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Endlich kann ich glücklich sein

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Eigentlich hat Carla Thorsten alles, was man sich wünschen kann: einen gutbezahlten Job als berühmte Journalistin und einen Freund. Doch dann hört sie, dass Albert Behrens, der Maler, den sie liebt, die junge und verwöhnte Erbin eines Chemiekonzerns malen soll. Albert scheint seinen Auftrag allzu ernstzunehmen, obwohl Barbara von Bergen bereits einem anderen Mann versprochen ist. Misstrauisch geworden, fährt Carla nach Liebenthal, um nach dem Rechten zu sehen. In dem kleinen, romantischen Städtchen wird sich ihr Leben auf eine Weise verändern, die sich nicht hätte träumen lassen …

Leseprobe

Endlich kann ich glücklich sein



Roman




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext:

Eigentlich hat Carla Thorsten alles, was man sich wünschen kann: einen gutbezahlten Job als berühmte Journalistin und einen Freund. Doch dann hört sie, dass Albert Behrens, der Maler, den sie liebt, die junge und verwöhnte Erbin eines Chemiekonzerns malen soll. Albert scheint seinen Auftrag allzu ernstzunehmen, obwohl Barbara von Bergen bereits einem anderen Mann versprochen ist. Misstrauisch geworden, fährt Carla nach Liebenthal, um nach dem Rechten zu sehen. In dem kleinen, romantischen Städtchen wird sich ihr Leben auf eine Weise verändern, die sich nicht hätte träumen lassen …





Roman:

Die Maisonne meinte es gut.

Sie strahlte schon am frühen Vormittag sommerliche Wärme in die Straßen hinein. Carla Thorsten war ein wenig erhitzt, als sie den kühlen, breiten Flur des Westhofen‑Verlags betrat. Sie schaute durch die große Glaswand, die den Maschinensaal zu ebener Erde vom Flur trennte. Die Druckpressen arbeiteten. Ihr Pulsschlag zitterte durch das ganze Haus. Liebe, fast vergessene Geräusche.

Carla stieg die Treppe empor. Es war ein strenger, schmuckloser Zweckbau, den der alte Westhofen vor dreißig Jahren für seinen Verlag errichtet hatte. Kein Prunk, kein Luxus dabei. Rechts und links von der Treppe gingen Türen ab, die zu den Arbeitsräumen und dem Redaktionssaal führten.

Eberhard Westhofen wird das vielleicht ändern, dachte Carla. Er liebte Stil und Behagen und hatte einen so gediegenen Geschmack. Ob er nicht überhaupt vieles ändern ließe, jetzt, da er der Herr war?

Der alte Westhofen war nie so recht zufrieden gewesen mit seinem Sohn. Für ihn war es eine Enttäuschung, dass Eberhard nicht die gleiche, robuste Anschauung und Einstellung zu seinem Beruf hatte wie er selbst. Auch um Carla hatte es mehr als einmal Streit zwischen Vater und Sohn gegeben.

Der alte Westhofen war stolz darauf gewesen, schon in dem frisch von der Schulbank weg in seinen Redaktionsräumen gelandeten Mädchen die zukünftige Journalistin erkannt zu haben. Deshalb schickte er sie mit voller Absicht früh hinaus, dem Abenteuer entgegen, damit sie sich erproben und in ihre späteren Aufgaben hineinwachsen sollte. Eberhard hatte es nie gebilligt, wenn sein Vater Carla, ein noch junges und unerfahrenes Mädchen, allein und schutzlos in die Welt hinausschickte, anstatt ihr daheim Aufgaben zu stellen, die weiblicher und weniger gefährlich waren.

Carla blieb vor der Tür zu den Redaktionsräumen eine Weile stehen, ehe sie die Klinke niederdrückte.

In ihrem Herzen regte sich ein wortloser Dank. Ein trauerndes Gedenken an den Mann, dem sie die Erfüllung all ihrer Träume verdankte. Sie hatte ihn nie enttäuscht und ihm stets geholfen, seine Zeitung mit jenem lebendigen Stoff zu füllen, der jeden Leser fesselte und begeisterte. Darüber war Carla in diesem Augenblick, den sie nun vor der Schwelle verharrte, unendlich froh. Das Überschreiten dieser Schwelle würde sie in eine andere, vielleicht veränderte Atmosphäre hineinbringen, die nicht mehr mit der früheren zu vergleichen war.

Als sie die Tür endlich öffnete, lärmte ihr die gewohnte Unruhe der Redaktion entgegen. Die verschiedenen Abteilungen waren alle in einem riesengroßen, von zwei Seiten gut belichteten Raum untergebracht, so dass der Verkehr zwischen ihnen ungehemmt und frei möglich war.

Hallo, da ist ja Carla!“

Oh, Fräulein Thorsten! Willkommen!“

So schwirrte es Carla um die Ohren, kaum dass sie die Tür hinter sich zugezogen hatte.

Der ganze Raum geriet in brodelnde Bewegung. Die Schreibtische wurden verlassen, und alles umdrängte Carla, die bewunderte und beneidete Kollegin. Fragen und Antworten, Händeschütteln und Lachen – das alles musste Carla zunächst einmal über sich ergehen lassen, bis sich endlich im Hintergrund des Raumes eine Tür öffnete und Chefredakteur Bernd Wolfermann verwundert in den aufgeregten Bienenschwarm seiner Redaktion hineinschaute.

Ach, da ist ja Fräulein Thorsten“, sagte er, als er Carla endlich zu Gesicht bekam. „Na, da ist es ja kein Wunder, wenn hier alles kopfsteht. So früh hatten wir Sie eigentlich nicht erwartet. Wollen Sie sich nicht erst einmal ausschlafen? War die Sehnsucht nach uns so groß?“

Carla machte sich von ihrem Anhang frei und reichte Wolfermann die Hand.

Natürlich war die Sehnsucht groß. Aber geschlafen habe ich trotzdem lange genug, wenn wir auch gleich Elly Horners Abschied von Berlin recht ausgiebig gefeiert haben. Ich war nämlich schon gestern früh hier, ich bin von Mailand aus mit dem Flugzeug hergekommen.“

Also, da ging es Ihnen wieder einmal nicht schnell genug, was? Und eine Abschiedsfeier für Fräulein Horner hat es gegeben? Das muss ja dann noch in die „Illustrierte“ hinein. Schnell – setzen Sie sich hin und tippen Sie einen Text! Lohberger, suchen Sie ein schnittiges Bild von der Horner heraus. Natürlich in einem Kostüm – sie geht ja schließlich auf Deutschlandtournee.“

Langsam, immer langsam, Wolfermännchen. Zügeln Sie ihren journalistischen Eifer!“, wandte Carla ein. „Die Feier gestern war privat, lieber Kollege. Darüber werde ich nichts schreiben, das würde mir Elly übelnehmen.“

Schade“, sagte Bernd Wolfermann. „Also, dann mal rein in die gute Stube“, kommandierte er und führte Carla aus dem Redaktionssaal hinaus auf den Flur, an dem sein und Eberhard Westhofens Büro lag. „Der Chef ist noch nicht da. Wollen wir ein bisschen plaudern?“

Carla trat in das helle Arbeitszimmer des Chefredakteurs und sah sich darin um.

