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… und dann verfluchte er sein Kind

2017 120 Seiten

Leseprobe

… und dann verfluchte er sein Kind




Roman




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de







Klappentext:

Monika Kappeling soll für ihre Bank das Vermögen der ehemals reichen und mächtigen Familie Sproeden verwalten. Kaum ist Monika in Riedenburg angekommen, buhlen zwei Männer um ihre Liebe: Wolf, der Sohn der Sproedens, der mit Monika zusammen studiert hat, und der schwerreiche Graf de Massigny, genannt Dodo, der die Macht besitzt, die Sproedens zu vernichten. Als Monika mit Wolf eine Beziehung beginnt, scheint die Sache entschieden. Ohne ihr Zutun hat Monika jedoch einen Sturm entfesselt, der beide Männer und sie zerstören kann …






Roman:

Regen peitschte mir ins Gesicht, als ich aus dem überheizten Schnellzugwagen ausstieg. Was ich da vor mir auf diesem Umsteigebahnhof sah, war bedrückend trostlos. Und mein Schirm klemmte, ging einfach nicht auf.

Da stand ich nun mit meinem Köfferchen und sah mich suchend um nach einem, der mir sagen konnte, wie ich weiterfahren musste. Aber ich entdeckte nur einen weiteren Reisenden – einen einzigen, der aus dem Schnellzug gestiegen war und offenbar ebenso suchte wie ich.

Es tauchte ein Bahnbediensteter auf, und ich wandte mich ihm sofort zu, während der Regen sich über mich ergoss.

Nach Riedenburg? Ach ja, in einer Stunde. Der Schienenbus dort drüben. Sie können schon einsteigen.“

Ich bedankte mich und lief los, aber er rief mir nach:

Nicht über die Gleise! Benutzen Sie die Unterführung, Fräulein!“

Auf der Treppe traf ich den anderen Reisenden. Zunächst sah ich ihn gar nicht genau an. Komisch, da sagt man, Frauen würden bei einem Mann immer gleich das Wesentliche erkennen. Ich jedenfalls registrierte ihn als männliches Wesen, sonst nichts. Ich hätte nicht einmal sagen können, ob er alt oder jung war. Nicht in diesem Augenblick.

Er war schräg hinter mir, holte mich ein und sagte mit einer etwas heiseren, rauchigen Stimme:

Verzeihung, Sie haben den Beamten gefragt. Fährt der Schienenbus nach Riedenburg?“

Erst jetzt wandte ich mich um. Ich hatte doch Zeit. Eine ganze Stunde. Also konnte ich stehenbleiben. Ich sah ihn an. Er wirkte wie ein begossener Pudel in seinem grauen, total durchnässten Mantel. Das Haar war auch klitschnass. Nun, ich selbst machte sicherlich auch keinen anderen Eindruck.

Er wischte sich mit dem Handrücken die Tropfen von den Augenbrauen und lächelte schief, wobei mir seine vollen Lippen auffielen. Auch die Augen betrachtete ich jetzt, als hätte ich da schon geahnt, welche Rolle dieser Mann in meinem Leben spielen sollte. Es waren dunkle Augen, die zum brünetten, fast schwarzen Haar passten.

Hübsch war er nicht, eigentlich sogar entstellt, infolge einer Narbe auf der linken Wange. Auch die Nase sah nicht schön aus. Sie sah aus wie eine Boxernase, doch den Vergleich habe ich damals nicht angestellt. Ich sagte nur schlicht:

Ja, der Schienenbus fährt nach Riedenburg.“

Da fiel mir erst seine schwarze Krawatte auf.

Fuhr dieser Fremde etwa auch zum Begräbnis bei den Sproedens?

Ich brauchte diese Frage gar nicht zu stellen. Er stellte sie, nachdem er mich kurz gemustert hatte. Abgesehen von meinem dunkelblauen Trenchcoat trug ich Schwarz.

Ich wette“, meinte er verschmitzt, „Sie sind auch zum Leichenschmaus geladen!“

Er lachte.

Etwas befremdet sah ich ihn an.

Und wenn schon“, erwiderte ich schroff. „Es handelt sich, soviel ich es beurteilen kann, nicht gerade um ein Freudenfest. Sicher ist Ihre Bemerkung deplatziert.“

Er zuckte die Schultern, als wolle er auf diese Weise für seine Frage um Verzeihung bitten.

Ich weiß nicht, in welchem Verhältnis Sie zu dem Verstorbenen stehen, aber ich kannte ihn sehr gut. Und da ich Sie nicht kenne, gehören Sie erstens nicht zur Familie, und zweitens haben Sie zweifellos Volker nicht nahegestanden.“

Ich war nicht gewillt, diesem wildfremden Menschen Auskünfte zu geben. Etwas an ihm weckte in mir Widerwillen, Trotz oder was weiß ich, warum ich mich so ablehnend verhielt.

Es schien ihn nicht im Mindesten zu stören. Während wir durch die Unterführung gingen und auf der anderen Seite die Treppe emporstiegen, sagte er:

Wie Sie an meinem Akzent gemerkt haben dürften, bin ich Franzose …“

Im selben Augenblick wusste ich alles. Oder sagen wir: Ich ahnte es. Denn als Abgesandte der Bank und Vermögensverwalterin der Sproedens kannte ich recht gut die Zusammenhänge. Jedenfalls rein theoretisch.

Er sagte es, bevor ich länger nachdenken musste:

Ich bin Claude Laroche …“

Recht bescheiden, dachte ich. Eigentlich hieß er Graf Claude Marcel Laroche de Massigny … Der Schwager des Verstorbenen.

Ich bin im Bilde“, erwiderte ich.

Er machte ein Gesicht, als hätte ich ein ganzes Service aus Meißner Porzellan fallen und in Scherben gehen lassen.

Sie wissen?“

Der Schwager des Verstorbenen.“

Ich lächelte.

Mein Name ist Kappeling.“

Ich gab mich so bescheiden wie er und ließ den Doktortitel weg. Das tat ich sowieso immer. Und weil er das offenbar mit seinem Grafentitel auch so handhabte, war ich nicht mehr ganz so zugeknöpft.

Wir bestiegen den Schienenbus. Der Triebwagenführer hatte es sich vom auf einem der ersten Sitze bequem gemacht und schlief. Sein Schnarchen verriet uns, dass ihn auch unser Einsteigen nicht gestört hatte.

