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Milton Sharp #13: Das Grauen hinter den Spiegeln

2017 120 Seiten

Leseprobe

Das Grauen hinter den Spiegeln


(ein Milton-Sharp-Roman)

Nr. 13


IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2017

(ehem. Titel: Nachts schlägt das Grauen zu)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Der Schattenjäger kommt nicht zum Luftholen. Gerade erst hat Milton Sharp verhindert, dass es auf der Hochzeit seines Bruders zu einem Blutbad kommt, da erreicht ihn ein neuer Hilferuf: Eine Chinesin bittet ihn, nach ihrem Geliebten zu suchen, der plötzlich spurlos verschwunden ist. Zur gleichen Zeit werden mehrere Menschen geköpft, ohne dass es die geringsten Hinweise auf den Täter gibt. Obendrein verschwinden auch noch die Köpfe der Opfer. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Als Milton die Zusammenhänge zu ahnen beginnt, befindet er sich schon in der Welt hinter den Spiegeln. Dort herrscht ein mächtiger Dämon, der Opfer braucht, damit er die Spiegelwelt verlassen und auf der Erde ein Reich des Schreckens errichten kann …





Charaktere:

Milton Sharp: Der Schattenjäger erblickt sein eigenes Ich auf einer Guillotine und kämpft gegen einen Dämon hinter den Spiegeln.


Chang Tong: Die Chinesin ist auf der Suche nach ihrem Geliebten und verschwindet in der Welt des mächtigen Sherdan.


Broderick Ashford: Der schrullige „Erfinder“ der Guillotine ist völlig ahnungslos, welch grausames Wesen sich seiner Waffe bedient.


Sherdan: Der grausame Dämon möchte ein Reich des Schreckens auf der Erde errichten und hat einen perfiden Plan ersonnen.




Roman:

Fahl kroch das Mondlicht durch das Fenster der Kammer und wurde vom Stahl des Fallbeils reflektiert.

Es traf das Gesicht eines Mannes, dessen Augen unruhig zuckten. Diesmal musste es klappen. Seine Geldmittel waren erschöpft. Die Erfindung sollte ihn endlich aus der Armut führen.

Broderick Ashford wuchtete den schweren Körper des Mannes zur Guillotine und zerrte seinen Hals in die hölzerne Aussparung.

Der Mann wehrte sich nicht. Er gab keinen Laut von sich. Anscheinend hatte Ashford ihn zuvor mit einer Betäubungsspritze gefügig gemacht.

Wie leblos lag er da. Die Arme hingen schlaff herab. Auf seinem Rücken ruhte der erwartungsvolle Blick des Henkers.

»Helft mir, ihr Gewaltigen des Dunkels!«, murmelte Ashford.

Sein Gesicht glühte vor Erregung, als sich die Hand dem Hebel näherte, der über Leben und Tod entschied.

Vor dem Haus wimmerte ein Kauz. Er schien Hilfe für den Unglücklichen herbeirufen zu wollen, aber niemand achtete auf das Tier. So nahm das Schicksal seinen Lauf.

Broderick Ashford kontrollierte nochmal den Mechanismus. Dann umklammerte seine Faust den Hebel und riss ihn herab.

Gehorsam löste sich der tödliche Stahl. Mit durchdringendem Pfeifen zischte er in die Tiefe, durchschlug den Hals des Mannes und blieb vibrierend am Fuß der Vorrichtung stecken.

Der Kopf des Delinquenten rutschte über ein schräges Brett und rollte in den vorbereiteten Korb. Kein Blutstropfen wurde vergossen. Broderick Ashford triumphierte. Er warf sich auf den steinernen Boden, breitete die Arme aus und murmelte wirre Worte.

Als Antwort zuckte aus düsterem Erdreich ein Blitz, der die Guillotine traf und erzittern ließ. Aus dem Nichts drang eine fürchterliche Stimme:

»Willkommen, Partner!«

Broderick Ashford erhob sich taumelnd und wankte zum Fallbeil. Er packte den abgeschlagenen Kopf bei den Haaren und zog ihn aus dem Korb.

Als ihn die toten Augen anstarrten, schrie er entsetzt auf und schlug beide Hände vors Gesicht.

Der Kopf rollte über den Boden.

Ashford brach schluchzend zusammen. Erst jetzt erkannte er, was er getan hatte.

Doch es war zu spät.


*


»Hol dich der Teufel!«, schrie Amy Denning wütend und stampfte mit dem Fuß auf. »Ich glaube dir kein Wort mehr. Du hast mich einmal betrogen und wirst es immer wieder tun. Wenn ich die Schlampe erwische, kratze ich ihr die Augen aus.«

»Du weißt ja nicht, was du redest«, ereiferte sich Forrest, ihr Mann. »Mit Chang hat sich nicht das Geringste abgespielt. Die Geschichte mit Sheila hast du mir verziehen, also wärme sie nicht immer wieder auf.«

»Ich könnte dich umbringen«, versicherte die Frau.

»Dann tu’s doch! Du gehst mir auf die Nerven. Ich wollte, du wärst damals bei deiner Mutter geblieben.«

»Das kannst du haben.«

Amy Denning knallte die Tür zu, und schon Minuten später sahen die Nachbarn, wie sie zwei schwere Koffer in den Austin wuchtete. Die Frau warf sich hinters Lenkrad und gab so

vehement Gas, dass der aufgeschüttete Kies gegen die Fensterscheibe der Küche prasselte und diese zertrümmerte.

»Jeden Freitag dasselbe Theater«, sagte Leon Hayward kopfschüttelnd zu seiner Frau, die der lautstarken Auseinandersetzung fasziniert gefolgt war. Er zog sie ins Haus und wartete auf das Abendessen. Inzwischen schenkte sich Forrest Denning einen Scotch ein. Er leerte das Glas mit einem Zug und fühlte sich gleich viel wohler.

