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Callahan #6: Die Fährte der Nachtreiter

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Eigentlich wollte ich nur zur Ranch der O´Neills, um da ein paar ruhige und angenehme Tage zu verbringen. Aber schon auf dem Weg dorthin geriet ich in Schwierigkeiten – und das war erst der Anfang einer Kette von unglücklichen Ereignissen. Eine Bande von Halunken, die man hinter vorgehaltener Hand Nachtreiter nannte, terrorisierte das Land – und Menschen verschwanden auf geheimnisvolle Weise. Alles Mexikaner oder Indianer, und diejenigen, die wieder zurückkamen, lebten nicht mehr lange. Weil sie völlig entkräftet und auf schreckliche Weise bereits vom Tod gezeichnet waren. Als ich die ersten Toten sah, war mir klar, dass man diese Halunken aufhalten musste – um jeden Preis!

Leseprobe

Die Fährte der Nachtreiter


Ein Western von Glenn Stirling




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappentext:

Eigentlich wollte ich nur zur Ranch der O´Neills, um da ein paar ruhige und angenehme Tage zu verbringen. Aber schon auf dem Weg dorthin geriet ich in Schwierigkeiten – und das war erst der Anfang einer Kette von unglücklichen Ereignissen. Eine Bande von Halunken, die man hinter vorgehaltener Hand Nachtreiter nannte, terrorisierte das Land – und Menschen verschwanden auf geheimnisvolle Weise. Alles Mexikaner oder Indianer, und diejenigen, die wieder zurückkamen, lebten nicht mehr lange. Weil sie völlig entkräftet und auf schreckliche Weise bereits vom Tod gezeichnet waren. Als ich die ersten Toten sah, war mir klar, dass man diese Halunken aufhalten musste – um jeden Preis!





Roman:

Über den Tinaja-Bergen lag der kupferne Glanz des Abends. Ich ritt den schmalen Pfad hinab zu der schmalen Brücke über die Schlucht. Vor der Brücke hatte man mich gewarnt. Sie sollte alt und äußerst reparaturbedürftig sein. Andererseits wurde der Pfad, und damit auch die Brücke, noch regelmäßig von Reitern benutzt. Dieser Weg bedeutete eine Abkürzung von vierunddreißig Meilen zu den O’Neills. Vielleicht aber eine Abkürzung in die Hölle, davon ahnte ich nur noch nichts...

Als ich die Brücke erreicht hatte, sah ich meine Befürchtungen bei weitem übertroffen. Der Teufel wusste, wie alt diese Brücke war. Wahrscheinlich war sie von Mexikanern gebaut worden. Sie fertigten Brücken auf diese Weise an. Solche Brücken hielten meistens sehr lange. Aber irgendwann waren sie vom Zahn der Zeit so zerfressen wie diese Brücke hier. Sie bestand aus zwei langen Rundbäumen, die über die etwa zehn Meter breite Schlucht reichten. Über den Rundbäumen lagen Querhölzer, und auf ihnen Bohlen als Laufsteg. Damit die Brücke in der Mitte nicht durchbrechen konnte, hatte man v-förmige Abstützungen gebaut. Diese Abstützungen sahen mir reichlich morsch aus. Die Brücke war so altersschwach, dass sie in dem lauen Abendwind knarrte und sich, wie ich meinte, zu bewegen schien.

Immerhin, dachte ich, wird sie noch benutzt. Das hatte mir der alte Manuel versichert, von dem mir dieser Weg beschrieben worden war. Eine solche Abkürzung musste verlockend sein. Sie bedeutete, dass ich heute Abend noch zu den O’Neills kam.

Der Gedanke an Rosie und Babsie O’Neill ließ mich ein paar Sekunden lang die Brücke vergessen, vor der ich stand.

Sie waren Zwillinge, die beiden O'Neill-Mädchen, und sie wohnten auf der Poststation am Fuße der Tinaja-Berge. Es war mehr als eine Pferdewechselstelle. Hier kreuzten sich zwei richtige Straßen, und dieser Weg stieß auch noch hinzu. Von Mexiko, aber auch vom Norden, vom Westen und Osten stieß in der Pferdewechselstation der O’Neills alles zusammen, was unterwegs war. Ein großes Hotel, das mancher mittleren Westernstadt zur Ehre gereicht hätte, war neben die Poststation gebaut worden. Soviel ich weiß, war O’Neills Station eine der größten im ganzen Westen überhaupt. Im Saloon wurde dann auch ein heißer Poker gespielt. Das gehörte mit zu den beiden Gründen, warum ich hierher unterwegs war.

Ich musste meine Kasse etwas aufbessern und war scharf darauf, ein paar gute Spiele für mich zu entscheiden. Aber den Hauptgrund stellten die O'Neill-Mädchen dar.

Bei dem Gedanken an die beiden musste ich verzückt schlucken. Zwillinge, eine so hübsch wie die andere - und beide mit dem Feuer von Chili-Pfeffer.

Aber da war die Brücke, und sie sah nicht sehr vertrauenerweckend aus.

Ich glitt vom Sattel meines Rappen, betrat die Brücke und spürte, wie sie unter mir bebte. Knarrende, knackende Geräusche verhießen nichts Gutes.

