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Im Jahr 95 nach Hiroshima

2017 120 Seiten

Leseprobe

IM JAHR 95 NACH HIROSHIMA



Roman





IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Casper David Friedrich mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de








Klappentext:

Seit dem ersten Atombombenabwurf am 06. August 1945 hat für die Menschheit eine neue Zeitrechnung begonnen: das Jahr 0 nach Hiroshima. Durch das rücksichtslose Verhalten des Menschen hat sich die Atmosphäre erwärmt, sind die Polkappen geschmolzen und die Ozonschicht schwer beschädigt. Jetzt, 95 Jahre nach Hiroshima, steht die Welt vor einer riesigen Herausforderung: Aus ungeklärter Ursache ist die Temperatur auf der Nordhalbkugel der Erde stark gefallen, und neue Gletscher haben sich gebildet; ganze Landstriche vereisen. Eine neue Eiszeit droht.

Zwei Wissenschaftler, die Biologin Antonella Lerici und der Physiker John Federbaum, machen sich auf die Suche nach Lösungen gegen die Vereisung des Planeten. Die Zeit wird knapp, denn das Eis breitet sich immer mehr aus …


RICHARD HEY WURDE FÜR DIESEN ROMAN DER KURT-LASSWITZ-PREIS VERLIEHEN






Roman:

Dies war die Zeit, als die Jahre schwarz wurden und silbern im Schein der Unendlichkeit und das rötliche Licht verblasste und der Gesang der Sterne war es nicht mehr.

RICHARD HUELSENBECK



Ich bin geneigt, an Telepathie zu glauben, aber ich vermute, dass sie mehr mit Physik als mit Psychologie zu tun hat.

ALBERT EINSTEIN


Wenn du die Menschheit nicht ersäufst, dann lass sie halt erfrieren.

KARL VALENTIN (Ratschlag an Gott)





1. Kapitel



Im Jahr 95 nach Hiroshima, Anfang Mai, waren zwei nordamerikanische Wissenschaftler vom Planeten Erde aufgebrochen zum Planetoiden Toro. In den ersten Sekunden ihrer Reise hatten sie durch die Bordfenster des Raumschiffs die Stahlgerüste der Rampe zur Seite kippen sehen, in der folgenden Minute das unter wolkenlosem Himmel grauweiß schimmernde Nordeuropa, dann hingen sie neun Tage scheinbar unbeweglich im schwarzen Weltraum, während ringsumher Sternbilder aus gelblich, bläulich, rötlich glühenden fernen Sonnen und Galaxien vorbeiglitten. Sie hatten ihre Instrumente beobachtet, Aufzeichnungen und Gymnastik gemacht, ihre Ausscheidungen der Wiederaufbereitungsanlage zugeführt, alle acht Stunden mit den beiden Bodenstationen gesprochen und mit dem Bordcomputer Trezik gespielt, eine Art Schach. Zwei Spieler mussten sich jeweils gegen den dritten verbünden. Aber Bündnisse konnten auch aufgekündigt, Fronten gewechselt werden. Und Figuren, die Arbeiter symbolisierten, durften sich gegen Figuren der eigenen Partei wenden, die Militär, Kirche oder Kapital darstellten. Ebenso durfte das Militär die eigenen Politiker schlagen, das konnte dem Spieler Vorteile bringen. Schließlich war es möglich, dass die stärkste Figur, die jeder zur Verfügung hatte, die Große Bombe, nach allgemeiner Übereinkunft nicht gezogen wurde. Bis einer sie dann doch als erster zog. Es war ein Spiel aus der guten alten Zeit vor der Jahrhundertwende, und sie hatten an jedem ihrer gleichförmigen, nur durch die Borduhr eingeteilten Tage eine Partie gespielt.

Harry Danielsson, Ende Dreißig, zur Fülle neigend, mit schütteren blonden Locken, rosigem Gesicht und großen dunklen Augen hinter dicken Brillengläsern, meistens in Weste und leicht schmuddeligem Hemd mit offenem Kragen, beherrschte das Spiel meisterhaft. Aber er war von den anderen, die weit weniger elegant mit den Regeln umgingen, jedes Mal geschlagen worden, weil er darauf bestand, fair zu spielen und eine Art bürgerlicher Sozialdemokratie mit ausgewogenen Besitzverhältnissen zu verteidigen. John Federbaum hingegen hatte nie anders als mit den übelsten Tricks gearbeitet, Verträge gebrochen, von Militärdiktatur zu Arbeiterrevolution gewechselt und wieder zurück zur Militärdiktatur, bedenkenlos, wie's ihm gerade passte, und die Tricks des Computers waren womöglich noch schmutziger gewesen. Chancen für Harry hatte es nur gegeben, solange er mit John gegen den Computer spielte. John war fünf, sechs Jahre älter als Harry, hager, mit leicht gebogener Nase und streng gescheitelter schwarz‑silberner Haarmähne dicht über schmalen grüngrauen Augen. Sein Seemannsbart war fast schon weiß, und während der ganzen Reise hatte er eine altmodische Krawatte getragen, die er nie ablegte, kaum lockerte. So wirkte er ebenso korrekt wie beunruhigend auf den friedfertigen Harry. Aber sie kannten sich schon lange, und das einzige, was Harry wirklich störte, war das seiner Ansicht nach unerträglich ordinäre Gelächter von John, wenn er wieder mal Harrys Demokratie mit der Großen Bombe zugrunde gerichtet hatte.

Die zehnte Partie hatten sie abbrechen müssen. Sie waren in die Nähe ihres Ziels gelangt, rund 37 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, auf halbem Weg zur Umlaufbahn des Mars. Jetzt saßen sie angeschnallt nebeneinander im Kommandoraum, verglichen rasch wechselnde Zahlenangaben, Formeln und geometrische Figuren in leuchtenden Farben, drückten Tasten, korrigierten. Die Beschleunigung des Raumschiffs verringerte sich, der Schwerkraftsimulator schaltete sich ab. Durch die offene Tür hinter ihnen kam aus dem Wohn- und Schlafraum Harrys schlecht befestigtes Kopfkissen herangeschwebt, begleitet von zwei Fotos, einem Kugelschreiber, zwei Socken von John, einer Tablette und einem halb mit Wasser gefüllten Glas. Während John die Socken einfing, wedelte Harry Kopfkissen und Wasser von den Schirmen der Monitore. Weit vor ihnen, kaum erkennbar in der Finsternis, lag die kleine, schwach leuchtende Marssichel auf dem Rücken, wie der Mond bei den Türken, schräg unterhalb von ihnen gleißte tennisballgroß die Sonne, und über ihnen musste jeden Augenblick der winzige kosmische Felsbrocken erscheinen, auf dem sie landen sollten.

»Ich glaube, ihr könnt«, sagte der Spanier von Punta Corralejo auf dem zweiten der beiden Monitore der Bodenstationen. Der erste flirrte schwarz und gestört.

»Eure Werte sind in Ordnung.«

Er hatte eine Glatze und große Tränensäcke unter den Augen. Sein Englisch war kaum verständlich, und er blickte so melancholisch, als habe er eine unabwendbare Katastrophe angekündigt. Plötzlich löste sich sein Gesicht in Zeilen und Punkte auf, aber noch die Zeilen und Punkte schienen Kummer und Besorgnis auszudrücken, bevor sie verschwanden.

»Fernsehverbindung malade«, kam von der anderen Seite des Atlantischen Ozeans die muntere Stimme des Kollegen aus Cape Kennedy. »Wir versuchen, den Patienten zu behandeln, und gehen auf Sprechverkehr.«

»Euer Patient war schon halbtot, bevor wir gestartet sind«, schrie Harry wütend. »Ich hab's euch gesagt. Hab' ich's gesagt?«

Er hämmerte auf die Sprechtaste.

»Lass sie!«, sagte John. »Die haben noch andere Sorgen.«

Das Raumschiff drehte sich um sich selbst, bis Toro genau unter ihnen auftauchte. Langsam sanken sie abwärts. Sie starrten zum Außenbildmonitor hinüber, auf dem der zerklüftete graugelbe Planetoid näher und näher kam.

»Siehst du was?«, murmelte Harry.

»Nichts.«


*

Ein kleiner rostroter Brocken schoss am Bordfenster vorbei. Harry fuhr zusammen.

»Bisher war nicht bekannt, dass Toro einen Begleiter hat«, sagte John ruhig. »Merkwürdig, nicht? Hätte uns doch seit acht Jahren bekannt sein sollen, oder?«

Harry ließ Zahlen, Winkelabstände und Parabeln, mit dicken Wurstfingern leicht wie ein Pianist über die Tasten gleitend, im Arbeitsbildschirm des Computers aufleuchten, während John auf dem Bildschirm daneben die mathematischen Angaben über das Landemanöver verfolgte.

»Schneidet unsere Lande‑ und Startumlaufbahn nicht«, sagte Harry aufatmend. »Verdammter Minimond.«

Und lehnte sich zurück.

Mit starken Vibrationen setzte das Raumschiff auf. Staub wirbelte am Bordfenster vorbei. Auf dem Außenbildmonitor sahen sie die kleine Wolke in den Weltraum schweben.

»Theoretisch kann man auch größere Stücke beim Landen losschlagen«, sagte Harry.

»Kann man«, sagte John.

»O. k., du hast es gleich gesagt«, meldete sich wieder die muntere Stimme von Cape Kennedy. »Wir hätten auf dich hören sollen. Gebt Nachricht, sowie ihr gelandet seid. Ende.«

Weder Harry noch John antworteten. Sie warteten die vorgeschriebenen zehn Minuten. Stumm und fast ohne sich zu bewegen saßen sie nebeneinander, ließen den Blick nicht vom Außenbildmonitor. Der zeigte jetzt, am Fuß eines gezackten hohen Felsens, zwei hell schimmernde Kuppeln. Hinter dem Felsen ging die Sonne unter. Die Kuppeln verschwanden innerhalb von Sekunden im tiefschwarzen Schatten.

John stand auf.

»Ich hatte immer gehofft …«, begann Harry.

»Ich auch.«

John ging hinüber zur Schleuse, stieg in den silberbeschichteten Schutzanzug mit dem violetten Helm, hakte das Sicherheitskabel in den Anzug.

Harry drückte die Sprechtaste.

»Achtung Punta Corralejo. Achtung Cape Kennedy. Hier Toro Drei. Wir sind vor zehn Minuten gelandet. John verlässt jetzt Toro Drei. Sobald wir mehr wissen, melden wir uns. Ende.«

»Wir wissen's ja schon«, sagte John unter dem Helm. »Scrotumzusammenziehende Gewissheit. Mein Sack täuscht sich nie. Lass mich raus!«

Harry nickte. Vor seinem Gesicht schloss sich die Schleusentür. Die Außentür öffnete sich, die automatisch ausfahrende Treppe bohrte sich in den knöcheltiefen Staub, wirbelte eine weitere Wolke auf, die in den Weltraum davonzog.

