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Chaco #23: Die Gierigen von Rawlins

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Chaco Gates ist auf dem Weg in die Stadt Rawlins. Hier will er ein paar Tage entspannen und es sich einfach nur gut gehen lassen. Kurz bevor er die Stadt erreicht, stößt Chaco auf einen sterbenden Mann, der eine Kassette voller Geld und Schmuck bei sich hat. Und er wird verfolgt!
Chaco versteckt die Kassette und muss selbst fliehen, wenn er sein Leben retten will. In dieser Region treibt eine Bande von maskierten Erpressern ihr Unwesen, und es hat bereits die ersten Toten gegeben. All dies scheint etwas mit der geheimnisvollen Kassette zu tun zu haben, deren Versteck jetzt nur noch Chaco kennt. Und als dies die Banditen erfahren, steht Chaco auf ihrer Abschussliste ganz weit oben ...

Leseprobe

Die Gierigen von Rawlins


Ein Western von Joachim Honnef




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2017

Das Konzept CHACO wurde von Dietmar Kuegler entwickelt.

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:

Chaco Gates ist auf dem Weg in die Stadt Rawlins. Hier will er ein paar Tage entspannen und es sich einfach nur gut gehen lassen. Kurz bevor er die Stadt erreicht, stößt Chaco auf einen sterbenden Mann, der eine Kassette voller Geld und Schmuck bei sich hat. Und er wird verfolgt!

Chaco versteckt die Kassette und muss selbst fliehen, wenn er sein Leben retten will. In dieser Region treibt eine Bande von maskierten Erpressern ihr Unwesen, und es hat bereits die ersten Toten gegeben. All dies scheint etwas mit der geheimnisvollen Kassette zu tun zu haben, deren Versteck jetzt nur noch Chaco kennt. Und als dies die Banditen erfahren, steht Chaco auf ihrer Abschussliste ganz weit oben ...





Roman:

Schüsse peitschten in schneller Folge. Mündungsfeuer blitzte durch das Dunkel der Nacht. Hufschlag hämmerte. Eine raue Stimme rief Kommandos.

Die Reiter umzingelten die Farm. Zehn Männer, deren Gesichter mit schwarzen Masken verhüllt waren. Wie aus dem Nichts waren sie aus,der Dunkelheit aufgetaucht, völlig überraschend für die Menschen auf der Farm, gespenstische Schatten, die Tod und Verderben brachten.

Aus dem Fenster des Farmhauses blitzte jetzt ebenfalls Mündungsfeuer. Das Donnern einer Büffelflinte mischte sich mit dem Krachen der Winchester-Gewehre. Die Kugelsalve zwang den Mann am Fenster, in Deckung zu gehen.

Vier Menschen befanden sich im Haus. Henry Whittaker, der Farmer. Seine Frau Lucy und der fünfzehnjährige Sohn Edward. Und der alte McKenzie, den alle nur Old Mac nannten.

Sie wussten, dass sie keine Chance hatten, doch sie wehrten sich erbittert und mit dem Mut der Verzweiflung.

Henry, lass uns aufgeben!", schrie die Frau beschwörend, und ihre Stimme zitterte vor Angst. „Sie bringen uns um! Wir hätten zahlen sollen. Sprich mit ihnen. Vielleicht...“

Sie brach mit einem schluchzenden Aufschrei ab. Eine Kugel war durch das Fenster geflogen und über ihr in die Wand geklatscht.

Zum Reden ist es jetzt zu spät!“, rief Whittaker und feuerte aus dem Fenster. „Wir müssen jetzt ...“ Er sprang fluchend zurück, als eine Kugelsalve auf das Fenster zuraste.

Dann herrschte für einen Augenblick lang Stille. Whittaker riskierte einen schnellen Blick aus dem Fenster, und seine Augen weiteten sich in jähem Entsetzen.

Draußen flackerten plötzlich Brandfackeln. Einer der Reiter schleuderte seine Fackel in hohem Bogen. Sie landete auf dem Dach des niedrigen Farmhauses. Eine andere Fackel fiel auf das Scheunendach.

Panther, Whittakers schwarzer Bastardhund kläffte, hechelte neben einem der Reiter her, sprang hoch und versuchte, nach den Beinen des Mannes zu schnappen. Ärgerlich riss der Mann sein Gewehr herum und schoss auf das Tier.

Der Hund über schlug sich in der Luft, sein Bellen ging in ein erbarmungswürdiges Winseln über, das erstarb, als der maskierte Reiter von neuem schoss. Der Hund wirbelte über den Boden und blieb dann still liegen.

Der Maskierte lachte und parierte sein Pferd. Er blickte zum Haus. Aus dem Dach züngelten Flammen. Das Feuer fand schnell Nahrung. Funken stoben in den Nachthimmel.

Seine Männer töteten gerade die Pferde in dem kleinen Korral neben der Scheune, aus der jetzt hohe Flammen schlugen. Das Heu hatte Feuer gefangen.

Wieder fielen Schüsse in rasender Folge.

Einer der Banditen trieb sein Pferd neben das Tier des Anführers.

Jetzt müssten sie gleich aus dem Bau kommen!", rief er mit heiserer Stimme. „Oder sie ersticken am Rauch und verbrennen! Sollen wir sie wirklich alle umlegen?“

Die Antwort kam kalt und völlig mitleidlos.