Manuael hatte gesagt, man hätte sie vor zehn Jahren gebaut. Meines Erachtens hatte er eine Null vergessen.

Ich ging noch einen Schritt weiter. Das Knarren und Knacken verstärkte sich. Aber ich dachte, es muss alles nur Einbildung sein, denn Manuel hatte mir versichert, sie werde noch immer von den mexikanischen Grenzgängern benutzt.

Kurz entschlossen marschierte ich weiter. Als ich mitten auf der Brücke war, verstärkte sich das Geknarre und Geknacke derartig, dass ich glaubte, jeden Augenblick müsste die Brücke auseinanderbrechen. Aber sie hielt, und ich erreichte die andere Seite.

Komm herüber!“, rief ich meinem Schwarzen zu. Der Rappe warf unwillig den Kopf hoch, schnaubte, aber er dachte nicht im Traum daran, allein über die Brücke zu gehen.

Ich steckte zwei Finger in den Mund und pfiff. Es war das Kommando, das er kannte. Darauf war er abgerichtet.

Er ging bis ans äußerste Ende der Brücke, trat dann mit einem Huf auf die Bohle. Schon das Geräusch machte ihn nervös. Er nahm den Huf wieder zurück, schnaubte und warf nun schon etwas zorniger den Kopf hoch.

Blacky, komm rüber!“, rief ich noch einmal.

Er dachte nicht im Traum daran. In dieser Beziehung benahm er sich genau so hysterisch wie alle Pferde, und im Grunde wusste er auch, warum.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als zurück zu gehen. Und noch einmal erlebte ich das Abenteuer dieser Brückenüberquerung. Diesmal kam mir das Knacken noch unheilverkündender vor als vorhin. Die Brücke senkte sich regelrecht.

Aber ich hatte Glück. Ich kam bei meinem Schwarzen drüben an, und als ich mich umdrehte, hatte ich das Gefühl, die Brücke hätte sich nach der einen Seite etwas geneigt. Aber vermutlich, so dachte ich, musste das Einbildung sein. Heute allerdings ist mir klar, dass ich es durchaus gesehen hatte und es keine Einbildung gewesen ist.

Nun mach nicht so ein Theater!“, sagte ich zu Blacky, nahm ihn am Zügel, und sofort folgte er mir willig auf die Brücke zu.

Wir beide waren möglicherweise zu schwer. Ich dachte an Manuels Ratschlag, nicht zusammen mit dem Pferd die Brücke zu überqueren.

Da man ein Pferd nicht an den Zügeln ziehen kann, es sich dann nur einstemmt und den Kopf hochwirft, musste ich einen anderen Weg beschreiten. Ich band dem Rappen die Zügel hoch und sagte: „So, nun sei du mal vernünftig! Ich bin hinter dir, und du gehst voraus. Voran!“

Ich ging so vor, wie man es mit Maultieren tut. Ich ließ ihn vorausgehen, und tatsächlich, da er mich hinter sich wusste, ging er auf die Brücke.

Das Knacken und Splittern, das ich jetzt sogar hörte, wurde immer beängstigender. Der Rappe spürte die Gefahr, ging schneller.

Ich blieb stehen und wartete, dass er über die Brückenmitte hinweg kam.

Die Angst trieb ihn an. Er wurde immer schneller. Zuletzt wollte er sogar traben. Aber zum Glück hatte er da schon die andere Seite erreicht. Als wäre der Teufel hinter ihm her, machte er ein paar Galoppsprünge auf festem Boden und blieb dann stehen.

Das war der Augenblick, wo ich weiterging und mich der Brückenmitte näherte.

Ich kam nicht weit. Ich hatte noch nicht einmal die Mitte erreicht, als das Krachen und Splittern unter mir so deutlich wurde, so unverkennbar den Einsturz anzeigte, dass ich mich umwandte und in panischer Hast versuchte, zurück auf festen Boden zu kommen. Unter meinen Füßen senkte sich der Brückenboden plötzlich ab. Das ging so rasend schnell, dass mein Fuß, der sich abstützen wollte, um mit einem Satz aufs feste Land zu kommen, ausglitt, ich lang hinschlug und rein instinktiv beide Hände in den Querholm klammerte, auf dem die Bohlen lagen. Diese Bohlen rutschten unter mir weg. Auf einmal hing ich an den Armen, hing mit den Füßen im Leeren über der Schlucht. Unter mir polterte, donnerte ein Teil des Gebälkes der Brücke in die Tiefe. Das Stück aber, an dem ich hing, war oben noch am Brückenkopf befestigt.

Ich versuchte mich höher zu ziehen, klammerte die Beine um den einen Brückenträger wie um eine Stange, sah dann zu meinem Entsetzen, dass sich die Halterung und die beiden Brückenträger, die am Brückenkopf befestigt waren, aus ihrer Verankerung lösten. Es geschah ganz langsam. Aber es war eine Frage der Zeit, wann der Träger herausrutschen und mit mir in die Tiefe stürzen würde.

Ich wagte einen Blick nach unten. Da ging es etwa sechzig Meter hinab. Das Gewirr der abgestürzten Brückenteile lag in wirrem Durcheinander im Bett des Baches, der da unten floss. Das Wasser schäumte und sprudelte um die Trümmerstücke herum.

