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Wie weit die Liebe geht

2017 120 Seiten

Leseprobe

WIE WEIT DIE LIEBE GEHT



Roman






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2017

(ehem. Titel: DA NAHM SIE ALLE SCHULD AUF SICH)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de







Klappentext:

Dr. Lothar Hartmann ist ein begnadeter Chirurg, der dies auch selbst weiß und mit diesem Wissen nicht hinter dem Berg hält. Vor allem seine Verlobte, die junge Ärztin Rita Schönauer, leidet unter seinen Allüren. Als die Klinik eine neue Verwaltungschefin bekommt, lässt sich Lothar nur allzu bereitwillig auf eine Affäre mit ihr ein. Für Rita stürzt eine Welt ein. Dann begeht Lothar bei einer Gehirnoperation einen folgenschweren Fehler: Ein kleines Mädchen erwacht nicht mehr aus seiner Bewusstlosigkeit. Der Vater des Mädchens lässt seinen Einfluss spielen und verlangt eine Untersuchung. Das Gutachten soll Prof. Harry Schachtner erstellen, den Rita aus ihrem Studium kennt. Schachtner soll das Gutachten zu Lothars Gunsten ausfallen lassen. Doch Schachtner fordert einen Preis: Rita. Wie weit wird Rita für Lothar zu gehen bereit sein?



Männer wie aus Zigarettenwerbungen, sündhaft teure Ferngespräche innerhalb Deutschlands. Glenn Stirlings Roman aus dem Jahr 1976 ist tief durchdrungen vom (Zeit)Geist der ersten Jahrzehnte der heranwachsenden Bundesrepublik. Und genau das macht aus „Wie weit die Liebe geht“ ein überaus interessantes Stück Zeitgeschichte. In loser Folge veröffentlicht die Edition Bärenklau Heftromane aus den 60er‑ und 70er‑Jahren und gibt dem Leser die Möglichkeit, diese Zeit in sich aufzunehmen.







Roman:

Als sie hörte, wie sich der Schlüssel in der Wohnungstür umdrehte, schaltete Rita den Kaffeeautomaten an. Sie warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Wie immer zu spät, dachte sie.

Auf dem Korridor hörte sie Lothar sagen:

Ich habe die Röntgenaufnahmen mitgebracht. Ich nehme an, dich interessiert das auch.“

Ja, sehr“, antwortete sie und nahm das Tablett mit den Tassen, um es aus der kleinen Küche in das Wohnzimmer des Apartments zu tragen.

Als sie die Tür erreicht hatte, blieb sie stehen. Die Tür war mit Spiegelkacheln versehen, und Rita warf einen prüfenden Blick hinein. Sie schüttelte sich ihr brünettes, bis zu den Schultern reichendes Haar zurecht, wischte sich eine Strähne aus der Stirn und schnippte dann ein paar Fusseln von ihrem marineblauen Kleid, dessen eigenwillige weiße Stickereien sie selbst gefertigt hatte. Sie wusste, dass Lothar dieses Kleid liebte, und für ihn hatte sie es angezogen.

Rita war schlank, wirkte sportlich und besaß mit ihren siebenundzwanzig Jahren noch eine ungeheuer starke jugendliche Ausstrahlung.

Sie ging weiter. In dem gleichen Augenblick betrat Lothar vom Korridor her das Zimmer durch die zweite Tür. Sie sahen sich an, nickten sich kurz zu, und Lothar ließ sich in den Sessel fallen, der neben dem gläsernen Couchtisch stand.

Einen Augenblick lang, als sie die Kaffeetassen absetzte, blickte sie zu ihm hin, während er eine Röntgenaufnahme nach der anderen hochhielt, um sie durchs Licht besser zu erkennen.

Lothar war kein schöner Mann. Er hatte in seiner Jugend viel geboxt, und davon waren die Spuren nicht zu übersehen. Seine Nase hatte diese typische Form, wie sie bei Boxern die Regel ist. Auch die Augenbrauen waren etwas wulstiger als bei anderen Menschen. Und von einem Unfall her hatte er eine Narbe vom Kinn bis zur Wange. Aber es ging etwas von ihm aus, dem sich eine Frau so leicht nicht entziehen konnte. Aber zugleich bedrückte sie seine Selbstsicherheit, seine Überlegenheit in jeder Hinsicht. Er kramte seine Pfeife aus der Tasche seines hellgrauen Jacketts, stopfte sie sich und zündete sie an. Während die ersten Wolken dem Pfeifenkopf entstiegen, blinzelte er zu Rita hinauf und fragte:

Ist was?“

Eigentlich nichts“, entgegnete sie. „Es ist nur alles so … Ich würde sagen, so alltäglich bei uns, so angepasst. Es gibt nichts Neues. Wir bewegen uns schon wie Leute, die zehn, zwanzig Jahre lang verheiratet sind“, meinte sie und sah ihn betrübt an. „Früher“, fuhr sie fort, „da bist du nicht hereingekommen, ohne mir einen Kuss zu geben oder zumindest ein paar nette Worte zu rufen. Jetzt sagst du nur: „Ich habe die Röntgenaufnahmen mitgebracht.“ Das ist alles.“

Na und?“, fragte er. „Was muss ich denn noch alles sagen? Wir kennen uns nun doch schon eine ganze Weile. Da braucht man doch nicht immer so zu tun, als sähe man sich zum ersten Mal im Leben.“

Ach!“, rief sie entrüstet. „Ist es denn überflüssig, zueinander nett zu sein, wenn man sich länger kennt? Du bist ja gut!“

,Ach, nun sei doch nicht so gereizt“, versuchte er sie zu beschwichtigen. „Bring den Kaffee, und anschließend werden wir uns über die Operation morgen unterhalten! Das ist schließlich kein Pappenstiel.“

Als sie hinausging, entdeckte er das Buch, das auf dem Glastisch lag, nahm es und schlug es auf. Vorn stand eine Widmung drin. „Fräulein Dr. Rita Schönauer als Dank für die aufopfernde Pflege unseres kleinen Hans. Familie Renner.“

Er hielt das Buch noch in der Hand, als sie mit dem Kaffee hereinkam.

