefunden. Möglicherweise hatte er gerade frei gehabt. Aber sie hatte ihn auch schon zur Mittagszeit gesehen, zwischen dreizehn und fünfzehn Uhr.

Der Supermarkt war durchgehend geöffnet, und sie ertappte sich dabei, ihre Einkäufe immer häufiger samstags zu tätigen oder ganz allgemein in die Mittagszeit zu verlegen. Als ihr das bewusst wurde – in was hatte sie sich da eingelassen! –, beschloss sie ebenso ernsthaft wie energisch, nicht mehr an ihren Ritter zu denken und machte ihre Besorgungen eine Woche lang unmittelbar nach dem Frühstück. An einem regnerischen Samstag, an dem sie Liska wohlverwahrt im Kindergarten wusste, fuhr sie frühmorgens in die Stadt, um sich einen Mantel zu kaufen, als ihr plötzlich jemand auf die Schulter tippte.

»Was machen die Kartoffeln?«

Sie fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss, nicht vor Schreck, sondern aus freudiger Überraschung, und ehe sie noch geantwortet hatte, saß ihr der Ritter aus dem Supermarkt bereits gegenüber und flachste:

»Also, was machen die Kartoffeln?«

Sie hatte sich schnell gefasst.

»Ich nehme jeden Tag nur eine als Dessert!«, entgegnete sie schnippisch, doch war aus ihrem Tonfall herauszuhören, dass sie nicht abgeneigt war, unverbindlich zu flirten. Nie im Leben hätte sie es für möglich gehalten, dass sie dieses Spiel wieder spielen würde. Warum nur, warum konnte sie nicht anders? Was war es, das sie dazu trieb?

»Ich hab' Sie lange nicht mehr gesehen!«, sagte der Mann, und sie antwortete reflexartig und wie aus der Pistole geschossen: »Aber ich Sie!«

»Und da haben Sie sich nicht bemerkbar gemacht?«

»Das hätte noch gefehlt!«

Er nickte und sagte:

»Das hätte es!«

Sie sahen eine Weile zum Fenster hinaus. Dann fragte er:

»Fahren Sie in die Stadt?«

»Nein«, erwiderte sie schlagfertig, »dieser Bus fährt zum Mond!«

Und dann lachten sie beide, und er hielt ihr seine Hand hin und sagte:

»Ich bin Maximilian Pohl!«

Sie ergriff seine Hand zwar, entgegnete aber nichts, so dass er fortfuhr:

»Sie müssen jetzt sagen: Angenehm, Berger!«

Erschrocken gab sie seine Hand frei:

»Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Raten Sie mal!«

Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen:

»Sie haben das Schild an meiner Wohnungstür gelesen!«

»Hab' ich!«, gab er zu und hielt ihr erneut die Hand hin.

Sie nahm sie und sagte tatsächlich:

»Angenehm, Berger!«

»Dann ist ja alles klar!«, stellte er fest.

»Was ist klar?«

»Na, dass wir uns jetzt kennen!«

Sie hatte die Luft angehalten und atmete erleichtert weiter.

»Wohnen Sie in Stefanswald?«, fragte sie.

»Nein«, antwortete er, »fünfundzwanzig Kilometer östlich davon!«

»Und was machen Sie dann in Stefanswald?«

»Einkaufen!«, strahlte er.

Das kam ihr spanisch vor.

»Wollen Sie mir erzählen, dass es für Sie keinen näher gelegenen Supermarkt gibt?«

»Nein«, entgegnete er, »dann müsste ich lügen! Ich bin Werkstattleiter und verkaufe Autos, und die Strecke nach Stefanswald und zurück ist für Probefahrten besonders gut geeignet, nicht nur, weil der Supermarkt dort durchgehend geöffnet ist! Man muss das Notwendige mit dem Nützlichen verbinden!«

»Daraus könnte man schließen, dass Sie sich selbst versorgen!«

»Tun Siels! Ich bin Junggeselle!«

»Aus Passion?«

»Nein, aber man kann Pech haben! Wo steigen Sie aus?«

»Gleich, am Bahnhof!«

»Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen?«

»Vielen Dank«, sagte sie, »ich bin in Eile!«

Und damit hatte sie, weiß Gott warum, gelogen.

»Aber es hätte doch niemand etwas dagegen?«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun«, meinte er und sah sie dabei ganz offen an, »Sie tragen zwei Eheringe an Ihrer Hand. Ich nehme an, Sie sind allein!«

Sie war erstaunt.