Wenn ich da runterstürzte und das Glück hatte, nicht von einem der nach oben ragenden Trümmerstücke aufgespießt zu werden, so wurde ich auf den Felsquadern, die im Bachbett lagen, erschlagen.

Während ich den Holm umklammerte, schob sich ein Holzsplitter in meinen Handballen. Es tat wahnsinnig weh, aber ich konnte nicht loslassen. Ich musste festhalten. Ich musste diesen Schmerz ertragen, es sei denn, ich war entschlossen, aufzugeben und damit entschlossen, zu sterben.

Ich versuchte, mich nach oben zu ziehen, wollte meinen Halt verbessern, umklammerte mit den Beinen das abgebrochene Rundholz, ein Baumstamm, dessen eines Ende oben durch einen gewaltigen Bolzen im Brückenlager befestigt war. Das Holz jedoch hatte eine Brüchigkeit erreicht, dass der Bolzen auszureißen drohte. Es knirschte, knackte, und ich fürchtete, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, wann der Bolzen ausreißen und ich mit dem Stamm in die Tiefe stürzen würde.

Ich versuchte, höher zu kommen, konnte die Hand entlasten und den Griff verändern, so dass mir der Holzsplitter nicht mehr ins Fleisch stechen konnte. Aber da brach er ab und steckte schon in meinem Handballen. Es war mir unmöglich, den schmerzenden Splitter zu entfernen. Doch ich war etwas höher gekommen. Ich schob mich noch weiter nach oben, konnte dann den Unterarm um den Holm hängen und hatte nun die linke Hand, in der der Splitter steckte, frei. Ich packte das Ende des Splitters mit den Zähnen, zog ihn vorsichtig heraus. Blut quoll aus der Wunde, aber das störte mich nicht.

Der Splitter war entfernt.

Als ich über die Schlucht hinweg zur anderen Seite sah, entdeckte ich meinen Rappen. Er stand da mit hängendem Kopf und blickte hilflos zu mir herüber.

Er ist hinübergekommen, dachte ich, und bei mir bricht die Brücke zusammen!

Solche Gedanken brachten nichts. Ich musste sehen, dass ich nach oben kam, bevor das Rundholz aus dem Bolzen herausriss.

Vorsichtig zog ich mich noch höher. Aber das Krachen und Knacken im Gebälk wurde so beängstigend, dass ich innehielt.

Wenn ich doch nur nach oben zum Brückenlager hätte greifen können! Dort war alles fest und solide. Aber es war zu hoch für mich. Ich musste wenigstens noch zwei Meter höher kommen, um einen Querstreben fassen zu können, der im Brückenlager verbunden war.

Ich versuchte, höher zu klettern, ganz vorsichtig, wollte jede unnötige Bewegung des herunterhängenden Brückenträgers vermeiden. Aber trotzdem knirschte und knackte es immer lauter, genau wie vorhin auf der Brücke. Schließlich kam dieses Splittern von Holz dazu, genauso wie es klingt, wenn ein Baumstamm mit der Axt fast durchgeschlagen ist und schließlich nur noch von einem Span gehalten wird, dann aber sich der Baum neigt und dieser Span zersplittert, wenn der Baum fällt. Ein Geräusch, das mir ankündigte, was innerhalb der nächsten Zeit passieren musste. Ich hatte es einmal erlebt, und meine Zweifel, dass ich es auch ein zweites Mal überstehen würde, wuchsen gewaltig.

Ich schob mich noch ein Stück höher, und in diesem Augenblick sah ich es:

Es war wirklich nur noch ein Span, durch den der Baumstamm, der als Brückenträger gedient hatte, mit dem Brückenlager in Verbindung stand. Bis auf diesen Span war der Bolzen aus dem Ende des morschen Stammes herausgerissen. Und dieser kleine Span, der nicht mehr war als vier Finger an meiner Hand, hielt mich, hielt die Last des abgebrochenen Balkens. Dieser Span begann sich aufzusplittem wie ein geknicktes Bambusrohr.

Ich versuchte, ungeachtet der Gefahr, dass ich damit das Splittern noch beschleunigen würde, rasch höher zu klettern. Und dann entdeckte ich, dass der Stamm und ich nur noch an einem Holzstück hingen, das so dick war wie mein Daumen. Jetzt musste es reißen! Jetzt ging es ab in den Tod!


*


Irgendwann ist es zu Ende, dachte ich. Man muss auch verlieren können. Soll es jetzt sein, hier in den Tinaja Bergen? Irgendwann wird es immer sein.

Ich hatte abgeschlossen. Es gab keine Chance mehr, und ich wusste, dass ich die anderthalb Meter bis zum rettenden Querholz nicht mehr schaffen konnte.

