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Milton Sharp #14: Das Gasthaus zur Blutbuche

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Anstatt sich von seinen mörderischen Kämpfen gegen die Dämonen zu erholen, muss Milton Sharp schon sein nächstes Abenteuer bestehen: Ein mysteriöses Gasthaus in einem Wald aus Blutbuchen ist der Treffpunkt mehrerer Menschen, die nicht wissen, warum sie dorthin kommen sollten. Als der Wirt ihnen die Wahrheit offenbart, ist es für viele von ihnen zu spät: Sie sollen durch ihren Tod einem mächtigen Dämon zur Rückkehr auf diese Welt verhelfen. Jeder Fluchtweg führt auf unheimliche Art und Weise wieder zum Gasthaus zurück, und mehr Menschen sterben. Dieses Mal scheint der Schattenjäger auf einen Gegner getroffen zu sein, dem er unterlegen ist …

Leseprobe

Das Gasthaus zur Blutbuche


(ein Milton-Sharp-Roman)

Nr. 14







IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

(ehem. Titel: Skelette in der Waldschänke)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext:

Anstatt sich von seinen mörderischen Kämpfen gegen die Dämonen zu erholen, muss Milton Sharp schon sein nächstes Abenteuer bestehen: Ein mysteriöses Gasthaus in einem Wald aus Blutbuchen ist der Treffpunkt mehrerer Menschen, die nicht wissen, warum sie dorthin kommen sollten. Als der Wirt ihnen die Wahrheit offenbart, ist es für viele von ihnen zu spät: Sie sollen durch ihren Tod einem mächtigen Dämon zur Rückkehr auf diese Welt verhelfen. Jeder Fluchtweg führt auf unheimliche Art und Weise wieder zum Gasthaus zurück, und mehr Menschen sterben. Dieses Mal scheint der Schattenjäger auf einen Gegner getroffen zu sein, dem er unterlegen ist …




Charaktere:

Milton Sharp

Der Schattenjäger versucht gleichzeitig, Menschenleben zu retten und einem unvorstellbar mächtigen Gegner beizukommen.


Rosalie Baker

Die junge Frau wird in Ereignisse hineingezogen, die sie sich in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorstellen konnte.


Yon-Dar

Der uralte Dämon möchte wieder auf die Erde. Dazu benötigt er Menschenopfer.


Vaughn

Der Wirt des Gasthauses zur Blutbuche will seinen früheren Tod auf dem Scheiterhaufen rächen und Yon-Dar befreien.










Roman:

Ein wahnsinniger Schrei löste sich aus der diabolischen Fratze. Sie teilte sich. Das ganze Scheusal zerfiel von Kopf bis Fuß in zwei Hälften, von denen die eine ihr Heil in der Flucht suchte.

Die andere nahm eine erdige Farbe an und war bald vom Boden nicht mehr zu unterscheiden.

Hier bildete sich ein Strudel aus Staub und feinem Gestein. Die Kampfstätte wurde zu einem Trichter, der sich immer tiefer in die Erde grub.

Milton Sharp hetzte zu der Frau und zerrte sie aus dem Gefahrenbereich. Sekunden darauf glättete sich die Erde wieder. Nichts deutete mehr auf den Kampf hin, bei dem es um Leben und Tod gegangen war.


*


Rosaly Baker freute sich darauf, nach so langer Zeit ihre Freundin wiederzusehen. Sie trafen sich viel zu selten. Merkwürdig, dass Kate ausgerechnet das abgelegene Waldhaus als Treffpunkt vorgeschlagen hatte. Ihr Brief klang sehr geheimnisvoll.

Rosaly war mit dem Packen fertig. Ein letzter Blick in ihre Schränke überzeugte sie, dass sie nichts Wichtiges vergessen hatte. Zur Not konnte sie eines von Kates Kleidern anziehen. Sicher besaßen sie noch immer die gleiche Figur. Bevor sie das Apartment verließ, legte sie sich das goldene Medaillon um den Hals. Kate besaß genau das gleiche. Es ließ sich ebenfalls nicht öffnen, obwohl der VerSchluss so einfach aussah. Angeblich enthielt es ein Heiligenbild.

Die Fünfundzwanzigjährige schaute auf die Uhr. Sie musste sich beeilen, wenn sie den Zug nicht verpassen wollte.

Auf der Straße stieg sie in ein Taxi, das gerade vorbeifuhr. Der Fahrer zuckte zusammen, als er ihr den Koffer aus der Hand nahm.

»Ist was?«, erkundigte sich Rosaly.

Manchmal empfing sie einen elektrischen Schlag, wenn sie eine fremde Hand berührte. Diesmal hatte sie jedoch nichts gespürt.

Der Fahrer betrachtete seine Hand. Am kleinen Finger war die Haut verkohlt. Es roch nach versengten Haaren. Der Mann ließ den Koffer fallen, bekreuzigte sich, sprang in seinen Wagen und raste davon.

Rosaly Baker blieb verdutzt zurück.

Was sollte das?

Der Mann tat ja gerade so, als wäre sie aussätzig. Wahrscheinlich hatte er sich die Hand am heißen Kühler verbrannt.

Die Frau musste lachen. Es klang aber nicht fröhlich.

Zu dumm! Ein anderes Taxi ließ sich nicht blicken. Wohl oder übel setzte sie sich zu Fuß in Bewegung.

Kurz vor dem Bahnhof sah sie gleich zwei Taxis, die ihr nun überflüssig erschienen.

Am Fahrkartenschalter warf ihr der Beamte einen irritierten Blick zu. Er schob zwei Finger zwischen Hals und Hemdkragen, als wäre ihm der plötzlich zu eng. Rosaly musste zweimal ihr Wechselgeld mahnen. Der Mann starrte sie an wie einen Geist und war mit seinen Gedanken abwesend.

