Lade Inhalt...

Andromeda im Brombeerstrauch und andere phantastische Erzählungen

2017 200 Seiten

Leseprobe

Andromeda im Brombeerstrauch und andere phantastische Erzählungen

Richard Hey und Ralf Thenior

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:  Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

––––––––

INHALT:

Andromeda im Brombeerstrauch

Die chemische Scheidung

Mitten im Konzert

––––––––

Klappentext:

Der Krimi-Autor Richard Hey und Ralf Thenior, unterbreiten uns hier Geschichten ganz besonderer Art.

Richard Hey, Autor des Buches: Im Jahr 95 nach Hiroshima, mit dem der den KURT-LAßWITZ-PREIS verliehen bekam, präsentiert uns mit: Andromeda im Brombeerstrauch eine heitere, humorvolle und nachdenklich stimmende PHANTASTISCHE Erzählung völlig anderer Art, als man sie bisher gewohnt war. In der zwei junge, nichts ahnenden Menschen gemeinsam musizieren, bis plötzlich das Unfassbare passiert ... Denn was viele vermuten und nur einige fest daran glauben ist, dass es weit draußen im All eine Zivilisation gibt, die unserer ebenbürtig ist. Doch alle verbindet die Hoffnung, dass jene, falls es sie wirklich gibt, uns friedlich gewogen sind ...

Mit einem seiner ersten Werke Mitten im Konzert zeigt  uns Richard Hey auf eine frische und amüsante Art, was alles während eines Konzertes passieren kann, jedoch niemals geschehen sollte.

Ralf Thenior verbindet mit seiner aufgeweckten Sprache die Utopie mit dem Krimi und mach so sein Werk Die chemische Scheidung zu etwas ganz Besonderem.

Andromeda im Brombeerstrauch

Richard Hey

ERZÄHLUNG

––––––––

Klappentext:

Zeit ist relativ. Was für den einen nur ein Augenblick ist, kann für den anderen die Ewigkeit bedeuten.

Was viele vermuten und nur einige fest daran glauben ist, dass es weit draußen im All eine Zivilisation gibt, die unserer ebenbürtig ist. Doch alle verbindet die Hoffnung, dass jene, falls es sie wirklich gibt, uns friedlich gewogen sind ...

Auch der Mathematikstudent Albert, der alles wissenschaftlich belegen will und gerade seine Freundin in ihrem ländlichen Heimatstädtchen besucht, hat diese Vermutung, jedoch nicht den Glauben an eine andere Welt. Als beide gemeinsam musizieren passiert das Unfassbare, was ihr gesamtes Wissen und bisherigen Leben auf den Kopf stellen soll ...

––––––––

Im verregneten Sommer 1974, bevor er dann doch noch mal kurz heiß wurde, vor dem Krieg auf Zypern also, aber nach dem Bankrott der griechischen Obersten, als die Bilder derjenigen, die sie eingesperrt und gefoltert hatten, im Fernsehen kamen, da bin ich an einem Dienstag mit meinem VW, durch den es pausenlos durchschifft, der nur noch durch den Rost zusammengehalten wird, auf überschwemmten Autobahnen und Straßen von Karlsruhe nach Großainach–Üpplingen gefahren. Das liegt so ziemlich abseits, zwischen Schwaben und Bayern, in den Bergen. Ringsum riesige Wälder, die gehören einem Fürsten, ich vergesse seinen Namen immer, hört sich an, wie aus einem Kitschroman, und in den Wäldern eine einzige miese Straße, die gehört dem Kreis. Meine Freundin ist da Lehrerin – gewesen, und sie wohnte im Ortsteil Üpplingen. Aber die Schule ist in Großainach, da muss man von Üpplingen aus entweder mit dem Fahrrad eine Viertelstunde über die miese Straße um einen ausgedehnten fürstlichen Steinbruch herum nach Großainach fahren, Schlaglochslalom, oder man läuft in zehn Minuten oberhalb vom Steinbruch nach Großainach.

Während meines letzten Semesters, ich bin jetzt kurz vor dem Examen, war ich so ungefähr jedes zweite Wochenende in Üpplingen. Während der Ferien sollte ich einen Job in der Pfaff-Nähmaschinenfabrik in Karlsruhe kriegen, aber irgendwie hat nicht gleich geklappt. Ulla war während der Schulferien nur kurz in Stuttgart, zu einem Lehrgang von der Gewerkschaft. Aber verreisen wollte sie diesmal nicht, sie hatte im Herbst noch eine Prüfung und da wollte sie lieber in Üpplingen büffeln. Und mein Job bei Paff sollte erst in zehn Tagen losgehen. Da freute ich mich auf zehn Tage mit Ulla.