In diesem Augenblick steckte er seinen Kopf oben über die Kante, und ich glaubte, einen Geist zu sehen. Zuerst erkannte ich nur die Umrisse eines breitrandigen Cowboyhutes, eines schmalen Gesichtes und Stücke seiner breiten Schultern. Seine vom Staub heisere Stimme sagte krächzend: „Pack das Seilende, Junge! Und tu es schnell! Sonst liegst du unten.“

Da schlug mir das Ende des Seils schon ins Gesicht. Ich griff mit der Rechten blitzartig zu, krampfte sie um dieses Stück rettendes Seil, fasste mit der anderen nach, und im selben Augenblick splitterte das Holz oben auseinander. Es gab einen Ruck, und ich hing am Seil

Halt gut fest, Junge!", rief die heisere Stimme von oben. „Halte gut fest! Nur nicht die Nerven verlieren!“

Unter mir prasselte das abgebrochene Rundholz in die Tiefe, donnerte gegen den Felsen und schlug dann mit einem polternden Getöse auf die anderen Holzstücke, die schon unten lagen.

Und ich hing an einem Stück Seil. Ich sah, dass er es oben um den Bolzen geschlungen hatte, und nun packten seine von Lassonarben gezierten Hände oben zu und zogen Hand über Hand das Seil höher, schlangen die Schlinge neu ein, immer kürzer, und ich wurde hochgehoben.

Jetzt sah ich sein Gesicht deutlicher. Schweißbahnen rannen durch den Staub, mit dem es paniert war. Ein Paar stahlblauer Augen blickten zu mir herab. Das Gesicht war hager, und die Backenknochen traten deutlich unter der ledernen Haut hervor.

Das Gesicht meines Retters! Ein mir fremdes Gesicht!

Er zog mich Hand über Hand nach oben. Dann, als ich selbst schon mithelfen konnte und Halt für meine Füße fand, stemmte ich mich ein und erleichterte ihm das Emporziehen. Schließlich fasste ich mit einer Hand an den Bolzen, und er half mir hinauf.

Mir war etwas flau im Magen, und ich spürte, wie meine Knie zitterten, als ich dann stand und über die Felskante hinab blickte in die Tiefe. Dann wandte ich mich dem Mann zu, der da vor mir stand.

Auf den ersten Blick hin sah er aus wie ein Cowboy. Sein hellgrauer Hut war ebenso verstaubt wie eine Strähne des brünetten Haares, das ihm in die Stirne hing. Das karierte Hemd, das Halstuch, die abgescheuerte Lederweste und die verwitterten Beinschützer deuteten ebenso auf einen Cowboy hin wie die Lassonarben an seinen Händen, die davon entstehen, dass ein Lasso zu schnell durch die Hand gleitet und dabei die Haut aufreißt oder verbrennt.

Aber er war kein Cowboy. Als er sich ein wenig zurücklehnte und die Weste von seiner Hemdbrust glitt, sah ich auf der rechten Seite das Abzeichen eines Texas Rangers.

Solche Blechorden haben mich noch nie zu Freudentänzen veranlasst. Doch bei diesem Mann hier war alles anders. Er hätte sein können, was immer er wollte. Die Tatsache, mir das Leben gerettet zu haben, stand fest Und ebenso fest stand, dass er keinen Augenblick später kommen durfte, als er gekommen war.

Danke“, sagte ich und streckte ihm die Hand hin. Er packte sie fest, und ich spürte einen Druck, der mir sympathisch war. Nichts ist schlimmer, als einen Waschlappen in die Hand zu bekommen.

Gern geschehen“, sagte er mit seiner spröden Stimme, und sein Gesicht entspannte sich zu einem Lachen. Die Maske aus Staub und Schweiß bröckelte regelrecht auseinander.

Was macht ein Ranger hier im Gebirge?“, wollte ich wissen.

Ich bin auf der Jagd“, erwiderte er. „Es gibt hier mehr Wild, als ein einzelner Jäger jagen kann. Die Berge sind voll davon“, fügte er sarkastisch hinzu. Dann blickte er hinüber zu meinem Rappen. „Jetzt ist die Brücke weg. Wollten Sie zu den O’Neills?“

Ich nickte.

Er grinste mich an. „Die Töchter, was?“

Ich lachte. Und jetzt fiel mir ein, dass ich ihn irgendwo schon einmal gesehen hatte. Zwar war sein Gesicht infolge des Schmutzes entstellt, aber er wischte sich nun mit dem Halstuch darüber, und nun entdeckte ich Einzelheiten, die mich daran erinnerten, woher ich ihn kannte.

Sie sind auch schon bei den O’Neills gewesen“, sagte ich.

Er nickte. „Bin ich.“ Wir gingen ein Stück den Weg zurück. Er pfiff dann, und wenig später tauchte ein schweißnasser müder Falbe auf. Als das Tier bei ihm stand, wieherte drüben mein Rappe.

Jetzt weiß ich auch, wer Sie sind. Sie heißen Comestock“, sagte ich, und jetzt fiel mir ein, dass er damals unheimlich hinter Rosie O’Neill hergewesen war. Damals hatte ich mich mit Babsie O'Neill begnügt. Das letzte Mal aber hatten sie beide Gefallen an mir gefunden. Aber das sagte ich ihm nicht.