Noch alles beim alten bei Ihnen“, sagte sie.

Wolfermann bot ihr einen Sessel an, setzte sich neben sie und antwortete:

Ja, bei mir ist alles noch so, wie es war.“

Es ist ja ganz schnell gekommen“, sagte Carla leise. „Kein Mensch hätte so etwas geahnt. Ein gesunder Mann … Achtzig hätte er werden können oder noch älter.“

Wenn ihm das Schicksal nicht bei sechzig die Grenze gezogen hätte. Ein Schlaganfall in der Nacht. Ganz friedlich soll er im Bett gelegen haben – da hat es ihn gepackt. Zwei Tage später war er tot. So sinnlos geht das Schicksal manchmal mit Menschen um, Carla“, klagte Wolfermann und machte ein trauriges Gesicht.

Carla sah ihn prüfend von der Seite an.

Für Sie ist es wohl auch nicht leicht, dem neuen Herrn zu dienen, was?“, fragte sie dann. „Eberhard Westhofen wird etwas anderes verlangen als das, was Sie in den zwanzig Jahren für seinen Vater geleistet haben. Aber ich hoffe, die Umstellung wird auch Ihnen gelingen. Von allem, was ich bis jetzt von Veränderung bemerkt habe, bin ich nicht gerade enttäuscht. Westhofen junior weiß wenigstens, was er will.“

Was er aber jetzt von Ihnen verlangt, wird Sie kaum in helle Begeisterungsstürme ausbrechen lassen“, sagte Wolfermann und sah sie an. „Er hat Sie damals gleich zurückgerufen – und der aalglatte Willmer hatte natürlich nur darauf gewartet, hinauszugehen und sich an Ihre Stelle zu setzen.“

Willmer ist jetzt an meiner Stelle …?“

Jawohl, unterwegs nach Hongkong, mit Geldmitteln reich versehen“, antwortete Wolfermann grimmig. „Unser neuer Chef ist nämlich der Meinung, dass Ostasien im Augenblick keinesfalls der richtige Aufenthaltsort für junge Damen ist. Eigentlich überhaupt nicht.“

Das ist ja ….“

Carla war empört.

Geben Sie mir bitte eine Zigarette, Wolfermann, ich habe gerade keine bei mir!“,

Bitte!“,

Er bot ihr eine an und reichte ihr Feuer.

Nachher wird er Ihnen ja alles selbst sagen. Was er eigentlich mit Ihnen vorhat, kann ich nicht sagen. Ich weiß es nicht. Aber es wird etwas sehr Weibliches, Romantisches sein – nehme ich an. Wir wollen nämlich demnächst auch eine Frauenzeitschrift herausgeben.“

Mit Wettbewerben, Kochrezepten, Amateuraufnahmen …“

Aber nicht doch, Carla! Dafür hat Westhofen nun doch zu viel Geschmack. Er wird etwas Besonderes vorhaben.“

Wieso braucht er dazu unbedingt mich?“, fragte sie erstaunt. „Mich reizt nur das große, meinetwegen sogar das gefährliche Abenteuer!“

Dabei sind Sie doch eine so entzückende, junge Dame, für die man am liebsten Gedichte schreiben würde …“

Quatsch!“, sagte sie gefühllos und paffte ihm eine Wolke Tabakrauch ins Gesicht.

Beide hörten in diesem Moment Schritte an der Tür, und eine andere Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen.

Da ist er ja.“ Carla stand auf. „Ich werde am besten gleich zu ihm hineingehen.“


*

Als Carla in Eberhard Westhofens Arbeitszimmer trat, begrüßte er sie herzlich, und ein freudiger Schimmer trat auf sein Gesicht.

Willkommen daheim, Fräulein Thorsten! Wir haben Sie eigentlich erst morgen erwartet. Wie war denn die Reise?“,

Danke, ganz gut. Von Mailand aus bin ich geflogen.“

Carla verstummte und sagte dann mit leiser Stimme weiter:

Nochmals – mein herzliches Beileid zum Tod Ihres Vaters, Herr Westhofen.“

Danke, Fräulein Thorsten“, sagte er leise, dann forderte er sie auf, sich doch zu setzen.

Es entstand eine kleine, verlegene Pause, während sie sich still gegenüber saßen.

Carla dachte an das, was Wolfermann gesagt hatte, und verharrte in kampfbereitem Schweigen. Westhofen konnte sich indessen nur mühsam dazu zwingen, mit Carla über eigentlich gleichgültige Dinge zu reden, weil sein Herz ihr in großer Zuneigung entgegenschlug. Dieses Mädchen ihm gegenüber wollte er in seine Arme nehmen, aber er wusste, dass er das nicht tun durfte. Er wusste, dass sie Albert Behrens liebte, einen windigen, talentierten Maler‑Nichtsnutz, der nur Schulden machen und in den Tag hinein leben konnte.

Sie wollen sich sicher erst einmal ein bisschen von der Reise erholen, Fräulein Thorsten“, sagte er endlich. „Und hier werden Sie sich sicher auch mal wieder umsehen und Ihre alten Freunde wiedersehen wollen.“

Die Stadt ist nicht besonders aufregend für mich, Herr Westhofen“, antwortete sie ein wenig spöttisch. „Ich habe noch allerlei Dinge zu verarbeiten. So sechs bis acht Wochen lang können Sie weiterhin Platz für meine Berichte reservieren. Und wenn es Ihnen recht ist, möchte ich ein paar Tage Urlaub haben.“

Wollen Sie außerhalb der Stadt ausspannen?“, erkundigte sich Westhofen.

Ja, ich möchte fort. An einen kleinen Ort, wo man noch etwas vom Frühling hat …“

Der ja eigentlich schon vorbei ist. Wir haben jetzt bereits richtiges Sommerwetter.“

Sommer ist ja auch schön – auf dem Land“, erwiderte Carla.

Natürlich bekommen Sie den Urlaub“, versicherte er. „Wann wollen Sie fahren?“

Morgen schon. Es hält mich ja nichts hier.“

Nein, es hält sie nichts hier, wenn Behrens nicht in der Stadt ist, dachte Westhofen bei sich. Laut aber sagte er:

Darf ich Sie für heute Abend einladen, Fräulein Thorsten? Ich möchte Ihnen außerdem ein paar Sachen geben, an denen Sie sicher Freude haben werden.“

Er spürte, wie sie mit der Antwort zögerte und sah sie bittend an.

Sie haben doch hoffentlich nichts anderes vor? Ich möchte gerne noch allerlei mit Ihnen besprechen, bevor Sie wieder davonfahren!“

Carla nickte schließlich, nahm die Einladung an und verabschiedete sich.