Ja. Knallt sie ab!“

Auch die Frau?“ Die Frage klang zögernd und verriet, dass der Mann erschauerte.

Auch die Frau!“, sagte der Anführer hart. „Du weißt, was der Boss befohlen hat. Wir müssen mal wieder ein Exempel statuieren.“

Ein was ...?“

Den anderen zeigen, was passiert, wenn sie nicht spuren, du Dummkopf!“ Der Anführer lachte. Es klang dumpf unter der Maske. „Da kommen sie. Los!“ Er riss sein Gewehr an die Schulter.

Die Tür des Farmhauses wurde aufgestoßen. Henry Whittaker taumelte aus dem Rauch und dem Flammenschein ins Freie. Der Farmer reckte die Hände hoch und schrie mit schriller, sich überschlagender Stimme: „Nicht schießen! Wir geben auf! Wir tun alles, was ihr verlangt! Nicht schießen ...“

Seine Schreie gingen im Krachen der Schüsse unter.


*


Chaco nahm einen brennenden Ast aus dem Campfeuer und steckte mit der Glut seine Zigarette in Brand.

Ein langer Ritt lag hinter ihm. Er hatte gegessen und verspürte jetzt bleierne Müdigkeit. Dies sollte für ein paar Tage die letzte Nacht unter freiem Himmel sein. Morgen wollte er in Rawlins wieder einmal die Annehmlichkeiten der Zivilisation geniessen. Er hoffte, die Stadt am nächsten Tag vor Sonnenuntergang zu erreichen, und freute sich schon auf ein Bad, ein frisches kühles Bier im Saloon und ein weiches Bett im Hotel.

Zufrieden dachte er an die fünfhundert Dollar in seinen Taschen. Damit konnte man schon eine ganze Menge anfangen. Er hatte dafür Kopf und Kragen riskiert, als er die Tochter eines reichen Ranchers aus der Gewalt einer Banditenbande befreit hatte, aber das war für ihn schon fast vergessen.

Chaco hatte schon lange erkennen müssen, dass einem nichts im Leben geschenkt wird. Er war es gewohnt, sich in einer feindlichen Welt immer wieder aufs Neue behaupten und kämpfen zu müssen.

Chaco warf einen Blick zu seinem Morgan-Hengst, den er zwischen den Felsen angebunden hatte. Das Tier hatte die Ohren steil aufgerichtet und schnaubte.

Chacos Schläfrigkeit verflog. Er war ein einsamer Wolf mit einem untrüglichen Gespür für eine mögliche Gefahr. Er warf die Zigarettenkippe ins Feuer, glitt vom Feuer fort und zog seinen Army Colt.

Mit angehaltenem Atem lauschte er.

Hufschlag . Ein Reiter näherte sich dem Camp.

Der Hufschlag verklang. Dann hörte Chaco ein Scharren. Schließlich tauchte ein Schatten auf und schlich auf das Camp zu. Ein Mann, der langsam, seltsam gebeugt und mit schleppenden Schritten ging.

Er hielt einen Revolver im Anschlag.

Lauernd kam er näher.

Chaco wartete, bis er nahe genug heran war, dann spannte er den Colt.

Der Mann starrte zum Feuer hin, sah, dass niemand da war, und blickte sich unsicher um. Er schien zu ahnen, dass er in eine Falle getappt war.

Chaco konnte ihn deutlich im Lichtkreis des Feuers sehen, der andere ihn aber nicht, denn er kauerte im tiefen Schatten eines Felsens.

Lass die Kanone fallen“, sagte Chaco, „oder ich helfe nach!“

Der Kopf des Mannes ruckte herum. Der rötliche Schein des Campfeuers fiel auf ein erschrockenes, schweißglänzendes Gesicht.

Dann ließ der Mann die Waffe fallen. Er stand unsicher, beinahe schwankend da und hob abwehrend eine Hand, als könne er sich dadurch schützen.

Chaco trat zwischen den Felsen hervor. Jetzt sah er, dass der Mann noch recht jung war, höchstens zwanzig. Er hatte ein rundliches Gesicht mit sanften, weichlichen Zügen. Eine Haarsträhne hing ihm wirr in die Stirn. Er trug Jeans und eine Felljacke.

Ich - ich wollte nur ...“ stammelte er mit seltsam hoher kieksender Stimme.

Ich kann mir denken, was du wolltest“, sagte Chaco grimmig. Er trat näher an den Mann heran, vorsichtig, mit schussbereitem Colt.

Zu seinem Erstaunen fiel der Mann plötzlich um. Von einem Augenblick zum anderen klappte er zusammen, stürzte ohne einen Laut vornüber und blieb wie tot liegen.

Jetzt sah Chaco den dunklen Fleck links am Rücken des Mannes. Mit einem Satz war er bei dem offensichtlich Ohnmächtigen, stieß den Army Colt ins Leder zurück und untersuchte die Verletzung.

Der Mann hatte eine Kugel im Rücken.

Er schlug die Augen auf, als Chaco ihn vorsichtig auf die rechte Seite drehte. Blut rann aus seinem Mundwinkel.

Wasser“, flüsterte er.

Chaco ging zu seinem Pferd und holte die Wasserflasche. Er flößte dem Verletzten etwas Wasser ein. Die fiebrig glänzenden Augen blickten ihn dankbar an.

