Lade Inhalt...

Bount Reiniger und das mörderische Wochenende: New York Detectives

2017 0 Seiten

Leseprobe

Bount Reiniger und das mörderische Wochenende: New York Detectives

Franc Helgath

Published by Cassiopeiapress Extra Edition, 2017.

Bount Reiniger und das mörderische Wochenende: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Franc Helgath

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

Der Sohn einer Schauspielerin wird als Mörder eingesperrt, obwohl zunächst nicht einmal eine Leiche vorhanden ist. Bount Reiniger soll den jungen Mann aus dem Gefängnis eines Provinzkaffs herausholen, beißt sich aber am Sheriff fast die Zähne aus. Doch plötzlich deuten die Spuren auf einen anderen Täter, und ein Mitglied einer Mafia-Familie taucht auf. Reiniger kämpft nicht nur gegen die Verbrecher, sondern auch gegen einen Sheriff, der sich selbst für den Nabel der Welt hält.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die Hauptpersonen:

Leif Mandrekson – wird mit einer hanebüchenen Begründung eingebuchtet und steht fortan unter Mordverdacht.

Bruce Marshal – ist dafür ganz allein verantwortlich, weil er im ganzen County nur das Hinterwäldlergesetz gelten lässt.

Ronald T. Werding – verkalkuliert sich nicht bloß als Spediteur, sondern überhört auch konstant das Ticken der Zeitbombe.

Emilio Rialto – schätzt zwar das Parfüm mit herber Duftnote, doch diese Vorliebe macht ihn noch nicht zum Hartgesottenen.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.

1

Das ferne Grollen riss Leif Mandrekson aus dem Schlaf.

Er zuckte hoch und weckte dabei Belinda, die halb über ihm lag. Trotz der Nachtkühle war ihre Haut noch warm nach der Liebe im Schlafsack.

Sie hatte ihrem Kommilitonen längst verziehen, dass er sie für die letzten Tage des Indian Summer in die Bergwildnis der Catskills lotste.

»Was war denn das?«, murmelte sie schlaftrunken. »Doch wohl noch kein Sturm?«

»Bestimmt nicht«, bestätigte ihr Partner, ein Jurastudent im vierten Semester. Die beiden besuchten die kleine Uni in Albany.

Leif öffnete den Reißverschluss des Schlafsacks. Die Nachtkälte nahm ihm für einen Moment den Atem. Das Lagerfeuer gloste nur noch schwach.

Leif legte einige Ahornscheite nach. Er hatte das Holz selbst geschlagen. Die Axt steckte mit der Schneide im Erdreich.

Und da war das schwer deutbare Grummeln wieder. Es klang, als rumpelte ein Güterzug durch die Nacht.

Leif fröstelte.

Schließlich gab es keine Schienen weit und breit, geschweige denn eine gespenstische Lok mit einer Geisterfracht. Es gab überhaupt nichts in dieser Gegend, außer vielen Bäumen, ein paar verschwiegenen Seen, Bergen und Tälern. Die allgegenwärtigen Waschbären konnten solchen Lärm ebenfalls nicht veranstalten.

Leif Mandrekson überlegte, ob er zu seinem alten Wagen hinüberlaufen sollte, wo ein noch älterer Colt Cobra im Handschuhfach lag. Er hatte die Waffe noch nie abgefeuert, sie mit in die Wildnis zu nehmen, jedoch für eine gute Idee gehalten.

Doch andererseits: Wie sah das aus, wenn er in Hemd und Unterhose barfuß über die Wiese hüpfte, einen antiken Revolver in der Faust?

Er sah zu Belinda Gercer hinüber. Die Haut spannte um ihren Oberkiefer. Sie hatte den Blick forschend ins undurchdringliche Dunkel gerichtet. Als hätte die Nacht nur auf dieses Grollen gewartet, erwachten nun auch ihre übrigen Geräusche zu geheimnisvollem Leben.

Irgendwo brach ein größeres Tier durchs Unterholz, ein später Vogel krächzte, durch die Äste fuhr ein jäher Windstoß. Ein Motor röhrte.

Ein Motor?

Der Junge sprang endgültig auf, schlüpfte in seine verwaschenen Jeans, und seine kleine Freundin sprach das aus, was ihm auch eben eingefallen war.

»Spanner?«, fragte sie ängstlich.

»Kaum«, antwortete Leif, halb gegen seine Überzeugung.

Sie waren am Nachmittag beim Baden auf ein paar Dörfler gestoßen. Junge Burschen aus Middleburg, die über die verrückten Städter gelästert und durch zotige Gesten zu verstehen gegeben hatten, wie sie sich deren Naturerleben hauptsächlich vorstellten. Jetzt hielt es Leif keineswegs mehr für ausgeschlossen, dass es sich um diese jungen Burschen handelte.

Er fuhr mit der Hand ins Lagerfeuer und griff nach einem der inzwischen hell auflodernden Prügel.

»Ich schaue mal nach«, sagte er gepresst. »Verhalte dich ganz ruhig. Ich bin sofort wieder zurück.«

Belinda Gercer nickte zaghaft. Es war ihr anzusehen, dass sie am liebsten mitgegangen wäre.

»Beeile dich«, sagte sie stattdessen und wand ihre nackten Arme in den klamm-feuchten Pullover zu Füßen des Schlafsacks. Ihre blonden, kurzen Haare leuchteten kupferrot auf. Als sie aufstand, zitterten die schlanken Beine, und auch bei ihr hing das nicht nur mit Kälte zusammen.

Das Grollen und Rumoren war verstummt. Die Nacht wurde so still wie immer. Kein Ächzen von Holz mehr, kein Vogelschrei, kein Jaulen von Böen zwischen den Ästen und Zweigen. Belinda Gercer atmete trotzdem flacher als sonst. Ihre jungen Brüste stießen hart gegen die raue Wolle. Ihren Liebhaber hatte die Dunkelheit verschluckt.

Leif Mandrekson blickte sich um. Von wo, zum Teufel, waren diese Geräusche gekommen? Vom See her? Vom Mihutsa Lake, in dem sie heute tagsüber noch geschwommen hatten? Eiskalt?

Er wusste es nicht genau und rätselte noch, als dieser Motor wieder aufröhrte. Dem Klang nach ein Diesel. Jetzt bereute er, den Revolver nicht doch aus dem altersschwachen Chevy Corvette geholt zu haben, seinem 300-Dollar-Schlitten mit den abgefahrenen Reifen. Sollte er umkehren?

Das Feuer loderte jetzt hell, doch noch heller gleißte das Scheinwerferpaar, das sich holpernd über einen Feldweg näherte, der keineswegs diese Bezeichnung verdiente. Mandrekson hatte Schwierigkeiten gehabt, die tiefen Fahrrinnen zu meistern und der Ölwanne seiner Karre ein paar neue Schrammen zugefügt. Doch Tatsache blieb, dass ein Laster zielstrebig ihren Lagerplatz ansteuerte. Er war weit genug zu sehen in dieser mondlosen, wolkenverhangenen Finsternis.

