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Milton Sharp #15: Im Bann der Dämoneninsel

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Milton Sharp wird von der Polizei verhaftet. Was für ihn zunächst nach einem Irrtum klingt, stellt sich bald als Entführung heraus, die der Dämon Kelmaa veranlasst hat. Milton findet sich plötzlich auf einer einsamen Insel im Nirgendwo der Welt, von der es kein Entkommen gibt. Zusammen mit anderen Kämpfern gegen das Dunkle, die ebenfalls entführt wurden, soll der Schattenjäger für den Dämon nach einem Kristall suchen, der Kelmaa helfen soll, unbeschreibliche Macht zu erlangen. Selbst die besten Dämonenbezwinger der Welt scheinen vor einem aussichtslosen Kampf zu stehen …

Leseprobe

Im Bann der Dämoneninsel


Milton Sharp Nr. 15






IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

(ehem. Titel: Verbannt auf die Dämoneninsel)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de








Klappentext:

Milton Sharp wird von der Polizei verhaftet. Was für ihn zunächst nach einem Irrtum klingt, stellt sich bald als Entführung heraus, die der Dämon Kelmaa veranlasst hat. Milton findet sich plötzlich auf einer einsamen Insel im Nirgendwo der Welt, von der es kein Entkommen gibt. Zusammen mit anderen Kämpfern gegen das Dunkle, die ebenfalls entführt wurden, soll der Schattenjäger für den Dämon nach einem Kristall suchen, der Kelmaa helfen soll, unbeschreibliche Macht zu erlangen. Selbst die besten Dämonenbezwinger der Welt scheinen vor einem aussichtslosen Kampf zu stehen …






Charaktere:

Milton Sharp

Der Schattenjäger wird zusammen mit anderen Kämpfern gegen das Unheimliche in einer Zwischenwelt gefangengehalten, um für einen mächtigen Dämon einen Kristall zu suchen.


Bo Verezco und Rod Palmer

Die beiden erfahrenen Dämonenbezwinger erleiden das selbe Schicksal wie Milton Sharp und viele andere Streiter gegen das Dunkle.


Gerd Pollinger und Max Sperrhuber

Die beiden Münchener Studenten werden in Ereignisse hineingezogen, die ihr Vorstellungsvermögen übersteigen.


Kelmaa

Der grausame Dämon entführt die Geisterjäger der Welt auf eine Insel im Nirgendwo, um für ihn nach einem mächtigen Kristall zu suchen.





Roman:

Unheimliches passierte im Hochland. Die tobende Meute verfolgte johlend einen Flüchtenden. Er war ein ungewöhnliches Wesen, das den Berg hinauftrieb bis zum Gipfel, wo es nicht mehr weiterging.

Die Verfolger näherten sich dem Gespenstischen, den sie unten im Ort aufgestöbert hatten. Gerade kroch er auf die kleine Holzkirche zu, zweifellos in der Absicht, sie zu entweihen.

»Der Teufel steckt in dem Biest!«, schrie jemand.

»Es ist der Bastard einer Hexe«, behauptete ein anderer. »Schlagt ihn tot!«

Das war leichter gesagt als getan, denn keiner traute sich so recht heran. Platt und farblos wie eine Qualle lag das Monster auf dem Felsen und rührte sich nicht. Lediglich die winzigen Augen zuckten hin und her. Unglaublich viele Augen. Mindestens sieben.

Der größte und kräftigste von allen Verfolgern fasste sich endlich ein Herz. Er musste den anderen beweisen, dass er mutiger war als sie.

Fest packte er seinen Prügel und näherte sich dem unheimlichen Wesen. Noch bevor er es erreichte, schlug er zu. Das machte Eindruck.

Die Gefährten klatschten Beifall, verstummten jedoch, als der Knüppel zu schwarzem Staub verpuffte und von dem Felsen gierig aufgesogen wurde …

Der Angreifer prallte zurück. Er stolperte und stürzte. Das unheimliche Wesen hätte nun mühelos über ihn herfallen können, entschied sich aber anders. In seinem Innern bildete sich ein glühend roter Funke, der rasch wuchs und eine kantige Form annahm. Fast wie ein Würfel. Von ihm ging schmerzhafte Helligkeit aus, die die Meute für kurze Zeit blendete.

»Ihr begeht Unrecht«, schrie es aus ihm. »Ich wollte eurer Kirche nichts tun. Ich kam, um euch vor etwas Schrecklichem zu warnen. Nun aber werdet ihr alle sterben!«

Diese Drohung empörte die Aufgebrachten so sehr, dass sie gemeinsam losstürmten und das Wesen mit Ästen, Dreschflegeln und auch Felsbrocken in blutige Stücke schlugen.

Kaum bewies das letzte schwache Zucken, dass sie die Oberhand behalten hatten, als der glühende Würfel sein Leuchten verlor und erkaltete.

Wie ein Stück Salz lag er zwischen den Gebeinen des rätselhaften Wesens und funkelte.

»Ein Diamant!«, flüsterte jemand und streckte die Hand aus.

Da wollten auch die anderen den Schatz an sich reißen und fielen gleichzeitig über die Beute her.

In das entstehende Chaos mischte sich ein anderer Lärm. Was geschah, merkten die Streitenden erst, als es zu spät war.

Die Erde bebte. Der Berg erzitterte unter ihnen.

Schreiend wollten sie fliehen, doch der Felsen öffnete sich und verschlang sie und tief unten auch das ganze Dorf.

Die Warnung des unheimlichen Wesens wurde schreckliche Wirklichkeit.

