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New York Sommermörder: Neun Krimis auf 1203 Seiten

von Alfred Bekker (Autor) Thomas West (Autor) A. F. Morland (Autor) Peter Dubina (Autor)

2017 1203 Seiten

Leseprobe

New York Sommermörder: Neun Krimis auf 1203 Seiten

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2017.

New York Sommermörder: Neun Krimis auf 1203 Seiten

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Gesamtumfang: ca. 1203 Taschenbuchseiten

Dieses Buch enthält die Krimis:

Alfred Bekker: Feuer und Flamme

A.F.Morland: Milo Tuckers Grab

Alfred Bekker: Club der Mörder

Thomas West: Rächer ohne Namen

Thomas West: Gangster Rapper

Peter Dubina: Mord zu festen Preisen Teil 1

Peter Dubina: Blut auf weißen Westen Teil 2

Peter Dubina: Sporinza darf nicht singen

Peter Dubina: Blutiger Traum vom Glück

Thomas West ist das gut gehütete Pseudonym eines renomierten Autors.

A.F. Morland ist der Erfinder  der Serie „Tony Ballard“.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Tod eines Schnüfflers

Kriminalroman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Kriminalroman aus der Serie NEW YORK DETECTIVE um Bount Reiniger!

Ein New Yorker Privatdetektiv war in krumme Geschäfte verwickelt und wird erschossen.

Sein Kollege Bount Reiniger ermittelt und gerät in einen Sumpf des Verbrechens. Packender Thriller von Erfolgsautor Henry Rohmer (ALFRED BEKKER).

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

New York 1991

Steve Tierney nahm das Diktiergerät zur Hand und versuchte zum letzten Mal, endlich seinen Bericht abzuschließen. Aber im Grunde wusste er, dass es auch diesmal nichts werden würde. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Als sein Blick seitwärts ging, sah er seine eigene Hand ein wenig zittern.

Ich bin schon weit gekommen!, durchfuhr es ihn. Er atmete tief durch, erhob sich von seinem unbequemen Bürostuhl und legte das Diktiergerät auf den unaufgeräumten Schreibtisch. Tierneys Büro lag in der Lower East Side, weil er sich nichts Teureres leisten konnte. Doch jetzt hatte er vielleicht die Chance, den Aufstieg vom Schmalspur-Schnüffler zum Gentleman-Ermittler zu schaffen. Aber die Sache war noch nicht sicher. Sie stand auf Messers Schneide und wenn er Pech hatte, schnitt ihm dieses Messer am Ende die Kehle durch. Tierney musste höllisch aufpassen und wusste das auch. Aber die Versuchung war einfach zu groß gewesen. Eine solche Chance gab es nicht zweimal...

Tierney trat ans Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Es war schon spät. Eigentlich hatte er längst zu Hause sein wollen, aber in seinem Job durfte man nicht auf die Uhr schauen.

Er dachte plötzlich an seine Frau Karen und an Michael, seinen Sohn, der in ein paar Wochen zehn Jahre alt wurde. Um ihretwillen hätte ich mich nie auf diese verdammte Geschichte einlassen sollen!, ging es ihm schmerzhaft durch den Kopf. Aber jetzt war es zu spät dafür, irgendetwas zu bereuen. Jetzt musste er die Sache durchstehen und hoffen, dass alles gut ging. Wenn die Sache ausgestanden war, würden sie alle drei davon profitieren und eine bessere Zukunft haben. Keine nächtlichen Observationen von untreuen Ehemännern mehr, kein stundenlanges Herumlungern in der Nähe von Geldautomaten mehr, um irgendwelchen Scheckkartenbetrügern auf die Spur zu kommen...

Security Consulting für große Unternehmen - etwas in der Art schwebte Tierney für die Zukunft vor. Mit festen Bürostunden nach Möglichkeit. Und natürlich mit mehr Zeit für seine Familie.

In diesem Moment zuckte Tierney unwillkürlich zusammen. Das passierte ihm jetzt öfter. Seine Nerven hatten ziemlich gelitten, seit er in dieser Sache drin hing. Er hatte ein Geräusch an der Tür gehört. Jemand drückte auf die Klingel, aber die funktionierte schon seit langem nicht mehr. Also klopfte es eine Sekunde später.

Tierney hatte sein Schulterholster abgeschnallt und auf den Schreibtisch gelegt. Jetzt ging sein Griff dorthin, um die Waffe in die Hand zu bekommen. Es war eine Beretta und er fühlte sich schon wesentlich besser, als er den Pistolengriff in seiner Rechten spürte.

Mit der Waffe im Anschlag ging er in Richtung Tür, an der es zum zweitenmal klopfte, diesmal schon etwas ungeduldiger.

Tierney warf einen Blick durch den Spion. Im Flur stand ein Mann, den er nicht kannte.

"Was wollen Sie?", rief Tierney.

"Machen Sie auf, ich muss mit Ihnen sprechen!", kam es durch die Tür. "Aber nicht so, dass alle Welt das mitbekommt! Oder nehmen Sie keine Klienten mehr an?"

Tierney überlegte kurz. In seinem Hirn arbeitet es fieberhaft. Der Kerl da draußen war vermutlich kein Klient - obwohl Tierney dafür bekannt war, dass man ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen konnte. Aber in seiner jetzigen Lage glaubte er einfach nicht daran. Viel näherliegender war eine andere Möglichkeit. Jemand hatte vermutlich eine Art bezahlten Todesengel vorbeigeschickt, um Steve Tierney loszuwerden.

"Einen Moment!", rief Tierney, ohne die Absicht zu haben, dem Fremden wirklich zu öffnen. Er wollte nur Zeit gewinnen. Tierney schlich rückwärts und blickte sich in seinem schäbigen Büro um, in dem er jetzt wie in einer Mausefalle saß. Er hatte keine Chance hinauszukommen. Es gab keinen Balkon, keine Feuerleiter, nicht einmal die Möglichkeit zu einen Sprung aus dem Fenster, dessen Rahmen sich so verzogen hatte, dass er es im Winter hatte festnageln müssen, um nicht bei der Erledigung des leidigen Bürokrams zu erfrieren.

In Tierneys Büro gab es kaum Deckung. Es war kein Ort, um sich dort zu verstecken. Die Einrichtung war karg. Außer dem Schreibtisch befanden sich da nur ein paar selbsttragende Regale an den Wänden, in denen er die Akten mit seinen Ermittlungsunterlagen aufbewahrte.

Tierney war gerade bis zum Schreibtisch gekommen, da gab es ein hässliches Geräusch. Es klang fast so, als hätte jemand kräftig geniest, aber Tierney wusste, dass es etwas anderes war.

Eine Pistole mit Schalldämpfer! Der Kerl hatte kurzerhand das Schloss zerschossen. Die Tür öffnete sich einen Spalt.

Tierney machte das Licht aus und ging hinter dem Schreibtisch in Deckung. Dann entsicherte er seine eigene Waffe. Er packte die Beretta mit beiden Händen und wartete einfach die nächsten Sekunden ab, die endlos langsam voranzuschreiten schienen. Das erste, was er durch die Tür kommen sah, war der langgezogene Schalldämpfer.

Einen Augenblick noch wartete er. So lange, bis der Kerl zur Hälfte hereingekommen war. Tierney sah von dem Eindringling nicht viel mehr als einen schattenhaften Umriss. Aber als Ziel reichte das völlig aus. Steve Tierney dachte gar nicht daran, zu warten, bis der Killer versuchte, ihn zu töten. Seine einzige Chance war, ihm zuvor zu kommen. Und so tauchte er aus seiner Deckung hervor, legte die Beretta an und feuerte.

Der Eindringling reagierte allerdings blitzschnell. Er ließ sich zur Seite fallen und dann machte es 'Plop!'. Dreimal schnell hintereinander feuerte der Killer und traf. Ein Ruck ging durch Tierneys Körper. Er taumelte nach hinten und riss seine Beretta noch einmal hoch, um zu feuern. Doch bevor er dazu Gelegenheit bekam, hatte der Killer noch einmal abgedrückt. Der Schuss traf Tierney direkt in der Brust. Die Kugel trat auf der anderen Seite wieder aus und ließ die Fensterscheibe zu Bruch gehen. Tierney wurde nach hinten gerissen, so dass er dann aus dem Fenster kippte. Sieben Stockwerke, das war schon ein ganz ordentlicher Sturz. Der Killer machte indessen das Licht wieder an.

Der Fenstersturz war eigentlich nicht geplant gewesen. Letztlich bedeutete er für den Killer aber nur, dass er jetzt schneller arbeiten musste. Eine Viertelstunde, so schätzte er, hatte er mindestens. Er warf einen kurzen Blick hinaus aus dem Fenster. Ein hässlicher Anblick.

Es war schon jemand bei dem Toten und hatte sich über ihn gebeugt, ein anderer kam herbei. Aber es würde niemand hinauf ins Büro kommen, solange nicht die Polizei eingetroffen war. Das wusste der Killer aus Erfahrung. So waren die Leute nun einmal. Sie wollten etwas sehen, aber sich in nichts hineinziehen lassen.

Der Killer steckte seine Pistole ein und wandte sich dann den Akten zu, mit denen Steve Tierney seine Regale vollgestellt hatte. Eine nach der anderen wurde herausgerissen, durchgeblättert und dann auf den Boden geworfen.

2

Captain Toby Rogers vom Morddezernat Manhattan C/II war ein korpulenter Koloss. Er kam schnaufend aus seinem Dienstwagen heraus und bewegte sich auf den Tatort zu. Mantel und Jackett waren offen, seine Hemdknöpfe bis zum Zerreißen gespannt.

Die zahlreich postierten Uniformierten konnten das Heer der Schaulustigen kaum ausreichend abdrängen und auch Rogers hatte einige Mühe, sich durch den Pulk hindurchzudrängeln.

Schließlich hatte er sich bis zu Lieutenant Browne vorgearbeitet, der neben einer männlichen Leiche stand.

"Mehrere Schüsse", erklärte der lockenköpfige Browne, als er den Captain neben sich auftauchen sah. "Zwei davon waren tödlich. Da ist jemand sehr gründlich gewesen!"

"Sieht aus, als wäre er da oben aus dem Fenster gesprungen!", vermutete Rogers.

Browne zuckte die Achseln. "War sicher kein freiwilliger Sprung!"

"Warst du schon oben?"

"Ja. Jetzt ist die Spurensicherung gerade dort!"

"Wo ist denn der verdammte Arzt?"

"Schon wieder weg, Captain."

"Und die Todeszeit?"

"23 Uhr 47."

Rogers zog die Augenbrauen hoch und runzelte die Stirn. Er sah Lieutenant Browne an, als wollte dieser ihn auf den Arm nehmen. "So genau, Lieutenant?"

"Wir haben die Aussage einer Frau, die einen Schuss hörte, nachdem sie kurz vorher auf die Uhr geschaut hatte!"

"Einen Schuss?"

Browne nickte. "Ja, und den muss der arme Kerl hier selbst abgegeben haben. Er besaß eine Beretta. Sein Mörder hat wohl mit Schalldämpfer gearbeitet!"

Rogers verzog das Gesicht. Das klang nicht gut.

Er zwang sich dazu, den Toten anzuschauen, aber die Mühe hätte er sich sparen können. Der Schädel war ziemlich zerstört und obendrein blutbeschmiert. Vom Gesicht war nicht viel zu sehen. "Er heißt Steve Tierney und unterhielt hier ein Büro als Privatdetektiv", hörte der Captain die sonore Stimme von Browne.

Rogers nickte. "Haben wir zufällig mal mit ihm zusammengearbeitet?"

"Glaube ich nicht", meinte Browne. "Jedenfalls ist er mir nicht in Erinnerung geblieben."

Zwei Männer kamen jetzt herbei, um den Toten in einen Zinksarg zu legen. Rogers wandte sich ab. Er war verdammt froh darüber, dass das nicht sein Job war.

"Gehen wir hinauf in das Büro", meinte er zu Browne.

"Es war durchwühlt", sagte Browne. "Vielleicht ist Tierney auf irgendetwas gestoßen, das so brisant war, dass man ihm gleich einen Killer auf den Hals gehetzt hat!"

Rogers zuckte mit den Schultern.

"Schon möglich", meinte der Captain und fuhr fort: "Kann aber genauso gut sein, dass er sich als Erpresser versuchte. Reich ist er mit seinem Job ja wohl nicht geworden - wenn er hier residierte!"

Rogers war schon ein paar Schritte gegangen, da ließ ihn Brownes Stimme abrupt stoppen.

"Ach, Captain... Da ist noch etwas..."

Browne druckste ein wenig herum, während Rogers ihn anfuhr: "Na los, raus damit!"

"Tierney hatte Frau und Kinder."

"Ich hoffe, es hat sie jemand benachrichtigt. Und zwar mit Einfühlungsvermögen!"

"Das ist es ja eben. Ich hatte gehofft, dass Sie..."

3

"Guten Tag, Mister Reiniger!"

Die Gesichtsfarbe des Mannes war so grau wie sein Anzug. Sein Lächeln schien nichts weiter als eine gefühllose Maske zu sein. Eine geschäftsmäßige Maske.

Sein Name war Norman Reynolds, und er war seines Zeichens Notar und Rechtsanwalt, im übrigen einer mit ziemlich gutem Ruf.

Bount Reiniger, der Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches, hatte ebenfalls in seiner Branche einiges an Renommee. Er bot seinem Gast einen Sessel an.

"Es freut mich, Sie endlich einmal kennenzulernen, Mister Reiniger."

"Ganz meinerseits."

"Ich habe schon einiges von Ihnen gehört. Man sagt, Sie wären New Yorks bester Privatdetektiv!"

Bount lächelte ironisch. "Die Leute sagen viel, Mister Reynolds. Das wissen Sie sicher auch..."

Aber diese Art von Humor kam bei dem grauen Mann offensichtlich nicht so recht an. Er blieb knochentrocken, sein Gesicht fast reglos. Er wandte den Kopf kurz zu der dritten Person, die sich im Raum befand. Es war eine äußerst attraktive Blondine, deren enganliegendes Strickkleid wenig von dem verbarg, was sich darunter befand. Norman Reynolds beeindruckte das jedoch augenscheinlich nicht im Geringsten.

Er wandte sich an Bount.

"Ich hätte Sie gerne unter vier Augen gesprochen, wenn es Ihnen nichts ausmacht."

"Es macht mir nichts aus, aber dies ist Miss June March, meine Mitarbeiterin. Sie wird ohnehin erfahren, worum es geht. Da kann sie auch gleich dabei sein, finden Sie nicht?"

Norman Reynolds fand das nicht.

Aber er setzte sich trotzdem.

"Was ist Ihr Anliegen, Mister Reynolds?", erkundigte sich Bount, während er sich eine Zigarette anzündete.

"Ich bin hier, weil ich die traurige Pflicht habe, den letzten Willen eines Verstorbenen zu erfüllen. Vor zwei Tagen wurde ein Privatdetektiv namens Steve Tierney in seinem Büro erschossen. Es ist kein Fall, von dem Sie gehört haben müssten, Mister Reiniger. Vielleicht gab es eine kleine Randnotiz in der Zeitung, vielleicht noch nicht einmal das." Reynolds erzählte dies mit fast emotionsloser Stimme. Er zuckte einmal zwischendurch kurz mit den Schultern und fuhr dann fort: "Mister Tierney hat mich zu Lebzeiten beauftragt, Ihnen das hier auszuhändigen."

Er überreichte Bount ein Kuvert und dieser öffnete es. Darin befand sich ein Brief, in dem der Ermordete Bount Reiniger den Auftrag gab, seinen Tod aufzuklären. Außerdem ein Scheck, sowie ein Schlüssel. Dazu eine von Tierney unterzeichnete Vollmacht, die Bount Reiniger ermächtigte, den Inhalt eines Bankschließfachs abzuholen. Laut Brief befanden sich dort die Ermittlungsunterlagen zu Tierneys letztem Fall.

Bount gab den Brief an June weiter, die ihn kurz überflog.

"Heißt das, dass dieser Tierney von seiner bevorstehenden Ermordung wusste - oder zumindest ahnte?", fragte Bount stirnrunzelnd.

Reynolds zuckte mit den Achseln.

"Ich weiß es nicht, Mister Reiniger", bekannte er. "Ich möchte nur wissen, ob Sie den Fall annehmen! Anderenfalls muss ich mich auf die Suche nach jemandem anderem machen. Mister Tierney hatte offenbar - rein professionell gesehen - eine hohe Meinung von Ihnen. Deshalb sind Sie seine erste Wahl gewesen."

Bount überlegte kurz. Dann nickte er. Er hatte eine Entscheidung getroffen. "Ich werde mich um die Sache kümmern", kündigte er an. "Schließlich war Tierney gewissermaßen ein Kollege..."

"Es freut mich, dass Sie die Sache so sehen, Mister Reiniger!", erwiderte Reynolds kühl und erhob sich dann. "Sie ersparen mir damit einiges an Aufwand. Es ist schließlich nicht so einfach, einen guten Privatermittler zu finden!" Er blickte dann auf seine Rolex, um zu unterstreichen, dass er jetzt schleunigst gehen musste.

"Miss March wird Sie hinausbegleiten", sagte Bount.

Aber Reynolds winkte ab. "Danke sehr, aber ich finde den Weg sehr gut allein!" Einen Augenblick später war er verschwunden.

"Das ist doch wohl die merkwürdigste Art und Weise, auf die du je an einen Fall geraten bist, Bount! Die ganzen Jahre über, die wir schon zusammenarbeiten, habe ich so etwas noch nicht erlebt!"

Bount grinste. "Das ist eben eine der positiven Seiten dieses Jobs: Es gibt jede Menge Abwechslung!"

Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

"Trotzdem! Dass du dich gleich so hast breitschlagen lassen, wundert mich! Ich frage mich, warum eigentlich!"

Bount hob den Scheck und hielt ihn mit Zeige- und Mittelfinger.

"Ein Argument ist natürlich das hier!"

"Ach, komm schon!" Sie nahm ihm das Papier aus der Hand und warf einen Blick darauf und schüttelte dann den Kopf. "Du könntest dir leicht dickere Fische an Land ziehen, Bount!"

"Sicher", murmelte er und zuckte die Achseln. "Aber ich mag es eben nicht, wenn man einen aus unserer Zunft umbringt. Irgendwie muss man da doch zusammenhalten, findest du nicht?"

4

"Tut mir aufrichtig leid, Sir, aber ich fürchte, ich kann nichts für Sie tun!" Es war der mandeläugigen Bankangestellten nicht anzusehen, ob es ihr wirklich so leid tat oder nicht viel mehr eher peinlich war. Aber im Grunde war das auch gleichgültig.

Bount Reiniger sah noch einmal kurz in das Bankschließfach und seufzte dann. Das Fach war leer. Nicht einmal ein Staubkorn war darin zu sehen - aber es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein, hier alle Beweise wohlgeordnet auf einem Haufen zu finden.

"Was heißt das - Sie können nichts für mich tun?", fragte Bount stirnrunzelnd. "Ich habe den Schlüssel und eine Vollmacht des Verstorbenen, in dem er ausdrücklich mich dazu ermächtigt, den Inhalt des Faches abzuholen!"

"Das mag schon sein, Mister..."

"Reiniger."

"Unsere Bank verbürgt sich dafür, dass kein Unbefugter an das Fach herankommen kann!"

"Mister Tierney hat eine Menge Geld dafür hingeblättert, dass ich den Inhalt dieses Faches abhole. Das hätte er nicht, wenn es leer gewesen wäre!"

"Ich kann ja mal in den Unterlagen nachschauen, Mister Reiniger. Wenn wirklich jemand Zugang zu dem Fach gehabt hat, müsste eine Unterschriftsprobe vorhanden sein, die wir obligatorisch verlangen."

Bount lächelte dünn.

"Dann seien Sie bitte so freundlich und schauen Sie nach!"

Sie verließen den Raum mit den Schließfächern. Und dann sah Bount es eine Minute später schwarz auf weiß: Der Inhalt des Fachs war abgeholt worden. Und zwar von Karen Tierney, der Witwe des Ermordeten.

"Nach den Unterlagen hatten wir keinen Grund, ihr den Zugang zu verwehren!", meinte die Mandeläugige. "Sie war ja schließlich seine Witwe!"

"Hatte sie einen Schlüssel?"

"Den brauchte sie nicht unbedingt. Es kommt immer mal wieder vor, dass Hinterbliebene nicht wissen, wo der Verstorbene den Schlüssel aufbewahrt hat. In solchen Fällen verlangen wir Schadensersatz, weil wir ein neues Schloss einsetzen müssen..."

"Und Mrs. Tierney hat bezahlt?"

"So ist es."

5

Karen Tierney hatte feuerrotes Haar und dunkle Augen, die im Augenblick sehr traurig wirkten. Sie war eine hübsche, zierlich gebaute Frau, die sich aber im Augenblick etwas vernachlässigt zu haben schien.

Jedenfalls begrüßte sie Bount im Morgenmantel, als er vor ihrer Wohnungstür auftauchte. Die Tierneys wohnten zur Miete im Parterre eines mehrstöckigen Reihenhauses.

"Ich kaufe nichts und ich lasse mich auch zu nichts bekehren", murmelte sie müde und wollte Bount schon die Tür vor der Nase zuschlagen.

"Warten Sie einen Moment, Mrs. Tierney. Ich muss unbedingt mit Ihnen sprechen..."

Sie strich sich die rote Mähne zurück und machte: "Ach, ja? Machen Sie' es kurz. Es geht mir nicht besonders gut!"

"Mein Name ist Bount Reiniger, ich bin Privatdetektiv."

"Was wollen Sie?"

"Es geht um Ihren ermordeten Mann! Darf ich hereinkommen?"

Sie war noch immer misstrauisch und so zeigte Bount ihr seine Lizenz.

"Was soll ich mit dem Wisch?"

"Wenn nach meinem Besuch das Familiensilber fehlt, wissen Sie jedenfalls, wer es hat." Er sah sie offen an. Vor ihm stand eine gebrochene Frau, die wirkte, als wäre sie ziemlich aus der Bahn geworfen worden. Und Bounts Bemerkung heiterte sie auch nicht im Geringsten auf. Sie reagierte nur mit einem Schulterzucken, das nicht weniger auszusagen schien, als dass ihr im Moment ohnehin alles ziemlich egal war.

"Wer schickt Sie?", fragte sie.

"Ihr Mann hatte einen Notar beauftragt, mich im Falle seines Todes zu engagieren, um seinen Mörder zu finden!"

Sie sah Bount erstaunt an. "Davon wusste ich nichts", meinte sie.

"Die Polizei war sicher schon bei Ihnen, nehme ich an..."

"Ja", nickte sie. "Ein gewisser Lieutenant Browne."

"Ein langer Kerl mit lockigen Haaren, nicht wahr?"

"Kennen Sie ihn?"

"Er arbeitet in der Mordkommission von Captain Rogers und das ist ein alter Freund von mir!"

Sie musterte Bount eingehend von oben bis unten und auf einmal schien ihr aufzufallen, dass ihr eigenes Outfit an diesem Tag nicht dem letzten Schrei entsprach. Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. Es war ihr peinlich. Dafür schien das Misstrauen nicht mehr ganz so stark zu sein.

"Kommen Sie", murmelte sie. Bount wurde in ein Wohnzimmer geführt und bekam einen Platz in einem klobig wirkenden Ledersessel.

Sie setzte sich ebenfalls.

"Ich sehe heute nicht besonders gut aus", meinte sie. "Aber wissen Sie, Steves Tod war ein schwerer Schlag für mich. Ich stehe jetzt vor dem Nichts. Und ich wüsste übrigens auch nicht, wie ich Sie bezahlen sollte!"

"Das hat Ihr Mann schon erledigt!"

"Was?"

"Ja, ein Scheck. Hier ist die Quittung der Bank. Ich habe ihn vor einer halben Stunde eingelöst." Bount holte die Quittung aus seiner Brieftasche und zeigte sie ihr.

Sie runzelte die Stirn. "Ich wusste gar nicht, dass Steve bei dieser Bank auch ein Konto besitzt", murmelte sie. "Und dann die Summe!" Sie gab Bount die Quittung zurück. "Ich kann für Sie nur hoffen, dass der Scheck gedeckt war, Mister Reiniger!"

"Hat Ihr Mann mit Ihnen über seine Arbeit gesprochen?"

"Nein, nie. Er wollte seinen Ermittler-Job und das Privatleben strikt auseinanderhalten. Deshalb liegt sein Büro auch am anderen Ende der Stadt." Sie zuckte die Achseln "Er hatte sicher dafür seine Gründe, denn die Sachen, die er gemacht hat, waren wohl nicht immer ganz ungefährlich. Er wollte uns - mich und unseren kleinen Michael - nicht in diese Dinge hineinziehen."

"Dann wissen Sie auch nicht zufällig, woran er in letzter Zeit gearbeitet hat?"

"Nein. Keine Ahnung."

"Wurde er vielleicht von irgendjemandem bedroht?"

"Nicht, dass ich wüsste, Mister Reiniger." Sie zuckte die Achseln und rieb die Handflächen aneinander. "Ich fürchte, ich bin Ihnen keine große Hilfe, was?"

Bount studierte eingehend ihr Gesicht. Die Augen wirkten unruhig und sie rutschte auf ihrem Platz hin und her. Der Privatdetektiv hatte das Gefühl, dass sie ihm nicht hundertprozentig die Wahrheit sagte oder zumindest etwas verschwieg. Zum Beispiel die Sache mit dem Bankschließfach, aber Bount wollte erst noch abwarten, bevor er damit herauskam.

Plötzlich sagte Sie: "Ich sehe keinen großen Sinn darin, wenn Sie auch noch in dieser Sache herumrühren, Mister Reiniger."

Bount hob die Augenbrauen. "Es wundert mich, dass Sie das sagen!"

"Was könnten Sie schon herausfinden, was die Polizei nicht auch früher oder später herausbekommt?", erwiderte Karen Tierney.

"Nun, Ihr Mann hat das offenbar anders beurteilt."

"Lassen Sie es gut sein und überlassen Sie die Sache der Polizei!"

"Merkwürdig, dass Sie so denken, Mrs. Tierney."

"Warum?"

"Weil es meiner Erfahrung nach so ist, dass Angehörige um jeden Preis diejenigen bestraft wissen wollen, die für die Tat verantwortlich sind..."

"Das ist bei mir nicht anders!", erwiderte sie mit belegter Stimme. "Aber ich bin realistisch. Außerdem können weder Sie noch die Polizei mir meinen Mann wieder holen..."

Damit hatte sie natürlich recht.

Bount erhob sich, um zu gehen. "Haben Sie ein Bild von ihm?"

"Ja, aber..."

"Dann geben Sie es mir bitte."

Sie zögerte. "Sie wollen nicht lockerlassen, oder?"

"Ich habe einen Auftrag."

"Und wenn ich Ihnen diesen Auftrag wieder entziehe?"

"Darauf würde ich mich nie einlassen, Mrs. Tierney. Der Auftrag war der letzte Wille Ihres Mannes. Und den werde ich respektieren."

Sie nickte. Eine seltsame Anspannung hatte sie erfasst, die Bount sich nicht ganz erklären konnte.

"Ich hole Ihnen ein Foto", sagte sie.

Als sie zurück war und Bount ein Foto von Tierney gegeben hatte, fragte dieser: "Liegt es vielleicht am Geld, dass Sie mir den Auftrag entziehen wollten? Darüber könnten wir reden. Ich muss nicht gleich mein Auto verkaufen, wenn ich auf den Scheck verzichte."

Sie schüttelte den Kopf und vermied es dabei, Bount in die Augen zu sehen. "Nein", meinte sie. "Darum geht es nicht."

"Haben Sie einen Job?"

"Nein. Ich werde mir etwas suchen müssen."

"Und eine Lebensversicherung?"

"Alles futsch. Steve hat eine Hypothek darauf aufgenommen, als wir uns die neue Wohnungseinrichtung gekauft haben. Außerdem war ich letztes Jahr ein paar Wochen im Krankenhaus, das ging auch ganz schön ins Geld. Deshalb wundert es mich ja auch so, dass Steve Ihnen ein solches Honorar zahlen konnte!"

"Wie gesagt, wir können darüber reden."

"Ich bin keine Bettlerin!", erklärte sie empört.

"So war es auch nicht gemeint!"

"Schon gut."

Sie gingen zur Tür.

"Wir werden uns sicher bald wiedersehen", meinte Bount. "Tut mir leid, dass ich Ihnen das nicht ersparen kann.“

"Das braucht Ihnen nicht leid zu tun."

Als Bount die Wohnung verließ, kam ein etwa zehnjähriger Junge das halbe Dutzend Stufen bis zur Haustür hinaufgerannt. Das musste Michael sein.

Karen Tierney nahm ihren Sohn voller Erleichterung in die Arme. "Ich bin froh, dass du da bist", sagte sie.

Michael schaute zu Reiniger hinüber und unterzog ihn einer kritischen Musterung. "Wer ist der Mann?"

"Ein Privatdetektiv", erklärte seine Mutter.

"Wie Dad?"

"Ja, wie Dad."

Der Junge musterte Bount ein paar Sekunden lang und ging dann ins Haus.

6

Captain Toby Rogers und Bount Reiniger waren seit Jahren befreundet, aber der Police Captain schien sich heute nicht besonders zu freuen, den Privatdetektiv wiederzusehen.

Er fegte wie eine Dampfwalze durch das Morddezernat, in der einen Hand einen Kaffeepott, in der anderen einen Stapel Unterlagen. Als er Bount sah, stoppte er ziemlich abrupt, verdrehte die Augen und seufzte.

"Wenn du auftauchst, Bount, dann bedeutet das meistens Arbeit für mich! Aber ich sage dir gleich: Ich stecke bis zum Hals in Arbeit!"

Bount lachte. "Na, da geht es dir wie mir, Toby!"

"Vielleicht. Aber mit dem Unterschied, dass ich dir bei deinem Job helfen soll, während du mich von meinem abhältst!"

"Na, na, übertreibst du nicht ein bisschen?"

Rogers schüttelte den Kopf. "Kaum! Eher im Gegenteil!"

"Meistens war es doch so, dass wir beide profitierten, wenn wir zusammen an einem Strang gezogen haben, Toby!"

"Wie auch immer, du lässt dich doch nicht abwimmeln! Also komm mit! Einen Kaffee kann ich dir allerdings nicht anbieten. Unsere Maschine ist kaputt. Ich hatte das Glück, die letzte Tasse abgekriegt zu haben!"

Wenig später waren sie in Rogers’ Dienstzimmer und der Captain hatte sich hinter seinem Schreibtisch ächzend niedergelassen, während Bount es vorzog, stehen zu bleiben.

"Worum geht es, Bount? In welche Akte willst du einen unerlaubten Blick werfen?", feixte Toby.

Bount machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Sagt dir der Name Tierney etwas?"

"Natürlich. Ein Fall unter vielen, der darauf wartet gelöst zu werden. Was hast du damit zu schaffen?"

"Ich suche Tierneys Mörder."

Rogers lachte heiser. "Was du nicht sagst! Dasselbe gilt auch für mich!"

Rogers fuhr mir seinem Bürostuhl einen Meter zur Seite und hatte eine Sekunde später eine Akte in der Hand, die er anschließend Bount hinüberreichte. "Unverbindlich zur Ansicht", meinte er. "Der Killer ist auf Nummer sicher gegangen und hat mehrfach abgedrückt. Wahrscheinlich hat er einen Schalldämpfer benutzt."

Reiniger hob die Augenbrauen.

"Ein Profi?"

"Ist nicht auszuschließen. Dafür spräche auch, dass es am Tatort - seinem Büro - keinerlei Spuren gibt. Keinen Fingerabdruck, gar nichts.“

"Hat der Mörder Tierneys Unterlagen durchsucht?"

"Gründlich! Woher weißt du das?"

Bount zuckte die Achseln. "Ich zähle einfach zwei und zwei zusammen, das ist alles." Er langte in die Innentasche seines Jacketts und holte den Brief heraus, den der Notar Reynolds ihm übergeben hatte. Er gab Rogers das Papier und meinte dazu: "Tierney muss geahnt haben, dass es jemand auf ihn abgesehen hatte. Und es hängt wahrscheinlich mit seinem letzten Fall zusammen."

Rogers nickte.

"Tierney hat sich eine Schießerei mit dem Killer geliefert. Das heißt, dass er wusste, dass es ihm an den Kragen würde... Hast du dir das Bankschließfach mal angesehen, von dem hier die Rede ist?"

"Habe ich. Es war leer. Die Witwe hat es leergeräumt, aber sie weiß angeblich nicht, woran ihr Mann gearbeitet hat. Was weißt du bisher über Tierney?"

Rogers hob die Schultern.

"Nun, er ist eine Art Schmalspur-Schnüffler. Ein kleiner Fisch im großen Teich New York. Jedenfalls geht das aus seinen Ermittlungsunterlagen hervor. Untreue Ehemänner und Ladendiebe, manchmal auch Personen- und Objektschutz."

"Und seine Auftraggeber?"

"Privatleute, manchmal mittlere und kleine Firmen." Toby Rogers deutete auf die Akte. "Steht alles darin. Lieutenant Browne war ziemlich fleißig, leider hat er aber bislang noch keinen hier aufs Revier geschleppt, von dem man annehmen kann, dass er der Mörder war!"

Bount schlug die Akte auf. "Ich werde mir ein paar Sachen herausschreiben!", meinte er. Da war zum Beispiel der Kaliber der Mordwaffe oder die Liste der Klienten. Aber vermutlich hatte der Mörder bei seiner Suchaktion dafür gesorgt, dass sein Name nicht auf dieser Liste stand.

"Hat Tierney eigentlich mal jemanden in den Knast gebracht oder sonstwie übel mitgespielt?", fragte der Privatdetektiv dann, während er Kugelschreiber und Notizblock aus der Jackentasche holte.

"Nicht, dass wir bisher wüssten, Bount. Wie gesagt, die großen Sachen waren nicht sein Feld."

"Und Informanten? Jeder Privat Eye hat seine Spitzel, um an Informationen heranzukommen, die einem sonst kein Mensch geben würde..."

"In seinen Akten haben wir darüber nichts gefunden." Prustend erhob er sich und walzte bis zum Fenster, wo er kurz stehen blieb, um hinaus ins Freie zu blicken. Dann drehte er sich zu Bount herum. "Ich will dich ja nicht entmutigen, aber..."

"Aber was?", hakte Bount nach.

"Du weißt, dass wir nicht alle Morde aufklären können - und dieser hat gute Chancen dazuzugehören! Keine Spuren, keine Täterbeschreibung, nichts Greifbares. Wenn sich herausstellt, dass der Killer wirklich ein Profi ist, dann könnte er längst über alle Berge sein! Wenn Tierney ein Drogendealer wäre, würde man die Sache schnell in der Schublade Bandenmorde ablegen."

"Tierney war aber kein Dealer, soweit ich weiß."

"Aber ein Mann, der sich gezwungenermaßen auf beiden Seiten der Grenze, die das Gesetz zieht, auskannte. Woher wissen wir, ob er nicht auch auf der anderen Seite des Zauns gegrast hat?"

"Richtig", murmelte Bount. "Das wissen wir nicht. Aber ich kriege es heraus, darauf kannst du Gift nehmen!"

Rogers hob die Arme.

"Ich hoffe du lässt es mich dann wissen!"

Bount grinste. "Aber nur, wenn dir das nicht zuviel Zeit raubt und dich von deinem Job abhält!"

7

Michael musste mit seinem Fahrrad ziemlich abrupt abbremsen, um den Mann nicht anzufahren, der da mitten auf dem Gehweg stand.

"Pass doch auf!", knurrte dieser mürrisch.

"Entschuldigung!"

Einen Augenblick lang begegneten sich ihre Blicke und der Junge erschrak unwillkürlich. Der Mann war hochgewachsen und sehr schlank, was noch dadurch unterstrichen wurde, dass er einen enganliegenden dunkelgrauen Mantel trug. Sein Gesicht war von ungesund wirkender Blässe. Als er den Jungen ansah, zuckte unterhalb des linken Auges ein Muskel. Aber das war gar nicht das eigentlich Erstaunliche. Das waren die Augen. Jedenfalls für den Jungen. Diese Augen schienen ihn geradezu zu durchbohren. Eine fast hypnotische Kraft ging von ihnen aus und verhinderten, dass Michael sich abwandte.

Auf einmal war dem Jungen klar, dass er diesen Mann nicht mochte. Er konnte nicht sagen, weshalb eigentlich. Es war einfach so.

"Ist noch was?", fragte das Bleichgesicht.

"Nein, Sir!", stammelte Michael.

"Warum glotzt du mich dann so an?"

Dem Jungen fiel auf, dass der Mann Handschuhe trug, obwohl es gar nicht so kalt zu sein schien, dass das nötig war.

Der Mann ging an dem Jungen vorbei, und die Stufen hinauf. Michael konnte nicht anders, als hinzusehen, denn das waren die Stufen, die zu ihrer Wohnung führten.

Seine Mum schien den Mann zu erwarten. Jedenfalls stand sie plötzlich in der offenen Haustür.

"Tag, Mrs. Tierney!", sagte der Mann.

Sie schien sich nicht sehr über den Besuch zu freuen.

"Was wollen Sie?", fragte sie gereizt.

"Ich will mich nur erkundigen, ob Sie sich meinen Vorschlag überlegt haben!"

Sie nickte. Und dann sah sie ihren Sohn mit dem Fahrrad. Der bleiche Mann drehte sich halb herum und verzog das Gesicht zur schwachen Ahnung eines Lächelns.

"Ihr Junge?", fragte er. Sein Mund wurde breiter. Sie brauchte gar nichts zu sagen. Er wusste, dass es ihr Junge war.

"Ich habe es mir überlegt", sagte sie. "Ich bin einverstanden."

"Das freut mich. Auch für Ihren Jungen! Für ihn ganz besonders - wenn Sie verstehen, was ich meine!"

"Es gibt da allerdings noch ein Problem", sagte sie.

"So?"

"Nicht hier!"

Sie gingen ins Haus, aber Michael hatte kein gutes Gefühl dabei, seine Mutter mit diesem Mann allein zu wissen.

Wenig später kam er wieder ins Freie und schloss die Tür hinter sich. Mum kam nicht heraus. Der Mann blickte sich zu beiden Seiten um und lief dann zu seinem Wagen, den er am Straßenrand abgestellt hatte. Es war ein Porsche.

8

Bount Reiniger parkte den champagnerfarbenen 500 SL am Straßenrand und hoffte, kein Strafmandat dafür zu bekommen. Er stieg aus. Dann sah er einen langgestreckten Lockenkopf, der ihm nur zu gut bekannt war.

Es war Lieutenant Browne - und das hieß, dass der Privatdetektiv hier auf jeden Fall richtig war.

Browne bemerkte Bount erst, als dieser ihn schon fast erreicht hatte.

Der Lieutenant machte einen etwas übernächtigten Eindruck, schien aber sonst ganz gut gelaunt zu sein.

"Sagen Sie bloß, Sie arbeiten auch an der Sache, Reiniger!"

"Allerdings!"

"Da oben ist es passiert!" Browne deutete an der Hausfassade hinauf. Bount konnte sich denken, was der andere meinte. In einem Fenster war die Scheibe zerstört. Dort musste Tierney sein Büro gehabt haben. "Die Wucht der Geschosse hat ihn aus dem Fenster geschleudert...", war der Lieutenant zu hören. Wo Tierney aufgekommen war, brauchte Bount niemand zu sagen. Es hatte an den letzten Tagen nicht geregnet und deshalb waren die Kreidemarkierungen noch ganz blass zu sehen.

Bount deutete hinauf. "Das Büro ist versiegelt, nehme ich an..."

"Richtig."

"Ich würde mich dort gerne mal umsehen!"

"Sie werden nichts finden, Reiniger. Die Spurensicherung hat auch nichts entdeckt. Der Killer war so penibel, dass er sogar seine Patronenhülsen wieder eingesammelt haben muss!"

"Trotzdem."

Browne seufzte. "Wenn Sie mir eine Zigarette geben! Ich habe meine im Büro liegen lassen."

"Wenn's weiter nichts ist!"

Sie gingen hinauf in den siebten Stock und Browne entfernte das Siegel. Dann ging die Tür auf. "Sie können sich gerne umsehen", meinte Browne. "Die Spurensicherung hat jeden Fetzen untersucht. Kaputtmachen können Sie also nichts, Reiniger!"

"Danke!"

"So war's nicht gemeint!"

Bount ließ den Blick über das Chaos gleiten, das hier herrschte. "Wie lange hatte der Täter Zeit, um sich hier umzusehen?", fragte Bount.

"23.47 wurde ein Schuss gehört und laut Protokoll war der erste Streifenwagen um 00.01 am Tatort." Browne zuckte mit den Schultern. "Ich habe mich schon hundert mal gefragt, wonach er hier wohl gesucht haben könnte! Besonders schien er sich für Fotos zu interessieren..."

Bount hob die Augenbrauen. "Wie kommen Sie darauf?"

"Der Killer hat die Akten nur kurz durchgesehen, aber wenn Fotos darin waren, sind sie herausgenommen und auf dem Boden verstreut worden."

"Und die Kamera?"

"Welche Kamera?"

"Wenn er Fotos gemacht hat, muss er eine Kamera gehabt haben. Wo ist die?"

"Wir haben keine gefunden, Reiniger! Weder hier in seinem Büro, noch in seinem Wagen! Vielleicht hat der Killer sie mitgenommen!"

Bount nickte. "Wäre möglich." Dann nahm er sich die Schreibtischschublade vor, für den sich der Mörder nicht so sehr interessiert zu haben schien. Sie war prall gefüllt mit Quittungen und Belegen, die Steve Tierney wahrscheinlich für die Steuererklärung gesammelt hatte.

Bount holte die Schublade ganz aus ihren Halterungen heraus stellte sie auf den Tisch.

"Was haben Sie vor?", fragte Browne.

"Tierneys letzter Fall interessiert mich. Vielleicht hat er ja in letzter Zeit irgendwelche Anschaffungen gemacht, die damit zu tun haben!"

Ein paar Minuten hatte Bount gewühlt, dann hielt er tatsächlich etwas in den Händen. Es war die Quittung für eine Kleinbildkamera, kaum eine Woche alt. Und dann war da noch etwas: Subway-Fahrscheine. Die meisten davon gingen in dieselbe Richtung...

"Sehen Sie sich das an", meinte Bount, nachdem er eine ganze Weile in den Belegen herumgewühlt hatte. "In den Wochen vor seinem Tod ist Tierney fast täglich zur Wall Street gefahren..."

Browne runzelte die Stirn. "Zeigen Sie her..."

"Nach allem, was ich bisher über Tierney gehört habe, wäre die Bowery eine plausiblere Adresse!", meinte Bount. "Ich frage mich, was er so oft in der Wall Street zu suchen hatte..."

Browne zuckte die Achseln.

"Vielleicht hatte er einen Nebenjob als Broker!" Das war natürlich nicht ernst gemeint. Aber nur, um die Zeit totzuschlagen oder sich die New Yorker Börse von außen anzusehen, war Tierney sicher auch nicht dort gewesen.

"Ich schätze, er hat jemanden beschattet", murmelte Bount. Fragte sich nur, wen - schließlich war die Auswahl unter den zigtausend Menschen, die täglich in Wall Street und Umgebung arbeiteten ja mehr groß genug.

Als Bount ein paar Minuten später wieder im Wagen saß, meldete sich June per Handy.

"Hallo, Bount!"

"Na, wie steht's?"

"Wie schon! Es gibt nun wirklich Vergnüglicheres, als einen halben Tag vor einem Haus zu sitzen und darauf zu warten, dass jemand bei Mrs. Tierney zu Besuch kommt!"

"Ist denn wenigstens jemand gekommen?"

"Allerdings! Ich habe ein paar Bilder gemacht! Es dürfte nicht allzu schwer sein, herauszukriegen, wer das gewesen ist!"

Wenigstens ein vager Ansatzpunkt!, dachte Bount.

9

Der Fotoladen war nicht besonders groß und an einer Straßenecke gelegen. Der bleichgesichtige Mann sah sich nach einem Parkplatz um, sah aber, dass im weiteren Umkreis keine Chance war, einen Porsche legal abzustellen. So stellte er sich ins Parkverbot. Die Sache würde nicht lange dauern. Unwahrscheinlich, dass man ihn gerade in diesen paar Minuten aufschreiben würde.

Als der bleiche Mann eintrat, sah er hinter dem Tresen einen stämmigen, untersetzt wirkenden Mann mit Halbglatze, der das Bleichgesicht eingehend musterte.

"Was wünschen Sie?", fragte der Untersetzte.

Der Eingetretene legte einen Belegschein auf den Tresen. "Ich möchte diese Bilder abholen, Mister."

"Für welchen Namen?"

"Mister Steve Tierney!"

Der Untersetzte nahm das kleine Stück Papier, warf einen prüfenden Blick darauf und meinte dann: "Sie sind nicht Mister Tierney! Ich kenne ihn seit Jahren, er ist einer meiner Stammkunden."

"Und wenn schon", sagte der Fremde. "Ich habe den Beleg. Das dürfte doch genügen, oder?"

Der Fotohändler schüttelte den Kopf. "Nein, für mich nicht."

"Hören Sie..." Das Bleichgesicht beugte sich etwas über den Tresen, dabei ging sein Blick seitwärts. Eine Frau stand an einem Ständer mit Fotoalben und war darin vertieft, sich eines davon auszusuchen. "Ich arbeite in Mister Tierneys Auftrag!"

"Reden Sie keinen Unfug!"

"Das ist kein Unfug!"

"Mister Tierney hat mich ausdrücklich angewiesen, alle Fotos, die er zu mir gibt und entwickeln lässt, nur ihm persönlich auszuhändigen. Und daran halte ich mich! Kapiert? Wie Sie an den Beleg kommen, ist mir im übrigen auch ziemlich schleierhaft, wenn ich ehrlich sein soll!"

Jetzt kam die Frau mit einem der Alben und bezahlte es. Indessen stand das Bleichgesicht ziemlich unruhig da. Der Muskel unter dem linken Auge zuckte. Der Kerl wartete, bis die Frau weg war. Zeugen konnte er nicht gebrauchen.

"Was wollen Sie eigentlich noch, Mister?", maulte der Geschäftsmann ziemlich ungehalten, als die Frau den Laden verlassen hatte. "Ich habe doch gesagt, dass ich Ihnen nicht helfen kann!" Dann sah er die Pistole in der Hand des Bleichgesichts, dessen Mund sich ein wenig verzog.

"Wirklich nicht?", meinte er sehr leise und sehr bedrohlich.

Der Fotohändler schluckte und begann plötzlich zu schwitzen.

"Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was Sie da tun...", murmelte er dann, offenkundig, um Zeit zu gewinnen. Dem Bleichgesicht entging die kaum merkliche Wanderung keineswegs, die sein Gegenüber mit der Linken ausführte.

Ein Alarmknopf, eine Waffe, irgendetwas in der Art, so war zu vermuten.

"Die Hände nach oben!"

Der Händler gehorchte nicht. Seine Hand wanderte nur um so schneller an der Kante des Tresens nach links.

Der abgedämpfte Schuss kam leise und tödlich.

Zweimal feuerte das Bleichgesicht. Der Fotohändler wurde zurückgerissen. Er versuchte noch, sich an den Regalen festzuhalten, die sich hinter dem Tresen befanden und fegte dabei einige Kameras herunter, ehe er selbst zu Boden rutschte. Er saß reglos und mit starren Augen da und war ohne Zweifel mausetot.

Der Mörder sah kurz zur Eingangstür des Ladens hinüber. Aber es schien, als hätte er einen günstigen Zeitpunkt für seine Tat erwischt. Es war niemand zu sehen. Er steckte die Waffe beiseite und ging dann auf die Seite des Tresens. Um an die Bilder heranzukommen, die aus dem Großlabor eingetroffen waren, musste er über die Leiche steigen und trat dabei in die Blutlache, die sich indessen gebildet hatte.

Der Killer brauchte nur unter TIERNEY nachzuschauen und dann hatte er schon, was er suchte: Steve Tierneys wahrscheinlich letzten Film samt Negativen. Er verzichtete darauf, den Inhalt des kleinen Tütchens zu überprüfen, denn er durfte jetzt keine Zeit verlieren.

Mit schnellen, entschlossenen Schritten lief er ins Freie. Einen Augenblick später saß er schon am Steuer seines Porsches, ließ den Motor aufheulen und trat kräftig auf das Gas.

Dieser Job war erledigt! Alles, was irgendwie gefährlich werden konnte, war jetzt in sicheren Händen!

Blieb nur ein Problem, das noch einer Lösung bedurfte.

Das Problem hieß Bount Reiniger.

10

Als Bount seinen champagnerfarbenen Mercedes 500 SL auf den Bürgersteig parkte, ahnte er schon, dass vielleicht jemand anderes schneller als er gewesen war.

Sein Ziel war der Fotoladen an der Ecke. Tierneys Kameraquittung war dort ausgestellt worden und da der Detektiv kein eigenes Labor hatte, musste er seine Bilder irgendwo entwickeln lassen. Vielleicht war dies die richtige Adresse.

Aber vor dem Laden war schon eine mittlere Menschentraube. Etwas war dort geschehen und es konnte noch nicht allzu viel Zeit vergangen sein. Die Polizei war noch nicht am Ort des Geschehens.

Bount kam näher und sah die Blutspuren auf dem Bürgersteig.

Er drängte sich durch die Leute hindurch und stand wenig später im Laden und dann war ihm klar, was geschehen sein musste.

"Hat schon jemand die Polizei gerufen?", rief Bount in das allgemeine Gemurmel hinein. Es meldete sich niemand. Einige schauten weg. Die meisten wollten mit der Sache einfach nichts zu tun haben.

Bount sah, dass der Mann hinter dem Tresen tot war. Der Privatdetektiv ging zum Telefon, nahm den Hörer ab und rief Rogers’ Nummer an.

Dann sah er sich ein bisschen um. Die Kasse hatte der Täter nicht angerührt, statt dessen aber in den noch nicht abgeholten Fotos herumgewühlt.

Bount sah die Blutspuren auf dem Boden. "Nichts anrühren! Und gehen Sie ein Stück zurück!", wies er die Leute an.

"Ich habe den Kerl gesehen!", meinte eine Frau.

Bount wurde hellhörig.

"Erzählen Sie!"

Die Frau war Mitte vierzig und ziemlich aufgeregt. Sie hatte sich erst vor wenigen Sekunden durch die Umstehenden gedrängt und war ziemlich blass, seit sie die Leiche des Fotohändlers gesehen hatte.

"Ich habe hier ein Fotoalbum gekauft und bin dann gegangen. Am Tresen stand ein Mann. Sehr schlank und ganz bleich im Gesicht. Er hatte irgendwie eine ungesunde Gesichtsfarbe. Ich habe nicht verstanden, worum es ging, aber er hat sich mit dem armen Mister Grey ziemlich gehabt..." Sie schluckte. "Er ist es gewesen, Sie müssen mir glauben!" Sie sah Bount beschwörend an.

Bount blieb gelassen.

"Woher wollen Sie das wissen?", fragte er.

"Habe ich das nicht gesagt?" Sie fuhr sich nervös durch die Haare. "Ich bin noch einmal zurückgekommen, weil ich meine Tasche vergessen hatte." Sie deutete zu dem Ständer mit den Fotoalben. "Sehen Sie, da steht Sie ja! Als ich um die Ecke kam, sah ich, wie dieser Mann aus dem Laden lief. Er lief ziemlich schnell und stieg dann in seinen Wagen."

"Was für ein Wagen?"

"Ein Porsche."

Bount pfiff durch die Zähne. "Die Nummer haben Sie nicht zufällig?"

"Nein, Sir! Ich war viel zu aufgeregt."

"Verstehe."

Irgendwo im Hintergrund war jetzt die Sirene eines Streifenwagens zu hören und wurde rasch lauter.

11

Am späten Nachmittag tauchte Toby Rogers bei Bount und June in der Agentur auf.

"Was gibt's, Toby? Ausnahmsweise mal ein reiner Freundschaftsbesuch?", fragte June keck, obwohl sie sich an zwei Fingern ausrechnen konnte, dass es nicht so war.

Toby Rogers grinste über das ganze, breite Gesicht, von einem Ohr bis zum anderen. Für Bount hieß das, dass es irgendeine Spur gab.

"Ich habe mich um die Autonummer dieses Porsche gekümmert!", machte er mit großspuriger Geste. "Er gehört einem gewissen Clint Leonard. Und der ist beileibe kein unbeschriebenes Blatt! Einbruch, Körperverletzung und ein paar andere Kleinigkeiten stehen bei ihm auf dem Konto. Mit Rauschgift hat er es auch mal versucht, aber die etablierten Herren in der Branche haben ihm so gewaltig in die Suppe gespuckt, dass er den Appetit daran verloren hat."

"Und was macht er heute so?"

Toby Rogers prustete und zuckte mit den Schultern. "Er ist nicht mehr aufgefallen. Bei jemandem wie Leonard ist das allerdings nur ein Zeichen dafür, dass er geschickter geworden ist... Aber wenn er in der Sache drinhängt, dann wohl als Handlanger."

"Was ist mit dem Fotohändler? Ist er mit derselben Waffe getötet worden wie Tierney?"

"Der Bericht steht noch aus, Bount. Und vor morgen Mittag rechne ich auch nicht damit. Aber was hältst du davon, wenn wir Leonard mal einen Besuch abstatten?"

"Freiwillig wird er uns nichts über seine Hintermänner sagen!"

"Ich kann ihn festnehmen, Bount!" Er holte ein Stück Papier aus der Jackentasche und hielt es dem Privatdetektiv hin.

"Ein Haftbefehl?"

"Ja. Nachdem diese Frau aus dem Laden Leonard in unserer Kartei wiedererkannt hatte, war das kein Problem mehr. Und wenn er erst einmal im Loch sitzt, wird er sich schon überlegen, ob er wirklich alles allein auf sich nehmen will!" Rogers klopfte Bount auf die Schulter. "Ich dachte, du wärst vielleicht gerne dabei!"

12

Clint Leonard bewohnte ein Apartment in attraktiver Lage. Das hieß, dass seine Geschäfte - was immer darunter auch zu verstehen war - ganz gut laufen mussten. Sie waren zu viert, als sie dort auftauchten: Außer Bount und Rogers noch zwei Detectives.

"Bin wirklich mal gespannt, was der Kerl uns zu sagen hat!", meinte Rogers, während er die Klingel an der Apartmenttür drückte. Seine Rechte wanderte dabei in Richtung des 38er Special, die er unter dem Jackett bei sich trug.

Man konnte nie wissen.

Wenn Leonard wirklich der Mann war, den sie suchten, dann hatten sie es mit jemandem zu tun, der seine Waffe schnell und sicher zu gebrauchen wusste. Und vor allem nicht lange fackelte, ehe er den Abzug betätigte!

Auf das Klingeln reagierte niemand.

"Aufmachen! Polizei!", dröhnte Rogers. Bount hatte die Automatik schon in der Hand.

Zwei, drei Sekunden verrannen.

Und dann ging die Tür schließlich doch noch auf. Eine junge, gutaussehende Frau im Bademantel und mit nassen Haaren öffnete die Tür einen Spalt, löste aber noch nicht die Kette.

"Was wollen Sie?"

Sie bekam Rogers’ Ausweis unter die Nase gehalten. "Machen Sie auf!", wies der Captain sie nochmals an und sie gehorchte.

Die beiden Männer ließen sie einfach stehen und sahen sich in der Wohnung um. Von Clint Leonard keine Spur. Es gab keinen Fluchtweg und über den Balkon wäre jede Flucht aussichtslos gewesen - selbst für Akrobaten und Bergsteiger. Bount steckte die Automatik ein.

"Wo ist Clint Leonard?", fragte der Privatdetektiv.

"Ich weiß nicht, wen Sie meinen!"

"Verkaufen Sie uns nicht für dumm, Sie werden ja wohl noch wissen, in wessen Wohnung Sie sich unter die Dusche stellen, oder?"

Sie lief rot an. Aber nicht aus Verlegenheit, sondern aus Ärger.

"Wer sind Sie?", fragte nun Rogers an die Schöne gewandt, die ihn daraufhin trotzig musterte. "Oder wollen Sie lieber, dass wir das bei mir im Büro klären?"

Sie warf den Kopf in den Nacken. "Grace Dickins", murmelte sie.

"Wohnen Sie hier?"

"Was dagegen?"

"Wann kommt Leonard zurück?"

"Keine Ahnung. Was wollen Sie denn von ihm?"

"Er hat einen Mann umgebracht", mischte sich Bount ein. Sie zuckte nur mit den Schultern. Es schien sie nicht allzu sehr zu berühren.

"Wie gesagt", meinte sie. "Ich weiß weder, wo er steckt, noch, wann er zurückkommt. Er sagt mir nie etwas!"

"Wir warten hier!", grunzte Rogers. Er wandte sich an die beiden Detectives. "Seht euch ein bisschen um, Leute! Vielleicht finden wir ja etwas!"

Die junge Frau stemmte die Arme in die Hüften. "Dürfen Sie das überhaupt?"

Rogers hielt ihr den entsprechenden Wisch unter die Nase. "Wir dürfen", sagte er.

Bount musterte sie währenddessen. Sie überlegt, wie sie Leonard warnen kann!, ging es ihm durch den Kopf. In ihr schien es fieberhaft zu arbeiten, Bount spürte es ganz deutlich. Sie würde die erste Gelegenheit eiskalt ausnutzen. Man musste auf sie aufpassen.

Dann kam einer der Detectives mit einem Paar Schuhen in der Hand. Schwarze Schnürschuhe waren es. Sie waren frisch gewienert worden, aber das hieß nicht unbedingt, dass man mit ihnen nichts anfangen konnte. "Die könnten zu den blutigen Fußspuren passen, die am Tatort zu sehen waren!", meinte der Detective. "Die richtige Schuhgröße ist es jedenfalls!"

Indessen hatte sich Bount am Fenster postiert. Er sah einen Porsche herankommen und nach einem Parkplatz suchen.

"Er kommt!", stellte der Privatdetektiv an Rogers gerichtet fest.

13

Grace Dickins wurde von Rogers ins Hinterzimmer geführt. "Wenn Sie einen Ton sagen, bekommen Sie den allergrößten Ärger. Haben Sie mich verstanden?"

Sie antwortete nicht, sondern befreite nur ihren Arm mit einer ruckartigen, trotzig wirkenden Bewegung aus dem Griff des Captains.

Die beiden Detectives zogen ihre 38er und postierten sich so, dass sie die Tür im Auge hatten. Bount stellte sich direkt neben die Tür und presste sich an die Wand. Die Automatik hielt er mit beiden Händen umklammert.

Die Sekunden verrannen.

Dann drehte sich ein Schlüssel geräuschvoll herum und die Tür ging auf. Aber nur einen Spalt weit. Grace Dickins schrie aus dem Hinterzimmer, während das bleiche Gesicht von Clint Leonard direkt in die Mündung eines Polizeirevolvers blickte.

"Keine Bewegung! Polizei!", rief der Detective vorschriftsmäßig, aber Leonard zögerte nicht den Bruchteil einer Sekunde. Seine Waffe trug er in der Manteltasche. Er feuerte einfach durch die edle Schurwolle hindurch und traf.

Ein Detective wurde nach hinten geschleudert und der Länge nach hingestreckt, während sein Kollege zurückfeuerte. Leonards Schritte waren auf dem Flur zu hören. Er rannte, was das Zeug hielt und Bount war der erste, der sich an seine Fersen heftete.

Der Privatdetektiv hatte kaum den Kopf durch die Apartment-Tür gesteckt, da sausten bereits die Kugeln dicht über ihn hinweg und kratzten am Wandputz.

Leonard lief am Aufzug vorbei in Richtung Notausgang. Er kannte sich hier hervorragend aus und das war sein Vorteil. Bevor er durch die Tür zur Nottreppe schnellte, brannte er noch ein paar Geschosse in Bounts Richtung. Dann war er verschwunden.

Bount drehte sich herum und wandte sich dem zweiten Detective zu, der ihm gefolgt war. "Der Kerl wird versuchen, zu seinem Wagen zu kommen!"

Der Detective nickte.

"Ich kümmere mich drum!", meinte er.

"Okay!"

Bount hetzte weiter, während der Detective den Aufzug abwärts nahm. Mit einer energischen Bewegung lud der Privatdetektiv die Automatik durch, bevor er sich an die Tür heranwagte, die zur Feuertreppe führte. Sie stand einen Spalt offen und Bount konnte in einen Hinterhof blicken. Als er die Tür etwas weiter öffnete, bekam er sofort die bleierne Quittung. Drei Schüsse, ganz kurz hintereinander abgefeuert, gingen hinauf zu ihm und es blieb ihm nichts anderes übrig, als erst einmal den Kopf einzuziehen.

Dann stieß Bount mit einem Fußtritt die Tür auf und feuerte zurück. Clint Leonard hatte sich hinter einem abgestellten Lieferwagen verschanzt. Noch einen ziemlich ungezielten Schuss feuerte er in Bounts Richtung und lief dann davon.

Sein Porsche war auf der entgegengesetzten Hausseite und so hatte Leonard im Augenblick keine Chance, ihn zu erreichen.

Bount schnellte die Feuertreppe hinab. Seine Füße klapperten in rasendem Tempo über die Metallstufen, während er gleichzeitig den Flüchtenden im Auge behielt. Aber der war ziemlich großzügig mit seiner Munition umgegangen und hatte wohl den Inhalt seines Magazins vollständig verschossen.

Als Bount auf ebener Erde angekommen war, verschwand der bleiche Leonard gerade in einem engen Durchgang zwischen zwei Gebäuden. Der Privatdetektiv setzte zu einem Spurt an. Der Durchgang machte eine Biegung, dann kam die Straße.

Bount blieb vorsichtig und tastete sich mit schussbereiter Waffe voran. Wenig später sah er die Passanten auf dem Bürgersteig vorbeigehen und fluchte innerlich. Sicher nutzte der Kerl jetzt die Chance, in der Menge unterzutauchen.

Bount dachte trotzdem nicht daran aufzugeben. Eine minimale Chance blieb. Er rannte los und stand ein paar Sekunden später zwischen hektischen Passanten, von denen einige etwas irritiert auf die Automatik in seiner Hand blickten.

Der Privatdetektiv drehte sich herum und dann sah er ihn, keine zwanzig Meter entfernt.

Leonard kümmerte sich nicht um die Menschen um ihn herum.

Er schien seine Waffe inzwischen nachgeladen zu haben und feuerte nun wild drauflos, während Bount sich duckte, um sich dann neben einen am Straßenrand parkenden Wagen in Deckung zu hechten. Das dumpfe Geräusch der Schalldämpferpistole ging im allgemeinen Straßenlärm völlig unter. Dennoch entstand eine mittlere Panik.

Als Bount aus seiner Deckung mit angelegter Automatik hervortauchte, hatte Leonard eine junge Frau bei den Haaren gepackt, die offenbar einen Moment zuvor aus ihrem weißen Golf gestiegen war.

Die Wagentür stand noch offen und Leonard hielt die Frau jetzt wie einen Schutzschild vor den eigenen Körper.

Die Frau schrie vor Angst, aber als sie den Schalldämpfer an der Schläfe spürte, verstummte sie abrupt.

"Geben Sie auf, Leonard! Machen Sie es nicht noch schlimmer!", rief Bount, der die Automatik keinen Millimeter gesenkt hatte, obwohl er wusste, dass er sie in dieser Situation nicht benutzen konnte.

Leonard zog die junge Frau mit sich, bis er den Golf umrundet hatte und auf der Fahrerseite stand. Bount wurmte es, dass er nichts tun konnte, als zuzusehen. Bevor der Killer sich dann ans Steuer setzte, ließ er die Frau los, die so schnell sie konnte davonlief.

Dann folgte ein Blitzstart. Die Reifen des Golfs drehten durch und Leonard fädelte ziemlich brutal in den Verkehr ein. Jemand hupte. Bremsen quietschten und dann brauste er davon.

Bount überlegte eine Sekunde, ihm die Reifen zu zerballern, aber es waren zu viele Menschen in der Schussbahn.

Er fluchte leise vor sich hin, während er hinter sich ein ächzendes Geräusch hörte. Bount wandte sich um und sah Rogers japsend daherlaufen. Verfolgungsjagden waren schon auf Grund der korpulenten Figur nicht unbedingt Rogers’ Stärke - zumindest, wenn sie auf Schusters Rappen durchgeführt wurden.

Nun war der Captain völlig außer Atem.

"Jetzt werden wir ihn lange suchen können!", meinte er resignierend.

"Ich habe mir die Nummer gemerkt", erwiderte Bount, während er die Automatik an ihren Ort steckte. "Vielleicht nützt es ja was, den Golf zur Fahndung durchzugeben!" Aber insgeheim wusste Bount, dass nicht viel dabei herauskommen würde. Wenn Clint Leonard seinen Verstand einigermaßen beisammen hatte, dann würde er den Wagen an der nächsten U-Bahn Station stehen lassen, um anschließend auf Nimmerwiedersehen unterzutauchen.

"Seine Hintermänner werden jetzt mehr als aufgescheucht sein!", glaubte Rogers. "Vielleicht gehen sie jetzt erst einmal eine Weile völlig auf Tauchstation. Das wird uns unser Geschäft nicht gerade erleichtern, Bount!"

"Dann müssen wir es so drehen, dass das Gegenteil dabei herauskommt!", gab der Privatdetektiv zurück.

"Das sie noch nervöser werden?"

"Ja, und Fehler machen..."

Sie machten sich auf den Rückweg.

"Was ist mit Detective Ramirez?", erkundigte sich Bount.

Toby Rogers seufzte. "Er ist tot, Bount. Und ich sage dir eins: Ich werde nicht eher ruhen, bis dieser Leonard das bekommt, was ihm zusteht!"

14

Clint Leonard wusste, dass er einen schlimmen Fehler gemacht hatte. Aber nun war es nicht mehr zu ändern. Er konnte allerhöchstens noch versuchen, seine eigene Haut zu retten und das Schlimmste zu verhindern...

Leonard war mit der Subway mehr oder weniger ziellos durch die Stadt gefahren und schließlich weit oben im Norden, in der Bronx gelandet.

Seine Verfolger hatte er abgehängt, der gestohlene Golf stand irgendwo im Halteverbot und würde bald der Fahndung in die Hände fallen.

Leonard schätzte, dass er den Detective in seiner Wohnung voll erwischt hatte. Das war sein schlimmster Fehler gewesen, aber einer, der sich nicht hatte vermeiden lassen.

Doch nun musste er damit rechnen, dass die gesamte Stadt-Polizei von New York heiß auf ihn war. Polizistenmord war eben immer noch etwas ganz besonderes.

Er kaufte sich an einer Imbissbude einen Hot Dog. Morgen würde sein Bild wahrscheinlich schon in der Zeitung stehen und in den Lokalnachrichten zu sehen sein. Dann würde alles schwieriger für ihn werden.

Mit dem Hot Dog in der Hand ging er zur nächsten Telefonzelle und wählte eine Nummer, die er auswendig kannte.

"Hallo?", meldete sich etwas mürrisch eine Stimme, die Leonard auf Anhieb erkannte.

"Mister Lafitte? Hier spricht Clint Leonard!"

"Hatten wir nicht abgemacht, dass Sie mich unter diese Nummer nicht anrufen, Leonard?", fragte die Stimme auf der anderen Seite etwas ungehalten. "Was fällt Ihnen ein! Verdammt, haben Sie den Verstand verloren?"

"Ich würde es nicht tun, wenn es sich vermeiden ließe!"

Lafitte atmete so tief durch, dass man es durch die Leitung hören konnte. "Na, schön!", meinte er dann. "Was gibt es?"

"Ich brauche jetzt Ihre Hilfe. Etwas Furchtbares ist geschehen! Die Polizei war in meiner Wohnung."

"Auf wessen Konto geht das?"

"Die Frau vielleicht... Ich weiß es nicht. Dieser Reiniger war auch dabei. Er steckt seine Nase allmählich entschieden zu tief in die Sache."

"Dann werden wir ihm eine Warnung zukommen lassen müssen", meinte Lafitte. "Eine sehr ernste Warnung."

"Darum geht es jetzt nicht."

"Worum dann?"

"Ich muss untertauchen. Und da ist noch etwas: Ich habe einen Polizisten getötet. Ich hatte keine andere Wahl."

Auf der anderen Seite war ein paar volle Sekunden lang nur Schweigen. Dann sagte Lafitte: "Damit will ich nichts zu tun haben! Ich war von Anfang an dagegen!"

"Sie müssen mir helfen!"

"So, muss ich?"

"Ich werde sonst dafür sorgen, dass ihr alle mit hineingerissen werdet! Darauf können Sie sich verlassen, Lafitte! Glauben Sie vielleicht, Sie können sich von mir die Kastanien aus dem Feuer holen lassen und mich dann einfach so fallen lassen?"

"Es ist Ihr Job, Leonard. Und Ihr Risiko."

"Wie Sie wollen..."

"Warten Sie! Wo sind Sie jetzt? Vielleicht finden wir ja eine Lösung."

15

Am nächsten Tag versuchte Bount, sich mit Karen Tierney in Verbindung zu setzen. Aber als er bei ihr anrief, legte sie einfach auf. Bei weiteren Versuchen nahm sie gar nicht erst den Hörer ab. Als Bount bei ihr auftauchte, tat sie, als wäre niemand zu Hause. Sie reagierte zuerst weder auf die Klingel, noch auf Bounts Klopfen.

Als sie schließlich doch öffnete, sah sie Bount an wie ein Gespenst. Diesmal war sie vollständig angezogen. Sie trug Jeans und einen Sweater.

Sie sagte überhaupt nichts, sondern führte ihn nur in die Wohnung.

"Was ist los mit Ihnen?", fragte Bount. Sie wandte den Kopf zur Seite und schwieg noch immer. "Ich denke, Sie haben mir einiges zu sagen..."

Sie verzog das Gesicht. "Ach, ja?"

"Zum Beispiel wissen Sie, woran Ihr Mann zuletzt gearbeitet hat. Sie wollen es mir nicht sagen und ich frage mich, warum."

"Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen, Mister Reiniger. Und ich möchte Sie bitten, jetzt wieder zu gehen."

"Tut mir leid, aber so leicht werden Sie mich nicht los!" Bount nahm sich einen Stuhl und setzte sich darauf, während Karen Tierney starr vor sich hin blickte. Sie schien unter einem unglaublichen Druck zu stehen. Bount fragte sich nur, woher dieser Druck letztlich kam. "Sie haben das Bankschließfach Ihres Mannes geleert, dessen Inhalt eigentlich für mich bestimmt war", stellte Bount sachlich fest.

Das ließ sie aufblicken.

Sie strich sich die rote Mähne aus dem Gesicht und zog die Augenbrauen ungläubig zusammen. "Was?", fragte sie. "Ich weiß von keinem Schließfach!"

"Sie brauchen mir nichts vorzuspielen, Mrs. Tierney. Sie sind dort gesehen worden und haben sogar Ihre Unterschrift hinterlassen."

"Ich war nicht dort! Hören Sie..."

"Nein, Sie hören jetzt mir zu! Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass Sie gar nicht wissen wollen, wer Ihren Mann ermordet hat!"

"Das ist eine unglaubliche Unterstellung, Mister Reiniger!"

"Dann entkräften Sie sie und helfen Sie mir!"

"Mein Mann ist tot und nichts kann ihn wieder lebendig machen! Aber das Leben muss weiter gehen. Verstehen Sie, was ich meine?"

Bount schüttelte den Kopf. "Nein, ich glaube nicht."

"Dann glauben Sie mir bitte wenigstens, dass ich Steve geliebt habe. Aber jetzt muss ich an die Zukunft denken!"

"Was bedeutet das?"

Ihre Blicke trafen sich. In ihren dunklen Augen sah Bount so etwas wie Verzweiflung. Sie musste sich sehr zusammenreißen und schien es auch nur unter größten Anstrengungen zu schaffen. Ihre Lippen waren aufeinandergepresst. Schließlich sagte sie: "Es bedeutet, dass Sie mich in Ruhe lassen sollen, Mister Reiniger."

"Wie ich darüber denke, habe ich ihnen ja schon gesagt!" Bount erhob sich und trat näher an sie heran. Er legte ihr den Arm behutsam um die Schulter und stellte dann fest: "Ich habe den Eindruck, dass man Sie unter Druck setzt. Ist das richtig?"

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen!"

"Sie wissen es ganz genau! Und ich vermute, dass Sie auch wissen, wer der Mörder Ihres Mannes ist."

"Das ist eine Lüge!"

"Zumindest wissen Sie über seinen letzten Fall Bescheid, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie weggeschaut haben, als Sie den Inhalt des Schließfachs in den Händen hielten. Was war es? Fotos vielleicht? Ich wette, es waren Fotos. Vielleicht auch noch andere Sachen. Dinge, die jemandem einen Mord wert waren."

"Hören Sie auf!"

"Warum?"

"Ich war nicht in der Bank! Das sagte ich doch schon, verdammt noch mal! Warum glauben Sie mir denn nicht?"

"Ich würde ja gerne."

"Bitte gehen Sie!"

"Was ist mit dem Kerl, der Sie gestern Nachmittag besucht hat?"

Sie wurde bleich. "Woher wissen Sie das?"

"Was spielt das für eine Rolle?", gab Bount zurück.

"Es ist doch wohl meine Sache, wen ich hier empfange, oder?"

Bount zuckte die Achseln. "Sicher. Aber Sie sollten sich vor ihm in Acht nehmen!"

"Ich konnte immer hervorragend auf mich selbst aufpassen!"

"Der Mann heißt Clint Leonard und hat einen Fotohändler erschossen, weil dieser sich geweigert hat, Bilder herauszurücken, die Ihr Mann ihm zur Entwicklung gegeben hat."

Sie schluckte jetzt. "Was erwarten Sie? Dass ich vor Angst erzittere?"

"Warum nicht? Sie hätten allen Grund dazu. Dieser Mann ist ein skrupelloser Killer!" Bount ließ das erst einmal wirken und fuhr dann nach kurzer Pause fort: "Clint Leonard schätze ich mehr oder weniger als Handlanger ein. Ihr Mann ist irgendeiner großen Schweinerei auf der Spur gewesen. Ich schätze, er ist per Zufall darauf gestoßen. Und vielleicht hat er geglaubt, die Hintermänner unter Druck setzen zu können - aber darüber wissen Sie sicher mehr als ich!"

Sie seufzte, stand auf und ging zum Fenster. Ihre Arme waren vor der Brust verschränkt. "Ich kann Ihnen nicht helfen, Mister Reiniger! Glauben Sie mir!"

"Womit erkaufen die sich Ihr Schweigen?", fragte Bount. "Sorgen die für Ihre finanzielle Zukunft?"

"Gehen Sie, Reiniger!"