Ich - wollte dein - Pferd“, sagte der Mann mit schwacher Stimme. „Meines - ist am Ende." Er holte tief und beinahe seufzend Atem. „Sie kommen! Mein Gott - ich - kann nicht mehr ...“

Wer kommt?“ fragte Chaco ruhig.

Zitternd bewegten sich die Lippen des Mannes. Chaco beugte sich über ihn, damit er ihn besser verstehen konnte. Er wusste, dass der Mann sterben würde. Der Tod hatte ihn schon im Griff. Das Sprechen schien dem Mann unsägliche Anstrengung zu bereiten.

Sie - verfolgen - mich.“

Wer?", drängte Chaco.

Der Blick des Mannes war in weite Ferne gerichtet. Er nahm Chaco gar nicht mehr wahr. Noch einmal holte er seufzend Atem. Wie ein Hauch kam es über seine Lippen: „Der Schmuck - Diana...“ Seine Worte verwehten.

Dann sank sein Kopf zur Seite.

Chaco tastete nach dem Puls. Der Mann war tot. Chaco schloss ihm die Augen, erhob sich und lauschte.

Der Wind trieb das Wiehern eines Pferdes schwach zu ihm herüber. Das musste das Tier des Toten sein. Wer immer der Mann gewesen sein mochte - er war auf der Flucht gewesen.

Auf der Flucht vor wem? Und warum?

Jemand hatte ihn in den Rücken geschossen. Mit letzter Kraft hatte er sich bis zu dem Camp geschleppt, sich in verzweifelter Hoffnung vorgegaukelt, mit einem frischen Pferd die Flucht fortsetzen zu können. Er wäre nicht mal mehr in den Sattel gekommen.

Der Schmuck - Diana ...“ Das waren seine letzten Worte gewesen.

Chaco tastete die Taschen des Toten ab. Er fand nichts, was ihm Antwort auf seine Fragen geben konnte, nur einen Schlüssel, ein paar Dollars, ein Taschentuch, ein Stück Kordel, Zündhölzer, Rauchzeug.

Dann entdeckte er in der Jackentasche das Bild einer Frau. Es war eine schöne Frau mit dunklen, sanft blickenden Augen und einem lockenden Lächeln.

Chaco drehte das Bild um, suchte nach einer Beschriftung. Nichts.

Ob das diese Diana war, von der der Mann gesprochen hatte?

Chaco nahm das Bild an sich.

Dann lief er zu dem Pferd des Toten. Das Tier war wirklich am Ende seiner Kräfte. Sein Fell war dunkel vom Schweiß, und seine Flanken zitterten. Es wich vor Chaco zurück, doch es beruhigte sich, als er sanft über die Nüstern des Tieres strich und beruhigend dazu sprach.

Chaco durchsuchte die Satteltaschen und stieß einen leisen Pfiff aus, als er die Kassette entdeckte. Es war eine solide und recht schwere Zinnkassette. Sie war verschlossen.

Chaco erinnerte sich an den Schlüssel, den er dem Toten in die Tasche zurückgesteckt hatte. Er führte das erschöpfte Pferd am Zügel zum Camp, füllte den Rest Wasser aus der Flasche in den Hut des Toten und ließ das Pferd saufen.

Dann probierte er den Schlüssel aus. Er passte. Und als er die Kassette öffnete und die Papiere, die obenauf lagen, zur Seite schob, wurden seine Augen groß.

Gold und Silber funkelte und glänzte ihm entgegen. Medaillons, Ringe, Ketten, Broschen ...

Chaco nahm einige der Schmuckstücke in die Hand und schaute sie sich genauer an. Er bezweifelte nicht, dass sie echt waren.

Er durchwühlte den Schmuck in der Schatulle, suchte nach etwas, das ihm einen Hinweis geben konnte. Einige der Ringe und Broschen enthielten eingravierte Initialen und Jahreszahlen. Ein Medaillon erregte seine Aufmerksamkeit. „Diana Carter" war in die Rückseite eingraviert.

Der Sterbende hatte den Namen Diana erwähnt. Das Bild, das Medaillon. Zufall? Chaco glaubte nicht daran.

Diese Diana schien eine wichtige Rolle in der rätselhaften Sache zu spielen.

Chaco schaute sich die Zettel an. Eine Skizze. Offensichtlich Ranches und Farmen in der Umgebung von Rawlins. Das zweite Blatt enthielt eine Reihe Namen. Chaco überflog die Liste, und sein Blick blieb gebannt auf einem Namen hängen, der wie einige andere angekreuzt war.

Carter.

Diana Carter?

Chaco legte die Papiere in die Kassette zurück und schloss sie ab. Nachdenklich blickte er dann auf den Toten hinab.

Schade, dass du mir keine Auskunft mehr geben kannst, dachte er. Er überlegte, was er tun sollte. Den Toten zur Stadt bringen, damit er vielleicht identifiziert werden konnte? Die Kassette mit dem wertvollen Inhalt beim Sheriff oder Marshal abliefern?

Der Mann hatte vor seinem Tod von Verfolgern gesprochen. Wahrscheinlich war jemand hinter dem Schmuck her. Und dieser Jemand war bestimmt nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel. Chaco hatte keine Lust, sich einen Haufen Scherereien einzuhandeln. Wenn man ihn mit dem Toten in Verbindung brachte, würde man ihn wegen des Schmucks jagen...

Seine Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als er den entfernten Hufschlag hör.te.

