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Der Mann mit der Waffe

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Normalerweise gilt der Hochzeitstag als der schönste Tag des Lebens. Doch für Jürgen und Tanja Scholz wird er zu einem Albtraum. Ein bewaffneter Mann stört die Feier.
Er zwingt die Gäste, sich zu entkleiden. Und das ist nur der Auftakt für ein perfides Spiel.
Doch welchen Plan verfolgt der Fremde?
Ist er nur ein Verrückter, oder hat er es auf etwas ganz Bestimmtes abgesehen?
Der neue Roman von Bernd Teuber – Autor von „Das Grab ohne Namen“.

Leseprobe

Der Mann mit der Waffe


Bernd Teuber


Kriminalroman




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:

Normalerweise gilt der Hochzeitstag als der schönste Tag des Lebens. Doch für Jürgen und Tanja Scholz wird er zu einem Albtraum. Ein bewaffneter Mann stört die Feier.

Er zwingt die Gäste, sich zu entkleiden. Und das ist nur der Auftakt für ein perfides Spiel.

Doch welchen Plan verfolgt der Fremde?

Ist er nur ein Verrückter, oder hat er es auf etwas ganz Bestimmtes abgesehen?

Der neue Roman von Bernd Teuber – Autor von „Das Grab ohne Namen“.




Roman:

Die Ehe ist wie eine Lebensversicherung. Je später man eintritt, desto teurer wird sie. Das pflegen viele Männer zu behaupten, bevor sie sich zu dem entscheidenden Schritt entschließen. Jürgen Scholz, fünfundzwanzig Jahre alt und Filialleiter eines Supermarkts, hielt nichts von dieser Lebensweisheit. Er glaubte noch an die große Liebe.

Lange hatte er gesucht, ausgewählt und sortiert. Und endlich, vor zwei Jahren hatte er sie kennengelernt, Tanja Winkler, seine Traumfrau. Bereits in der ersten Nacht schliefen sie miteinander. Sechs Wochen später wurde er schließlich ihren Eltern vorgestellt. Andre Winkler besaß einen großen Pharma-Konzern. Obwohl er Jürgen wie einen zugelaufenen Straßenkater behandelte, der bei der bevorstehenden Kastration entwischt war, wich der junge Mann nicht mehr von Tanjas Seite.

Trotzdem dauerte es noch zwei Jahre, bis sie sich endlich das Ja-Wort geben konnten. Andre Winkler betrachtete Jürgen als Erbschleicher, der es nur auf Tanjas Geld abgesehen hatte. Doch schließlich gelang es ihr, ihn davon zu überzeugen, das sie ohne Jürgen nicht mehr leben konnte. Andre Winkler, wie die meisten Väter einziger Töchter mit der Zeit nachgiebig und wohlwollend, hatte schließlich in die Heirat der beiden eingewilligt. Dass er dabei ein ungutes Gefühl in der Magengrube verspürte, verschwieg er ihr allerdings.

Der große Tag war heran gebrochen. Andre Winkler hatte ein Lokal gemietet, Einladungen drucken und verschicken lassen und sich dafür die zweifelhafte Ehre eingehandelt, an diesem Nachmittag fünfundzwanzig gepflegte Hände schütteln zu müssen. Das Essen war ausgezeichnet, die Wirtsleute liebenswürdig, und die Unterhaltung angenehm, wenn auch nicht von höherer geistiger Bedeutung.

Bis zu diesem Zeitpunkt – es war kurz nach zweiundzwanzig Uhr – hatte es keinen erwähnenswerten Zwischenfall gegeben. Tanja war glücklich, Jürgen zufrieden, Andre Winkler hatte sich mit seinem Schwiegersohn abgefunden, und die Gäste hatten inzwischen den halben Alkoholvorrat des Lokals heruntergespült. Aus den im Festsaal verteilten Lautsprechern dudelte ununterbrochen Musik und übertönte die laut geführten Gespräche und auch die Liebesschwüre, die Jürgen seiner Frau ins Ohr flüsterte.