*


In der Pension Wille ging es bei Carlas Rückkehr ziemlich aufgeregt zu. In der Diele herrschte großes Durcheinander. Elly Horners große Koffer standen abholbereit. Marie, das Hausmädchen, lief hin und her, und die nervöse Elly musste dauernd ans Telefon, wobei sie doch noch soviel zu erledigen hatte.

Mein Gott, ist das ein Zustand hier, Elly“, sagte Carla, als sie eintrat. „Bitte tu mir einen Gefallen und kipp nicht vor lauter Nervosität gleich beim Essen mit deinem Stuhl um. Los, komm, gönn' uns erst einmal ein bisschen Ruhe.“

Sie zog die Freundin in ihr eigenes Zimmer.

Puh, ist das eine Hitze. Zum Glück brauche ich heute nur hinaus, um Westhofen zu besuchen. Er hat mich darum gebeten, und da ich morgen ja sowieso abhaue.“

Nach Liebenthal?“, fragte Elly Horner.

Ja“, antwortete Carla nur.

Ehrlich gesagt … ich würde lieber doch vorher einen Telefonanruf riskieren“, riet Elly. „Behrens arbeitet immerhin dort … und die von Bergens werden ihn sicher ins gesellschaftliche Schlepptau gezogen haben.“

Was sind das eigentlich für Leute, Elly? Und wie ist Albert zu diesem Auftrag gekommen?“

Also, Antwort auf Frage Nummer eins: Es handelt sich um Fräulein Barbara von Bergen, verwöhnte, einzige Tochter und Teilerbin der großen chemischen Werke des Doktor Rudolf von Bergen in Liebenthal. Antwort auf Frage Nummer zwei: Wie das so geht, wenn ein Mensch Glück hat. Man bummelt ein wenig die Straßen entlang, sieht eine schöne Frau, vergisst sie nicht, trifft sie wieder und lernt sie kennen. Und wenn die eigene, heißgeliebte Freundin lieber zwischen Chinesen und Japanern hockt und über dem Abenteuer Freunde und den Freund vergisst …“

Du willst doch nicht sagen, dass Albert etwas mit dieser Barbara von Bergen angefangen hat?“, fragte Carla und sah die Freundin scharf an.

Ach, keine Spur“, sagte Elly. „Fräulein von Bergen ist verlobt. Die Hochzeit soll in allernächster Zeit stattfinden. Da sie nur Erbin der halben Werke wird, wenn ihr Großvater einmal stirbt, hat sie sich dazu entschlossen, einen jüngeren Vetter ihres Vaters zu heiraten, dem die andere Hälfte zufällt. Die Bergenschen Werke sind nämlich ein reiner Familienbetrieb.“

Na, dann ist ja alles in Ordnung“, sagte Carla erleichtert.

Hast du eine Ahnung!“, spottete Elly Horner. „Wenn eine junge Dame wie Barbara von Bergen einen immerhin noch nicht berühmten Maler nach Liebenthal verschleppt, ihn dort wochenlang festhält und sich malen lässt, ist das meiner Meinung nach nicht in Ordnung. Aber vielleicht kennst du ihn besser als ich. Manchmal kann es sich eine Frau wirklich leisten, den geliebten Mann monatelang allein zu lassen, ohne befürchten zu müssen, dass er ihr untreu wird. Ich verstehe ja überhaupt nicht, weshalb du dein Herz so an diesen Maler hängst. Ich persönlich würde Westhofens Interesse für dich ernster nehmen.“

Westhofen? Aber Elly … wie lächerlich! Ich liebe Albert nun einmal. Irgendwann wird er vernünftig und bekannt als großer Künstler“, verteidigte ihn Carla.

Dann würde ich ihn nicht so lange alleine lassen“, riet die Freundin eindringlich.


*


Daheim ist es doch am schönsten, nicht wahr, Fräulein Thorsten?“, fragte Eberhard Westhofen abends und hob sein Glas gegen Carla. „Ich denke, Sie bleiben erst einmal ein paar Monate hier, studieren unsere Heimat, schreiben darüber …“

Carla unterbrach ihn:

Aber Herr Westhofen! Dafür haben Sie doch genug Leute in der Redaktion herumsitzen.“

Ich weiß, dass für Sie nur das Abenteuerliche, Geheimnisvolle und Romantische Reiz besitzt.“

Dann verstehen wir uns ja. Nur mit der Romantik werde ich es nicht leicht haben.“

Die gibt es hier bei uns heute genau so wie vor hundert Jahren. Man muss sie nur suchen.“

Carla lächelte nachsichtig und ging scherzend auf Westhofens Ton ein.

Also dann werde ich die Romantik suchen und damit gleich morgen anfangen. Aber ich warne Sie, Herr Westhofen. Es könnte ja sein, dass ich sie so schön finde, dass ich sie ganz für mich allein behalten will. Dann geht der Westhofen‑Verlag leer aus.“

Westhofen glaubte, hinter diesen leicht hingeworfenen Worten eine Warnung und eine Drohung zu verspüren. Plötzlich erfasste ihn wieder diese Unruhe, die er auch vorher verspürt hatte. Was wusste Carla Thorsten von dem Abenteuer, dem Albert Behrens augenblicklich nachjagte? Sie konnte doch nicht so gefasst, so fröhlich sein, wenn sie etwas ahnte. Und da kam ihm jäh ein Verdacht.

Wohin wollen Sie morgen fahren?“, fragte er.

Die Romantik suchen“, antwortete Carla heiter.

Damit sah Westhofen seinen Verdacht bestätigt. Albert Behrens suchen, hieß das. Es war aber ganz unmöglich, dass er schweigend zusah, wie Carla dem Maler nachlief und ahnungslos dahin fuhr, wo Demütigung und Enttäuschung auf sie warteten.

Ich habe ja noch etwas für Sie, Fräulein Thorsten“, sagte er und sah sein Gegenüber dabei an. „Ich habe noch ein paar Bücher, die meinem Vater gehörten und die ich Ihnen als Andenken an ihn geben möchte.“

Carla setzte sich in den Sessel in der Bibliothek, in dem sie oft dem alten Westhofen gegenüber gesessen hatte. So viele Stunden hatte sie, die Wandernde, Ruhelose, hier verbracht, dass es ihr fast so vertraut war wie ihr möbliertes Zimmer. Die Haushälterin kam herein und begrüßte sie, versprach, sofort Kaffee und etwas Gebäck zu besorgen und ging dann wieder. Inzwischen trat Westhofen an einen der Bücherschränke und entnahm ihm mehrere Bände.

Was in seinem Inneren vorging und worüber er mit Carla zu sprechen entschlossen war, konnte er ihr nicht so leicht sagen, wenn ihn ihre klaren, blauen Augen beherrschten. Deshalb suchte er die Entfernung von ihr.