Ein Reitertrupp näherte sich von Süden her aus Richtung Rawlins.

Die Verfolger.

Chaco verlor keine Sekunde. Er versteckte die Kassette etwa dreißig Yards vom Camp entfernt zwischen den Felsen. Er legte sie in eine Felsspalte und deckte ihn mit Steinen zu. Er prägte sich die Form des gegenüberliegenden Felsens ein. Es war ein buckliger Felsblock mit zwei bizarren Zacken.

Dann hastete Chaco zum Camp zurück. Er zog den Toten in den Schatten eines Felsens und führte das Pferd in Deckung.

Dann wartete er mit dem Army Colt in der Faust auf die Reiter.


*


Es waren sechs Reiter. Sie hielten ihre Pferde am Campfeuer an und blickten sich lauernd um. Alle hatten Waffen in den Händen. Einer der Männer untersuchte den Boden nach Spuren.

Er muss hier gewesen sein“, sagte er mit tiefer Stimme. „Ausschwärmen, Jungs.“

Chaco wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie den Toten und die Pferde finden würden. Es hatte keinen Sinn, Verstecken zu spielen. Außerdem war er gespannt darauf, zu erfahren, wer der Tote gewesen war. Und wer diese Männer waren.

Er war hier!", rief Chaco und trat aus dem Schatten hervor. „Ihr könnt euch die Suche ersparen.“

Die Reiter rissen sofort ihre Waffen hoch.

Einer von ihnen trieb sein Pferd auf Chaco zu, zügelte es ein paar Yards vor ihm. Es war ein bulliger Mann mit einem struppigen Vollbart.

Wer bist du denn?“, fragte er dumpf.

Chaco lächelte. Die Mündung seines Colts wies wie zufällig auf den Bärtigen, der offensichtlich der Anführer des Trupps war.

Das wollte ich dich auch gerade fragen“, sagte Chaco.

Zähne schimmerten weiß aus dem Bartgestrüpp des Mannes. Er lachte. „Aber ich hab’ zuerst gefragt. Wo ist Frankie?“ Die Frage klang lauernd und angespannt.

Chaco wies mit dem linken Daumen über die Schulter. „Heißt er Frankie?“

Der Bärtige wandte sich im Sattel um und gab einem seiner Männer ein Zeichen. „Ted, sieh mal nach.“

Ted befolgte die Anweisung. Der Bärtige schwang sich vom Pferd. Die anderen saßen ebenfalls ab. Sie sahen nicht gerade vertrauenerweckend aus.

Chaco wusste, dass er gegen sechs Männer keine Chance hatte, wenn es zu einem Kampf kommen würde. Aber warum sollte es überhaupt zu einem Kampf kommen?

Der Bärtige schritt zum Feuer. Er holte ein Zigarillo aus seiner Tasche und steckte es in Brand. Der Schein des Feuers gab seinem Gesicht etwas Dämonisches. Er richtete sich wieder auf und wandte sich zu Chaco um.

Er ist tot!", rief Ted. Es klang nicht überrascht, eher wie eine nüchterne Feststellung. Auch der Mann mit dem Vollbart schien nichts anderes erwartet zu haben.

Er starrte Chaco an. „Hast du ihn...?“

Chaco schüttelte den Kopf. „Er kam schwer verletzt hier an und starb sofort. Konnte sich nicht einmal mehr vorstellen. Sein Pferd steht zwischen den Felsen.“

Der Bärtige nickte. Dann wandte er sich den anderen Männern zu und gab einige Anweisungen. Zwei Männer brachten den Toten aus dem Schatten in den Lichtkreis des Feuers. Ein dritter holte das Pferd.

Chaco entging nicht, dass die übrigen ihre Gewehre auf ihn gerichtet hielten.

Sie durchsuchten die Taschen des Toten und die Satteltaschen des Pferdes.

Nichts“, meldete einer der Männer.

Das gibt es doch nicht!" rief ein anderer. „Eh, Greg, meinst du, dass er...“

Der Bärtige wirbelte zu dem Mann herum. „Halt’s Maul!“, herrschte er ihn an, offenbar wütend darüber, dass der andere seinen Namen genannt hatte. Er fluchte. Dann starrte er Chaco aus schmalen Augen an. „Du sagst, er ist gleich gestorben?“

Chacos Miene blieb ausdruckslos. „Ja. Er kam bis zum Feuer, fiel um und war tot. Könnt ihr mir vielleicht erklären...?“

Er hat nichts mehr gesagt?“, unterbrach ihn der Bärtige.

Chaco schüttelte den Kopf.

Und er hatte auch nichts bei sich?“

Was sollte er denn bei sich haben?“ Chacos Worte klangen verständnislos. Er sah aus den Augenwinkeln, wie einer der Männer versuchte, in seinen Rücken zu gelangen. Ein zweiter verschwand zwischen den Felsen. Jäh wurde Chaco klar, dass er sie nicht alle im Auge behalten konnte. Die Karten waren schlecht verteilt in diesem Spiel, das unweigerlich folgen musste. Chaco spürte das! Aber er sagte sich, dass er noch einen Trumpf hatte. Solange die Kerle nicht wussten, wo der Schmuck versteckt war, konnte ihm nicht viel passieren. Dennoch fühlte er sich immer unbehaglicher.