John blieb gebückt neben der Treppe stehen, suchte im grellen Licht der Scheinwerfer des Raumschiffs nach Spuren im Staub. Er fand keine. Er richtete sich auf.

»Ich bin draußen«, sagte er. »Siehst du mich?«

Nah an seinen Ohren antwortete Harrys vertraute Stimme unter dem Helm:

»Hab' dich klar auf dem Außenmonitor. Ortungsgerät eingeschaltet.«

John prüfte Handscheinwerfer und Handkamera, zerrte am Sicherheitskabel.

»Klemmt.«

»Seh' ich nicht.«

»Schleusenautomatik oder Landegestell.«

»Warte! Und jetzt?«

John zog am Sicherheitskabel. Leicht gab es dem Druck nach.

»In Ordnung.«

John machte ein paar Schritte.

»Harry?«

»Alles o. k. Deine Positionsveränderung wird optisch und akustisch angezeigt. Bleib im Bereich der Scheinwerfer!«

Langsam ging John auf die gezackte Felswand zu, drehte sich um, sah zum Raumschiff zurück. Seine Oberfläche glitzerte. Wo John stand, war außerhalb der Scheinwerfer Nacht.

»Die Sonne geht auf«, sagte er und wandte sich wieder der Felswand zu. »Versuch, das russische Labor reinzukriegen!«

»Hab' ich. Und dahinter unseres. Sieht aber alles unbeschädigt aus.«

»Scheint so, ja.«

»Du bewegst dich immer noch zu schnell. Ohne Sicherungskabel wärst du jetzt 50 Meter hochgesegelt. Ich geb' mal durch, dass du auf dem Weg zu den Labors bist. Dass die beiden Stationen noch vorhanden sind.«

»Harry?«

»Ja?«

»Warte noch mit dem Bericht! Ich finde, wir sollten uns erst mal allein umsehen. Ohne Beteiligung von denen.«

»Aber die Kalifornische Universität «

»Fick die Präsidentin!«

»Moskau wartet auch auf uns. Und wir haben einen Vertrag mit dem Hamburger Fernsehen.«

»Hamburg wird in zwei Jahren nicht mehr existieren.«

»Noch zahlen sie. ln fünf Jahren wird's auch die Hälfte der Sowjetunion nicht mehr geben, und trotzdem zahlen sie. Die haben alle ein Anrecht darauf, dass wir ihnen sofort sagen «

»Noch nicht, Harry. Bitte!«

»O. k., John. John?«, rief Harry plötzlich. »Ich seh' dich nicht mehr.«

John war um die erste Kuppel herumgegangen. Er näherte sich der Rückseite der Kuppel. Sie war kaum noch vorhanden. Trümmerstücke lagen verstreut im Staub. Ein riesiges zerfranstes Loch klaffte im Dach der Kuppel.

»Was ist mit deiner Handkamera?«, sagte Harry.

»Längst eingeschaltet.«

»Ich bekomme kein Bild.«

John hielt die Handkamera höher.

»Kannst du sie höher halten?«

John ließ die Handkamera sinken.

»Hab' ich schon.«

John betrachtete Metallteile vor seinen Schuhen, stieg über sie hinweg, ging näher heran an das Dach.

»Kein Bild«, schimpfte Harry. »Ich hab's gewusst. Auch das hab' ich gewusst. Euro‑Kameras funktionieren einfach nicht. Du wirst kein britisches Zahnrad erleben, das freiwillig in ein italienisches greift. Von der deutsch‑deutschen Elektronik ganz zu schweigen.«

Nicht nur das Dach war eingerissen. Auch die rückwärtige Kuppelwand war zerplatzt und eingeknickt. Und zwischen Maschinenteilen und Kunststoffbehälterresten lag in Höhe von Johns Augen auf einem zersplitterten Kunststoffschrank, dekorativ, unwirklich, ein etwa zwei Meter langer Metallkörper, der aussah wie eine missgestaltete Boje. An ihm vorbei konnte John querdurch die ganze Kuppel in den Wohnraum sehen. Die Schleusentüren hingen, geöffnet, schief in den Fassungen.

»Ich werd' dir sagen, was ich seh'«, murmelte John. »Die Kuppel ist zertrümmert.«

»Also doch ein Meteorit. Chance eins zu vier Milliarden, hat Donovan behauptet. Geh nicht rein!«

»Ich bleib' draußen.«

»Dieser Minimond vorhin könnte ein Bruchstück des Meteoriten gewesen sein, der sich beim Aufschlag …«

»Eine Raumsonde«, sagte John.

»Ich versteh' dich nicht.«

»Eine verbeulte Raumsonde.«

»Was?«

»Sie ist in die Sauerstoffaufbereitungsanlage der Russen eingeschlagen.«

»Eine Raumsonde?«

»Aus den sechziger oder siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Pioneer‑Serie. Ich hab' mal Abbildungen gesehen.«

»Du willst sagen, eine von diesen alten amerikanischen Blechbüchsen, die seit achtzig Jahren um die Sonne kurven oder auf dem Mars verrosten, ist in das russische Laboratorium auf Toro gekracht?«

Hinter John stieg die Sonne schnell höher. Der gleißende Tennisball schien kalt durch das zertrümmerte Dach in den Wohnraum. Der Schatten der Raumsonde fiel auf ein Stück Teppich. Und aus dem Schatten ragten zwei schwarze pergamentene Füße.

John kletterte vorsichtig über die Kunststoffwandreste neben der Sonde ins Innere der Kuppel. Der Schatten wanderte. Seine rasche Bewegung täuschte Leben vor, eine Art Veränderung, irgendetwas wie ein Ziel, Anlass zu Hoffnung. John kannte den Effekt. Halb im Licht, halb im Schatten sah er auf dem Teppich die beiden Leichen.


*


»Hör mal, John …«

»Valentina und Michail liegen da als ob sie schliefen«, sagte er. »Beide sind nackt.«

»Nackt?«

»Verbrannt durch ultraviolette Strahlung, aber durch Weltraumkälte konserviert. Jemand hat ihnen die Hände über der Brust gefaltet.«

»Jemand hat ihnen die Hände gefaltet?«

»Und eine Geranienblüte auf die Hände gelegt.«

»Eine Geranienblüte? Eine Geranienblüte?«

John bemühte sich, die schwarz-violetten Blumenreste genauer zu erkennen.

»Doch«, sagte er, »müssen Geranien sein.«

»John, ich glaube, ich hol' dich zurück.«

John spürte den Ruck am Sicherungskabel.

»Lass den Quatsch!«, murmelte er. »Ich bin in Ordnung. Ich berichte nur, was ich sehe.«

Er sah die erstarrten, ausgeglühten, mumifizierten Körper, die überlangen Fingernägel, die geschrumpften Köpfe mit den langen gebrochenen Haaren. Sie ruhten auf zwei Kissen. Jemand musste ihnen die Kissen liebevoll untergeschoben haben.

Neben den beiden lagen vergilbte Betttücher. Jemand musste sich etwas dabei gedacht haben, die Leichen nicht zu bedecken.

»Du siehst also tote nackte Sowjetbürger mit gefalteten Händen und Geranien auf der Brust.«

»Ja.«

»Und wie erklärst du dir das?«

»Vorerst gar nicht. Ich geh' jetzt rüber zu unserm Labor.«

»John …«

Er kletterte aus der zerborstenen Kuppel hinaus und hüpfte mit Zehnmetersätzen zur zweiten Kuppel. In seinen Ohren zirpte es aus großer Ferne:

»Toro Drei … Toro Drei. Hört ihr uns? Cape Kennedy an Toro Drei. Toro Drei, wir warten auf weitere Nachricht. Harry, John, bitte kommen. Ende.«

»Er soll seinem Senator die Arschhaare kämmen und uns ins Ruhe lassen«, sagte John während des letzten Zehnmeterflugs.

»Toro Drei an Cape Kennedy und Punta Corralejo«, antwortete Harry. »Verstanden. Wir sind o. k., melden uns in fünf Minuten. Ende.«

John stand vor der Schleuse von Toro Zwei.

»Sieht unbeschädigt aus.«

»Ich kann nur deinen Helm erkennen. Da ist dieser Felsen dazwischen. Und gleich geht die Sonne unter. Mit dem Scheinwerfer komm' ich nicht bis Toro Zwei. Besser, du kehrst um, John? Ich seh' dich nicht mehr.«

Die Schleuse hatte sich leicht öffnen lassen. John bewegte sich vorsichtig ins Finstere hinein. Im gleichen Augenblick erhellte sich der Raum.

»Generator arbeitet noch.«

»Wo bist du?«

»Hier hängen zwei Sicherungskabel. Nur ein Schutzanzug.«

»Das würde bedeuten …«

John hakte das eigene Sicherungskabel vom Schutzanzug, ließ es vor die Schleuse gleiten. Dann schloss er die Außentür. Er beobachtete die Messinstrumente an der Unterseite seines linken Ärmels.

»Druckverhältnisse normal. Toro Zwei hat irdische Atmosphäre. Ich geh' weiter rein. Den Schutzanzug behalte ich an. Lass mein Sicherungskabel da liegen, wo's liegt.«

»Das würde bedeuten«, Harrys Stimme war heiser vor Aufregung, »einer von den beiden, Dorothy McGovern oder Arthur Krönlein, ist ohne Sicherungskabel nach draußen.«

Wieder das ferne Gezirpe:

»O. k., wir haben dich verstanden und warten, bis ihr euch meldet. Ende.«

»Arthur nicht«, sagte John.

Er stand im Arbeitsraum, im warmen gleichmäßigen Licht, das sich bei seinem Eintritt eingeschaltet hatte. Über dem Computertisch lag der stark verweste Leichnam eines Mannes, Knochen, Fauliges, Haariges, Auseinandergelaufenes, zu Boden Getropftes; der Unterkiefer zähnebleckend weit aufgerissen wie zu einem Schrei. Vertrocknete Geranien lagen um ihn herum, auf ihm, unter ihm, bedeckten den Computer und fast den ganzen Boden des Arbeitsraums.

»Was?«, schrie Harry. »Was ist mit Arthur?«

»Geranien hat er gezüchtet«, sagte John.

