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Ein Mann, ein Stern und kein Erbarmen

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Ein Überfall auf die Bank von Sheridan endet für die Banditen in einem Fiasko. Sheriff Neal Parker verwickelt die Männer in einen Schusswechsel, einer der Outlaws wird überwältigt und landet im Gefängnis. Zunächst wird Neal als großer Held gefeiert - aber das Entsetzen ist groß, als sich herausstellt, dass es sich bei dem Gefangenen um Lew Monroe handelt, den Bruder des berüchtigten Banditenbosses Sleepy Jack! Der ist wild entschlossen, Lew Monroe zu befreien - und zwingt den Sheriff zur schwersten Entscheidung seines Lebens.

Leseprobe

EIN MANN, EIN STERN UND KEIN ERBARMEN

von Timothy Kid




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Ein Überfall auf die Bank von Sheridan endet für die Banditen in einem Fiasko. Sheriff Neal Parker verwickelt die Männer in einen Schusswechsel, einer der Outlaws wird überwältigt und landet im Gefängnis. Zunächst wird Neal als großer Held gefeiert - aber das Entsetzen ist groß, als sich herausstellt, dass es sich bei dem Gefangenen um Lew Monroe handelt, den Bruder des berüchtigten Banditenbosses Sleepy Jack! Der ist wild entschlossen, Lew Monroe zu befreien - und zwingt den Sheriff zur schwersten Entscheidung seines Lebens.

Roman:

Das Krachen des Schusses dröhnte dumpf aus dem Gebäude der City Bank. Der Hall der Detonation trieb noch über die Main Street, die menschenleer im gleißenden Schein der Sonne lag, als es vor dem Eingang der Bank plötzlich lebendig wurde.

Die Tür wurde aufgerissen, und vier mit Halstüchern maskierte Männer stürmten unter dem Vordach auf die Pferde zu, die an den hölzernen Querbalken des Sidewalks gebunden waren. Drei der Banditen hatten sich prall gefüllte Satteltaschen über die Schultern geworfen, jeder Outlaw hielt einen Colt in der Faust.

Die Banditen hasteten auf die Main Street, holsterten ihre Revolver und warfen die Satteltaschen in Windeseile über die Pferde. Sie banden die Zügel los, einen Herzschlag später hockten sie bereits in den Sätteln und rissen ihre Tiere herum.

Noch bevor sie losgaloppieren konnten, erschien im Halbschatten des Türrahmens die Gestalt eines schmächtigen Mannes mit verzerrten Gesichtszügen. Die Ärmelschoner seines blütenweißen Hemdes und die grüne Schirmkappe auf seinem Kopf wiesen ihn als Bankclerk aus, aber der Revolver in seiner Rechten bewies, dass er seine Hände nicht nur zum Geldzählen benötigte.

„Überfall!“, schrie der Bankclerk mit sich überschlagender Stimme. „Die Kerle haben die Bank ausgeraubt und Dan erschossen!“

Die Worte waren kaum über seine Lippen geströmt, da warf einer der Banditen schon seinen schrill wiehernden Rappen herum. Eisige Kälte trat in das Augenpaar über dem hochgezogenen Halstuch, als der Outlaw den Colt zückte und die Waffe schräg nach unten stieß.

Der Bankclerk wollte sein Eisen emporschwingen, reagierte aber im entscheidenden Moment zu langsam. Vorangetrieben von blinder Wut, völlig unerfahren im Umgang mit dem Revolver, besaß er gegen seinen kampferprobten Gegner nicht den Hauch einer Chance.

Aus dem Lauf des Banditencolts stach eine Feuerlanze, der Knall des Schusses schien das Vordach förmlich zu sprengen und übertönte den Aufschrei des Clerks. Der Mann riss die Arme hoch und taumelte zurück, in Brusthöhe seines Hemdes breitete sich plötzlich ein roter Fleck aus. Den Aufprall auf dem harten Boden spürte er bereits nicht mehr.

Die Sporen des Schützen bohrten sich in die Flanken des Rappen, der gemeinsam mit den anderen Tieren losjagte. Donnernder Hufschlag rollte über die Main Street, sonnenlichtgetränkte Staubschwaden markierten die Fährte der fliehenden Reiter.

Das Sheriff’s Office von Sheridan lag knapp hundert Yards vom Ort des Überfalls entfernt, auf der der Bank gegenüberliegenden Straßenseite. Sheriff Neal Parker war schon beim Krachen des ersten Schusses hinter seinem Schreibtisch hochgefahren, um eine geladene Winchester aus dem Gewehrrechen zu reißen. Als abermals ein Schuss peitschte, hebelte er die Waffe bereits durch, beim Einsetzen des rasch lauter werdenden Hufschlags hetzte er schon ins Freie.

Neal war schmal in den Hüften und breit in den Schultern, sein sandfarbenes Haar war leicht gewellt. Jede Bewegung seines durchtrainierten Körpers verriet Kraft und Geschmeidigkeit – so auch jetzt, als er geduckt im Schatten des überdachten Sidewalks verharrte, die Winchester mit beiden Händen fest umklammernd, und aus seinen rauchgrauen Augen nach rechts spähte, von wo die Reiterhorde auf ihn zupreschte. Sein kantiges, sonnengebräuntes Gesicht zeigte jäh einen Ausdruck wilder Entschlossenheit.

„Denk am besten gar nicht daran, jetzt einen Schuss abzufeuern“, drang von links her eine gedämpfte Stimme an seine Ohren. „Wie schnell auch immer du zu sein glaubst – ich bin auf jeden Fall schneller, denn mein Finger liegt schon am Abzug.“

Neal wandte vorsichtig den Kopf. Nur wenige Schritte von ihm entfernt, an der Einmündung einer schmalen Gasse, verhielt eine maskierte Gestalt auf dem Sidewalk. Die Rechte des Banditen umklammerte einen Colt, der stählerne Lauf zielte genau auf den Sheriff.

„Hinterhältige Schufte!“, stieß Neal über die Lippen. Die Erkenntnis, dass er in eine Falle getappt war, die ihn zur Untätigkeit verdammte, setzte sich bleischwer in seinem Gehirn fest. Gleichzeitig drängte es ihn förmlich dazu, dennoch in das Geschehen einzugreifen.