Hast du das heute bekommen?“, fragte er.

Sie nickte.

Das war der Kleine mit dem Verkehrsunfall, weißt du?“

Ach ja, ich erinnere mich. Der hieß ja Hans. Mit dem komplizierten Bruch, rechter Oberschenkel, nicht wahr?“

Sie nickte und goss Kaffee ein.

Er nahm seine Tasse und warf Rita einen abschätzenden Blick zu.

Ich habe das Operationsteam für morgen zusammengestellt.“

Sie hielt inne und blickte ihn fragend an.

Ich bin dabei?“

Er nickte.

Obgleich du in letzter Zeit ein paar Fehler gemacht hast. Du bist nicht sehr sicher, finde ich. Und bei einer derartigen Operation müssen wir sehr, sehr sichere Hände haben.“

Ich bin sicher. Aber wenn du mich vor allen anderen anbrüllst“, erwiderte sie heftig, „dann fördert das nicht gerade meine Sicherheit. Ich weiß nicht, warum du das tust. Wenn Fräulein Hoymel einen Fehler macht oder Herr Frenzel, dann sagst du keinen Ton. Und mich schreist du an.“

Du bist meine Verlobte. Von dir erwarte ich Perfektion. Jeder erwartet von dem anderen, den er gern hat, perfekte Arbeit. Ich lasse mich, wie alle Menschen, viel lieber von einem Fremden, von einer mir nichtssagenden Persönlichkeit enttäuschen als von jemandem, der mir nahesteht.“

Sie schüttelte den Kopf.

Ich habe eher den Eindruck, dass du vor mir keinen Respekt mehr hast. Denn früher bist du nicht so zu mir gewesen. Da warst du freundlich, zuvorkommend. Und wenn ich wirklich einmal unsicher war, hast du mir Mut gemacht oder mir genau erklärt, wie die Dinge zusammenhängen. Ich habe bei dir sehr viel gelernt. Aber all das habe ich früher gelernt, nicht im letzten Vierteljahr. Ich frage mich manchmal, ob es noch so ist, wie es war. Ich meine so zwischen uns.“

Er sah sie forschend an.

Wie meinst du das?“

Sie stellte die Kaffeetasse hin und setzte sich ihm gegenüber auf die Couch. Sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und blickte darauf.

Es ist vieles anders zwischen uns. Ich weiß nicht, fängt so das Ende an? Das Ende unserer Liebe?“

Er tat sich Zucker in den Kaffee und rührte um.

Ich weiß nicht, was du meinst. Aber natürlich gerät man in einer Beziehung, die lange anhält, in einen gewissen Trott, kommt es zu Selbstverständlichkeiten. Man spricht nicht mehr über alles. Das ist ja auch bei Ehepaaren so. Und wir sind ja schon lange verlobt. Vielleicht liegt es daran.“

Sie sah plötzlich auf, blickte ihn anklagend an und sagte:

Warum gibst du es nicht zu, dass es aus ist? Oder hast du nicht den Mut, es mir zu sagen? Denkst du, ich fürchte mich davor? Glaubst du, ich könnte zusammenbrechen? Mich wirft das nicht um. Aber ich Hasse es, wenn um den heißen Brei herumgeredet wird. Glaubst du denn, ich wäre blind, ich hätte dich heute nicht beobachtet?“

Beobachtet, wobei?“, erwiderte er gereizt.

Als uns die neue Verwaltungsdirektorin vorgestellt wurde. Diese Frau Meier‑Westphal.“

Er lehnte sich zurück und lachte.

Aha, dahin geht also die Reise. Mein Gott, Rita! Sie ist eine attraktive Frau. Und den Mann möchte ich kennenlernen, der an ihr einfach vorbeisieht. Und das hast du wohl von mir erwartet, dass ich an ihr vorbeisehe.“

Es ist nicht, wie lange du sie angesehen hast, sondern wie du sie angesehen hast. Ich kenne deinen Blick!“, fauchte sie ihn an.

Er lachte wieder und hob beschwörend die Hände.

Ich bitte dich, mach doch hier keine Szene! Willst du alles zerstören?“

Ich möchte nur Klarheit, weiter nichts“, konterte sie.

Er nahm wieder die Tasse, trank und erklärte lächelnd:

Der Kaffee ist dieses Mal phantastisch.“

Sie ging nicht darauf ein.

Lenke jetzt nicht ab, bitte!“, verlangte sie. „Ich will wissen, was los ist. Ich will wissen, woran ich bin. So, wie du mich die letzte Zeit behandelt hast, das kann ja so nicht weitergehen. Dann nimm dir bitte eine andere in dein Team, da möchte ich nicht dabei sein.“

Das ist genau das Stichwort, nämlich die Operation morgen. Sie ist sehr wichtig, und sie ist auch schwierig. Wir müssen uns darauf konzentrieren. Diese Querelen, die wir uns hier leisten, sind überflüssig. Du hast keinen Grund, an meiner Treue zu zweifeln, und du hast auch keinen Grund, dich über Kleinigkeiten zu beschweren. Mein Gott, glaubst du denn, bei einem Ehepaar, das eine Zeitlang verheiratet ist, käme das nicht vor?“

Dann möchte ich kein Ehepartner sein“, entgegnete sie. „Ich möchte, dass mein Mann mich liebt. Nicht, dass er mich so behandelt wie den letzten Dreck. Und im Augenblick fühle ich mich von dir wie der letzte Dreck behandelt. Jede Schwester, selbst die Lehrschwester, behandelst du mit Zuvorkommenheit, die geradezu ein Hohn ist, wenn du anschließend mit mir sprichst. Ich kann machen, was ich will, alles ist falsch, alles ist verkehrt. Und immer fauchst du mich an. Besonders vor anderen Leuten.“

Er hob abwehrend die Hände und rief:

Rita, das ist ja schon Verfolgungswahn. Nun hör doch mit diesen Anklagen auf! Sie treffen nicht zu. Es kann ja sein, dass ich etwas heftig bin. Es tut mir leid.“

Es tut dir leid?“, fragte sie spöttisch. „Das glaubst du doch selbst nicht. Mir machst du nichts vor. Ich habe gesehen, wie zuckersüß du mit dieser Frau Meier‑Westphal gesprochen hast.“

