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Der lebende Tote

2017 120 Seiten

Zusammenfassung


Der Tod bringt nicht etwa die Erlösung, sondern das Grauen …
Als die vielen Menschen, an diesem schwülwarmen Tag, den Leichenzug des grausamsten Verbrechers der Stadt begleiteten, um sich von dessen Tod zu überzeugen, konnten sie nicht ahnen, dass die schrecklichen Ereignisse der vergangenen Jahre an diesem Tag keineswegs ein Ende hatten, sondern erst ihren Anfang nehmen sollten.
Ein heftiges, nie dagewesenes Unwetter, fegte plötzlich, wie aus dem Nichts kommend, während der Beisetzung über der Friedhof hinweg. Die Anwesenden flüchteten in blinder Panik, rannten sich gegenseitig um und suchten in der nahen Kirche Schutz vor umstürzenden Bäumen und herumfliegenden Gesteinsbrocke.
Nachdem das stärkste Gewitter aller Zeiten genauso unvermittelt vorüber war, wie es begonnen hatte und alle hastig die schützende Kirche verließen, fiel nur dem hinzugerufenen David Connors auf, dass es auf dem Friedhof keine sichtbaren Beweise für das eben Erlebte gab, nicht einmal herabgefallene Blätter.
Damit sah er seine Vermutung bestätigt, dass so einer gigantischen Naturgewalt, wie der von eben, etwas Unheimliches anhaftete. Wie recht er jedoch mit dieser Annahme haben sollte, bewegte sich auch außerhalb seiner Vorstellungskraft, denn als er sich auf dem Friedhof umsah, Beweise für das Unwetter suchte und sich unvermittelt umdrehte, stand der Mann vor ihm, der eigentlich tief in der Erde, in seinem Grab, liegen sollte. Dieser und sah ihn mit rotglühenden Augen grinsend an. Unter dem Arm trug er einen Totenschädel …

Leseprobe

Der lebende Tote


WALTER G. PFAUS



Unheimlicher Roman



I MPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Der Irre mit der Mundharmonika

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:


Der Tod bringt nicht etwa die Erlösung, sondern das Grauen …

Als die vielen Menschen, an diesem schwülwarmen Tag, den Leichenzug des grausamsten Verbrechers der Stadt begleiteten, um sich von dessen Tod zu überzeugen, konnten sie nicht ahnen, dass die schrecklichen Ereignisse der vergangenen Jahre an diesem Tag keineswegs ein Ende hatten, sondern erst ihren Anfang nehmen sollten.

Ein heftiges, nie dagewesenes Unwetter, fegte plötzlich, wie aus dem Nichts kommend, während der Beisetzung über der Friedhof hinweg. Die Anwesenden flüchteten in blinder Panik, rannten sich gegenseitig um und suchten in der nahen Kirche Schutz vor umstürzenden Bäumen und herumfliegenden Gesteinsbrocke.

Nachdem das stärkste Gewitter aller Zeiten genauso unvermittelt vorüber war, wie es begonnen hatte und alle hastig die schützende Kirche verließen, fiel nur dem hinzugerufenen David Connors auf, dass es auf dem Friedhof keine sichtbaren Beweise für das eben Erlebte gab, nicht einmal herabgefallene Blätter.

Damit sah er seine Vermutung bestätigt, dass so einer gigantischen Naturgewalt, wie der von eben, etwas Unheimliches anhaftete. Wie recht er jedoch mit dieser Annahme haben sollte, bewegte sich auch außerhalb seiner Vorstellungskraft, denn als er sich auf dem Friedhof umsah, Beweise für das Unwetter suchte und sich unvermittelt umdrehte, stand der Mann vor ihm, der eigentlich tief in der Erde, in seinem Grab, liegen sollte. Dieser und sah ihn mit rotglühenden Augen grinsend an. Unter dem Arm trug er einen Totenschädel …





Roman:

Der Leichenzug wälzte sich langsam durch den Friedhof. Die Träger des Sarges schwitzten. Die feuchte Schwüle trieb ihnen den Schweiß aus den Poren und durchnässte ihre steifen, weißen Hemdkragen.

Einer der acht Träger fluchte still vor sich hin. Er schwor sich, nie mehr in seinem Leben einen Sarg zu tragen. Selbst dann nicht, wenn ihn sein bester Freund darum bitten würde. Diese drückende Nähe des Todes auf seinen Schultern ging ihm an die Nieren. Jerry Calman war bestimmt kein Angsthase. Und es war auch nicht der erste Sarg, den er zur Grabesstätte trug. Doch dieser Tote auf seinen breiten Schultern machte ihm schwer zu schaffen.

Es war nicht das Gewicht, das ihn störte. Auch nicht die entsetzliche Schwüle. Es war das Wissen um den seltsamen Tod dieses Mannes im Sarg. Ein furchtbarer, schauderhafter Tod. Jerry Colman schüttelte sich, und noch mehr Schweiß brach ihm aus den Poren.

Sie waren vor dem offenen Grab angelangt. Die acht Träger setzten den Sarg ab. Die schwarzgekleideten Trauergäste formierten sich um das Grab.

Eine Menge Leute waren gekommen, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Aber keiner war unter ihnen, der diesen Mann geliebt hatte. Sie hatten ihn alle mehr oder weniger gehasst. Bronco Potter war zeit seines Lebens ein brutaler, gehässiger Mensch gewesen, der seine Mitmenschen peinigte und quälte, wo immer sich eine Möglichkeit für ihn bot.

Am meisten hatten seine Frau Mary und sein Sohn Brian darunter zu leiden.

Brian Potter war dreizehn Jahre alt. Aber er sah aus wie sechzehn. Um seinen Mund hatte sich ein harter, bitterer Zug eingegraben, den er sicherlich in seinem ganzen Leben nicht mehr verlieren würde. Den rechten Arm trug er in einer Schlinge. Sein Vater hatte ihm den Arm kurz vor seinem Tod mit einem einzigen Schlag gebrochen. Aber der Junge hatte keine Träne vergossen. Meisterhaft verbarg er den Schmerz und ging wortlos zum Arzt.