Der walnussgroße Kristall fiel mitten zwischen die Toten und wurde von nachrutschendem Geröll verschüttet.

Jahrhundertelang ahnte niemand, was für ein Schatz durch das Erdbeben begraben worden war …


*


Generationen nach diesem Ereignis sprach niemand mehr über die Naturkatastrophe, die den Ort dem Erdboden gleichgemacht hatte. Andere Schrecken waren um den Erdball gebraust und füllten die Geschichtsbücher.

Milton Sharp, der einen Namen als Schattenjäger besaß, erhielt ein Schreiben, das er mit wachsendem Erstaunen las:

»… haben Sie sich zwecks Vernehmung bei oben bezeichneter Dienststelle einzufinden. Bei unentschuldigtem Nichterscheinen droht Zwangsvorführung.«

Milton war sich keiner Schuld bewusst und sicher, dass nur eine Verwechslung vorliegen konnte. So griff er zum Telefon.

»Gegen Sie liegt eine Anzeige vor, Mister Sharp«, hörte er den Beamten am anderen Ende der Leitung sagen. »Mehr kann ich Ihnen nicht mitteilen. Ich gebe Ihnen nur den guten Rat, die Vorladung ernstzunehmen. Sie scheinen sich einen einflussreichen Gegner geschaffen zu haben.«

Ob einflussreich oder nicht, Milton Sharp fuhr mit blütenweißem Gewissen zur Polizei und war überzeugt, die Dienststelle schon nach wenigen Minuten voll rehabilitiert zu verlassen.

Er verließ sie auch, aber nicht als freier Mann, sondern in vergittertem Wagen und mit stählernen Fesseln an den Handgelenken.

Während er einem ungewissen Ziel entgegenrumpelte, begriff er noch immer nicht, was sich ereignet hatte.

Der Inspektor hatte durchaus freundlich die Anzeige verlesen:

»Sie werden beschuldigt, auf Menschen, Tiere und Sachen einen unheilvollen, ja, gespenstischen Einfluss zu nehmen, Mister Sharp. Man hat beobachtet, wie Sie einen Hund mit bloßen Händen erwürgt haben. Zwei Männer und eine Frau, die gerade vom Maskenball kamen, wurden von Ihnen überfallen und konnten sich nur mit Mühe durch Flucht in Sicherheit bringen. Angeblich haben Sie im städtischen Museum eine Hellebarde an sich gebracht und damit wie ein Entfesselter auf eine massive Mauer eingeschlagen, bis der Stahl der Waffe rot glühte und schmolz. Danach sollen Sie unheimliche Worte gebrüllt und sich auch sonst verdächtig benommen haben. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?«

Zu diesem Zeitpunkt witterte der Schattenjäger noch nicht die Gefahr. Es gab immer wieder zufällige Beobachter, die sich einen falschen Reim auf seine Aktionen machten.

»Dieser Hund, Inspektor, wollte mir ans Leben. Ich kann von Glück sagen, dass es mir gelang, seinen Reißzähnen zu entgehen. Sonst säße ich heute nicht hier. Es war eine Höllenbestie. Davon streunen leider noch viele herum. Bei den Männern und der Frau handelte es sich keineswegs um Maskierte. Die sahen tatsächlich so abscheulich aus, wie Ihr Zeuge sie gesehen hat. Gepanzerte Schuppenleiber, hervorquellende Augen, Hände wie Grabschaufeln mit fürchterlichen Zinken daran. Dämonische Monster waren es, denen leider die Flucht glückte. Mir wäre es lieber, ich hätte sie endgültig vernichten können. So müssen wir damit rechnen, dass sie irgendwann erneut auftauchen und ihren Horror ausbreiten. Die Hellebarde nahm ich an mich, weil leider keine andere Waffe zur Verfügung stand. Ich schlug auch keineswegs auf die Mauer ein, sondern auf den Geist, der gerade im Begriff stand, durch die Wand zu entweichen. Ob ich ihm den Garaus gemacht habe, vermag ich nicht zu sagen. Zumindest ist er mit seither nicht mehr begegnet. Er hatte übrigens im Museum die Absicht, einen achtjährigen Jungen zu rauben, was ich vereiteln konnte. Haben Sie sonst noch Fragen, Inspektor?«

Der Polizist sah ihn nachdenklich an und blätterte in einer Akte.

»Ich habe mich über Sie erkundigt, Mister Sharp. Sie nennen sich Schattenjäger und genießen höheren Ortes einen erstaunlichen Ruf. Aber Sie werden verstehen, dass ich jeder Anzeige nachgehen muss.«

»Dafür habe ich volles Verständnis, Inspektor. Ist die Sache damit erledigt?«

Der gedrungene Mann mit dem müden Lächeln erhob sich und kam um den Schreibtisch herum.

»Selbstverständlich«, sagte er strahlend.

Dann riss er plötzlich die Akte an sich und stampfte sie in den Papierkorb. Sein Gesicht hatte sich schlagartig verändert. Das freundliche Lächeln war einem flammenden Blick

gewichen, dass Milton unwillkürlich zurückwich.

Dabei prallte er gegen zwei Hünen, die ihn in Empfang nahmen und seine Arme nach hinten rissen. Während die Handschellen um seine Gelenke klickten, sprang ihn der Inspektor zornbebend an.

»Wir werden dir das Handwerk legen. Du sollst uns keinen Schaden mehr zufügen. Nie wieder!«

Milton konnte der geballten Kraft nur dadurch ausweichen, dass er den Kopf weit zurückbog.