"Oder hat man Ihnen nur versprochen, Sie in Ruhe zu lassen und Ihrem Jungen nichts zu tun?"

Tränen traten ihr ins Gesicht. Sie wischte sie hastig weg. Bount schien es ziemlich genau getroffen zu haben.

"Verstehen Sie mich doch!"

"Ich verstehe Sie. Aber ich glaube nicht, dass es richtig ist, was Sie tun."

"Es ist ja nicht Ihr Junge, oder? Da kann man natürlich leicht große Reden schwingen!"

Bount schüttelte den Kopf.

"Ich will Ihnen keine Moralpredigt halten, sondern nur, dass Sie sich klarmachen, in welcher Gefahr Sie sind."

"Lassen Sie das meine Sorge sein!"

"Was glauben Sie, wie lange das gut geht? In dem Moment, in dem diese Leute den Eindruck haben, dass man sich auf Sie nicht mehr verlassen kann, wird man Ihnen das Licht ausknipsen!" Bount legte eine seiner Visitenkarten auf den Küchentisch. "Denken Sie darüber nach", meinte er. "Auch um Michaels Willen!"

Sie wandte sich zu Bount herum. Ihr Gesicht drückte jetzt Entschlossenheit aus. "Ich habe mich längst entschieden, Mister Reiniger! Und ich möchte, dass Sie das respektieren!"

"Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun!"

16

Während Bount ins Freie trat, sah er kurz die Uhr an seinem Handgelenk. Vielleicht hatte Rogers inzwischen den Bericht, der entscheiden würde, ob Clint Leonard auch Tierney auf dem Gewissen hatte. Wenn es so war, dann blieb allerdings immer noch die Frage offen, wer ihn geschickt hatte.

Den 500 SL hatte Bount 100 Meter weiter auf der anderen Straßenseite abgestellt. Als der Privatdetektiv schräg über die Fahrbahn ging, scherte plötzlich ein Ford aus einer Parklücke heraus, hielt direkt auf Bount zu und beschleunigte sogar noch.

Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden.

Bount wirbelte herum und wusste, dass nur noch eine einzige Chance blieb, am Leben zu bleiben.

Er sprang und landete hart auf der Kühlerhaube.

Das Blech knickte unter seinem Gewicht hörbar ein. Von dem Gesicht des Fahrers war nichts zu sehen. Er hatte sich einen Damenstrumpf über den Kopf gezogen, der seine Züge wie eine groteske Fratze erscheinen ließ. Der Ford stoppte ziemlich abrupt, so dass Bount von der Haube geschleudert wurde.

Der Privatdetektiv kam hart auf den Asphalt.

Bount saß in der Falle. Er war eingekeilt zwischen einem am Straßenrand abgestellten Pkw und dem Ford, dessen Motor nun aufheulte. Wenn Bount jetzt auf die Beine kam und versuchte davonzulaufen, würde er zerquetscht werden. Aber einfach liegenzubleiben war eine genauso wenig verlockende Aussicht.

Das war kein Unfall, sondern ein Mordversuch. Der Kerl am Steuer des Fords wollte Bount töten.

Bount sah einen Reifen auf sich zuschnellen und rollte sich am Boden herum, so dass er den Bruchteil eines Augenblicks später unter dem parkenden Wagen lag.

Über sich hörte er Blech gegen Blech schrammen.

Bount rollte unter dem Pkw hinweg und kam auf der anderen Seite auf den Bürgersteig. Mit einer schnellen Bewegung riss er die Automatik unter dem völlig ruinierten Jackett hervor, während der Ford bereits rückwärts setzte und dann losbrauste.

Indessen stand Bount mit der Automatik in der Hand hinter dem parkenden Wagen und ballerte zweimal auf den Ford. Er zielte auf die Reifen, verfehlte aber knapp.

Der Ford schlug eine Art Haken mitten auf der Fahrbahn, so dass ein entgegenkommender Lieferwagen nur um Haaresbreite ausweichen konnte. Im nächsten Moment war der Ford dann mit quietschenden Reifen in eine Seitenstraße eingebogen.

Bount hörte ihn beschleunigen.

Den würde er wohl nicht mehr einholen.

17

Eine halbe Stunde später befand Bount sich bei der Pier 1, von wo aus die Fähren nach Staten Island abgingen.

Aber diesmal schien die Fähre mit Verspätung auszulaufen - oder fürs Erste überhaupt nicht mehr. Jedenfalls lag sie noch an der Pier und hinkte dem Fahrplan, der auf einem großen Plakat abgedruckt war, erheblich hinterher. Polizeiwagen parkten in der Nähe. Das ganze Gelände machte den Eindruck hektischer Aktivität.

Ein uniformierter Officer wollte Bount wegscheuchen.

"Wir brauchen hier keine Schaulustigen, Mann!"

Bount zog seine Lizenz heraus und hielt sie ihm unter die Nase. "Man hat mir gesagt, dass Captain Rogers hier ist", meinte er dazu.

Der Officer betrachtete stirnrunzelnd die Lizenz und zuckte dann mit den Schultern. "Wenn es Ärger geben sollte, werde ich alles auf Sie abwälzen!"

"Es wird keinen Ärger geben. Captain Rogers erwartet mich!"

Das war zwar etwas übertrieben, aber auch nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Der Officer ließ Bount passieren. "Gehen Sie zur Fähre. Der Captain muss dort irgendwo sein!"

Wenige Augenblicke später stand Bount seinem alten Freund gegenüber.

Er stand am Heck der Fähre und blickte zusammen mit ein paar anderen Männern hinab in die Tiefe. Bount stellte sich neben ihn und blickte ebenfalls hinunter in das trübe Wasser des Hudson Rivers. Ein Taucher war da unten bei der Arbeit.

"Hallo, Toby! Was ist eigentlich hier los?", erkundigte sich Bount.

Rogers drehte sich zu dem Privatdetektiv herum. Sein Gesicht hatte jegliche Farbe verloren. irgendetwas musste dem Captain ganz gehörig an die Nieren gegangen sein. Jedenfalls konnte sich Bount nicht erinnern, den Freund in letzter Zeit so gesehen zu haben.

"Was machst du hier, Bount?", fragte Rogers seinen Freund, aber er wirkte abwesend dabei.

"Browne hat mir gesagt, ich könnte dich hier treffen", erwiderte Bount Reiniger.

Rogers deutete hinab.

"Da unten war eine Leiche, die sich in den Schiffsschrauben verfangen hatte." Er seufzte. "Zum Glück ist es nicht mein Job, alles zusammenzusuchen. Was ich gesehen habe, hat auf jeden Fall ausgereicht, um mir für den Rest des Tages gründlich den Appetit zu verderben."

"Kann ich mir vorstellen..."

"Das möchte ich bezweifeln, Bount."

Rogers wandte sich von der Reling ab und ging ein paar Schritte.

Bount folgte ihm und zündete sich dabei eine Zigarette an, was bei dem kräftigen Wind, der über die Fluten des Hudson fegte, gar nicht so einfach war.

"Der Tote ist übrigens Clint Leonard", sagte Rogers. "Der Schiffsführer hat sofort bemerkt, dass etwas nicht stimmte und die Maschinen abgestellt. Wäre er weniger aufmerksam gewesen, hätten wir vielleicht Schwierigkeiten bekommen, ihn zu identifizieren, aber so war sein Gesicht noch eindeutig zu erkennen..."

Bount hob die Arme zu einer abwehrenden Geste. "Tu mir einen Gefallen und erspar mir die Details, Toby. So schön sind die nun wirklich nicht."

Ein mattes Lächeln ging über Rogers’ Gesicht.

"Sorry."

"Wie ist es passiert?", hakte Bount nach. "Wisst ihr schon etwas?"

"Er schwimmt wahrscheinlich schon die ganze Nacht im Hudson", erwiderte Toby Rogers. "Aber eins steht schon fest: Er ist nicht ertrunken, sondern starb durch einen Schuss. Noch haben wir keine Ahnung, wo das geschehen sein könnte." Er zuckte mit den Schultern. "Er wurde umgebracht und dann ins Wasser geworfen..."

"Ein Killer, der sein Handwerk versteht, hätte der Leiche ein paar Steine um den Hals gebunden, damit sie nicht wieder auftaucht..." meinte Bount.

"Und du meinst, dieser hier verstand sein Handwerk nicht so besonders?"

Bount zuckte die Achseln. "Ich schätze, dass Clint Leonard für seine Auftraggeber einfach zu heiß wurde."

"Wie auch immer: Jedenfalls war Leonard der Mörder von Steve Tierney. Das steht nach dem Vergleich zwischen den Projektilen, die in den Körpern von Tierney, dem Fotohändler und Detective Ramirez steckten, wohl fest. Alle drei wurden mit derselben Waffe erschossen."

Dann blickte Rogers an Bount hinunter und meinte plötzlich: "Ich habe das Gefühl, du warst schon mal näher am Stand der Mode, Bount. Oder ist der Gammel-Look wieder in und ich hab's nicht mitgekriegt?"

Bount lächelte dünn. "Ich hatte eine ziemlich unerfreuliche Begegnung mit einem Kerl, der es vorzog, sein Gesicht nicht zu zeigen."

Rogers hob die Augenbrauen.

"Eine Warnung an deine Adresse?"

"Ja, etwas in der Art. Vielleicht auch schon mehr."

18

Karen Tierney schaute nervös auf die Uhr. Michael hätte längst zu Hause sein müssen. Sie rief in der Schule an, aber dort war er nicht mehr.

Vielleicht war er noch mit Freunden unterwegs, obwohl sie ihm eingeschärft hatte, gleich nach Hause zu kommen. Der Wagen war unglücklicherweise in der Werkstatt, sonst hätte sie ihren Sohn abgeholt.

Eine halbe Stunde, das ist nicht viel, redete sie sich ein. Das konnte alles mögliche bedeuten. Irgendetwas Harmloses vermutlich...

Aber sie konnte ihre Sorgen nicht einfach so abstreifen. Es half nichts, sich immer von neuem einzureden, dass das alles nichts bedeuten musste. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Sie hatte sich an das gehalten, was man ihr gesagt hatte und dafür hatte man ihr zugesichert, dass ihr nichts geschehen würde. Und natürlich auch ihrem Jungen nicht. Das war das Allerwichtigste für sie.

Karen Tierney biss sich die Lippe und unterdrückte die Tränen, die einfach so aus ihr herauslaufen wollten. Nur kühlen Kopf bewahren!, wies sie sich selbst an. Nur nicht den Verstand verlieren!

Sie hätte schreien können, aber obwohl sie allein in der Wohnung war, tat sie es nicht. Stattdessen ging sie zum Telefon und klapperte die Reihe von Michaels Freunden ab. Zumindest diejenigen, von denen sie wusste. Nichts. Immer wieder nichts.

Sie fragte sich, was sie unternehmen konnte.

Die Polizei schied aus - und dieser Reiniger? Nachdem sie ihn derart abserviert hatte? Was soll's!, dachte sie. Er weiß ohnehin schon eine Menge oder reimt es sich zusammen. Warum soll er nicht auch den Rest wissen?

Aber wenn sie Michael wirklich in ihre Gewalt gebracht hatten, dann konnte es für den Jungen das Ende bedeuten. Skrupellose Leute waren das, denen eine Leiche mehr oder weniger keine besonderen Kopfschmerzen machte.

Plötzlich hörte sie einen Wagen vorfahren. Eine Autotür wurde geöffnet und fiel wieder ins Schloss. Dann Schritte. Sie glaubte schon fast, sich verhört zu haben und spürte ihr Herz wie wild schlagen. Sie kannte diese Schritte ganz genau. Es war Michael.

Sie rannte zur Tür, öffnete und nahm ihren Sohn in die Arme, während sie flüchtig mit den Augenwinkeln eine Limousine davonfahren sah.

"Warum weinst du, Mum?", fragte der Junge.

"Ich weine überhaupt nicht", behauptete sie. "Mit wem bist du gerade gekommen?"

"Ein Mann. Er war sehr nett und hat mich mitgenommen."

"Aber ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht einfach mit irgendjemandem, den du nicht kennst, mitgehen!"

"Aber er hat gesagt, dass er dich und Dad kennt, Mum!"

Sie atmete tief durch. Im Augenblick hatte sie nicht den Nerv, das auszudiskutieren. Dann ging das Telefon.

Karen Tierney ließ es ein halbes Dutzend Mal klingeln, ehe sie aus ihrer Starre erwachte und sich bewegte. Mit zitternder Hand nahm sie den Hörer ab.

"Ja?"

Sie hörte das Atmen eines Menschen. Karen wollte am liebsten in die Muschel hineinschreien und die Person auf der anderen Seite der Leitung auffordern, sich doch endlich zu melden.

Aber sie ließ es. Ein Kloß steckte ihr im Hals und verhinderte, dass auch nur ein einziger Ton über ihre zusammengepressten Lippen kam. Schließlich machte es 'klick!' und die Leitung war unterbrochen.

Karen Tierney ließ den Hörer sinken und fühlte den kalten Schweiß auf ihrer Stirn. Angst kroch ihr den Rücken hinauf wie eine kalte, glitschige Qualle.

Aber sie hatte verstanden.

Dies war eine Warnung, vielleicht die letzte. Man wollte ihr klarmachen, dass sie keine Chance hatte, sich herauszuwinden. Nicht die Geringste! Sie konnten jederzeit zuschlagen, wenn sie wollten. Und sie wussten genau, wie Karens Achillesferse hieß: Michael.

19

"Ich komme einfach nicht über die Subway-Karten nach Wall-Street hinweg", meinte Bount, nachdem er sich umgezogen und frisch gemacht hatte.

Wieder und wieder war er zusammen mit June die Liste von Tierneys Klienten durchgegangen, aber keiner von denen hatte etwas mit Wall Street zu tun. Weder Börsenmakler noch Geschäftsleute waren darunter.

Die Leute, für die Tierney gearbeitet hatte, waren von kleinerem Kaliber. Ein jiddischer Gemüsehändler zum Beispiel, dessen Laden wiederholt von einer Jugendgang heimgesucht worden war. Oder eine Frau, deren 15jährige Tochter mit dem Haushaltsgeld ihrer Mutter durchgebrannt war, um in Kalifornien als Fotomodell das große Los zu ziehen.

"Lafitte", murmelte June. "Der Name kommt mir bekannt vor. Ich meine, im Zusammenhang mit Wall Street..."

Bount hob die Augenbrauen und warf dann einen Blick auf die Liste.

"Jennifer Lafitte? Sie hat Tierney beauftragt, ihren Mann zu beschatten, der offenbar auf irgendwelche Abwege gekommen war..."

"Nein, keine Frau. Ein Mann. Warte! Greg Lafitte heißt er und er kommentiert auf irgendeinem Kabelsender die Börsenentwicklung. Jede Woche freitags. Chartanalyse nennt sich das."

Bount pfiff durch die Zähne.

"Du kennst dich ja richtig aus!"

"Was dachtest du denn!"

"Siehst du dir diese Sendung regelmäßig an?"

"Immer, wenn ich Gelegenheit habe." Sie zuckte die Schultern. "Weißt du, ich habe nämlich ein paar Dollar in einen Aktienfond investiert und möchte natürlich ganz gerne darüber auf dem Laufenden bleiben, was aus meinem Geld wird."

Bount grinste. "Sieh an."

"Tja, da staunst du, was?"

"Und? Ich hoffe, es hat sich für dich gelohnt!"

"Ich kann nicht klagen", lächelte June.

"Wie wär's, wenn du mal versuchst die Adresse der Lafittes herauszufinden. Angenommen Tierney hat Lafitte beschattet, weil seine Frau glaubte, er hätte etwas mit einer anderen..."

"...und ist dabei auf etwas Größeres gestoßen?"

"Wäre doch möglich, oder?"

"Es ist ein Strohhalm, Bount. Ich hoffe, du bedenkst das!"

"Ja, aber was bleibt uns anderes? Clint Leonard hätte vielleicht interessante Dinge zu erzählen, wenn er noch leben würde. Aber er ist tot und kann uns nicht mehr zu seinen Hintermännern führen!"

June stemmte ihre schlanken Arme in die geschwungen Hüften. "Und was ist mit Tierneys Witwe? Kannst du es noch einmal bei ihr versuchen?"

Bount schüttelte den Kopf.

"Sie hat Angst und ich kann sie irgendwie auch gut verstehen. Schließlich hat sie einen kleinen Jungen."

"Sie könnte Polizeischutz anfordern, Bount!"

"Du weißt doch, wie das ist, June! Man wird ihr und dem kleinen Michael kaum eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung bewilligen, die ausreicht, um sie wirklich zu schützen."

"Und wenn du noch mal mit Toby sprichst? Vielleicht kann er etwas machen!"

"Sie wird ihm gegenüber nie zugeben, dass sie überhaupt bedroht wird. Und dann kann er so gut wie nichts tun!"

Wenig später ging das Telefon in Reinigers Agentur. Es war niemand anderes als Toby Rogers. "Wenn man vom Teufel spricht." murmelte Bount. "Wenn du extra hier anrufst, gibt es wohl eine neue Spur, oder irre ich mich, Toby?"

"Erraten!", dröhnte der Captain.

"Na, dann raus damit!"

"Ein Pizza-Bäcker in der Gegend hat einen Mann beobachtet, der offensichtlich verletzt war. Am Bein. Als er ihm helfen wollte, hat der Kerl ihn mit einer Pistole bedroht und ist davongehumpelt. Das könnte unser Mann sein, denn Leonard war ja bekanntlich ziemlich schnell mit der Waffe zur Hand. Er könnte sich gewehrt und seinem Mörder noch eins verpasst haben, bevor es ihn selbst erwischte!"

Bount pfiff durch die Zähne. Das war vielleicht ein Ansatzpunkt.

"Kann der Pizza-Bäcker den Kerl identifizieren?"

"Leider nein. Es war dunkel und außerdem trug der Mann eine Schirmmütze. Aber meine Leute klappern jetzt alle Krankenhäuser und Arztpraxen ab, an die sich der Mann vielleicht gewandt haben könnte."

"Na, da wünsche ich ihnen viel Spaß bei dieser Sisyphus-Arbeit!"

"Wenn ich den Jungs diese Wünsche wirklich ausrichte, wirst du dich fürs erste nicht mehr bei uns sehen lassen können, Bount!", meinte Captain Rogers.

"Da ist noch etwas, Toby."

"Und was?"

"Tierneys Witwe. Es wäre nicht schlecht, wenn sie Polizeischutz bekäme."

Rogers atmete so schwer, dass Bount den Hörer etwas vom Ohr nahm. "Bount, du weißt wie das ist..."

Bount konnte sich denken, was jetzt kam. Das alte Lied vom Personalmangel und ein paar anderen Widrigkeiten, gegen die nichts zu machen war. Einen Augenblick lang hörte Bount sich die Litanei an, dann unterbrach er seinen Freund mitten im Satz.

"Sie ist unter Druck, Toby!"

"Weißt du, was meine Vorgesetzten mit mir machen, wenn das herauskommt? Ich habe ja auch noch einmal versucht, mit der Frau zu sprechen, nachdem Browne sich schon die Zähne ausgebissen hatte. Sie weiß nichts oder will nichts wissen. Und das heißt, dass ich nichts machen kann!"

"Dann lass sie beschatten", schlug Bount vor und setzte dann ironisch hinzu: "Schließlich wissen wir ja nicht, ob sie nicht Leonards Auftraggeber war."

Aber das ging Rogers zu weit. "Du willst mich wohl auf den Arm nehmen!" Er seufzte. "Eine Streife alle zwei Stunden. Das ist alles, was ich machen kann!"

20

"Sein wöchentlicher Auftritt im Kabelfernsehen ist nicht Greg Lafittes eigentlicher Job", berichtete June, während Bount den Mercedes 500 SL startete.

Er blickte zu ihr hinüber.

"Und was ist sein Hauptjob?"

"Er leitet die Investment-Abteilung der Golden East Bank."

"Dann dürften wir ihn um diese Zeit dort am ehesten antreffen!", schloss Bount.

Es dauerte nicht lange, bis sie die Zentrale der Golden East erreicht hatten. Viel mehr Zeit nahm es in Anspruch, sich durch die verschiedenen Vorzimmer voranzuarbeiten. Bount gab sich dabei als Mitarbeiter des Forbes-Magazins aus und behauptete dreist, einem Skandal auf der Spur zu sein, in den möglicherweise auch die Investment-Abteilung der Golden East Bank verwickelt sei. Aber natürlich wolle er vor Veröffentlichung der Story erst die Stellungnahme von Mister Lafitte dazu hören.

Das zog.

Und so landeten Bount und June schließlich im Büro von Moira Jordan, Lafittes Stellvertreterin.

Moira Jordan war dunkelhaarig und hatte braune Augen. Es war schwer zu sagen, wie alt sie wirklich war. Entweder, sie hatte sehr schnell Karriere gemacht, oder sie sah viel jünger aus, als sie war. Jedenfalls hatte die Karriere nicht ihrem Aussehen geschadet. Sie sah blendend aus.

"Sie arbeiten für Forbes?"

"Ich hatte gehofft, mit Mister Lafitte sprechen zu können."

Sie bedachte Bount mit einem Blick, der dem Privatdetektiv aus irgendeinem Grund nicht gefiel. "Das ist leider nicht möglich, Mister..."

"Reiniger."

"Sagen Sie, habe ich Sie schon einmal gesehen?"

"Gut möglich. Wo ist Mister Lafitte?"

"Er hat sich für ein paar Tage krank gemeldet."

"Etwas Ernstes?"

"Ich habe keine Ahnung." Sie lächelte. "Und es gehört auch nicht zu meinem Aufgaben, ihn auszuhorchen. Also entweder nehmen Sie mit mir vorlieb, oder Sie gehen einfach wieder!"

Bount zuckte die Achseln. "Okay."

"Außerdem kommen Sie niemals von Forbes, Mister Reiniger!"

"Woher wissen Sie das?"

"Instinkt. Was sind Sie? Steuerfahnder?"

"Privatdetektiv."

Diese Auskunft schien Moira Jordan nicht im Geringsten zu überraschen. Sie lächelte und dabei blitzte es eigentümlich in ihren dunklen Augen. Sie war zweifellos eine Frau, die es faustdick hinter den Ohren hatte - auch wenn sie sich alle Mühe geben mochte, das hinter einer freundlichen Fassade zu verbergen.

"Dachte ich es mir doch", meinte sie. "Was wollen Sie von Lafitte?"

"Das geht nur Lafitte etwas an."

"Ich verstehe...", murmelte sie.

21

"Ich habe das Gefühl, dass dein Talent als Hochstapler auch schon einmal besser ausgeprägt war", meinte June später. "Sie hat dich angesehen, als ob sie Anfang an genau wusste, wer du bist!"

"Wir sind uns nie begegnet", behauptete Bount.

June grinste. "Bist du dir sicher? Oder kannst du dich nur nicht mehr erinnern? Bei den vielen Frauen, die dir über den Weg gelaufen sind, wäre das ja auch kein Wunder!"

"Sehr witzig!"

Die nächste Adresse, bei der Bount und June versuchten, Lafitte zu erreichen, war die luxuriöse Villa, in der er zu Hause war. Das Anwesen war abgezäunt.

Bount stoppte den Mercedes vor einem massiven, gusseisernen Tor.

Der Privatdetektiv ließ das Seitenfenster des Mercedes hinabgleiten und betätigte das Sprechgerät.

Eine Frauenstimme meldete sich, aber es war nur das Hausmädchen.

"Ich möchte zu Mister Lafitte", sagte Bount.

"In welcher Angelegenheit?", kam es professionell säuselnd zurück.

"Tut mir leid, das ist eine Sache unter vier Augen!"

Eine ganze Weile lang herrschte Schweigen am Lautsprecher. Dann war eine andere, tiefere Frauenstimme zu hören.

"Hier ist Mrs. Lafitte. Mein Mann ist nicht zu Hause. Kann ich ihm etwas ausrichten?"

"Ich glaube, der Name Steve Tierney ist Ihnen nicht unbekannt, Mrs. Lafitte."

"Sind Sie deswegen hier?"

"Ja. Mein Name ist Reiniger und versuche herauszufinden, wer Tierney umgebracht hat!"

"Und wie kommen Sie da auf mich?"

"Sie waren eine Klientin. Das können Sie nicht ernsthaft bestreiten. Es gibt Belege dafür. Vielleicht reden sie auch lieber mit der Polizei, aber ich dachte, sie wären vielleicht an Diskretion in dieser Angelegenheit interessiert!"

Das saß. Und es erfüllte seinen Zweck, denn es dauerte nur ein oder zwei Sekunden, da ging das gusseiserne Tor automatisch auseinander. Bount fuhr den Mercedes bei dem imposanten Haus vor, das die Lafittes bewohnten.

"Eins steht fest", meinte June. "Diese Klientin lag vom Einkommen her sicher weit über dem Durchschnitt, wenn man sich Tierneys Kundschaft so ansieht!"

Sie stiegen aus.

Das Hausmädchen empfing sie an der Tür und führte Bount und June in ein sehr modern eingerichtetes und von A bis Z durchgestyltes Wohnzimmer. Eine Frau saß auf einem schwarzen Ledersofa. Das musste Jennifer Lafitte sein, eine brünette Frau in den mittleren Jahren. Sie wirkte sportlich, hielt sich offenbar durch hartes Training fit. Der Typ dazu war sie jedenfalls, nicht nur ihres Körperbaus wegen. Sie hatte auch den passenden Gesichtsausdruck. Willensstark und entschlossen.

"Guten Tag, Mister Reiniger." Sie warf einen misstrauischen Blick zu June hinüber, in dem ein stiller, kurzer Vergleich lag. "Und wer sind Sie?"

"Das ist Miss March, meine Mitarbeiterin."

"Nehmen Sie Platz!"

"Meine Mitarbeiterin ist übrigens ein Fan Ihres Mannes, Mrs. Lafitte", meinte Bount.

"Was Sie nicht sagen", erwiderte Jennifer Lafitte sehr sarkastisch.

"Ja", bestätigte June. "Seit ich selbst etwas in Aktien angelegt habe, versuche ich, keine seiner Sendungen zu verpassen!"

Jennifer Lafitte lachte herzhaft und fast etwas erleichtert.

"Soll ich Ihnen was sagen, Miss March? Das Ganze heißt zwar Chartanalyse und klingt sehr, sehr wissenschaftlich, aber ich halte es letztlich für nicht viel genauer als Kaffeesatzleserei. Man versucht mit Hilfe statistischer Methoden Börsentrends zu ermitteln und dann vorherzusagen, wie sie sich in Zukunft entwickeln werden." Sie zuckte die Achseln, setzte einen Gesichtsausdruck auf, der deutliche Geringschätzung ausdrückte und wandte sich dann direkt an June: "Man muss daran glauben, verstehen Sie? Aber man bezahlt Greg viel dafür, dass er vor laufender Kamera einige Grafiken und Schaubilder mit etwas Börsenchinesisch kommentiert."

"Es überrascht mich, dass Sie darüber so negativ denken", meinte June.

"Ach, ja?", lachte sie. "Ich bin nur nüchtern genug, es als das zu sehen, was es ist! Ich lasse mir nämlich nicht gerne etwas vormachen, verstehen Sie?"

"Nur zu gut", raunte Bount. "Haben Sie deshalb auch Mister Tierney engagiert?"

"Das geht Sie nichts an!"

"Tierney sollte Ihren Mann beschatten. Weshalb?"

"Können Sie sich das wirklich nicht selbst zusammenreimen?

"Wie wär's, wenn Sie mir ein bisschen auf die Sprünge helfen würden, Mrs. Lafitte?"

Sie seufzte. Es war ihr anzusehen, dass sie nicht gerne darüber sprach. Nach kurzer Pause sagte sie dann in gedämpften Tonfall: "Ich glaubte, dass er etwas mit einer anderen hätte."

Bount hob die Augenbrauen.

"Und - hatte er?"

"Kein Kommentar."

"Wo ist Ihr Mann jetzt?", erkundigte sich der Privatdetektiv.

"In seinem Büro, nehme ich an. Oder auf irgendeinem Geschäftsessen. Wo auch immer."

"In seinem Büro hat er sich für ein paar Tage krank gemeldet. Ich habe mich erkundigt!"

Jennifer Lafitte verlor jetzt einen guten Teil ihrer frischen Gesichtsfarbe. "Warum fragen Sie mich nach Dingen, die Sie doch offenbar schon wissen, Mister Reiniger?"

Bount lächelte dünn. "Und warum lügen Sie mich an, Mrs. Lafitte?"

"Was soll das?"

"Ihr Mann will eine Verletzung auskurieren, nicht wahr? Eine Schussverletzung?"

"Woher wissen Sie das?"

Der Detektiv zuckte die Schultern.

"Ich habe einfach mal geraten. Jetzt weiß ich es."

"Er ist leidenschaftlicher Sportschütze und ballert gerne im Garten herum. Leider ist ihm gestern Nachmittag ein Unglück passiert. Ein Schuss hat sich gelöst und ist ihm ins Bein gegangen. Nichts Schlimmes, aber es muss ja nicht unbedingt an die Öffentlichkeit, oder?"

Bount verstand. Lafitte war jetzt sicher bei einem Arzt seines Vertrauens unter dem Messer, der ihm die Unfall-Story ohne Weiteres glaubte. Das Projektil war vermutlich schon im Abfall. Warum sollte er es auch aufbewahren? Und der Rest fiel unter die ärztliche Schweigepflicht.

Es würde jedenfalls sehr schwer sein, eine solche Story zu widerlegen. Bount hatte schon seine Zweifel, ob er überhaupt auf dem richtigen Weg war.

Dann kam das Hausmädchen und brachte das drahtlose Telefon herbei.

"Sie entschuldigen mich bitte. Ich denke, es gibt nichts mehr zu sagen", nutzte Jennifer Lafitte die Gelegenheit, ihre Gäste wieder loszuwerden.

Das ganze Zusammentreffen war ein Spiel gewesen, bei dem es darum gegangen war, soviel wie möglich von der anderen Seite zu erfahren, ohne selbst dafür allzu viel preisgeben zu müssen.

Bount und June erhoben sich und wandten sich zum Gehen, während Mrs. Lafitte den Hörer ans Ohr nahm.

Sekunden später war sie bleich wie die Wand.

"Wann ist das geschehen?", fragte sie mit plötzlich brüchig gewordener Stimme. Dann flüsterte sie: "Mein Gott..." Sie legte den Hörer auf und saß wie erstarrt da.

Bount und June waren an der Tür stehen geblieben und hatten sich noch einmal herumgedreht.

"Was ist geschehen?", fragte Bount.

Jennifer Lafitte blickte auf und im ersten Moment schien es, als würde sie durch Bount hindurchblicken. Sie biss sich auf die Lippe und rang um ihre Fassung. Dann flüsterte sie: "Das war der Fahrer meines Mannes... Er sollte ihn von seinem Arzt abholen und für ein paar Tage zu unserem Landhaus in Vermont bringen." Sie stockte und es dauerte etwas, bis sie weitersprechen konnte. Etwas Furchtbares musste geschehen sein. "Mein Mann ist tot!", sagte sie dann. "Auf offener Straße erschossen!" Sie schlug die Hände vor das Gesicht und begann zu schluchzen.

22

Bount wartete ab, bis Jennifer Lafitte sich wieder einigermaßen gefasst hatte. Und das dauerte etwas. "Ich kann es einfach nicht fassen“, murmelte sie immer wieder und schüttelte dabei den Kopf. Sie war ansonsten sicher eine sehr beherrschte Frau, aber jetzt schien sie einem Nervenzusammenbruch nahe zu sein. Bount wollte etwas sagen, aber sie kam ihm zuvor. "Was wird hier eigentlich gespielt, Mister Reiniger?", fragte sie. "Sie scheinen ganz gut informiert zu sein, was meinen Mann angeht."

"Leider nicht gut genug."

"Also?"

"Ich hatte eigentlich gehofft, dass Sie mir weiterhelfen könnten. Aber schön, wie Sie wollen! Steve Tierney, der Detektiv, den Sie engagiert hatten, hat bei seiner Arbeit irgendetwas entdeckt, das nicht für seine Augen und seine Kamera bestimmt war. Es hing vermutlich mit einem seiner letzten Fälle zusammen, warum also nicht mit Ihrem? Tatsache ist, dass Tierney Subway-Karten Richtung Wall Street gesammelt hatte, um sie steuerlich abzusetzen. Und zwar bis kurz vor seinem Tod. Wir haben uns die Liste der Tierney-Klienten vorgenommen und sind dann auf Ihren Mann gekommen."

Jennifer Lafitte atmete tief durch. "Ach, so ist das..."

"Tierney wurde von einem Killer namens Clint Leonard umgebracht, der seinen Auftraggebern jedoch zu heiß wurde und als Leiche im Hudson endete. Aber der Täter hat vermutlich eine Schussverletzung davongetragen. So wie Ihr Mann..."

Sie stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie schien zu überlegen und kämpfte mit sich selbst. Dann hob sie schließlich den Kopf und fixierte Bount mit ihren wachen, intelligenten Augen.

"Ich weiß nicht, worin Greg sich da verstrickt hatte. Wirklich nicht!"

"Verlangen Sie nicht, dass ich das glaube", gab Bount zurück.

"Es ist aber so! Ich habe mich in geschäftliche Dinge nie eingemischt."

"Steve Tierney wird Ihnen sicher einen Bericht geliefert haben. Fotos vielleicht. Irgendetwas. Zeigen Sie mir das und dann glaube ich Ihnen vielleicht."

"Ich habe alles vernichtet."

Bount runzelte die Stirn. "Weshalb?"

Mrs. Lafitte rieb die Hände etwas verlegen aneinander. Es war ihr unangenehm, darüber zu sprechen, aber sie tat es trotzdem. "Tierney fand heraus, dass mein Mann sich mit einer Frau traf, wie ich schon länger befürchtet hatte. Ein Callgirl. Wir hatten unsere Probleme miteinander, ich will das nicht weiter ausbreiten. Aber wir haben uns ausgesprochen und wieder zusammengerauft. Zwanzig gemeinsame Jahre, das verbindet, auch wenn nicht alles so gelaufen ist, wie man sich das am Anfang gedacht hat. Jedenfalls war die Affäre damit für mich erledigt. Und die Fotos brauchte ich nicht mehr."

"Wie war der Name des Callgirls?"

"Ist das wichtig?"

"Alles kann wichtig sein. Ich nehme an, Sie wollen, dass der Mörder Ihres Mannes nicht ungeschoren davonkommt!"

"Abigail Baldwin. Ich habe sogar einmal bei ihr angerufen, aber es meldete sich nur ihr Anrufbeantworter." Sie zuckte die Achseln. "Beruflich nannte sie sich Francoise. An die Adresse kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern!"

"Das ist kein Problem. Hat Tierney nie versucht, Sie oder Ihren Mann zu erpressen?"

"Nein, nicht, dass ich wüsste. Ich habe auch nichts von ihm gehört, nachdem der Auftrag erledigt war."

23

"Was denkst du, Bount?", fragte June, als der Mercedes 500 SL wieder das gusseiserne Tor passierte. Eine dunkle Limousine kam ihnen entgegen. Das musste Lafittes Fahrer sein, der nun ohne seinen Boss zurückkehrte.

"Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll", murmelte Bount.

"Glaubst du, Mrs. Lafitte weiß wirklich nichts?", fragte June in einem Tonfall, der deutlich machte, wie wenig sie an diese Möglichkeit glauben konnte.

Bount zuckte die Achseln.

"Keine Ahnung, was die Lady für ein Spiel spielt. Aber ich wette jetzt, dass wir auf der richtigen Spur sind."

June sah ihn mit ihren großen blauen Augen an. "Warum? Weil Lafitte ermordet wurde? Es muss nicht zwingend ein Zusammenhang, bestehen, Bount!"

"Ich weiß, June."

Die ganze Angelegenheit schien immer verworrener zu werden. Aber irgendwo musste es doch einen Anfang geben, an dem man beginnen konnte, das ganzer Knäuel zu entwirren. Tierney, Leonard, Lafitte...

Ein Detektiv, ein Killer und der Investment-Chef einer großen Bank...

Eine merkwürdige Reihe!, dachte Bount.

Und dann fiel ihm ein, dass er um ein Haar selbst dazugezählt hätte, wenn ihn nicht Instinkt und Geistesgegenwart in letzter Sekunde gerettet hätten. Es musste einen gemeinsamen Nenner geben.

"Vorausgesetzt, wir bewegen uns wirklich im richtigen Milieu", überlegte Bount. "Welcher Schweinerei könnte Tierney da auf die Spur gekommen sein?"

June zuckte die Achseln.

"Da gibt es doch unendlich viel... Designerdrogen zum Beispiel. Es ist doch bekannt, dass die in Wall Street kursieren... Oder einer der hohen Herren ist schwul und jemand hat das herausgefunden und versucht, dieses Wissen zu Geld zu machen."

"Tierney?"

"Warum nicht, Bount?"

"Heute muss man das doch nicht mehr verbergen, June!"

"Konzernbosse sind oft sehr konservativ und denken da nicht so liberal."

Aber Bount schüttelte den Kopf. "Nein, es muss etwas Größeres sein. Etwas, das organisiert betrieben wird. Preisabsprachen zum Beispiel, unerlaubte Kartelle... Steuerhinterziehung in Millionenhöhe oder so etwas. Auf jeden Fall glaube ich, dass wir es mit einer Organisation zu tun haben..."

"Wie wär's mit Insider-Geschäften?", meinte June. "Jedenfalls wäre das erste, was mir bei Wall Street und Kriminalität einfallen würde. Außerdem ist - war - Lafitte Investment-Chef..."

"Wie funktionieren denn diese Insider-Geschäfte?"

"Noch nie davon gehört?", neckte June. "Es handelt sich um illegale Absprachen zwischen Börsenmaklern, Firmenmanagern und Bankern. Ein Firmenmanager könnte durch die Veröffentlichung einer nach unten manipulierten Gewinnerwartung den Aktienkurs einer Firma in den Keller gehen lassen. Die Anleger geraten in Panik und bekommen von der Bank den Rat, möglichst alles zu verkaufen, um den Verlust in Grenzen zu halten, während die in den Deal Eingeweihten genau das Gegenteil tun. Sie kaufen. Wenn der Kurs tief genug gesunken ist, treibt man ihn künstlich nach oben, zum Beispiel durch sogenannte Übernahmegerüchte, und kann dabei einen riesigen Reibach machen. Die anderen Anleger sind die Dummen und müssen die Zeche zahlen."

Bount zuckte die Achseln.

"Ist das nicht das normale Spekulationsrisiko, das man tragen muss?"

"Natürlich, normalerweise schon. Aber wenn die Sache abgekartet ist, ist es etwas anderes. Dann ist es die mehr oder weniger eleganteste Form des Straßenraubs und im übrigen auch illegal."

"Wahrscheinlich aber schwer nachzuweisen?"

"Fast nie."

"Gab es nicht vor kurzem in Japan einen Skandal, bei dem es um diese Dinge ging? Ich habe das nur am Rande registriert!"

"Ganz recht. Und anschließend hat es einen kräftigen Kursrückgang gegeben." Sie lächelte kokett und zeigte dabei ihre strahlend weißen Zähne. "Schön zu wissen, dass es noch Dinge gibt, die der große Privatdetektiv nicht weiß", lachte sie schelmisch.

"Man lernt eben nie aus!"

"Richtig."

Bount blickte kurz zu ihr hinüber. "Wie viel hast du eigentlich angelegt?"

"10.000 Dollar. Mühsam zusammengespart von dem kärglichen Gehalt, das du mir zahlst!"

"Soll das ein diskreter Hinweis sein?"

"Nun, Tatsache ist, dass ich in Wirtschaftsangelegenheiten sicher noch viel versierter wäre, wenn ich ein paar Dollar mehr zum Spielen hätte! Oder meinst du nicht auch?"

"Darüber reden wir besser ein anderes Mal...", meinte Bount.

24

Es war eine Straße der Ruinen. Verlassene Häuser, die zum Abriss freigegeben worden waren, um ein paar Bürotürmen Platz zu machen. Zwei Gebäude hatte es schon erwischt. Von ihnen war nur ein riesiger Schutthaufen geblieben, der noch abgetragen werden musste. Die anderen würden noch folgen und auf einem großen Plakat konnte man sehen, wie sich die Immobiliengesellschaft, der die Grundstücke hier gehörten, das Endergebnis vorstellte.

Bount stellte den 500 SL am Straßenrand ab und blickte auf die Uhr. Der Mann, mit dem er sich treffen wollte, musste jeden Moment eintreffen. Vielleicht wartete er auch schon auf Bount.

Der Detektiv stieg aus und schlug die Wagentür hinter sich zu. Die Dämmerung hatte sich schon grau über die Stadt gelegt. Um diese Zeit war hier keine Menschenseele. Und genau deshalb hatte sein Informant diesen Ort als Treffpunkt vorgeschlagen.

Während Bount sich eine Zigarette anzündete und den Rauch ausstieß, sah er eine streunende Katze von einem Gebäude zum anderen huschen.

Dann hörte Reiniger ein Geräusch und drehte sich herum. Aus einem der baufälligen Häuser trat hochgewachsener, breitschultriger Kerl, der Bount noch um einiges überragte.

Er hieß Tyner.

Seine Haut war so schwarz wie Ebenholz und die Zähne, die er beim Lächeln entblößte, so regelmäßig und weiß, dass es sich eigentlich nur um ein Gebiss handeln konnte. Die Originale hatte man ihm wohl bei irgendeiner Gelegenheit herausgeschlagen. Er war nämlich Leibwächter, Rausschmeißer und Gorilla und hatte schon für verschiedene Unterweltgrößen die Knochen hingehalten. Im Augenblick war er arbeitslos. Seinen letzten Boß, einen puertoricanischen Schutzgelderpresser, hatte die Konkurrenz vor kurzem erschossen.

Tyner kam auf Bount zu und reichte ihm die Hand.

Bount hatte Monate gebraucht, um einen wie ihn als Informanten zu gewinnen. Aber schließlich hatte es geklappt, was damit zusammenhing, dass der Kerl nicht mit Geld umgehen konnte und deshalb immer dringend etwas brauchte.

"Machen wir es kurz, Reiniger", meinte der Schwarze. "Was wollen Sie wissen?"

"Wenn jemand einen Killer braucht, zu wem geht man da im Moment?"

Tyner sah Bount erstaunt an. Dann sagte er: "Sie suchen einen Makler des Todes? Einen, der so etwas vermittelt? Davon gibt es Dutzende." Er grinste. "Ich dachte immer, Sie arbeiten nur mit sauberen Mitteln! Wen wollen Sie denn umbringen?"

Bount verzog das Gesicht. "Ich? Niemanden. Aber ich bin in folgender Lage: Ich habe einen Killer, der aber seinerseits umgelegt wurde und nicht mehr verraten kann, wer ihn beauftragt hat."

Tyner begriff jetzt. "Und Sie wollen den Auftraggeber wissen?"

"Ja. Oder den Vermittler. Ich gehe davon aus, dass es einen gibt. Jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, weil die Auftraggeber vermutlich Leute sind, die ansonsten eine völlig weiße Weste haben... Keine Mafiosi oder Drogenbarone, die sich ihre eigenen Laufburschen halten, sondern Saubermänner, die plötzlich in Bedrängnis geraten sind und einen Todesengel brauchten..."

Tyner nickte.

"Außenseiter also, die sich in der Szene nicht auskennen, aber trotzdem jemanden brauchen, der ihnen auf die Schnelle einen unliebsamen Zeitgenossen aus dem Weg räumt!"

"So ist es", bestätigte Bount. "Der Killer heißt Clint Leonard und ich möchte wissen, wer ihm die Aufträge vermittelte. Vielleicht komme ich so an seine Hintermänner."

"Ich werde mich umhören", sagte Tyner. "Aber versprechen kann ich nichts. Verstehen Sie mich? Und teuer wird es auch! Ich kenne ein paar Leute, die in Frage kämen..."

"Ich brauche diese Information so schnell wie möglich." Bount gab ihm einen Umschlag. Tyner schaute hinein und nickte zufrieden.

"War dieser Leonard schon lange im Geschäft?", fragte er.

"Nein, vermutlich erst seit kurzem."

"Hm...", brummte Tyner. "Ich rufe Sie an, Reiniger!"

"Tun Sie das!"

"Aber Sie müssen mir noch etwas drauflegen. Diese Brüder kennen kein Pardon. Ich gehe ein großes Risiko ein!"

Bount nickte. Das hatte er erwartet. "Sie bekommen noch einmal dasselbe, wenn Sie mir etwas Brauchbares vorweisen können!"

25

Abigail Baldwin alias Francoise bewohnte ein Luxus-Apartment im 14. Stock. Ein Callgirl für gehobene Ansprüche, so schien es zuerst. Bount hatte zunächst bei ihr angerufen, aber es hatte sich lediglich ein automatischer Anrufbeantworter gemeldet.

Jetzt stand er vor ihrer Wohnungstür und klingelte schon zum dritten Mal. Vielleicht war sie nicht zu Hause. Schließlich wurde es Bount zu bunt und er öffnete mit ein paar geübten Handgriffen die Tür.

Die Wohnung war ein ganz gewöhnliches Dutzend-Apartment. Die Möbel waren nichts Besonderes und irgendwie hatte Bount das Gefühl, dass diese vier Wände unbewohnt waren.

Nirgends war etwas Persönliches zu sehen, etwas, das auf Gebrauch hindeutete. Die Schränke waren leer. Bount ging ins Schlafzimmer. Das Bett war sorgfältig gemacht. Keine Bilder an den Wänden, keine Kleider in den Schränken. Dafür eine leichte Staubschicht auf dem Nachttisch. Vielleicht war Abigail Baldwin verreist. Wenn dem so war, dann hatte sie sicher vor, länger wegzubleiben.

Jedenfalls hatte sie ihren Anrufbeantworter eingeschaltet. Fragte sich nur, weshalb, wenn sie doch auf absehbare Zeit ohnehin in dieser Wohnung keine Kunden empfangen würde.

Plötzlich hörte Bount ein Geräusch.

Jemand war an der Tür und hatte offenbar einen Schlüssel. Bount zog die Automatik aus dem Schulterholster und stellte sich neben die Schlafzimmertür. Er wagte einen Blick und sah, wie ein elegant gekleideter Mann eintrat. Bount schätzte ihn auf Mitte dreißig, nicht älter.

Er machte es sich auf der Couch gemütlich und blickte auf die Uhr. Dann stand er wieder auf und ging ins Schlafzimmer. Er lief an Bount vorbei und schien gar nicht auf die Idee zu kommen, dass jemand in der Wohnung sein könnte. Als er sich umdrehte und Bount erblickte, wurde er eine Sekunde lang völlig starr. Er schaute Bount entgeistert an und schien erst eine schnelle Flucht zu erwägen.

Vielleicht war es der Blick auf Bounts Pistole, der ihn davon abhielt.

"Wer sind Sie und was machen Sie hier?", fragte der Mann.

"Dasselbe könnte ich Sie fragen, denn schließlich ist das hier ja wohl kaum Ihre Wohnung!"

Der Mann machte eine verlegene Geste. Bount durchsuchte dann die Taschen seines Gegenübers. Er trug keine Schusswaffe, nur eine Sprühdose mit Reizgas zur Selbstverteidigung. Wenigstens hatte er einen Führerschein. Das Papier war auf den Namen Marcus Hamill ausgestellt.

Bount steckte seine Waffe weg. "Sie warten auf jemanden, nicht wahr?", meinte er. Es kam schon nahe an eine Feststellung heran.

"Auf Sie jedenfalls nicht. Wer sind Sie? Ich habe Sie noch nie gesehen."

"Mein Name ist Reiniger. Bount Reiniger, Privatdetektiv. Aber das wissen Sie sicher längst. Ich habe den leisen Verdacht, dass Sie vielleicht etwas mit einer Reihe von Morden zu tun haben könnten. Mich hätte es auch beinahe erwischt. Sie werden verstehen, dass ich so etwas nicht mag."

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen!", erwiderte Marcus Hamill. Aber es klang nicht sehr überzeugend. Bount hatte das Gefühl, dass Hamill sehr wohl wusste, wovon der Privatdetektiv gesprochen hatte.

Bount grinste. "Wie sieht Francoise aus?", fragte er. "Ist sie blond oder brünett?"

"Ich... Ich weiß nicht, was das jetzt soll..." Er bewegte sich etwas seitwärts, um vielleicht leichter durch die Schlafzimmertür hinaus zu kommen.

Bount packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Wand.

"Francoise alias Abigail Baldwin existiert überhaupt nicht! Sie ist ein Phantom, das nur zur Tarnung für einen Treffpunkt dient... So ist es doch, nicht wahr?"

"Was Sie nicht sagen..."

"Warten Sie auf Lafitte? Der wird nicht kommen. Er ist tot, aber er kannte auch diese Adresse. Und was war mit Tierney? Er kannte sie ebenfalls! Vielleicht musste er deshalb sterben..." Er ließ Hamill los und dieser strich sein Jackett glatt. Ein deutlicher Zug von Empörung stand in Hamills Gesicht. Und vielleicht auch noch etwas anderes.

Angst.

"Sie sind weit vorgestoßen, Reiniger", meinte Hamill. "Tierney war ein Schmalspur-Schnüffler. Ich verstehe, dass er begann, in der Sache herumzubohren, um uns anschließend eine Rechnung zu präsentieren. Wenn man in der Haut eines solchen Mannes steckt, muss man vielleicht so selbstmörderisch sein. Aber Sie, Reiniger! Haben Sie das nötig? Ich habe von Ihnen gehört. Ihre Agentur geht doch recht gut."

"Mir ist Geld in diesem Fall gleichgültig", sagte Bount.

"So etwas hört man heute selten!", gab Hamill mit sarkastischem Unterton zurück. "Aber es ehrt Sie." Er verzog das Gesicht. "Nur kann ich es Ihnen nicht abnehmen."

Bount ging zum Telefon. Er sah dabei zu, dass Hamill keine Gelegenheit bekam, sich davonzumachen.

"Wen wollen Sie anrufen?", fragte Hamill etwas verunsichert.

"Captain Rogers von der Mordkommission."

"Aber..."

"Anstiftung zum Mord ist auch strafbar, Mister Hamill!" Und während er das sagte, wählte Bount ungerührt eine Nummer. Hamill trat herbei und drückte auf die Gabel.

"Sie haben nichts in der Hand!", schrie er." Sie können mir doch keinen Mord anhängen!"

"Nicht nur einen", erwiderte Bount kühl. "Ein Mann namens Clint Leonard hat einen Polizisten getötet und ich könnte mir vorstellen, dass Sie derjenige waren, der diesen Killer engagiert hat! Die City Police wird jedenfalls entzückt sein, wenn ich ihr den Kerl präsentieren kann, auf dessen Gehaltsliste Leonard stand!"

"Ich bin kein Mörder. Und ich bezahle keine Killer, Mister Reiniger!"

"Ach, nein? Steve Tierney wurde beauftragt, Greg Lafitte zu beschatten und ist dabei auf diese Wohnung gestoßen. Wenn ich hier hereingekommen bin, ist Tierney es auch. Und er wird auf denselben Gedanken gekommen sein, wie ich: dass dies kein gewöhnliches Apartment ist! Er brauchte nur auf der Lauer zu liegen und abzuwarten, wer sich hier alles einfindet." Bount machte eine kurze Pause, um den letzten Satz etwas wirken zu lassen. Dann fragte er: "Zu was für einer Art Treffen dient diese Wohnung?"

Hamill zögerte. Schließlich brachte er heraus: "Sehen Sie, ich bin Börsenmakler. Es gibt Geschäftskontakte, von denen nicht unbedingt jeder wissen muss und für solche Fälle..."

"...haben Sie diese Wohnung."

"So ist es."

"Mit wem treffen Sie sich heute?"

"Bedaure..."

"Wir können zusammen auf ihn warten."

"Was versprechen Sie sich davon?"

"Ich kann mir denken, um was für Geschäfte in diesem Raum gegangen ist."

Hamill zeigte die Zähne. "Ach, ja?", knirschte er hervor.

"Ich nehme an, ich brauche Ihnen nicht zu erklären, was ein Insider-Geschäft ist..."

"Haben Sie irgendeinen Beweis?"

"Brauche ich den?" Bount wusste jetzt, dass er richtig lag.

Hamill sah den Privatdetektiv wütend an. Sie wussten beide, dass es gar keines Beweises bedurfte, um den Börsenmakler zu ruinieren. Bount brauchte nur dafür zu sorgen, dass das Gerücht von Insider-Deals die Runde machte und das Ganze mit ein paar Indizien zu würzen. Das würde alles niederpurzeln lassen, selbst wenn es nicht der Wahrheit entsprach. Und auch an Hamill würde etwas kleben bleiben, ganz gleich wie die Beweislage am Ende war. Die Börse lebte von Psychologie und Fantasie. Und genau diese beiden Dinge spielten auch hier die entscheidende Rolle. Es war wie ein Poker-Spiel.

Und Bount entschied sich, den Einsatz noch etwas zu erhöhen.

"Sie glauben, dass das gesamte Beweismaterial vernichtet ist, nicht wahr? Der Inhalt des Bankschließfachs, die Bilder bei dem ermordeten Fotohändler... Aber das ist nicht der Fall."

Hamill wurde unruhig. "Ach, nein?"

"Es gibt noch den Bericht, den Steve Tierney für Mrs. Lafitte angefertigt hat", behauptete Bount einfach. "Sie war so freundlich, ihn mir auszuhändigen. Ihrem Mann kann er ja nicht mehr schaden."

"Das glaube ich nicht!", schnaubte er. "Das kann einfach nicht stimmen! Lafitte hat gesagt, es sei alles vernichtet!"

"Dann hat er gelogen. Oder seine Frau hat Lafitte belogen, wie auch immer. Ich kann beweisen, dass Sie in der Sache drinhängen. Mich interessieren Ihre Insider-Geschäfte nicht. Ich bin hinter jemandem her, der Mordaufträge vergibt."

"Hören Sie, können wir nicht zu einem Deal kommen, Reiniger?" Hamill war völlig fertig. Bounts Taktik war voll aufgegangen. "Lassen Sie mich aus der Sache raus. Ich habe mit den Morden nämlich wirklich nichts zu tun!"

"Dann müssen Sie mir etwas auf den Tisch legen, das ich gebrauchen kann. Sie verstehen mich doch, oder?"

"Unsere Organisation beruht darauf, dass der Einzelne so wenig wie möglich weiß. Mein Job ist es, rund um die Uhr die Börsenkurse zu verfolgen. Ich habe einen Computer neben dem Bett stehen, und der Wecker ist so programmiert, dass er mich weckt, wenn in Hongkong oder Frankfurt was los ist. Heute läuft das Geschäft rund um die Uhr, glauben Sie, ich hätte Zeit, mich um andere Sachen zu kümmern?"

"Wer kümmert sich denn um andere Sachen?"

"Ich weiß es nicht!"

In der nächsten Sekunde war ein Geräusch an der Tür zu hören.

"Gehen Sie hin", flüsterte Bount. "Aber wenn Sie eine Dummheit machen, werde ich behaupten, dass Sie mein Spitzel in der Organisation sind und was das für Sie bedeuten kann, brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen, oder?"

Er nickte und verließ das Schlafzimmer.

Bount wagte einen Blick und sah einen hochgewachsenen, grauhaarigen Mann. Hamill gab sich Mühe, nicht verkrampft zu wirken.

"Hallo Rick, was gibt's?"

"Eine Nachricht von Charley", sagte der Grauhaarige. "Die Pressekonferenz von Microtech International findet schon übermorgen statt."

"Das heißt..."

"Es bleibt alles beim Alten", versicherte der Grauhaarige. "Der einzige Unterschied ist, dass es etwas schneller durchgezogen wird."

"Und warum?"

"Weil Charley es so will. Ich würde nicht viel fragen an deiner Stelle. Bis jetzt ist es doch immer zu unser aller Profit ausgegangen, oder?"

"Stimmt."

Der Grauhaarige, den Hamill Rick genannt hatte, schaute auf die Uhr und meinte dann: "Eigentlich müsste ich schon längst woanders sein. Du weißt jetzt Bescheid."

Er wandte sich zum Gehen und war einen Augenblick später wieder verschwunden. Bount kam aus dem Schlafzimmer heraus.

"Sie haben das gut gemacht", meinte er zu Hamill. "Wer war das?"

"Rick. Mehr weiß ich nicht. Und mehr interessiert mich auch nicht."

"Und Charley?"

"Charley habe ich noch nie gesehen."

"Sie wollen mich wohl für dumm verkaufen, Hamill!"

"Es ist die Wahrheit. Ich bin nie direkt mit ihm zusammengetroffen. Charleys Anweisungen bekomme ich von Rick."

Die Chance, dass Hamill Bount Reiniger für dumm verkaufen wollte, schätzte der Privatdetektiv fünfzig zu fünfzig ein. Er ließ den Börsenmakler erst einmal stehen und rannte hinaus auf den Flur. Hamill konnte er sich immer wieder vorknöpfen, aber der Grauhaarige ging ihm sonst durch die Lappen.

Bount blickte sich um. Von dem Mann war nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte er bereits den Aufzug benutzt. Jedenfalls war einer der Lifte in Betrieb, wie die Leuchtanzeige verriet.

Reiniger hatte keine Lust, auf einen der anderen Aufzüge zu warten. Stattdessen spurtete er die Treppen hinunter. Er hatte eine gute Kondition, aber er war trotzdem froh, als er das Erdgeschoss erreicht hatte. Der grauhaarige Rick war gerade durch die Eingangstür ins Freie getreten. Bount sah, wie er sich mehrfach umdrehte, so als wollte sichergehen, nicht beschattet zu werden. Dann stieg er in einen BMW. Bount merkte sich die Nummer. So schnell wie möglich sah der Privatdetektiv zu, dass er hinter das Steuer seines champagnerfarbenen 500 SL kam. Der BMW fuhr ziemlich forsch. Bount hatte seine Mühe, ihm auf den Fersen zu bleiben.

Es ging kreuz und quer durch die Stadt. Rick schien es vorzuziehen, ein paar Umwege zu machen. Er musste sehr nervös sein. Schließlich führte er Bount zu einer feinen Wohnung in Greenwich Village. Und an der Tür stand auch ein Name. Rick Mariner.

26

Reiniger klingelte an Mariners Wohnungstür. Als dieser öffnete, schien er nicht im Geringsten überrascht zu sein. Vielleicht hatte Hamill ihn vorgewarnt. Ganz auszuschließen war das jedenfalls nicht.

"Was wollen Sie?", fragte Mariner.

"Ich möchte mit ihnen reden", erwiderte Bount.

"Worüber?"

"Über Charley!"

Mariner lachte heiser. "Kommen Sie herein."

Bount folgte ihm in ein völlig überladen wirkendes Wohnzimmer. Hier wollte jemand zeigen, wie viele Antiquitäten er sich leisten konnte - ohne Rücksicht darauf, ob die Sachen auch miteinander harmonierten.

"Sie fragen nicht einmal, wer ich bin", stellte Bount fest.

Auf Mariners Lippen zeigte sich ein verhaltenes Lächeln.

"Warum sollte ich Sie das fragen? Sie sind Bount Reiniger, ein relativ erfolgreicher Schnüffler!"

"Nicht sehr freundlich formuliert!"

"Ich muss Sie ja nicht mögen, oder?"

"Hat Hamill Sie vorgewarnt?"

"Nein. Ich habe mal ein Bild von Ihnen gesehen."

Bount lächelte dünn. "Bei welcher Gelegenheit?"

"Ist doch gleichgültig, oder? Einen Drink, Reiniger?"

"Nein, danke!"

"Sie spielen mit dem Feuer, Reiniger. Ich weiß nicht, ob Ihnen das gut bekommen wird. Woher wissen Sie von Charley?"

"Meine Sache."

Mariner ging zu den Getränken und schenkte sich etwas ein. Bount hörte die Eiswürfel im Glas klirren. "Und was wollen Sie von Charley?"

"Das muss ich ihm schon selbst sagen, Mister Mariner."

"Verstehe. Vielleicht kann ich ihm trotzdem etwas ausrichten."

"Sie sollten wissen, dass ich besser vorgesorgt habe, als der arme Mister Tierney."

Mariner hob die Augenbrauen und zog sie dann etwas befremdet zusammen. Aber das war nichts als Schauspielerei. Er wusste ganz genau, was Bount meinte. "Was Sie nicht sagen, Reiniger", murmelte er und nippte an seinem Glas.

"Selbst wenn mir doch noch etwas zustoßen sollte, wird mein Beweismaterial stechen. Dafür habe ich gesorgt!"

"Was haben Sie denn in der Hand?"

"Das werde ich nur Charley sagen."

Mariners Augen wurden etwas enger. Er beobachtete für einen Augenblick sehr intensiv Bounts Gesichtszüge und sagte dann im staubtrockenen Ton einer Feststellung: "Ich halte Sie für einen Bluffer!"

"Bei Ihren Insider-Geschäften haben Sie das Risiko abgeschafft, Mariner! Aber in diesem Spiel gelten andere Regeln. Wenn Sie unbedingt russisches Roulette spielen wollen, okay. Aber es geht nicht um schwer nachweisbare Wirtschaftsstraftaten, die dann schließlich im Dickicht der Gerichte versanden. Es geht um Morde, Mister Mariner."

"Wir könnten jeden Staatsanwalt kaufen, Reiniger! Besser für Sie, wenn Sie uns das glauben."

Bount zuckte die Achseln. "Ein Privatdetektiv ist sicher billiger!"

"Und wie unverschämt sind Ihre Preisvorstellungen?"

Bount ließ die Frage unbeantwortet. "Wie komme ich mit Charley in Kontakt?", erkundigte er sich stattdessen.

"Sie überhaupt nicht, Reiniger!"

"Ich verhandle nur mit ihm selbst!"

Mariner verzog das Gesicht nahm dann erst einmal einen Schluck. Er musterte Bount mit einem überlegenen Lächeln auf den schmalen Lippen und schüttelte schließlich energisch den Kopf. Dann klingelte das Telefon. Rick Mariner machte ein paar Schritte und nahm den Hörer ab. Er sagte dreimal Ja. Mehr nicht, dann legte er wieder auf. Eine ziemlich einseitige Unterhaltung, dachte Bount.

Aber Mariner schien damit zufrieden zu sein.

"Gehen Sie jetzt, Mister Reiniger. Charley wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen."

Bount nickte. "Bestellen Sie Charley, dass er sich nicht allzuviel Zeit lassen soll!"

Ein ziemlich schiefes und darüber hinaus eiskaltes Lächeln stand nun auf Mariners Lippen. "Keine Sorge, Reiniger! Es wird viel schneller gehen, als Sie denken!"

27

Als Bount gegangen war, klingelte bei Mariner erneut das Telefon. Der Grauhaarige nahm den Apparat in die Rechte und ging zum Fenster, von wo aus er beobachten konnte, wie der Privatdetektiv in seinen Wagen stieg und davonbrauste.

"Hallo?"

"Rick? Hier ist Hamill."

"Sie schon wieder?"

"War Reiniger bei Ihnen?"

"Ja."

"Rick, der Mann meint es ernst. Und er muss auch etwas in der Hand haben! Sag Charley, dass etwas unternommen werden muss! Ich habe keine Ahnung, wie diese Panne zu Stande kommt, aber Reiniger muss wenigstens so lange still halten, bis der Deal zu Ende gebracht ist, den wir gerade laufen haben!"

"Regen Sie sich nicht auf, Hamill! Oder wollen Sie aussteigen?"

"Mir wird die Sache langsam zu heiß!", meine Hamill. "So eine Insider-Sache kann ich vielleicht noch wegstecken, aber ich möchte nicht mit Mordaufträgen in Verbindung gebracht werden!"

Mariner lächelte.

"Hat Reiniger Ihnen ein bisschen Angst gemacht? Ich dachte, jemand wie Sie, der 24 Stunden am Tag den Aktienhandel verfolgt und in Wall Street Summen jongliert, die andere in ihrem ganzen Leben verdienen, hat keine Nerven."

"Rick, ich..."

"Hören Sie zu, Hamill: Machen Sie Ihren Job! Den machen Sie so gut wie kein Zweiter! Aber es wäre besser, wenn Sie sich über den Rest weniger Gedanken machen würden!"

Mariner hörte Hamill durch das Telefon hindurch seufzen.

"Ich fühl mich nicht wohl dabei..."

"Hamill, hören Sie! Soll ich etwa Charley berichten müssen, dass auf Sie kein Verlass mehr ist?"

"Nein. Auf mich ist Verlass!"

"Dann bin ich ja beruhigt."

28

Als June March an diesem Morgen in ihren roten Sportflitzer stieg, um zu Reinigers Agentur in der 7th Avenue zu fahren, war das Wetter scheußlich. Es regnete Bindfäden - und zwar zum ersten Mal seit Wochen. Unterwegs hielt sie kurz an, um sich in einem kleinen Eckladen ein paar Donuts für zwischendurch zu besorgen. Die Tierney-Sache zog immer weitere Kreise und so würde es sicher jede Menge Arbeit geben. Wer konnte schon dafür garantieren, dass die Essenspause dabei nicht auf der Strecke blieb?

June atmete tief durch und schlug sich den Mantelkragen hoch, bevor sie die Tür des Flitzers öffnete und zu einem mittleren Spurt ansetzte. Das Wasser platschte nur so auf sie herab. Ich hätte gar nicht zu duschen brauchen, ging es ihr durch den Kopf. Eine ruinierte Frisur für ein paar Donuts!

Als sie zurückhuschte, sah sie plötzlich einen Schatten vor sich. Sie blickte auf und sah einen Mann, den der Regen nicht zu stören schien, obwohl ihm das Wasser die Baseballmütze hinuntertropfte. Als June in sein Gesicht sah, erschrak sie im ersten Moment. Er sah aus wie Ronald Reagan, der Ex-Präsident. Aber dann entspannte sie sich wieder, als sie in der nächsten Sekunde begriff, dass es eine Maske war, wie man sie zu Tausenden in Scherzartikelläden kaufen konnte.

Sie wollte an dem Mann vorbei, um in ihren Flitzer zu kommen, aber Ronald Reagan ließ das nicht zu und packte sie plötzlich roh am Arm.

Die Tür eines am Straßenrand parkenden Buicks ging auf und June wurde hineingestoßen. Sie versuchte, sich zu wehren, aber der Kerl mit der Reagan-Maske hatte einen eisernen Griff.

Er setzte sich neben sie und hatte dann plötzlich eine Pistole in der Hand, deren Lauf genau auf Junes Kopf gerichtet war.

"Schön ruhig, Lady", zischte er.

Am Steuer saß ein zweiter Mann, der ebenfalls maskiert war. Als Frankenstein-Monster. Er riss das Steuer herum und fädelte auf ziemlich gewagte Art und Weise in den Verkehr ein. Jemand hupte empört und der Fahrer eines überholenden Lieferwagens gestikulierte wild mit den Armen.

"Was wollen Sie?", fragte June, die inzwischen begriffen hatte, dass das Ganze eine abgekartete Sache sein musste. Sie erinnerte sich daran, den Buick schon ein paar Meilen zuvor an einer Ampel hinter sich im Rückspiegel gesehen zu haben.

Sie blickte in das fratzenhafte Plastikgesicht der Reagan-Maske.

"Wenn du schön brav bist, Lady, dann geht die Sache gut für dich aus, klar?"

29

Bount Reiniger blickte hinaus aus dem Fenster in die grauen Wolken über dem Central Park. Seine tägliche Jogging-Runde hatte er in Anbetracht des scheußlichen Wetters ausfallen lassen und stattdessen ein Telefonat mit Toby Rogers geführt, um zu erfahren, ob es etwas Neues im Mordfall Lafitte gab.

Aber das war nicht der Fall. Die Ermittlungen waren noch immer auf demselben Stand.

Inzwischen wunderte sich der Privatdetektiv zunehmend über seine Mitarbeiterin June. Unpünktlichkeit zählte nicht zu ihren Fehlern und jetzt war sie schon fast eine Stunde überfällig. Auf den Verkehr war das nicht mehr zu schieben. Es musste etwas Ernstes passiert sein.

Reiniger versuchte, sie telefonisch zu erreichen. Vergeblich.

Dann kam der Anruf.

"Reiniger?"

Es war eine sonore Männerstimme. Aber sie klang irgendwie verfremdet.

"Wer sind Sie?", fragte der Detektiv misstrauisch.

"Das tut nichts zur Sache."

"Sind Sie Charley?"

Es folgte eine kurze Pause. Der Sprecher schien es vorziehen, sich dazu nicht zu äußern.

"Ich weiß, dass Sie an Ihrer Assistentin hängen, Mister Reiniger. Sie werden nichts tun, was ihr Leben aufs Spiel setzt, nicht wahr? Wir haben Miss March in unserer Gewalt und werden sie töten, wenn Sie nicht tun, was ich Ihnen jetzt sage..."

"Beweisen Sie mir erst, dass Sie die Wahrheit sagen!"

"Wie Sie wollen..."

Eine Sekunde später hörte Bount die Stimme von June. "Bount, ich bin hier..." Mehr konnte sie nicht sagen. Sie wurde abgewürgt und dann war wieder die Männerstimme zu hören.

"Lassen Sie die Finger von der Sache, in der Sie gerade herumwühlen!"

Bount stellte sich dumm.

"Wovon reden Sie?"

"Sie verstehen mich sehr gut, Reiniger! Und das Sie die Polizei aus dem Spiel lassen sollen, dürfte wohl selbstverständlich sein."

"Wie es aussieht, bestimmen Sie die Regeln!", zischte Bount nicht gerade erfreut darüber. Aber es war nun einmal eine Tatsache. Sie zu leugnen hätte alles nur komplizierter gemacht.

"Sehr gut, dass Sie das akzeptieren."

"Warum schicken Sie mir nicht einfach einen Ihrer Killer vorbei? An Geld mangelt es Ihnen doch sicher nicht. Da werden Sie sich doch einen Spitzenmann leisten können."

"Vielleicht kommt es uns preiswerter und macht weniger Aufsehen, wenn wir uns mit Ihnen anders einigen."

Vielleicht war es einfach so, dass einigen Mitgliedern der Organisation die Sache langsam zu heiß wurde. Es waren schließlich neben Tierney auch noch ein Detective und ein Ladenbesitzer umgekommen. Dazu noch Greg Lafitte, der ja wohl ebenfalls zu Charleys Leuten zu zählen war.

Bount verzog das Gesicht. "Vorausgesetzt, ich bin nicht so unverschämt wie Tierney, nicht wahr?"

"Das haben Sie gesagt, Reiniger. Kommen Sie heute Abend um acht in Harper's Bar. Ich will wissen, was Sie an angeblichen Beweisen vorliegen haben. Und dann sprechen wir über den Preis."

"Und Miss March?"

"...verbessert meine Verhandlungsbasis, Mister Reiniger!"

Auf der anderen Seite machte es 'klick!'

Das Gespräch war zu Ende und Bount fragte sich, was so merkwürdig an dieser Stimme klang. Er hatte sie ganz sicher noch nie gehört. Mariner war es nicht, auch Hamill nicht.

Bount hatte die letzten zwei Drittel des Gesprächs aufgezeichnet. Vielleicht konnte man damit etwas anfangen. Bount nahm die Kassette heraus und steckte sie in ein Kuvert. Dazu kamen ein paar Zeilen an seinen Freund Toby Rogers und Briefmarken. Bount machte das Ganze als Eilsendung frei. Bei nächster Gelegenheit würde es in den Kasten kommen.

Leichter wäre es gewesen, Rogers das Tonband einfach vorbeizubringen, aber das Risiko wollte Bount nicht eingehen. Möglich, dass er beschattet wurde, sobald er die Agentur verließ.

Bount wollte sich schon aufmachen, da ging erneut das Telefon.

Es war ein Mann, der sich nicht mit Namen meldete. Aber Reiniger erkannte die Stimme dennoch sofort. Es war Tyner.

"Es ist nur ein Gerücht", sagte der Mann auf der anderen Seite der Leitung. Am Hintergrundgeräusch war zu hören, dass das Gespräch aus einer Telefonzelle geführt wurde.

Bount hob die Augenbrauen. "Und?"

"Clint Leonard soll zuletzt sehr häufig bei Sean Smith gesehen worden sein..."

Tyner legte auf.

Sean Smith, überlegte Bount. Das war ein Buchmacher. Einer, von dem bekannt war, dass er nicht übermäßig zimperlich war, wenn er seine Schulden eintrieb. Aber wenn Tyner ihn mit Clint Leonard in Verbindung brachte, dann vermittelte der vielleicht nicht nur Wetten. Die Sitte hatte Smith schon lange im Verdacht, seinen Wettladen nur zur Tarnung für irgendetwas anders zu betreiben.

Warum nicht zur Vermittlung von Killern?

Bount ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Heute Abend musste er in Harper's Bar sein. Bount hatte die andere Seite geblufft, so dass sie ihn im Augenblick noch fürchtete. Aber wenn er Farbe bekennen und die Karten auf den Tisch legen musste, dann war es vielleicht gar nicht schlecht, etwas mehr über diejenigen zu wissen, die hinter allem steckten.

Über Charley zum Beispiel.

30

Sean Smith hatte sein Büro im Souterrain eines mehrstöckigen Gebäudes, dessen Fassade dringend einen Anstrich hätte vertragen können. Im Erdgeschoss befand sich ein Fitness-Studio, das ebenfalls Smith gehörte.

Smith war ein kleiner, hagerer Mann in grauer Strickjacke und mit übergroßen Tränensäcken. Nichts an seinem äußeren Erscheinungsbild deutete darauf hin, dass es ihm nichts ausmachte, jemanden ohne mit der Wimper zu zucken krankenhausreif schlagen zu lassen.

Als Bount Smiths Büro betrat, war nur der Leibwächter dort, ein baumlanger Blondschopf, der offenbar fleißig im nahen Fitness-Studio trainiert hatte. Jedenfalls sah er aus, als könnte er jederzeit auch bei Bodybuilding-Meisterschaft mitkonkurrieren.

Um diese Zeit war noch nichts los bei Smith. Aber das war für Bount vielleicht auch besser so.

"Tag, Mister. Worauf wollen Sie Ihre Dollars setzen? Vielleicht auf einen Stanley-Cup Gewinn der New Jersey Devils?"

Bount winkte ab.

"Ich möchte mit Ihnen unter vier Augen reden, Smith."

Smith runzelte die Stirn, während Bount merkte, wie sich die Muskeln des Leibwächters leicht anspannten. Dem Buchmacher gefiel die Idee nicht. Also sagte er: "Billy ist immer dabei. Ich habe keine Geheimnisse vor ihm..."

Bount zuckte die Achseln.

"Aber ich."

"Sagen Sie, worum es geht oder verschwinden Sie. Wer sind Sie überhaupt?"