Wollen Sie mir wirklich nicht sagen, wohin Sie morgen fahren?“, fragte er dann.

Ach, so ein großes Geheimnis soll das ja nun wirklich nicht sein“, antwortete Carla. „Irgendein netter, kleiner Ort im Bereich der Berge. Wenn ich glücklich gelandet bin, werde ich es Ihnen schreiben.“

Dann fährt sie vielleicht doch nicht zu dem Maler, dachte Westhofen beruhigt. Vielleicht weiß sie überhaupt schon alles, ist damit fertig geworden und hat eingesehen, dass Behrens nicht der richtige Mann für sie ist.

Er ging zu Carla an den Tisch, nachdem die Haushälterin ihnen den Kaffee vorgesetzt hatte. Carla schenkte ein und reichte ihm die Tasse. Dann sank sie behaglich im Sessel zurück und sagte:

Es ist schön hier in diesem Zimmer. Für mich ist es eigentlich schon seit Jahren der einzige Platz, wo mir der Sinn des Wortes heimisch aufgeht.“

Mit leisem Klirren setzte Westhofen seine Tasse auf den Tisch zurück, stand auf und trat neben Carla. Er hatte keine Macht mehr über sein forderndes Herz. Er musste ihr jetzt sagen, dass er.sie liebte.

Bleiben Sie hier, Carla!“, sagte er mit rauer Stimme und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Ich liebe Sie!“

Er beugte sich zu ihr nieder und wollte sie sanft an sich heranziehen. Aber Carla sprang auf und trat ein paar Schritte zurück. In ihren Augen stand plötzlich ein tiefer, trauriger Ernst, als sie ihn ansah.

Das hätten Sie nicht sagen dürfen. Sie wissen doch, dass ich Albert Behrens liebe.“

Der Ihrer niemals wert sein wird. Der Ihre Liebe hinnimmt wie etwas Selbstverständliches. Und der mit einem billigen Flirt zufrieden ist, wenn Sie nicht da sind …“

Schweigen Sie!“, forderte Carla hart und wandte sich zur Tür, um zu gehen.

Verzeihen Sie mir!“, bettelte Westhofen und ging ihr nach. „Ich will Ihnen ja nicht weh tun. Ich will Sie nur bewahren vor Schmerz und Unglück. Behrens ist nicht der Mann, der Sie glücklich machen kann.“

Carla drehte sich um und sah ihn mit einem Lächeln, das ihm wie ein Messerstich durchs Herz ging, an:

Wenn Sie etwas mehr von der wahren Liebe wüssten“, sagte sie, „dann würden Sie verstehen, warum ich ihn liebe.“

Westhofen wich diesem strahlenden, glaubenden Lächeln aus und griff nach den Büchern, die er für sie bereitgelegt hatte. Carla sah ihm zu, ging zurück zu ihrem Sessel und setzte sich wieder.

Wollen wir nicht doch noch unseren Kaffee austrinken?“, fragte sie. „Ich muss dann auch wirklich bald nach Hause.“

Westhofen nickte.

Sehen Sie her – eine alte Chronik“, sagte er und kam mit dem Buch an den Tisch. „Mein Vater hatte häufig darin gelesen, und ich fand es auf seinem Schreibtisch liegen – nach seinem Tod.“

Carla nahm das Buch zur Hand und blätterte darin. Es war ein alter, an den Ecken schon stark beschädigter Ledereinband. Sie fand zwischen zwei Seiten ein Lesezeichen und begann zu lesen.


*


In der Nacht vor Johannis plünderten und brandschatzten große Hussitenhorden unsere Stadt Liebenthal. Vor dem Ansturm hatte der Prior des Klosters angeordnet, dass alle Schätze versteckt werden sollten. Als die Räuber nichts fanden, waren sie darüber so erbost, dass sie alles mordeten, was ihnen in die Hände fiel, und keinen Stein auf dem anderen ließen.

Nachdem die Horden von der Soldateska in die Flucht geschlagen waren, forderte die Stadt die überlebenden Bürger auf, alle nicht gestohlenen Schätze zum Wiederaufbau der Stadt und vor allem des Klosters abzugeben. Doch die Bürger brauchten Geld und Gut selber, also suchte man nur noch heimlich nach dem Vergrabenen. Daraufhin ließen die Stadtväter kurzerhand einige der Leute, die dabei erwischt worden waren, wie sie Gefundenes nicht abgegeben hatten, aufhängen.

Einen großen Prozess machte man dem Färber Johann Gotthelf Berg, der mit dem Bürgermeister der Stadt verwandt gewesen war. Der Bürgermeister hatte den Stadtschatz versteckt, war aber ermordet worden. Man nahm natürlich an, dass der Färber das Versteck kannte, was dieser aber immer wieder abstritt. Doch man glaubte ihm nicht.

Eines Tages entdeckte man zwischen dem Haus des Färbers und dem des toten Bürgermeisters einen geheimen Gang, und in diesem Gang einen silbernen Krug, der zum Stadtschatz gehört hatte. Damit schien die Schuld des Färbers erwiesen. Man sperrte ihn in ein Verlies und ließ ihn verhören. Der Färber gestand schließlich, dass er den Stadtschatz durch eine geheime Pforte auf sein Grundstück außerhalb der Stadtmauer gebracht hatte, wo er aber von den Hussiten überrascht worden sei. Er musste fliehen, während sich die Räuber um den Schatz stritten.

Nur wenige glaubten diese Geschichte. Man ließ ihn hängen und vierteilen. Danach suchte man innerhalb und außerhalb der Stadtmauer nach dem Schatz. Aber man fand ihn bis heute nicht.“

Da haben Sie Geheimnis und Romantik“, sagte Eberhard Westhofen, nachdem Carla das Buch wieder zugeschlagen hatte.

Und wenn es Ihnen recht ist, werde ich diese Romantik morgen suchen gehen“, erwiderte sie mit einem abwesenden und verträumten Blick.

Sie wollen das wirklich?“, fragte er überrascht. „Sehen Sie, gerade diese Geschichte verfolgt mich, seit ich sie zum ersten Mal gelesen habe. Das ist die Aufgabe, die ich Ihnen stellen wollte. Ich fürchtete fast, dass Sie ablehnen würden, weil …“

In diesem Falle nicht, Herr Westhofen“, unterbrach Carla. „Es handelt sich um Liebenthal – und dahin wäre ich morgen sowieso gefahren. Albert Behrens ist dort und malt Bilder für ein Fräulein von Bergen.“

In diesem Augenblick erkannte Westhofen das Hoffnungslose seiner Liebe zu Carla Thorsten. Er hatte keine Chance, sie für sich zu gewinnen.


*


Georg von Bergen ging mit großen Schritten quer über den Marktplatz von Liebenthal, ohne dabei auf die Leute zu achten, an denen er vorüberging.