»Hoffentlich bleibt sie diesmal etwas länger«, murmelte er.

Mit der Faust drosch er das Foto vom Kamin, das Amy und ihn in Hochzeitskleidung zeigte. Wie lange war das schon her …

Was gäbe ich dafür, wenn sie nie mehr zurückkäme, dachte er grimmig. Wie viel netter und verständnisvoller war da die kleine Chinesin. Er hätte nie heiraten dürfen.

Aber nun wollte er wenigstens die kommenden Tage der Freiheit genießen. Ein herrliches Wochenende lag vor ihm. Chang würde sich freuen, wenn er Zeit für sie hatte. Die geheimnisvolle, unergründliche Chang!

Forrest Denning rieb sich mit der Hand übers Kinn. Es kratzte, als würde er mit einem Reisigbesen die Straße kehren.

Er ging ins Bad und ließ heißes Wasser in einen Porzellannapf. Dann schlug er Schaum und klappte das Rasiermesser auf.

Nachdem er sich eingeseift hatte, setzte er die scharfe Klinge an. Seine Laune wurde immer besser. Er summte den neuesten Song, der die Leute seit Tagen aus jedem Lautsprecher verfolgte.

»Verdammt!«, stieß er hervor.

Blut tropfte aus einem Schnitt unterm Ohr, lief durch seine Finger und verschwand in der Manschette. Forrest musste das Hemd wechseln.

Das kam nur daher, weil Amy ihn so aufgeregt hatte.

Der Mann konnte den Salmiakstift nicht finden. Zornig fegte er sämtliche Fläschchen und Tuben aus dem Schrank und verursachte damit ein mittleres Chaos, dem er keinen Blick schenkte.

Er näherte sich dem Spiegel, um den Schaden genauer zu betrachten.

Der Schnitt war nicht groß, blutete aber ungewöhnlich stark. Mit einem Handtuch versuchte Forrest den Strom zu bändigen.

Es klappte. Achtlos ließ er das Tuch fallen und begutachtete das Resultat. Es war kaum noch etwas zu erkennen..

Eigentlich sah er für sein Alter noch erstaunlich gut aus. Kein Wunder, dass Chang ihn den Jüngeren vorzog.

Doch dann erstarrte sein Gesicht zu einer verzerrten Grimasse. Was war denn plötzlich mit ihm los? Seine eben noch leidlich glatte Haut schrumpfte zusammen und wurde runzelig. Sie dunkelte auch ein und glich dann einem faulenden Apfel. Die Augen quollen unnatürlich hervor, als wollten sie aus den Höhlen springen.

Forrest Denning fühlte, wie seine Kehle vor Entsetzen eng wurde. Er griff an den Hals, um den obersten Knopf des Hemdes zu öffnen.

Diese Hände! Das durfte doch nicht wahr sein … Sie waren mit Geschwüren bedeckt, die in immer neuen Schwären aufbrachen. Seine Haut schälte sich und hing von den Armen herab.

Der Mann schrie auf.

»Nein!«

Das war er nicht. Ein anderer schaute ihm aus dem Spiegel entgegen, ein abscheuliches Monstrum, wie es sich keine noch so abstruse Phantasie auszudenken vermochte.

Amy! Sie hatte ihm den Teufel an den Hals gewünscht.

Aber dieser Gedanke war lächerlich. Es gab keinen Teufel, und derartige Wünsche waren billige Redensarten, die noch nie Wirklichkeit geworden waren.

Der Mann versuchte, sich von dem schauderhaften Spiegelbild loszureißen, schaffte es jedoch nicht. Wie magisch wurde er von der höhnischen Fratze angezogen.

Sie wollte nicht verschwinden.

In sinnloser Angst hob er die Faust und schlug mitten in den Spiegel. Spinnennetzartige Sprünge krochen nach allen Seiten. Die abscheuliche Visage wurde zerteilt und mutete dadurch noch grässlicher an.

Plötzlich fiel ein Splitter ins Waschbecken. Durch die entstandene Lücke kroch ein Finger mit unförmigem Nagel.

Forrest Denning prallte zurück. Seiner Kehle entrang sich ein Gurgellaut.

Weg hier! Was da vorging, begriff er nicht, doch dass es nichts Gutes bedeuten konnte, war ihm klar. Anscheinend gab es diese Wesen, von denen Chang hin und wieder sprach, doch!

Der Mann riss vor Angst den Rasiernapf zu Boden. Er hielt noch immer das Rasiermesser in der Hand. Damit begann er, das Kreuz zu schlagen. Er tat das instinktiv.

Weit kam er mit dieser Bewegung nicht. Eine Hand brach aus dem Spiegel und schlug ihm das Messer weg. Er verletzte sich dabei, spürte es jedoch nicht.

Die krallige Hand ergriff ihn an der Brust und zerrte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt zum Spiegel zurück.

Das Glas war nun restlos geborsten. Dahinter befand sieh nicht etwa die geflieste Wand, sondern eine tiefschwarze Öffnung, hinter der Forrest Denning das Monster sah.

Er rief um Hilfe.

Wer sollte ihn hören? Die Nachbarn waren an Lärm in diesem Haus gewöhnt.

Ein zweiter Arm quoll aus der Mauer. Der Mann spürte den mörderischen Griff, der ihn in die Öffnung holte. Stück für Stück. Mit brutaler Gewalt. Er konnte nichts dagegen tun.

Als er gänzlich in der Schwärze verschwunden war, schloss sich die Wand. Nur der Spiegel blieb zerborsten …


*


Nach fünf Tagen fiel den Nachbarn auf, dass sich niemand von den Dennings blicken ließ. Es war auch kein Streit mehr zu hören.

Sie überlegten, ob sie etwas unternehmen sollten. So ließen sie zwei weitere Tage verstreichen.