Langsam senkte sich der Sarg in die Tiefe.

Mary Potter stand dicht am Grab und sah dem schwarzen Holzsarg nach.

Und dann kullerten ein paar Tränen über ihre Wangen.


*


Das seltsame, leichte Schaukeln brachte ihn zu sich. Doch es dauerte noch einige Sekunden, bis er fähig war, die Augen zu öffnen.

Als er sie endlich mühsam geöffnet hatte, sah er trotzdem nichts. Wattige, undurchdringliche Schwärze war um ihn.

Er versuchte zu ergründen, wo er war. Aber sein Gehirn funktionierte nicht. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Hinter seiner Stirn schien sich ein zäher, dickflüssiger Brei zu befinden.

Er atmete langsam und ruhig durch. Irgendwelche Geräusche drangen an sein Ohr. Laute und leise Geräusche. Das Schaukeln verstärkte sich. Aber es war ihm nicht möglich, die Töne, die an sein Ohr drangen, zu identifizieren.

Schweiß brach ihm aus und bildete dicke, glitzernde Perlen auf seiner Stirn.

Er fühlte, wie er nach unten sank. Das Schaukeln war plötzlich weg. Er lag ganz still.

Ganz langsam und zäh begann sein Gehirn zu arbeiten. Er spürte, wie er hochgehoben wurde, sein Körper fiel hin und her und prallte gegen Holz. Dann ging es wieder in die Tiefe. Diesmal weiter. Kratzende Geräusche drangen an sein Ohr. Steine gegen Stahl, nein, Holz! Jetzt hörte er es ganz deutlich.

Er musste sich in einem dunklen Holzkäfig befinden oder auch in einer Holzkiste.

Eine Holzkiste?

Ein Sarg! Verdammt, ich bin in einem Sarg!

Die Fahrt nach unten war beendet. Unsanft schlug der Sarg auf dem harten Boden auf. Dann lag er wieder ruhig.

Leises Stimmengemurmel drang zu ihm nach unten. Ein Stein fiel polternd auf den Deckel.

Sie beerdigen mich , dachte Bronco Potter. Aber in seinen Gedanken war nicht die geringste Spur von Panik. Ich erlebe meine eigene Beerdigung. Wer hat das vor mir schon mal erlebt?

Potter fand die Sache interessant. Er nahm sich vor, noch ein wenig abzuwarten, bevor er sich bemerkbar machte. Er wollte hören, ob irgendjemand um ihn weinte. Könnte ja sein. Obwohl er es sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wer um ihn weinen sollte.

Sein Gedankenapparat arbeitete jetzt wieder einwandfrei. Angestrengt horchte er nach oben.

Der Pfarrer begann mit seiner Rede.

Nur Gutes , dachte Potter. Er sagt nur Gutes über mich. Heuchler! Elender verdammter Heuchler! Alle sind sie Heuchler. Nicht mal an meinem Grab haben sie den Mut, die Wahrheit zu sagen.

Dann hörte er jemanden schluchzen. Eine Frau.

Mary!

Ist doch nicht zu fassen. Sie weint. Mary weint um mich. Aber eigentlich hätte ich es mir denken können. Sie hat mich immer geliebt. Sie war die Einzige, die mich liebte. Und wenn ich sie jeden Tag grün und blau geschlagen hätte, sie hätte trotzdem nie aufgehört mich zu lieben.

Verrücktes, dummes Weib. Ich habe deine Liebe nie gebraucht. Nie! Ich wäre auch ohne sie ausgekommen. Wusstest du nicht, dass ich nicht gewollt habe, dass mich jemand liebt? Ich wollte, dass sie mich alle hassen. Ich wollte es so. Sie sollten Angst vor mir haben, vor mir im Dreck kriechen wie Würmer, damit ich sie besser zertreten konnte. Wo immer ich aufgetaucht bin, habe ich Angst und Schrecken verbreitet. Sie haben gezittert, wenn sie mich sahen …

Er unterbrach seine Gedanken. Der Pfarrer hatte seine Rede beendet. Eine Schaufel voll steiniger Erde fiel polternd auf den Sargdeckel. Er zuckte zusammen.

Es ist an der Zeit, dass ich mich rühre.

Eine dämonische Vorfreude erfüllte ihn. Sein ganzes Leben lang hatte er seine Umgebung in Schrecken versetzt. Mit Intrigen, Bosheiten und teuflischer Brutalität. Nun wollte er seinen Taten die Spitze aufsetzen. Er war sicher, dass sie alle gekommen waren, um zu sehen, wie man ihn einbuddelte. Wenn er jetzt gleich aus seinem Sarg steigen würde, dann …

Das wird ihnen einen Schock versetzen, dass sie zu Salzsäulen erstarren. Sie werden schlottern und in panischer Angst davonlaufen.

Er versuchte, einen Arm zu heben um gegen den Sargdeckel zu klopfen. Aber sein Arm blieb still liegen. Er gehorchte den Befehlen seines Gehirns nicht. Nicht der rechte Arm und auch nicht der linke. Dann versuchte er einen Fuß zu heben.

Nichts.

Er war gelähmt, am ganzen Körper gelähmt. Nicht ein Muskel rührte sich.

Verdammt, das gibt’s doch nicht. Ich kann klar denken, höre alles, was da draußen vor sich geht. Aber ich kann mich nicht bewegen. Verflucht noch mal, das ist doch nicht möglich!

Gewaltsam versuchte er, irgendein Glied zu bewegen. Die physische Anstrengung trieb ihm den Schweiß in Strömen aus den Poren. Doch es klappte nicht.

Und dann merkte er, dass die Luft im Sarg knapp wurde. Er hatte zu viel Sauerstoff verbraucht.

Angst trat in seine Augen. Angst um sein neu gewonnenes Leben.

Eine zweite Schaufel Erde krachte auf den Sargdeckel. Die Stimmen wurden lauter. Ein spitzer, erschreckter Ausruf einer Frau. Eine Menge Menschen schrien gellend durcheinander.