Es war nicht das drohende Unwetter, das ihn zur Eile drängte. In seinem Blut brannte etwas Heißeres als die sommerliche Sonnenglut dieses Tages. Er dachte an seine Braut Barbara. Und wie jeden Tag, wenn er nach stundenlanger Trennung von ihr wieder auf dem Weg zu ihr war, überfielen ihn leidenschaftliche Sehnsucht, Hoffen und Bangen.

Er dachte an die Schatten, die seit einiger Zeit auf sein Glück fielen – seit Albert Behrens Gast im Hause von Bergen war und Barbara malte. Zorn verdunkelte seine Gedanken. Er wollte sich die Frau, der jeder Schlag seines Herzens galt, niemals nehmen lassen – vor allem nicht von diesem lächerlichen, windigen Maler.

Verzeihung!“, sagte er und blieb plötzlich verwirrt vor der jungen Dame stehen, die er soeben unsanft angerempelt hatte.

Bitte.“

Sie lächelte verbindlich und blieb ebenfalls stehen.

Können Sie mir vielleicht sagen“, fragte sie dann, „wo hier das Hotel „Zum goldenen Löwen“ ist?“

Aber gerne!“

Georg von Bergen lächelte ebenfalls, nachdem er die junge Dame kurz gemustert hatte. „Sie brauchen nur noch ein paar Schritte zu gehen. Dort vorne um die Ecke auf der rechten Seite – dort ist das Hotel.“

Vielen Dank!“, sagte die junge Dame und ging an ihm vorbei.

Er setzte seinen Weg fort. Seine Gedanken blieben allerdings noch bei der Erscheinung der jungen Dame, und er dachte plötzlich, dass er das Blau ihrer Augen und das Braun ihrer Haare vielleicht nie wieder vergessen würde.

Georg von Bergen erreichte sein Ziel doch nicht schnell genug, um den ersten Regentropfen zu entgehen. Das Unwetter stürzte grimmig auf das kleine Städtchen nieder und ließ mit seinen wuchtigen Donnerschlägen die Fensterscheiben klirren.


*


Barbara wartete im unbeleuchteten Wohnzimmer. Wie es schien, war sie unruhig und wusste nichts mit sich anzufangen. Als Georg zu ihr trat, bot sie ihm kühl die Wange zum Kuss. Aber er war nicht zufrieden damit. Fast heftig beugte seine Hand ihren Kopf so, dass ihr Mund dem seinen begegnen musste und sein Kuss ihr sagen konnte, wie sehr alle seine Sinne nach ihr verlangten.

Sie machte sich unmutig frei und runzelte die Stirn, ohne ein Wort zu sagen. Georg aber fand in ihrem Verhalten neue Nahrung für seinen Verdacht, dass ihre Gefühle für ihn nicht mehr die gleichen waren. War es die in der Luft liegende, auf Entladung drängende Spannung oder seine eigene, Hindernisse jederzeit nehmende Natur – er wusste plötzlich, dass er diesen Zustand nicht länger ertragen konnte und Barbara zur Rede stellen musste.

Ist es dir wirklich so unerträglich, von deinem Verlobten geküsst zu werden?“, fragte er herausfordernd und heftig.

Sei doch nicht albern!“, antwortete Barbara kalt.

Das raubte ihm vollends jede Beherrschung. Er packte sie bei den Armen und sah ihr scharf ins Gesicht.

Du benimmst dich seit einiger Zeit sehr sonderbar, muss ich sagen“, flüsterte er heiser. „Merkwürdig für ein Mädchen, das in drei Wochen meine Frau werden soll.“

Und wenn ich es nicht werden möchte, Georg?“, fragte sie und schüttelte seine Hände ab. „Es war eigentlich von dir und Mama nicht sehr anständig, mich so zu überrumpeln und festzulegen, ehe ich richtig wusste, was Liebe ist.“

Weißt du denn jetzt, was Liebe ist?“, fragte Georg scharf. „Jetzt hat es dir dieser Maler womöglich offenbart?“

Wie gut du raten kannst“, gab Barbara spöttisch zurück, ohne ihn dabei anzusehen.

Dann wirst du jedenfalls auch bald wissen, was unglückliche Liebe ist. Weder deine Mutter noch dein Großvater werden damit einverstanden sein, dass du den Maler heiratest.“

Ich bin mündig“, erinnerte ihn Barbara.

Aber das Geld, das ihr brauchen werdet, wird nicht vom Himmel fallen. Ich möchte bezweifeln, dass der Maler im Jahr so viel verdient, wie du allein für die Kleinigkeiten deiner Toilette auszugeben gewohnt bist.“

Das Erbteil meines Vaters steht mir auf jeden Fall zu. Es wird für den Anfang genügen, denke ich.“

Der Gong, der draußen die Halle mit seinem Klang erfüllte, machte ihrem Streit vorläufig ein Ende. Georg von Bergen bekam sich wieder in die Gewalt. Äußerlich ruhig gingen beide nebeneinander durch die Verbindungstür in das Speisezimmer und begrüßten Maria von Bergen, Barbaras Mutter. Kurz darauf kamen Dr. Rudolf von Bergen und Albert Behrens, und die kleine Gesellschaft nahm auf ein Zeichen des alten Herrn hin Platz.

Es wurde gerade der Nachtisch gereicht, als draußen in der Halle des Telefon klingelte. Das Hausmädchen kam und berichtete, dass Herr Behrens verlangt werde.


*


Albert Behrens entschuldigte sich und stand auf. Als er sich meldete, fuhr ihm die antwortende Stimme am anderen Ende wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder.

Carla? Mein Gott, wo kommst du denn her?“, fragte er fassungslos.

Auf telegrafische Anweisung meines neuen Chefs direkt von Schanghai! Gestern früh bin ich gelandet, habe mich vergebens nach dir erkundigt und gehört, dass du schon seit zwei Wochen aus der Stadt verschwunden bist. Dann habe ich mich darangemacht, dich aufzufinden.“

Und das ist dir so glatt gelungen?“

Ja! Fabelhaft, was? Bin ich nicht wirklich tüchtig? Und jetzt will ich auch meine Belohnung haben, geliebter Schatz. Wie schnell kannst du hier bei mir sein? „Zum goldenen Löwen“ heißt das Haus, in dem ich abgestiegen bin. Das Unwetter hat sich ja inzwischen gelegt.“

Zum goldenen Löwen?“

Albert Behrens ließ vor Schreck den Hörer sinken. Es drehte sich plötzlich alles um ihn, und er wusste nicht, ob er richtig gehört hatte. Erst das undeutliche Girren von Carlas Stimme, das aus dem herabhängenden Hörer kam, brachte ihn wieder zur Besinnung. Mechanisch nahm er den Hörer wieder ans Ohr und fragte:

Bitte, was sagtest du eben?“

Komm!“, wiederholte Carla ungeduldig. „Komm schnell, Liebling! Ich habe große Sehnsucht nach dir.“

Ich komme!“, antwortete er gehorsam und hängte ein.