Nun hockte er also in dem Wagen, bewacht von anscheinend stummen Uniformierten, die Maschinenpistolen auf den Knien liegen hatten. In ihren Augen war er ein Schwerverbrecher.

Milton Sharp war wütend. Ein solches Verhör hatte er noch nicht erlebt. Schon gar nicht in England, wo, wie viele behaupteten, die Gerechtigkeit erfunden wurde.

Bei jedem Versuch, das Wort an seine Bewacher zu richten, schwenkten sie die Läufe ihrer MPs auf ihn und legten die Finger an den Abzug. Bei der Schaukelei des Gefährts konnten sie leicht aus Versehen den Druckpunkt überwinden.

Deshalb unterließ Milton schon bald seine Bemühungen, sich vor den beiden zu rechtfertigen. Man würde ihn einer übergeordneten Dienststelle vorführen, wo sich alles aufklären musste. Notfalls würde ihn Hoster O’Neil herausholen. Der einflussreiche Verleger, der ihn mit den erforderlichen finanziellen Mitteln im Kampf gegen alle Schattenwesen unterstützte, brauchte nur zu erfahren, was mit ihm geschehen war.

Aber Miltons Hoffnungen erfüllten sich nicht. Weder erhielt er Gelegenheit zu einem Telefongespräch, noch kümmerte sich irgendein Beamter oder Richter um seine Schwierigkeiten.

Der Wagen brachte ihn zu einem Rollfeld, auf dem eine zweistrahlige Maschine offenbar nur auf ihn wartete. Er wurde in den Einstieg gestoßen und spürte im selben Moment einen winzigen Schmerz am rechten Oberarm.

Eine hübsche Stewardess, die auf ihn zukam, verwandelte sich in ein grässliches Monster und fletschte die Zähne. Es begann sich vor seinen Augen zu drehen, wie überhaupt das ganze Flugzeug zu rotieren anfing, immer schneller, bis der Schattenjäger kraftlos und ohne Bewusstsein zu Boden sank…


*


In einer Mansarde im Herzen Schwabings brannte noch Licht. Mitternacht war längst vorüber, aber Gerd Pollinger fand keinen Schlaf.

Er brütete über uralten Schriften, die er in einem Trödlerladen aufgestöbert hatte. Auf den ersten Blick erschienen sie unansehnlich, doch ihr Inhalt faszinierte den Medizinstudenten. Er eröffnete neue Theorien über Anatomie und Geistesleben heutzutage völlig unbekannter Geschöpfe.

Diese Dinge interessierten den jungen Mann mehr als das verstaubte Wissen in der Uni. Leider ließ sich damit kein Geld verdienen, sonst hätte er das Studium längst an den Nagel gehängt und wäre zu den Galapagos oder anderen Inselgruppen gereist, wo man auch jetzt noch die erstaunlichsten Lebewesen beobachten konnte.

Gerd Pollinger seufzte. Zu dumm, dass er finanziell von seinem Vater abhing. Der wollte ihn als bedeutenden Chirurgen sehen. Organtransplantationen, Gehirnforschung, Genmanipulationen – das waren die Gebiete, denen er sich widmen sollte.

Der Fünfundzwanzigjährige reckte sich, dass die Gelenke krachten. Er stutzte und wandte den Kopf.

Waren das wirklich nur seine Knochen gewesen?

Ihm schien, als hätte er noch ein anderes Geräusch vernommen, das von draußen kam.

Pollinger stand auf und trat ans Fenster. Der Asphalt unter ihm glänzte. Es nieselte. Typisches Grippewetter. In zwei Jahren würde auch er um diese Zeit ein volles Wartezimmer haben und Halstabletten verschreiben. Aufregende Aussichten!

Ein Auto fuhr vorbei. Sonst war nichts zu sehen.

Aber da knackte es wieder, und diesmal waren bestimmt nicht seine Gelenke schuld. Es hörte sich an, als machte sich jemand an der Wohnungstür zu schaffen.

Merkwürdig!

Max Sperrhuber, mit dem er die Mansarde teilte, lag doch längst im Bett und schlief den Schlaf des Gerechten.

Gerd Pollinger durchquerte das Zimmer und öffnete die Tür.

Er prallte zurück. Vor ihm stand ein Kerl, der wie eine Gipsfigur aussah. Absolut weiß! Kalkig … Sogar den Augen fehlte jede Farbe.

Er bewegte sich nicht. Das war wohl ein Ulk, den sich Max ausgedacht hatte. Der Teufel mochte wissen, woher er das Riesending hatte.

»Max, du Depp!«, rief er. »Das zahle ich dir zurück. Mir fällt schon was ein. Darauf kannst du dich verlassen.«

Er wollte sich an der Skulptur, die fast die ganze Breite des Korridors einnahm, vorbeischieben, als sich ein Arm um seine Taille legte, ein kalkweißer Arm.

Pollingers Augen weiteten sich. Sein Herz begann zu rasen. Doch dann sagte er sich, dass selbstverständlich jemand in diesem Kostüm steckte. Vermutlich Max selbst.

Er ballte die Faust und drosch zu, hart und trocken, genau unters Brustbein.

Einen Schmerzensschrei stieß er aus. Seine Knöchel bluteten. Es war, als hätte er gegen eine Wand geschlagen.

Gleichzeitig wurde die Umklammerung seiner Taille noch enger. Er bekam kaum noch Luft.

Verzweifelt versuchte er, sich zu befreien. Wilde Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Was hier vorging, war gespenstisch … einfach unfassbar.