Und dann folgte ein berstendes, ohrenbetäubendes Krachen.


*


Sie rannten wie eine aufgescheuchte Hühnerschar durcheinander. Von einer Minute zur anderen waren dunkle, fast blauschwarze Wolken am azurblauen Himmel aufgezogen und machten den eben noch sonnenüberfluteten Nachmittag zur Nacht.

Grelle Blitze zuckten in so rasend schneller Folge vom Himmel, wie es die Menschen auf dem Friedhof noch nie in ihrem Leben gesehen hatten.

Die erschreckten Menschen rannten in panischer Angst durch die Gräberreihen. Rücksichtslos zertrampelten sie Blumen und Kränze und suchten in der nahen Kirche Zuflucht.

Eine alte Frau auf Krücken versuchte, der verängstigten Menge auszuweichen. Aber sie schaffte es nicht. Sie war zu langsam. Irgendjemand rempelte sie an. Sie stürzte schreiend zu Boden. Doch niemand achtete auf sie.

Die Menge stampfte über sie hinweg. Ihre Schreie gingen im krachenden Donner unter.

Als die Trauergäste die Kirche erreicht und sich durch das schmale Tor gezwängt hatten, waren die Schreie der alten Frau völlig verstummt.

Sie war tot.

Aber das bemerkte in diesem Moment niemand. Die ängstlichen Blicke der Menschen waren zum nachtschwarzen Himmel gerichtet. Über dem Friedhof lag tiefste Nacht, und die grellen, zuckenden Blitze gaben dem Bild einen gespenstischen Rahmen.

Der Pfarrer trat vor den Altar, kniete nieder und fing an zu beten. Einige Frauen folgten seinem Beispiel, immer mehr wandten sich erschüttert von dem Geschehen ab und knieten sich in die Bänke.

Ein paar Männer standen am Tor und sahen hinaus. Das gigantische Schauspiel hielt sie gefesselt. Ihre weißen Gesichter hoben sich in der Dunkelheit ab wie helle runde Flecken an einer schwarzen Wand. In ihren Augen spiegelte sich Angst.

Sie sahen einander an. Ein älterer Mann nickte bedächtig und weise, als wollte er sagen, dass man von Potter keinen anderen Abschied von dieser Welt erwarten konnte.

Und dann verstummte der krachende Donner. Kein Blitz zuckte mehr durch die blauschwarzen Wolken. Eine tödliche Stille lag über dem Friedhof. Aber es war nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn plötzlich fegte ein Sturm über die Gräber, der die stabilen Wände der kleinen Kirche erzittern ließ.

Die riesigen, dicken Kastanienbäume bogen sich unter der unbeschreiblichen Wucht des Orkans wie dünne Weiden im leichten Herbstwind. Grabsteine wurden aus dem Boden gerissen und wurden zum Spielball der unheimlichen Naturgewalten. Kleine, junge Bäume fegten wie Speere durch die Luft, krachten an die Außenmauern und hinterließen riesige Löcher.

Die Menschen duckten sich zusammen.

Die Frauen in den Bänken hörten auf zu beten. Sie erhoben sich und drängten sich ängstlich nach hinten in die Sakristei, einem kleinen Anbau hinter dem Altar. Sie glaubten, in dem kleinen Bau sicherer zu sein als in dem hohen Kirchenraum.

Über ihren Köpfen begann es zu rumoren. Mörtel, Staub und kleine Steine prasselten auf sie herunter. Das Dach der Kirche klapperte und wackelte bedenklich.

Nun hielt es auch die Männer nicht mehr an der Kirchentür. Sie schoben sich hinter ihren Frauen in den niedrigen Anbau. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich das Grauen.

Nur einer schien die Gefahr nicht zu sehen: Pfarrer Walker. Er kniete vor dem Altar und betete laut. Doch sein Gebet war nicht zu hören. Das brausende Toben des Sturmes verschluckte jedes seiner Worte.

Über seinem Kopf begann es zu knacken und zu prasseln. Risse zogen sich durch die gewölbte Decke und zerstörten die herrlichen Deckenbemalungen völlig. Immer mehr Mörtel und immer größere Verputzbrocken lösten sich von der Decke und fielen auf den Kopf des unerschrocken weiterbetenden Pfarrers.

Es musste schmerzhaft sein. Aber Pfarrer Walker sah man nichts an. Er hielt aus und betete unentwegt weiter.

Und dann erfüllte ein furchtbarer, ohrenbetäubender Knall die Luft. Der tobende Orkan hörte sich daneben an wie ein leise säuselnder Wind.

Der Weltuntergang schien gekommen zu sein.


*


Er ließ sich in den Sessel fallen, lehnte sich zurück und angelte nach seinen Zigaretten.

In der Küche nebenan hörte er Geschirr klappern. Ellen war beim Abwasch. Sie war ein herrliches Mädchen. Intelligent, schön und anschmiegsam.

Vor einem Jahr, bei der seltsamsten Testamentseröffnung, die es je gegeben hatte, hatte er sie kennengelernt. Sie erbten damals von einer alten Frau, die sie kaum gekannt hatten, ein großes, altes Haus und einen verborgenen Schatz. Durch Zufall wurde der Schatz gefunden. Aber sie konnten sich nicht lange daran freuen, denn schon bald meldete der britische Staat seine Ansprüche an und die glitzernde Menge von Perlen, Diamanten und Edelsteinen ging in seinen Besitz über. Von dem Finderlohn und dem Erlös aus dem Verkauf des Hauses hätten sie gut und gern ein paar Jahre leben können, ohne auch nur einen Finger krumm zu machen. Doch davon hielten beide nicht viel.

David Connors und Ellen Baxter hatten in London ihre Arbeit, die ihnen Spaß machte. Ellen unterrichtete in der nahen Fisher School Geschichte und Biologie, und David betrieb weiterhin sein Detektivbüro. Und das mit großem Erfolg.