Sie traf noch mehr seltsame Leute. Die drei Geschäftsreisenden in ihrem Abteil baten schon nach kurzer Zeit, das Fenster öffnen zu dürfen.

»Es ist unerträglich heiß«, fand einer, und die beiden anderen nickten.

Rosaly hatte gegen die herrschende Temperatur nichts einzuwenden, doch ihr war es gleich, ob das Fenster offen oder geschlossen war. Sie dachte an Kate und freute sich auf die unbeschwerten Tage mit ihr.

Die Männer verließen einige Minuten darauf das Abteil. Erstaunt stellte Rosaly fest, dass ihnen der Schweiß in Strömen über die Gesichter rann. Sicher waren sie krank. Sie gehörten ins Bett, bevor sie andere Leute ansteckten.

Die junge Frau lehnte sich aus dem Fenster.

Nebenan wurden hastig die Köpfe zurückgezogen. Das waren die drei Reisenden. Sie benahmen sich, als wäre sie aussätzig.

War etwas mit ihrem Gesicht nicht in Ordnung?

Beunruhigt kramte Rosaly Baker ihren kleinen Taschenspiegel hervor und überzeugte sich, dass ihr Aussehen wirklich nicht entsetzlich war. Das leicht rötliche Haar machte sie sogar interessant. Kate nannte es zwar verrucht, doch die Freundin hatte keinen Grund zum Neid. Sie konnte sich ebenfalls über mangelnde Verehrer nicht beklagen.

Rosaly setzte sich wieder hin und versuchte zu schlafen. Bis zu ihrem Ziel dauerte es noch fast zwei Stunden.

Das Kreischen von Metall schreckte sie nach kurzer Zeit wieder auf. Verschlafen blickte sie sich um.

Sie befand sich noch immer allein im Abteil. Ein besorgter Blick überzeugte sie, dass ihr Koffer noch da war. Man konnte nie wissen.

Der Zug hielt auf offener Strecke. Weit und breit war kein Signal zu erkennen. In den benachbarten Abteilen gestikulierten die Fahrgäste aufgeregt durcheinander.

Rosaly Baker trat auf den Gang.

Man machte ihr bereitwillig Platz.

Ein junger Mann grinste sie unternehmungslustig an, doch als sich ihre Blicke trafen, senkte er hastig die Lider und eilte davon.

Rosaly erkundigte sich beim Schaffner nach der Ursache für den außerplanmäßigen Stopp.

Der Uniformierte war das personifizierte Grauen und stierte sie an.

Die Frau wollte ihn schon ärgerlich fragen, ob sie Warzen hätte, da erfuhr sie den wahren Grund für das Entsetzen des Mannes.

»Auf den Schienen liegt ein Toter. Er sieht aus, als wäre er verbrannt.»

Rosaly schüttelte sich. Wie entsetzlich, dachte sie.

Kurz darauf erhielt sie einen weiteren Grund, sich zu wundern. Man trug die Leiche vorbei. Sie war mit einem weißen Tuch bedeckt. Als sich die Träger auf gleicher Höhe mit der Frau befanden, wehte ein plötzlicher Windstoß das Tuch fort.

Rosaly Baker presste beide Hände auf den Mund, um nicht zu schreien. Der Körper des Bedauernswerten war tatsächlich völlig verkohlt. Nur dem Kopf hatte das Feuer nichts anhaben können.

Und diesen Kopf starrte die Frau fassungslos an.

Er gehörte dem Taxifahrer, der vor ihr Reißaus genommen hatte!

Das war doch ausgeschlossen, überlegte sie. Wie kam der Mann hierher?

Doch damit nicht genug. Rosaly Baker konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Augen in dem Schädel sie hasserfüllt musterten. Es war, als wollten sie ihr drohen.

Benommen taumelte die junge Frau in ihr Abteil zurück.

Mit einem Schlag war ihr alle Freude verdorben.


*


Kate Summer beruhigte sich allmählich. Sie blickte den Schattenjäger dankbar an.

»Ohne Sie wäre ich jetzt tot, Milton«, versicherte sie. »Wie kann ich Ihnen danken?«

Milton Sharp winkte ab.

»Wenn es mir gelingt, ein dämonisches Wesen auszuschalten, ist das für mich der schönste Lohn, Kate. Was werden Sie jetzt tun? Fahren Sie zu Ihrer Freundin nach Hereford?«

»Wir treffen uns in einem romantischen Gasthaus südwestlich von Bath. Es soll nur zwei Meilen von Wells entfernt sein. Ich weiß auch nicht, warum es Rosaly ausgerechnet dorthin zieht. Aber sie wird schon ihre Gründe haben. Kommen Sie doch mit! Sie brauchen jetzt ebenfalls Entspannung. Wo finden Sie die eher als in einem einsamen Gasthof? Im »Copper Beech« ist bestimmt auch für Sie noch ein Zimmer frei.«

»Eigenartiger Name für eine Herberge«, fand der Schattenjäger.

»Sie wurde sicher nach dem Blutbuchenwald genannt, in dem sie sich befindet. Wie haben Sie sich entschieden? Begleiten Sie mich?«

Milton schüttelte den Kopf.

»Ich fahre nach London zurück. Dieser Kampf ist zu Ende, aber es sollte mich wundern, wenn nicht schon wieder neue Aufgaben auf mich warten. Die Dämonen schlafen nicht. Wenn man einen besiegt, ist das nur ein winziger Erfolg. Es ist, als wollte man das Meer mit einem Fingerhut auslöffeln.«

»Dann werden Sie nie zur Ruhe kommen«, stellte Kate Summer betroffen fest.