»Geranien? John, die Sonne ist jetzt weg, und ich hab' den kleinen rostroten Mond wieder auf dem Bild. John, hör doch.«

John beugte sich über den Toten. Ratlos sah er die Elektroden an seinem Schädel, die mit dem Computer verbunden waren und mit den meisten der Geranien. Die Geranien waren wieder untereinander verbunden und an den Computer angeschlossen.

»Scheint unbeschädigt«, murmelte er und schaltete den Computer ein. Nichts rührte sich.

»Nein, funktioniert nicht. Aber wieso arbeitet dann der Generator?«

»John, welche Farbe hat der Schutzanzug in der Schleuse von Toro Zwei?«

»Geranien, die mit einem Computer und mit einem Gehirn verbunden sind, stell dir das vor!«, sagte John. »Mit Drähten, die er offenbar aus dem Museum geklaut hat. Solche gibt's gar nicht mehr. Mindestens hundert Jahre alt.«

»Rostrot, nicht wahr? Arthurs Schutzanzug, nicht wahr? John!«

John sah zurück durch die vorschriftswidrig offengebliebene Schleusentür auf den rostroten Schutzanzug und die zwei Sicherungskabel an der Schleusenwand.

»Du meinst …«

»Und von Dorothy keine Spur, da bei dir, da drinnen zwischen den Geranien, nicht wahr?«

»Verstehe«, murmelte John.

»Komm her und sieh sie dir an. Ich hab' sie jetzt in siebenhundertfacher Vergrößerung.«

Als John wenige Minuten später vor dem Außenbildmonitor saß, hatte Harry schon die Umlaufbahn berechnet. Der Körper im rostroten Schutzanzug umkreiste Toro in 65 Kilometer Abstand, in der Hocke wie ein Embryo, das Gesicht zwischen den Knien, die Arme und Beine unterhalb der Knie verschränkt, langsam rotierend.



2. Kapitel



Die Vietnamesin hatte den Fernsehrahmen an die Innenwand des Wintergartens gehängt. Sie saß im Liegestuhl davor, umgeben von Codierbändern, Programmierkarten, Protokollen und Akten, die auf kleinen Tischen zwischen Lianen, Efeu und blühenden Bougainvilleasträuchern aufgeschichtet lagen. Die Pflanzen wanden sich an verrosteten gusseisernen Säulen empor und leere Fensteröffnungen entlang. Alle Scheiben waren herausgenommen oder zerbrochen; umwucherte Reste steckten noch in einigen der eisernen Fassungen.

Draußen wogte ein Weizenfeld. Auf den ersten Blick schien es sich auszudehnen bis zum Horizont, in Wirklichkeit war es sehr begrenzt, wurde nur vielfältig gespiegelt von einer zeltähnlichen hellblauen Kunststoffhülle, die es an den Seiten und oben lückenlos umgab und den Wintergarten noch einschloss. An den baumähnlichen stählernen Verstrebungen, die das Zelt trugen, waren Apparaturen zur Erzeugung von Sonnenlicht, Wind und Regen befestigt. Auf einem Holzgerüst mitten im Weizen stand ein Bienenkorb. Insekten schwirrten übers Feld, ebenso einige Vögel. Alle paar Meter steckten im beetähnlich unterteilten Weizen Ableseinstrumente. Einige Beete trugen höheren Weizen, andere niedrigen, dafür dichteren. Sämtliche Sorten hatten etwa dreißig Zentimeter lange und sehr dicke Ähren, die oft den Halm bis zum Boden krümmten. Durch die Beete ging vorsichtig, um keine Pflanze zu beschädigen, eine junge Frau in altertümlich lang wallendem grünseidenen Rock mit pinkfarbener Bluse. Dicht geringelte kurze blonde Locken fielen ihr ins braungebrannte Gesicht. Trotz etwas zu üppigem Mund und flacher Nase wirkte es vollkommen ebenmäßig. Sie schrieb in ein Notizbuch, was die Instrumente der einzelnen Beete anzeigten, und ihre leuchtend violetten Fingernägel flimmerten über dem Weizen.

Die Vietnamesin schrieb auf einer altmodischen Kugelkopfmaschine. Ihre Nägel waren abgebrochen. Sie war eine mittelgroße, sehr magere Frau von Ende Dreißig, in Jeans und Pullover. Manchmal fühlte sie nach den Lymphdrüsen unter ihren Achseln oder goss aus einer Flasche, die neben dem Liegestuhl stand, ein kleines Glas voll. Daran nippte sie und sah dann hinüber zu der jungen Frau im Weizenfeld. Oder sie blickte ins Haus, in den großen Raum, der ihr Wohn-, Schlaf‑ und privates Arbeitszimmer war. An den Wänden häuften sich antiquarische Bücher aus dem 20. Jahrhundert, Mikrofilmkassetten, Textplattenstapel für Computer, die den Inhalt ganzer Bibliotheken abrufbar machten, und Kunststoff‑Folianten. Die Einrichtung bestand aus zerfledderten Teppichen, Trödelkram, einem hundertzwanzig Jahre alten Neue‑Sachlichkeit‑Schreibtisch mit Artdeco‑Lampe und einem breiten Eisenbett voller weicher Matratzen und Decken, mit je zwei Messingkugeln an den kunstgeschmiedeten Gittern von Kopf- und Fußende. Durch die gardinenlosen grauen Fenster der Vorderfront konnte sie zugeschneite Wiesen sehen und vor dem Haus die raureifbedeckten, vom Westwind gekrümmten kahlen Bäume, die trotz der Kälte an einigen Zweigen Knospen trugen und auf keinen Fall gefällt werden durften, bevor sie nicht ganz und gar abgestorben waren. Sie hatte jedem einzelnen Baum einen Namen gegeben. Von Jahr zu Jahr wurden die Lücken zwischen ihnen größer.

Manchmal hörte sie von der Elbe her das Knacken der Eisschollen. Tauwetter war angesagt.

Irgendwo in den bücherbepackten Regalen des Wohnzimmers bimmelte eine kleine Uhr, und zugleich schaltete sich der Fernseher an der Wintergartenwand an. Eine graugetigerte Katze, die unter dem Liegestuhl schlief, hob den Kopf, ohne die Augen zu öffnen, und senkte den Kopf wieder auf die Pfoten. Aber die Uhr ging nach, die Sendung hatte schon begonnen.

Auf der Wintergartenwand breiteten sich abwechselnd der Kontrollraum des Raumfahrtzentrums von Cape Kennedy aus und der ähnliche, nur viel kleinere von Punta Corralejo, der auf einem Monitor in Cape Kennedy erschien. Vor dem Monitor saß eine zarte Frau mit sehr kurzen roten Haaren und bis unter den Hals zugeknöpfter uniformähnlicher Jacke. Die Vietnamesin betrachtete sie flüchtig und blätterte in der nächsten Akte.

»… wie von der Sowjetunion eben angekündigt«, sagte die Frau.

Ihre Stimme war überraschend hoch, von kindlicher Energie.

»Dr. John Federbaum und Dr. Harry Danielsson, die vor vier Wochen mit Toro Drei im Tal der Anmut auf Toro gelandet sind, haben vor etwa sechs Stunden zum ersten Mal ausführlich über ihre bisherigen Untersuchungen berichtet. Und zwar für uns, das heißt auf Deutsch. Wir haben gerade unser deutsches Vierteljahr, erklärte mir Harry. Die beiden wechseln, aus Trainingsgründen, wie sie sagen, alle drei Monate ihre Umgangssprache. Nur fürs unerlässliche Amtliche bleiben sie bei Amerikanisch. In zwei Monaten ist Italienisch dran. Manchmal habe ich in den Bericht hineingeredet. Sie werden das vielleicht gleich hören. Ich sage: vielleicht. Denn leider ist eine technische Panne schuld daran, dass wir unseren sensationellen Bericht noch nicht senden können. Sensationell warum? Ich will nichts verraten. Hundertvierzehn internationale Fernsehstationen sind angeschlossen. Man versichert uns sowohl hier als auch in Punta Corralejo …«

Der düstere Spanier erschien im Monitor. Seine Tränensäcke zuckten. Ohne jede Hoffnung hob er beide Arme.

»… dass die Panne bald behoben sein wird. Die paar Minuten könnte ich Sie unterhalten, indem ich meine Jacke aufknöpfe. Öfter werde ich von Zuschauern, männlichen wie weiblichen, darum gebeten.«

Sie lächelte und knöpfte den obersten Knopf der Jacke auf.

»Man will wissen, ob ich unter der Jacke etwas anhabe. Besonders, wenn Katastrophen sich häufen. Da muss ein Zusammenhang bestehen. Trotzdem, ich denke, wir verschieben die Beantwortung der Frage auf später. Es gibt noch Steigerungsmöglichkeiten für unsere Katastrophen. Der richtige Moment kommt bestimmt.«

Sie lächelte nicht mehr.

»Wenn Sie mich bis dahin mit Briefen und Anrufen verschonen wollten.«

Sie knöpfte die Jacke wieder zu.

»Ich gebe zurück nach Hamburg.«

»Dauert noch«, rief die Vietnamesin zum Weizenfeld hinunter.

»Wollte die sich wieder ausziehen?«, fragte die junge Frau.

»Hab' nicht hingesehen.«

»Tut sie doch nie«, sagte die junge Frau und schrieb weiter in ihr Notizbuch.

Inzwischen blickte von der Wintergartenwand ein alter zerfurchter Mann aus dem Studio auf die Vietnamesin und begann:

»Vielleicht sollten wir hier in Hamburg die Zeit nutzen und Ihnen kurz die wichtigsten Daten über Toro in Erinnerung rufen. Mancher von Ihnen könnte allerdings sagen, dass wir in der Situation, in der sich die Erde befindet, wahrhaftig andere Sorgen haben. Die in den gestrigen Abendnachrichten gemeldete Weigerung der Union Nordafrikanischer Länder, für ihre Industrie und Landwirtschaft weitere Gastarbeiter aus Skandinavien, Norddeutschland und der Schweiz aufzunehmen, wird die Europäer zum Beispiel vor neue, sehr ernste Probleme stellen. Aber ich denke, es ist doch auch ein Beweis für den Überlebenswillen der Bewohner dieses Planeten, wenn wir nach wie vor Anteil nehmen am Schicksal von vier im Weltraum gestrandeten Wissenschaftlern und dass wir ihnen, wenn auch vergeblich, Hilfe zu bringen suchten. Der zweite Mond der Erde, also Toro, wurde 1972 oder, folgen wir der neuen Zählung, im Jahr 27 von Dr. Danielssons Großvater entdeckt, dem schwedischen Astronomen Lars Danielsson.«

Aus dem Fernsehrahmen schwebte ein Stück zernarbter Schlacke in den Wintergarten, drehte sich dabei um sich selbst.