Greg schien zu überlegen, ob er eine Antwort auf die Frage geben sollte. Schließlich sagte er zögernd: „Er hat uns bestohlen.“ Er strich sich über das Bartgestrüpp. „Hat uns überfallen. Es kam zu einer Schießerei, bei der er Blei fing. Er hatte ein frischeres Pferd als wir und konnte abhauen. Aber wie man sieht, ist er nicht mehr weit gekommen, dieser Hundesohn.“

Chaco spürte, dass der Mann log. Aber er wollte ganz sichergehen.

Ich dachte mir gleich, dass er irgendwas ausgefressen hat“, sagte er. „Was hat er euch denn gestohlen?"

Greg ließ die Katze aus dem Sack. Er richtete sein Gewehr auf Chaco und sagte: „Das weißt du Bastard ganz genau. Her damit!“

Eh, was soll das?“ Chaco tat überrascht. Er hörte ein Geräusch hinter sich und wusste, dass es jetzt auf jede Sekunde ankam. „Ihr könnt doch nicht...“ Und gleichzeitig handelte er.

Er flog förmlich durch die Luft, schnellte sich wie ein Panther auf den Bärtigen zu, prallte gegen ihn und riss ihn zu Boden. Der Mann wurde von Chacos blitzschneller Angriff überrascht. Fluchend riss er das Gewehr hoch und hieb mit dem Lauf zu. Er traf Chaco an der Schulter.

Chaco schlug mit der linken Handkante zu. Greg, der sich gerade aufrappeln wollte, ging von neuem zu Boden. Chaco trat ihm das Gewehr aus der Hand. Das alles spielte sich in Sekundenschnelle ab. Bevor Greg wusste, wie ihm geschah, hatte ihm Chaco die Mündung seines Army Colts in den Nacken gedrückt.

Sag den anderen ...“

Weiter kam er nicht mehr. Etwas knallte auf seinen Hinterkopf. Sein Schädel schien zu explodieren.

Es sind zu viele, dachte er noch, bevor er das Bewusstsein verlor.


*


Stimmen. Jemand lachte.

Chaco brauchte ein paar Sekunden, bis die Erinnerung einsetzte. Er hielt die Augen geschlossen und kämpfte gegen das Pochen in seinem Schädel an.

Dann bemerkte er, dass er an Händen und Füßen gefesselt war.

Wie aus weiter Ferne hörte er jemand sagen: „Und wenn Carnell die Kassette irgendwo unterwegs versteckt hat?“

Glaube ich nicht.“ Das war Gregs tiefes Organ. „Frankie war am Ende. Der Junge konnte sich ja kaum noch im Sattel halten, nachdeni ich ihm das Ding verpasst hatte. Ich wette, er ist wirklich gerade bis hierhin gekommen, und das Halbblut hat ihm die Klunker abgenommen.“

Aber wo hat er sie denn? Weder in seinen Satteltaschen noch ...“

Versteckt, du Idiot. Irgendwo in der Nähe.“

Aber wir haben doch alles abgesucht.“

Sucht weiter, verdammt! Denkt an die Prämie, die der Boss versprochen hat.“

Chaco hörte Schritte, die sich ihm näherten.

Greg sagte: „Ted, hoffentlich hast du ihm nicht den Schädel eingeschlagen. Wird Zeit, dass der Bastard wach wird. Dann bringen wir ihn zum Singen.“

Die Schritte verstummten neben Chaco. Dann traf eine Stiefelspitze seine Rippen. Ein heißer Schmerz zuckte durch Chacos Seite. Er hielt die Augen geschlossen, presste die Zähne aufeinander und stellte sich weiter bewusstlos. Er hoffte, noch mehr erfahren zu können.

Der Tote hieß also Frankie Carnell. Und die Männer arbeiteten für einen Boss...

Ted, Larry, weckt ihn auf!“, sagte Greg hart.

Wieder waren Schritte zu hören.

Dann beugte sich jemand über ihn und schlug ihm links und rechts ins Gesicht.

Chaco schnellte hoch, überraschte den Mann, der erschrocken zurücktaumelte. Doch sein Angriff führte zu nichts. Chaco hatte sich auch keine Illusionen gemacht. Er wollte sich nur für die Ohrfeigen revanchieren.

Harte Fäuste packten ihn und zerrten ihn hoch. Zwei Männer hielten ihn fest.

Na also“, sagte Greg mit kalter Stimme.

Die Dämmerung war hereingebrochen, und das kalte Grau des beginnenden Tages vertrieb die Schatten der Nacht. Jetzt sah Chaco, dass Gregs Bart rotbraun war. Die grauen Augen des Mannes blickten ihn tückisch an.

Du weißt, was wir wollen“, sagte er und hob die Hand mit dem Revolver. „Wir kriegen es von dir so oder so. Du kannst dir 'ne Menge Schmerzen ersparen, wenn du sofort singst. Also - wo ist der Schmuck?“

Chaco wusste, dass er nur eine Chance zum Überleben hatte, wenn er das Versteck nicht preisgab. Sobald die Kerle die Kassette hatten, würden die ihn abservieren. Er überlegte, wie er sie hinhalten und hereinlegen konnte.

Schmuck?“, sagte er. „Ich höre immer Schmuck? Hat dir jemand den Goldzahn geklaut?“

Die beiden Männer, die ihn festhielten, verstärkten ihren Griff.