Endlich setzte Maggie Hayward ihren Willen durch. Sie läuteten an der Haustür der Dennings, wurden aber nicht eingelassen.

Danach informierten sie die Polizei.

Ein Streifenwagen rückte an. Die Beamten läuteten Sturm und öffneten schließlich die Tür gewaltsam.

Sie entdeckten das Chaos im Badezimmer.

»Wie im Schlachthaus sieht es hier aus«, stellte der Sergeant schaudernd fest und wies auf das angetrocknete Blut, das überall zu sehen war.

Forrest Denning blieb verschwunden, aber seine Frau wurde bei ihrer Mutter ausfindig gemacht.

Obwohl sie einen Schreikrampf erlitt, wurde sie unter dem Verdacht, ihren Mann im Streit umgebracht und die Leiche in zwei großen Koffern aus dem Haus geschleppt zu haben, festgenommen.

Der Tatbestand sprach klar gegen sie.


*


Die beiden Männer belauerten sich. Keiner wollte sich eine Blöße geben.

Die würde der andere zu seinem Vorteil nutzen.

»Uaah!«, schrie nun der eine und stürmte vorwärts.

Seine Faust schnellte vor. Sie besaß die Größe eines mittleren Glockenklöppels und war auch so hart.

Sein Gegner wirbelte im letzten Augenblick zur Seite, drehte sich aber gleich wieder um, packte den Unterarm des Angreifers und riss ihn über seine Schulter. Der Schwergewichtige strampelte, konnte aber nicht verhindern, dass er sich in die Lüfte erhob und erst in einer Entfernung von vier Yards wieder zu Boden krachte.

Der dunkelblonde Mann, der noch auf den Füßen stand, fühlte sich bereits als Sieger. Er lachte, aber das Lachen sollte ihm schnell vergehen.

Der andere zauberte ein Messer in seine Hand. Die breite Klinge blitzte auf. Der Stahl war rasiermesserscharf geschliffen.

»Jetzt zeig, was du kannst«, krächzte der Bullige.

Er kam langsam in die Höhe. Geduckt näherte er sich seinem Widersacher, das Messer zum Stoß bereit.

Der Bedrohte zeigte keine Angst, obwohl er keine Waffe besaß. Keine Waffe außer seinen Fäusten, und auf die verließ er sich.

Er ließ den Gegner kommen, und als dieser zustach, schlug er auf den vorschnellenden Unterarm.

Der Mann lachte spöttisch und zeigte, dass er das Messer längst in die andere Hand gewechselt hatte.

»Du wärst jetzt tot, Milton«, versicherte er. »Im Ernstfall hätte dein Widersacher dir die Klinge ins Herz gejagt.«

»Du mit deinen linken Tricks«, schimpfte Milton Sharp und griff nach dem Handtuch.

Sein Partner Harley Marsh grinste und steckte sein Messer weg.

»Das ist eben dein Fehler«, erklärte er. »Du bist zwar ein harter Bursche, aber leider viel zu fair. Du rechnest nicht mit der Gemeinheit der anderen. Deine Fäuste haben es in sich. Davon kann ich ein Lied singen. Schnell bist du auch. Du kannst auch eine Menge einstecken. Doch das reicht nicht aus. Gerade du weißt doch am besten, mit welcher Heimtücke deine Widersacher arbeiten.«

Und ob Milton Sharp das wusste! Seit einigen Monaten hatte er sich dem Kampf gegen alle Dämonen und jene Wesen verschworen, die diesen Ungeistern nahestanden. Seine Erfolge konnten sich sehen lassen, aber auch seine Niederlagen. So manchen Gegner musste er entkommen lassen.

»Was du machst, ist ohnehin der reinste Wahnsinn«, fuhr Harley Marsh fort.

Den zottigen, rostroten Vollbart hatte er schon damals in Seaford getragen, als sich die beiden Männer zum ersten Mai begegneten, weil Milton Harleys Freundin Jeri aus dem Wasser gezogen hatte. Vor zwei Wochen hatten sie sich zufällig wiedergetroffen. Seitdem mimte der Bärtige Miltons Trainer für den Ernstfall.

»Nennst du es Wahnsinn, sich den Unseligen entgegenzustellen?«, tadelte der Schattenjäger. »Ich kann nicht anders handeln. Ich habe es geschworen, und diesen Schwur werde ich halten, bis ich eines Tages den Kürzeren ziehe.«

»Das wird schon bald der Fall sein«, prophezeite der Gefährte düster. »Du besitzt ja nicht mal eine wirkungsvolle Waffe gegen deine Gespenster.«

Das war der Punkt, der Milton am meisten beunruhigte. Bis vor kurzem verfügte er über eine geweihte Tonscherbe, die ihm gute Dienste im Kampf gegen das Böse geleistet hatte. Doch diesen Pyrgus besaß er nicht mehr. Er war unwiederbringlich verloren. Ein schwerer Verlust, den Milton durch verstärktes körperliches Training auszugleichen suchte.

»Ich werde eine neue Waffe finden«, antwortete er trotzig.

Ihm war aber klar, dass das noch Jahre dauern konnte.

Gegenstände, die den Dämonen gefährlich wurden, kamen nicht mit einer Postwurfsendung ins Haus. Nur ein glücklicher Zufall wies den Weg dorthin.

Milton hatte keine Zeit, auf einen solchen Zufall zu warten. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich die Briefe und Telegramme, in denen er um Hilfe gebeten wurde. Sie trafen fast aus aller Welt ein. Obwohl er nie mit seinen Erfolgen prahlte, war sein Ruf schon beinahe legendär geworden.

Natürlich nur bei denen, die an Geister und ähnliche Schreckgestalten glaubten. Für sie galt er als Geheimtipp, als letzte Hoffnung, wenn sie nicht mehr ein noch aus wussten.