„Wirf das Gewehr zu Boden!“, befahl der Maskierte. „Los, worauf wartest du noch?“

Während Neal noch mit sich selbst rang, fiel auf der anderen Straßenseite ein Schuss. Sekundenbruchteile später drang der gellende Schrei des Banditen zu seiner Linken an Neals Ohren.

Neals Kopf ruckte nach vorne, in Richtung des Saloons, der dem Sheriffs Office schräg gegenüberlag. Pulverdampf wehte über den schulterhohen Schwingtüren und ließ undeutlich das Gesicht des Mannes erkennen, der eben gefeuert hatte.

Jähe Erleichterung durchströmte Neal, als er Clay Dexter sah, seinen Deputy, der vor wenigen Minuten in den Saloon gegangen war, um dort sein Mittagsmahl zu sich zu nehmen. Die beiden Männer suchten den Saloon zur Mittagszeit niemals gemeinsam auf, einer von ihnen blieb stets im Office zurück, um so die Vertretung des Gesetzes zu gewährleisten – eine Vereinbarung, die sich jetzt bezahlt machte.

Neal warf einen raschen Blick zur Seite. Der getroffene Outlaw glitt langsam an der Hauswand herab, das Kinn auf die Brust gesenkt, die Linke auf den Leib gepresst. Die Finger seiner Rechten lösten sich vom Colt, der klackend auf die Bretter des Sidewalks fiel. Von diesem Gegner drohte keine Gefahr mehr.

Dröhnender Hufschlag ließ den Sheriff herumwirbeln. Die fliehenden Banditen befanden sich auf nahezu gleicher Höhe mit dem Sheriff’s Office, gezückte Revolverläufe schimmerten bläulich über flatternden Pferdemähnen. Auf der anderen Straßenseite flogen die Schwingtüren des Saloons auf, und Deputy Sheriff Clay Dexter rannte ins Freie, wo er sich hinter einem Frachtwagen in Deckung warf.

Neals Winchester schwang an die Schulter, das Gewehr spie Feuer und Rauch. Der vorderste Outlaw riss die Arme empor und stürzte seitlich vom Pferd, wallender Staub verschluckte seinen Körper.

Um die Lippen des Sheriffs spielte ein grimmiger Zug. Der Repetierbügel seiner Winchester glitt vor und zurück, gleichzeitig stieß einer der vorbeijagenden Banditen die Rechte über den Pferdehals. Der Outlaw saß zusammengekrümmt im Sattel, um ein möglichst kleines Ziel zu bieten.

Neal sah das aufflammende Mündungsfeuer und warf sich mit einem Panthersatz zu Boden. Das Projektil jaulte über ihn hinweg und bohrte sich in die hölzerne Wand des Sheriff’s Office, fingerlange Splitter regneten auf Neals Schultern und ließen ihn instinktiv den Kopf einziehen.

Wieder brüllte ein Schuss. Dicht an die Planken des Sidewalks gepresst, blickte Neal nach vorne – und sah den Banditen, der ihn eben verfehlt hatte, kopfüber aus dem Sattel kippen. Das Pferd knickte mit einem schrillen Wiehern auf der Vorderhand ein, zu Boden gerissen von der Zügelhand des Reiters, der sich einmal überschlug, ehe er rücklings alle viere von sich streckte. Clay Dexter, der den Schuss abgegeben hatte, zog sich rasch in den Schutz des Frachtwagens zurück. Eine Kugel pflügte dicht vor ihm den Boden, der Schütze jagte wie ein Schemen an ihm vorbei.

Das gestrauchelte Pferd stemmte sich wieder empor, eingehüllt von Staub und einer Wolke aus Dollarscheinen, die aus der hastig verschlossenen Satteltasche fielen, deren Verschluss sich beim Sturz geöffnet hatte. Die Greenbacks wirbelten durch die Luft, einzelne Scheine senkten sich auf die Gestalt des toten Outlaws, als wären sie eine makabre Grabbeigabe.

Der zuletzt reitende Bankräuber sah den grünen Regen der Dollarscheine über seinem toten Komplizen, und dieser Anblick ließ seine Vernunft jäh aussetzen. Er zügelte sein Pferd so abrupt, dass es fast auf die Hinterhand sank, und riss es im nächsten Moment brutal wieder empor. Die Vorderhufe des Tieres wirbelten durch die Luft, sein grelles Wiehern trieb über die Main Street, während der Reiter es immer wieder zum Aufbäumen zwang und dabei abwechselnd den Sheriff und dessen Deputy unter Beschuss nahm.

Der vorderste Outlaw sah im Reiten kurz über die Schulter und hielt sein tänzelndes Pferd an, die beiden ledigen Tiere fegten an ihm vorüber. Über seine Lippen drang ein hektischer Zuruf, aber das Krachen der Schüsse und sein vor das Gesicht gespannte Halstuch verzerrten seine Worte zu dumpfen Lauten. Dennoch verrieten seine Stimmlage und die Körperhaltung deutlich, dass er seinen Komplizen zum unverzüglichen Weiterreiten aufforderte.

Der hingegen dachte gar nicht daran, dieser Aufforderung nachzukommen, und jagte Schuss um Schuss aus der Trommel seines Revolvers.

Heißes Blei jaulte über Neal hinweg, während er sich blitzschnell ein paar Mal um die eigene Achse rollte. Er kam auf dem Rücken wieder zum Liegen, das Gesicht zur Straße gewandt, und tauschte die Winchester gegen den Colt aus, die für seine Position besser geeignetere Waffe. Sein Kopf ruckte empor, seine Rechte stieß schräg nach oben, dann ließ er die Handkante seiner Linken über den Waffenhahn fächern.

Zwei Kugeln verfehlten ihr Ziel, die dritte traf das Pferd des Banditen. Das Tier brach mit einem schrillen Wiehern auf der Hinterhand ein und kippte zur Seite, der Reiter riss geistesgegenwärtig die Füße aus den Steigbügeln und sprang aus dem Sattel. Er verlor seinen Colt, stürzte hart in den Staub und wirbelte über die Main Street, vorangetrieben vom eigenen Schwung.

Neal federte hoch, gleichzeitig erwiderte Clay Dexter auf der anderen Straßenseite einen Schuss des letzten noch im Sattel befindlichen Banditen. Als der Outlaw begriff, dass er auf verlorenem Posten kämpfte und seinem Komplizen nicht mehr helfen konnte, warf er nach einem letzten wütenden Schuss sein Pferd herum. Dicht über die Mähne des Tieres gebeugt, galoppierte er aus der Stadt, der Hufschlag weckte hallende Echos an den Fassaden der Häuser.