»Sehen Sie so etwas auf den ersten Blick?«

»Nur dann, Wendens mich interessiert!«, bekannte er wahrheitsgemäß.

Sie wurde ernst.

»Ich bin keineswegs allein!«

»Das freut mich für Sie«, sagte er mit großer Ehrlichkeit. »Aber es geht mich ja gar nichts an! Entschuldigen Sie!«

Sie antwortete nicht. Der Bus hielt. Sie nahm ihre Tasche, ließ sich von ihm in ihren Antentempel helfen und hatte das Gefühl, dass er ihre Hand zu lange in der seinen behielt, als sie sich verabschiedeten.

»Auf Wiedersehen!«, sagte er.

»Auf Wiedersehen!«

Sie stieg aus, ohne sich umzudrehen. Insgeheim ärgerte sie sich, dass sie seiner Einladung, eine Tasse Kaffee mit ihm zu trinken, nicht gefolgt war, und im Stillen wünschte sie sich, dass er ihre Hand noch länger festgehalten hätte. Dann wieder schalt sie sich eine Närrin und ging mit flotten Schritten über die Straße.

In den darauffolgenden zwei Stunden erledigte sie, was sie sich vorgenommen hatte, und als sie gegen Mittag an der Haltestelle Bahnhof stand, hoffte sie, dass Maximilian Pohl ebenfalls mit dem Zwölf‑Uhr‑Bus zurückfahren würde. Aber warum sollte er?

Warum fuhr er überhaupt mit dem Bus? Wenn er eine Werkstatt leitete und Autos verkauft, besaß er doch sicher einen Wagen, wenn nicht gar mehrere. Zumindest standen ihm genügend Autos zur Verfügung. Sie beschloss, ihn bei Gelegenheit danach zu fragen, zweifelte aber im gleichen Augenblick daran, dass sie diese Gelegenheit überhaupt suchte, geschweige denn herbeisehnte.

War das nicht alles ein bisschen lächerlich? Sie wollte sich doch um alles in der Welt nicht in ein Abenteuer stürzen! Im Gegenteil: Sie hatte ernsthaft vor, wieder in einem Architektenbüro zu arbeiten, ja, sie hatte sogar schon entsprechende Erkundigungen eingezogen. Und wenn im nächsten Frühjahr alles klappte, würde sie genügend Kollegen und Kolleginnen haben und mit ihrer Hilfe auch das Gefühl loswerden, abgeschnitten von aller Welt wie ein Einsiedler zu leben.

Oder sollte sie doch noch auf den nächsten Bus warten? Die Zeit würde reichen, um Liska aus dem Kindergarten abzuholen. Wenn sie genau wüsste, dass Maximilian Pohl … Ach was, sie fuhr nach Hause! Was ging sie überhaupt dieser Maximilian Pohl an!

»Angenehm, Berger!«, hatte sie gesagt oder vielmehr sagen müssen. War das nun lustig oder kindisch gewesen? Sie wusste keine Antwort darauf und stieg in den unmittelbar vor ihr haltenden Bus. Als er sich in Bewegung setzte, glaubte sie – nach einem Blick aus dem Fenster – Maximilian Pohl am Kiosk neben der Haltestelle stehen zu sehen. Aber sie konnte sich auch geirrt haben.

Sah sie denn in jedem großen, dunkelhaarigen Mann nun schon Maximilian Pohl?

Sie hörte lange nichts mehr von ihm, ja, sie glaubte bereits, ihn vergessen zu haben. Aber sie glaubte es eben nur, und sobald sie an ihn denken musste – etwa, wenn sie Kartoffeln schälte –, war sie wütend auf sich selbst. Dennoch bevorzugte sie wieder die Mittagszeit für ihre Einkäufe und konnte dann ihre suchenden Blicke nicht lange genug über das Gewimmel der Menschen gleiten lassen, die den Supermarkt bevölkerten. Und jedes Mal kehrte sie enttäuscht nach Hause zurück.

Eines Tages aber hielt ein grüner Opel unmittelbar neben ihr an der Bürgersteigkante. Die Beifahrertür öffnete sich, der Fahrer lehnte sich weit vom Steuer herüber und sah sie mit dem verschmitzten Blick eines großen Jungen urverwandt an. Es war Maximilian Pohl.

»Hallo, Frau Berger!«, rief er.