Wir setzten uns ganz nach hinten und waren zunächst die einzigen Fahrgäste. Als mir Massigny aus dem Mantel half, fragte er:

Sicher hat ein so reizendes Wesen wie Sie auch einen Vornamen?“

Der spielt doch für Sie nicht die mindeste Rolle“, entgegnete ich.

Mich nennen Freunde Dodo. Leider sagt auch die hiesige Familienabzweigung zu mir Dodo.“

Sie sprechen wunderbar, ja, ich würde sagen, absolut fehlerfrei deutsch, doch man sagt nicht Abzweigung, sondern Familienzweig.“

Er schüttelte den Kopf.

Weiß ich, aber das ist kein Zweig, das ist ein morscher, dekadenter, morbider Trieb. Eine Abart, eine Abzweigung. Die Sproedens sind Relikte des Mittelalters, Überbleibsel aus einem Gestern, das es nicht mehr gibt. Alle wissen es, nur sie selbst klammern sich an diese Vergangenheit. Sie sind so hoffnungslos überflüssig, dass es mir jedes Mal wie ein Wunder vorkommt, wenn ich hinfahre, und sie immer noch da sind. Für mich sind sie so etwas wie wandelnde Wachsfiguren aus Madame Tussauds Kabinett.“

Ich finde Ihre Bemerkungen geschmacklos. Warum fahren Sie zu diesem Begräbnis, wenn Sie so denken. Volker von Sproeden ist einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen und …“

Er unterbrach mich mit einer Handbewegung.

Sagen Sie mir eines, Fräulein Kappeling: Wie stehen Sie zu den Sproedens?“

Ich vertrete die Bank in München, die das Vermögen der Sproedens verwaltet. Doktor Mohr ist leider verhindert, und so bat er mich, für die Geschäftsleitung …“

Aha! Nun hören Sie mir mal zu. Erstens ist Volker nicht verunglückt, sondern ist mit voller Absicht gegen den Brückenpfeiler gerast. Die Sproedens sind Helden und Ritter. Wenn die einen Bock schießen und dafür geradestehen sollen, dann jagen die sich entweder eine Kugel durchs Hirn oder …“

Ich muss doch sehr bitten!“, zischte ich.

In diesem Augenblick quoll ein ganzes Rudel Kinder in den Wagen und weckte damit auch den Eisenbahner aus seinem Traum. Der Lärm, den die Kinder machten, würgte eine Zeitlang unser Gespräch ab. Einesteils quittierte ich diese Tatsache mit Erleichterung, andererseits hatte mich Massigny neugierig gemacht.

Ich wusste, als ich darüber nachdachte, dass er sehr vermögend war. Er besaß in Frankreich, besonders in Lyon, aber auch in der Schweiz bedeutendes Kapital. Doch so sah er gar nicht aus. Eigentlich hätte ich erwartet, dass Leute seines Schlages mit dem Rolls-Royce anreisen oder eben überhaupt mit einem Auto. Er kam mit der Bahn, wartete mit mir in diesem kalten Schienenbus und wischte mit dem Ärmel die angelaufene Scheibe ab, um draußen den Regen zu sehen.

Er wandte sich mir wieder zu.

Ich sagte, er hat es mit Absicht getan. Das hat auch die Polizei vermutet. Aber wenn es in der Nähe von Kassel passiert ist, wissen die Leute in Riedenburg natürlich nichts davon.“ Er beugte sich vor.

Was die Leute sagen, spielt bei den Sproedens die Hauptrolle. Man muss das Ansehen wahren. Volker war mit meiner Schwester verheiratet. Ein liebes, ein so zartes Mädchen. Sie wollte diesen germanischen Recken, diesen letzten Ritter, unbedingt haben. Und sie bekam ihn. Als sie mit ihm verheiratet war, lernte sie ihn kennen. Er trank. Er spielte – und verlor. Er hatte Mädchen. Nur eines hatte er nie: Geld. Dafür stiegen seine Schulden. Er unterschrieb Wechsel. Bevor die platzten, ließ er sie prolongieren. Dann aber ließ er sich mit einer verheirateten Frau ein. Wie es nun genau war, wird niemand mehr erfahren. Sie hat jedenfalls plötzlich einen Brief an den Fürsten geschrieben und ihm mitgeteilt, dass sie entweder die an Volker geliehenen zehntausend Mark zurückbekäme, und zwar sofort, oder sie werde ihren Mann verständigen. Nun, woher sollte der Fürst das Geld nehmen? Er ist verschuldet bis über die Ohren. Das müssten Sie eigentlich recht genau wissen. Er zahlt also nicht, sondern spielt den Beleidigten, fühlt sich erpresst und lässt über seinen Anwalt Anzeige gegen diese Frau erstatten. Die hat aber noch einen Trumpf. Ahnen Sie welchen?“

Es geht mich nichts an.“

Ich wollte davon nichts mehr hören. Das war schmutzige Wäsche, die mich wirklich nicht interessierte.

Aber er erzählte weiter, als hätte ich ihm eine andere Antwort gegeben.

Diese Frau hat eine minderjährige Tochter. Mit der hatte sich Volker auch eingelassen. Die Frau hat die beiden sogar fotografiert. Das Foto schickte sie dem Fürsten. Daraufhin stieg Volker in seinen Wagen und jagte über die Autobahn. Bei Kassel zielte er vermutlich auf einen Brückenpfeiler. Er hatte nach der Berechnung der Polizei etwa hundertsiebzig Sachen drauf, als es passierte. Er war sofort tot.“

Und woher nehmen Sie dieses umfangreiche Wissen?“, fragte ich, nicht mehr ganz so spröde wie vorhin.

Er lächelte. Sein Boxergesicht entspannte sich, und in seinen Augen blitzte der Schalk. Doch plötzlich wurde er ernst. So etwas wie zornige Empörung leuchtete aus seinem Gesicht.


*


Seine Frau ist meine Schwester. Er hat sie zwar geheiratet, aber zugleich machte er sie zur Närrin. Und mehr. Sie ist seelisch regelrecht verkümmert, während er sich draußen herumtrieb und sie mit zwei Kindern daheim hockte wie Aschenputtel. Sie lebten erbärmlich, wie ich herausbekam. Aber nach außen die große Welt spielen, den Krösus …“

Weshalb kommen Sie zur Beerdigung?“

Damit jemand bei meiner Schwester ist und sie einen einzigen Menschen hat, von dem sie weiß, dass er zu ihr gehört und nicht zu dieser aufgeblasenen Sippe. Allerdings gibt es bei den Sproedens zwei Ausnahmen. Vielleicht erkennen Sie die selbst. Wo werden Sie übernachten?“

Ich fahre sofort danach wieder nach München zurück. Von hier aus mit dem Schlafwagen.“

Er nickte, als hätte er anderes von mir nicht erwartet.