Während einige der Gäste eng umschlungen tanzten, saßen andere an dem festlich gedeckten Tisch. Tanja und Jürgen sprachen über ihre Zukunft. Dabei schauten sie sich tief in die Augen und hatten keinen Blick für das, was in dem Lokal vor sich ging. Einer der Gäste, ein zwei Zentner schwerer Mann, der eher einem Schlachtermeister als einem Kaufhausbesitzer glich, wollte gerade sein Weinglas leeren, als er den Mann entdeckte, der plötzlich mitten im Raum stand.

Er hatte eine Pistole in seiner Hand. Es war eine kleine, fast zarte Hand, und die Waffe sah unglaublich groß und hässlich aus. Sie war direkt auf das Brautpaar und die Gäste gerichtet. Diese Dinge bemerkte er in der ersten überraschten Sekunde. Doch dann sank sein Doppelkinn auf die weiße Fliege herab und verdeckte sie völlig, als er belustigt auflachte. Er war davon überzeugt, dass der Gastgeber sich etwas Besonderes hatte einfallen lassen. Auch die anderen Gäste blickten überrascht und erwartungsvoll auf den fremden Mann mit der Waffe.

Und dann sahen sie seine Augen. Sie wölbten sich hinter dicken, blaugetönten Brillengläsern. Die Iris war so bleich, dass sie einem kaum wahrnehmbaren, undeutlichen Schatten glich, den man eher spürte, als wirklich sah. Sein Gesicht war glatt, die Haut rosa und frisch. Er lächelte den Anwesenden ermutigend zu, aber an diesem Lächeln war etwas Ausdrucksloses, dass alles andere als beruhigend wirkte.

Keiner im Saal dachte an etwas Böses. Während die Gäste annahmen, Andre Winkler warte mit einer nächtlichen Überraschung auf, liefen die Gedanken des Brautpaares in ähnlicher Richtung. Sie waren davon überzeugt, dass einer der Gäste sich diesen Auftritt ausgedacht hatte. Somit kam niemand auf die Idee, irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Belustigt blickten sie auf den kleinen Mann mit der Pistole.

Ein toller Einfall!“ rief eine hohe Stimme, die einem schwankenden jungen Snob mit Pilzkopffrisur gehörte. „Wird jetzt die Braut entführt?“

Brautentführung?“ fragte eine angeheiterte Dame, deren Alter zwischen vierzig und sechzig lag. „Was soll denn das sein?“

Kennst du das nicht? Ist ein alter Hochzeitsbrauch. Meist sind es gute Freunde. Die ziehen mit der Braut von Kneipe zu Kneipe, wobei der Bräutigam jedes Mal die Zeche zahlen muss.“

O, Herr Winkler, das ist aber eine fantastische Idee.“

Tut mir leid, aber ich habe nichts damit zu tun.“

Tanja und Jürgen Scholz unterbrachen ihr Getuschel und starrten zu dem Fremden hinüber. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er noch kein Wort gesagt. Er stand einfach nur da und richtete seine Waffe auf die Gäste.

Mach es doch nicht so spannend“, rief jemand.

Wer hat sich denn die tolle Überraschung ausgedacht?“ fragte ein anderer.

Wirklich eine originelle Idee.“

Die Männer und Frauen glaubten immer noch an einen Scherz oder daran, irgendeine Halluzination zu erleben, aber als er plötzlich zu sprechen begann, wussten sie, dass es kein Traum war.

Sie brauchen keine Angst zu haben“, sagte er freundlich.

Seine Stimme war leise, die Aussprache präzis und fehlerfrei. Er winkte mit der Pistole. Es war eine winzig kleine Bewegung, als widerstrebe es ihm, sie auf die unangenehme Tatsache ihrer Existenz aufmerksam zu machen.

Wer … wer sind Sie?“ stammelte Jürgen Scholz. „Wie kommen Sie dazu, unsere Feier zu stören?“

Der Mann schüttelte den Kopf und lächelte den Bräutigam mit mildem Vorwurf an.

Alles zu seiner Zeit“, murmelte er freundlich. „Alles zu seiner Zeit. Zuerst darf ich Sie bitten, die Musik abzuschalten.“

Ich denke gar nicht daran“, erwiderte Jürgen.

Dann werde ich Sie erschießen“, sagte der Fremde ruhig.