Da hatte sie einfach nicht widerstehen können und war mit ihm drei Kilometer ins Café Waldesruh gefahren, um nachzuholen, was sie ihm damals abgeschlagen hatte. Und natürlich hatte sie ihn bei dieser Gelegenheit auch gefragt, warum er seinerzeit mit dem Bus gefahren war, und seine Antwort:

»Ich setz' mich doch nicht hinters Steuer, wenn ich von Kollegen zu einem Frühschoppen eingeladen bin!«, hatte ganz plausibel geklungen, so dass sie sich zum wiederholten Male vornahm, die alltäglichen Dinge des Lebens in Zukunft weniger kompliziert zu sehen und nicht hinter jeder Ungereimtheit ein Problem zu suchen.

Das alles war nun schon eine Weile her, und inzwischen war viel geschehen. Um sich zu revanchieren hatte sie Maximilian in ihre Wohnung eingeladen und ganz bewusst darauf geachtet, dass an jenem Nachmittag gutes Wetter war, damit sie Liska auf den Spielplatz schicken konnte, den sie, wenn sie sich reckte und weit über das Geländer des Küchenbalkons lehnte, gerade noch sehen konnte.

Sie wusste selbst nicht recht, warum sie Liska von dem Mann, der in ihr Leben getreten war, fernhalten wollte, aber irgendein Instinkt sagte ihr wohl, dass es besser sei, Liska vorerst nicht mit einem »Onkel« zu belasten, kaum fünfzehn Monate nachdem das Kind seinen Vater auf so tragische Weise verloren hatte. Sie fürchtete sich ein bisschen vor diesem Rendezvous in ihrem Wohnzimmer.

Was würde Maximilian von ihr wollen? Würde er versuchen, sie zu küssen? Und würde sie es geschehen lassen? Oder würde sie sich wehren, nur so zum Spaß oder mit vollem Ernst? Oder sollte sie der jungen Studentin Bescheid sagen, die das gegenüberliegende Apartment bewohnte? Sie hatte das Mädchen nur ein paarmal flüchtig gesehen, sich auch kurz mit ihr unterhalten und ihr sogar einmal für eine Party einige Gläser geliehen. Aber was sollte sie sagen?

»Entschuldigen Sie, Fräulein Morbach, aber ich habe heute Herrenbesuch, nur damit Sie es wissen …«

Sie stellte sich vor den Flurspiegel und tippte sich mit dem rechten Zeigefinger gegen die Stirn.

Da klingelte es. Maximilian Pohl kam mit einem Strauß Feldblumen. Er gab sich ganz und gar natürlich und unaufdringlich, wie ein vollendeter Kavalier. Er aß ein Stück Torte und zwei Stück Kuchen, trank drei Tassen Kaffee und lehnte ab, als sie ihm Zigaretten anbot.

»Ich rauche nicht«, sagte er, »aber wenn Sie einen Cognac haben oder einen guten alten Whisky?«

Sie hatte einen Cognac, einen echten französischen, und sie fragte sich, als sie ihm das Glas vollgoss, wie viel er wohl davon trinken würde. Er beließ es jedoch bei diesem einen und entschuldigte sich:

»Ich muss noch fahren, wenn auch nicht weit!«

Sie wollte seine Standhaftigkeit prüfen und nötigte ihn ganz bewusst, noch etwas zu trinken, doch erließ sich nicht überreden. Das gefiel ihr. Er war ein Mann mit Prinzipien, ein Mann, der wusste, was er wollte. Und ein Mann, der erzählen konnte, von Ferienreisen, die er gemacht hatte, nach Südafrika und nach Mexiko. Sie warf ein, dass sie eine zwölf Jahre ältere Schwester hatte, drüben im peruanischen Ayacucho, in der Mission.

»Ich habe schon lange nichts mehr von ihr gehört«, sagte sie, »sie schreibt sonst regelmäßig.«

»Peru«, erwiderte er verträumt, »das hätte ich auch gerne mal kennengelernt, aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend!«

Sie hing an seinen Lippen und hörte ihm zu, und sie wunderte sich, dass er nicht die geringsten Anstalten machte, ihre Hand zu ergreifen oder ihr wenigstens zu sagen, dass er gerne gekommen war und – vielleicht – dass er sie sympathisch fand. Statt dessen trank, aß und erzählte er, und sie schenkte ihm Kaffee nach, versorgte ihn mit Kuchen und hörte ihm zu. Und wünschte sich, er würde nie wieder fortgehen.