Du liebe Güte! Nun sei doch vernünftig, Rita! Diese Frau ist die neue Verwaltungsdirektorin. Und sie ist nicht irgendeine Frau Meier‑Westphal. Sie ist die Enkelin vom Gründer dieser Klinik. Der Name genießt ja einigen Ruf. Das weißt du auch ganz genau. Mehr ist da nicht dahinter. Wir haben mit ihr zu tun. Das ist nun mal so. In einem Krankenhaus wie diesem und auch in jedem anderen ist der Verwaltungsdirektor eine Persönlichkeit, an der man nicht vorbeigehen kann. Ob das nun ein Mann oder eine Frau ist, das hat damit überhaupt nichts zu tun.“

Rede doch nicht um den heißen Brei herum!“, rief sie aufgebracht. „Sie gefällt dir, das ist alles. Ich weiß genau, wie du eine Frau ansiehst, wenn sie dir gefällt.“

Wirklich, weißt du das?“, erkundigte er sich ironisch. „Du scheinst mich ziemlich genau zu beobachten.“

Ja, das tue ich. In letzter Zeit jedenfalls, seit mir aufgefallen ist, wie du mich behandelst.“

Vielleicht ist diese Art“, entgegnete er, „von dir beobachtet zu werden, auch für mich nicht gerade sehr reizvoll. Vielleicht stört mich das. Vielleicht ist das die Ursache für die, wie du sagst, ausfallende Heftigkeit meinerseits.“

O nein. Du machst es dir reichlich einfach. Ich bin nicht blind. Ich hab' doch gesehen, wie du um diese Meier‑Westphal herumscharwenzelt bist. Dabei ist diese Frau älter als du.“

Du lieber Himmel. Sie ist vierzig. Da kann eine Frau so jung und so dynamisch sein, jünger und dynamischer vom Naturell her als manche Zwanzigjährige“, erwiderte Lothar.

Das scheint überhaupt eine Altersgruppe zu sein, die dich anspricht“, behauptete Rita.

Er lachte.

Nun fang bloß nicht wieder das Theater mit der Schwester Thekla an. Die Platte ist ja nun wirklich abgelaufen.“

Vielleicht bei dir“, erwiderte sie. „Aber nicht bei Schwester Thekla. Für die bist du immer noch der Größte. Die hat nicht aufgegeben. Wird nie aufgeben. Es sei denn, ihre Leidenschaft für dich schlägt um in Hass. Das kann auch sein.“

Du siehst Gespenster!“

Er schlug sich auf den Schenkel und sagte in plötzlichem Ernst:

Wollen wir uns nicht wie Erwachsene unterhalten? Unser bisheriges Gespräch war einfach kindisch. Wir sollten uns, das habe ich schon einmal gesagt, auf die Operation dieses Kindes konzentrieren.“

Er hob die Röntgenaufnahmen hoch, reichte eine davon Rita hinüber und sagte:

Der Junge ist fünf Jahre alt. Sie ist nahezu klassisch, diese Mitralinsuffizienz. Sieh es dir hier auf diesen beiden Aufnahmen an. Da ist die Herzklappe offen, hier ist sie, oder sollte sie geschlossen sein. Da siehst du ganz deutlich, dass sie nicht schließt. Wir werden den Klappenbasisring einengen und die Klappensegel restaurieren. Durch diese Wiederherstellung der Klappensegel müsste die Schlussfähigkeit der Klappen sicher sein.“

Über den medizinischen Fall vergaß Rita zunächst ihre eigenen Probleme. Sie war eine begeisterte Ärztin, und alles, was damit zusammenhing, ging ihr vor, so sehr sie auch im

Augenblick die eigenen Probleme berührten.

Sie hielt die Aufnahmen gegen das Licht und verglich beide miteinander.

Könnte es nicht sein?“, fragte sie, „dass die Klappe rechts schon weitgehend geschrumpft ist?“

Nein, das ist nicht der Fall. Das siehst du doch.“

Es sieht aber so aus, als wäre sie schon zerstört. Da müsste man ja eine künstliche Herzklappe einsetzen.“

Unsinn, das Kind ist fünf Jahre alt!“, widersprach er heftig. „Da ist noch nichts geschrumpft. Dafür ist das Kind viel zu jung. Du redest manchmal einen Blödsinn!“, rief er heftig.

Sie sah ihn erschrocken an.

Warum schreist du denn so? Jetzt tust du es schon wieder.“

Kannst aber nicht behaupten, dass hier Publikum dabei ist. Wenn wir unter uns sind, können wir doch wenigstens noch so reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist, oder?“

Sie verbiss es sich, noch etwas zu sagen, blickte auf die Aufnahmen, nahm sie dann die nächsten und verglich sie miteinander.

In Wirklichkeit hatte sie etwas angesprochen, das er schon längst befürchtete, was aber aus den Röntgenaufnahmen nicht ersichtlich gewesen war, nämlich den Zustand der Herzklappen. Seine Sorge, sie könnten derartig deformiert sein, dass sie nicht mehr wiederherzustellen waren, bedeutete nicht nur eine sehr schwere Operation, sondern darüber hinaus die große Gefahr des tödlichen Ausgangs oder zumindest möglicher Spätkomplikationen, die dann zum Tode führen würden.

Also gut“, entschied er, „wenn du nicht dabei sein willst, kann ich ja auf deine Mitwirkung verzichten. Ich müsste es nur jetzt wissen, dann werde ich Fräulein Hoymel an deiner Stelle einsetzen. Sie wird sich sicher freuen.“

Rita schwieg. Noch vor einem Vierteljahr hätte sie gelacht, weil sie wusste, dass Dr. Elsbeth Hoymel keine sehr talentierte Chirurgin war und es auch möglicherweise nie werden würde. Und sie wusste von sich selbst, dass sie Dr. Hoymel weit überlegen war. Aber jetzt fühlte sie sich so verunsichert, dass sie den Vergleich noch nicht einmal mehr in Betracht zog und auch nichts sagte.