Die Überraschung war vollkommen, obwohl die meisten Gäste noch immer den Ernst der Situation verkannten. Einige lachten belustigt, andere wieder unsicher und gepresst, denn niemand hat gerne eine Pistole auf seinen Wohlstandsbauch gerichtet.

Das Doppelkinn des dicken Mannes schwappte auf und ab. „Ein makaberer Scherz, mein Lieber“, sagte er. „Wo soll denn da der Witz sein?“

Werden Sie schon sehen“, antwortete der Fremde.

Ist das etwa ein Überfall?“ kreischte die Frau zwischen vierzig und sechzig. „Dann geht der Scherz aber zu weit.“

Mit der linken Hand bedeckte sie das funkelnde Kollier über ihrem welken Ausschnitt, der eigentlich überflüssig war und nur noch Vergangenes ahnen ließ.

Da spiele ich nicht mit“, rief Jürgen und knöpfte sich demonstrativ das schwarze Jackett zu.

Ach nein?“ fragte der Fremde. „Ich glaube, Sie haben gar keine andere Wahl.“

Jürgen erstarrte, aber dann überkam ihn ein lodernder Zorn auf den lächerlichen kleinen Mann, der ihn und die anderen bedrohte. Dies war seine Hochzeitsfeier, und die Pistole machte diese Tatsache zur Farce. Sein Körper straffte sich, die Muskeln spannten sich sprungbereit.

Das sollten Sie nicht versuchen“, sagte der Mann mit der Pistole ruhig.

Jürgen rührte sich nicht. Und als er dann in die kalten indifferenten Augen blickte, spürte er, wie sein Herz klopfte. Plötzlich überkam ihn Angst.

Viel besser“, sagte der Mann mit der Pistole. „Und nun setzen Sie sich. Alle.“

Einen Augenblick starrten ihn die Anwesenden unentschlossen an, dann kamen sie zögernd seiner Aufforderung nach. Das alles hatte nicht länger als ein paar Sekunden gedauert, trotzdem waren sämtliche Gäste zu erstaunt gewesen, um mehr zu tun, als zu glotzen. Der Mann mit der Waffe wandte sich an eine rothaarige Frau in einer weißen Servicejacke.

Sie servieren hier?“

Meinem … meinem Mann Reinhold und mir gehört dieses Lokal“, antwortete sie stockend.

Und wo ist Ihr Mann?“

In der Küche.“

Alleine?“

Nein, Martin, unser Hilfskoch ist bei ihm.“

Haben Sie sonst noch irgendwelche Angestellten?“

Ja, Josefina. Sie hilft mir beim servieren.“

Und wo ist sie?“

Ebenfalls in der Küche.“

Sie sollen herkommen.“

Die rothaarige Frau setzte sich in Bewegung.

Nein“, sagte der Mann mit der Pistole. „Rufen Sie.“

Die Frau zögerte einen Moment. Fragend blickte sie sich um.

Na los. Rufen Sie!“

Reinhold … Martin … Josefina … Könnt ihr mal eben kommen?“

An der rechten Seite wurde eine Tür geöffnet. Zwei Männer und eine junge Frau betraten den Saal.

Was gibt es denn?“ fragte Reinhold. Dann erblickte er den Mann mit der Waffe. „Was geht hier vor?“

Los, hinsetzen“, befahl der Fremde. „Sofort!“

Zögernd kamen sie der Aufforderung nach. Gleich darauf erhob sich ein älterer, grauhaariger Mann. Sein Gesicht war dunkelrot vor Ärger. Er stand auf, machte einen drohenden Schritt vorwärts, aber die Pistole schnellte empor.

Wer zum Teufel sind Sie?“ rief er. „Was machen Sie hier mit uns?“

Die blassen, freundlichen Augen glitzerten. „Ich bewundere Männer mit Mut“, sagte der kleine Mann. „Aber ...“

Und hier schwieg er. Obwohl er noch lächelte, verloren seine blassen Augen all ihre Wärme. Der grauhaarige Mann biss sich unsicher auf die Lippen, dann trat er zurück. Er blieb noch einen Augenblick stehen. Die Pistole richtete sich auf ihn. Hastig ließ er sich nieder.

