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Texas Wolf #29: Carascos Gewehre

2017 120 Seiten

Leseprobe

CARASCOS GEWEHRE


Ein Western von John F. Beck



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext:

Der Mexikaner Ramcon Carasco hat einen Plan. Mit einer Ladung Gewehre, die er zuvor aus Camp Robles gestohlen hat, will er den verbrecherischen Käptn Jake ködern. Jake weiß jedoch nicht, dass Ramon Carasco und seine Schwester die einzigen Überlebenden eines Dorfes sind, das von Käptn Jake und seinen Männern überfallen und niedergebrannt wurde. Aber auch die Rafferty-Bande hat es auf die Gewehre abgesehen, denn die Halunken wittern ein gutes Geschäft.

Texas Ranger Tom Cadburn und sein neuer Kampfgefährte Sheng mischen sich in dieses riskante Spiel ein und riskieren bedenkenlos ihr eigenes Leben dabei. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod – und wer schließlich der Sieger sein wird, das weiß zu dieser Stunde noch niemand ...





Roman:

Der Mann lebte noch. Mehrere Kugeln hatten ihn getroffen. Seine mexikanische Leinenkleidung war blutbesudelt. Eine Machete hing an seinem Gürtel, die einzige Waffe, die er besaß. Zehn Schritte entfernt lag das ebenfalls von Schüssen niedergestreckte Maultier. Hufe hatten das Gras ringsum zertrampelt. Die Spur lief nach Südwesten, zur Buschwildnis am Tonkawa Creek. Tom Cadburn kniete sich neben den Verwundeten, schob eine Hand unter seinen Nacken und hielt ihm die Canteen-Flasche an die rissigen Lippen. Der Mexikaner schluckte mühsam. Seine trüben Augen wurden klarer. Aber der Schatten des Todes zeichnete längst das Gesicht

Wer war’s?“

Joe Raffertys Bandidos...“ Die Antwort war ein heiseres Flüstern. Der Blick des Sterbenden heftete sich auf Toms sonnengebräuntes Gesicht „Verlieren Sie keine Zeit... mit mir,.Senor ... Helfen Sie... Rosita...“

Der Texas Ranger beugte sich tiefer. „Wer ist Rosita?“

Ramon Carascos Schwester ... Ich sollte sie nach Riveras begleiten ... Doch Raffertys Schießer ...“ Der Kopf des Mannes fiel zur Seite. Er atmete nicht mehr.

Sam, der schwarze Halbwolf, schickte ein langgezogenes Heulen in die flimmernde Luft. Toms Freund Sheng verharrte reglos. Old Joe hätte jetzt einen saftigen Fluch über das Unrecht in der Welt ausgestoßen, aber der Alte hatte sich eine Auszeit genommen und besuchte Freunde in Tucson. Mit dem Versprechen, dass er bald wieder Seite an Seite mit Tom reiten würde. Aber nicht jetzt, nicht heute oder gar morgen.

Die Hitze und die zermürbenden Meilen waren dem drahtigen Halbasiaten nicht anzumerken. Er war immer ruhig und zurückhaltend – aber schlug umso rascher zu, wenn es die Situation erforderte. Deshalb konnte sich Tom auf ihn verlassen, denn er kannte seine Vergangenheit. Trotzdem vermisste er Old Joe ...

Ein Meer von Büffelgras lag hinter ihnen. Die Sonne übergoss es wie mit weißem Feuer.

Wenn wir mit Joe Rafferty und seinen Banditen Verdruss bekommen, müssen wir den Wagen mit den Gewehren vergessen“, stellte Sheng gelassen fest. „Weiß der Kuckuck, wo die Muchachos mit dem Waffentransport geblieben sind.“

Tom und der Asiate hatten die Spur der Waffenräuber bis zum Colorado River verfolgt. Dort hatte der Wagen mit den hundert fabrikneuen Winchester-Mehrladern sich offenbar in Luft aufgelöst. Einschließlich der Mexikaner, die ihn im verwegenen Handstreich aus dem Militärcamp in der Gegend von Round Rock herausgeholt hatten. Nach einem zweitägigen Regensturm blieb auch die Spürnase des treuen Schwarztimbers erfolglos. Tom konnte nur vermuten, dass die brisante Fracht zur mexikanischen Grenze geschafft werden sollte. Ohne auf die Andeutung einer Fährte zu stoßen, war er seitdem mit Sheng aufs Geratewohl nach Südwesten geritten.

Nachdenklich blickte er auf den Toten. Ein Mexikaner, gewiss. Aber kein Mann, auf den die Beschreibung der Blauröcke im Camp Robles auch nur entfernt passte. Andererseits: wenn ein Erzhalunke wie Joe Rafferty es richtig fand, seine Schießer auf einen Mann zu hetzen, dann ging’s bestimmt nicht nur um ein paar lumpige Dollars oder eine Treibjagd nur so aus Spaß.

Tom erhob sich. „Helfen Sie Rosita!“, klang es wie ein Echo in seinem Kopf. Tom wischte sich den Schweiß von der Stirn. Hechelnd blickte Sam zu ihm empor. Das Land schien leer, wie ausgestorben. Nur der Schrei eines Bussards brach die Stille.