Davids Beruf, die damit verbundenen Gefahren und sein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl verhinderten bis heute, dass er Ellen zum Standesamt führte.

Ellen drängte ihn auch nicht. Sie bat ihn auch nie, seinen gefährlichen Beruf aufzugeben, obwohl sie oft Todesängste um ihn ausstand. Sie wusste, wie sehr er an seinem Beruf hing.

So gab sie sich damit zufrieden, dass sie zusammen in einer sündhaft teuren Wohnung lebten, in der sie jede freie Minute verbrachten. David allerdings war seltener zu Hause als Ellen. Seine Arbeit erforderte es oft sogar, dass er auswärts schlafen musste. Zu oft für seine Begriffe, denn er liebte Ellen über alles.

Man kann eben nicht alles haben.

Ellen kam in das komfortabel eingerichtete Wohnzimmer.

Weißt du, dass Bronco Potter heute begraben wird? fragte sie. Sie setzte sich ihm gegenüber.

David nickte.

Wegen ihm wird keiner eine Träne vergießen. Im Gegenteil. Man wird aufatmen.“

Sicher.“ Ellens Gesicht war sehr ernst. „Aber ich habe irgendwie ein ungutes Gefühl. So als ob der Tod von Potter nicht endgültig wäre. Wenn ich an seinen Tod denke … Schrecklich!“

Ja“, gab David zu. „Sein Tod war furchtbar. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Menschen so sterben sehen. Es kam mir so vor, als hätte dabei der Teufel seine Hand im Spiel gehabt.“

Genau!“ Ellens Mundwinkel zitterten. „Ich bin so froh, dass du das auch sagst. Die ganzen Tage geht mir sein Tod nicht aus dem Kopf. Er hat regelrecht geglüht, wie ein Stück Stahl, das man ins Feuer gesteckt hat. Dieser hellerglühte Körper geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Er war zeit seines Lebens ein zynischer, brutaler und böser Mensch. Und ich …“

Ja?“

Ellen zögerte.

Du wirst mich nicht auslachen?“, fragte sie mit bebender Stimme.

Nein, Liebling. Ich werde ganz sicher nicht lachen.“

Ich habe das Gefühl, als käme etwas Furchtbares auf uns zu“, begann Ellen stockend. „Ich kann nicht sagen, was es ist. Es liegt außerhalb des Normalen.“

Sie fand keine Worte mehr.

Ich weiß, was du denkst“, erwiderte David ernst. „Es geht mir nicht anders.“

Er drückte seine halbgerauchte Zigarette im Aschenbecher aus.

Übermorgen beginnen die Ferien“, sagte Ellen leise. „Wir könnten in Urlaub fahren. Vielleicht nach Withernsea oder so. Es war doch recht nett dort, wenn man davon absieht …“

Du hast Angst, Ellen, nicht wahr?“

Sie nickte.

Du brauchst keine Angst zu haben“, versuchte David sie zu beruhigen. „Potter ist tot und wird uns bestimmt keinen Ärger mehr machen. Hörst du Ellen, bestimmt nicht!“

Dein Wort in Gottes Ohr“, zitierte Ellen. Sie erhob sich seufzend und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

Und dann klingelte es an der Wohnungstür. Lang, schrill und anhaltend, und Ellen zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb.


*


Sie hielten den Atem an und warteten darauf, dass sich die Erde unter ihnen auftat und sie verschlingen würde wie ein hungriges, nimmersattes Untier. Aber nichts dergleichen geschah. Totenstille legte sich über die zitternden Menschen in der Sakristei. Keiner wagte sich zu rühren.

Aus dem Kirchenraum war laut und deutlich das Gebet des Pfarrers zu vernehmen. In der unheimlichen Stille dröhnten seine Worte wie Pistolenschüsse. Und doch hatten sie irgendwie eine beruhigende Wirkung auf die Beerdigungsteilnehmer.

Dann, von einer Sekunde zur anderen, wurde es wieder hell. Die Dunkelheit verschwand, als hätte es sie nie gegeben. Die weißglühende Sonne schickte ihre Strahlen durch die dicken Fensterscheiben der kleinen Kirche und verbreitete eine wohltuende Wärme.

Zuerst konnten sie es nicht fassen. Sie sahen einander verständnislos an, blass und immer noch die Todesangst in den Augen.

Brian Potter, der Sohn des eben zu Grabe getragenen, bewegte sich als erster. Mit den schweren, müden Schritten eines alten Mannes verließ der dreizehnjährige Junge die Kirche. Niemand hielt ihn zurück. Aber aller Blicke ruhten auf ihm. Sie verfolgten ihn mit ihren Augen, jeden Moment einen neuerlichen Ausbruch der eben erlebten Naturgewalten erwartend.

Ihre Befürchtungen erfüllten sich nicht. Ungehindert konnte Brian Potter die Kirche verlassen. Er wandte sich sofort dem Friedhofsausgang zu und entschwand den Blicken der entsetzten Menschen.

Nun hielt auch die Menge nichts mehr in dem fast zu ihrem Grab gewordenen Gotteshaus. Sie stürmten hinaus, als wäre der Satan persönlich hinter ihnen her.

Zurück blieben Pfarrer Walker, der inzwischen sein Gebet beendet hatte, und die beiden Totengräber. John Green und Frank Caray. Sie waren beide noch ein wenig blass und wären am liebsten hinter den anderen hinausgelaufen, um möglichst viel Abstand zwischen sich und diesen unheimlichen Friedhof zu bringen.

Aber die tapfere Haltung von Pfarrer Walker beeindruckte sie so, dass sie ihre Angstgefühle unterdrückten und sich angesichts des mutigen Mannes in der schwarzen Robe sogar derer schämten.