»Wenn ich tot bin«, entgegnete der Schattenjäger düster. »Ich hoffe jedoch, dass bis dahin noch einige Jahrzehnte verstreichen.«

Er wog den mächtigen Morgenstern in der Faust. Die furchtbare Waffe war zurückgeblieben, nicht gerade handlich, doch ihre Wirkung konnte sich sehen lassen. Er würde sie in Zukunft wie einen Goldschatz hüten.

»Dann trennen sich hier also unsere Wege, Milton.«

Bedauern klang aus der Feststellung.

»Vielleicht sehen wir uns mal unter erfreulicheren Umständen wieder. Auf jeden Fall schreibe ich Ihnen. Das ist versprochen.«

Die junge Frau mit dem kastanienbraunen Haar stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte dem verblüfften Mann einen Kuss auf die Lippen. Errötend löste sie sich von ihm und hastete zu ihrem Volvo, der abseits wartete.

Sie startete den Motor, ein letztes Winken, dann verschwand sie hinter den Hügeln.

Milton gönnte sich erst jetzt ein Aufatmen. Die Auseinandersetzung mit dem Scheusal hatte ihm die Grenze seiner Leistungsfähigkeit aufgezeigt. Er hoffte, sich wenigstens ein, zwei Ruhetage in London gönnen zu können.

Nachdenklich ging er zu seinem Wagen. Wenn er zügig fuhr, konnte er noch vor Einbruch der Dunkelheit an der Themse sein.

Den Morgenstern legte er vorsichtig neben sich auf den Beifahrersitz. Ganz wohl war ihm nicht bei der Erkenntnis, dass ein dämonisches Wesen diese Waffe benutzt hatte. Sie schien aber keinen negativen Einfluss mehr auszuüben, seit der ehemalige Besitzer nicht mehr existierte.

Der Schattenjäger beeilte sich, um die Autobahn zu erreichen, doch kurz vor dem Zubringer platzte in einer Kurve der rechte Vorderreifen.

Milton reagierte spontan. Obwohl sich das Lenkrad selbständig zu machen drohte, bekam er es wieder in die Gewalt und zwang ihm seinen Willen auf.

Ganz ließ sich die Kollision mit einem Baum nicht mehr vermeiden. Mit dem Kotflügel schlitterte er dagegen. Das ekelhafte Geräusch signalisierte zerknittertes Blech.

Milton warf einen schrägen Blick auf den Morgenstern.

War er die Ursache für den Zwischenfall?

Der Wagen stand. Milton stieg aus und besah sich den Schaden.

Den Kotflügel konnte er so weit nach außen ziehen, dass der Lenkausschlag nicht behindert wurde. Den völlig zerfetzten Reifen musste er ersetzen.

Aus dem Kofferraum holte er das Reserverad und das Werkzeug. Er stutzte und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.

Da lag Kate Summers Koffer. Keiner von ihnen hatte nach der Aufregung mehr daran gedacht, dass sie ihr Gepäck in seinen Wagen geladen hatte. Durch die brutalen Schläge des Monsters war der Kofferraumdeckel des Volvos immer wieder aufgesprungen.

Zu dumm! Kate würde ganz schön wütend sein, sobald sie den Verlust bemerkte.

Ganz klar, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als ihr das Gepäck zu bringen. Einholen würde er sie wohl nicht mehr. Durch den Radwechsel verlor er zu viel Zeit.

Aber er kannte ihr Ziel, und es zu finden, würde nicht schwer sein. Nach London kam er heute natürlich nicht mehr.

Also hatte die Panne auch etwas Gutes, sonst wäre ihm der fremde Koffer erst am Ziel aufgefallen. Milton tat dem Morgenstern Abbitte und begann mit der Arbeit.

Eine Viertelstunde später wendete er den lädierten Wagen und fuhr die gleiche Strecke zurück. Er nahm sich vor, vom Gasthaus aus in London anzurufen. Dann konnte er dort übernachten. Die Aussicht auf ein bequemes Bett und eine kräftige Mahlzeit erschien ihm verlockend.


*


Der Mann, der die ausgetretenen Steinstufen in das Kellergewölbe hinabstieg, lauschte auf das Glucksen, das von den Wänden klang. Überall sickerte Wasser herab und suchte sich einen Weg ins Erdreich.

Der Kellerboden bestand aus gestampftem Lehm. Jahrhunderte hatten ihn versteinert, doch die Rinnsale fanden immer wieder einen Durchlass.

Die Kerze in der Hand des Mannes flackerte. Ihr Licht warf zuckende Schatten. Es beleuchtete auch das bleiche Gesicht mit den tiefliegenden Augen. Es glich einem Totenschädel, der von pergamentener Haut überspannt wurde.

Vom Fuß der Treppe schlurfte der Mann weiter. Er kannte seinen Weg.

Vor einer massiven Tür verharrte er und stellte den Leuchter auf den Boden. Umständlich grub er in einer tiefen Hosentasche und holte verrostete Schlüssel hervor. Mit Bedacht wählte er einen, den er in das Schlüsselloch stieß.

Das Schloss quietschte, als sich der Schlüssel drehte. Es hörte sich an wie ein Pistolenschuss, als der Riegel zurücksprang. Die Tür öffnete sich knarrend.

Der Mann nahm die Kerze wieder an sich und betrat den Raum hinter der Tür.

Es handelte sich um einen breiten, aus groben Steinquadern gemauerten Gang, in den verschiedene weitere Türen mündeten.

Acht waren es insgesamt. Alle sahen gleich aus. Sie bestanden aus rohen, von der Zeit geschwärzten Balken mit stabilen, eisernen Beschlägen, an denen sich der Rost labte.