Wenn Ferien sind in Baden-Württemberg, ändert sich in Großainach-Üpplingen kaum was. Fremde kommen nicht, und der Betrieb in der fürstlichen Ziegelei geht weiter, in den beiden fürstlichen Sägewerken wird wie sonst gearbeitet, am Steinbruch auch, kein Mensch verreist, alle Frauen und Kinder werden gebraucht für die Ernte, weil die Waldbauern, die längst nicht mehr von den paar in die Wälder gerodeten Feldern leben können, in der Ziegelei oder im Sägewerk schaffen, wie man da sagt.

Eigentlich eine Schnapsidee, ein Mädchen wie Ulla Björnsen, Schweizer Mutter, halbdänischer Vater, aufgewachsen in Berlin, ausgerechnet in dies Kaff zu stopfen. Ich habe nie herausbekommen, wie das passiert ist. Und es hat ja auch gleich einen Haufen Schwierigkeiten gegeben. Der Landrat, der Pfarrer, die fürstliche Liegenschafts-Verwaltung kamen dahinter, dass ihre neue Lehrerin in der Gewerkschaft war. So was kannte man bis dahin noch nicht im Ort. Das war denen peinlich.

Außerdem versuchte sie, den Kindern beizubringen, dass diejenigen, die in einem Fach gut waren, den andern, die zurückgeblieben waren, helfen müssten. Die Eltern machte das misstrauisch. Sie verlangten von ihr, dass Kinder, die nicht funktionierten, Prügel kriegten, wie sie selbst auch Prügel gekriegt hatten, weil das zur Erziehung gehört. Solche Sachen. Die sind da alle sehr protestantisch-pietistisch. In einer Stadt hätte Ulla es sicher leichter gehabt. Bloß, sie hatte schon immer so einen verheerenden Idealismus.

Ich bin eher Pragmatiker. Wer Mathematik studiert, betrachtet einiges etwas kühler.

Aber ich muss gestehen – von dem, was ich jetzt berichten möchte, weil ich es einfach mal loswerden muss, bin ich ganz schön verwirrt zurückgeblieben. Und an die Veränderung in meinem Leben, die dadurch eingetreten ist, gewöhne ich mich nur langsam.

Ulla hatte neue Noten aus Stuttgart mitgebracht. Sie spielt Gitarre, ziemlich gut, und ich kann einigermaßen Querflöte.

Ich war kaum angekommen, nass bis auf die Eingeweide, und gleich mit ihr ins Bett, um zu trocknen, während es draußen unentwegt weiterpladderte, da redete sie schon von Domenico Perronesi, einem ollen Italiener, der schöne Musik für Gitarre und Travers-Flöte gemacht haben soll. Und zwar in einem Moment, als ihr Mund eigentlich mit was anderem beschäftigt war. Ich wäre da nicht auf Perronesi gekommen. Aber ich kannte sie ja. Sie brachte es fertig, sich ein gebratenes Hähnchenbein langsam in den Mund zu schieben, die braune Haut mit den Zähnen hin und her zu ziehen, mit der Zunge um das Bein herumzufahren und, fast gleichzeitig, zu sagen: „Klarinette ist schwerer.“

Wir probierten also anschließend den Perronesi ...

„Warte, den Akkord hab ich noch nicht.“, meint Ulla hoch konzentriert.

„Noch mal, bisschen langsamer.“, gab ich ihr zu verstehen.

Und das ging so lange ganz gut, bis sie plötzlich abbrach.

„Da war was. Draußen“, sagte sie.

Ich begriff nicht, was sie meinte.

„Ein Geräusch. So ein Klirren.“

Ich hatte nichts gehört, außer dem Regen.