»Sie sehen, Toro ist sehr klein, ein Felsen von der äußeren Form und Ausdehnung etwa der Insel Amrum. Seine kosmische Winzigkeit war der Grund dafür, dass er uns so lange verborgen geblieben ist. Das Eigentümliche an Toro ist nun, dass er nicht nur mit einer fünffachen herzförmigen Schleife das Erde‑Mond‑System umkreist, sondern auf einer, wie Sie nun sehen, geradezu ornamentalen Bahn auch die Sonne.«

Die Schlacke verwandelte sich in ein Modell des Planetensystems, dessen farbig dargestellte Umlaufbahn wie bunte schwebende Reifen ruhig zwischen Bougainvillea und Efeu verliefen, während Toros feurigrote Schleife sie umschlängelte.

»Dabei gerät er bis weit außerhalb der Marsbahn. Er ist also zugleich unser zweiter Mond sowie ein kleiner Planet auf exzentrischer Bahn, der sich lediglich alle acht Jahre in relativer Erdnähe bewegt. Das hat ihn für die Wissenschaft interessant gemacht. Und, zum Glück, unwichtig für die Militärs, die erstaunlicherweise Anfang des Jahrhunderts noch dafür bezahlt wurden, dass sie außerstande waren, aus den Kriegen des 20. Jahrhunderts eine Lehre zu ziehen. So gelang es, nach jahrzehntelanger Vorbereitung, vor acht Jahren, als gemeinsames Forschungsunternehmen der Sowjetunion und der USA, die während des Fluges aneinandergekoppelten Raumlaboratorien Toro Eins und Toro Zwei auf Toro abzusetzen, voneinander zu trennen und zu verankern.«

Jetzt flogen die beiden Raumschiffe durch den Wintergarten; im nächsten Augenblick waren sie zu kleinen hellen Erhebungen auf der Schlacke geworden.

»Ein enormer Erfolg, wenn man bedenkt, dass als einziger Lande‑ und Ankerplatz nur eine felsige Fläche von wenigen hundert Metern zur Verfügung stand. Hier sehen Sie die beiden Laboratorien. Vorgesehen war ihre Rückkehr acht Jahre später, also für einen Zeitpunkt in den kommenden drei Wochen. In diesen Jahren wollten sich die amerikanischen Wissenschaftler Arthur Krönlein und Dorothy McGovern, ungestört von der irdischen Atmosphäre, mit der Erforschung der Strahlung im Universum beschäftigen, während die russischen Wissenschaftler den interplanetarischen Raum zwischen Venus und Jupiter erforschten. Wir wissen nicht, was sich Anfang dieses Jahres ereignet hat. Jeder Funkkontakt war ja abgebrochen. Und erst heute werden wir Näheres über die Ereignisse erfahren, die zum Tod der vier Wissenschaftler geführt haben. Aber was in knapp acht Jahren diese vier einsamsten aller Menschen während ihrer Reise durch unser Sonnensystem an Erkenntnissen über die Natur des Universums für uns gesammelt haben, könnte durchaus dazu beitragen, aber ich sehe, ich muss zurückgeben an Cape Kennedy.«

Jetzt redete wieder die rothaarige Frau. Sie bewegte ihren in der Farbe der Haare geschminkten Mund. Zu hören war nichts. Sie saß mit nacktem Oberkörper vor der Kamera. Sie hatte fast keine Brüste, nur den Schatten einer leichten Wölbung. Ihre Haut war weich wie die eines zehnjährigen Mädchens, und die kleinen Brustspitzen hatten die Farbe von Mund und Haaren.

»… nur was auf Toro aufgezeichnet wurde«, sagte die Frau plötzlich.

Anschließend bewegte sie wieder stumm den Mund. Dann:

»… über den zweiten Satelliten zur Erde gesendet … Bildausfall zu entschul … Ausfall der Magnetbänder von Cape Ken …«

»Die üblichen Defekte«, sagte die Vietnamesin. »Bis auf ihre Haut. Die ist vollkommen. Sieh sie dir an!«

Die Frau im Weizenfeld winkte ab.

»Ich mach' hier weiter. Sag mir dann, was die beiden gesagt haben!«

Aus dem Fernsehrahmen kamen Archivbilder aller beteiligten Wissenschaftler, der lebenden wie der toten, Aufnahmen des Planetoiden, der Labors auf Toro, der Raumsonde, der Frau mit den roten Haaren in bis zum Hals zugeknöpfter Jacke, abwechselnd, je nachdem, wer gerade sprach oder wovon die Rede war. Aber die Vietnamesin sah kaum noch auf. Sie arbeitete, trank ab und zu einen Schluck oder kraulte mit herabhängender linker Hand die Katze, hörte, wenn Danielsson zwischen den Blumen in einer Fensteröffnung schwebte, einer hellen männlichen Stimme zu; wenn Federbaum da unbeweglich saß, einer dunklen; und einer hohen metallischen, wenn die Frau mit den roten Haaren erschien.

Die helle männliche Stimme:

»… geben euch jetzt eine Zusammenfassung von all dem, was wir hier auf Toro in den letzten vier Wochen …«

Die weibliche Stimme, unter Frequenzgeräuschen, sehr fern, aber durchdringend:

»Könnt ihr jetzt nicht die Ergebnisse des vergangenen Monats insgesamt für uns zusammenfassen? Ende.«

Die helle männliche Stimme:

»Ihr braucht ja nur zuzuhören und Geduld zu haben. Ihr vergesst das immer: anderthalb Minuten, bis unsere Worte bei euch ankommen und eure bei …«

Die ferne weibliche Stimme, mit Knattern und Prasseln:

»Toro, Achtung Toro. Eben kommt noch eine wichtige Meldung. Die Vorsitzenden der drei größten amerikanischen Frauenverbände und die Präsidentin der Vereinigten Staaten sind übereingekommen, zu Ehren von Dorothy McGovern, der, ich zitiere, Heldin der westlichen Welt, der vorbildlichen typisch amerikanischen Frau, Zitatende, das amerikanische Weltraumlabor Toro Zwei künftig Dorothy‑McGovern‑Labor zu nennen. Wir wüssten vorab gern eure Meinung dazu. Ende.«

Männliche Stimme, dunkel:

»Von mir aus. Wenn's die Frauenverbände glücklich macht.«

Männliche Stimme, hell: »Vergesst nicht, alle Strophen der Nationalhymne zu singen. Ich beginne mit …«

Die weibliche Stimme:

»Ich höre gerade, die Sowjetunion will Toro Eins künftig Valentina‑Tschirilowa‑und‑Michail‑Samjatin‑Labor nennen. Ende.«

Männliche Stimme, dunkel:

»bisschen lang für eine Telegramm‑Adresse.«

Weibliche Stimme:

»Abgekürzt Vasam. Ende.«

Männliche Stimme, dunkel:

»Ob sie jetzt wohl die Klappe hält.«

Männliche Stimme, hell:

»Ich beginne mit meinem Bericht. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts haben die Amerikaner eine Sonde hochgeschossen, die sollte an Saturn vorbei in die Tiefen des Universums fliegen und außerirdischen Zivilisationen, falls es sie irgendwo und irgendwann mal gäbe, Kunde von der Erde bringen. Da waren Zeichen für die Anordnung von Wasserstoff und Heliumatomen, Bilder von Menschen, Sprachbeispiele und der Schlusschor von Beethovens Neunter Sinfonie gespeichert. Ein rührendes Unternehmen. Es wurde damals mit einem beschrifteten Ping‑Pong‑Ball verglichen, den wir aufs Geratewohl in den Weltraum geschlagen hätten. Nach Johns Meinung hat nun jemand kräftig zurückgeschlagen.«

Männliche Stimme, dunkel:

»Sieht wenigstens so aus.«

Männliche Stimme, hell:

»Für mich nicht, John. Aber ich muss zugeben, ich weiß noch nicht, wie das verdammte Ding zurückfliegen konnte. Auf der Erde hatte es ja keiner mehr auf der Rechnung. Als ich die Bahn, die es genommen haben muss, nachprüfte, ergab sich, dass es entgegen den damaligen Berechnungen nicht aus dem Sonnensystem herausgeflogen, sondern mehrere Jahrzehnte um den Saturn gekreist ist. Dann hat es aufgrund von bisher unbekannten Einflüssen die Saturnbahn wieder verlassen und ist auf Toro gestoßen. Ich weiß, das hört sich unbefriedigend an. John, sag auch mal was!«

Männliche Stimme, dunkel:

»Bahnberechnungen sind ja eigentlich Harrys Sache. Und wenn er sich nicht geirrt hat …«

Weibliche Stimme:

»Gut, wir hören also zu und unterbrechen nicht mehr. Ende.«

Männliche Stimme, dunkel, mit Seufzer:

»Und wenn Harry sich nicht geirrt hat, wäre diese alberne illustrierte Keksdose zufälligerweise genau in eine Umlaufbahn um die Erde eingeschwenkt, falls sich nicht zufälligerweise Toro in der Flugbahn befunden hätte. Ich sage zwei Mal: zufälligerweise. Aber mir fällt es schwer, hier an Zufälle zu glauben. Ich habe eher den Eindruck, jemand wollte uns die Keksdose vor die Haustür schmeißen. Entweder hat der nun von der Existenz Toros nichts gewusst, und es war wirklich ein Zufall, dass Toro getroffen wurde. Diesen Zufall, so unwahrscheinlich er auch ist, würde ich noch akzeptieren. Oder er hat tatsächlich Toro treffen wollen. Aber dann hat er die Fähigkeit von Menschen, mit so einem Geschoss fertig zu werden, unterschätzt. Denn ich glaube nicht, dass die zurückgeschmissene Keksdose uns schaden sollte. Vielmehr glaube ich, dass sie uns eine Botschaft übermitteln soll. Bloß ist schwer herauszufinden, welche.«

Männliche Stimme, hell:

»Bleiben wir zunächst noch bei den Tatsachen, soweit sie uns bekannt sind. Die Raumsonde schlug im russischen Weltraumlabor ein, zerstörte die Sauerstoff‑ und Schwerefeldanlage und bewirkte den augenblicklichen Tod der beiden Personen, die sich in Toro Eins, also im heutigen Vasam, aufhielten. Im Moment des Einschlags nun …«

Weibliche Stimme:

»Eure Bemerkungen zur Umbenennung des amerikanischen Weltraumlabors, ich zitiere:

Wenn es die Frauenverbände glücklich macht, und: Vergesst nicht, alle Strophen der Hymne zu singen, Zitatende, sind hier nicht gut aufgenommen worden. Ich finde diese Reaktion ja reichlich zickig. Aber vielleicht fällt euch doch noch was anderes ein. Ende.«