Bisher hatte er davon nur in Büchern gelesen. Nun erkannte er, dass es diese Dinge tatsächlich gab, nicht nur in vergangenen Jahrhunderten. Das Grauen war gegenwärtig.

»Max!«, röchelte er. »Hilf mir!«

Sperrhuber besaß ein uraltes Steinschlossgewehr. Es funktionierte noch. Allerdings dauerte der Ladevorgang ziemlich lange. So viel Zeit würde nicht mehr bleiben. Das Monstrum brach ihm vorher sämtliche Rippen.

Der Unheimliche zerrte ihn zur Wohnungstür.

Gerd Pollinger klammerte sich am Rahmen der Kammertür fest und trat mit den Beinen nach dem Gegner. Er traf ihn auch, aber der Kerl schien aus Stahl zu bestehen. Dem würde nicht mal eine Musketenkugel etwas anhaben können.

Sein Freund stieß verschlafen die Tür auf.

»Was machst du denn für einen Lärm? Wenn du schon nicht schlafen kannst, lass mich gefälligst … «

Er brach ab. Sein Mund blieb vor Verblüffung offen. Was er sah, begriff er nicht.

»Das Gewehr!«, stöhnte Gerd Pollinger. »Schnell! Er bringt mich sonst um.«

Max Sperrhuber schaltete sofort, hastete zurück und kam Sekunden später mit einem furchteinflößenden Schießprügel zurück, den er auf den Kalkweißen anlegte.

»Lass ihn los!«, befahl er. »Das Ding ist geladen.«

Zweifellos schwindelte er, doch er baute darauf, dass das Monstrum es nicht darauf ankommen ließ.

Hier irrte er sich. Die Skulptur riss Gerd Pollinger ruckartig vom Türrahmen los und schleifte ihn durch den Korridor. Der Wehrlose wimmerte. Er steckte wie in einem Schraubstock.

Max Sperrhuber gab nicht auf. Von hinten drosch er dem Unheimlichen die Muskete über den Schädel.

Der hölzerne Kolben splitterte. Der Lauf verbog sich.

Der Weiße ließ sein Opfer achtlos fallen, drehte sich zu dem Angreifer um, entriss ihm die Waffe und richtete mit ausdruckslosem Gesicht den Lauf auf ihn an.

»Hau ab!«, schrie Max Sperrhuber seinem Freund zu, der ächzend am Boden lag.

Furcht vor der Muskete brauchte er nicht zu haben. Es steckte weder eine Kugel im Lauf, noch befand sich Pulver auf der Pfanne.

Das Monstrum drückte ab.

Der Schuss löste sich wie ein Böller.

Max Sperrhuber wurde durch die Wucht der Kugel gegen die Wand geschleudert und brach dort zusammen. Sein Blick war erstaunt, aber leer, als er zu Boden sackte. Er rührte sich nicht mehr.

Fassungslos war Gerd Pollinger Zeuge dieser Tat geworden. Das Entsetzen trieb ihn an. Er sprang auf und rannte los, durch die Wohnungstür, die Treppe hinunter, auf die Straße hinaus.

Ihm war klar, dass der Killer ihn verfolgen würde, deshalb lief er, so schnell er konnte. Er musste zur Polizei.

Ein einziges Mal blickte er sich um. Er wollte aufatmen, denn die Straße hinter ihm war frei.

Doch dafür tauchte sein Verfolger unmittelbar vor ihm auf. Wie er ihn so schnell überholen konnte, blieb rätselhaft.

Gerd Pollinger warf sich im letzten Augenblick herum und verschwand in einer Seitenstraße. Weiter hinten sah er ein Taxi vorbeifahren.

Er ruderte mit den Händen und brüllte aus Leibeskräften.

Er hatte Glück. Der Taxifahrer wurde auf ihn aufmerksam und verlangsamte die Fahrt.

Der junge Mann holte ihn ein und warf sich keuchend auf die hintere Sitzbank.

»Zur Polizei!«, stieß er hervor. »Schnell! Ich werde verfolgt.«

Der Wagen ruckte an. Erleichtert blickte Gerd Pollinger nach hinten, um sich zu vergewissern, wie der Unheimliche reagierte.

Er sah überhaupt nichts. Draußen war tiefschwarze Nacht, keine Laterne brannte, kein noch so winziges Licht schien.

Wie war das möglich?

Auch durch die Seitenfenster ließ sich nichts erkennen.

Schwer atmend schaute er dem Fahrer über die Schulter nach vorn.

Sein Herz krampfte sich zusammen: ebenfalls pechschwarze Finsternis. Kein Scheinwerferlicht. Es war, als würden sie blind durch einen Tunnel rasen.

Er tippte dem Fahrer an die Schulter.

»Schalten Sie doch um Himmels willen Licht ein, Mann! Sie bringen uns ja in Teufels Küche.«

Der Fahrer nahm die Hände vom Lenkrad und wandte den Kopf.

Gerd Pollinger starrte in ein maskenhaftes Gesicht. Es war starr und kalkweiß.

Er schrie entsetzlich und warf sich gegen die Tür. Vielleicht brach er sich bei dieser Geschwindigkeit das Genick, aber das erschien ihm noch immer besser, als in der Gewalt des Gespentischen zu bleiben.

Der Schlag gab nicht nach. Er war ein Gefangener und steuerte einem ungewissen Ziel entgegen.


*


Als Milton Sharp wieder zu sich kam, brauchte er einige Zeit, bis er sich an die Geschehnisse erinnerte.