Bount zögerte mit der Antwort. Wenn er sagte, dass er Bount Reiniger und Privatdetektiv war, dann würde Smith auf einmal keinen Mund mehr haben. "Das tut nichts zur Sache", wich er daher aus.

Was dann geschah, ging blitzschnell.

Billy, der Leibwächter, schnellte nach vorn und packte Bount am Kragen. Der Privatdetektiv wurde roh gegen die Wand gedrückt. Auf dem Gesicht des Blondschopfs stand ein hässliches Grinsen, während er durch Bounts Taschen fingerte.

Aber dieses Grinsen gefror zu Eis und wurde dann zu einer Maske des Erschreckens, als Bount den Kerl blitzschnell packte und aushebelte. Billy landete der Länge nach hingestreckt auf dem Boden. Eine volle Sekunde brauchte er, dann war er wieder auf den Beinen.

Der Blondschopf griff unter das Jackett, wo er vermutlich seine Waffe hatte. Er zog sie annähernd zu Hälfte heraus, aber Bount reagierte blitzschnell. Bount kam mit der Rechten vor und hieb sie Billy direkt unter das Kinn, während die Linke in den Magen vorschnellte. Der Bodybuilder sank ächzend zusammen und klatschte dann schwer auf den Boden.

Bount verzichtete darauf, seinem Gegner die Kanone abzunehmen. Der Kerl würde eine ganze Weile ohne Bewusstsein bleiben. Zeit genug also für eine kleine Unterhaltung mit Smith.

Aber der Buchmacher schien davon überhaupt nicht begeistert zu sein. Er hatte so schnell er konnte in die Schublade seines Schreibtisches gegriffen und eine Beretta herausgerissen, deren Lauf jetzt auf Bount Reinigers Gesicht zeigte.

"Wenn Sie nur eine falsche Bewegung machen, Mister, dann sind Sie ein toter Mann!", zischte Smith. Aber der Umgang mit Waffen war nicht sein Ding. Er hielt die Beretta ziemlich unsicher. Trotzdem - auf diese Entfernung war es einfach zu gefährlich für Bount, etwas zu versuchen.

Bount nahm die Hände hoch.

"Nehmen Sie das Ding da besser weg, Smith. Sonst passiert am Ende noch ein Unglück!"

"Das haben Sie dann zu verantworten!"

"Hören Sie, Sie sind vielleicht einer, der Mörder vermittelt, aber selbst abzudrücken, da ist doch das Risiko viel zu hoch."

Smith runzelte die Stirn und verlor den letzten Rest von Gesichtsfarbe. Bount schien da etwas getroffen zu haben. Er kam etwas näher an den Schreibtisch heran.

"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen", meinte Smith wenig überzeugend.

"Natürlich wissen Sie von nichts", erwiderte Bount ironisch. "Genau wie ein Heiratsvermittler in der Regel auch nicht weiß, dass es Männer und Frauen gibt, so wissen Sie nicht, was ein Killer, was?"

"Haben Sie eine Waffe?"

"Im Schulterholster."

"Dann legen Sie sie hier auf den Tisch. Und zwar ganz vorsichtig, wenn ich bitten darf!"

Bount gehorchte. Und er war ganz vorsichtig.

"Zufrieden?", fragte er dann.

"Und jetzt wieder zwei Schritte zurücktreten!"

Als Bount das getan hatte, entspannte sich Smiths Körperhaltung wieder ein wenig.

"Was haben Sie jetzt vor?", fragte Bount.

"Wer sind Sie? Ein Bulle? Sie haben irgendwie das Auftreten, das dazu paßt!"

Jetzt hatte es keinen Zweck mehr, Katz und Maus zu spielen. Nicht im Angesicht einer Beretta. Und so sagte Bount: "Greifen Sie in meine rechte Jackettinnentasche."

"Was soll da sein?"

"Mein Ausweis als Privatdetektiv."

Sean Smith zögerte eine Sekunde. Dann ging er auf Bounts Vorschlag ein und versuchte, ihm in die Tasche zu greifen. Für den Bruchteil eines Augenblicks passte er dabei nicht auf. Bount riss ihm den Arm mit der Beretta schmerzhaft herum und schlug ihm die Waffe aus der Hand. Sie polterte geräuschvoll auf den Boden, während Bount den Buchmacher zur Hälfte über den Tisch zog.

Smith befand sich in einer ziemlich unangenehmen Lage und ächzte. "Was wollen Sie?"

"Sie kennen Clint Leonard!"

"Der ist tot. Und Tote soll man ruhen lassen!"

"Aber er hat für Sie gearbeitet."

"Nein, das ist falsch."

"Ich habe es aus zuverlässiger Quelle - einer Quelle, der ich auf jeden Fall mehr Glauben schenke, als Ihnen, Smith!"

Bount ließ den Buchmacher los und dieser rutschte daraufhin auf der anderen Seite des Schreibtischs herunter. Als er wieder auf den Beinen stand sah er Bount ziemlich böse an. "Sie können mir nichts beweisen, Schnüffler! Ich mache Leute miteinander bekannt und das ist ja nicht strafbar."

"Wenn der eine ein Killer und der andere sein Auftraggeber ist, schon", gab Bount den Ball zurück.

Smith zuckte mit den Schultern. "Davon weiß ich nichts und Sie können nicht das Gegenteil beweisen."

Bount wusste, dass sein Gegenüber da leider recht hatte.

Trotzdem ließ er nicht locker. "Wer war der letzte, den Sie mit Clint Leonard bekannt gemacht haben?"

"Ich sage kein Wort."

"Warum? Vor wem haben Sie Angst? Leonard kann Sie nicht mehr umlegen, wenn sie ihn jetzt verraten. Aber ich kann Ihnen eine Menge Schwierigkeiten machen, wenn ich nicht eine vernünftige Antwort bekomme..."

Smith hatte den Blick eines in die Enge getriebenen Tieres.

"Was meinen Sie damit?"

"Meine Beziehungen zur Polizei sind ausgezeichnet, Smith. Ich habe einige Freunde dort, von denen ich weiß, dass sie Ihnen lieber früher als später das Handwerk legen würden. Möchten Sie, dass die Ihnen die Türen einrennen? Was glauben Sie, was das für einen guten Eindruck auf Ihre Kundschaft macht." Bount zuckte die Achseln. "Vielleicht kann ich sogar arrangieren, dass man bei Ihnen mal eine Steuerprüfung durchzieht. Wäre vielleicht ganz ergiebig!"

Jetzt besann sich Smith.

"Okay", meinte er. "Ich habe Clint Leonard mit jemandem bekannt gemacht."

"Ein Name, Smith!"

"Ich kenne ihren Namen nicht. Sie hatte eine Sonnenbrille auf und so konnte ich auch kaum etwas von ihrem Gesicht sehen. Und es interessierte mich auch nicht."

"Sie?", echote Bount.

"Ja", sagte Smith. "Eine Frau. Das war nun wirklich eindeutig."

"Haben Sie dieser Frau noch eine zweite Bekanntschaft vermittelt, nachdem Leonard tot war?"

Smith schwieg.

Bount umrundete den Schreibtisch, wobei er seine Automatik einsteckte und Smiths Beretta vom Boden aufhob. Er richtete die Pistole auf Smith, der sich in die hinterste Ecke des Büros zurückzog, und dabei unabsichtlich eine Vase vom Regal fegte.

Bount lud die Waffe durch.

"Machen Sie keine Dummheiten!", stöhnte Smith.

"Tut mir leid, ich bin sonst nicht für solche Methoden. Aber meine Mitarbeiterin ist in den Händen dieser Leute. Und wenn ich nicht bald Namen höre, dann werde ich Sie persönlich für das verantwortlich machen, was noch geschieht!"

Bount drückte ihm die eigene Beretta an die Schläfe.

"Wenn Sie schießen, wird man das oben im Fitnesscenter hören", meinte Smith ziemlich schwach.

"Ja, und es wird keiner von den Kraftprotzen wagen, hier herunter zu kommen. Auf mich wird kein Verdacht fallen. Es gibt mindestens zwei Dutzend Leute, die Sie gerne tot sehen würden."

Er schluckte.

Dann sagte er: "Es sind zwei. Mike Gonzales und John Frederick. Beide sind von auswärts. Sie wollte das so."

"Wie komme ich an die beiden heran?"

"Über eine Telefonnummer. Ich schreibe Sie Ihnen auf."

Bount nahm die Beretta weg und meinte: "Wenn Sie gelogen haben, mache ich Sie fertig. Und das dasselbe gilt, falls es Ihnen einfallen sollte, jemanden zu warnen."

Smith nickte. "In Ordnung."

Indessen bewegte sich der k.o. geschlagene Leibwächter wieder ein bisschen. Als Bount den Buchmacher verließ, stieg er über den kräftig gebauten Mann hinüber und meinte dabei zu Smith: "Ihr Bodyguard taugt nicht viel. Wenn Sie Ihre schmutzigen Geschäfte noch eine Weile überleben wollen, sollten Sie jemanden engagieren, der nicht so leicht auszuknocken ist!"

31

Bount Reiniger wählte vom Wagen aus die Nummer, die Smith ihm gegeben hatte. Es meldete sich eine Pension.

Bount trat auf das Gaspedal, um möglichst schnell dorthin zu gelangen.

Vielleicht war dies eine Spur, die direkt zu June führte. Bount hoffte es zumindest, denn er hatte das dumpfe Gefühl, dass die Verabredung in Harper's Bar heute Abend um acht nur dazu dienen sollte, ihn aufs Glatteis zu führen und auf irgendeine Art und Weise auszuschalten, sobald die andere Seite einigermaßen abgeschätzt hatte, ob ein toter oder ein lebender Privatdetektiv ihr gefährlicher werden konnte.

Die Pension war keine vornehme, dafür aber eine unauffällige Adresse in der Lower East Side.

Der Portier war so fett, dass er wahrscheinlich für alle Tätigkeiten, die nicht im Sitzen ausgeführt werden konnten, ohnehin ungeeignet gewesen wäre.

Er saß hinter dem Tresen und las in den Kontaktanzeigen eines Sex-Magazins, als Bount zu ihm herantrat.

"Welche Nummern haben Gonzales und Frederick?", fragte Bount.

Er blickte auf und musterte Bount kritisch.

"Ich bin kein Auskunftsbüro", verkündete er dann ziemlich mürrisch. "Wenn Sie ein Zimmer wollen, tragen Sie sich ein, ansonsten verschwinden Sie besser."

Bount scherte sich nicht weiter um den Dicken, sondern langte dreist nach dem Gästebuch. Der Portier versuchte, es Bount wieder abzunehmen, aber das Ganze ging einfach zu schnell für ihn.

So langte der Dicke zum Telefon.

Bount zog ihm kurzerhand die Schnur aus der Wand.

"Lassen Sie das schön bleiben. Sie handeln sich nur Ärger ein!"

Der Portier schaute ziemlich verdutzt drein. Sein Mund stand weit offen, so als hätte er beim letzten Atemzug einfach vergessen, ihn wieder zu schließen.

Einen Augenblick später hatte Bount die Eintragungen von Frederick und Gonzales gefunden. Sie wohnten in Nummer 13 und 14. Ein Blick zur Schlüsselwand ließ vermuten, dass die beiden nicht hier waren.

Bount zog dennoch seine Automatik und lud sie durch.

"Sind Sie ein Bulle?", fragte der Mann hinter dem Tresen.

"Die Schlüssel!", wies ihn Bount an, ohne darauf einzugehen und streckte dabei die Linke aus.

Der Portier gehorchte und Bount lief mit großen, raumgreifenden Schritten die Treppe hinauf. Wenig später stand er vor Nummer 13. Er horchte kurz. Es schien niemand im Raum zu sein und so steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn vorsichtig herum.

Trotz allem war Bount auf der Hut, als er das Zimmer betrat. Aber schon nach wenigen Sekunden ließ er die Automatik sinken. Es bestand keinerlei Gefahr.

Im Schnellgang durchsuchte Bount den Raum nach persönlichen Gegenständen. Vielleicht war ja etwas dabei, das ihn weiterbringen konnte. Bount hoffte es jedenfalls.

Er fand einen Koffer mit Kleidung.

Bount wühlte ein bisschen darin herum, aber ohne Ergebnis. Der Schrank war leer und selbst im Papierkorb war nichts, das dem Privatdetektiv bedeutsam erschien. Bount hielt sich nicht länger auf und nahm sich noch die Hummer 14 vor.

Bount fand ein paar Zeitungen, eine Illustrierte und einen Stadtplan von New York City. Bount faltete den Stadtplan auseinander. Eine Stelle war ganz zart mit Bleistift markiert.

32

Das zu Eis erstarrte Lächeln der Ronald-Reagan-Maske ließ June March unwillkürlich frösteln.

Sie wusste nicht, wo sie war.

Während der Fahrt waren ihr die Augen verbunden worden und dann hatte sie sich irgendwann in diesem halbdunklen, kahlen Raum wiedergefunden. Sie schätzte, dass dieser Raum zu ebener Erde lag. Jedenfalls waren die beiden Maskierten mit ihr weder eine Treppe hinaufgegangen noch in einen Aufzug gestiegen.

June saß in einer Ecke auf dem Boden, Hände und Füße waren mit Klebestreifen so wirkungsvoll gefesselt, dass sie sich kaum rühren konnte.

"Was haben Sie mit mir vor?", fragte sie den Mann mit der Reagan-Maske, der sie jetzt schon eine ganze Weile lang musterte.

Aber die Reagan-Maske gab keine Antwort.

Stattdessen meldete sich Frankensteins Monster, das am Fenster stand und hinausblickte. June konnte nicht sehen, was dort war.

"Seien Sie einfach still!", sagte Frankensteins Monster, ohne sich dabei umzudrehen. "Je weniger Sie wissen, desto besser für Sie und uns!"

"Worauf haben Sie es abgesehen? Auf meinen Boss?"

Frankensteins Monster drehte sich jetzt abrupt herum, trat mit ein paar schnellen Schritten an June heran und packte mit der Linken ziemlich grob ihren Unterkiefer.

"Dein Gerede geht mir auf die Nerven, Lady!"

Einen Augenblick später war auch ihr Mund mit Klebeband bepflastert.

"Warum so nervös?", kam es unter der Reagan-Maske hervor. "Es ist alles prima gelaufen. Ein einfacher Job, ohne Komplikationen und Schnörkel."

Frankensteins Monster machte eine wegwerfende Geste. Dann ein kurzer Blick auf die Uhr. "Die andere Sache steht noch aus", meinte er.

"Warum so eilig?", dröhnte es dumpf unter der Reagan-Maske hervor.

"Willst du, dass der Kleine schon von der Schule zurück ist und zusieht?"

"Nein."

"Na, also!"

"Meinst du, wir können die Lady hier sich selbst überlassen?"

Der Kerl mit der Monster-Maske schüttelte energisch den Kopf. Er schien derjenige von beiden zu sein, der das Sagen hatte. "Nein", meinte er mürrisch. "Nicht nötig. Ich kann das allein erledigen..."

33

Bount hielt den champagnerfarbenen 500 SL an und überlegte, worauf sich die Markierung auf dem Stadtplan wohl beziehen mochte. Er ließ den Blick an der linken Häuserfront entlang gleiten und blieb bei einem aufgegebenen Geschäft hängen, dessen Schaufenster vernagelt waren.

Die Leuchtreklamen waren abmontiert worden und es gab nichts, was einem noch verraten konnte, was hier einmal verkauft worden war. Jetzt wurde das Gebäude selbst zum Verkauf angeboten und schien seinerseits ein Ladenhüter zu sein. Das Schild mit der Aufschrift 'FOR SALE' war jedenfalls in einem Zustand, der darauf hinwies, dass es nicht erst gestern angebracht worden war.

Vielleicht ist June hier!, dachte Bount und stieg aus. Ein verlassenes Gebäude wie dieses war wie geschaffen dafür, eine Entführte zu verbergen, zumal auch in der unmittelbaren Nachbarschaft einige Wohnungen leer standen. Bount ging über die Straße und versuchte zwischen den Brettern hindurchzublicken, mit denen alles vernagelt war. Nichts zu sehen. Nur Dunkelheit.

Zwischen dem Geschäft und dem Nachbarhaus führte eine Durchfahrt in einen Hinterhof, in dem ein Wagen geparkt war. So ähnlich hatte Bount sich das gedacht. Es war also jemand hier.

Dann hörte der Privatdetektiv plötzlich ein Geräusch.

Es waren Schritte, die aus einem auf der anderen Seite des Hinterhofs gelegenen Gebäude kamen, das früher wahrscheinlich als eine Art Lager gedient hatte. Bount drückte sich seitlich in eine Nische, die zu einer zugemauerten Tür gehörte.

Er sah einen Mann ins Freie treten, der sich eine Frankenstein-Maske vom Kopf riss und darunter ziemlich zu schwitzen schien. Der Mann stieg in den Wagen, warf die Maske auf den Rücksitz und brauste dann einen Augenblick später an Reiniger vorbei.

Bount glaubte nicht, dass der Kerl ihn gesehen hatte. Der Privatdetektiv schlich an der Wand entlang. Die dem Innenhof zugewandten Fenster des Lagerhauses waren zwar verbarrikadiert, aber sicher war eben sicher. Bount konnte ja nicht wissen, wo eventuell jemand auf Beobachtungsposten stand.

Bevor er die Tür passierte, zog er die Automatik aus dem Schulterholster und entsicherte sie. Er versuchte so wenig Krach wie möglich zu machen, aber die Scharniere waren wohl schon eine Ewigkeit lang nicht mehr geölt worden und knarrten daher etwas.

Bount kam in einen großen, kahlen Raum. An den Seiten waren Glasbausteine in den Wänden, durch die etwas Licht fiel.

Auf der anderen Seite war eine Tür, die wahrscheinlich in einen weiteren, ähnlichen Raum führte.

Es war zur einen Hälfte ein kaum hörbares Geräusch, das Bount warnte. Zur anderen Hälfte vielleicht Instinkt. Jedenfalls sprang plötzlich die Tür auf. Alles Weitere ging blitzschnell.

Bount sah eine maskierte Gestalt hervorspringen und eine Waffe heben. Ein Mündungsblitz zuckte. Das Schussgeräusch hörte sich in diesem kahlen Lagerraum wie ein Donnergrollen an und hallte mehrfach wider.

Ein zweiter Schuss folgte unmittelbar danach, während Bount sich längst zur Seite fallengelassen hatte. Der Privatdetektiv rollte sich am Boden herum, während dicht neben ihm ein Projektil in den Betonboden schlug und als tückischer Querschläger weitergeschickt wurde.

Dann riß Bount seine Waffe hoch und drückte ab, bevor sein Gegenüber zum drittenmal feuern konnte. Der Maskierte bekam Bounts Kugel ins linke Bein. Der Schrei, der daraufhin unter der Reagan-Maske hervordröhnte, schien je zur Hälfte aus Schmerz und Wut geboren zu sein.

"Waffe weg!", rief Bount, aber der Maskierte dachte keine Sekunde daran aufzugeben. Er lehnte mit dem Rücken am Türpfosten und richtete erneut seine Waffe auf Bount.

Der Kerl mit der Reagan-Maske ließ Bount keine andere Wahl. Bevor der Maskierte seinen Schuss abgeben konnte, hatte Bount bereits abgedrückt. Der Kerl rutschte getroffen am Türrahmen zu Boden. Er versuchte verzweifelt, seine Waffe in Anschlag zu bringen, aber das klappte nicht mehr.

Einen Sekundenbruchteil saß er regungslos da, während sein Blut auf den kalten Betonboden sickerte.

Bount rappelte sich auf und trat an ihn heran. Der Kerl war tot, da gab es keinen Zweifel. Als der Privatdetektiv dann in der Tür stand, sah er ein zusammengeschnürtes, blauäugiges Bündel in einer Ecke liegen.

"June!"

34

"Es waren zwei!", sprudelte es aus June heraus, als Bount ihr das Klebeband herunterzog, das ihr den Mund verschlossen hatte. Geschwind glitten Bounts Hände weiter und befreiten June von ihren Fesseln.

"Und wo ist Nummer zwei?"

"Das ist es ja eben, Bount! Ich vermute bei Karen Tierney!"

Bount erstarrte mitten in der Bewegung.

"Wie kommst du darauf?"

"Es war einem Jungen die Rede, der noch in der Schule sei und das Ganze nicht mitkriegen sollte..."

"Wie rücksichtsvoll!", meinte Bount ironisch.

Indessen rieb June sich die Hände. "Da glaubt jemand, sich nicht mehr auf Karen Tierneys Schweigen verlassen zu können!"

Bounts Blick auf einen Stuhl, auf dem ein Handy lag, dazu eine Apparatur, um die Stimme zu verändern.

"Von hier aus haben sie mich heute Morgen in der Agentur angerufen, nehme ich an", murmelte Bount. "Zwei Männer, sagst du?"

"Ja. Da bin ich trotz der Masken sicher. Schon wegen der Stimmen..."

"War noch jemand hier? Jemand, der sich Charley nennt und die Fäden zu ziehen scheint. Ich hatte ihn an der Strippe - und du bist doch dabei gewesen, June!"

"Das war der andere. Er trug eine Frankenstein-Maske."

Bount nickte. "Ich habe ihn davonfahren sehen... Aber das ist nicht Charley. Charley ist wahrscheinlich eine Frau..."

"Das musst du mir erklären!"

"Später..."

Bount nahm das Handy und wählte Karen Tierneys Nummer. Es dauerte ziemlich lange, bis sie abnahm. Aber schließlich meldete sie sich doch und Bount atmete innerlich auf. Der Kerl mit der Frankenstein-Maske war also noch nicht bei ihr.

Karen schien unter starker Anspannung zu stehen und mit den Nerven ziemlich am Ende. Und sie versuchte sofort, den Privatdetektiv abzuwimmeln. "Mister Reiniger, ich habe Ihnen doch gesagt, dass..."

"Hören Sie mir gut zu", unterbrach Bount sie abrupt und hoffte, dass sie nicht einfach sofort auflegte. "Sie sind in großer Gefahr. Ein Mann ist zu Ihnen unterwegs, der wahrscheinlich den Auftrag hat, Sie umzubringen." Sie sagte gar nichts und das hielt Bount für ein gutes Zeichen. Vielleicht glaubte Sie ihm ja. "Wenn jemand an ihrer Tür klingelt, machen Sie nicht auf!"

"Okay..."

"Wissen Sie einen Ort, an dem sie sich für die nächste halbe Stunde verstecken können? Nachbarn vielleicht..."

"Wir hatten nie viel Kontakt zu den Nachbarn und außerdem..."

"Versuchen Sie es, Karen! Sie werden Ihnen schon helfen! Sie haben keine andere Chance!"

"Oh, mein Gott!", hörte er Karen Tierneys Stimme ihn plötzlich unterbrechen.

"Was ist los?"

"An der Tür ist jemand."

Ein undefinierbares Geräusch drang durch die Leitung und dann schien Karen Tierney aufgelegt zu haben.

35

Bount fuhr wie der Teufel und bedauerte, nicht in einem Streifenwagen zu sitzen und sich den Weg durch das Verkehrsgewühl mit Blaulicht und Sirene bahnen zu können.

Indessen betätigte June das Autotelefon, um Captain Rogers zu alarmieren. Als das geschehen war, berichtete Bount ihr in knappen Sätzen, was er inzwischen herausgefunden hatte.

"Hast du schon eine Idee, wer es ist, der da die Fäden aus dem Hintergrund zieht?", fragte Reinigers Assistentin dann.

"Um das herauszufinden, habe das Gespräch heute Morgen aufgenommen und an Toby geschickt. Die Stimme war zwar verfremdet, aber kriminaltechnisch ließe sich vielleicht doch etwas machen... Leider ist dieser mysteriöse Charley auf Nummer hundertprozentig sicher gegangen!"

"Du sprachst von einer Frau..."

"Clint Leonard und die Kerle, die dich eingefangen haben wurden von einer Frau engagiert."

"Das ist alles?"

"Leider ja. Wer immer sich auch hinter dem Namen Charley verbergen mag, er - oder sie - hat alles so arrangiert, dass es möglichst keine Spuren gibt, die zum Kopf der Gruppe führen, mit der wir es hier zu tun haben!"

Als der 500 SL etwas später in der Nähe von Karen Tierneys Wohnung hielt, ahnte Bount, dass er vielleicht zu spät gekommen war.

"Da vorne ist sein Wagen!", sagte er an June gewandt, während er ausstieg.

"Die Polizei muss jeden Moment kommen!", erwiderte June.

Bount nickte. "Bleib hier und sorg dafür, dass sie gleich dahin kommen, wo sie gebraucht werden!" Bount nahm seine Automatik aus dem Schulterholster und bewegte sich mit schnellen Schritten vorwärts. Der Killer konnte noch in der Wohnung sein. Jedenfalls war Bount auf der Hut, nicht in das Schussfeld zu geraten. Vorsichtig hatte Bount sich schließlich bis zur Tür vorgearbeitet. Sie war angelehnt.

Vorsichtig tastete der Privatdetektiv sich voran, passierte die Tür und stand dann im Treppenhaus. Einen Aufzug gab es auch, aber der war im Moment außer Betrieb. Die nächste Tür führte zu Karen Tierneys Wohnung. Sie war verschlossen, und Bount öffnete sie mit einem Stück Draht. Mit der Automatik im Anschlag schlich er dann in die Wohnung.

Er ging den Flur entlang und fragte sich, ob Karen Tierney wohl noch lebte. Bount fand den Killer dann in der Küche. Er saß am Tisch und wenn Bount es nicht besser gewusst hätte, hätte man auf die Idee kommen können, dass er hier zu Hause war. Eine Pistole mit Schalldämpfer lag vor dem Kerl auf dem Tisch. Seine Rechte umklammerte den Griff und riss die Waffe augenblicklich in die Höhe, als der Privatdetektiv zu sehen war. Zweimal kurz hintereinander gab es das charakteristische dumpfe Geräusch. Bount ließ sich zur Seite fallen, während die Geschosse über ihn hinweggingen und das Holz des Türrahmens splittern ließen. Bount feuerte augenblicklich zurück. Der Schuss ging dem Killer in den rechten Arm. Der Mann schrie auf, versuchte, seine Pistole erneut hochzureißen, aber er sah schnell ein, dass ihm das nicht mehr gelingen würde.

"Waffe weg!", rief Bount. Der Killer gehorchte. Aber statt sich zu ergeben, machte er zwei schnelle Schritte und sprang dann durch das Küchenfenster. Glas splitterte, aber aus dem Hintergrund drang bereits eine Polizei-Sirene. Bount setzte nach und stieg durch das zersplitterte Fenster, während der Flüchtende sich längst wieder aufgerappelt hatte und davon hetzte. Der Mann hielt sich keuchend den Arm und drehte sich immer wieder zu seinem Verfolger herum. Dreißig, vierzig Meter hatte er noch bis zu seinem Wagen. Aber da war bereits der erste Streifenwagen herangekommen und bremste mit quietschenden Reifen. Die Türen gingen auf und Polizisten brachten ihre 38er Revolver in Anschlag. Dann kam ein zweiter Wagen und noch ein dritter. Der Killer blieb stehen. Er hatte keine Chance.

36

"Und du hast nicht zufällig eine Ahnung, wer dieser Charley ist?", fragte Toby Rogers, nachdem Bount ihm einen knappen Bericht gegeben hatte. "Was ich meine ist: Wenn wir unseren Kollegen, die sich mit Wirtschaftskriminalität befassen, einen Tipp geben wollen, müssen wir ihnen wohl schon ungefähr sagen, in welchem Büro es sich lohnt zu suchen..."

"Tut mir leid, Toby. Ich fürchte, ich stehe mit leeren Händen da."

Toby deutete auf den Killer, der gerade in einen der Streifenwagen gesetzt worden war. Jemand kümmerte sich notdürftig um seine Wunde.

"Vielleicht packt er ja aus..."

"Ich glaube nicht, dass er viel zu sagen", vermutete Bount. "Genau darauf basiert doch Charleys Organisation! Dass niemand weiß, wie alles zusammenhängt. Der Kerl hier hat einen Auftrag bekommen - und zwar über einen Vermittler. Er wird uns also nicht weiterhelfen können, selbst wenn er wollte...

"Und Mrs. Tierney?", fragte Rogers. "Vielleicht packt sie jetzt endlich aus! Wo ist sie übrigens?"

Bount zuckte die Achseln. Aber dann sah er sie plötzlich. Sie kam zögernd näher und machte einen ziemlich verstörten Eindruck.

Bount und Toby bewegten sich auf sie zu.

"Ich habe die Sirenen gehört und da dachte, ich, dass alles vorbei ist...", sagte sie.

"Wo waren Sie?", fragte Bount. "Unser Gespräch wurde ziemlich abrupt unterbrochen..."

"Tut mir leid, Mister Reiniger. Als der Kerl an der Tür war, bin ich hinten aus dem Fenster gestiegen und davongelaufen."

Bount begriff. Der Killer hatte angenommen, dass Karen Tierney kurz außer Haus war und einfach auf sie gewartet.

"Mrs. Tierney...", begann der Privatdetektiv jetzt, aber sie kam ihm zuvor.

"Ich weiß, dass ich nicht besonders nett zu Ihnen war, Mister Reiniger. Aber bitte, verstehen Sie auch, in welcher Lage ich war. Ich dachte, wenn ich tue, was sie sagen, dann lassen sie mich und Michael in Ruhe. Aber jetzt ist ja wohl alles vorbei."

"Sie irren sich", meinte Bount. "Nichts ist vorbei. Dieser Kerl war nur ein Handlanger und man wird einen weiteren schicken, wann immer sein Boss es für richtig hält!"

Sie machte einen hilflosen Eindruck. "Was soll ich tun?"

"Packen Sie aus, Sie haben jetzt nichts mehr zu verlieren!"

"Was wollen Sie wissen?"

"Zum Beispiel, wer hinter dem Namen Charley steckt?"

Sie schüttelte den Kopf. "Ich weiß es nicht!"

"Aber Ihr Mann ist vielleicht dahintergekommen."

"Steve hat mir nicht viel gesagt, Mister Reiniger. Nur, dass er an einer sehr heiklen Sache arbeitete, die im Dunstkreis der Börse angesiedelt war. Er hat mir auch erklärt, wie diese Geschäfte funktionieren, die die Leute betreiben, denen er auf die Spur kam."

"Er wollte sie erpressen, nicht wahr?"

"Darüber haben wir nicht gesprochen."

"Und was war in dem Bankschließfach, dessen Inhalt für mich bestimmt war?"

"Ich weiß es nicht. Aber das habe ich Ihnen auch schon einmal gesagt!" Sie sah Bount offen an. Warum sollte sie jetzt noch lügen? Sich und ihren Jungen konnte sie nur schützen, wenn Charley so schnell wie möglich festgenommen werden konnte.

"Sie haben das Fach doch ausgeräumt!", meinte Bount.

Sie schüttelte den Kopf. "Nein. Und auch das habe ich Ihnen schon einmal gesagt! Es war die Wahrheit! Glauben Sie mir doch!"

"Aber es gibt Zeugen! Sie waren dort! Und Sie haben Ihre Unterschrift hinterlassen!"

Karen Tierney schüttelte sehr energisch den Kopf. "Ich habe keine Erklärung dafür!"

Bount sah sie an und dachte: Vielleicht sagt sie ja die Wahrheit. Eine Unterschrift zu fälschen war schließlich nicht unmöglich.

37

Moira Jordan erwartete eigentlich keinen Besuch mehr. Sie hatte sich die Schuhe ausgezogen und lief dann ins Bad, um die Wanne einlaufen zu lassen. Das Entspannungsbad nach diesem anstrengenden Tag würde ihr gut tun. Es war jetzt eine Menge zu tun in der Investment-Abteilung der Golden East Bank, seit Greg Lafitte das Zeitliche gesegnet hatte. Sie musste seinen Job praktisch miterledigen. Vielleicht würde sie sogar seine Nachfolgerin werden. Aussichten hatte sie jedenfalls.

Sie hatte gerade die Gürtelschnalle gelöst und wollte das schlichte, aber elegante lindgrüne Kleid abstreifen, da klingelte es an der Tür ihres Penthouses. Also zog sie ihre Schuhe wieder an und ging hin.

Ein kurzer Blick durch den Spion, dann öffnete sie, löste aber nicht die Kette. "Was wollen Sie?"

"Kriminalpolizei, Morddezernat!", kam es ihr entgegen. "Machen Sie bitte die Tür auf!"

Sie gehorchte. Es waren zwei Männer. Einen kannte Sie. Es war Bount Reiniger, mit dem Sie kurz bei Lafittes Büro in der Golden East Bank zusammengetroffen war. Der andere war korpulent gebaut und hielt ihr seine Dienstmarke unter die Nase.

"Ich bin Captain Rogers und das hier..."

"Wir kennen uns!", unterbrach sie und ließ ihren Blick zu Bount hinübergleiten. "Wenn auch nur flüchtig. Was wollen Sie von mir?"

Aber es war nicht Bount, der jetzt darauf antwortete, sondern Rogers. Er fing an, Moira Jordan Ihre Rechte vorzulesen. "Sie haben das Recht zu schweigen. Falls Sie auf dieses Recht verzichten, kann alles, was Sie von jetzt ab sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden."

Sie schien einige Augenblicke lang völlig fassungslos zu sein. Dann meinte Sie mit beißendem Unterton: "Was soll diese Komödie! Das muss ein schlechter Witz sein!"

"Tut mir leid", meinte Rogers. "Es ist nicht einmal ein Irrtum."

Sie stemmte die Arme in die Hüften.

"Was liegt gegen mich vor?"

"Ich bin nicht wegen der kriminellen Insider-Geschäfte hier, mit denen Sie die Anleger betrügen. Das gehört nicht in den Bereich meiner Abteilung, aber Sie können sich sicher sein, dass die Kollegen sich dieser Sache annehmen werden. Ich bin für Mord zuständig."

"Ach, ja? Ich habe niemanden umgebracht!"

"Mag sein", sagte Rogers. "Aber Sie haben die Aufträge gegeben."

Sie wandte sich an Reiniger.

"Haben Sie ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt?"

"Es ist kein Floh", erwiderte Bount kühl. "Sie waren es, die Clint Leonard beauftragte, Steve Tierney umzubringen, weil er Ihren Geschäften auf die Spur gekommen war. Sie haben seine Witwe unter Druck gesetzt, nichts von dem zu verraten, was ihr Mann ihr vielleicht über die Sache erzählt hatte. Es scheint, als hätten Sie dann kein Vertrauen mehr in Karen Tierneys Schweigen gehabt. Sie ist nur knapp davongekommen."

"Sie erzählen da Dinge, für die Sie nicht den Hauch eines Beweises haben!", ereiferte sie sich.

Aber Bount ließ sich nicht beirren. "Zuvor haben Sie Ihren Boss Greg Lafitte erschießen lassen, der auch zu Ihrer Gruppe gehörte."

"Warum sollte ich das tun?"

"Das wissen Sie doch selbst am besten! Lafitte hat Clint Leonard in einer Art Panikreaktion erschossen. Vielleicht war Leonard einfach nicht Profi genug und hat sich zu sehr für seine Auftraggeber interessiert. Dabei ist er dann auf Lafittes Namen gestoßen. Aber genauso gut könnte ich mir auch denken, dass es Lafittes Aufgabe in der Gruppe war, mit Leonard Verbindung zu halten. Ich stelle mir das so vor: Nach der Schießerei in Leonards Apartment brauchte dieser dringend jemand, der ihm half. Er wandte sich an Lafitte. Die beiden trafen sich und Lafitte brachte Leonard um, denn dieser war nun eine Gefahr. Vielleicht drohte Leonard sogar! Jedenfalls ließ sich ein Profi nicht auf die Schnelle auftreiben, und Lafitte stellte sich so ungeschickt an, dass er selbst eine Kugel ins Bein bekam."

Moira Jordan verzog höhnisch das Gesicht. "Und was hat das mit mir zu tun?"

"Das will ich Ihnen sagen!", erwiderte Bount. "Jetzt war es Lafitte, der alles zum Einsturz bringen konnte. Die Kugel in seinem Bein stammte aus Leonards Waffe und konnte ihn verraten und von Lafitte war es kein weiter Weg zu Ihnen selbst. Das Risiko war Ihnen zu groß, nicht wahr? Sie haben schleunigst jemanden engagiert, um auf Nummer sicher zu gehen!"

"Ich bin nicht bereit, mir das länger anzuhören!", schnaubte sie.

"Lafitte wusste wohl kaum, dass Charley sein Büro direkt neben seinem hatte."

"Hören Sie auf, Reiniger!"

"Ich will gar nicht erst von dem Kerl, der mich fast überfahren hätte oder von der Entführung meiner Assistentin anfangen. Was hätten Ihre Leute übrigens heute Abend in Harper's Bar mit mir gemacht? Wahrscheinlich wäre ich an irgendeinen einsamen Ort gelockt worden, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden."

"Das sind Hirngespinste, Mister Reiniger!"

"Vermutlich hätten Sie aber vorher noch genau unter die Lupe genommen, was ich gegen Sie in der Hand hätte. So haben Sie es bei Tierney doch auch gemacht, nicht wahr? Sie haben abgewartet, bis Sie jedes Detail über ihn wussten. Zum Beispiel, dass er ein Bankschließfach hat, dessen Inhalt für Sie gefährlich werden konnte. Was war darin? Kompromittierende Fotos? Ich nehme an, Sie haben das gesamte Material vernichtet. Wir werden nie erfahren, was es wirklich war."

"Warum stellen Sie mir solche Fragen? Ich habe keine Ahnung von einem Bankschließfach!"

"Wirklich nicht? Sie sind doch dort gewesen, um an den Inhalt heranzukommen!"

Sie fing plötzlich an zu lachen, aber dieses Lachen hatte bereits einen unüberhörbaren Anteil von Hysterie. "Mister Reiniger, Sie müssten doch wissen, dass man nicht einfach zu einer Bank gehen kann, um ein solches Fach auszuleeren! Das ist unmöglich."

"Nicht, wenn man sich eine rothaarige Perücke aufsetzt und sich mit falschen Papieren als Witwe zu verkaufen weiß! Und eine Unterschrift lässt sich mit etwas Training auch fälschen. Jedenfalls gut genug, um jeden zu täuschen, der nicht gerade ein ausgewiesener Schriftexperte ist."

Sie verzog das Gesicht.

"Um etwas zu fälschen, braucht man das Original!"

"Kein Problem", meinte Bount. "Es gibt tausend Wege, um an eine Unterschrift zu gelangen. Vielleicht haben Sie jemanden vorbeigeschickt, der vorgab, für einen guten Zweck zu sammeln. Was weiß ich!"

"Bis jetzt nur Spekulation!", stellte Moira Jordan fest. "Wollen Sie mich deswegen festnehmen? Mein Anwalt hat mich in einer Stunde wieder auf freiem Fuß."

"Es gibt Zeugen! Ich spreche nicht von dem zwielichtigen Buchmacher, der Ihnen Clint Leonards Dienste vermittelt hat. Der wird sein Mäntelchen nach dem Winde hängen und jeweils so aussagen, wie es für ihn selbst am besten ist!"

Moira Jordans Züge waren zu Eis erstarrt. "Sondern?"

Bount lächelte dünn.

"Es gibt einen völlig unbestechlichen Zeugen. Wie Sie sicher wissen, haben die meisten Banken eine Video-Überwachung." Er machte eine Pause und sah ihr in die braunen Augen. "Sie sind gut zu erkennen, trotz Ihrer Maskerade."

"Ich sage keinen Ton mehr", meinte Moira Jordan dann fast tonlos. "Darf ich telefonieren?"

"Nur mit Ihrem Anwalt", wurde sie von Rogers belehrt.

ENDE

Milo Tuckers Grab

Krimi von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 219 Taschenbuchseiten.

Jesse Trevellian und Milo Tucker, die beiden rmittler aus New York, gegen Hugh Lazar, den skrupellosen Mafiaboss aus der Unterwelt des Big Apple. Dicht sind die beiden G-men Lazar und seiner Bande auf der Spur. Zu dicht – darum schlägt Lazar zu, lässt seine Leute Milo Tucker kidnappen und zu einem Loch in der Erde schleppen, irgendwo im Nirgendwo, in das sie Milo lebendig beerdigen.

Wird die Zeit zu knapp für Jesse Trevellian, um Milo Tuckers Grab zu finden und seinen Freund und Partner zu retten?

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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Kapitel 1

Als ich an diesem Morgen aufwachte, wusste ich, dass es kein guter Tag werden würde.

Ich wusste es, ohne den Grund dafür zu kennen, denn eigentlich war es ein Morgen wie viele andere. Aber manchmal hat man solche Vorahnungen, und ich sollte Recht behalten.

Ich gähnte herzhaft, streckte die Glieder, stand auf, ging zum Fenster und sah hinaus.

Der Himmel war grau.

Okay, die Sonne kann nicht immer scheinen. Sie braucht auch mal eine Verschnaufpause. Die Wetterfrösche hatten uns in Zeitung, Radio und Fernsehen vorgewarnt. Jedermann wusste, dass mit einer Schlechtwetterfront zu rechnen war.

Wenn einer trotzdem aufstand und Sonnenschein erwartete, musste er das mit sich selbst abmachen.

Ich warf die Kaffeemaschine an und während sie losröchelte, ging ich ins Bad. Als ich wieder herauskam, roch es in der ganzen Wohnung nach belebendem Koffein. Doch ich sollte nicht dazukommen, die dunkle Brühe zu genießen, denn ...

Mein Handy klingelte. Ich meldete mich nicht besonders freundlich.

»Scheiße, G-man, ich stecke in der Klemme!«, schrie mir jemand hysterisch ins Ohr.

»Schlimme Sache«, erwiderte ich trocken.

»Hast du nicht gehört?«, fragte der Anrufer schrill. »Ich stecke in der Klemme!«

»Tun wir das nicht alle hin und wieder mal?«

»Ich brauche deine Hilfe. Sie sind hinter mir her.«

»Mit wem spreche ich überhaupt?«

»Jackie. Ich bin Jackie Snyder, Mann. Erkennst du meine Stimme nicht mehr?«

Jetzt erkannte ich sie. Wenn er nicht so gebrüllt hätte, hätte ich sie vielleicht sofort erkannt. Jackie Snyder war einer unserer zahlreichen V-Männer.

»Sorry«, sagte ich, »bin eben erst aufgestanden.«

»Ich war noch nicht im Bett.«

»Ich wollte gerade frühstücken ...«

»Wenn du mir nicht hilfst, bin ich tot, bevor du dein erstes Erdnussbutterbrot verdrückt hast.«

»Wer ist hinter dir her, Jackie?«, erkundigte ich mich.

»Hugh Lazars Männer.«

Oh Mann, er hatte wirklich ein Problem.

»Was hast du getan?«, fragte ich.

»Ich hab was gehört, das nicht für meine Ohren bestimmt war. Und jetzt wollen diese Bastarde verhindern, dass ich es weitererzähle.«

»Wo bist du?«

»In einer Telefonzelle, Ecke Plainfield und Magnolia Avenue. In Floral Park, Queens.«

»Bleib da. Ich komme.«

Ich übersprang das Frühstück, zog mich hastig an und eilte aus meinem Apartment. Hatte ich nicht, gleich nachdem ich die Augen geöffnet hatte, gewusst, dass es kein guter Tag werden würde? Es hatte sich bewahrheitet.

Der Morgenverkehr war zäh wie immer. Ich lockerte ihn für mich etwas auf, indem ich mit Rotlicht und Sirene in Richtung Queens fuhr.

Hugh Lazar war ein Gangsterboss übelster Sorte. Den konnte nicht einmal seine Mutter gern gehabt haben. Er handelte mit Drogen, Waffen, geklauten Autos und dergleichen mehr und mischte auch im Gunstgewerbe mit. Wir hätten ihn liebend gern aus dem Verkehr gezogen, doch das war uns bislang nicht gelungen.

Da aber bekanntlich die Hoffnung zuletzt stirbt, hörten wir nicht auf, uns das zu wünschen. Vielleicht klappte es ja heute endlich. Der Krug geht so lange zum Brunnen.

Eine alte, wahre Weisheit ...

*

Ich erreichte Queens in einer sehr guten Zeit – wenn man berücksichtigt, wie viel auf den Straßen los war. Auf der Jamaica Avenue kam ich nach Bellerose, und von hier war es nur noch ein Katzensprung nach Floral Park.

Ecke Plainfield und Magnolia Avenue, hatte Jackie Snyder gesagt. Ich hatte ihm aufgetragen, dort zu bleiben, und er hatte sich auch daran gehalten.

Er war noch da, als ich eintraf. Aber er lebte nicht mehr. Oder fast nicht mehr.

Vier Streifenwagen standen mit offenen Türen in der Nähe der Telefonzelle. Jackie lag davor. In einer Blutlache. Von Kugeln durchsiebt.

Als ich meinen Sportwagen stoppte, traf ein Ambulanzfahrzeug ein, aus der entgegengesetzten Richtung kommend.

Ich stieg aus. Schaulustige drängten sich vor der Polizeiabsperrung. Die Cops hielten mich ebenfalls für einen Gaffer.

»Gehen Sie weiter!«, riefen sie. Das galt für mich ebenso wie für allen andern. »Hier gibt es nichts zu sehen.« Eine unrichtige Behauptung. Ein Standardsatz, der in solchen Situationen oft zu hören war. »Weitergehen!«

Ich zeigte meine Dienstmarke. »FBI. Special Agent Jesse Trevellian.«

Einer der Uniformierten hob das gelbe Plastikband für mich hoch. Ich schlüpfte darunter durch und betrat das Sperrgebiet.

»Wie ist Ihr Name?«, fragte ich den Cop.

»Sergeant Carpenter.«

»Was ist passiert?«

»Zwei Männer auf einem Motorrad haben auf den Mann in der Telefonzelle geschossen und sind dann mit Vollgas davongebraust.«

»Hat jemand die Täter gesehen?«

Carpenter nickte. »Die Lady dort. Die mit dem Hund. Sie heißt Valerie Brooks.«

Er zeigte auf eine gut gekleidete Frau um die Fünfzig. Langes schwarzes Haar. Lange Nase. Große Augen. Leuchtend rote Lippen.

Sie sprach mit einem Polizeibeamten und trug ihren kleinen Kläffer auf dem Arm, damit ihm nichts passierte.

»Danke, Sergeant«, sagte ich und ging zu Jackie Snyder.

Die Rettungsleute legten ihn soeben auf eine fahrbare Trage. Seine Augen waren geschlossen. Er sah aus, als würde er nicht mehr leben.

»Jackie!«, sagte ich.

Er hörte es, öffnete die Augen, sah mich an und röchelte: »Die Mistkerle haben mich erwischt, G-man.«

Die Sanitäter hoben die Trage hoch. Das Fahrgestell klappte rasselnd auf. Sie schoben den Schwerverletzten hastig zum Krankenwagen.

Einer von ihnen hielt einen Plastikbeutel hoch, in dem sich eine glasklare Flüssigkeit befand, die durch einen dünnen Schlauch in Jackies Vene gelangte.

Jede Minute zählte. Es stand sehr schlecht um den V-Mann. Sein Leben hing an einem sehr dünnen Faden.

Ich lief neben der Trage her und bemühte mich zu verstehen, was Jackie Snyder mir noch sagen wollte. Seine Stimme war dünn.

Er sprach abgehackt, hatte kaum noch Kraft, die Worte über die Lippen zu bringen.

Er wurde in den Krankenwagen geschoben. Die Türen klappten zu.

Ich wollte von den Rettungsleuten wissen, in welches Krankenhaus sie Jackie bringen würden, doch das wussten sie selbst noch nicht. Sie würden erst während der Fahrt per Funk klären, wo Platz für Jackie Snyder war.

Das Ambulanzfahrzeug fuhr heulend los.

Ich drehte mich um. Der Beamte, der mit Valerie Brooks sprach, notierte sich ihre Daten. Dann war er mit ihr fertig.

Ich ging zu ihr, wies mich aus und bat sie, ihre Aussage zu wiederholen. Sie hatte nichts dagegen.

Warum mich ihr Hund nicht mochte, wusste ich nicht. Es war einfach so. Er fletschte die Zähne, knurrte und schnappte nach meiner Dienstmarke, die ihm offenbar nicht gefiel.

Ich zog sie rasch zurück und steckte sie ein.

Frauchen schimpfte energisch mit ihm und sagte dann zu mir: »Sie müssen Cäsar entschuldigen, Agent Trevellian. Er ist heute ein bisschen meschugge. Die vielen Polizisten regen ihn auf und machen ihm Angst. Er ist solchen Trubel nicht gewöhnt.«

Ich hielt mich von Cäsar fern und verzichtete auf den Versuch, mich mit ihm anzufreunden und ihn zu streicheln.

Valerie Brooks schilderte so genau wie möglich, was sie gesehen hatte.

Nachdem sie geendet hatte, fragte ich: »Kennen Sie sich mit Motorrädern aus, Mrs Brooks?«

»Was möchten Sie wissen?«

»Welche Maschine fuhren die Täter?«

»Ich glaube, es war eine Kawasaki. Aber ich bin mir nicht ganz sicher. Und beschreiben kann ich die Männer leider auch nicht, weil sie Helme trugen.«

»Farbe?«

»Schwarz. Auch das Visier war schwarz. Ihre Lederkleidung ebenfalls. Sie sahen fast wie Außerirdische aus, als kämen sie aus einem Science-fiction-Film. Einer ist gefahren, der andere hat geschossen. Er hatte so eine kleine Maschinenpistole, die man mit einer Hand halten kann.«

»Wo waren Sie, als die Schüsse fielen?«

»Ich bog mit Cäsar gerade um die Ecke.« Die Augenzeugin deutete mit dem Kinn in die entsprechende Richtung und kraulte den aufgeregten Hund beruhigend hinter den Ohren.

»Wohnen Sie hier in der Nähe?«, erkundigte ich mich.

Valerie Brooks nickte. »Dort drüben.« Diesmal wies sie mit dem Kinn auf ein schmales Haus. »Im fünften Stock.«

»War Ihnen der Mann, auf den geschossen wurde, bekannt?«

»Ich glaube mich zu erinnern, ihn zwei-, dreimal aus dem ›Fat Mama's‹ herauskommen gesehen zu haben.«

Jetzt zeigte sie mit dem Kinn auf eine hundert Meter entfernte Bar, die ein üppiges Frühstück für wenig Geld anbot. Frühstück ... Ich spürte meinen Magen knurren.

Aber Cäsar knurrte lauter. Er wollte sich einfach nicht beruhigen.

Fat Mamas Gäste standen alle vor dem Lokal und sahen der Polizei bei der Arbeit zu.

Da Cäsar mich noch immer nicht in sein kleines Hundeherz geschlossen hatte, setzte ich mich der Gefahr aus, von ihm gebissen zu werden, indem ich Valerie Brooks meine Karte gab und sagte: »Sollte Ihnen noch irgendetwas einfallen, rufen Sie mich bitte an.«

Sie nickte und sagte zu ihrem kläffenden Kuscheltier: »So hör doch endlich auf, du kleines Dummerchen.«

Ich trat einen Schritt zurück. Cäsar reichte das noch nicht. Er verbellte mich weiter. Vielleicht ärgerte es ihn, dass ich ihn nicht ernst nahm.

Aber wie sollte ich, wo er doch nicht einmal eine richtige halbe Portion war?

*

Milchiger Dunst lag über dem East River. Ein bartstoppeliger Penner schob einen schäbigen Kinderwagen, in dem sich seine gesamten Habseligkeiten befanden, vor sich hier. Sein Blick war stumpf, seine Miene ausdruckslos.

Jeder Zombie verfügte über ein größeres Mimikrepertoire als dieser Stadtstreicher.

Er sah weder nach links noch nach rechts. Sein Blick war auf den Kinderwagen gerichtet. Der Rest der Welt interessierte ihn nicht.

Deshalb nahm er auch die beiden Männer nicht wahr, die neben einer aufgebockten Kawasaki 1400 GTR standen und deren schwarze Helme an den Griffen der Maschine hingen.

Während der eine Steine ins graubraune Wasser warf, telefonierte der andere. Er drückte sich sein Handy ans Ohr und zog mit seinen schwarzen Motorradstiefeln Furchen in den sandigen Boden.

»Ich hab dir eine traurige Mitteilung zu machen, Boss«, sagte er mit gespieltem Bedauern. Sein Name war Gene Harris. »Unser Freund ... du weißt schon ... der, der seine Nase permanent in anderer Leute Angelegenheiten steckt ...«

»Ja«, sagte der Mann am andern Ende. »Was ist mit dem?«

»Er hat sich eine ganz schlimme Bleivergiftung eingefangen«, sagte Harris.

»So ein Pech aber auch. Das kommt davon, wenn man immer so neugierig ist. Gab's Probleme?«

Harris lachte selbstbewusst. »Bei uns doch nicht.«

»Gute Arbeit, Jungs«, sagte der Boss zufrieden.

»Uns're Devise: Prompt und präzise«, tönte Harris.

»Frag nach der Prämie«, rief sein Komplize. Er war der Mann, der auf Snyder geschossen hatte.

»Entschuldige, Boss. Augenblick.« Harris nahm das Handy vom Ohr und drückte es gegen seine Brust. Er drehte sich um und fragte: »Was hast du gesagt?«

»Er hat uns 'ne Prämie versprochen, wenn wir Jackie schnellstens kirre machen. Frag ihn, wann wir sie kriegen.«

Harris rümpfte verächtlich die Nase. »Deine Geldgier ist zum Kotzen.«

»Ich will bloß, was mir zusteht.«

»Also ich frag den Boss nicht.«

»Dann mach ich es eben. Gib her.« Der Komplize riss Harris das Mobiltelefon aus der Hand. »Boss? Nick hier. Du hast uns 'ne Prämie versprochen. Ich hätte die gern heute noch. Bin im Moment ein bisschen knapp bei Kasse. Das Leben ist teuer.«

»Vor allem für einen, der permanent über seine Verhältnisse lebt«, knurrte der Boss.

»Hey.« Nick Cassidy lachte blechern. »Das Leben ist nicht nur verflucht teuer, es kann auch – wie man sieht ― verdammt kurz sein. Ich möchte was davon haben, solange meine Uhr noch tickt. Ist daran was verkehrt?«

»Um 14 Uhr«, sagte der Boss kurz angebunden. »Im ›Big Steak‹.« Damit beendete er das Gespräch.

Cassidy warf seinem Komplizen das Handy zu.

Harris fing es auf und steckte es ein. »Ist der Boss sauer?«

»Kann schon sein.« Cassidy zuckte mit den Achseln. »Aber das kratzt mich nicht. Hauptsache ich krieg den Zaster. Hab ein paar verdammt hässliche Löcher zu stopfen.«

Kaum jemand glaubte ihm, wenn er sagte, dass er mal Arzt hatte werden wollen. Aber es stimmte. Er hatte sogar drei Semester Medizin studiert. Jene, die das wussten, nannten ihn deshalb auch hin und wieder scherzhaft »Doc«.

Als ihm das Studium zu mühsam wurde, warf er das Handtuch und fing an, mit Verbrechen aller Art Geld zu verdienen. Inzwischen war Nick »Doc« Cassidy soweit, dass er nicht einmal mehr vor einem Mord zurückschreckte.

Er war für jeden Job zu haben, der genug Bucks abwarf. Und er gab die Scheine gleich wieder mit vollen Händen aus. Als hätte er Angst, sie könnten über Nacht ihren Wert verlieren.

Jetzt zeigte er mit dem Finger auf Gene Harris und sagte: »Um 14 Uhr. Im ›Big Steak‹. Da halten wir die Hand auf.«

Die Vorfreude ließ dabei seine Augen leuchten. Es gab nichts auf der Welt, was ihn mehr interessierte, als Geld.

*

Während Fat Mamas Gäste noch immer vor dem Lokal standen, ging ich hinein, setzte mich an den Tresen und bestellte Kaffee und zwei Donuts mit Ahornsirup.

Die Besitzerin der Bar machte ihrem Namen alle Ehre. Sie war kugelrund und vertrat vermutlich die Auffassung, es könne von ihr gar nicht genug geben.

»Sie sind ein Bulle, richtig?«, sagte sie, während sie den Kaffee vor mich hinstellte.

»Haben Sie was gegen Bullen?«, fragte ich.

»Überhaupt nicht. Ich komme aus einer Bullenfamilie. Mein Großvater war Cop. Mein Vater ebenfalls. Meine vier Brüder sind es noch immer. Einer in Manhattan, zwei in Brooklyn und einer in Richmond.«

Fat Mama stellte den Teller mit den Donuts neben die Kaffeetasse und reichte mir die Flasche mit dem Ahornsirup. Ich begann hungrig zu frühstücken.

»Wie darf ich Sie ansprechen?«, erkundigte ich mich.

»Ach, sagen Sie einfach Fat Mama zu mir. Das tun alle.«

»Und wie heißen Sie wirklich?«

»Rosie Walker.« Sie deutete auf mein Frühstück. »Das da geht aufs Haus. Sie sind eingeladen.« Sie lächelte. Ihre Augen wuchsen dabei fast völlig zu. »Vorausgesetzt, Sie fassen es nicht als Bestechungsversuch auf.« Rosie Walker wollte nun auch meinen Namen wissen.

Ich sagte ihn ihr.

»Schlimme Sache, die da drüben passiert ist«, sagte sie.

»Haben Sie's gesehen?«

»Nein. Ich war beschäftigt. Ich schaute erst aus dem Fenster, als es schon vorbei war. Angeblich waren es zwei Männer auf 'nem Motorrad.« Fat Mama seufzte. »So schnell kann's manchmal gehen.«

Sie erzählte mir, dass Jackie Snyder in ihrer Bar gewesen war, kurz bevor man auf ihn geschossen hatte, und sie hatte auch keinen Grund, mir zu verheimlichen, dass sie ihn gekannt hatte.

»Er kam ab und zu vorbei. Aber ein Stammgast war er nicht. Heute kam er mir ziemlich kribbelig vor. Jetzt weiß ich auch, warum.«

Ich widmete mich meinem zweiten Donut.

»Noch Kaffee?«, fragte Fat Mama.

Ich nickte.

Sie füllte meine Tasse.

»Hat Jackie Snyder irgendetwas gesagt?«, erkundigte ich mich.

»Er hat nicht viel geredet. Hat bloß einen Bourbon verlangt und ihn so schnell getrunken, als wäre er am Verdursten.«

»Er rief mich an und sagte, er stecke in der Klemme. Hugh Lazars Männer wären hinter ihm her. Wissen Sie, wer Hugh Lazar ist?«

Fat Mama verdrehte die Augen. »Leider ja.«

»Jackie hat etwas gehört, das nicht für seine Ohren bestimmt war«, sagte ich.

»Davon hat er mir gegenüber nichts erwähnt.«

»Wo kann er es aufgeschnappt haben?«

Rosie Walker zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Vielleicht im 'Dirty Zone'. Da war er nämlich, bevor er hier hereinschneite.«

Ich beschloss, mich da mal umzuhören, rutschte vom Hocker und holte ein paar Geldscheine aus der Hosentasche.

Die dicke Lady sah mich finster an. »Wollen Sie mich beleidigen, Agent Trevellian? Ich hab Sie eingeladen. Schon vergessen?«

Ich bedankte mich und sagte: »Ihre Donuts sind einsame Spitze, Fat Mama.«

Sie nickte. »Ich geb's an die Firma weiter, die mich beliefert.«

*

Ken Suvari gehörte zu den besonders eifrigen Paparazzi. Er nahm immer und überall ins Fadenkreuz, was Rang und Namen hatte. Popstars, Filmschauspieler, TV-Tycoons, Wirtschaftsmagnaten, Politiker, Banker ... Niemand war vor ihm sicher. Seine Kamera war stets schussbereit.

Und besonders gern knipste er seine Opfer in verfänglichen Situationen. Weil sich kompromittierende Bilder naturgemäß am besten verkauften. Wenn er eine Hollywoodgröße bei einem scharfen Quickie auf den Rücksitzen seiner Luxuslimousine erwischte, lachte ihm das Herz im Leibe.

Manchmal gelangen ihm Aufnahmen, die so schmutzig waren, dass man sie der Öffentlichkeit kaum zumuten konnte. In solchen Fällen bot er den Abgebildeten erst mal die Möglichkeit, die Bilder selbst zu kaufen, und er überließ sie erst dann der höchstbietenden Skandalredaktion, nachdem ihn die Betroffenen abblitzen ließen.

Gewissensbisse plagten ihn deswegen hinterher nicht. Schließlich hatten seine Opfer ihre Chance gehabt. Sie hätten sie nützen sollen. Bisweilen lohnte es sich für ihn aber auch, weitgehend unbekannte Personen »aufs Korn« zu nehmen.

Leute wie Adrienne Pillsbury zum Beispiel und Melvin Lawford, mit dem sie es gerade in einem Motel mit Wasserbetten und Hardcore-Videos lustvoll trieb.

Die geile Kleine ist ein wahrer Nimmersatt, dachte Ken Suvari amüsiert, während er mal wieder auf den Auslöser drückte.

»Morgenstund hat Gold im Mund«, murmelte er und grinste breit. »Und manchmal auch was anderes. Stimmt's, Baby? Ich bin dem Himmel echt dankbar, dass du so triebhaft veranlagt bist.«

Das Gangsterliebchen mit den heißen Kurven hatte mit seinem Lover die ganze Nacht »gefeiert«, und es hatte jetzt am Morgen noch immer nicht genug.

Die Unersättlichkeit dieses Flittchens ist unglaublich, ging es dem Paparazzo durch den Sinn. Hugh Lazar wird Augen machen, wenn ich ihm die Bilder zeige.

Das Pärchen ging ins Finale. Ken Suvari bewunderte Melvin Lawfords Kondition. Mann, dein Stehvermögen kann sich wahrlich sehen lassen, dachte er.

Nachdem Adrienne endlich »satt« war, vergingen noch etwa 35 Minuten, bis sie mit Melvin Lawford das Motel verließ. Sie sah so frisch aus, als hätte sie zwölf Stunden Schlaf hinter sich, hatte ihr sandfarbenes Haar hochgesteckt, war dezent geschminkt und trug ein buntes, superkurzes Kleid, das ihre wohlgeformten Beine besonders lang aussehen ließ.

Die beiden gingen Hand in Hand.

Suvari knipste sie.

Sie küssten sich.

Suvari knipste sie.

Sie stiegen in ihre Wagen und fuhren in unterschiedliche Richtungen davon. Jetzt konnte auch der Paparazzo nach Hause fahren und auswerten, was er alles geschossen hatte.

Wie stets, würde auch diesmal nur ein Bruchteil aller Fotos zunächst einmal in die engere Wahl kommen, und dann würde Suvari noch einmal sieben.

Erst was danach übrig blieb, würde er mit dem besten Laserprinter, den es derzeit auf dem Markt gab, im Format von zirka 20 mal 30 Zentimetern auf Hochglanzpapier drucken, in ein unauffälliges Kuvert stecken und damit zu Hugh Lazar fahren, um ihm zu zeigen, was für ein abgefeimtes Früchtchen seine Freundin war und mit wem sie ihm letzte Nacht Hörner aufgesetzt hatte.

*

Im »Dirty Zone« hingen noch ein paar übrig gebliebene Nachtschwärmer herum, die offenbar übersehen hatten, dass bereits ein neuer Tag angebrochen war.

Ich versuchte mit einer hektischen Kellnerin ins Gespräch zu kommen, doch sie sagte ziemlich unwirsch, sie hätte keine Zeit für mich.

Das änderte sich erst, als ich ihr meinen Dienstausweis zeigte.

Sie seufzte daraufhin und sagte: »Na schön. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich weiß, dass Jackie Snyder hier war«, antwortete ich.

»Ja? Und?«

»Wer war noch hier?«, fragte ich.

Sie sah mich an, als würde ich spinnen. »Wollen Sie das wirklich wissen? Das Lokal war gesteckt voll. Ich kann Ihnen beim besten Willen nicht die Namen aller Gäste nennen. Mal abgesehen davon, dass ich nur von den wenigsten weiß, wie sie heißen.«

»Ich gehe davon aus, dass Jackie Snyder hier etwas aufgeschnappt hat, das er nicht hätte hören sollen«, erklärte ich.

»Dazu kann ich nichts sagen.«

»Wen könnte er belauscht haben?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hören Sie ...« Ich warf einen Blick auf das Namensschildchen, das sie über der linken Brust trug. »Hören Sie, Elsie, auf Jackie Snyder ist geschossen worden. Es steht sehr schlecht um ihn. Er könnte sterben. Ich finde, Sie sollten sich ihm zuliebe etwas mehr anstrengen.«

Elsie wäre mich gerne losgeworden, das sah ich ihr an. Und sie schien auch zu wissen, dass ich sie nur dann in Ruhe ließ, wenn sie mir irgendetwas gab, womit ich zufrieden sein konnte.

Deshalb bequemte sie sich zu sagen: »Da waren zwei Männer. Ein großer und ein etwas kleinerer. Kann sein, dass Jackie sie belauscht hat. Er saß dort.« Sie zeigte auf einen Tisch für zwei Personen. »Sie saßen am Nachbartisch und unterhielten sich. Aber fragen Sie mich nicht, worüber. Hier drinnen war es so laut, dass man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte.«

Ich bat sie, die beiden Männer zu beschreiben. Sie tat es. Der größere kam mir bekannt vor. Das hätte Zack Lammer sein können. Ein abgehalfterter Boxer, der in mehrere Dopingskandale verwickelt gewesen war und deshalb seine Boxhandschuhe vorzeitig an den Nagel hängen musste und nun in der Drogenszene mitmischte. Angeblich wurde er von Hugh Lazar beliefert.

Mit dieser Auskunft war ich zufrieden. Ich bedankte mich bei Elsie für ihre – nicht ganz freiwillige ― Kooperationsbereitschaft, verließ das »Dirty Zone« und freute mich auf ein Wiedersehen mit Zack Lammer.

*

Als ich in meinen Sportwagen stieg, klingelte mein Handy. Am andern Ende war Sergeant Carpenter. Er sagte, er hätte das Field Office angerufen und von meinem Partner Milo Tucker meine Handynummer bekommen.

»Was gibt's, Sergeant?«, erkundigte ich mich.

»Leider nichts Erfreuliches, Agent Trevellian. Jackie Snyder hat es nicht geschafft. Er ist seinen schweren Verletzungen erlegen.«

Ich presste meine Kiefer zusammen. »Das war zu befürchten.«

»Er hat die Notoperation nicht überlebt«, berichtete Carpenter. »Hatte zuviel Blut verloren. War schon zu schwach, als man ihn auf den OP-Tisch legte. Die Ärzte haben trotzdem noch alles versucht, um ihn zu retten, aber sein Herz hat versagt.«

Ich bedankte mich für die Information, beendete das Gespräch und rief mir ins Gedächtnis, was Jackie Snyder geseufzt, gekeucht, geflüstert, geröchelt, gegurgelt und gestammelt hatte, während ihn die Sanitäter zum Ambulanzfahrzeug gebracht hatten.

Es war kaum zu verstehen gewesen. Ich konnte nur raten. Hatte der V-Mann erfahren, dass Hugh Lazar eine größere Drogenlieferung erwartete? Es war möglich, dass Jackie mir das mitteilen wollte, aber sicher sein konnte ich mir dessen nicht.

Vielleicht weiß Zack Lammer mehr darüber, sagte ich mir, startete den Motor und fuhr los.

Lammer wohnte in Ridgewood. 1537 Palmetto Street. Als ich aus meinem Wagen stieg, sah ich, dass jemand im zweiten Stock an einem der Fenster stand.

Nur ganz kurz. Dann trat er zurück. Lammer? Hatte er meine Ankunft mitgekriegt?

Okay, dann konnte er sich inzwischen seelisch auf meinen Besuch vorbereiten.

Ich betrat das Haus, in dem er wohnte. Im Erdgeschoss dröhnte ein Fernsehgerät.

»Jim!«, schnarrte eine befehlsgewohnte Stimme durch die Tür.

»Haut ab!«, verlangte Jim.

»Geben Sie auf, Jim. Das Haus ist umstellt. Sie haben keine Chance. Ringsherum sind Scharfschützen postiert. Zwingen Sie uns nicht, auf Sie zu schießen. Seien Sie vernünftig, Jim. Werfen Sie die Waffe weg und kommen Sie mit erhobenen Händen heraus.«

Aber Jim würde nicht vernünftig sein. Er würde wild um sich ballernd aus dem Haus stürmen, zwei Cops niederstrecken und schließlich im Kugelhagel sterben.

Ich wusste es, denn ich kannte den Film. Als ich auf halbem Weg zum ersten Stock war, ging das Geballer los.

Dann ... Stille. Wie ich es vorhergesehen hatte.

Ich erreichte die zweite Etage und klopfte an Zack Lammers Tür.

Im selben Moment traf ein brutaler Schlag meinen Nacken und raubte mir die Besinnung.

Ich fiel in ein tiefes schwarzes Loch, das keinen Boden zu haben schien.

Kapitel 2

Neuesten Schätzungen zufolge wird die Zahl Golf spielender Menschen weltweit mit 50 Millionen beziffert. Einer davon war Hugh Lazar.

Und Glenn Shaw war zumeist sein Caddy. Lazar, dunkelhaarig, elegant gekleidet, Mitte vierzig und leicht übergewichtig, spielte in seinem Klub mit »Geschäftsfreunden«, und da er drauf und dran war, zu gewinnen, war er bester Laune.

Gleich zu Beginn der Partie hatte er ein Hole-in-One geschafft und jetzt jubelte er gerade über ein Birdie. Bei Loch Nummer 18 fiel dann die endgültige Entscheidung, die sich eigentlich schon lange vorher abgezeichnet hatte.

Lazar hatte seine Mitspieler haushoch geschlagen und ließ sich das anschließend in der Klubkantine einiges kosten.

Während eine Champagnerpulle nach der andern kreiste, sagte Lazar mit verdrossener Miene zu Shaw: »Verdammt, Glenn, wo ist deine Schwester?«

Er sprach so leise, dass es die andern nicht hören konnten.

»Halbschwester«, stellte Glenn Shaw richtig. Sein linkes Ohr stand etwas ab. Nur das linke, das rechte nicht. Es wurde oft darüber gewitzelt.

»Ist doch scheißegal«, knurrte Lazar. Seine Augen funkelten gereizt. »Wo ist sie? Ich kann sie seit gestern Abend nicht erreichen. Wieso nicht? Was ist da los?«

»Woher soll ich das wissen?« Es ärgerte Shaw, dass der Boss für alles, was seine Halbschwester anging, was sie tat oder nicht tat, ihn verantwortlich machte.

Verdammt noch mal, er war nicht ihr Kindermädchen. Warum tut er das?, dachte er erbost. Weil ich zwei Jahre älter bin als Adrienne? Oder weil er immer einen Sündenbock braucht, an dem er sich abreagieren kann?

»Du bist ihr Bruder«, sagte Hugh Lazar.

»Halbbruder.«

Lazar starrte Shaw mit einem Blick an, der Uhren zum Stehen bringen konnte.

»Bring mich nicht auf die Palme«, zischte er. »Adrienne ist mein Mädchen. Ich will wissen, wo sie sich herumtreibt und mit wem. Sie kriegt von mir einen Haufen Geld dafür, dass sie mir jederzeit zur Verfügung steht. Du kennst den Deal.«

Shaw schwieg. Er verfluchte den Tag, an dem er Adrienne seinem Boss vorgestellt hatte, denn seitdem musste immer er es büßen, wenn Lazar mit ihr nicht zufrieden war.

»Ich erwarte von dir, dass du dich darum kümmerst!«, sagte Lazar streng. »Sag ihr, sie hat heute Abend bei mir anzutanzen, sonst kann sie was erleben. Sonst könnt ihr beide was erleben.«

Shaw ging hinaus, holte sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte die Nummer seiner Schwester ...

*

Seit er für Lazar jobbte, betrachtete dieser ihn als Mädchen für alles. Er war nicht nur Hugh Lazars Caddy, sondern übernahm auch Botengänge, trieb Schulden ein, brachte Nutten zur Räson, wenn sie nicht spurten, stellte Kontakte zu Zuhältern her, die für Lazar arbeiten sollten, redete faulen Dealern, die nicht genug Umsatz machten, mit seinen Fäusten ins Gewissen ... Das Spektrum seines Aufgabenbereichs war sehr groß.

Und wenn Adrienne nicht so funktionierte, wie Lazar es wollte, hatte er auch das geradezubiegen.

Am andern Ende läutete es zwar, doch Adrienne meldete sich nicht.

»Fuck, geh endlich ran!«, ärgerte sich Shaw.

Es widerstrebte ihm, sich für seine Schwester verantwortlich zu fühlen. Dennoch konnte er es niemals ganz verhindern. Schließlich war sie keine Fremde.

Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten unterschiedliche Väter gehabt, aber dieselbe Mutter – eine mannstolle Schlampe, die häufig betrunken gewesen war und laufend neue Kerle angeschleppt hatte, die eine Weile bei ihr gewohnt und sich vom Acker gemacht hatten, sobald sie genug von ihr gehabt hatten.

Vermutlich waren es die immerzu wechselnden Partner der Mutter gewesen, die ihn und Adrienne enger zusammenrücken ließen. Sie hatten gewissermaßen eine homogene Abwehrfront gegen Moms zahlreiche Lover gebildet.

Weil sie schon im frühen Kindesalter tief in ihrem Innern gespürt hatten, dass sie gemeinsam mit diesen ― oft sehr schnell wechselnden und nicht immer erfreulichen ― Situationen besser fertig werden konnten.

Adriennes Anrufbeantworter meldete sich. »Hallo! Du hast die richtige Nummer zur falschen Zeit gewählt. Versuch's später noch mal, okay? Ciao!«

Es piepste. Jetzt konnte man eine Nachricht hinterlassen.

»Verdammte Scheiße, Adrienne!«, machte sich ihr Bruder Luft. »Wo steckst du? Hugh ist sauer, weil er dich nicht erreichen kann. Er will wissen, wo du bist, möchte dich heute Abend sehen. Ruf mich zurück, sobald du zuhause bist. Du hast hoffentlich keinen Blödsinn gemacht. Das wäre verflucht unklug von dir.«

Er steckte sein Handy ein, kehrte zu Hugh Lazar zurück und raunte ihm ins Ohr: »Sie wird sich in Kürze melden.«

*

Jemand legte mir etwas Nasses, Kaltes auf die Stirn. Ich öffnete die Augen und sah einen blonden Engel. Aber ich war bestimmt nicht im Himmel, denn dort hat man keine bohrenden und pochenden Kopfschmerzen. Im Himmel tut einem überhaupt nichts weh – sagt man.

»Wo bin ich?«, hörte ich mich fragen.

»Bei mir«, sagte der Engel, der auch noch die schönsten blauen Augen hatte, die ich je gesehen hatte.

»Wer sind Sie?«, wollte ich wissen.