Er ging zu seinem Pferd und zog einen Flachmann aus der Satteltasche heraus, entkorkte ihn mit den Zähnen, reichte mir die Flasche und sagte: „Tequila ist gut, wenn einem die Knie zittern.“

Ich grinste zurück, nahm einen saftigen Schluck, der mich wahrhaft elektrisierte. Er trank ebenfalls, schlug den Korken in die Flasche hinein und meinte: „Der Umweg macht über zwanzig Meilen aus. Wir können zu zweit auf meinem Pferd sitzen. Aber nicht mehr heute. Ich habe einen langen Weg hinter mir, und mein Falbe ist fast am Ende. Ich glaube, wir lagern am besten hier und ziehen morgen früh weiter. Es wird sowieso bald dunkel sein.“


*


Wir suchten trockenes Holz für ein Lagerfeuer, und da ich meine Decken drüben bei meinem Rappen hatte, der immer in Sichtweite und doch für mich unerreichbar stand, gab mir Comestock eine seiner Decken. Er hatte unterwegs ein Dickhornschaf erlegt, die hinteren Keulen herausgeschnitten, eingesalzen und mitgenommen. Jetzt rieben wir das Salz wieder ab, und da wir mit dem Wasser sparsam sein mussten, konnten wir nur wenig Flüssigkeit verwenden, um das restliche Salz abzuspülen. Danach brieten wir das Fleisch, kochten uns einen Kaffee, in dem der Löffel stehen blieb und genossen dieses Mahl.

Das Erlebnis, das hinter mir lag, erfüllte mich mit einer starken Dankbarkeit Comestock gegenüber. Obgleich die Ranger nicht unbedingt meine absolute Sympathie genossen, gefiel mir Comestock gut. Im Grunde hatte er mir schon damals bei den O’Neills gefallen. Er war ein bescheidener, ruhiger Bursche, und doch hart, viel härter eigentlich, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte.

Als wir dann am Feuer saßen, satt vom Braten und angeregt vom starken Kaffee, da erzählte er mir, weshalb er in den Bergen unterwegs war.

Früher“, sagte er, „gingen die Mexikaner, die unten im Land leben, in die Berge, um zu jagen oder um die seltenen Kräuter zu suchen, die es hier oben gibt. Aber neuerdings ist alles anders geworden. Seit ungefähr einem Jahr kam es immer wieder vor, dass junge Männer verschwanden, einfach nicht mehr auftauchten, und andere sich aufmachten, um sie zu suchen. Und auch die sind dann verschwunden. Schließlich bildeten sich Gruppen von jungen Männern, die sich schwer bewaffneten und dann in einem Aufgebot hinauf in die Tinajas ritten. Aber sie fanden keine Spur von den Verschwundenen und mussten unverrichteter Dinge wieder umkehren. Danach verschwand wieder ab und zu jemand, der sich in die Berge gewagt hatte, und von da an mieden die Mexikaner die Berge. Komischerweise sind keine Amerikaner verschwunden, ich meine Weiße. Es waren immer Mexikaner, Mestizen, und in der Regel junge Männer.“

Und Sie sind unterwegs, Comestock, um herauszufinden, wo diese Menschen geblieben sind?“

Ich bin noch nicht fertig“, erklärte er mir. „Eines Tages tauchten unten in den Siedlungen am Fluss Reiter auf, Reiter, die ein Mann führte, der ein ganz merkwürdiges Äußeres besaß. Sie nennen ihn einen Mann ohne Gesicht. Der Beschreibung nach ist er von einer fürchterlichen Narbe gekennzeichnet, und Sie wissen ja, wie die Mexikaner sind. Sie interpretieren ja die tollsten Geschichten in solche Leute hinein. Jedenfalls hat er eine raue Horde angeführt, und die wiederum zwang viele der Mexikaner, mit in die Berge zu gehen. Ihnen wurde guter Lohn versprochen, aber in Wirklichkeit war der Lohn nichts weiter als der Tod."

Das begreife ich nicht. Sie sind hier in die Berge gegangen?“, fragte ich.

Er nickte. Ich entsann mich, dass drüben in Mexiko so manche Bergwerkbesitzer auf diese Weise Arbeitskräfte warben, einfach junge Leute zwangen, mitzukommen und in den Minen zu arbeiten. Wir befanden uns aber hier nicht auf mexikanischem Boden, sondern im schönen amerikanischen Texas.

Was sind das für Männer, die mit dem Mann ohne Gesicht reiten?“, fragte ich.

Es sind genau solche Teufel wie ihr Anführer. Nun gut, wenn die Leute dort gearbeitet hätten in den Bergen und gut bezahlt worden wären, brauchte ich nicht zu suchen. Aber es ist schlimmer. Eines Tages tauchte hier ein junger Mann auf, einer von denen, die verschwunden waren.“

Also sind sie doch wiedergekommen", meinte ich.

Er nickte. „Sie sind zurückgekommen, um zu sterben. Sie machen sich kein Bild, wie diese Menschen aussahen. Ein Stück entfernt von hier Sie müssen in der Nähe vorbeigeritten sein - da hat einer gelegen. Ich habe ihn begraben.“

Und ich bin daran vorbei geritten?" Ich konnte nicht fassen, was er sagte. „Da hatte ich ihn doch finden müssen. Ein Toter, der lockt doch die Geier an und Ungeziefer. Auf alle Fälle hätte ich ihn bemerkt."