Der blonde, dunkel gekleidete Ranger sah den Gefährten an. „Der Hombre hätte bestimmt nichts dagegen, dass wir auf ein Begräbnis verzichten. Wir würden nur kostbare Zeit damit verlieren.“

Sam fiepte und stieß Tom mit der Schnauze an. Ein peitschenartiges Knallen wehte über die Prärie: .Revolverschüsse!


*


Das Kleid der jungen Mexikanerin verfing sich an einem Stecheichenzweig. Der Stoff riss. Keuchend hastete Rosita Carasco weiter. Ringsum schallten Rufe, Pferde stampften, Zweige brachen. Ein Schwanken und Rauschen durchlief die Buschwildnis am Tonkawa Creek. Vort den Reitern waren nur die im Rhythmus der Hufe schaukelnden Oberkörper zu sehen. Der Schatten breitkrempiger Hüte lag auf ihren unrasierten Gesichtern. Waffenstahl glänzte.

Sie waren ausgeschwärmt. Sechs Mann, die die Flanken ihrer Pferde brutal mit den Sporen bearbeiteten. Ihre Kugeln hatten das Maultier der jungen Mexikanerin gefällt. Blindlings abge feuerte Schüsse fetzten durchs Gestrüpp.

Seid ihr närrisch?“, schrie einer. „Rafferty zieht uns das Fell ab, wenn wir das verdammte Biest nicht lebend erwischen!“

Pferde wieherten, Metallzeug klirrte. Ängstlich duckte Rosita sich hinter einen Manzanitabusch. Ein schnurrbärtiger Bandit in einem bis zu den Stiefeln reichenden Staubmantel preschte vorbei. Weitere Reiter kamen durch den Creek. Die Hufe platschten im nur knietiefen Wasser.

Rosita floh. Rabenschwarze Haare umgaben das erhitzte Gesicht. Furcht flackerte in den braunen Mandelaugen. Die Zähne schimmerten wie Perlen zwischen den vollen, leicht geöffneten Lippen. Das Mädchen war knapp zwanzig, eine südländische, herbe Schönheit, geschmeidig wie eine Wildkatze.

Ihr Herz hämmerte, die Kehle war trocken. Immer wieder stand das Bild ihres blutüberströmt aus dein Sattel stürzenden Begleiters vor ihren Augen. Die Rufe und das Brechen der Zweige schien von allen Seiten zu kommen. Rosita hatte die Orientierung verloren. Nur fort! Egal wohin! Nur nicht diesen schießwütigen Mördern in die Hände fallen!

Sie rannte einfach drauflos. Verfilztes Gras wuchs zwischen den Manzanitas, Stecheichen und Kreosots. Rosita stolperte, fiel, wollte aufspringen und weiterhetzen. Da schnaubte hinter ihr ein Pferd. Kniend schaute sie sich um.

Fünf Schritte entfernt stand der Mann im langen Staubmantel, die Zügel in der Linken, die Rechte am Revolverkolben. Er hatte den Mantel hinter die Waffe geschoben. Ein Grinsen zuckte auf dem schnurrbärtigen Gesicht. „Da bist du ja, Muchacha.“

Grinsend kam er auf sie zu. Rosita hob abwehrend die Hände. Sie wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugedrückt. Die Geräusche wirkten auf einmal weit entfernt Nur die Sporen an den Stiefeln des Schnurrbärtigen rasselten laut. Er streckte die Hand aus.

Komm schon! Mach keine Faxen! Wir bringen dich zu...“

Der Wallach bäumte sich wiehernd auf. Ein schwarzer, gestreckter Schatten schoss an ihm vorbei. Der Anprall warf den Halunken um. Sein Sechsschüsser rutschte weg. Der Kerl ächzte, als er die funkelnden Bernsteinaugen und die nur wenige Zoll von seiner Kehle entfernten Reißzähne sah. Heißer Wolfsatem streifte sein Gesicht Das Gewicht des großen, zottigen Schwarztimbers drückte ihn, nieder. Sams Knurren lähmte ihn..

Das Pferd stob davon. Taumelnd richtete die junge Mexikanerin sich auf. Halb ungläubig, halb erschrocken starrte sie auf den vermeintlichen Wolf, der jetzt den Kopf drehte und sie fixierte. Sie wagte keine Bewegung.

Mac, was ist los? Verdammt, so steckst du?“, schallte es aus der Richtung, in die der Braune geflohen war.

Rosita schluckte. Eine Hand am Hals, den Blick, gebannt auf den über dem Verbrecher stehenden Schwarztimber gerichtet, ging sie rückwärts. Plötzlich stieß sie gegen jemand. Eine Hand presste sich auf ihren Mund, als sie schreien wollte.

Keine Angst. Ich gehöre nicht zu Raffertys Banditen.“

Die Sträucher ragten wie eine Mauer um sie auf. Der blonde Ranger wartete, bis Rositas Verkrampfung nachließ, dann drehte er sie an den Schultern zu sich herum.