Trotzdem kam Frank Caray nicht umhin, einen ängstlichen Blick zur Decke zu werfen. Schließlich hatte er ja vorher gesehen, wie sie zu bröckeln angefangen hatte, wie sich Risse durch die Decke zogen und man jeden Augenblick mit dem Einsturz der Kirche rechnen musste. Doch dann wurde sein Gesicht immer länger, und die Blässe auf seinen Wangen vertiefte sich. Die Decke war völlig heil. Keine Risse, keine Verwüstung. Nichts. Die Deckenbemalung war so schön wie zuvor. Nichts deutete mehr auf das Unwetter hin, das sie in solche Ängste versetzt hatte.

Herr Pfarrer!“ rief er aus. „Da!“

Er zeigte zur Decke.

Pfarrer Walkers Blick folgte seiner Hand. Auch er erblasste. Unwillkürlich ging seine Hand zu seinem Hinterkopf. Er schmerzte noch sehr. Also hatte er es nicht geträumt.

Aber die Decke!

Caray und Green starrten ihn fassungslos an.

Wie ist das möglich, Herr Pfarrer?“, flüsterte Green. „Wie ist so etwas nur möglich?“

Der Pfarrer gab keine Antwort. Mit schnellen Schritten ging er zur Tür und sah hinaus. Alles war an seinem Platz. Keine herausgerissenen Bäume und Grabsteine, keine Löcher in der Kirchenmauer.

Dann sah er die alte Frau mitten auf dem Kiesweg liegen. Er eilte zu ihr und kniete neben ihr nieder.

Sie war tot, das sah er sofort. Aber was war mit ihr geschehen? Hatte vielleicht ein herumfliegender Grabstein sie getroffen und getötet?

Herumfliegende Grabsteine?

Wo waren sie denn? Eigentlich müsste hier auf dem Friedhof ein fürchterliches Chaos herrschen. Aber nichts lag herum. Alles war still und friedlich, wie man es auf einem Friedhof gewohnt war.

Verzweifelt hob er den Blick zum Himmel.

O Herr, was machst du mit mir? Habe ich das verdient?

Die beiden Totengräber kamen heran.

Es ist die alte Evans“, sagte Green. „Sie war schon immer etwas herzleidend.“

Er zuckte mit den Schultern.

Pfarrer Walker richtete sich auf.

Tragt sie ins Leichenschauhaus.“, ordnete er an. „Ich werde Dr. Kent benachrichtigen.“

Wortlos hoben die Männer die Tote hoch.

Noch etwas“, hielt der Pfarrer die beiden zurück. „Wenn ihr sie hineingeschafft habt, dann schaufelt bitte das Grab zu.“

Green riss die Augen auf. Er öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen. Aber dann schwieg er doch und nickte zustimmend mit dem Kopf.

Sie legten die Leiche in der Leichenhalle auf eine Bahre und gingen dann durch die Gräberreihen. Keinem von ihnen war es besonders wohl zumute. Sie hatten Angst. Angst vor einer Wiederholung des grauenhaften Schauspiels.

Es fing an, als die erste Schaufel voll Erde auf den Sarg fiel“, bemerkte Frank Caray.

Green nickte. Dann sagte er: „Aber man sieht nichts mehr. Ich weiß nicht, ob wir uns das alles nur eingebildet haben? Ich meine, das könnte doch sein.“

Wir alle? Es waren doch gut achtzig bis hundert Leute da. Glaubst du, die haben sich das alle eingebildet?“

So eine Art Massensuggestion oder so. Das soll es ja geben. Ich habe jedenfalls schon davon gehört.“

Dann muss es aber jemanden geben, der das macht.“

Sicher“, meinte Green leise. „Es muss da jemanden geben.“

Sie waren jetzt bis auf zehn Meter an das offene Grab herangekommen. Ihre Schritte waren immer langsamer geworden. Plötzlich blieb Green stehen.

Ich möchte jetzt am liebsten weglaufen. Weit weg. So wie die anderen.“

Wenn wir ihn nicht zuschütten, werden wir unseren Arbeitsplatz verlieren. Ich habe zu Hause vier hungrige Mäuler zu stopfen. Und meine Frau ist schon wieder schwanger. Ich kann es mir nicht leisten. Und außerdem muss es ja irgendjemand machen.“

Dann geh du allein. Ich warte hier.“

Nein, ich geh nicht allein. Es ist deine Arbeit genauso wie meine.“

Ich …“ – Green schluckte krampfhaft.

Er fuhr sich durch die Haare. Seine Hand zitterte. „Ich kann nicht.“

Caray grinste spöttisch. „Du hast wohl schon die Hosen gestrichen voll, was? Aber das ist mir völlig egal. Du wirst jetzt mit mir zusammen das Grab zuschütten, verstanden?“

Spiel nur nicht den großen Helden“, fuhr ihn Green an. „In Wirklichkeit hast du genauso Angst.“

Komm jetzt!“ Frank packte ihn am Arm und zerrte ihn mit. „Je schneller wir anfangen, desto schneller haben wir es hinter uns. Ich habe nicht die Absicht, hier zu übernachten.“

Green ließ sich widerstrebend mitschleppen.

Dann standen sie vor dem offenen Grab. Nichts hatte sich verändert. Der Sarg stand noch am selben Platz. Auf dem schwarzen Deckel waren etwas Erde und ein paar Steine.

Caray griff zu den beiden Schaufeln, drückte Green eine in die Hand.

Los jetzt.“ Er flüsterte unwillkürlich, als hätte er Angst, den Toten aufzuwecken. „Wir müssen fertigwerden.“

Wuchtig stieß Caray die Schaufel in den lockeren Erdhügel. Laut polternd prasselten die ersten Steine auf den Sargdeckel. Sie hatten zusammen schon eine Menge Leichen verscharrt, und immer waren die Geräusche dieselben gewesen. Auch heute war es eigentlich nichts anderes. Und doch klang das Poltern in ihren Ohren diesmal wie Kanonendonner. Sie zuckten zusammen, und Caray verharrte mitten in der Bewegung.

Als das schmerzhaft laute Donnern verklungen war, verhielt Caray noch einen Augenblick. Er horchte nach unten, und ein leises Zittern lief dabei durch seinen Körper.