Der Sheriff sprang auf die Straße, sein Deputy löste sich aus der Deckung des Frachtwagens. Sand knirschte unter den Sohlen ihrer Stiefel, als sie von zwei Seiten auf den gestürzten Banditen zuliefen.

Der kroch auf seinen Ellenbogen mühsam über den Boden, auf seinen Colt zu, der knapp zwei Yards entfernt lag. Unter seinem verrutschten Halstuch drang ein dumpfes Ächzen hervor.

Neal trat auf den Revolver, ehe der Outlaw die Waffe ergreifen konnte.

„Ende der Vorstellung“, knurrte er grimmig und richtete den Lauf seines Colts auf den am Boden Liegenden. „Glaub mir, dein Schießeisen ist unter meinem Stiefel besser aufgehoben als in deiner Faust.“

* * * * *

Der Outlaw hielt in der Bewegung inne, hob den Kopf und starrte Neal wütend an. Sein Halstuch bauschte sich unter heftigen Atemzügen und verriet deutlich den inneren Kampf, der in diesen Sekunden ausfocht. Schließlich begriff er, dass er verloren hatte, und nickte dem Sheriff resignierend zu.

Neal kickte den Colt zu seinem Deputy, der sich nach der Waffe bückte und sie in sein leeres Holster schob, nachdem er den eigenen Revolver kurz in die Linke gewechselt hatte. Clay Dexter war ein schlanker junger Mann mit jungenhaften Gesichtszügen und wachen blauen Augen. Jetzt prangte eine Schramme an seiner rechten Schläfe, und das dunkle Haar hing ihm schweißverklebt in die Stirn.

Das getroffene Banditenpferd stieß ein leises Schnauben aus. Vor seinem Leib hatte sich eine Blutlache gebildet, ein Zittern lief durch seine Flanken.

„Kümmere dich um das Tier“, trug Neal dem Hilfssheriff nach einem raschen Blick auf das Pferd auf.

Clay presste die Lippen zusammen, schritt zu dem Pferd und richtete den Lauf seines Revolvers zwischen die Augen des Tieres. Es war ihm verhasst, das Pferd zu töten, aber wenn er es von seinen Qualen erlösen wollte, blieb ihm keine andere Wahl.

Das Peitschen des Schusses hallte über die Main Street, das Pferd warf mit einem kläglichen Wiehern den Kopf empor und schlegelte mit den Beinen. Dann lag es still unter dem weiten Blau des Arizonahimmels – ein weiteres Opfer des Verbrechens, das die Mittagsruhe der kleinen Stadt Sheridan so brutal zerstört hatte.

Nach dem heftigen Schusswechsel wirkte die plötzliche Stille nahezu unnatürlich. Sogar die Gebäude der Stadt schienen sich angesichts des zurückliegenden Kampfes ängstlich zu ducken. Leere Patronenhülsen glitzerten im Schein der Sonne, dazwischen lagen grüne Bündel von Banknoten verstreut. Letzte Staubschwaden trieben über die toten Banditen und den Pferdekadaver hinweg, ehe sie an den Fassaden der Häuser emporschwebten und zerfaserten. Neal hatte jäh das Gefühl, als wären er und sein Deputy die einzigen lebenden Menschen in der Stadt – doch dieser Eindruck täuschte.

Hinter den Fensterscheiben beiderseits der Main Street zeichneten sich bange Gesichter ab, neugierige Stadtbewohner spähten vorsichtig aus spaltbreit geöffneten Türen. Leises Stimmengewirr setzte ein und wurde rasch lauter, als die ersten Menschen aus ihren Häusern traten und immer mehr Stadtbewohner ihrem Beispiel folgten. Die Main Street wimmelte im Handumdrehen von Männern und Frauen, die wild gestikulierend durcheinanderriefen.

Die Geräuschkulisse riss Neal wieder aus seinen Gedanken.

„Hoch mit dir!“, befahl er dem Banditen, der immer noch bäuchlings am Boden lag.

Der staubbedeckte Outlaw rappelte sich ächzend empor und rieb sich die rechte Schulter. Schmerz zeichnete die nicht maskierten Partien seines Gesichts oberhalb des verrutschten Halstuches.

„Nur nicht so empfindlich“, meinte Neal und trat einen Schritt nach vorne. „Sei froh, dass du keine Kugel abbekommen hast.“ Seine Linke packte das Halstuch des Banditen und zerrte es bis zum offenen Hemdkragen herab.

Der Sheriff blickte in ein hageres, glatt rasiertes Gesicht unter tiefschwarzen Haaren. In den eng beieinanderstehenden Augen des Fremden schien ein unheimliches Feuer zu lodern, um seinen schmallippigen Mund lag ein grausamer Zug. Seine hervorstechende Nase erinnerte an den Schnabel eines Geiers.

„Freu dich nur nicht zu früh, Sternträger“, raunte der Fremde. „Vorerst hast du mich geschnappt, aber das Blatt wird sich bald schon wenden, wart 's nur ab. Für dich und deine Stadt wäre es besser gewesen, du hättest mich nicht überwältigt, das kannst du mir glauben.“

„Spuck hier keine großen Töne, die kannst du dir für den Richter aufheben“, erwiderte Neal ungerührt. „Üben kannst du deine Rede in meiner Zelle, dort bist du völlig ungestört.“

Während des kurzen Wortwechsels rückte die Menschenmenge von beiden Seiten näher. In den Rufen der Stadtbewohner mischte sich Begeisterung über das mutige Eingreifen der Gesetzeshüter mit wildem Zorn auf die Banditen.