»Neely Musk.«

Als ich fragen wollte, was passiert war, fiel es mir ein. Jemand hatte mich von hinten niedergeschlagen. Jemand, den ich nicht gesehen hatte.

Zack Lammer. Ein anderer kam dafür nicht infrage. Er hatte mich aus dem Sportwagen steigen sehen und mit Sicherheit sofort gewusst, dass ich zu ihm wollte.

Und da sein Gewissen mal wieder – oder noch immer ― nicht rein gewesen war, hatte er mich ausgeschaltet, um sich ungehindert aus dem Staub machen zu können.

Ich setzte mich auf. Der nasse, kalte Lappen fiel von meiner Stirn. Ich fing ihn auf und bemerkte, dass ich auf einem weißen Samtsofa saß.

Hat Neely mich hier hingelegt?, fragte ich mich. Sie ist ziemlich zart. Und ich wiege ...

»Sie sollten liegen bleiben«, sagte Neely Musk. Sie schien sich ernsthaft Sorgen um mich zu machen.

»Was ist passiert?«, fragte ich nun doch, denn ich wollte ihre Version hören.

»Da war ein Poltern«, erinnerte sich Neely Musk. »Draußen auf dem Flur. Ich machte die Tür auf – und da lagen Sie.«

»Vorsicht, Jesse«, meldete sich meine innere Stimme.

»Was ist?«, gab ich im Geist zurück.

»Neely ist kein Engel.«

»Wieso nicht?«

»Sie sagt nicht die Wahrheit.«

Ich sah ihr in die Augen. Sie wich meinem Blick aus, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. »Versuchen Sie es noch mal, Neely«, sagte ich und bot ihr damit die Chance, sich zu korrigieren. »Erzählen Sie mir, was wirklich passiert ist.«

»Ich – ich verstehe nicht, Agent Trevellian«, stammelte die Blondine. Sie trug das gleiche Kleid, das Marilyn Monroe getragen hatte, als sie in einem Film mit Tom Ewell – glaube ich ― über dem U-Bahn-Schacht stand. Die ganze Welt kennt das Foto – noch immer.

»Woher kennen Sie meinen Namen, Neely?«, wollte ich wissen.

»Sie haben ihn vorhin genannt.«

»Hab ich nicht.«

Sie wurde rot. »Na schön«, sagte sie verlegen. »Ich habe Ihre Taschen durchsucht. Ich wollte wissen, mit wem ich es zu tun habe. Verhaften Sie mich jetzt?«

»Nicht deswegen.«

»Sondern wegen was?« Ihr Engelsgesicht wurde plötzlich hart. Sie konnte, wie sich zeigte, auch anders sein – nicht nur freundlich, nett, sanft und anschmiegsam.

Ich zog meine Augenbrauen zusammen. »Ich fürchte, ich muss Sie mitnehmen.«

Sie sah mich empört an. »Weil ich mich um Sie gekümmert habe?«

»Weil Sie mich belogen haben.«

In ihren Augen glänzten mit einem Mal Tränen. Sie schien Schauspielunterricht genommen zu haben. Und nun zog sie alle Register ihres Könnens.

»Ich habe mich Ihrer angenommen, und wie danken Sie es mir?«, sagte sie vorwurfsvoll.

»Ich wollte zu Zack Lammer«, sagte ich ungerührt. Das schmerzhafte Bohren und Pochen in meinem Kopf hatte nachgelassen. Es war aber immer noch da.

»Er wohnt gegenüber«, sagte Neely Musk. Sie putzte sich die Nase.

»Er hat mich aus meinem Wagen steigen sehen und mich erwartet«, schilderte ich die Situation so, wie ich sie sah. »Er hat hier gewartet. Hier bei Ihnen. Der Gang war leer, als ich ihn entlangging. Ich klopfte an Lammers Tür. Er trat hinter mir aus Ihrer Wohnung und schlug mich nieder. Anders kann es sich nicht abgespielt haben. Was sagen Sie zu dieser Version?«

»Hören Sie, Agent Trevellian, ich weiß, dass Zack Lammer kein Heiliger ist. Aber ich habe mit seinen zwielichtigen Geschäften ganz bestimmt nichts zu tun. Das ist die Wahrheit. Das müssen Sie mir glauben.«

»Was sind Sie von Beruf?«

»Ich bin Tänzerin.«

»Wo treten Sie auf?«

»Noch nicht am Broadway«, sagte Neely Musk. Es klang trotzdem irgendwie stolz. »Aber immerhin schon in einem Theater in der achten Straße. Ich hab da seit einem Jahr ein Engagement. Alle unsere Vorstellungen sind ausverkauft. Das Stück kann noch gut und gerne fünf Jahre laufen. Wenn herauskommt, dass ich Schwierigkeiten mit dem FBI habe, bin ich meinen Job aber schneller los, als ich Christina Aquillera sagen kann.«

»Sie haben sich selbst in diese Schwierigkeiten gebracht.«

»Habe ich Sie etwa niedergeschlagen?«

»Hat Zack Lammer über mich gesprochen?«, fragte ich.

»Ja.«

»Was hat er Ihnen erzählt?«, wollte ich wissen.

»Dass Sie ein Bu... Dass Sie ein G-man sind. Er sagte, er hätte keinen Bock drauf, sich von Ihnen in die Mangel nehmen zu lassen.« Neely legte die Hand beteuernd auf ihren Busen. »Ich war nicht damit einverstanden, dass er Ihnen in meiner Wohnung auflauert, aber was hätte ich denn machen sollen? Sie wissen sicher, wie Zack ist. Er ist hart und gewalttätig. Er hätte mich krankenhausreif geprügelt, wenn ich verlangt hätte, er solle meine Wohnung verlassen. Ich war gezwungen, ihn hier auf Sie warten zu lassen.«

»Hat er Ihnen hinterher gesagt, wohin er geht?«, fragte ich.

»Nein.«

»Haben Sie eine Ahnung, wo er jetzt sein könnte?«

Neely Musk schwieg.

»Möchten Sie sich mit mir im Field Office weiter unterhalten?«

Sie sah mich verzweifelt an. »Hören Sie auf, mir zu drohen.«

Ich hob die Schultern. »Ich habe Ihnen lediglich eine Frage gestellt.«

»Natürlich möchte ich mich mit Ihnen nicht im Field Office unterhalten.« Neely biss sich auf die Unterlippe. »Soll ich ehrlich sein, Agent Trevellian? Ich würde mich am liebsten überhaupt nicht mit Ihnen unterhalten. Ganz gleich, wo.«

Ich setzte ein entwaffnendes Lächeln auf. »Hey, ich bin einer von den Guten.«

»Das ist mir egal. Ich will nichts mit der Polizei zu tun haben. Und ich stehe mit dieser Einstellung ganz sicher nicht allein da. Die Menschen haben eine angeborene Scheu vor Leuten wie Ihnen. Ob sie nun etwas ausgefressen haben oder nicht.«

»Ich habe Ihnen vorhin eine Frage gestellt«, sagte ich mit der mir eigenen Beharrlichkeit. »Sie haben sie nicht beantwortet, obwohl Sie es gekonnt hätten. Jedenfalls glaube ich das.«

»Welche Frage meinen Sie?«

»Haben Sie eine Ahnung, wo Zack Lammer jetzt sein könnte?«

Neely Musk rang die Hände. »Bitte gehen Sie, Agent Trevellian. Lassen Sie mich in Ruhe. Ich möchte nicht in diese Sache hineingezogen werden.«

»Ich würde sagen, Sie sind schon mittendrin. Und Ihr Verhalten lässt mich sehr stark vermuten, dass Sie wissen, wo Lammer sich zurzeit aufhält.«

Sie gab sich seufzend geschlagen. »Er hat sich vor einem halben Jahr ein Hausboot gekauft. Es heißt 'Sirtaki' und befindet sich in der Little Neck Bay. Da könnte er sein. Ich sage könnte. Ob er tatsächlich dort ist, weiß ich nicht.«

Ich stand auf.

»Zack wird mir sämtliche Knochen im Leib brechen«, jammerte Neely Musk.

»Das wird er nicht tun«, widersprach ich, als wüsste ich nichts so genau wie das.

»Und wieso nicht?«

»Weil ich es ihm verbieten werde.«

Neely stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. »Glauben Sie im Ernst, dass er sich darum schert?«

Meine Miene verfinsterte sich. »Er weiß, dass ich sehr unangenehm werden kann, wenn man nicht tut, was ich sage.«

*

Hugh Lazar und sein Caddy verließen den Golfklub. Als sie in den Wagen des Gangsterbosses steigen wollten, rief jemand: »Mr Lazar! Mr Lazar!«

Hugh Lazar drehte sich um. Ein Mann, den er nicht kannte – er hatte große Ähnlichkeit mit einem Windhund ―, kam ihm entgegen.

Lazar musterte ihn finster. »Was gibt's?«

»Man hat mir gesagt, dass Sie hier sind. Hätten Sie einen Augenblick Zeit für mich?«

»Worum geht es?«, wollte der Gangsterboss wissen. »Wer sind Sie?«

Der Mann lächelte. »Oh, mein Name ist Suvari. Ken Suvari. Ich bin Fotograf.«

»Möchten Sie ein Porträt von mir knipsen?«

»Wenn ich ehrlich sein darf – ich möchte Ihnen etwas verkaufen«, gab Ken Suvari zurück.

»Was?«

»Fotos.«

Lazar sah Glenn Shaw kurz an. Dann richtete er den Blick wieder auf Suvari, dessen Namen er eigenartig fand. »Wie kommen Sie auf die Idee, ich könnte an Ihren Aufnahmen interessiert sein? Selbst wenn sie Ihnen noch so gut gelungen sein sollten ― ich bin kein Kunstmäzen.«

»Manchmal können einem Bilder die Augen öffnen«, behauptete Suvari und holte den Umschlag mit den Fotos, die er erst vor einer Stunde gedruckt hatte, aus seinem weinroten Blouson.

»Was soll das heißen?«, knurrte der Gangsterboss. »Was wollen Sie damit sagen?«

Suvari zeigte grinsend auf Lazars Gesicht. »Ich sehe, ich habe Sie neugierig gemacht.« Er hielt dem Gangsterboss das gelbe Kuvert hin. »Würden Sie bitte einen Blick auf diese Bilder werfen? Sie sind brandneu. Sind in der vergangenen Nacht und heute Morgen entstanden. Ich kann Ihnen versichern, dass Sie es nicht bereuen werden ...«

»Geben Sie her.« Mit diesen Worten riss Lazar dem Paparazzo den Umschlag aus den Fingern, öffnete ihn und nahm die Fotos heraus.

Auch Glenn Shaw konnte die gestochen scharfen Aufnahmen sehen. Ihn traf beinahe der Schlag, als er erkannte, wer da abgebildet war.

Diese blöde, mannstolle Schlampe!, hallte es in seinem Kopf. Sie ist wie ihre Mutter. Verfluchte Scheiße! Wie konntest du das nur tun, Adrienne? Du weißt doch, wie Hugh ist. Was ihm gehört, das will er mit niemandem teilen. Was hast du dir dabei gedacht, du selten blödes Stück? Du hast damit Hughs Stolz verletzt. Hast du eine Vorstellung davon, was es heißt, Hugh Lazars Stolz zu verletzen? Kannst du dir ausmalen, was das für Konsequenzen hat? Er wird dich nicht einfach nur fallen lassen, weil du ihn mit Melvin Lawford so schamlos betrogen hast. Er wird ...

Lazar wandte sich an Shaw. »Was sagst du dazu?«, fragte er heiser. Seine Stimme zitterte. Er war wütend und voller Hass, glich einem Vulkan kurz vor dem Ausbruch.

»Was soll ich dazu sagen?«, krächzte Glenn Shaw.

»Sie ist deine Schwester.«

»Aber ich bin nicht verantwortlich für das, was sie tut.«

»Du hast sie mir vorgestellt, hast uns zusammengebracht. Das geschah bestimmt nicht ohne Hintergedanken. Du dachtest, wenn ich mit deiner Schwester schlafe, kannst du in meiner Gang Karriere machen. Ist es nicht so? Sag jetzt bloß nicht Nein. Niemand kann Hugh Lazar für dumm verkaufen.«

Glenn Shaw fühlte sich durchschaut. Ja, er hatte damit gerechnet, sich bessere Karten zu verschaffen, wenn er Adrienne mit Hugh Lazar zusammenbrachte.

Aber es hatte im Großen und Ganzen nicht so funktioniert, wie er sich das vorgestellt hatte. Was hatte er denn schon in Lazars Gang erreicht?

Er durfte dessen Golfschläger schleppen und auf dem Grün hinter ihm herhecheln. Mit der Karriere, von der er geträumt hatte, hatte das herzlich wenig zu tun.

Lazar starrte auf die Fotos. Es widerte ihn an, zu sehen, wie sehr Adrienne gefiel, was Melvin Lawford mit ihr anstellte. Seine Augen glühten. Er schien mit seinen Blicken Löcher in die Aufnahmen brennen zu wollen. »Sie treibt es hinter meinem Rücken mit diesem Dreckskerl ...«

»Ich dachte, das sollten Sie wissen«, bemerkte Ken Suvari schleimig.

Hugh Lazar nickte grimmig. »Sie haben richtig gedacht, Mister ... Wie war doch gleich Ihr Name?«

»Suvari. Ken Suvari, Mr Lazar.«

»Wenn eine Frau einem Mann Hörner aufsetzt, muss man ihn davon in Kenntnis setzen, damit er etwas dagegen unternehmen kann, bevor die ganze Welt über ihn lacht.« Der Gangsterboss sah den Paparazzo an und fragte: »Wieviel möchten Sie für die Bilder haben?«

»Wieviel sind sie Ihnen wert, Mr Lazar?« Suvari wollte die Aufnahmen auf keinen Fall verschleudern.

»Gibt es noch mehr davon?«

Suvari nickte. »Sehr viel mehr.«

»Ich möchte sie alle haben.«

»Kein Problem.«

»Sagen wir – tausend Dollar?«

Suvari lächelte pfiffig. »Sagen wir – zweitausend?«

Lazar wackelte mit dem Kopf. »Sie sind nicht billig.«

Der Paparazzo hob die Schultern, als wollte er sich entschuldigen. »Ich habe meinen Marktwert.«

Hugh Lazar überlegte kurz. Dann nickte er. »Okay. Zweitausend. Abgemacht. Sie bringen mir die Bilder heute Abend ins 'Sexy Joker' und kriegen das Geld.«

Ken Suvari feixte. »Es ist ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Mr Lazar.«

*

Als ich in meinen Sportwagen stieg, war mein Kopf wieder schmerzfrei. Ich holte mein Handy heraus und setzte mich mit meinem Partner in Verbindung.

»Ein Sergeant Carpenter wollte dich sprechen«, berichtete Milo. »Ich habe ihm deine Handynummer gegeben.«

»Er hat sich bereits bei mir gemeldet.« Ich berichtete meinem Partner, was ich seit Jackie Snyders Anruf heute Morgen unternommen hatte.

Als Milo hörte, dass ich von Zack Lammer ausgeknockt worden war, sagte er: »Du hättest da nicht allein hingehen sollen, Jesse.« Es hörte sich vorwurfsvoll an.

»Na schön, das war ein Fehler«, gab ich zu. »Deshalb rufe ich dich ja jetzt an. Lammer hat ein Hausboot in der Little Neck Bay. Würdest du mich dorthin begleiten?«

»Aber mit dem größten Vergnügen, mein Bester.«

»In zwanzig Minuten. Vor dem FBI Building.«

»Geht klar.«

Ich nahm Kurs auf die Federal Plaza und schaffte es tatsächlich, in der vereinbarten Zeit mein Ziel zu erreichen. Milo stieg zu, und ich fuhr weiter.

Milo musterte mich. »Du siehst aus wie immer«, stellte er leicht verwundert fest.

»Wie sollte ich sonst aussehen?«

»Ramponiert«, antwortete mein Partner. »Du hast schließlich eins auf die Nuss gekriegt.«

Ich grinste. »Wie du weißt, habe ich einen harten Schädel.«

»Um den bist du zu beneiden.«

Ich deutete auf das Funkgerät und bat Milo, sich mit den Kollegen im Field Office in Verbindung zu setzen, damit sie für uns herausfanden, wo genau Zack Lammers Hausboot »Sirtaki« vertäut war. Die Little Neck Bay ist nämlich ziemlich groß, und ich hatte keine Lust, sämtliche Anlegemöglichkeiten abzuklappern, um den richtigen Liegeplatz zu finden.

Kurz bevor wir die Bucht erreichten, kam die gewünschte Information. Wir würden die »Sirtaki« zwischen John Golden Park und Bayside Marina finden. Und so war es dann auch. Die »Sirtaki« befand sich inmitten einer kleinen Hausbootkolonie. Blau-weiß gestrichen. Sehr griechisch.

Und Zack Lammer war – welch große Freude – zuhause. Er stand, mit einer goldglänzenden Bierdose in der Hand, auf dem kleinen Achterdeck. Groß. Kräftig. Ein Bulle. Schwer und muskulös.

Kein – im klassischen Sinn ― schöner Mann, sondern einer, vor dem die Menschen Angst hatten, der ihnen Respekt einflößte. Soeben trank er den letzten Schluck. Dann zerdrückte er die Dose und verschwand in seinem Zweitwohnsitz.

»Okay«, sagte Milo tatendurstig. »Holen wir uns den Knaben.«

*

Hugh Lazar schob die Fotos, die ihn zutiefst anwiderten, wieder in den Umschlag. Er wartete, bis Ken Suvari in seinen Wagen gestiegen und fortgefahren war.

Dann wandte er sich an Glenn Shaw und knurrte: »Deine Schwester. Ein Flittchen. Eine Schlampe. Eine Hure.«

Shaw sagte nichts. Er wusste, dass es jetzt höchst unklug gewesen wäre, dem Boss zu widersprechen. Außerdem gab es absolut keinen Grund dafür. Schließlich hatte Lazar Recht. Shaw war ganz seiner Meinung. Es stimmte. Adrienne war tatsächlich ein Flittchen. Eine Schlampe. Eine Hure.

»Du hast sie mir untergejubelt«, sagte Lazar anklagend.

Untergejubelt war nicht das richtige Wort, fand Shaw. Aber er ließ es dennoch unwidersprochen. Er wollte Lazar nicht noch mehr reizen. Der Boss war ohnedies schon auf 180.

Lazar redete sich mehr und mehr in Rage. »Du hast mir eine dreckige Schickse ins Bett gelegt!«, brüllte er. »Deine gottverdammte Schwester betrügt mich. Mich! Hugh Lazar!«

Er schien fassungslos zu sein, schien nicht begreifen zu können, wie ihm eine Frau so etwas antun konnte. Weil das noch nie zuvor eine gewagt hatte.

»Verflucht noch mal, wofür hält sie mich? Für einen Waschlappen, der sich alles gefallen lässt? Was ist los mit deiner Schwester, hm? Hat sie den Verstand verloren? Wieso betrügt sie mich? Kannst du mir das erklären? Sie führt ein Leben in Luxus. Auf meine Kosten. Wieso reicht ihr das nicht? Wieso ist sie damit nicht zufrieden? Wieso muss sie neben mir noch andere Männer haben? Wie viele sind es eigentlich, außer Melvin Lawford, noch? Kannst du mir das sagen? Lawford ist bestimmt nicht der Einzige, mit dem sie es hinter meinem Rücken treibt. Da gibt es garantiert noch andere. Eine Hockeymannschaft. Ein Footballteam.«

Der Gangsterboss schlug das Kuvert zornig gegen seinen Schenkel. Er starrte in eine geistige Ferne. Seine Augen verengten sich mehr und mehr.

»Ich bin mit diesem Luder fertig«, kam es tonlos über seine Lippen.

Glenn Shaw hatte dafür vollstes Verständnis. Das Benehmen seiner Schwester war unmöglich, war verwerflich, war verdammenswert. Es war ... Ach, es war sehr viel mehr, als ihm im Moment dazu einfiel. Ihre übertriebene Gier nach Sex war zum Kotzen!

Hugh Lazar rollte das Kuvert zusammen. Sein Blick war kalt, gnadenlos und grausam geworden. Er zeigte mit der Umschlagrolle auf Glenn Shaw.

»Du wirst das in Ordnung bringen. Sie ist deine Schwester. Es war deine Idee, mich mit diesem Aas zu verkuppeln. Deshalb wirst du das für mich in Ordnung bringen.«

In Ordnung bringen?, fragte sich Shaw. Was meint er damit?

In Ordnung bringen ... Tief in seinem aufgewühlten Innersten wusste er nur zu gut, was der Boss damit meinte. Shaw hatte das Gefühl, man hätte ihn mit Eiswasser übergossen. Er fröstelte. Ihm war kalt. Und er hatte Angst davor, dass Hugh Lazar noch deutlicher werden würde.

»Obwohl du es nicht verdienst, will ich großzügig sein, Glenn«, sagte der Gangsterboss. Speichel glänzte auf seinen Lippen. »Du bekommst von mir die einmalige Chance, diese gottverfluchte Angelegenheit, die nie hätte passieren dürfen, ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Ich schicke keinen Fremden zu Adrienne, sondern dich. Sie hat Schande über euch gebracht, und es obliegt ihrem Bruder – ich möchte sagen, es ist sogar seine oberste Pflicht ―, diese hässliche Schuld zu tilgen.«

Großer Gott, ich kann das nicht!, dachte Glenn Shaw erschüttert. Sie ist ... Herrje, ich verfluche sie, und ich wünsche ihr alles Schlechte an den Hals, aber ich kann sie trotzdem nicht umbringen. Du darfst das von mir nicht verlangen, Hugh. Ich bin kein Mörder. Ich habe noch nie einen Menschen umgebracht. Und schon gar nicht kann ich meine Schwester töten. Das ist völlig ausgeschlossen. Das schaffe ich einfach nicht.

Lazar schlug ihm die Kuvertrolle so unvermittelt gegen die Brust, dass er heftig zusammenzuckte. »Bestrafe deine Schwester für diese üble Missetat, Glenn. Und mach ja keinen Fehler.«

Kapitel 3

Eine wohlgenährte Frau mit bunten Lockenwicklern im Haar war damit beschäftigt, das Deck zu schrubben, als wir den Bootssteg entlanggingen.

Sie trug einen knallgelben Overall und lächelte uns freundlich an. Eine Windbö blätterte Milos Jackett auf. Die Frau sah seine SIG im Halfter stecken.

Daraufhin fiel ihr das Lächeln aus dem Gesicht, sie wurde blass, lehnte den Schrubber an die Hausbootwand und brachte sich hastig in Sicherheit.

Wir erreichten die »Sirtaki«. Im Hausboot lief der neueste Hit von Madonna. Bestens ausgewogener, raffiniert kalkulierter Pop. Ich zog meine Dienstpistole, damit der Dealer sich friedlich gab, wenn ich ihm gegenübertrat.

Geduckt ging ich an Bord. Darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen. Milo folgte mir. Auch er zog seine SIG Sauer. Wir verständigten uns mit Handzeichen.

Sobald zwischen uns alles klar war, trat ich vor den Eingang, ließ noch drei Sekunden verstreichen und öffnete die Tür dann mit einem kräftigen Fußtritt.

»FBI!«, rief ich und schnellte vorwärts. »Keine Bewegung!«

Zack Lammer hielt sich nicht daran. Er wirbelte herum und schleuderte eine Bratpfanne nach mir.

Ich federte zur Seite. Das Wurfgeschoss verfehlte mich nur knapp und traf Madonna. Jedenfalls hatte es diesen Anschein, denn sie verstummte jäh.

Lammer kam gleich hinterher.

Er wuchtete sich mir entgegen und drosch wütend auf mich ein. Dass ich bewaffnet war, kratzte ihn überhaupt nicht. Fast hätte man meinen können, er hielte sich für unverwundbar. Wahrscheinlicher aber war, dass er auf seine enorme Kraft und auf seine bestens geschulten Reflexe setzte.

Ich schlug mit der SIG zu, traf seine Schläfe, und er taumelte benommen zur Seite. Milos Hand tauchte hinter ihm im halb offenen Fenster auf.

Sie zuckte vorwärts wie eine zubeißende Klapperschlange.

Mein Partner rammte dem schwergewichtigen Ex-Boxer seine Pistole in den Rücken und knurrte: »Make my day, Buddy!«

Lammer erstarrte. Jetzt begriff er, dass er keine Chance mehr hatte. Widerstandslos ließ er sich von mir Handschellen anlegen.

Ich beförderte ihn mit einem unsanften Stoß auf eine schäbige Couch. Eigentlich hätte er sehr viel mehr verdient, nachdem er mich so brutal außer Gefecht gesetzt hatte.

Ich steckte meine Waffe weg. An Lammers Schläfe erblühte eine Beule. Milo verschwand vom Fenster und kam zur Tür herein.

»Verdammt, wo leben wir?«, protestierte Zack Lammer ungehalten. »In einem Polizeistaat, in dem sich brutale Bullen alles erlauben dürfen? Ihr habt mich überfallen. Das war ein reiner Willkürakt. Ihr hattet keinen Anlass dazu. Nicht mal den allerkleinsten. Ich werde mich beschweren.«

Milo machte eine wegwerfende Geste. »Ach komm, Zack, halt die Luft an.«

Lammer reckte sein ausgeprägtes Kinn trotzig vor. »Ich möchte mit meinem Anwalt telefonieren.«

»Später«, sagte Milo gelassen.

»Sofort. Ihr habt kein Recht, mir das zu verwehren.«

»Aber du hattest das Recht, mich hinterrücks niederzuschlagen, wie?«, sagte ich.

»Wer behauptet denn so etwas?«, empörte sich der Dealer. »Warum um alles in der Welt hätte ich Sie denn niederschlagen sollen? Ich bin ein friedliebender Mensch. Ich tu keiner Fliege was zuleide.«

»Darüber lachen wir später«, sagte Milo trocken.

»Ich verlange, dass Sie mir auf der Stelle die Handschellen abnehmen. Sie behandeln mich wie einen Verbrecher.«

»Bist du denn keiner?«, fragte Milo grinsend.

Lammer blieb bei der Behauptung, nichts getan zu haben und sich keiner Schuld bewusst zu sein. Er wollte wissen, wer uns verraten hatte, dass er ein Hausboot besaß.

Ich sagte es ihm und knüpfte an meine Antwort gleich die Drohung, dass er mich von meiner schlimmsten Seite kennen lernen würde, wenn er Neely Musk deswegen auch nur ein einziges Haar krümmte.

Milo sah sich um. Da Lammer nicht mit unserem Besuch gerechnet hatte, lag das Zeug, das er täglich verhökerte, ganz offen auf dem Tisch. Heroin, Kokain, Meskalin, LSD, Crystal Speed, Crack, Ecstasy, Schnüffelstoffe, Joints ...

Der Drogentisch war reich gedeckt. Milo zeigte auf die Ware und sagte finster: »Jetzt sieht es aber gar nicht gut aus für dich, mein Lieber.«

»Das – das gehört mir nicht«, stammelte der Dealer.

»Sag mal, für wie dämlich hältst du uns eigentlich?«, fragte Milo ärgerlich.

»Ich bewahre es für einen Kumpel auf«, behauptete Lammer.

»Schluss jetzt, Zack, sonst werden wir ungemütlich«, herrschte ich ihn an. »Mach uns ja nicht sauer.«

Der Dealer presste daraufhin die Lippen fest zusammen und sagte kein Wort mehr. Wir nahmen ihn und die Drogen mit.

*

Im Field Office setzten wir uns sodann in einem Vernehmungszimmer mit ihm zusammen und begannen ihn unermüdlich mit Fragen zu löchern. Er schwieg, schwieg, schwieg.

Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Irgendwann würde er den Mund aufmachen, da war ich ganz sicher.

Das erste, was er nach einer sehr langen Sendepause von sich gab war, dass er endlich mit seinem Anwalt telefonieren wolle. Wir erlaubten es ihm.

Obwohl Lammer erklärte, er würde erst mit uns reden, wenn sein Rechtsbeistand eingetroffen sei, sagte ich: »Du warst heute Morgen im 'Dirty Zone'.«

»Das ist nicht verboten.«

»Du warst nicht allein da«, fuhr ich fort.

»Stimmt. Das Lokal war zum Bersten voll.«

»Wer saß an deinem Tisch?«, wollte ich wissen.

»Niemand«, behauptete er.

Ich beschrieb den Mann, mit dem er sich unterhalten hatte, so, wie es Elsie, die Kellnerin, getan hatte und fragte: »Wer war das?«

»Ich weiß nicht, wen Sie meinen.« Der Bursche log, ohne rot zu werden.

»Was sagt dir der Name Jackie Snyder?«, wollte ich wissen.

»Nichts.«

»Er saß am Tisch neben euch, hat euer Gespräch belauscht – und jetzt ist er tot«, sagte ich.

Zack Lammer brauste auf: »Hören Sie, wenn Sie mir das in die Schuhe schieben wollen ...«

»Jackie Snyder hat etwas aufgeschnappt«, fiel ich ihm ins Wort. »Ihr habt das mitgekriegt und Alarm geschlagen. Daraufhin hat Hugh Lazar zwei Killer losgeschickt, und die haben Jackie umgelegt, damit er sein Wissen nicht weitergeben konnte. Worüber habt ihr gesprochen?«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

Ich nickte. »Damit leugnest du wenigstens nicht mehr, dass du dich im 'Dirty Zone' mit jemandem unterhalten hast.«

Der Dealer versank wieder in dumpf brütendes Schweigen.

*

Glenn Shaw setzte den Boss daheim ab, schleppte die schwere Golftasche ins Haus und kehrte zum Wagen zurück. Als er einsteigen wollte, klingelte sein Handy.

»Ja?«, meldete er sich knapp.

Am andern Ende war seine Schwester. »Du hast mir eine Nachricht aufs Band gesprochen.«

»Bist du zuhause?«

»Ja.«

»Warte auf mich. Ich bin in ein paar Minuten bei dir.«

»Was ist denn los, Glenn?«

»Du wartest, verstanden? Geh auf keinen Fall weg.«

»Hugh ist sauer, weil er mich nicht erreichen kann? Mein Gott, ich hocke doch nicht rund um die Uhr neben dem Telefon und warte, bis er anruft.«

Shaw unterbrach das Gespräch, schwang sich in den Wagen und raste los. Kurze Zeit später klopfte er an Adriennes Tür. Sie öffnete. Zorn schoss in ihm hoch und explodierte in seinem Kopf. Er sah rot und schlug zu.

Seine Schwester stieß einen erschrockenen Schmerzensschrei aus und stürzte zu Boden.

Er trat ein und stieß die Tür mit dem Fuß zu.

Adrienne legte beide Hände auf ihr Gesicht. Sie blutete.

»Verdammt, was ist denn in dich gefahren?«, schluchzte sie. »Bist du verrückt geworden? Warum hast du mich geschlagen?«

»Was hast du getan?«, brüllte er auf sie hinunter. »Verflucht noch mal, was hast du blöde Kuh getan?«

»Ich weiß nicht, wovon du ...«

Er packte sie, schleifte sie ins Bad, drückte sie über den Wannenrand und griff nach der Handbrause. Als ihr eiskaltes Wasser ins Gesicht schoss, schrie sie um Hilfe.

Sie bäumte sich auf und schlug entsetzt und verzweifelt um sich.

Aber ihr Bruder ließ sie nicht los.

Prustend, wimmernd, spuckend und hustend flehte sie ihn an, aufzuhören. So brutal hatte er sie noch nie behandelt. Sie konnte sich nicht erklären, was ihn so schrecklich wütend gemacht hatte.

»Bitte, Glenn!«, keuchte sie. »Bitte hör auf! Willst du mich umbringen?«

Er ließ sie los und schleuderte die Handbrause in die Wanne. Das Wasser spritzte in hohem Bogen gegen das Milchglasfenster und duschte die vielen Flaschen, Tuben und Flacons, die auf dem Marmorfensterbrett wie bunte Zinnsoldaten nebeneinander aufgereiht waren.

Adrienne griff mit zitternder Hand nach einem Handtuch und bedeckte damit ihr nasses Gesicht. »Warum, Glenn?«, weinte sie. »Warum?«

»Weil du dumm wie Brot bist.«

»Wieso? Was habe ich ...«

»Du weißt es!«, brüllte er das Handtuch an. »Verdammt, du weißt es!« Er schlug mit der flachen Hand auf Adriennes Kopf.

Sie schrie.

»Wo warst du letzte Nacht?«, überschrie er sie. »Wo hast du dich herumgetrieben?«

»Ich war bei Freunden.«

»Du warst bei einem Freund. Nur bei einem. Und du hast dich aufgeführt wie eine läufige Hündin.«

»Woher weißt du ...«

»Du wurdest gesehen.«

»Von wem?«

Er riss ihr das Handtuch vom Gesicht, wollte ihr in die Augen sehen. Ihre Oberlippe war geschwollen, und aus ihrer Nase rann immer noch Blut.

»Wie konntest du nur so leichtsinnig sein?«, fragte er. »Hast du nicht bedacht, was du damit heraufbeschwörst? Du hast uns mit deiner abartigen Triebhaftigkeit in Teufels Küche gebracht.«

»Uns?«

»Dich und mich. Ein Paparazzo hat dich mit Melvin Lawford fotografiert und dem Boss die Bilder zum Kauf angeboten. Ich fiel aus allen Wolken, als ich die Aufnahmen sah.«

»Und – und Hugh?«, stammelte Adrienne.

»Der ist mit dir fertig.«

»Was heißt das? Was heißt das genau, Glenn?«

Shaw antwortete nicht.

Das war für Adrienne Antwort genug. »O nein«, stieß sie gepresst hervor. »Nein. Nein.«

»Hugh macht mich dafür mit verantwortlich«, sagte Shaw heiser. »Weil ich dein Bruder bin. Weil ich dich mit ihm zusammengebracht habe. Weil ich dir nicht gesagt habe, was passiert, wenn du so etwas tust. Ich dachte, das wäre nicht nötig. Ich habe geglaubt, du wüsstest das.«

Adrienne sah ihn an. Sie zitterte, hatte Angst. »Was sollst du tun, Glenn?«

Sein Blick verdunkelte sich. »Ich soll dich bestrafen.«

»Sollst du mich verprügeln? Sollst du mich so schwer zusammenschlagen, dass ich nie wieder einen Mann ansehe?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Nein, das wäre Hugh zuwenig. Ich glaube nicht, dass ihm das reichen würde.«

»Du hast seinen Stolz verletzt.«

»Und deshalb schickt er dich zu mir.«

»Er will, dass ich die Sache in Ordnung bringe. Er ist der Meinung, dass das meine Pflicht ist.«

»Aber – aber ― aber wir sind Geschwister.«

»Ich wollte, Mom wäre deinem Vater nie begegnet«, sagte Glenn Shaw leise, und im nächsten Augenblick legte er seine Hände um ihren schlanken Hals.

Kapitel 4

»Du wolltest mich sehen, Boss?«, sagte Melvin Lawford, während er auf die Terrasse trat.

Hugh Lazar saß an einem großen weißen Marmortisch. Er hatte ein Glas Buttermilch vor sich stehen. Er liebte Buttermilch. Sie war so schön dick und säuerlich.

»Ja«, antwortete er und wies auf die fahrbare Hausbar. »Nimm dir einen Drink und setz dich zu mir.« Sein Golfbag lehnte an der Wand. Putter, Wedges, Chipper und mehrere unterschiedlich schwere Eisen ragten heraus.

Lawford bediente sich. Er sah aus wie aus dem Ei gepellt, trug einen dunkelblauen Anzug, und der Bug seiner Hose war schärfer als der eines Schnellboots. »Wie war's heute auf dem Golfplatz?«, erkundigte er sich.

»Ich war mal wieder in Bestform«, antwortete Lazar stolz.

Lawford setzte sich mit einem doppelten Bourbon zu ihm. Er zeigte auf das Buttermilchglas. »Du bist doch nicht etwa krank.«

»Ich bin okay«, versicherte ihm Lazar. »Hab in letzter Zeit ein bisschen zu viel getrunken. Ab und zu sollte man der Leber kleine eine Erholungspause gönnen, und dann ist für mich Buttermilch eine willkommene Abwechslung. Sie ist gesund und reinigt den Körper und die Seele.«

»Wer sagt das?«

»Ich weiß nicht. Vermutlich der Milchbauer.«

Sie lachten. Dann trank Lazar von seiner Buttermilch und Lawford von seinem Bourbon.

Lazar musterte sein Gegenüber. »Du siehst gut aus«, stellte er fest. »Kommst bei den Weibern sicher sehr gut an ...«

»Es geht so.« Es klang ein wenig bescheiden und ein bisschen verlegen.

»Bist ein echter Womanizer. Für dich macht jede Lady gleich die Beine breit, was?«

Lawford senkte den Blick und lächelte selbstgefällig. »Nun, Boss, ich kann mich über mangelnden Erfolg beim weiblichen Geschlecht wahrlich nicht beklagen.«

Lazar lehnte sich zurück, um Lawford besser in Augenschein nehmen zu können. Er hasste ihn, aber das ließ er sich nicht anmerken. Seit er diese Ekel erregenden Fotos gesehen hatte, mochte er Laword nicht mehr.

Früher war das anders gewesen. Bis vor kurzem hatte er noch große Pläne mit Lawford gehabt, doch damit war es nun vorbei. Lazar hatte keine Verwendung für einen hinterhältigen, nichtsnutzigen Dreckskerl, dem nicht einmal die Freundin des Bosses heilig war. Er hatte dessen Position im Geist schon neu besetzt.

Mit einem Mann, der nicht so schön war wie Lawford, und dem es auch nie gelingen würde, so viele Frauen flachzulegen. Mit einem Mann, der seinen Boss niemals hintergehen und ihn wie einen Idioten aussehen lassen würde.

»Wie lange arbeitest du schon für mich, Melvin?«, fragte Hugh Lazar.

Lawford runzelte die Stirn, überlegte kurz und antwortete dann: »Es könnte auf sieben Jahre hinkommen.«

»Sieben Jahre.« Lazar wiegte den Kopf. »Das ist eine lange Zeit.«

»O ja.« Lawford grinste. Er hatte schneeweiße, regelmäßige Zähne. Gebleicht vom Dentisten. »Vor allem dann, wenn man bedenkt, dass ein Goldhamster bereits nach zwei Jahren den Löffel abgibt.«

»Sieben Jahre«, wiederholte Lazar und leerte sein Glas. Den weißen Buttermilchbart wischte er mit der Hand von seiner Oberlippe. »Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie du zu mir gekommen bist. Ich weiß es noch so genau, als wär's nicht vor sieben Jahren, sondern vor sieben Tagen gewesen.«

Lawfords Miene verfinsterte sich. »Mir ging es damals ziemlich dreckig.«

»Das kann man wohl sagen. Du hast bis zur Halskrause in der Scheiße gesteckt.«

»Ich hatte Schulden bei den Farelli-Brüdern«, erinnerte sich Lawford.

»Sie hatten die Geduld verloren und wollten dich fertigmachen, weil du sie so lange mit fadenscheinigen Ausreden hingehalten hast.«

»Sie hätten mich umgelegt, wenn du meine Schulden nicht beglichen hättest.«

Lazar nickte. »Stimmt. Wenn ich dir nicht geholfen hätte, würdest du schon seit sieben Jahren tot sein. Stell dir das einmal bildlich vor. Du hättest schon lange kein Fleisch mehr an deinen langsam verrottenden Knochen. Du hast mich damals gebeten, dir einen Job zu geben. Ich hab's getan.«

»Und ich habe mein Versprechen gehalten.«

»Welches Versprechen?«

»Dass ich das Geld, das du für mich ausgelegt hattest, zurückzahlen würde.«

»Ja, das hast du getan.«

»Für mich ist Dankbarkeit kein leeres Wort. Wenn mir mal einer aus der Klemme geholfen hat, vergesse ich das nie.«

Hugh Lazar stand auf.

Lawford nahm an, dass der Boss sich noch ein Glas Buttermilch holen wollte, doch Lazar ließ das Glas stehen, ging zum Golfbag und zog einen Putter heraus. Er wog ihn in der Hand und tat so, als würde ein Golfball vor ihm auf dem Boden liegen. Er stellte sich sehr professionell hin und nahm einige Male konzentriert Maß, ohne den imaginären Ball zu berühren.

Lawford sah ihm dabei amüsiert zu.

»Du musst mir in der Tat sehr dankbar sein«, sagte Lazar.

»Das bin ich, Boss.«

»Ich habe viel für dich getan.«

»Und ich habe für dich immer mein Bestes gegeben. Und nicht nur das. Kürzlich hat einer nicht besonders nett über dich geredet ...«

»Wer?«, wollte Lazar wissen.

Lawford winkte ab. »Ist doch egal, wie das Arschloch heißt, Boss. Ich hab ihm so sehr die Fresse poliert, dass er sich nie wieder getraut, etwas Abfälliges über dich zu sagen.«

»Das imponiert mir. Warum hast du mir nichts davon erzählt?«

»Du bist ein sehr beschäftigter Mann, hast genug um die Ohren. Ich wollte nicht, dass du dich über diese Bagatelle, die ich ohnedies schon für dich geregelt hatte, aufregst.«

»Du stehst zu mir.«

Lawford nickte bekräftigend. »Seit sieben Jahren.«

Lazar holte mit dem Putter aus. »Ich finde, so viel vorbildliche Loyalität gehört belohnt.«

Er zog den Schläger kraftvoll durch und traf das Bourbonglas, das daraufhin förmlich explodierte.

Bourbon spritzte hoch. Glassplitter flogen funkelnd und klirrend durch die Luft. Doch damit war der schwungvolle Schlag noch nicht zu Ende.

Lazar führte ihn konsequent weiter und schmetterte den völlig verblüfften, zu keiner Reaktion fähigen Melvin Lawford vom Stuhl.

Angst, Schmerz und Entsetzen entrissen dem Getroffenen einen grellen Schrei. »Grundgütiger! Boss! Was ...«

»Du hättest die Finger von Adrienne lassen sollen!«

Lawford wurde bleich wie ein alter Knochen. »Wieso glaubst du, ich hätte ...«

Lazar schlug zu.

Lawford heulte auf.

»Falsche Antwort!«, blaffte Lazar.

»Okay. Okay. Okay. Ich gebe es zu. Ich hatte etwas mit ... Es war ein Ausrutscher. Ein schwerer Fehler. Es tut mir Leid. Ich wollte das überhaupt nicht. Mein Ehrenwort. Adrienne hat mich verführt. Du weißt ja, was Frauen alles anstellen können, wenn sie sich einen Mann in den Kopf gesetzt haben. Ich wollte standhaft bleiben. Ich hab ihr gesagt, dass wir das nicht tun dürfen, dass es dir gegenüber nicht richtig wäre. Ich habe gesagt, es wäre absolut schäbig und zutiefst verwerflich, aber sie ... Sie muss high gewesen sein. Sie hat auf jeden Fall nicht auf mich gehört, und so ist es dann leider passiert. Ich bedauere es, Boss. Ich bedauere es von ganzem Herzen. O Gott, wenn ich es doch bloß ungeschehen machen könnte. Ich – ich hatte auch nicht vor, das zu wiederholen. Es war eine einmalige Sache. Ohne Bedeutung. Eine rein körperliche Geschichte ohne jeden Tiefgang.«

Hugh Lazar hörte kaum noch, was der vor ihm liegende Lawford zu seiner Rechtfertigung vorbrachte. Es interessierte ihn nicht. Das Urteil war längst gefällt. Einspruch war keiner möglich. Was entschieden war, musste nur noch vollstreckt werden. Jetzt gleich. Ohne jeden Aufschub.

»Um Adrienne kümmert sich ihr Bruder«, sagte Lazar ernst. »Er wird sie mit aller Härte bestrafen.«

»Das hat sie verdient«, krächzte Lawford, dem es nur noch darum ging, die eigene Haut zu retten. »Sie ist ein raffiniertes Luder. Man ist als Mann gegen ihre verteufelten Verführungskünste machtlos. Sie hat mich verhext.«

»Glenn wird seine Schwester töten«, sagte der Gangsterboss frostig.

Lawford blickte bestürzt zu Lazar hoch. Er schien begriffen zu haben, was ihm bevorstand.

Der Gangsterboss schwang den Patter zum nächsten – zum letzten – Schlag hoch und sagte frostig: »Und ich werde dich töten.« Dann schlug er zu.

*

Der Anwalt, den Zack Lammer wollte, hieß Gard Phelps. Ein neunmalkluger Rechtsverdreher, der noch ein viel größerer Gauner war als jene, denen er beistand.

Wir hatten schon des öfteren mit ihm zu tun gehabt, und ich muss zugeben, dass er uns schon so manchen Fisch, den wir für sicher gefangen hielten, wieder vom Haken genommen hatte.

Er versuchte immer den weltmännischen Playboy raushängen zu lassen, wenn er bei uns antanzte, doch das einzige, was wirklich bei ihm heraushing, war sein bettlakengroßes Stecktuch ― aus der Brusttasche seines Maßjacketts.

Obwohl es sich mittlerweile herumgesprochen haben sollte, dass jahrelanges Grillen im Solarium schädlich ist, ignorierte er diese wissenschaftlich belegte Tatsache und begegnete aller Welt in jeder Jahreszeit mit derselben intensiven Bräune.

Als Gard Phelps im Field Office erschien, sah er aus, als wäre er heute Morgen erst aus der Karibik zurückgekehrt.

Selbstbewusst und siegesgewiss betrat er unser Büro und spuckte erst mal – das war so seine Art ― die üblichen großen Töne, ohne die Sachlage in ihrem vollem Unfang zu kennen.

Denn er wusste ja nur, was Zack Lammer ihm am Telefon erzählt hatte, und das war natürlich von diesem stark zu seinen Gunsten gefärbt worden.

Als er dann aber unsere Version erfuhr – dass sein Mandant mich hinterrücks angegriffen und niedergeschlagen hatte, wie Zack Lammer sich auf dem Hausboot aufgeführt hatte und welche Drogen wir dort sichergestellt hatten ―, wurde ihm schnell klar, dass es in diesem Fall für ihn keinen Blumentopf zu gewinnen gab, und deshalb drehte er sich sogleich um 180 Grad und empfahl Lammer, Reue zu zeigen und uns alles zu sagen, was wir wissen wollten, weil ihm ein solches Verhalten vor Gericht mildernde Umstände einbringen würde.

Danach klopfte er dem Dealer jovial auf die Schulter, speiste ihn mit einigen ausgedörrten tröstenden Worten ab – und flog in die Karibik zurück. Oder dorthin, woher er gekommen war. Jedenfalls ließ er Zack Lammer skrupellos fallen.

Bevor er ging, ließ er den Dealer noch wissen, dass er auch in Zukunft jederzeit für ihn da sei, sollte er irgendwann mal wieder in die Bredouille geraten.

Jederzeit – nur nicht diesmal, denn mit so schlechten Karten war es ein ernsthaftes Gebot der Vernunft, zu passen.

Nachdem Gard Phelps gegangen war, hatten wir Zack Lammer wieder für uns allein. Er war sichtlich von seinem Anwalt enttäuscht. Vielleicht wünschte er ihm sogar die Pest an den Hals. Mich hätte es nicht gewundert.

»Was hast du von Phelps erwartet?«, fragte Milo. Wir saßen dem Dealer im Vernehmungszimmer gegenüber. »Die letzten Wunder gab es vor zweitausend Jahren.«

Lammer atmete schwer aus. »Na schön, ihr habt mich zu einem für mich denkbar ungünstigen Zeitpunkt erwischt.«

»Du hast auf einem Haufen Drogen gesessen, wie 'ne Glucke, die ihre Eier ausbrütet«, sagte mein Partner.

Lammer bestritt es nicht.

»Wirst du jetzt endlich mit uns reden?«, fragte ich.

»Ich wüsste nicht, worüber.«

»Nun, zum Beispiel darüber, warum Jackie Snyder sterben musste.«

»Woher soll ich das denn wissen?«

Ich schüttelte verdrossen den Kopf. »So wird ganz sicher nichts aus den mildernden Umständen, Zack. Wenn du keinen guten Willen erkennen lässt ...«

»Jesses, Trevellian, warum lassen Sie mich nicht endlich in Ruhe?«

»Jackie Snyder hat im 'Dirty Zone' etwas gehört. Du hast dich mit jemandem unterhalten. Mit wem, willst du uns nicht verraten. Jackie hat euch belauscht. Worum ging es bei dem Gespräch? Etwa darum, dass Hugh Lazar demnächst eine größere Drogenlieferung erwartet?«

Lammer sagte nichts. Aber seine Augen schrieen: »Warum fragst du noch, wenn du es ohnedies schon weißt?«

»Uns ist bekannt, dass du den Stoff, den du unter die Leute bringst, von Lazar beziehst«, sagte ich.

Lammer schwieg.

»Und es waren Lazars Männer, die Jackie Snyder gejagt und erschossen haben, nachdem du Alarm geschlagen hast«, fuhr ich fort.

Der Dealer widersprach nicht. »Ich hab dazu nichts zu sagen«, behauptete er lediglich.

Mir war klar, warum er so beharrlich schwieg. Er hatte Angst vor Hugh Lazar. Weil er wusste, dass er vor dem nicht einmal im Zuchthaus sicher war.

»Wer wird Lazar demnächst beliefern?«, fragte ich.

»Kein Kommentar«, bekam ich von Lammer zu hören.

»Wann trifft die Lieferung in New York ein?«

Zack Lammer hob die Schultern. »Tut mir Leid, G-man. Sie fragen den falschen Mann. Ich bin nicht in der Lage, auch nur eine Ihrer Fragen zu beantworten. Warum wenden Sie sich nicht direkt an Hugh Lazar?«

»Das werden wir«, sagte ich. »Zu gegebener Zeit. Darauf kannst du dich verlassen.«

*

Adrienne Pillsbury wehrte sich verzweifelt. Glenn Shaw merkte, wie ihr Widerstand allmählich schwächer wurde. Seine Finger hatten sich um ihren schlanken Hals gekrampft.

Ihm war, als würde er das Leben aus ihr herausdrücken. Er starrte in ihr angst- und schmerzverzerrtes Gesicht, wirkte geistig völlig weggetreten, schien nicht zu wissen, was er tat.

Doch plötzlich wurde es ihm bewusst, und er riss entsetzt die Hände zurück. Mein Gott, was hätte ich beinahe getan?, schrie es in ihm. Hugh durfte das nicht von mir verlangen. Ich heiße zwar nicht gut, was sie getan hat, aber sie ist trotz allem, und in erster Linie, meine Schwester!

Adrienne hustete, würgte, röchelte und weinte.

»Ich kann es nicht!«, keuchte Glenn Shaw. Er hob die Hände und starrte sie an, als gehörten sie ihm nicht, als wären sie fremde Wesen, mit denen er nichts zu tun haben wollte. »Ich wusste, dass ich es nicht fertig bringen würde. Verdammt, Adrienne, du hast uns ganz schön in die Scheiße geritten. Hugh hat mir befohlen, dich zu töten. Er erwartet, dass ich diesen Befehl ausführe. Wenn ich es nicht tue, bin ich genauso dran wie du. Hugh hat genug Killer an der Hand, die er auf uns ansetzen kann.«

Adrienne kroch auf allen Vieren aus dem Bad. Draußen richtete sie sich mühsam auf, torkelte zur Couch und ließ sich zitternd und schluchzend darauf fallen.

Glenn wusch sein Gesicht mit eiskaltem Wasser. Sein Herz trommelte immer noch so heftig gegen die Rippen, als wollte es ausbrechen.

Meine Güte, dachte er erschüttert. Ich hätte es beinahe getan. Es hat wirklich nicht viel gefehlt. Er setzte sich auf den Couchtisch und sah seine Schwester an.

»Bist du okay?«, fragte er nach einer Weile. Seine Stimme kam ihm fremd vor. Sie hörte sich so an, als würde jemand anders aus ihm sprechen.

Adrienne schluchzte.

»Bist du okay?«, wiederholte er seine Frage.

Ihre Antwort war wieder nur ein Schluchzen.

»Verdammt, reiß dich zusammen!«, herrschte er sie an.

»Du hättest mich beinahe ...«

»Setz dich auf!«

Sie blieb liegen.

»Hoch mit dir!«, brüllte er.

Sie gehorchte. Ihr Gesicht war überhaupt nicht mehr schön. Die Spuren seiner Misshandlung traten überdeutlich hervor.

»Du musst schnellstens von der Bildfläche verschwinden«, sagte Glenn. »Du darfst auf keinen Fall in dieser Wohnung bleiben. Sie gehört Hugh.« Damit erzählte er ihr nichts Neues. »Zieh dich um. Mach einen einigermaßen ansehnlichen Menschen aus dir. Aber beeile dich. In spätestens fünf Minuten müssen wir gehen.«

»Wohin?«

»Das überlege ich mir inzwischen.«

Sie taumelte ins Schlafzimmer.

Als sie zurückkam, hätte er sie fast nicht wiedererkannt. Sie trug eine schwarze Kurzhaarperücke, eine riesige dunkle Sonnenbrille, die ihr halbes Gesicht verdeckte, und einen hellgrauen Trenchcoat. Die Schminke schien sie mit einer breiten Spachtel zentimeterdick aufgetragen zu haben. Es war irgendwie nichts Menschliches mehr an ihr. Sie sah aus wie eine lebendig gewordene Schaufensterpuppe.

»Ich bringe dich zu Sabrina«, sagte Glenn. Sabrina Shell war ein kurzes, heftiges Intermezzo in seinem Leben gewesen, an das er sich noch immer gerne erinnerte.

»Die will doch nichts mehr von dir wissen«, sagte Adrienne.

»Das stimmt nicht.«

»Du hast sie geschlagen.«

»Mir ist die Hand ausgerutscht.«

»Also hast du sie geschlagen.«

Glenn zog die Augenbrauen zusammen. »Sie hat mich provoziert. Das weiß sie. Sie hat mich so lange geärgert, bis ich mich nicht mehr beherrschen konnte. Ich habe sie mehrmals gebeten, damit aufzuhören, aber sie hat immer, immer weitergemacht. Und dann bin ich eben explodiert. Wir haben damals erkannt, dass wir zwar gute Freunde bleiben, aber nicht miteinander leben können. Doch wenn ich in der Klemme stecke, ist sie für mich da. Und umgekehrt ist das genauso.«

Die Geschwister verließen die Wohnung.

Sabrina Shell wohnte in einem Loft in Brooklyn. Mit Blick auf das satte Grün des Commodore Barry Park. Sie war Bildhauerin. Ihre abstrakten Skulpturen fanden meist betuchte Käufer, so dass sie von ihrer Kunst recht gut leben konnte.

Obwohl sie schon fast vierzig war, hatte sie noch nicht viele Beziehungen mit Männern gehabt. Glenn Shaw war erst der zweite Mann in ihrem Leben gewesen.

Davor hatte sie es mit Frauen versucht – aber auch kein Glück gehabt. Inzwischen glaubte sie, dass sie eher zu jener Gruppe von Menschen gehörte, die geboren wurden, um allein zu leben.

Während die Geschwister zu ihr unterwegs waren, rief Glenn sie an. Sie meldete sich sofort. »Wer stört?«, wollte sie wissen.

»Hallo, Sabrina«, sagte Glenn Shaw ernst. Er redete mit ihr über die Freisprecheinrichtung.

»Glenn!« Es war ein freudiger Aufschrei. »Du untreue Seele! Wieso hast du so lange nichts von dir hören lassen?«

»Du hast immer so viel zu tun ...«

»Das stimmt. Aber zwischendurch muss ich auch mal essen, und dabei könntest du mir wenigstens hin und wieder Gesellschaft leisten.«

»Ich werde es mir merken.«

Sie versuchte ihn gleich festzunageln. »Und – wann gehst du mit mir aus?«

Er überhörte die Frage. »Sabrina, ich brauche deine Hilfe.«

»Bist du in Schwierigkeiten?«

»Ja. Leider. In sehr großen sogar. Darf ich zu dir kommen?«

»Aber natürlich. Du weißt doch, dass ich jederzeit für dich da bin. Das habe ich versprochen, und es war nicht bloß so dahergeredet.«

»Ich habe meine Schwester bei mir«, sagte Glenn.

»Ich freue mich, sie kennen zu lernen. Du hast mir immer nur von ihr erzählt.«

»Wir haben soeben Vinegar Hill erreicht«, informierte er Sabrina.

»Dann seid ihr ja in wenigen Minuten hier.«

»Ich hoffe, du nimmst es uns nicht übel, dass wir dich so überfallen. Aber es ist wirklich sehr wichtig ...«

»Mach dir keinen Kopf«, sagte die Künstlerin. »Du bist mir jederzeit willkommen. Und deine Schwester ... Wie heißt sie doch gleich?«

»Adrienne.«

»Ach ja. Und Adrienne auch.«

»Du bist ein Schatz, Sabrina.«

»Ich weiß.« Sie lachte.

Wenig später sah er sie wieder. Sie war immer schon sehr schlank gewesen. Jetzt war sie spindeldürr. Sie schien sich keine Zeit fürs Essen zu nehmen.

Die Arbeit schien ihr wichtiger zu sein. Bei starkem Wind durfte sie nicht mehr allein aus dem Haus gehen, sonst wurde sie in den East River geblasen.

Sie sah aus wie ein Schlosserjunge, trug einen blauen Overall, der in der Mitte mit einem breiten Ledergürtel zusammengeschnürt war. Ihr braunes Haar, mit ein paar brandroten Strähnchen darin, war streichholzlang.

Sie umarmte Glenn und küsste ihn auf die Wangen. Adrienne wagte sie nicht anzufassen. Die sah wie ein Roboter aus, dessen Energieversorgung erhebliche Mängel aufwies und der jeden Augenblick zusammenklappen konnte.

»Ich glaube, deine Schwester sollte sich hinlegen«, sagte Sabrina. Sie zeigte auf ein Sofa.

Glenn nickte. Er führte Adrienne zu dem Sofa und half ihr, sich darauf niederzulassen.

»Was ist passiert?«, wollte Sabrina wissen.

»Ich hätte sie beinahe erwürgt«, antwortete er.

»Was?« Die Künstlerin sah ihn entgeistert an.

Glenn erzählte Sabrina alles. Die ganze Geschichte. Er wusste, dass er ihr voll vertrauen konnte, dass kein Sterbenswörtchen von dem, was sie jetzt erfuhr, über ihre Lippen kommen würde. Sie konnte schweigen wie ein Grab.

Er sprach von dem, was seine bescheuerte Schwester getan hatte, von ihrer leichtsinnigen Untreue, berichtete von Hugh Lazars Mordbefehl und davon, dass er ihn fast ausgeführt hätte, es aber dann – dem Himmel sei Dank ― doch nicht fertig gebracht hatte.

Er beschönigte nichts, hielt sich an die schrecklichen Fakten, und Sabrina wollte danach von ihm wissen: »Wie soll es nun weitergehen, Glenn?«

Er seufzte. »Keine Ahnung. Erst mal ist mir wichtig, Adrienne in Sicherheit zu wissen.«

»Sie kann hier bleiben, so lange es nötig ist.«

»Damit ist mir schon sehr geholfen.«

»Auch du kannst dich hier verstecken«, sagte Sabrina. »Es ist Platz genug für euch beide. Dieser Hugh Lazar weiß zum Glück nichts von mir.«

»Ich möchte deine Hilfsbereitschaft trotzdem nicht über Gebühr strapazieren.«

»Wird Lazar nicht von dir wissen wollen, ob du seinen Befehl ausgeführt hast?«

»Ich werde ihn belügen, werde sagen, dass ich es getan habe, dass Adrienne tot ist.«

Sabrina schlüpfte gedanklich in die Rolle des Gangsterbosses. »Und was ist mit Adriennes Leiche?«

»Die habe ich fortgeschafft.«

»Wohin?« Sabrina stellte sich vor, dass Hugh Lazar das wissen wollte.

»Ich habe sie in einem stillgelegten U-Bahn-Tunnel mit Benzin übergossen und angezündet.«

»Was, wenn er jemanden hinschickt, um zu prüfen, dass du die Wahrheit gesagt hast?«

»Ich glaube nicht, dass er das tun wird.«

»Und wenn doch?«

Glenn legte die Hände seufzend auf sein Gesicht. »Ach, ich weiß nicht. Ich brauche Zeit. Ich muss nachdenken. Ich muss mir alles gründlich überlegen.«

»Das meine ich auch. Und am Besten tust du das hier bei mir. Dann kannst du dich auch gleich um Adrienne kümmern, und mein Kunstbetrieb bleibt weitgehend ungestört.«

Kapitel 5

Zurzeit schien nahezu jedes Verbrechen, das in New York verübt und gemeldet wurde, irgendwie mit Hugh Lazar zusammenzuhängen. Hugh Lazar, der gemeinsame Nenner vieler Missetaten.

Das wussten wir zwar schon seit langem, aber uns fehlten die Beweise, um diesen rührigen Mann dorthin zu schicken, wohin er gehörte: ins Zuchthaus.

Da wir mit Zack Lammer nicht weiterkamen, ließen wir ihn eine Weile im eigenen Saft schmoren und die Zeit für uns arbeiten. Vielleicht bequemte er sich doch irgendwann, uns mehr zu verraten als nur seinen Namen und sein Geburtsdatum.

Der Name Hugh Lazar stieß uns ein weiteres Mal sauer auf, als wir erfuhren, dass eine männliche Leiche aus der Sheepshead Bay gefischt worden war.

Bei dem Toten handelte es sich um Melvin Lawford. Er war erschlagen worden. Und er hatte zu Lebzeiten für Hugh Lazar gearbeitet.

»Lazar. Lazar. Lazar«, grummelte mein Partner. »Der Bursche wird mir immer unsympathischer.«

Ich schaute im Zentralcomputer nach, was von Lawford bekannt war. Er hatte angeblich von keiner Frau die Finger lassen können und war deshalb immer wieder in Schwierigkeiten geraten.

Einmal hatte ihn ein eifersüchtiger Ehemann niedergeschossen. Ein andermal hatte er sich von einem wütenden Gehörnten eine Kugel eingefangen.

Diesmal schien ein Betrogener es geschafft zu haben, ganze Arbeit zu leisten. Womit Lawford erschlagen worden war, würden die Gerichtsmediziner vermutlich bei der Obduktion feststellen können. Wer ihn auf dem Gewissen hatte, war im Augenblick noch ein Rätsel, vom dem zu hoffen war, dass es bald gelöst wurde.

Wir versuchten inzwischen herauszufinden, wer der zweite Mann gewesen war, den Jackie Snyder belauscht hatte. Jener Mann, mit dem sich Zack Lammer unterhalten hatte, dessen Namen er uns aber nicht verraten wollte.

Milo hatte die Idee, mal wieder die Dienste unseres besten V-Mannes Hank Hogan in Anspruch zu nehmen. Wir suchten den blonden Hünen in dessen Büro für private Ermittlungen in Süd-Manhattan, nahe der Brooklyn Bridge, auf.

Belinda Fox, seine 24-jährige Assistentin, strahlte uns mit ihren veilchenblauen Augen hocherfreut an. Sie sah mal wieder zum Anbeißen aus, und ich sagte ihr das auch.

Das Kompliment tat der sexy Blondine gut. Sie strahlte gleich noch mehr. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass zwischen ihr und Hank etwas lief. Aber handfest war mein Verdacht nicht. Ich konnte damit ebenso gut auch völlig falsch liegen.

»Ist Hank da?«, erkundigte ich mich.

»Für euch immer«, antwortete Belinda. Sie stand auf, strich ihr hübsches, dezent gemustertes Kleid an den sehenswerten Hüften glatt und führte uns dann in Hanks Allerheiligstes.

Der Privatdetektiv schien, seit wir einander das letzte Mal gesehen hatten, merklich an Muskelmasse zugelegt zu haben. Er sprengte fast sein Hemd.

Er freute sich wie Belinda, uns wiederzusehen. Mit seinem Händedruck konnte er Kokosnüsse knacken. Wir setzten uns auf die beiden Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen. Belinda kochte Kaffee für uns und ließ uns dann mit ihrem Chef allein. Da uns eine jahrelange Freundschaft mit dem muskelbepackten Hünen verband, erlaubten wir uns ein kurzes privates Gespräch, ehe wir den eigentlichen Grund unseres Besuchs erwähnten.

Als er hörte, dass Jackie Snyder tot war, zog er seine buschigen Augenbrauen zusammen und sagte: »Schade um ihn. Er war ein netter Kerl. Ich habe ihn sehr gemocht. Vor ein paar Monaten habe ich ihn mal aus der Klemme geboxt.« Er ballte die großen Hände zu großen Fäusten. »Drei Typen wollten Jackie vermöbeln. Völlig grundlos. Bloß, weil sie Langeweile hatten.« Er hob seinen rechten Hammer. »Ich hab sie ganz schnell auf andere Gedanken gebracht.«

Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie sie kurz nach Hanks Eingreifen ausgesehen, wie sie die Beine in die Hand genommen und das Weite gesucht hatten.

Ich beschrieb Zack Lammers Gesprächspartner so, wie es Elsie, die Kellnerin im »Dirty Zone«, getan hatte. Ich verwendete fast die gleichen Worte wie sie.

Hank schürzte die Lippen und dachte mit finsterer Miene nach. Nach einer Weile zuckte er mit den Achseln und meinte: »Tut mir Leid. Den Knaben kenne ich nicht. Aber wenn ihr wollt, versuche ich es für euch herauszufinden.«

Ich nickte. »Ist dir zu Ohren gekommen, dass Hugh Lazar eine größere Drogenlieferung erwartet?«

Hank schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Wir würden zu gerne wissen, woher diese Lieferung kommt«, sagte Milo.

Hank lachte. »Das glaube ich dir aufs Wort.«

»Wir wüssten auch gerne, mit wem Lazar dieses Geschäft machen wird«, sagte Milo.

»Und wann es über die Bühne gehen soll«, fügte ich hinzu.

Hank Hogan wackelte grinsend mit dem Kopf. »Ihr seid sehr neugierig.«

»Wir wären dir für jeden zweckdienlichen Hinweis sehr dankbar«, sagte ich.

Wir erzählten Hank, dass Hugh Lazar heute einen seiner Männer verloren hatte: Melvin Lawford. Es überraschte mich nicht besonders, das der Hüne das schon wusste.

Kaum jemand war besser informiert als Hank Hogan. Sonst wäre er ja auch wohl nicht unser bester V-Mann gewesen. Er bezog seine Informationen aus Quellen, die so geheim waren, dass wir nicht einmal wussten, dass sie existierten. Und obwohl wir so gut miteinander befreundet waren, wäre er niemals bereit gewesen, sie uns zu verraten, weil sie dann für immer für ihn versiegt wären. Deshalb fragten wir ihn auch nie danach.

»Wer könnte es getan haben, Hank?«, fragte ich stattdessen und trank einen Schluck Kaffee.

»Du meinst, wer Lawford erschlagen hat?«

»Ja.«

»Man munkelt, es wäre Lazar gewesen.«

»Lazar?« Ich staunte. »Er selbst? Und warum?«

»Möglicherweise hat sich Lawford an Hugh Lazars Freundin vergriffen.« Hank hob die Hände und zeigte mir die schwieligen Handflächen eines Bodybuilders. »Aber das ist bloß eine Vermutung von mir.«

»Wie heißt die Freundin?«, fragte Milo.

»Adrienne Pillsbury«, antwortete Hank.

»Adresse?«, fragte Milo.

»Lazar hat ihr ein Luxusapartment gekauft. Die Adresse weiß ich im Moment nicht.«

*

Pünktlich um 14 Uhr erschienen Nick »Doc« Cassidy und Gene Harris, wie mit dem Boss vereinbart, im »Big Steak«. Hugh Lazar war an dem Restaurant beteiligt.

Manche vermuteten, dass es ihm sogar ganz gehörte und Bobby Tucker, der Wirt, nur sein Strohmann war. Für andere wiederum war es durchaus denkbar, dass Hugh Lazar mehrere solche saubere Lokale besaß und sie zum Geldwaschen benutzte. Die ganze Wahrheit kannten nur wenige Auserwählte, und die hielten so dicht wie eine transkontinentale Pipeline.

Lazar war mit dem Essen fertig und gönnte sich einen Verdauungs-Cognac, als Cassidy und Harris zur Tür hereinkamen. Das Restaurant war gut besucht.

Cassidy ließ den Blick schweifen. Er entdeckte Lazar. Der Gangsterboss hatte einen Tisch für sich allein. Zwei kolosshafte Bodyguards standen in der Nähe und achteten darauf, dass Lazar seine Ruhe hatte.

Cassidy kannte die beiden Schwergewichte. Sie hießen Butch Crane und Norman Wigger. Ihre kahlrasierten Schädel glänzten wie Bowlingkugeln.

Sie konnten die dicksten Telefonbücher zerreißen – und die widerstandsfähigsten Knochen brechen. Lazar brauchte es von ihnen nur zu verlangen. Als sie merkten, dass Cassidy Kurs auf Lazars Tisch nahm, rückten sie zusammen und verstellten ihm den Weg.

»Hallo, Doc«, sagte Crane.

Cassidy nickte. »Butch.« Er sah Wigger an. »Wie geht's, Norm?«

Norman Wigger grinste. »Gestern ging's noch.«

»Wir möchten zum Boss«, sagte Nick Cassidy.

»Das möchten viele«, erwiderte Crane.

»Wir sind mit ihm verabredet«, sagte Cassidy.

»Davon hat er uns nichts gesagt«, bemerkte Crane. Er drehte sich zu Lazar um und sah ihn fragend an.

»Das geht in Ordnung«, sagte der Gangsterboss. »Bringt sie ins Büro. Ich komme gleich nach.«

Wigger und Crane entfernten sich mit Cassidy und Harris. In Bobby Tuckers Büro durften sich die Männer, die Hugh Lazar auf Jackie Snyder angesetzt hatte, setzen.

Zehn Minuten später erschien Lazar – mit einem Gesicht, als würde er Poker spielen. Cassidy und Harris konnten ihm nicht ansehen, wie sie mit ihm im Moment dran waren.

War er gut auf sie zu sprechen? Oder schlecht? War er ihnen wohlgesonnen? Oder hatte er eine Stinkwut auf sie? Es war nicht zu erkennen.

»Jackie Snyder – Gott sei seiner armen Seele gnädig ― steckt seinen Riechkolben in niemandes Angelegenheiten mehr«, tönte Cassidy. »Wir haben das für dich wunschgemäß schnellstens geregelt.«

Hugh Lazar nickte mit regloser Miene. Aber er rückte mit keiner Prämie heraus. Gene Harris begann sich unbehaglich zu fühlen. Was ist los mit dem Boss?, fragte er sich. Er scheint mit irgendetwas nicht zufrieden zu sein.

Harris hätte am liebsten auf die Prämie verzichtet und sich verdrückt. Aber dazu wäre sein geldgeiler Komplize bestimmt nicht zu bewegen gewesen.

Nick Cassidy stand auf. Er feixte. »Du erinnerst dich doch sicher noch daran, weshalb du uns hierher bestellt hast, Boss.«

»Wegen der Prämie.«

»Genau.«

»Keine Sorge, die bekommt ihr«, sagte Lazar. »Aber zuvor gibt es noch etwas zu klären.«

Cassidy hob eine Augenbraue. »So? Was denn?«

»Du hast sicher schon mal gehört, dass der Ton die Musik macht.«

»Ja, klar.«

»Und an ebendiesem Ton habe ich was auszusetzen.«

»Ich verstehe nicht, Boss.«

»Nicht? Dann muss ich deutlicher werden. Mir gefällt es nicht, wie du mit mir redest, Doc. Du lässt keinerlei Achtung vor meiner Person erkennen. Du behandelst mich wie deinesgleichen. Die Art, wie du die Prämie gefordert hast, ließ jeglichen Respekt vermissen.« Lazar sprach mit Cassidys Stimme weiter: »'Boss? Nick hier. Du hast uns 'ne Prämie versprochen. Ich hätte die gern heute noch. Bin im Moment ein bisschen knapp bei Kasse. Das Leben ist teuer.'« Er wechselte wieder in die eigene Stimmlage. »So spricht man nicht mit mir.«

Cassidy wurde nervös. »Aber, Boss ...«

»Nein, Nick, so spricht man nicht mit seinem Boss!«, schnitt ihm Lazar scharf das Wort ab.

Ich hab's geahnt, Arschloch!, dachte Gene Harris aufgeregt. Ich hätte die Prämie nicht verlangt. Der Boss hätte sie schon irgendwann rüberwachsen lassen. Du hast ihn mit deiner gottverdammten Geldgier verärgert. Und wenn Hugh Lazar auf jemanden sauer ist ...

Der Gangsterboss gab seinen Leibwächtern ein kurzes Zeichen. Daraufhin packten sie Nick Cassidy und hielten ihn fest. Der Doc war zwischen ihnen wie zwischen zwei riesigen Schraubstockbacken eingeklemmt.

Er bäumte sich auf. »Hey! Was soll das?«, schrie er. »Lasst mich los!«

Lazar trat vor ihn hin. Er sah ihm kalt in die Augen. »Wenn einer keine Manieren hat, muss man sie ihm einbläuen.«

Er zog sein Jackett aus und krempelte die Hemdsärmel hoch. Das ganze glich einer bedrohlichen Zeremonie. Cassidy starrte ihn ängstlich an.

Lazar begann ihn wie einen Sandsack zu bearbeiten. Gene Harris befürchtete, dass mit ihm das gleiche passieren würde. Aber eigentlich hatte der Boss keinen Grund, auch ihn zu verprügeln, denn er hatte sich ihm gegenüber noch nie despektierlich benommen.

Nachdem Lazar sich ausreichend abreagiert hatte, ließen die Bodyguards Nick Cassidy los, und er sackte röchelnd zusammen. Der Gangsterboss streifte die Hemdsärmel gelassen nach unten, zog sein Jackett wieder an und brachte seine Kleidung mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck in Ordnung.

Er blickte verächtlich auf den halb ohnmächtigen Mann hinunter und knurrte: »Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein. Sprich nie wieder in diesem Ton mit mir, verstanden? Nie wieder!« Er sah Crane und Wigger an. »Gebt ihm ein paar Minuten. Sobald er sich erholt hat, schafft ihr ihn zur Hintertür raus. Achtet darauf, dass es niemand mitkriegt.«

»Geht klar, Boss«, sagte Butch Crane.

Lazar holte ein Kuvert aus der Innentasche seines Jacketts. Er warf es Harris zu. Dieser fing es auf.

»Die Prämie«, sagte er gönnerhaft. »Tausend Bucks. Fünfhundert für jeden.«

»Danke, Boss«, sagte Gene Harris. Und er war seinem Schicksal dankbar, dass es ihn davor bewahrt hatte, ebenfalls von Hugh Lazar verdroschen zu werden.

*

Als wir Hank Hogans Büro-Apartment verließen, klingelte mein Handy.