Wer bist du, Gringo?“

Meine Freunde nennen mich Tom.“ Sein Lächeln erfüllte die junge Mexikanerin mit neuer Zuversicht.

Ich heiße Rosita. Mein Bruder...“

Sehen wir erst einmal zu, dass wir hier wegkommen.“ Toms Pfiff rief Sam an seine Seite. Unwillkürlich schob Rosita sich hinter den Ranger. „Er ist mein Freund“, beruhigte sie Tom.

Im nächsten Moment war er mit einem Satz bei dem Schnurrbärtigen, der sich auf den Bauch drehte und die Hand nach der im Gras liegenden Waffe ausstreckte. Toms Tritt prellte den Revolver zwischen die Büsche. Bevor der Schurke kapierte, was geschah, zerrte Tom ihn hoch und pfefferte ihm die geballte Rechte ans Kinn. Der Bandit seufzte, verdrehte die Augen und fiel um.

Sam knurrte beifällig. Dann sträubte sich sein Nackenfell. Mehrere Reiter hielten auf sie zu. „Zum Teufel, Mac, melde dich!“

Tom sah vorerst nur die Stetsons, die auf dem Dickicht zu tanzen schienen. Er war nicht unbedingt darauf aus, ihre Besitzer kennenzulernen.

Verschwinden wir, Muchacha.“

Er zog das Mädchen mit. Sam huschte nebenher. Sie schafften zwanzig Yard, da tauchten zwei Reiter vor ihnen auf: Sie hielten Gewehre. Rosita glaubte sich schon entdeckt. Doch Tom umfasste sie und warf sich seitwärts mit ihr ins Gestrüpp. Das Stampfen und Rascheln, das die näherkommenden Pferde verursachten, überdeckte alle verräterischen Geräusche. Tom zog den Peacemaker. Doch die Banditen bogen ab.

Hierher, Leute!“, gellte es. „Ich hab Mac gefunden! Jemand hat ihm eins übergebraten! Da sind Stiefelabdrücke! Hölle und Verdammnis, das Greaserweib ist nicht mehr allein!“

Flüche antworteten. Das Mädchen wandte Tom das schweißbedeckte hübsche Gesicht zu. „Ohne Pferde kommen wir nicht weit.“

Weit genug.“ Tom richtete sich geduckt auf.

Sie sind hier entlang!“, rief dieselbe Stimme. „Da hängen Haare an ’nem Zweig.“

Tom legte dem Halbwolf eine Hand auf den Kopf. „Lenk sie ab, Amigo! Aber lass dich nicht erwischen! Fass!“

Mit einem lautlosen Sprung verschwand Sam im Dickicht. Die Mexikanerin folgte Tom. Er bewegte sich wie ein Indianer. Zielsicher führte er sie zu einer Rinne, in der ein Wildpfad vom Rand der Buschwildnis zum Creek verlief. Hinter ihnen brach plötzlich ein wüstes Durcheinander los. Gellendes Wiehern und ein Stakkato von Schüssen vermischte sich mit schaurigem Wolfsgeheul.

Tom grinste. Das verging ihm jedoch, als ihm an der nächsten Biegung ein Mündungsblitz entgegenlohte. Ein Luftzug berührte seine Wange. Sofort zerrte der Schütze sein Pferd ins Gebüsch. Die Feuerstöße aus Toms Peacemaker trieben ihn aus dem Sattel.

Mir nach!“, schrie Tom dem Mädchen zu.

Schießend stürmte er den Pfad entlang. Ein halb wütender, halb schmerzerfüllter Schrei verriet seinen Treffer. Gleich darauf standen Tom und Rosita am Rand des Dickichts. Vor ihnen erstreckte sich ein grasbewachsener, langgestreckter Hang. Die Verfolger kamen. Die Schüsse wiesen ihnen die Richtung. Gehetzt schaute das Mädchen sich um.

Wo ist dein Pferd, Gringo?“

Tom wies zu den Felstrümmern auf der Anhöhe. Die Entfernung betrug über fünfzig Yard. Am Hang gab es keinerlei Deckung.

Das schaffen wir nicht!“, keuchte Rosita.

Der Ranger lud den Peacemaker. Seine Stimme klang unverändert ruhig.

Ich denke schon.“


*


Sheng saß im Schatten der Felsen. Seine Augen waren geschlossen. Er schien zu schlafen. In Wirklichkeit konzentrierte er sich auf die tiefe Ruhe, die ihn erfüllte. Denn solche Momente waren ein kostbares Gut in seinem Leben. Er hatte vieles hinter sich, was ihn geprägt hatte. Die Suche nach seinem Vater, die Flucht vor den Schergen, die seinen Tod wollten …

Als die Reiter schräg unter ihm auftauchten, war er sofort hellwach. Von seinem Sitzplatz konnte er den Buschstreifen am Tonkawa Creek meilenweit überschauen. Kein Muskel bewegte sich in seinem gelblichen Gesicht.