Eine raue Stimme grölte die verballhornte Fassung eines Countrysongs. Wo Johnny Cash noch meinte »give me your love, baby«, wollte dieser Minneröhrer hier etwas recht Ähnliches, doch bei ihm hatte der Text nichts mehr mit Gefühlen zu tun. Er rief nach Hintern und Titten.

Die Scheinwerfer holten Belinda aus dem Schwarz vom Rand der Lichtung und hielten sie fest wie die Stecknadel den mit Alkohol getöteten Schmetterling des Sammlers. Leif sah ihre schreckgeweiteten Augen grell aufblitzen, ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei.

Der junge Mann bemerkte jetzt erst, dass er auch noch die Axt mitgenommen hatte. Er schwang sie in der Linken und hielt den brennenden Ast hoch über den Kopf. Nässe kroch ihm durch die Glieder und ließ sie ungelenk werden. Seine Zähne klapperten, und jetzt wurde der Schrei des Mädchens auf einmal laut und schrill.

»Leif!« Ihre Stimme schnappte über.

Der Student löste sich endlich aus seiner Starre. Zwei Männer kletterten aus dem Wagen. Jetzt erkannte Mandrekson die Marke, einen Daihatsu 1800 Turbolader, ein Gefährt auch noch für die schwersten Lasten, und dabei extrem geländegängig.

Die Männer waren groß und kräftig. Viel größer und kräftiger als der Student der Rechte. Trotzdem stolperte Leif los, die Axt und seine Fackel schwingend. »Weg mit euch! Was habt ihr hier zu suchen? Lasst mein Mädchen in Ruhe!«

Aber gerade das taten die beiden nicht, wenngleich der Junge den Eindruck hatte, der eine wolle den anderen zurückhalten. Jedenfalls legte er ihm die Hand auf die Schulter und redete offenbar auf ihn ein. Doch der andere schüttelte diese Hand ab wie ein lästiges Insekt. Dann hörte Leif ihn auch.

»Lass mich los Paul! Das ist etwas, das dich nichts angeht. Hab sie satt, deine ständige Bevormunderei. Bin ich ein Idiot? Hab’s auch schon gehört, dass sich hier ein Pärchen ′rumtreiben soll. Und wenn wir schon mal hier sind ...«

Er ließ den Rest des Satzes ungesagt, doch auch so schwang eine unverhüllte Drohung darin mit. Belinda hatte sich an den dicken Stamm einer moosbewachsenen Buche zurückgezogen und konnte nicht mehr weiter. Hinter ihr tat sich ein Vorhang aus verfilztem Buschwerk auf.

»Spiel um Himmels Willen nicht verrückt, Cracker! Weißt du nicht mehr, was der Boss gesagt hat?«

»Scheiß auf den Boss«, krakeelte der andere übermütig, wie ein unartiger kleiner Raufbold von der Straße, der sich seiner Stärke bewusst ist. Aus seiner Hosentasche ragte der Hals einer Viertelgallonenflasche. Bestimmt enthielt sie keinen Kamillentee. »Ich tu, was ich will!«

Leif Mandrekson hatte sich genähert, und ihm war, als stolpere er in die Szene eines grotesken Theaterstücks, von einem Irrsinnigen geschrieben und auf die Bühne gebracht. Der Mann, der von seinem Kumpan Cracker genannt wurde, wuchs zu immer gigantischerer Größe an, je mehr sich die Distanz zu ihm verringerte. Der Student musste sich im Vergleich zu ihm wie ein verhungerter Mückenschiss fühlen. Dennoch lief er weiter und schneller hoch als am Anfang, während Belinda an ihrem Stamm lehnte und dreinsah, wie das sprichwörtliche Kaninchen angesichts der Schlange.

»Lauf, Belinda! Lauf!«

Sie rührte sich nicht, doch der Berg von einem Hünen drehte sich jetzt zu ihm um. Ein feistes Grinsen huschte über sein glattes, stupides Gesicht. Die in tiefe Fettwülste eingebetteten Augen glänzten tückisch auf. Der kleine Mund formte sich zu einem irgendwie obszön wirkenden O. Die mindestens drei Kinne schwabbelten erregt

»Na, wen haben wir denn da? Den niedlichen Stecher von der niedlichen Lady? Huch, wie allerliebst! Höchste Zeit, dass die Zatze mal erfährt, was ein richtiger Mann ist!«

Er lachte laut und herausfordernd. Mandrekson wehte eine widerliche Schnapsfahne entgegen. Er selbst nahm nur ab und zu etwas Hasch. Auch heute Abend hatten sie ein Stäbchen zusammen geraucht, er und Belinda. Der sanft-süße Geruch hing noch in seinem Haar und in seinem schütteren Bärtchen, das nicht so gedeihen wollte, wie er es gern gehabt hätte.

Samt seiner Axt fühlte er sich hilflos wie ein Baby, und diesen Eindruck vermittelte er wohl auch diesem primitiven Muskelmonster. Ein neues Scheppern kollerte aus der enorm breiten Brust. Der Mann hatte Arme wie die Pleuelstangen eines M23-Panzers. Leif Mandrekson umfasste den Stiel seines Beils fester. Das Holz rutschte in seinen verschwitzten Fingern.

»Jetzt reicht’s, Cracker! Du hast deinen Spaß gehabt. Lass die beiden jetzt in Ruhe!«

»Spinnst du, Amigo? Jetzt, wo’s gerade erst anfängt, gemütlich zu werden?«

»Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du nicht soviel saufen sollst!«

»Überhaupt nie mehr, mein lieber Paul. Dein Cracker ist erwachsen geworden. Ich hab’ diese ewigen Vorwürfe satt. Sie stehen mir bis hierher.« Seine Rechte schoss an den eigenen bulligen Hals wie das Falleisen einer Guillotine. Dazu lachte er wieder roh und absolut nicht einsichtig. »Bis hierher stehen sie mir, klar?«

Er marschierte los wie eine Dampframme und kümmerte sich augenscheinlich überhaupt nicht um den jungen Studenten, der bibbernd vor Wut, Kälte und Scham zwischen dem Hünen und Belinda stand.

»Keinen Schritt weiter!«, quiekte er dünn und verfluchte sich für das Versagen seiner Stimme. Er hatte Angst, schreckliche, würgende Angst. Sie saß ihm wie ein rostiges Nadelkissen in der Kehle. Dennoch hob er die Axt.