„Bravo, Sheriff, den Kerlen haben Sie's gezeigt!“

„Verdammte Schufte, die beiden Bankclerks einfach so abzuknallen!“

„Schade, dass der Kerl den Sturz vom Pferd überlebt hat! Den Hals hätte er sich brechen sollen!“

„Das können wir sofort nachholen, die alte Eiche am Stadtrand hat kräftige Äste!“

„Immer mit der Ruhe, Leute!“ Clay Dexters autoritätsgewohnte Stimme erhob sich über die Bürger von Sheridan. Der Deputy stand breitbeinig auf der Main Street und kehrte Neal und dem Outlaw den Rücken zu. „Der Überfall ist vorbei, jetzt gilt es, die Nerven zu bewahren und die Ordnung wieder herzustellen! Informiert den Sargtischler und bindet das tote Pferd an den Frachtwagen, damit wir es aus der Stadt schaffen können! Ein weiteres Banditenpferd muss sich in der Gasse hinter dem Sheriff's Office befinden. Holt es her und leint es an den Hitchrack vor dem Office, wir schaffen den Kerl jetzt ins Jail!“

„Da hören Sie's, Sheriff!“ Der Outlaw grinste Neal spöttisch an. „Bringen Sie mich endlich in Ihr Gefängnis, sonst kommen die braven Bürger dieser hübschen Stadt noch auf dumme Gedanken und nehmen das Recht in eigene Hände. Ich muss Sie doch nicht erst darauf hinweisen, dass Sie als Sheriff auch für die Sicherheit Ihrer Gefangenen verantwortlich sind? Wäre doch schade um mich, wenn mir die Stadtbewohner eine Schlinge um den Hals legen, finden Sie nicht?“

„Dieses Vergnügen bleibt dem Henker vorbehalten“, erwiderte Neal trocken. „Vorwärts jetzt.“

Er wies mit einer Bewegung seines Kinns in Richtung des Office, und der Bandit setzte sich langsam in Bewegung. Neal schloss sich ihm an, den Lauf des Colts auf den Rücken des Gefangenen gerichtet.

Die Menge beruhigte sich wieder, ein paar Männer eilten davon, um die Anordnungen des Deputys auszuführen, der dem toten Pferd die Satteltasche abnahm. Um die verstreuten Dollars kümmerte sich eine Gestalt im grauen Tuchanzug, die hektisch umherlief und die Geldbündel in einen großen Leinensack stopfte – der Direktor der City Bank, der sein Mittagessen im Saloon unterbrochen hatte und ebenfalls ins Freie gerannt war.

Clay warf sich die Satteltasche über die linke Schulter, wandte sich um, um ebenfalls zum Office zu schreiten – und erstarrte regelrecht, als er dem Banditen ins Gesicht blickte, das vor Kurzem noch unter dem Halstuch verborgen gewesen war.

Neal sah das Entsetzen in den Augen seines Deputys, er sah das ungläubige Erstaunen auf seinen Gesichtszügen, und vermeinte im selben Moment die Aura einer unsichtbaren Gefahr zu spüren.

Clay überwand seine Irritation mit einem würgenden Schlucken und marschierte weiter, Neal widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Gefangenen. Was auch immer Clay beim Anblick des Mannes so erschreckt hatte, es schien nicht ratsam, ihn hier und jetzt danach zu befragen. Die Stimmung in der Stadt war schon gereizt genug, die Vermeidung jeder weiteren Aufregung oberstes Gebot. Später, in der Sicherheit des Office, wo keine fremden Ohren ihre Unterhaltung belauschen konnten, wollte Neal der Sache allerdings auf den Grund gehen.

Im Magen des Sheriffs breitete sich ein mulmiges Gefühl aus, als er mit Clay und dem überwältigten Banditen über die Main Street von Sheridan schritt. Die düstere Vorahnung, dass nach dem gescheiterten Banküberfall die wahren Schwierigkeiten erst begannen, legte sich wie ein schwerer Mantel auf seine Schultern.

* * * * *

Die Gittertür der Zelle fiel klirrend ins Schloss. Der schwere Schlüssel knirschte metallisch, als Neal absperrte, dann trat er mit dem Schlüsselbund in der Rechten einen Schritt zurück. Clay Dexter, der den Outlaw bisher mit dem Colt in Schach gehalten hatte, schob sein Eisen wieder ins Holster. Die Waffe des Banditen und die mit Dollarbündeln gefüllte Satteltasche befanden sich bereits im Office. Der Deputy wirkte mittlerweile wieder gefasster, aber seine mühsam erzwungene Selbstbeherrschung vermochte Neal nicht zu täuschen.

„Hier bleibst du bis zu deiner Gerichtsverhandlung“, verkündete Neal, den Blick auf den Gefangenen gerichtet, der ihn durch die Zwischenräume der Eisenstäbe hindurch zornig anstarrte. „Du wirst dir noch wünschen, diese Stadt niemals betreten zu haben.“

„Freuen Sie sich bloß nicht zu früh, Sheriff“, entgegnete der Outlaw. Seine Stimme troff vor Überheblichkeit. „Bald schon werden Sie sich wünschen, ich hätte diese Zelle nie betreten, aber dann wird es zu spät für Sie sein.“

Neal verzichtete auf eine Erwiderung und wandte sich ab. Sprüche dieser Art kannte er zur Genüge, sie beeindruckten ihn längst nicht mehr. Er verließ gemeinsam mit Clay den Zellentrakt, der durch eine massive Holztür vom restlichen Gebäude getrennt wurde. Zur Linken des Durchlasses führte ein schmaler Flur auf den Hinterhof mit den Stallungen und einem Tor, nach rechts hin, in Richtung der Main Street, lag das eigentliche Office, wo es auch einen Raum gab, in dem die Gesetzeshüter übernachten konnten.

„Also, Clay, raus mit der Sprache“, drängte Neal, nachdem er hinter seinem klobigen Schreibtisch Platz genommen hatte. „Was hat es mit dem Burschen auf sich?“

Der Deputy sah Neal über das Pult hinweg in gespieltem Erstaunen an. „Was meinst du?“

„Hör mal, mir brauchst du nichts vorzuspielen“, schlug Neal einen väterlichen Tonfall an. „Als du dem Banditen vorhin ins Gesicht gesehen hast, hätte man meinen können, du stehst dem Leibhaftigen persönlich gegenüber. Wer ist der Kerl, dass dir sein bloßer Anblick derartigen Respekt einflößt? So kenne ich dich gar nicht!“

„Du hast es also bemerkt?“, fragte Clay unsicher.

