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WILDES TEXAS #3: Kyle Monroes Racheschwur

2017 120 Seiten

Leseprobe

Kyle Monroes Racheschwur


Ein Western von R. S. STONE




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:

Der zwielichtige Geschäftsmann Charles Blaisdell hasst die Nolan-Brüder. Die Tatsache, dass Jed Nolan und seine Brüder nach dem Krieg wieder ihre Ranch aufbauen wollen und eine große Rinderherde zusammenstellen, ist ihm ein Dorn im Auge. Er hat deshalb den Revolvermann Finn Corcoran und seine Kumpane nach Spanish Crossing kommen lassen. Die sollen für ihn die Drecksarbeit erledigen.

Blaisdells Plan gerät jedoch ins Wanken, als ein Fremder Spanish Crossing erreicht. Sein Name ist Kyle Monroe – und er ist ebenfalls ein Revolvermann. Ein tödlicher Schwur hat ihn nach Texas geführt, denn er sucht nach seiner verschwundenen Tochter. Er wird erst zufrieden sein, wenn die Schatten der Vergangenheit endlich hinter ihm liegen. Aber bis zu diesem Ziel ist es noch ein langer und blutiger Weg ...






1. Kapitel



Noch eben hatte er den einsamen Reiter gesehen, der zwischen den Felsen verschwunden war, um in wenigen Augenblicken unter ihm auf dem schmalen Pfad wieder aufzutauchen.

Und dann…

Watt Rules knochige Hände schlossen sich fester um den Karabiner, den er auf die heiße Steinplatte gelegt hatte. Sein Puls ging schneller in Erwartung auf den lange ersehnten Augenblick. Seine rissigen Lippen umspielte ein leichtes Grinsen. Es war das Grinsen eines Mannes, der sich seiner Sache sicher war.

Das Schlagen von Hufen auf losem Gestein wurde immer deutlicher – Watt Rules Grinsen immer breiter. Er hob seinen Karabiner und presste seinen Körper gegen den Stein, hinter dem er lag. Er visierte einen festen Punkt an. Sein Zeigefinger legte sich um den Abzug und nahm Druckpunkt. Rule atmete tief ein. Gleich – gleich würde der Reiter unter ihm auftauchen. Rule zwang sich mit aller Gewalt zur Ruhe. Von hier aus konnte er nicht danebenschießen. Das war unmöglich.

Als der Kopf des Pferdes zwischen den Felsen dort unten auftauchte, hielt Rule den Atem an. Und erlebte eine böse Überraschung, die ihm beinahe das Herz stillstehen ließ!

Das Tier trabte mit hängenden Zügeln den schmalen Pfad entlang. Und der Sattel war – leer!

Zu spät erkannte Watt Rule, dass er genarrt wurde. Hinter ihm löste sich lockeres Gestein. Rules Haltung verkrampfte sich, als eine sonore Stimme von hinten zu ihm herüberdrang: »Du hast doch wohl nicht ernsthaft geglaubt, ich würde dir wie ein dummes Schaf vor die Flinte laufen, was?«

Das unverwechselbare Geräusch eines gespannten Revolverhahns drang unnatürlich laut an Rules Ohren. Er spürte, wie dicke Schweißperlen über sein aufgedunsenes Gesicht herunterliefen, das über und über mit dunklen Bartstoppeln übersät war. Er fühlte auf einmal einen galligen Geschmack in seinem Mund. Den Karabiner hielt er immer noch mit beiden Händen umschlossen. Eine unbändige Wut keimte in ihm auf. Er war sich seiner Sache so sicher gewesen – zu sicher!

»Lass dein Gewehr fallen und dreh dich zu mir um, damit ich deine dreckige Visage sehen kann, Rule!«

Watt Rule presste seine Lippen fest aufeinander. Er saß in der Falle. Das Scharren der Stiefel auf den Steinen sagte ihm, dass der Mann jetzt direkt hinter ihm stehen musste. Vielleicht trennten sie beide etwa zwei oder drei Meter voneinander.

Zeit gewinnen, dachte Rule und fieberhaft , ich muss Zeit gewinnen. Vielleicht kann ich dann…

Sein Blick glitt auf den Karabiner, den er mit beiden Händen über die bleiche Steinplatte gelegt hatte und von dem er hoffte, ihn schnell herumreißen und mit einem schnellen Schuss den Mann hinter seinem Rücken treffen zu können.

Eine andere Chance hatte er nicht!

Rules Zähne mahlten geräuschvoll aufeinander.

Der gallige Geschmack auf der Zunge wurde immer stärker. Das Herz raste bis zum Hals.

Immer fester wurde der Griff um sein Gewehr. Und doch zwang er sich zu einem schiefen Grinsen, als er verlauten ließ: »Bist wirklich ein gerissener Hund, Monroe! Und dabei sah´s für mich doch so aus, als würdest du mir hier in die Falle laufen!«

Der Mann hinter ihm lachte trocken auf.

»Das hätte dir so passen können, was? Ich sage es nicht nochmal, Rule: Lass deine Knarre fallen und dreh dich um!«

Daran dachte Watt Rule nicht.