»Nun mach mal halblang, du kümmerlicher Floh«, brauste das Monster plötzlich auf. »Hab’ genug Geduld mit dir gehabt. Kannst uns auch gern zuschauen, deiner Kleinen und mir. Aber irgendwann ist Sense. Da verlier’ ich meine Gemütlichkeit. Also hock’ dich endlich ins Gras und halt’s Maul!«

»Cracker! Bist du verrückt? Das kannst du doch nicht tun!«

»Ich kann!«, brüllte der Kerl seinen Kollegen an. »Und wie ich kann! Du wirst es gleich erleben!«

Er nestelte gerade an seinem Hosenlatz, als der mit Paul Angesprochene offenbar nicht mehr länger zuschauen wollte und dem Hünen in den Arm fiel, genau in dem Augenblick, in dem auch Leif Mandrekson mit einem wilden Aufschrei vorwärtsstürzte.

Cracker wich nicht schnell genug zur Seite. Die stählerne Schneide streifte ihn an der Hüfte, und jetzt lachte der Hüne nicht mehr. Auch zeigte er keinerlei Anzeichen, seine ursprünglichen Absichten aufzugeben, obwohl ihm die Axt die Hüfte aufgeschlitzt hatte.

Er stieß vielmehr einen wüsten Schrei aus, der Leif Mandrekson das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war nichts Menschliches mehr in diesem tierischen Brüllen. Auch hatte der Student nicht gehört, was der Mann herausröhrte.

Das Verständnis hätte ihm ohnehin nichts mehr genutzt, weil ihn in dieser Sekunde ein mörderischer Schlag ans Ohr traf. Er hatte das Gefühl, der Kopf würde ihm vom Rumpf gerissen.

Der Hieb schleuderte ihn weit in die Richtung zurück, aus der er im Hundsgalopp herangetrabt war. Farngras griff mit seinen feuchten Wedeln nach ihm und schloss sich über dem schlaksigen Körper, noch ehe Cracker ihm nachsetzen konnte.

Außerdem hinderte ihn jetzt auch noch sein Beifahrer, der sich ebenfalls nicht mehr mit nutzlos gegen den Wind gesprochenen Warnungen aufhielt, sondern ebenfalls zuschlug.

Das heißt, es blieb bei einem Versuch, weil sich Cracker gleichzeitig ihm zuwandte und ihm einen fürchterlichen Schwinger genau aufs Auge verpasste.

Dem Mann namens Paul erging es nicht viel besser als dem Studenten, nur dass er obendrein auch noch gegen die offene Wagentür torkelte und mit dem Hinterkopf dagegen krachte. Er prallte so hart auf, dass er kurz das Bewusstsein verlor und zusammensackte.

Leif Mandrekson verlor endgültig die Nerven.

Er dachte von einer Sekunde auf die andere nicht mehr daran, Belinda zu retten. Warum, verdammt, nutzte sie die Chance nicht und rannte davon? Egal wohin, nur weg von hier und von diesem unzurechnungsfähigen Monster! Was sollte er gegen eine solche Kampfmaschine unternehmen?

Sich aus lauter Ritterlichkeit umbringen lassen? Nur weil sich die Gercer nicht vom Fleck rührte, als sei sie bereits ans Kreuz genagelt?

Da setzte sie sich plötzlich doch in Bewegung. Hatte dazu erst Blut fließen müssen?

Dem jungen Mandrekson waren die Axt und der brennende Ast entfallen. Er robbte blind vor Entsetzen zurück in den Schutz der Bäume und kannte kein Halten mehr. Schon nach den ersten Stämmen raffte er sich auf und rannte, was seine Beine hergaben.

Zweige peitschten ihm ins Gesicht, Laub fiel auf ihn hinunter und fühlte sich an, wie die welken Hände einer Greisin. Der Geruch nach Moder, Herbst und Verfall drang ihm in die Nase. Das Herz pochte hoch in seinem Hals. Die Schläfenadern drohten ihm zu zerspringen.

Er glaubte schon nicht mehr daran, jemals wieder freies Gelände zu erreichen. Er wäre nicht der Erste gewesen, der sich in den endlosen Hochwäldern der Catskills verirrte. Und dieses Wissen versetzte ihn noch zusätzlich in Panik.

Er konnte später nie sagen, wie lange er so durch das Holz gehetzt gejagt und getaumelt war. Jedenfalls sah er plötzlich ein kleines Stück freien Himmels vor sich, und auf das humpelte er zu, als hinge sein Leben davon ab. Vielleicht war es ja auch wirklich so, obwohl er keinen Verfolger hinter sich hörte.

Er hörte überhaupt nichts mehr, außer dem Keuchen seiner Lungen und dem Hämmern seines Pulses.

Aber dann, mit einem Schlag, verlor er den Boden unter den Füßen. Dreck, Staub und Blätter vom vergangenen Jahr stoben um ihn herum, hoch zu einer wilden Kaskade.

Er wurde zu ihrem Bestandteil, bis ein heiß stechender Schmerz ihn erlöste und sein Bewusstsein auslöschte.

2

Deputy Sheriff Steve Winters Druck in der Blase wurde immer unerträglicher. Er hätte das letzte Bier und den letzten Kaffee nicht mehr trinken sollen. Das Bier zum Vergnügen, den Kaffee, um wach zu bleiben. Er hasste diese einsamen Streifenfahrten entlang des Huntersfield Mountain Park, wo doch ohnehin nie etwas von Bedeutung passierte.

Der Berg, mit seinen 1543 Metern die höchste Erhebung der Catskills, hatte sein Haupt in Wolken gehüllt. Ein paar Sterne blinkten, links und rechts von ihm, verloren am sonst düsteren Himmel. Vor ein paar Minuten hatte es auch noch leicht zu nieseln begonnen, und dieses elende Prasseln aufs Wagendach erinnerte ihn noch mehr an sein menschliches Rühren.

Steve Winter hatte noch nie viel davon gehalten, den Patrol Car einfach am Straßenrand abzustellen, wenn es wieder mal soweit war. Darin war er eigen. Selbst in öffentlichen Toiletten wartete er ab, bis er sie möglichst allein aufsuchen konnte.

Deshalb lenkte er auch jetzt den Wagen von der National 98, die trotz ihres hochtrabenden Namens doch nur ein besserer Gemeindeverbindungsweg war, der Zubringer zum Highway nach Albany und damit ins fruchtbare, breite Tal des Hudson River. Die Region warb in ihren Prospekten mit dem Slogan: New England at it’s Best.

Dass der Staat New York noch gar nicht zu den Neuenglandstaaten gehörte, kümmerte die Werbestrategen offenbar nur wenig.

Deputy Winter erledigte gerade sein kleines Geschäft, als er ein Winseln wie von einem ausgesetzten jungen Hund vernahm. Sofort flog ihm der Police Navy in die Faust.

Sheriff Bruce Marshal hielt seine Leute gern auf Trab und sich selbst vermutlich für einen Westernhelden. Böse Zungen behaupteten, er ginge mit seinem weißen Texashut sogar noch unter die Dusche, was wenigstens zum Teil die Schweißflecken erklärt hätte, die der Mann des Gesetzes jahrein, jahraus unter den Achseln seines Khakihemdes trug, verlässlich wie seinen Fünfzack.