Green stand ebenfalls steif wie ein Brett. Er wagte nicht einmal zu atmen.

Aber nichts geschah. Die Stille um sie herum war erdrückend.

Caray gab sich einen Ruck. Er spuckte in die Hände. „Bringen wir es hinter uns“, sagt er und stemmte sich gegen die Schaufel.

Green, nun doch etwas mutiger geworden, tat es ihm gleich.

Zuerst hörten sie es nicht. Das Schürfen von Stahl auf Steinen, das laute Poltern und das Keuchen der Männer übertönte das seltsame Geräusch, in einer kleinen Pause jedoch hörten sie es ganz deutlich.

Sie erstarrten, und ein eisiger Schauer rann ihnen über den Rücken.


*


Willst du nicht aufmachen?“, fragte David.

Ellen schüttelte nur stumm den Kopf. Ihr Gesicht war bleich und ihre Augen weit geöffnet.

David lachte. „Na, kleines ängstliches Mädchen, so sollten dich mal deine Schulkinder sehen. Ich glaube nicht, dass sie das von ihrer überaus geliebten Lehrerin gewohnt sind.“

Er stand auf und ging immer noch lächelnd zur Wohnungstür. Das Lachen verging ihm jedoch, als er einen Blick durch den Spion warf. Hastig griff er nach der Sicherheitskette, verhedderte sich und fluchte laut. Dann klappte es endlich und er riss die Tür auf.

Jerry Colman taumelte über die Schwelle, das weiße, blutleere Gesicht mit kaltem Schweiß bedeckt, aus seinen weitaufgerissenen Augen leuchtete das Grauen.

Mein Gott, Jerry, was ist los mit dir? Du siehst aus, als wäre der Teufel hinter dir her.“

So … so kann man …“ Jerry Colman lehnte sich an die Wand und holte tief Luft. „So kann man es wirklich sagen“, beendete er den Satz.

Nun komm erst mal rein und trink einen Whisky.“ David nahm seinen Arm und zog ihn ins Wohnzimmer. „Du siehst aus, als hättest du ihn bitter nötig.“

Jerry stürzte den Whisky hinunter, hustete und hielt David das leere Glas entgegen. Dieser schenkte ihm sofort noch mal nach.

Und dann begann Jerry Colman zu erzählen. Und was er zu berichten wusste, raubte den beiden Zuhörern den Atem. Ungläubig starrten sie ihn an.

Bist du ganz sicher, dass du nichts von alledem, was du eben erzählt hast, geträumt hast?“, fragte David zweifelnd. „Es klingt alles so unwirklich, so traumhaft, eben wie ein Albtraum und weit entfernt von der Realität. Ehrlich gesagt, ich glaube kein Wort von dem, was du da von dir gegeben hast. Kein Wort.“

Aber es ist wahr, David“, stöhnte Colman verzweifelt. „Es ist wirklich wahr. Und glücklicherweise bin ich nicht der Einzige, der alles miterlebt hat. An die hundert Menschen können dir genau dasselbe berichten. Und es dürfte doch auch dir einleuchten, dass nicht hundert Menschen zusammen denselben Albtraum haben.“

Ich glaube ihm“, sagte Ellen leise. „Ich habe geahnt, dass irgendetwas auf uns zukommen würde. Potters Tod war nicht endgültig. Er kam mir zu Lebzeiten schon so vor, als wäre er mit dem Satan im Bunde. So böse wie er kann ein normaler Mensch nicht sein. Er war eine Ausgeburt der Hölle, und das werden wir nun zu spüren bekommen.“

Wie du redest.“ David schüttelte den Kopf. „Wie kannst du nur auf solche Gedanken kommen? Das sind doch die reinsten Hirngespinste, die du da von dir gibst. Potter ist tot, und das wird er auch bleiben. Oder habt ihr schon einmal gehört, dass ein Toter sein Grab verlassen hat, um dann sein Unwesen zu treiben.“

Das nicht gerade“, gab Ellen zu. „Aber …“

Na also“, schnitt ihr David das Wort ab.

Nun lass mich doch ausreden!“ Ellen stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf. „Immer öfter hörte man in letzter Zeit von unheimlichen Dingen, von fremden Mächten aus dem Jenseits. Und gerade du solltest sie nicht als Lächerlichkeiten abtun, denn wir haben ja zusammen schon etwas Ähnliches erlebt.“

Ja, natürlich“, erwiderte David. „Ich streite auch gar nicht ab, dass es Menschen gibt, die übernatürliche Kräfte besitzen. Aber was du hier vermutest, geht doch etwas zu weit. Findest du nicht auch?“

David versuchte, viel Überzeugungskraft in seine Worte zu legen. Er wollte nicht, dass Ellen zu sehr beunruhigt wurde. Er erinnerte sich noch sehr gut an den Schock, den sie vor einem Jahr erlitten hatte. Das sollte sich nicht wiederholen.

David Connors wusste über die unheimlichen und für den normalen Verstand eines Menschen unbegreiflichen Vorfälle in der letzten Zeit besser Bescheid, als er Ellen gegenüber zugeben wollte. An der Lösung zweier solcher Fälle hatte er selbst erfolgreich mitgewirkt. Und nicht zuletzt diese Tatsache hatte ihm bei Scotland Yard einen ausgezeichneten Ruf verschafft. Mit Inspektor Hobard von Scotland Yard verband ihn sogar eine enge Freundschaft, und er war es auch, der David immer wieder mit in solche Fälle hineinzog.

Doch davon wussten nur wenige Menschen.