Was passiert war, wusste er nun wieder. Dieser merkwürdige Inspektor, der Verständnis vorgetäuscht und ihm in Wahrheit kein Wort geglaubt hatte. Die beiden Muskelprotze und schließlich die Stewardessen im Flugzeug, deren teuflisches Lächeln ihm jetzt noch sauer aufstieß.

So weit war alles einigermaßen klar. Er war verhaftet.

Doch wohin hatten sie ihn gebracht?

Das hier war kein Gefängnis. Es roch faulig und war drückend schwül.

Der Schattenjäger nahm erleichtert zur Kenntnis, dass man ihm die Handschellen abgenommen hatte. Wenigstens etwas. Er richtete sich auf, konnte aber nichts erkennen. Um ihn war alles finster.

Er fühlte, dass er auf steinernem Boden lag, der mit einer dicken Schmutzschicht bedeckt sein musste, Käfer krochen über seine Hände. Sharp erhob sich hastig und stürzte wie ein gefällter Baum zurück. Er war mit dem Kopf gegen etwas Hartes geprallt.

Einige Zeit blieb er benommen liegen und kämpfte gegen die Ohnmacht, die ihn schon wieder gefangennehmen wollte.

Diesmal blieb er Sieger. Er schüttelte sich und war jetzt vorsichtiger. Anscheinend steckte er in einem niedrigen Schacht. Hoffentlich vergaßen sie ihn hier nicht.

»Hallo!«, rief er hoffnungsvoll.

Vielleicht gab es einen Leidensgenossen, der ihm sagen konnte, was er weiter zu erwarten hatte.

Nein! Er erhielt keine Antwort. Die einzigen Geräusche wurden von den Krabbeltieren verursacht, die sich in seinen Hosenbeinen wohlzufühlen schienen.

Da man ihm die Fesseln abgenommen hatte, befand er sich zweifellos in einer ausbruchssicheren Zelle. Scheußlich, dass nicht wenigstens ein schwacher Lichtschimmer den Weg zu ihm fand.

Trotzdem machte er Orientierungsversuche. Auf allen vieren kroch er vorwärts, um die Größe seines Gefängnisses zu erkunden.

Überrascht stellte er fest, dass der Raum überhaupt kein Ende nahm. Diese Großzügigkeit entsprach nicht den britischen Haftanstalten. Hier stimmte einiges nicht.

Immer wieder versuchte Milton, sich aufzurichten. Er hatte aber eher den Eindruck, dass der Schacht immer niedriger wurde.

Also kehrte er nach einer Weile um und versuchte in der entgegengesetzten Richtung sein Glück.

Das Glück fand er dort zwar nicht, dafür etwas, das ihn die Frage stellen ließ, ob er etwa bereits verurteilt war. Er griff nämlich mit der tastenden Linken zwischen zwei Zahnreihen und wusste im nächsten Moment, dass er auf einen Toten gestoßen war.

Es handelte sich um ein Skelett.

Der Bedauernswerte war möglicherweise vor einiger Zeit genauso hier herumgekrochen wie er jetzt. Er hatte den Weg in die Freiheit nicht gefunden und auf seine Verhandlung oder wenigstens einen Gesprächspartner vergeblich gewartet.

Dieses Schicksal vor Augen, fasste Milton Sharp den Entschluss, sich zu befreien. Er musste hier raus. Er glaubte nicht mehr daran, dass er seine missliche Lage der britischen Justiz zu verdanken hatte. Dahinter steckten andere Interessengruppen.

Er tastete den Toten sorgfältig ab. Vielleicht trug er Identifizierungsmerkmale bei sich, und seine Hinterbliebenen warteten noch immer auf eine Nachricht von ihm.

Tatsächlich stieß der Schattenjäger auf einen metallenen Gegenstand unter den Rippen des Skeletts. Es ließ sich aufklappen. Es handelte sich um ein Zigarettenetui.

Die Zigaretten waren verrottet, doch die Reste erinnerten Milton an das Feuerzeug, das er in seiner, Tasche trug.

Man hatte es ihm nicht abgenommen, und als er die Flamme schlug, blendete ihn die ungewohnte Helligkeit.

Bald aber klappte die Orientierung. Was er sah, dämpfte seine Zuversicht.

Er lag in einer Felshöhle, die wie eine riesige Auster geformt war. Momentan befand er sich an der geräumigsten Stelle, ungefähr in der Mitte. Nach allen Seiten hin wurde die Höhle niedriger. Ein Ausgang ließ sich nirgends erkennen.

Dafür entdeckte er weitere Gerippe. Er hielt sich in einem Grab auf.

Wohl auch in seinem eigenen …

Gegen diesen Gedanken setzte sich der Schattenjäger heftig zur Wehr. Dazu durfte er es nicht kommen lassen. Wenn er in die Höhle gelangt war, musste es auch einen Weg geben, sie wieder zu verlassen.

Milton ließ das Feuerzeug zuschnappen. Er musste mit der Gasfüllung sparsam umgehen.

Er blieb eine Weile flach liegen und dachte nach.

Natürlich konnte er es mit einer brutalen Bande zu tun haben, die möglicherweise von seinem Bruder ein Lösegeld zu erpressen hoffte. Doch daran wollte er nicht so recht glauben. Die Vorwürfe, die der Inspektor gegen ihn vorgebracht hatte, lenkten seinen Verdacht in eine andere Richtung.

Dämonen! Die Unseligen hatten ihn in ihre Gewalt gebracht und wollten ihn nun vernichten.

Vorläufig handelte es sich nur um eine vage Befürchtung. Milton hoffte, dass er sich irrte. Sonst sah es schlimm für ihn aus.