Weil Sheriff Marshal so auf Zucht und Ordnung hielt, stieg Deputy Winter auch nicht einfach zurück in die heimelige Wärme seines Streifenwagens, sondern holte nur die Taschenlampe heraus. Es war ein starkes Gerät mit verstellbarem Lichtkegel. Er riss ein gewaltiges Loch in die leichten Regenschleier.

Rechts ein Abhang, mit Steinvorsprüngen und Büschen durchsetzt. An seinem oberen Rand wuchs der Huntersfield Forest aus dem Boden, und der gehörte schon zum Naturschutzgebiet, das zu betreten selbst den freiheitsliebenden Amerikanern ohne Sondergenehmigung unter Strafe verboten war.

Das ländliche New York war stolz auf seine rigorosen Schutzmaßnahmen, die sich in der Hauptsache freilich nur gegen die Invasion der mehr oder weniger verhassten Städter wandte. Gelitten wurden sie allenfalls in den Restaurants und an den zahllosen Souvenirbuden, während man den Einheimischen doch eine gewisse Narrenfreiheit zubilligte. Für sie galten die Gesetze nur bedingt.

Das starke Licht wanderte talwärts und hinein in einen von Sträuchern überwachsenen Hohlweg. Deputy Winter fielen sofort die frischen Wagenspuren auf. Vor allem stellte er mit zuerst kummervoller Miene fest, dass die Pneus fast bis hinunter auf die Leinwand abgefahren waren.

Keiner der Einwohner des Countys hätte jemals gewagt, sich so in Middleburg zu zeigen. Also war Steve Winter unerwartet auf die Spur eines Fremden gestoßen.

Da löste sich die Strenge seiner Züge zu einem hämischen Grinsen. Die Nacht war doch noch nicht vertan. Der Sheriff würde sich freuen, wenn er einen New Yorker oder gar einen der ungeliebten Studenten aus Albany aufbrachte, die in letzter Zeit über das idyllische Städtchen herfielen wie eine Heuschreckenplage und die Unsitten ihrer Universitäten mitbrachten. Letztes Jahr hatten sie Middleburg sogar einen Herointoten beschert.

Der Schock in der Bevölkerung dauerte immer noch an.

Aber da war es auf einmal wieder, dieses Winseln. Hatte er sich also doch nicht getäuscht. Aber leider klang es nicht nach etwas Verbotenem, sondern erbärmlich und elend, jetzt auch nicht mehr wie von einem jungen Hund. Vor ein paar Wochen, bei einem Verkehrsunfall, hatte Winter Ähnliches gehört. Eine Frau hatte so gewimmert, kurz bevor sie in seinen Armen verstarb.

Doch hier wimmerten weder Frau noch Hund. Nur ähnlich war es eben gewesen. Nicht gleich.

Der Deputy stapfte durch den Matsch. In seinen hochhackigen Cowboystiefeln kümmerte ihn das nicht. Überdies schätzte es Sheriff Bruce Marshal über alle Maßen, wenn er sich so kleidete. Auch Steve Winter trug einen hellen Stetson und Sattelhemden. Nur waren die Seinen nicht ständig vom Schweiß verklebt.

Das Winseln erklang jetzt von rechts. Winter fluchte, als er den Hohlweg verlassen und eine Böschung hinaufklettern musste. Seine Breeches wurden an den Knien schmutzig, und den Revolver musste er auch zurück in das Holster stecken, als er sich an einigen tropfenden Haselnusszweigen hochzog.

Und da sah er ihn: Einen jungen Burschen, blutbesudelt und in zerschlissenen Jeans, ein schütterer Kinn- und Backenbart, noch nichts Fertiges.

Trotz des süßlichen Blutgeruchs nahm Deputy Steve Winter noch eine andere Ausdünstung wahr, und die erschien ihm vorerst die Wichtigere zu sein.

Marihuana, zweifelsohne.

Sheriff Marshal würde sich freuen, und ihm, seinem eifrigen Deputy, war ein fetter Pluspunkt sicher.

3

Der Pilot schaltete die Triebwerke seiner sechssitzigen Moran aus. Ein anderes Flugzeug war so schnell nicht zu haben gewesen für die Charter von New York nach Middleburg, einem zurückgebliebenen Nest in den nördlichen Catskills.

Der Hilfslandeplatz lag in spätem Nachmittagsdunst. Feuerrot brannten die Wälder. Silbern zogen die Altweiberfäden durch die kalte Luft. Die Sonne wärmte nur mehr in den Mittagsstunden.

Über den Bergen und Hügeln lag bereits die Ahnung von frühem Schnee, der um diese Jahreszeit noch nicht liegenbleiben würde, so aber doch das Ende eines Jahres erbarmungslos ankündigte.

June March fror in ihrem dünnen Gabardinemantel. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren Chef zu begleiten, war sein neuester Klient doch der Sohn der berühmten Ziza Mandrala, einem Star, der gerade am Broadway für Furore sorgte. Wer weiß, vielleicht sprangen für sie und ihren ansehnlichen Freundeskreis ein paar der begehrten Freikarten für das auf Monate ausverkaufte Stück im Apollo Theatre heraus.

Und warum sollte Bount Reiniger ihr dieses harmlose Vergnügen nicht gönnen? Ging es doch nur darum, den Sohn der Diva aus einer ihrer ersten Ehen aus dem Jail eines hinterwäldlerischen Sheriffs loszueisen. Mit seinem Auftreten und seiner Erfahrung wollte Reiniger das schon schaffen, obwohl das eher der Job eines Anwalts gewesen wäre.

Aber dafür entsprach auch sein Honorar für diesen Trip in die Berge dem eines Top Lawyers. Unter solchen Umständen sprang Bount Reiniger gern mal über den eigenen Schatten.

»Brauchen Sie mich noch, Mister Reiniger?«

Der Pilot, ein verblüffend kleiner Bursche in den Vierzigern und mit verschmitzten, wettergegerbten Gesichtszügen, stand neben seiner Maschine, hatte die Schirmmütze weit ins Genick geschoben, und zündete sich eine Zigarette an.

Bount sah kurz auf die Armbanduhr und dachte einerseits an sein erkleckliches Spesenlimit und andererseits daran, wie lange es gedauert hatte, überhaupt einen Vogel für dieses Ziel am Ende der Welt zu kriegen. Zumindest für einen New Yorker wirkte Middleburg, als läge es mitten in den Rocky Mountains oder noch ein wenig weiter ab von jedem Schuss.