Was soll das, Jürgen?“ fragte eine dunkelhaarige Frau verdrossen. „Ist das eine Art Scherz, mit dem ihr uns unterhalten wollt?“

Ich wünschte, es wäre so, Mutter“, antwortete Jürgen, die Augen auf die Gestalt gerichtet.

Ein glatzköpfiger Mann warf einen verstohlenen Blick in die Runde und erhob sich dann mit berechnender Würde.

Mein Name ist Andre Winkler.“ Er zeigte auf die Braut. „Das dort ist meine Tochter Tanja. Und dies ist ihre Hochzeit. Ich möchte gerne wissen, wer Sie sind, und welches Recht Sie haben, diese Feier zu stören und uns mit einer Waffe zu bedrohen.“

Der kleine Mann mit der Pistole hörte ihm ernst und aufmerksam zu.

Fürs Vorstellen haben wir später genug Zeit“, sagte er mit leiser Stimme. „Inzwischen, mein lieber Herr Winkler, ist diese Pistole in meiner Hand alles Recht, das ich brauche.“ Er blickte den Brautvater über seine Brille hinweg an. „Und nun nehmen Sie bitte wieder Ihren Platz ein.“

Aber … aber wer sind Sie?“ fragte Andre Winkler unsicher. „Was wollen Sie mit uns? Wir haben keine Wertsachen.“

Aber wer wird denn gleich an einen Raubüberfall denken.“

Der Mann mit der Pistole lachte, doch im nächsten Moment schwand seine gute Laune.

Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen sich setzen?“ fragte er schneidend.

Andre Winkler schluckte, aber er blieb stehen.

Ich … wir haben ein Recht darauf, es zu erfahren.“

Ein spekulierendes Glitzern erschien in den Augen des kleinen Mannes, und dann lächelte er boshaft.

Darf ich Ihnen eine Gegenfrage stellen?“ murmelte er. „Bitte antworten Sie mir: Was kann tödlich sein?“

Winkler starrte ihn ungläubig an. Er ahnte, was kommen würde, aber der Gedanke war so absurd, dass er ihn nicht mit der Situation in Zusammenhang bringen konnte.

Nun, mein lieber Brautvater“, drängte ihn der Mann mit der Pistole liebenswürdig.

Neugier kann tödlich sein“, sagte Winkler widerwillig. Sein Gesicht lief scharlachrot an, und er fuhr schnell fort: „Aber das ist eine dumme Redensart ohne jeden Sinn, und ich verstehe nicht ...“

Ungeachtet des Wertes und des Sinns“, unterbrach ihn der Mann mit der Pistole“, einstweilen sollten Sie diese Redensart für voll nehmen.“

Andre Winkler setzte sich. Die banale Phrase ging ihm nicht mehr aus dem Sinn.

Vielen Dank“, sagte der Mann mit der Waffe. „Ich verabscheue Gewalt, aber ...“

Diese entschuldigend vorgebrachte, nicht vollendete Aussage wirkte mehr als jede Drohung. Winkler spürte sein Selbstvertrauen schwinden. Jenseits des Bewusstseins, dass die Katastrophe anstelle dessen trat, was der Höhepunkt all seiner Jahre voller Pläneschmieden und stillschweigender Duldung hätte sein sollen, stand Angst. Es war keine Angst vor etwas Konkretem, sondern Angst vor dem Leben selbst, und davor, ohne die Sonderstellung des Reichtums bestehen zu müssen. Winkler begann zu schwitzen. Er zog das weiße Taschentuch aus der Brusttasche seines Anzugs und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn.

Im nächsten Moment sprang der Bräutigam auf.

Nun hören Sie mal zu!“ brüllte Jürgen Scholz. „Was zum Teufel wird hier eigentlich gespielt? Sie können uns doch nicht einfach hier festhalten.“

Setzen Sie sich“, befahl der Mann mit der Pistole ruhig.

Scholz blieb trotzig stehen, die Hände zu Fäusten geballt. Die Pistole richtete sich auf sein Gesicht. Hinter dem gähnenden Loch im Lauf erkannte er die Brillengläser des kleinen Mannes. Das Licht der Deckenbeleuchtung brach sich in ihnen wie Sonnenschein in einem Spiegel, dann jedoch veränderte sich der Einfallswinkel, und er sah die Augen, die vorübergehend verborgen gewesen waren. Sie wirkten so leer und tödlich wie die Pistolenmündung. Er spürte, wie ein Kribbeln über seine Wirbelsäule lief. Er setzte sich zittrig und überlegte, wie nahe er dem Tod gewesen sein mochte.