Männliche Stimme, dunkel:

»Baby, sag denen mal Folgendes: Hier bei uns ist der ganze Horrorrummel, den ihr da unten seit vier Wochen mit dem, ich zitiere, Mond von Toro, Zitatende, gemacht habt, nicht gut aufgenommen worden. Und deshalb, Harry, schlage ich vor, dass wir entgegen unserer Absicht mal ein bisschen deutlicher werden. Die Frauenvereine können sich das vaterländische Gebibber sparen. Die sollen sich was anderes suchen, wenn sie nasse Höschen haben wollen. Denn die als Mond von Toro qualvoll krepierte Frau war nicht, wie wir zunächst angenommen hatten, Dorothy McGovern, sondern der Mond von Toro war Valentina Tschirilowa. Während sich Dorothy im Moment der Katastrophe im russischen Labor bei Michail Samjatin befand. Woraus hervorgeht, dass die menschlichen Beziehungen zwischen den vier Wissenschaftlern sich erfreulicherweise anders entwickelt hatten als von den Behörden in Washington und Moskau vorgesehen.«

Männliche Stimme, hell:

»Ich setze meinen Bericht fort. Im Moment des Einschlags der Sonde ins russische Labor waren Arthur Krönlein und Valentina Tschirilowa im amerikanischen Labor mit den Vorbereitungen zu einem gemeinsamen wissenschaftlichen Experiment beschäftigt. John wird sich gleich dazu äußern. Zweifellos hat der Aufprall der Sonde eine Erschütterung des gesamten Planetoiden bewirkt. Außerdem fiel die Verbindung zum russischen Labor aus. Es muss nun so gewesen sein, dass Valentina als erste hinauseilte. Sie ergriff Dorothys Schutzanzug, befestigte aber nicht das Sicherheitskabel, wie es Vorschrift gewesen wäre. Wir haben den Eindruck, dass sich die vier während des jahrelangen Aufenthalts auf

Toro die Benutzung von Sicherungskabeln abgewöhnt hatten und ihre Schutzanzüge bei den gegenseitigen Besuchen einfach austauschten, wie es sich gerade so traf. In der Aufregung machte Valentina zwei weitere Fehler. Sie schloss den Schutzanzug von Dorothy nicht sorgfältig, und sie wollte zu schnell hinüber zu Toro Eins. Ich vermute, sie ist gestolpert und bekam dadurch die Beschleunigung, die sie in die Umlaufbahn um Toro brachte. Sekunden später, als auch Arthur Krönlein das amerikanische Labor verließ, war Valentina Tschirilowa schon tot. Natürlich haben wir uns gefragt, warum der einzige Überlebende der Katastrophe nun nicht sofort die Erde benachrichtigt hat. John meint, es hängt mit diesem Experiment zusammen.«

Männliche Stimme, dunkel:

»Ich denke, Krönlein wollte zusammen mit der Katastrophe auch einen großen wissenschaftlichen Erfolg melden. Er war einer von diesen Rasenden, Verrückten aus dem verrückten, zerrissenen 20. Jahrhundert, 1972 geboren, soviel ich weiß. Einer von den einsamen Sheriffs der Wissenschaft. Selbst im 20. Jahrhundert waren solche Figuren schon unmöglich. Das Genie, das allein im Unterholz wütet, alle vorhandenen Steine der Weisen verschmeißt, alles umgräbt und neue, nie begangene Wege freitrampelt, freischaufelt, freikratzt mit blutenden Fingernägeln, pathetisches Gebrodel, unmöglich. Aber genauso machte er's. Zum Beispiel, vor zwölf Jahren, ich war gerade Assistent bei ihm geworden, Harvard, da bekam er mitten in den Vorbereitungen zu einer Versuchsreihe die Nachricht, dass ein Hotelbrand seine junge Frau und seinen kleinen Sohn buchstäblich zu Asche gemacht hatte. Krönlein rief die Versicherung an und schrieb einen Scheck für Blumen. Das war alles. Geweint hat er drei Wochen später, nach Abschluss der Versuche, und er blieb noch monatelang verstört und fast arbeitsunfähig. Ich bin sicher, hier auf Toro hat er gehandelt wie damals. Der Versuch war vorbereitet und hatte stattzufinden, auch wenn drei Freunde inzwischen als Leichen herumlagen oder ‑flogen. Ich hoffe, ich schockiere niemanden. Aber kein Zweifel, so dachte er. Und war ein paar Minuten später ebenfalls tot. Dies Experiment nämlich… ja, wie erklär' ich euch das. Die offiziellen Forschungsaufträge beider Gruppen sind ja bekannt. Auch einige Ergebnisse. Andere haben wir erst vorgefunden. Zum Beispiel Arthur Krönleins neue Erkenntnisse über die sogenannte Hintergrundstrahlung des Universums, die unsere Vorstellungen von der Struktur des Weltalls erheblich verändern dürften. Ich werde in ein paar Wochen beim Physiker‑Kongress auf Helvetia ausführlich darüber berichten.«

Männliche Stimme, hell:

»Oder Valentina Tschirilowas und Michail Samjatins Nachweis von Leben, wahrscheinlich von hochentwickeltem Leben, auf dem Saturnmond Titan. Näheres möchte ich erst mitteilen, wenn ich der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften vorgetragen habe.«

Männliche Stimme, dunkel:

»Nun haben die vier Wissenschaftler aber zusammen und in gemischten Doppeln noch an einer anderen Sache gearbeitet, außerhalb der offiziellen Programme. Es handelt sich um die Erforschung von Psi‑Strahlen, die Gedankenübertragung ermöglichen. Schon im vorigen Jahrhundert hat man ja festgestellt, dass Pflanzen solche Strahlen aussenden und empfangen. Man ließ zum Beispiel zwei Topfgeranien nebeneinander aufwachsen. Dann entfernte man eine von ihnen, brachte sie hundert, zweihundert, tausend Meter weit und zerriss sie dort. Im gleichen Augenblick konnten mit Hilfe von Messinstrumenten an der Nachbarpflanze innere Veränderungen festgestellt werden, hektische Beschleunigung des Wasserkreislaufs, rasche Vergrößerung und Verkleinerung von Zellen und so weiter. Erregung also, wenn dieser Ausdruck bei Pflanzen erlaubt ist. Arthur Krönlein muss von Anfang an vorgehabt haben, hier weiterzuarbeiten. Deshalb nahm er an Bord des amerikanischen Labors heimlich Geraniensamen und Muttererde mit.«

Die Vietnamesin klappte die Akte zu und sah in die Ecke des Wintergartens, wo schon seit einiger Zeit neben dem Brennholzhaufen ein untersetzter Mann in Hemdsärmeln am Samowar‑Tisch lehnte. Er hatte buschige Augenbrauen, wirre lange Haarsträhnen fielen ihm über die Stirn. Krönlein in mittleren Jahren.

»Geranien«, fuhr die dunkle männliche Stimme fort, während das Bild von John Federbaum wieder zum Fenster schwebte. »Geranien gelten ja nun als besonders geeignet für diese Versuche. Und wahrscheinlich hatte Krönlein in Valentina Tschirilowa auch einen besonders geeigneten Menschen gefunden. Orthodoxen Kollegen werden sich jetzt die Haare sträuben. Physiker und Astronomen sind ja so konservativ wie Bankdirektoren. Kredit kriegt man erst bei dreifacher Sicherheit. Auch mir ist bei diesem verdammten Psi‑Zeugs nicht wohl. Aber Krönlein muss Gründe gehabt haben, sich darauf einzulassen. Ich bin sein Schüler, und ich möchte diese Gründe herausfinden. Also werde ich mich weiter mit Krönleins Arbeiten auf diesem Gebiet beschäftigen, zumal ich den Eindruck habe, dass die auf so merkwürdige und unerwartete Weise zurückgekehrte Weltraumsonde damit zu tun hat. Harry hält das für reine Spekulation.«

»Allerdings.«

»Aber schließlich sind wir wissenschaftlich ausgebildet worden, damit wir solide spekulieren können.«

»Ich bezweifle das sehr.«

»Weshalb sonst. Also hört zu. Ich bin ja nun kein profunder Musikkenner. Aber die Melodie von »Freude, schöner Götterfunken« hab' ich doch so ungefähr im Ohr. Selbst Harry, der total unmusikalisch ist, könnte sie singen, weil sie dauernd bei Sportveranstaltungen und Parlamentseröffnungen gespielt wird. Was, Harry?«

»Ich bin jedenfalls nicht wissenschaftlich ausgebildet worden, um zu singen.«

»Versuch's trotzdem! Unsere Freunde auf der Erde werden es dir danken.«

»Auch da bin ich nicht so sicher.«

»Los.«

Während die Archivbilder der beiden Wissenschaftler im Fenster des Wintergartens schwebten und aneinander vorbei über den Weizen zu blicken schienen, kam vom Fernsehrahmen misstönender zweistimmiger Gesang. Aber die Melodie war verständlich. Und die Stimmen hielten sogar durch bis dahin, »wo dein sanfter Flügel weilt«.

»Siehst du, Harry. Ging doch gut.«

»Ich bin überrascht, John. Wir sollten den astronomischen Chor der Kalifornischen Universität gründen.«

»Wenn ihr da unten euch jetzt anhört, wie »Freude, schöner Götterfunken« von der Raumsonde klingt «

Chor und Orchester setzten lärmend ein, aber schon nach den ersten Takten veränderte sich die Musik. Fremd wirkende Töne und Klänge kamen hinzu, schließlich waren nur noch diese ziehenden, bohrenden Klangzusammenballungen und an‑ und abschwellenden Einzeltöne zu hören, die mit keiner Musik, die bisher auf der Erde erzeugt worden war, Ähnlichkeit hatten.

Die Vietnamesin runzelte die Stirn. Die junge Frau im Weizenfeld blieb stehen und rief herüber:

»Machen die?«

»Weiß nicht.«

»… dann«, fuhr die dunkle Männerstimme fort, »wird euch auffallen, nicht wahr, dass da was nicht stimmt. Erst ziemlich gegen Ende …«

Plötzlich war's wieder Beethoven mit dem sanften Flügel.

» … hören wir noch mal, was der Darbietung des astronomischen Chores gleicht.«

Die Musik brach ab.