Sehr witzig, du Bastard“, sagte Greg. „Okay, dann machen wir's eben auf die harte Tour. Pecos, komm mal her!“

Pecos tauchte zwischen den Felsen auf. Er war ein hagerer Mann mit einem bleichen, stoppelbärtigen Gesicht. Er kam mit schleppenden Schritten näher, und jetzt sah Chaco die Messernarbe auf der linken Wange des Mannes. Finster starrte er Chaco aus tiefliegenden Augen an.

Pecos, er gehört dir“, sagte Greg und trat einen Schritt zur Seite. Grinsend sagte er zu Chaco: „Pecos hat noch jeden zum Plaudern gebracht. Er ist ein Spezialist auf diesem Gebiet. Und bei dir wird es ihm ein besonderes Vergnügen bereiten. Nicht wahr, Pecos?"

Pecos spuckte aus. Langsam hob er die linke Hand. Er hatte nur noch zwei Finger. Daumen und Zeigefinger.

Weißt du, wem ich das zu verdanken habe?“ Seine Stimme klang wie erstickt und aus seinen Augen funkelte Hass. Er gab sofort die Antwort: „Einer dreckigen Rothaut. Hat mir mit ’nem Tomahawk die Finger abgehackt, bevor ich ihm die Kehle durchschnitt.“

Greg lachte kalt und gefühllos. „Zwei-Finger-Pecos hasst seither alles, was auch nur halbwegs nach Indianer riecht. Und du stinkst gewaltig danach. Pecos, fang an!“

Pecos ließ die verkrüppelte Linke sinken und zog mit der Rechten ein Bowiemesser aus der Scheide an seiner Hüfte.

Chaco erschrak vor dem Ausdruck in den Augen des Mannes. In diesem Augenblick verfluchte er den Zufall, der Frankie Carnell in sein Camp geführt hatte. Fieberhaft überlegte er nach einem Ausweg.

Pecos starrte ihn an, als überlege er, bei welcher Hand des Halbbluts er mit seiner grausigen Folter beginnen sollte. Langsam schritt er auf Chaco zu.

Okay", sagte Chaco, „ihr habt gewonnen.“ Sein Kopf ruckte zu Greg herum. „Ich sage, wo die Kassette ist. Pfeif ihn zurück."

Gregs Miene zeigte Zufriedenheit. „Na also. So hab ich mir das doch gedacht. Keiner verliert gern ein paar Finger. Es ist gut, Pecos.“

Pecos blieb stehen.

Aber, verdammt...“, begann er, und seine Stimme verriet Enttäuschung.

Er gehört dir, wenn er nicht spurt, Pecos. Aber du hörst doch, dass er vernünftig sein will. Warum sollen wir noch mehr Zeit verlieren?“ Er blickte Chaco lauernd an. „Also? Wo ist die Kassette?“

Chaco wusste, dass noch gar nichts gewonnen war. Er hatte nur einen Aufschub erreicht. Seine Gedanken überschlugen sich. Er war entschlossen, die Kerle hinzuhalten. Was er vorhatte, war riskant, aber was blieb ihm anderes übrig? Wahrscheinlich würden sie sich mit einer Kugel bedanken, wenn er ihnen die Kassette gab. Wenn es ihm gelang, die Kerle zu einem angeblichen Versteck zu führen, dann nahmen sie ihm möglicherweise die Fesseln für den Ritt ab. Dann ergab sich vielleicht eine Chance zur Flucht. Vielleicht...

Hastig sagte er: „Er hat mir noch vor seinem Tod gesagt, wo er die Kassette vergraben hat. Ich kann euch hinführen.“

Wo?“, fragte Greg hart.

Zwei knappe Meilen von hier. Bei einer Baumgruppe. Ich kenne mich hier leider nicht so gut aus ...“

Aber wir“, fiel Greg ihm ins Wort. „Welche Baumgruppe? Wo?“

Chaco zögerte mit Absicht.

Soll ich nachhelfen?", fragte Zwei-Finger-Pecos.

Chaco tat, als zucke er zusammen, und zeigte eine entsetzte Miene. „Nein, nein. Ich versuche doch nur, mich genau zu erinnern. Er sprach von einem vom Blitz gefällten Baumstamm, gleich neben dem Trail nach Rawlins ..

Was denn nun?“, sagte Greg. „Baumgruppe oder Baumstamm?“

Beides“, sagte Chaco schnell. „Direkt neben dem Stamm ist die Baumgruppe. Unter dem zweiten Baum rechts hat er den Schmuck vergraben.“

Und warum sollte er dir das unter die Nase binden?“ Gregs Blick zeigte Misstrauen.

Er wusste, dass es mit ihm zu Ende ging. Da bat er mich, die Kassette zu seiner Freundin nach Rawlins zu bringen. Ich sollte eine Belohnung bekommen...“

Die bekommst du von uns“, sagte Greg spöttisch. „Weiter. Wie heißt die Freundin?"

Chaco nannte den erstbesten Namen, der ihm einfiel: Lydia.

Wusste gar nicht, dass Frankie ’ne Puppe in der Stadt hatte“, sagte Pecos.

Wie heißt sie weiter?“, fragte Greg misstrauisch.