„Natürlich habe ich es bemerkt, schließlich habe ich Augen im Kopf!“, erwiderte Neal verärgert. „Ich war zwar klug genug, da draußen meinen Mund zu halten, aber jetzt möchte ich wissen, welches besondere Früchtchen da in unserer Zelle sitzt!“

„Ja, du hast Recht“, gestand Clay und erinnerte plötzlich an einen Schuljungen, der von seinem strengen Lehrer beim Schummeln ertappt wird. „Ich hätte es dir aber sowieso erzählt, wenn alle Formalitäten nach dem Überfall erledigt gewesen wären. Der Bandit ...“

Im Freien erklang das Poltern hastiger Schritte, einen Augenblick später schwang die Tür auf, und ein Mann stapfte ins Office. Sein etwas zu klein geratener Körper steckte in einem maßgefertigten schwarzen Anzug und sündteuren Stiefeln, auf seinem Kopf saß ein dunkler Stetson. Über den gewaltigen Bauch spannte sich ein weißes Hemd, die um den Kragen gebundene Schleife brachte das schwabbelige Doppelkinn unvorteilhaft zur Geltung. Auf den Hängebacken seines rosafarbenen Gesichts wucherten schlohweiße Koteletten, die kleinen Schweinsäuglein unter den buschigen Brauen schienen in ständiger Bewegung.

Hugh Tucker, seines Zeichens Bürgermeister von Sheridan, keuchte und schwitzte, als hätte er die Banditen soeben im Alleingang besiegt. Der Town Mayor galt nicht gerade als Freund körperlicher Anstrengung, seine Stärke lag in großen Worten und bedeutungsvollen Gesten – eine Eigenschaft, die ihm bereits zweimal zur Wiederwahl in sein Amt verholfen hatte.

„Mister Tucker!“, entfuhr es Neal und Clay wie aus einem Mund. Es klang mehr nach dem Ausdruck hörbarer Enttäuschung als nach einer Begrüßung, aber der Town Mayor war viel zu aufgeregt, um darauf zu achten.

„Kompliment, Sheriff!“, sprudelte es nur so aus dem Bürgermeister hervor, während er sich neben Clay vor dem Schreibtisch positionierte. Sein beachtlicher Bauch hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen. „Wie Sie eben mit dem Bankräubern umgesprungen sind, war wirklich beeindruckend. So stelle ich mir einen tüchtigen Gesetzeshüter vor – unerschrocken, mutig und selbstlos! Solange Sie und Ihr Deputy hier für Recht und Ordnung sorgen, befindet sich Sheridan in guten Händen.“ Er sah kurz zu Clay, dem er gerade bis zur Schulter reichte, und fuhr dann fort: „Sie beide im Sheriff's Office, und ich im Büro des Bürgermeister – das ist wirklich das Beste, was dieser Stadt passieren konnte. Noch keine Minute habe ich es bereut, dass ich damals ausdrücklich zur Ihrer Wahl aufgerufen habe. Die Bürger von Sheridan können sich wirklich glücklich schätzen.“

„Freut mich, dass Sie so zufrieden sind“, gab Neal gelangweilt zur Antwort. „Ich bin sicher, Sie an meiner Stelle hätten ebenso gehandelt.“

Tucker musste hart schlucken und riss die Augen auf, die bloße Vorstellung trieb ihm erneut den Schweiß auf die Stirn. Gleich darauf hatte er sich wieder unter Kontrolle.

„Nun ja, ich bin nicht mehr der Jüngste, aber früher hätte ich ebenso vorbildlich gehandelt wie Sie, keine Frage.“ Seine fleischige Rechte verschwand kurz in der Innentasche seines Jacketts und kam mit einem weißen Taschentuch wieder zum Vorschein. Er tupfte sich die glänzende Stirn ab, ließ das Tuch wieder verschwinden und fuhr dann fort: „Mit meinen organisatorischen Fähigkeiten bin ich an der Spitze der Stadt natürlich besser aufgehoben. Ein Mann muss wissen, wo er hingehört, nur so kann ein Gemeinwesen funktionieren.“ Tucker nahm eine lächerliche Pose ein und verlieh seiner Stimme eine Ergriffenheit, als hielte er eine Rede vor den versammelten Bürgern von Sheridan.

„Apropos“, meldete sich Clay zu Wort. „Sind Sie sicher, dass man Sie im Rathaus jetzt nicht benötigt? Nach dem Bankraub gibt es doch sicher jede Menge Anfragen von besorgten Bürgern, da müssten Sie als gewissenhafter Town Mayor doch anwesend sein.“

Die Hoffnung, den ungebetenen Besucher rasch wieder loszuwerden, erfüllte sich nicht, wie Tuckers folgende Worte bewiesen.

„Ich möchte mir zunächst direkt vor Ort ein Bild machen“, verkündete er wichtigtuerisch. „Haben Sie den Gefangenen schon verhört? Sie brauchen den Kerl nicht mit Samthandschuhen anzufassen, wenn er nicht mit der Wahrheit herausrücken will, hören Sie? Nehmen Sie ihn kräftig in die Mangel, meine Rückendeckung haben Sie. Niemand wird Ihnen einen Vorwurf machen, wenn der Banditen mit blauen Flecken zum Galgen gebracht wird. Bei solch einem Gesindel ist Fairness absolut fehl am Platz!“ Tuckers schwammiges Gesicht glich für Sekunden einer verzerrten Grimasse, Niedertracht und Heimtücke glitzerten in den kleinen Augen unter den zusammengezogenen Brauen. Die Skrupellosigkeit der Macht umwehte den Bürgermeister für Sekunden wie ein eiskalter Hauch und ließ Neal innerlich schaudern.

„Ich habe noch keinen Verbrecher mit Samthandschuhen angefasst, und ich werde es auch diesmal nicht tun“, erwiderte er ernst. „Wer gegen das Gesetz verstößt, handelt sich bei mir Schwierigkeiten ein – und zwar ausnahmslos.“

„Selbstverständlich.“ Tucker nickte rasch, als fühlte er sich ertappt, und setzte seine alte Miene mit einer Geschwindigkeit wieder auf, die jeden Schauspieler zur Ehre gereicht hätte. Im nächsten Moment wechselte er schon geschickt das Thema. “Sie werden doch umgehend ein Aufgebot zusammenstellen, um den flüchtigen Bankräuber zu verfolgen? Immerhin befindet sich ein Teil des geraubten Geldes noch im Besitz dieses Banditen, da er ja mit einer Satteltasche fliehen konnte.“