Ich könnte Sie einladen.“

Er lächelte wieder schalkhaft und fuhr fort:

In allen Ehren natürlich. Da gibt es so etwas wie ein altes Kutscherhaus. Ich habe es seinerzeit von den Sproedens gekauft, weil mir diese herrliche Landschaft um Riedenburg so gefiel. Bin aber nur einmal dort gewesen, um so etwas wie Urlaub zu machen. Riedenburg hat nur Landschaft zu bieten, sonst nichts. Der Ort selbst ist das Schloss, ist das Rittergut, und wo man hintritt, gehört alles den Sproedens.“

Ich widersprach nicht, obgleich ich wusste, dass fast alles an Land und Vermögen der Bank verpfändet war, für die ich arbeitete. Nur das Schloss nicht. Denn das war infolge der Denkmalschutzauflagen als Sicherheit eher eine Belastung. Das hatte die Bank nicht gewollt.

Mein Gott, dachte ich, Dr. Mohr hätte wirklich seine Grippe ein andermal bekommen können. Dann wäre er hier, nicht ich. Furchtbar, dieser Mann, der hier die Sproedens beschimpft, dann das triste Milieu des Schienenbusses, der nun endlich losfuhr, und dazu dieses miese Wetter.

Wir redeten jetzt über andere Dinge, belanglose, und so nebenbei bekam Dodo nun heraus, dass ich promoviert hatte. Jetzt sagte er nur noch „Fräulein Doktor“ zu mir. Immerhin hatte ich gerade jetzt Muße, ihn zu beobachten. Er war intelligent, sehr schlagfertig, aber zugleich stieß mich seine respektlose Art ab. Andererseits ging er offenbar davon aus, dass ich als Mitglied der Bank ohnehin die Details kennen musste. Was das Geld anging, stimmte das. Aber die menschlichen Qualitäten der Sproedens interessierten mich nicht. Dieser Besuch war eine Pflichtübung, eine Geste der Bank dem Kunden gegenüber. Persönliche Gefühle konnte ich mir schenken.

Ich war sichtlich froh, als Dodo endlich aufhörte, mich mit Einzelheiten über das Familienleben der Sproedens zu beglücken. Mit keinem Gedanken dachte ich etwa daran, dass gerade dieses Wissen für mich einmal eine sehr wesentliche Rolle spielen sollte. Ich erfuhr so beiläufig von den Geschwistern des Verstorbenen, einem gewissen Wolf von Sproeden, der Diplomlandwirt sei. Und da fiel es mir wieder ein. Nicht sofort, aber bei etwas Nachdenken: Wikinger‑Wolf war das. Der hatte auch in München studiert wie ich. Natürlich, das musste er sein. Ihn hatte ich total vergessen.

Nun, da es mir wieder eingefallen war, entsann ich mich der Einzelheiten. Ein großer, hellblonder Mann mit einem Lausbubengesicht war er gewesen. Ich fragte mich, wie er wohl heute aussehen mochte. Und während Dodo plauderte, obgleich ich gar nicht zuhörte, fiel mir immer mehr aus der Studienzeit ein. Ja, er hatte erst in Weihenstephan, später dann Chemie in München selbst studiert. Er bewohnte ein Zimmer nicht weit von meinem im Studentenheim. Und daher kannte ich ihn auch. Wir hatten da und dort einmal zusammen in der Mensa gegessen, doch sonst war nichts gewesen. Einmal waren wir zum Tanz gegangen. Aber mit anderen zusammen. Ich entsann mich, dass er etwas eckig, schwerfällig getanzt hatte.

Dodo schwieg. Sein Schweigen lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn. Ich blickte ihn fragend an. Irgendwie machte er jetzt den Eindruck eines einsamen Menschen. Einer, der nach einem lieben Wort, nach Zusprache dürstet.

Es interessiert Sie nicht“, stellte er fest.

Ja und nein! Aber welche Rolle spielt das für Sie?“, gab ich zu und lächelte ihn – wie ich meinte – gewinnend an.

Er fasste es anders auf, lächelte zurück und erklärte:

Hat Ihnen schon oft jemand gesagt, dass Sie eine bezaubernde Frau sind, wenn auch ziemlich verschlossen?“

Ich lachte. Es klang drollig, wie er das mit seinem Akzent sagte.

Nicht oft, und ich glaube, es ist auch dann recht übertrieben.“

Er wurde ernst und behauptete etwas pathetisch:

Man müsste es Ihnen mehrmals täglich sagen. Es ist die reine Wahrheit und keine Übertreibung.“

Er sah mich beschwörend an, fast flehend. Jedenfalls kam es mir so vor.

Darf ich Sie Monika nennen?“, fragte er.

Ich seufzte.

Was haben Sie nur davon?“

Ich empfand es als glücklichen Umstand, dass der Schienenbus hielt und wir aussteigen mussten. So konnte ich mir die Antwort sparen, ob ich nun mit dem Vornamen angeredet werden wollte oder nicht. Aber ich kannte ihn nicht. Auf eine zustimmende Antwort hatte er gar nicht gewartet. Denn plötzlich, als wir den Zug verlassen hatten, sagte er:

Da sehen Sie, Monika, dort kommt schon das Empfangskomitee! Der hochwohlgeborene Wolf von Sproeden höchstpersönlich. Er ist der Bruder Volkers.“

Etwas leiser, und nur für mich bestimmt, sagte Dodo:

Übrigens der einzige Lichtblick außer seiner Schwester Irene im verstaubten Familienclan der Sproedens.“


*


Wolf von Sproeden hatte sich kaum verändert. Die sechs oder sieben Jahre, seit ich ihn damals zum letzten Mal in München gesehen hatte, mussten spurlos an ihm vorübergegangen sein.

Sein hellblondes Haar wehte im Wind, der über den Bahnsteig pfiff. Da die Wolkendecke aufgerissen war und eine bleiche, grelle Sonne durchblitzte, fiel diese Helligkeit auf Wolfs braungebranntes Gesicht.

Ich fand, dass er phantastisch aussah.

Damit begann es, ohne dass ich das überhaupt bewusst spürte. Wolf von Sproeden, der Dodo erkannte, ging zunächst auf ihn zu, doch dann, so zwei Schritte vor uns, wandte er sich mir zu. Noch immer schien er mich nicht zu erkennen. Mir fiel ein, dass ich in meiner Studienzeit das Haar noch lang getragen hatte. Lag es daran?