Tom hatte ihm die Winchester dagelassen. Sheng verließ sich sonst lieber auf die Schnelligkeit und Kraft seiner Hände und Füße. Er beherrschte die Kunst, seinen drahtigen Körper in eine schier unbezwingbare Waffe zu verwandeln, wenn er angegriffen wurde. Mancher Raufbold hatte schon sein blaues Wunder mit dem unscheinbaren Mann erlebt. Nur wenige Weiße kannten den Namen, den ihm die Chinesen beim Bau der Eisenbahn gegeben hatten: Tiger-Mann ...

Jetzt visierte Sheng probeweise die Reiter im Dickicht an. Toms Blauschimmelhengst Thunder und sein eigener Falbe beäugten ihn interessiert. Drunten tauchten Tom und Rosita an der Pfadmündung auf. Sam gesellte sich zu ihnen. Zwei Banditen folgten der mehrfach gewundenen Rinne. Drei sprengten quer durchs Gebüsch. Bis jetzt sahen sie den Ranger und das Mädchen nicht. Tom blickte zur Anhöhe und winkte.

Ohne seine bequeme Haltung zu verändern, drückte Sheng ab. Das Pferd des vordersten Verfolgers brach wie von einer Riesenfaust getroffen zusammen. Kopfüber sauste der Reiter ins Dickicht. Seine Kumpane stoppten, dann flogen ihre Gewehre hoch. Sheng betätigte gelassen den Repetierbügel. Ein Bleihagel trieb die Kerle in Deckung. Die Winchester hämmerte wie eine Schnellfeuerkanone.

Qualmumhüllt ließ Sheng schließlich die Waffe sinken und streckte die Hand nach der neben ihm liegenden Sattelflasche aus. Sie war nicht mehr da. Tom stärkte sich gerade mit einem ausgiebigen Schluck. Das Hemd klebte an ihm.

Lass mir auch was übrig, Gringo!“ Rosita bog keuchend um einen Felsklotz. Schweißfeuchte Strähnen hingen ihr ins Gesicht.

Hallo!“, begrüßte Sheng sie. Er stand auf. Sam hüpfte freudig um ihn herum. Er tat, als hätten sie sich wochenlang nicht gesehen. Sheng lächelte. „Wenigstens einer, der sich bedankt.“

Sam, der offenbar seinen leutseligen Tag hatte, vollführte dieselbe Prozedur bei Thunder und dem Falben. Dann kam er zu Tom zurück. Blei pfiff von der Buschmauer herauf. Aber nach Shengs Feuerzauber ließ kein Bandit auch nur die Nasenspitze sehen. Anscheinend glaubten sie, dass sie es mit einer ganzen Anzahl von Feinden zu tun hatten.

Merkwürdig, dass Rafferty selbst nicht dabei ist“, überlegte Tom.

Rosita schüttelte die zerzausten schwarzen Haare nach hinten. „Der Hundesohn sucht mit dem Rest der Bande nach Ramon. Irgendwie hat er herausbekommen, dass ich mit Ramon zur Küste will. Die Schufte wollten mich als Geisel. Damit wäre für Ramon alles aus. Wir müssen auf dem kürzesten Weg nach Rivaras, damit Ramon die Gewehre in Sicherheit bringt, bevor...“

Sie stockte, als Tom und der Halbasiate einen Blick wechselten. Sheng lächelte. „Wir sind also doch auf der richtigen Spur. Sieht fast so aus, als müssten wir uns bei Raffertys Banditen bedanken.“

Rosita trat einen Schritt zurück. „Wer seid ihr? Hat Ramon euch denn nicht geschickt?“

Schweigend nahm Tom das Rangerabzeichen aus der Hosentasche und heftete es ans durchgeschwitzte Hemd. Rosita fielen fast die Augen aus dem hübschen Kopf.

Am Fuß der Anhöhe knallte es wieder. Dann schrie eine wütende Stimme: „Wir wissen, dass die Gewehre in Rivaras sind! Ihr bringt sie von dort nicht mehr weg, auch wenn wir Carascos Schwester nicht erwischen!“

Siehst du, Muchacha, wir hätten es sowieso erfahren“, grinste Tom. Dann beobachtete er die Bewegung im Dickicht. Da und dort schimmerte ein buntes Hemd oder eine Stetsonkrone hob sich über die Büsche. Mehrere Männer, die ihre Gäule führten, Überquerten den Wildpfad.

Sie geben auf“, stellte Sheng fest.

Wenn wir uns beeilen, sind wir vor ihnen in Rivaras“, meinte Tom. „Die zehn Meilen packen wir in eineinhalb Stunden.“

Nicht zu Fuß.“

Das Schnappen eines Gewehrschlosses riss Tom und Sheng herum. Sam zog die Lefzen hoch und knurrte. Rosita Carasco stand neben Toms Blauschimmelhengst. Sie hielt die Winchester, die Sheng an den Felsen gelehnt hatte.