Der Schattenjäger war unmöglich in der Lage, alle Bitten zu erfüllen. Bei einem großen Teil war der Fall auch in den Händen der Polizei viel besser aufgehoben als bei ihm.

Er war aber sicher, dass sich hinter dem einen oder anderen Unglück, von denen in den Schreiben die Rede war, dämonisches Wirken verbarg.

Doch wo sollte er zuerst beginnen?

Was konnte er überhaupt noch ohne seinen Pyrgus tun?

Es bedrückte ihn, dass er nicht überall zugleich sein konnte. Heute noch wollte er entscheiden, wohin ihn sein nächster Weg führen sollte.

Harley Marsh verstand den Schattenjäger zwar nicht, aber er mochte ihn. Viel hätte er dafür gegeben, wenn er in der Lage gewesen wäre, den Freund noch besser zu unterstützen.

So aber stellte er sich lediglich als eine Art Sparringspartner zur Verfügung und brachte Milton alle möglichen Raffinessen und Techniken bei.

Die beiden Männer verließen den Trainingsraum im Keller und stiegen die Treppe zum Wohngeschoss empor.

Milton hatte das kleine Haus in Barnet, einem Vorort Londons, gemietet. Hier lebte er allein, aber er war ohnehin nur selten zu Hause.

»Nimm dir etwas zu trinken!«, forderte er den Bärtigen auf und deutete auf eine kleine Hausbar.

»Soll ich dir auch einen einflößen?«

Der Schattenjäger verneinte. Er brauchte einen klaren Kopf für die bevorstehende Entscheidung.

Während sich Harley Marsh um den Whisky kümmerte, blätterte Milton die Briefe durch, die er bereits in die engere Wahl gezogen hatte. Er versuchte zu spüren, wo sein Eingreifen sinnvoll war. Manchmal gelang es ihm, dämonische Strahlungen aufzunehmen.

Ein Papier nach dem anderen nahm er in die Hand, studierte es und legte es wieder beiseite. Bei einem Telegramm stutzte er. Es war in einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Mansfield aufgegeben worden und enthielt nur wenige Worte:

»Sherdan, der Fürchterliche, hat ihn in sein Reich geholt. Bringen Sie ihn mir zurück! Ich flehe sie an! Chang Tong.«

Immer wieder las er den Text, der intensiver in ihn eindrang. Er wusste plötzlich, dass er nach Ollerton fahren würde.


*


Broderick Ashford hatte sich verändert. Hatte er noch vor wenigen Tagen triumphierend mit seiner Erfindung an die Öffentlichkeit treten wollen, so mied er jetzt ängstlich jeden Kontakt zu den Mitmenschen, ging nur noch nachts aus dem Haus und öffnete keinem die Tür.

Alles, was er zum Leben brauchte, lieferte sein verwahrloster Garten. Allerdings hätte sich mancher Beobachter gewundert, was er jeden Tag auf den Tisch brachte.

Die Tafel war stets reich gedeckt. Die erlesensten Früchte, köstlich duftende Braten, Spezialitäten aus aller Herren Länder, dies alles stopfte er in sich hinein und war trotzdem nicht glücklich dabei. Er ahnte, woher die Herrlichkeiten stammten, wer sie ohne seine Hilfe zubereitete, wer ihm jegliche Arbeit abnahm, damit er sich ganz seinen Erfindungen widmen konnte. Ihm war klar, dass er geradewegs ins Verderben steuerte.

Zu seinem Glück drängten sich ihm die lichten Momente nicht sehr häufig auf. Das Erlebnis in der Kammer hatte ihn geschockt.

Manchmal wunderte er sich zwar, warum es in dem alten Bauernhaus immer unordentlicher wurde. Dann fiel ihm ein, dass die alte Ellen nicht mehr kam, um bei ihm aufzuräumen.

Ellen Pickens kam seit jener Nacht nicht mehr, in der er ihr mit der selbst gebauten Guillotine den Kopf abgeschlagen hatte. Jetzt ruhte sie unter dem Holunderstrauch an der Scheune. Ihr Schädel lag im Schuppen unter losen Bodenbrettern.

Broderick Ashford ging manchmal in die Nacht hinaus. Zuerst zu dem Strauch und anschließend in den Schuppen. Dann hörte er Ellen Pickens’ Stimme. Sie sprach zu ihm. Ganz ohne Zorn. Einfach so, als lebte sie noch.

Sie gab ihm Anweisungen, die er befolgte, ohne so recht zu wissen, was er da eigentlich tat.

Es waren seltsame Dinge, mit denen er sich beschäftigte. Er formte große Figuren aus Lehm, erwies sich als außerordentlich geschickt und verstand es, ihnen menschliches Aussehen zu geben.

An einer solchen Figur arbeitete er gewöhnlich eine ganze Woche. Er tat es nur nachts. Bei Tag schlief er. Sein Lebensrhythmus hatte sich vollständig verändert.

Er schlief auch, als ein Polizeiwagen vor dem Bauerngehöft vorfuhr und Inspektor Cramer ausstieg.

Der Polizist ging einer Vermisstenmeldung nach. Eine alte Frau war abgängig. Sie hieß Ellen Pickens und galt als wunderlich.

Ihre Tochter, die mit ihrer Familie in Lincoln wohnte wollte sie besuchen und hatte die Wohnung leer gefunden.

Das musste noch nichts zu bedeuten haben. Auf jeden Fall ging Cramer der Sache nach.

Wie er erfahren hatte, verdiente sich die Frau ein paar Pfund als Zugehfrau bei Mister Ashford. Vielleicht hatte sie ihm gesagt, wohin sie reisen wollte.

Er pochte an die Tür, erhielt jedoch keinen Einlass.