Spinnweben zeigten an, dass die Türen schon lange nicht mehr geöffnet worden waren, aber der Mann kannte sich aus.

Zielsicher steuerte er eine der hinteren Türen auf der linken Seite an. Auf die gleiche umständliche Art wie bei der ersten öffnete er auch sie. Dumpfer Geruch schlug ihm entgegen. Der Mann verzog keine Miene.

Hier war die Dunkelheit intensiver als im Gang oder gar auf der Treppe. Die winzige Kerzenflamme reichte nicht aus, sie zu durchdringen.

Deshalb nahm der Besucher auch nur vage Schatten wahr. Schatten, die sich nicht bewegten. Etwas Großes, Längliches stand in der Mitte des Raumes. Es sah wie eine flache Truhe aus oder wie eine Kiste.

Der Mann mit dem Totenkopfgesicht schloss die Tür hinter sich, blies die Kerze aus und kauerte sich auf den Boden. Dort verharrte er minutenlang, ohne sich zu rühren oder auch nur einen Seufzer von sich zu geben.

Trotzdem wehte ein Stöhnen durch die Stille. Hohl und schaurig klang es.

Der Mann zuckte zusammen und spitzte die Ohren.

»Bist du wach, Yon-Dar?«, flüsterte er.

»… du wach … du wach … wach … wach«, echote es von allen Seiten.

»Wie lange dauert es noch?«, kam es statt einer Antwort.

»Sie sind auf dem Weg.«

»Alle acht?«

»Alle. Kein Einziger wird fernbleiben.«

»Und bringen sie auch mit, was ich benötige?«

»Verlass dich drauf, Yon-Dar! Ich habe ihnen den Befehl gegeben. Nur noch ein paar Tage, und du kannst deinen Kerker verlassen.«

»Du musst sie alle beseitigen, Vaughn.«

Bei dem schrecklichen Befehl blieb die Stimme monoton und unbeteiligt.

»Mit deiner Hilfe werde ich’s tun«, versprach der Mann.

»Geh’ jetzt! Lass mich allein! Komme erst wieder, wenn du mir den ersten Vollzug melden kannst!«

»Das wird noch in dieser Nacht geschehen«, beteuerte der Mann, raffte die Kerze vom Boden auf und tastete sich durch die Tür in den Gang zurück.

Sein Gesicht war noch immer ausdruckslos, doch hinter der Stirn wohnten teuflische Gedanken.


*


Rosaly Baker schloss kein Auge mehr. Bis Wells blieb sie hellwach und dachte an den schaurigen Toten, den man an ihr vorbeigetragen hatte.

Es war, als hätte er noch gelebt. Dabei war das bei seinem Zustand völlig ausgeschlossen. Rosaly hatte sich da etwas eingebildet.

Vielleicht handelte es sich auch gar nicht um den Taxifahrer. Tausende sahen so aus wie er.

Der Zug hielt. Rosaly war froh, dass die Fahrt endlich zu Ende war. Bis zum Schluss war sie allein im Abteil geblieben, obwohl nach den einzelnen Stationen mehr Leute zu ihr hereingeschaut hatten. Sie fürchtete schon, Komplexe zu bekommen.

Auf dem Bahnhof von Wells hatte sie das Erlebte vergessen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie zu dem Gasthof gelangen sollte. Darüber hatte Kate nichts verlauten lassen.

Vielleicht hielt vor dem Bahnhof ein Bus. Sie würde ja sehen.

Oder erwartete Kate sie bereits hier?

Doch der hellblaue Volvo der Freundin war nirgends zu entdecken. Auch kein Bus. Das einzige Taxi rauschte gerade davon.

Rosaly Baker blickte sich suchend nach allen Seiten um. Ein paar Jungen spielten mit einer leeren Konservendose Fußball. Die Büchse landete in ihrer Nähe.

Die Frau kickte sie lächelnd zurück und winkte einem der Jungen.

Der Blondschopf näherte sich zögernd, während seine Freunde weiterspielten.

»Was ist denn?«, erkundigte er sich und blieb in drei Schritten Entfernung stehen.

»Kannst du mir sagen, wie ich zum Gasthof »Copper Beech« komme?«

Der Junge verbarg sein Erschrecken nicht.

»Wollen Sie dorthin?«

»Sonst würde ich ja nicht fragen.«

»Ich … ich weiß nicht«, stammelte der Junge. »Ich kenne ihn nicht. Hab’ noch nie davon gehört.«

Die junge Frau sah ihm an, dass er log.

Aber warum nur? Sie fand keinen Grund dafür.

Oder doch? Sie schüttelte amüsiert den Kopf.

Daran hätte sie auch gleich denken können.

Sie suchte in ihrer Geldtasche ein Fünfzig‑Pence‑Stück und hielt es ihm hin.

Die Augen des Jungen funkelten begehrlich. Er hastete näher und griff gierig nach der Münze.

Ein doppelter Schrei unterbrach die Stille.

Während Rosaly die Münze losließ, zuckte auch die Hand des Jungen zurück, als hätte sie sich verbrannt. Das Geldstück fiel aufs Pflaster und rollte auf einen Gully zu. Bevor Rosaly Baker es verhindern konnte, verschwand das halbe Pfund zwischen den Eisenstäben. Leise war das Plumpsen zu hören.

Gleich darauf zischte es. Eine weiße Wolke aus Wasserdampf stieg steil aus dem Gully empor. Die Frau starrte ungläubig darauf.