Da, jetzt schimmerte Erkennen über sein Gesicht. Seine Pupillen vergrößerten sich jäh. Er lächelte ein wenig verlegen, noch immer nicht ganz sicher.

Sind Sie es oder sind Sie es nicht? Monika Kappeling, nicht wahr?“

Ein Nicken und Lächeln von mir waren die Antwort. Mein Gott, dachte ich, dieser damals so schlaksige Bursche hat sich ja wunderbar entwickelt. In den könnte ich mich ja regelrecht verknallen. Ich rief mich auf der Stelle zur Ordnung. Was war nur mit mir los?

Die Herrschaften kennen sich also“, hörte ich Dodo ein wenig enttäuscht sagen.

Wolf antwortete:

Ja, wir haben zusammen studiert. Na ja, zusammen nicht gerade, aber auf derselben Uni und zur selben Zeit ungefähr, nicht wahr?“

Er wandte sich wieder mir zu.

Darf ich da überhaupt noch Monika sagen? Damals haben wir uns ja geduzt.“

Ich lachte.

Warum denn nicht mehr?“

Ich sah ihn an. Ein blonder Recke. Wikinger hatten wir ihn genannt. Jetzt war er es mehr als damals. Ich vergaß Dodo auf der Stelle.

Wolf trug einen schwarzen Anzug, und dazu ein blütenweißes Hemd, wodurch seine tiefgebräunte Gesichtshaut noch kontrastreicher wirkte. Und die hellen, fast leuchtend blauen Augen bezauberten mich. Es hatte mich spontan gepackt.

Ich habe den Wagen draußen. Wie kommt es, dass du hier bist? Entschuldige“, fragte Wolf weiter, „es ist natürlich wahnsinnig nett, aber ich begreife die Zusammenhänge nicht.“

Ich vertrete Doktor Mohr. Er ist krank.“

Da begriff er.

Ach, du bist bei dieser Bank?“

Sein Gesicht, eben noch strahlend, wirkte etwas bedrückt und säuerlich.

Na, dann bist du ja sicher im Bilde. Aber sei getröstet, heute und morgen merkt man davon nichts.“

Dodo lief neben uns her, aber ich hatte ihn mindestens so vergessen wie den Fahrer des Triebwagens. Er fiel mir erst wieder auf, als wir draußen vor dem Bahnsteig den betagten Rolls-Royce bestiegen, natürlich einen mit Chauffeur. Aber das war noch gar nichts. Der Pomp sollte noch entschieden großartiger werden.

Wolf von Sproeden erzählte aus unserer Studienzeit, und das hielt Dodo automatisch aus unserem Gespräch heraus. Als ich aber einmal eine Pause hervorrief, weil ich nicht antwortete, sagte Dodo:

Die liebe Familie lässt es sich offensichtlich etwas kosten, den lieben Verblichenen unter die Erde zu bringen, wie? Das Geld dafür hätte meiner Schwester vor dem Tod ihres Mannes mehr helfen können und ihm wohl auch einen anderen Weg eröffnet. Aber nun ist alles zu spät.“

Ich empfand seine Bemerkung als peinlich und schämte mich für ihn ob seiner gehässigen und geschmacklosen Art, wie ich es nannte. Wolf wurde vor Zorn dunkelrot im Gesicht.

Deine spitze Zunge wird dir noch einmal zum Verhängnis, Dodo“, bemerkte er.

Weil ich die Wahrheit sage?“, fragte Dodo, und es klang fast naiv.

Wolf antwortete nicht. Ich selbst lächelte unsicher und wäre am liebsten ausgestiegen. Diese beiden – das war ja wie Feuer und Wasser. Nun gut, dachte ich, auch so ein Begräbnis geht vorüber, danach fahre ich nach München und höre nie mehr von diesen Leuten.


*


Welch ein Irrtum! Und man sagt, es gäbe Ahnungen. Man sagt auch, dass große Ereignisse ihren Schatten voraus werfen. Ebenso behauptet man, eine Frau habe ein so feines Empfinden, dass sie imstande sei, das im Vorhinein zu spüren, was an großem Geschehen auf sie zukäme.

Ich spürte nichts, ich ahnte nichts; ich war offenbar nicht mit dem feinen weiblichen Instinkt gesegnet, der so oft gepriesen wird. Und deshalb glaubte ich, dies hier morgen schon abschütteln zu können wie die Regentropfen an meinem Schirm, der sich nun doch noch öffnen ließ. Es regnete ja auch nicht mehr.

Wir fuhren die Allee zum Schloss entlang. Alte Kastanien mit mächtigen Kronen standen dicht an dicht. Ich liebe solche Alleen, mag Bäume überhaupt gern. Für mich sind sie das Sinnbild des Lebens. Während ich mich an den Bäumen begeisterte, saß ich zwischen zwei Rivalen, ohne das zu wissen. Ich begreife es ja heute selbst nicht mehr, nichts gemerkt zu haben. Aber es war so. Ich ahnte nicht das Geringste.

Das Schloss sah aus der Nähe unerhört romantisch aus. Efeu rankte an den Felssteinwänden empor, Schieferdach glänzte im grellen Licht dieser Schlechtwettersonne. Die Fenster waren bleiverglast, auch etwas, das ich liebte.

Neben dem Schloss parkten die Limousinen der hochnoblen Verwandten und Bekannten. Livrierte Chauffeure langweilten sich neben ihren chromglänzenden Prachtkutschen. Anerkennende Blicke galten unserem Rolls, dessen ehrwürdiges Alter offenbar so etwas wie eine wertvolle Patina darstellen sollte. Ich hatte wenig Sinn für so etwas, also ließ es mich kalt.

Diener in Livree öffneten den Schlag, verbeugten sich vor uns, als wären wir Potentaten, und führten uns schließlich zum Portal. Mir kam das alles jetzt schon wie ein Theater vor, in dessen Aufführung ich widerwillig einbezogen wurde.

Wolf, den ich von der Seite her beobachtete, nahm das alles als absolute Selbstverständlichkeit hin. Auch drinnen dann die Vorstellung vor einer Reihe von Leuten, die mir vorkamen wie kostümierte Schauspieler. Und das waren sie auch. Nur spielten sie immer dieselbe Rolle – die eigene.