Keine Ahnung“, sagte Chaco. „Kann sein, dass er den Nachnamen nannte, aber ich hab gar nicht mehr richtig hingehört, als ich den Schlüssel hatte und das Versteck wusste.“ Und mit einem gespielt kalten Grinsen fügte er hinzu: „Ich hatte sowieso nicht vor, die Kassette abzuliefern. Sagt mal, wieviel ist der Schmuck eigentlich wert? Er sprach von Gold und Silber ...“

Das war genau die Sprache, die den Kerlen gefiel. Sie entsprach ihrer Denkart und machte Chacos Worte für sie glaubwürdig. Ihr Lachen bewies ihm, wie verkommen sie waren.

Greg sagte grinsend: „Eh, du Bastard. Du bist ja gar nicht so dumm, wie ich dachte. Wolltest dir die Klunker unter den Nagel reißen. Daraus wird nun leider nichts.“ Er strich sich über seinen Bart und fixierte Chaco.

Chaco rechnete mit weiteren Fragen, doch Greg schien den Bluff geschluckt zu haben. „Okay, reiten wir.“

Und dann?“

Chaco spielte seine Rolle überzeugend. „Ich meine wenn ihr die Kassette habt. Dann lasst ihr mich doch reiten?“

Die Frage war naiv, und Chacos fast flehender Gesichtsausdruck erheiterte Greg.

Na klar", sagte Greg grinsend. „Warum sollten wir dich dann nicht reiten lassen?“ Er tauschte einen Blick mit Pecos, und Chaco wusste Bescheid.

Weil ich eure Visagen kenne, dachte Chaco. Aber er spielte den Erleichterten.

Wirklich erleichtert fühlte er sich, als er ein paar Minuten später im Sattel seines Morgan-Hengstes saß. Seine Hände waren zwar noch gefesselt, aber wenigstens die Fußstricke war er los.

Die Waffen hatten sie ihm abgenommen.

Greg und Pecos ritten links und rechts von ihm, die anderen folgten. Ihre Gewehre steckten in den Sattelschuhen, und ihre Colts hatten sie ebenfalls weggesteckt. Von einem gefesselten Mann drohte keine Gefahr. Und mit einem Fluchtversuch schienen sie nicht zu rechnen. Er musste auch zum Scheitern verurteilt sein.

Ob sie gleich schießen werden?, dachte Chaco. Zuerst auf das Pferd, oder sofort auf mich? Wahrscheinlich würden sie erst das Pferd töten, denn noch hatten sie die Kassette nicht und mussten damit rechnen, dass er gelogen hatte. Sie erschießen das Pferd, und dann kommt Pecos mit seinem Messer ...

Chaco hatte das Gefühl, zu seiner Hinrichtung zu reiten.

Seine Miene war ausdruckslos, doch in seinem Inneren wallte Verzweiflung auf. Sein Blick tastete das Gelände ab. Der Reitpfad führte durch eine Ebene, vereinzelt gab es Bäume, einige Sträucher, nichts, was ihm sichere Deckung geben konnte. Deckung wozu? Ohne Waffe konnte er sich ohnehin nicht verteidigen ...

Bald müssten wir da sein“, sagte Pecos und warf ihm einen Blick zu. „Ich sehe noch nichts von einer Baumgruppe.“

Ich auch nicht", erwiderte Chaco mit bitterem Galgenhumor. „Es muss eben noch weiter sein. Zwei Meilen hat er gesagt.“

Vielleicht ist es da hinten“, sagte Greg und wies nach Südwesten. „Der Trail führt an dem Waldstück vorbei. Ja, das könnte der Entfernung nach hinkommen.“

In diesem Augenblick entdeckte Chaco die Reiter. Sie kamen im Galopp von Nordosten und hielten auf sie zu. Es waren fünf Männer. Wer immer sie auch sein mochten, sie verschafften Chaco die Chance, auf die er kaum noch zu hoffen gewagt hatte.

Die Banditen bemerkten die Reiter ebenfalls. Chaco nutzte den Moment der Ablenkung und setzte alles auf eine Karte. Und er hatte noch Glück dazu, denn Greg parierte gerade sein Pferd vom versammelten Galopp zum Schritt, wandte sich halb im Sattel und rief: „Eh, Jungs, das ist...“

Chaco hieb dem Morgan-Hengst die Hacken in die Weichen und ahmte gleichzeitig einen Pumaschrei nach, während er den Reitern entgegen jagte.

Hinter ihm entstand Verwirrung und Durcheinander.

Greg fluchte, denn sein Pferd scheute und wollte zur Seite ausbrechen. Auch Pecos hatte Mühe, sein erschrecktes Tier unter Kontrolle zu bringen. Fast wäre er abgeworfen worden.

Chacos Hengst flog förmlich wie ein Pfeil über die Ebene.

Bevor die Banditen ihre Waffen gezogen hatten, war sein Vorsprung auf fast fünfzig Yard angewachsen. Aber das wusste Chaco nicht, denn er riskierte keinen Blick zurück, sondern duckte sich über den Pferdehals und konzentrierte sich ganz aufs Reiten.

Er wunderte sich, dass kein Schuss fiel.

Die Reiter vor ihm waren nur noch etwa zweihundert Yards entfernt. Der Abstand schmolz schnell.

Immer noch fiel kein Schuss.

Er sah, wie einer der Reiter vor ihm sein Gewehr hochriss.

Fehlt nur noch, dass das Kumpane von den Brüdern sind, dachte Chaco. Doch der Reiter feuerte nur in die Luft. Dreimal.