Ich schieße, wenn dein Wolf mich angreift, Gringo!“

Mit dem zerzausten Haar, dem zerrissenen Kleid und den funkelnden Augen sah sie wie eine Rachegöttin aus. „Sei friedlich, alter Junge“, beschwichtigte Tom den Schwarztimber. „Muchacha, von Dankbarkeit hältst du wohl nicht viel, wie?“

Nicht, wenn es um meinen Bruder und die Gewehre geht, die er ... Aber das geht dich nichts an, Gringo. Du weißt sowieso schon zu viel. So viel, dass ich schießen müsste.“

Dann schieß.“

Du glaubst wohl, Gringo, ich bluffe?“ Das Funkeln der braunen Mandelaugen verstärkte sich. „Ich warne dich! Eine falsche Bewegung, und es knallt! Das gilt für deinen Freund ebenso wie für den Wolf! Verstanden?'*

Ich bin nicht taub. Aber nenn mich nicht dauernd Gringo. Mein Name ist Tom. Du kannst auch Mr. Cadburn zu mir sagen. Das ist Sheng. Well, Muchacha, du wirst schon deshalb nicht schießen, weil du sonst Rivaras nicht erreichst.“

Du bist größenwahnsinnig, Gringo!“

Manchmal schon, da hast du recht“, nickte Sheng ihr freundlich zu. „Diesmal nicht.“

Zwei Verrückte! Versucht ja nicht, mich reinzulegen!“

Ohne die beiden Männer aus den Augen zu lassen, löste sie die Leinen der Pferde. Der Falbe schnappte nach ihr, aber Rosita war auf der Hut. Rasch band sie die Zügel an Toms Sattel. Thunder rührte sich nicht, als sie sich katzenhaft auf ihn schwang. Nur den Bruchteil einer Sekunde geriet das Gewehr aus der Richtung, normalerweise genug Zeit für Tom Cadburn, den Colt zu ziehen.

Statt dessen drehte er sich in aller Ruhe eine Zigarette. Sam streckte sich schläfrig zu seinen Füßen aus. Sheng setzte sich auf einen Stein. Sie warteten, der Halbwolf eingeschlossen, wie auf eine extra für sie arrangierte Zirkusvorstellung. Zu sehen gab’s allerdings nicht viel, bis auf die Röte, die Rositas Wangen übergoss, als Thunder nach einem Dutzend heftiger Fersenstöße nur ein Schnauben hören ließ.

Er stand da wie ein Holzbock. Da änderte kein noch so heftiger Zügelruck etwas. Der Falbe bleckte die Zähne. Es sah wie ein höhnisches Grinsen aus.

Tom rauchte. „Wie wär’s, wenn wir gemeinsam nach Rivaras reiten, Muchacha?“

Geh zum Teufel, Gringo!“, fauchte die Mexikanerin, ließ aber nach neuerlichem Gezerre und Gestrampel resignierend das Gewehr sinken; Tom trat zu ihr, nahm ihr lächelnd die Winchester ab und schwang sich hinter ihr hinauf.


*


Rivaras hätte ebenso auf der Hochebene von Chihuahua liegen können. Es war ein typisches Mexikanerdorf mit kastenförmigen Adobebauten. Die weißen Mauern leuchteten. Die Luft flimmerte über den rotbraunen Ziegeldächern. Knorrige Steineichen überdachten die Pferche, in denen sich Ziegen, Schweine und Hühner tummelten. Mitten auf der Plaza erhob sich der Campanario, der Glockenturm. Nach Süden und Westen erstreckten sich Mais; Bohnen, Tomaten und Zwiebelfelder. Bewässerungsgräben durchzogen sie. Im Norden schob sich eine zerklüftete Hügelkette bis auf zweihundert Yard an das Dorf heran. Östlich von Rivaras dehnte sich sonnenverbranntes Grasland bis hinüber zum Tonkawa Creek.

Tom Cadburn schob das ausziehbare Spektiv zusammen. Von dem Conestoga-Wagen war nichts zu sehen. Aber im Korral an der Westseite grasten mehrere Pferde, deren Besitzer bestimmt keine mexikanischen Campesinos waren. Hochbordige Sättel mit funkelnden Silberbeschlägen hingen unter einem Strohdach.

Im Dorf war es still. Die Plaza lag verlassen. Es war heiß. Kein Lufthauch bewegte sich. Tom, das Mädchen und Sheng befanden sich auf einem Hügel. Der Schatten hoher Cottonwoods verbarg sie. Thunder rupfte ein paar Blätter ab. Sam hatte sich unterwegs abgesetzt. Er kam und ging, wie es ihm gefiel. Immerhin begleitete er Tom freiwillig, als Freund, nicht als dressierter Spürhund.

He, was.. .!“, schnappte Rosita, als Tom sie um die Taille fasste und vom Pferd hob.

Reg dich ab, Muchacha. Sei froh, dass die Rafferty-Banditen dich nicht gekriegt haben. Sheng wird auf dich aufpassen. Ärgere ihn nicht. Er ist ein sanfter Mann, aber wenn’s drauf ankommt gefährlich wie ein Tiger.“

Du übertreibst, Amigo“, lächelte Sheng. „Warum reiten wir nicht gemeinsam ins Dorf. Die Senorita wäre gefesselt und geknebelt an diesem hübschen Ort gut aufgehoben.“

Untersteht euch!“, fauchte Carascos Schwester.