Hier sind Frauen anwesend“, sagte ein junger Mann. „Erlauben Sie wenigstens ihnen zu gehen.“

O, da haben wir aber einen wahren Gentleman unter uns“, entgegnete der Mann mit der Waffe. „Darf ich fragen, wie Sie heißen?“

Ich glaube zwar kaum, dass es Sie etwas angeht, aber mein Name ist Paul Faber. Ich bin Jürgens Trauzeuge.“

Aha.“

Also, was ist jetzt? Dürfen die Frauen gehen?“

Nein!“ rief der Mann mit der Pistole. „Ich wünschte, ich könnte Ihnen den Gefallen tun, aber es geht einfach nicht.“

Ich dachte, ich sollte auf jeden Fall fragen.“

Das war auch richtig“, sagte der Mann mit der Pistole zustimmend.

Was haben Sie eigentlich vor?“ fragte Jürgen. „Wollen Sie uns töten?“

Das kommt darauf an.“

Worauf?“

Wie Sie sich verhalten. Geschieht alles zu meiner Zufriedenheit, bleiben Sie am Leben.“ Er runzelte die Stirn, aber dann glühte Begeisterung in seinem Gesicht auf. „Überlegen Sie mal, in was für ein Abenteuer Sie da hineingeraten sind. Sie können sogar eines Tages ein Buch darüber schreiben oder die Geschichte an ein Magazin verkaufen.“

Er schwieg, und seine glühenden Augen wanderten über die Menschen hinweg.

Wenn jeder von Ihnen ein Buch über dieses Erlebnis schreiben würde, ein jeder von seinem Standpunkt aus?“ Er kicherte. „Was für eine glänzende Enthüllung das wäre.“

Sie sind verrückt“, sagte Jürgen Scholz.

Gut, er war verrückt, aber er hatte dennoch etwas bestürzend Vernünftiges an sich. Es war erschreckend und unwirklich. Trotzdem war Jürgen jetzt mit seiner Geduld am Ende. Man hatte ihn vor den Augen seiner Frau blamiert. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er sprang auf und wollte sich auf die kleine Gestalt stürzen.

Setzen Sie sich wieder hin!“ rief der Fremde.

Er beobachtete den jungen Mann. Auf seinem Gesicht war ein herausfordernder und gleichzeitig seltsam zynischer Ausdruck. Die Pistole richtete sich auf ihn.

Zum letzten Mal, hinsetzen!“

Jürgen schüttelte den Kopf. Zum einen war es eine Weigerung, zum anderen ein Versuch, dieses Gefühl der Unwirklichkeit loszuwerden. Seine Augen verengten sich ein wenig, als er die Chancen abwog, die ihm auf diese Entfernung blieben. Er glaubte nicht an ein Gelingen, aber er wusste, dass er es versuchen musste.

Ich würde es nicht tun!“ sagte der Mann mit der Pistole sehr ruhig.

Jürgen tat so, als würde er sich entspannen. Genau in dem Augenblick, bevor er sprang, spürte er einen Schlag gegen seinen Schädel. Einen Moment empfand er nichts, dann lief der Schmerz wie Feuer durch seinen Kopf. Er hörte seine Frau aufschreien und jemand bestürzt etwas ausrufen; dann sackte er zusammen.

Der Mann hatte ihm mit der Pistole einen Schlag gegen die Schläfe verpasst. Jürgen spürte das feuchte, klebrige Blut.

Tut mir leid, aber Sie ließen mir keine andere Wahl.“

Der Wirt sprang auf, in der Kehle ein tiefes Grollen, wie ein Tier, das man in die Enge getrieben hat. Die Pistole schnellte herum. Das Grollen schwoll zu einem bloßen Wimmern an, und er setzte sich wieder.

Jürgen hob den Kopf. Sein Gesicht war grau und schmerzverzerrt.