Er trat an eines der Fenster und schaute angestrengt ins Innere. Himmel! Welch ein Durcheinander! Cramer hielt es für ausgeschlossen, dass Ellen Pickens hier noch für Ordnung gesorgt hatte.

Aber warum machte Ashford nicht auf?

Der Inspektor klopfte energischer. Als auch das ohne Erfolg blieb, trat er von dem Haus weg und wandte sich wieder seinem Dienstwagen zu.

Mitten auf dem Weg stockte sein Fuß. Er betrachtete den Holunderstrauch und kratzte sich am Kopf. Irgend etwas kam ihm merkwürdig vor.

Er ging dichter heran, bückte sich und hob etwas von der krümeligen Erde auf. Kein Zweifel, hier war erst vor kurzem gegraben worden.

Suchend blickte er sich um. In dem angrenzenden Schuppen fand er einen Spaten. Damit kehrte er zurück und stieß das stählerne Blatt kraftvoll in den Boden.

Ein Geräusch ließ ihn herumfahren.

Dicht hinter ihm stand Broderick Ashford. Er hatte den Mann nicht kommen hören.

»Was treiben Sie denn in meinem Garten, Inspektor? Sie wollen mir doch nicht etwa meinen Holunder stehlen? Im Winter ist der Saft sehr gut gegen Erkältungen. Sie müssen aber noch warten, bis die Beeren reif werden.«

Der Mann kicherte. Dabei starrte er unentwegt auf den Spaten, den der Inspektor losgelassen hatte.

»Ich suche Mistress Pickens. Wann war sie das letzte Mal bei Ihnen?«

Ashford kniff die Augen zusammen und sah den Polizeibeamten feindselig an.

»Die Pickens?«, keifte er. »Das Luder habe ich hinausgeworfen. Sie war faul und aufsässig. Solche Hilfe brauche ich nicht. Ich komme ganz gut allein zurecht.«

»Wann haben Sie sie vor die Tür gesetzt?«

»Das ist schon ein paar Tage her. So genau weiß ich das nicht mehr. Ich bin schließlich alt und vergesslich.«

Cramer war kein Dummkopf. Er besaß eine gute Menschenkenntnis und wusste, dass manche Leute aus den unterschiedlichsten Gründen vergesslich wurden. Oft genug steckte aber auch eine Schurkerei dahinter.

Ashford war zwar nie mit den Gesetzen in Konflikt geraten, doch viele hatten sich schon über den wunderlichen Mann beschwert. Er habe den bösen Blick, hieß es. Er sei schuld, dass der Zuchtstier plötzlich verendete, oder der einzige Sohn nichts mehr von der Landwirtschaft wissen wollte.

Cramer war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Ihn verkaufte man nicht für dumm.

»Haben Sie da nach einem Schatz gesucht?«, erkundigte er sich und wies auf die lockere Erde unter dem Strauch.

Ashfords Augen nahmen eine gelbliche Färbung an.

»Ich brauche keinen Schatz. Manchmal muss man etwas vergraben. Etwas, das einem im Weg ist.«

»Mistress Pickens?«, warf Cramer hastig ein.

Der Alte zuckte zusammen. Dann lachte er mühsam. Es klang wie das Krächzen eines Totenvogels.

»Sie machen Witze, Inspektor.«

Cramer packte den Spaten erneut und begann wortlos zu graben.

Eine Weile schaute Broderick Ashford knurrig zu. Endlich riss er dem Kriminalisten den Spaten aus der Hand und fauchte:

»Passen Sie doch auf! Sie zerstechen mir ja die ganzen Wurzeln. Wer setzt mir dann einen neuen Strauch, wenn der alte eingeht? Die Polizei etwa?«

Er grub nun seinerseits. Sehr behutsam. Stich für Stich. Die Erde warf er Cramer auf die Schuhe. Das merkte er wohl gar nicht.

Der Inspektor wich einen Schritt zurück und beobachtete den Mann genau. Als dieser zögerte, trieb er ihn erneut an.

Widerwillig machte Ashford weitere Spatenstiche und förderte endlich den Kadaver einer schwarzen Katze zutage.

»Jemand hat sie mir vor die Tür gelegt«, sagte er mit unterdrücktem Zorn. »Kinder wahrscheinlich. Diese kleinen Teufel mögen mich nicht, und ich mag sie nicht, weil sie mir meine Äpfel stehlen. Verkommene Brut.«

Inspektor Cramer war enttäuscht.

Er hatte eine Sensation unter dem Strauch gewittert. Eine tote Katze war aber keine.

»Sie wissen nicht, ob Mistress Pickens jetzt woanders arbeitet?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht, und es interessiert mich auch nicht, Inspektor. Darf ich die Grube jetzt wieder zuschütten? Ich möchte mir nicht im Dunkeln den Hals brechen, wenn ich versehentlich stürze.«

Er rieb sich bedeutungsvoll das Genick. Dabei funkelten seine Augen.

Cramer hatte nichts dagegen. Er verabschiedete sich missgelaunt und fuhr in seinem Wagen davon.

Broderick Ashford blickte gehässig hinter dem sich entfernenden Auto her.

»Neugier hat schon manchem geschadet«, wisperte er, ohne die bleichen Lippen zu bewegen. »Vielleicht machst auch du bald diese Erfahrung.«

Er warf die Grube flüchtig zu, nachdem er die Katze wieder hineingelegt hatte, stampfte die Erde mit den Füßen fest und schleuderte den Spaten in den Schuppen.

Anschließend ging er ins Haus. Er wirkte plötzlich sehr geschäftig. Bis es dunkel wurde, hatte er noch eine Menge zu tun.


*


Milton Sharp saß einer zierlichen Chinesin gegenüber, deren erschrockene Augen in dem blassen Gesicht dominierten.

Chang Tong bereitete Tee. Sie sprach dabei kein Wort. Erst als ihr Besucher die Schale mit dem heißen Getränk zwischen den Händen hielt, fuhr sie mit ihren Erklärungen fort.