Grinsend schob Tom sein Abzeichen in die Hosentasche. „Vergiss nicht, Amigo, dass wir Kavaliere sind und es mit einer, hm, jungen Lady zu tun haben.“

Ach ja“, nickte Sheng mit gespieltem Ernst.

Der Blitz soll euch treffen, Gringobastarde!“

Hast du Lady gesagt, Tom?“, erkundigte sich Sheng.

Der Ranger seufzte. „Vergiss es. Komm in einer Stünde nach.“

Wahrscheinlich, um dir aus der Patsche zu helfen.“

Ich kenne keinen besseren Schutzengel.“


*


Tom lenkte Thunder den Hang hinab.

Der Hengst bewegte sich immer noch, als hätte er ihn eben erst aus dem Stall geholt. Bald schaufelten die Hufe den heißen Staub der Plaza. Rivaras verharrte nach wie vor im Dornröschenschlaf. Obwohl das Dorf weit weg von allen bekannten Trails und Frachtstraßen lag, nahm kein Mensch Notiz von dem Ankömmling. Nur ein paar Tauben umflatterten gurrend den Glockenturm.

Toms Ziel war die Cantina, erkenntlich an dem Vorhang aus bunten Perlenschnüren vor dem Eingang und den bastumwickelten Flaschen, die als Fassadenschmuck dienten. Tom stellte den Blauschimmel in den Schatten. Plötzlich spürte er eine Bewegung am rechten Bein. Es war Sam, der seinen zottigen Kopf an Toms Knie rieb und treuherzig zu ihm emporblinzelte. An seinen Lefzen entdeckte der Texas Ranger Blutspuren.

Schau an, da hat einer seine Abendmahlzeit vorverlegt. Hoffentlich war’s ein Wildkaninchen und kein Huhn aus dem Dorf.“

Die Perlenschnüre klimperten melodisch. Der Schwarztimber huschte neben Tom über die Schwelle. Drinnen war es angenehm dämmrig und kühl. Der Lehmfußboden war sauber, die Tischplatten blankpoliert. Ein Schnarchen kam aus der Ecke. Tom sah von dem Mann nur die Umrisse. Sein Kopf ruhte auf den angewinkelten Armen. Ein Krug stand vor ihm. Ein länglicher Gegenstand, einem Pflock ähnlich, lehnte neben ihm an der Wand. Er war der einzige Gast.

Hinter der aus Kistenbrettern gezimmerten Theke thronte der Wirt, glatzköpfig und mindestens zwei Zentner schwer. Er sah aus wie ein mexikanischer Buddha. Ein dünner Sichelbart, dessen Enden über das Kinn herabhingen, zierte das fleischige Gesicht. Misstrauische Augen musterten Tom und den Halbwolf.

Ungerührt sägte der Schnarcher weiter. Die Fleischwülste des Mexikanergesichts blieben unbewegt, als der Ranger an die Theke trat, Flasche und Glas nahm und sich selbst bediente. Sam ließ sich auf die Hinterkeulen nieder. Der hochprozentige Tequila brannte wie Feuer in Toms Kehle. Er verzog jedoch ebensowenig die Miene wie sein Gegenüber.

Ich möchte Carasco sprechen.“

Der Cantinero rührte sich nicht. Tom füllte nochmals das Glas. „Jetzt gleich!“, fügte er freundlich, aber mit deutlichem Nachdruck hinzu. Der Zweizentner-Mann rutschte bemerkenswert wendig vom Hocker. Seine Stimme klang wie fernes Donnergrollen.

Keine Ahnung, von wem Sie sprechen, Senor.“

Die fleischigen Hände verschwanden unter der Theke. Toms Räuspern genügte, dass die obligatorische Schrotflinte mit den abgesägten Läufen an ihrem Platz blieb. Vielleicht war es auch der plötzliche stählerne Schimmer ins Toms Augen, der den Dicken zur Vorsicht mahnte.

Ich spreche vom derzeitigen Besitzer der hundert Winchestergewehre, die vor fünf Tagen aus Camp Robles abhanden kamen. Ich bin hier, ihm Grüße von seiner hübschen Schwester auszurichten.“

Die Lider des schwergewichtigen Mexikaners flatterten auf einmal. Er schluckte. Dann kamen seine Hände wieder zum Vorschein - leer. „Hab nicht viel Zeit“, lächelte Tom kantig. „Fünf Minuten, höchstens zehn.“ Er nippte am Drink.

Der Dicke wetzte um die Theke herum und zur Tür hinaus. Sam knurrte. Tom hatte bereits registriert, dass das Schnarchen verstummt war. Als er sich, die Hand am Colt, umdrehte, stand der Schnarcher neben dem Ecktisch. Tom blieb nur der Bruchteil einer Sekunde, aber in dem Licht, das den Mann nun von der Seite traf, prägte sich ihm jede Einzelheit ein.

Erstens war es kein Mexikaner. Das brandrote, in der. Mitte gescheitelte und im Nacken zu einem Zopf zusammengebundene Haar deutete eher auf irische Abstammung. Er war groß und breitschultrig. Sein muskulöser Oberkörper war über und über tätowiert. Er trug darüber nur eine kurze ärmellose Weste. Die restliche Kleidung bestand aus einer gestreiften Röhrenhose und halbhohen Seemannsstiefeln. Am Gurt baumelte ein breitklingiges Messer.