„Sie werden es nicht glauben, aber ich bin ich im Geist bereits eine Liste durchgegangen, welche Einwohner an besagtem Aufgebot teilnehmen könnten“, erklärte Neal listig und bedachte Tucker mit einem erwartungsvollen Blick. „Dabei sind mir auch Sie eingefallen. Als Bürgermeister könnten Sie mit gutem Beispiel vorangehen und ...“

„Eine hervorragende Idee, aber zurzeit bin ich in Sheridan leider unabkömmlich“, beeilte sich Tucker zu antworten. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich muss den Bürgern der Stadt in dieser schweren Stunde beistehen. Viel Erfolg bei der Banditenjagd.“

Er lüftete kurz seinen Stetson und verließ fluchtartig das Office, wenig später setzte im Freien das Brüllen seiner Stimme ein und übertönte binnen Sekunden alle anderen Geräusche. Neal und Clay sahen ihn durch die Fensterscheiben über die Main Street hasten, wo er mal hier, mal da innehielt und den Kopf abwechselnd nach links und rechts rucken ließ. Dabei fuchtelten seine Arme durch die Luft, als müsste er einen Bienenschwarm verscheuchen.

„Ein anstrengender Zeitgenosse“, stöhnte Clay und schüttelte den Kopf.

„Das kannst du laut sagen“, pflichtete Neal ihm bei. „Lieber wüsste ich den gefährlichsten Banditen von Arizona in meinem Gefängnis, als mir auch nur eine Minute länger das Geschwafel dieses Fettsackes anhören zu müssen.“

„Es gibt etwas Schlimmeres, als den gefährlichsten Banditen von Arizona im eigenen Gefängnis zu wissen“, wandte Clay ein.

„So?“ Neal sah seinen Deputy neugierig an. „Was denn?“

„Den Bruder des gefährlichsten Banditen von Arizona ins eigene Gefängnis gesteckt zu haben“, sagte Clay tonlos. „In genau dieser Situation befinden wir uns nämlich.“

* * * * *

Zwei, drei Sekunden lang füllte Schweigen das Office und unterstrich noch die Bedeutung von Clays Worten. Die Aussage des Deputys sickerte erst allmählich in Neals Bewusstsein und ließ ihn kurz gedankenverloren vor sich hinstarren, ehe er sich wieder unter Kontrolle hatte.

„Der Bruder des gefährlichsten Banditen von Arizona?“, wiederholte er, und in seiner Stimme schwang die gewohnte Ruhe mit. „Dann beherbergt unser Gefängnis ja gewissermaßen einen Prominenten.“

Clay nickte. „Genauso ist es, und deshalb bin ich vorhin auch so erschrocken. Der Bursche ist nicht bloß irgendein Outlaw, sondern eine ganz große Nummer.“

„Hat der Kerl auch einen Namen?“

„Lew Monroe“, erklärte Clay fast ehrfurchtsvoll.

Der Sheriff schüttelte den Kopf. „Noch nie gehört. Wenn ihm tatsächlich ein derartiger Ruf vorauseilt, wie du behauptest, müsste er mir aber zumindest von den Steckbriefen bekannt sein.“

„Vielleicht sagt dir der Name seines Bruders mehr“, fuhr Clay fort und senkte unwillkürlich die Stimme. „Es ist Jack Monroe, auch bekannt als Sleepy Jack.“

„Sleepy Jack!“, entfuhr es Neal, während er sich mit der flachen Linken auf die Stirn schlug. „Donnerwetter, dieser Name ist mir natürlich ein Begriff. Wer in Arizona den Stern trägt und Sleepy Jack nicht kennt, hat den falschen Beruf ergriffen.“

„Und wer den Stern trägt und diesem Mann begegnet, wird seinen Beruf nicht mehr lange ausüben“, meinte Clay düster.

„Jetzt übertreib 'mal nicht“, beschwichtigte Neal den Deputy. Gleichzeitig rief er sich alles ins Gedächtnis, was er über diesen Outlaw wusste.

Der Name Sleepy Jack rührte daher, dass das linke Augenlid des Banditen infolge einer Verletzung etwas herabhing, was seinem Gesicht einen schläfrigen Ausdruck verlieh – aber dieser Eindruck täuschte. Jack Monroe war habgierig, brutal und gerissen, vor allem aber war er schnell mit dem Colt. Als ehemaliger bezahlter Revolvermann hatte er jahrelang für andere die Kartoffeln aus dem Feuer geholt, ausschlaggebend war für ihn stets nur die Bezahlung gewesen.

Irgendwann war er zum Schluss gekommen, dass er mit seiner schnellen Hand als Gesetzloser zu noch mehr Geld kommen könnte, und hatte eine Bande verwegener Gestalten um sich geschart. Mit ihnen raubte er Banken und Postkutschen aus, wobei er auf Menschenleben keinerlei Rücksicht nahm. Monroe hatte zahlreiche Marshals auf den Plan gerufen, aber bisher war es noch keinem gelungen, ihn und seine Bande unschädlich zu machen. Manche Gesetzeshüter waren am Stiefelhügel gelandet, an andere erinnerte nur noch ein staubbedeckter Stern, der inmitten bleicher Knochen irgendwo in der Wildnis lag. Dass Sleepy Jack einen jüngeren Bruder hatte, war dem Sheriff neu, aber er empfand es nicht als Nachteil, dass ihm dessen Existenz bisher entgangen war.

„Und du bist dir absolut sicher, dass es sich bei dem Kerl in unserer Zelle um Lew Monroe handelt?“, vergewisserte sich Neal.

„Ich schließe jede Verwechslung aus“, bekräftigte Clay.