Er wusste, welshalb Kyle Monroe hier war. Er wollte ihn – und er wollte ihn tot.

Und da setzte Watt Rule alles auf eine Karte.

Monroe stand genau hinter ihm. Das wusste er genau. Der Klang seiner Stimme sagte es ihm ganz deutlich.

Mit einem lauten Aufschrei wirbelte er herum. Er brachte den Lauf seines Karabiners in Monroes Höhe.

Aber er hatte keine Chance.

Entsetzen ließ sein Gesicht zu einer grotesken Maske werden, als er den dumpfen Aufprall von zwei schnell abgefeuerten Revolverkugeln in seiner Brust spürte. Zuerst gab es keinen Schmerz. Nur eine seltsame Lähmung. Sie schien sich über seinen gesamten Körper auszubreiten. Seine Hände wollten ihm nicht mehr gehorchen, dabei zeigte doch der Lauf des Karabiners in Kyle Monroes Richtung.

Abdrücken, fuhr es Watt Rule durch den vernebelten Kopf, ich muss doch nur noch abdrücken. Verdammt, warum steht das Schwein da immer noch. Alles dreht sich! Warum kann ich es nicht…

Der Karabiner glitt ihm aus den Händen und landete polternd auf den steinigen Boden. Er hörte sich seltsam stöhnen, als sein Körper zurückfiel und gegen die Steinplatte schlug. Wie durch einen Schleier sah er die hochgewachsene Gestalt in dem staubbedeckten, schwarzen Anzug näherkommen, den Revolver dabei noch in der Rechten haltend.

Rules Atem ging rasselnd. Zu dem galligen Geschmack in seinem Mund gesellte sich ein anderer – der Geschmack von Blut.

Ich muss jetzt sterben, dachte er und fühlte weder Panik noch Schmerz dabei, nur eine seltsame Enttäuschung darüber, dass es ihm nicht gelungen war, Monroe eine Kugel in den Leib zu jagen.

Und dann dachte er paradoxerweise in den letzten Sekunden daran, dass es doch so etwas wie Gerechtigkeit auf Gottes Erden zu geben schien.

Wie aus weiter Ferne drangen Kyle Monroes Worte zu ihm herüber, als dieser sagte: »Wir beide sind jetzt all right, Rule. Aber bevor du in die Ewigen Jagdgründe wanderst, will ich noch etwas von dir wissen.«

Rule hatte seinen Kopf zur Seite geneigt und stierte Monroe aus halb geöffneten, glasigen Augen an. Er hustete, und ein heller Blutstrahl floss aus seinem offenen Mund, lief das stoppelbärtige Kinn herunter und tropfte auf den felsigen Boden.

»Fahr zur Hölle!«, stieß er röchelnd hervor. Verschwommen sah er, wie Monroe zwei neue Patronen in die Trommel des Revolvers schob, diese rotieren ließ und die Waffe mit einer einzigen, gleitenden Bewegung in den Halfter schob.

Monroe kniete sich zu ihm herunter und sagte kalt: »Du zuerst. Aber es würde dein Gewissen erleichtern, wenn du mir sagst, was ich wissen will. Lange hast du nicht mehr zu leben.«

»Ja, du hast mich doch noch erwischt. Hast lange gebraucht dafür.« Rule machte eine Pause. Sein Atem ging rasselnd, und sein Mund füllte sich wieder mit rosafarbenem Schaum. Einer der beiden Schüsse hatte glattweg die rechte Lunge durchbohrt. Er wusste, dass er nur noch wenige Augenblicke zu leben hatte.

»Wo ist Finn Corcoran, Rule? Und wo ist meine Tochter?«

Ein fürchterlicher Hustenanfall war die Antwort. Ein regelrechter Blutstrom quoll aus dem Mund des Sterbenden. Dann ein heftiges Aufbäumen und die krächzenden Worte: »Lass mich hier nicht so liegen, Monroe. Die Geier … ich will nicht … Spanish Crossing!«

Während sein Kopf zur Seite fiel, flüsterte er noch einmal die letzten Worte: »Spanish Crossing«, dann war er tot.



*



Kyle Monroe erhob sich, schob den breitkrempigen, schwarzen Hut aus der Stirn und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß ab.

Er empfand weder Mitleid noch Bedauern für den Mann, den er soeben erschossen hatte. In seinem Ermessen hatte Watt Rule genau das bekommen, was er verdient hatte – den Tod.

Wie einige andere zuvor auch, die er erbarmungslos gejagt und zur Strecke gebracht hatte.

Im Laufe der Jahre war sein Leben förmlich danach ausgerichtet gewesen und es hatte ihn zu dem Mann geformt, der er jetzt war.

»Spanish Crossing«, murmelte Monroe vor sich hin. Dann wandte er sich ab, um den felsigen Hang, den er vorhin erklommen hatte, wieder hinabzusteigen. Er fand sein Pferd einige hundert Yards weiter am steinigen Pfad stehen.