Da glaubte man nun, es sei jemand weit weg in China, und man hatte fast vergessen, dass man zuweilen vor Sehnsucht nach diesem Jemand beinahe verrückt geworden war, bis eine andere kam. Und dann …

Völlig verwirrt, kehrte Albert Behrens ins Speisezimmer zurück und setzte sich wieder, um seinen Nachtisch zu essen. Er fühlte Barbaras fragenden Blick auf sich gerichtet und glaubte, ihr eine Erklärung schuldig zu sein.

Denken Sie nur“, sagte er wie beiläufig, „Liebenthal beherbergt eine Berühmtheit. Fräulein Carla Thorsten, die Berichterstatterin des Westhofen‑Verlags, ruft mich eben vom „Goldenen Löwen“ aus an. Wir haben uns in Berlin kennengelernt, als Fräulein Thorsten einmal dort war.“

Carla Thorsten? Aber das „Illustrierte Blatt“ hat doch noch vorgestern einen Bildbericht von ihr aus China gebracht“, sagte Barbara verwundert.

Es werden noch eine ganze Anzahl Berichte von ihr aus China in der Redaktion bereitliegen. Im Zeitungsbetrieb ist das so. Die Berichterstatter sind zuweilen schon wochenlang wieder zu Hause oder in einem ganz anderen Winkel der Welt, wenn in der Zeitung noch immer Berichte und Bilder mit Ort und Datum ihrer längst beendigten Expedition laufen“, erklärte Albert Behrens.

Dann bat er Frau von Bergen um Entschuldigung. Er müsse doch wohl gleich heute Abend einen Besuch bei Fräulein Thorsten machen. Den nächsten Vormittag brauche er noch unbedingt zum Malen, denn Fräulein von Bergens Porträt wolle er jetzt so schnell wie möglich fertigstellen.

Wir würden uns freuen, wenn Sie Fräulein Thorsten einmal mitbringen würden“, sagte Maria von Bergen, als sie ihm zum Abschied die Hand reichte.

Ja, Sie müssen Fräulein Thorsten gleich morgen zum Tee einladen“, entschied Barbara eigenwillig. „Sie muss ja ungeheuer interessant sein. Was sie nicht schon alles erlebt haben mag! Sicher ebenso viel wie du, Georg.“

Obwohl sie zu ihrem Verlobten sprach, sah sie nur Albert Behrens an.


*


Albert Behrens eilte durch die regennassen, kühlen Straßen dem Marktplatz von Liebenthal zu und versuchte in der kurzen Zeitspanne, die ihm auf diesem Weg blieb, Klarheit darüber zu bekommen, wie er Carla und Barbara von Bergen einander fernhalten konnte. Vor allen Dingen musste er verhindern, dass Barbara sein wahres Verhältnis zu Carla erkannte. Und Carla durfte nicht merken, dass seine Gedanken und Wünsche nur noch Barbara von Bergen umkreisten.

Sein ganzes Streben ging dahin, Barbara, ihr Geld und ihren Einfluss für sich zu gewinnen. Sie liebte den Vetter ihres Vaters ja doch nicht. Wenn er sie ihm wegnahm, war das kein Verbrechen. Es war sogar sein gutes Recht. Barbara liebte ihn und wartete nur darauf, dass er sich ihr erklärte.

Carla musste so schnell wie möglich wieder von Liebenthal weg. Dieser eine Gedanke beherrschte Albert, als er sich einen Plan zurechtlegte, nach dem er handeln wollte. Jetzt nur einen klaren Kopf bewahren, sagte er sich. Sich nicht überrumpeln lassen …

Und doch versanken im nächsten Augenblick alle Pläne und Überlegungen, als Albert das Zimmer betrat, in dem Carla ihn erwartete. Er sah ein Paar leuchtend blauer Augen auf sich gerichtet, ein von strahlender Freude übergossenes Gesicht und zwei schlanke Hände, die sich ihm entgegenstreckten. Gleich darauf trank sein Mund die Küsse von den Lippen der Frau, die ihm von allen Frauen, die bisher in sein Leben getreten waren, als die Schönste und Begehrenswerteste erschienen war.

Carla barg sich glücklich in den Armen des Geliebten. Sie fragte nicht, ob er durch ihr Erscheinen überrascht sei. Seine Küsse und seine Umarmung zeigten ihr ja, dass er sie immer noch so liebte wie in den ersten Tagen ihres Beisammenseins. Es kam wie ein Rausch über sie, dieses Glück des Wiedersehens.

Als Albert sie dann endlich freigab, zog sie ihn neben sich auf das kleine Sofa, das in der Nähe stand. Während er Carla betrachtete, fühlte Albert sein Blut wieder ruhiger werden. Sie war schön, berauschend jung und lebendig. Man verfiel ihr als Mann so leicht.

Wenn Barbara von Bergen jedoch gewonnen werden sollte, musste Carla wieder fort. In dem Augenblick, in dem Albert dieser Gedanke durch den Kopf schoss, wusste er auch, dass er Carla vergessen konnte.

Woher hast du nur erfahren, wo ich bin?“, fragte er endlich.

Elly Horner hat es mir verraten“, antwortete Carla. „Es war ein Glück, dass ich sie noch in der Pension antraf. Einen Tag später wäre sie wieder auf Tournee gewesen.“

Albert versuchte sich zu entschuldigen.

Ich konnte ja nicht ahnen …“

Natürlich nicht“, gab Carla lachend zu. „Frau Büttner hat mir auch gleich gesagt, weshalb du wohl keine Adresse hinterlassen wolltest. Du machst doch immer wieder die gleichen Dummheiten. Was hast du denn nur mit dem vielen Geld gemacht, das dir die Baronin damals für ihre Ahnenbilder bezahlt hatte?“

Er wedelte mit einer Hand durch die Luft.

Ach, die paar tausend Mark! Ein paar Sachen habe ich dafür gekauft. Du, Carla, wenn ich dir meine neuen Möbel zeige – flämische Originalstücke …“

Carla schüttelte den Kopf und unterbrach ihn:

Das wird wohl erst auf der Versteigerung geschehen, die deine Gläubiger veranstalten werden. Wenn alle diese herrlichen Stücke dann noch den zehnten Teil dessen einbringen, was sie dich gekostet haben, kannst du von Glück reden.“

Dann kannst du sie ja kaufen!“

Irrtum, mein Schatz! Das kann ich nicht. Ich habe nämlich überhaupt kein Geld mehr. Ich muss sogar tüchtig arbeiten, wenn ich den nächsten Wechsel einlösen will, der im Juli fällig wird“, sagte Carla.

Sie wollte Albert mit der Erinnerung an den Wechsel, den sie für ihn unterschrieben hatte, jedoch nicht kränken. Deshalb sprach sie gleich lebhaft von der Aufgabe, die Westhofen ihr gestellt hatte.