Ich dachte, du würdest uns helfen“, sagte Colman enttäuscht. „Ich weiß ja selbst, wie unwahrscheinlich meine Geschichte klingt. Aber von Einbildung kann überhaupt nicht die Rede sein. Nicht bei hundert Leuten.“

Also gut.“ David Connors tat so, als hätte er sich breitschlagen lassen. „Ich werde mit dir zum Friedhof kommen. Wenn es so ist, wie du erzählt hast, dann müsste dort jetzt ein fürchterliches Chaos herrschen. Das würde mich dann sicherlich überzeugen.“

Tja, David, das ist so.“ Colman zuckte mit einer verlegenen Gebärde die Schultern. „Auf dem Weg hierher fiel mir ein, dass da gar nichts … Ich meine, wir haben alle fluchtartig den Friedhof verlassen und keiner hat so richtig darauf geachtet. Aber dann unterwegs, da war nichts. – Nichts.“

Dann habt ihr es euch doch eingebildet.“ David lächelte zu Ellen hin. „Ich nehme an, du hast gehört, was er gesagt hat. Kein Grund also zur Aufregung.“ Er wandte sich wieder an Colman. „Trotzdem werde ich mit dir gehen, um die Sache zu klären.“

Ich fahre mit“, sagte Ellen.

Du bleibst hier“, bestimmte David. „Es ist Samstag, Liebling. Einer von uns beiden muss sich ein bisschen der Wohnung annehmen. Und da das Frauenarbeit ist … Komm schon, Jerry.“ Er schob Colman zur Tür hinaus. „Gehen wir.“

Bevor Ellen etwas erwidern konnte, standen die beiden an der Tür. David drehte sich nochmals um, zwinkerte Ellen zu.

Es wird eine ganz logische Erklärung dafür geben“, beruhigte er Ellen. „Ich bin bald wieder zurück.“

Dann zog er die Tür hinter sich zu, bevor Ellen zu einer Antwort ansetzen konnte.

Wie sehr sich David allerdings täuschte, erfuhr er wenig später, denn von dieser Stunde an war in London der Teufel los – im wahrsten Sinne des Wortes.


*


Es klopfte. Laut und vernehmlich.

Greens Knie zitterten, und sein Gesicht war so weiß wie der Grabstein, der sich hinter ihm befand.

Caray hielt sich am Schaufelstiel fest. Seine Finger schlossen sich um das runde Holz, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Keiner der beiden Männer wagte zu atmen. Noch glaubten sie an eine Sinnestäuschung. Was sie da eben vernommen hatten, konnte doch nicht wahr sein.

Lauschend neigten sie den Kopf nach unten.

Und da war es wieder.

Der Tote klopfte gegen den Sargdeckel.

Potter war also nicht tot. Potter lebte.

Zwei Ärzte hatten seinen Tod festgestellt. Einer von ihnen war sogar ein sehr bekannter Professor. Sie haben sich beide getäuscht. Potter ist nicht tot. Er klopft gegen den Sargdeckel und will heraus.

Green und Caray sahen sich entsetzt an. Ihre Augen traten aus den Höhlen. Green wollte etwas sagen. Sein Mund öffnete sich, aber kein Ton kam über seine Lippen. Aus seinem Gesicht war auch noch der letzte Blutstropfen gewichen.

Ein neuerliches Pochen gab Green den Rest. Mit einem leisen Seufzer sackte er zusammen.

Herzschlag!

Was für eine Ironie des Schicksals.

Ein Totengräber lag tot neben dem Grab, das er zuschütten sollte. Der Tote aber, den er begraben sollte, lebte. Er klopfte gegen den Sargdeckel und begehrte, herausgelassen zu werden.

Caray sah stumm auf seinen toten Kollegen. Die seltsam verkrümmte Haltung und die starren, weit aufgerissenen Augen ließen keinen Zweifel aufkommen, dass er tot war.

Frank Caray hatte sich von diesem Schock noch nicht erholt, als er erneut das Klopfen vernahm.

Er mobilisierte seine letzten Kräfte, riss sich zusammen.

Was sollte er tun?

Seine Pflicht wäre es, hinunterzusteigen, den Sarg zu öffnen und Bronco Potter herauszulassen. Oder zumindest müsste er nun Pfarrer Walker benachrichtigen. Man müsste einen Arzt hinzuziehen. Auf alle Fälle musste man Potter herausholen.

Aber was würde dann sein?

Alle Menschen, die jemals mit Potter zu tun gehabt hatten, waren froh über seinen Tod. Er war so böse und schlecht, wie es der Satan selbst nicht schlimmer sein konnte. Wenn er ihn nun aus seinem Sarg befreite, dann würden die Demütigungen, die Brutalitäten und die böswilligen und hinterhältigen Intrigen weitergehen. Er würde vielleicht sogar noch schlimmer, wüten als zuvor. Und sie alle wären diesem fürchterlichen Treiben, dem sie eben entronnen waren, hilflos ausgeliefert, denn niemand hatte die Kraft aufgebracht, gegen ihn etwas zu unternehmen.

Sollte er, Caray, das alles aufs Neue heraufbeschwören, indem er Potter aus dem Sarg holte?

Nein! Niemals!

Caray schüttelte das Entsetzen, das ihn gepackt hatte, einfach von sich ab. Er war plötzlich eiskalt. Selbst das immer lauter werdende Pochen, das aus der Tiefe des Grabes kam, brachte ihn nicht mehr aus der Fassung. Mit einem Mal wusste er ganz genau, was er zu tun hatte.

Du wirst nicht mehr das Tageslicht erblicken“, sagte er laut und mit einer Härte in der Stimme, die ihn selbst wunderte. „Ich werde weitermachen. Ich werde dich eingraben und wenn es das Letzte ist, was ich tun werde. Niemals sollst du mehr einen Menschen quälen oder jemanden zu Tode prügeln. Jetzt bist du tot – ein für alle Mal.“

Er ließ die Schaufel fallen, zog seinen toten Kollegen ein Stück zurück, um mehr Platz zu haben. Dann spuckte er in die Hände und ergriff wieder seine Schaufel. Hart und kraftvoll stieß er sie in die lockere Erde und schob eine Menge Boden in das Loch hinunter.

Das Klopfen verstärkte sich. Potter schien mit Händen und Füßen gegen den Sargdeckel zu schlagen. Ein wildes Stakkato von Schlägen gegen Holz klang zu ihm herauf.