»Da kam vorhin ein Anruf herein«, meldete Orry Medina, unser indianischstämmiger Kollege, der es liebte, viel Geld in seine topelegante Kleidung zu investieren. Ein teures Hobby. Aber – jedem Tierchen sein Pläsierchen. »Ein Mann namens Glenn Shaw wollte dich sprechen.«

Ich runzelte die Stirn. »Glenn Shaw. Glenn Shaw. Glenn Shaw ... Hat der nicht irgendwie mit Hugh Lazar zu tun?«

»Kann schon sein«, sagte Orry Medina.

»Hat er gesagt, warum er mich sprechen möchte?«

»Nein. Ich habe ihm deine Handynummer gegeben. Ich denke, er wird sich in Kürze bei dir melden.«

Ich bedankte mich für die Information. Als ich das Mobiltelefon einstecken wollte, klingelte es abermals. Ich meldete mich, und am andern Ende sagte jemand: »Mein Name ist Glenn Shaw, Agent Trevellian. Agent Medina hat mir Ihre Handynummer ...«

»Was kann ich für Sie tun, Mr Shaw?«, fiel ich ihm ins Wort.

»Ich brauche Ihre Hilfe.«

»In welcher Angelegenheit?«

»Können wir uns treffen?«

»Ich würde von ihnen zuerst gerne wissen, worum es geht?«

»Das möchte ich Ihnen lieber persönlich sagen. Nur so viel: Die ganze Geschichte hat mit Hugh Lazar zu tun.«

Damit scheuchte er mein Interesse auf wie ein Jäger die Wildente. Ich fragte ihn nach dem Treffpunkt, den er sich vorgestellt hatte.

Er nannte den Maspeth Creek. »Dort steht ein aufgelassenes Lagerhaus«, fuhr er fort. »Können Sie in einer halben Stunde da sein?«

»Kein Problem.«

»Ich möchte, dass Sie allein kommen, Agent Trevellian.«

»Warum?«

»Ich bin ein extrem misstrauischer Mensch.«

»Sie haben doch nicht etwa vor, mich für Hugh Lazar in die Falle zu locken.«

»Ich brauche wirklich ganz dringend Ihre Hilfe, Agent Trevellian. Wenn Sie nicht allein kommen, verschwinde ich, ohne dass Sie mich sehen.«

Man bekommt mit der Zeit ein Gespür für Wahres und Unwahres, für Lüge und Ehrlichkeit. Mein Gefühl sagte mir, dass dieser Mann tatsächlich in der Klemme steckte und keinen Moment daran dachte, mich in die Pfanne zu hauen. Und wenn jemand meine Hilfe brauchte, hatte ich sie ihm noch nie verweigert.

»Warum haben Sie sich ausgerechnet mich ausgesucht?«, wollte ich wissen.

»Weil es heißt, dass Sie der Beste Ihres Vereins sind«, antwortete Glenn Shaw. »Grundanständig, ehrlich, geradlinig, unbestechlich, zuverlässig. Ein Mann mit Handschlagqualität.«

Ich lachte. »Wenn ich mal in die Politik gehen sollte, mache ich Sie zu meinem Wahlkampfmanager.«

*

Nick Cassidy fühlte sich hundsmiserabel. Schmerz und Hass tobten durch seinen Körper. Butch Crane und Norman Wigger sahen ohne Mitleid zu, wie er sich langsam hochquälte, wie er zusammensackte, es noch einmal versuchte, es wieder nicht schaffte ... Sie halfen ihm nicht, auf die Beine zu kommen.

Sein übler Zustand berührte sie nicht im mindesten. Sie waren solche Situationen gewohnt. Cassidy war nicht der erste Mann, den sie festgehalten hatten, damit der Boss sich an ihm austoben konnte, ohne Gefahr zu laufen, dass der andere zurückschlug. Außerdem waren sie der Ansicht, dass Cassidy die harte Strafe durchaus verdient hatte. Der Bursche war immer schon etwas zu vorlaut gewesen. Irgendwann hatte es dazu kommen müssen.

Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, wie lange der Boss sich seinen despektierlichen Ton noch gefallen lassen würde. Vielleicht war das, was Cassidy diesmal gesagt hatte, gar nicht mal so schlimm gewesen.

Aber es war der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Von nun an würde sich Cassidy jedes Wort, das er zu Hugh Lazar sagte, gut überlegen. Wenn er das von Anfang an getan hätte, wäre ihm diese heutige schmerzliche Lektion erspart geblieben. Das war die Meinung der vierschrötigen Bodyguards, und sie wussten, dass sie damit richtig lagen.

Zähneknirschend kam Nick Cassidy auf die Beine.

»Na, Doc«, sagte Butch Crane. »Geht's wieder?«

»Leck mich am Arsch«, kam es grimmig über Cassidys schlaffe Lippen.

Crane hob sofort verärgert die Faust. »Du hast wohl noch nicht genug.«

»Lass ihn, Butch«, warf Norman Wigger beschwichtigend ein. »Ihm geht es im Moment nicht so gut. Das muss man berücksichtigen.« Er wandte sich an Cassidy. »Du darfst das Ganze nicht persönlich nehmen, Doc. Wir haben im Grunde nichts gegen dich. Aber wenn der Boss will, dass wir dich für ihn festhalten, dann tun wir das, ohne groß nachzudenken. Genau genommen sind wir nichts weiter als gehorsame Befehlsempfänger. Es ist unser Job, zu tun, was der Boss uns sagt. Hugh Lazar bezahlt uns schließlich sehr gut dafür, dass wir tun, was er möchte.«

Cassidys Gesicht war weiß wie Schweineschmalz. Er schwankte so stark, dass Gene Harris befürchtete, er würde zusammenklappen. »Möchtest du, dass ich dich stütze, Doc?«, fragte er.

Nick Cassidy schüttelte trotzig den Kopf. »Es geht schon.«

»Du siehst beschissen aus«, stellte Harris fest.

»Ich bin okay«, behauptete Cassidy, obwohl ihm alle im Raum ansahen, dass das nicht stimmte.

Er schleppte sich zur Tür. Die Bodyguards setzten sich ebenfalls in Bewegung. Zwei Elefanten, die ihn abgedrängt hätten, falls er versucht hätte, ins Lokal zurückzukehren. Schließlich wollte Hugh Lazar ihn dort nicht mehr sehen. Und wer bezahlt, für den spielt die Musik.

Aber Cassidy war nicht in der Verfassung, sich noch einmal im Restaurant blicken zu lassen. Er verschwand durch die Hintertür, wie der Boss es wollte. Butch Crane und Norman Wigger blieben zurück. Es gab keinen Grund für sie, einzugreifen.

Gene Harris folgte seinem Komplizen. Blöder Arsch, dachte er, sobald sie draußen waren, während er Nick Cassidy betrachtete. Das hätte nicht sein müssen. Deine ausgeprägte Habgier hat dir das eingebrockt. Aber ich bin sicher, du lernst nicht aus diesem Fehler. Wenn es um Moneten geht, hakt dein Verstand immer wieder aus. Weil du ein bescheuerter Raffzahn bist. Im Grunde genommen bist du ein armes Schwein. Du kannst nicht anders. Die Gier nach Schotter wurde dir in die Wiege gelegt. Wenn du Pech hast, wird dich diese Krankheit eines Tages umbringen.

»Scheiße, Doc«, sagte Harris. »Der Boss hat dich ganz schön übel zugerichtet.«

Cassidy sah seinen Komplizen an und sagte etwas, das diesem überhaupt nicht gefiel: »Das merke ich mir.«

»Wie meinst du das?«

»Dafür bringe ich ihn um!«

Harris riss die Augen auf. »Bist du verrückt?«

»Es ist mein voller Ernst, Gene.«

»Du weißt nicht, was du sagst.«

»Oh, doch, das weiß ich ganz genau. Eines Tages bringe ich diesen selbstherrlichen Bastard dafür um.«

Harris hielt sich die Ohren zu und schüttelte den Kopf. »Das hab ich nicht gehört. Was immer du Vollidiot soeben von dir gegeben hast, ich hab's nicht mitgekriegt.«

Vor seinem inneren Auge nahm ein Horror-Szenario Gestalt an: Er sah sich zum Boss gehen. Weil dieser ihn gerufen hatte.

»Ja, Boss, was gibt's?«, hörte er sich fragen.

»Ich weiß, was dein dämlicher Freund zu dir gesagt hat.«

»Ich verstehe nicht, Boss.«

»Er hat gesagt, dass er mich eines Tages umbringen wird.«

»Ach, Boss, das hat er nicht so gemeint. Er war wütend. Und er hatte große Schmerzen. Sein Geist war verwirrt. Er würde niemals etwas gegen dich unternehmen. Er weiß, dass man die Hand, die einen füttert, nicht beißt.«

»Er ist ein habgieriger, verrückter Hund. Dem ist alles zuzutrauen.«

»Vieles. Ja. Aber nicht alles.«

»Leg ihn um, Gene.«

»Aber Boss ...«

»Entweder tust du, was ich sage, oder ihr seid beide dran.«

Das ging Gene Harris durch den Sinn, während er langsam die Hände von den Ohren nahm. Er starrte seinen Komplizen an, als hätte er von Hugh Lazar tatsächlich schon den Mordbefehl erhalten, und er wusste echt nicht, ob er es tun würde oder nicht. Vermutlich ja. Aber sehr schweren Herzens. Weil es nicht so einfach ist, einen Freund zu erledigen.

*

Milo sah aus wie der Besitzer einer großen Sodbrennerei. »Das gefällt mir nicht, Jesse«, sagte er mit saurer Miene. »Warum will er, dass du allein in dieses Lagerhaus kommst?«

»Weil er ein extrem misstrauischer Mensch ist.«

»Hat er gesagt.«

Ich nickte. »Das hat er gesagt.«

»Aber entspricht es auch der Wahrheit?«

»Das wird sich herausstellen.«

»Du willst tatsächlich allein ...«

»Sonst verschwindet er«, fiel ich meinem Partner ins Wort.

»Zu Zack Lammer bist du auch allein gegangen – und hast eins auf die Birne gekriegt.«

Ich feixte. »So etwas passiert mir nicht zweimal am selben Tag.«

Milo bestand darauf, dass ich ihn bis zum Ende der Maspeth Avenue mitnahm. »Wenn ich dich da allein lasse, kann ich das vor meinem Gewissen gerade noch verantworten«, sagte er und ich stimmte zu.

Wir stiegen in meinen Sportwagen und fuhren los.

Polizeisirenen heulten uns entgegen. Zwei Streifenwagen schossen gleich darauf an uns vorbei. Irgendwo wurden mal wieder ganz dringend ein paar Cops gebraucht.

»Ohne Polizei wäre New York aufgeschmissen«, sagte Milo.

Ich widersprach ihm nicht. Irgendjemand musste sich gegen Hugh Lazar und seinesgleichen stellen, sonst vermehrten sie sich schneller als die Kakerlaken in einer billigen Hafen-Absteige.

Wir erreichten West Maspeth. Von hier bis zum Creek konnte ein gesundes Lama schon mühelos spucken.

Ich verließ die 56th Road. Kurz darauf stoppte ich meinen Sportwagen und sagte: »Jetzt aber raus!«

Milo öffnete die Tür. Er zeigte mir sein Handy. »Sollte dir irgendetwas nicht koscher vorkommen, rufst du mich unverzüglich an, verstanden?«

Ich nickte. »Geht klar, Kumpel.«

»Pass auf dich auf.«

»Hey, ich bin schon seit einigen Monaten erwachsen.«

»Davon hat man heute Morgen aber nichts gemerkt.«

»Wirst du endlich aufhören, darauf herumzureiten? Oder soll ich mich an all die Male erinnern, wo du nicht so besonders gut ausgesehen hast?«

Milo stieg aus. Er zeigte mir noch mal sein Handy. »Lass es nach dem Gespräch mit Shaw bei mir klingeln.«

»Ich werde daran denken«, versprach ich.

Milo drückte die Tür zu. Ich fuhr weiter.

Das Lagerhaus war ein Schandfleck für die Gegend. Ein Eldorado für Tauben, Katzen, Ratten, Mäuse und noch so einiges mehr. Alles, was aus Eisen war, war eine Beute des Rosts geworden. Das Flachdach war an mehreren Stellen eingebrochen.

Wann mochte dieser rechteckige Zweckbau seine Glanzzeit gehabt haben? Kurz nachdem uns die Franzosen die Freiheitsstatue geschenkt hatten? So um 1886 herum?

Warum war das Lagerhaus noch nicht weggeräumt worden, wo die Bauplätze in New York doch so rar waren? Wer hielt über dieses Monstrum aus Eisen und Beton seine schützende Hand? Und warum?

Ich ließ meinen Sportwagen davor stehen und ging auf das Gebäude zu. Ich spielte dabei mit dem Gedanken, meine SIG Sauer zu ziehen. Ich ließ sie dann aber zwar stecken, öffnete aber den Knopf meines Jacketts, um leichter an die Waffe heranzukommen, falls es nötig sein sollte.

Ein Schwarm winziger schwarzer Mücken tanzte vor meinem Gesicht, als ich das offene Tor erreichte.

Ich verscheuchte sie mit wedelnder Hand und warf einen misstrauischen Blick in das Gebäude.

Stille. Niemand da. Außer den bereits erwähnten Untermietern. Nahm ich jedenfalls an.

Hatte sich Glenn Shaw verspätet? Oder war er da, zeigte sich aber nicht, beobachtete mich nur?

Ich trat ein, bemühte mich nicht, leise zu sein. Shaw durfte durchaus hören, dass ich eingetroffen war. Berge von Schutt türmten sich im Lagerhaus.

Und alles, was man in der Nachbarschaft nicht mehr gebrauchen konnte, schien ebenfalls hier gelandet zu sein. Ein zerschlissener Ohrensessel. Ein halber Staubsauger. Eine gebrochene Baby-Badewanne. Ein öliger Zylinderkopf. Ein ausgebrannter Fernsehapparat ... Zu viel heiße Programme geguckt, ging es mir beim Anblick des rußigen Geräts durch den Sinn.

Ich ging bis zur Hallenmitte.

Plötzlich alarmierte mich ein Geräusch. Hinter mir!

Ich griff gedankenschnell nach meiner Dienstwaffe, riss sie aus dem Halfter und fuhr herum.

*

Adrienne Pillsbury trank mit Sabrina Shell grünen Tee. Im Hintergrund lief ein Transistorradio. Musik. Dazwischen versprühte ein Moderator seine seichten Scherzchen, weil es sein Job war, gute Laune zu verbreiten. Er wurde seiner Aufgabe mehr schlecht als recht gerecht.

Adrienne hatte sich zwei Skulpturen angesehen, an denen die Künstlerin gerade gleichzeitig arbeitete und gestand ihr, dass sie nicht wüsste, wie sie sie beurteilen solle.

Sie waren nach ihrem eigenen ungeschulten Kunstverständnis weder schön, noch nichtssagend. Adrienne fand sie schlichtweg abgrundtief hässlich und stotterte deshalb verlegen herum.

Sabrina schmunzelte. »Du kannst mir ruhig sagen, dass dir die Skulpturen nicht gefallen, dass sie Scheiße sind. Ich bin deswegen nicht beleidigt. Mir gefallen sie ja selbst nicht.«

Adrienne staunte. »Sie gefallen nicht einmal dir? Warum machst du dann so etwas Grässliches?«

»Es sind Auftragsarbeiten«, erklärte Sabrina. »Ein schwerreicher Verleger erotischer Magazine hat sie bestellt. Der Mann gibt offen zu, dass er einen perversen Geschmack hat, und je widerlicher diese Skulpturen ausfallen, desto mehr Geld bezahlt er mir dafür. Also lasse ich meiner abartigsten Fantasie freien Lauf, und er bekommt, was er haben möchte.«

»Wo will er diese Dinger denn aufstellen? Auf dem Klo? Damit er's etwas leichter hat?«

Sabrina lachte und schüttelte den Kopf. »In seinem Schlafzimmer.«

»Er wird davon Albträume kriegen.«

Sabrina zuckte mit den Achseln. »Sein Problem.«

Aus Adriennes Gesicht wich mit einem Mal die ganze Farbe. Als hätte man ihr von einem Moment zum andern alles Blut aus den Adern gepumpt. Ihre Augen weiteten sich und füllten sich mit Tränen.

Sabrina erschrak. »Um Himmels Willen, Adrienne, was ist mit dir?«

»Hast du's nicht gehört?«

»Was denn?«

»Es kam eben in den Nachrichten.«

»Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Eine männliche Leiche wurde aus der Sheepshead Bay gefischt«, sagte Adrienne mit zitternder Stimme. »Der Name des Toten ist Melvin Lawford.«

Sie sprang auf und lief verstört hin und her. Große, glitzernde Tränen kullerten über ihre Wangen. Angst, Panik und Entsetzen ließen ihr Gesicht unkontrolliert zucken.

»Hugh hat ihn umgebracht. Ich bin ganz sicher, dass es Hugh getan hat. Und zwar persönlich. Diesen Mord hat er nicht in Auftrag gegeben. Nein, den hat er eigenhändig verübt. Er musste den Rivalen selbst erledigen. Diesen Triumph brauchte er, um sein ach so strahlendes männliches Ego, das wir beleidigt hatten, wieder zu stärken.«

Sie ballte die Hände zu Fäusten und stieß sie in Richtung Decke.

»Oh, ich hasse diese eiskalte, grausame Kreatur. Herrgott, was haben wir denn schon getan? Zwei Menschen haben aneinander Gefallen gefunden und miteinander eine Nacht verbracht. Eine einzige Nacht bloß. Ist das denn ein so schreckliches Verbrechen? Rechtfertigt das denn gleich einen Mord?« Sie schluchzte laut auf.

»Setz dich!«, verlangte Sabrina Shell.

»Wenn ich ein Mann wäre ...«

»Setz dich und beruhige dich, Adrienne!« Die Künstlerin stand auf und legte die Arme um Adrienne Pillsburys Schultern.

»Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mir eine Kanone besorgen ...«

»Und Hugh Lazar fertigmachen?«, fragte Sabrina.

»Genau das!«, stieß Adrienne hasserfüllt hervor.

»Und dafür lebenslänglich ins Zuchthaus gehen?«, sagte die Bildhauerin nüchtern. »Nein, Adrienne, glaube mir, das wäre keine gute Lösung. Es gibt eine bessere Möglichkeit, Melvins Tod zu rächen. Dein Bruder ist gerade dabei, das für euch einzufädeln.«

*

Milo blieb nicht, wo er war. Sobald der Sportwagen nicht mehr zu sehen war, setzte er sich in Bewegung, und sein Ziel war der Maspeth Creek.

Er wollte in der Nähe sein, wenn die Dinge nicht so liefen, wie sie sollten.

Es gab immer wieder Situationen, in denen selbst der bestgeschulte G-man nicht ohne Hilfe auskam.

Als Milo die Fahrbahn überqueren wollte, schoss ein schäbiger blauer Pick-up heran und wäre ihm beinahe über die Zehen gefahren.

Er sprang geistesgegenwärtig zurück, rief dem klapperigen Wagen etwas Unfreundliches nach – das musste einfach sein ― und fand es bedauerlich, dass es der Fahrer, der seine Driver Licence offenbar einem Zufallsgenerator verdankte, nicht hören konnte.

Sein zweiter Versuch, die gegenüberliegende Straßenseite zu erreichen, ging dann glatt, und wenig später kam das alte Lagerhaus in Sicht, das Glenn Shaw als Treffpunkt vorgeschlagen hatte.

Der Sportwagen, der davor stand, passte hier hin wie die berühmte Faust aufs Auge.

Sprach Jesse bereits mit Shaw? Oder hatte der Ganove ihn aus einem anderen Grund hierher bestellt oder gelockt? Milo suchte nach einer Möglichkeit, einen Blick in das Lagerhaus zu werfen, ohne selbst gesehen zu werden.

Er schlich um das Gebäude herum. In einer düsteren Sackgasse stand ein alter Chevrolet, dem allem Anschein nach im allerletzten Augenblick die Flucht aus der Schrottpresse gelungen war. Eingeschlagene Scheinwerfer. Zertrümmerte Windschutzscheibe. Der linke Kotflügel fehlte. Sprayer-Schweinereien – mit Rechtschreibfehlern ― auf der Motorhaube.

Milo bezweifelte, dass man mit diesem Vehikel noch fahren konnte. Er ging weiter und entdeckte eine rostige Leiter, die zum Dach des Lagerhauses hinaufführte.

Widerstrebend griff er die dreckstarrenden Sprossen an und begann zu klettern.

Kapitel 6

Da man im Lokal nicht rauchen durfte, hockte Otis Miller davor auf einer ächzenden Holzkiste und qualmte – zahnlos und gedankenverloren ― vor sich hin.

»Rauchen tötet«, sprach ihn jemand an.

Er hob nicht einmal den Kopf, um zu sehen, wer es war. Achselzuckend erwiderte er: »Ach, Mann, piss die Wand an. Mein Großvater war Kettenraucher und wurde sechsundneunzig Jahre alt. Meine Mutter hat nie geraucht und starb mit fünfunddreißig Jahren am großen K. ― Lungenkrebs.«

»Wie geht es dir, mein Freund?«, fragte der blonde Hüne von hoch oben auf den Sitzenden hinunter.

Über Otis Millers zerklüftetes Gesicht legte sich ein pfiffiges Lächeln, als er merkte, mit wem er sprach. Obwohl er keine Zähne mehr hatte, konnte er selbst die härtesten Steaks noch mühelos verdrücken. »Die Füße sind nicht mehr das was sie mal waren, Hank, aber leg mir eine Zwanzigjährige ins Bett, und ich stehe noch immer meinen Mann.«

»Wie alt bist du jetzt eigentlich?«, erkundigte sich Hank Hogan.

»Neunundsiebzig.«

»Ich hätte dich auf achtundsiebzigeinhalb geschätzt.«

Otis Miller lachte. »Da sieht man, was ein solider Lebenswandel ausmacht.« Er fing an zu husten. Es hörte sich an, als würde gleich die halbe Lunge hochkommen. »Was führt dich in unsere gottverlassene Gegend, Hank?«, wollte er wissen, sobald der Hustenreiz nachgelassen hatte.

»Du«, antwortete der Privatdetektiv wahrheitsgemäß. Hank war V-Mann des FBI. Und Otis war sein V-Mann. Von ihm bezog er zumeist die besten Informationen.

»Was verschafft mir die Ehre?«, erkundigte sich Otis Miller. Er zog noch einmal an der Zigarette. Dann schnippte er sie in die Gosse und stand auf, weil er fand, dass es sich nicht gehörte, zu sitzen, während Hank Hogan, der ihn um einen Kopf überragte, stand.

»Du kennst Zack Lammer«, sagte der Privatdetektiv.

Otis Miller verzog das Gesicht, als hätte er versehentlich in einen Pferdeapfel gebissen. »Das Arschgesicht mit der eingeschlagenen Nase. Ich kann nicht sagen, wie oft ich mir schon gewünscht habe, ich wäre derjenige gewesen, der ihm den Riechkolben plattgeklopft hat.«

»Warum magst du ihn eigentlich nicht?«

Otis sah den großen Muskelmann erstaunt an. »Kennst du die Geschichte etwa nicht? Habe ich sie dir noch nie erzählt?«

»Jedenfalls kann ich mich nicht an sie erinnern.«

»Da war ein Mädchen. Ihr Name war Rosanna Martinez. Der Kerl, für den sie schwarz arbeitete, war ständig hinter ihr her, obwohl er verheiratet war und sieben Kinder hatte. Sie hatte Ärger mit der Einwanderungsbehörde und Kummer mit ihrem Freund, der sie immerzu betrog. Irgendwann hoffte sie, ihr armseliges Schicksal mit Drogen besser meistern zu können. Sie holte sich das Dreckszeug, das Zack Lammer damals gerade billig verschleuderte – und starb daran. Bei mir. In meiner Wohnung. In meinen Armen. Ich habe sie halb tot vor dem Haus liegend, in dem ich wohne, gefunden, konnte aber leider nichts mehr für sie tun. Ihr Ende war qualvoll. Sie hat entsetzlich gelitten. Und niemand sperrte Zack Lammer dafür ein. Der Bastard läuft immer noch frei herum und macht nach wie vor mit Drogen Kohle.«

Hank Hogan schüttelte den Kopf und teilte dem Zahnlosen mit, dass die G-men Trevellian und Tucker, mit denen er befreundet war, Zack Lammer aus dem Verkehr gezogen hatten. Otis Miller hätte beinahe einen Freudentanz aufgeführt, als er das hörte. Hank erwähnte das Gespräch, das Jackie Snyder im »Dirty Zone« mitbekommen hatte. Er sagte dem Zahnlosen auch, dass Snyder danach von Hugh Lazars Männern gejagt und erschossen worden war.

»Mit wem könnte sich Zack Lammer unterhalten haben?«, fragte der Detektiv. Er beschrieb den Mann so, wie es Jesse getan und wie dieser es von der Kellnerin Elsie gehört hatte.

Und Otis Miller sagte sofort mit blubbernden Lippen: »Jonathan Tandy. Ich schätze, er war Zack Lammers Gesprächspartner. Die Beschreibung passt auf ihn, und er verfügt über Connections zu Drogenbossen wie Lazar.«

*

Hugh Lazar strampelte einige Kilometer auf dem Hometrainer herunter. Anschließend setzte er sich in die Sauna, um noch mehr Schweiß abzusondern, und schwamm zum Abschluss ein paar Längen in seinem Innen-Pool.

Danach war er davon überzeugt, genug für seine Fitness getan zu haben. Als er den kristallklaren Fluten entstieg, erschienen die Bowlingkugeln Crane und Wigger.

Butch Crane half dem Boss in seinen blütenweißen Bademantel. So weiß war Lazars Seele nur während der ersten Lebensmonate gewesen. Denn sobald er auf eigenen Beinen stehen konnte, hatte er schon Schnuller, Babyrasseln, Bonbons und Spielzeug geklaut. Lazar nahm sich einen Drink.

Er fand, dass er sich den nach Hometrainer, Sauna und Pool verdient hatte. Zuerst ließ er zwei dicke Eiswürfel ins Glas klimpern und dann schüttete er reichlich Scotch darüber. Nachdem er einen Schluck getrunken hatte, ließ er seinen Blick zwischen den beiden vierschrötigen Leibwächtern hin und her pendeln. »Nun«, sagte er. »Was habt ihr mir zu berichten.«

»Genaugenommen nichts, Boss«, antwortete Norman Wigger.

»Was heißt nichts?«, fuhr Lazar ihn an.

Wigger hob die breiten Schultern und machte ein Gesicht, als hätte er die Frage seines Bosses nicht verstanden.

»Wart ihr bei Adrienne?«, fragte Lazar.

»Ja, Boss«, antwortete Wigger.

»Und?«

»Sie war nicht da«, sagte Wigger.

»Weder tot noch lebendig«, fügte Crane hinzu.

»Spuren eines Kampfes oder so?«, wollte Lazar wissen.

Wigger schüttelte den Kopf. »Nein, Boss.«

»Und Glenn?«

»Unauffindbar, Boss«, sagte Wigger. »Die beiden scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben.«

»Das gibt's doch nicht. Ihr könnt nicht gründlich genug nach ihnen gesucht haben.«

Jetzt sahen Wigger und Crane beleidigt drein. Wie konnte ihnen der Boss so etwas unterstellen?

»Wir haben mit einer Menge Leute geredet, Boss«, sagte Wigger gekränkt.

»Mit fast allen, die Adrienne und Glenn kennen«, sagte Crane. Er schupfte seine Schultern hoch und ließ sie wieder fallen. »Niemand konnte uns helfen.«

»Nur der schmale Hugo hat Glenn in der Nähe von Adriennes Apartment gesehen. Glaubt er jedenfalls. Aber was kann man mit dieser Aussage schon anfangen?«

Hugh Lazars Augen funkelten grimmig. »Verdammt, der Junge hat Mist gebaut. Er hätte Adrienne erledigen sollen. Das hat er aber allem Anschein nach nicht getan. Stattdessen ist er mit seiner mannstollen Schwester untergetaucht.«

»Er wird wieder zum Vorschein kommen, Boss«, sagte Norman Wigger zuversichtlich.

»Er muss wieder zum Vorschein kommen«, sagte Butch Crane überzeugt. »Er kann nicht für immer und ewig verschwunden bleiben. Niemand schafft so was auf Dauer. Halb New York weiß, dass wir ihn suchen. Sobald er auch nur seine Nasenspitze sehen lässt, erfahren wir es, und dann schnappen wir ihn uns. Es ist bloß eine Frage der Zeit, bis wir ihn haben.«

Lazar trank einen Schluck. Die Eiswürfel klingelten in seinem Glas. »Ja, und genau die haben wir nicht. Ihr wisst, warum. Geht! Geht und sucht Glenn noch mal. Ihn und dieses sexgeile Luder. Es ist mir egal, wie ihr es anstellt. Ich will nur eines: Dass Glenn Shaw und Adrienne Pillsbury so schnell wie möglich unter die Erde kommen, damit sie keinen Schaden anrichten können. Sie wissen zuviel. Und das ist verdammt schlecht für das Geschäft, das ich vorhabe.«

*

Ich hatte meine SIG Sauer mit einer fließenden Bewegung aus dem Leder gezogen und war mit der Schnelligkeit eines tanzenden Derwischs herumgewirbelt.

Die schwere 16-schüssige Pistole machte die Drehung schwungvoll mit und richtete sich auf einen Mann, der seine besten Jahre bereits weit hinter sich hatte.

Er hatte ein graues Raubvogelgesicht und stechende Augen, die die Größe von Radzierkappen erreichten, als er meiner Kanone ansichtig wurde.

»Aaah!«, schrie er entsetzt auf. Und gleich noch einmal: »Aaah!« Gleichzeitig flogen seine Hände hoch, als wollte er am helllichten Tag nach den Sternen greifen. »Nicht schießen! Nicht schießen! Ich bin unbewaffnet! Ich bin unbewaffnet!«

Gab er deshalb immer alles doppelt von sich, weil er mich für begriffsstützig hielt?

»Wieso schleichst du dich hinterrücks an mich heran, Freundchen?«, fragte ich ihn schneidend.

»Ich wollte Ihnen nichts tun, nichts tun, Sir. Ganz bestimmt nicht. Wirklich nicht. Ich tue niemandem was. Niemandem. Ich habe hier bloß gelegen und geschlafen. Einfach geschlafen. Sie haben mich geweckt. Geweckt.«

Seine Schlafstelle bestand aus mehreren flachgedrückten Kartons und einigen Holzkisten, die als Sichtschutz dienten. Deshalb hatte ich ihn nicht gleich bemerkt.

»Hast du kein Zuhause?«, fragte ich ihn. Meine SIG war noch immer auf ihn gerichtet, und seine Hände stützten noch immer den Himmel, dessen tristes Grau durch das defekte Dach leuchtete.

»Nicht mehr. Nicht mehr, seit mich meine Alte – der Teufel soll sie holen ― rausgeschmissen hat. Weiber ... Der Teufel soll sie holen. Ja, dass soll er sie. Sie sind alle gleich. Ich habe meiner Frau jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Jeden. Auf Händen habe ich sie getragen. Auf Händen. Zum Idioten habe ich mich für sie gemacht. So richtig zum Hanswurst. Als ich krank wurde und meinen Job verlor – einen sehr guten Job, ich war Kellner in einem Schickimicki-Restaurant, direkt im Herzen von Manhattan, habe sehr gut verdient ―, wollte sie nichts mehr von mir wissen. Jetzt nutzt das Biest einen anderen Blödmann aus – er besitzt eine große Autoreparaturwerkstatt in Queens ―, und ich sitze auf der Straße. Auf der Straße.«

Ich steckte die SIG weg und forderte ihn auf, die Hände runterzunehmen. Er tat es zaghaft, schien vor mir Angst zu haben.

»Wie ist dein Name?«, wollte ich wissen.

»Bode Farrell, Sir. Farrell. Mit zwei r und zwei l. Und Bode. Nach meinem Großvater. Der hieß auch Bode. Aber nicht Farrell, sondern King. Bode King. So hieß mein Großvater mütterlicherseits. Ein Schlitzohr durch und durch. Er hatte mal ...«

Ich wollte diese Geschichte nicht hören, deshalb fiel ich ihm ins Wort: »Hast du hier jemanden gesehen, Bode?«

»Nein, Sir. Ich habe niemanden gesehen. Niemanden. Wie auch? Wenn man schläft, hat man für gewöhnlich die Augen zu. Allerdings kannte ich mal einen, der konnte mit offenen Augen ...«

Ich war auch an dieser Geschichte nicht interessiert, deshalb fragte ich: »Hältst du dich oft hier auf?«

»Was verstehen Sie unter oft?«

»Mehr als einmal in der Woche.«

»Suchen Sie jemanden?«

Über uns tauchte plötzlich Milo auf. Er blickte durch ein großes Loch im Dach zu uns herunter. Als Bode Farrell ihn sah, fühlte er sich gleich noch viel unbehaglicher.

Schließlich wusste er nicht, wer wir waren. Ich verriet es ihm und erwähnte Glenn Shaw, der mich hierher bestellt hatte, sich aber nun nicht blicken ließ. Milo fand eine Möglichkeit, zu uns herunterzuklettern.

Mit dieser akrobatischen Glanzleistung hätte er in jedem Zirkus auftreten können. Er sah den Stadtstreicher an und fragte mich: »Wer ist das, Jesse?«

»Bode Farrell. Bode ... nach seinem Großvater.«

»Mütterlicherseits«, warf Bode Farrell ein. »Mütterlicherseits. Nach Bode King.« Er richtete seinen stechenden Blick auf mich.

Vielleicht hat sich seine Frau von ihm getrennt, weil sie Angst vor diesem Blick hatte, ging es mir durch den Sinn.

»Mr King war ein Schlitzohr«, informierte ich meinen Partner.

»Ja.« Bode Farrell nickte bestätigend. »Ja, das stimmt. Sein größter Coup war ...«

Ich ließ ihn wieder nicht weiterreden, fragte ihn stattdessen nach Glenn Shaw, aber in dieser Hinsicht war er so ergiebig wie ein ausgetrockneter Wüstenbrunnen.

*

Da Jonathan Tandy nicht zuhause war, kehrte Hank Hogan zu seinem Wagen zurück, stieg wieder ein, fuhr aber nicht los, sondern wartete. Um sich die Wartezeit zu verkürzen, legte er eine CD mit Cole-Porter-Kompositionen ein.

Es war ein Mix aus dem Musical »Kiss Me Kate« und dem Film »McKee Society« mit dem unvergesslichen Louis Armstrong, mit Frank Sinatra, Bing Crosby und Grace Kelly. Während Bing und Grace »True Love« sangen, kam Tandy heim.

Er verschwand in dem Haus, in dem er wohnte, und Hank Hogan folgte ihm unverzüglich. Grace und Bing mussten ein andermal weitersingen.

Hank betrat das Haus. Im nächsten Moment rammte ihm jemand etwas Hartes in den Rücken und schnarrte: »Keine Bewegung! Sonst schieße ich dir einen Wirbel aus der Säule.«

»Bist ein verdammt wachsames Kerlchen«, musste der Hüne zugeben.

»Ich habe meine Augen immer überall. Das macht es mir etwas leichter, in diesem gefährlichen Dschungel zu überleben, verstehst du? Ein Wagen vor meinem Haus. Mit einem wartenden Mann darin. Das fällt auf. Und lässt bei mir die Alarmglocken klingeln.« Tandy tastete Hank ab. Er fand dessen Smith-&-Wesson-Revolver und die Detektivlizenz. »Ein Private Eye«, sagte er mit satter Verachtung. »Nicht mal ein richtiger Bulle. Bloß ein dreckiger Schnüffler.«

»Kannst du nicht ein bisschen netter zu mir sein?«

»Ich bin nie nett«, knurrte Jonathan Tandy. »Zu niemandem. Nicht einmal zu mir selbst.«

»Daran liegt es wohl, dass die Menschen so schlecht miteinander auskommen. Es gibt offenbar – was ich sehr bedauerlich finde ― zu viele von deiner Sorte.«

»Was willst du von mir, Hogan?«, schnappte Tandy. »Weshalb interessierst du dich für mich?«

»Darf ich mich umdrehen?«

»Nein.«

»Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, sehe ich ihm gerne in die Augen.«

»Wir unterhalten uns nicht. Ich stelle dir Fragen, und du beantwortest sie. Wer hat dich engagiert?«

»Niemand«, sagte Hank Hogan.

Jonathan Tandy lachte. »Oberstes Gebot: Ein Schnüffler gibt niemals den Namen der Person preis, für die er arbeitet. Stimmt's?«

»Ich habe zwei Freunden versprochen, ihnen zu helfen.«

»Was sind das für Freunde?«

»Es sind G-men«, sagte Hank Hogan.

»Du willst mich wohl auf den Arm nehmen.« Tandy verstärkte den Druck seiner Waffe.

»Ganz und gar nicht«, widersprach Hank Hogan. »Ich sage die Wahrheit. Du hast dich heute Morgen im 'Dirty Zone' mit Zack Lammer unterhalten. Jackie Snyder hat euch belauscht. Ihr habt es bemerkt und Hugh Lazar informiert, und der hat zwei Typen losgeschickt, die verhindern sollten, dass Snyder das Gehörte weitergeben konnte. Snyder ist jetzt tot, und die G-men wollen begreiflicherweise wissen, worüber ihr geredet habt. Welches Thema ist so brisant, dass ein Mensch deswegen sein Leben lassen muss?«

»Glaubst du im Ernst, das verrate ich dir?«

»Das FBI will es wissen.«

»Ich scheiße auf die Armleuchter von der Federal Plaza. Die sind mir so was von schnurzpiepegal. Aus mir kriegen die nicht mal einen Furz raus. Und du auch nicht.«

»Kann es sein, dass ihr euch darüber unterhalten habt, dass Hugh Lazar demnächst eine große Drogenlieferung erwartet?«

Da war eine ganz kurze – verräterische ― Pause. Man hätte sie fast überhören können. Hank aber fiel sie auf wie ein rot leuchtendes Rufzeichen in einer Spalte seines Terminkalenders.

Zack Lammer und Jonathan Tandy hatten über Hugh Lazars bislang größtes geplantes Geschäft gesprochen, und Jackie Snyder musste sterben, weil er es mitbekommen hatte.

Ich werde dich dazu bringen, mir zu erzählen, was du weißt, dachte Hank Hogan.

Er hoffte, dass Tandys Aufmerksamkeit etwas nachgelassen hatte, wirbelte herum, schlug die Waffe des Gangsters zur Seite und versetzte ihm einen kräftigen Stoß gegen die Brust.

Tandy landete ächzend an der Wand.

Doch ehe Hank aus der veränderten Situation Kapital schlagen konnte, passierte etwas Unerwartetes.

Kapitel 7

Wir ließen Bode Farrell – dessen Großvater mütterlicherseits ein Schlitzohr gewesen war – in der Lagerhalle zurück und traten durch das Tor ins Freie.

»Warum ist Glenn Shaw nicht gekommen?«, fragte Milo frustriert. »Aus welchem Grund hat er dich versetzt?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Vielleicht wurde er auf dem Weg hierher von Lazars Leuten abgefangen.«

»Und was nun?«

Ich schürzte die Lippen. »Wir werden warten, bis er sich wieder meldet.«

Und das tat Glenn Shaw bereits im nächsten Augenblick. Ich blieb neben meinem Sportwagen stehen und hob mein Handy ans Ohr. Am andern Ende war ein aufgebrachter Mann.

»Scheiße, G-man. Sie haben es versaut.«

»Shaw?«, fragte ich, obwohl ich ziemlich sicher war, dass er es war.

»Verflucht noch mal, warum haben Sie sich nicht an die Abmachung gehalten?«, wetterte Shaw. »Ich habe ausdrücklich verlangt, dass Sie allein kommen.«

»Weil Sie ein extrem misstrauischer Mensch sind.«

»So ist es. Verdammt, machen Sie sich nicht über mich lustig, Agent Trevellian.«

»Tu ich das?«

»Ja. Denken Sie ich höre das nicht an Ihrem frotzelnden Ton? Warum sind Sie nicht allein gekommen?«

»Ich war allein im Lagerhaus«, sagte ich.

»Aber Ihr Partner war ihnen fast so nah wie Ihr Schatten. Ich habe ihn gesehen.«

Ich atmete hörbar aus. »Hören Sie, Shaw. Warum lassen Sie dieses kindische Verstecken spielen nicht sein? Warum kommen Sie nicht einfach zu uns ins Büro, wenn Sie so dringend FBI-Hilfe brauchen?«

»Entweder die Sache läuft nach meinen Regeln oder überhaupt nicht«, sagte Glenn Shaw barsch. Es war ihm anzuhören, dass es ihm damit sehr ernst war.

»Na schön«, gab ich nach. Es ging immerhin um Hugh Lazar.

»Ich gebe Ihnen eine zweite Chance, Agent Trevellian«, sagte Shaw. »Eine dritte gibt es nicht. Ich nehme an, Sie sind noch beim Lagerhaus.«

»Das ist richtig.«

»Dann fahren Sie jetzt zum Maurice Park. Allein! Es ist nicht weit.«

»Sind Sie im Park?«

»Nein. Ich bin in dem Shopping Center gegenüber. Trinken Sie im 'Café Isola' einen Cappuccino. Sobald ich sicher sein kann, dass Sie mich nicht noch mal zu linken versuchen, werde ich mich an Ihren Tisch setzen.« Damit beendete Glenn Shaw das Gespräch.

Ich informierte meinen Partner. Er ließ davon ab, weiterhin Schutzengel zu spielen und sagte, er würde sich ein Taxi nehmen und in unserem Büro auf mich warten.

Er zeigte mit ausgestrecktem Finger auf mich und brummte: »Mach keinen Fehler, Kumpel.«

Ich schüttelte den Kopf und versprach, in Kürze von mir hören zu lassen. Dann stieg ich in meinen Sportwagen und fuhr los. Im Maurice Park spielten Kinder Football, Basketball und Baseball. Alte Männer spielten Karten oder Schach. In das Einkaufszentrum strömten Menschen hinein und heraus.

Ich schloss mich denen an, die hineingingen. Eine große Drehtür schaufelte uns ins Shopping Center, während sie gleichzeitig auf der anderen Seite jene hinausbeförderte, die nach Hause wollten. Rechterhand war eine chemische Reinigung. Dann kam ein Frisör. Ein Blumenladen. Reisebüro. Juwelier. Drugstore ... Ich machte den Hals lang und hielt nach dem »Café Isola« Ausschau. Es war nicht zu übersehen, war eine friedliche grüne Insel, umsäumt von künstlichen Farnen, Blumen und Palmen, inmitten einer Brandung von Einkaufswütigen, die sich vorgenommen zu haben schienen, all das aus den Geschäften zu holen, was sie im Grunde genommen weder heute, noch sonst wann brauchten.

Das Lokal war voll besetzt. Aber ich hatte Glück. Zwei Frauen mittleren Alters rafften die Beute, die sie gemacht hatten und deretwegen sie vermutlich so glücklich und zufrieden aussahen, zusammen, standen auf und verließen vollbeladen das »Isola«. Ihr Tisch gehörte schneller mir, als ihn jemand anders besetzen konnte, obwohl er noch nicht abgeräumt war.

Teller mit Kuchen- und Tortenresten, Kaffeetassen und Milchkännchen standen in chaotischer Eintracht vor mir. Dazwischen ein dicker Sahneklecks. Eine Idylle, die jedem surrealistisch veranlagten Künstler gefallen hätte. Die Kellnerin kam, räumte den »Müll« weg, beugte sich zu mir herunter, gewährte mir einen erfrischenden Einblick in ihr reichlich gefülltes Dekolletee und fragte: »Was darf es für Sie sein, Sir?«

»Cappuccino«, sagte ich.

»Kommt sofort«, sagte sie und entfernte sich.

Ich sah ihr nach. Sie bot auch von hinten einen sehr reizvollen Anblick. Ich bekam meinen Capuccino. Einen echten. Mit aufgeschäumter Milch.

Ich ließ meinen Blick kreisen. Niemand schien von mir Notiz zu nehmen. Diesmal bin ich allein, dachte ich. Also lass mich nicht unnötig lange warten.

Ich widmete mich meinem Cappuccino, und als ich wieder hochblickte, stand ein Mann, dessen linkes Ohr auffallend abstand, vor mir und fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe.

»Wenn Sie Glenn Shaw sind, ja«, gab ich zur Antwort.

Er nahm Platz. Die tüchtige Kellnerin steuerte sogleich auf ihn zu. Er nahm das Gleiche wie ich.

»Sie finden meine Vorsicht vielleicht übertrieben, Agent Trevellian ...«

»Allerdings«, gab ich zu.

»Wenn man Hugh Lazar zum Feind hat, kann man gar nicht vorsichtig genug sein«, rechtfertigte sich Shaw.

»Sind Sie denn sein Feind?«

»Er ist meiner«, stellte Glenn Shaw richtig und zog die Augenbrauen zusammen, wodurch sich sein Blick verfinsterte. Er wirkte auf mich so nervös wie ein Junge, der soeben beschlossen hat, zum ersten Mal in seinem bisher ebenso wohlbehüteten wie ereignislosen Leben mit der Geisterbahn zu fahren. »Bis vor kurzem habe ich für Lazar gearbeitet«, sagte er. »Als Mädchen für alles.«

»Und nun?«

»Nicht mehr«, sagte Shaw.

»Hat er Sie entlassen?«

»Ich habe mich sozusagen selbst entlassen, indem ich einen seiner Befehle nicht ausgeführt habe. Und nun muss ich verdammt auf der Hut sein, weil eine solche Befehlsverweigerung von ihm nämlich in der Regel mit der Todesstrafe geahndet wird. Da lässt er nicht mit sich reden. Und es ist auch nicht möglich, ihn irgendwie umzustimmen und eine Begnadigung zu erwirken. Vor Ihnen sitzt ein Todeskandidat, Agent Trevellian. Lazar hat sehr viele Spitzel und Zuträger. Was immer in der Stadt passiert – früher oder später erfährt er davon. Das heißt, wenn Sie uns nicht helfen, sind wir erledigt.«

»Uns?«

»Meiner Schwester und mir«, sagte Shaw. »Meiner Halbschwester«, korrigierte er sich.

»Was hat sie in Lazars Augen verbrochen?«, wollte ich wissen.

Shaw wackelte mit dem Kopf. »Sehr viel mehr als ich. Können Adrienne und ich mit Ihrer Hilfe rechnen, Agent Trevellian?«

Ich trank vom Cappuccino. »Ich weiß noch nicht, wie Sie sich diese Hilfe vorstellen.«

»Wir möchten, dass Sie uns vor Hugh Lazar verstecken.«

»Soll ich Sie mit zu mir nach Hause nehmen?«

»Es gibt doch dieses Zeugenschutzprogramm.«

»Wir können nicht jeden, der sich vor Lazar fürchtet, in dieses Programm aufnehmen.«

»Hören Sie zu, Agent Trevellian. Meine Schwester war Lazars Freundin. Er hat sie als sein Eigentum betrachtet. Das hat die blöde Kuh aber nicht davon abgehalten, ihn mit Melvin Lawford zu betrügen. Inzwischen hat jemand Lawford erschlagen. Es kam bereits in den Nachrichten. Wer mag dieser Jemand wohl gewesen sein, hm? Ich sage, es war Hugh Lazar. Das kann ich allerdings nicht beweisen. Es ist bloß eine Vermutung meinerseits. Keine Vermutung, sondern eine Tatsache ist hingegen, dass Lazar mir befohlen hat, meine Schwester wegen dieses Treuebruchs umzubringen. Sie werden sich vielleicht fragen, warum er ausgerechnet mich damit beauftragt hat. Das kann ich Ihnen sagen. Er macht mich für Adriennes Fehltritt verantwortlich und nimmt es mir persönlich übel, dass ich ihn mit einem solchen mannstollen Luder verkuppelt habe. Ich hätte mich gewissermaßen mit dem Mord an meiner Schwester von meiner Schuld reinwaschen sollen. Ich hätte zeigen sollen, dass mir mein Boss mehr bedeutet als meine bescheuerte Schwester. Aber ... Haben Sie Geschwister, Agent Trevellian?«

»Nein.«

»Es ist unglaublich, wie fest eine solche Bindung sein kann. Wenn auch noch so viel Trennendes dazwischenliegt, die Bande des Blutes sind stärker als alles andere. Selbst wenn ich wollte, könnte ich Adrienne nicht töten. Ich habe eine Sperre in mir, die sich nicht überwinden lässt. Und das ist gut so. Gleichzeitig ist es aber auch schlecht, denn dadurch steht jetzt mein Name ebenfalls auf Lazars Abschussliste.«

»Wären Sie bereit, vor Gericht gegen Hugh Lazar auszusagen?«, wollte ich wissen.

»Das muss ich. Ich kann ihn mir nur vom Hals schaffen, indem ich ihn hinter Gitter bringe.«

»Wo befindet sich Ihre Schwester zurzeit?«

»Bei einer Freundin, deren Namen ich nicht nennen möchte«, antwortete Shaw.

»Warum nicht?«

»Ich will sie nicht mehr in die Sache hineinziehen, als es unbedingt nötig ist.«

»Wieso glauben Sie, dass Adrienne bei Ihrer Freundin sicher ist?«, fragte ich.

»Weil Hugh Lazar sie nicht kennt. Weil er nichts von ihr weiß.«

»Das nehmen Sie an.«

Glenn Shaw rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her, als würde er auf einem Termitenbau sitzen. »Verdammt, machen Sie mir nicht noch mehr Angst, Agent Trevellian. Ich taumle ohnedies schon die ganze Zeit den hauchdünnen Grat zwischen Furcht und Hysterie entlang.«

»Ich werde was für Sie arrangieren«, versprach ich.

Er atmete erleichtert auf.

»Wo kann ich Sie erreichen?«, erkundigte ich mich.

»Nirgendwo.«

»Sie vertrauen wohl selbst mir nicht so ganz.«

»Mein Leben und das meiner Schwester stehen auf dem Spiel. Ich muss ganz besonders vorsichtig sein. Sie müssen das verstehen, Agent Trevellian.«

»Wie kann ich Sie wissen lassen, was ich erreicht habe?«

»Ich melde mich wieder bei Ihnen.« Er stand auf und ging. Sein Cappuccino blieb unberührt. Und unbezahlt.

Ich winkte der Kellnerin. »Zwei Cappuccini.«

Sie lächelte mit hübschen Grübchen in den Wangen, und der Blick ihrer dunklen Augen war warm und freundlich. »Sie sind einer der Wenigen, die es richtig sagen«, stellte sie erfreut fest. »Die meisten sagen Cappuccinos.«

Ich zahlte. Sie wünschte mir einen schönen Tag. Ich verließ das »Café Isola« und dachte bei mir, die sympathische Kellnerin wäre eigentlich ein Grund, hier mal wieder vorbeizuschauen.

Ich fuhr zur Federal Plaza. Als ich unser Büro betrat, saß mein Partner mit finsterer Miene an seinem Schreibtisch. »Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?«, erkundigte ich mich.

»Ich habe mich noch mal mit Zack Lammer unterhalten«, erzählte Milo.

»Und?«

»Zuerst dachte ich, er wäre endlich weich geworden. Er gab sich handzahm und lammfromm und beantwortete alle Fragen.«

»Aber?«

»Er hat sich einen Spaß daraus gemacht, mir die Hucke vollzulügen«, grollte mein Partner. »Nichts von dem, was er mir erzählte, war wahr.«

»Wieso weißt du das?«

Milo zeigte aufs Telefon. »Ich habe seine Angaben überprüft«, sagte er. »Der Bursche hat von A bis Z gelogen. Dieser Lammer ist schlüpfriger als ein Stück nasse Seife. Man kann ihn einfach nicht packen.«

»Vergiss Zack Lammer«, sagte ich. »Wir haben jetzt ein sehr viel besseres Eisen im Feuer.«

»Glenn Shaw?«

Ich nickte. »Glenn Shaw.« Ich informierte meinen Partner ausführlich und forderte ihn abschließend auf, mich zu Mr McKee zu begleiten.

»Den Weg können wir uns sparen«, erwiderte Milo.

»Wieso?«, fragte ich.

»Mr Jonathan D. McKee ist zurzeit nicht im Haus«, sagte Milo.

*

Als Wrestling-Star hätte Hank Hogan vermutlich den Beinamen »der Knochenbrecher« bekommen – und das nicht so von ungefähr, denn wo er hinlangte, da flammte weißglühender Schmerz auf. Auch Jonathan Tandy hätte den jetzt sehr intensiv zu spüren bekommen, wenn nicht urplötzlich die Haustür geöffnet worden wäre. Eine junge Frau kam herein.

Mit einem Baby im Arm!

Sie erschrak und zog die Luft scharf ein. Ihre Augen weiteten sich. Sie schien nicht zu wissen, was sie tun sollte. Aber Tandy wusste es – bedauerlicherweise ― augenblicklich. Das war eine Chance, mit der er nicht gerechnet hatte und die er nicht ungenutzt lassen wollte.

Ehe die junge Mutter oder Hank Hogan es verhindern konnten, schnellte Tandy vorwärts, auf die Frau zu. Sie stieß einen spitzen Schrei aus.

Das war alles, was sie tat. Weil der Schreck sie lähmte. Tandy packte das Baby. Er entriss es der Mutter rüde und warf es in Hanks Richtung.

Und während dieser das loskreischende Bündel auffing – er konnte gar nicht anders, es war ein reiner Reflex – türmte Jonathan Tandy. Er flitzte wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil aus dem Haus und suchte das Weite.

Die junge Frau zitterte, schluchzte und weinte. »Mein Baby! O Gott, mein Baby!«

»Es ist okay«, versicherte ihr Hank Hogan, obwohl das kleine Würmchen in seinen kräftigen Armen ganz entsetzlich schrie. »Ihm ist nichts passiert.«

»Mein armes, kleines Baby!«, greinte die verstörte Mutter dennoch weiter. »Dieser herzlose Kerl! Wie kann man nur so schrecklich brutal sein? Was ist das für ein Mensch, der so etwas fertig bringt?« Sie wischte sich die glitzernden Tränen vom blassen Gesicht und streckte verlangend die Hände nach dem kreischenden Säugling aus, der sich von Hank nicht beruhigen ließ. Von seiner Mutter aber schon. Kaum hatte sie ihn ihm Arm, ein bisschen geschaukelt und »Sch-Sch« gemacht, schon war er ruhig.

Tandy, du Mistkerl, dachte der Hüne voller Ingrimm. Du hast es – aus deiner Sicht ― genau richtig gemacht. Du wusstest, dass ich das Baby fangen, dass ich es niemals absichtlich fallen lassen würde, um dich zu kriegen. Darauf hast du gesetzt – und gewonnen.

*

Hugh Lazar war auch am »Sexy Joker« beteiligt. Offiziell nur mit ein paar schwindsüchtigen Prozenten. In Wirklichkeit aber waren es fast 80 Prozent.

Der Rest gehörte Tony Gunn, dem Mann, der das »Sexy Joker« vor ungefähr zehn Jahren mit sehr viel Fremdkapital eröffnet hatte. Als Lazar gesehen hatte, wie gut der Schuppen lief, hatte er angefangen, Tony Gunns Schuldscheine zu kaufen.

Es hatte Leute gegeben, die ihm ihre Scheine nicht verkaufen wollten, aber nachdem sie von Männern ohne Herz und Gewissen Besuch gehabt hatten, hatten sie ihre Meinung überraschend schnell geändert, und irgendwann hatte Tony Gunn dann in seinem eigenen Laden nichts mehr zu reden gehabt.

Lazar bestimmte, welche Künstler hier auftraten, was es zu essen, zu trinken und zu kiffen gab, welche Spiele gespielt werden durften und welche Personen unerwünscht waren.

Tony Gunn oblag es nur noch, darauf zu achten, dass keiner Lazars ungeschriebene Gesetze verletzte. Ach ja, und den ganzen anfallenden Papierkram sowie die lästigen Steuerangelegenheiten durfte er auch erledigen.

Der Gangsterboss hielt sich sehr oft im »Sexy Joker« auf. Ihm gefiel es hier. Die Atmosphäre war okay. Er mochte die bildhübschen Mädchen, die hier sangen und tanzten, und auf eine von ihnen war er besonders scharf.

Sie hieß Dolores Arrujo und war Kubanerin. Geboren und aufgewachsen in Havanna. Geflohen mit einem primitiven Floß aus alten Autoreifen, das ihre drei Brüder heimlich gebaut hatten. Ein schwerer Sturm hätte sie alle beinahe das Leben gekostet. Mit sehr viel Glück war es ihnen gelungen, Key West zu erreichen und bei einer Gruppe von Exil-Kubanern Unterschlupf zu finden – und während Dolores wenig später in New York aufgetaucht war und im »Sexy Joker« Arbeit gefunden hatte, waren ihre Brüder in Florida geblieben.

Inzwischen hatte Hugh Lazar nahezu alles, auf jeden Fall aber die wichtigsten Dinge, für Dolores geregelt. Mit satten Schmiergeldern lässt sich viel erreichen.

Dolores Arrujo besaß einen amerikanischen Pass, eine eigene kleine Wohnung in der Nähe des »Sexy Joker«, und falls Lazar eines Tages von Adrienne Pillsbury genug haben sollte, würde Dolores die Gelegenheit bekommen, sich für seine »selbstlose« Hilfe ausgiebig – und mit karibischer Heißblütigkeit ― zu bedanken. So hatte er es geplant. Aber es war ärgerlicherweise schneller anders gekommen, als ihm lieb war. Adrienne hatte ihn betrogen. Er hatte eine Stinkwut auf sie, und es ärgerte ihn über alle Maßen, dass er nicht wusste, wo sie war.

Deshalb waren Butch Crane und Norman Wigger jetzt auch in der Stadt unterwegs und drehten jeden Stein um, um sie und ihren Bruder zu finden.

Während Dolores auf der Bühne stand, kubanische Weisen sang und dazu tanzte – ihr sensationeller Hüftschwung stellte alles in den Schatten, was Shakira draufhatte ―, saß Hugh Lazar an der Bar und hörte und sah ihr angetan zu.

Die Zeit ist reif, Baby, dachte er und lächelte zu der glutäugigen Schönheit hinauf, die sehr leicht bekleidet war und jedem Gast das Gefühl gab, nur für ihn allein zu singen. Adrienne hat sich selbst 'ne Schlinge um den Hals gelegt. In Kürze wird ihr jemand den Stuhl, auf dem sie steht, unter den Füßen wegziehen, und ich brauche ein neues Kätzchen in meinem Bett, das sich schnurrend um mein körperliches Wohlbefinden kümmert. Du hast Glück, Süße. Meine Wahl ist auf dich gefallen.

Jemand sprach den Gangsterboss an. Er war ungehalten, weil Dolores mit ihrer sehenswert sinnlichen Darbietung noch nicht zu Ende war.

Er wandte sich unwirsch dem Mann zu, der ihn störte. Im ersten Moment wusste er nicht, wo er den Kerl, der wie ein Windhund aussah, hintun sollte. Er wusste nur, dass er ihn erst kürzlich gesehen hatte. »Ja?«, schnappte er unfreundlich.

Der Mann zeigte auf sich. »Ken Suvari«, sagte er. »Sie erinnern sich? Sie wollten sämtliche Fotos kaufen, die ich von Adrienne Pillsbury und Melvin Lawford gemacht habe.«

»Haben Sie die Aufnahmen bei sich?« Jetzt interessierte sich der Gangsterboss nicht mehr für Dolores. Diese Sache war wichtiger.

»In meiner Tasche.« Suvari legte die Hand darauf.

»Kann ich sie sehen?«

Der Paparazzo holte eine SD-Speicherkarte heraus. Sie war nicht größer als eine Briefmarke.

»Da ist alles drauf?«

»Es ist eine Zwei-Gigabyte-Karte.«

Hugh Lazar kniff die Augen zusammen. »Und es gibt garantiert keine weiteren Aufnahmen von den beiden?«

»Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

Der Gangsterboss zog die Mundwinkel abschätzig nach unten. »Was ist das Wort von jemandem, der Ihrer Zunft angehört, wert?«

»Ich würde niemals versuchen, Sie hereinzulegen, Mr Lazar«, versicherte der Paparazzo ihm. »Ich weiß schließlich, mit wem ich es zu tun habe. Und schon gar nicht würde ich mir irgendetwas Linkes einfallen lassen, seit ich weiß, dass Melvin Lawford sich zu seinen Ahnen begeben hat.«

Lazars Augen funkelten hart und grausam. »O ja. Manchmal kann das sehr schnell gehen. Heute rot, morgen tot.«

Ken Suvari lachte gekünstelt. »Und wer will das schon sein? Tot, meine ich.«

»Wenn man alles richtig macht, stehen die Chancen im allgemeinen nicht so schlecht, dass man ein schönes Alter erreicht«, behauptete Hugh Lazar. »Die Ärzte vollbringen bisweilen schon wahre Wunder. Man darf sich nur keinen so schwerwiegenden Schnitzer erlauben wie Melvin Lawford.«

»Sie sagen es. Sie sagen es, Mr Lazar. Möchten Sie die Speicherkarte nun kaufen?« Der Paparazzo hielt das kleine Ding noch immer zwischen seinen Fingern.

Der Gangsterboss bleckte die Zähne. »Ich könnte sie Ihnen einfach wegnehmen.«

»Ja, das könnten Sie«, gab Ken Suvari nickend zu. »Aber ich hoffe doch sehr, dass Sie es nicht tun werden.«

»Was würden Sie tun, wenn ich es täte?«, fragte Lazar mit zusammengekniffenen Augen.

Suvari fühlte sich unbehaglich. »Das weiß ich nicht. Was könnte ich tun, Mr Lazar?«

»Würden Sie zur Polizei gehen?«

»Mit Sicherheit nicht.«

»Ich könnte die Speicherkarte also jetzt an mich nehmen und Ihnen empfehlen, sich zum Teufel zu scheren.«

»Richtig«, antwortete der Paparazzo, und er bedauerte insgeheim, dass er keine Kopien von den besten Bildern gemacht hatte.

Irgendwo hätten sie sich schon noch zu Geld machen lassen. Er hatte auch zu billigen Sex-Schmuddel-Magazinen Kontakte. Eines davon hätte die Fotos bestimmt gedruckt. Ken Suvari hatte nur aus Angst vor Hugh Lazar nicht falsch gespielt und wirklich sämtliche Aufnahmen mitgebracht.

Ehrlichkeit macht sich halt doch in sehr vielen Fällen nicht bezahlt, wie man sieht, dachte der Paparazzo enttäuscht. Eine ganze Nacht habe ich mir für diese Bilder um die Ohren geschlagen. Und wofür? Er verjagt mich wie eine widerliche Schmeißfliege, und ich muss ihm auch noch die teure Speicherkarte überlassen. Ein Verlustgeschäft. Scheiße.

Suvari atmete hörbar aus. »Betrachten Sie die Speicherkarte als Geschenk, Mr Lazar.« Er legte sie vor ihn hin.

Der Gangsterboss lachte. »Geben Sie immer so schnell auf?«

»Nicht immer. Nur, wenn es mir angeraten erscheint.«

»Sie wollten zweitausend Dollar für die Bilder haben. Sie sollen sie bekommen. Ein Deal ist ein Deal. Hugh Lazar steht zu den Abmachungen, die er trifft.«

Suvaris Windhundzüge hellten sich auf, als wäre es ins Licht eines Scheinwerfers geraten. Lazar nahm die SD-Karte, steckte sie ein und winkte Tony Gunn herbei.

»Ja, Hugh?«, sagte der elegant gekleidete »Besitzer« des »Sexy Joker«.

Lazar zeigte auf den Paparazzo. »Ich schulde diesem Gentleman zweitausend Bucks. Gib sie ihm.«

»Okay, Hugh.« Tony Gunn holte das Geld und gab es dem Fotografen.

Ken Suvari bedankte sich freudestrahlend und verließ das Lokal.

Hugh Lazars Miene wurde hart. »Sorge dafür, dass wir das Geld wiederkriegen, Tony«, knurrte er. »Wir haben nichts zu verschenken.«

Gunn nickte und entfernte sich. »Hast du den Kerl gesehen, der soeben gegangen ist, Joe?«, fragte er einen untersetzten Mann, der in der Nähe der Tür stand.

»Ja, Tony«, antwortete Joe Rifkin.

»Er hat mindestens zweitausend Dollar bei sich.«

Rifkin wiegte grinsend den Kopf. »Mit so viel Geld sollte man in New York nicht auf die Straße gehen. Das ist sehr leichtsinnig.«

»Das Geld gehört mir«, sagte Tony Gunn.

»Verstehe. Und was ist mit dem restlichen Moos, das er vermutlich noch bei sich hat?«, wollte Joe Rifkin wissen.

»Das gehört dir«, antwortete Gunn gönnerhaft.

Rifkin grinste breit. »Alles klar.«

*

Otis Miller – zahnlos wie eine Eidechse – qualmte mal wieder vor seinem Stammlokal eine Zigarette, als jemand hinter ihm sagte: »Hast du dir nicht gemerkt, was ich übers Rauchen gesagt habe?«

Miller drehte sich grinsend um. »Was willst du denn schon wieder hier? Mal sieht und hört man wochenlang nichts von dir. Und dann tauchst du fast im Halbstundentakt hier auf. Warst du bei Jonathan Tandy?«

»Ja«, antwortete Hank Hogan.

»Und?«

»Er ist mir entwischt.«

Otis Miller schenkte dem Hünen ein zahnloses Lächeln und schüttelte verwundert den Kopf. »Dass einem Routinier wie dir so etwas passiert.«

Hank Hogan erzählte seinem V-Mann, auf welche Weise Tandy ihn ausgetrickst hatte. Miller fand Tandys Benehmen empörend und verabscheuungswürdig.

Immerhin hätte das Baby auch auf den Boden fallen können. Zum Beispiel, wenn Hank zu spät reagiert hätte. Oder wenn Tandy das Menschlein nicht weit genug geworfen hätte.

»Diese Dreckskerle schrecken vor überhaupt nichts zurück«, entrüstete sich Otis Miller. »Sie denken immer nur an sich selbst. An ihren Vorteil. An das, was ihnen nützt. Nicht einmal auf einen wehrlosen Säugling nehmen sie Rücksicht.« Er sah den blonden Hünen an. »Tandy ist dir also entwischt.« Es war keine Schadenfreude in dieser Bemerkung. Eher Bedauern.

Hank Hogan nickte. »Ich denke, ich kann davon ausgehen, dass er sich nun längere Zeit nicht daheim blicken lässt.«

»Das ist anzunehmen.«

»Wo wird er sich für die nächste Zeit verkriechen?«, fragte der Privatdetektiv. »Weißt du es?«

»Im Augenblick nicht.« Otis Miller zuckte mit den Achseln. »Tut mir Leid, Hank.« Er legte dem Muskelmann die Hand freundschaftlich auf die Schulter. »Aber ich werde darüber nachdenken. Und ich werde ein paar Leute fragen. Vielleicht kann uns jemand helfen. Du hörst von mir, sobald ich was weiß.«

»Wie alt ist dein Großvater geworden?«, fragte Hank.

»Der Kettenraucher?«

Hank nickte. »Ja, der.«

»Sechsundneunzig.«

»Ich wünsche dir, dass du mindestens siebenundneunzig wirst«, sagte Hank Hogan.

Otis Miller grinste zahnlos. »Das ist wirklich sehr nett von dir, mein Freund.«

*

Ein ereignisreicher Tag war zu Ende. Ich war wieder zuhause, trank eine Dose Ingwerbier und ließ Revue passieren, was alles geschehen war, nachdem Jackie Snyders Hilferuf mich erreicht hatte. Jackie war tot. Bedauerlicherweise hatte ich ihm nicht helfen können. Wenig später war ich von Zack Lammer k. o. geschlagen worden. Milo und ich hatten Lammer danach auf seinem Hausboot »Sirtaki« geschnappt und auf Nummer Sicher gebracht. Melvin Lawford, ein Mann, der für Hugh Lazar gearbeitet hatte, war erschlagen worden. Glenn Shaw hätte seine Halbschwester Adrienne Pillsbury in Lazars Auftrag töten sollen, weil sie es gewagt hatte, diesem mit Melvin Lawfords Hilfe Hörner aufzusetzen ... Ich hatte gleich beim Aufwachen gewusst, dass es kein guter Tag werden würde, und genau so war es gekommen. Aber etwas Positives hatte dieser Tag doch gebracht. Am Ende des Tunnels war endlich Licht zu sehen. Da war eine Schlinge. Sie war noch sehr locker, aber sie begann sich allmählich um Hugh Lazars Hals zusammenzuziehen. Glenn Shaw und Adrienne Pillsbury würden uns bestimmt eine Menge Munition liefern, die wir gegen Lazar einsetzen konnten, sobald sie sich vor diesem sicher fühlen konnten.

Ich drückte die Bierdose flach, sobald sie leer war und warf sie in den Mülleimer. Als ich das Fernsehgerät einschalten wollte, um mir die neuesten Nachrichten anzusehen, klingelte mein Handy. Glenn Shaw war dran.

»Sie haben versprochen, etwas für uns zu arrangieren, Agent Trevellian«, sagte er. Er klang gehetzt, nervös, ungeduldig. Klar. Immerhin wollte Hugh Lazar ihn und seine Schwester tot sehen.

»Ich muss erst mit meinem Chef sprechen«, erwiderte ich.

»Warum haben Sie das noch nicht getan? Sie wissen doch, dass ...«

»Assistant Director Jonathan D. McKee war heute leider nicht verfügbar.«

»Wenn Sie uns nicht bald an einen sicheren Ort bringen, können Sie's vergessen«, stieß Shaw mit belegter Stimme hervor. Das war keine Drohung, sondern eine Befürchtung. »Lazars Leute sind wie Trüffelschweine. Früher oder später werden sie uns finden.«

Ich versuchte ihn zu trösten. »Morgen um diese Zeit brauchen Sie sich keine Sorgen mehr zu machen.«

Es entstand eine kurze Pause. Er schien nachzudenken. »Wann soll ich Sie wieder anrufen?«, fragte er schließlich. War er enttäuscht? Hatte er sich von mir mehr Einsatz erhofft? Bereute er inzwischen, sich an mich gewandt zu haben?

»Morgen«, antwortete ich. »Zehn Uhr.«

Wieder eine kurze Pause. Dann: »Okay, Agent Trevellian. Ich melde mich also morgen, pünktlich um zehn wieder. Aber noch mal lasse ich mich nicht vertrösten. Sie wissen, was für uns auf dem Spiel steht. Wenn das FBI uns nicht hilft, muss ich sehen, wie wir uns selbst helfen können. Ganz klar, dass Sie dann nicht auf unser Wissen zugreifen können.«

»Ziehen Sie bis morgen den Kopf ein und bleiben Sie in Deckung«, empfahl ich ihm. »Danach kommt kein Lazar-Mann mehr an Sie heran«, fügte ich hinzu und beendete das Gespräch.

*

Ken Suvari saß in seinem Wagen, hörte Mozart und spielte mit dem Gedanken, sein Stamm-Wettbüro aufzusuchen. Er wettete gern, liebte den Nervenkitzel, das Prickeln, den vermehrten Adrenalinausstoß, wenn die Entscheidung kurz bevorstand und unaufhörlich näherrückte.

Sieg oder Niederlage? Gewinn oder Verlust? Mit ein bisschen Glück ließen sich die zweitausend Dollar, die er bekommen hatte, eventuell verdoppeln.

Die Aussicht kam ihm im ersten Augenblick sehr verlockend vor, doch dann sagte er sich, dass er das schöne Geld auch verlieren konnte.

In letzter Zeit war er nämlich nicht besonders gut bestrahlt. Vieles, was er anleierte, ging schief, oder entwickelte sich im günstigsten Fall nicht so, wie er es erwartete. Er durchlebte gerade eine ziemlich negative Phase.

Solange dir Fortuna ihren dicken Hintern zeigt, solltest du um Wettbüros einen großen Bogen machen und warten, bis sie sich dir wieder freundlich lächelnd zuwendet, sagte er sich und beschloss, nach Hause zu fahren. Sobald er daheim war, würde er ein paar scharfe Whiskys trinken, um den schlechten Geschmack loszuwerden, den er im Mund hatte. Er bildete sich nämlich ein, diese radikale Desinfektion dringend nötig zu haben, denn seit er wusste, dass Melvin Lawford nicht mehr lebte, war ihm, als hätte er in ein faules Ei zwei Löcher gebohrt und das schleimige Glibberzeug bis zum letzten stinkenden Rest ausgesaugt.

»Irgendwie hast du ihn auf dem Gewissen«, sagte eine lästige Stimme in ihm. Sie meldete sich immer dann zu Wort, wenn sie ihm am allerwenigsten willkommen war. Er hasste sie deswegen. »Du hast ihn zwar nicht selbst erschlagen, aber du hast ihn mit den Fotos zum Tod verurteilt. Und das Mädchen kommt auch noch dran.«

»Mein Gott, es ist mein Job, Fotos zu schießen und zu verkaufen!«, verteidigte er sich im Geist ärgerlich. »Ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt.«

»Ist es richtig, dabei über Leichen zu gehen?«

»Ich kann es mir nicht leisten, Rücksicht zu nehmen.«

»Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie viele Existenzen du vernichtet, wie viele Familien du zerstört und wie viele Menschen du in den Ruin getrieben hast?«

»Nein.«

»Das solltest du aber.«

»Wozu?«

»Damit du endlich erkennst, dass du ein erbärmliches Leben auf Kosten deiner Mitmenschen führst, dass du zum Kotzen bist.«

»Halt's Maul!«, brüllte er im Geist. Er war außer sich vor Wut. »Halt endlich dein gottverdammtes Maul!«

Ken Suvari wollte sich von seiner inneren Stimme keine Schuld einreden lassen. Verflixt noch mal, er hatte nichts getan. Er hatte lediglich auf den Auslöser seiner Kamera gedrückt. Das war doch kein Verbrechen.

Millionen Menschen fotografieren auf der ganzen Welt tagtäglich alles, was ihnen vor die Linse kommt – Gebäude, Autos, Schiffe, Flugzeuge, Pflanzen, Tiere, Wasserfälle, Seen, Flüsse, das Meer, den Himmel, ihre Mitmenschen ...

Warum sollte er nicht das gleiche Recht haben? Die andern – jene, die er mit seiner Kamera aufs Korn genommen hatte, also Adrienne Pillsbury und Melvin Lawford ― hatten sich nicht richtig verhalten. Aber dafür konnte er doch nichts.

Obwohl die Stimme in ihm verstummt war, merkte er ganz deutlich, dass sie noch da war und im Verborgenen daran arbeitete, ein dichtes Netz aus lästigen Gewissensbissen zu knüpfen, um in weiterer Folge damit seinen Verstand zu überziehen. Aber er würde wachsam sein und das nicht zulassen.

Der Paparazzo nahm den Fuß vom Gas und bog gleich darauf in die Straße ein, in der er wohnte. Dass ihm ein Wagen folgte, fiel ihm nicht auf.