»Ist das Ihre Tochter?«, fragte er und zeigte auf ein Kinderbild, das auf der Anrichte stand.

»Ja«, entgegnete sie, »das ist meine Tochter Elisabeth, aber das Bild ist schon zwei Jahre alt, und ihretwegen habe ich Ihnen damals im Bus auch gesagt, dass ich nicht allein bin.«

»Wo ist sie?«

»Sie spielt unten!«

»Wenn ich gewusst hätte, dass es sie gibt, hätte ich ihr etwas mitgebracht!«

»Nicht nötig«, wehrte sie ab, »ich möchte nicht, dass …«

»… dass was?«

Sie wand sich ein wenig.

»Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Herr Pohl …«

»Maximilian!«

»Wie bitte?«

»Ich heiße Max«, sagte er lächelnd.

»Ach so, ja…«

Sie stockte, ehe sie fortfuhr:

»Also, ich möchte nicht oder, besser gesagt, noch nicht, dass Elisabeth das Gefühl hat …«

»Welches Gefühl?«

»Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, Herr Pohl …«

»Max!«

»Natürlich …«

Sie blickte leicht verwirrt vor sich hin.

Nach einer Pause, in der er beinahe hilflos wirkte, kam er ihr entgegen:

»Sie wissen nicht, wie Sie es sagen sollen …«

»Sie müssen das verstehen, Maximilian …«

»Max!«

»Also gut. Sie müssen das verstehen, Max«, begann sie von neuem, »das Kind hat vor fünfzehn Monaten seinen Vater verloren, und ich möchte, dass es ihn in seiner kleinen kindlichen Erinnerung behält und dass diese Erinnerung nicht überschattet wird von … von …«

»Von einem anderen Mann?«, ergänzte er fragend.

»Ja«, antwortete sie, »aber es ist nicht so hart gemeint. Vielleicht schäme ich mich auch ein bisschen. Ich weiß es nicht. Elisabeth braucht mich jetzt ganz besonders, und sie soll nicht das Gefühl haben, dass ich … dass ich ihr …«

»Weggenommen werde!«, sagte Pohl.

»Nein, nein, nicht so! Niemand kann mich ihr wegnehmen, aber sie ist leicht eifersüchtig, und ich möchte, dass sie sich ganz normal entwickelt …«

»Was Ihrer Meinung nach auch ohne Vater durchaus möglich ist?«

»Ich weiß nicht, Max«, sagte sie, »ich möchte eigentlich nicht weiter darüber sprechen!« Sie fuhr sich nervös durchs Haar.

»Das ist verständlich«, stimmte Pohl ihr zu, »aber ich versichere Ihnen, dass ich nicht die geringste Absicht habe, mich« – er machte eine Pause – »als Freund, wenn Sie diesen Ausdruck gestatten, zwischen Sie und Ihre Tochter zu drängen!«

Er hat nicht die geringste Absicht, nicht die geringste Absicht, dachte sie und stand auf, um vom Balkon aus einen Blick auf den Spielplatz zu werfen, warum ist er überhaupt gekommen?

»Und noch eins«, fuhr er fort, »falls es Sie beruhigt: Ich liebe Kinder sehr!«

Gott sei Dank, dachte sie, Gott sei Dank! Vielleicht sehe ich auch zu schwarz!

Und dann hörte sie ihn rufen:

»Lehnen Sie sich nicht zu weit vor! Sie kriegen ja das Übergewicht!«

Und schon kam er gelaufen und machte Anstalten, sie festzuhalten. Wäre sie doch geblieben, wo sie war, und nicht zurückgetreten und rot geworden!

»Ich fall' schon nicht hinunter«, beschwichtigte sie ihn, »im Sommer mach' ich das jeden Tag ein paarmal! Ich hab' Übung drin! Ich wollte nur sehen …«

»… ob Elisabeth auch schön brav spielt!«

»Ja«, sagte sie erleichtert, »sie ist ein Wildfang!«

»Ist alles in Ordnung?«

Sie nickte.

»Wollen Sie sich nicht wieder setzen?«

»Nein, danke Frau … Frau …«

»Berger!«, ergänzte sie ebenso irritiert wie betroffen.

Er konnte doch unmöglich ihren Namen vergessen haben!