Hinsetzen“, wiederholte der Mann mit der Pistole. „Nächstes Mal benutze ich sie so, wie es gedacht ist.“

Seine großen sanften Augen blickten jeden einzeln an. Das lähmende Entsetzen, das er sah, schien ihn traurig zu stimmen. Jürgen richtete sich auf. Blut sickerte aus der Wunde an der Schläfe.

Einige von Ihnen könnten den Eindruck gewonnen haben, ich sei unwillig oder unfähig, diese Waffe zu benutzen“, sagte der Fremde. „Ich tue es auch nicht gern, aber wenn es nötig wird, zögere ich keinen Moment.“ Er schaute mit gerunzelter Stirn in ihre leeren, nichtssagenden Gesichter. „Dies ist eine Beretta 92 FS. Das Magazin fasst 15 Patronen vom Kaliber 9 x 19mm. Ich glaube, eine kleine Demonstration wäre angebracht.“

Er schaute sich um, aber Enttäuschung trat in seine Augen.

Ich suche einen ziemlich kleinen Gegenstand. Ein Ziel, etwas, das man in die Luft werfen kann.“

Sie beobachteten ihn fasziniert. Erwartungsvolle Stille herrschte, als sein Blick umherwanderte.

Es scheint hier nichts Passendes zu geben“, beschwerte er sich verdrießlich.

Wie wäre es mit einem Weinglas?“ fragte Jürgen.

Das wäre vorzüglich“, rief der Mann mit der Pistole. Er wandte sich an den Wirt. „Sie haben vermutlich nichts dagegen?“

Reinhold schüttelte stumm den Kopf.

Der Fremde gab Jürgen ein Zeichen. „Vielleicht möchten Sie mir helfen?“

Wenn Sie wollen.“

Nun“, sagte der Mann erwartungsvoll.

Ich verstehe Sie nicht“ erwiderte Jürgen träge.

Ich möchte lediglich, dass Sie mir eines dieser Gläser bringen.“

Ohhh ...“

Jürgen ging hinüber zum Tisch und holte ein Weinglas.

Vorzüglich!“ strahlte der Mann mit der Waffe. „Wenn ich Ihnen Bescheid gebe, dann werfen Sie das Glas in die Luft.“

In Ordnung.“

Erwartungsvoll schaute Jürgen den Mann an. Als die Pistole im blitzschnellen Bogen hochwirbelte, zuckte er erschrocken zusammen. Eine donnernde Explosion erschütterte den Saal. Eine der Lampen über ihnen löste sich auf. Glasscherben prasselten auf eine Frau in einem blauen Kleid herab. Einen Augenblick war sie sprachlos, dann sah sie, dass einige Splitter ihren rechten Handrücken verletzt hatten. Blut sickerte aus den Wunden.

Noch weitaus dramatischer“, murmelte der Mann mit der Pistole.

Jürgen erholte sich als erster. Er stellte das Glas beiseite und zog ein weißes Tuch aus seiner Hosentasche. Zögernd ging er zu der Frau hinüber und hielt ihr das Tuch hin, aber sie machte keine Anstalten, es zu nehmen. Er betrachtete sie ein wenig länger, dann beugte er sich nieder. Mit großer Behutsamkeit begann er, das Blut von ihrem Handrücken abzutupfen. Einen Augenblick lang starrte sie ihn an, dann schrak sie zurück. Sie nahm ihm das Tuch aus der Hand und erledigte die Arbeit selbst.

Die Frau hielt das befleckte Taschentuch weit von sich. Sie versuchte zu lächeln, aber ihr Gesicht war so steif, dass es nur zuckte. Weiter geschah nichts.

Danke schön“, flüsterte sie.

Schon gut.“

Du solltest es sofort auswaschen“, sagte sie. „Diese Flecken ...“

O nein.“

Der verletzte Vorwurf in seiner Stimme erregte ihre Aufmerksamkeit. Ihr Verstand klärte sich, als sie ihn anblickte. Sie sah, wie er das Taschentuch ausschüttelte, wobei er es an den Ecken festhielt. Anschließend faltete er es sorgfältig. Während sie ihm zuschaute, spürte sie ein bebendes Unbehagen in sich aufsteigen. Es war etwas Eigenartiges an der Art und Weise, wie er mit diesem befleckten Stück Leinen umging. Es war beinahe … respektvoll.