Zweitens entpuppte sich der längliche, vorhin an der Wand lehnende Gegenstand als ausgewachsene Walfängerharpune. Der Tätowierte hielt sie wurfbereit überm Kopf. Tom konnte gerade noch zur Seite springen. Die Theke dröhnte. Die armlange Stahlspitze durchbohrte sie wie Pappe..

Sam stieß.ein wütendes Heulen aus. Tom hielt ihn am Nackenfell fest „Überlass ihn mir!“

Widerstrebend gehorchte der Schwarztimber, blieb aber, den Fang entblößt, zum Eingreifen bereit. Tom richtete sich auf. Der Harpunenwerfer kam so selbstsicher auf ihn zu, als besäße er die schriftliche Garantie, dass Tom ihn nicht mit dem Sechsschüsser stoppen würde. Mordlust glühte auf seinem grobschlächtigen Gesicht.

Ich bin Boston-Phil!“, verkündete er, als sei damit bereits Toms Schicksal besiegelt.

Tatsächlich ließ Tom den Peacemaker im Leder, ging dem Mann entgegen, und da griff dieser auch schon an. Seine Fäuste wirbelten wie Schmiedehämmer. Tom wich aus. Aber Boston-Phils Heumacher war nur eine Finte. Der Kerl kämpfte ohne Fairness. Tom kassierte einen Fußtritt, der ihn rückwärts gegen die Theke schleuderte. Die Luft blieb ihm weg. Der Angreifer schien sich in rötlichem Nebel aufzulösen. Keuchend stieß Tom sich ab.

Eine klobige Faust raste auf ihn zu. Toms instinktive Kopfbewegung nahm dem Schlag zwar die halbe mörderische Wucht, aber der Rest genügte, Tom zwischen die Tische zu schmettern. Feuerringe drehten sich vor seinen Augen. Ein rohes Lachen kam wie von weit her. Mühsam wälzte Tom sich herum.

Es dauerte eine Weile, bis er Sams Grollen vernahm. Boston-Phil hielt den Halbwolf mit der Harpune in Schach. Breitbeinig stand er mitten im Raum. Das Spiel seiner Muskeln belebte die verschnörkelten Linien, Muster und Bilder auf seinen Armen.

Der Ranger stemmte sich hoch: „Zurück, Sam!“

Da bist du ja wieder, verdammter Schnüffler!“

Phil drehte sich. Die rasiermesserscharfe Harpunenspitze verfehlte nur um Handbreite Toms Hals. Tom warf sich gegen den Kerl, landete einen Schwinger und traf ihn mit der blitzschnell hinterhergejagten Linken über der Gürtelschnalle.

Boston-Phil schwankte, hielt aber eisern die Harpune. Der schwere Holzschaft knallte Tom seitlich an den Kopf. Tom prallte gegen einen Tisch. Sein Gegner duckte sich. Der tödliche Stahl zielte auf Toms Bauch. Tom konnte nicht ausweichen. Im letzten Moment erwischte er einen Hocker. Die Harpune durchstieß die Sitzfläche, so dass Tom sie ablenken konnte.

Phil umklammerte die Waffe einen Augenblick zu lange. Wie ein Puma sprang der Ranger ihn an. Ein Schwinger warf Phil gegen einen Stützpfosten, Harpune und Hocker polterten auf den Boden. Tom blieb am Gegner. Eine wütende Doublette fetzte Phils Deckung auseinander. Der nächste Hieb explodierte an seinem Kinn.

Der Harpunier ruderte mit den Armen. Tom kannte nach allem, was er selber eingesteckt hatte, kein Pardon mehr. Sam umkläffte den auf die Knie Sinkenden. Glasig starrte Boston-Phil zu seinem Bezwinger hoch. Tom ließ die Fäuste sinken.

Gehörst du zu Carasco?“

Die Perlenschnüre am Eingang klimperten. Eine ruhigeStimme antwortete anstelle von Boston-Phils „Er war in Camp Robles nicht dabei. Er ist Steuermann auf der ,Swallow‘, Käptn Jakes Schiff. Wir waren in Rivaras mit ihm verabredet .Sein Auftrag lautet, uns zur Küste zu begleiten. Sonst noch was?“

Der Sprecher war ein schlanker Mexikaner, ungefähr in Toms Alter; Er besaß auch eine ähnliche Figur. Er hatte ein rotes Hemd und eine enge Wildlederhose an, an deren Seitennähten Silberknöpfe blinkten. Statt der landesüblichen Stiefel trug er Mokassins. Ein schwarzes Tuch umschlang den Hals. Der spitzkronige, mit Silberfäden bestickte Sombrero hing auf dem Rucken. Die spöttische Überlegenheit des Mannes wunderte Tom nicht. Immerhin brauchte er nur den Zeigefinger zu krümmen, um Tom ins Jenseits zu befördern. Seine Waffe war ein langläufiger 45er.