„Als hätte jemand einen Eimer gegen die Hauswand geschmissen. Da hinten bei den Brombeeren.“

Ich sah nicht ein, aus welchem Grund jemand einen Eimer hinten bei den Brombeeren ans Haus werfen sollte. Abgesehen davon: wenn einer das getan hätte, wir würden es kaum hören können. Ulla wohnte nämlich nach vorn raus, ein Zimmer mit Küche zu ebener Erde, beides ziemlich groß, in eine frühere fürstliche Scheune hineingebaut. Den andern Teil der Scheune hatte der Vorgänger von Ulla in jahrzehntelanger Kleinarbeit als Heimatmuseum eingerichtet. Da stand irgendwelcher Plunder in Glasvitrinen, kein Mensch kam, um sich das anzusehn, bloß einmal im Monat die Frau vom Gemeindediener, um zu putzen, und einmal pro Jahr alle Schulkinder, um historische Trachten, Hellebarden und einen vierhundert Jahre alten Pflug zu begaffen und Porträts von Vorfahren der fürstlichen Familie oder Kopien von schönen alten Stichen, auf denen dargestellt ist, wie die fürstlichen Vorfahren den Vorfahren der Kinder, den aufständischen Bauern, die Arme und Köpfe abschlagen lassen.

Ulla fand den Raum sehr geeignet, um da mit den Kindern Theater zu spielen, und das gehörte auch zu ihren Schwierigkeiten, dass sie so einen Plan hatte. Denn natürlich wollte sie mit den Kindern spielen, was damals, 1525 oder so, passiert war während der Bauernaufstände.

„Ich hab aber was gehört. Ganz deutlich“, sagte Ulla.

Ich fand, Eimer oder nicht wär schließlich egal, und setzte die Flöte wieder an die Lippen. Der Perronesi gefiel mir. Aber Ulla hielt die Laute falsch und sah mich an.

„Du könntest doch mal nachsehen.“

Das war mir neu an Ulla, dass sie Angst zeigte. Sie lief nachts kilometerweit durch den Wald, wenn sie im Kino in der Kreisstadt war und den letzten Bus nach Üpplingen, der schon am frühen Abend fuhr, nicht mehr geschnappt hatte. Und bei den großen Berliner Demonstrationen gegen den Bomben krieg der Amerikaner in Vietnam, Ende der sechziger Jahre, wobei wir uns übrigens kennengelernt haben, sie fing gerade auf der Pädagogischen Hochschule an, ich an der Technischen Universität, als da die Polizei auf uns einschlug, mit Knüppeln und Wasserwerfern, da ist die Ulla nicht weggelaufen, sondern immer wieder aufgestanden, hat sich bei den andern wieder untergehakt und mit uns weitergeschrien und die Plakate mit den Fotos der napalm-verbrannten Kinder hochgehalten, bis wir gegen die Knüppel und Wasserwerfer nicht mehr ankonnten. Ich fand das Gebrülle und Getobe dann schon bald ziemlich blöde, und hab nicht mehr mitgemacht, bei Demonstrationen. Und ich bin auch aus Berlin raus, um endlich in Ruhe weiterstudieren zu können, nach Karlsruhe.

Ulla habe ich aus den Augen verloren. Wir haben uns erst voriges Jahr im Karlsruher Hauptbahnhof wiedergetroffen. Purer Zufall, statistische Chance eins zu anderthalb Millionen, aber so war’s.

„Bitte, Ali. Sieh mal nach“, hörte ich Ulla sagen.

Mir hätte einfallen sollen, dass vor drei oder vier Wochen ein Stein durchs offene Fenster in Ullas Zimmer geschmissen wurde, mit einem drangebundenen Fetzen Papier, auf dem so was drauf stand, wie: Wenn du weiter unsere Kinder aufhetzt, kannst du was erleben.

Leider fiels mir nicht ein. Ich wollte weiter Musik machen. Aber Ulla wollte nicht. Sie legte die Laute auf den kleinen Tisch neben der Couch.

„Du, Albert. Kann sein, ich geb hier auf.“

Auch das war neu. So hatte ich Ulla noch nie reden hören.

„Ich hab da was in Aussicht an einer Schule in Ulm. Aber ich weiß noch nicht, ob ich’s wirklich mach.“

Ich wollte gerade sagen, dass ich Ulm viel besser für sie fände als dies hinterwäldlerische Kaff und dass ich mich nach meinem Examen ja um einen Auftrag an der Ulmer Uni bemühen könnte, da sah ich durchs offene Fenster – ihr Fenster stand immer offen, egal, was für ein Wetter war –, wie von der Rückseite des Hauses, von den Brombeersträuchern her, ein Huhn nach vorn gerannt kam, plötzlich mitten im Regen gackernd stehen blieb – mit dem Kopf wackelte – und zurückrannte. Das sah völlig idiotisch aus. Ulla hatte das Huhn nicht bemerkt. Sie murmelte:

„Sicher wär’s besser, ich bleibe zunächst noch hier. Man muss Geduld haben. Aber manchmal fällt’s mir schon schwer, immer bloß Geduld zu haben.“

Der Regen hörte auf, wie mit dem Messer abgeschnitten. Und ich sah da, wo das Huhn verschwunden war, aus der Richtung der Brombeersträucher, Pastor Mielau herankommen. Der wohnt hundert Meter hinter dem Heimatmuseum in einem neuen Haus. Im alten Pfarrhaus neben der Kirche sitzt der Gemeindediener mit seiner großen Familie. Und wenn’s der Pastor eilig hat, geht der nächste Weg zur Kirche quer über die Wiese hinter dem Heimatmuseum und an Ullas Wohnzimmerfenster vorbei auf die Straße. Der Pastor hatte den Schirm aufgespannt. Mir fiel auf, ich weiß nicht warum, dass der aufgespannte Schirm überhaupt nicht triefte, sondern völlig trocken war. Und als der Pastor näher kam, sah ich, dass auch sein Lodenmantel und seine Schuhe trocken waren. Dabei hatte es bis eben noch gegossen, und das Gras der Gemeindewiese stand hoch, weil der Gemeindediener auf die Zeit für die zweite Mahd wartete, nachdem er die erste Mahd versäumt hatte wegen der Geburt seines siebten Kindes und der dadurch nötig gewordenen wochenlangen Alkoholzufuhr.

Mir war plötzlich, als hätte auch das Huhn trocken aus gesehn. Aber in Wahrheit könnte ich nicht sagen, wie man einem Huhn ansieht, ob seine Federn nass oder trocken sind.

Pastor Mielau blieb zögernd vor dem Fenster stehn, und Ulla zog die rotweißkarierten Vorhänge ganz zur Seite, damit der Pastor besser ins Zimmer blicken konnte. Das tat er denn auch. Mir schien, es war ihm ein Bedürfnis, in Ullas Zimmer zu blicken, und gleichzeitig war’s ihm unangenehm.

„Ach, verzeihn Sie, Fräulein Björnsen“, begann er und knetete mit der rechten Hand den Zeigefinger der linken Hand. „Da ich gerade hier vorbeigehe ...“

„Kommen Sie doch rein, Herr Mielau“, sagte Ulla freundlich.

Der Pastor knetete bedächtig den linken Mittelfinger.

„Nein, vielen Dank. Ich möchte nicht stören.“

Der Pastor war höchstens Mitte Dreißig, hielt die Lippen, wenn irgend möglich, energisch zusammengepresst und die milden Plüschaugen meist gesenkt.

Ulla zeigte auf mich.

„Sie kennen meinen Verlobten?“ Und stellte uns gegenseitig vor, mit lässiger Handbewegung: „Albert Schneider – Pastor Mielau.“

Der Pastor hüstelte.

„Ja, ich sah den jungen Mann ja schon gelegentlich an“ – er hüstelte wieder, „an Wochenenden hier. Ich hatte gelegentlich Sorge um die empfindlichen Seelen der Ihnen anvertrauten Kinder.“

Ulla antwortete ganz sanft, wie immer, wenn sie zu einem Keulenschlag ausholt: „Keine Angst, Pastor. Ich habe den Kindern erklärt, dass ich den Albert liebe. Und als die kleine Hildegard sagte, der Herr Pastor habe neulich zu ihrer Mutti gesagt, es wäre schon besser, wenn der junge Mann im Gasthof schliefe, da habe ich den Kindern meine Couch gezeigt und gesagt, aber es wär doch blöd, wenn er in den Gasthof ginge, wo auf der Couch bequem Platz für zwei ist. Die Kinder fanden das in Ordnung.“

Pastor Mielau senkte gedankenvoll die Plüschaugen durchs Fenster auf Ullas Couch.

„So“, meinte er, „die Kinder fanden das in Ordnung. Ja, eigentlich haben die Kinder ja recht. Eigentlich ist es ja auch in Ordnung so.“

Ulla sah ihn überrascht an. Und ich dachte, ich höre nicht richtig. Es gibt ja zwei Sorten Pastoren: die besonders fortschrittlichen, die sind ziemlich verheerend, und die besonders verklemmten, die sind noch verheerender. Überraschenderweise schien es, als war der Mielau ganz normal.

Details

Seiten
200
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910315
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368874
Schlagworte
andromeda brombeerstrauch erzählungen

Autoren

Zurück

Titel: Andromeda im Brombeerstrauch und andere phantastische Erzählungen