»Bleiben Sie doch noch bis morgen«, sagte er daher. »Bis dahin werde ich meine Angelegenheiten hier erledigt haben.«

»Das ist aber nicht billig, Sir.«

»Na und? Nehmen Sie sich ein hübsches Zimmer, und begießen sie sich heute Abend von mir aus die Nase. Vorausgesetzt natürlich, Sie sind morgen Vormittag wieder fit.«

Der Pilot grinste breit. »Ihr Wunsch ist mir Befehl, Sir.«

»Lassen Sie den Sir, wenn Sie sich nicht unbeliebt bei mir machen wollen.«

»Okay, Mister Reiniger.«

»Sie kennen sich hier aus?«

»Leidlich. Im Winter bringe ich manchmal Skifahrer her.«.

»Dann können Sie mir auch einen Leihwagen besorgen?«

»Selbstverständlich, Mister Reiniger. Sie nehmen mich mit in die Town?«

»Aber klar doch.«

»Dann gehe ich mal telefonieren. Es wird ein bisschen dauern, aber hier ist eine kleine Kantine im Abfertigungshäuschen. Sie brauen einen recht passablen Cappuccino dort. Er wird Ihnen und Ihrer reizenden, durchgefrorenen Begleiterin schmecken.«

»Danke für den Tipp, Luftkutscher.«

»Auf bald dann.« Der Pilot ging auf krummen Beinen und in einer viel zu weiten Montur auf den Tower des Middleburg Airfield zu, der mehr einem wackligen Hochsitz glich, und verschwand durch eine knarrende Holztür.

»Na?«, meinte Reiniger zu June. »Immer noch glücklich, mich überredet zu haben, dass ich dich mitnehme?«

June schloss die sonst vollen Lippen zu einem schmalen Strich. Ihre an sich recht dankenswerte Gewohnheit, ständig und beinahe ausschließlich in super kurzen Minis herumzulaufen, rächte sich hier auf offenem Feld bitter. Von Kanada her pfiff ein eisiger Wind. Sie schlug den Kragen ihres rostroten Rollkragenpullis höher. Was anderes blieb ihr auch gar nicht übrig, wenn sie ihren Rock nicht als Knieschützer tragen wollte.

»Überglücklich«, knirschte sie verbissen, und es war ihr anzusehen, dass sie ihren ersten Elan längst verdammte. Freikarten für ein Erfolgsstück waren schließlich nicht die Welt. »Du bist doch bestimmt bis morgen Vormittag fertig?«

»Aber sicher«, sagte Bount Reiniger im Brustton der Überzeugung. »Ein läppischer Routineauftrag, sonst nichts.«

Sie gingen auf die Baracke zu, die der Pilot als Abfertigungshäuschen bezeichnet hatte. Die Wärme aus einem bullernden Kanonenofen kroch angenehm über die Haut. Es roch tatsächlich lukullisch nach einem Gebräu, das man in Manhattans Fastfood-Beizen nicht so leicht erhielt.

Die Bedienung hinter der chromblitzenden Espressomaschine lächelte ihnen drall und freundlich entgegen. Sie waren nicht die einzigen Gäste. In einer Ecke saßen noch ein paar Einheimische, die sich allerdings nicht die Bohne um sie kümmerten, ja, nicht mal ihr Gespräch unterbrachen. Obwohl besonders die March jedes Stoppen einer jeden Unterhaltung wert gewesen wäre.

Sie mussten schon ganz besondere Zausel sein, diese Ureinwohner von Middleburg, New York. Also konnte es sich bei der Bedienung nur um eine Zugereiste handeln.

Bount orderte ihre Cappuccinos und nahm in der anderen Ecke Platz.

»Wirklich nur ein Routineauftrag?«, nahm June den Faden wieder auf, nachdem die dampfenden Tassen mit dem Klacks aus Sahne obenauf vor ihnen standen. Sie schüttete zwei Beutel Zucker hinein. Das durfte sie sich leisten.

Bount Reiniger zuckte mit den Schultern. »Sie können Mandrekson nicht einfach auf einen vagen Verdacht hin festhalten. Er fährt mit seiner Freundin ins Wochenende, es passiert etwas, was ich auch noch nicht ganz kapiere, und er wird wegen angeblichen Mordverdachts festgehalten, obwohl es noch nicht mal ’ne Leiche gibt.«

»Du hast mit dem hiesigen Sheriff telefoniert?«

»Aber das weißt du doch. Du hast mich schließlich mit ihm verbunden. Ein seltsamer Kauz. Eine Stimme wie ein Reibeisen, polternd und schroff. Viel habe ich von ihm nicht erfahren. Nur dass unser Schützling obendrein noch wegen unerlaubten Waffenbesitzes und angeblichen Drogenhandels festsitzt. Das ist dann auch schon alles.«

June schnäuzte geräuschvoll in ein Kleenex. »Reicht das denn nicht?«

»Bei uns in Manhattan hätte ihn jeder Untersuchungsrichter nach einer halben Stunde wieder auf die Straße geschickt. Gegen eine Kaution von fünfzig Dollar vielleicht. Doch hier scheinen die Uhren noch ein bisschen anders zu gehen. Wäre der gute alte Kolumbus ein paar Jahrhunderte früher aufgekreuzt, könnte man meinen, wie im Mittelalter.«

»Und du glaubst trotzdem, dass du diese leidige Angelegenheit innerhalb von ein paar Stunden hinter dich bringst?«

Bount Reiniger konnte nichts mehr erwidern. Ihr Pilot schneite in die Kantine und brachte Kälte mit. »Der Leihwagen steht bereit«, sagte er.

Ihren Chauffeur der Lüfte hatten sie beim einzigen Hotel der Town entlassen. Er bestand darauf, obwohl es außerhalb der Stadt noch ein Holiday Inn ausschließlich für zahlungskräftige Touristen gab.

»Das ist nichts für mich, Mister. Ich hab’ es gern etwas intimer.«

Bount schätzte, dass er seinem Piloten eine Nacht mit einer alten Freundin finanzierte.

Sei’s drum. Es ging ja nicht auf seine Kappe. Ziza Mandrala verdiente Geld wie Heu, und es warf ein bezeichnendes Licht auf sie, dass sie sich nicht an Ort und Stelle sehen lassen wollte.

Bount vermutete, dass sie teilweise auch wegen ihres Alters eben diese Berührung mit der Öffentlichkeit mied. Wie hätte sie der Presse auch erklären sollen, dass sie zwar erst »fünfunddreißig« Jahre alt war, aber einen vierundzwanzigjährigen Sohn hatte?

In solch diffizilen Fällen wandte man sich eben an ein Private-Eye und nicht an einen Prominentenanwalt, der seinerseits erpicht darauf war, in den Medien breitgewalzt zu werden. Amerikanische Rechtsanwälte können eine rechte Plage sein. Von ihren unverschämten Honoraren mal ganz abgesehen.

Die von Reiniger waren auch nicht ohne, doch er verdiente sie sich wenigstens.

Das Sheriffs Office war in einem Flachbau an der Main Street untergebracht. Über dem Eingang prangte das Gehörn eines Bisons. Drei Patrol Cars parkten davor. Bount stieß in eine Lücke zwischen ihnen. June war schneller unter der Tür.