Was glaubst du eigentlich, wozu ich überhaupt nach Liebenthal gekommen bin? Eberhard Westhofen ist doch jetzt mein neuer Chef. Er findet es unpassend, wenn eine junge Dame sich schutzlos in der Welt unter Kaffee und Mongolen herumtreibt, um haarsträubende Berichte zu schreiben. Der hinterlistige Fuchs Willmer hat ihn in dieser Ansicht wohl noch tüchtig bestärkt. Jedenfalls ist der jetzt unterwegs nach China, während mir Westhofen gestern die ehrenvolle Aufgabe zuteilte, nach einem verschwundenen Schatz aus der Hussitenzeit zu suchen. Hier in Liebenthal. Es steht nämlich in der alten Chronik geschrieben: „ln der Nacht vor Johannis …“

Um Gottes willen, Westhofen ist wohl wahnsinnig geworden!“,

Albert griff sich in die Haare. Er starrte Carla an, als sähe er einen Geist vor sich. „Du – ich glaube, du bist nur ein Spuk“, sagte er dann. „Die richtige Carla Thorsten hätte sich doch von Gott und Teufel nicht auf die Suche nach einem alten Schatz aus irgendeinem Jahrhundert schicken lassen.“

Im Jahre des Herrn vierzehnhundertsechsundzwanzig, als die Hussiten …“

Hör auf, was gehen mich die Hussiten an.“

Carla lachte.

Und wenn wir den Schatz nun doch fänden? Es ist natürlich eine ganz verrückte Idee, die mir selbst erst vor einer Minute gekommen ist. Aber mit der Belohnung, die wir bestimmt dafür bekommen würden, könnten wir erst einmal deine Schulden bezahlen. Es handelt sich nämlich um den altehrwürdigen Ratsschatz der Stadt Liebenthal.“

Sie sah Albert an. Liebe war in ihrem Blick zu lesen.

Albert trat ans Fenster und dachte an Barbara von Bergen.


*


Am nächsten Morgen ging Carla gleich nach dem Frühstück aus, um sich die Stadt anzusehen. Quer über den Marktplatz schritt sie auf einen schmalen Durchgang zu, weil sie vermutete, dass sich dahinter wohl alte Gassen befanden. So würde sie am ehesten zu den Resten der alten Stadtmauer gelangen, die sie vom Fenster ihres Hotelzimmers aus gesehen hatte.

Liebenthal war nicht sehr groß. Alle seine Grünanlagen befanden sich außerhalb des engen Raumes, in welchem einst die mittelalterlichen Befestigungen die Häuser der Bürger zusammengepresst hatten.

Eine holprige, kopfsteingepflasterte Gasse wand sich zwischen kleinen, schiefen Häusern hindurch, denen man ihr hohes Alter ansehen konnte. Neugierig ging Carla diese Gasse entlang, um von ihr aus einen neuen Durchgang zu finden.

Plötzlich war da zwischen zwei Häusern eine Mauer und eine kleine, hölzerne Pforte. Grüne Baumwipfel bogen sich im Wind und überragten die Mauer. Dahinter musste ein Garten liegen, sagte sich Carla, ein großer, alter Garten.

Als eine Frau an ihr vorüberging, fragte sie höflich, was es mit dieser Mauer für eine Bewandtnis hatte.

Da hinter liegt der Stadtgarten. Aber wenn Sie hineinwollen, müssen Sie erst auf den Wall gehen, gleich hier links herum.“

Carla ging also auf den Wall. Sie fand, dass es wahrscheinlich ein zugeschütteter Graben war, den man zu einer Grünanlage gemacht hatte. Sie betrat den schattigen Stadtgarten und setzte sich auf eine Bank.

Nehmen wir einmal an, dachte Carla, dies sei das Grundstück des Färbers Berg gewesen. Niemand wollte es haben und sein Haus darauf bauen.

Wo war nun des Färbers Besitz jenseits der Stadtmauer, auf der die Hussiten ihm angeblich den Schatz abgenommen haben?

Sie stand auf, ging weiter und kam jenseits der Wallanlagen in ein kleines Wäldchen. Plötzlich war der Weg zu Ende – versperrt durch einen Zaun, der obendrein noch mit Stacheldraht feindselig bewehrt war. Carla stellte fest, dass sich hinter diesem Zaun ein sehr großes Privatgrundstück befinden musste. Allerdings sah es wie die natürliche Fortsetzung des Wäldchens aus und hatte uralten Baumbestand. Zwischen den Baumstämmen erkannte sie ein altes, aus Rohziegeln erbautes Haus.

Sie zwängte sich zwischen den Büschen und dem Zaun hindurch, um einen Zugang zu diesem Grundstück zu finden. Plötzlich hörte sie ein Lachen – dann eine Männerstimme, bei deren Klang ihr jäh das Blut zu Herzen strebte.

Albert sprach dort hinter dem Zaun, und eine Frauenstimme hatte eben gelacht.

Carla blieb stehen und wusste gar nicht, dass sie lauschte. Sie konnte die Worte nicht verstehen, welche die beiden Menschen wechselten. Die einzelnen Fetzen klangen sinnlos und aus ihrem Zusammenhang herausgerissen. Carla wollte nun erst recht den Zugang zu dem Garten finden, in dem Albert mit einer anderen Frau lachte und scherzte.

Nur ein paar Schritte brauchte sie noch zu gehen, dann stand sie vor einer Gartentür, die nicht einmal verschlossen war. Sie trat ein, ging dem Klang der Stimmen nach und sah gleich darauf Albert vor seiner Staffelei sitzen und mit Malen beschäftigt. Ein junges Mädchen lag faul im Gras und sah ihm bei der Arbeit zu.


*


Barbara von Bergen entdeckte Carla zuerst. Sekundenlang tauchten die Blicke der beiden jungen Frauen ineinander. Ein klein wenig erschrocken war Barbara schon, als da plötzlich eine Fremde durch den Garten auf sie zukam. Sie war aber auch neugierig, dann kam ihr blitzschnell der Gedanke, dass dies eigentlich nur Carla Thorsten sein konnte. Sie sprang auf und ging auf sie zu – und nun sah auch Albert von seiner Arbeit auf.

Carla?“, sagte er überrascht. „Wie kommst du denn hierher?“

Durch Zufall. Ich untersuche erst einmal das Terrain, weißt du“, antwortete Carla lächelnd.

Dann wartete sie, bis Albert sie mit Barbara von Bergen bekannt gemacht hatte.

Barbara reichte ihr unbefangen und freundlich die Hand.

Ich freue mich, Sie so schnell kennenzulernen, Fräulein Thorsten“, sagte sie liebenswürdig. „Wir haben schon gestern Abend von Ihnen gesprochen. Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, brennen meine Mama und ich schon darauf zu erfahren, was eine Weltreisende wie Sie in unser kleines Städtchen verschlagen konnte.“

Das will ich Ihnen gerne sagen.“ Carla lachte. „Ich bin beauftragt worden, nach einem Schatz zu suchen – nach dem alten Ratsschatz, der hier im fünfzehnten Jahrhundert verschwand. Ich muss mich beeilen, der erste Bildbericht soll schon für die nächste Ausgabe fertig sein.“

Westhofen hat wirklich Phantasie“, knurrte Albert und setzte sich wieder vor seine Staffelei, während Carla und Barbara sich im Gras niederließen.