Die drei Mexikaner, die hinter ihm hereindrängten, hielten ebenfalls Revolver. Sie waren wie Vaqueros gekleidet. Die braunen Gesichter unter den wagenradgroßen Sombreros wirkten verwegen. Sam duckte sich knurrend. Er kannte die Macht der Feuerwaffen jedoch zu genau, um etwas zu versuchen.

Tom schob die Daumen hinter den Gurt: „Carasco?“

Die Zähne des Anführers blitzten. „Wer sonst?“

Joe Rafferty schickt mich.“

Ach ja? Gutierez, der Wirt, hat was von Grüßen gefaselt, die du mir von meiner Schwester bestellen sollst.“

Das eine schließt das andere nicht aus.“

Tom schlenderte zur Theke und trank. Die Revolver bewegten sich mit. Tom stützte die Ellenbogen auf. „Rosita ist gut bei uns aufgehoben. Wir haben sie am Tonkawa Creek erwischt. Nun wird wohl nichts mehr aus dem Geschäft mit den Gewehren für dich. Rafferty will die Knarren für Rosita. Ich soll den Wagen gleich mitnehmen.“

Mehrere Sekunden verstrichen. Nur Boston-Phils Keuchen füllte den Raum. Die Mexikaner rührten sich nicht. Dann zeigte Ramon Carasco wieder seine Prachtzähne. Diesmal war es kein Grinsen, eher ein Fletschen.

So einfach stellt Rafferty sich das vor?“

Es ist einfach. Wenn ich in zwei Stunden nicht mit den Gewehren bei ihm bin, geht’s deiner Schwester schlecht.“

Du lügst. Du gehörst nicht zu Raffertys Bande. Im Gegenteil.“

Toms Kopfhaut kribbelte. Er ließ sich nichts anmerken. „Soll das ein Witz sein? Was meinst du damit?“

Du bist ein Rainger.“

Mann, wenn Rafferty das hört, lacht er sich tot.“

Und wenn du dein Eisen anfassst, Hombre, bekommst du meine Kugel genau dorthin, wo du sonst dein Abzeichen trägst!“

Carascos Colt deutete auf den nur Nuancen schwärzeren Fleck auf Toms dunklem Hemd. Im Halbdunkel der Cantina gehörten wahre Falkenaugen dazu, ihn zu erkennen. Tom fühlte sich wie an einem reißenden Seil über einem Abgrund.

Legt ihn um!“, stieß Boston-Phil hervor.

Schießt nur, wenn er zieht!“, befahl Carasco jedoch. „Eine alte Texanerregel lautet: Töte nie einen Ranger!“

Zum Teufel mit ihm!“ Der Rothaarige sprang auf. Das zweischneidige Seemannsmesser blitzte in seiner Faust.

Zurück!“, schrie Carasco und schwang den Sechsschüsser nach rechts.

Auch die anderen Mexikaner waren einen Moment abgelenkt. Der Peacemaker sprang Tom wie von selber in die Hand. Er brauchte sich um Boston-Phil nicht zu kümmern. Denn Sam war in Aktion. Sein Anprall stieß den Steuermann der ,Swallow‘ zu Boden. Dolchscharfe Zähne umfassten Phils Handgelenk und zwangen ihn, das Messer fallen zu lassen. Toms Zuruf verhinderte, dass der Schwarztimber zubiss. Der Colt des Rangers bedrohte Carasco und seine Gefährten.

Waffen weg, Muchachos!“

Sie verharrten wie Statuen. Tom wusste, dass er nur einen von ihnen mitnehmen konnte, wenn sie es drauf ankommen ließen. Aber dieser eine würde Carasco sein. Der Mann war gefährlich. Wenn er nur den Hauch einer Chance witterte, war er zu jedem Risiko bereit. Entschlossen ging Tom auf ihn zu.

Denk an Rosita!“

Eine Eisschicht schien das dunkle Gesicht des Mexikaners zu überziehen. Sein Revolver sank herab.


*


Eine Stunde später verließ Tom das Dorf. Er saß auf dem Bock des Conestoga-Schoners, unter dessen verwaschener Plane sich die Kisten mit den hundert Winchestergewehren stapelten. Zwei Kisten enthielten etliche tausend Schuss Munition. Tom hatte den Wagen im Schuppen hinter der Cantina gefunden. Sechs Maultiere zogen ihn. Misstrauisch schielten sie nach dem nebenher trottenden Schwarztimber. Toms und Shengs Pferde standen im Stall der Cantina.

Ich bringe den Wagen nach Gonzales“, hatte Tom seinem Freund erklärt. In Gonzales, dreißig Meilen westlich von Rivaras, war eine Abteilung US-Kävallerie stationiert. Von dort wollte Tom Sheng, der Carasco samt Anhang bewachen sollte, Unterstützung schicken. „Rafferty wird wenig begeistert davon sein“, lautete Shengs ruhiger Kommentar.

Die Aussicht, zwei oder drei Tage allein in dem Mexikanerdorf zu hocken, machte ihm nichts aus.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909975
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367625
Schlagworte
texas wolf carascos gewehre

Autor

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Titel: Texas Wolf #29: Carascos Gewehre