Ich weiß heute nicht mehr, was ich da zu diesem oder jenem gesagt habe. Irgendwie lernte ich dann einen älteren Herrn kennen, der sehr viel Persönlichkeit ausstrahlte, aber auch das war nur das Getue eines Charakterdarstellers. Der Mann war Wolfs Vater, Fürst Harek von und zu Sproeden. Seine Frau, die ich mir mütterlich vorgestellt hatte, war in Wirklichkeit im Grunde auch nur ein Mitglied dieses – wie ich es respektlos nannte – Theaterensembles.

Nein, ich taugte nicht zum Anhänger aristokratischer Gepflogenheiten. Im Gegenteil. Ich hatte mehr und mehr den Eindruck, dass Dodo eigentlich mit seiner Kritik recht hatte.

Man trauerte. Aber nicht einmal die Eltern des Toten konnten auf mich den Eindruck machen, dass sie wirklich inneren Schmerz empfanden. Sie spielten den Schmerz, aber der würdige Ablauf dieser Feier erschien wohl beiden wichtiger.

Wolf war mit anderen Gästen beschäftigt, und ich fand mich rein zufällig wieder an Dodos Seite, der seine launischen Bemerkungen über diese „aufgeblasene Sippschaft“ machte, wie er die Sproedens und ihre Freunde nannte.

Er machte mich auch mit seiner Schwester bekannt. Sie war ein zierliches, zerbrechlich wirkendes Wesen, ätherisch und blass, aber von einer inneren Wärme. Sie war völlig in Schwarz, trug einen Schleier, so dass ich nicht einmal die Farbe ihrer Augen erkennen konnte. Erst später, als sie beim Essen den Schleier abnahm, entdeckte ich die Ähnlichkeit zwischen ihr und Dodo.

Sie sprach mit weit mehr Akzent als Dodo, suchte ständig nach Worten, flüsterte fast und machte den Eindruck, als sei sie verängstigt. Sie tat mir irgendwie leid, obgleich ich mir sagte, dass nicht unbedingt stimmen musste, was Dodo von dem Verstorbenen erzählt hatte.

Dodo hatte aber eine warme, nette Art, wie er mit seiner Schwester sprach, und man konnte richtig sehen, wie sie ihre Zuversicht, ihr Selbstvertrauen wiedergewann. Sein Benehmen ihr gegenüber machte ihn mir sympathisch.


*


Am Nachmittag kam das Begräbnis. Es war der Auftritt von Leuten, die im Grunde nicht den Toten beweinten, sondern sich gegenseitig bemitleideten, sich etwas vorjammerten über den Verlust einer sogenannten „guten alten Zeit“, die für sie noch eine Zeit von Glanz und Gloria gewesen war – jedenfalls für die Älteren. Die jungen Leute, soweit sie in ihrer Minderheit überhaupt eine Rolle spielten, gaben sich erfrischend normal.

Die Prozedur währte insgesamt an die vier Stunden. Danach kam der Leichenschmaus, und im Anschluss daran verlor ich Dodo aus den Augen. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, hätte er seine Schwester nicht begleitet. Wie ich nämlich tuscheln hörte, war er mit ihr unmittelbar nach dem Leichenmahl weggefahren nach Lyon. Dieses Mal mit dem Wagen seiner Schwester, einem altersschwachen Vehikel, das ich vorhin schon gesehen hatte.

Selbstverständlich wurde mir zu jenem Zeitpunkt gar nicht klar, was sein plötzliches Verschwinden für Auswirkungen haben konnte. Ich hatte mich nämlich irgendwie an ihn gewöhnt, fand ihn zuletzt sogar nett und war ein wenig beleidigt, dass er einfach so und ohne Abschied gegangen war. Aber so ohne Abschied letztendlich doch nicht. Wolf kam und brachte mir einen Brief von Dodo.

Tut mir leid, ich habe den Brief total vergessen“, sagte er. „Sollte ich dir ja schon vorhin geben.“

Ich glaubte ihm keine Sekunde, dass ihm das leid tat. Als ich den Brief las, der mir die Erklärung für Dodos jähen Weggang bot, sagte Wolf:

Jetzt möchte er dir einreden, dass er seine arme Schwester vor uns bösen Wilden bewahren muss nicht wahr? Vergiss das und wirf den Brief ins Feuer! Dodo ist im Grunde nicht den Atem wert, um erwähnt zu werden.“

Ach!“

Ich sah ihn verblüfft an. Dodo hatte von Wolf sehr gut gesprochen. Warum bei Wolf diese Abneigung? Fühlte er sich mit seinen rückständig denkenden Verwandten einig? War er auch so ein Selbstbetrüger und Traumtänzer, der sich mit Augenwischerei eine Welt aufbaute, die es seit gut fünfzig Jahren gar nicht mehr gab?

Na ja“, erwiderte er ein wenig entgegenkommender. „Er ist selbst von Adel, aber er tut und redet wie ein Revolutionär.“

Er ist ein Realist. Einer, der sich nichts vormacht“, sagte ich.

Wolf zuckte die Schultern.

Vor allem kann er mit Geld umgehen, und da ist er eiskalt. ln diesem Punkt versteht er keinen Spaß. Jedenfalls ist er fast unanständig reich. Er lachte wie ein Lausejunge.

Ich bin als Gutsverwalter meines Vaters eine armselige Kirchenmaus. Wenn ich mir überlege, was ich studiert habe und was ich nun für welches Taschengeld tue? Dabei gehört mir das alles irgendwann nicht einmal, nicht wahr?“

Wenn kein Wunder geschieht, nein“, bestätigte ich. „Banken haben wenig Sinn für Gefühle und dergleichen. Aber ich will dich nicht an einem Tag wie heute mit euren Verpflichtungen quälen, die du sicher ohnehin kennst.“

Er nickte betroffen. Doch der Ernst in seinem Gesicht wich jäh. Er lächelte, nahm meinen Arm und sagte mir ins Ohr:

Monika, mir hängt dieser Budenzauber hier zum Hals heraus. Ich werde sagen, dass auf dem Gut etwas vorgefallen ist, was meine sofortige Anwesenheit erfordert. Dann verkrümele ich mich, und wir können noch etwas zusammen sein und über alte Zeiten reden …“

Gern!“, sagte ich.

Ja ich habe wirklich „gern“ gesagt. Ich frage mich heute ehrlich, ob ich denn tatsächlich ein so ahnungsloses Schaf gewesen bin – oder ob ich es so wollte, wie es kommen musste. Ich glaube, ich wollte gar nicht nachdenken.