Auch Lothar wusste natürlich, dass Dr. Hoymel Rita nicht das Wasser reichen konnte. Er wusste es und wartete auf Ritas Reaktion. Er blickte sie an. Aber sie hielt den Kopf gesenkt, und er spürte ihre Unsicherheit.

Etwas an ihrem Verhalten reizte ihn geradezu, sie erneut herauszufordern.

Wenn du also nicht operierst“, erklärte er, „kannst du die Voruntersuchung für die Operation von morgen leiten. Ich möchte, dass du den Tumor untersuchst bei diesem neunjährigen Mädchen und diese Gallengeschichte von dem zwölfjährigen Jungen. Weißt du, was ich meine?“

Sie nickte.

Natürlich, sie liegen ja auf meiner Station. Aber sag mal, das Mädchen mit dem Tumor, wie du sagst, bist du sicher, dass das ein Tumor ist?“

Er sah sie groß an.

Was heißt denn nun hier: „Bist du sicher?“ Was soll das bedeuten?“

Weil ich weiß, dass dieses Mädchen“, erklärte sie ihm, „vor einem halben Jahr einen Unfall hatte. Sie ist auf einem Kinderspielplatz auf einer Rutschbahn mit einem Jungen zusammengeprallt. Beide mit den Köpfen. Und wie mir der Vater erzählte, ist sie wohl anschließend auch besinnungslos gewesen, also eine Commotio. Vielleicht“, fuhr sie fort, „hat es infolge dieser Gehirnerschütterung einen Bluterguss gegeben.“

Diesmal antwortete er nicht so unbeherrscht, sondern erwiderte:

Ich glaube nicht, dass das richtig ist. Der Röntgenaufnahme nach sah es einem Tumor verteufelt ähnlich. Ich will nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass es ein Tumor ist. Aber mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit, würde ich behaupten. Denn wäre es so, wie du sagst, hätten die Beschwerden, Bewusstlosigkeit in letzter Zeit die Hirndruckerscheinung und das alles wesentlich früher einsetzen müssen.“

Sie wusste, dass er ein hervorragender Arzt war, ein erstklassiger Operateur, bei dem sie noch nie einen Fehler erlebt hatte. Und gerade das, seine Perfektion nämlich, seine Vollkommenheit in dieser Hinsicht, verstärkte ihre Unsicherheit. Deshalb hielt sie sich selbst für untalentiert und unzulänglich. Und dieser Komplex nahm ständig zu, zumal er ihr das kleinste Versehen wie einen schweren Fehler ankreidete.

Also, wenn du morgen nicht dabei bist“, erwiderte er ziemlich heftig, „dann muss ich jetzt gehen. Ich muss sehen, dass ich die Hoymel auftreibe, und der noch ein paar passende Worte zu dem sagen, was morgen zu tun ist.“

Er war aufgestanden, und sie erhob sich jetzt ebenfalls, blickte ihn an in der Hoffnung, er würde noch eine nette Geste, ein freundliches Wort finden. Aber so, wie sie ihn da stehen sah, wurde ihr klar, dass sie darauf nicht zu hoffen brauchte.

Geschäftig, wie auf einer normalen Routinebesprechung, sagte er:

Es ist also so weit alles klar. Ich will sehen, dass ich jetzt wegkomme. Wir sehen uns dann morgen in der Mittagspause.“

Sie streckte die Hände vor, so als wollte sie ihn halten, und meinte:

Willst du so gehen?“

Er sah sie an, machte große Augen und fragte überrascht:

Was heißt ,so gehen'?“

Er blickte an sich herunter.

Ist denn was mit meinem Anzug?“

Unsinn, das meine ich doch nicht! Du weißt doch ganz genau …“

Er machte ein verständnisloses Gesicht.

Was soll ich denn wissen? Ich muss jetzt gehen. Ich muss die Hoymel auftreiben, mit ihr reden. Das weißt du doch. Also, Zeit ist Geld. Mach es gut. Bis morgen also.“

Er ging und gab ihr noch nicht einmal die Hand. Kein Kuss, keine Umarmung wie früher. Er zog einfach davon wie aus einem Geschäft und knallte die Tür hinter sich zu, dass Rita zusammenschrak, als wäre ein Schuss gefallen.


*


Kurz vor acht ging es in der Station zu wie in einem Bienenhaus. Um acht Uhr war die erste Operation angesetzt. Das war jene operative Korrektur des Herzklappenfehlers des fünfjährigen Siegfried Mengels.

Rita hatte alle Vorbereitungen mit getroffen, und zusammen mit dem Narkosearzt Dr. Bert Frenzel die Ruhigstellung des Patienten durchgeführt. Jetzt im Vorbereitungszimmer erfolgte die eigentliche Narkose.

Die Schwestern kamen. Schwester Erika, deren blonde Haarpracht kaum unter der Haube zu bändigen war und die aus ihren strahlend blauen Augen Rita einen Gruß zublinzelte.

Auch Schwester Thekla tauchte kurz auf. Mit ihrem strengen Gesicht, dem unnahbaren, alles durchdringenden Blick ihrer grauen Eulenaugen, wie Rita sie nannte. Schwester Thekla war die fähigste Operationsschwester, die Rita in ihrem Leben kennengelernt hatte. Das war die eine Seite. Die andere Seite der dunkelhaarigen, schlanken Vierzigjährigen war ihre offene Verehrung für Lothar. Und so ließ sie auch keine Gelegenheit vergehen, wo sie nicht versuchte, Rita ihre Abneigung zu zeigen, sie ihre Eifersucht spüren zu lassen. Manchmal kam es Rita vor, als wäre es schon der reine Hass. Dabei war sich Schwester Thekla durchaus ihres Könnens und ihres Rufes bewusst, der auch seinen Triumph in dem Ausspruch von Prof. Dr. Hechler, dem Chefarzt dieser Klinik, fand, der da sagte: „Ärzte gibt es viele. Aber eine Operationsschwester wie Schwester Thekla finden wir nicht wieder.“

Auch Lothar tauchte kurz auf. Er nickte Rita nur kurz zu wie einer Wildfremden, dann ging er weiter. Die quirlige, strohblonde Dr. Elsbeth Hoymel wirbelte vorbei, zwitscherte einen fröhlichen Gruß, als wäre sie auf dem Weg zu einer Faschingsparty. Dann waren sie alle weg. Der kleine Patient, die Schwestern, die Ärzte. Und Rita setzte sich an den Schreibtisch im Arztzimmer der Station, wollte gerade etwas notieren, als die Stationsschwester Jutta eintrat.