Der Braune hatte sich ein schattiges Plätzchen unter einem hervorspringenden Felseinschnitt gesucht und zupfte ein paar spärlich wachsende Grashalme aus dem Boden. Geduldig schien das Tier auf die Rückkehr seines Herrn zu warten, so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Als Kyle Monroe den Braunen erreichte, strich er ihm über den kräftigen Hals und über die Nüstern.

Ein heftiges Nicken war die Antwort des Tieres.

Monroe nahm die losen Zügel auf und führte das Pferd den Weg zurück. Er bedeckte den Toten mit einigen großen Steinen, um den Leichnam vor Geiern und anderem Getier zu schützen.

Mehr tat er nicht.

Nach getaner Arbeit glitt er in den Sattel und ritt in die Richtung, aus der er gekommen war.

Er blickte dabei nicht ein einziges Mal zurück.





2. Kapitel





Der Geruch von frischer Farbe, vermischt mit den Düften der verschiedensten Lebensmittel, Leder- und Eisenwaren, stieg Jed Nolan in die Nase, als er den Store betrat. Er sah June hinter dem Tresen einige Warenartikel sortieren. Bei seinem Eintreten sah sie zu ihm auf. Ein scheues Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. Jed Nolan nahm instinktiv seinen Stetson ab und schlug ihn leicht gegen die ledernen Chaparajos, die ein fester Bestandteil an ihm geworden zu sein schienen.

Ohne sie wäre er sich wohl nackt vorgekommen.

Jed Nolan, ein Rindermann durch und durch, groß und muskulös, gab der Tür einen leichten Stoß, so dass sie ins Schloss fiel. Seine lebhaften Augen wanderten umher, inspizierten den neu eingerichteten Store und bedachte seine Inspizierung mit einem anerkennenden Kopfnicken.

»Vor kurzer Zeit lag dieses Gebäude in Schutt und Asche. Alle Achtung, June – es ist alles wieder wie vorher.« Er korrigierte sich und fügte hinzu: »Es ist noch viel besser als vorher.«

»Danke, Jed. Ich hatte schließlich auch prächtige Hilfe.«

Er trat näher an den Tresen heran. Seine lassonarbige Rechte umfasste eine goldene Spieluhr. Er nahm sie auf und drehte sie in seinen Fingern.

»Mrs. Curwood ist vor wenigen Tagen mit den Kindern abgereist, nicht wahr?« Er stellte die kleine Spieluhr wieder zurück auf den Platz und sah June an.

Sie nickte. »Ja. Und ich habe ihr tausend Dollar gegeben, damit sie in einer anderen Stadt einen Neuanfang machen kann.«

»Das war sehr anständig von dir.«

June winkte ab. »Es war gar nichts. Es waren Stuarts Männer, die für Ben Curwoods Tod verantwortlich waren und die den Store bis auf die Grundmauern niedergebrannt hatten. Was in aller Welt bedeuten da schon tausend Dollar, Jed?«

Die Erinnerung an Vergangenes trieb ihr eine steile Zornesfalte zwischen die geschwungenen Augenbrauen.

Jed Nolan nickte. »Da gebe ich dir recht. Sind harte Zeiten. Kommst du zurecht? «

»Bleibt mir eine Wahl?«

Er zog die Stirn in Falten. »Wohl kaum.«

»Und was ist mit dir, Jed – und deinen Brüdern? Wie geht es Tom?«

Jetzt zeigte sich ein leichtes Lächeln in seinem wettergebräunten Gesicht.

»Prächtig. Doc Mahoon war gestern auf der Ranch. Er sagte, er hätte noch nie einen so quirligen Patienten wie Tom gehabt. Heute holen wir Tom nach Hause.« Er lachte auf und fuhr fort: »Wenn´s nach Tom gegangen wäre – er hätte sich nie und nimmer breitschlagen lassen, so lange in Docs Praxis zu bleiben.«

Jetzt lächelte auch June. »Ja, Doc Mahoon ist ein sehr resoluter Mann, nicht wahr.«

Jed Nolan schüttelte den Kopf.

»Lag wohl nicht unbedingt am Doc.«

»Sondern?«

»Nun, diese brünette Krankenschwester, die Doc Mahoon eingestellt hat – Miss Hazelwood heißt sie wohl – ist doch eine recht attraktive, junge Dame, findest du nicht?«

»Oh!«, stieß June nur erstaunt aus. »Du meinst…«

Jed Nolan schüttelte den Kopf, griff in die Brusttasche seines verschlissenden Arbeitshemdes und angelte ein gefaltetes Stück Papier heraus. Er legte es auf den Tresen und sagte dabei: »Ich meine, dass ich mich langsam um meine Vorratsbestellung kümmern muss, June. Fuller wartet draußen, und wir müssen zurück zur Ranch. Unsere Vorräte sind so gut wie aufgebraucht und die Mannschaft hat hungrige Mägen.«

June nahm das Stück Papier auf, faltete es auseinander und überflog die Liste der gewünschten Artikel.

»Du meine Güte. Das ist ja unser halber Warenbestand, Jed.«

Nolan zuckte nur gleichmütig mit den Schultern. Er langte in ein Glas mit Lakritzstangen auf dem Tresen, angelte sich einige davon heraus und steckte sie in die Brusttasche seines verschlissenen Arbeitshemdes.