Joe Rifkin saß in diesem Fahrzeug. Er verstand sich hervorragend aufs Beschatten von Personen, hatte eine Zeitlang für einen aalglatten Rechtsanwalt, der wegen diverser unsauberer Machenschaften inzwischen seine Lizenz verloren hatte, gearbeitet und dabei häufig Gelegenheit gehabt, sich im Unsichtbarmachen zu perfektionieren, was ihm auch heute noch immer wieder mal sehr zugute kam.

Rifkin hoffte, dass Ken Suvari einiges mehr als bloß Tony Gunns 2000 Bucks bei sich hatte, damit sich dieser Einsatz für ihn auch lohnte.

Suvari fuhr in die Tiefgarage. Er ließ das Fahrzeug auf seinen Parkplatz rollen, stoppte es, stellte den Motor ab und zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. Mozart verstummte. Der Paparazzo stieg aus.

Manchmal war ihm die Stille, die hier unten herrschte, direkt unheimlich. Im Grunde genommen hatte er sich in der Tiefgarage noch nie wohl gefühlt.

Lag es etwa daran, dass er leicht klaustrophobisch war? Oder an dem eigenartigen Geruch nach abgestandenen Abgasen, der schwer und muffig zwischen den kahlen grauen Betonsäulen hing?

Irgendetwas weckte in ihm heute ein ganz besonders ausgeprägtes Unbehagen. Fröstelnd zog er die Schultern hoch und entfernte sich von seinem Wagen.

Doch schon nach wenigen Schritten blieb er stehen und drehte sich misstrauisch um. Irgendetwas stimmt da nicht, ging es ihm durch den Sinn. Irgendetwas ist heute anders.

Er kniff die Augen zusammen und ließ seinen Blick langsam und aufmerksam umherschweifen. Es gab hier unten viele Möglichkeiten, sich zu verstecken.

Lag irgendwo ein Junkie auf der Lauer? Ein verzweifelter Drogenabhängiger, der ganz dringend Geld für den nächsten Schuss brauchte?

Ein bis aufs Skelett abgemagerter Süchtiger, der hoffte, unter Ausschluss der Öffentlichkeit einer wehrlosen Frau die Handtasche entreißen zu können?

»Hey!«, rief der Paparazzo und spielte den Furchtlosen. »Ist da jemand?«

Er bekam keine Antwort. Aber Suvaris sechster Sinn sagte ihm unmissverständlich, dass er nicht allein war. Dass ihm Gefahr drohte. Eine Gefahr, die sich nicht definieren ließ und ihn deshalb doppelt so kribbelig machte.

Seine Lippen wurden schmal. »Wer immer du bist«, sagte er aggressiv. Seine Stimme hallte durch die Tiefgarage und verlor sich irgendwo. »Was immer du vor hast. Sei gewarnt. Ich bin nämlich bewaffnet, und ich würde keine Sekunde zögern, von meiner Waffe Gebrauch zu machen, wenn du mich dazu zwingst.«

In Wirklichkeit besaß der Paparazzo überhaupt keine Waffe. Er hatte nicht einmal zuhause eine, doch woher sollte der andere das wissen?

Nichts passierte. Es hatte den Anschein, als hätte Ken Suvari nur zu den angestaubten Wänden gesprochen. Aber der Fotograf war sicher, dass seine Botschaft bei der richtigen Adresse angekommen war. Allerdings hatte er in die falsche Richtung gesprochen.

Denn Joe Rifkin stand hinter ihm!

Und er handelte blitzschnell. Suvari kam nicht einmal dazu, sich umzudrehen. Ein harter Schlag traf sein Genick und fällte ihn wie das Beil den Baum.

Er sackte bewusstlos zusammen. Rifkin packte den Ohnmächtigen und schleifte ihn zwischen zwei Fahrzeuge. Dort durchstöberte er die Taschen des Reglosen.

Er fand Tony Gunns Geld. Und »seines«. Der Paparazzo hatte insgesamt 2500 Dollar bei sich. Und zwei Kreditkarten. Zufrieden grinsend steckte Joe Rifkin seine Beute ein. Er nahm dem Fotografen auch die Armbanduhr ab.

Und dann entdeckte er an Suvaris kleinem Finger der linken Hand einen goldenen Ring mit einem auffällig funkelnden Rubin. Den wollte er unbedingt auch noch haben. Aber er bekam ihn nicht ab. Das Ding saß einfach zu fest. Selbst als Rifkin den kleinen Finger des Fotografen in den Mund nahm und ihn kräftig einspeichelte, ließ der Ring sich nicht abziehen. Daraufhin wurde der Blick des habgierigen Gangsters kalt.

Er holte sein Taschenmesser heraus und klappte die große Klinge auf. »Braucht ein Mensch unbedingt alle zehn Finger?«, murmelte er gefühllos.

Dann beugte er sich vor und griff nach Suvaris Hand. In diesem Moment regte sich Ken Suvari. Es kam wieder Leben in ihn. Er kam langsam zu sich.

Joe Rifkin zuckte zurück. »Mist!«, zischte er, beschloss, auf den Ring zu verzichten und sich lieber davonzumachen. Nicht, weil er Angst vor dem Paparazzo gehabt hätte.

Nein, es ging ihm lediglich darum, die Angelegenheit ohne großes Aufsehen hinter sich zu bringen. Sollte Suvari auf die Idee kommen, um Hilfe oder nach der Polizei zu rufen, wollte er nicht mehr in der Tiefgarage sein.

Während er sich wieselflink und nahezu lautlos entfernte, rollte sich der Fotograf ächzend auf die Seite und schlug die Augen auf. Aus diesem Blickwinkel hatte er die Garage noch nie gesehen. Er sah viele Autoreifen und hörte das langsam erkaltende Blech seines Wagens, der als Letzter hier unten eingetroffen war, knacken. Seufzend setzte er sich auf.

Sein Schädel brummte, sein Nacken schmerzte. Plötzlich machte jemand Licht in seinem Kopf, und er wusste wieder, was passiert war. Er klopfte systematisch seine Taschen ab, durchsuchte sie auch und stellte grimmig fest, dass der Kerl, der ihn niedergeschlagen hatte, ganze Arbeit geleistet hatte.

Sogar seine beiden Kreditkarten waren weg. Er musste sie sofort sperren lassen – bevor sich der Dieb auf seine Rechnung einen Flugzeugkreuzer kaufte.

Benommen stand Suvari auf. »Diese verfluchten Banditen«, machte er sich wütend Luft. »Sie sind überall. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Selbst hier unten ist man vor ihnen nicht sicher.« Die Garage schaukelte. Er taumelte zum Aufzug, drückte auf den Knopf und lehnte sich an die Wand. »Wie gewonnen, so zerronnen«, murmelte er. »Schade um das schöne Geld. Ich hätte doch im Wettbüro versuchen sollen, mehr daraus zu machen.« Er spuckte auf den Boden. »Damit der Bastard mir mehr hätte wegnehmen können«, fügte er ironisch hinzu. »Entschuldige Kumpel, dass ich mir das verkniffen habe.«

Er fuhr mit dem Lift hoch und rief sofort die Kreditkartenfirmen an, damit der Dieb sein Konto nicht leer räumen konnte. Darauf, dass hinter all dem Hugh Lazar steckte, wäre er nie im Leben gekommen. Er hielt es für sein ganz persönliches Pech, dass er ausgeraubt worden war.

Weil er – wie sich in letzter Zeit mehrfach gezeigt hatte ― nicht besonders gut bestrahlt war. Der kaltschnäuzige Überfall passte genau in dieses Bild.

Kapitel 8

Am nächsten Morgen hätte ich beinahe verschlafen. In der Nacht hatte mich ein schweißtreibender Albtraum gequält: Hugh Lazars Männer hatten sämtliche Schulen New Yorks mit Drogen förmlich zugeschüttet. Alle Kinder konsumierten sie. Ausnahmslos. Schon die Allerkleinsten. Sie verfielen in meinem Traum zu bleichen, hohlwangigen, gefühllosen Ungeheuern, zu Mini-Zombies, die nach Hause gingen und ihren Eltern unvorstellbare Dinge antaten, um an deren Geld zu kommen. Es war ein sehr, sehr schlimmer Traum. Der schlimmste, an den ich mich erinnern konnte.

Ich musste das Frühstück ausfallen lassen, um pünktlich an unserer Ecke zu erscheinen und meinen Partner an Bord zu nehmen. Milo sah müde aus.

»Schlecht geschlafen?«, fragte ich ihn. Ich war entschlossen, ihm nichts von meinem Albtraum zu erzählen. Den wollte ich so schnell wie möglich vergessen. Mein Magen knurrte. Er schrie nach Kaffee, nach Donuts, nach Brot, nach Erdnussbutter ― nach irgendwas. Es gefiel ihm nicht, nichts zu tun zu haben.

»Überhaupt nicht«, antwortete Milo einsilbig.

»Und der Grund dafür?«, erkundigte ich mich. »Blond oder brünett?«

Milo strich sich mit der Hand übers Gesicht. »Weder, noch.«

»Schwarz?«

»Auch nicht.«

»Dann wäre da noch ...« Hinter mir hupte ein Wagen, weil ich noch nicht weitergefahren war. Ich tat es.

»Bei meinen Nachbarn sind Verwandte zu Besuch«, erklärte mein Partner mit leicht geröteten Augen.

Ich überholte ein Taxi. »Aha.«

»Mit einem Baby«, sagte Milo.

»Verstehe.«

»Und dieses Baby bekommt Zähne.«

»Alles klar«, sagte ich. »Dann versuch wenigstens jetzt noch ein bisschen Schlaf zu kriegen«, empfahl ich ihm. »Ich wecke dich im Büro. Du hast immerhin noch dreißig Minuten.«

Milo seufzte. »Das ist mehr, als ich letzte Nacht hatte.«

Ich wackelte mit dem Kopf. »Diese Zähne. Wenn wir sie kriegen, machen sie Probleme. Und wenn wir sie verlieren auch. Das hat sich Mutter Natur nicht besonders schlau ausgedacht.«

Ich erzählte Milo – während er im Halbschlaf neben mir auf dem Beifahrersitz hing ― von Glenn Shaws Anruf.

»Ich kann seine Nervosität durchaus verstehen«, meinte mein Kollege.

»Ich auch«, sagte ich. »Hoffentlich hat er meinen Rat befolgt und den Kopf eingezogen. Hugh Lazar hat nämlich eine Menge Spitzel in der Stadt. Und jeder ist scharf darauf, dem großen Boss mal einen Gefallen tun zu können.«

Kurz vor der Federal Plaza wurde der Verkehr wegen eines Warenhausbrandes umgeleitet. Das wären für Milo ein paar zusätzliche Penn-Minuten gewesen, doch er nutzte sie nicht, kam allmählich in Schwung und wollte wissen, wann sich Glenn Shaw wieder melden würde.

»Um zehn«, sagte ich.

Endlich erreichten wir das Field Office. Sobald wir im Büro waren, rief ich Mandy, Mr McKees Sekretärin, an. »Hallo, Schönheit«, sagte ich.

»Hallo, Schmeichler«, gab sie amüsiert zurück.

»Ich hatte heute Morgen leider keine Zeit zum Kaffee kochen.«

»Oh, du Ärmster«, bedauerte sie mich. »Du kannst gerne bei mir einen kriegen.«

»Das ist unheimlich nett von dir, Mandy.«

»Ich bin immer nett, Jesse.«

»Das kann ich bestätigen. Wenn jetzt auch noch Mr McKee Zeit für meinen Partner und mich hätte, wäre das für mich schon fast ein Jubeltag.«

»Heißt das, du möchtest einen Termin beim Chef?«

»Ließe sich das einrichten?«

»Aber ja doch. Sagen wir in fünfzehn Minuten?«

»Passt bestens. Vielen Dank.« Ich legte auf.

Milo grinste über unsere beiden Schreibtische zu mir herüber. »Gott, was kannst du nett sein.«

Ich hob die Schultern. »Mit dem Hut in der Hand kommt man durch das ganze Land.«

»Mit mir redest du nie so.«

»Dann würde ich an deiner Stelle mal in mich gehen und gründlich darüber nachdenken, warum nicht.«

*

Hoss Granger war gerade mit zwei heißen Mulattinnen zugange, als Butch Crane und Norman Wigger bei ihm erschienen. Die beiden Vierschrötigen hatten die ganze Nacht nach Glenn Shaw und dessen Halbschwester Adrienne Pillsbury gesucht, die beiden aber nicht gefunden, und das ärgerte sie maßlos.

Wütend und gereizt traten sie die Wohnungstür auf. Sie brauchten endlich einen Erfolg. All die Typen, die sie bisher befragt – sprich: durch den Wolf gedreht – hatten, hatten ihnen nicht sagen können, wo das Geschwisterpaar steckte.

Ihnen brannte die Zeit auf den Fingernägeln. Ihr Boss wurde immer ungeduldiger. Sie wollten ihn endlich zufrieden stellen – und sich anschließend ein paar Stunden aufs Ohr hauen.

Louette und Laura, die beiden heißen Liebesdienerinnen, ließen erschrocken von ihrem Kunden ab und sprangen quietschend aus dem riesigen Bett.

»Raus!«, dröhnte Crane.

»Sofort!«, schrie Wigger.

Louette und Laura starrten die Glatzköpfe angstschlotternd an.

»Nun macht schon!«, herrschte Crane sie an. »Seid ihr noch nicht weg?«

Louette bückte sich, um ihr Kleid, das auf dem Boden lag, aufzuheben. Crane hatte ihre pralle Kehrseite vor sich und konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie mit einem Fußtritt aus dem Schlafzimmer zu befördern.

Sie kreischte auf und wäre beinahe auf dem Teppich gelandet. Laura hastete panisch an Crane vorbei und aus der Wohnung. Sie zog sich erst draußen auf dem Flur an. Ihre Highheels lagen neben Grangers »Amüsierwiese«. Sie verzichtete darauf, sie zu holen. Die waren leichter zu verschmerzen als Prügel von Crane oder Wigger. Oder von beiden.

»Hey!«, protestierte Hoss Granger. »Hey, was soll das?«

»Schnauze!«, blaffte Crane.

»Habt ihr 'nen Knall? Seid ihr verrückt geworden? Was soll dieser Auftritt? Ich hab für die Nutten eine Menge Kies lockergemacht.«

Crane riss seine Kanone heraus und richtete sie auf den Nackten. »Um diese Zeit liegt man nicht mehr im Bett. Das gehört sich nicht. Was sollen sich denn die vielen anständigen, ehrlich arbeitenden Menschen denken, wenn du hier faul abhängst?«

»Die vielen anständigen, ehrlich arbeitenden Menschen können mich mal. Und ihr mich auch.«

Crane schlug mit der Waffe zu.

Hoss Granger brüllte vor Schmerz und Wut.

»Aufstehen!«, befahl Crane. »Los, raus aus dem Bett!«

»Ich werde mich bei eurem Boss beschweren.«

Crane nickte unbekümmert. »Tu das.«

»Er wird euch den Arsch aufreißen.«

»Wird er nicht.«

Granger stand auf. Die Glatzköpfe erlaubten ihm nicht, sich anzuziehen. Er musste nackt bleiben. Sie wollten ihn erniedrigen.

Crane zeigte mit der Waffe auf Grangers Männlichkeit. Er grinste dreckig. »Wolltest du damit im Ernst alle beide Nutten ...«

»Was wollt ihr von mir?«, fiel ihm Hoss Granger zornig ins Wort.

»Wir wollen von dir wissen, wo Glenn Shaw steckt«, sagte Norman Wigger.

»Verdammt, woher soll ich das denn ...«

»Ihr steht euch nahe«, behauptete Wigger. »Du bist mit ihm befreundet. Ihr wart sogar im letzten Winter zusammen auf Urlaub. Du siehst, wir wissen Bescheid. Glenn hat den Boss angeschissen. Deshalb suchen wir ihn. Wo kann der Bastard sich verkrochen haben?«

»Ich weiß es nicht.«

»Heraus damit!«, brüllte Crane.

»Wenn ich es doch nicht ...«

»Gleich verliere ich die Geduld. Soll ich dir zeigen, wie man aus einem Männchen ein Weibchen macht? Soll ich? Soll ich?«

»Soll er?«, fragte auch Wigger und grinste dabei so, als würde er sich wünschen, dass Crane es tat.

Hoss Granger verdeckte seine Blöße mit beiden Händen. Obwohl eine Hand voll gereicht hätte. Langsam bekam er es mit der Angst zu tun. Er wusste, dass mit Crane und Wigger nicht zu spaßen war. Er wurde etwas kleinlauter. »Herrgott noch mal, ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo Glenn ... Vielleicht ist er bei seiner Ex-Freundin.«

»Wie heißt sie?«, fragte Crane. »Sag uns den Namen«, verlangte er.« Er packte Granger an der Gurgel. »Den Namen wollen wir wissen.«

»Er fällt mir im Augenblick nicht ein.«

»Ich zähle bis drei«, sagte Crane. Er ließ Grangers Kehle wieder los und konzentrierte sich auf dessen Schritt. »Wenn du bis dahin keinen Namen hören lässt, kannst du dich von deinem Ding verabschieden.«

Hoss Granger riss entsetzt die Augen auf. »Liebe Güte, das kannst du doch nicht machen, Butch.«

»Ich kann. Und ich werde. Verlass dich drauf ... Eins.«

»Ich habe den Namen höchstens ein-, zweimal gehört.«

»Zwei.«

»Ich bitte dich, Butch. Tu mir das nicht an.«

»Du solltest lieber nachdenken«, empfahl Norman Wigger dem Nackten.

»Zweieinhalb«, sagte Crane.

»Mal ehrlich, Butch. Was hast du davon, wenn ich jetzt ganz schnell irgendeinen Namen erfinde, bloß um meinen Docht zu retten? Das bringt doch nichts. Ihr könnt mich erschlagen – mir fällt der Name nicht mehr ein. Er ist weg, befindet sich nicht mehr in meinem Kopf, ist ausgelöscht. Ich weiß nur, dass Glenns Ex Bildhauerin ist und in einem Loft in Brooklyn wohnt. Mehr kann ich euch wirklich nicht sagen. Tut mir Leid. Tut mir echt Leid.«

»In Brooklyn«, sagte Crane.

»Ja.«

»In einem Loft.«

»Ja.«

»Eine Bildhauerin«, sagte Crane.

»Ja.«

Crane ließ die Kanone verschwinden und tätschelte Hoss Grangers Wange. Er tat es ziemlich kräftig. Es hörte sich schon fast so an, als würde er ihn ohrfeigen. »Na, das ist doch schon eine ganze Menge.«

*

Selten hatte mir Mandys Kaffee besser geschmeckt als an diesem etwas hektisch geratenen Morgen. Ich trank ihn, während wir AD McKee gegenübersaßen und ihn umfassend informierten. Unser Vorgesetzter hörte uns sehr konzentriert, mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu. Er war ein schlanker Mann mit silbergrauem Haar und schmalem, markant geschnittenen Gesicht.

Manchmal verrieten seine Augen, dass er über eine Menge Weisheit und Intelligenz verfügte. Ich mochte und schätzte ihn seit Jahren. Er war ein Vorbild für uns alle und jederzeit für seine Leute da, wenn sie ihn brauchten.

Er gehörte zu der Sorte von Menschen, die sich niemals mit halben Sachen zufrieden geben, die von sich selbst stets 200 Prozent und von ihren Kollegen mindestens 100 Prozent fordern. Was ich besonders an Jonathan D. McKee schätzte, waren seine Ruhe und Ausgeglichenheit. Und die Tatsache, dass er immer höchst engagiert bestrebt war, uns den Rücken freizuhalten.

Das war sehr wichtig. Unser Job war zumeist auch so schon schwer genug. Ein Zwei-Fronten-Krieg wäre unserer Arbeit absolut nicht zuträglich gewesen.

Nachdem wir geendet hatten und unsere Kaffeetassen so leer waren wie die Geldbörse eines Mannes, der ausgeraubt worden war, betrachtete Mr McKee seine schmalen, feingliedrigen Hände, und er sagte, ohne den Kopf zu heben: »Scheint so, als ob wir Hugh Lazar endlich kriegen würden.«

»Es könnte hinhauen, Sir«, sagte Milo.

Mr McKee richtete seinen Blick auf mich. »Lazar erwartet also eine große Rauschgiftlieferung.«

Ich nickte. »So munkelt man, Sir.«

»Was wissen Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw darüber?«

»Das werden sie uns frühestens dann verraten, wenn wir sie in Sicherheit gebracht haben und sie keine Angst mehr vor Lazar zu haben brauchen, Sir.«

»Werden sie bereit sein, vor Gericht gegen Lazar auszusagen?«

»Auf jeden Fall.«

»Wann wird der Drogen-Deal steigen?«

»In Kürze, Sir. Den genauen Termin kennen wir noch nicht.«

»Mit wem wird Lazar dieses große Geschäft abwickeln?«

»Das wissen wir noch nicht, Sir.«

Mr McKee lehnte sich zurück. Er streckte den Daumen hoch und sagte: »Ich möchte Lazar.« Er streckte den Zeigefinger hoch. »Ich möchte die Drogen.« Jetzt kam der Mittelfinger. »Und ich möchte Lazars Geschäftspartner.«

Genau dasselbe wollten wir auch.

*

Das Telefon läutete. Belinda Fox, Hank Hogans blonde Assistentin, griff nach dem Hörer. »Detektei Hogan. Büro für private Ermittlungen. Mein Name ist Belinda Fox. Was kann ich für Sie tun?«, erkundigte sie sich.

»Hier spricht Otis Miller«, blubberte der Zahnlose am andern Ende.

»Hallo, Otis.« Belinda lächelte. »Na? Immer noch keine dritten Zähne?«

»Wieso immer noch nicht?«, gab Miller zurück. »Ich hatte doch schon welche.«

»Was ist aus ihnen geworden?«

»Ich habe sie in den East River gespuckt.«

Belinda lachte. »Warum das denn?«

»Weil sie nicht gepasst haben. Weil sie weh getan haben. Weil sie mir bei jedem dritten Wort beinahe aus dem Maul gehüpft wären. Deshalb. Hör mal, süßes Kind, ist Hank zu sprechen?«

»Hast du was für ihn?«

»Unter Umständen. Er ist doch scharf auf diesen Kerl, der ihm entwischt ist.«

Belinda Fox horchte auf. »Ihm ist ein Ganove entwischt? Sieh mal einer an. Auch der erfolgverwöhnte Hank Hogan macht ab und zu mal einen Fehler. Das hat er mir natürlich verschwiegen. Ich kriege immer nur die Storys zu hören, in denen er der strahlende Held ist.«

»Würdest du mich mal zum großen Meister durchstellen?«

»Kein Problem.«

»Ich liebe dich«, sagte der Alte, während seine Lippen gegen die Sprechmuschel klopften. »Wenn ich ein paar Jahre jünger wäre, wärst du echt gefährdet.«

Belinda lachte. »Wenn du ein paar Jahre jünger wärst, wäre ich es auch, und dann kämst du mit dem Gesetz in Konflikt.« Sie reichte den Anrufer an Hank Hogan weiter.

»Sag bloß, du kannst was für mich tun, Kamerad«, tönte der blonde Hüne erwartungsvoll.

»Jonathan Tandy hat eine uneheliche Tochter«, berichtete Otis Miller. »Sie arbeitet in einem Fastfood-Laden in Queens.«

»Queens ist groß.«

»Ecke Hollis Avenue und Francis Lewis Boulevard«, sagte der zahnlose V-Mann des Detektivs. »Möglicherweise weiß sie, wo du ihren Vater findest.«

»Wie ist ihr Name?«, erkundigte sich Hank Hogan.

»Ann Baylon.«

Hank lachte. »Babylon? Wer heißt denn so?«

»Sag mal, spreche ich so undeutlich?«

»Wärst du sauer, wenn ich Ja sage?«

»Ich sagte Baylon. Nicht Babylon. Ann Baylon. Du solltest dir mal deine Ohren durchputzen lassen.«

»Danke, Otis«, sagte Hank Hogan. »Ich setz dich auf meine Weihnachtsliste.«

»Okay. Aber bitte nicht auf die Wunsch-, sondern auf die Geschenksliste.«

*

Um zehn Uhr meldete sich – wie angekündigt ― Glenn Shaw wieder bei mir. Seine Pünktlichkeit überraschte mich nicht. Er hatte allen Grund dazu.

»Wie sieht's aus?«, wollte er wissen.

»Sehr gut, würde ich sagen«, gab ich zur Antwort.

»Haben Sie inzwischen mit Ihrem Chef gesprochen?«

»Hab ich.«

»Konnten Sie alles regeln?«

»Wenn Sie mir verraten, wo Sie sind, holen mein Partner und ich Sie und Ihre Schwester ab und bringen Sie zu Ihrem Versteck.«

Es entstand eine kurze Pause. Vermutlich dachte Shaw jetzt nach. Sollte er sich wieder irgendwelche Bedingungen einfallen lassen, würde ich sie nicht akzeptieren.

Er wollte unsere Hilfe. Okay, die konnte er kriegen. Aber ohne Wenn und Aber. Und zu FBI-Bedingungen. Die meines Erachtens höchst akzeptabel waren.

Shaw erzählte mir von einer Künstlerin, mit der er einmal zusammen gewesen war. Ihr Name war Sabrina Shell. Sie war Bildhauerin und wohnte in einem Loft in Brooklyn.

Er nannte die genaue Anschrift. Ich versprach ihm, sofort loszufahren, und wenige Minuten später waren wir zu Sabrina Shell unterwegs.

Milo verblüffte mich damit, dass er die Künstlerin kannte. Er hatte sogar schon zwei Skulpturen von ihr gesehen, während ich noch nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gab.

»Scheint so, als müsste ich die Meinung, die ich von dir habe, revidieren«, sagte ich, ein Grinsen unterdrückend.

Er schaute mich an. »Wieso? Hast du mich etwa für einen Kulturbanausen gehalten?«

»Nun«, dehnte ich, »wenn du mich so fragst ...«

Milo lachte. »Schlimme Sache, wenn man plötzlich erkennen muss, dass man selbst einer ist, was?«

»Wie sind Sabrina Shells Arbeiten denn so?«

»Die beiden, die ich kenne, fand ich sehr ansprechend«, antwortete Milo. »Fantasievoll und harmonisch in Material und Form. Ich habe aber gehört, dass die Künstlerin auch sehr extrem sein kann. So in Richtung 'Revolution im Unterleib'.«

»Kann sie von ihrer Kunst leben?«

»Auf jeden Fall. In letzter Zeit macht sie immer mehr Auftragsarbeiten für Reiche und Superreiche.«

Ich seufzte. »Warum sind wir nicht mit einem solchen Talent gesegnet?«

Milo lächelte. »Wir können dafür etwas anderes.«

»Zum Beispiel Männern wie Hugh Lazar das Handwerk legen.«

Milo nickte. »Zum Beispiel.«

*

Als Hank Hogan den Fastfood-Laden in Queens, Ecke Hollis Avenue und Francis Lewis Boulevard, betrat, wollte es der Himmel, dass Ann Baylon gerade Schwierigkeiten mit einem angeheiterten Gast hatte. In den glasigen Augen des billig gekleideten Kerls funkelte eine triebhafte Gier.

Seine Lippen glänzten nass. Der Bursche war kräftig. Viel zu stark für Ann. Er hätte erreicht, was er wollte, wenn Hank nicht eingegriffen hätte, denn das Lokal war leer. Ann Baylon war mit dem geilen Bock allein.

Es wäre ihr nicht möglich gewesen, ihn sich vom Leib zu halten. Und schreien hätte auch nichts gebracht. Niemand hätte sie gehört. Der Gast hatte Ann in die Ecke gedrängt. Er betatschte sie an den unsittlichsten Stellen.

»Pfoten weg, du widerliches Schwein!«, zischte Ann Baylon. Sie war jung, nicht älter als 20, hatte brünettes Haar und große braune Augen.

»Komm schon, Baby«, keuchte er. »Hab dich nicht so. Ich will doch nur, dass du ein bisschen nett zu mir bist.«

»Vergiss es!«

»Ich breche dir auch ganz bestimmt keine deiner hübschen Verzierungen ab.« Es gelang ihm, sie zu küssen.

Seine nassen Lippen widerten sie an. Sie drückte ihn keuchend von sich und spuckte ihm voller Abscheu ins Gesicht. Daraufhin ohrfeigte er sie.

Und dann zerriss ihr Kleid mit einem hässlichen Ratschen, und der Mann wollte sie auf den Boden werfen und sich auf sie stürzen. Aber dazu kam es zum Glück nicht mehr, denn in diesem Moment fiel Hank Hogans Hand mit der Wucht eines Vorschlaghammers auf die Schulter des Widerlings.

Der Hüne riss den Alkoholisierten herum. Ann krallte die Finger in den Stoff ihres zerrissenen Kleides. Sie presste sich zitternd an die Wand. Ihre Augen schwammen in Zornestränen.

Der Typ, der sie zu vergewaltigen versucht hatte, starrte Hank Hogan gereizt an. »Du wartest gefälligst!«, schnarrte er. »Zuerst bin ich dran. Danach kannst du sie haben.«

Hank startete eine schmerzhafte erzieherische Maßnahme. Er klopfte dem Unhold die Grundbegriffe einer gesunden Moral ins umnebelte Gehirn.

Der Mann verkraftete die Lektion nicht stehend. Er fiel auf die Knie. Da Hank mit ihm noch nicht fertig war, zerrte er ihn hoch und bläute ihm noch einige weitere schlagkräftige Argumente ein. Doch der Bursche war höchst lernunwillig.

Der peinvolle Unterricht machte ihn wütend. Er geriet in Rage, schnappte sich ein Messer, das hinter dem Tresen lag, und stach damit auf Hank ein.

Die Klinge war so lang, dass er den Detektiv damit durchbohren und hinten seinen Hut hätte aufhängen können. Doch Hank Hogan war schneller, als es seine Muskelmassen ahnen ließen.

Er wirbelte zur Seite, fing den vorschnellenden Arm ab und sorgte dafür, dass sein Gegner das Messer fallen lassen musste. Der Kerl stieß einen jaulenden Schrei aus.

Hank schob das Messer mit dem Fuß elegant hinter sich und las dem lüsternen Bengel mit seinen klobigen Fäusten erneut gehörig die Leviten.

Sein Gegner schaffte keinen einzigen Punkt. Die Runde ging ganz klar an den blonden Hünen, und dem verhinderten Vergewaltiger blieb nichts anderes übrig, als die Beine in die Hand zu nehmen und sich mit geschwollenen Lippen und blutiger Nase eiligst vom Acker zu machen. Sobald der Mann draußen war, wandte sich Hank Hogan an Ann Baylon. Sie hielt ihr zerrissenes Kleid noch immer mit der Hand zusammen.

»Danke«, sagte sie. Ihre Stimme bebte. »Das war knapp. Ich denke, jede Frau lebt mit der Angst, dass ihr das einmal passieren könnte.«

»Sind Sie okay, Miss Baylon?«, erkundigte sich der Detektiv.

Sie war überrascht. »Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Ich bin Hank Hogan.«

»Ich werde mir Ihren Namen merken. Nennen Sie mich Ann, Hank.«

»Okay.«

»Würden ... Würden Sie mich einen Augenblick entschuldigen, Hank? Der Mistkerl hat mir das Kleid zerrissen. Ich würde mich gerne umziehen.«

Hank Hogan nickte. »Lassen Sie sich Zeit.«

Sie verschwand. Hank hob das Messer auf, das der Bursche zweckentfremden wollte, und legte es dort hin, wo der Trunkenbold es weggenommen hatte.

Als Ann Baylon zurückkam, hatte sie sich nicht nur umgezogen, sondern auch ihre Frisur in Ordnung gebracht und sich ein wenig geschminkt.

»Was kann ich nun für meinen starken Retter tun?«, erkundigte sie sich. Sie deutete auf die angebotenen Speisen und Getränke und sah Hank fragend an. »Was möchten Sie haben? Sie brauchen nichts zu bezahlen.«

Hank machte ein ernstes Gesicht. »Ich fürchte, Sie werden mich gleich sehr viel weniger mögen, Ann.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen, Hank. Sie haben mich vorhin vor einer ziemlich sicheren Vergewaltigung bewahrt. Ich glaube nicht, dass ich Sie wegen irgendetwas nicht mögen könnte.«

»Ann ...«

»Ja, Hank?«

»Ich bin nicht zufällig hier.«

»Sondern?«

»Weil ich hinter Jonathan Tandy her bin.«

»Oh.«

»Er ist Ihr Vater. Stimmt's?«

Ihre Lippen wurden zu einem dünnen Strich. »Er ist mein Erzeuger. Mein Vater ist Justin Baylon, denn der war immer für mich da, wenn ich ihn gebraucht habe, während sich Jonathan Tandy nie um mich geschert hat. Als er erfuhr, dass meine Mutter von ihm schwanger war, hat er sie eiskalt im Stich gelassen. Justin Baylon hat sie geheiratet, als ich drei Jahre alt war, und mir seinen Namen gegeben. Justin Baylon ist ein Ehrenmann. Jonathan Tandy ist ein Schweinehund. Kaltschnäuzig und skrupellos. Ein Verbrecher übelster Sorte. Ein durch und durch wertloser Mensch. Er handelt mit Drogen und geht über Leichen. Glauben Sie mir, es fällt mir nicht leicht, so über meinen leiblichen Vater zu reden. Es hätte aber keinen Sinn, die Tatsachen zu ignorieren oder irgendetwas zu beschönigen.«

Hank lächelte. »Das hört sich alles nicht so an, als würden Sie ihn heiß und innig lieben.«

Ein leidenschaftliches Leuchtfeuer erschien in Anns dunklen Augen. »Ich kann ihn nicht ausstehen.«

»Weiß er das?«

»Ich habe es ihm noch nie gesagt. Aber ich lasse es ihn fühlen.«

»Ich suche ihn«, sagte Hank. Er war froh, dass Ann Baylon nicht auf der Seite ihres Vaters stand. »Ich bin Privatdetektiv. Ich wollte mit ihm reden. Es hat einen Mord gegeben ...« Er unterbrach sich, wollte nicht zu weit abschweifen. Er fand es im Moment besser, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. »Egal«, sagte er und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich wollte mit ihm reden. Er hat mich mit einer Waffe bedroht und ist abgehauen.« Er erzählte Ann die Geschichte mit dem Baby.

Sie nickte grimmig. »Das sieht ihm ähnlich. So ist mein Vater. Ich bin echt stolz auf ihn.« Ihre Worte schwammen in tiefem Sarkasmus.

»Wissen Sie, wo er ist – Ihr Vater?«, erkundigte sich Hank Hogan.

Ann Baylon nickte. »Ja, Hank, ich weiß es.«

»Würden Sie es mir sagen?«

Sie blickte ihm ins Gesicht. »Ich muss – nach dem, was Sie für mich getan haben. Mein Vater hätte sein Leben nicht für mich riskiert. Er ist bei mir. In meiner Wohnung. Er sagte, ich müsse ihn ein paar Tage aufnehmen. Bat nicht. Nannte keine Gründe. Fragte nicht, ob es mir recht ist. Befahl einfach, und ich musste gehorchen, weil er mich sonst verprügelt hätte. Ich wäre Ihnen gleich noch einmal sehr dankbar, wenn Sie mich von seiner Gesellschaft befreien würden.«

Hank bleckte die Zähne. »Verraten Sie mir Ihre Adresse, und ich hole ihn mir.«

*

Die magere Künstlerin machte die Tür auf, wir wiesen uns aus und durften ihr Loft, das zugleich ihr Atelier war, betreten. »Adrienne! Glenn!«, rief sie. »Die G-men sind da!«

Die beiden erschienen. Adrienne war ziemlich blass um die Nase. Ihr Bruder hatte einen gehetzten Blick. Sie mussten um ihr Leben fürchten.

Hugh Lazar hatte bestimmt schon alle Hebel in Bewegung gesetzt, um seinen Willen zu bekommen. Wir waren für sie der allerletzte Rettungsanker. Nach uns kam nur noch ... der Tod.

»Hoffentlich ist Ihnen niemand gefolgt«, sagte Glenn Shaw.

»Das hätten wir bemerkt«, gab Milo zurück.

»Können wir gehen?«, erkundigte ich mich.

Shaw nickte. »Wir sind bereit.«

»Also dann.«

Shaw umarmte die Bildhauerin. »Danke für deine Hilfe, Sabrina.«

»Hab ich doch gern getan«, gab sie zurück.

Auch Adrienne Pillsbury umarmte die Künstlerin und bedankte sich.

»Du wirst jetzt wohl längere Zeit nichts von uns hören«, sagte Glenn Shaw. »Aber sobald alles vorbei ist, melden wir uns bei dir.«

Sabrina Shell nickte mit Tränen in den Augen. »Viel Glück. Und alles Gute.«

Wir verließen mit unseren beiden Schutzbefohlenen das Loft der Künstlerin. Ich hatte noch schnell einen Blick auf die Skulptur erhascht, an der sie gerade arbeitete, und ich muss gestehen, ich fand das Ding grauenvoll.

*

Hank Hogan klopfte an die rostrote Apartmenttür.

»Was ist?«, fragte dahinter ein Mann ziemlich unfreundlich.

»Ein Päckchen für Miss Baylon«, sagte der Detektiv. Er stand mit schussbereiter Waffe neben der Tür und hoffte, dass Jonathan Tandy so unvorsichtig sein würde, die Tür zu öffnen.

Er war es. Und er legte nicht einmal die Kette vor, obwohl es eine gegeben hätte. Hank wuchtete seine Muskelmassen gegen die Tür. Sie knallte gegen Tandy.

Er schrie auf und fiel gegen die Wand. Hank verstärkte den Druck. Tandy musste sich jetzt vorkommen wie ein Autowrack in der Schrottpresse.

Er konnte sich kaum bewegen, wollte seine Kanone ziehen, kam jedoch nicht an sie heran. Hank riss die Tür jäh zurück und schleuderte sie ins Schloss. Nun hätte sich Tandy seine Waffe greifen können, doch da Hank seinen Smith & Wesson bereits in der Faust hatte, verzichtete er lieber darauf. Hank drückte ihm seinen Revolver unters Kinn.

»Mann, Hogan, du bist lästiger als 'ne Filzlaus!«, fauchte Jonathan Tandy.

Hank grinste spöttisch. »Beharrlichkeit führt zum Ziel.« Er nahm die Waffe des Gangsters an sich.

»Wie hast du mich gefunden?«, wollte Tandy wissen.

»Mein Geheimnis.«

»Warum bist du so verflucht scharf auf mich?«

»Ich habe es dir schon mal gesagt.«

»Ach ja, du hast Freunde beim FBI. Du solltest dich schämen.«

»Besser als Freunde in der Unterwelt zu haben – und auch noch selbst zur Unterwelt zu gehören«, knurrte Hank Hogan. Er steckte seinen Smith & Wesson weg.

»Tja, jeder hat eben irgendwo seinen Platz. Ich fühle mich da, wo ich bin, am wohlsten.«

»Können wir gehen?«, fragte Hank kühl. »Oder hast du was auf dem Herd stehen?«

Jonathan Tandy starrte Hank Hogan an. Seine Augen verschossen giftige Pfeile. Er reckte sein Kinn trotzig vor. »Ich gehe mit dir nirgendwo hin, Schnüffler«, sagte er verächtlich. »Das kannst du dir mit einem ganz großen Hammer aus dem Kopf schlagen. Du bist kein Bulle, kannst mich nicht festnehmen.«

»Aber ich kann dich festnehmen lassen.«

»Mit welcher Begründung?«

»Du hast mich mit einer Waffe bedroht.«

»Weil ich mich selbst bedroht fühlte. Ich habe das Recht, mich zu verteidigen. Das ist – wie jedermann, also auch du, wissen sollte ― in der amerikanischen Verfassung verankert. Dagegen kannst du nichts machen.«

»Wie wär's mit versuchtem Mord?«

»Du tickst nicht richtig. Ich habe nicht versucht, dich zu töten.«

»Mich nicht. Aber das Baby, das du seiner Mutter entrissen hast. Wenn ich es nicht aufgefangen hätte, wäre es jetzt tot.«

Dem Gangster war plötzlich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Sein Verstand hakte aus. Anders war es nicht zu erklären, dass er abermals zu fliehen versuchte. Er stürzte sich auf Hank, wollte ihm einen Kinnhaken verpassen, doch der Detektiv erkannte den Schlag bereits im Ansatz, wich ihm aus und konterte knallhart und kompromisslos, woraufhin Jonathan Tandy wie vom Blitz getroffen zusammenbrach und sich nicht mehr rührte.

*

Der Anruf, auf den Hugh Lazar seit Tagen gespannt wartete, kam über eine abhörsichere Leitung. Der Mann am andern Ende nannte sich »Lobo«.

Wie der Wolf wirklich hieß, wusste Lazar nicht. Er hasste diese Geheimniskrämerei. Aber er konnte nichts daran ändern. Entweder er akzeptierte die Bedingungen, oder sie machten das große Geschäft mit jemand anders.

Interessenten hätte es genügend gegeben, die jederzeit für Lazar eingesprungen wären. Deshalb spuckte der Gangsterboss auch keine großen Töne, sondern gab sich zahm und unterließ alles, was seine Geschäftspartner – deren Verbindungsmann Lobo war ― hätte verärgern können.

»Wie geht es Ihnen, Mr Lazar?«, erkundigte sich Lobo höflich und kultiviert. Er fiel nicht gleich mit der Tür ins Haus, wahrte die Form.

»Mir geht es ausgezeichnet«, antwortete der Gangsterboss. »Ich kann nicht klagen. Und wie geht es Ihnen?« Eigentlich interessiert mich das einen Scheißdreck, dachte Lazar. Aber wenn man das so fragt ...

Lobo gab darüber keine Auskunft. »Sind Sie bereit für das große Geschäft?«, fragte er.

»Wir stehen in den Startlöchern. Es braucht nur noch der Startschuss zu fallen.«

»Konnten Sie das Geld auftreiben?«, wollte Lobo wissen.

»Ich bin mir mit mehreren sehr guten, äußerst zuverlässigen Investoren einig geworden. Die Million liegt auf Abruf bereit.«

»Wenn es mit diesem ersten Geschäft klappt, können Sie mit sehr einträglichen Folgegeschäften rechnen«, sagte Lobo. »Die Gruppe, die ich vertrete, kann Sie unermesslich reich machen.«

Hugh Lazar lachte. »Das höre ich gern.«

»Aber die Sache muss absolut reibungslos über die Bühne gehen«, sagte Lobo.

»Das wird sie. Dafür verbürge ich mich.«

»Meine Freunde sind sehr sensibel«, sagte Lobo.

Meine Güte, dachte Lazar. Sie sollen sich nicht anscheißen. »Sagen Sie ihnen, sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich habe alles bestens im Griff.«

»Wenn das nicht so wäre, und meine Freunde bekämen davon Wind, würden sie sich augenblicklich zurückziehen.«

»Von meiner Seite wird es keine Probleme geben. Darauf können Sie sich verlassen«, versicherte Hugh Lazar. Dann legte er auf und grummelte: »Arschloch!«

*

Das FBI-Versteck war ein gemütliches Einfamilienhaus in Brooklyn. Mit Nachbarn, die man nicht sehen konnte, weil das 700 Quadratmeter große Grundstück von einer weiß gestrichenen Backsteinmauer umgeben war, die nur ein Stabhochspringer hätte überwinden können.

Das Gebäude war mit einigem Komfort ausgestattet, jedoch nicht luxuriös eingerichtet. Niemand beim FBI wollte sich den Vorwurf machen lassen, wir würden mit den Steuergeldern allzu sorglos umgehen, ja sie sogar verschwenden.

Draußen waren mehrere Videokameras so positioniert, dass es nirgendwo einen toten Winkel gab. Und dem Geschwisterpaar würde von nun an auch noch ein G-man als Schutzengel rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Heute war es unser indianischer Kollege Orry Medina, der, wie immer, teuer und topelegant gekleidet war. Nach acht Stunden würde ihn Clive Caravaggio ablösen. Und dessen Platz würde nach weiteren acht Stunden Jay Kronburg einnehmen. Dann kam vielleicht Sarah Hunter dran.

Die Einteilung war nicht unser Bier. Das machte AD McKee. Orry war im Gästezimmer untergebracht. Über den Rest des Hauses durften Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw frei verfügen.

Der Kühlschrank war so voll, dass man sie eine Woche hätte belagern können, ohne dass die Speisen und Getränke knapp geworden wären.

Ich sah Shaw an. »Zufrieden?«

Er nickte. »Ja. Danke.« Erleichterung war in seinem Blick.

»Sobald Sie sich hier eingelebt haben, sollten Sie sich überlegen, wie Sie sich revanchieren können«, empfahl ich ihm. »Das FBI ist kein Wohlfahrtsunternehmen. Wir haben Ihnen geholfen und möchten etwas dafür haben.«

Er nickte abermals. »Meine Schwester und ich werden uns erkenntlich zeigen.«

Mein Handy klingelte. »Ja?«, meldete ich mich.

»Hank hier«, sagte der blonde Hüne am andern Ende.

»Was gibt's, Hank?«

»Ich hab den Mann, mit dem sich Zack Lammer im 'Dirty Zone' unterhalten hat. Sein Name ist Jonathan Tandy.« Er nannte die Adresse, wo wir den Gangster abholen konnten.

»Okay«, sagte ich. »Sorg dafür, dass er nicht wegläuft.«

»Kann er nicht«, erwiderte Hank. »Erstens, weil er im Moment schläft. Und zweitens, weil ich ihn zu einem Paket verschnürt habe.«

»Er schläft?«, fragte ich.

»Keine Sorge, mein Freund«, beruhigte mich der Detektiv. »Ich habe ihm weder einen Zahn ausgeschlagen noch eine Rippe gebrochen. Obwohl ... Verdient hätte er es.«

»Wir kommen sofort«, sagte ich und steckte mein Handy wieder ein.

Kapitel 9

»Miss Shell?«, fragte der vierschrötige, kahlköpfige Mann.

»Ja.« Die Bildhauerin musterte ihn argwöhnisch.

»Ich bin Captain Mitch Sciller.« Er wies sich mit der Schnelligkeit eines Taschenspielers aus und zeigte dann auf seinen ebenfalls vierschrötigen und kahlköpfigen Begleiter. »Das ist mein Kollege Sergeant John Glitter.«

Glitter nickte freundlich. »Ma'am.«

»Was kann ich für Sie tun, Captain?«, erkundigte sich Sabrina Shell.

Sciller schaute über sie hinweg ins Loft. Er sah überhaupt nicht vertrauenswürdig aus. Diese Männer rochen nach Ärger. Sabrina bereute bereits, die Tür so sorglos geöffnet zu haben.

»Wir müssen mit Glenn Shaw reden«, erklärte Mitch Sciller. »Ist er hier?«

»Nein.«

Sciller hob drohend den Finger. »Lady, Sie müssen die Wahrheit sagen.«

»Es ist die Wahrheit.«

»Die Polizei darf man nicht belügen«, sagte der Captain.

Sabrina hob abweisend den Kopf. »Darf ich Ihren Ausweis noch mal sehen?«

»Nein«, antwortete Mitch Sciller frostig. Und dann versetzte er der Bildhauerin einen so kräftigen Stoß, dass sie auf den Hintern fiel.

»Ich wusste gleich, dass ihr keine Polizisten seid«, zischte sie und sprang wütend auf.

Mitch Sciller und John Glitter – in Wirklichkeit hießen sie Butch Crane und Norman Wigger – traten ein. Wigger schloss die Tür. Crane versuchte die Bildhauerin zu packen.

Sie schnellte zurück, wirbelte herum und rannte los. Doch sie kam nicht weit. Crane stellte ihr ein Bein. Sie schlug lang hin und blieb benommen liegen.

Crane griff in ihr Haar und zog ihren Kopf hoch. »Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw!«, brüllte er. »Wo sind sie?«

Hoss Granger hatte nicht gesagt, dass Shaw hier war. Er hatte nur vielleicht gesagt. Aber für Crane war es eine Tatsache. Deshalb setzte er der Künstlerin von Anfang an brutal zu. Um ihren Widerstand zu brechen.

Da er auf seine Frage keine Antwort bekommen hatte, stieß er mit dem Fuß die Skulptur um, die noch nicht ganz fertig war. Sie krachte auf den Boden und zerbrach in mehrere Teile.

Dann verlangte er von seinem Komplizen: »Stell sie auf die Beine!«

Norman Wigger tat es mit sichtlichem Vergnügen. Butch Crane brachte sein Gesicht so nahe an das der Künstlerin heran, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten.

»Du kannst es so oder so haben, Baby«, sagte er rau. »Wir wissen, wie man jemandem weh tun kann. Es heißt zwar, dass die Schmerzgrenze von Weibern höher liegt als die der Männer, aber, glaube mir, was wir auf Lager haben, hält nicht einmal die widerstandsfähigste Hexe aus. Also noch mal. Wo sind die beiden?«

Sabrina schwieg.

»Na schön«, sagte Crane gleichgültig. »Wenn du die harte Tour bevorzugst ... Uns soll's recht sein.«

Er gab seinem Komplizen mit dem Kopf ein Zeichen. Norman Wigger trug die leichte Bildhauerin zu einem Stuhl und band sie darauf fest. Sabrina schloss die Augen.

Sie hatte Angst. Nicht nur vor den bevorstehenden Schmerzen, sondern auch davor, dass diese Folterknechte sie zum Reden bringen würden. Dass sie nicht mehr anders konnte, als Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw zu verraten.

*

Als wir die Adresse erreichten, die mir Hank Hogan genannt hatte, war Jonathan Tandy wieder bei Bewusstsein. Unser bester V-Mann, der mal wieder vorbildliche Arbeit geleistet hatte, ließ uns ein. Tandy protestierte lauthals.

Wir ließen ihn brüllen. Es störte uns nicht. Ein Mann, der sich skrupellos an einem Säugling vergreift, ist in meinen Augen das Letzte.

Der hatte von uns keine freundliche Behandlung zu erwarten. Ich dankte Hank für seine wertvolle Unterstützung und sagte dem Gangster sodann, dass wir ihn vorläufig festnahmen. Er lachte uns aus. Wir nahmen ihn trotzdem mit und steckten ihn für eine Weile in eine U-Haft-Zelle, wo er Zeit hatte, sich abzukühlen. Zwei Stunden später nahmen wir ihn uns zur Brust.

Er war so redselig wie Zack Lammer. Die meiste Zeit starrte er die Wand an und befand sich geistig in der Karibik oder sonst wo. Er bestätigte nicht, dass Hugh Lazar ein großes Drogengeschäft vorhatte. Er bestritt es aber auch nicht. Er behauptete einfach nur, nichts davon zu wissen.

Und er behauptete noch etwas: »Was immer dieser Jackie Snyder gehört haben mag, es war mit Sicherheit völlig harmlos und unwichtig. Ich weiß zwar nicht mehr genau, was wir gesprochen haben, bin mir aber ziemlich sicher, dass es nur belangloses Zeug war. Zwei Männer, die im 'Dirty Zone' herumhängen. Es ist früher Morgen. Sie haben die Nacht durchgemacht, sind müde und haben vor, bald nach Hause zu gehen ... Was glaubt ihr, was für tiefschürfende Gespräche solche Männer noch führen? Was sie von sich geben, birgt keinerlei Geheimnisse und ist nicht im mindesten brisant. Für niemanden. Die ganze Welt könnte es hören. Die beiden Männer hätten nichts dagegen. Aber es interessiert kein Schwein. So sieht's aus.« Er lehnte sich zurück und sah mal Milo und mal mich an. »Darf zur Abwechslung mal ich eine Frage stellen?«

»Nur zu«, antwortete ich.

»Wann lasst ihr mich wieder laufen?«

»Bist du uns die Wahrheit gesagt hast«, antwortete Milo

Und ich nickte bestätigend.

*

Hugh Lazars glatzköpfige »Nationalgardisten«, seine Elite-Einheit, hatte endlich einen Erfolg zu verbuchen. Butch Crane rief an und sagte: »Boss, es gibt Neuigkeiten.«

»Schieß los!«

»Sie werden dir nicht schmecken.«

»Rede schon!«, verlangte Lazar ungeduldig.

»Glenn und seine nuttige Schwester hatten sich bei einer Bildhauerin namens Sabrina Shell versteckt«, berichtete Butch Crane. »Die Künstlerin war mal mit Glenn zusammen.«

Lazar spürte ein starkes Kribbeln unter der Kopfhaut. »Sind Adrienne und Glenn noch bei ihr?«

Cranes Antwort war enttäuschend für Lazar. »Leider nein, Boss«, sagte er. »Wir haben die beiden knapp verfehlt. Es war nicht ganz einfach, die Künstlerin zum Reden zu bringen. Sie war ziemlich verstockt. Und sie konnte erstaunlich viel Schmerzen ertragen. Doch schließlich machte sie doch den Mund auf.«

»Was hat sie euch verraten?«, fragte Lazar gespannt.

»Glenn und Adrienne haben mit dem FBI ein Arrangement getroffen«, antwortete Crane.

»Das darf doch wohl nicht wahr sein!«, brüllte Lazar wütend.

»Tut mir Leid, Boss«, sagte Crane. »Das ist eine Tatsache. Kurz bevor wir bei Sabrina Shell ankamen, holten die G-men Trevellian und Tucker die Geschwister ab. Wir hatten keine Chance, es zu verhindern.«

Lazar hielt den Telefonhörer so fest, als wollte er ihn zerquetschen. »Wohin haben die verdammten G-men Adrienne und Glenn gebracht?«

»Das wissen wir nicht.«

»Hat es euch die Bildhauerin nicht gesagt?«, fragte Lazar mit belegter Stimme.

»Sie weiß es auch nicht, Boss. Du kannst mir glauben, sie hätte es uns verraten, wenn sie es gewusst hätte. Denn was wir ihr angetan haben, war sehr viel mehr, als der stärkste Bulle verkraften kann.«

In Lazars Kopf schwirrte ein Hornissenschwarm im Kreis. Er dachte an Lobo und dessen sensible Freunde. Wenn ihnen das zu Ohren kommt, lassen sie das große Geschäft platzen!, ging es ihm durch den Sinn. Und dann bleiben auch die einträglichen Folgegeschäfte aus. Adrienne und Glenn wissen viel. Und sie werden reden, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Verfluchter Mist. Jetzt ist die Scheiße mächtig am Dampfen. Was soll ich tun? Was soll ich bloß tun? Wie kommt man an Leute heran, die das FBI unter seine Fittiche genommen hat? Wo haben die G-men Adrienne und Glenn versteckt?

»Hallo, Boss«, sagte Butch Crane am andern Ende. »Bist du noch dran?«

Er riss Lazar damit aus seinen peinigenden Gedanken. Der Gangsterboss blinzelte benommen. Er hatte das Gefühl, zuviel Valium geschluckt zu haben.

Sein Geist war furchtbar träge geworden. Verflixt, er musste ihn schleunigst wieder in Schwung bringen. Ihm musste etwas einfallen. Und zwar rasch.

Er brauchte eine Idee. Eine gute Idee. Die beste. Wenn sie ihm nicht blitzschnell einfiel, würden die G-men sich mit den Sprenggeschossen, die sie von Adrienne und Glenn bekamen, auf ihn einschießen, und es würde ihn wie eine überreife Melone, auf die geballert wird, zerreißen.

»Boss?«

»Ja«, sagte Lazar heiser. »Ja, Butch, ich bin noch dran.«

»Was sollen wir jetzt tun?«

Gute Frage, dachte Lazar. Ich wollte, ich könnte sie beantworten. »Ich weiß es noch nicht«, sagte er. »Ich muss mir was überlegen. Kommt erst mal nach Hause. Was ist mit der Bildhauerin.«

»Der geht es nicht gut«, erklärte Crane gefühllos.

»Wird sie am Leben bleiben?«

»Sie ist zäh wie eine Katze. Sie wird es schaffen.«

»Seid ihr noch bei ihr?«, fragte Lazar.

»Ja.«

»Sagt ihr, wenn sie sich an die Bullen wendet, macht ihr sie kalt.«

»Das haben wir bereits getan.«

»Sorgt dafür, dass sie nicht abnippelt«, verlangte Lazar. »Das würde mir jetzt überhaupt nicht in den Kram passen. Sobald ihr sie einigermaßen auf Vordermann gebracht habt, will ich euch sehen.«

»Geht klar, Boss«, sagte Crane und beendete das Gespräch.

Lazar biss sich so fest auf die Unterlippe, dass er blutete. Er hatte in seiner »schwarzen« Karriere zu oft Glück und Erfolg gehabt. Er war verwöhnt.

Zu viele Dinge waren zu oft glatt gegangen. Er war heute zum ersten Mal aus dem Tritt gekommen und suchte fieberhaft nach einer Lösung des anstehenden Problems.

Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw durften nicht reden. Und wenn sie es doch taten, durften sie nicht mehr am Leben sein, um ihre Aussage bestätigen zu können, wenn es zu einer Gerichtsverhandlung kam.

Aber wie kam man an sie heran?

*

Sabrina Shell lag halb betäubt auf dem Sofa. Ihr war, als würde sie schweben. Zwischen Diesseits und Jenseits? Zwischen Tod und Leben? Zwischen Himmel und Hölle? Sie wusste es nicht.

Die kahlen Folterknechte hatten sie gezwungen, schmerzstillende Tabletten zu schlucken. Sie hatten ihre Wunden versorgt und anschließend das Loft verlassen.

Zuvor aber hatten sie ihr noch scharf und prägnant eingeschärft, dass sie sich auf gar keinen Fall an die Polizei wenden dürfe, weil sie sonst wiederkommen und ihr noch mehr und weit schlimmere Schmerzen zufügen würden.

Schmerzen, an denen sie mit absoluter Sicherheit zugrunde gehen würde. Sabrina glaubte ihnen das aufs Wort. Sie weinte. Heiße Tränen quollen aus ihren Augen und rannen ihr über die Wangen. Die Tabletten dämpften den Schmerz zwar, vermochten ihn jedoch nicht völlig auszuschalten.

Doch es war nicht so sehr der Schmerz, der ihr die Tränen aus den Augen trieb, sondern auch und vor allem die Tatsache, dass diese brutalen Kerle sie zum Reden gebracht hatten. Sie hatte ihnen kein Wort verraten, hatte keine Namen nennen wollen, doch diese kahlköpfigen Verbrecher hatten Mittel und Wege gefunden, ihr trotziges Schweigen zu brechen.

Und das ärgerte die Künstlerin. Sie war enttäuscht von sich und schämte sich, weil sie nicht stark genug gewesen war, um den Torturen zu widerstehen.

»Verzeiht mir«, flüsterte sie, halb im Delirium. »Verzeiht. Verzeiht. Verzeiht. Ich wollte nicht reden. Wollte nichts sagen. Aber diese Schmerzen ... Diese unerträglichen Schmerzen ...« Sie schloss die Augen und schluchzte leise.

Das Telefon läutete. Sie hörte es so, als würden Daunenkissen auf ihren Ohren liegen. Sie drehte den Kopf und schaute zum Apparat hinüber.

Auf dem Boden lag die zertrümmerte Skulptur. Viele Stunden Arbeit – umsonst. Sie würde noch mal von vorn anfangen müssen. Aber nicht so bald.

Vielleicht in drei, vier Wochen. Falls sie sich bis dahin erholt hatte. Das Telefon läutete weiter. Sabrina versuchte erst gar nicht, an den Apparat zu kommen.

Sie wusste, dass sie es niemals geschafft hätte, ihn zu erreichen. Vielleicht wäre es ihr gelungen, aufzustehen. Aber dann wäre sie gleich neben dem Sofa zusammengebrochen, und das wollte sie sich ersparen.

Irgendwann hörte das Läuten auf. Stille kehrte im Loft ein. Und Sabrina war allein mit ihren dumpfen, pochenden und bohrenden Schmerzen.

*

Mr McKee ließ Zack Lammer und Jonathan Tandy in eine Spezialzelle sperren. Hochsensible Mikrofone übertrugen alles, was die beiden miteinander redeten.

Jedes Wort wurde aufgezeichnet. Der AD hoffte, dass entweder Lammer oder Tandy – oder beide – irgendetwas von sich geben würden, was für uns von Interesse sein könnte. Doch die gerissenen Schurken schienen den Braten zu riechen.

Sie sagten nichts, was sie oder Hugh Lazar belastet hätte. Mir kam es so vor, als würden sie für uns ein raffiniertes Hörspiel abziehen.

Lammer: »Trevellian und Tucker leiden an einer Art von Verfolgungswahn. Die sind echt bescheuert, sag ich dir. Sie sind nicht davon abzubringen, dass Jackie Snyder im 'Dirty Zone' etwas ganz Großes gehört haben muss.«

Tandy: »Wir waren müde, wollten nur noch einen letzten Absacker trinken und anschließend heimgehen. Das habe ich ihnen gesagt. Aber sie haben es mir nicht abgekauft.«

Lammer: »Verfolgungswahn. Ich sag's ja.«

Tandy: »Ich weiß, ehrlich gesagt, gar nicht mehr, worüber wir geredet haben.«

Lammer: »Meinst du, ich? Ich glaube, unser Thema waren mal wieder, wie schon so oft, die Weiber. Welche Puppe mit welcher Masche am besten rumzukriegen und flachzulegen ist.«

Tandy: »Ja. Jetzt fällt es mir wieder ein. Genau das war unser Thema.«

Lammer: »Wie war das doch gleich noch mal mit Linda?«

Tandy: »Die hat es gern, wenn ein Mann ein bisschen großzügig ist. Spendier ihr ein gutes Abendessen, schenk ihr ein Dutzend roter Rosen, und ihre Schlafzimmertür springt auf, als wäre davor eine Sprengladung gezündet worden.«

Es war eine perfekte Verarsche, die uns diese Mistkerle hier boten. Reine Zeitverschwendung, ihnen zuzuhören.

*

Orry Medina fiel es nicht schwer, das Vertrauen seiner Schützlinge zu gewinnen. Der gut aussehende G-man spürte, dass Adrienne Pillsbury (sie konnte es einfach nicht lassen, obwohl ihr Trieb sie in Teufels Küche gebracht hatte) auch privat an ihm interessiert gewesen wäre, doch er wahrte eine salonfähige Distanz und gab Adrienne keinerlei Anlass, zu glauben, dass er ihr Interesse erwiderte.

Als Orry auf die Terrasse hinausging, griff Glenn Shaw nach dem Arm seiner Schwester. Der Druck seiner Finger war so hart, dass sie erschrak.

»Du tust mir weh«, sagte sie.

»Hör auf damit!«, zischte Shaw.

Sie riss sich ärgerlich los. »Womit denn?«

»Du weißt, was ich meine.«

»Nein, weiß ich nicht.«

»Hör auf damit, Medina schöne Augen zu machen!«, verlangte Glenn Shaw.

»Tu ich doch gar nicht.«

Zorn funkelte in Shaws Augen. »Meinst du, ich bin blind? Ich sehe doch, wie du mit ihm kokettierst.«

»Ach, du spinnst ja.« Adrienne setzte sich auf die Couch, nahm ein Frauenmagazin in die Hand und begann darin unaufmerksam zu blättern.

Shaw kniff die Augen zusammen. Er hätte ihr am liebsten eine gescheuert. »Es liegt dir so sehr im Blut, dass du es selbst gar nicht mehr merkst, wie? Verdammt noch mal, benimm dich nicht immer gleich wie ein billiges Flittchen, sobald ein Mann in deine Nähe kommt, der dir gefällt. Du hast doch gesehen, wohin so was führt. Wieso lernst du nicht aus deinen Fehlern?«

»Ach«, fauchte sie gereizt, »lass mich in Ruhe.«

Er maß sie verächtlich. »Du bist dieselbe mannstolle Schlampe wie unsere Mutter.«

»Spiel bloß nicht den Moralapostel. Du bist auch nicht gerade ein Heiliger.«

Orry Medina kehrte ins Wohnzimmer zurück. Die Geschwister verstummten. Dem G-man fiel aber dennoch auf, dass plötzlich dicke Luft herrschte.

Adrienne legte das Frauenmagazin beiseite und stand auf. »Kaffee, Orry?«, erkundigte sie sich mit einem Lächeln, das ihrem Bruder nicht gefiel. Aber sie scherte sich nicht darum.

Orry Medina nickte. »Gute Idee.«

Adrienne ging in die Küche und kam wenig später mit zwei Tassen zurück.

»Und was ist mit mir?«, fragte Glenn Shaw. Sein Blick war finster und stechend.

»Oh, tut mir Leid«, sagte Adrienne scheinheilig. »Ich wusste nicht, dass du auch einen möchtest. Aber du bist ja schon ein großer Junge und weißt, wie man eine Kaffeemaschine bedient. Oder nicht?«

Shaw verschwand in die Küche.

»Herrscht Krieg zwischen euch?«, erkundigte sich Orry Medina.

Sie zuckte mit den Achseln. »Mein lieber Bruder nörgelt ständig an mir herum. Mal passt ihm dies, mal jenes nicht. Dabei ist er selbst nicht perfekt. Ich meine, wer ist das schon? Hat nicht jeder Mensch seine Fehler? Ich kann Glenns ständige Bevormundung und seine unqualifizierte Kritik nicht ausstehen. Warum akzeptiert er mich nicht endlich so, wie ich bin? Mal ehrlich, Agent Medina. Finden Sie mich denn so schrecklich?«

Orry brauchte nicht zu antworten. Glenn Shaw kehrte mit einer Kaffeetasse aus der Küche zurück und setzte sich. Adrienne trank ihren Kaffee und betrachtete dabei über den Rand ihrer Tasse nachdenklich den attraktiven G-man.

Sie ist unmöglich!, dachte Shaw.

*

Nick »Doc« Cassidy hatte sich klobige Kopfhörer aufgesetzt, lag auf dem sandfarbenen Teppichboden und zog sich die neueste Genesis-CD rein.

Zwischen zwei Tracks war ihm, als hörte er jemanden an seine Tür klopfen. Nein, hämmern. Er nahm die Hörer ab, und da versuchte tatsächlich jemand seine Tür mit dem Fäusten einzuschlagen.

Er stand auf. »Ja!«, rief er. »Ja! Ist ja gut! Ist ja schon gut! Ich komme schon!« Er riss die Tür auf. »Bist du bescheuert?«, herrschte er Gene Harris an. »Was soll das? Willst du das Haus zum Einsturz bringen?«

»Ich klopfe schon mindestens zehn Minuten«, beschwerte sich Harris.

»Du hast dir einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht. Ich hab Musik gehört. Komm rein. Was gibt's denn so Dringendes?«

Harris trat ein. Cassidy schloss die Tür.

»Der Boss will uns sehen«, sagte Harris.

»Wann?«

»Jetzt gleich.«

In Cassidys Gesicht zuckte es. »Ich hab noch nicht vergessen, wie er mich behandelt hat.«

»Das solltest du aber«, empfahl ihm Harris.

Cassidy schüttelte grimmig den Kopf. »Kann ich nicht. Da bin ich nachtragend wie ein Elefant. Irgendwann kriegt der selbstherrliche Bastard dafür die Rechnung präsentiert. Darauf kannst du einen lassen.«

Harris verzog das Gesicht. »Tu mir den Gefallen und behalt solche Dinge in Zukunft für dich, Doc. Ich will nichts davon wissen. Was du mit dem Boss hast, geht mich nichts an.«

Cassidy lachte spöttisch. »Meine Güte, was bist du doch für eine feige Kreatur.«

»Ich lebe gern. Ist das nicht zu verstehen?« Harris wedelte mit der Hand. »Mach schon. Ich möchte den Boss nicht warten lassen.«

»Arschkriecher.«

Harris zuckte mit den Achseln. »Du kannst auch gerne nachkommen. Kein Problem.«

Nick Cassidy schaltete den CD-Player aus und legte die Kopfhörer, die angesteckt blieben, auf das Gerät. »Genesis«, sagte er. »Irrer Sound.«

Sie verließen Cassidys Wohnung und fuhren zu Hugh Lazar. Als sie dort eintrafen, leisteten Butch Crane und Norman Wigger dem Gangsterboss Gesellschaft.

»Setzt euch!«, sagte Lazar.

Seine Männer nahmen Platz. Er blieb stehen. Rastlos ging er hin und her. Den Kopf gesenkt, die Stirn gefurcht. Er sprach über das große »Verbrechen«, das Adrienne Pillsbury und ihr Halbbruder Glenn Shaw begangen hatten.

»Jetzt werden sie beim FBI auspacken«, knurrte er. »Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätten sie sich nicht aussuchen können.« Er ballte die Hände zu Fäusten. »Verdammt, sie werden mir das Geschäft meines Lebens versauen, wenn wir sie nicht daran hindern.« Er schrie die Worte wütend heraus.

Gene Harris hob ratlos die Schultern. »Wenn das FBI sie versteckt hat, wüsste ich nicht, wie man an sie herankommen könnte.«

Hugh Lazar blieb stehen. Sein Blick wanderte von einem Mann zum andern. »Hat sonst noch einer keine Idee?«, fragte er zynisch.

Butch Crane und Norman Wigger schwiegen. Sie hatten sich die kahlen Schädel schon lange genug zerbrochen, waren aber zu keinem brauchbaren Ergebnis gekommen. Nick »Doc« Cassidy jedoch behauptete, eine Idee zu haben.

»Lass hören!«, verlangte Lazar.

Cassidy – geldgeil wie immer, schließlich war er des schnöden Mammons allergrößter Fan – meinte mit sehr vorsichtig gewählten Worten, um den Boss nicht wieder in Rage zu bringen, die Lösung des Problems sollte diesem einiges Wert sein.

Gene Harris stöhnte im Geist. In einer so heiklen Situation getraut der Blödmann sich, so was zu sagen, dachte er. Er ist meschugge, sobald er Geld wittert. Da werden seine Pupillen zu riesigen Dollarzeichen. Bescheuerter Raffzahn. Du solltest nicht Cassidy, sondern Moneypenny heißen. Dieser Name würde sehr viel besser zu dir passen.

Hugh Lazar überlegte kurz. Dann nickte er und sagte: »Okay. Wer es schafft, Adrienne und Glenn mundtot zu machen, kann mit fünftausend Dollar rechnen. Solltet ihr alle vier daran beteiligt sein, gibt es für jeden fünftausend.«

Cassidy leckte sich die Lippen. »Das hört sich gut an, Boss.« Sein Blick wirkte verklärt. Vielleicht zählte er bereits im Geist die knisternden Scheine. Das Rascheln von Banknoten war Musik in seinen Ohren – schöner als die beste Rhapsodie von Brahms, Liszt oder Gershwin.

»Können wir nun erfahren, was dir eingefallen ist, Doc?«, fragte Lazar. Er konnte seine Ungeduld kaum noch bezähmen.

»Ganz einfach«, sagte Cassidy, als wäre er Einstein, und ihm wäre soeben die Relativitätstheorie eingefallen. »Wir schnappen uns Tucker ...« Er machte eine Kunstpause und ließ seine Worte erst mal in die Köpfe der Anwesenden sickern.

»Und was weiter?«, fragte Lazar mit einer Handbewegung, als wollte er Cassidys Motor ankurbeln.

Nick »Doc« Cassidy grinste. Er schien sehr stolz auf seinen Einfall zu sein. »Wir schnappen uns Tucker und setzen Trevellian unter Druck«, sagte er. »Die beiden sind wie siamesische Zwillinge. Immer zusammen. Wenn man sie trennt, ist jeder von ihnen erstens nur noch halb so gut, und zweitens würde einer den andern niemals im Stich lassen. Das heißt, dass es so gut wie nichts gibt, was Trevellian nicht tun würde, um seinen Kumpel gesund und wohlbehalten wiederzubekommen.«

»Du meinst, wir könnten ihn auf diese Weise sogar dazu bringen, uns zu verraten, wo das FBI Adrienne und ihren Bruder versteckt hat?«, fragte Gene Harris.

Cassidy nickte. »Ja, das meine ich.«

Butch Crane sagte mit dem breitesten Grinsen der Saison: »Vielleicht können wir Trevellian sogar dazu bringen, Adrienne und Glenn umzulegen.«

Cassidy zog die Augenbrauen zusammen. »Wir sollten den Bogen nicht überspannen«, erwiderte er. »Trevellian mag schon mal wegschauen, um seinem Freund und Kollegen das Leben zu retten. Aber ich glaube nicht, dass er für uns auch killen würde. Das müssen wir dann schon selbst erledigen.«

»Bist ein ausgeschlafenes Kerlchen, Doc«, sagte Hugh Lazar zufrieden. Er sah Crane und Wigger durchdringend an. »Wieso ist euch das nicht eingefallen?«, fragte er vorwurfsvoll.

Die Kahlköpfe schwiegen.

Aber Crane dachte: Scheiße, was soll das, Boss? Dir ist es ja auch nicht eingefallen.

Hugh Lazar sah einen Silberstreifen am düsteren Horizont. Er rieb sich die Hände und sagte: »Okay. Lasst uns überlegen, wie wir die Sache angehen sollen.«

*

Neve Paras war Sängerin. Sie sang wie Barbra Streisand und sah aus wie Angelina Jolie. Kein Wunder also, dass sie eine Menge Fans hatte und ihr die begeisterte Männerwelt in Scharen zu Füßen lag. Sie trat zurzeit in einem Broadway-Nachtklub namens »Belinda« auf, der Hugh Lazar gehörte.

Doch das wusste sie nicht. Wenn sie es gewusst hätte, hätte sie das verlockende Angebot niemals angenommen, denn sie wollte mit Unterweltgrößen wie Lazar nichts zu schaffen haben.

Vor etwa drei Monaten hatte sie auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten von an Mukoviszidose leidenden Kindern die G-men Jesse Trevellian und Milo Tucker kennen gelernt. Die beiden hatten Ralph Meeker, den Veranstalter, beschützt ― einen bekannten Baulöwen, dem am Vortag eine schriftliche Morddrohung ins Haus geflattert war.

Eine Morddrohung, die das FBI sehr ernst genommen hatte. Zu Recht, wie sich alsbald herausstellen sollte, denn zu später Stunde war ein als Kellner verkleideter Mann aufgetaucht und hatte mehrere Schüsse auf den Gastgeber abgegeben.

Rufus Culp, der Attentäter, war Architekt gewesen. Er war pleitegegangen, weil ihm Ralph Meeker sämtliche Aufträge entzogen hatte.

Der Baulöwe hatte dies allerdings nicht aus reiner Willkür, sondern aus einem sehr triftigen Grund getan: Der Rohbau eines Einkaufszentrums war in sich zusammengekracht und hatte drei Arbeiter erschlagen, weil Rufus Culp geschludert und die Statik falsch berechnet hatte.

Die Kugeln, die der erboste und uneinsichtige Architekt auf den verhassten Ralph Meeker abgefeuert hatte, hatten diesen nur deshalb ganz knapp verfehlt, weil Trevellian und Tucker höllisch aufgepasst hatten.