Ihr war jämmerlich kalt. Die zur Zeit weißblonde Mähne hing ihr wie gebleichter Schnittlauch über die Schultern.

Bount atmete erst mal tief durch. Mit County Sheriffs hatte er bereits die verrücktesten Erfahrungen. Manchmal waren sie geistig furchtbar eng, diese Leute.

Sie liebten wohl ebenfalls die Wärme, denn ein Schwall von Hitze bullerte ihm entgegen, als er das Büro betrat. Es dehnte sich großzügig weit. An den Wänden hingen neben einigen Steckbriefen Poster von Bill Cody und Daniel Boone. Auch Uncle Sam im Stars-and-Stripes-Zylinder fehlte nicht. Er forderte mit drohend ausgestrecktem Zeigefinger zum freiwilligen Mitmischen beim Vaterlandverteidigen auf.

Join the Army.

Bount Reiniger fühlte sich auf der Stelle abgestoßen.

Auch von Sheriff Bruce Marshal.

Genauso hatte er sich diesen Mann vorgestellt: Fett, nicht faul, aber mit Sicherheit gefräßig. Ein Unikum eigentlich, doch ein gefährlich dummes, engstirniges. Ein kurios runder Kopf thronte auf einem kurios runden Körper, und über allem thronte ein immens spektakulärer schneeweißer Texas-Stetson. Das Office duftete penetrant nach Achselschweiß.

»Hallo!«, grüßte Reiniger. »Ich glaube, wir haben schon miteinander gesprochen.«

Sheriff Bruce Marshal schaute auf und betrachtete Bount Reiniger wie etwas ungeheuer Unanständiges. Bei einem Seitenblick auf June wurde seine Miene absolut nicht umgänglicher. So wie er sie musterte, schien er sie für eine Schnalle aus der Bowery zu halten.

»Sie sind dieser Armleuchter aus New York?«, begann er und gab damit sogleich seine intellektuelle Visitenkarte ab. »Guten Tag und Auf Wiedersehen. Hat mich überhaupt nicht gefreut, Sie kennenzulernen.«

Bount war einigermaßen perplex. Nicht, dass er etwas gegen die Hillbillys gehabt hätte, doch dieser füllige Bursche aus dem Hinterwald schoss wohl den Vogel ab. Bount Reiniger erwiderte dessen Sympathie auf der Stelle, und auch June zog eine Schnute, als hätte sie einen tiefen Blick in eine Jauchegrube getan.

»Dann sind wir schon zu zweit«, stieß Bount ins selbe Horn. Der Mann verdiente dieses Echo. »Ihren Gefangenen werde ich trotzdem sprechen.«

»Werden Sie, ja? Ich wusste bisher gar nicht, dass Manhattan mit lauter Optimisten bevölkert ist.«

»Dann wissen Sie’s eben jetzt«, entgegnete Reiniger kühl. »Oder hat es sich noch nicht bis in dieses Drecksnest herumgesprochen, dass wir in den Vereinigten Staaten leben? In einem freien Land?«

Mit Sheriff Marshals Gesicht geschah etwas Ungeheuerliches. Es fiel in die Länge. Irgendwo unter seinen Kinnmassen führte sein Adamsapfel einen Veitstanz auf.

»Kommen Sie mir nicht mit ’ner Märchenstunde«, presste er schließlich heraus.

»Bisher war ich noch außerordentlich freundlich zu Ihnen«, entgegnete Bount Reiniger schroff. »Ich kann auch anders. Sie mögen mich ja für einen New Yorker Schnösel halten, mit dem Sie sich normalerweise Ihren fetten Hintern auswischen würden. Aber das kann mich nicht daran hindern, in spätestens einer halben Stunde wieder im Flugzeug zu sitzen, nach Albany zu düsen und dort ein paar Worte mit Ihrem Gouverneur zu wechseln. Ich kenne den Herrn zwar nicht persönlich, doch ich bin mit einigen Leuten befreundet, die ihm wiederum die Daumenschrauben ansetzen werden, wenn er es sich erlaubt, unfreundliche Hornochsen in seiner Exekutive zu beschäftigen. Aber bestimmt wünschen Sie nichts sehnlicher, Mister Sheriff, als dass Sie als der Trottel des Empire State in die Spalten Ihrer Zeitungen einrücken, und man Ihnen anschließend eine Anklage wegen Amtsmissbrauchs aushändigt. In unserem hübschen Land kann man, Gott sei Dank, nicht nur korrupte Präsidenten in die Wüste schicken. Auch Provinzsheriffs sind keine unantastbaren Götter, und wenn sie sich zehnmal als solche fühlen. So, Mister. Und jetzt können Sie bei Ihrer Weigerung, mich mit dem widerrechtlich Festgehaltenen sprechen zu lassen, bleiben. Ich sehe Sie dann morgen bei der Stellungssuche wieder.«

Das war selbst für Reinigers Verhältnisse eine lange Ansprache, gewesen, und gestimmt hatte dabei lediglich, dass er tatsächlich ein paar sehr wichtige Leute zu seinem Bekanntenkreis zählte.

Doch ob sie auch nur einen einzigen Finger für ihn krumm machen würden, stand auf einem anderen Blatt. Zumindest würden sie sich dabei nicht überschlagen. Schuld daran war ein Rechtssystem, das einen demokratisch gewählten Landbullen in der Tat mit immensen Vollmachten ausstattete, die nur durch die Administration der Bundespolizei oder durch einen Richterspruch außer Kraft gesetzt werden können.

Wie dem auch sei: Sheriff Bruce Marshal zeigte die gleiche Wirkung, wie sie ein Tiefschlag nicht effektiver hätte erzielen können. Er hing bildlich gesprochen sozusagen stehend groggy in den Seilen. Nur sein unsichtbarer Adamsapfel hüpfte noch wilder weiter. Sein Blutdruck war ganz nach oben in der Skala gestiegen. Bount taxierte ihn locker auf 500 zu 420 und damit schon flott über die normale Todesgrenze hinaus.

Doch zweifellos hatte sein verbaler Nasenstüber dazu beigetragen, dass Bruce Marshal ihn nicht länger als den jungen Stutzer aus der verhassten Metropole ansah, mit dem er ungestraft umspringen durfte, wie es ihm gerade passte.

Er beruhigte sich nach einiger Zeit und verengte seine ohnehin schon kleinen Augen zu Schlitzen in einer Ritterrüstung. Aus ihnen funkelte er dann böse hervor.

»Schätze, ich kann mal ’ne Ausnahme gestatten«, sagte er, und es war ihm anzusehen, wie schwer ihm jedes Wort fiel. Er würgte an jeder einzelnen Silbe, als wäre es der eigene Kehlkopf, den er von sich gab. Vermutlich hatte ihm Bounts Wortwahl imponiert, die der seinen ja nicht unähnlich war. Ein grober Klotz auf einen groben Keil, sowas verstand er wohl besser als irgendein gescheites Gesäusel über irgendwelche Paragraphen.