Mein Gott, was war ich nur für ein schwankendes Rohr im Wind! Da tauchte er nur auf, dieser Wikinger, sah auf mich herab, und meine Vorsätze werden zunichte wie Schnee in der Frühlingssonne.

Wir trafen uns wie verabredet. Ich hatte mich noch verabschiedet von den Sproedens und lernte dabei auch Irene etwas näher kennen, Wolfs Schwester. Sie gefiel mir, aber ich hatte sie schon nach ein paar Minuten wieder vergessen.

Wolf holte mich am hinteren Ende des Schlossparks an einem Törchen in der uralten Mauer ab. Auf der anderen Seite der Mauer, auf einem Feldweg, stand sein Wagen. Der sah aus, als hätte er die Erde umrundet. Eigentlich, fand ich, passte er angemessener zu den Sproedenschen Vermögensverhältnissen als der Rolls-Royce.

Mein Dienstwagen – aber besser als zu Fuß“, meinte Wolf entschuldigend.

Wir fuhren zum Rittergut, denn dort wollte er mir alles Mögliche zeigen. Aber zu meiner Erleichterung begann es wieder zu gießen, und so fiel die Besichtigung buchstäblich ins Wasser. Es war mit einem Male schon recht düster. Da saßen wir zwischen Viehweiden und einer Feldscheune im Wagen, hörten den Regen aufs Wagendach trommeln und blickten uns etwas ratlos an. Na ja, also ratlos war offenbar nur ich.

Er wusste, was er zu tun hatte. Er wischte mit einem Leder die angelaufenen Scheiben frei und sagte:

Am besten fahren wir ein Stück. Hier kommt am Ende noch jemand auf die Idee, mich zu irgendetwas zu holen. Die Arbeit ist zu nahe.“

Er lachte und fuhr los.

Aber bald hielt er wieder. Diesmal in einem Birkenwäldchen, durch das der Feldweg verlief. Er drehte sich mir zu, legte den Arm aufs Lenkrad, den anderen auf die Sitzlehne und schaute mich lächelnd an.


*

Wir können ebenso gut auch hier plaudern.“

Es klang wie ein Witz. Plaudern hatte er gesagt! Als wenn er das wirklich gewollt hätte. Denn ich spürte ja diese knisternde Stimmung. Und offengestanden empfand ich sie nicht einmal als bedrohlich. Im Gegenteil! Nur das Milieu missfiel mir. Bei ihm schien das höchstens noch stimulierend zu wirken.

Du sagst nichts. Ich muss viel an früher denken“, begann er.

War da etwas Besonderes?“, wollte ich wissen und beobachtete ihn.

Ich spürte, wie schwer er sich tat. Ihm fehlte das Talent, mit Worten etwas einzufädeln. Dodo hätte es da sicher leichter gehabt.

Ich kann mich gut erinnern, dass ich damals verdammt von dir beeindruckt war und auch noch an dich denken musste, als ich längst nicht mehr in München gewesen bin.“

Aha!“, erwiderte ich nur.

Und du? Du etwa nicht? Ich meine …“

Jetzt wurde er verlegen, sah mich so hilflos an, dass er mir beinahe leid tat.

Er gefiel mir. Er gefiel mir sogar sehr. Und es war ein Tag, an dem ich die Nähe und die Zärtlichkeit eines Mannes besonders ersehnte. Natürlich musste er mir gefallen. Doch das war ja bei Wolf in besonderem Maße der Fall. Und dann war da noch etwas. In den letzten Monaten hatte ich auf der Bank vor Arbeit nicht aus den Augen sehen können. Dazu noch Höflichkeitsverpflichtungen mit Kunden, als ich Dr. Mohr vertreten musste. Da war für einen Mann keine Zeit geblieben. Und überhaupt: Den richtigen Mann hatte ich sowieso noch nicht gefunden.

Als hätte er meine Gedanken erahnt, fragte Wolf:

Hast du einen festen Freund? Verlobt oder so?“

Nein.“

Er lächelte, kam mir mit seinem Gesicht ganz nahe und fragte leise:

Bist du noch so spröde wie damals? Monika, ich verrate dir etwas. Ich habe dich damals sehr geliebt. Auf dem Ball … du weißt doch. Wir haben sieben Mal getanzt miteinander. Leider nur sieben Mal …“

Dass er das noch wusste! Ich hätte mir es nicht merken können.

Seine Hand glitt von der Lehne auf meine Schulter, die Finger berührten meinen Nacken. Mir war, als führe mir elektrischer Strom durch alle Glieder.

Diese Empfindung machte mich so verdutzt, dass ich mir wie ein Mädchen vorkam, das zum ersten Male mit einem Manne allein war. Ich schalt mich selbst töricht und närrisch. Aber der Verstand war einfach unterlegen.

Alles in mir sehnte sich nach noch mehr Berührung. Zugleich aber wich ich seinem Arm aus, wehrte mich sogar zum Schein dagegen. Aber er ließ sich nicht abweisen. Seine Hand glitt mir vom Nacken aus über den Hals, bis zum Ohr, strich mir übers Haar, und ich hörte ihn sagen:

Monika, du bist sehr hübsch geworden. Du gefällst mir sehr, Monika.“

Dann hatte er mich schon in den Armen. Meine Abwehr war fast lächerlich. Sie musste auf ihn nur noch aufreizend wirken. Und vielleicht wollte ich genau das.

Er zog mich an sich, und als sich seine Lippen den meinen näherten, da schrie in mir alles nach einem Kuss von ihm. Ich kam mir so willenlos, so hoffnungslos schwach vor, dass ich das Gefühl hatte, zu keiner, aber nicht der geringsten Abwehr mehr in der Lage zu sein. Mein ganzer Körper war weich, schien nur noch die Berührung dieses Mannes zu wollen. Ich sah mich in einer Verfassung, die ich in so einem Umfang noch nie erlebt hatte.

Sein Kuss war wie Feuer. Ich meinte, unter dieser Glut zu schmelzen, fühlte mich eins mit ihm und verlangte noch mehr, nach immer mehr.

Ich spürte mit einer Wolllust ohnegleichen die Berührung seiner Hand auf meiner Hüfte, fühlte sie tiefer gleiten und mir über den Schenkel streichen.

Doch dann begehrte ich noch einmal auf. Als seine liebkosende Hand während eines Kusses unter mein Kleid glitt, wurde ich steif.