Dann durfte er nicht mit einem Fluchtweg rechnen. Die Schwarzweltler verfügten über Möglichkeiten, ihre Opfer in einen Kerker zu stecken, ohne dass dieser eine Öffnung besaß. Für einen Lebenden war es ganz ausgeschlossen, sich ohne übersinnliche Unterstützung daraus zu befreien.

Der Schattenjäger kontrollierte seine Taschen. Die Ausbeute war jämmerlich. Etwas Geld, womit er hier bestimmt nichts anfangen konnte, das Feuerzeug, seine Schlüssel für die

Wohnung und den Wagen, der Kamm, sein Taschenmesser und eine flache Büchse mit Hustenpastillen: Nichts, womit er einen Dämon in Angst und Schrecken versetzen konnte.

Die Armbanduhr hatten sie ihm auch gelassen. Außerdem trug er ein silbernes Kreuz am Hals. Das hatte seine Überwinder aber nicht von ihm abgeschreckt. Also würde es sich als zu schwach erweisen, dieses steinerne Grab aufzusprengen.

Milton verfügte aber noch über zahlreiche magische Sprüche. Bei vielen waren entsprechende Vorbereitungen erforderlich, doch ein paar Anrufungen ließen sich auch ohne Kräuter, Dämpfe oder ähnliche Zutaten durchführen.

Er konzentrierte sich. Wenn er den falschen Spruch wählte, konnte seine Lage kritisch werden. Er war kein Magier und bezog sein Wissen lediglich aus uralten Büchern.

Schließlich entschied er sich für einige Worte, deren Sinn ihm bisher verschlossen blieb. In dem Hexenbuch wurde ihnen jedoch eine Tür und Tor öffnende Wirkung zugesprochen.

Er sprach den Text dreimal halblaut vor sich hin, wobei er aufmerksam um sich blickte, ob sich irgendwo ein Spalt öffnete.

Das geschah nicht. Dafür begann es zu rumoren. Ächzen und Stöhnen füllte die Höhle.

Hastig griff Milton wieder zum Feuerzeug und ließ die bläuliche Flamme brennen.

Da sah er, dass er sich gründlich vergriffen hatte.

Überall zuckten die Skelette und richteten sich mühsam auf. Gebückt, mit herunterhängenden Armen und vorgestreckten Schädeln näherten sie sich ihm. Ihre Augenhöhlen wirkten drohend. Sie umringten ihn und zogen den Kreis immer enger.

Er war ihnen ausgeliefert, aber er wollte bis zum letzten Atemzug kämpfen.


*

Zur Frühsommerzeit in Pacific Grove erreichte der Touristenstrom noch nicht sein volles Volumen. Die Temperaturen waren erträglich, die Kellner immer freundlich und die Frauen sündhaft schön.

Jerry Maldik, der Filmproduzent wählte diese Jahreszeit, um neue Gesichter zu entdecken. Er spazierte am Strand entlang und beobachtete unablässig. Die TV‑Studios brauchten immer wieder unbekannte Darsteller, die allerdings die erforderlichen Eigenschaften mitbringen mussten: Fleiß, Talent und Attraktivität.

Da dieses Dreigespann sich nur selten in einer einzigen Person vereinte, strahlte Jerry Maldik, als er das Supergirl entdeckte, das ihm seine aufregende Kehrseite bot.

Eine Haut wie Milchschokolade, zierlich und doch ungemein sportlich der Körper, wie er an den elastischen Bewegungen erkannte. Er war auf das Gesicht gespannt. Hoffentlich hielt es, was der Rücken versprach.

Als sich die junge Frau umwandte, hätte er am liebsten einen Jubelschrei ausgestoßen. Das war genau das fremdländische Flair, das er für die geplante Serie brauchte. Die Zuschauer würden sich die Daumen an den Einschaltknöpfen ihrer Geräte heiß drücken.

Die Kleine würde zweifellos auf sein Angebot eingehen. Ein einziges Hindernis gab es allerdings zu überwinden. Das war der Kerl, der ihr Badehandtuch benutzte. Der schien von jener Sorte zu sein, deren Freundin man besser nicht zu nahe kam.

Der Muskelprotz war trotzdem kein Schlägertyp, hatte aber einen unerbittlichen Gesichtsausdruck und Bewegungen wie ein Panther. Mit einem Wort: ein gefährlicher Mann!

Jerry Maldik wollte den Augenblick abwarten, wenn den Burschen der Durst übermannte und er wegen eines eisgekühlten Drinks verschwand. Hoffentlich nahm er die braune Schönheit dann nicht mit.

Es kam genau umgekehrt. Die Frau rief dem Muskulösen zu, dass sie Wasserski fahren wollte. Deshalb prüfte sie den Sitz ihres Bikinis und schwebte davon.

Sofort heftete sich der Produzent an ihre entzückenden Fersen. Er warf einen Blick zurück und zuckte zusammen. Der Kerl auf dem Badetuch starrte feindselig hinter ihm her.

Aber er blieb liegen. Das war die Hauptsache.

Auf halbem Weg holte Jerry Maldik die Frau ein und sprach sie an. Er stellte sich vor und unterbreitete ihr ein Angebot, dem keine Schauspielerin widerstand.

Trotzdem erlebte er eine Überraschung.

»Kein Interesse, Mister Maldik«, hauchte die Auserwählte. »Ich bin mit meinem Job durchaus zufrieden. Der Fernsehrummel liegt mir nicht.«

So schnell gab der TV‑Gewaltige nicht auf. Er kannte das Argument, das noch so große Bedenken niederriss. Es ließ sich in fünf‑ oder sechsstelligen Zahlen ausdrücken.