Es war ihnen nicht nur gelungen, Meeker vor Schaden zu bewahren. Sie hatten es auch geschafft, Rufus Culp zu überwältigen und zu entwaffnen, bevor er sich vor allen vor Schreck gelähmten Gästen die Pistole in den Mund stecken und selbst richten konnte.

Neve Paras hatte zum ersten Mal aus nächster Nähe – man kann sagen hautnah, denn sie stand direkt neben Meeker, als die Schüsse fielen ― miterlebt, wie schnell und effizient FBI-Agents im Ernstfall zu reagieren vermögen.

Es hatte sie verblüfft und mächtig beeindruckt, zu sehen, wie blitzartig die Situation von Trevellian und Tucker entschärft worden war. Tags darauf hatte sie Milo Tucker angerufen und sich mit ihm zum Abendessen verabredet. Es hatte nach dem Beginn einer wonnevollen Affäre ausgesehen, und Neve hätte nichts dagegen gehabt, wenn sich mehr daraus entwickelt hätte, doch es hatte sich schon bald herausgestellt, dass Milo Tucker zu sehr mit seinem Beruf verheiratet war und eine weitere feste Bindung für ihn deshalb niemals infrage kommen würde.

Sie hatten sich als Freunde getrennt ― und Hugh Lazar wusste das. Deshalb beschloss der skrupellose Gangsterboss, Neve Paras als Köder zu benutzen. Er wollte Milo Tucker mit ihrer Hilfe in die Falle locken.

Als sie nach ihrem letzten Auftritt im »Belinda« ihre Garderobe betrat, wurde sie von Hugh Lazar und seinen beiden kahlhäuptigen Bodyguards erwartet. Ihre Miene versteinerte. Sie starrte den Gangsterboss und dessen vierschrötige Begleiter mit den kahl rasierten Schädeln abweisend an.

»Hallo, Goldkehlchen«, sagte Lazar.

»Bitte verlassen Sie meine Garderobe!«, verlangte sie schneidend und reckte ihr Kinn energisch vor.

»Später«, erwiderte der Gangsterboss gelassen.

»Ich möchte mich umziehen.«

Hugh Lazar grinste. Seine Leibwächter ebenfalls. »Nur zu«, sagte Lazar. »Wir haben nichts dagegen. Und wir gucken dir auch ganz bestimmt nichts weg. Außerdem kennen wir den Unterschied zwischen Mädchen und Jungs schon ziemlich lange.«

Neve Paras kniff die Augen zusammen. »Was wollen Sie, Lazar?«, fauchte sie wie eine Wildkatze.

»Ich brauche deine Hilfe.«

»Wobei? Soll ich etwa für Sie dealen?«

Hugh Lazar lachte. »Oh, nein. Nein. Dafür habe ich meine Leute. Du kriegst von mir einen Spezialauftrag.«

»Ich arbeite nicht für Sie«, stellte Neve Paras entschieden klar.

Der Gangsterboss lächelte triumphierend. »Du tust es schon die ganze Zeit, Süße. Dieser Klub gehört nämlich mir. Aber das nur am Rande. Lass uns gleich zu deinem Job kommen.«

Neve verschränkte die Arme vor der Brust. Sie trug ein Kostüm, das sehr viel Haut zeigte. Sie sah darin sehr sexy aus, und Butch Crane und Norman Wigger hofften, dass der Boss ihnen in Kürze erlaubte, es ihnen vielleicht sogar befahl, sie zu betatschen.

»Du kennst den G-man Milo Tucker«, sagte Hugh Lazar, »bist mit ihm befreundet.«

Neve versuchte die Sache herunterzuspielen. »Ich war mit ihm ein paar Mal aus ...«

Lazar fiel ihr mit erhobener Stimme ins Wort: »Er hat was für dich übrig, und das zählt für mich.«

Neve presste die Lippen fest zusammen. Dieser charakterlose Gangsterboss schien die Absicht zu haben, Milo übel mitzuspielen. Aber nicht mit mir, dachte die Sängerin trotzig. Ganz sicher nicht mit mir!

Aber sie ahnte nicht, wozu Butch Crane und Norman Wigger fähig waren.

»Ich will Milo Tucker haben«, sagte Lazar frostig. »Und du wirst mir helfen, ihn zu kriegen.«

»Niemals!«, zischte Neve.

Lazar rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf. »Das ist eine Antwort, die ich nicht akzeptieren kann, Baby. Es steht für mich zuviel auf dem Spiel. Entweder du hilfst mir freiwillig ...«

»Niemals!«, wiederholte die Sängerin.

Lazar hob die Schultern. »Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als dich meinen Männern zu überlassen.« Er wandte sich an Crane und Wigger. »Nehmt sie euch vor, Jungs. Aber bringt sie nicht gleich um. Sie wird noch gebraucht.« Er sah wieder Neve an. »Du wirst es nicht glauben, Goldkehlchen. Ich bin ein zart besaiteter Mensch. Ja, das bin ich wirklich. Deshalb hätte ich dir gerne erspart, was jetzt auf dich zukommt. Du bist wunderschön. Das wirst du nachher nicht mehr sein. Vielleicht nie mehr. Wie schlimm es für dich wird, hast du selbst in der Hand.« Er stand auf. »Ich gehe jetzt hinaus und komme später wieder. Meine Männer können sehr grob sein. Ich will nicht sehen, was sie alles mit dir anstellen.«

Neve begann vor Angst zu zittern.

Lazar ging zur Tür. Er schärfte seinen Bodyguards noch einmal ein, es nicht zu übertreiben. Dann ging er hinaus. Und Butch Crane und Norman Wigger begannen mit ihrer Arbeit. Sie setzten der Sängerin in ähnlicher Weise zu, wie sie es bei Sabrina Shell getan hatten, und sie waren zuversichtlich, dass sie, nach der Bildhauerin, auch die Sängerin mühelos weich kriegen würden.

*

Wir hatten ein erstes Gespräch mit Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw hinter uns. Das Geschwisterpaar war sehr redselig gewesen. Die beiden hatten nichts dagegen gehabt, dass wir alles, was sie sagten, aufzeichneten.

Wertvolles Material kam dabei zusammen. Aber das war erst die Spitze des Eisbergs. Ich spürte ganz deutlich, dass sich noch sehr viel mehr zutage fördern ließ, wenn wir eifrig weitergruben. Hugh Lazars Tage in Freiheit waren gezählt.

Die Anklageschrift würde so dick sein, dass ein Mann allein sie nicht tragen konnte. Und sie würde ausreichen, um den Gangsterboss bis ans Ende seiner Tage gesiebte Luft atmen zu lassen. Sowohl Adrienne Pillsbury als auch ihr Halbbruder hatten bestätigt, dass Lazar ein ganz großes Drogengeschäft plante.

»Mit wem?«, wollte ich wissen.

»Das ist mir nicht bekannt«, antwortete Shaw.

»Mir auch nicht«, sagte seine Schwester. »Ich habe nur mal gehört, wie Hugh mit einem Mann namens 'Lobo' telefonierte. Er scheint Hughs Geschäftspartner, die sich vorläufig noch im Hintergrund halten, zu vertreten. Ich nehme an, sie werden erst dann in Erscheinung treten, wenn das Geschäft abgewickelt wird. Wenn überhaupt.«

»Vielleicht kreuzt dieser Lobo auch bloß mit ein paar Handlangern auf, um das Rauschgift zu liefern und das Geld von Hugh Lazar entgegenzunehmen«, sagte Shaw.

Wann und wo der große Drogen-Deal über die Bühne gehen würde, wussten Adrienne Pillsbury und ihr Bruder nicht.

»Wie es aussieht, weiß das im Moment nicht einmal Lazar selbst«, sagte Shaw.

»Lobo wird es ihm sehr kurzfristig sagen«, nahm Adrienne Pillsbury an.

»In was für einer Größenordnung wird sich das Geschäft bewegen?«, wollte Milo wissen.

»Lazar wird eine Million Dollar lockermachen«, antwortete Glenn Shaw.

Mein Partner pfiff erstaunt durch die Zähne. »Eine Million? Hat er denn so viel Geld?«

»Es gibt ein paar Leute, die ihm aushelfen«, erklärte Shaw. »Natürlich gegen eine entsprechend hohe Verzinsung. Und sie kriegen auch was vom Stoff ab.«

Wir wollten ein paar Namen hören, doch da war das Geschwisterpaar erneut überfragt.

Wir beschlossen, die fruchtbare Unterhaltung tags darauf fortzusetzen, verließen das FBI-Versteck, stiegen in meinen Sportwagen – und nun waren wir nach Hause unterwegs. Mitternacht war vorbei. Über der Stadt schwebte die große Scheibe des fast vollen Mondes.

Der Himmel war klar. Die Sterne funkelten wie Diamanten auf schwarzem Samt. Milo saß neben mir auf dem Beifahrersitz und gähnte herzhaft.

»Hör auf damit«, verlangte ich. »Das ist ansteckend.«

»Aber nur dann, wenn du die gähnende Person magst«, erwiderte Milo. »Das haben Wissenschaftler herausgefunden. Wenn jemand gähnt, der dir sympathisch ist, musst du ebenfalls gähnen. Wenn es jedoch jemand tut, den du nicht ausstehen kannst, gähnst du nicht.«

Ich gähnte und sagte hinterher, mir ein schelmisches Grinsen verkneifend: »Womit ich diese These auch schon anschaulich widerlegt hätte.«

»Wieso?«, fragte Milo irritiert. »Du magst mich doch.«

Ich wiegte den Kopf. »Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher.« Ich stoppte meinen Wagen. »Los, raus!«

Milo wollte protestieren, doch dann sah er, dass ich an unserer Ecke gehalten hatte, öffnete die Tür und stieg aus. »Bis morgen, äh, heute«, sagte er und schwappte die Tür zu.

Ich fuhr weiter. Eine Weile sah ich ihn noch im Rückspiegel. Dann war er weg.

*

Hugh Lazar trat aus dem »Belinda« und zündete sich eine Zigarette an. Zum letzten Jahreswechsel hatte er sich vorgenommen, das Rauchen aufzugeben.

Das Jahr davor hatte er diesen Entschluss ebenfalls gefasst, doch es war in beiden Fällen nichts daraus geworden. Er rauchte in letzter Zeit sogar noch mehr.

Kein Wunder. Er hatte Sorgen. Und er musste sich ständig über jemanden ärgern. Mal über seine mannstolle Freundin, die inzwischen seine Ex-Freundin war. Mal über sie und ihren gottverdammten Bruder, der mit ihr in die schützenden Arme des FBI geflohen war. Mal über den geldgierigen Doc ...

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, im schwarzen Schatten einer Hauseinfahrt, standen Nick »Doc« Cassidy und Gene Harris. Lazar ging zu ihnen hinüber.

»Wie sieht's aus, Boss?«, erkundigte sich Harris.

Lazar schüttelte mit finsterer Miene den Kopf. »Sie war nicht dazu zu bewegen, mir freiwillig zu helfen. Meine Güte, sie hätte doch bloß den G-man anzurufen und ihm etwas vorzuflunkern brauchen. Aber nein. Sie lehnte es partout ab, mir diesen Gefallen zu tun.«

»Und was nun?«, fragte Harris.

»Jetzt nehmen Butch und Norman sie sich vor«, sagte Lazar und zog wieder an seiner Zigarette. Der Rauch sickerte langsam aus seinen Nasenlöchern.

»Das wird den beiden mächtig Spaß machen«, bemerkte Cassidy. Er verabscheute die brutalen Schergen des Gangsterbosses. Und er hoffte, nie in den »Genuss« zu kommen, von ihnen durch den Wolf gedreht zu werden.

»Ihr weniger«, sagte Harris.

Lazar zuckte gleichgültig mit den Achseln. »Sie hätte sich das ersparen können. Aber wenn sie's lieber hart möchte – mir soll's recht sein.«

Gene Harris stellte sich vor, was Crane und Wigger in diesem Moment mit der schönen Sängerin anstellten, und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er war bestimmt nicht zart besaitet, aber da, wo er in solchen Situationen seine Grenzen hatte, lebten Crane und Wigger erst so richtig auf.

Hugh Lazar zog noch einmal kräftig an seiner Zigarette. Dann warf er sie auf den Boden, trat die Glut aus und kehrte ins »Belinda« zurück.

Kapitel 10

Als Milo seine Wohnung betrat, läutete das Telefon. »Perfektes Timing«, brummte er und ging zum Apparat. Auf dem Weg dorthin zog er seine Jacke aus, warf sie über eine Stuhllehne und gähnte wieder einmal. Dann griff er sich den Hörer und meldete sich. »Tucker.«

Stille am andern Ende. Aber die Leitung war nicht tot.

»Hallo!«

Stille.

»Hallo, wer ist da?«

Nichts.

»Mann, wer immer du bist!«, knurrte Milo ungehalten. »Weißt du, wie spät es ist? Um diese Zeit sollte man sich solche Scherze verkneifen.«

Ein Laut, den Milo nicht definieren konnte, kam aus dem Hörer. War es ein Schmerzlaut gewesen? Hatte jemand geseufzt? Geächzt? Geschluchzt? Befand sich jemand in Not? Jemand, den Milo kannte? Wollte ihn die Person um Hilfe bitten, brachte aber kein Wort heraus?

»Hallo, wer ist da?«, versuchte es Milo noch einmal. »Wie heißen Sie? Nennen Sie Ihren Namen! Sind Sie verletzt? Brauchen Sie Hilfe? Wenn ich Ihnen helfen soll, müssen Sie mit mir sprechen. Wo sind Sie? Von wo rufen Sie an?«

»Milo«, kam es dünn und zitternd aus dem Hörer.

Er erschrak. Das war eine Frau. Und der war offenbar übel mitgespielt worden. Eine Frau, die er kannte. Sonst hätte sie ihn nicht mit seinem Vornamen angesprochen. Sein Herz schlug schneller. Sarah?

War das Sarah Hunter, seine Kollegin? Sie hätte es sein können. Ja, es hätte ihre Stimme sein können. Hatte sie einen Unfall gehabt? War sie überfallen, zusammengeschlagen und ausgeraubt worden?

»Sarah?«, fragte er heiser.

»Neve, Milo ... Ich bin Neve ...«

»O mein Gott, Neve, was ist passiert?«

Sie sagte etwas, das er nicht verstand.

Er machte sich die allergrößten Sorgen um sie. »Neve, wo bist du?«

Sie sprach wieder sehr undeutlich. Aber er glaubte doch, gehört zu haben, dass sie in dem Nachtklub war, in dem sie zurzeit auftrat. Im »Belinda«. In ihrer Garderobe.

Er fragte sie aufgewühlt, ob er sie richtig verstanden habe, und sie sagte Ja. Milo nahm sich nicht die Zeit, weitere Fragen zu stellen.

Neve Paras war in Schwierigkeiten. Er musste schnellstens zu ihr. Vielleicht hatte es im »Belinda« eine Schießerei gegeben, und Neve hatte eine Kugel abgekriegt.

Das war nicht unmöglich. Das »Belinda« wäre nicht der erste Nachtklub gewesen, in dem geschossen wurde. Wie auch immer ... Was auch immer ...

Milo blaffte in die Sprechmuschel: »Ich komme sofort!«, und legte auf.

*

»Sehr brav«, lobte Hugh Lazar die Sängerin. »Sehr kooperativ.« Er nahm ihr den Hörer zufrieden aus der zitternden Hand und legte ihn auf.

Seine Männer hatten Neve Paras übel zugerichtet. Sie sah schrecklich aus. Lazar verstand nicht, wie sie so unvernünftig hatte sein können.

Schließlich hatten Butch Crane und Norman Wigger ja doch erreicht, was er wollte. Er musterte sie gefühllos. Mitleid war ein Wort, das es in seinem Vokabular nicht gab.

Außerdem hatte Neve sich selbst zuzuschreiben, dass es so schlimm gekommen war. Wenn sie früher nachgegeben hätte, hätte sie jetzt wesentlich besser ausgesehen.

Nun würde ein erfahrener Schönheitschirurg – ein Ass auf dem Gebiete der plastischen Chirurgie ― eine Menge Arbeit haben, um sie wenigstens einigermaßen wieder so aussehen zu lassen, wie sie ausgesehen hatte, bevor Butch Crane und Norman Wigger sie bearbeitet hatten.

Selbst schuld, dachte der Gangsterboss. Wie heißt es doch so treffend? Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Das hat sich heute mal wieder voll bewahrheitet.

Neves spärliches Kostüm war zerfetzt. Sie war fast nackt. Doch sie bot keinen attraktiven Anblick mehr. Niemand hätte sie in diesem Augenblick noch reizvoll gefunden.

Hugh Lazar schob einen Stuhl in die Mitte der Garderobe und befahl seinen Männern: »Bindet sie darauf fest, damit sie nicht runterfällt.«

Im Nachtklub herrschte Stille. Musiker, Kellner, Gäste ... Alle waren nach Hause gegangen. Die Falle war leer – bis auf den blau geschlagenen Köder, der mittendrin hockte, und vor Schmerzen fast den Verstand verlor.

*

Da der Job mir kaum Zeit für irgendwelche Hobbys lässt, pflege ich auch keines. Aber ich interessiere mich für Baseball. Mein Team sind die »New York Yankees«. Milo steht mehr auf Football. Sein Team sind seit den Zeiten von Quaterback Joe Montana die »San Francisco 49ners«. Und das ist gut so, denn dadurch kommen wir einander beim Sport nie in die Quere.

Während ich am nächtlichen Central Park vorbeifuhr, war ich mit meinen Gedanken bereits zuhause. Okay, es war schon spät. Aber ein paar Szenen des heutigen sportlichen Großereignisses – die »New York Yankees« hatten daheim ihren derzeitigen erbittertsten Rivalen empfangen und besiegt ― wollte ich mir noch ansehen, bevor ich zu Bett ging.

Nur die Highlights. Vorausgesetzt ich hatte den Videorekorder richtig programmiert. Ich hatte dies sehr flüchtig und in aller Eile getan, und dabei konnte sich durchaus ein Fehler eingeschlichen haben. Ich bog in die Straße ein, in der ich wohnte und ließ den Sportwagen wenig später in die Tiefgarage hinunterrollen.

Mein Apartment befand sich im 8. Stock. Ich fuhr mit dem Lift hoch. Erwartungsvoll schloss ich die Tür auf. Hatte der Rekorder gearbeitet?

Oder hatte er auf der faulen Haut gelegen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, während mein Team den Gästen vorführte, wie man erfolgreich und auf höchstem Niveau Baseball spielte? Ich hatte das Ergebnis im Radio gehört. Jetzt hätte ich gerne die spektakulärsten Szenen gesehen. Ich trat ein und eilte ins Wohnzimmer. »Guter Junge«, sagte ich zufrieden, als ich sah, dass das große Sportereignis aufgezeichnet war. »Braver Junge. Ich kann mich ja doch auf dich verlassen.«

Ich griff nach der Fernbedienung und ließ das Band zurücklaufen. Wenn ich geahnt hätte, was in diesen Minuten alles mit meinem Partner passierte, hätte ich nicht den Nerv gehabt, mich auf die Couch zu werfen und mir die entscheidenden Passagen des hochklassigen Spiels anzusehen.

*

Milo stürzte aus dem Haus, stoppte ein vorbeifahrendes Taxi und verlangte vom Fahrer, er solle ihn schnellstens zum Nachtklub »Belinda« bringen. Er zeigte seinen Dienstausweis. Der farbige Fahrer ließ seine weißen Zähne blitzen. »So was sieht man sonst immer nur im Kino. Ein Bulle springt in ein Taxi und keucht: 'Polizei! Folgen Sie dem roten Wagen! Sämtliche Verkehrsregeln sind ab sofort außer Kraft gesetzt!' Und dann geht voll die Post ab. Quer durch die Stadt. Ein Hindernisrennen, das an den Nerven zerrt. Verkehrt durch Einbahnen. Auf der falschen Seite über Highways. Durch mordsmäßig enge Straßen und Hinterhöfe ...«

Während er sprach, gab er bereits kräftig Gas und ließ sein gelbes Fahrzeug abzischen. Die Reifen quietschten und blauer Rauch stieg aus den Radkästen. Milo bedauerte, dass das Taxi nicht so kraftvoll beschleunigte wie Jesses Dienstwagen, dem immerhin 510 PS zur Verfügung standen und der eine Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h erreichte.

Der Fahrer wollte wissen, in was für einen Fall ihn das Schicksal »verwickelt« hatte. Doch das konnte ihm Milo nicht sagen. Noch nicht. Deshalb versuchte er ihn mit einer ausweichenden Antwort einigermaßen zufriedenzustellen.

Danach kam sich der Fahrer ziemlich wichtig vor. Dem G-man war, als würde er auf glühenden Kohlen sitzen. Selbst wenn das Taxi geflogen wäre, wäre ihm das noch zu langsam gewesen.

Kaum eine Frau hatte bei ihm in letzter Zeit so großen Eindruck hinterlassen wie Neve Paras. Die Sorge um die schöne Sängerin raubte ihm fast den Verstand.

Was immer er tun konnte, um ihr zu helfen, würde er tun. Er war bereit, jedes Opfer für sie zu bringen. Ohne zu zögern hätte er jederzeit sein Leben für sie aufs Spiel gesetzt. Neve war das wert. Sie war eine Perle.

Ein Juwel, wie man es selten auf der Welt fand. Zuverlässig, warmherzig, rücksichtsvoll, intelligent, sympathisch, begeisterungsfähig, sensibel, leidenschaftlich ... Und ihre Stimme – reines Gold.

Ein Geschenk des Himmels. Wenn Milo nicht G-man gewesen wäre, hätte er sich niemals von ihr zurückgezogen. Aber er konnte keiner Frau zumuten, in ständiger Angst um ihn zu leben, nie zu wissen, wenn er sie in den Arm nahm, ob es nicht das letzte Mal war, ob der Kuss, den er ihr gab, kein Abschiedskuss war, weil irgendwo ein Gangster schneller als er zur Kanone griff und den tödlichen Schuss auf ihn abfeuerte.

Milo warf einen gehetzten Blick aus dem Fenster. Seine Gedanken rotierten unentwegt um Neve. Ihre Stimme, die er noch immer im Ohr hatte, ließ ihn Schlimmes befürchten.

»Wir sind gleich da«, sagte der Fahrer.

Und kurz darauf tauchte vor ihnen das »Belinda« auf.

*

Ein Taxi brauste mit pfeifenden Reifen um die Ecke. Nick Cassidy griff nach Gene Harris' Ärmel und zog ihn tiefer in den Schatten der Hauseinfahrt zurück. Sie waren per Funk mit Hugh Lazar verbunden.

»Boss«, sprach Harris in das Mikrofon, das an seinem Rockaufschlag steckte.

»Ja?«, kam Lazars Stimme aus dem Stöpsel, der in Harris' Ohr steckte.

Das Taxi hielt an.

Harris sah Milo Tucker. »Der G-man ist soeben eingetroffen«, meldete er.

»Warten Sie hier!«, verlangte Milo Tucker vom Fahrer, bevor er ausstieg.

»Okay«, sagte der Farbige. »Brauchen Sie Hilfe? Soll ich Sie begleiten?«

Milo schüttelte den Kopf. »Es reicht, wenn Sie auf mich warten.« Er stieß die Tür zu.

»Was tut Tucker?«, wollte Lazar von Harris wissen.

»Er ist ausgestiegen«, berichtete dieser. »Jetzt läuft er zum Eingang des Klubs.«

»Und das Taxi?«

»Wartet.«

»Schickt es weg!«, befahl Hugh Lazar.

»Geht klar, Boss.«

Während Milo im Klub verschwand, traten Harris und Cassidy aus dem pechschwarzen Schatten. Der Taxifahrer bemerkte sie nicht. Sein Blick war auf den Eingang des Nachtklubs gerichtet.

Er erschrak, als Gene Harris an das geschlossene Seitenfenster klopfte. Harris bedeutete ihm, das Fenster zu öffnen. Das Glas senkte sich.

»Ja?«, sagte der Farbige.

»Verschwinde von hier!«, befahl ihm Harris.

»Moment mal. Ich habe einen Fahrgast ...«

»Der kommt nicht zurück.«

»Er hat gesagt, ich soll auf ihn warten.«

»Und wir sagen, du sollst verduften«, schnarrte Nick Cassidy und zog seine Kanone. »Sonst war das eben deine letzte Fahrt!«

Harris warf dem Farbigen zehn Dollar in den Schoß. »Fahr nach Hause, Kumpel.«

Der Fahrer zögerte.

»Nun mach schon!«

Der Taxifahrer gehorchte. Er gab Gas und fuhr los.

Cassidy sah seinen Komplizen verständnislos an. »Wozu hast du ihm den Zehner gegeben? Wir hätten ihn auch so dazu gebracht, sich zu verziehen.«

Harris maß ihn verächtlich. »Du wirst an deinem krankhaften Geiz noch mal ersticken.«

*

Milo betrat den Nachtklub. Das Lokal war leer. Es brannten nur noch wenige Lichter. Milo war nicht zum ersten Mal hier. Als er erfahren hatte, dass Neve Paras im »Belinda« auftrat, hatte er sich ihre Show angesehen und anschließend mit ihr in ihrer Garderobe, zu der sonst keiner Zutritt hatte, eine Flasche Prosecco geleert. Er zog die SIG Sauer mit einer fließenden Bewegung. Natürlich war ihm schon der Gedanke an eine Falle gekommen, doch das konnte ihn nicht davon abhalten, Neve beizustehen.

So, wie sie geklungen hatte, brauchte sie unbedingt Hilfe, und die sollte sie bekommen. Den Weg zu ihrer Garderobe kannte er. Er lief am langen, verwaisten Tresen vorbei und verschwand hinter einem schweren Vorhang aus weinrotem Samt. Niemand stellte sich ihm in den Weg.

Alle schienen den Nachtklub verlassen zu haben. Fluchtartig offenbar. Denn niemand hatte alle Lichter gelöscht und die Eingangstür abgeschlossen.

Was mochte hier passiert sein? Während diese Frage durch Milos Kopf geisterte, beorderte Hugh Lazar per Funk Nick Cassidy und Gene Harris in den Nachtklub.

Das Netz um Milo wurde enger, ohne dass er es mitbekam. Er öffnete eine Tür und gelangte in einen nüchternen Gang mit grün gestrichenen Wänden. An der Decke waren Stromkabel, Heizungs-, Entlüftungs- und Wasserrohre in verschiedenen Dimensionen befestigt. Niemand hatte es der Mühe wert gefunden, sie irgendwie abzudecken, damit man sie nicht mehr sah. So war es überall. In den Bereich, der den Gästen zugänglich war, wurde großzügig investiert – doch gleich dahinter gab man keinen überflüssigen Cent mehr aus. Hier Tag, da Nacht. Auf der einen Seite Glanz und Glamour, auf der anderen Armseligkeit pur.

Schwer lag die Pistole in Milos Hand. Er wandte sich nach links. Neves Garderobe befand sich am Ende des Ganges. Die Tür war offen. Milo stockte der Atem, als er die Sängerin erblickte.

Sein Herzschlag setzte für einen Moment aus und seine Kopfhaut zog sich schmerzhaft zusammen. Neve Paras saß rittlings auf einem Stuhl.

Eigentlich saß sie nicht. Sie hing mehr. Und sie wäre mit Sicherheit heruntergefallen, wenn sie nicht festgebunden gewesen wäre. Neve sah schrecklich aus.

Blut tropfte vor ihr auf den Boden. Ihr Kopf hing nach vorn. Sie regte sich nicht. Befand sich überhaupt noch ein Fünkchen Leben in ihr?

»Neve!«, entfuhr es Milo. Er war entsetzt. Und wütend. Mein Gott, wie konnte man ihr das nur antun?, schrie es in ihm. Warum hat man ihr das angetan?

Er stürmte los.

Neve hob den Kopf. Es schien sie unendlich viel Mühe zu kosten, schien fast über ihre Kräfte zu gehen. Beim Anblick ihres entstellten Gesichts wurde Milos Magen zu einem schmerzenden Klumpen. Neve sah aus wie ein Wesen aus einem Horror-Film. Aus einem Splatter-Streifen der übelsten Sorte. Ihr langes Haar klebte nass an ihrem Kopf, den sie langsam und verzweifelt schüttelte.

»Nein, Milo ... Nein ...«, kam es undeutlich über ihre geschwollenen Lippen. »Bleib stehen ... Bleib stehen ...« Das wollte sie sagen, aber es kam nur ein »-ei- -eh-n ... -ei- -eh-n ...« aus ihrem Mund.

Milo erreichte die Garderobe. »Neve«, keuchte er. »Wer hat das getan?«

Er wollte sie losbinden. Da setzte ihm jemand eine Waffe an seinen Kopf, und er erstarrte.

*

Hugh Lazar hatte sich unbemerkt aus dem Nachtklub zurückgezogen. Er wartete dahinter auf die Erfolgsmeldung seiner Männer. Sollte wider Erwarten irgendetwas schief gehen – G-men waren erfahrungsgemäß verdammt unberechenbar ―, dann wollte er nicht in unmittelbarer Nähe sein.

»Boss?«, meldete sich Butch Crane.

Lazar drückte sich den Hörer mit dem Finger etwas fester ins Ohr. »Ja?«, antwortete er.

»Wir haben ihn.«

Lazar grinste zufrieden. »Wunderbar.« Er lachte. Es klang ausgesprochen heiter. »Das ging ja leichter, als ich dachte. Bringt ihn zum Wagen und schafft ihn fort. Ihr wisst, wohin.«

»Okay.«

»Jetzt muss Trevellian nach unserer Pfeife tanzen, sonst ist sein Partner eine Leiche«, sagte Lazar.

Er setzte sich mit Gene Harris und Nick Cassidy in Verbindung und trug ihnen auf, Crane und Wigger zu begleiten, wenn diese Milo Tucker fortbrachten.

»Damit wäre Teil eins der Aktion erledigt«, sagte Cassidy zu Harris.

Seine Brust war stolzgeschwellt. Schließlich stammte die Idee, Tucker zu kassieren und Trevellian anschließend mit dieser wertvollen Geisel unter Druck zu setzen, von ihm.

»Trevellian wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um seinen Partner wiederzukriegen«, sagte Harris.

Lazar hörte mit. Er lachte wieder. »Agent Trevellian braucht uns nur zu verraten, wo sie Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw versteckt haben – und schon bekommt er seinen Kollegen wohlbehalten zurück.« Seine Stimme wurde hart wie Granit. »Und das ist dann auch gleich der Sterbetag der hinterfotzigen Geschwister.«

*

»Keine Bewegung«, sagte Butch Crane. »Sonst geht mein Knaller los.«

Milo stand da wie eine Statue. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Er fragte sich, mit vielen Gegnern er es hier zu tun hatte. Der Mann mit der Kanone hatte soeben gemeldet: »Boss, wir haben ihn.« Wir hatte er gesagt. Also musste Milo hier drinnen mit mindestens einem Komplizen rechnen. Und wo ist der Boss?, dachte Milo. Er ging davon aus, dass dieser sich in der Nähe aufhielt.

Links bewegte sich Nummer zwei. Aus den Augenwinkeln erkannte Milo, dass der Mann groß und kräftig gebaut war und eine spiegelnde Glatze hatte.

Milo hielt nach wie vor die SIG in seiner Rechten. Kleine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Diese Mistkerle hatten ihn mit Neves Hilfe in die Falle gelockt.

Sie mussten irgendwie mitbekommen haben, dass ihm Neve Paras nicht gleichgültig war. Und sie hatten sie brutal in die Mangel genommen, damit sie ihn anrief, weil sie das sonst nämlich niemals getan hätte.

»Fallen lassen!«, befahl Butch Crane.

Milo zögerte.

Crane verstärkte den Druck seiner Waffe. »Hast du nicht gehört, G-man?«

»Warum habt ihr das getan?«, wollte Milo wissen. »Warum habt ihr sie so zugerichtet?«

»Fallen lassen!«, knurrte Crane wieder. »Ich sag's nicht noch mal.«

Neve sah Milo mit ihrem zerschlagenen Gesicht unglücklich an und flüsterte: »Es tut mir Leid, Milo, unendlich Leid ... Sie haben mich gezwungen ...«

Milo hörte nicht, was sie sonst noch sagte. Er explodierte. Sein Absatz traf Cranes Knie mit ungeheurer Wucht. Der Gangster brüllte auf.

Milo wirbelte herum.

Crane schoss.

Milo auch.

Wigger ebenfalls.

Kapitel 11

Hugh Lazar zuckte heftig zusammen, als er die Schüsse hörte. Eine ungesunde Blässe breitete sich über seine angespannten Züge. Verflucht noch mal, er war schon so siegesgewiss gewesen – und plötzlich ... »Hey!«, schrie er.

Wieder krachte es.

»Hey!«, schrie Lazar noch einmal aufgewühlt. »Was ist da los?« Er tänzelte von einem Bein aufs andere, nagte an der Unterlippe, tigerte hin und her.

Schüsse.

»Verdammt, ich will wissen, was los ist!«

Schüsse. Ein Schrei.

»Butch!«

Keuchen. Fluchen.

»Norman!«

»Tucker ist durchgedreht, Boss!«, schrie Norman Wigger atemlos und hektisch.

»Was ist passiert?«

»Der gottverdammte Bulle ballert wie verrückt um sich«, berichtete Wigger.

»Was ist mit Butch?«, fragte Hugh Lazar. »Warum meldet er sich nicht?«

»Keine Ahnung. Ich bin in Deckung gegangen, kann ihn von hier aus nicht sehen.«

»Doc!«, rief Lazar. Wut ließ seine Augen funkeln. »Gene!« Seine Stimme klang heiser. Die Aufregung presste seine Kehle zu. »Ihr müsst Butch und Norman unterstützen! Tucker darf uns nicht entwischen! Habt ihr gehört? Der Bulle darf uns nicht entwischen!«

»Keine Sorge, Boss«, gab Gene Harris beruhigend zurück. »Der Scheißkerl kommt aus dem Nachtclub nicht raus!«

*

Milo band Neve Paras in aller Eile los.

»Milo ...« Neve sank ihm in die Arme.

»Alles wird gut, Kleines«, sagte er und zog sie hoch. Ihr Aussehen tat ihm in der Seele weh.

»Es tut mir so Leid ...«

»Ich weiß. Vergiss es.«

Sie sackte zusammen.

Er hievte sie hoch und legte sie sich über die Schulter. »Ich bringe dich fort von hier«, sagte er keuchend. »Alles wird gut. Alles wird gut. Mach dir keine Sorgen.«

Norman Wigger schoss auf ihn.

Er schoss zurück, ohne zu zielen.

Er gab sich schon damit zufrieden, dass Wigger sofort wieder Deckung suchte, lief mit seiner Last den Gang entlang, ohne dass ihn jemand stoppen konnte, und gelangte in den attraktiveren Bereich des Nachtklubs, wo er sogleich von Nick »Doc« Cassidy und Gene Harris unter Beschuss genommen wurde.

Verbissen erwiderte er das Feuer. Er hatte Neve versprochen, sie von hier fortzubringen, und dieses Versprechen wollte er unbedingt halten. Koste es, was es wolle.

Neve stöhnte. Sie hatte Schmerzen.

Milo wollte sich mit ihr zum wartenden Taxi durchschlagen und das verletzte Mädchen ins nächst gelegene Krankenhaus bringen.

Hoffentlich wartete das Taxi noch. Hoffentlich hatte es der farbige Fahrer nicht mit der Angst zu tun gekriegt und war mit Vollgas abgehauen.

Wieder krachten Schüsse.

Milo ballerte auf die Mündungsfeuer.

Es war ein Wunder, dass er noch unverletzt war. Doch dieses Wunder hielt nicht mehr lange an.

Ein Querschläger jaulte durch das Lokal.

Milo stolperte in der nächsten Sekunde, brach mit seiner Last zusammen und stürzte in einen pechschwarzen, bodenlosen Schacht.

*

Plötzlich krachten keine Schüsse mehr.

Hugh Lazar starrte mit großen Augen in die Dunkelheit. Er wartete fiebernd darauf, dass ihm jemand sagte, was diese Stille zu bedeuten hatte. Doch es meldete sich niemand.

Aber irgendjemand sagte: »Ach, du Scheiße.«

»Wer war das?«, schrie Lazar. »Wer hat das gesagt?«

»Ich, Boss.«

»Gene?«

»Ja, Boss.«

»Was ist mit Tucker?«

»Er ist hingefallen und rührt sich nicht mehr, Boss.«

»Ihr habt ihn doch nicht ...«

»Ich fürchte doch, Boss.«

»Ach, du Scheiße«, sagte jetzt auch Hugh Lazar.

Er kehrte in den Nachtklub zurück.

Zwischen den Tischen und Stühlen lagen Milo Tucker und die Sängerin. Beide regten sich nicht.

Gene Harris und Nick Cassidy standen neben ihnen.

»Verflucht, wie konnte das passieren?«, brüllte der Gangsterboss. »Wer war das?«

»Niemand, Boss«, antwortete Harris.

»Was heißt niemand?«

»Wir haben ihn nicht absichtlich umgelegt«, sagte Cassidy. Er hasste es, wenn der Boss so herumbrüllte. Was glaubte Hugh Lazar denn, wer er war? Seine Scheiße roch schließlich auch nicht nach Parfüm.

»Er muss einen verdammten Querschläger abgekriegt haben«, sagte Harris.

»Tot nützt uns der G-man gar nichts«, sagte Lazar aufgebracht. »Mit seiner Leiche können wir Trevellian zu nichts zwingen. Herrgott noch mal, wieso habt ihr nicht besser aufgepasst?«

Zorn begann in Cassidy zu brodeln. Das Arschloch braucht immer einen Sündenbock!, dachte er gereizt. Aber ich will das nicht sein. Wir sollten verhindern, dass Tucker abhaut. Mit viel Güte und netten Worten hätte das nicht funktioniert. Also mussten wir unsere Waffen sprechen lassen. Da kann schon mal so was passieren. Und außerdem ... Vielleicht hat den G-man sein eigener Querschläger umgehauen. Er hat ja auch wie verrückt um sich geballert. Sei vorsichtig, Hugh Lazar. Ich bin ohnedies nicht gut auf dich zu sprechen. Bring mich nicht in Rage, sonst bist du gleich hier und heute fällig.

Norman Wigger erschien.

»Wo ist Butch?«, fragte Lazar.

Butch Crane tauchte hinter Wigger auf. Mit einer dicken Beule auf der Glatze. Den Blick wie ein geprügelter Hund gesenkt. Er hatte sich selbst außer Gefecht gesetzt, war in Deckung gehechtet und mit dem Schädel gegen die Wand geknallt.

Hugh Lazar raufte sich die Haare. Crane, Wigger, Harris und Cassidy waren seine besten Leute. Wie traurig. Alles Nieten. Unfähig, einen Auftrag zuverlässig auszuführen. Man musste bei ihnen immer damit rechnen, dass irgendetwas danebenging.

Lazar dachte an Lobo und dessen Hintermänner. Die Probleme drohten ihm langsam über den Kopf zu wachsen. Er kam nicht an Adrienne und ihren Bruder heran, und die beiden würden in ihrem sicheren FBI-Versteck reden und reden.

Wie ein Wasserfall würde es aus ihnen heraussprudeln. Sie würden den G-men viele wahre Geschichten erzählen, hatten eine ganze Menge davon auf Lager.

Der Deal mit den Leuten, die Lobo vertritt, wird platzen, dachte Hugh Lazar. Verflucht noch mal, wieso bin ich so sehr vom Pech verfolgt?

»Was ist mit dem Mädchen?«, fragte Lazar. »Ist Neve auch hinüber?«

Seine Männer zuckten mit den Achseln.

»Sieh sie dir vielleicht mal an!«, herrschte Lazar Cassidy an. »Schließlich bist du so was wie ein Arzt. Sonst würden dich nicht alle Doc nennen.«

Cassidy untersuchte die Sängerin widerstrebend. Sie lebte. Lazar verlangte von ihm, dass er sie verarztete. Und Gene Harris sagte: »Wir müssten Trevellian doch auch mit Tuckers Leiche unter Druck setzen können, Boss. Er wird sicher nicht wollen, dass wir seinen toten Partner irgendwo wie einen platt gefahrenen Köter verscharren oder an die Fische verfüttern. Ich könnte mir vorstellen, dass er alles tut, um seinem toten Kumpel eine ordentliche Beerdigung zu ermöglichen.«

Lazar nickte mit finsterer Miene.

»Ja«, sagte er. »Ja, da ist was dran ...«

Kapitel 12

An diesem Morgen erwachte ich zu früh. Obwohl ich ziemlich spät ins Bett gekommen war.

Da ich mich überraschenderweise wohl und fit fühlte, wartete ich nicht auf den Wecker, sondern stand auf und ließ mir für alles, was ich sonst ziemlich zügig erledigte, Zeit.

Es war sogar noch eine zweite Tasse Kaffee drin.

Ich trank sie mit Muße und startete energiegeladen in den neuen Tag.

Es bereitete mir kein Kopfzerbrechen, dass Milo nicht an unserer Ecke stand.

Ich wartete fünf Minuten. Dann fuhr ich weiter.

Entweder war Milo krank. Oder er war schon früher mit dem Taxi ins Büro gefahren. Oder jemand hatte ihn angerufen und – wie Jackie Snyder mich ― um ein frühes Treffen gebeten.

Vieles war möglich. Ich war zuversichtlich, dass ich bald Klarheit darüber haben würde, warum Milo nicht erschienen war. Im Büro war er nicht.

Sein Schreibtisch war leer. Niemand hatte von ihm eine Nachricht für mich. Ich rief ihn zuhause an. Vielleicht krächzte oder hustete er mir jetzt gleich was vor.

Auch G-men können über Nacht krank werden. Milo hob nicht ab. Ich legte auf und wählte anschließend seine Handynummer. Seine Mobilbox meldete sich.

»Hallo, Partner«, sagte ich. »Hast du vor, heute blauzumachen? Das hättest du mir aber auch sagen können. Wie stehe ich denn jetzt da, wenn Mr McKee oder einer unserer Kollegen mich nach dir fragt? Ruf zurück. Lass mich nicht dumm sterben.«

Während ich noch am Überlegen war, wen ich als nächsten anrufen konnte, um mir Klarheit über Milos Verbleib zu verschaffen, kam die Vormittagspost.

Und in einem der Umschläge befand sich eine Todesanzeige. Milos Todesanzeige. Sterbedatum: der heutige Tag. Der Brief war an mich adressiert.

Mir rieselte es eiskalt über den Rücken. Ich bekam unwillkürlich eine Gänsehaut. Ein verflucht makabrer Scherz. Ich sprang auf und raste sofort zu unserem Chef.

Jonathan D. McKee las die Anzeige mit unbewegter Miene und sagte dann: »Manche Menschen haben schon eine seltsame Art von Humor.«

Eine Todesursache war nicht angegeben. Auf dem Wisch stand nur, dass Milo »plötzlich und unerwartet« aus dem Leben gerissen worden war.

Der Umstand, dass ich Milo nicht erreichen konnte, stand plötzlich in einem völlig anderen Licht da.

Als ich dies dem Assistant Director gegenüber erwähnte, legte sich ein grauer Schatten über seine Augen.

Er zeigte auf das Kuvert und auf die Todesanzeige und sagte, ich solle sie auf Fingerabdrücke untersuchen lassen. Außerdem sollten unsere Experten herauszufinden versuchen, womit die Anzeige gedruckt worden war.

»Vielleicht gibt auch der Poststempel irgendwelche Aufschlüsse«, meinte AD McKee abschließend.

Er bat mich, ihn auf dem Laufenden zu halten, und ich verließ eilig sein Büro. Im Vorzimmer sah mich Mandy fragend an. Ich sagte ihr nicht, dass Milo tot war. Er war es für mich noch nicht. Auf gar keinen Fall.

Ich weigerte mich trotzig, das zu glauben. Solange ich seine Leiche nicht gesehen hatte, war mein Partner für mich noch am Leben.

Die Anzeige war vielleicht als Drohung gemeint. Eine Warnung. Dass Milo eventuell bald tot sein würde, wenn wir nicht taten, was irgendjemand von uns wollte.

Es war höchstwahrscheinlich ein Schuss vor den Bug. Ich rechnete damit, dass sich bald jemand bei mir melden und zugeben würde, die Todesanzeige gedruckt und mir zugeschickt zu haben.

Welche Forderung würde er stellen? Was würde ich tun müssen, um Milo wohlbehalten wiederzubekommen?

Ich hoffte, dies in den nächsten Stunden zu erfahren.

*

Als Milo Tucker zu sich gekommen war, hatte er im Kofferraum eines fahrenden Wagens gelegen. Gefesselt. Geknebelt. Mit einem Sack überm Kopf.

Er wurde gebeutelt, gerüttelt und geschüttelt und bekam zunächst nicht richtig auf die Reihe, was passiert war. Aber so nach und nach kehrte die Erinnerung zurück – und damit auch wieder Ordnung ein in seine Gedanken.

Neve ...! Er hatte sie in Sicherheit bringen wollen, hatte sie auf seiner Schulter getragen und auf die Mündungsfeuer geschossen, die im Nachtklub aufgeflammt waren.

Doch plötzlich ... Das Schrillen eines Querschlägers. Ein harter Schlag gegen den Kopf. Dann nichts mehr. Schwärze. Vergessen. Die Schwärze umgab ihn noch immer.

Aber sie war jetzt eine andere. Sie war nicht mehr das Resultat einer tiefen Bewusstlosigkeit. Milo fragte sich, wie es Neve Paras ging.

Was hatten die Gangster mit ihr gemacht? Sie hätte dringend ärztliche Hilfe gebraucht.

Aber hatten sich diese Verbrecher die Mühe gemacht, sie zu einem Doktor zu bringen? Oder ins Krankenhaus?

Milo fragte sich auch, was diese Leute mit ihm vor hatten. Aus welchem Grund hatten sie ihn mit Neves Hilfe in die Falle gelockt? Was wollten sie von ihm?

Wohin waren sie mit ihm unterwegs? Er hätte sich nicht zu diesem Alleingang verleiten lassen dürfen. Er hätte Jesse anrufen und ihn zum Nachtklub mitnehmen sollen.

Er atmete schwer aus. Wer frei von Fehl, der werfe den ersten Stein. So stand es schon in der Bibel. Die Gangster hatten richtig kalkuliert.

Neves Anruf hatte bei ihm genau die Reaktion ausgelöst, mit der sie gerechnet hatten. Der Wagen fuhr etwas langsamer und blieb schließlich stehen.

Türen wurden geöffnet. Es war stickig unter dem Sack, den sie Milo über den Kopf gezogen hatten. Er war gezwungen, immer auch die Luft wieder mit einzuatmen, die er ausgeatmet hatte. Einer Pflanze hätte das gut getan. Ihm nicht.

Stimmen. Schritte. Der Kofferraumdeckel wurde hochgeklappt.

»Was für ein Glück, dass er nicht draufgegangen ist«, sagte jemand. »Jetzt kann doch noch alles nach Plan ablaufen.«

Welchen Plan haben sie?, fragte sich Milo.

»Bringt ihn in den Schuppen!«, sagte derselbe Mann.

Hände packten Milo hart und hoben ihn mit Schwung aus dem Kofferraum. Sie trugen ihn ein Stück. Dann legten sie ihn auf den Boden.

»Ihr zwei bleibt bei ihm«, sagte der Mann. Vermutlich der Boss. »Passt gut auf ihn auf.«

Ein anderer Mann lachte. »So, wie der verpackt ist, kommt er uns ganz sicher nicht abhanden.«

Schritte entfernten sich. Autotüren klappten zu.

Ein Motor wurde gestartet. Das Fahrzeug setzte sich mit knirschenden Reifen in Bewegung. Milo nahm an, dass der Boden vor dem Schuppen nicht geteert war.

Weitere Schlüsse auf seinen derzeitigen Aufenthaltsort ließ das jedoch nicht zu. Ihm war, als würde er einem Kriminalhörspiel lauschen.

Ein Blinder ist immer nur auf das angewiesen, was er hört, riecht oder fühlt, dachte er. Wie schlimm es doch eigentlich ist, wenn man nicht sehen kann. Wir Sehenden sind uns dessen zumeist gar nicht so recht bewusst. Wir sollten unser Augenlicht sehr viel mehr schätzen und uns glücklich preisen, dass wir nicht blind sind.

Die beiden Männer, die auf ihn aufpassen sollten, gingen hinaus. Sie schlossen die Schuppentür und unterhielten sich in einiger Entfernung.

Er konnte nicht hören, worüber sie sprachen. Vielleicht über Neve? Er hätte gerne gewusst, wie es um sie stand, doch mit dem Knebel im Mund konnte er nicht fragen. Und vermutlich hätten ihm die Gangster auch nicht geantwortet.

Er nutzte die Gelegenheit, um zu versuchen, sich von den Fesseln zu befreien. Wenn er Glück hatte, blieben die Kerle, die ihn bewachen sollten, lange genug weg, und er schaffte es, die straff sitzenden Nylonbänder loszuwerden.

Dann würde er ihnen eine böse Überraschung bereiten.

*

Die Gangster, die mir Milos Todesanzeige geschickt hatten, mussten Latexhandschuhe getragen haben. Auf dem Kuvert befanden sich nur meine Fingerabdrücke und die des Boten, der mir die Post gebracht hatte.

Gedruckt hatten sie die Anzeige mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einem Samsung-Laserprinter. HP, Xerox, Lexmark und Brother schieden unsere Experten aus.

Ich schloss die Todesanzeige in meinen Schreibtisch ein. Dennoch machte es sehr rasch die Runde, welche Art von Post ich heute bekommen hatte.

Die erste, die mich darauf ansprach, war Sarah Hunter. Die dunkelhaarige, sehr sportliche Kollegin kam in mein Büro, und in ihren Augen glänzten Angst und Sorge um Milo.

»Milo ist nicht tot, nicht wahr, Jesse?«, sagte sie. Mit ihrem fantastischen Aussehen hätte sie jederzeit höchst erfolgreich als Model arbeiten können.

Sie hätte Kate Moss, Tyra Banks, Milla Jovovich, Gisele Bündchen und wie die Catwalk-Schönheiten sonst noch hießen, mit Leichtigkeit in den Schatten gestellt.

Ich schüttelte grimmig den Kopf. »Nein, Milo ist nicht tot. Aber jemand will, dass wir das glauben.«

»Wer?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung.«

»Und warum?«

»Das wird man mich hoffentlich bald wissen lassen.«

»Wenn du meine Hilfe brauchst ...«

Ich nickte. »Danke, Sarah. Ich melde mich bei dir, wenn dies der Fall sein sollte.«

Sie war schon mal für kurze Zeit meine Partnerin gewesen. Damals, als Milo seinen Abschied genommen hatte, weil er sich für das Todesurteil für einen vermeintlich Unschuldigen verantwortlich fühlte. Wir hatten hervorragend zusammengearbeitet und würden dies bestimmt jederzeit wieder tun.

Sarah hob den Finger. »Vergiss es nicht, Jesse«, sagte sie und ging.

Ich sah zu Milos verwaistem Schreibtisch hinüber, und mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Junge, wo steckst du?, ging es mir durch den Kopf. Was ist dir zugestoßen?

*

Vor dem Schuppen kreischte eine Kreissäge. Das schrille Geräusch zerrte heftig an Milos Nerven. Er fragte sich, was da draußen passierte.

Seine Versuche, die Fesseln loszuwerden, hatte er unterbrochen, weil ihm die Handgelenke schon so sehr wehtaten, als hätte sie jemand mit Schwefelsäure bestrichen.

Endlich verstummte die Kreissäge. Aber es blieb nicht lange still. Dann ging draußen ein Hämmern und Bohren los. Milo kam ein Gedanke, der ihm überhaupt nicht gefiel: Die werden doch keinen Sarg für mich zimmern?

Er fing gleich wieder verbissen mit seinem – wie es aussah aussichtslosen ― Kampf gegen die widerstandsfähigen Fesseln an, obwohl seine Handgelenke schon blutig gescheuert waren und das Plastik schmerzhaft in sein Fleisch schnitt.

Salziger Schweiß brannte in seinen Augen. Er presste die Lider fest zusammen. Sein Gesicht war verzerrt.

Er schnaufte durch die Nase. Es war verdammt stickig unter dem Sack. Milo sehnte sich danach, mal wieder so richtig tief durchatmen zu können.

Es war ihm nicht möglich. Und der Schmerz in seinen Handgelenken zwang ihn alsbald äußerst brutal, seinen störrischen Versuch, freizukommen, aufzugeben.

Erschöpft resignierte er, während vor dem Schuppen weiter gebohrt, geschraubt und gehämmert wurde. Milo fragte sich, was mit ihm geschehen würde, wenn diese emsigen »Heimwerker« mit ihrer Arbeit fertig waren.

Würden sie dann hereinkommen, ihm den Lauf einer Pistole an den Kopf setzen und abdrücken? Hatten sie eine eiskalte Hinrichtung vor? Oder würden sie keine Kugel an ihn verschwenden, sondern ihn einfach in die Kiste legen und lebendig begraben?

Heiliger Himmel, erspar mir das!, schoss es ihm siedend heiß durch den Kopf.

Er konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als so ein langsames, qualvolles Sterben.

*

Lobo rief wieder an. »Wie geht es Ihnen, Mr Lazar?«, erkundigte er sich, wie gewohnt, höflich und kultiviert.

»Mir geht es ausgezeichnet«, antwortete der Gangsterboss wie beim letzten Mal. »Ich kann nicht klagen. Und wie geht es Ihnen?«

Lobo seufzte. »Nicht so gut wie Ihnen.«

»Tut mir Leid, das zu hören«, sagte Lazar. Aber er meinte es nicht so. Lobos Befinden war ihm so egal, wie wenn in China ein Fahrrad umfiel.

Lobo seufzte wieder. »Ich habe Sorgen, Mr Lazar.«

Lazar lachte gezwungen. Er versuchte sich unbekümmert zu geben. Aber unterschwellig setzte ein banges Vibrieren in ihm ein. »Aber doch bestimmt nicht meinetwegen, oder?«

»Doch, Mr Lazar«, entgegnete Lobo. »Ihretwegen.«

Hugh Lazar schluckte trocken. Ihm begann warm zu werden. »Wie das?«

»Mir ist da etwas zu Ohren gekommen ...« Lobo räusperte sich. »Ich hoffe, Sie können mich glaubhaft davon überzeugen, dass es sich lediglich um ein unschönes Gerücht handelt.«

»Was haben Sie gehört?«, fragte Lazar, obwohl er sich sehr gut vorstellen konnte, wovon die Rede war.

»Dass Sie bis zum Hals in Schwierigkeiten stecken«, sagte Lobo geradeheraus.

»So ein Blödsinn.« Lazar war froh, dass Lobo ihn jetzt nicht sehen konnte. Sein Gesicht war nämlich puterrot angelaufen. »Was für Schwierigkeiten sollten das denn sein?«

»Sie wissen es nicht?«

»Es gibt keine Schwierigkeiten«, behauptete Lazar.

»Ich würde es sehr schätzen, wenn Sie zu mir aufrichtig wären, Mr Lazar.«

»Ich bin ...«

»Nach den mir bekannten Informationen ist Ihre Existenz erheblich gefährdet«, fiel Lobo dem Gangsterboss ins Wort.

Lazar stockte für einen Sekundenbruchteil der Atem. Verdammte Scheiße, woher weiß er das?, fragte er sich wütend. »Wer behauptet das?«, fragte er aufgebracht. »Könnten Sie etwas deutlicher werden?«

»Ich nenne nur zwei Namen: Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw.«

Lazar war so, als hätte ihn Lobo mit Eiswasser übergossen und ihm zusätzlich einen Tritt in die Weichteile verpasst. Er geriet kurz aus der Fassung.

Dann behauptete er so selbstsicher wie möglich: »Die sind kein Problem für mich.«

»Ich denke doch«, widersprach ihm Lobo. »Jedenfalls so lange, wie das FBI seine Hand schützend über sie hält.«

»Das wird nicht mehr lange so sein«, tönte Lazar zuversichtlich. »Die beiden sehen sich schon sehr bald die Radieschen von unten an. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

»Die Geschwister wissen sehr viel über Sie«, sagte Lobo sehr ernst.

»Sobald sie tot sind, sind ihre Aussagen wertlos.«

»Das mag sein«, gab Lobo zu. »Aber wie wollen Sie an sie herankommen?«

»Das lassen Sie getrost meine Sorge sein.«

Es entstand eine kurze Pause. Hugh Lazar holte ein Stofftaschentuch aus seinem Jackett und wischte sich damit die Schweißperlen von der Stirn. Gut, dass Lobo das nicht sehen konnte.

Lobo beendete die Pause, indem er erklärte: »Wenn die Personen, deren Interessen ich vertrete, wüssten, was man mir zugetragen hat, würden sie mir umgehend auftragen, jemand anders für das geplante Geschäft zu finden. Jemanden, der nicht so heiß ist wie Sie, Mr Lazar.«

»Geben Sie mir ein paar Tage Zeit«, bat Hugh Lazar hastig. »Ich kriege das geregelt.«

»Das hoffe ich«, sagte Lobo knallhart. »Das hoffe ich sehr, Mr Lazar. Für Sie.«

*

Je länger ich nichts von meinem Partner hörte, desto unruhiger wurde ich, und ich steckte alle mit meiner Unruhe an.

Clive Caravaggio, Orry Medina, Jay Kronburg, Leslie Morell, Sarah Hunter und noch einige Kolleginnen und Kollegen mehr versuchten in Erfahrung zu bringen, wo sich Milo aufhielt.

Ich spannte auch Hank Hogan, unseren besten V-Mann, wieder ein und ließ etliche weitere V-Leute wissen, dass wir Milo Tucker suchten.

Außerdem telefonierte ich mit mehreren Cops, die Milo gut kannten, und sie sagten alle zu, sich ebenfalls an der Suche nach ihm zu beteiligen.

Innerlich angespannt wie selten, wartete ich darauf, dass die Person, die mir die Todesanzeige geschickt hatte, mit mir Verbindung aufnehmen und irgendwelche Forderungen stellen würde.

Doch vorläufig ließ sie mich noch schmoren.

Wohl deshalb, um hinterher, wenn ich weich war, leichteres Spiel mit mir zu haben.

Ich fuhr zu Milos Apartment. Der Hausmeister schloss die Tür für mich mit einem Zweitschlüssel auf.

Ich bedankte mich. Er sah mich mit besorgter Miene an: »Ihrem Partner ist doch hoffentlich nichts zugestoßen, Agent Trevellian?«

Ich gab mich betont zuversichtlich und erwiderte, es würde bald wieder alles im Lot sein. Es war auf jeden Fall zurzeit mein sehnlichster Wunsch.

»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«, erkundigte sich der Mann.

»Im Augenblick nicht«, antwortete ich.

Der Hausmeister nickte unsicher, hüstelte kurz, drehte sich um und entfernte sich. Ich schloss die Tür und lauschte in die Stille, die das Apartment bis in den letzten Winkel ausfüllte. Böse Gedanken beschlichen mich.

Es war noch nicht lange her, da hatten wir einen Kollegen tot in seiner Wohnung aufgefunden. Gehirnblutung. Der Mann war in unserem Alter gewesen. So etwas kann jederzeit jeden treffen. Junge genauso wie Alte.

Doch dieses Schreckens-Szenario passte nicht zu der Todesanzeige. Nein, meinem Partner musste etwas anderes zugestoßen sein. Dennoch suchte ich ihn – um absolut sicher sein zu können ― in der ganzen Wohnung.

Ich sah mir seinen Tischkalender an, schaltete seinen Computer ein und checkte seine e-Mails. Nichts. Auch seinen Anrufbeantworter hörte ich ab.

Wieder nichts.

War Milo überhaupt nach Hause gegangen, nachdem wir uns verabschiedet hatten?

Mein Handy klingelte. Ich holte es aus der Tasche und meldete mich. Am andern war eine durch einen Stimmenmodulator verzerrte Stimme.

»Vermissen Sie Ihren Partner, Agent Trevellian?«, drang es mir unheimlich ins Ohr. Mir war, als würde Darth Vader aus den »Krieg der Sterne«-Epen zu mir sprechen.

Eine kalte Hand schien sich auf meinen Nacken zu legen.

»Wer sind Sie?«, fragte ich, obwohl mir eigentlich klar sein musste, dass ich auf diese Frage keine Antwort bekommen würde.

Und so war es auch. »Sie befinden sich zurzeit in Tuckers Wohnung«, sagte Darth Vader. Es klang so bestimmt, als wüsste er das ganz genau.

»Sie beschatten mich?«

»Sie werden Ihren Kollegen nicht in seinem Apartment finden«, ließ Darth Vader mich wissen.

»Wo ist er? Haben Sie mir die Todesanzeige geschickt?«

Er antwortete wieder nicht auf meine Frage. »Sie müssen mir einen Gefallen tun, Agent Trevellian«, sagte er stattdessen.

»Was wollen Sie?«

»Das sage ich Ihnen beim nächsten Mal. Sie hören bald wieder von mir.«

»Warten Sie!«

Er beendete das Gespräch.

»Hallo!«, schrie ich, obgleich ich wusste, dass es keinen Sinn hatte. »Hallo!« Ärgerlich steckte ich das Mobiltelefon ein und zischte: »Mist!«

*

Es wurde nicht mehr geschraubt, gebohrt und gehämmert.

Aber es blieb draußen wieder nicht lange still. Der Boden begann unter Milo zu beben und zu vibrieren. Eine schwere Maschine näherte sich scheppernd, klappernd, quietschend, mit rasselnden Ketten und dröhnendem Motor dem Schuppen.

In Milos Kopf entstand das Bild einer monströsen Baumaschine, die drauf und dran war, den Schuppen, in dem er lag, zu überrollen. Nervös hielt er den Atem an.

Das Beben und Vibrieren wurde immer intensiver, das Scheppern, Klappern, Quietschen, Rasseln und Dröhnen immer lauter.

Gleich würde das eiserne Ungeheuer gegen den Schuppen stoßen. So empfand es Milo. Doch es kam nicht dazu, denn plötzlich wurde die Maschine gestoppt. Sie lärmte weiter.

Aber sie blieb, wo sie war. Etwas kratzte über den Boden, riss ihn knirschend auf. Für Milo hörte es sich an, als würde draußen mit einem Bagger gegraben.

Die Heben eine Grube aus!, hallte es in seinem Kopf. Wozu wohl? Sie heben für mich ein Grab aus! Um Gottes willen, die wollen mich offenbar tatsächlich hier einbuddeln.

Er selbst konnte es nicht verhindern. Ihm waren im wahrsten Sinne des Wortes die Hände gebunden. Und die Füße. Und geknebelt war er auch. Und er hatte einen Sack über dem Kopf ...

Er dachte an Jesse, der bestimmt schon nach ihm suchte. Aber wie sollte sein Partner ihn finden?

Er wusste nichts von Neve Paras' gestammeltem Anruf, wusste nicht, dass die Sängerin gezwungen gewesen war, ihn in die Falle zu locken, hatte keinen blassen Schimmer von dem, was im »Belinda« vorgefallen war.

Nüchtern betrachtet konnte Jesse nicht das Geringste für ihn tun.

*

Ich rief meinen Vorgesetzten an. »Man hat mit mir Verbindung aufgenommen, Sir.«

»Wie?«, wollte Jonathan D. McKee wissen.

»Übers Mobiltelefon.«

»Was hat der Anrufer gesagt?«

»Nicht sehr viel.« Ich gab das Wenige wieder.

»Haben Sie zufällig seine Stimme erkannt?«, fragte Mr McKee.

»Leider nein, Sir.« Ich erwähnte den Stimmenmodulator.

»Wo sind Sie im Moment, Jesse?«

»In Milos Apartment, Sir. Der Anrufer weiß das. Er beobachtet mich heimlich. Keine Ahnung, wie lange er schon an meinen Fersen klebt.«

»Was werden Sie jetzt tun?«

»Ich werde versuchen, in Erfahrung zu bringen, wer hinter mir her ist.«

»Seien Sie auf der Hut, Jesse«, sagte AD McKee und legte auf.

Ich verließ die Wohnung meines Partners. Als ich wenig später auf die Straße trat, blickte ich mich sehr aufmerksam um. Wer von den Leuten, die ich sah, war Darth Vader?

Der Alte, der mit krummem Rücken – als würde er die Last seines ganzen Lebens mit sich schleppen ― den Bürgersteig entlang schlurfte? Der Typ mit der Wolfspelzjacke, der – die Hände in den Hosentaschen vergraben ― an der Hauswand lehnte und mit beispielhafter Geduld auf jemanden zu warten schien?

Der blasse Bursche im blauen Pick-up, dessen Hand zum Fenster heraushing und dessen Finger unermüdlich, jedoch überhaupt nicht rhythmisch, gegen die Tür trommelten?

Es hätte noch sehr viele Menschen mehr gegeben, die infrage – oder auch nicht – gekommen wären.

Ich ging zu meinem Sportwagen und stieg ein. Als ich losfuhr, löste sich auch der Pick-up von der Bordsteinkante. Zufall? Ich wollte mir sogleich Gewissheit verschaffen und bog an der nächsten Ecke rechts ab. Der Pick-up ebenfalls.

Das hat noch nichts zu bedeuten, dachte ich und bog an der nächsten Ecke wieder rechts ab. Der Pick-up auch.

Aha, dachte ich. Jetzt kommen wir der Sache schon etwas näher.

Der unmusikalische Trommler scheint also mein Schatten zu sein. Mal sehen, was er tut, wenn ich noch einmal rechts abbiege.

Ich tat es gespannt. Und der blaue Pick-up ... fuhr geradeaus weiter.

Ich hatte mich allem Anschein nach geirrt. Der blasse Fahrer schien nicht Darth Vader zu sein.

Oder er hatte die Lunte gerochen und war deshalb geradeaus weitergefahren.

*

Sobald die Grabarbeiten beendet waren, wurde die Schuppentür geöffnet. Milo Tucker erstarrte. Sein Herz raste. Es schlug wild gegen die Rippen.

War die Stunde seines Todes gekommen? Würde man ihn erschießen? Mit einem Spaten erschlagen? Lebendig begraben?

Vier Hände ergriffen ihn. Er zuckte zusammen. Als sie ihn hochhoben, begann er sich zu drehen und zu winden.

Er zog die Beine an und rammte seine Füße mit ganzer Kraft gegen einen der beiden Gangster.

Der Getroffene stieß einen überraschten Schrei aus, ließ ihn los, flog krachend gegen die Schuppenwand und fluchte gotteslästerlich.

»Schnapp dir seine Beine wieder«, verlangte der zweite Verbrecher. Er hatte seine Hände unter Milos Arme geschoben und hielt ihn fest. »Nun mach schon.«

»Er hat mich wie ein wild gewordener Mustang getreten.«

»Verdammt, ich bringe ihn nicht allein in die Kiste. Du musst mir helfen.«

Milos Beine wurden abermals gepackt, doch diesmal hielt ihn der Gangster so fest, dass er ihn nicht mehr los wurde.

Sie schleppten ihn heftig atmend aus dem Schuppen und schwangen ihn wie einen schweren Müllsack in die bereitstehende Kiste.

Milo landete schmerzhaft hart auf den Brettern des Kistenbodens. Das sägeraue Holz roch noch ganz frisch.

»So«, sagte einer der beiden Verbrecher. »Das wäre geschafft. Jetzt Deckel drauf – und ab mit ihm in die Grube.«

Also doch!, schrie es in Milo. Sie werden dich lebendig begraben!

Laut polterte der Deckel auf die Kiste. Milo tobte in dieser hölzernen Enge. Er brüllte. Doch es war nicht mehr zu hören, als ein verzweifeltes »-mpf-! –mpf-!«.

Jetzt wurde wieder geschraubt und gehämmert.

Es war so laut, dass es Milo in den Ohren schmerzte. Die Kiste war wie ein großer Resonanzkasten, der jedes Geräusch erheblich verstärkte.

Sobald die Gangster die Kiste verschlossen hatten, dröhnte der Baggermotor wieder los. Milo spürte einen harten Ruck. Die Kiste wurde über den Boden geschoben.

Wahrscheinlich auf die Grube zu. Und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis die Kiste in die Bodenöffnung stürzte. Milo schrie wieder, doch der Knebel ließ nur ein weiteres »-mpf-!« raus.

Du bist zu einem leidvollen Tod verdammt, dachte Milo verzagt. Wie können Menschen nur zu so etwas fähig sein? Erde prasselte auf die Kiste.

Milo war nahe daran, die Nerven zu verlieren. Seit Menschengedenken war es für die Leute ein Horror, versehentlich lebendig begraben zu werden.

Und ihm passierte es. Aber nicht aus Versehen, sondern mit voller Absicht. Ladung um Ladung fiel auf die Kiste.

Die Geräusche, die die gewaltige Baumaschine verursachte wurden mehr und mehr vom Erdreich gedämpft, und irgendwann waren sie nicht mehr zu hören.

Nur das Beben und Vibrieren war noch zu spüren.

Aber auch das wurde schwächer, sobald sich die Maschine von Milo Tuckers Grab entfernte, und verebbte schließlich vollends.

Nun war Milo allein.

Allein mit seiner Angst vor dem sicheren Tod.

Kapitel 13

Im Field Office erlebte ich die nächste böse Überraschung. Als ich meinen Computer einschaltete, teilte mir das Programm mit, dass ich Post hatte.

Ich öffnete meinen elektronischen Briefkasten – und prallte mit schreckgeweiteten Augen zurück. Entsetzt starrte ich auf den großen Flachbild-Monitor.

Jemand hatte mir ein Foto geschickt.

Die Aufnahme war gestochen scharf. Ich sah einen frischen Erdhügel – mit Sägespänen daneben ―, in dem ein etwa fünf Zentimeter dickes Rohr aus grauem Kunststoff steckte.

Ein Abflussrohr. Und an diesem lehnte ein großer brauner Karton auf den jemand mit giftgrüner Farbe gepinselt hatte: Hier ruht Special Agent Milo Tucker. Gott sei seiner armen Seele gnädig.

Mir stockte der Atem.

Ich hatte Milo Tuckers Grab vor mir!

Ich druckte das Bild aus und eilte damit zu Mr McKee. Der Assistant Director meinte, in diesem Grab müsse nicht unbedingt jemand liegen.

»Vielleicht will uns nur jemand – wie zuvor mit der Todesanzeige ― einen neuerlichen Schock versetzen«, meinte Jonathan D. McKee. »Wir sollen glauben, dass Milo unter diesem Hügel begraben ist. Aber das muss nicht zwingend der Fall sein.«

Mr McKees ungebrochener Optimismus in allen Ehren, dachte ich mit zusammengepressten Kiefern. Aber unter diesem Hügel könnte ebenso gut tatsächlich mein Partner liegen.

Ich überließ meinem Vorgesetzten das Foto. Er wollte es einigen Mitarbeitern vorlegen. Sie sollten versuchen, herauszufinden, wo die Aufnahme gemacht worden war.

Ich kehrte inzwischen in mein Büro zurück. Milos leerer Schreibtisch löste in mir hässliche Empfindungen aus. Wie sehr man sich doch aneinander gewöhnt.

Mir wurde das jetzt erst so richtig bewusst. Ich ließ mich auf meinen Stuhl fallen und griff nach dem Telefonhörer, um Harry Swank, einen unserer EDV-Spezialisten, zu mir zu bitten.

Der Kollege war wenige Minuten später zur Stelle.

Ich zeigte ihm die elektronische Nachricht und sagte: »Ich wüsste gerne, woher sie kommt, Harry. Können Sie sie zurückverfolgen?«

»Ich kann's versuchen«, antwortete Harry Swank. »Aber versprechen Sie sich nicht zuviel. Man kann sich heutzutage schon so gut im Web verstecken, dass es schier unmöglich ist, die Herkunft einer Mail zweifelsfrei zu eruieren.«

»Versuchen Sie's trotzdem, Harry«, verlangte ich.

Der Mann setzte sich an Milos Schreibtisch, holte meine Mail auch auf Milos Bildschirm, rief eine Software auf, an deren Entwicklung er maßgeblich beteiligt gewesen war, wie er mich stolz wissen ließ, und aktivierte das Programm.

Eine Weltkarte erschien, und ein roter Strich wanderte schnurgerade von New York nach Chicago, von Chicago nach Toronto, von Toronto nach London, von London nach Paris, von Paris nach Berlin ... Helsinki, Washington, Buenos Aires, Kairo, Istanbul, Tokio ...

Alsbald verschwand die Weltkarte unter einem roten Gitter-Wirrwarr, einem immer engmaschiger werdenden Netz aus roten Linien, und zu guter Letzt war Harry Swank gezwungen, das Handtuch zu werfen.

»Tut mir Leid, Jesse«, seufzte er.

Ich winkte ab. »Es war auf jeden Fall einen Versuch wert.«

*

Allein. Gefesselt. Geknebelt. Mit einem Sack überm Kopf. In einer engen Kiste. Schätzungsweise eineinhalb Meter unter der Erde. Ohne Hoffnung. Ohne Aussicht, jemals gefunden zu werden.

Wie soll man das verkraften?, fragte sich Milo Tucker.

Alles in ihm lehnte sich gegen dieses grauenvolle Schicksal auf. Man lebt. Man hört den eigenen Herzschlag, hört sich atmen, und weiß, dass man schon sehr bald tot sein wird. Weil man von gewissenlosen Verbrechern lebendig verscharrt worden war.

Unauffindbar für die, die dich suchen, dachte Milo. Er versuchte nicht mehr, sich von den Fesseln zu befreien. Was hätte das jetzt noch für einen Sinn gehabt?

Selbst wenn er die Hände frei bekommen hätte, wäre er niemals aus dieser Kiste herausgekommen.

Er war gezwungen, sich in sein furchtbares Schicksal zu ergeben, konnte nur noch auf ein Wunder hoffen.

Eine Vielzahl von Gedanken raste durch seinen Kopf. Verrückterweise fiel ihm ein, wie er Jesse für das FBI entdeckt hatte. Er war damals schon G-man gewesen und hatte Jesse überredet, ebenfalls Special Agent zu werden.

Das war der Beginn einer langen, wetterfesten Freundschaft gewesen. Er konnte sich noch so gut daran erinnern, als läge es nur wenige Tage zurück.

Die Zeit rennt, dachte Milo. Wo sind die Jahre hingekommen, die wir Partner waren? Aber ab sofort wird die Zeit sehr viel langsamer vergehen. Quälend langsam. Damit ich jede Minute, jede Sekunde meines langsamen Sterbens voll »auskosten« kann.

Neve Paras erschien vor seinem inneren Auge. Zuerst als strahlende Schönheit. Dann als »Monster«. Blutend. Entstellt.

Was mochte aus ihr geworden sein? Was hatten die Gangster mit ihr gemacht? Lebte sie noch? Oder hatte man sie beseitigt, weil sie niemandem mehr von Nutzen war?