Comestock schüttelte den Kopf. „Ich bin einer Spur gefolgt, sonst hätte ich ihn ebenfalls nicht bemerkt. Er war schon mit Steinen zugedeckt. Das Bild, das er bot, habe ich schon öfter gesehen. Diese Unglücklichen sehen aus wie Menschen, die gar keine Knochen mehr haben. Die Muskeln sind schlaff. Aus tiefen Höhlen starren die Augen, die wie erloschen wirken, selbst wenn solche Menschen noch leben. Aus eitrigen, zahnlosen Mundhöhlen dringt heiseres Lallen. Aber dieser Mann, den ich gefunden habe, war tot. Er hat noch nicht mal lallen können. Sie haben ihn eingeholt und vorher getötet. Die wenigen, die fliehen konnten, sind nur noch zum Sterben in ihre Siedlung gelangt, denn überlebt hat es auf die Dauer keiner, bis jetzt nicht.“

Und sie waren nicht imstande, über das zu reden, was hinter ihnen lag?“, fragte ich.

Comestock schüttelte den Kopf. „Mir ist kein Fall bekannt. Auf der anderen Seite hat jedes Mal, nachdem einer entflohen ist und in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist, ein Überfall der Nachtreiter stattgefunden."

Nachtreiter?“, fragte ich.

Er nickte. „Nachtreiter, so nennen sie sich. Die Tinaja-Nachtreiter.“

Und was geschah dann?", wollte ich wissen.

Er lachte hart. „Dann haben sie sich für den einen, der entkommen konnte, zehn frische Arbeiter geholt."

Und die Behörden setzen einen einzigen Texas Ranger ein, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten?“, fragte ich.

Die zuckenden Flammen beleuchteten sein wie geschnitzt wirkendes Gesicht. „Ich weiß es selbst nicht. Vielleicht sind noch drei andere eingesetzt, vielleicht zehn. Ich jedenfalls handele so, als wäre ich ganz allein.“

Wir schwiegen eine Weile, und ich musste darüber nachdenken, was er mir erzählt hatte.

Eigentlich, sagte ich mir, geht es dich nichts an. Ich bin weder ein Texas Ranger noch habe ich etwas mit den Nachtreitern zu tun. Es wird einen Umweg von mehr als zwanzig Meilen bedeuten, aber dann bin ich wieder im Besitz meines Rappen, reite zu den O’Neill-Mädchen und werde die nächste Zeit an anderes denken können als an die Nachtreiter. Das jedenfalls dachte ich, und ich ahnte nicht, wie wenig das eintreten sollte, was ich mir da vomahm. Ich brauchte mir auch keine Gedanken darüber zu machen, wie Rosie O'Neill reagieren würde, wenn wir beide gemeinsam ankamen, ob sie sich nun für Comestock entschied oder an die netten Nächte erinnerte, die ich gemeinsam mit beiden Schwestern verbrachte. Die Zwillinge konnten einem Mann schon eine ganze Menge Freude bereiten. Komischerweise machte mir der Gedanke im Augenblick wenig Spaß Vielmehr beschäftigte mich der grauenvolle Bericht, den Comestock da eben abgegeben hatte.

Comestock ließ mich auch gar nicht zu Ende denken, denn nun sagte er: „Ich bin eine ganze Weile auf den Spuren dieser Burschen. Ich habe herausgefunden, dass der Schlüssel nicht hier in den Bergen liegt, sondern unten im flachen Land, in Cardena. Dort gibt es zwei Ranches, die von Devil Anse McCoy und die von Don Sebastian Gomez. Die beiden liegen sich schon immer in den Haaren, aber seit einiger Zeit hat es sich besonders zugespitzt. Zwei von den McCoy-Reitern sind verschwunden, nachdem sie angeblich eines Nachts durch den Weidezaun der Gomez-Ranch geschlichen sind, um Waldhühner zu jagen. Und Devil Anse McCoy schwört Stein und Bein, Gomez habe sie ermorden lassen.“

Ist das ein Mexikaner, dieser Gomez?“, fragte ich. „Ich habe noch nie von ihm gehört."

Er hat eine gewaltige Ranch. Er ist in Mexiko geboren, lebt aber schon lange in den Staaten. Er hat die Regal-Ranch gekauft. Das ist jetzt zehn Jahre her. Und er hat seine Weide eingezäunt, so groß sie auch ist. Damit hat er sich mit Devil Anse angelegt. Übrigens heißt es, dieser Gomez wäre sehr begütert, hätte in Mexiko ein oder zwei Bergwerke.“

Bergwerke?“, fragte ich nachdenklich.

So ist es. Aber es wird nicht viel damit los sein. Die meisten Mexikaner verstehen nichts Richtiges vom Minengeschäft.“

Er hat Bergwerke und ist ein Mexikaner", sagte ich. „Ich denke an die Nachtreiter, die Jagd auf Sklavenarbeiter machen. Auf der anderen Seite ist hier ein Mexikaner mit Bergwerken. Kann das nicht gut zusammenpassen?“

Er zuckte die Schultern. „So etwas können wir beide besprechen. Aber ich muss aufpassen, wenn ich das laut sage, vor allen Dingen, wenn ich in Cardena bin. Ein Texas Ranger muss beweisen können, was er sagt. Ich könnte nichts davon beweisen."