Die Frau lachte nur amüsiert.

»Wir sprechen verschiedene Sprachen, wie mir scheint. Sehen Sie, ich will nichts, als ein paar Tage ausspannen. Dann habe ich wieder einen harten Job.«

»Wird der auch nur annähernd so gut bezahlt?«

»Das ist doch nicht das Problem, Mister Maldik. Ich tue, wovon ich überzeugt bin. Das ist wichtig. Es gibt Wesentlicheres, als Tausender aufs Bankkonto zu häufen. Wenn Sie mich nun entschuldigen würden.«

Sie wandte sich ab, aber Jerry Maldik ergriff ihren Arm und hielt sie zurück.

Da erlebte er die zweite Überraschung an diesem Tag, und die war noch unangenehmer.

Die schwarzhaarige Schöne blitzte ihn an und warnte leise:

»Lassen Sie mich sofort los, sonst sorge ich dafür, dass der ganze Strand über Sie lacht! Nehmen Sie Ihre Dollars und kochen Sie meinetwegen Kompott daraus. Mich lassen Sie gefälligst in Ruhe und verderben mir die Stimmung nicht.«

Maldik kniff die Augen zusammen.

Was bildete sich das kleine Biest nur ein?

Wer atemberaubend gewachsen war, konnte mit ihm noch lange nicht umspringen wie mit einem dummen Jungen. In der Branche besaß er einen ausgezeichneten Namen. Hunderte rissen sich um seine Bekanntschaft. Wenn sie den Preis in die Höhe treiben wollte, sollte sie es sagen und nicht diese Mätzchen veranstalten, dachte er.

Er ließ also nicht los, sondern zog sie dicht zu sich heran.

»Hör mal zu, Baby! Diese Tricks kenne ich alle. Sie entlocken mir allenfalls ein Gähnen. Ich lege noch fünftausend drauf. Dafür arbeitest du aber exklusiv für meine Firma, verstanden?«

Wie gut die Frau verstanden hatte, merkte er im selben Moment. Kaum dass er ihre Drehbewegung wahrnahm, fand er sich auch schon eine Etage tiefer wieder. Den Mund hatte er voll Sand. In seinen Augen brannte es. Sein Brustkorb schmerzte, als wäre er damit unter eine Schmiedepresse geraten.

Mühsam keuchend richtete er sich auf und blickte in lauter grinsende Gesichter.

Die Frau, der er die schimpfliche Niederlage zu verdanken hatte, schritt ungerührt weiter und würdigte ihn keines Blickes mehr.

Zu gern wäre er ihr gefolgt und hätte … Aber sich entschuldigen schien ihm unmöglich und sein Angebot weiter zu erhöhen, hielt er ebenfalls für unklug. Das Beste war wohl, wenn er sie im Auge behielt und später noch einen Versuch startete. Sie würde sich seinen Vorschlag überlegen.

Der Produzent sah, wie die Frau mit einem Mann verhandelte, der Wasserski vermietete. Sie wurden sich einig. Der Bursche kletterte in ein Motorboot und wartete, bis sie bereit war. Dann startete, er, und die Kleine gab eine tadellose Figur auf dem schwierigen Sportgerät ab.

Schon bald verlor er sie aus den Augen. Er holte sich eine Cola und wartete. Nach einer halben Stunde war er überzeugt, dass das Gespann an einer anderen Stelle des Strandes gelandet war. Hastig kehrte er zurück. Sicher lag sie schon wieder neben dem Burschen auf dem Badetuch.

Doch dort lag sie nicht. Der braungebrannte Mann hob den Kopf und blickte Jerry Maldik forschend an, als wollte er fragen: »Was hast du mit ihr gemacht?«

Nach zwanzig Minuten erhob er sich und starrte übers Meer. Er schaute zu Maldik hinüber und ging schließlich auf ihn zu. Die Fäuste hatte er geballt.

Jerry Maldik hatte keine Lust, der Frage genauer auf den Grund zu gehen. Er drehte sich schleunigst um und rannte davon.


*


Bo Verezco fühlte sich frei. Unter ihr das blaugrüne Wasser, beiderseits der Skier weißsprühender Schaum, die prickelnde Luft auf der Haut und dazu die Sonne, die herrlich wärmte.

Die Karibin hatte den aufdringlichen Burschen am Strand schon fast wieder vergessen und konzentrierte sich auf das Motorboot. Es war ziemlich schnell, eigentlich sträflich schnell bei diesem Wellengang. Man musste schon gut auf den Brettern sein, wollte man die harten Schläge ausbalancieren.

Das Haar flog ihr ins Gesicht. Sie musste sich mit beiden Händen am Seil festhalten. Der Bursche da vorn im Boot war total verrückt.

»Hey! Wollen Sie mich umbringen? oder wird das eine Pazifik‑Überquerung in Rekordtempo?«

Der Wind riss ihr die Worte von den Lippen und trug sie nach hinten. Der Motorbootpilot reagierte nicht, jedenfalls nicht in einer Weise, die Bo Verezco angenehm gewesen wäre.

Statt beizudrehen und zum Strand zurückzukehren, drehte er das Rad genau zur anderen Seite und raste Richtung offenes Meer.

Ihm musste etwas zugestoßen sein, denn das Boot gehorchte nicht mehr und machte sich selbständig.

Die Frau versuchte, sich an dem Seil dichter an das Boot heranzuziehen, um es zu erreichen und dann zurückzubringen. Hoffentlich konnte dem Mann noch geholfen werden.