June sah ihn überrascht an.

Mit einem leichten Grinsen erklärte er: »Für Fuller. Der kaut die Dinger liebend gerne. Beruhigt die Nerven, meint er. Schreibe es mit auf die Rechnung, June.«

»Und ich dachte, das wäre eher etwas für kleine Kinder«, antwortete June kopfschüttelnd. Sie legte die Einkaufsliste auf den Tresen und sah ihn mit ernsten Blicken an.

»Jed. Meinst du nicht, wir beide könnten ganz von vorne anfangen? Das, was war – können wir es nicht vergessen?«

Jed Nolan saß plötzlich ein Kloß im Hals.

Er schluckte mühsam. Er kannte June sehr lange. Er hatte sie geliebt. Als er damals erfuhr, dass ihre Wahl auf Stuart Conroy gefallen war, hatte er schwer damit zu kämpfen. Einsam waren die Nächte, sehnsuchtsvoll und schwer. Immer wieder tauchte ihr Gesicht vor ihm auf und er hatte seine liebe Not damit, es einfach zu verdrängen.

Er wollte vergessen.

Aber das war ihm nie ganz gelungen.

Jetzt sah er sie lange und prüfend an. Sie war eine schöne Frau, ihr Blick hoffnungsvoll auf ihn gerichtet. Ihre Augen zeigten jene Sehnsucht, die er einst verspürt hatte, als er an sie dachte. Und nur ein einziges Wort von ihm würde genügen, das zerrissene Glied der Kette wieder zusammenzufügen.

Doch war es wirklich so?

Vieles hatte sich verändert, und Zeit war ins Land gegangen. Er sah Sadie und nicht June.

Sadie, die er auf den Trail nach New Orleans mitgenommen hatte und die dort bei ihrer Tante und ihrem Onkel lebte.

Und das machte den Unterschied zu damals aus.

Jed Nolan wandte den Blick von ihr und sah auf den Boden.

»Ich trage dir nichts nach, June. Was geschehen ist, das ist nun mal geschehen. Dabei wollen wir es belassen.«

Seine Worte schienen sie wie Peitschenhiebe zu treffen, denn sie zuckte merklich zusammen. Jeglicher Hoffnungsschimmer wich aus ihrem Gesicht und ließ es plötzlich zu einer starren Maske erscheinen. Die Wärme erlosch aus ihren Augen. Doch bevor sie etwas antworten konnte, tauchte Mort Walsh in der Tür auf, die den Verkaufsraum vom Lagerraum trennte. Er wirkte blass, das Haar war schütter geworden und beinahe weiß. Tiefe Ringe zeichneten sich unter den Augen ab, die einmal vor Kraft und Lebensmut gestrahlt hatten. Die Wangen eingefallen, mit tiefen Kerben um die Mundwinkel versehen, zeigten Jed Nolan, dass Mort Walsh lange nicht mehr der Mann war, den er vor Jahren gekannt hatte.

Junes Vater erkannte Jed und hob grüßend die Hand.

»Wie geht es dir, Jed? Habe dich lange nicht mehr gesehen.«

Jed Nolan nickte ihm zu. »Ich bin all right, Mort. Freut mich, dich zu sehen.«

Im Stillen war Jed Nolan sehr froh über das Auftauchen des alten Mannes.

June schien ihre Fassung wieder gewonnen zu haben. Es gelang ihr sogar ein Lächeln, als sie sagte: »Ich werde mich am besten gleich um deine Bestellung kümmern, Jed.«

Sie zeigte ihrem Vater die lange Liste der Einkäufe und fügte mit einer Stimme, die Jed Nolan unnatürlich schrill vorkam, hinzu: »Sieh mal, Vater! Jed beabsichtigt, unseren ganzen Store leerkaufen zu wollen.«

Sie wartete die Antwort des alten Mannes gar nicht ab, sondern verschwand eilig durch die Tür zum Lagerraum.



*



Die hartnäckige Fliege raubte ihm den letzten Nerv. Zuerst hatte sich Gil Fuller damit begnügt, das Tierchen durch Pusten fortzujagen. Doch das schien das kleine Insekt nicht zu stören. Auch, als Fuller anfing, es mit raschen Handbewegungen zu verscheuchen, kam es immer wieder zu ihm zurück, mit dem Ziel, sich auf Fullers Nasenspitze zu platzieren. Das lästige Insekt schien sich einen derben Spaß daraus zu machen, Fullers Geduld zu strapazieren. Erst, als er sich eine Zigarette drehte und diese anzündete, gab die Fliege auf. Sie zog ab und schwirrte davon.

»Mistviech«, brummte Fuller und grinste zufrieden. Dann erregte plötzlich etwas ganz anderes seine Aufmerksamkeit.