Jürgen steckte das Tuch in seine Tasche und sah sie an. Auf seinem Gesicht stand ein aufmunterndes, freundliches Lächeln. Dann setzte er sich wieder auf seinen Platz. Minutenlang herrschte Stille. Der Mann mit der Pistole brach als erster das Schweigen.

Es tut mir schrecklich leid, dass die Glasscherben auf Sie gefallen sind“, sagte er. „Ich kann Ihnen versichern, Frau ...“

Winkler“, sagte sie matt. „Elfriede Winkler.“ Es klang in diesem Augenblick, als sie es aussprach, irgendwie seltsam, aber sie konnte nicht richtig denken.

Und ich bin ihr Mann“, mischte sich der Brautvater ein. „Andre Winkler, Großunternehmer.“

Ich weiß, wer Sie sind“, sagte der Fremde. „Sie sind Geschäftsführer des Pharmaunternehmens MIDAMO. Ihre Firma beschäftigt 1283 Mitarbeiter, verbuchte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 186 Millionen Euro und erwirtschaftete einen Gewinn von 94 Millionen Euro. Im internationalen Vergleich ist die Firma nur ein Zwerg, trotzdem kann sich das Ergebnis sehen lassen. Mancher Riese kann von so etwas nur träumen.“

Sie scheinen ja sehr gut informiert zu sein.“

Natürlich“, entgegnete der Mann mit der Waffe und strahlte. „Ich weiß, das Unternehmertum in Deutschland groß geschrieben wird.“

Er schwieg und nickte ihnen beifällig zu.

Wie ich gerade sagte, Frau Winkler, ich kann ihnen versichern, dass ich das keinesfalls beabsichtigt hatte. Bitte verzeihen Sie mir.“

Sie starrte ihn fassungslos an.

Oh, bitte. Ich würde mich sehr unglücklich fühlen, wenn Sie es nicht täten.“

Sie blieb weiterhin sprachlos, überlegte, ob sie verrückt wurde, oder ob sie richtig gehört hatte. Der Mann mit der Pistole stampfte mit dem Fuß auf. Bei einem anderen Erwachsenen hätte das lächerlich gewirkt; bei ihm jedoch war es sehr beängstigend.

Sie müssen!“ beharrte er. Als sie nicht antwortete, schnellte die Pistole hoch. „Sagen Sie es!“ befahl er eiskalt. „Sagen Sie – ich – verzeihe – Ihnen.“

Der direkte Befehl drang durch den Nebel, der ihren Verstand umgab, und verscheuchte ihn auf der Stelle.

Und wenn ich mich weigere?“ fragte sie herausfordernd.

Dann muss ich Sie töten.“

Er sagte das so beiläufig, dass sie es nicht fertigbrachte, ihm zu glauben, aber sie spürte die ersten Anzeichen der Furcht. Elfriede Winkler wandte sich an ihren Mann und versuchte, diese Geste hinter einem Lächeln zu verbergen.

Was meinst du, Liebling?“ fragte sie. „Wird er mich töten?“

Andre Winkler starrte sie entsetzt und überrascht an. Sie verhielt sich in dieser Situation ganz unglaublich. Stolz durchflutete ihn, und dann erkannte er tief in ihren Augen die Furcht. Er begann zu grinsen.

Ich weiß nicht, Elfriede“, sagte er gedehnt. „Das musst du selbst herausfinden.“

Bis zu diesem Zeitpunkt war es ein einfaches, etwas verrücktes Spiel zwischen ihr und dem Mann mit der Pistole gewesen. Aber jetzt trat das Ganze in eine andere Dimension. Und das änderte alles. Sie warf ihrem Mann einen letzten verächtlichen Blick zu und wandte sich dann an den Fremden.

Ich habe nichts zu sagen“, verkündete sie ungerührt.

Der Pistolenlauf bewegte sich ein wenig und blieb dann stehen.

Es wäre viel einfacher, wenn Sie nachgeben würden“, sagte er scharf.