Nein, dachte ich, nicht hier! Nicht in diesem Auto und der ernüchternden Atmosphäre. Ich machte mich los, und er gab sofort nach, sah mich verwirrt an und fragte rau:

Was ist? Warum …“

Nicht hier, Wolf. Nicht im Auto, so etwas mag ich nicht.“

Wir könnten in meiner Wohnung auf dem Gut …“

Nein, das erst recht nicht.

Nein, Wolf, ich muss auch nachher fahren.“

Bleib über Nacht!“, flehte er.

Er bettelte förmlich darum, und schließlich kamen wir überein, dass er mit mir zu jener Kleinstadt fuhr, wo ich umsteigen musste, zumal er behauptete, es führe jetzt sowieso kein Schienenbus mehr. Er kramte einen Kalender aus der Tasche und berichtete mir von einem Schnellzug, der morgen früh vom Umsteigebahnhof aus nach München fahren würde.

Schließlich ersehnte ich nur noch den gemeinsamen Höhepunkt mit ihm und sonst gar nichts. Vernunft, Verstand und was man alles von mir erwarten mochte in diesen Stunden, waren das alles Fremdwörter für mich.

Wir fuhren zu jener kleinen Stadt. Unterwegs lehnte ich an Wolf, hatte meinen Kopf an seiner Schulter und ließ es geschehen, wenn er während der Fahrt längere Zeit seine Rechte auf meinem Schoß ruhen ließ.

Aber gerade diese Berührung brachte mich fast zum Überkochen. Ich glühte vor Leidenschaft und konnte es nicht erwarten, endlich mit ihm allein zu sein.

Schamlos!, rief mir mein Gewissen zu. Du benimmst dich wie eine Dirne. Aber mein Verlangen war stärker als moralische Gesichtspunkte. Ich liebte und brannte vor Leidenschaft. Was bedeuteten da Erziehung und Moral?


*


Das Hotel machte einen tristen, fast erbärmlichen Eindruck. Aber in den beiden anderen gab es kein freies Zimmer. Irgendwelche Vertreter tagten zufällig in der Stadt. Aber das Hotel am Bahnhof hatte noch eine Bleibe für uns beide.

Und dann waren wir allein, nachdem die üblichen Formalitäten hinter uns lagen. Wir waren in einer Stimmung, in der wir beide gefangen waren, die unser Tun bestimmte und uns zu weiteren Überlegungen gar keinen Raum ließ.

Er war es, der mich liebkoste, der seine zärtlichen Hände über meine Haut gleiten ließ, der mich entkleidete, während in mir alles nach der Erfüllung dürstete.

Als seine Lippen meine Brüste berührten, als seine Hände mich durch ihre Berührungen zum Überschäumen brachten, da hätte ich schreien können vor Lust und Glück.

Ich liebe dich!“, keuchte er mir ins Ohr. „Liebste …“

Ich verbrenne, dachte ich. Ich verglühe, aber es ist das Paradies. Ich werde wahnsinnig vor Glück. Oh, Himmel, lass es niemals enden.


*


Die Ernüchterung folgte aller Leidenschaft auf dem Fuße.

Während draußen der Regen vom Himmel rann, lag ich in einem nach Waschpulver riechenden Bett. Das Zimmer wirkte in der Trostlosigkeit des neuen Tages erbärmlich.

Bahnhofshotel“ nannte sich dieses Haus, in dem Wolf in der Nacht mit mir abgestiegen war. Ich hätte jetzt noch über das Gesicht der Bedienerin lachen können, als diese uns zu unserem Zimmer geführt hatte. So etwas wie Neid auf unsere Jugend und Ungunst auf das, was sie von uns erahnte, standen darin. Nun, wir hatten beide frech gelogen, als sie so beiläufig gefragt hatte, ob wir auch verheiratet wären. Wolf schien das für meine Begriffe recht schnell von den Lippen gekommen zu sein, dieses sichere Ja.

In der Nacht hatten wir die Umwelt vergessen. Aber nun war es Morgen.

Wolf lag neben mir und schlief. Ich sah zu ihm hinüber. Er hatte die Bettdecke nur bis zum Nabel über sich liegen. Die behaarte, männliche Brust hob und senkte sich beim Atmen, und mir drängte sich dabei der verrückte Vergleich mit einem Flußpferdrücken auf, der, wie ich das im Zoo gesehen hatte, aus dem Wasser ragte und sich ebenso anhob wie Wolfs Brust. Verrückt, wirklich, und ich selbst war es ja auch. So lange hatte ich Wolf nicht gesehen. Damals auf der Uni … Nein, mehr als eine Bekanntschaft war das nicht gewesen. War es denn jetzt Liebe?

Du meine Güte, ich hatte in München geschuftet wie ein Pferd, aber Männer waren seit Monaten nur beruflich um mich gewesen. Abends dann, in meinem Zimmer, hatte Einsamkeit geherrscht. War das die Ursache? Also nichts als Leidenschaft, ein Bedürfnis nach Hingabe und Erfüllung? Natürlich, er war kein Anfänger, und ich hatte in dieser Nacht die Erfüllung gefunden. Herrlich dieses Gefühl! Doch jetzt? Irgendwie war es wie der fade Nachgeschmack nach einem billigen Wein. Der Durst war gelöscht, was blieb übrig?

Ich stand leise auf, wusch mich an der primitiven Toilette, kleidete mich an und sah Wolf an. Er schnarchte.

Am liebsten wäre ich leise gegangen und einfach weggerannt, mit irgendeinem Zug gefahren – nur weg! Aber da erwachte er mit einem Seufzer, blickte verschlafen um sich, entdeckte mich und richtete sich auf. Wie ein großer Junge sah er aus, eine Locke seines Struwwelhaares in der Stirn, die großen Augen auf mich gerichtet, den Mund wie zu einer Frage offen.

Wir sollten uns verabschieden“, sagte ich leise.

Er rieb sich über die Augen und schüttelte den Kopf, als helfe das, seine Gedanken schneller zu ordnen. Dann knurrte er heiser:

Bist du irgendwie enttäuscht oder …?“

Nein, aber es wäre trotzdem besser.“

Ich vermied es, ihn anzusehen und ging zum Fenster, zog die schmuddelige Gardine etwas zur Seite und blickte hinaus.

Regen, schmutzige Dächer, Gleise, ein abgestellter Waggon. Der Bahnhof, auf dem ich schon einmal in den Schienenbus umgestiegen war. Ein trostloser Anblick, an dem auch die Reklame gegenüber nichts ändern konnte. Dort war ein strahlendes, tennisspielendes Mädchen abgebildet, das für ein Erfrischungsgetränk warb. Die Sonne auf dem Reklamebild kam mir wie eine Utopie vor.