Eine Kutsche, deren einstige rote Farbe von der Sonne stark ausgeblichen war, rollte von Norden her über die staubige Main-Street. An deren Flanken rechts und links ritten jeweils zwei schwerbewaffnete Männer. Sie hatten ihre Gewehre über die Sättel gelegt und ihre Hüte tief in die Gesichter gezogen, als Schutz vor dem grellen Sonnenlicht. Auch die beiden Männer auf dem Kutschbock hatten ihre Gewehre in Reichweite und blickten ziemlich düster drein.

Reiter und Kutsche passierten Fuller, der am Conestoga-Wagen lehnte und neugierig ihren Einzug über die Main-Street beobachtete.

Sicherlich war nichts Außergewöhnliches daran. Jeden Tag fuhren Kutschen über die Main Street von Spanish Crossing und es kamen Reiter in die Stadt.

Aber interessant waren für Fuller nicht nur diese vier Reiter, sondern eher der Inhalt der Kutsche. Die Köpfe zweier junger Damen lugten aus den offenen Fenstern heraus und ihre bleichen Gesichter wirkten auf ihn sehr angespannt.

Kutsche und Reiter hielten direkt vor Charles Blaisdells Cronicle. Fuller trat seine aufgerauchte Zigarette in den Staub und beobachtete, wie die Schwingtür aufflog und Blaisdell aus dem Saloon kam. Es sah so aus, als hätte der Saloonbesitzer bereits auf die Truppe gewartet.

Blaisdell umklammerte seine Rockaufschläge mit beiden Händen. Eine Zigarre klemmte zwischen den Lippen, als er breitbeinig auf den Gehsteig trat.

Die Reiter glitten aus den Sätteln. Die Männer sprachen miteinander. Fuller konnte jedoch nicht verstehen, was sie sagten. Aber er sah, dass Charles Blaisdell einen zufriedenen Eindruck machte. Er grinste breit.

Einer der Reiter trat auf Blaisdell zu und reichte ihm schwungvoll die Hand. Dieser Bursche, ziemlich hager und krummbeinig, gebärdete sich in ausladenden Gesten, nachdem er und Blaisdell einen festen Händedruck gewechselt hatten. Er wies dabei auf die Kutsche, und Blaisdell nickte ein paarmal heftig mit dem Kopf.

Fullers Interesse steigerte sich, als er sah, wie einer der Männer die Kutschentür aufriss und mit lauter, kehliger Stimme rief: »Raus, Ladies. Ein bisschen dalli! Hier ist eure Reise zu Ende.«

Das klang alles andere als freundlich, und Fuller verzog angewidert das Gesicht.

So redete man nicht mit Frauen, schon gar nicht hier in Südtexas.

Das da drüben vor dem Cronicle war keineswegs eine feine Gesellschaft. Und als nacheinander sechs Frauen in schrillen, bunten Kleidern aus der Kutsche stiegen, wusste Fuller, um was für eine Art von Frauen es sich handelte.

Dennoch war dies für ihn kein Grund, so rau mit ihnen zu reden.

Keine der jungen Frauen machte einen glücklichen Eindruck. Sie wirkten verschüchtert, so wie sie nacheinander auf die Straße traten und sich allesamt nach allen Richtungen umsahen.

Wie gehetzt glitten ihre Blicke umher.

Freiwillig sind die bestimmt nicht hierhergekommen, dachte Fuller. Jetzt konnte er deutlich Blaisdells Stimme hören, als dieser rief: »Hereinspaziert, meine Damen! Nur nicht so schüchtern! Treten Sie ein!«

Nur zögernd folgten sie seiner Aufforderung. Mit gesenkten Häuptern gingen die jungen Frauen hintereinander durch die Schwingtür in Blaisdells Saloon.

Wie im Gänsemarsch.

Die vier Reiter folgten ihnen, nur die beiden Männer auf dem Kutschbock blieben dort oben sitzen.

Es war nichts weiter geschehen, als dass Charles Blaisdell neuen Zuwachs an jungen Mädchen für seinen Saloon bekommen hatte.

Aber das ganze Szenario gefiel Gil Fuller nicht.

Die Mädchen waren nicht freiwillig hier. Dessen war er sich sicher.

Aber was ging es ihn an?

Fuller schüttelte leicht den Kopf.

Eigentlich nichts, sagte er sich.

Aber ganz zufrieden war er damit nicht.



*



Jed Nolan trat aus dem Store. Er zog seinen Stetson mit der linken Hand tiefer ins Gesicht, um die Augen durch das grelle Sonnenlicht zu schützen. In der Rechten hielt er einen prall gefüllten Jutesack. Hinter ihm folgten zwei Angestellte, die sich mit einer schweren Holzkiste abmühten, in der sich der gesamte Vorratseinkauf befand.

Nolan wies mit einem Kopfnicken auf den Conestoga-Wagen. Mit hochroten Köpfen schleppten die beiden Angestellten die Vorratskiste dorthin.

Fuller zog lässig die Plane auseinander und half, das schwere Ding auf die Ladefläche zu schieben.

Die beiden Angestellten wischten sich den Schweiß von den Händen an ihren schmutzigen Schürzen ab und verschwanden eiligst wieder in den Store.