Trotz heftiger Bemühungen kam sie kaum voran. Es hatte im Gegenteil den Anschein, als würde sie an einer Gummischnur hängen und sich immer weiter von dem Boot entfernen. So konnte sie nicht helfen. Ausgeschlossen.

Also blieb nur das Abspringen, bevor es auch dafür zu spät war. Schwimmend würde sie das Ufer erreichen und sofort die Rettungsmannschaft alarmieren.

Die Karibin ließ den Holzknebel los, zumindest hatte sie die Absicht, doch das Holz war mit ihren Händen verwachsen.

Sie war außerstande, sich davon zu lösen …

Ein gewaltiger Schreck durchzuckte sie, trotzdem bewahrte sie kaltes Blut. An gefährliche Situationen war sie gewöhnt.

Bo Verezco blickte an sich herab. Zufrieden stellte sie fest, dass sie nicht zitterte. Ihre Nerven ließen Sie vorläufig nicht im Stich.

Doch sie sah auch noch etwas anderes: Sie stand gar nicht mehr auf den Brettern! Die waren verschwunden. Sie raste ohne Gerät hinter dem entfesselten Boot her, das sie immer tiefer ins Verhängnis zerrte.

Plötzlich begann sie zu versinken. Zuerst tauchten ihre Waden ins Wasser, gleich darauf die Knie. Wenig später schlug der Gischt gegen ihren Nabel.

Mit Gewalt riss sie an dem Seil, doch die Verbindung hielt.

Ihr stand das Wasser nun buchstäblich am Hals. Sekunden noch, dann schwappte es über ihren Scheitel. Aus und vorbei! Das Brausen in den Ohren zeigte Bo Verezco, dass sie sich völlig unter Wasser befand. Alles um sie her war grün und schleimig.

Sie wollte schreien, obwohl es dafür längst zu spät war. Etwas legte sich würgend um ihren Hals und presste ihre Brust.

Die junge Frau sauste im Höllentempo durchs Meer, halb bei Bewusstsein, halb ohnmächtig. Still wurde es um sie und entsetzlich dunkel.

Irgendwann kapitulierten ihre Sinne.

Die Karibin gab auf und ließ sich fallen. Das unendliche Nichts nahm sie auf.


*


Milton Sharp wollte einen der herumliegenden Beinknochen ergreifen, um ihn als Knüppel gegen die anrückenden Skelette zu benutzen, doch auch dieser Knochen wurde lebendig. Er schnellte in die Höhe und verband sich mit weiteren Teilen zu einem unvollständigen Gerippe.

Dem Schattenjäger blieben nur die bloßen Hände zu seiner Verteidigung … und das Feuerzeug. Vielleicht ließen sich die Gespenstischen durch Flammen abschrecken.

Fieberhaft suchte er nach Brennbarem in der Höhle, während sich der Kreis um ihn enger zog.

Nichts! Hier gab es nur nacktes Gestein, das auch kein Blitz entzünden würde.

Sharp schickte sich an, die Jacke vom Körper zu reißen, um sie als Brennmaterial zu benutzen. Da erlebte er etwas Verblüffendes.

Die Skelette wankten an ihm vorbei, ohne ihn anzugreifen. Sie formierten sich zu einer Reihe und strebten zum Rand der Höhle, wo sie am niedrigsten war.

Doch die Gerippe brauchten sich nicht zu bücken. Aufrecht gingen sie weiter, schweigend und gespenstisch.

Milton folgte ihnen vorsichtig. Noch war er nicht davon überzeugt, dass sie ihm nichts anhaben wollten. Irgendeine Teufelei steckte hinter ihrem Verhalten.

Plötzlich blitzte es auf.

Es handelte sich um einen winzigen Lichtstrahl, der in die dunkle Höhle fiel und den Schattenjäger voll traf.

Miltons Herz hämmerte. Das war die Freiheit! Die Höhle öffnete sich vor den Knochenmännern. Sein magischer Spruch zeigte also doch die erhoffte Wirkung …

Er musste aufpassen, dass die Felsen, die immer weiter auseinanderklafften, nicht hinter den Gerippen wieder zusammenschlugen und ihn weiterhin gefangen hielten.

Ohne den Skeletten zu nahe zu kommen, folgte ihnen der Schattenjäger. Auf einmal blieben die Toten stehen und rührten sich nicht mehr.

Die Höhle war weit genug offen, um durch den Spalt ins Freie zu gelangen.

Konnte Milton es riskieren?

Lauerten die Skelette nicht darauf, dass er sich einen Weg zwischen ihnen bahnte?

Milton Sharp musst es wagen, wollte er nicht in seinem Kerker umkommen und rannte los. Er suchte eine möglichst breite Lücke zwischen zwei Gerippen. Sie hoben knackend ihre Arme und versuchten, nach ihm zu greifen. Es wirkte nicht aggressiv, eher hilflos.

Er wehrte sie mit knappen Schlägen ab, und sie seufzten hohl. Die ersten Laute, die sie hören ließen, klangen schauerlich in dem Gewölbe.

Milton stieß zwei, drei Knochengestalten, die ihm den Weg versperrten, zur Seite, hetzte weiter und hechtete durch die Lücke, bevor sie sich endgültig schloss.

Als er sich schließlich hoffnungsvoll umsah, erschrak er.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910087
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Mai)
Schlagworte
milton sharp bann dämoneninsel

Autor

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Titel: Milton Sharp #15: Im Bann der Dämoneninsel