Aber Sie sagen doch selbst, der Schlüssel läge dort in Cardena.“

Ich glaube es jedenfalls. Ich bin auf dem Wege dorthin. Ich hätte natürlich ...“ Er grinste mich vielsagend an, „bei den O’Neills Station gemacht, Rosies wegen natürlich. Ich freue mich auf Rosie.“

Ich gab mir Mühe, das Grinsen zu erwidern. Ich fand es nicht ganz fair. Auf der anderen Seite wollte ich ihm nicht sagen, dass Rosie ihm zumindest mit mir schon in der letzten Zeit untreu geworden war. Aber vielleicht erwartete er auch gar keine Treue. Wie sollte er auch?

Wenn Sie nach Cardena kommen“, sagte ich, „wo wollen Sie da hin?“

Es gibt da einen Saloon. Er heißt Erste Chance, und dem er gehört, den nennt man Mondgesicht Holliday.“

Ich lachte. „Den kenne ich. Da bin ich schon gewesen. Und dort soll der Schlüssel Ihres Geheimnisses liegen?“, fragte ich zweifelnd.

Ich vermute, dass ich von da aus weiterkomme. Ich habe mir eine neue Masche überlegt. Ich werde", berichtete er, „als Spieler auftreten. Hören Sie, Sie waren doch auch Spieler gewesen, wie Sie mir eben sagten. Sie sind doch, wenn ich mich recht erinnere, bei den O'Neills Spieler gewesen, haben dort einen Tisch gemietet.“

Ich lachte. „Das habe ich getan, weil ich total pleite gewesen bin. Und ich habe die Absicht, es wiederum zu tun, weil ich wieder pleite bin. Vielleicht hilft es mir weiter. Aber das ist kein Beruf. Das kann man eine Zeit lang machen.“

Er sah mich nachdenklich an. „Können Sie mir nicht ein paar Tricks verraten? Ich bin nämlich im Grunde ein lausiger Pokerspieler. Man kann nicht alles können, aber vielleicht bringen Sie mir bei, besser zu spielen. Und dann fiele mir die Rolle, die ich mir da ausgesucht habe, leichter.“

Poker lernt man nicht im Handumdrehen. Manche beherrschen es von klein an. Andere lernen es nie. Es muss einem liegen, der Bluff meine ich."

Nun gut, wir können morgen darüber reden. Zeit genug haben wir.“

Ich ahnte nicht, dass wir beide nie mehr über Poker sprechen würden. Nur eines empfand ich in diesem Augenblick, dass mir dieser Jerry Comestock sehr gut gefiel, und ihm muss es wohl ähnlich gegangen sein, denn er sagte zu mir, bevor wir uns zum Schlafengehen hinlegten: „Ich finde es dumm, dass wir Sie zueinander sagen. Sag einfach Jerry zu mir!“

Ich sah Jerry Comestock an und dachte: Er ist ein prächtiger Bursche. Dass Texas Ranger so prächtige Burschen sein können, war mir bislang gar nicht aufgefallen. Und das Leben hat er mir auch noch gerettet.

Ich wusste nicht, dass ich sein Leben nicht retten konnte. Ob er denn in diesem Augenblick geahnt hatte, was ihm am nächsten Tag bevorstand?


*


Wir waren den ganzen nächsten Tag unterwegs gewesen, und es ging abermals auf den Abend zu, ehe wir endlich auf der anderen Seite der Schlucht ankamen, um meinen Rappen dort abzuholen. Aber er stand nicht an der Stelle, wo ich ihn zurückgelassen hatte.

Jerry blinzelte in die tiefstehende Sonne und sagte: „Er wird Durst gehabt haben und ist zu Tal gezogen. Reiten wir dort hinüber. Das ist der Weg, den ein Pferd nehmen würde, wenn es Durst hat."

Es war der Pfad, der ins Tal führte. Wir waren über die Bergkämme gekommen. Ein schwieriger Weg, aber immer noch der kürzeste.

Vielleicht hatte uns der Ritt zu sehr erschöpft, vielleicht lag es daran, dass uns die Sonne blendete. Jedenfalls sahen wir die Männer viel zu spät. Und als wir sie erkannten, da hatten wir keine Chance mehr.

Es war, als blitzten die Lichtbündel der Sonne, aber es waren Schüsse, und unmittelbar danach hörten wir die Knalle.

Jerry brüllte noch „Deckung!“ und wollte sich vom Pferd werfen. Ich, der ich hinter ihm saß, sprang ebenfalls ab. Aber noch im Fallen hörte ich Jerrys Aufschrei, und dann schlug er neben mir zu Boden.

Ich wusste nicht, dass er getroffen war. Ich dachte nur daran, mich schnell aus der Schusslinie zu rollen, und während das Pferd sich noch aufbäumte, umdrehte und den Weg zurückraste, rollte ich mich in den Schutz eines Mesquitestrauches, sah dann aber, dass Jerry dort liegengeblieben war, wo er den Boden berührt hatte.