„Woher kennst du Lew Monroe eigentlich?“

„Ich begegnete ihm vor einigen Jahren an der Grenze zu New Mexiko in einem Saloon“, berichtete Neal mit entrücktem Gesichtsausdruck, als schien die Vergangenheit in diesem Moment vor seinem geistigen Auge wieder lebendig zu werden. „Lew Monroe, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal den Namen kannte, wurde dort in eine Schlägerei mit einem Kerl verwickelt, der ihn zuvor provoziert hatte – nichts Besonderes also, vielmehr ein Ritual, wie es regelmäßig in jedem Saloon zwischen Tucson und Phoenix stattfindet. Diesmal jedoch sollte es anders kommen.“

Clay musste heftig schlucken und legte eine kurze Sprechpause ein, ehe er fortfuhr. „Lew Monroe ging aus dem Faustkampf als Sieger hervor, sein Gegner lag bereits ächzend am Boden – dennoch zog Monroe den Colt und durchschoss dem anderen die rechte Hand! Anschließend meinte er nur, der Verwundete solle sich in Zukunft genau überlegen, wen er herausfordere – und verkündete voll Stolz seinen Namen, wobei er laut darauf hinwies, der Bruder von Sleepy Jack zu sein. Monroe kippte genießerisch seinen Whisky hinab und weidete sich förmlich am Entsetzen, das die Gäste bei der bloßen Erwähnung von Sleepy Jacks Namen befiel. Niemand, ich eingeschlossen, dachte in diesen Sekunden auch nur daran, zum Colt zu greifen. Die bloße Vorstellung, es anschließend mit Lew Monroes Bruder Jack zu tun zu bekommen, schnürte allen die Kehle zu. Jeder war erleichtert, als dieser Verrückte den Saloon endlich verließ, und auch mir fiel ein Stein vom Herzen! In dieser Situation den Revolver zu ziehen, wäre nicht Mut gewesen, sondern Dummheit.“

Neal hörte die Rechtfertigung in den letzten Worten seines Deputys und reagierte prompt.

„Du hast damals absolut richtig gehandelt. Ich kannte Männer, die den schmalen Grat zwischen Mut und Dummheit überschritten haben und es mit ihrem Leben bezahlten. Allerdings kann auch Überheblichkeit ein böses Ende nehmen. Lew Monroe wird spätestens dann zu dieser Einsicht gelangen, wenn man ihn zum Galgen führt.“

„Von Lew Monroe droht keine Gefahr mehr. Ich fürchte weniger ihn als vielmehr seinen Bruder! Er ist der Grund, weshalb uns Lew Monroe so unverschämt ins Gesicht grinst. Der Kerl verlässt sich darauf, dass ihn sein Bruder aus dem Jail holt, und damit liegt er völlig richtig! Sleepy Jack wird es nicht hinnehmen, dass man seinem kleinen Bruder den Strick um den Hals legt wie einem gewöhnlichen Viehdieb. Ich verspreche dir schon jetzt, dass er alles Menschenmögliche unternehmen wird, um Lew zu befreien. Der Kerl ist imstande und legte die halbe Stadt in Schutt und Asche, verstehst du das nicht?“ Clay sah Neal fast schon flehentlich an, aber sein eindringliches Zureden konnte den Sheriff nicht beeindrucken.

„Natürlich verstehe ich das“, antwortete Neal. „Aber Sleepy Jack ist nicht der einzige ehemalige Revolvermann in diesem Konflikt. Es gibt auch andere Männer, die mit ihrem Colt umzugehen verstehen.“

„Du spielst auf deine Vergangenheit an?“

„So ist es“, bestätigte Neal. „Warum sollte ich sie verschweigen? Die Zeit, in der ich meine Dollars als bezahlter Revolvermann verdiente, ist ein Abschnitt meines Lebens, zu dem ich stehe. Nicht jeder Revolverkämpfer muss zwangsläufig zum Outlaw werden, man kann seine schnelle Hand auch anders einsetzen. Arizona ist ein weites Land, und der Arm des Gesetzes reicht längst nicht überall hin. Das ist heute so, und dieser Umstand war vor etlichen Jahren noch viel ausgeprägter. Wenn ich damals gegen Bezahlung zum Colt griff, um Bedrängten und Wehrlosen beizustehen, verhalf ich dem Recht genauso zur Geltung wie heute. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich jetzt einen Stern auf der Brust trage.“

„Warum bist du eigentlich Sheriff geworden und hast dich nicht weiterhin als Revolverkämpfer engagieren lassen?“, erkundigte sich Neal. „An der Bezahlung kann's wohl nicht gelegen haben.“

„Nein, wahrlich nicht.“ Über Neals Gesicht huschte ein flüchtiges Grinsen, gleich darauf wurde er wieder ernst. „Kein Mensch wird jünger, auch ein Revolvermann nicht. Über kurz oder lang stellen sich bei jedem körperliche Beschwerden ein: Augen und Gehör werden schwächer, die Reaktionen verlangsamen sich, irgendwo schmerzt ein Gelenk. Spätestens zu diesem Zeitpunkt bist du kein vollwertiger Kämpfer mehr. Dann ist der Tag nicht mehr fern, an dem du auf einen Jüngeren und Besseren triffst, der dir die tödliche Kugel verpasst – aber nur in den seltensten Fällen bei der Erledigung eines Auftrages! Meistens fordert dich irgendein schießwütiger, junger Heißsporn nur aus einem einzigen Grund zum Duell heraus: um sich später damit zu brüsten, einen berühmten Revolvermann aus den Stiefeln geschossen zu haben! So weit wollte ich es nicht kommen lassen und habe mich deshalb rechtzeitig aus dem Geschäft zurückgezogen.“ Neal schwieg kurz, ehe er schulterzuckend hinzufügte:

„Der Posten eines Sheriffs erschien mir wesentlich geruhsamer – so dachte ich zumindest bis vor Kurzem.“

* * * * *

Am Abend desselben Tages war Neal zu Gast bei Janet Howard, die in Sheridan den General Store betrieb. Obwohl Janet seine Geliebte war, lebten die beiden nicht unter einem Dach, verbrachten aber regelmäßig ihre Freizeit miteinander. Diese Form der Beziehung, die jedem genügend Freiraum ließ, entsprach sowohl den Vorstellungen Neals als auch denen seiner Freundin.

Zum Zeitpunkt des Banküberfalls war Janet nicht in der Stadt gewesen, weil sie Besorgungen für ihr Geschäft erledigt hatte – ein Umstand, der Neal nachträglich wie eine glückliche Fügung des Schicksals erschien. Er wollte sich die möglichen Folgen gar nicht ausmalen, wenn Janet, angelockt vom Krachen der Schüsse und vorangetrieben von jäher Sorge um Neal, ins Freie gestürzt wäre. Eine rasche, vom Sattel aus abgefeuerte Kugel, eine strauchelnde Gestalt – und dann eine Frau, die blutüberströmt zu Boden sank, während ihr maskierter Mörder schon weiterpreschte, eingehüllt in Pulverdampf und wallenden Staub...