»John und ich haben tagelang darüber diskutiert.«

»Wir hätten schon vorher singen sollen. Dann wär's überflüssig geworden, so lange zu diskutieren.«

»Nein. Obwohl ich zugebe, dass ich auch hier keine befriedigende Erklärung weiß. Aber ich meine, John lässt sich zu schnell auf mysteriöse Hypothesen ein.«

»Immerhin sind wir uns einig, dass weder der Aufprall der Sonde auf Toro noch die kosmische Strahlung als Komponisten für die neue Sorte Musik auf dem Band in Frage kommen können.«

»Nach unseren bisherigen Erfahrungen.«

»Nach unseren bisherigen Erfahrungen, ja.«

»Und unserer Kenntnis physikalischer Gesetze. Das schließt unbekannte Faktoren, die auf die Sonde eingewirkt haben, nicht aus.«

»Eben. Und diesen unbekannten Faktoren möchte ich mit meiner Hypothese ein bisschen näherrücken. Seit zweihundert Jahren wissen wir, dass sich jede physikalische Formel in Musik ausdrücken lässt. Denn Musik ist hörbare Schwingung, und alle Materie, alle Energie ist zu definieren durch den Grad von Schwingung, den sie produziert oder erfährt. Sphärenmusik nannten das die alten Griechen. Jener Physiker, der im neunzehnten Jahrhundert nur mit Verwendung physikalischer Formeln eine Fuge komponierte, machte den Anfang. Aber erst seit Arthur Krönlein vor zwei Jahrzehnten dazu überging, seine Experimente mit Hilfe von Computern als kommentierte Musikstücke zu veröffentlichen, haben wir uns daran gewöhnt, Kongresse von Physikern auch als Musikereignisse zu verstehen. Zunächst hielt man Krönlein ja allgemein für noch verrückter, als er in Wirklichkeit war. Ihr werdet euch vermutlich kaum erinnern. Aber er hat das gemacht, um die Forschungsergebnisse des Westens und Osteuropas vor der Neugier der Chinesen zu schützen. Aus patriotischem Schwachsinn also. Der gehörte eben auch zu seinem Charakter. Natürlich hatten die Chinesen nicht die geringste Schwierigkeit, sich angemessen an den Konzerten unserer Physiker zu beteiligen. Ich grüße meine chinesischen Kollegen! Denn die kamen als erste dahinter, dass Kompositionen dicke Bücher mit Gleichungen ersetzen konnten. Und so blieben die Physiker fortan bei der Musik. Einer reichlich merkwürdigen Musik, wie ich mir von richtigen Musikern habe versichern lassen. Nun, wir sind ja auch nicht auf ästhetische Wirkungen aus. Und diejenigen, die uns die Sonde zurückgeschickt haben, auch nicht. Damit bin ich schon mitten in meiner Hypothese. Sie besagt, dass die Bewohner des Saturnmondes Titan, deren Existenz Michail Samjatin und Valentina Tschirilowa offenbar nachgewiesen haben, mindestens auf einem Gebiet hochentwickelt sein müssen, dem der telepathischen Kommunikation.«

»Beweis?«

»Warte! Sie haben vor rund siebzig Jahren die amerikanische Sonde, die am Saturn vorbei in den Weltraum fliegen sollte, eingefangen «

»Wie, bitte sehr?«

»Weiß ich noch nicht. Und auf eine Parkbahn um den Saturn gelenkt. Anschließend haben sie die Sonde studiert und analysiert.«

»Aber wie? Wie?«

»Harry, ich sag's dir nächste Woche. Oder in dreißig Jahren. Ich denke mir aber, dass die Möglichkeiten der Titanbewohner, unsere archaische Chemie und Physik wahrzunehmen, ebenso begrenzt sind wie unsere Möglichkeiten, auf Psi‑Strahlung zu reagieren. Sie brauchten also Zeit. Und überlegten sich vermutlich, ob und wie jemals mit uns zu kommunizieren wäre. Schließlich bemerkten sie was. Von einem kleinen Felsbrocken, der sich zwischen der Erde und dem Asteroidengürtel durch den Raum bewegte, kamen Signale. Signale, die darauf hinwiesen, dass Leute von der Erde anfingen, ernsthaft mit

Psi‑Strahlen zu hantieren. Noch sehr primitiv, zweifellos. Also beschloss man, zu helfen. Ich bin sicher, dass die Titanbewohner während der paar Monate, in denen sich Toro zwischen Mars und Jupiter befand, also relativ nahe zu Titan, relativ erreichbar von Titan, dass die Titanbewohner in dieser Zeit einige der Gedanken von Krönlein und Valentina Tschirilowa kennenlernen konnten. Wobei die beiden natürlich nicht im entferntesten in der Lage waren, solche telepathischen Annäherungen überhaupt zu bemerken, geschweige denn, auf sie zu reagieren. Wenn die Titanbewohner sich verständlich machen wollten, mussten sie sich unserer Physik bedienen. Da sie aus ihren Beobachtungen wussten, dass Krönlein seine Formeln in Musik übersetzte, änderten sie also die Musik, bevor sie die Sonde zurückschickten.«

»Wie konnten sie das, Musik ändern und die Sonde zurückschicken? Sie haben doch von unserer archaischen Physik, wie du sagst, kaum eine Ahnung.«

»Das werden wir wissen, wenn wir die Formeln, die hinter dieser Musik stecken, entziffert haben. Vielleicht würde Krönlein noch leben, wenn er die Formeln gekannt hätte. Er muss einen entscheidenden Fehler bei der Vorbereitung seines Experiments gemacht haben. Vielleicht wollten ihn die Titanbewohner warnen. Bis hierher geht meine Hypothese, genau bis hierher. Denn auf die Frage, die Harry sofort stellte, als uns einige Zusammenhänge klargeworden waren …«

»Wie kann man ein Experiment, das Gedankenübertragung zum Ziel hat, allein mit sich, mit Geranien und mit einem Computer machen? Ohne Partner?«

»… auf diese Frage habe ich keine Antwort. Ich hoffe, sie in den uns verbleibenden Arbeitswochen auf Toro noch zu finden.«

»So weit die Übersicht über den Stand unserer Erkenntnisse. Wenn ich mich richtig erinnere, habt ihr das letzte Mal, kurz bevor die Verbindung mal wieder zusammenbrach, für heute noch ein paar zusätzliche Auskünfte von uns erbeten.«

»Ach ja, über unser Sexleben.«

»Zum Beispiel. Oder warum unser als Katastropheneinsatz bezeichnetes Unternehmen nicht ebenfalls aus zwei aneinandergekoppelten Raumfahrzeugen und einer gemischten amerikanisch‑sowjetischen Besatzung bestand, wie die ursprüngliche Expedition. Antwort: aus Sicherheitsgründen. Und um Kosten zu sparen. Russen und Amerikaner haben bei Vertragsabschluss ganz einfach gewürfelt, wer bei Hilfsaktionen als Erster dran ist. Die Amerikaner haben verloren. Also mussten wir hin. Sollte uns was zustoßen, wird uns die Sowjetunion retten. Falls wir noch zu retten sind. Und falls die Russen nicht zu große Probleme mit Eis und Schnee haben. Ich möchte aber betonen, die Zusammenarbeit klappt bis jetzt vorzüglich.«

»Was den Sex betrifft: Ich bin zwar schwul, aber Harry ist ein sehr gefestigter Familienvater, der abends die Fotos seiner Frau und seiner Kinder küsst. Für mich bliebe da nur der Sex‑Simulator, den wir in jedem Raumfahrzeug haben, das für längere Reisen vorgesehen ist. Aber der ist mir zu stumpfsinnig. Außerdem bräuchte ich ganz andere Bilder. Die haben hier nur Mehlwürmer gespeichert, blonde weiße Triefaugen mit Fettsteiß sülzen dich an. Also sublimier' ich, spiel' Trezik gegen Harry und dresch' ihm seine fossile demokratische Meise in den Hals, bis er keine Luft mehr kriegt. Ich hoffe, ich war euch mit dieser Auskunft nützlich.«

»Oh, was die Luft anlangt, ihr solltet nur mal sehen, wie John hier rumläuft, Tag und Nacht mit dieser Krawatte um den Hals «

»Krönleins Krawatte. Hat er mir doch geschenkt, als er …«

Die weibliche Stimme mit Frequenzgeknatter:

»Wir danken für die Übersicht über den Stand eurer Erkenntnisse. Gerade kommt die Nachricht, dass die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion einstweilen darauf verzichten, ihre Weltraumlabors auf Toro Dorothy‑McGovern‑Labor beziehungsweise Valentina‑Tschirilowa‑und‑Michail‑Samjatin‑Labor zu nennen.«

»Wie du gesagt hast, Harry. Die Zusammenarbeit klappt vorzüglich.«

»Und du hast gesagt, Physiker sind konservativ. Ich mag nicht dauernd umlernen, wie der Ort heißt, wo ich arbeite. Wir sollten bei Dorothy‑McGovern‑Labor und bei Valentina‑Tschirilowa‑und‑Michail‑Samjatin‑Labor bleiben und uns nicht …«

Die weibliche Stimme:

»Jetzt wären wir euch dankbar, wenn ihr zum Abschluss kurz auf die Fragen eingehen könntet, die beim letzten Mal unbeantwortet … hallo? Nein, wartet! Die Präsidentin der Vereinigten Staaten will mit Dr. Federbaum … wartet!«

Die junge Frau stand am Fuß einer Eisentreppe mit rostigen Stufen, die vom Wintergarten zum Weizenfeld führte.

»Und?«, fragte sie zur Vietnamesin hinauf.

»Bis jetzt kein Wort über unseren Weizen«, sagte die Vietnamesin. »Ich glaube, Krönlein hat ihn gar nicht mitgenommen.«

Die junge Frau betrachtete das Bild von John Federbaum, das im Fenster über ihr schwebte.

»Wie ist der?«

»Mir gefällt, wie er redet.«

»Schönes Profil.«

»Auch, ja.«

»Würdest du mit dem, wenn er nicht schwul wäre?«

»Mensch, Tille. Sorgen hast du«, sagte die Vietnamesin.

Und setzte ernsthaft hinzu:

»Kenn' ihn zu wenig. Bei mir geht das nicht ohne Gehirn.«

»Dann hab' ich zwei Gehirne«, erklärte Tille, stopfte sich Notizbuch und Schreibstift zwischen die Zähne und fuhr mit zwölf violett funkelnden Fingerspitzen in ihre

blonden Kräusellocken, ging so, die Kopfhaut massierend und durchwalkend, zurück ins Weizenfeld. Plötzlich kehrte sie um, kam wieder herbeigerannt, mit grünem Geflatter um die Beine, nahm Notizbuch und Schreibstift aus dem Mund.