Schwester Jutta war schon über fünfzig, eine große, schlanke Frau, die auch jetzt noch attraktiv wirkte und deren Äußeres nichts von dem harten Schicksal verriet, das hinter Schwester Jutta lag.

Rita wusste, dass Schwester Jutta jahrelang mit ihrem Mann zusammen in Afrika in einer Klinik gearbeitet hatte. Ihr Mann als Arzt, sie als Operationsschwester. Ihr Mann und ihre beiden Kinder waren einer Epidemie zum Opfer gefallen. Schwester Jutta allein überlebte und ging nach Deutschland zurück. Seitdem arbeitete sie hier im Hause als Stationsschwester. Und Rita konnte sich keine bessere Mitarbeiterin denken. Sie verfügte gerade hier in der Kinderklinik über jene Erfahrung und das gewisse mütterliche Etwas, das im Umgang mit kleinen Patienten möglicherweise wichtiger war als manche Medizin.

Sie lächelte Rita aufmunternd zu und meinte: „Herr Dr. Hartmann wird es schon schaffen.“

Rita hatte an etwas ganz anderes gedacht.

O ja“, erwiderte sie, „er schafft es schon.“

Die Stationsschwester stemmte sich an den Rand des Schreibtisches und blickte beinahe fürsorglich auf Rita herab.

Sie wirken etwas betrübt. Sind Sie traurig, dass Sie nicht mit operieren können?“

Ich wollte es nicht“, erklärte Rita.

Schwester Jutta nickte.

Na ja, man ist nicht immer in Form. Trinken Sie einen Kaffee mit?“

Aber nur, wenn es ein Selbstgebrauter ist und keiner aus dem Automaten.“

Haben Sie schon einmal erlebt, dass ich Kaffee aus dem Automaten getrunken habe?“, fragte Schwester Jutta. „Wie ist es, waren Sie schon bei der kleinen Monika? Sie hat furchtbare Kopfschmerzen. Ich weiß nicht, was ich ihr noch geben soll.“

Und Dr. Hartmann glaubt“, erwiderte Rita, „dass es ein Tumor ist. Aber ich hoffe zu Monikas Gunsten, dass es ein Bluterguss ist, ein subdurales Hämatom.“

Also ein Bluterguss innerhalb der harten Hirnhaut“, erwiderte Schwester Jutta. „Das wäre wirklich besser. Aber es spricht einiges dagegen. Der Sturz an der Rutsche, von dem der Vater erzählt hat, der ist doch vor einem halben Jahr schon passiert. Und so etwas macht sich doch früher als nach einem halben Jahr bemerkbar.“

Vielleicht rührt es auch von einer ganz anderen Geschichte her“, meinte Rita. „Sie wissen doch, wie Kinder sind. Die erinnern sich manchmal nicht mehr daran. Möglicherweise beruht das Ganze auf einem Geschehen, das sich erst vor einigen Wochen ereignet hat. Und dann traten natürlich die Kopfschmerzen auf, der Hirndruck. Alles das ist in seiner Entwicklung wie beim Tumor. Und auf der Röntgenaufnahme ist es nun tatsächlich nicht gut zu sehen. Es könnte durchaus ein Tumor sein.“

Solche Tumore“, erwiderte die erfahrene Schwester, „bilden sich auch gern nach solchen Unfällen. Nach einer längeren Zeit allerdings. Aber immerhin, es ist also nicht ausgeschlossen, dass es ein Tumor ist. Hoffentlich ein gutartiger.“

Ja, ich hoffe auch, dass es ein benigner Tumor ist und kein maligner“, erwiderte Rita.

Heute Nachmittag kommt der Vater. Der möchte mit Herrn Dr. Hartmann sprechen“, sagte Schwester Jutta. „Herr Pförtner ist ein Steuerberater, ein sehr impulsiver Mann. Er wird Fragen stellen. Er drängt darauf, dass wir etwas tun.“

Wir können nicht voreilig operieren bei diesem labilen Kreislauf. Wir müssen sie wirklich noch sorgsam beobachten. Jede Operation ist ein Risiko“, erwiderte Rita. „Aber wir treffen jetzt die Vorbereitung dafür, die Untersuchung abzuschließen. Wir müssen ganz sicher sein. Je nachdem, was die neuesten Röntgenaufnahmen bringen. Ich möchte am liebsten heute Morgen noch einmal röntgen. Aber dazu müsste ich die die Zustimmung von Herrn Dr. Hartmann haben.“

Sie fragte sich, ob sie mit ihm noch in den Operationspausen darüber sprechen sollte oder erst zu Mittag. Oder war es richtiger, die Patientin einfach zu Frau Bargteheide hinunterbringen zu lassen, damit die in der Röntgenabteilung neue Aufnahmen machte.

Ich nehme es auf meinen Hut“, erklärte sie der Schwester. „Ich rufe gleich mal Frau Bargteheide an, vielleicht kann die Monika heute morgen noch drannehmen.“

Ich denke, Sie wollten Herrn Dr. Hartmann fragen?“

Schwester Jutta sah Rita verblüfft an.

Und jetzt auf einmal nicht mehr?“

Es gibt zwei, drei Sachen, die ich auch auf meine Verantwortung nehmen kann“, erwiderte Rita schroffer, als sie selbst es wollte.

Da haben Sie recht“, stimmte ihr Schwester Jutta zu. „Sie fragen viel zu viel. Wir hatten früher einen Stationsarzt hier, der hat nicht so viel gefragt. Der war der Meinung, auch ein Stationsarzt müsste dies und jenes entscheiden können, ohne erst den Oberarzt oder den Chef fragen zu müssen. Tun Sie das ruhig. Es ist ja klar, Sie sind verlobt mit Herrn Dr. Hartmann, und da fragt man eben doch schon mal eher. Aber wenn Sie meine Meinung hören wollen, und ich bin ja schließlich auch lange verheiratet gewesen: Man darf die Männer so viel gar nicht fragen. Wer viel fragt, bekommt viel Antwort. Ich kann auch Frau Bargteheide selbst anrufen, Fräulein Doktor. Die Arbeit brauchen Sie sich nicht zu machen. Vielleicht sehen Sie noch mal nach der Kleinen. Diese Kopfschmerzen! Das Kind kann einem furchtbar leid tun.“

Rita stand auf.