»Berger weiß ich«, sagte er, »aber mir fehlt das Gegenstück zu Max!«

»Das Gegenstück zu Max?«

Sie begriff nicht gleich, aber plötzlich war ihr klar, was er meinte.

»Ach so«, sagte sie und musste unwillkürlich lächeln, »ich heiße Helga!«

»Steht ja nirgendwo«, vermerkte er mit gespielt bekümmertem Gesicht »und jetzt muss ich gehn!«

Und er fügte bedeutungsvoll hinzu:

»Frau Helga!«

»Schon?«, hatte sie fragen wollen, aber sie verkniff sich's.

Er stand noch eine Weile im Flur und betrachtete das Bild ihres verstorbenen Mannes.

»Ihr Mann?«, fragte er.

»Ja!«

»Und wie ist es passiert?«

»Autounfall!«, antwortete sie.

Er nickte ernst, reichte ihr die Hand und sagte:

»Wiedersehen, Helga, und schönen Dank! Bis demnächst mal! Sie haben ja Telefon! Und lehnen Sie sich nicht zu weit übers Geländer! Tschüss!«

Er machte seinen Zweifingergruß.

»Tschüss!«, rief sie ihm nach, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals, noch als sie ihn die Treppe hinuntergehen hörte.

»Bis demnächst mal!«, hatte er gesagt.

Und anrufen wollte er. Das war immerhin etwas. Aber er hatte sie weder berührt noch geküsst, und unversehens setzte sich in ihren Gedanken ihr Urteil über ihn fest: Ein ungewöhnlicher Mann, ein durch und durch ungewöhnlicher Mann, und, verdammt noch mal, ich mag ihn!

Beschwingt trat sie hinaus auf den Balkon. Doch es war gänzlich ausgeschlossen, dass sie ihn noch einmal sehen konnte, denn die Haustür lag an der dem Balkon entgegengesetzten Seite. Und so hörte sie nur den Motor eines Autos aufheulen, ohne zu wissen, ob es auch das seine war.

Sie lehnte sich weit über das Balkongeländer und rief:

»Liska! Liska, es ist Zeit!«

Und als sie sah, dass Liska in ihrem roten Röckchen auf das Haus zugelaufen kam, räumte sie rasch den Kuchen, die Cognacflasche und das Geschirr weg.

»Ja«, sagte sie zu sich selbst, »er ist ein ungewöhnlicher Mann!«

Von da an kam Maximilian Pohl immer häufiger, und sie verstand es ausgezeichnet, Liska von ihm fernzuhalten. Sie entwickelte in dieser Richtung geradezu eine besondere Diplomatie. Zwar sah sie ein, dass es auf die Dauer nicht durchzuhalten war, diese Diplomatie anzuwenden, aber sie wollte die erste Begegnung zwischen Maximilian und ihrer Tochter so lange wie möglich hinausschieben.

Helga und Maximilian Pohl verabredeten sich telefonisch, und da es Maximilian nicht für richtig hielt, dass sie ihn bei seiner Firma, deren Namen sie inzwischen kannte, anrief, obwohl sie manchmal nichts sehnlicher zu tun wünschte als gerade das, wartete sie ungeduldig auf seine Anrufe. Sie wusste auch mittlerweile, dass er keine Angehörigen hatte und dass sein Vater (wie der ihre) gefallen und seine Mutter (wie die ihre) früh verstorben war. Dies band sie nur um so mehr an ihn.

Auf die Frage nach seinem Privatauto hatte er ihr erzählt, dass sein alter Rover, an dem er besonders hing, in der Werkstatt aufgebockt war, da die Lieferung eines Ersatzmotors Schwierigkeiten bereitete. So verstand es sich von selbst, dass er die verschiedensten Wagen seiner Firma benutzte. Da er werktags arbeitete und sie sich an Sonn‑ und Feiertagen um ihre Tochter kümmern musste, konnten sie so gut wie nie zusammen wegfahren. Die Abende wiederum erwiesen sich für gemeinsame Unternehmungen als ungeeignet, denn auch dann, wenn Liska schlief, war Helga stets in Sorge um sie.

Natürlich blieb es nicht aus, dass Maximilian gelegentlich spät am Abend erschien – er parkte den Wagen, den er jeweils fuhr, ohnedies ein ganzes Stück hinter dem Spielplatz, um, wie er sagte, den Leuten keinen Anhaltspunkt für unnötiges Gerede zu geben –, doch Helga dachte nur ungern an den Tag zurück, an dem Maximilian zum ersten Mal gegen neun Uhr abends bei ihr aufgekreuzt war.