Nolan hiefte den Jutesack durch die geöffnete Plane und wandte sich Fuller zu. Dabei griff er in die Brusttasche und zog die Lakritzstangen heraus.

»Sie haben an mich gedacht, Boss. Das ich finde ich großartig.«

June meint, sowas essen nur kleine Kinder.«

Fuller winkte grinsend ab, während er die Lakritzstangen in seine Jackentasche verstaute und eine in der Hand behielt.

»Das Zeug haben schon die alten Griechen gegessen.«

»Und türkische Soldaten haben sie als Marschverpflegung in ihren Feldtaschen mitbekommen.«

Fuller zog überrascht die Augenbrauen hoch.

»Woher haben Sie das denn?«

Er biss ein Stück von der Stange ab und begann, genussvoll darauf herumzukauen.

Nolan zuckte grinsend mit den Schultern. »Hab´s mal irgendwo gelesen.«

»In einem von Toms Büchern, nehme ich an.«

»Das weiß ich nicht mehr so genau. Schätze, so muss es gewesen sein..«

Nolans Blicke hefteten sich auf die Kutsche, die immer noch vor dem Cronicle stand. Dabei fielen ihm die beiden mürrisch dreinblickenden Männer auf dem Kutschbock auf.

»Die Kutsche ist gerade vor einigen Minuten angekommen, Boss«, meinte Fuller. »Sechs Ladies, begleitet von einer Eskorte von vier schwerbewaffneten Männern. Blaisdell schien auf sie gewartet zu haben. Sind alle geschlossen in den Cronicle marschiert. Und glauben Sie mir: diese Männer sahen nicht gerade sehr vertrauenerweckend aus.«

»Na, die beiden Hombres da auf dem Kutschbock aber auch nicht«, bemerkte Jed Nolan argwöhnisch. »Bei Blaisdell tummelt sich in letzter Zeit allerhand zwielichtes Gesindel herum. Möchte wissen, was dieser aalglatte Kerl im Schilde führt.«

Fuller biss herzhaft noch ein Stück von der Lakritzstange ab und fragte kauend: »Dieser Blaisdell – sicher kein Freund von Ihnen, nicht wahr?«

»Noch nie gewesen. Ist aber eine lange Geschichte. Dem Burschen waren wir Nolans schon ewig ein Dorn im Auge. Im Augenblick herrscht so etwas wie ein Waffenstillstand. Aber man sollte sich vor dem guten Charley in Acht nehmen. Der spritzt Gift. Aber so lange er sich ruhig verhält, tun wir das auch.« Er klopfte Fuller auf die Schulter. »Und jetzt sollten wir uns schleunigst darum kümmern, Tom aus den Klauen des Arztes zu befreien.«

Sie schlenderten lässig nebeneinander über die Main-Street und waren sich dabei nicht der düsteren Blicke bewusst, die ihnen von den beiden Männern auf dem Kutschbock zugeworfen wurden.



*



»Ich mache mir Sorgen um Tom.«

Doc Mahoon sah von seinem Buch »Anatomie des menschlichen Körpers« auf und blickte zu Rita Hazelwood herüber. Erst jetzt war ihm bewusst, dass diese Frau eine ganze Zeitlang am Fenster gestanden haben musste. Das überraschte ihn nicht. Er hatte schon längst gemerkt, dass die attraktiven Witwe sich außergewöhnlich fürsorglich dem widerspenstigen Patienten gewidmet hatte, der vor etwa zehn Minuten von seinem älteren Bruder und dem hochgewachsenen Texaner, der ihm als Fuller vorgestellt worden war, abgeholt wurde. Sie hatte Tom ein Buch zum Abschied in die Hand gedrückt. Und den kleinen, listigen Augen des Docs, hinter der silbernen Nickelbrille verborgen, waren nicht der sanftmütige Gesichtsausdruck entgangen, den sie dem jüngeren Nolan dabei bedachte.

Rita Hazelwood kam nach Kriegsende nach Spanish Crossing. Eine gelernte Krankenschwester, deren Mann bei Appomattox gefallen war und dessen Familie durch die Kriegswirren überall im ganzen Lande versprengt wurde.

Mutterseelenallein war sie damals aus der Kutsche gestiegen. Eine junge Frau, deren einzige Habe aus einer schwarzen Reisetasche bestand, in der sie ihre Habseligkeiten untergebracht hatte.

Mahoon nahm sich seinerzeit ihrer an. Er brauchte zu der Zeit dringend Hilfe. Und da Rita Hazelwood nicht einen Cent besaß, bot er ihr ein kleines Zimmer in seiner Praxis an.

Er selbst bewohnte einen Anbau neben der Praxis.

So etwas war nicht ungewöhnlich, sodass sich dies moralisch nach außen hin vertreten ließ. So waren sowohl Mahoon als auch die attraktive Miss Hazelwood nicht dem Gerede der Stadt ausgesetzt. Zudem zählte der Arzt deutlich mehr an Jahren als Rita Hazelwood.