Monika, ich liebe dich doch!“, sagte Wolf.

Er war aufgestanden. So, wie er war, stellte der Siegelring an seiner linken Hand die einzige Bekleidung dar. Er stand hinter mir und legte seine Hände auf meine Schultern, und da durchfuhr mich wieder dieser elektrische Strom, der alles in mir lähmte. Aber ich vermied es immer noch, ihn anzusehen. Ich drehte mich nicht um, sondern blickte auf diesen trostlosen Bahnhof und den Schmutz, den Regen und all das Ernüchternde.

Er ließ seine Hände wieder sinken.

Nun gut, du willst also nicht Warum trinken wir nicht wenigstens noch zusammen Kaffee?“

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man in diesem heruntergekommenen Hotel vernünftig Kaffee trinken konnte. Irgendwie hatte ich auch keine Lust dazu. Ich fühlte mich wie zerschlagen. Dazu noch dieses Wetter draußen und die feuchte Kühle in diesem Zimmer. Die ganze Atmosphäre hatte auf einmal etwas Entwürdigendes, Billiges. Ich kam mir wie ein Straßenmädchen vor. Das Bedürfnis, dem allen zu entfliehen, wuchs immer mehr.

Mit einem Ruck nahm ich meine Handtasche, sah Wolf an, der auf dem Bett saß und seine Strümpfe anzog, und sagte entschlossen:

Es ist besser, Wolf, wenn ich jetzt gehe.“

Nun warte doch! Donnerwetter, ich gehe doch mit! Wir wollen doch nicht getrennt hinuntergehen, das gibt doch nur Theater.“

Man kennt dich hier, nicht wahr?“, fragte ich.

Ich glaube nicht.“

Aber du bist schon hier gewesen.“

Er schüttelte den Kopf.

Nein, bisher noch nicht, und ich tue es sicher auch nicht wieder. Aber du wärst weggefahren, wenn wir nicht hier …“

Sicher, ich wäre weggefahren. Eine ganze Nacht in einem kleinen Auto zu verbringen, hätte mir wirklich keinen Spaß gemacht. Dazu hätte ich noch ein Teenager sein müssen, und selbst dann …

Vielleicht“, sagte ich, „sehen wir uns irgendwann einmal wieder.“

Er sprang auf.

Monika!“

Dann stand er vor mir und sah mich an. In seinen Augen las ich heftige Verzweiflung. „Monika“, wiederholte er, „ich liebe dich doch! Irgendwann mal sehen … Mein Gott, wenn ich das höre! Wie redest du denn? Ist denn das alles für dich nur … nur eine Sache gewesen wie Mittagessen oder so was?“

Uns trennen Welten Wolf“, sagte ich und versuchte sachlich zu bleiben.

Er wollte mich umarmen, aber ich machte mich sanft frei. Nein, wenn er mich berührte, brach wieder all mein Widerstand zusammen.

Uns trennen Welten, Wolf“, sagte ich noch einmal, aber es klang deshalb nicht glaubwürdiger.

Der Junge in ihm kam durch, der trotzköpfige Junge.

Nun gut“, erwiderte er patzig. „Dann tu, was du willst Ich zwinge keine Frau. Keine.“

Das war der Abschied. Ich ging einfach, wie man aus einem Laden geht oder aus einem Büro. Ich nickte ihm zu dann war ich draußen. Auf der Treppe wäre ich am liebsten umgekehrt, doch nun zeigte sich auch bei mir eigensinniger Trotz, und ich ging weiter. Ich spürte, dass das eine unvergessliche Nacht bleiben würde. Und ich ahnte, dass es auch nicht der Schluss von allem war. Doch ich ging weiter, verließ das schmuddelige Haus, ohne jemanden getroffen zu haben, trat in den Regen, spannte den Schirm auf und sah mich suchend um. Wolfs Wagen parkte unter der Laterne, die jetzt noch brannte, und bei Tage sah das Vehikel noch unansehnlicher aus als in der Nacht. Ich ging zum Bahnhof hinüber, der nebenan lag.

Als ich den Fahrplan studierte, drehte ich mich des öfteren um, aber Wolf, den ich insgeheim erwartet hatte, kam nicht.

Es freute mich im Grunde überhaupt nicht, dass schon in zehn Minuten ein Schnellzug kommen würde, mit dem ich fahren konnte. Ich redete mir selbst ein, dass ich wieder einmal riesiges Glück gehabt hätte, aber wirklich froh war ich keinesfalls.

Ich ging zur Sperre und auch jetzt war von Wolf nichts zu sehen. Der Bahnbeamte an der Sperre, ein rotnasiger, gutmütiger Mann mit einem Bauerngesicht, lächelte mir zu und brummte:

Nehmen Sie bitte das schlechte Wetter von hier mit, Fräulein!“

Ich sagte etwas Belangloses und ging weiter. Immer wieder drehte ich mich um, doch Wolf tauchte nicht auf. Wütend über mich selbst, beschloss ich, nun nicht mehr nach ihm zu sehen.


*


Ich hatte es doch so gewollt, oder?

Der Zug kam pünktlich – für mein inneres Gefühl viel zu pünktlich. Noch einmal wurde ich schwach und suchte den Bahnsteig nach Wolf ab. Doch es war nichts von ihm zu sehen. Ich stieg ein, fand ein freies Abteil und setzte mich. Von hier aus konnte ich den Vorplatz übersehen. Wolfs Wagen stand dort, und dann sah ich Wolf selbst. Er rannte an seinem Wagen vorbei zum Bahnhof.

Der Zug fuhr ab, und ich versuchte mir vorzustellen, wie Wolf jetzt krampfhaft versuchte, den Zug einzuholen.

Doch dann stellte ich mich ans Fenster, öffnete es trotz des Regens und sah Wolf, die Jacke in der Hand, die Bahnsteigtreppe heraufgerannt kommen.

Ich winkte – allen Vorsätzen zum Trotz, aber er sah es nicht. Er blickte nach dem hinteren Teil des Zuges, und ich war vorn.

Warum, so fragte ich mich, hast du das getan? Warum bist du weggelaufen? Nun, da alles vorbei schien, bereute ich mein Handeln. Aber der Zug fuhr München entgegen.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909999
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367627
Schlagworte
kind

Autor

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Titel: … und dann verfluchte er sein Kind