Sie besaß eine dünne Stimme, doch was sie sagte, gab dem Schattenjäger zu denken.

»Die Polizei hat seine Frau verhaftet, doch ich weiß, dass sie ihn nicht getötet hat. Sie wäre dazu nicht fähig. Sie ist zänkisch und hat Forrest das Leben zur Hölle gemacht, aber einen Menschen könnte sie nicht töten.«

«Woher wollen Sie das wissen?«, warf Milton Sharp ein.

Die Chinesin schenkte ihm einen Blick, der ihn verwirrte. »Wir Chinesen wissen manches. Wir müssen die Menschen nicht sehen, um sie zu kennen. Forrest hat mir von seiner Frau erzählt. Ich habe keinen Grund, sie in Schutz zu nehmen. Sie war Forrest und mir im Weg. Es gibt einen anderen Grund, warum ich nicht will, dass man sie für eine Mörderin hält.«

»Welchen?«

»Sherdan, der Fürchterliche.«

Der Schattenjäger trank den Tee aus und stellte die Schale zurück.

»Sie erwähnten diesen Namen in Ihrem Telegramm. Was hat es mit diesem Mann auf sich?«

»Es handelt sich um keinen Menschen, sondern um einen Dämon, der ein Reich des Schreckens regiert. Er verbreitet namenloses Entsetzen, aber er hat noch keinen Weg gefunden, in die Welt der Menschen zu gelangen, um unter ihnen zu wüten. Aus diesem Grund holt er seine Opfer zu sich. Was dort mit ihnen geschieht, weiß niemand, es ist aber sicher nichts Angenehmes.«

»Woher wissen Sie das alles?«

»Aus den alten Schriften, die mein Vater ängstlich vor mir hütete und die ich doch zu finden wusste. Sie interessierten mich schon brennend, als ich noch ein ganz kleines Mädchen war. Einige Jahre schwand Sherdan aus meinem Bewusstsein. Andere Interessen verdrängten ihn. Erst als ich Forrest kennenlernte, tauchte er erneut auf. Ich träumte von ihm. Manchmal sah ich ihn auch mit wachen Augen vor mir. Das war entsetzlich. Ich erzählte Forrest davon, doch er lachte mich nur aus. Er glaubte nicht an Dinge, die er nicht sah. Ich habe gehört, Mister Sharp, dass Sie klüger urteilen. Deshalb habe ich mich an Sie gewandt, und ich bin erleichtert, dass Sie gekommen sind. Ich fürchte, dass Sherdans Macht sich ausbreitet. Früher oder später wird er aus seinem Reich ausbrechen. Dann ist die Menschheit nicht mehr vor ihm sicher. Vor allem aber hoffe ich, dass Sie Forrest retten können. Ich liebe ihn. Der Gedanke, ihn in der Gewalt dieses Scheusals zu wissen, bringt mich fast um.«

Milton nahm jedes Wort der Chinesin in sich auf. Er war weit davon entfernt, über ihre Behauptungen zu schmunzeln. Er sah eine erschreckende Parallele zu selbst Erlebtem. Hatte sich nicht auch sein Bruder Glyn in der Gewalt eines grausamen Dämons befunden? Es hatte viel Mühe und Gefahren gekostet, ihn schließlich doch zu befreien. Das lag noch gar nicht so weit zurück. Milton würde es nie vergessen.

Deshalb begriff er, was die kleine Asiatin litt. Er wollte ihr helfen. Hauptsächlich aber war ihm daran gelegen, einen Menschen zu retten, falls es hierfür noch nicht zu spät war. Dass ihm danach zumute war, einen Dämon zu vernichten, verstand sich von selbst. Wie er das ohne Waffe bewerkstelligen sollte, blieb allerdings noch ein Rätsel. Aber vielleicht wusste Chang Tong auch auf diese Frage eine Antwort.

Die junge Frau schüttelte bekümmert den Kopf.

»Davon steht leider nichts in den Schriften«, bekannte sie.

»Besitzen Sie diese Bücher noch?«

»Sie wurden mir gestohlen. Ich habe auch einen Verdacht, kann aber nichts beweisen.«

Sie erzählte von einem Lehrer, der sich für die alten Unterlagen interessiert hatte. Kurze Zeit darauf waren sie verschwunden.

»Der Mann heißt Peters und unterrichtet an der hiesigen Schule. Er besitzt einen untadeligen Ruf. Es ist völlig aussichtslos, ihn zu beschuldigen.«

Milton merkte sich den Namen und nahm sich vor, den Mann gegebenenfalls aufzusuchen.

Zuvor wollte er sich jedoch im Haus der Dennings umsehen. Außerdem musste er mit der Frau des Verschwundenen sprechen. Er wollte sich selbst ein Bild von der Verdächtigen machen.

Er versprach Chang Tong, sich wieder bei ihr zu melden und verabschiedete sich.


*


Zunächst verschaffte er sich eine Besuchserlaubnis für Amy Denning. Das gelang ihm mit Hilfe ihres Anwalts, der im Übrigen einen sehr merkwürdigen Eindruck bei ihm hinterließ. Der Mann schien seine Mandantin aufgegeben zu haben. An ihre Unschuld glaubte er jedenfalls nicht und wollte auf verminderte Zurechnungsfähigkeit plädieren.

Um so höher schätzte Milton die Haltung der Chinesin ein, die ihre Rivalin kalt lächelnd hätte ins Zuchthaus schicken können.

Amy Denning benahm sich nicht so menschenfreundlich. Sie überhäufte Chang Tong mit Schmähungen und verdächtigte sie, Forrest versteckt zu halten, um sie auf diese Weise aus dem Weg räumen zu können.