Was ich sage oder nicht sage, ist ausschließlich meine Sache.“

Er blickte sie unverwandt an. Etwas ging in dieser Frau vor. Er konnte jedoch den Ursprung nicht begreifen. Es war etwas anderes als willkürlicher Trotz, das sie antrieb. Mit dem Daumen schob er den Hammer der Pistole zurück. Dann klickte Stahl gegen Stahl und rastete ein.

Sie machen mich traurig, Frau Winkler“, sagte der Mann mit der Pistole. „Ich zähle jetzt bis drei.“ Seine Lippen schürzten sich zu einem kleinen Lächeln, aber seine Augen blieben gleichgültig.

Eins!“

Elfriede!“, rief August Scholz durchdringend. „Dieser Mann ist ein rasender Irrer. Geben Sie nach. Tun Sie, was er verlangt.“

Und nur ein Irrer würde versuchen, sich einem entschlossenen Mann mit einer Waffe zu widersetzen“, bemerkte der Fremde gelassen. „Zwei.“

Elfriede!“

Um Himmels Willen, Mutter“, rief Tanja. „Lass den Unsinn.“

Sie vernahm ihre Stimmen, aber die Worte waren bedeutungslose Schallwellen, die gegen ihr Trommelfell wogten. Sie hatte sich geirrt, hoffnungslos geirrt. Sie war sicher gewesen, dass es sich um eine Art Spiel handelte, aber er hatte bereits bis zwei gezählt und sie wusste intuitiv, dass er sie töten würde. Sie erkannte es in seinen Augen, und sie hätte am liebsten protestiert, weil es keinen Grund gab. Dann glaubte sie plötzlich, in seinem wachen und seltsam neutralen Blick Spott aufblitzen zu sehen. Nun meinte sie, die Bedeutung des Ganzen zu begreifen.

Sie … sie wollen mich doch gar nicht wirklich umbringen, oder?“ flüsterte sie.

Das habe ich bereits deutlich zu verstehen gegeben.“

Ich … Sie hassen mich doch nicht?“ fragte sie und tastete sich mutig weiter voran.

Nein“, erwiderte der Mann mit der Waffe. „Ich hasse Sie nicht.“

Aber … Sie mögen mich auch nicht.“

Das muss ich auch zugeben.“

Dann ...“ Sie zögerte, unfähig, weiter zu überlegen. Sie starrte intensiv in die großen Augen hinter der Brille. Es war, als blicke man in einen Spiegel, und sie sah nur sich selbst.

In der nun folgenden Stille waren alle Blicke auf den Mann mit der Waffe gerichtet. Für einen Moment lang schien sein Gesicht weicher zu werden, als empfände er Mitleid, aber dann verhärtete sich sein Mund.

Ich gebe Ihnen noch ein paar Sekunden, um sich zu entscheiden. Dann zähle ich noch einmal bis drei und drücke ab.“ Er lächelte mitleidig. „Es gibt Menschen, die auf die Rechtfertigung der Vernunft verzichten können.“

Sie erstarrte und blickte ihn durchdringend an. Sein Gesicht war kalt und fern. Nie zuvor hatte sie eine derartige Indifferenz erlebt. Allein der Gedanke daran brach ihren Widerstand.

Ich verzeihe Ihnen“, flüsterte sie, und nach einer Pause fügte sie hinzu: „Weil Sie nicht wissen, was Sie tun.“

Vorzüglich!“ rief der Mann mit der Waffe erfreut. „Sie glauben gar nicht, welche Erleichterung das für mich ist. Aber natürlich sind Sie diejenige, die nicht weiß, was sie tut.“

Er hielt ihrem Blick noch einige Sekunden stand, dann veränderte sich sein Verhalten sofort wieder.

Gut!“ rief er. „Wir wissen nun alle, wo wir stehen. Da wir die Geschichte mit den Glasscherben hinter uns haben, können wir uns entspannen.“

August Scholz, der Vater des Bräutigams, starrte leer vor sich hin. Seine dunklen Augen glänzten matt. In seinem Verstand war nur Platz für die Szene zwischen Frau Winkler und dem Mann mit der Waffe, die er gerade miterlebt hatte. Es war etwas beinahe Heiliges daran gewesen.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738910049
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
mann waffe

Autor

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Titel: Der Mann mit der Waffe