Ja, ich sehe nach ihr.“

Sie verließ das Zimmer, ging hinaus auf den Gang. Dort war es jetzt mit einem Mal, seit die Operationen begonnen hatten, still.

Rita ging zum Zimmer dreihundertelf, in dem die kleine Monika lag.

Noch bevor Rita die Tür erreichte, hörte sie eine ziemlich dunkle Frauenstimme sagen: „Schwester, ist Fräulein Dr. Schönauer hier?“

Die helle Stimme einer koreanischen Zimmerschwester erwiderte:

Da hinten, das ist Dr. Schönauer.“

Rita wandte sich um, sah eine große, blonde Frau näherkommen. Ihre hochhackigen Schuhe hackten auf den Fliesen des Ganges, und der weite, dunkelblaue Rock umwehte die schlanken Beine. Jetzt, als sie an den Bereich eines Fensters trat, sah Rita auch mehr vom Kopf und Oberkörper. Das lange, blonde Haar war in der Mitte gescheitelt und reichte bis zu den Schultern. Die mit hochmodischen Mustern bedruckte gelbe Bluse umspannte Brust und Schultern der Frau wie eine zweite Haut.

In dem Augenblick hatte Rita sie erkannt. Frau Meier‑Westphal, die neue Verwaltungsdirektorin.

Rita war einfach stehengeblieben und hatte gewartet, dass Frau Meier‑Westphal näher kommen würde. Und dann standen sie sich gegenüber. Inge Meier‑Westphal war etwas größer als Rita. Aber das war es nicht, das Rita im Augenblick beeindruckte. Was ihr mehr auffiel, war die Art, wie Inge Meier‑Westphal ihre Kleidung trug. Das musste ja eine Herausforderung für jeden Mann sein. Und allmählich begann sie zu ahnen, spürte sie, wie gefährlich diese Frau ihr werden konnte, wenn es um Lothar ging.

Inge Meier‑Westphal lächelte.

Hallo!“, rief sie und streckte Rita die Hand entgegen. „Wir haben uns zwar allgemein begrüßt gestern. Aber eine richtige Begrüßung war das ja noch nicht. Ich wollte Sie persönlich einladen.“

Rita schlug in die Hand ein, lächelte zurück.

Einladen?“, fragte sie.

Ja, einladen. Ich muss ja eine Antrittsparty geben, das ist ja wohl selbstverständlich. Und ich wollte keine allgemeine Einladung verschicken, sondern jede der Damen und jeden der Herren persönlich darum bitten, an dieser Party teilzunehmen.“

Herzlichen Dank. Und wann wäre das?“, fragte Rita, der schon bei dem Gedanken grauste, zu dieser Party zu müssen. Aber diese verflixten Einladungen waren nun einmal üblich. Sie konnte da nicht passen.

Ich dachte an übermorgen. Der Chef der inneren Abteilung hat mir zu diesem Tag geraten. Er meint, freitags würden keine größeren Operationen gemacht. Und daher sei der Donnerstag günstiger als ein Samstag, zumal die dienstfreien Herrschaften häufig das Wochenende über verreist seien.“

Ja, das ist richtig“, bestätigte Rita.

Sie kommen also?“, Inge Meier‑Westphal lächelte charmant.

Mein Gott, dachte Rita, diese Frau lässt keinen Widerspruch aufkommen. Sie ist wirklich nett. Das muss ich zugeben. Und sie sagte: „Ja, ich komme natürlich gem. Haben Sie schon mit meinem Verlobten gesprochen?“

Ihr Verlobter?“, fragte Inge Meier‑Westphal verwundert. „Wer ist das?“

Ich habe geglaubt, Sie könnten sich noch an gestern erinnern. Man hat Herrn Dr. Hartmann und mich als Verlobte vorgestellt.“

Ach ja, jetzt fällt es mir ein“, rief Inge Meier‑Westphal. „Entschuldigen Sie, dass ich das vergessen hatte. Natürlich, aber ich habe ihn noch nicht eingeladen. Er ist ja gerade dabei, eine schwere Operation durchzuführen. Die wird übrigens von unserem hauseigenen Fernsehen aufgezeichnet, habe ich mir erklären lassen.“

Ja, das tun wir zuweilen bei schwierigen Operationen“, erklärte Rita. „Und das ist möglicherweise eine schwere Operation. Vielleicht sogar eine äußerst kritische. Das hängt jetzt davon ab, in welchem Zustand sich die Herzklappe des kleinen Patienten befindet.“

Ich sehe, Sie nehmen sehr Anteil am Schicksal Ihrer kleinen Kranken.“

Rita nickte.

Das ist wohl selbstverständlich. Sonst würde ich nicht in der Pädiatrie arbeiten, sondern in einem Krankenhaus für Erwachsene.“

Vielleicht sind Sie so nett und informieren Ihren Verlobten. In diesem Falle brauche ich ja wohl die Einladung nicht selbst auszusprechen.“

Rita nickte.

Ja, ich werde es ihm sagen. Herzlichen Dank.“

Sie reichten sich wieder die Hände und verabschiedeten sich. Dann ging Inge Meier‑Westphal mit tackenden Schritten wieder zurück, während Rita das Zimmer der kleinen Monika betrat.

Das neunjährige blonde Mädchen lag blass in den Kissen. Sie war zwar wieder bei Bewusstsein, aber die Augen waren von den Schmerzen und dem Druck auf das Hirn gerötet.

Rita setzte sich an ihr Bett, nahm die rechte Hand der Kleinen, fühlte den Puls so beiläufig und sah Monika lächelnd an.

Es wird bald besser werden“, sagte sie.

Monika bewegte nur die Augen in Ritas Richtung.