»Wie freundlich von Ihnen«, spottete Bount Reiniger.

Die erste Runde ging an ihn.

4

Leif Mandrekson saß allein in einer großen Zelle. Ein Heizungsrohr quer über die Decke sorgte wenigstens dafür, dass ihm die Nase nicht einfror. Beim Sprechen bildeten sich Dampfwolken vor dem Mund. Um die schmalen Schultern hatte er eine schmuddelige Decke gewickelt.

Immer wieder unterbrach er seinen Bericht mit einem Zähneschnattern. Auf seine berühmte Mutter war er offenbar nicht gut zu sprechen. Er belegte sie mit den wüstesten Schimpfnamen.

Bount hatte Verständnis dafür. An Ziza Mandrala gefielen ihm ebenfalls nur die Schecks.

Doch den Jungen konnte er schließlich für sich gewinnen. Er schöpfte sichtlich Vertrauen zu ihm und erzählte ehrlich alles, was er wusste, und beschönigte auch seine eigene Rolle bei diesem Trauerspiel nicht.

»Und jetzt sagte man mir«, schloss er, »dass die Suchmannschaft immer noch nicht fündig geworden sei.«

»Sie bereiten sich also mehr Sorgen um Miss Gercer, als um sich selbst?«

»Bin ich einer von diesen Egoisten aus dem Establishment?«, begehrte Mandrekson sofort auf. »Natürlich habe ich Angst um Belinda. Sie haben dieses Monster ja nicht gesehen. Ich befürchte das Schlimmste.«

Leif Mandrekson sank unter seiner Decke wieder zusammen. Die Schultern fielen nach vorn, und seine Lippen zitterten unkontrolliert, während er fahrig die Zigarette zerbröselte, die Bount ihm gegeben und auch noch angezündet hatte.

»Wiederholen Sie bitte noch mal die Beschreibung von den beiden. Und auch die vom Auto. Das Nummernschild haben Sie nicht erkannt?«

»Ich hatte anderes zu tun, als mich um Nummernschilder zu kümmern.«

»Einverstanden«, sagte Bount Reiniger und hörte sich die Steckbriefe eines gewissen Paul und eines Hünen namens Cracker geduldig zum dritten Male an. Leif Mandrekson verplapperte sich kein einziges Mal. Auch seine dritte Version entsprach akkurat der ersten und klang trotzdem nicht auswendig gelernt.

Da glaubte auch Reiniger endgültig an die Existenz der beiden Männer, und mehr konnte er zur Zeit für seinen Klienten nicht tun. Nach ein paar weiteren Fragen verabschiedete er sich mit dem Versprechen, morgen wieder hereinzuschauen und ihn über sämtliche Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten.

Zurück im Office hatte endlich auch Junes Charme einiges ausgerichtet. Nicht beim Sheriff zwar, doch bei einem jüngeren Patrolman, der Steve Winter hieß und in der Zwischenzeit eingetrudelt sein musste. Vor dem Gebäude parkten jetzt vier Streifenwagen.

June unterbrach ihren Flirt, als Bount dazustieß. Der dicke Sheriff selbst war nicht mehr zu sehen. Nur seinen Schweißgeruch hatte er zurückgelassen.

»Dieser reizende Deputy hat mir gerade seine Theorie entwickelt«, flötete die March, süß wie türkischer Honig. »Du solltest sie dir anhören, Chef.«

Bount Reiniger tat das. Sie war dumm von vorn bis hinten und entsprach Reinigers übelsten Befürchtungen: Ein verkommener Student hatte im Drogenrausch Streit mit seiner verkommenen Kebse gekriegt, sie mit der Axt erschlagen, und ihre Leiche vermutlich irgendwo verscharrt. Dann sei er aus seiner Trance erwacht, blind los gerannt, habe sich dabei selbstverständlich verirrt und bei einem Sturz ein wenig verletzt. Bis dann der große Deputy aus dem grandiosen Middleburg erschien und ihn vor dem sicheren Tod durch Erfrieren rettete, halbnackt wie diese Bestie schließlich gewesen war.

Natürlich sei man polizeilicherseits allen angeblichen Spuren nachgegangen, habe dabei den Revolver entdeckt, der schon wieder selbstverständlich nirgendwo registriert sei, und mindestens zehn Kilo reinsten grünen Afghans.

So wenigstens hörte sich Steve Winter an, als er stolz ein Plastikpäckchen mit rund fünf Gramm schlechtem Gras präsentierte.

»Und was ist mit den Blutspuren?«, fragte Bount Reiniger.

Der Deputy grinste stolz. »Haben wir auch entdeckt. Obwohl es vergangene Nacht wie der Teufel gegossen hat. Hunde und Katzen regnete es, kann ich Ihnen sagen.«

»Wessen Blut?«

»Da fragen Sie noch? Vom Mädchen selbstverständlich.«

»Ist das sicher?«

»Nur eine Frage von Stunden, Mister. Die Proben sind noch im Labor. Doch wie es aussieht, hat diese Schlampe noch nie Blut gespendet.«

Bount fühlte sich versucht, diesem rotznäsigen Sternträger eine zu scherbeln, dass ihm die Nase über die Halswirbel ragte, doch er beherrschte sich. Er war ja nicht das erste Mal im Hinterland unterwegs, und er konnte nicht jedes Mal einen Kahlschlag unter den örtlichen Behörden betreiben.

»Und was ist mit den Beschreibungen der beiden wirklichen Täter?«, wollte er stattdessen wissen.

Steve Winter winkte generös ab. »Schutzbehauptungen, was sonst? Niemand mit diesem Aussehen hat jemals auch nur einen Fuß in unser County gesetzt, und hier kennen wir jeden.«

»Und der Wagen?«

»Ebenfalls Fehlanzeige. Kein Schwein fährt hier einen Dafjatusu.«

Den Mann störte es offenbar kein bisschen, dass er nicht mal die Marke richtig aussprechen konnte. Bount Reiniger wunderte sich längst über gar nichts mehr. Hier wurden die Ermittlungen so gründlich verpatzt, dass sich beinahe der Verdacht aufdrängte, es stünde mehr dahinter als nur splitternacktes Unvermögen.

»Wie aber steht es mit Reifenspuren?«, bohrte er trotzdem weiter.

Ein fröhlich-stolzes Grinsen glitt dem Deputy übers Gesicht.