»Ich hol' ihn schon.«

Und an der Eisentreppe sagte sie:

»Das hast du doch gerade gedacht, oder?«

»Ja«, sagte die Vietnamesin. »Zeit für Jürgen. Aber ich will hier noch zu Ende hören. Vielleicht reden sie doch noch über den Weizen.«

»Fällt dir nichts auf?«

»Was?«

»Dass wir immer zur gleichen Zeit an Jürgen denken. Als wär' da jemand, der uns das ins Gehirn funkt.«

»Fang du auch noch damit an«, sagte die Vietnamesin.

Aber Tille war schon in der Kellertür unter dem Wintergarten verschwunden.

Im Fernsehrahmen erschien die Frau mit den roten Haaren. Die Vietnamesin ließ John Federbaum weiter im Fenster schweben und blickte auf das Archivbild der Präsidentin, die jetzt dort, wo Krönlein gestanden hatte, am Samowar‑Tisch lehnte, eine hochgewachsene Negerin von Mitte, Ende Sechzig, tiefschwarz, mit dichtem weißen Afrohaar um den Kopf und blitzenden Ohrgehängen, im knöchellangen blauen Kleid. Ihre Stimme kam nachtdunkel aus rostiger Gießkanne, mit plötzlichen hohen Quieksern und Aufhellungen und kehligem Lachen dazwischen. Die Rothaarige übersetzte simultan, was die Präsidentin Federbaum auf Amerikanisch zu sagen hatte und was Federbaum antwortete.

»He, mein Junge, verstehst du mich?«

»Sehr gut, Ma'am.«

»Dann hör zu. Da hat's ja einige technische Defekte bei euch gegeben. Wir haben vieles nicht gehört und nicht gesehen, was wir gern mitgekriegt hätten. Anderes haben wir mitgekriegt, wovon ihr geglaubt habt, es bliebe bei euch, käme nicht runter zu uns. Zum Beispiel, dass du zu Harry gesagt hast, fick die Präsidentin.«

»Ma'am, tut mir leid … war nicht persönlich gemeint.«

»Mein Lieber, aber wie geht das unpersönlich? Und dann, sieh mal, Harry ist verheiratet, und ich bin nicht mehr ganz sein Jahrgang. Abgesehen davon bin ich auch nicht so passiv, wie du dir das vorstellst. Das solltest du wissen, dass ich keine passive Präsidentin bin. »Sie haben recht, Ma'am. Ich sollte es wissen.«

»Wenn du zurück bist, komm mit Harry zum Abendessen ins Weiße Haus. Ich würde gern von Harry erfahren, wie die Kerle auf dem Titan das hinkriegen, hochintelligent zu sein, wo sie doch nichts als Methaneis haben. Und ich würde gern Trezik spielen mit euch. Also ihr kommt.«

»Mit großem Vergnügen.«

»Inzwischen möchte ich dir sagen, dass ich die Frauenverbände unseres Landes ebenso grässlich finde wie ihr. Ich empfehle dir nur, deine Kritik künftig nicht mehr öffentlich mitzuteilen, weil sie in der Lage sind, dir überein paar Institutionen Geld abzudrehen, das du vielleicht für deine weitere Arbeit dringend brauchst. Mir können sie nichts anhaben. Außer dass sie wahrscheinlich in drei Jahren meine Wiederwahl verhindern werden. Nun ja, dann mach' ich eben was Anderes. Deshalb red' ich ihnen jetzt nicht nach dem Maul! Diese amerikanischen Frauenverbände, mein Gott, seit zweihundert Jahren machen sie aus jeder männlichen Neurose eine weibliche Tugend, und deshalb vertreten sie heute eine der letzten rein männlichen, rein weißen Positionen in unserer Gesellschaft. Das macht sie stark, immer noch. Bedenk' das! Sie hassen Schwule, die keine Mehlwürmer mögen. Dreihunderttausend Patriarchinnen!«

»Ich will's bedenken, Ma'am.«

»Und ich sag' dir das hier in aller Öffentlichkeit, während die halbe Welt zuhört, damit vielleicht ein paar Leute aufpassen, wer dir und Harry künftig unter flauen Vorwänden Geld verweigert. Einer dieser Vorwände könnte sein, dass ihr auf den Namen Dorothy‑McGovern‑Labor besteht. Warum denn. Seid doch flexibel! Für Dorothy denk' ich mir eine andere Ehrung aus. Auch für Krönlein. Das wär's, mein Junge.«

»Ma'am, wir beide danken Ihnen herzlich.«

»Seht mal zu, dass euch was gegen das Eis einfällt.«

»Ma'am, das ist leider nicht unser Fachgebiet.«

»Ja, das sagen alle. Alle sagen immer dasselbe. Und ich sage auch immer dasselbe: Seht trotzdem zu, dass euch was gegen das Eis einfällt, verdammt noch mal.«

Die Vietnamesin schaltete ab; Federbaum, die Präsidentin und die Rothaarige erloschen. Draußen schob Tille eine Art Teewagen vor sich her in den Weizen. Auf dem wackeligen Gefährt waren Äste befestigt, und in einer Astgabel saß ein großer Vogel. Er war ungefähr einen Meter hoch und hatte weißgraue schuppenähnliche Federn und leuchtend blaue Flügelspitzen. Mit rosa Krallen hielt er sich am Ast fest. Sein Gesicht glich dem einer Eule, so weit standen die bis auf einen schmalen Spalt geschlossenen Augen auseinander. Aber statt eines Schnabels hatte er eine längliche ziegenmaulähnliche Nase im Gesicht, auf der zarter Flaum wuchs. Jürgen rührte sich nicht, flatterte nicht, gab keinen Laut von sich. Ohne Anstrengung blieb er während der ruckweisen Fahrt im Gleichgewicht. Und regungslos verharrte er auch, als Tille ihn im Weizen stehen ließ und beiseite trat.

Die Katze war schon unter dem Liegestuhl hervorgekrochen und im Wohnzimmer verschwunden.

»Hat er gefressen?«, fragte die Vietnamesin.

»Bisschen Spinat«, sagte Tille.


3. Kapitel



»Wer ist schuld am Niedergang der menschlichen Zivilisation? Die Eiszeit? Die Frauen?«

»Reden Sie nicht von Schuld. Kein Nebel ist undurchsichtiger als der einer moralischen Empörung. Ich habe versucht, ihn in meiner Einspeicherung für die NCN …«

»die Nordeuropäischen Computer‑Netze«

»… zu vermeiden und mich auf die Schilderung dessen zu beschränken, was der nördlichen Halbkugel gerade widerfährt. Das hat Auswirkungen auf den ganzen Planeten, soviel ist richtig. Ich habe sie nicht unberücksichtigt gelassen. Aber zur Panik sehe ich keinen Anlass. Zur Trauer ja.«

»Was also sind die Ursachen und politischen wie sozialen Folgen der neuen Eiszeit, deren Beginn wir offenbar gerade erleben?«

»Fragen Sie die Wissenschaftler.«

»Die wissen keine Antwort. Oder vielmehr: zu viele Antworten, aber alle sind unbefriedigend.«

»Wieso glauben Sie, dass meine Antworten befriedigender sein werden?«

»Ihre Einspeicherung zum Thema haben Sie selbst erwähnt. Wir wollen versuchen, mehr von Ihnen zu erfahren. Sie gelten als bedeutendster deutschsprachiger Dichter der Gegenwart. Wenn die Wissenschaftler ohne Rat sind, weiß ihn vielleicht, wie angeblich in früheren Zeiten, wieder der Dichter.«

»Ihr Vertrauen ist naiv, aber es ehrt mich, und ich danke Ihnen. Nur, ich teile Ihre Meinung nicht. Die bedeutendste deutschsprachige Dichterin des bisherigen 21. Jahrhunderts ist Okşan Özekin.«

»Okşan Özekin hat sich nie mit der Eiszeit beschäftigt.«

»Sie wird ihre Gründe haben.«

»Warum haben Sie sich mit der Eiszeit beschäftigt?«

»Neugier.«

»Nur das? Ist Okşan Özekin nicht neugierig?«

»Anders als ich. Sie ist magisch‑neugierig. Ich bin experimentell‑neugierig. Aber die Magie ist immer stärker. Im vorigen Jahrhundert hat es im damaligen Westberlin einen Maler gegeben, der machte einen Zyklus: Berlin am Meer. Okşan Özekin transportiert Schwarzes Meer und Mittelmeer nach Berlin und Berlin an den Bosporus. Das ist eine ungeheure Arbeit, Trauerarbeit, Versöhnungsarbeit, eine ungeheure Beschwörung. Sie wird uns überleben helfen. Ich beobachte nur, schreibe Beobachtungen auf.«

»Was beobachten Sie?«

»Auflösung alter Strukturen, Angleichung der verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Systeme. In der Sowjetunion liberalisieren sie die Wirtschaft, um zu überleben. In den Vereinigten Staaten und Kanada machen sie Planwirtschaft, um zu überleben. Zusammenrücken bisher souveräner Staaten zu Konföderationen, Beispiel: die UNAS, Union nordafrikanischer Staaten, oder auch, innerhalb der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der WBD des DCA.«

»Der Wirtschaftsrat beider deutscher Staaten des Deutschen Conföderativen Ausschusses.