Was war denn nur los? Ihr Geldstück konnte doch nicht das Abflusswasser zum Kochen gebracht haben …

Erst jetzt achtete sie auf die beiden anderen Jungen, die sich mit ihrem behelfsmäßigen Fußball vergnügten. Sie hatten ihr Treiben unterbrochen. Einer hüpfte auf einem Bein herum und jammerte. Sein rechter Schuh war stark beschädigt, als hätte er mit voller Wucht gegen einen Granitblock getreten.

Die Sohle hing halb herunter. Das Oberleder qualmte. Dabei war der Bursche gar nicht mit dem Gully in Berührung gekommen.

Aber was war mit der Konservendose geschehen?

Sie glühte rot und enthärtete den Asphalt unter sich. Breiig floss das Bitumen davon.

Die Jungen kreischten vor Entsetzen und rannten los. Der mit dem demolierten Schuh humpelte hinterher.

Rosaly fröstelte. Auch sie wäre am liebsten fortgelaufen, doch sie konnte schließlich ihren Koffer nicht stehenlassen.

Außerdem gab es bestimmt für alles eine logische Erklärung. Wenn eine Blechdose ohne ersichtlichen Grund glühte und die Brühe im Abwasserkanal kochte, konnte es sich nur um einen Defekt im städtischen Verantwortungsbereich handeln.

Warum zerbrach sie sich darüber den Kopf?

Dummerweise wusste sie noch immer nicht, wie sie zu dem Gasthof kam. Es würde bald dunkel sein. Bis dahin wollte sie ein solides Dach über dem Kopf haben. Kate würde sich Sorgen machen, falls sie nicht pünktlich eintraf.

Ein Fuhrwerk holperte heran. So etwas sah man selten. Anscheinend gab es in der Nähe Landwirtschaft.

Rosaly Baker schöpfte neue Hoffnung. Vielleicht nahm sie der Mann mit. Falls er ihretwegen einen kleinen Umweg fahren musste, wollte sie sich erkenntlich zeigen. Auf ein paar Pfund sollte es ihr nicht ankommen.

Sie winkte mit beiden Armen, als wollte sie einen gelandeten Düsenjet in die richtige Position lotsen.

Der Alte auf dem Kutschbock blinzelte sie aus wässrigen Augen an.

»Kann ich helfen, Miss?«

»Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar«, beteuerte die Frau. »Ich muss zum »Copper Beech«. Könnten Sie mich bitte mitnehmen?«

Die Miene des Mannes veränderte sich schlagartig. Ohne eine Antwort ließ er die Peitschenschnur über die Rücken der beiden Pferde knallen. Die Tiere wieherten gequält auf und schossen davon. Rosaly hörte noch einige Zeit des Rumpeln der Räder.

Wunderliche Stadt! Sehr hilfsbereit waren die Bewohner gerade nicht …

Eine dritte Abfuhr wollte sie sich nicht holen. Zwei Meilen waren notfalls auch zu Fuß zu schaffen. Zu dumm, dass sie den Koffer mitschleppen musste. Das war aber nicht zu ändern.

Gerade wollte sie losgehen, als ihr der rettende Einfall kam.

Warum rief sie nicht einfach im »Copper Beech« an und ließ sich abholen?

Falls der Wirt dazu nicht bereit war, würde sich Kate zweifellos unverzüglich ans Steuer setzen.

Sie kehrte hoffnungsvoll zum Bahnhof zurück und suchte eine Telefonzelle auf. Dort blätterte sie mit steigender Nervosität im Telefonbuch. Den Gasthof fand sie allerdings nicht darin.

War es möglich, dass das Haus über keinen Telefonanschluss verfügte?

Wenn ja, warum nicht?

Wenn sie Pech hatte, gab es nicht mal elektrischen Strom. Mitten im Wald wäre das kein Wunder. Da hatte sich Kate schön etwas Seltsames ausgedacht.

Also blieb ihr der Fußmarsch nicht erspart.

Rosaly Baker machte sich auf den Weg, den ihre Freundin in dem Brief beschrieben hatte. Darüber war sie erst jetzt erstaunt. Es sah so aus, als hätte Kate genau gewusst, dass sich niemand bereitfinden würde, zu dem Waldgasthaus zu fahren.

Die Frau legte mehrfach eine Pause ein. Der Koffer hing wie ein Bleigewicht an ihrem Arm.

Sie tauchte in den Wald ein, fand auch den Kreuzweg ohne Mühe und wandte sich nach Westen. Zu beiden Seiten knisterte es. Tiere huschten durch das Unterholz. Für viele begann jetzt die Jagdzeit. Sie gingen auf Raub aus.

Ängstlicher werdend schritt Rosaly weiter. Sie spähte nach dem Licht, das doch endlich durch das Blätterwerk schimmern musste.

Sie sah das Haus erst, als sie dicht davor stand. Kopfschüttelnd stellte sie fest, dass kein Fenster beleuchtet war. Kein begeisternder Empfang, dachte Rosaly.

Sie zögerte weiterzugehen. Diese Bruchbude konnte Kate unmöglich gemeint haben. Sie war offensichtlich gar nicht bewirtschaftet.

Nur der Gedanke, den ganzen Weg durch den Wald wieder zurückgehen zu müssen, trieb Rosaly vorwärts. Doch bevor sie ihren Fuß heben konnte, schrie sie gellend auf.

Der Koffer entfiel ihrer kraftlosen Hand. Das Herz drohte stillzustehen.

Etwas Kaltes, Feuchtes hatte sich auf ihre Schulter gelegt.


*


Wie er schon vermutet hatte, holte Milton Kate Summer unterwegs nicht mehr ein. Ihr Vorsprung erwies sich als zu beträchtlich.

Er lenkte den Wagen über den holprigen Waldweg, bis dieser plötzlich zu Ende war.