Es tut furchtbar weh. Es tut ganz schlimm weh. Bitte … bitte, helfen Sie mir, Fräulein Doktor.“


*


Die Alois‑Bednar‑Klinik gehört zu den modernsten Kinderkrankenhäusern Deutschlands. Deshalb kamen auch sehr oft Studenten, die mit den vielen besonders das Fachgebiet der Pädiatrie – der Kinderheilkunde – studierten, in diese Klinik, um Operationen beizuwohnen. Im Gegensatz zu Operationen in Hörsälen, wo die Zuschauer hinter Glasscheiben direkt zusehen konnten, gab es hier einen Raum, in dem sich vier Monitore befanden, die jeweils übertrugen, was vier Fernsehkameras im Operationssaal aufnahmen. Die eine Fernsehkamera war direkt in der Operationsbeleuchtung eingebaut, so dass für den Zuschauer mehr zu erkennen war, als das normalerweise als Zuschauer möglich gewesen wäre.

Inge Meier‑Westphal nahm in diesem Raum Platz, vorn saßen noch drei junge Assistenzärzte, die aus Mannheim gekommen waren, wie sie ihr vorhin erzählt hatten. Die drei verfolgten das Geschehen mit äußerstem Interesse, kommentierten teilweise dazu und nahmen die Gegenwart von Inge Meier‑Westphal kaum noch zur Kenntnis.

Eine Weile interessierte Inge die Operation selbst. Doch dann irrte ihr Blick immer wieder zu dem Manne ab, der die Regie führte, zu Dr. Lothar Hartmann, dessen Hände, dessen Gesicht, soweit sie es überhaupt sehen konnte, sie nicht mehr aus den Augen ließ. Sie war fasziniert von ihm und seinem ihr genial vorkommenden Geschick, wie er diese Operation durchführte. Sie hörte auch die Bewunderung an den Kommentaren jener drei jungen Ärzte, die das auf den Monitoren beobachteten.

Einer dieser Monitore brachte die Totalaufnahme des Operationssaales und nicht nur einen Ausschnitt der Operation. Hier konnte Inge Dr. Hartmann in seiner ganzen Größe erkennen, und von da an blickte sie nur noch auf diesen Monitor, während die drei jungen Ärzte natürlich den dritten Monitor beobachteten, der die Operation selbst im Ausschnitt genauestens darstellte.

In diesem Augenblick beschloss Inge Meier‑Westphal, diesen Mann, der dort um das Leben eines Kindes kämpfte, für sich zu gewinnen. Flüchtig erinnerte sie sich Fräulein Dr. Schönauers. Doch dabei kam sie zu der Überzeugung, dass es keines schweren Kampfes bedürfen würde, ihr diesen Mann auszuspannen.

Er wird mein sein, dachte sie. Ich finde ihn wunderbar. Er ist ungeheuer, er ist phantastisch.

Befriedigt über ihren Entschluss lehnte sie sich zurück und genoss es, dem zuzusehen, den sie für sich auserkoren hatte.


*


Rita steckte gerade die Röntgenaufnahmen vom Schädel der kleinen Monika in die Lichtleiste, als die quirlige Elsbeth Hoymel ins Zimmer wirbelte.

Kommst du mit, Rita? Wir wollen zum Essen gehen.“

Rita sah sie an, fragte:

Wie ist das mit dem kleinen Siegfried ausgegangen?“

Dieser Arzt ist ein Genie. Er ist einfach himmlisch, sage ich dir. So einen Mann wünsche ich mir auch mal. Und du bekommst ihn. Ich könnte vor Neid erblassen. Er ist wirklich genial.“

Es ist also gelungen? Konnte er es so korrigieren, oder habt ihr eine künstliche Herzklappe einsetzen müssen?“

Er hat es so korrigiert. Es war wahnsinnig schwer, weißt du. Auch Bert hat gemeint, das hätte von hundert erstklassigen Chirurgen vielleicht einer geschafft, wie er das gemacht hat. Du, weißt du, was Bert auch sagt? Bert sagt: Dr. Hartmann ist besser als der Chef.“

Rita blickte an Dr. Elsbeth Hoymel vorbei zur Tür hin, wo der Anästhesist Dr. Bert Frenzel eintrat.

Hallo, Leute!“, rief er überschwänglich.

Er war untersetzt, sportlich und sah immer so aus, als käme er direkt aus der Sommerfrische. Nur sein brünettes Haar wurde immer schütterer. Er besaß jetzt schon eine deutliche Stirnglatze. Seine große Sorge, die davon nicht kleiner wurde, dass er die verbliebenen Haare alle nach vorn kämmte, um die kahlen Stellen zu überdecken.

Ich höre Lobeshymnen“, erklärte Rita.

Dazu besteht auch aller Grund. Er war wieder mal ganz groß. Ein Cassius Clay der Medizin.“

Das müsst ihr ihm selbst sagen. Ich nehme an, es freut ihn.“

Im Gegenteil, ich habe es vorhin sagen wollen. Er hat mir Prügel angedroht, wenn ich noch einmal etwas Derartiges erwähne.“

Rita mochte Bert sehr. Sie mochte ihn, wie man einen Bruder oder einen Schulkameraden mag. Bert war immer zu Streichen aufgelegt. Er war wie ein großer Junge, einer von denen, die auch mit fünfzig noch nicht erwachsen sind. Dabei war er als Narkosearzt hervorragend. Und in seinem Beruf war er durchaus ernsthaft. Doch in der Freizeit galt seine ganze Leidenschaft einer 600er BMW. und mit dem schweren Motorrad und möglichst einer Beifahrerin jubelte er durch die Stadt und über die umliegenden Landstraßen. Darüber hinaus war er der Tennischampion weit und breit, was ihm nun wiederum die Garantie bot, immer eine adrette Beifahrerin für seine wilden Motorradfahrten zu finden.

Und dann kam Lothar selbst herein.

Essen wir nun hier oder unten?“, fragte er.

Es hat niemand was nach oben bestellt. Wir müssen schon runtergehen“, erwiderte Bert.

Lothar sah Rita an.