»Total abgefahren«, verkündete er. »Bis hinunter auf den Mantel. Ein Grund mehr, diesen verantwortungslosen Burschen festzuhalten, bis er vermodert oder endlich ein Geständnis ablegt. Und festhalten können wir ihn. Das wissen Sie. Vierundzwanzig Stunden für jedes Delikt, wenn es sein muss, und Sheriff Marshal ist gewitzt in dieser Hinsicht. Da braucht nur einer zu schnell durch die Main Street zu fahren, und schon kriegt er wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt hundert Bucks aufgebrummt.«

Nichts anderes hatte Bount befürchtet, Sheriff Bruce Marshal nutzte seinen Status als gewählter Mann von Law and Order bis zum Exzess. Nicht einmal ein Prominentenanwalt hätte es unter diesen Umständen geschafft, Leif Mandrekson ohne vorherigen zeitaufwendigen Papierkram aus dem Jail zu holen.

Und Bount Reiniger hatte noch nicht mal die Kompetenz eines Winkeladvokaten.

Dafür jedoch eine Lizenz.

Als Privatdetektiv.

Spätestens jetzt war ihm klargeworden, dass von einem schnell und einfach verdienten Dollar keine Rede mehr sein konnte. Der Fall schrie inzwischen nach seinen Spezialtalenten.

Er hätte June zu Hause lassen sollen.

So aber blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit ihr im Holiday Inn einzumieten. Der einzige Lichtpunkt in diesem ganzen Schlamassel bestand darin, dass die March auf ein eigenes Zimmer verzichtete.

5

Auf diese feine Weise frisch erholt, rief Bount Reiniger gleich am nächsten Morgen seinen Piloten im Town-Hotel an. Patrick McKency hieß er, und er schien bereits auf diesen Anruf gewartet zu haben.

»Sie brauchen mich länger, stimmt’s?«, fragte er schon nach den ersten belanglosen Begrüßungsfloskeln.

»Und Sie sind Hellseher, hm?«

Das trockene Lachen eines Kettenrauchers klang aus dem Hörer. »Muss man gar nicht sein, wenn man sich auch nur ein bisschen in diesem Kaff auskennt.«

»Wie heißt Ihre hiesige Freundin?«

Das Lachen verstärkte sich noch und ging in ein raues Hüsteln über. »Sie sind als Hellseher aber auch nicht schlecht, Mister Reiniger.«

»Jeder nach seiner Fasson, Mister McKency.«

»Bei mir können Sie sogar auch noch das Mister weglassen.«

»Wenn das auf Gegenseitigkeit gilt, habe ich nichts einzuwenden. Ich heiße Bount.«

»Si. Dann stimmt es also, was man sich von Ihnen erzählt.«

»Und das wäre?»

»Dass Sie es verstehen, die Leute restlos einzuwickeln.«

»Nicht alle, lieber Patrick.«

»Aha! Sie meinen, County-Bullen ausgenommen.«

»Reden wir nicht länger um den heißen Brei herum. Was haben Sie erfahren?«

»Zuallererst, dass Bruce Marshal stinksauer auf Sie ist und sich gestern noch die Finger wund telefoniert hat, um Ihnen was am Zeug zu flicken. Wie man hört, vergebens. Ihre Lizenz gilt in allen Staaten, und es bleibt dabei. Was haben Sie da eigentlich für einen Freund in Manhattan? Marshal war bescheuert genug, die Lautsprecher in der Hotelbar eingeschaltet zu lassen. Jetzt gibt es ein paar Zeugen, die mithörten, wie Ihr Bekannter den Sheriff so global zur Sau machte, dass es für die die helle Freude war.«

Bount Reiniger grinste sich eins.

»Captain Toby Rogers?«, fragte er vorsichtig.

»Aye. Ich glaube, so hieß er. Er hat gebrüllt, wenn Marshal Sie künftig weiterhin behindere, werde er ihm eigenhändig nicht nur den Stern des Gesetzes auf den Hintern nageln, sondern auch noch den Riemen aus der Hose schneiden.«

Das war typisch Toby. Captain der Mordkommission C/II in South Manhattan, für diese Region ebenso wenig kompetent wie Bount auch, aber eine große Klappe riskieren, wenn Bount Reiniger nur nicht davon erfuhr, dass dieser Mann für ihn durch jedes Feuer ging. Wenn nötig, auch auf allen Vieren.

Da hatte sich Marshal an die verdammt falscheste Adresse gewandt, die er nur je an die Strippe bekommen konnte. Nein, schlechte Auskünfte über Bount Reiniger würde er von dort nie erhalten.

Aber er hatte es eben versucht, der gute Mann. Vermutlich waren seine Recherchen als Retourkutsche dafür zu verstehen, dass er sich so von Bount ins Bockshorn hatte jagen lassen.

Nun, das klärte wenigstens die Fronten und sollte seine Arbeit für die Zukunft vielleicht ein bisschen vereinfachen. Sein Gefühl sagte ihm, dass er bald noch mit weitaus größeren Schwierigkeiten zu kämpfen haben würde, als nur mit dumpf-dummen Provinzbullen. Vor allem diese Geräusche, von denen Leif Mandrekson so ausführlich gesprochen hatte, gaben ihm zu denken.

Er konnte ebenfalls nichts mit.Geisterzügen anfangen, die auf gespenstischen Gleisen durch weglose Wälder ratterten. Da mochten die Bäume noch so farbenprächtig in ihrem herbstlichen Indian-Summer-Ornat prangen.

»Und sonst?«, fragte Bount, um auf sein Hauptanliegen zurückzukommen. »Das kann doch nicht alles gewesen sein.«

»Marshal wird Ihnen trotzdem Knüppel zwischen die Beine werfen, wo er nur kann. Jetzt ist er erst recht überzeugt davon, dass Ihr Studiosus ein bestialischer Mörder sei. Daraus also habe ich geschlossen, dass Sie künftig beweglicher sein müssen, als das mit einem Automobil allein möglich wäre.«

»Sie halten die Ohren aber verdammt steif.«

»Man muss leben, Bount. Und die Geschäfte gehen zur Zeit nicht so gut. Da dachte ich mir, dass es Ihnen nicht schadet, wenn ich diese oder jene von meinen Quellen anzapfe.«

»Das haben Sie inzwischen für mich getan?«

»Ja und nein.«

»Wie soll ich das verstehen? Eine kleine Erpressung?«

»Wo denken Sie hin, Mister Reiniger!«

»Bount!«, verbesserte Reiniger. »Du Bastard von einem Iren oder Schotten, oder wo immer deine Vorfahren aus ihren Höhlen gekrochen sein mögen.«

Das Hüsteln wuchs sich zu einem strammen Husten aus. »Ich sehe, wir lieben uns heiß und innig, und meine Moran braucht eine Generalüberholung,«

»Wie viel?«

»Jetzt beleidigen Sie mich!«

»So?«

»Warum mieten Sie mich nicht, einfach für eine volle Woche?«

Bount Reiniger konnte es kaum glauben. »Das ist alles?«

Details

Seiten
0
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910438
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369005
Schlagworte
bount reiniger wochenende york detectives

Autor

Zurück

Titel: Bount Reiniger und das mörderische Wochenende: New York  Detectives