Aber es war kein Schrei zu vernehmen. Kein Jammern und Klagen. Kein maßloses Schimpfen und Fluchen, wie man es von Potter gewohnt war, war zu hören. Nur das Pochen, das stärker und stärker wurde und den Sargdeckel zu heben drohte.

Die Angst davor ließ Caray immer schneller arbeiten. Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht. Aber er scherte sich einen Dreck darum. Er spürte nicht einmal das Brennen in seinen Augen. Wie ein Besessener arbeitete er weiter.

Er darf das Grab nicht mehr verlassen. Ich werde ihn töten. Ich habe ihm dieses Grab geschaufelt, und jetzt sorge ich auch dafür, dass er für immer drin bleiben wird. Klopf nur weiter, du Satan. Schlage gegen das Holz wie ein Wilder und verbrauche den letzten Rest von Sauerstoff, der sich in der Kiste befindet. Ich sorge dafür, dass dir die Zufuhr von frischer Luft versperrt wird. Elend sollst du ersticken. Niemals mehr sollst du einen Menschen auspeitschen können, niemanden mehr töten. Emely hast du ins Irrenhaus gebracht. Deinen dreizehnjährigen Sohn hast du fast zum Krüppel geschlagen. Und wie viele Menschen hast du getötet?

Aber jetzt ist es aus mit dir. Du sollst jämmerlich verrecken. Ich werde mein Leben lang stolz darauf sein, dir den Garaus gemacht zu haben. Und ich werde stolz darauf sein, dass ich die Menschheit von dir befreit habe. Ich – ich ganz allein!


*


Oh, ihr verfluchten Schweine! Ihr feigen, hinterhältigen Mörder! Ihr seid schlimmer, als ich es jemals war. Ich möchte euch am liebsten abmurksen, einen nach dem anderen.

Bronco Potter wollte das alles hinausschreien, wollte seiner unbeschreiblichen Wut Luft machen. Aber so sehr er sich auch anstrengte, es half nichts. Über seine Lippen kam kein Wort, kein Ton.

Sein Gehirn arbeitete jetzt einwandfrei. Sein Gehör war so fein wie nie zuvor. Er hörte Caray über sich schimpfen, hörte wie er ihn verfluchte und ihm den Tod wünschte. Ja, er glaubte sogar die Gedanken des Totengräbers zu hören, und seine Wut steigerte sich ins Unermessliche.

Potter konnte seine Glieder bewegen, wie er wollte, jedoch nur so viel, wie es die Enge des Sarges zuließ. Er hämmerte mit Händen und Füßen gegen das mit schwarzem Samt überzogene Holz über sich, und eigentlich hätten seine Knöchel an Händen und Füßen längst blutüberströmt sein müssen. Aber dem war nicht so. Seinen Gliedern war das rücksichtslose Schlagen und Hämmern gegen das harte Holz nicht anzumerken. Auch verspürte er seltsamerweise kein Brennen, keine Schmerzen, nichts.

Was Potter jedoch am meisten wunderte war, dass er nicht die geringste Angst verspürte, obwohl das Poltern über ihm immer leiser wurde und die Chance, dieses Grab zu verlassen, immer kleiner wurde. Er wusste, wenn erst einmal ein Meter Erde über ihm war, dann war es aus. Dann würde er hier elend umkommen, so wie Caray es ihm gewünscht hatte.

Aber warum hatte er keine Angst, das eben neugewonnene Leben wieder zu verlieren? Warum begann er nicht zu heulen oder zu flehen?

Doch darüber machte sich Potter keine Gedanken. Stattdessen verfluchte er die ganze Menschheit, besonders Frank Caray, der ihm den Weg ins Freie versperrte.

Potter klopfte weiter, obwohl er wusste, dass er oben nicht mehr zu hören war. Er selbst hörte das Fallen der Steine und der Erde immer noch ganz deutlich. Er war sicher, dass sich mindestens schon ein halber Meter oder gar noch mehr Erde über seinem Sarg türmte. Demnach dürfte er also nichts mehr hören.

Trotzdem drangen die Geräusche mit einer seltsamen Klarheit an sein Ohr. Ebenso klar hörte er Caray reden.

Dies und die Tatsache seiner Schmerzunempfindlichkeit ließen ihn plötzlich stutzen.

Was war los mit ihm?

Lebte er nun oder nicht? Vielleicht – ja ganz sicher sogar, lebte nur sein Geist. Sein Körper war tot.

Zu dieser Erkenntnis gekommen, verwandelte sich plötzlich sein bisheriges Denken. Hass kam in ihm auf. Furchtbarer, vernichtender Hass. Und er spürte einen unwiderstehlichen Drang zum Bösen.

Zugleich hatte er auch das Gefühl, dass mit seinem toten Körper eine Wandlung vor sich ging. Irgendetwas veränderte sich. Es war so ein seltsames Gefühl, in das sich noch der zerstörende Hass mischte, der immer stärker wurde, bis Potter nur noch von diesem beherrscht wurde.

Mit dem Hass wuchs auch der Wunsch, endlich dieses verdammte Grab verlassen zu können. Er wollte den Untaten, die er zu Lebzeiten vollbracht hatte, die Krone aufsetzen. Wie aber sollte er es anstellen, wenn er fast zwei Meter tief unter der Erde lag?

Ganz von selbst konzentrierten sich seine Gedanken darauf, der Enge seines Gefängnisses zu entfliehen. Es wurde ihm nicht bewusst, dass sein Denken von einer fremden Macht gelenkt wurde. Er war nicht er selbst. Bronco Potter war wirklich tot.

Aber irgendjemand hatte sich seines Körpers und seines Geistes bemächtigt, um mit ihm Furcht und Schrecken zu verbreiten.

Und dann geschah das Unfassbare.

Potter lag nicht mehr im Sarg. Plötzlich stand er neben dem Mann, der ihn lebendig begraben wollte.

Von diesem Augenblick an lag der Hauch des Todes über der Riesenstadt London.


Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738910322
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Januar)
Schlagworte
tote

Autor

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Titel: Der lebende Tote