»Gleichzeitig erfolgt überall eine Schwächung staatlicher Zentralgewalten. Kleinere Zentren übernehmen die Energie und Nahrungsmittelversorgung. Dies im besonderen Maße in den unmittelbar vom Eis bedrohten Gebieten. Denken Sie an Dänemark und Norddeutschland. Die haben mehr Verbindung untereinander als zu ihren jeweiligen Regierungen. Die Norweger zum Beispiel bleiben in der vereisten Nordsee auf ihren Öltürmen, halten unter unvorstellbaren Anstrengungen ihre Raffinerien eisfrei, um die ganze Region bis Hamburg mit Öl beliefern zu können. Dafür erhalten sie Lebensmittel und Industriegüter. Ähnliches gilt sogar für Ostseegebiete der Bundesrepublik und der DDR, Polens, der baltischen Staaten. Grenzen werden auch hier hinfällig. Die Leute versuchen, die positiven Erfahrungen der jeweiligen Wirtschaftssysteme zu verbinden und die negativen zu vermeiden. Von der Bevölkerung nicht als sinnvoll anerkannte Regierungsanweisungen der jeweiligen Staaten werden nirgendwo befolgt. Und die Regierungen können die Befolgung nicht erzwingen. Man könnte diese Entwicklung als erfreulich bezeichnen, wenn der Preis nicht so erschreckend hoch wäre: mangelnde Krankenversorgung, Seuchengefahr, Hunger, Energieknappheit. Die Frage ist natürlich, ob straffe Zentralregierungen damit noch fertig werden könnten.«

»Wohl kaum.«

»Eben. Wahrscheinlich nicht mehr.«

»Was haben nun die Frauen damit zu tun?«

»Sie machen es sich mit der Wiederholung Ihrer ersten Frage zu einfach.«

»Sie sind naturwissenschaftlich gebildet, haben Mathematik studiert, Physik, Biologie, auch Soziologie.«

»Alles ohne Abschluss.«

»Einen Abschluss haben Sie in Computer‑Technik. Für einen Schriftsteller auch heute noch eine ungewöhnliche Ausbildung.«

»Ich wollte wissen, wie die Fabriken geistiger Arbeit funktionieren.«

»Was verstehen Sie unter Fabriken geistiger Arbeit?«

»Informationssysteme. Mikrosysteme. Intelligente Maschinen.«

»Sie haben Arbeiten veröffentlicht, die unter Mitwirkung von solchen intelligenten Maschinen entstanden sind. War es diese formale Möglichkeit, die Sie faszinierte?«

»Als ich zehn Jahre alt war, 37 nach Hiroshima, las ich eine Schrift von einem Regensburger Professor namens, ich glaube, Steinmüller. Sie hieß: Die zweite industrielle Revolution hat eben begonnen. Er beschrieb, was sich zu entwickeln begann: die durch Mikroprozessoren eingeleitete völlige Aufhebung des Unterschieds von körperlicher und geistiger Arbeit. Natürlich verstand ich damals nicht alles. Aber ich begriff, der Professor sah düster in die Zukunft. Er fürchtete, dass statt der Aufhebung der Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit nun erst recht die totale Entfremdung eintreten werde. Ein paar Jahre später war ich in der Lage, das nachzuprüfen. Ich kam zum entgegengesetzten Ergebnis. Ich sah eher, statt des Beginns totaler Kontrolle, die Freiheit des Menschen möglich werden. Die Freiheit von Hunger, Seuchen, Ausbeutung, Aberglauben. Die Freiheit, sich selbst zu verwirklichen wie man das am Ende des vorigen Jahrhunderts nannte. Intelligente Maschinen würden uns erlauben, unmissverständlich herauszufinden, was nützlich, notwendig, schädlich, angenehm sein musste. Bis dahin war Nützliches, Notwendiges, Schädliches, Angenehmes ja immer in Form von Ideologien verordnet worden, mit Zuchthaus, Lager und Tod als Strafe für Gegner und Skeptiker. Jetzt würden die intelligenten Maschinen jede Art von Ideologie nicht nur entbehrlich, sondern lächerlich, verächtlich machen. Sogar die Ideologie der intelligenten Maschinen. Denn die Logik intelligenter Maschinen ist unausweichlich.«

»Unausweichliche Logik, Befreiung durch intelligente Maschinen … Sie wollen uns doch wohl nicht wieder an die Allmacht der Wissenschaften glauben lassen.«

»Wenn ich Logik sage, meine ich nicht die eindimensionale Logik bisherigen wissenschaftlichen Denkens, die im Übrigen ja schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Zweifel gezogen wurde. Die Logik der intelligenten Maschinen ist nicht, wie die unseres Gehirns, monokausal. Sie berücksichtigt x-mögliche Verbindungen von

Ursachen und Wirkungen, Rückwirkungen und Rückursachen. Die Erkenntnis, zu der wir auf diese Weise gelangen, gilt daher ebenso für die Sowjetunion wie für die USA, für größenwahnsinnige Putschgeneräle wie für bornierte Parteimanager, für die Bewohner Zentralafrikas wie für die Asiens. Diktatur, Terror, Korruption, Kolonialismus, Mafia würden verschwinden, aus einem ganz einfachen Grund: Es würde sich nicht mehr rentieren. Wie Münchhausen würden wir uns an den eigenen Haaren, mit unserer eigenen Erfindung, aus dem Dreck ziehen, eine neue Ethik entwickeln können. Das war drin. Ein Amerikaner hat vor hundertfünfzig Jahren ein Gedicht geschrieben, in dem er die Demokratie lobt. Ich komme jetzt nicht auf den Namen.«

»Walt Whitman.«

»Mag sein. Jedenfalls, so wollte ich auch dichten. Welch fantastischer Aufbruch. Er hätte zum Zusammenrücken aller Staaten geführt, zur Weltregierung. Jetzt haben wir, wie gesagt, das Gegenteil, alles löst sich in eine unübersehbare Vielzahl örtlicher Kleinzellen auf, die nur lose miteinander kommunizieren.«

»Verursacht von der Eiszeit?«

»Steinmeier hat sie jedenfalls bestimmt nicht berücksichtigt.«

»Steinmüller.«

»Wie?«

»Vorhin sagten Sie: Steinmüller.«

»Nein, er hieß Steinmeier. Er konnte sie ja auch nicht berücksichtigen. Die Entwicklung war so nicht vorherzusehen«.

»Sie unterscheiden in Ihrer Einspeicherung rückblickend drei Phasen, in denen lang andauernde, einander überlagernde Entwicklungen manifest wurden. Erste Phase, neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts: Infolge industrieller Abgase und anderer Gase, zum Beispiel des in Sprayflaschen als Antriebsgas genutzten Fluorkohlenwasserstoffs, wird die Ozonschicht der irdischen Atmosphäre nachdrücklich geschädigt und lässt ultraviolette und andere hochgefährliche Strahlung aus dem Weltraum durch. Folge: vermehrtes Auftreten von Hautkrebs, von Erkrankungen der Atmungsorgane, Mutationen.«

»Außerdem: Gedächtnisausfälle durch Zerstörung erinnerungsspeichernder Eiweißkörper im Gehirn oder Fehlverhalten der sie bildenden Ribonukleinsäuren.«

»Während sich allmählich für die Mutationsbetroffenen und »Ultraviolettkranken« die Bezeichnung »Gembaku‑Joe« durchsetzt, nach einem Wort der Japaner für die strahlenverseuchten Opfer der Atombombenabwürfe und ‑experimente im vorigen Jahrhundert, Gembakudjo, beginnt schon um die Jahrhundertwende die zweite Phase: rasche Aufheizung der Erdatmosphäre durch die jahrhundertelange Kohle‑ und Erdölverbrennung. Folge: Abschmelzen beträchtlicher Teile der Eiskappen von Arktis und Antarktis, Ansteigen der Weltmeere um knapp zwei Meter, bisher nicht gekannte Orkane und Sturmfluten, Gefährdung aller Küsten, endlose Regenfälle, Hunger, Seuchen, Aufruhr in den überfüllten Großstädten, fünfhundert Millionen Tote auf allen Kontinenten. Dritte Phase: plötzliche Abkühlung der Atmosphäre, Neubildung von Gletschern, schnelle Vereisung der Nordhalbkugel, seit etwa 2015. Sie vertreten dabei die These, dass die Eiszeit in Wirklichkeit sich schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts angekündigt hat und nur durch die anderen Phasen verdeckt, verschoben worden ist.«

»Die Wälder. Wir hätten die Wälder beobachten sollen. Die Wälder zeigen alle großen Veränderungen der Atmosphäre an. Aber wir hatten die Wälder ja schon am Ende des vorigen Jahrhunderts zerstört. Jetzt haben wir den nackten Himalaya. Die Amazonas‑Steppe. Die thailändische Wüste. Und bei uns die Magdeburger Wüste. Kein Baum mehr zwischen Braunschweig und Berlin. Und suchen Sie mal, wo die Bäume des Schwarzwalds geblieben sind. Des Bayerischen Walds. Des Spessarts.«

»Alle diese ökologischen Katastrophen haben die Bewohner des Planeten verursacht.«

»Bis auf die Eiszeit.«

»Es gibt Hinweise, Theorien, die auch für dieses Phänomen den Menschen verantwortlich machen. Der große Regen der zweiten Phase, der zur Abkühlung der Atmosphäre führte …«

»Zugegeben. Aber ich bin da, zunächst noch, skeptisch.«

»Die Ursache der beiden anderen Phasen aber kann als wissenschaftlich abgesichert gelten: unser Verhalten.«

»Durchaus.«

»Obwohl uns doch intelligente Maschinen zur Verfügung standen, deren unausweichliche Logik genau bezeichnete, was nützlich, notwendig, schädlich, angenehm war.«

»Die Maschinen kamen zu spät. Zu viele Fehler waren schon gemacht, weitere waren programmiert … Die »wandernden Löcher« in der Ozonschicht, die Aufheizung der Atmosphäre, das war wohl schon unvermeidlich. Übrigens hatten diese ersten beiden Phasen auch ihr Gutes.«

»Die Mutationen, die Krankheiten, die Missernten, die Ernährungskatastrophen, die Toten, die abgesunkenen Küsten mit Tausenden von untergegangenen Dörfern und schwer beschädigten Hafenstädten, denken Sie an Holland, aber das gab es ja in der ganzen Welt – wo ist das Gute?«

»Die akuten Gedächtnisstörungen haben uns, das ist meine Überzeugung, vor dem Dritten Weltkrieg bewahrt. Dessen unmittelbare Auswirkungen und spätere Folgen hätten alle anderen Katastrophen, wie wir wissen, bei weitem übertroffen. Da saßen die Strategen doch mehrmals täglich urplötzlich verblödet vor ihren Plänen und Generalstabskarten und begriffen minutenlang, ja stundenlang nichts mehr. Solange sie sich unter dem »wandernden Loch« befanden. Die wussten doch, wenn sie in einem lichten Moment zuschlagen, würde der Gegenschlag des ändern sie möglicherweise gelähmt und unfähig zur Abwehr antreffen. Abgesehen davon hatten alle Regierungen der Erde so viel mit den Naturkatastrophen zu tun, dass Krieg immer unwirklicher wurde. Ja, es begann unter dem Dauerregen das, wovon ich vorhin sprach: Man rückte zusammen auf dem Planeten, rechnete mit den Nachbarn. Übrigens haben die Ozonlöcher uns ja auch von den mörderischen Zuständen auf unseren kaputten Straßen befreit. Die Leute zogen es vor, statt erinnerungslos mit ihren Autos gegeneinander zu krachen, sich von automatischen Nahverkehrszügen befördern zu lassen, wo sie bei Hirntätigkeitsausfällen nicht in Lebensgefahr gerieten. So haben wir einstweilen überlebt, sitzen hier am Ufer des immer noch schönen und wieder sauberen Bodensees, der wie Basel oder Wien erst in 25 Jahren von den Alpengletschern erreicht werden wird.«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910094
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
jahr hiroshima

Autor

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Titel: Im Jahr 95 nach Hiroshima