Sie hätte seine Tochter sein können…

»Sorgen? Warum, meine Liebe? Der Junge ist doch jetzt wieder völlig genesen. Die Schusswunde…«

»Das meine ich nicht, Doc«, sagte Rita Hazelwood, wandte sich dem Arzt zu und strich ihre Schürze glatt.

Mahoon zog seine Stirn in Falten. »Sondern?«

»Ich sorge mich eher über seine schrecklichen Träume. So manches Mal hatte er nachts im Schlaf fantasiert und laut geschrien. Ich konnte es von meinem Zimmer aus deutlich hören. Manchmal kam ich zu ihm herein und fand ihn dann schweißgebadet in seinem Bett. Etwas lässt ihn nicht los und quält ihn.«

»Hat er mit Ihnen darüber gesprochen?«

Rita schüttelte den Kopf. »Nein. Als er mich an seinem Bett stehen sah, kam meistens nur ein entschuldigendes Lächeln, und er schlief dann wieder ein.«

»Hat er nie mit Ihnen darüber gesprochen?«

Rita schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn ein paar Mal auf diese Träume angesprochen. Aber er tat es nur lapidar ab und meinte, er hätte schlecht geträumt. Das war alles.«

Mahoon legte ein Lesezeichen in sein Buch und schlug es zu. Er rückte seinen Stuhl in Ritas Richtung, schlug die kurzen Beine übereinander und sah die Frau über den Rand seiner Nickelbrille an. Ein kurzes Räuspern, dann: »Der schreckliche Krieg ist an keinem spurlos vorübergegangen. Jeder verarbeitet so etwas auf seine Weise. Und egal wie; Narben bleiben immer. Ich kenne die Nolans schon sehr lange. Jed und Amos sind harte Burschen, die stecken so einiges weg. Johnny, der jüngste, ist wild, temperamentvoll und verwegen. Tom kam nach seiner Mutter, einer stillen, ruhigen Frau, die kaum etwas nach außen dringen ließ. Sie war sehr empfindsam. Machte alles mit sich selber ab. So auch Tom. Während die Jungens früher das Buschland erkundeten und unsicher machten, las er zu Hause auf der Ranch in einem Buch. Ich bin mir sicher, dass Tom am meisten unter dem Krieg gelitten hat und es ihm schwerfällt, es zu verarbeiten. Jed und Amos sind in dieser Hinsicht wesentlich robuster. Tom wirkt nur nach außen hin hart. Im Inneren ist er es nicht.«

»Ihm muss geholfen werden«, hörte Mahoon die energische Stimme der jungen Frau an seine Ohren dringen. Er nickte ernst und strich sich durch den grauen Bart, der sein breites Gesicht umrahmte.

»In solch einem Fall muss so ein geschulter Seelenklempner her. Ich persönlich verstehe nicht sonderlich viel von diesen Dingen. Aber ich weiß von guten Spezialisten im Osten, die in der Lage sind, angeknackste Seelen wieder in Ordnung zu bringen, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Möglich, dass Tom sich auf eine solche Hilfe einlassen würde. Dazu muss er erst einmal bereit sein, meine Liebe.«

»Tom gehört nicht in dieses Land. Sie haben Recht: er ist ein feinsinniger Mann und sehr sensibel. Er ist intelligent und belesen. Er liebt Bücher und ich kann mir ihn nicht in der Rolle als Rancher vorstellen. Er ist jung. Warum geht er nicht in eine große Stadt und studiert? Aus ihm würde ein guter Rechtsanwalt werden – oder gar ein hervorragender Mediziner. In diesem Punkt verstehe ich ihn nicht, Doktor.«

Mahoon zog die Stirn in Falten. »Haben Sie ihm das auch so gesagt, wie eben mir?«

Rita ließ ein resigniertes Seufzen ertönen und winkte ab.

»Ja. Aber es schien, als wolle er davon nichts wissen. Seine einzige Sorge galt dem Aufbau der Nolan-Ranch. Er fühlt sich ihr und seinen Brüdern zu sehr verpflichtet, als dass er auch nur im Geringsten daran denken mag, seine Belange in den Vordergrund zu stellen. Ich konnte nicht zu ihm durchdringen. Und das stimmt mich traurig.«

Mahoon erhob sich von seinem Stuhl und ging auf sie zu. Ein kleiner Mann mit massiger Fülle, die seinem Körper einen fassähnlichen Ausdruck verlieh. Er war kleiner als Rita und musste zu ihr aufsehen.

Behutsam legte er seine rechte Hand auf ihre Schulter und sagte: »Sie mögen ihn sehr, was, Rita?«

»Man kann es merken, nicht wahr«

Doc Mahoon nickte.

»Ja, das kann man. Und wie man das kann.«





3, Kapitel





Im Cronicle war alles leer. Der letzte Gast, ein betrunkener Handelsreisender, hatte soeben seinen Weg in die obere Etage zu seinem Zimmer gefunden.

Charles Blaisdell saß an einem Tisch.

Vor ihm stand eine halbvolle Flasche und ein leeres Glas. Er legte eine Patience ohne sonderliches Interesse.

Nur noch Brick Wilson, der Barkeeper und Lilly Gant befanden sich außer ihm noch im Saal.