Er hatte nicht geschellt, sondern nur geklopft, und noch im Flur war sie ihm in einem Anflug von unbeschreiblichem Glück ohne weiteres in die Arme gesunken. Dann hatten sie zusammen Musik gehört, eine Flasche Sekt getrunken, sich zum ersten Mal und immer wieder geküsst, sich geduzt, Zärtlichkeiten ausgetauscht und kurz vor Mitternacht jenes Gespräch geführt, an das sich Helga wegen seines abrupten Endes wie an eine auswendig gelernte Theaterrolle erinnerte.

»Möchtest du noch etwas trinken, Helga?«

»Nein, danke, ich hab' genug, aber nicht von dir …«

»Ich möchte dir etwas sagen!«

»Sag's doch!«

»Ich möchte dir helfen, aber du darfst mir jetzt nicht böse sein, ich meine, ich möchte dir auch finanziell helfen. Du hast es doch bestimmt nicht leicht …«

»Das ist ganz, ganz lieb von dir, Max, aber du brauchst dir in diesem Punkt nicht die geringsten Sorgen zu machen!«

»Ich mach' sie mir aber!«

»Das brauchst du wirklich nicht! Ich hab' für Liska und mich nicht nur eine Rente, von der wir ohne weiteres noch jemanden mit ernähren könnten, sondern ich hab' auch noch alles, was mir Karls Lebensversicherung ausbezahlt hat, und ich weiß überhaupt nicht, was ich damit machen soll, vielleicht Aktien kaufen oder ein Grundstück. Ich habe so viele Ratschläge bekommen und trotzdem keine Ahnung. Ich könnte sogar ein Haus bauen, aber für Liska und mich allein lohnt sich das wohl nicht …«

»Von einer Lebensversicherungssumme wirst du kaum ein Haus bauen können!«

»Von der schon! Es sind zweihunderttausend Mark!«

Da hatte er ihr Gesicht mit Küssen bedeckt und ihr ins Ohr geflüstert:

»Ich bin sehr froh, dass ich mir um dich keine Sorgen zu machen brauche!«

»Du bist lieb!«

»Du auch! Und jetzt trag' ich dich hinüber ins Schlafzimmer!«

Und genau das war der Augenblick gewesen, an dem sich der Missklang zwischen sie und Maximilian geschoben hatte. Oder hatte nur sie ihn als solchen empfunden? Sie hatte neben ihm auf der Couch gelegen, ihren Kopf an seiner Brust, und sich ruckartig aufgesetzt.

»Nein, Max, bitte nicht …«

Er hatte sie hochgehoben, aber sie hatte sich gewehrt:

»Nicht ins Schlafzimmer!«

»Was ist denn?«, hatte er gefragt. »Was hast du denn?«

Und sie hatte plötzlich geweint und »Ach, nichts!«, geschluchzt, und da hatte er verstanden, dass sie nicht von ihm ins Schlafzimmer getragen werden wollte, weil dieser Raum voller Erinnerungen für sie war, und hatte sich sein Jackett angezogen, ihr übers Haar gestrichen, sie noch einmal leise geküsst, wie ein Bruder seine Schwester küsst, und war gegangen. Und so war dieser eine, sentimentale Missklang Grund genug für sie geworden, dass sie Maximilian nicht gerne am Abend erwartete und ihn lieber in der Mittagspause empfing, bei schönem Wetter zwischen eins und drei, wenn sie die Sonnenjalousien herablassen konnte und wenn Liska unten auf dem Spielplatz war.

Und natürlich hatten sie sich auch geliebt mit der ganzen Leidenschaft, die eine neue Beziehung zu entfachen imstande war. Und sie liebten sich noch. Und sie hatte durch diese Liebe wieder eine positivere Einstellung zum Leben gefunden, und dies mit Sicherheit nicht nur deshalb, weil sie durch ein Tor gegangen war, hinter dem sich ein Garten auftat, den ihr Gott Eros bis dahin vollkommen verborgen hatte.

Das wiederholte Ding‑Dang des elektrischen Gongs an der Etagentür riss sie aus ihren Träumen und Erinnerungen. Sie stellte den Ton des Fernsehgerätes leiser und eilte zur Sprechanlage.

»Ja, bitte, wer ist da?«

»Ich bin's, Max!«

Sie betätigte den Summer, öffnete die Tür einen kleinen Spalt und wartete. Pohl stürmte mit raschen Schritten die Treppe herauf.