Wenn er erwartet hatte, nun vor dem Gasthof zu stehen, so sah er sich enttäuscht. Weit und breit war keine menschliche Behausung zu erkennen. Es deutete auch nichts daraufhin, dass das »Copper Beech«, die »Blutbuche«, von vielen Besuchern als Ziel genommen wurde.

Er hatte Kate bestimmt richtig verstanden. Sie hatte ihm doch sogar aus dem Brief ihrer Freundin vorgelesen, in dem der genaue Weg beschrieben war.

War es denkbar, dass er sich trotzdem verfahren hatte?

Der Schattenjäger überlegte nur kurz, ob er umdrehen und einen anderen Fahrweg suchen sollte. Dann entschied er sich dafür, ein Stück zu Fuß zu gehen. Weit konnte es ja nicht mehr sein.

Den Morgenstern wollte er nicht im Wagen zurücklassen. Andererseits war es nicht gut möglich, sich mit der furchteinflößenden Hiebwaffe in der Faust einem biederen Gasthaus zu nähern. Das würde für Aufruhr sorgen.

Er holte seinen Koffer, öffnete ihn und warf einige Sachen heraus. Dafür legte er den Morgenstern hinein und klappte den Koffer wieder zu.

Das Standlicht des Wagens ließ er brennen, um ihn später leichter zu finden. Außerdem wurde er von eventuell nachfolgenden Gästen eher bemerkt.

Milton zog mit seinem schweren Gepäckstück los. Die Luft war schwer und stickig. Das Buchenlaub moderte auf dem Boden und türmte sich zu Bergen. Eigentlich waren diese Mengen ungewöhnlich. Das war Laub von mindestens zehn Jahren.

Das müsste doch längst zu Humus geworden sein?

Er spürte nicht den leisesten Windhauch. Schon nach einer kurzen Strecke schwitzte er, als hätte er ein intensives Krafttraining hinter sich. Er fand, dass es wie auf einem Friedhof roch.

Es war schon völlig finster. Ein Gasthaus machte sich bereits von weitem bemerkbar. Da müsste Lärm zu hören sein. Vielleicht sogar Musik.

Aber hier herrschte Totenstille. Für ein Ausflugslokal war dies eine beklemmende Umgebung. Nun gut, er wollte ja nicht seinen Urlaub in der »Blutbuche« verbringen. Eine Nacht würde er wohl aushalten. Er war rechtschaffen müde.

Was ging es ihn an, was die übrigen Gäste taten oder ließen?


*

Völlig unerwartet stand das Gasthaus plötzlich vor ihm … ein düsterer, windschiefer Bau, der nicht einmal eine durstige Wanze zum Verweilen einlud. Der Wirt konnte unmöglich auf seine Kosten kommen.

Unwillkürlich suchte Milton den hellblauen Volvo, entdeckte ihn jedoch nicht. Er vermutete ihn in dem angrenzenden Schuppen, der möglicherweise als Garage diente.

In dem Haus schienen bereits alle zu schlafen, obwohl es nicht später als neun Uhr war.

Er ging zur Tür, stellte seinen Koffer ab und klopfte.

Verdutzt starrte er auf seine Faust. Es war ihm nicht gelungen, dem morschen Holz auch nur den leisesten Laut zu entlocken.

Er versuchte es erneut. Diesmal nahm er auch noch den Schuhabsatz zu Hilfe. Ärgerlich trat er gegen die Tür, die aber die Misshandlungen schluckte und schwieg.

Vielleicht existierte ein Klingelknopf?

Den suchte der Schattenjäger vergebens. Es gab keinen.

Die Fenster waren ausnahmslos mit Läden verschlossen. Er probierte hier sein Glück, doch überall mit demselben Ergebnis. Es gelang ihm nicht, sich bemerkbar zu machen.

»Heda!«, rief er nun ungehalten. »Sind Gäste nicht willkommen?«

Mehr und mehr setzte sich bei ihm die Überzeugung durch, dass er sich an der falschen Adresse befand. Das Haus stand leer. Eine andere Erklärung gab es nicht.

Er ging zum Schuppen, um sich zu überzeugen, ob der Volvo dort untergestellt war.

Er sah nur altes Gerümpel, das schon seit ewigen Zeiten nicht mehr benutzt worden war. Das war der letzte Beweis. Er musste sich verfahren haben.

Das war ihm noch nicht oft passiert. Milton konnte es nicht begreifen.

Mürrisch wollte er sich entfernen, als er verharrte. Irgendwo knarrte eine Tür.

Der Wind konnte sie nicht bewegt haben. Es gab keinen.

Ein Tier? Vielleicht eine Ratte?

Möglich, doch das wollte er genau wissen. Er verbarg sich hastig hinter dem Schuppen und konnte nur mit Mühe einen Überraschungslaut unterdrücken.

Die Haustür öffnete sich, ein Mann trat ins Freie, wandte den Kopf nach rechts und links und blieb wie angewurzelt stehen.

Der Bursche sah schaurig aus … wie eine wandelnde Leiche. Der Gesündeste konnte er jedenfalls nicht sein.

Milton trat hinter dem Schuppen hervor und machte sich bemerkbar.

»Hallo!«

Der Mann wandte langsam den Kopf und blickte herüber.

Was für Augen! Sie ruhten tief in den Höhlen. Milton fühlte sich an einen Totenschädel erinnert.

»Sind Sie der Wirt dieses Gasthauses? Ich suche ein Zimmer für die Nacht. Ich hoffe Sie haben noch etwas frei.«

»Natürlich! Ich habe Sie doch erwartet. Ihr Eintreffen wurde mir angekündigt.«

Die Stimme hörte sich gespenstisch an. Es war, als käme sie aus einer Gruft. Aber das ganze Gebäude sah ja nicht viel anders aus.