Der massige Wilson spülte die letzten Gläser, während Lilly die Tische säuberte. Als sich Lilly Blaisdells Tisch näherte, sah dieser zu ihr auf und sagte: »Hol dir ein Glas und setz dich einen Moment zu mir, Lilly.«

Lilly nickte nur kurz und ging mit betont schwingenden Hüften zur Theke, um sich ein Glas zu holen. Blaisdells Blicke hingen gierig an ihrem Körper. Lilly war eine Vollfrau und sich ihrer Wirkung durch und durch bewusst. Sie trug ihr glänzendes Samtkleid, was Charles Blaisdell besonders an ihr mochte. Dieses Kleid, so fand er, betonte ihren vollen Busen und den runden Hintern in nahezu vollendeter Geltung.

Als Lilly zurück an seinen Tisch kam, wies er mit einer Handbewegung an, sich zu setzen. Er füllte ihr Glas, schenkte sich selbst ein und trieb den Korken mit dem Handballen zurück in die Flasche. Er hob sein Glas, prostete ihr zu und trank es in einem Zug leer.

Lilly nippte nur höflich an dem Whisky. Sie machte sich nicht viel aus Alkohol und trank nur, wenn es nötig war.

Blaisdell sagte: »Ich habe die Mädchen beobachtet, Lilly. Sie zeigen nicht den nötigen Einsatz.«

Lilly stieß ein kehliges Lachen aus.

»Was erwartest du, Charles? Keines dieser Mädchen ist freiwillig hierher gekommen.«

Blaisdell zog eine dünne Zigarre aus der Brusttasche, biss die Spitze ab und zündete sie an. Er lehnte sich zurück und paffte ein paar dicke Qualmwolken, die sich spiralförmig zur Decke zogen. Lilly verzog angewidert das Gesicht. Sie konnte den Geruch dieser Zigarren nicht ausstehen. Blaisdell wusste das, aber er scherte sich einen Deut darum. Er kümmerte sich im Allgemeinen nicht um die Belange anderer Menschen. Nur dann, wenn er sich einen Vorteil davon versprach.

»Ich gebe diesen Mädchen die Chance, Geld zu verdienen. Schau doch an, woher sie gekommen waren. Was erwarten diese dummen Gänse? Die meisten ihrer Familien sind tot, im Krieg gefallen oder verschollen. Die meisten von ihnen stehen ganz alleine da, ohne Geld, ohne ein festes Zuhause.«

»Was du ihnen schließlich gibst«, antwortete Lilly, nicht ganz ohne Spott.

»Je früher diese Mädchen erkennen, wie es im Leben läuft, desto besser für sie. Sie werden dafür bezahlt, dass sie mit den Männern flirten und ihnen schöne Augen machen. Ob ihnen das passt oder nicht. Und je eher sie das begreifen, Lilly, desto besser ist es für sie. Sie müssen erkennen, dass es gar keine andere Alternative gibt. Texas ist ausgeblutet. Viele Chancen stehen ihnen nicht offen. So ist das nun mal.«

Lillys dunkelrote Lippen formten sich zu einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Sie sah zu Blaisdell herüber, der selbstgefällig in seinem Stuhl saß, die Zigarre zwischen den Fingern hielt und mit gönnerhafter Miene ihren Blick erwiderte.

Die Ironie dabei war, dass Blaisdell gar nicht mal so Unrecht hatte. Sie selbst war lange genug im Geschäft. Ihr machte es nichts aus. Sie verdiente gut. Bei Blaisdell sogar einen Spitzenlohn. Sie hatte nichts auszustehen und ihr Ruf war ihr egal. Auch sie war damals völlig mittellos gewesen und musste überleben.

Auch für sie gab es einst keine Wahl.

Sie fing in einem Saloon zu arbeiten an, kam dann irgendwann zu Blaisdell und war geblieben.

Sie hatte die Mädchen beobachtet, die am heutigen Tag hierher gebracht wurden. Allesamt waren sie verängstigt eingetroffen. Und Lilly kannte auch die Männer, die sie gebracht hatten. Üble Burschen, die der Krieg als Abschaum ausgespuckt hatte. Skrupellose Kerle, die vor nichts zurückschreckten, um irgendwie Geld zu verdienen.

Mit keiner Silbe war erwähnt worden, wie diese Mädchen in ihre Hände gerieten. Aber Lilly brauchte nicht lange zu überlegen. Sie kannte den Ruf dieser Burschen und und zählte nur Eins und Eins zusammen, um auf ein Ergebnis zu kommen.

Lilly war hart im Nehmen.

Das Leben hatte ihr nichts geschenkt.

Aber ihr taten diese Mädchen leid. Keines der jungen Dinger war dafür geschaffen, als Saloondame zu enden.

Das hatte ihr geschultes Auge sofort erkannt.

Keine dieser sechs dürfte jemals zuvor einen Saloon von innen gesehen haben.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909982
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367626
Schlagworte
wildes texas kyle monroes racheschwur

Autor

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Titel: WILDES TEXAS #3: Kyle Monroes Racheschwur