Sie müssen meinen Großvater fragen“, sagte Barbara begeistert. „Er weiß eine ganze Menge über die Liebenthaler Vergangenheit und unsere Vorfahren, die gleich nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges hierher kamen.“

Das wird mir nicht viel nützen, denn der Ratsschatz verschwand ja schon früher“, wandte Carla ein.

Kommen Sie trotzdem. Großvater weiß sicher auch darüber etwas“, entgegnete Barbara.

Albert versuchte inzwischen, sich wieder seiner Malerei zuzuwenden, aber er konnte sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren, während Barbara mit Carla plauderte. Er belauerte argwöhnisch jedes Wort, das zwischen den beiden gewechselt wurde. Es war zu gefährlich, wenn die beiden sich näher kennenlernten.

Carla musste wieder fort, und das schnell.

Weißt du was? Wir werden einfach ein paar Brocken Altsilber aufkaufen und sie verbuddeln. Und dann denkst du dir eine recht romantische und abenteuerliche Geschichte aus, wie die Hussiten mit all der anderen Herrlichkeit verduftet sind. Du findest den Platz, wo sie den alten Färber erwischt haben – meinetwegen unter diesen dürren alten Stämmen hier.“

Großvater behauptet sogar, dass dieses Grundstück wirklich dem alten Färber Johann Gotthelf Berg gehört haben sollte“, unterbrach ihn Barbara lebhaft.

Merkwürdig, dass es jetzt einer Familie von Bergen gehört“, sagte Carla gedankenvoll.

Passt doch großartig in deine Geschichte, Carla!“, behauptete Albert. „Fang nur schon damit an! In zwei, drei Tagen kannst du Westhofen die ganze Reportage fertig hinlegen.“

Carla sah ihn lächelnd an, dann glitt ihr Bück zu der Leinwand hin, die vor ihm stand. Das Bild war schon recht weit gediehen. Es stellte einen Winkel dieses wunderschönen alten Gartens dar. Carla trat näher heran, um es genauer betrachten zu können, aber Albert war gerade aufgestanden und sagte:

Genug für heute!“

Hastig packte er seine Sachen zusammen.

Sie werden uns besuchen, Fräulein Thorsten?“, fragte Barbara eindringlich. „Herr Behrens wird Ihnen sicher auch das Porträt zeigen wollen, das er von mir malt. Es ist fast fertig.“

In diesem Moment wusste Carla, dass sie Alberts Gesellschaft vorläufig mit Barbara von Bergen teilen musste, wenn sie nicht ganz beiseite stehen wollte. Sie sagte deshalb zu, als Barbara vorschlug, dass sie schon am Nachmittag zum Tee kommen sollte.

*


Maria von Bergen empfing die Berichterstatterin des Westhofen‑Verlags äußerst liebenswürdig und musterte verstohlen das geschmackvolle schlichte Sommerkleid, in dem Carla erschien.

Barbara hat schon von Ihnen erzählt“, sagte sie und setzte sich neben Carla auf das kleine Sofa. „Aber ich muss sagen, wenn ich Sie so ansehe, traue ich Ihnen noch weniger alle diese interessanten Berichte zu, die ich schon von Ihnen gelesen habe.“

Aber sie waren wirklich immer wahr, gnädige Frau“, versicherte Carla lächelnd. „Es hat mir schon als Schulmädchen unbändigen Spaß gemacht, wenn ich etwas ganz Tolles, Außergewöhnliches erleben konnte.“

Ja, das ging auch mit unserem Georg so“, entgegnete Frau von Bergen. „Ich sagte schon damals immer, dass er nie vernünftige und ernsthafte Arbeit leisten würde, wenn ihn sein Onkel auch dazu zwang, sein Studium zu vollenden. Er hatte kaum den Doktor gemacht, da lief er mit der erstbesten Expedition davon.“

Nun hat ihn Ihre Tochter aber doch wieder eingefangen und in Liebenthal festgehalten. Ich bin eigentlich recht neugierig, Herrn Doktor von Bergen kennenzulernen“, sagte Carla. „Denken Sie nur – obwohl ich seit Jahren seine Expeditionsfilme bewundere, sind wir einander noch nie begegnet.“

Das ist doch gar nicht so verwunderlich. Zwei, die immer nur dem Abenteuer nachjagen, laufen leicht aneinander vorbei.“

Carla ging es wie Nadelstiche durchs Herz, als sie Barbaras mutwillige Scherze mit Albert wahrnahm. Die beiden waren während der Teestunde strahlender Laune, unterhielten sich über alles Mögliche und neckten sie unaufhörlich mit ihrer „Liebenthaler Schatzsuche“. Frau von Bergen sah sich einige Male veranlasst, ihre Tochter zu ermahnen.

Aber ich bitte dich, Mama“, sagte Barbara schließlich übermütig. „Wir müssen Fräulein Thorsten jede nur mögliche Hilfe gewähren. Bedenke, sie wird Liebenthal berühmt machen. Und wenn sie möglicherweise sogar den alten Schatz wiederfindet …“

Den haben die Hussiten damals gewiss mit sich genommen“, sagte Frau von Bergen.

Aber es gibt doch Leute in Liebenthal …“

Hallo, Georg! Wie nett, dass du dich doch noch hast freimachen können“, unterbrach Frau von Bergen ihre Tochter, als Georg von Bergen eintrat.

Barbara zog eine kleine Grimasse, stand aber dann doch auf und duldete es gelassen, dass ihr Verlobter sie auf die Wange küsste. Dann setzte sie sich wieder und überließ es ihrer Mutter, Carla und Georg miteinander bekannt zu machen.

Carla und Georg erkannten sich wieder und dachten lächelnd an ihr Zusammentreffen auf dem Marktplatz. Dieses Lächeln machte sie sofort miteinander vertraut, und sie tauschten einen herzlichen Händedruck.

Ich muss heute Abend noch arbeiten, Barbara“, sagte Georg zu seiner Braut, „deshalb habe ich mich kurz frei gemacht. Wie wäre es, wenn wir noch schnell vor dem Abendessen ein Doppel spielten? Hätten Sie auch Lust, Fräulein Thorsten?“

Lust schon, aber keine Ausrüstung“, antwortete Carla bedauernd. „In diesem Kleid kann ich nicht spielen. Tennisschuhe habe ich auch nicht hier. Außerdem wollte ich mich gerade verabschieden …“

Ach, bleiben Sie doch noch ein wenig“, bat Maria von Bergen.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738910018
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Mai)
Schlagworte
endlich

Autor

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Titel: Endlich kann ich glücklich sein