»Wie schön!«, sagte sie.

»Verzeih«, antwortete er, »ich hab's nicht geschafft, mich anzumelden!«

Er küsste sie flüchtig und ging geradewegs ins Wohnzimmer.

»Setz dich!«, forderte sie ihn auf. »Möchtest du etwas trinken?«

»Ein Glas Sprudel, wenn du eins hast!«, erwiderte er atemlos, während er sich in einen der beiden Ledersessel fallen ließ.

Sie ging in die Küche, holte ein Glas Zitronensprudel, setzte sich auf seine Knie und hielt es ihm an die Lippen. Er trank hastig.

»Schläft Liska?«

»Wie ein Murmeltier! Ich klapp' uns die Couch auf …«

Er schüttelte den Kopf.

»Sei nicht böse«, sagte er, »ich bin sehr abgespannt, und ich hatte Pech. Aber mach dir keine Sorgen, es ist halb so schlimm. Ich bin nur gekommen, um dich etwas zu fragen.«

Sie stellte das Glas auf die Kunststeinplatte des Couchtisches und sah ihn mit erschrockenen Augen an.

»Was ist?«

»Kein Grund zur Aufregung, ich erzähl' dir's schon!«

Er griff nach dem Glas, trank es aus und ließ es neben sich auf den Teppich gleiten.

»Was hast du für eine Bankverbindung?«, fragte er.

»Wieso?«

»Ich möchte ein Darlehen aufnehmen!«

»Ein Darlehen? Wozu?«

»Um einen Fehler auszubügeln, den ich gemacht habe!«

»Geschäftlich?«

»Nicht direkt. Ich habe eine Bürgschaft übernommen für einen Kollegen, der sich Geld geliehen hat. Er heißt Lampert.«

»Und?«

»Er hat das Geld durchgebracht und kann es nicht zurückzahlen. Es läuft zwar ein Strafverfahren gegen ihn, aber herauszuholen ist so gut wie nichts.«

»Und jetzt sollst du …«

»Ja, jetzt soll ich zahlen. Dabei hatte ich, als ich für ihn bürgte, das Firmenvermögen im Sinn, aber das kann ich natürlich nicht in Anspruch nehmen, nicht einmal kurzfristig. Wir haben vor der Sommerpause noch eine Buchprüfung. Ich hätte nie gedacht, dass Lampert so was machen würde!«

»Armer Max«, sagte sie und streichelte seine rechte Wange mit ihrem linken Handrücken, »und jetzt sitzt du in der Patsche!«

»So schlimm ist's nun auch wieder nicht«, sagte er, »ich komm' schon drüber. Ist deine Bank in Ordnung?«

»Ich denke doch!«

Es klang fast amüsiert.

»Ich hab' ein Spar‑ und ein Girokonto da!«

Sie nannte ihm den Namen des Geldinstitutes.

»Hast du eine Ahnung, was die an Zinsen nehmen?«

»Du bist ein Schäfchen!«, flüsterte sie und tippte mit ihrem Zeigefinger an seine Nase.

Er schien ungeduldig und seltsam berührt, als wollte er sagen: »Lass das doch!«

Echte Verwunderung war ihm anzumerken.

»Ein Schäfchen? Wieso?«

»Weil du gar keine Bank brauchst!«, erwiderte sie vielsagend.

»Weil ich gar keine Bank brauche? Natürlich brauche ich eine Bank, aber ich möchte nicht die Verbindungen der Firma in Anspruch nehmen. Ich muss die Firma da raushalten und allein dafür gradestehen!«

»Deine Bank bin ich!«, erklärte sie sachlich und sah ihn verliebt an.

Er sprang so plötzlich auf, dass sie fast auf den Teppich fiel.

»Das kommt überhaupt nicht infrage! Ich nehme keinen Pfennig von dir!«

»Oh«, sagte sie, »der Bär wird böse! Er brummt!«

Dann setzte sie sich tatsächlich auf den Teppich, umarmte ihre Knie, legte ihren Kopf darauf und sah ihn schief und schelmisch an. Er ging auf und ab wie ein Panther im Käfig.

»Pst«, ermahnte sie ihn, »Liska schläft!«

Und dann fragte sie ganz beiläufig:

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738910513
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
deines witwe

Autor

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Titel: Deines nächsten Witwe