»Wenn ich erst verurteilt bin«, keifte sie, »lachen sich die beiden ins Fäustchen. Sie haben alles raffiniert eingefädelt. Ich wollte, ich hätte den Halunken wirklich erschlagen, dann würde ihn diese schlitzäugige Hure wenigstens auch nicht bekommen.«

Der Schattenjäger erinnerte die Aufgebrachte, dass sie sich mit derartigen Redensarten vor Gericht um die letzten Sympathien bringen würde. Damit stieß er jedoch auf taube Ohren.

Amy Denning schimpfte während der ganzen Zeit. Er wunderte sich nicht, dass ihr Mann hin und wieder vor ihr geflohen war, wenn sie sich auch ihm gegenüber so aufgeführt hatte.

Ob sie ihn ermordet hatte, wagte er deshalb aber nicht zu sagen. Wenn er Sherdan, den Fürchterlichen, erwähnte, verhöhnte sie ihn lautstark.

Er fand, dass das für sie sprach. Hätte sie nicht jede Chance, den Verdacht von sich abzuwälzen, dankbar aufgreifen müssen, falls sie tatsächlich schuldig war? Im Grund brachte ihn dieser Besuch keinen Schritt weiter. Er ließ sich lediglich die Genehmigung geben, sich in ihrem Haus ein wenig umsehen zu dürfen.

»Wenn Sie unschuldig sind, hole ich Sie hier raus, Mistress Denning«, versprach er.

Die Frau lachte nur. Sie hatte den Glauben an die Gerechtigkeit verloren.


*


Die Polizei hatte nichts dagegen, dass er das Denningsche Haus betrat. Die Spurensuche war längst abgeschlossen. Das Blut im Bad stammte eindeutig von dem Verschwundenen, der regelmäßig Blut gespendet hatte. Solche Verletzungen brachte man sich kaum bei, nur um ein Verbrechen vorzutäuschen.

Milton sah sich in sämtlichen Räumen um. Wenn er durch den Einsatz der Polizeibeamten auch längst nicht mehr alles im ursprünglichen Zustand vorfand, konnte er sich doch ein leidliches Bild von dem Streit machen, der Amy Dennings Flucht zu ihrer Mutter ausgelöst hatte.

Das Hochzeitsfoto lag noch immer auf dem Fußboden vor dem Kamin. Das einzelne Glas auf dem Tisch zeugte davon, dass Forrest getrunken hatte. Wie viel, ließ sich nicht feststellen. Die Whiskyflasche war jedenfalls halb leer.

Die Betten im Schlafzimmer waren beide unberührt. Das sprach dafür, dass Forrest die Nacht nach der Abreise seiner Frau nicht mehr in diesem Haus zugebracht hatte.

Dafür gab es zwei Theorien. Entweder hatte sich seine zerstückelte Leiche tatsächlich in den beiden Koffern befunden, wie die Nachbarn mutmaßten. Oder Amy, seine Frau, hatte mit seinem Verschwinden nichts zu tun.

Nachdem der Schattenjäger das ganze Haus untersucht und sich besonders lange im Arbeitszimmer aufgehalten hatte, ohne jedoch neue Erkenntnisse zu gewinnen, wandte er sich zuletzt dem Bad zu.

Hier sah es tatsächlich schlimm aus. Alles sprach für einen Kampf: Forrest Denning gegen seinen Mörder. Auf dem Boden war angetrocknetes Blut. Die Wandfliesen waren mit bräunlichen Flecken übersät. Ein Porzellanschälchen lag zerbrochen zwischen den Scherben des Spiegels und einer Unzahl von Fläschchen und Tuben.

Es existierten noch ein blutbesudeltes Handtuch und ein aufgeklapptes Rasiermesser. Beides hatte jedoch die Polizei sichergestellt. ln dem Messer wurde die Mordwaffe vermutet.

Eins erschien Milton merkwürdig. Amy Denning strotzte nicht gerade vor Kraft. Einige Tage Untersuchungshaft hatten sie kaum entscheidend geschwächt. Ihr Mann war aber durchaus kein Schwächling. Das sagte Chang Tong, und das bestätigten auch die Fotos, die den Mann zum Teil in Badekleidung zeigten.

Wie sollte es Amy gelungen sein, Forrest umzubringen, ohne selbst auch nur die geringste Verletzung davonzutragen?

Die Polizei wusste darauf eine Antwort. Der Unglückliche hatte so viel getrunken, dass er von dem heimtückischen Anschlag total überrascht worden war. Bevor er wusste, wie ihm geschah, hatte Amy schon seine Kehle durchgeschnitten.

Der Schattenjäger schüttelte sich bei dieser Vorstellung vor Grauen. Er mochte sich mit dem Gedanken nicht anfreunden.

Vor allem aber begriff er nicht, weshalb das Durcheinander im Bad entstanden war, wenn Forrest Denning zu keiner Gegenwehr gekommen war.

Ihm ging Sherdan, von dem die Chinesin gesprochen hatte, nicht aus dem Kopf.

Gab es diesen Fürchterlichen wirklich?

War er für das Verbrechen verantwortlich?

Und wenn ja, auf welche Weise hatte er Forrest Denning zu sich geholt?

Milton Sharp hoffte, einige Antworten durch ein Gespräch mit dem Lehrer Peters zu erhalten, den er als nächstes aufsuchen wollte.

Ein letztes Mal blickte er sich im Badezimmer um. Merkwürdig! Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Aus allen Fugen schienen ihn böse Augen anzustarren.

Doch da war nichts. Er wurde auch nicht angegriffen. Alles schien nur Einbildung.

Der Schattenjäger verließ das Haus und widmete seine Aufmerksamkeit der Garage. Auch hier entdeckte er nichts, was ihm weitergeholfen hätte. Nichts Belastendes gegen Amy fand er, aber auch keinen Hinweis auf Sherdan, den Dämon.