»Tatsächlich?«, wunderte sich der Schattenjäger, fand aber schnell eine Erklärung.

Als Kate Summer ihren Koffer vermisste, musste sie damit gerechnet haben, dass er ihn ihr bringen würde. Sicher hatte sie den Wirt gebeten, ein weiteres Zimmer herzurichten.

»Na, wunderbar!«, rief er. »Dann kann ich ja mein restliches Gepäck holen.«

»Das eilt nicht, Mister Garrett«, widersprach der Bursche, der das Temperament nicht erfunden hatte. »Kommen Sie erst mal herein.«

Milton Sharp stutzte. Garrett?

Hier lag offensichtlich eine Verwechslung vor.

Er wollte den Irrtum aufklären, änderte seine Meinung aber doch wieder. Wenn sich herausstellte, dass er gar nicht der Erwartete war, ließ der Bursche ihn womöglich vor der Tür stehen. Dem traute er das ohne weiteres zu.

Dieser Garrett würde wohl so spät nicht mehr eintreffen. Wahrscheinlich hatte er den Weg im Dunkeln nicht gefunden. Morgen wollte Milton das Zimmer, das nicht für ihn vorgesehen war, freiwillig wieder räumen. Bis dahin aber würde er mindestens zehn Stunden geschlafen haben.

Er ging auf den Mann zu. Der streckte die Hand nach dem Koffer aus.

»Lassen Sie mich das tragen! Sie sehen müde aus.«

Der Bursche hatte sich selbst wohl noch nie im Spiegel gesehen. Ein Skelett galt gegen ihn als springlebendig.

Der Schattenjäger biss sich erschrocken auf die Lippe. Er wusste sehr wohl, dass es Gerippe gab, die gespenstisches Leben entwickelten. Daran wollte er lieber nicht denken. Von dem nur wenige Stunden zurückliegenden Kampf gegen das Scheusal hatte er noch immer die Nase voll. Er war bedient. Dämonen, Werwölfe oder auch wandelnde Skelette wurden gebeten, mit ihrem Erscheinen zu warten, bis er ausgeschlafen war.

Er gab den Koffer nicht aus der Hand. Der Morgenstern stellte einen zu großen Wert dar. Das erhebliche Gewicht des Gepäckstücks hätte den bleichen, hohläugigen Menschen womöglich neugierig gemacht.

Ein gehässiger Blick traf den Schattenjäger, als er an dem Hausherrn vorbei durch die Tür trat. Milton nahm ihn aus den Augenwinkeln wahr und wollte auf der Hut sein. Wenn er hier in eine Räuberhöhle geraten war, würde er seine Haut mit allen Mitteln verteidigen. Wahrscheinlich sah er aber Gespenster.

»Da hinauf!«, wies ihn der Mann unfreundlich an und deutete auf eine halsbrecherische Treppe, die man am besten nur mit Seilsicherung benutzte. »Die vierte Tür. Machen Sie keinen Lärm!«

Milton schüttelte den Kopf. Das war ein rauer Ton. Er hatte damit gerechnet, in die Gaststube gebeten zu werden. Sein Magen knurrte. Seine Kehle war trocken. Wenigstens einen kalten Imbiss würde die Küche wohl noch bieten können.

»Ich mache mich nur ein wenig frisch«, erklärte er. »Dann möchte ich eine Kleinigkeit essen.«

»Sie werden alles bestens geregelt finden, Mister Garrett.«

Blanken Hohn hörte der Schattenjäger aus diesen Worten. Er war gespannt, welche neue Überraschung ihn in seinem Zimmer erwartete.


*


Der Raum bestätigte den ersten Eindruck von dem Gasthaus. Die wenigen Einrichtungsgegenstände befanden sich in erbärmlichem Zustand. Milton hegte Zweifel, dass das gebrechliche Bett sein Gewicht trug.

Die Tür war nur von innen durch einen mächtigen Riegel verschließbar. Wenn er das Zimmer verließ, musste er es offen lassen.

Das gefiel ihm nicht. Er hatte jedoch nicht die Absicht, lange außer Haus zu sein. Er wollte lediglich Kate Summers Koffer holen.

Er stellte seinen eigenen Koffer, der außer dem Morgenstern auch die erforderlichen Dinge für eine Übernachtung enthielt, in den Schrank und trat wieder auf den Gang.

Im Haus war es absolut still. Aus der Küche, falls eine solche überhaupt existierte, ertönten keine Geräusche. Milton würde wohl hungrig bleiben müssen.

Unten stieß er auf den Wirt, der ihm mit stoischer Ruhe entgegensah.

»Welches Zimmer bewohnt Miss Summer?«, erkundigte er sich.

»Wer? «

»Kate Summer. Sie muss kurze Zeit vor mir angekommen sein. Mit einem hellblauen Volvo.«

»Nein.«

»Was heißt nein?«

»Bei mir wohnt keine Miss Summer. Sie irren sich.«

Das war fatal. Womöglich war Kate der Verlust des Koffers schon unterwegs aufgefallen, und sie war umgekehrt … Falls sie eine andere Strecke gewählt hatte, waren sie aneinander vorbeigefahren.

»Aber jedenfalls war sie angemeldet«, stellte der Schattenjäger fest.

Der andere schüttelte beharrlich den Kopf.

»Davon weiß ich nichts.«

»So? Wer ist denn hier der Boss?«

»Das bin ich, Mister Garrett. Mir gehört das Haus.«

»Dann müssten sie doch wissen, dass …«

»Es ist niemand hier«, fiel ihm der Mann scharf ins Wort.

Milton sah ein, dass eine weitere Diskussion sinnlos war. Entweder hatte der Bursche recht, oder er log absichtlich. Für den zweiten Fall musste es einen Grund geben, und den wollte er herausfinden. Er war sehr beunruhigt.