Natürlich hatte Janet von dem Bankraub erfahren, kaum dass sie in Sheridan wieder eingetroffen war. Die Stadt glich auch Stunden nach dem Kampf noch immer einem Wespennest, in dem das brutale Verbrechen das einzige Gesprächsthema darstellte. So war sie sofort in Sheriff's Office geeilt, wo sie erleichtert festgestellt hatte, dass Neal wohlauf war. Nach einer kurzen Unterredung hatten sie vereinbart, sich heute Abend bei Janet zu treffen, um dort den ereignisreichen Tag in Ruhe besprechen.

Jetzt saßen die beiden im Wohnzimmer, wo Janet ein köstlich duftendes Abendessen serviert hatte – Rindersteak mit Bratkartoffeln und Bohnen. Zu trinken gab es kühles Bier, als Nachtisch waren Apfelkuchen und Kaffee vorgesehen. Das geöffnete Fenster gestattete einen großzügigen Blick auf den blühenden Blumengarten und die hinter dem niedrigen Staketenzaun aufragenden Gebäude der Stadt.

Die Konturen der Dächer schienen fast die Wolken zu berühren, die von der Abendsonne in einen rötlichen Schein getaucht wurden, dass sie aussahen wie riesige, über den Himmel ziehende Blutstropfen. Den Schatten der Dämmerung, die durch Straßen und Gassen krochen und die Stadt langsam, aber unaufhaltsam verschlangen, haftete etwas Bedrohliches an. Immer noch war die Hitze des Tages zu spüren, als wollte die mit Gewalt und Verbrechen aufgeladene Luft diesen Ort einfach nicht verlassen, weil sich die dramatischen Ereignisse hier schon bald zu wiederholen drohten....

„Lass es dir schmecken“, sagte Janet, während sie und Neal nach Messer und Gabel griffen. „Nach den Anstrengungen des heutigen Tages ist eine tüchtige Mahlzeit jetzt genau das Richtige.“

Janet zählte Anfang dreißig und war somit etwas jünger als Neal. Sie war hochgewachsen und schlank, mit wohlproportionierten Rundungen an den richtigen Stellen. Einzelne Strähnen ihres dunklen und im Nacken zusammengebundenen Haares fielen ihr in die Stirn, was ihr ein kokettes Aussehen verlieh. Das ebenmäßige Gesicht mit den bernsteinfarbenen Augen, der schmalen Nase und den sanft geschwungenen Lippen wies eine gesunde Bräune auf. Heute Abend trug sie eine großzügig ausgeschnittene Bluse, die die Ansätze der festen Brüste erkennen ließ, sowie einen hellblauen, bis zu den Schnürstiefeletten reichenden Rock, der sich eng an ihre langen Beine schmiegte.

„Vorzüglich“, lobte Neal die Kochkünste seiner Geliebten nach dem ersten Bissen von dem saftigen Fleisch. „Bohnen zum Steak sind außerdem weitaus bekömmlicher als blaue Bohnen aus einer Revolvertrommel.“

Sein Scherz sollte über die Anspannung hinwegspielen, die über dem liebevoll gedeckten Tisch lastete, verstärkte diese aber nur. Janet ließ die Gabel mit dem aufgespießten Kartoffelstück wieder sinken, ehe sie lächelnd meinte: „Die Bohnen und Kartoffeln stammen aus meinem Garten – und den wollte bisher niemand ausrauben. Hoffen wir, dass das auch in Zukunft so bleibt.“

Ihr Lächeln wirkte aufgesetzt und genauso künstlich wie Neals misslungener Scherz, aber dieses Verhalten war zutiefst menschlich. Was heute in Sheridan geschehen war, ließ sich eben nicht so einfach verdrängen. Es hatte Spuren hinterlassen – auch wenn die sichtbaren Spuren des Überfalls längst beseitigt waren und die Main Street wieder genauso aussah wie vor dem dramatischen Kampf.

Die beiden vermieden das Thema, bis ihre Teller geleert waren und Neal seinen Durst mit einem kräftigen Schluck Bier gelöscht hatte. Er holte einen Zigarillo hervor, klemmte ihn zwischen die Lippen und steckte ihn mit einem Streichholz aus der am Tisch liegenden Packung an. Neal warf das Streichholz in den Aschenbecher, blies den würzigen Rauch durch das offene Fenster und lehnte sich bequem im Stuhl zurück, dann begannen die beiden ohne Umschweife ihr Gespräch.

„Konntest du die drei toten Banditen schon identifizieren?“, wollte Janet wissen.

Neal schüttelte den Kopf. „Sie stimmen mit keiner Abbildung auf einem Steckbrief überein, aber das muss nichts bedeuten. Bis ein ausgestellter Steckbrief den Weg in jedes Sheriff's Office von Arizona findet, können schon mal Monate verstreichen. Jedenfalls werden die Kerle keine Möglichkeit mehr bekommen, weiteren Schaden anzurichten. Zwei erschossene Bankclerks sind genug“

„Hat das Aufgebot wenigstens die Spur des flüchtigen Outlaws gefunden?“

Der Sheriff lachte kurz auf. „Natürlich nicht. Die meisten Männer, die an einem derartigen Aufgebot teilnehmen, sind friedliche Bürger, die den Revolvergurt nur aus Gewohnheit an der Hüfte tragen. Wenn dann in ihrer Stadt ein Verbrechen passiert, treibt sie die Wut in die Sättel, aber die Hufe ihrer Pferde zertrampeln die gesuchten Spuren, noch ehe die Reiter sie bemerken. Nach einigen Stunden erfolgloser Suche verlässt sie dann ihr Tatendrang und weicht allmählich der Furcht. Die Vorstellung, vielleicht doch auf einen Outlaw zu stoßen, lässt sie mit jeder zurückgelegten Meile verzagter werden, denn immerhin könnten sie es dann mit einem Mann zu tun bekommen, der um sein Leben kämpft und ihnen mit dem Colt hundertfach überlegen ist! Schließlich sind sie grenzenlos erleichtert, den Banditen doch nicht geschnappt zu haben, und drängen dich zur unverzüglichen Rückkehr. Ich mache dieses Verhalten niemandem zum Vorwurf, aber einen flüchtigen Outlaw wird man so niemals überwältigen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738910308
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Juni)
Schlagworte
mann stern erbarmen
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Titel: Ein Mann, ein Stern und kein Erbarmen