Ich habe gerade Frau Bargteheide getroffen. Und wie ich höre, hast du die Kleine noch einmal röntgen lassen. Ich kann mich nicht erinnern, dir das gesagt zu haben.“

Rita durchlief es wie Eis.

Ich hielt es aber für nötig. Ihr Zustand hat sich verschlechtert, deutlich.“

Seit der Visite?“, fragte er.

Überhaupt! Seit gestern schon!“

Dann hätte ich es auf der Visite doch bemerken müssen!“, fauchte er sie an.

Bert erhob sich, machte eine Kopfbewegung zu Elsbeth hin und sagte:

Also, ich gehe jetzt essen. Kommst du mit, Elsbeth?“

Dr. Elsbeth Hoymel nickte, dann gingen die beiden aus dem Zimmer. Rita wollte auch gehen, aber Lothar packte sie am Arm und zischte ihr zu:

Du bleibst noch einen Augenblick!“

Sie wollte sich losreißen, aber sein Griff war wie eine Stahlklammer. Als die Tür sich hinter Bert schloss, knurrte er sie an:

Deine Eigenmächtigkeiten gehen mir langsam auf den Wecker, hast du verstanden? Man kann diesen Kinderschädel nicht immer wieder Röntgenstrahlen aussetzen. Wenn wir operieren, dann müssen wir sie auch noch ständig röntgen. Es ist ein Unfug, was du da machst. Du glaubst, du nützt dem Kind, in Wirklichkeit fügst du ihm Schaden zu!“

Du hast das letzte Mal vor einer Woche röntgen lassen. Inzwischen könnte es, wenn es sich um einen Tumor handelt, zu einer starken Verschlechterung gekommen sein. Immer wieder kommt es zu Bewusstseinsstörungen.“

Und du glaubst, das wüsste ich nicht?“

Warum operierst du dann nicht endlich?“

Ich werde sie operieren. Und zwar dann, wenn ich es für richtig halte. Das greife ich nicht irgendwie aus der Luft.“

Dann sieh dir bitte die neuesten Aufnahmen an! Da sind sie nämlich!“, schrie sie ihn an.

Er gab darauf keine Antwort, schaltete nur das Licht der Lichtleiste ein und betrachtete die Aufnahmen. Es waren drei. Schweigend blickte er auf die Negative, schaltete dann das Licht aus und meinte:

Nun gut, in einem Punkt hattest du recht. Das heißt, du hast es ja auch nur vermutet oder geraten. Es ist also auf alle Fälle mal kein Tumor. Das ist vielleicht beruhigend. Insofern ist eine Verschlimmerung nicht möglich.“

Ich habe auch gesehen, dass es ein subdurales Hämatom ist. Aber es ist trotzdem zu einer Verschlimmerung gekommen. Die Schmerzen sind so stark, das Kind wimmert ja den ganzen Tag. Es hat mich angefleht, ihm zu helfen. Es ist ein tapferes Kind. Es ist nicht wehleidig. Man kann es doch nicht dauernd unter Drogen halten, nur um ihm die Schmerzen zu nehmen.“

Du hast ein paar Kleinigkeiten übersehen, mein Schatz“, erwiderte er gelassen. „Wir haben gestern ein EKG gemacht. Demzufolge müssen wir das Kind erst etwas kräftigen. Wir sind noch nicht so weit. Es ist zwar schon eine Besserung im gesamten Zustand eingetreten, und wahrscheinlich ist diese Besserung auch schuld daran, dass sich die Symptome verstärken. Kreislauf und Herztätigkeit haben sich nur zögernd verbessert. Die Möglichkeit zu operieren ist aber noch nicht da. Wir müssen noch ein paar Tage warten. Und wann ich operieren kann, entscheide nicht ich, sondern der Zustand des Kindes. Was nützt mir eine schnelle Operation, um dem Kind die Schmerzen zu nehmen, und es kommt während der Operation oder danach zu einem Kreislaufzusammenbruch.“

Das habe ich auch bedacht. Nach meiner Meinung wäre eine Operation jetzt schon möglich.“

Nach meiner Meinung nicht“, widersprach er. „Aber bitte sehr, aufgrund deiner reichhaltigen Erfahrung kannst du ja, wenn du willst, die Operation selbst durchführen.“

Du bist wieder furchtbar, ausgesprochen scheußlich bist du“, erklärte sie.

Ich finde es nur gediegen“, meinte er, „dass ich von allen Leuten, von wildfremden, Komplimente, Freundlichkeiten und was weiß ich noch alles an netten Worten erfahre und höre. Nur von dir, die doch wirklich Grund hätte, etwas Nettes zu sagen, von dir höre ich nur Negatives.“

Geht es mir anders?“

Eine Weile schwiegen sie beide, dann sagte Rita:

Ich habe übrigens eine Einladung für Donnerstagabend zu einer Party von Frau Meier‑Westphal.“

Ja, ich weiß“, entgegnete er. „Sie hat es mir vorhin, als wir aus dem OP kamen, selbst erzählt. Sie hat sich die Operation nebenan im Monitorraum angesehen.“

Da müssen wir ja wohl hingehen“, meinte sie.

Er zuckte die Schultern.

Natürlich müssen wir hingehen!“

Könntest du mich nicht zum Dienst einteilen?“, fragte sie plötzlich. „Jemand muss ja auf der Station sein.“

Er sah sie verblüfft an.

Was soll das nun wieder heißen?“

Sie vermied es, ihn anzublicken, schaute zum Fenster hinaus auf die Kastanien im Sonnenschein, auf die Vögel, auf das Land, auf die Dächer der Stadt.

Das heißt, dass ich lieber Dienst machen möchte, als dahin zu gehen. Ich möchte mich nicht von dir vor allen Leuten wieder anschreien lassen einer Nichtigkeit wegen.“

Aha, jetzt sind es also Nichtigkeiten, wenn ich dir mal Bescheid sage, wenn du Dinge tust, die ausgesprochen falsch sind, wie diese Aufnahmen heute wieder!“

Diese Aufnahmen haben dir aber auch gezeigt, dass es sich nicht um einen Tumor handelt. Und es hätte ein Tumor sein können, das hast du ja selbst vermutet.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910360
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
liebe

Autor

Zurück

Titel: Wie weit die Liebe geht