Chaco atmete auf. Er war nur noch etwa dreißig Yards von den Reitern entfernt und warf schnell einen Blick zurück. Greg und seine Kumpane ergriffen die Flucht.

Es war nicht zu fassen.

Er hatte es geschafft.


*


Es waren vier Männer und eine Frau. Die Männer schauten Chaco misstrauisch, ja beinahe feindselig an. Aber das machte Chaco nichts aus. Er war es gewohnt, angestarrt zu werden.

Die Frau schien das Sagen zu haben. Sie sprach kurz mit einem der Reiter, der neben ihr sein Pferd gezügelt hatte. Der Mann ritt zu Chaco und schnitt ihm die Handfesseln durch.

Danke, Amigo“, sagte Chaco.

Der Mann grinste.

Chaco schaute sich die Frau genauer an. Sie saß stolz und hoch aufgereckt im Sattel eines prächtigen Falben es wirkte fast, als throne sie auf dem Pferd. Sie trug eine beigefarbene Reithose und eine schwarze Reitjacke, die maßgeschneidert war. Unter dem flachkronigen Hut quoll pechschwarzes Haar hervor und fiel bis auf die Schultern.

Ihr Gesicht mit den großen grauen Augen, den hohen Wangenknochen und den üppigen Lippen, die zu schmollen schienen, hatte etwas Hochmütiges. Doch dieser Ausdruck verschwand schlagartig, als sie lächelte. Das Gesicht begann unter diesem Lächeln von innen heraus zu leuchten, aufzublühen. Die klaren grauen Augen musterten Chaco interessiert.

Chaco schätzte sie auf Ende zwanzig, doch sie war, wie sich später heraussteilen sollte, dreiunddreißig.

Chaco rieb sich über die Handgelenke und sagte lächelnd: „Scheint trotz allem heute mein Glückstag zu sein. Sie tauchten gerade noch rechtzeitig auf. Ich danke Ihnen, Miss ...? Oh. ich vergaß, mich vorzustellen. Ich heiße Chaco Gates.“

Ihr Lächeln verschwand, und jetzt zeigte ihre Miene wieder diesen herben, etwas hochmütigen Ausdruck.

Mein Name ist Stella Carson“, sagte sie mit einer erstaunlich leisen, ja beinahe schüchtern klingenden Stimme, die nicht so recht zu ihrem Äußeren und ihrer Haltung passte. Chaco hatte eher mit einem vollklingenden, etwas dunkleren Timbre gerechnet.

Sie umfasste mit einer Handbewegung die anderen Reiter, die immer noch Chaco anstarrten und irgendwie angespannt wirkten, und fuhr fort: „Das sind meine Männer.“ Sie lachte. „Oder sagen wir besser meine Mitarbeiter. Sonst denken Sie noch wer weiß was, Mister Gates.“

Chaco lächelte. „Wer wird denn so unverschämt sein, Miss Carson?“

Mrs. Carson", korrigierte sie und fügte ohne Pause oder Übergang hinzu: „Wer waren diese Kerle, und was wollten sie von Ihnen?“

Das ist eine lange Geschichte", sagte Chaco und überlegte, wieviel er der Frau und den Reitern erzählen sollte.

Ich bin eine sehr neugierige Frau“, sagte Stella Carson lächelnd. „Befriedigen Sie meine Neugier?“

Ihre Blicke tauchten ineinander. Teufel, ist das eine Frau, dachte Chaco. „Mit Vergnügen“, sagte er.

Sie nickte, als hätte sie auch nicht mit einer anderen Antwort gerechnet, und sagte zu den Reitern: „Wir legen eine Rast ein. Es genügt, wenn wir gegen Abend in Rawlins sind.“ Schweigend saßen die Männer ab. Sie hatten noch kein einziges Wort gesagt, was Chaco ein wenig verwunderte.

Er sprach Stella Carson später darauf an. Sie saßen an dem kleinen Feuer und tranken Kaffee, den Stella mit einem Schuss Whisky veredelt hatte. Chaco blickte zu den vier Männern hinüber, die ein Dutzend Yards abseits im Schatten eines Baumes hockten. Sie rauchten, ließen die Whiskyflasche kreisen und unterhielten sich. Sie schauten nicht einmal mehr zu ihnen her.

Sie haben die Jungs aber gut im Griff, Ma’am“, sagte Chaco anerkennend. „Die scheinen Ihnen ja jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.“

Die grauen Augen blickten amüsiert. „Nicht jeden. Aber ich bin sehr zufrieden mit ihnen. Sie haben ihre Zuverlässigkeit schon bewiesen, als mein Mann noch die Ranch führte.“ Sie bemerkte Chacos fragenden Blick und nickte. „Ja, ich bin Witwe. Mein Mann starb vor einem halben Jahr.“

Sie spielte mit der linken Hand nervös am obersten Knopf ihrer Reitjacke, und Chaco sah, dass sie lange, schmale Finger hatte.

Erstaunlich, dass es erst ein halbes Jahr her ist", fuhr sie fort, „es kommt mir schon vor wie eine Ewigkeit. Es ist nicht immer einfach für eine Frau, sich allein in diesem Land zu behaupten ...“ Sie blickte Chaco unter halb gesenkten, schwarzen Augenlidern an. „Sie sind ein Halbblut, nicht wahr?“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738910056
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (September)
Schlagworte
chaco gierigen rawlins

Autor

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Titel: Chaco #23: Die Gierigen von Rawlins