Sein Gesicht war mir zugewandt. An der Schläfe klaffte eine Wunde, die nur wenig blutete. Die Augen starrten trübe ins Leere. Ich hatte den Eindruck, dass Jerry Comestock tot sein musste.

Nun, wo ich tiefer lag, konnte ich etwas von unseren Gegnern erkennen. Sieben sah ich drüben auf dem Felsengrat. Die Sonne konnte mich nicht mehr blenden. Vor dem hellen Himmel ragten die Silhouetten der sieben Männer hervor.

Trotzdem konnte ich von ihren Gesichtern nichts sehen. Das Licht der Sonne stand hinter ihnen. Gesichter und Körper lagen im Schatten für mich. Und das Schlimmste war: Auf diese Entfernung konnte ich ihnen mit meinem Revolver nichts anhaben. Mein Gewehr aber steckte im Sattelschuh meines Rappen, und beide hatten wir noch nicht gefunden.

In ohnmächtiger Wut zog ich den Revolver, beherrschte mich aber, damit zu schießen, im Gegenteil, ich verhielt mich ruhig, musste ich doch damit rechnen, dass sie mich gleich unter Feuer nehmen würden.

Aber das geschah nicht. Auf einmal verschwanden sie. Und während ich die Gelegenheit sofort nutzte, zu Jerry hinrobbte, ihn packte und mit in die Deckung dieses Felsengrates zog, hinter dem ich gelegen hatte, rechnete ich mit einem weiteren Angriff. Nichts dergleichen geschah.

Besorgt kümmerte ich mich um Jerry. Aber ich brauchte keine halbe Minute, um sicher zu sein, dass er nicht mehr lebte. Mein rettender Engel war tot.

Ich begriff, dass er mich ein zweites Mal gerettet zu haben schien. Er war von mehreren Schüssen getroffen, nicht nur von einem. Der Treffer an der Schläfe allerdings war absolut tödlich gewesen. Mit seinem Körper hatte er mich gedeckt und vor Treffern bewahrt.

Die Nacht brach herein, und ich musste immer noch damit rechnen, von diesen unbekannten Gegnern überrascht zu werden.

Doch sie kamen nicht. Sie schienen verschwunden zu sein. Ich begann das Pferd von Jerry zu suchen, aber es war wohl weit weggelaufen. Stattdessen fand ich dann in der umgekehrten Richtung meinen Rappen wieder. Als wenn überhaupt nichts geschehen wäre, kam er auf mich zu, legte freundlich seine Nüstern an meine Brust und rieb sie.

Ich führte ihn zurück zu Jerry, dann überlegte ich, ob ich Jerry mitnehmen oder ihn hier in den Bergen begraben sollte. Ich entschied mich dann, ihn hierzulassen, fand in den Felsen eine höhlenartige Einbuchtung, legte ihn hinein, durchsuchte dann seine Kleidung nach irgend einem Hinweis nach Angehörigen, aber ich fand nichts dergleichen, nur einen Ausweis und sein Abzeichen. Das steckte ich mir ein, um es irgendwo bei einem Sheriff oder einem anderen Texas Ranger abzuliefern. Danach schleppte ich Steine heran, mit denen ich den Zugang zu dieser Höhle versperrte.

Vielleicht würde ich den O’Neills Bescheid sagen, und man konnte den Toten holen oder aber hier an dieser Stelle so etwas wie einen Grabstein errichten. Aber besser, ich holte ihn später selbst, damit er ein richtiges Grab bekäme.

Trotz der Dunkelheit saß ich auf und ritt noch einmal zurück, um nach dem Falben zu suchen. Schließlich fand ich ihn. Aber er war ohne Sattel und ohne Zaumzeug. Alles deutete darauf hin, dass die Männer, die Jerry getötet hatten, auch diese Dinge mitgenommen zu haben schienen. Das Pferd allerdings hatten sie nicht haben wollen.

Ich nahm den Falben mit und beschloss, ihn bei den O'Neills zu lassen.

Am Mittag des nächsten Tages erreichte ich die Pferdewechselstation der O’Neills. Ich überlegte noch, wie ich es Rosie beibringen sollte, was ich erlebt hatte. Doch es kam anders. Der alte, vierschrötige O’Neill tauchte auf, begrüßte mich freudig und teilte mir dann in einem Atemzug mit, dass seine Töchter nicht da seien. Er habe sie, sagte er mit einem hinterhältigen Grinsen, zu seinem Bruder in den Osten geschickt, damit sie etwas Vernünftiges lernen sollten.

Ich spürte richtig, welche Freude es diesem alten Hundesohn machte, mir das zu sagen.

Er wurde allerdings jäh ernst, als ich ihm die Geschichte von Jerry Comestock berichtete, ihm das Pferd und schließlich auch die Ausweise abgab und ihm zugleich mitteilte, dass ich am nächsten Tage weiterreiten würde.

Er versuchte noch, mich zu überreden, bei ihm einen Tisch zu mieten, aber ich sagte: „Ich weiß eine andere Stelle. Ich werde woanders spielen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738910032
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Mai)
Schlagworte
callahan fährte nachtreiter

Autor

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Titel: Callahan #6: Die Fährte der Nachtreiter