Er verließ das Haus und ging zu seinem wartenden Wagen. Zumindest wollte er das tun. Das Auto stand aber nicht mehr an seinem Platz.

Überhaupt hatte sich hier einiges verändert. Milton erkannte die Gegend nicht wieder. Das konnte aber auch an den spärlichen Lichtverhältnissen liegen.

Er suchte noch fast zwanzig Minuten weiter. Dann gab er es auf. Er hatte schon jetzt Bedenken, wenn er an seine vergeblichen Startversuche am nächsten Morgen dachte. Da er das Standlicht hatte brennen lassen, würde die Batterie leer sein.

Immer merkwürdiger und unerklärlicher erschien ihm dieses verdammte Gasthaus. Und dann entdeckte er etwas, das ihn in höchstem Maß alarmierte.

Im Gras lag ein Kamm. Er glaubte, ihn bei Kate Summer gesehen zu haben. Sie hatte einen mit solch kühn geschwungener Form benutzt.

Also musste die junge Dame auch angekommen sein …

Es gab aber einen Umstand, der ihn noch wesentlich stärker beunruhigte. Der Kamm war feucht, obwohl das Gras strohtrocken war. Es handelte sich um kein Wasser, sondern um eine klebrige Flüssigkeit, die er am schalen Geruch erkannte.

Blut!

»Kate!«, rief er spontan. »Kate! Wo sind Sie?«

Alles blieb gespenstisch still.

Milton wickelte den Kamm in sein Taschentuch und steckte ihn zu sich. Schon jetzt war ihm klar, dass er in dieser Nacht erst zum Schlafen kam, wenn er Kate gefunden hatte. Hoffentlich war ihr nichts zugestoßen.

In höchster Sorge eilte er zum Gasthaus zurück.

Bevor er diese Waldschänke erreichte, geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Hinter einem Busch sprang ein düsterer Schatten hervor. Mit ausgestreckten Armen fiel er über Milton her und riss ihn zu Boden. Im nächsten Moment schlugen Fäuste auf ihn ein.

Der Schattenjäger schluckte die ersten Treffer. Dann gelang es ihm, den Kerl abzuschütteln und ihn ebenfalls mit den Fäusten zu traktieren.

Aber der Angreifer stellte sich als ungemein kräftig heraus und quetschte wilde Verwünschungen durch die Zähne.

»Verdammter Kerl! Mit mir kannst du das nicht machen. Ich bringe dich um. Dann bin ich dich endlich los.«

Jeder Satz wurde von einem wüsten Hieb begleitet.

Milton hatte alle Hände voll zu tun, um das Schlimmste zu verhindern. So ganz nebenbei begriff er, dass er das Opfer einer Verwechslung geworden war.

»He! Sie Wildgewordener! Ich bin nicht der, für den Sie mich halten. Ich habe den Wirt nur deshalb in dem Glauben gelassen, ich sei Garrett, weil ich befürchtete, sonst kein Zimmer zu bekommen.«

Vorübergehend ließ der Wütende von ihm ab.

»Du willst mich wohl veralbern. Dass du nicht Garrett bist, weiß ich selbst. Ich heiße Garrett. Du heißt Gascon und presst mich seit fast zwei Jahren wie eine Zitrone aus. Aber damit ist endgültig Schluss! Jetzt wird abgerechnet!«

»Ich muss Sie schon wieder enttäuschen«, widersprach der Schattenjäger und blockte einen linken Haken ab. »Mein Name ist Sharp. Ich bin rein zufällig hier.«

Eine Faust knallte gegen sein Kinn. Dann ließ der andere die Arme hängen und reckte seinen Kopf vor. Es war der massige Schädel eines Büffels.

»Sharp? Wieso Sharp? Warum hast du dich erst Gascon genannt?«

»Ein großer Kopf ist nicht die Garantie für einen bedeutenden Inhalt«, stellte Milton zähneknrischend fest. »Seit meiner Geburt heiße ich schon Sharp, und der gleiche Name wird auch mal auf meinem Grabstein stehen. Daran werden Ihre Fäuste nichts ändern.«

»Bist du sicher?«

Der andere beäugte ihn noch immer voller Misstrauen.

Milton klopfte sich den Schmutz von der Hose und nickte.

»Ganz sicher.«

»Aber wieso hast du mich dann hierher bestellt? Ausgerechnet ans Ende der Welt. Du hast doch wieder eine Schurkerei im Sinn.«

»Wenn Sie einer hier treffen wollte, dann war es dieser Gascon, der ich nicht bin und den ich auch nicht kenne. Was muss ich tun, um das in Ihren Denkapparat reinzukriegen?«

Garrett kniff die Augen zusammen. Er sagte nichts. Er würde einige Zeit brauchen, um die Zusammenhänge zu begreifen.

Darin unterschied er sich allerdings kaum von dem Schattenjäger. Auch

ihm kam eine ganze Menge spanisch vor.


*


Garrett spürte keine Lust, sich an der Suche nach Kate Summer zu beteiligen, und auch Milton sah ein, dass er in der Dunkelheit keine große Aussicht auf Erfolg besaß.

Wohl oder übel musste er das Unternehmen auf morgen verschieben. Trotz seiner Müdigkeit hoffte er, dass die Nacht schnell vorbeiging.

Wider Erwarten hielt das Bett seinem Gewicht stand. Es ächzte zwar beleidigt, doch es brach nicht unter ihm zusammen.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738909968
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Februar)
Schlagworte
milton sharp gasthaus blutbuche

Autor

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Titel: Milton Sharp #14: Das Gasthaus zur Blutbuche