*


Broderick Ashford arbeitete sieben Stunden. Erst dann war er mit dem Ergebnis zufrieden.

Er betrachtete sein Werk. Es handelte sich um einen Lehmklumpen, dem er Gestalt gegeben hatte.

Der Körper war nicht sonderlich schwer gewesen. Nur das Gesicht hatte ihn vor Probleme gestellt. Doch als hätte ein anderer seine Hände geführt, war ihm schließlich ein richtiges Meisterwerk gelungen.

Nun galt es, das Gebilde in die Kammer zu schaffen, ohne es zu beschädigen. Das war schwierig, denn das Bauernhaus war winklig gebaut, der Weg zu der geheimen Kammer aber bot fast keine Bewegungsfreiheit.

Ashford musste die Skulptur aufrecht tragen, um nirgends anzustoßen. Er ächzte vor Anstrengung. Lehm konnte schwer sein.

Es war schon dunkel draußen. Im Haus begnügte er sich mit Kerzenlicht.

Nach unsäglichen Mühen erreichte er mit seiner Last die Kammer. Er öffnete die Tür, die so laut knarrte, dass er vor Schreck fast die Lehmfigur hätte fallen lassen.

»Sorry!«, murmelte er. »Soll nicht wieder vorkommen, Sir.«

Er kicherte in sich hinein wie einer, dem ein großer Streich gelungen war.

Er schloss die Tür, indem er sie mit dem Rücken zudrückte, dann die Augen, um sich an die herrschende Dunkelheit zu gewöhnen.

Es fiel ihm nicht schwer. In diesem Raum kannte er jeden Winkel. Vor allem wusste er, wo das drohende Gestell stand, an dem er monatelang gebaut hatte.

Er schleppte den Lehmmenschen hin, und nun fiel ein Lichtschimmer durchs Fenster auf das modellierte Gesicht. Man brauchte nicht viel Phantasie, um das Abbild Inspektor Cramers zu erkennen.

»Ich mag keine Maulwürfe, die meinen Garten durchwühlen«, hechelte Broderick Ashford. »Du bist mir zu neugierig, Inspektorchen. Und zu misstrauisch. Könnte ja sein, dass dir einfällt, mich noch mal zu besuchen. Das wollen wir doch lieber bleibenlassen.«

Er legte die knochenhart gewordene Figur auf das Brett der Guillotine und schob sie so zurecht, dass das Beil den Hals treffen musste.

Er rückte den Korb, der diesmal leer war, unter den Kopf. Dann wurde sein Blick starr, und er trat an den Hebel.

Seine Hand griff danach.

»Fahr zur Hölle!«, brüllte er wild und riss den Hebel herunter.

Das Beil fiel. Es durchtrennte sauber den Lehm.

Irgendwo in der Ortschaft, weit entfernt vom alten Bauernhaus, gellte ein irrer Schrei. Die Bewohner der Ortschaft blickten sich ratlos an.

Die Leiche wurde erst am nächsten Tag entdeckt.

Alle standen vor einem Rätsel. Wie hatte dieser Mord geschehen können?

Aus welchem Grund hatte der Täter den abgetrennten Kopf seines Opfers mitgenommen?


*


Da es bereits ziemlich spät war, meldete sich Milton Sharp vorher telefonisch an.

Der Lehrer Peters versicherte, sich über seinen Besuch zu freuen. Er erweckte nicht den Eindruck, als hätte er ein schlechtes Gewissen. Der Schattenjäger war auf den Mann gespannt, den Chang Tong verdächtigte, ihr die alten Schriften gestohlen zu haben, in denen von Sherdan, dem Fürchterlichen, geschrieben stand.

Peters bewohnte ein kleines Haus am Rand der Stadt. Es war gar nicht so einfach, es zu finden, denn es trug keine Hausnummer, und in dieser Gegend sah ein Haus wie das andere aus.

Endlich aber stand Milton doch vor der Tür und läutete. Er hatte sich seine Strategie unterwegs zurechtgelegt, ob er sie beibehielt, hing jedoch vom ersten Eindruck ab, den der Pädagoge auf ihn machen würde.

»Kommen Sie herein, Mister Sharp!«, rief der Mann. »Die Tür ist nicht verschlossen. Ich bin gerade im Keller, um einen Wein für uns auszusuchen.«

Peters schien sich tatsächlich über das bevorstehende Gespräch zu freuen. Vielleicht war das aber auch nur ein Bestechungsversuch.

Milton drückte die Tür auf und betrat einen engen Vorraum.

Die Garderobenhaken waren mit Mänteln und Jacken vollgehängt. In einer ausrangierten Waschmitteltrommel standen acht Schirme, die anscheinend noch aus dem vorigen Jahrhundert stammten. Peters war offenbar sparsam, vielleicht sogar geizig. Milton war auf den Wein gespannt.

Er blieb im Vorraum stehen und wartete geduldig.

Als der Lehrer nichts mehr von sich hören ließ, rief er die Kellertreppe hinunter:

»Sie sind hoffentlich okay, Mister Peters?«

Keine Antwort erfolgte. Es waren auch keine Geräusche zu vernehmen. Dem Mann konnte übel geworden sein …

Der Schattenjäger ging entschlossen die Stufen hinunter und stieß die erste Tür auf.

Er prallte verwirrt zurück, denn ein Skelett stürzte ihm entgegen.

Instinktiv vollführte der Schattenjäger eine Abwehrbewegung. Er drosch mit der Handkante nach dem Gerippe, das tatsächlich zurückwich und in einer düsteren Ecke liegen blieb.

Milton rechnete mit einem weiteren Angriff, doch der blieb vorläufig aus.

»Mister Peters?«, rief er besorgt.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909951
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Mai)
Schlagworte
milton sharp grauen spiegeln

Autor

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Titel: Milton Sharp #13: Das Grauen hinter den Spiegeln