Die Feuchtigkeit der Erde drang allmählich in Milos »Sarg«. Seine Kleidung klebte unangenehm an seinem Körper und an den Gliedmaßen. Um hier unten nicht den Verstand zu verlieren, ließ Milo im Geist sein Leben Revue passieren.

Kindheit. Jugend. Der Eintritt in die Welt der Erwachsenen. Verrückt, was er als Kind alles hatte werden wollen, fast jeden Tag etwas anderes. Rennfahrer. Astronaut. Pilot. Schauspieler. Sänger. Gouverneur. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Dann sein Medizinstudium. Er hatte sich entschlossen, sich für Menschen in Not einzusetzen.

Doch dann war er während seines Studiums Zeuge eines Banküberfalls geworden. Die Gangster waren aus der Filiale gestürzt, hatten wild um sich geschossen, hatten den Mann, der neben Milo gestanden hatte – einen völlig unschuldigen Mann –, blindwütig niedergeschossen.

Und Milo hatte nichts tun können. Nichts tun. Dieser Mann war einfach gestorben. Weil er zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Weil den Hyänen des Verbrechens Geld und Macht mehr wert war als jedes Menschenleben.

Da hatte Milo geschworen, alles zu tun, damit Unschuldige nicht sterben mussten. Damit sie nicht Opfer solch irrsinniger Gewalt wurden. Dass er sich immer vor die Wehrlosen und Schutzlosen stellen würde.

Und so war er schließlich beim FBI gelandet.

Er dachte an seine letzten große Fälle zurücken. Natürlich hatte er sie mit seinem Kumpel Jesse Trevellian erlebt. Im Nachhinein waren es echte Abenteuer gewesen, auch wenn er zwischenzeitlich Blut und Wasser geschwitzt hatte.

Sie hatten Falschgeldgangster auf Haiti gejagt, wo die reinste Hölle getobt hatte. Sie hatten eine irre Gang namens »Die Kinder von Harlem« ausgeschaltet, die grauenvolle Menschenjagden veranstaltet hatte. Und noch vor wenigen Wochen hatten sie gegen die Yakuza, gegen die japanische Mafia, gekämpft.

Special Agent Milo Tucker blickte auf ein sehr erfülltes, leider viel zu kurzes Leben zurück, das nun auf eine so schreckliche Weise zu Ende gehen würde.

*

Um sich zu entspannen, bat Hugh Lazar Dolores Arrujo in sein Haus und ließ sich von ihr verwöhnen. Hinterher fühlte er sich sehr viel besser.

Er hatte in dieser Stunde, die die heißblütige Kubanerin auf seinem Anwesen verbrachte, kein einziges Mal an Lobo und die ganze damit verbundene Misere gedacht, und das wertete er als höchst positiv.

Nachdem er Dolores fortgeschickt hatte, holte ihn der Alltag wieder ein. Er führte einige wichtige Telefonate. Darunter auch welche mit nach außen hin völlig sauber dastehenden Geschäftsleuten, denen es absolut nichts ausmachte, Geld, das aus der Unterwelt kam, in ihren angesehenen Unternehmen arbeiten zu lassen.

Gene Harris meldete sich über die abhörsichere Leitung. Ihre Installation durch einen erstklassigen Spezialisten, der bis vor kurzem bei der CIA gearbeitet hatte, hatte den Gangsterboss sehr viel Geld gekostet.

»Der Job ist getan, Boss«, sagte Harris. »Tucker liegt unter der Erde.«

»Habt ihr dafür gesorgt, dass er genug Luft bekommt?« Es hörte sich so an, als würde sich Lazar Sorgen um den verbuddelten G-man machen. In Wirklichkeit ging es ihm jedoch nur darum, dass Milo Tucker, sein wertvolles Faustpfand, noch ein Weilchen lebte.

»Klar, Boss«, antwortete Harris. »Die Luftzufuhr ist durch ein Kunststoffrohr gewährleistet, das bis in die Kiste hinabreicht.«

»Der G-man soll schließlich nicht ersticken«, sagte Lazar.

»Dieses Problem wird er bestimmt nicht haben.«

»Habt ihr das Grab des G-man fotografiert?«

»Ja, Boss. Und wir haben auch schon dafür gesorgt, dass Tuckers Partner das Bild in seinem elektronischen Postkasten hat.«

Lazar lachte. »Jetzt wird Trevellian mächtig rotieren.«

»Das haben wir damit ja bezweckt.«

Zufrieden legte der Gangsterboss den Hörer auf. In Kürze würde er wissen, wo sich Adrienne Pillsbury und ihr Bruder befanden, und dann würden ihm die beiden kein Kopfzerbrechen mehr bereiten. Er hatte Lobo ja gesagt, dass er alles im Griff hatte, dass das große Geschäft nicht im Geringsten gefährdet war.

Die Arschlöcher hinter Lobo sollen sich nicht in die Hosen scheißen, dachte er überheblich. Man kann es mit der Vorsicht und mit der Ängstlichkeit auch übertreiben, Leute.

*

Darth Vader meldete sich wieder. »Wie fühlen Sie sich, Agent Trevellian?«, röchelte er mir ins Ohr.

»Mein Partner ist nicht tot, stimmt's?«

»Nein«, gab Darth Vader zu. »Milo Tucker lebt – noch. Die Todesanzeige sollte Sie nur ein bisschen aufrütteln. Haben Sie sich inzwischen Tuckers Grab angesehen?«

»Sein leeres Grab.«

»Oh, nein«, widersprach Darth Vader. »Nein, Trevellian. Das Grab ist nicht leer. Ihr Kollege liegt tatsächlich unter diesem Hügel. Wir haben ihn lebendig begraben.«

Mich durchrieselte es eiskalt. Was sind das doch für grausame Bestien!, hallte es in meinem Kopf, und ich stellte mir vor, wie Milo jetzt zumute war. Lebendig begraben. Ohne Hoffnung, gefunden zu werden. Einen sicheren, furchtbaren Tod vor Augen.

»Warum habt ihr das getan?«, fragte ich schaudernd. Ich überlegte, wie viel Luft meinem Partner zur Verfügung stand. Wie lange würde es dauern, bis Milo erstickte?

Darth Vader schien meine Gedanken lesen zu können. Er sagte, es sei dafür gesorgt, dass Milo genug Luft bekam. Ich erinnerte mich an das graue Kunststoffrohr, das auf dem Foto zu sehen war.

»Wissen Sie, wie lange ein Mensch ohne Essen auskommen kann, Agent Trevellian?«, fragte der Anrufer.

»Bis zu zweiunddreißig Tage«, antwortete ich.

»Das ist richtig. Und ohne Trinken?«

»Drei bis fünf Tage.«

»Sie sagen es. Drei bis fünf Tage. In längstens fünf Tagen wird Ihr Partner tot sein, wenn Sie unvernünftig sind.«

Ich hätte viel darum gegeben, Darth Vader jetzt vor mir zu haben. Mann, das wäre ein Volksfest für meine Fäuste gewesen.

»Was ist in Ihren Augen unvernünftig?«, fragte ich heiser.

»Wenn Sie sich weigern, mir zu sagen, was ich wissen will.«

»Und was wollen Sie wissen?«

»Wo sich Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw befinden«, sagte Darth Vader. »Wo habt ihr das Geschwisterpaar versteckt?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Das Leben Ihres Kollegen ...«, meinte Darth Vader. »Er ist bestimmt auch Ihr Freund – nach so vielen Jahren erfolgreicher Partnerschaft. Das Leben Ihres Freundes steht auf dem Spiel, Trevellian. Ist Ihnen Milo Tucker denn so wenig wert? Er hat eine schreckliche Zeit vor sich. Fünf qualvolle Tage. Maximal. Im für ihn ungünstigsten Fall. Stunden voller Furcht und Verzweiflung, permanent den Tod vor Augen, erfüllt von unvorstellbaren Panikattacken, die er Ihnen zu verdanken hat, die Sie zu verantworten haben. Sie könnten Ihrem Kollegen all dies ersparen. Verraten Sie mir das FBI-Versteck. Ich nehme an, es ist jemand zum Schutz bei Adrienne und Glenn. Ziehen Sie ihn ab und drehen Sie sich für kurze Zeit um. Schauen Sie einfach eine Weile weg. Mehr brauchen Sie nicht zu tun. Der Rest erledigt sich gewissermaßen von selbst.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Was haben Sie mit Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw vor?«

»Das ist nicht Ihr Bier«, antwortete Darth Vader.

»Sie werden sie töten. Sie möchten ein Menschenleben gegen zwei andere tauschen. Dem kann ich nicht zustimmen. Darauf kann ich unmöglich eingehen.«

»Sie sehen die Sache falsch, Trevellian«, behauptete Darth Vader.

»Und wie sehe ich Sie richtig?«, wollte ich wissen.

»Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw bedeuten Ihnen doch nichts«, sagte Darth Vader. »Milo Tucker hingegen bedeutet Ihnen sehr viel – nehme ich mal an. Hier geht es um eine völlig objektive Gewichtung. In der einen Waagschale liegen zwei Namen, die Sie bis vor kurzem noch nicht einmal gekannt haben. In der anderen liegt Ihr Kollege, Partner und langjähriger Freund Milo Tucker. Möchten Sie ihn verlieren? Das kann ich mir nicht vorstellen. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Sie bereit sind, die volle Verantwortung für Milo Tuckers Tod zu übernehmen. Hier zwei Leute, die Sie kürzlich – berufsbedingt ― kennen gelernt haben. Da ein Mann, der seit langem mit Ihnen durch Dick und Dünn geht und bestimmt schon oft sein Leben für Sie aufs Spiel gesetzt hat. Was muss für Sie mehr wiegen?«

»Mein Partner würde nicht wollen, dass ich Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw ans Messer liefere.«

»Ihr Partner hat eine Scheiß-Angst, Trevellian, und er wird von Tag zu Tag und von Stunde weniger verstehen, warum Sie ihn nicht retten.«

»Er ist G-man. Er ist für Gerechtigkeit.«

»Er hängt in erster Linie an seinem Leben«, erklärte Darth Vader. »Sie haben es in der Hand, ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien. Holen Sie ihn raus aus dem Grab, Trevellian. Zeigen Sie ihm, dass er auf Sie zählen kann, wenn er in der Klemme steckt, dass Sie ihn nicht einfach verrecken lassen, dass Ihnen ihr Job nicht mehr bedeutet als Ihr Freund. Drei bis fünf Tage. Das ist für Sie und mich eine ziemlich kurze Zeitspanne. Aber für Milo Tucker ...«

»Sie kriegen Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw nicht, Lazar!«, schnappte ich.

»Wie haben Sie mich genannt?«

»Lazar.«

»Ich bin nicht Lazar«, behauptete Darth Vader.

»Wer sonst sollte so großes Interesse an dem Geschwisterpaar haben?«

»Versetzen Sie sich in Milo Tuckers Lage, Trevellian«, verlangte Darth Vader. »Er wird sterben, wenn Sie ihm nicht beistehen.« Mehr sagte er nicht.

Danach legte er auf. Ohne mir zu verraten, wann er sich wieder melden würde. Ohne dass ich Gelegenheit hatte, einen Beweis zu verlangen, dass mein Partner wirklich noch am Leben war. Ein schreckliches Bild entstand in meinem Kopf. Ich sah Milo Tuckers Grab, konnte gleichzeitig durch die Erde in die Tiefe sehen. Meine Fantasie machte das Unmögliche möglich.

Mein Freund lag vor mir und sah mich flehend an. »Hilf mir, Jesse!«, sagte er. »Lass mich nicht sterben. Vergiss dieses eine Mal, dass du G-man bist. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich es tun. Ich würde dich nicht qualvoll verdursten lassen. Es kann nicht rechtens sein, einen Freund auf eine so grausame Weise umkommen zu lassen.«

*

Ich ging zu Mr McKee und berichtete ihm von Darth Vaders Anruf. Er hörte mir mit finsterer Miene zu. Als ich geendet hatte, sagte der AD: »Und Sie halten den Anrufer für Hugh Lazar?«

»Er ist der einzige, der Angst vor dem haben muss, was Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw auspacken werden.«

»Reden Sie mit den beiden«, sagte Jonathan D. McKee. »Erzählen Sie Ihnen von der Forderung des Anrufers. Vielleicht haben sie eine Idee, wo Milo begraben liegt.«

Ich nickte, erhob mich, verließ Mr McKees Büro und fuhr zu Shaw und dessen Schwester. Es war keine Zeit zu verlieren. Drei bis fünf Tage ... Drei bis fünf Tage ... Drei bis fünf Tage ... Ständig hallten diese Worte in meinem Kopf. Milo war zäh. Er schaffte vielleicht die fünf Tage. Aber ich wollte nicht, dass mein Partner so lange begraben blieb.

Mir war der schreckliche Verlauf des Verdurstens bekannt. Manche behaupteten, es wäre eine der grausamsten Todesarten überhaupt. Bei einem Verlust von zwei Litern Flüssigkeit setzen Schlafstörungen ein. Die Haut rötet sich. Man hat Durst. Es kommt zu Gereiztheit und Ungeduld. Bei einem Verlust von vier Litern Flüssigkeit kommt es zu Schwindel, heftigen Kopfschmerzen, Speichelmangel, Sprachstörungen und zur Unfähigkeit, zu laufen. Ein Verlust von neun bis elf Litern Flüssigkeit bewirkt eine geschwollene Zunge, man kann nicht mehr schlucken, Taubheit, eingeschrumpfte Haut, Delirium, völlige Muskelschwäche, Apathie ... Tod!

Oh, Milo!, dachte ich gedrückt. Milo ...

Als ich das FBI-Versteck erreichte, ließ Sarah Hunter mich ein. Sie schüttelte den Kopf. »Du gefällst mir gar nicht, Jesse«, sagte sie mit besorgter Miene. »Ist was mit Milo?«

»Man hat ihn lebendig begraben«, antwortete ich rau.

Sarahs Augen weiteten sich. »Um Gottes Willen.«

Ich hatte das Foto, das ich per e-Mail bekommen hatte, noch einmal ausgedruckt. Als ich es ihr zeigte, zog sie die Luft scharf ein.

»Das ist ja entsetzlich«, kam es erschüttert über Sarahs Lippen.

Ich setzte mich mit Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw zusammen und erzählte ihnen, was passiert war. Sarah gesellte sich zu uns. Ich legte das Bild vor Adrienne und ihren Halbbruder hin und sagte: »Unter diesem Hügel liegt mein Partner und mein bester Freund. Ich kann ihn nur retten, wenn ich dem Anrufer verrate, wo Sie sich aufhalten.«

»Werden Sie es tun?«, fragte Adrienne bange.

»Nein. Aber ich will auch nicht, dass Agent Tucker stirbt.«

»Wie wollen Sie es verhindern?«, fragte Adriennes Bruder.

Ich zuckte mit den Achseln. »Das weiß ich noch nicht. Ich hatte gehofft, Sie könnten mich auf eine Idee bringen. Sehen Sie sich die Aufnahme genau an. Lassen Sie sich Zeit. Denken Sie so gründlich wie möglich nach. Wo könnte dieses Foto entstanden sein?«

»Es ist zuwenig von der Umgebung zu sehen«, stellte Adrienne seufzend fest.

»Der Boden ist sandig«, sagte ich. »Es ist kaum Gras zu sehen. Und es fällt ein Schatten auf den Hügel. Sehen Sie? Hier.« Ich zeigte darauf. »Ein Schatten mit einer glatten, geraden Linie.«

»Wie von einem Gebäude«, sagte Adrienne Pillsbury.

»Oder einer Hütte«, versetzte Glenn Shaw.

Leider war das alles, was sie zu dem Bild zu sagen hatten. Ich bedrängte sie, sich besser zu konzentrieren, machte ihnen erneut bedeutungsvoll und mit größtem Nachdruck klar, dass das Leben meines Partners auf dem Spiel stand, doch sie sahen sich außerstande, mir zu helfen.

Ich machte aus meiner Enttäuschung kein Hehl. Doch Adrienne und ihr Bruder erklärten nur, es würde ihnen schrecklich Leid tun, aber sie könnten beim besten Willen nicht sagen, wo sich Milo Tuckers Grab befinde.

Sie hatten inzwischen eine Liste erstellt, auf der angeführt war, mit wem Hugh Lazar – ihres Wissens nach ― alles Geschäfte machte. Es waren einige Namen darunter, die ich niemals auf einer solchen Liste vermutet hätte.

Auf einer zweiten Liste standen die Lokale, die inoffiziell Lazar gehörten, für ihn aber offiziell von scheinbar untadeligen Strohmännern geführt wurden.

Auf einer dritten Liste standen die Namen von Dealern und Sub-Dealern, die das Rauschgift, das sie unter die Leute brachten, nahezu ausschließlich von Hugh Lazar bezogen.

Schärfste Munition für den Staatsanwalt, der gegen Lazar ins Feld ziehen würde, sobald dieser vor dem Richter stand. Aber mich interessierte das im Moment nur am Rande.

Sehr viel wichtiger war mir, Milo aus seinem Grab zu holen.

Kapitel 14

Es klopfte. Otis Miller öffnete die Tür und grinste. Seine Lippen entblößten dabei sein rosiges Zahnfleisch. »Jetzt ist das bald keine Überraschung mehr«, sagte er.

Hank Hogan lächelte. »Langsam gehe ich dir auf den Geist, wie?«

»Das nicht«, widersprach der zahnlose Alte. »Ich wundere mich nur, dich in letzter Zeit so oft zu sehen. Komm rein. Hast du Tandy gekriegt?«

»Er sitzt auf Nummer Sicher«, sagte Hank, während er die armselige Behausung betrat. Auf Wohnkomfort legte Miller sichtlich keinen Wert. Und mit pedantischer Reinlichkeit hatte er auch nichts am Hut.

Auf dem Boden lagen alte Zeitungen, drei Zentimeter Brotrinde – vielleicht hatte Miller die mit seiner Eidechsen-Knabberleiste nicht geschafft ―, eine taubengraue Socke mit einem Riesenloch, durch das man ein Hühnerei hätte schieben können, im Fersenbereich ...

»Was kann ich diesmal für dich tun?«, erkundigte sich der 79-Jährige und bot dem Detektiv Platz an. Er musste aber erst ein paar Wäschestücke vom zerschlissenen Sofa fegen, damit Hank sich setzen konnte.

»Jemand hat meinen Freund Milo Tucker gekidnappt und lebendig eingegraben«, sagte Hank Hogan grimmig.

»Meine Güte, wenn mir so was passieren würde, würde ich vor Angst total überschnappen. Ich wollte als Kind mal durch eine enge Röhre kriechen. In der Mitte überfiel mich plötzlich eine tierische Angst. Ich bildete mir ein, festzustecken, weder vor noch zurück zu können. Ich hab so lange gebrüllt, bis die Feuerwehr kam und mich rausholte. Das werde ich nie vergessen. Es war das traumatischste Erlebnis, das ich jemals hatte.«

»Ich habe vor wenigen Minuten mit Milos Partner telefoniert«, erzählte Hank Hogan. »Er ist begreiflicherweise mächtig am Rotieren.«

Miller nickte. »Das kann ich verstehen.«

Hank zog die buschigen Augenbrauen zusammen. »Jemand will ihn zwingen, Adrienne Pillsbury und ihren Bruder Glenn Shaw ans Messer zu liefern. Die beiden wichtigen Kronzeugen befinden sich derzeit in einem FBI-Versteck und werden dort rund um die Uhr bewacht. Weigert sich Jesse Trevellian, zu tun, was man von ihm verlangt, muss Milo Tucker sterben.«

»Du sagst, jemand will Trevellian zwingen«, meinte Miller. »Wenn es sich um Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw handelt, kann dieser Jemand nur Hugh Lazar sein. Das liegt auf der Hand.«

»Stimmt«, gab Hank Hogan zu. »Aber es lässt sich nicht beweisen.«

Hanks zahnloser V-Mann kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr. Sein Unterkiefer bewegte sich auf und ab. Dadurch war Otis Millers runzeliges Gummigesicht mal breit, mal lang, mal breit, mal lang ... »Wo könnte Lazar den G-man verbuddelt haben?«, murmelte er nachdenklich.

»Dieses Rätsel gilt es zu lösen«, sagte Hank. »Und zwar so schnell wie möglich.«

Otis Miller nickte zustimmend. »Mal sehen, was ich für dich tun kann, mein Freund.«

*

Ich rief vom FBI-Versteck aus Orry Medina an. Er wusste bereits, welch furchtbares Schicksal Milo ereilt hatte. Vermutlich wusste es inzwischen jeder im Field Office. »Ich brauche deine Hilfe, Orry«, sagte ich.

»Jederzeit«, antwortete der Indianer.

»Ich bin bei den Geschwistern«, informierte ich ihn. »Kannst du hierher kommen?«

»Klar, Jesse. Kein Problem. Ich bin in zwanzig Minuten da.«

Er schaffte es in 19 Minuten. Sein Armani-Anzug war mitternachtsblau und so neu, dass fast noch das Preisschildchen dran war.

Ich erklärte ihm, was ich vor hatte, und er sagte sofort: »Okay. Ich bin dabei.«

Sarah Hunter seufzte. »Schade, dass ich nicht mitkommen kann.«

»Du wirst hier gebraucht«, gab ich zurück und verließ mit Orry Medina das Haus.

Wir stiegen in meinen Sportwagen. Ich fuhr los. Mein Ziel war Hugh Lazars Anwesen. Der Gangsterboss sollte sehen, dass er mich nicht für dumm verkaufen konnte.

Das wuchtige Tor der Grundstückseinfahrt war geschlossen. Zwei Überwachungskameras glotzten uns mit glänzenden Glasaugen an, und eine Lautsprecherstimme fragte, wer wir seien und was wir wollten.

»Agent Trevellian und Agent Medina vom FBI«, sagte ich hart. »Wir möchten zu Mr Hugh Lazar.«

Der Mann, der das Tor überwachte, schien kurz nachzudenken. Vielleicht überlegte er, was für Unannehmlichkeiten ihm erwachsen konnten, wenn er uns nicht einließ.

Plötzlich setzte das leise Summen von Elektromotoren ein, und die beiden Torflügel schwangen auf. Ich fuhr auf Lazars Prachthaus zu. Im weitflächigen Garten standen Kübel-Palmen.

Ein Springbrunnen aus hellem Marmor jagte eine armdicke weiße Wasserfontäne gen Himmel. In großen Beeten leuchtete uns eine bunte Blumenpracht entgegen.

»Ist 'ne Menge zu verdienen mit Drogen«, brummte Orry Medina neben mir.

»Ja«, gab ich zurück. »Aber nur bis zu dem Tag, an dem einem das FBI ein Bein stellt und man ganz kräftig auf die Schnauze fällt.«

Ich stoppte den Sportwagen. Wir stiegen aus und gingen die Stufen zum Hauseingang hinauf. Lazars vierschrötige Bodyguards erschienen – wie immer im Bowlingkugel-Look. Sie bauten sich vor uns auf.

Arrogant. Selbstgefällig. Unüberwindbar. Die Beine leicht gegrätscht. Die Arme vor der muskulösen Brust verschränkt. Lebende Bollwerke.

»Sie möchten zu Mr Lazar?«, fragte Butch Crane.

Ich nickte. »Ganz recht.«

»Sind Sie bewaffnet?«, fragte Norman Wigger.

»Selbstverständlich«, antwortete Orry Medina.

Crane streckte verlangend die Hand aus. »Würden Sie uns Ihre Waffen übergeben?«

»Selbstverständlich nicht«, sagte Orry scharf. »Und wagt ja nicht, sie uns mit Gewalt wegzunehmen, sonst könnt ihr was erleben.«

»Mr Lazar duldet keine Waffen in seinem Haus«, knurrte Wigger mit finsterem Blick.

Spannung begann zu knistern. Sie wollten unsere SIGs haben. Wir waren nicht bereit, sie ihnen zu geben. Hinter den Leibwächtern erschien Hugh Lazar und entschärfte die Situation, indem er sagte: »Bitte entschuldigen Sie das Benehmen meiner Bodyguards, meine Herren.« Er wandte sich an Wigger und Crane. »Für FBI-Agents gilt das Waffenverbot natürlich nicht, Jungs.«

Der Gangsterboss bat uns in sein Haus. Die Leibwächter machten widerwillig Platz und ließen uns vorbei. Sie rümpften die Nase, als hätten wir ein Vollbad in einer mörderisch stinkenden Kloake genommen, und ein gemeines Funkeln befand sich in ihren Augen. Wartet nur, Freunde, dachte ich grimmig. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem ihr mit eurem Boss untergehen werdet.

Der im Haus zur Schau gestellte Prunk stieß mir sauer auf. Wie viele Menschen hatten dafür ihr Leben lassen müssen? Wie viele Menschen waren heimtückisch in eine Drogenabhängigkeit gelockt worden, von der sie nicht mehr loskamen, damit sich Hugh Lazar diesen Luxus leisten konnte?

Der Gangsterboss mimte ein Unschuldslamm. Er faltete die Hände vor der Brust, als wollte er beten, und fragte mit sehenswerter Scheinheiligkeit, was uns zu ihm führte.

»Ich denke, wir haben heute schon miteinander telefoniert«, sagte ich.

Lazar sah mich verwundert an. Er tat so, als würde er in sich gehen und intensiv nachdenken. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Nicht, dass ich wüsste.«

»Sie gefielen sich in der Rolle des Darth Vader.«

Der Gangsterboss setzte ein entwaffnendes Lächeln auf. »Tut mir Leid, Agent Trevellian. Sie sprechen in Rätseln. Ich verstehe kein Wort.«

Ich kniff die Augen zusammen und sah ihn scharf an. »Lassen Sie uns offen miteinander reden, Lazar. Wir haben Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw vor Ihnen in Sicherheit gebracht, und das schmeckt Ihnen nicht. Sie möchten die beiden haben und mundtot machen. Und um sie zu kriegen, haben Sie sich meinen Partner Milo Tucker geholt und irgendwo eingegraben.«

Lazar lachte gekünstelt. »Ich muss mich schon sehr wundern, Agent Trevellian. Mit dieser regen Fantasie hätten Sie nicht FBI-Agent, sondern Schriftsteller werden sollen. Sie würden einen Bestseller nach dem andern auf den Markt bringen.«

»Wenn Milo Tucker nicht überlebt, sind Sie wegen Mordes an einem G-man dran«, warf Orry schneidend ein. »Sie scheinen sich nicht darüber im Klaren zu sein, was das für Sie bedeutet, deshalb werde ich es Ihnen sagen. Das Gesetz wird Sie mit aller Härte treffen. Sie und Ihre vierschrötigen Hampelmänner.« Er zeigte auf Crane und Wigger. »Außerdem bringen wir mit Hilfe unserer Kronzeugen noch etliche weitere Typen, die mit Ihnen gemeinsame Sache machen, ins Zuchthaus. Und Sie, Lazar, Sie werden in der Todeszelle landen. Die Todesspritze ist Ihnen gewiss. Sie können mich beim Wort nehmen.«

Hugh Lazar wirkte trotz dieser scharfen Worte völlig gelassen und ungerührt.

»Man wird Sie auf eine Liege schnallen«, fuhr Orry Medina eisig fort. »Sie erhalten in jeden Arm eine Venenverweilkanüle und dann verabreicht man Ihnen die Medikamente, die Sie töten werden. Zuerst bewirkt das Barbiturat Thiopental Ihre Bewusstlosigkeit. Dann tritt eine Lähmung der Atemmuskulatur ein, gefolgt von einer Depolarisation des Herzmuskels. Normalerweise tritt der Tod innerhalb von fünf Minuten ein. Doch die Prozedur kann auch bis zu einer Dreiviertelstunde dauern.«

Ich sah, wie das Blut in Lazars Halsschlagader pochte. Aber in seinem Gesicht zuckte kein Muskel. Er hatte sich gut unter Kontrolle. »War das alles, was Sie mir zu sagen haben, Gentlemen?«, fragte er beherrscht. »Oder haben Sie noch etwas auf dem Herzen?«

Medinas Blick bohrte sich in die Augen des Gangsterbosses. »Graben Sie Milo Tucker schnellstens wieder aus, Lazar«, sagte der Indianer. »Sonst werden Sie sich wünschen, niemals geboren zu sein.«

Ich zeigte auf Hugh Lazar. »Wenn ich wiederkomme, habe ich einen Haftbefehl gegen Sie in der Tasche.«

»Sie werden sich damit bis auf die Knochen blamieren, Agent Trevellian«, behauptete der Gangsterboss. »Was immer Ihnen Adrienne Pillsbury und ihr schwachsinniger Bruder erzählen – es ist alles erstunken und erlogen. Die beiden hassen mich und werden Ihnen deshalb eine Lügengeschichte nach der andern auftischen. Aber beweisen können sie nichts. Und wissen Sie, wieso nicht? Weil meine Weste genauso weiß ist wie Ihre oder die Ihres adretten Kollegen.« Er deutete auf Orry Medina. »Wie ist doch gleich sein Name? See ... Cee ... Zeeka ... Ich kann ihn mir so schlecht merken.«

*

»Die können mir gar nichts«, tönte der Gangsterboss, sobald er mit seinen Bodyguards allein war. »Nicht so viel.« Er schnippte mit den Fingern. »Tanzen hier an und drohen mir mit der Todeszelle, diese ausgemachten Idioten. Was glauben die denn, mit wem sie es zu tun haben? Sie werden sich an mir die Zähne ausbeißen. Ich werde ihre gottverfluchten Kronzeugen kalt machen, und schon ist die Sache in meinem Sinn bereinigt. Niemand kriegt Hugh Lazar in die Todeszelle. Auch ein Kaliber wie Trevellian nicht. Und der andere, dieser eitle Geck, schon gar nicht.«

Lazar ging wütend hin und her.

»Ich hatte vor, ihnen Milo Tucker zurückzugeben«, sagte er schnaubend. »Ich war bereit, mit ihnen einen ganz einfachen, rechtschaffenen Tausch vorzunehmen. Hier Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw. Hier Milo Tucker. Jede Partei bekommt, was sie will – und ist zufrieden. Doch wenn sie mir so kommen, läuft die Sache anders. Tucker wird in seinem Grab krepieren. Das hat er seinen dämlichen Kollegen zu verdanken. Hugh Lazar droht man nicht. Das hätten sie wissen müssen. Jetzt muss Tucker auslöffeln, was ihm Trevellian und Medina eingebrockt haben.«

Der Gangsterboss war fest davon überzeugt, dass er den Nervenkrieg gegen das FBI – respektive gegen Agent Trevellian ― gewinnen würde.

»Er wird nachgeben«, sagte er zuversichtlich. »Er muss nachgeben. Sein Gewissen wird nicht zulassen, dass er Tucker für diese Schlampe und ihren Bruder opfert. Schließlich verbindet ihn mit denen so gut wie überhaupt nichts. Im Augenblick hofft er noch, seinen Partner irgendwie wiederzubekommen, ohne zum Verräter werden zu müssen. Aber ich habe die besseren Karten. Und die Zeit ist auf meiner Seite. Je länger Milo Tucker unter der Erde liegt, desto weicher wird sein Partner werden – und schließlich wird er kapitulieren. Weil er keine andere Wahl hat. Dann machen wir Tabula rasa.«

*

Durst ...

Milo Tucker wusste nicht, wie lange er schon begraben war. Er hatte jeglichen Zeitbegriff verloren. Hell und Dunkel, Tag und Nacht gab es nicht mehr für ihn.

Nur noch das schreckliche, von Durst und Schmerzen begleitete Warten auf den Tod. Und Gedanken, die ihn in den Wahnsinn treiben wollten.

Die Hoffnung, im letzten Moment noch gerettet zu werden, hatte er aufgegeben. Es hatte keinen Sinn, sich jetzt noch etwas vorzumachen. Sich an etwas zu klammern, das nie passieren würde. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den grausamen Tatsachen ins Auge zu sehen. Sein Geist gaukelte ihm irre Dinge vor.

Er hatte abstruse Halluzinationen, sah einen großen See. Das Wasser sah verlockend aus. Kühl, kristallklar und himmlisch erfrischend.

Aber er kam nicht an den See heran. Mit jedem Schritt, den er auf das Wasser zu machte – er konnte in dieser Sinnestäuschung gehen ―, zog es sich weiter von ihm zurück.

Es war ihm nicht gegönnt, sein Gesicht darin zu baden und davon zu trinken. Es war ihm versagt, am Ufer dieses wunderbaren Sees seinen immer quälenderen Durst zu löschen. Das grausame Wasser hielt ihn permanent auf Distanz.

Herrgott noch mal, halt an!, dachte er verzweifelt. Wie weit soll ich dir noch folgen? Wie lange willst du mich noch hinhalten? Siehst du nicht, wie sehr ich leide?

In seinen Ohren entstand ein einladendes, verlockendes Plätschern, und in seiner stetig zunehmenden geistigen Verwirrtheit war ihm, als würde das Wasser zu ihm sprechen.

»Wenn ich dich laben soll«, sagte es, »wenn du mich trinken willst, musst du dich mehr um mich bemühen. Ich bin nicht so leicht zu kriegen. Streng dich an. Fang mich. Lauf. Lauf. Sei nicht so lächerlich lahm.«

Milo glaubte sich röcheln zu hören: »Ich bin müde.«

»Reiß dich zusammen«, verlangte das unbarmherzige Wasser. »Ich will sehen, dass du mich wert bist.«

»Ich habe keine Kraft mehr.«

»Man muss sich jeden erfrischenden Schluck verdienen. Weißt du das nicht?«

»Der Durst hat mich schon zu sehr geschwächt.«

»Dann werde ich mich nicht an dich verschwenden«, sagte das Wasser und begann sich aufzulösen.

»Warte!«, schrie Milos völlig durchgedrehter Geist. Es gab keinen Verstand mehr, der ihm sagte, dass das alles gar nicht möglich war. »Bitte, warte. Lass mich nicht verdursten. Gönn mir wenigstens einen Schluck. Nur einen. Nur ein paar Tropfen. Bitte. Ich flehe dich an. Ich brauche dich. Ich kann nicht leben ohne dich, das weißt du doch.«

Der See verwandelte sich in hässliche graue Nebelschwaden, und eine gnadenlose Stimme sagte klirrend kalt in Milos Kopf: »Du bist dem Tod geweiht, wirst sterben. Finde dich damit ab. Du kannst deinem Schicksal nicht entrinnen.«

Milo bekam nicht mit, dass er im Begriff war, das Bewusstsein zu verlieren. Die Schwärze, die ihn umgab, drang in ihn ein, tauchte bis in seine Seele hinab, füllte ihn total aus und drohte nach seinem Leben zu greifen.

Es ist so furchtbar schwierig, loszulassen, aufzugeben, sich mit dem Ende abzufinden, durchströmte es ihn. Es ist so entsetzlich schwer, zu sterben ...

*

Ich befand mich in meinem Büro und telefonierte ein weiteres Mal mit Darth Vader. Er wurde langsam ungeduldig, das merkte ich. »Wie lange wollen Sie noch hart bleiben, Agent Trevellian?«, fragte er gereizt. »Tut Ihnen Ihr Partner nicht Leid? Wie lange soll er noch unter der Erde bleiben? Allmählich erreicht seine Dehydrierung die kritische Phase.«

»Wer garantiert mir, dass Milo Tucker tatsächlich in diesem Grab liegt?«, fragte ich störrisch.

»Er befindet sich darin. Sie können sich darauf verlassen.«

»Sie könnten die Unwahrheit sagen.«

»Sind Sie sicher, dass jetzt noch Zeit ist für derartige Spekulationen?«, fragte Darth Vader.

»Ich verlange von Ihnen einen Beweis, dass Milo Tucker noch lebt.«

Der Anrufer lachte. »Sind Sie verrückt? Denken Sie, ich buddle Ihren Freund wieder aus?«

»Anders kann ich mich auf dieses Geschäft mit Ihnen nicht einlassen.«

»Sie pokern verdammt hoch, Trevellian«, schnaufte Darth Vader hohl. »Sind Sie sich dessen bewusst? Das Leben Ihres Freundes steht auf dem Spiel.«

»Das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Das weiß ich.«

»Sie haben bereits eineinhalb Tage vertrödelt«, behauptete Darth Vater.

Wir hatten diese Zeit keineswegs vertrödelt, sondern alle Anstrengungen unternommen, Milo zu finden. Bedauerlicherweise ohne Erfolg.

Was Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw alles ausgepackt hatten, hätte gereicht, um Hugh Lazar sofort aus dem Verkehr zu ziehen. Aber Mr McKee wollte nicht nur den Gangsterboss haben, sondern auch die große Rauschgiftlieferung, die er erwartete, und die Leute, mit denen er dieses Geschäft machte. Nur deshalb war Hugh Lazar noch auf freiem Fuß.

Um Milo freizubekommen, wagte ich ein riskantes Spiel. Ich versuchte Darth Vader, der für mich niemand anderer als Hugh Lazar war, auszutricksen, indem ich zum Schein aufgab.

»Na schön«, sagte ich grollend. Er sollte hören, wie sehr es mir gegen den Strich ging, seiner Forderung nachzukommen. »Angenommen ich verrate Ihnen, wo wir Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw versteckt haben. Nehmen wir weiter an, dass ich den Agenten, der die beiden bewacht, abziehe ...«

»Das wäre endlich mal eine vernünftige Handlung von Ihnen, Agent Trevellian«, fiel der Anrufer mir ins Wort. Klang Darth Vader erleichtert? Triumphierte er? Freute er sich darüber, mich endlich weichgekocht zu haben?

»Wie würde sich der Deal weiter abspielen?«, wollte ich wissen. »Ich verrate Ihnen das Versteck, und Sie sagen mir im Gegenzug, wo sich Milo Tuckers Grab befindet.«

Ich hatte vor, ihm eine Falle zu stellen. Im Versteck würden ihn – oder seine Killer – nicht Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw erwarten, sondern mindestens zwei FBI-Agents.

Doch darauf stieg er nicht ein. »Nein, Trevellian. So würde das nicht laufen. Sie sagen mir, wo sich Adrienne und ihr Bruder – unbewacht ― aufhalten, und wenn die beiden tatsächlich dort sind, erfülle ich meinen Teil der Abmachung.«

»Was, wenn Sie das nicht tun?«

»Dieses Risiko müssen Sie eingehen«, antwortete Darth Vader. »Ich würde sagen, Sie haben gar keine andere Wahl.«

Ich presste die Kiefer grimmig zusammen. Verdammt, dachte ich enttäuscht. Er steigt nicht darauf ein. Hattest du ihn wirklich für so bescheuert gehalten?

»Ich traue Ihnen nicht«, sagte ich.

»Das kann ich verstehen«, erwiderte Darth Vader. »Würde ich auch nicht, wenn ich an Ihrer Stelle wäre. Ich schlage vor, Sie denken noch mal über die ganze Angelegenheit nach. Aber lassen Sie sich nicht zuviel Zeit, sonst schnappt Milo Tucker inzwischen über. Ich bin sicher, dass Sie nach reiflicher Überlegung einsehen werden, dass das Geschäft nur nach meinen Bedingungen abgewickelt werden kann. Entweder so – oder gar nicht. Und was gar nicht für Ihren Freund bedeutet, brauche ich Ihnen ja wohl kein weiteres Mal zu erklären.«

Er legte auf – wohl wissend, dass er mich in der Hand hatte, dass ich meinen Partner niemals opfern würde. Er wollte mich ein letztes Mal zappeln lassen, damit ich so klein wurde, wie er mich haben wollte.

Aber er hatte Pech!

Kapitel 15

Hank Hogan rief mich an. Der schwere Muskelmann war mit Gold nicht aufzuwiegen. Unser bester V-Mann erzählte mir, dass er seinerseits seinen besten V-Mann angespitzt hätte ― und das erfreuliche Ergebnis könne sich absolut sehen lassen. »Otis Miller hat nämlich in Erfahrung gebracht, dass Hugh Lazar mit neunundvierzig Prozent an einer Firma namens 'Builders Inc.' beteiligt ist, die nächste Woche in Nassau mit dem Bau eines Sportflugplatzes beginnen wird«, wusste Hank zu berichten. »Das Areal ist schon vermessen und abgesteckt.« Er sagte genau, wo es sich befand. »Die Baumaschinen befinden sich bereits vor Ort. Für Otis steht fest, dass Lazar Milo dort verbuddelt hat. Und mein zahnloser Freund hat sich noch selten geirrt.«

Ich war entschlossen, diesem überraschenden Hinweis, der in mir eine wahre Euphorie auslöste – hoffentlich zu Recht ―, unverzüglich nachzugehen.

Mit Orry Medina an meiner Seite raste ich mit Rotlicht und Sirene los. Während der Fahrt bat ich Orry, dafür zu sorgen, dass ein Krankenwagen zur Stelle war, sobald wir Milo ausgegraben hatten. Er telefonierte sofort.

Kein Formel-1-Pilot wäre schneller in Nassau gewesen als ich. Ich fuhr auf Druck. Milo sollte keine Sekunde länger als unbedingt nötig unter der Erde bleiben.

Wenn ich ehrlich sein soll, muss ich gestehen, dass ich ein wenig Angst davor hatte, meinen Partner wiederzusehen. Wie würde er aussehen?

Würde er uns überhaupt noch erkennen? Oder war er schon so dehydriert, dass sein Geist nicht mehr richtig funktionierte? Würden ihn die Ärzte wieder hinkriegen? Oder war sein Gehirn schon bleibend geschädigt?

Das Areal, auf dem der Sportflugplatz entstehen sollte – mit Start- und Landepiste, mit Hangar und Klubgebäude ―, tauchte vor uns auf.

Ich sah die Baumaschinen. Bulldozzer. Walzen. Bagger. Kräne ... Und ich sah zwei primitive Bauhütten aus Holz. Hatte eine von ihnen ihren Schatten auf Milos Grab geworfen, als der Hügel fotografiert wurde?

Neben der ersten Hütte stand eine große Tischkreissäge. Mir fielen die Sägespäne ein, die ich auf dem Foto neben dem Erdhügel gesehen hatte.

Das bestärkte mich in der Annahme, dass wir hier richtig waren. Ich nahm das Rotlicht vom Dach und schaltete die Sirene ab. Das Ziel war erreicht.

Ich stoppte den Sportwagen und sprang raus, als wüsste ich, dass unter dem Fahrersitz eine scharf gemachte Handgranate lag. Da war der Hügel.

Der braune Karton, auf dem gestanden hatte, Hier ruht Special Agent Milo Tucker. Gott sei seiner armen Seele gnädig, war weg. Aber das Rohr, mit dessen Hilfe Milo mit Luft versorgt wurde, war noch da. Ich starrte auf den Hügel. Unfassbar! Darunter lag mein Freund. Von Durst und Todesangst gepeinigt. Umhüllt von finsterster Hoffnungslosigkeit.

Orry Medina schwang sich auf einen Bagger, ohne auf seinen teuren Armani-Anzug Rücksicht zu nehmen. Ich riss das graue Kunststoffrohr aus dem Boden.

Orry setzte die Maschine in Gang. So gekleidet hatte sie mit Sicherheit noch nie jemand bedient. Sie kam auf rasselnden Ketten knurrend und knatternd auf mich zu.

Der Indianer begann die Hebel zu bedienen. Er wusste genau, was zu tun war. Garantiert saß er nicht zum ersten Mal auf einem solchen Monster-Gerät.

Der Bagger hob ruckartig die Schaufel, senkte sie und drückte seine dicken Eisenzähne in das weiche Erdreich, das erst vor kurzem aufgelockert worden war.

Schaufelladung um Schaufelladung prasselte neben Milos Grab auf den Boden. An der Bauhütte lehnte eine Eisenstange. Ich holte sie und eilte zu der Grube zurück. Es dauerte nicht mehr lange, bis die Baggerschaufel auf Holz stieß.

»Vorsichtig jetzt, Orry!«, überbrüllte ich den Maschinenlärm.

Der Indianer nickte. In der Ferne jaulte ein Krankenwagen. Sobald Orry Medina die Holzkiste freigelegt hatte, sprang ich in die Grube und brach mit der Eisenstange den Deckel auf.

Die Schrauben und Nägel hielten der Gewalt, die ich anwandte, nicht stand. Knirschend brach das Holz. Ich stieß den Deckel zur Seite und ...

Den Anblick, der sich mir bot, werde ich nie vergessen. Milo lag reglos in der Kiste. Er war an Händen und Füßen gefesselt, und sein Kopf steckte in einem schwarzen Stoffsack. Wenn Hugh Lazar jetzt hier wäre, könnte ich für nichts garantieren!, dröhnte es in meinem Schädel.

Ich war wütend. Ich war empört. Ich konnte nicht begreifen, dass man Milo das hatte antun können. Was waren das doch für herzlose Bestien. Ich riss den Sack von Milos Kopf. Er merkte es nicht, war bewusstlos.

»Milo!«, rief ich. »Milo!«

Er reagierte nicht, sah aus wie eine Leiche. Lazar, du elender Mistkerl!

Orry half mir, Milo so vorsichtig wie möglich aus der Kiste zu heben und neben das Grab zu legen. Ich schnitt mit meinem Taschenmesser die Plastikfesseln durch. Milos Hand- und Fußgelenke sahen grauenvoll aus. Blutig. Geschwollen. Entzündet. Eiterig.

»Mein Gott, was muss der arme Kerl mitgemacht haben«, stöhnte Orry Medina.

Der Krankenwagen traf ein. Der Notarzt untersuchte unseren Kollegen. Erste lebenserhaltene Maßnahmen wurden getroffen. Anschließend wurde mein Partner von zwei kräftigen Sanitätern auf eine Trage gelegt und in das Ambulanzfahrzeug geschoben.

Er kam nicht zu sich. Die Miene des Notarztes drückte große Besorgnis aus. Nein, dachte ich. Nein, Doc, Sie kennen Milo nicht. Der schafft das. Der steht das durch. Der kommt ganz sicher wieder auf die Beine. Und zwar in Rekordzeit. Sie werden es sehen. Wir alle werden es sehen. Milo ist ein Kämpfer. Der gibt sich nicht so schnell geschlagen. Mein Freund ist aus einem besonders harten Holz geschnitzt. Ich weiß das. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Er hat es schon x-mal bewiesen.

Ich fragte den Doktor, wohin sie Milo bringen würden. Er nannte den Namen eines nahen Krankenhauses. Dann stieg er ein, und der Krankenwagen entfernte sich heulend. Wir sahen uns die beiden Bauhütten an.

Die eine war leer. In der anderen befand sich eine Menge Werkzeug. Schaufeln, Spitzhacken, Spaten, Äxte ... Wir kehrten zu meinem Sportwagen zurück und stiegen ein.

Ich sah Orry Medina an. »Hast du Milos Gesicht gesehen?«

Er nickte finster.

»Schlimmer konnten diese Verbrecher ihm kaum mitspielen«, sagte ich.

»Ich bin froh, dass wir ihn gefunden haben«, sagte Orry. »Der Albtraum ist für ihn und für uns vorbei.«

»Gott sei Dank.«

Medina nickte zustimmend.

Ich griff nach dem Mikrofon und setzte mich mit unserer Zentrale in Verbindung. Augenblicke später sprach ich mit Jonathan D. McKee. Auch unserem Vorgesetzten fiel ein großer Stein vom Herzen. Er sagte, jetzt, wo man Milo nichts mehr anhaben könne, würde er umgehend eine totale Überwachung des Gangsterbosses veranlassen. Rund um die Uhr. Mit allen dem FBI zur Verfügung stehenden Mitteln. Der Mann dürfe keinen Schritt mehr tun, ohne dass wir es wüssten.

Zwei Stunden später meldete sich Darth Vader zum letzten Mal bei mir. Ich war wieder im Büro. »Haben Sie nachgedacht, Agent Trevellian?«, wollte er wissen.

»Ja«, antwortete ich schneidend. »Hab ich. Sehr lange und sehr intensiv. Möchten Sie wissen, was dabei herausgekommen ist? Soll ich es Ihnen sagen, Lazar?«

»Nennen Sie mich nicht immer Lazar.«

»Sie sind Lazar, und ich teile Ihnen gerne und mit großer Freude mit, dass Sie so gut wie erledigt sind. Das Spiel ist aus, und Sie haben verloren.«

»Haben Sie getrunken, Trevellian?«

»Ich bin stocknüchtern. Aber an dem Tag, an dem man Sie einbuchtet, mache ich mit meinen Kollegen ein Fass auf. Das steht fest.«

»Hat der Verlust Ihres Partners Sie so sehr verwirrt, dass Sie nicht mehr an ihn denken?«

»Ich werde Ihnen jetzt etwas verraten, das Ihnen überhaupt nicht gefallen wird, Lazar«, stieß ich aggressiv hervor. »Sie besitzen kein Faustpfand mehr. Wir haben Milo Tucker zurückgeholt. Er liegt nicht mehr in diesem Grab in Nassau, dort, wo 'Builders Inc.', die Baufirma, an der Sie mit neunundvierzig Prozent beteiligt sind, einen Sportflugplatz errichten wird.«

Mir fiel auf, dass ich die letzten Worte in eine tote Leitung gesprochen hatte. Darth Vader war nicht mehr dran, war entschwunden in eine ferne Galaxie, und ich war sicher, dass ich nie wieder von ihm hören würde.

*

Danach ging es Schlag auf Schlag. Die von AD McKee angeordnete lückenlose Totalüberwachung des Gangsterbosses trug noch am selben Tag Früchte.

Die Kollegen, die sich um Hugh Lazar kümmerten, registrierten gegen 22 Uhr auf seinem Grundstück eine unauffällige »Truppenbewegung«.

Vier Limousinen trafen ein. Bewaffnete Männer verschwanden im Haus. 30 Minuten später kamen sie wieder heraus. Diesmal war Hugh Lazar bei ihnen.

Der Fahrzeugkonvoi setzte sich in Bewegung. Für uns gab es keinen Zweifel. In dieser Nacht sollte das geplante Drogen-Geschäft abgewickelt werden.

Mr McKee startete einen Großeinsatz. Ab sofort wurde Lazar nicht nur auf dem Boden, sondern auch aus der Luft überwacht. Drei Hubschrauber folgten dem Konvoi unbemerkt.

In einem saß ich mit Sarah Hunter, Orry Medina, Clive Caravaggio und Jay Kronburg. Leslie Morell passte auf Adrienne Pillsbury und Glenn Shaw auf. Wir trugen kugelsichere Westen und waren bis an die Zähne bewaffnet.

Jonathan D. McKee hatte kürzlich gesagt: »Ich möchte Lazar. Ich möchte die Drogen. Und ich möchte Lazars Geschäftspartner.«

Okay. Wir waren fest entschlossen, unserem Chef zu verschaffen, was er haben wollte. Es stellte sich heraus, dass der Mega-Deal auf einem großen Autofriedhof in New Jersey über die Bühne gehen sollte. Westlich von North Arlington. Dort wurde Hugh Lazars Konvoi von Lobo und den Männern, deren Interessen er dem Gangsterboss gegenüber bisher vertreten hatte, erwartet. Sie begegneten einander mit mühsam unterdrücktem Misstrauen. Es herrschte Hochspannung auf dem Autofriedhof.

Mr McKee hatte mir die Einsatzleitung übertragen. Wir beobachteten die »Geschäftsleute« mit Nachtsichtgläsern, waren in der Nähe des Autofriedhofs abgesetzt worden und hatten um die Drogen-Gangster unverzüglich einen unsichtbaren Ring gezogen, der aus 25 bestens bewaffneten FBI-Agents bestand.

Die Männer um Lazar und jene um Lobo waren uns gegenüber in der Minderheit. Ich zählte insgesamt – also mit Lazar und Lobo ― 18 böse Jungs.

Davon waren auf beiden Seiten je sechs noch schwerer bewaffnet als wir. Und sie waren so nervös, dass das Husten eines Flohs genügt hätte, um sie durchdrehen und wild um sich ballern zu lassen. Lobo ließ den Stoff bringen.

Einer von Lazars Männern testete das Zeug stichprobenartig. Nachdem er es für in Ordnung befunden hatte, ließ Hugh Lazar die Million holen.

Das war der Moment, in dem ich »Zugriff!« sagte. Ich brauchte meine Stimme nicht zu erheben. Meine Kollegen hörten mich trotzdem über Funk ganz deutlich – und handelten.

Auf dem Autofriedhof brach die Hölle los!

G-men kletterten an den Wrackbergflanken hinunter und machten sämtliche Fluchtwege dicht. Die Gangster wurden aufgefordert, die Waffen fallen zu lassen und sich zu ergeben.

Das musste so sein. Obwohl wir wussten, dass in den allerseltensten Fällen einer solchen Aufforderung Folge geleistet wurde.

Hier war es nicht anders. Die hochgradig nervösen Verbrecher verfielen in eine blindwütige Hysterie und begannen wie von Sinnen in alle Richtungen zu schießen.

Daraufhin erwiderten wir das Feuer. Lobo fiel als Erster. Er hastete geduckt zu seinem Wagen, erreichte ihn jedoch nicht. Mehrfach getroffen stolperte er und landete im Dreck. Ob ihn FBI-Kugeln erwischt hatten oder Geschosse aus Gangsterwaffen, würde die Obduktion später klären.

Butch Crane und Norman Wigger schützten ihren Boss mit ihren Körpern. Crane bezahlte diesen bedingungslosen Einsatz mit seinem Leben.

Wigger sackte angeschossen zusammen. Und Hugh Lazar stand plötzlich schutzlos da. Sarah Hunter hockte neben mir hinter einem zertrümmerten Chrysler.

Plötzlich schnellte sie hoch und wollte losstürmen. Ich sah, wie ein Lobo-Gangster seine Mini-MPi in ihre Richtung schwang. Meine Kopfhaut zog sich schmerzhaft zusammen.

»Runter, Sarah!«, brüllte ich.

Gleichzeitig packte ich ihren Arm und riss sie mit aller Kraft zurück. Sie landete neben mir auf dem Boden. Und dort, wo sie sich vor einer Sekunde noch befunden hatte, trommelte ein Dutzend Kugeln in rostiges Blech.

»Danke, Jesse!«, keuchte Sarah.

Lazar holte sich das Geld und das Rauschgift, während es rings um ihn knatterte, ratterte, knallte, pfiff, zirpte und krachte. Er warf sich damit in ein Wrack, das keine Türen mehr hatte. Die Lobo-Gangster fingen an mit Handgranaten um sich zu werfen.

Tödlich gefährliche Stahlsplitter flogen durch die Luft. Nick Cassidy zog den Kopf ein und folgte Lazar. Aber nicht, um ihn zu beschützen, sondern um mit ihm abzurechnen und sich in dem herrschenden Durcheinander sowohl die Drogen als auch die Million unter den Nagel zu reißen.

Hugh Lazar erkannte Cassidys ketzerische Absicht in dem Augenblick, wo dieser seine Waffe auf ihn richtete. Auch der Gangsterboss war bewaffnet. Sie feuerten gleichzeitig aufeinander, und sie trafen beide.

Ich verlangte von Sarah: »Gib mir Feuerschutz!«

Sie nickte und begann zu schießen. Ich flitzte hinter meiner Deckung hervor und stürmte zum Zentrum des Geschehens. Ich war mehrmals gezwungen, mich flach auf den Boden zu werfen, und einmal streifte ein Projektil meine schusssichere Weste. Gut, dass ich sie trage!, durchfuhr es mich siedend heiß.

Der Kampflärm war etwas schwächer geworden. Einige Gangster hatten ihre Unvernunft mit dem Leben bezahlt. Einige andere hockten verletzt auf dem Boden.

Aber es gab noch immer zu viele, die einfach nicht aufgeben wollten, die sich weigerten, zu begreifen, dass sie nicht die geringste Chance mehr hatten, ungeschoren davonzukommen.

Vor mir tauchte Gene Harris auf. Ich legte auf ihn an. Er riss entsetzt die Augen auf, warf seine Kanone weg und streckte die Arme hoch.

Ich verpasste ihm Handschellen und überließ ihn Clive Caravaggio. Allmählich bekamen wir die Situation unter Kontrolle. Und irgendwann fiel dann kein Schuss mehr.

Von meinen Leuten waren zum Glück nur zwei leicht verletzt. Die Drogenhändler waren weit weniger glimpflich davongekommen. Ich wollte mir Hugh Lazar holen.

Nick Cassidy kroch soeben aus dem türlosen Wrack. Soweit ich sehen konnte, war er nicht mehr bewaffnet. In seiner Herzgegend befand sich ein Blutfleck.

Er schien noch nicht bemerkt zu haben, dass er verletzt war, denn er grinste, als ginge es ihm bestens, und machte einen höchst zufriedenen Eindruck.

Er kam langsam näher. »Ich habe geschworen, den Bastard eines Tages umzulegen, und heute habe ich es getan.«

»Ist Lazar tot?«, fragte ich.

»Das hoffe ich.« Cassidy hörte auf zu grinsen. War ihm auf einmal klar geworden, dass das nicht zum Ernst seiner Lage passte? Er fing an zu husten und spuckte Blut. »Ich werde ins Gras beißen, G-man«, röchelte er. »Aber ich werde es mit der Genugtuung tun, dass es auch Lazar nicht geschafft hat.«

Er konnte auf einmal nicht mehr länger auf den wackeligen Beinen bleiben. Sein Gesicht wurde kalkig. Er schwankte, brach zusammen und tat gleich darauf seinen allerletzten Atemzug.

Ich kroch in das türlose Wrack. Lazar sah mich mit schmerzverzerrtem Gesicht an. »Was ist mit Cassidy?«, wollte er wissen.

»Er ist tot«, antwortete ich.

»Der Bastard hat auf mich geschossen.«

»Und Sie auf ihn.«

»Ich hätte ihn schon längst umlegen sollen«, sagte Hugh Lazar kraftlos.

Orry Medina und Jay Kronburg halfen mir, den schwer verletzten Gangsterboss aus dem Wrack zu ziehen. Ich riss sein Hemd auf und sah den Einschuss.

»Wie sieht's aus, Trevellian?«, fragte Lazar.

»Wenn Sie Glück haben, bleiben Sie am Leben«, antwortete ich. Mit dieser Verletzung wird er eine Waggonladung voll Glück brauchen, um durchzukommen, dachte ich, sprach es jedoch nicht aus.

»Es tut verdammt weh«, stöhnte Lazar.

Orry Medina und Jay Kronburg stellten das Rauschgift und die Million sicher.

»Haben Sie wirklich Ihren Kumpel befreit?«, wollte der Gangsterboss wissen.

»Ja.«

Obwohl es ihm so dreckig ging, sagte er voller Bosheit: »Sie hätten Ihren Partner nicht wiedergekriegt. Ich hatte nicht vor, Ihnen zu verraten, wo er eingebuddelt ist.«

Ich sah ihn verständnislos an. »Warum nicht?«

»Weil ihr euch erfrecht habt, mir mit der Todesstrafe zu drohen«, zischte Lazar hasserfüllt.

Ambulanzfahrzeuge und Notarzthubschrauber trafen ein. Und ein großer Leichenwagen.

Lazars Augen wurden mit einem Mal seltsam blicklos. »Trevellian«, sagte er. »Sind Sie noch da?«

»Ja. Ich bin noch da.« Ich beugte mich über ihn.

»Ich kann Sie nicht mehr sehen.«

»Ich bin hier, Lazar«, sagte ich und berührte seine Schulter.

»Wie geht es Ihrem Partner?«

»Das weiß ich im Moment nicht.«

»Wird er durchkommen?«

»Das hoffe ich«, sagte ich.

»Sie haben mich vorhin belogen, Trevellian«, behauptete Lazar.

»Womit?«

»Sie haben gesagt, wenn ich Glück habe, bleibe ich am Leben. Sie wussten, dass das nicht stimmt. Ein Mann mit Ihrer Erfahrung erkennt auf den ersten Blick, was los ist. Ich werde es nicht schaffen, G-man. Mir ist kalt. Ich habe keine Schmerzen mehr. Das ist der Anfang vom Ende. Mal sehen. Vielleicht kann ich noch schnell bei Ihrem Freund vorbeischauen und ihn überreden, mitzukommen.«

Er lachte zynisch und gemein, lachte so lange, bis kein Leben mehr in ihm war. Der Notarzt, der neben mich trat, konnte nur noch Hugh Lazars Tod feststellen.

Epilog

Milo Tucker schaffte den Weg zurück in so kurzer Zeit, dass er die Mediziner, die ihn betreuten, in allergrößtes Erstaunen versetzte. Offenbar hatten sie so etwas noch nie erlebt.

Durch Zufall erfuhr ich, dass an dem Tag, als wir meinen Partner aus seinem Grab geholt hatten, am Pier 17 eine geistig völlig verwirrte Frau aufgegriffen worden war.

Sie schien schwer misshandelt worden zu sein oder einen Unfall gehabt zu haben. Man nahm Ersteres an, weil ihre Verletzungen notdürftig versorgt worden waren.

Sie war in eine geschlossene Anstalt eingeliefert worden, und dort ist sie noch immer.

Als Milo mir erzählte, auf welche Weise er in die Falle gelockt worden war, stand für mich fest, dass diese Frau Neve Paras war.

Aber ich sagte es ihm nicht, weil ich nicht sicher war, ob ich ihm das – nach all dem Schrecklichen, das er erlebt hatte ― schon zumuten konnte.

Wohl fühlte ich mich, ehrlich gesagt, nicht dabei. Ich habe nicht gern Geheimnisse vor einem Freund. Ich schwieg nur deshalb, um Milos angegriffene Psyche zu schützen, ihr Gelegenheit zu geben, sich zu erholen und wieder zu erstarken.

Eines Tages saßen wir einander wieder im Büro gegenüber, und mir fiel auf, dass Milo mich betrachtete. Ich hob den Kopf und erwiderte seinen beständigen Blick.

»Is was?«, fragte ich.

»Irgendetwas ist nicht mehr so wie früher zwischen uns, Jesse«, behauptete er.

Mir fiel es schwer, seinem forschenden, argwöhnischen Blick standzuhalten. »Das bildest du dir ein.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, Jesse. Das bilde ich mir nicht ein. Ich spüre es ganz deutlich. Irgendetwas steht zwischen uns.«

»Was?«

»Sag du es mir«, verlangte Milo.

Ich sah mich in die Enge getrieben. War es richtig, noch länger zu schweigen? Hatte Milo nicht ein Recht darauf, zu erfahren, wie es um die Frau, die er so sehr schätzte und mochte, stand?

Ich atmete schwer aus und fragte: »Wie fühlst du dich?«

Milo nickte. »Gut.«

»Du hast Schlimmes erlebt.«

»Ich habe es verarbeitet«, erklärte mein Partner. »Es macht mir keine Probleme mehr.«

Ich grub die Schneidezähne unsicher in meine Unterlippe. »Meinst du, du könntest schon wieder eine schlechte Nachricht verkraften?«

»Teste mich!«, verlangte Milo, und ich kam seiner Aufforderung so behutsam wie möglich nach.

Nachdem ich geendet hatte, sah er mich verständnislos an und fragte mit belegter Stimme: »Wie lange wolltest du mir das noch vorenthalten?«

Ich hob ratlos die Schultern.

Er stand auf.

Ich fragte: »Wohin willst du?«

»Wohin wohl?«

»Ich komme mit.« Ich wollte ebenfalls aufstehen.

Doch Milo schüttelte bestimmt den Kopf. »Nein, Jesse. Du bleibst hier.«

Er verließ mit ernster Miene und schweren Schritten das Büro.

Als er nach drei Stunden zurückkam, ging es ihm seelisch sehr schlecht, das sah ich ihm sofort an. Er plumpste auf seinen Schreibtischstuhl und sagte tonlos: »Sie hat mich nicht erkannt.«

»Hast du mit den Ärzten gesprochen?«, fragte ich.

Milo nickte erschüttert. »Ja.«

»Was haben sie gesagt?«

Er schluckte. Ich sah seinen Adamsapfel hüpfen.

»Man kann kaum etwas für Neve tun«, kam es leise über seine Lippen. »Man kann nur hoffen, dass ihr Geist eines Tages zu ihr zurückfindet.« Er legte die Hände auf den Schreibtisch und ballte sie trotzig zu Fäusten. »Ich wünsche es ihr. Ich wünsche es dieser wunderbaren Frau von ganzem Herzen.«

Während er das sagte, glänzten eine Augen feucht.

Und ich nickte – und schwieg.

ENDE

Gangsterjagd in New York 1

von Thomas West

Ein CassiopeiaPress E-Book

© Serienrechte „Jesse Trevellian“ by Alfred Bekker

© 2014 by Author

© 2014 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Dieses Buch enthält folgende Romane

Thomas West: Rächer ohne Namen

Thomas West: Gangster Rapper

Thomas West: Rächer ohne Namen

11. Juni 1979

Irgend jemand zündete ein paar Kerzen an und schaltete das Licht hinter der Theke aus. Talita ging zum Plattenspieler und legte Meat Loaf auf. Und Jane huschte mit Marty in eines der Nebenzimmer.

Nervös drehte Marc DaCol die Bierdose zwischen den Fingern. Natürlich wollten sie, dass er sich endlich verpisste! Die meisten waren ja schon gegangen. Fast der ganze Abschlussjahrgang. Nur die acht vom harten Kern noch nicht. Die Bacon-Clique. Und eben er.

Er hatte einen Kloß im Hals, er rutschte nervös auf der Matratze hin und her, er zündete eine Zigarette nach der anderen an und eine ängstliche Stimme in ihm jammerte: "Jetzt geh, Marc, die wollen dich hier nicht..."

Die andere Stimme in ihm aber - die trotzige, wütende Stimme - beharrte darauf: "Du bleibst!"

Sie hatten ihn nicht auf ihre Parties eingeladen, sie hatten seine Einladungen ausgeschlagen, sie hatten ihn aus dem Basketballteam herausgeekelt, sie hatten ihn drei Jahre lang spüren lassen, dass sie ihn für einen Streber hielten, sie hatten ihn wie Luft behandelt. Je offener er sich um die Aufnahme in ihre Clique bemüht hatte, desto krasser hatten sie ihn weggedrückt.

Jesus, Maria! Wie gut er das kannte! Von klein auf kannte! Ich sagen, hieß für ihn: Von jemandem reden, den keiner wollte.

Heute aber konnten sie ihn nicht einfach nach Hause schicken. Fast drei Jahre lang hatte er um ihre Anerkennung gebuhlt. In einem Monat die letzte Prüfung, und dann war Schicht.

Und heute stieg das inoffizielle Abschlussfest, eine Fete des gesamten College-Jahrgangs. Auch wenn es im Haus von Wangs Eltern stattfand und Furyo Wang der beste Freund von Lester Bacon war. Die Bacon-Clique hatte also eine Art Hausrecht.

Trotzdem sollte ihn der Teufel ihn holen, wenn er hier nicht als letzter ging. Oder wenigstens als vorletzter.

Er versuchte so cool wie möglich in die Runde zu grinsen. Furyo und Lester an der Theke wichen seinem Blick aus und sahen sich mit hochgezogenen Brauen an.

Wang, du Schwein - du warst es vor allem, der Stimmung gegen mich gemacht hat...

Der lange Wash, der sich ihm gegenüber auf einer Matratze lümmelte, zuckte mit dem rechten Mundwinkel. Seine großen Augen fixierten ihn verächtlich.

Noah, Tom und Talita schüttelten sich auf der Tanzfläche und schienen ihn nicht zu beachten. Doch er spürte ihre Gedanken mit jeder Faser seines Körpers. Wie Moskitos surrten sie böse durch die stickige Luft: Hau endlich ab, DaCol!

Er hatte gelernt, Worte zu verstehen, die in den Köpfen der Leute rumorten und den Ausgang mieden. Jedenfalls glaubte er immer genau zu wissen, was man über ihn dachte. Und noch nie hatte er jemanden in Verdacht gehabt, etwas Gutes über ihn zu denken.

Zwischen Meat Loafs Songs hörte er Gekicher aus dem Nebenzimmer.

Was machen die da drin?

Irgendwann holte sich Talita eine Cola von der Theke und kam zu ihm. Er atmete auf. Auch wenn er wusste, dass sie es aus reiner Höflichkeit tat. Sie hielt einfach keine Spannung aus.

Talita ließ sich neben ihm auf der Matratze nieder. "Na, Marc? Was machst du denn nach dem College?"

"Erst... erst... erst mal zur Army." Wenn er aufgeregt war, blieben ihm die Worte manchmal im Hals stecken.

Ihr ungläubiger Blick entging ihm nicht. Die Frage, die sie unterdrückte, las er in den grünen Augen des blonden Mädchens: Nehmen die so kleine Männer wie dich?

"Und danach?", wollte sie wissen.

Süße Frau. Interessiert sie sich wirklich für mich?

Die Platte war zu Ende. Stöhnen aus dem Nebenzimmer - Janes Stimme.

Sonnenklar, was die da machen!

Sein Mund wurde trocken.

Jesus Maria! Die lässt sich ficken...

"M... mal sehen", sagte er, "wahrscheinlich studieren." Er sah wie Wash seinen langen schwarzen Körper von der Matratze schob und ins Nebenzimmer zu Marty und Jane verschwand.

"Und was?" Er hasste diese verkrampften Interviews. Aber weit mehr hasste er es, allein zu sitzen und nicht beachtet zu werden.

"Chemie." Er sah wie Lester und Furyo sich über die Theke beugten. Beide hielten Strohhalme an ihr rechtes Nasenloch und drückten das linke mit den Daumen zu. Stimmten die Gerüchte also doch, die er gehört hatte: In der Bacon-Clique wurde nicht nur Shit geraucht, sondern auch Koks geschnupft.

"Und wo?" Talitas Stimme klang angestrengt. Aus dem Nebenzimmer wieder Gekicher. Und ein kehliger Seufzer. Wash.

Dann stimmt das andere also auch. Sexorgien - Jesus Maria!

"Wahrscheinlich in Boston." Nun drängten sich auch Noah und Tom an die Theke der Hausbar heran und beugten sich über das Glastellerchen mit dem weißen Pulver.

Der illegale Teil der Fete hatte begonnen. Die berüchtigten wilden Nachtstunden der Bacon-Clique. Sie hatten vor seiner Hartnäckigkeit resigniert. Also gehörte er jetzt dazu! Wenigstens für ein paar Stunden.

"Und was machst du nach dem College?" Ein Schrei im Nebenzimmer. Wash.

Jesus! Mein Schwanz pocht!

Talita zuckte müde mit den Schultern. "Erst mal muss ich die letzte Prüfung bestehen."

Er wusste, dass sie in fast allen naturwissenschaftlichen Fächern auf der Kippe stand. Dafür hatte sie auf ihrer ersten Ausstellung gleich zwei Bilder verkauft. Vor drei Wochen, drüben in Manhattan.

Sie berührte ihn am Arm. Ein heißer Strom durchzuckte ihn. "Komm, wir tanzen." Er schwebte geradezu auf den freigeräumten Teppich vor den Lautsprecherboxen.

Verkrampft bewegte er sich zu den Rhythmen von Meat Loaf. Talita lächelte ihn ermutigend an.

Du tust ihr leid. Verflucht, du tust ihr leid! Das ist alles!

Der Gedanke bohrte sich schmerzhaft in seine Brust. Er schob ihn weg.

Seine Bewegungen wurden lockerer, er versuchte Talitas Lächeln zu erwidern. An der Theke beobachtete er Lester und die anderen. Sie tuschelten und grinsten hämisch.

Im Türrahmen erschienen nacheinander Marty und Wash. Marty verschwitzt und wankend. Wash knöpfte den Schlitz seiner Jeans zu und strahlte zufrieden. Von Jane keine Spur.

Die beiden Jungen stelzten zur Theke und zogen sich einen Streifen in die Nase. Noah verschwand im Nebenzimmer. Bald darauf schrie Jane lustvoll.

Jesus! Das ist ja absolut irre! Die lässt sich von allen durchbumsen...!

Er schluckte. Seine Knie wurden weich. Das Atmen fiel ihm schwer. Talita schien von all dem keine Notiz zu nehmen.

Ob sie auch...?

Er führte einen aussichtslosen Kampf gegen seine Hemmungen. Immer näher tänzelte er an sie heran. Plötzlich war der schwarze Wash hinter ihr. Seine kräftigen Arme legten sich um ihren Hals und zogen das Mädchen rückwärts auf die Matratze neben der Stereoanlage.

Du verfluchter Scheißkerl! Ich hasse dich! Ich hasse dich...

Seine Tanzbewegungen wurden linkischer. Die spöttischen Blicke von der Theke saugten sich an seinen steifen Gliedern fest. Die Schamröte stieg ihm ins Gesicht.

Ich hasse euch! Jesus Maria - wie ich euch hasse!

Unschlüssig blieb er stehen. Noah und Marty erschienen im Türrahmen des Nebenzimmers. Grinsend schlenderten sie auf die improvisierte Tanzfläche. Lester und Furyo rutschten von ihren Barhockern. Sie hatten es eilig zu Jane zu kommen.

"Komm her, DaCol." Der blonde Tom Ockham winkte ihn zur Theke. "Wenn du schon hier bist, dann nimmt dir was Gutes zur Brust."

Warum geht er nicht zur ihr? Traut er sich nicht?

Zögernd näherte sich der Theke und ließ sich zeigen, wie man das weiße Pulver inhaliert. Tom beobachtete ihn. Mit dem typischen geringschätzigen Zug um seine dicken Lippen. "Und?", grinste er. "Tut's gut?"

Es war wie ein kalter Guss nach der Sauna. Als würde ein verstopftes Loch in seinem Hirn aufgesprengt. Alle Unsicherheit fiel von ihm ab.

Tom grinste ihn an. Wash und Talita grinsten von der Matratze aus zu ihm hoch. Die beiden Burschen vor den Boxen grinsten ihn an. Er hielt es für ein Zeichen seiner Aufnahme in die Clique. Sie grinsten ihn an, statt die Augen zu verdrehen. Eine von ihnen hatte mit ihm getanzt. Einer von ihnen hatte ihm Koks gegeben. Und jetzt...

Lester kam mit nacktem Oberkörper aus dem Nebenzimmer.

....jetzt zu Jane...

Mit vier, fünf raschen Schritten war er im Nebenzimmer. Flackerndes Kerzenlicht. Zwei Körper im Halbdunkeln. Auf dem Bett. Stöhnen und Seufzen. Wie gebannt starrte er auf die Szene. Irgendwann sah er Furyos Hintern von Janes nacktem Körper gleiten. Es war dunkel im Zimmer, aber nicht so dunkel, dass er ihre weiblichen Rundungen nicht sah.

Jesus Maria!

Er zog seine Hose aus und warf sich auf sie. Sie riss erschrocken die Augen auf. "Hey, Kleiner - spinnst du?!"

Details

Seiten
1203
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738910025
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367663
Schlagworte
york sommermörder neun krimis seiten

Autoren

  • Autor: Alfred Bekker

    Alfred Bekker (Autor)

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Titel: New York Sommermörder: Neun Krimis auf 1203 Seiten