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Sheng #11: Sheng und die Waffenhändler

2017 120 Seiten

Leseprobe

SHENG UND DIE WAFFENHÄNDLER


Ein Western von John F. Beck




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Seit Monaten sucht Sheng verzweifelt nach einer Spur, die ihn zu seinem Vater führen könnte. Aber er kennt den Namen seines Vaters nicht. Jetzt hat er zum ersten Mal einen konkreten Hinweis gefunden. Auf dem Missouri fährt ein Boot, das den Namen seiner Mutter trägt – Tei Peh. Sheng will mehr darüber wissen und gerät prompt in eine blutige Auseinandersetzung. Es geht um Waffen, die der skrupellose Earl Jessup mit der „Tei Peh“ auf dem Missouri nach Norden bringen will, um sie den Indianern zu verkaufen. Seinen ehemaligen Boss Bill Randall hat er umgebracht und dessen Sohn Frank hält er gefangen.

Wieder einmal gerät Sheng zunächst unfreiwillig zwischen die Fronten, denn auch die Killer des Geheimbundes vom Schwarzen Drachen haben sich erneut auf seine Fährte gesetzt. Es wird verdammt brenzlig für den Kung Fu-Kämpfer!





Roman:

Ein Gewehrschloss klirrte zwischen den nebelverhangenen Sträuchern. Jäh war die Dämmerung am Missouri vom Hauch einer kalten, tödlichen Gefahr erfüllt.

Der große, schlanke Mann am Feuer wandte ruhig den Kopf. Kein Muskel bewegte sich in seinem markanten Gesicht. Kein aufblitzender Schreck in den dunklen, leicht geschlitzten Augen. Auch dann nicht, als der Stahl eines Gewehrlaufs im Schein der niedrig züngelnden Flammen funkelte.

Die Mündung zielte auf ihn. Doch seine Stimme klang so sicher, als wüsste er sich von einer unsichtbaren Wand gegen jede Kugel geschützt.

Ich habe gehört, wie du in einem Boot den Fluss herabgekommen bist“, sagte der große Mann zu der drohenden Gestalt im Schatten. „Du fliehst vor jemand. Aber hier brauchst du keine Waffe. Ich bin nicht dein Feind.“

Ein schwankender Mann trat mit schussbereitem Karabiner aus den Sträuchern. Ein junges Gesicht mit flackernden, misstrauischen Augen. Braune zerzauste Locken über der schweißbedeckten Stirn. Keuchende Atemzüge. Die Fäuste, die das Gewehr hielten, waren vor Anstrengung verkrampft. Auf der Vorderseite der Jacke glänzte ein Blutfleck.

Sie starrten sich an. Die Positionslichter eines langsam vorbeiziehenden Flussdampfers blinkten matt durch den dichten Nebel. Das dumpfe Tuten einer Schiffssirene mischte sich in das monotone Rauschen des Stroms.

Ich bin Curly Jones“, stieß der junge Mann abgehackt hervor. „Hat Colder dich geschickt?“

Ein Gefühl, als könnten die dunklen Augen des Fremden die Verzweiflung, die Angst in seinem Innern sehen. Dann wieder der Klang dieser unerschütterlich ruhigen Stimme.

Mein Name ist Sheng. Ich bin fremd in dieser Gegend, fch kenne Colder nicht. Aber ich sehe, dass du verwundet bist. Kann ich dir helfen?“

Der Gewehrlauf ruckte. „Rühr dich nicht! Eine falsche Bewegung, und es knallt! Sie sind hinter mir her. Aber verdammt will ich sein, wenn ich mich von diesen Mördern erwischen lasse! Ich brauche dein Pferd, Mister!"

Der große Mann wies mit ausdrucksloser Miene auf das neben ihm liegende Deckenbündel. „Das ist alles, was ich besitze. Ich habe weder Pferd noch Waffe.“

Du lügst!“, zischte Curly Jones. „Kein Mann in diesem Land zieht ohne...“

Er brach ab, duckte sich und lauschte gespannt. Schweiß perlte auf seinen Wangen.

Die Positionslichter des Steamers waren im Nebel verschwunden. Klatschende Ruderschläge näherten sich der Bucht, auf deren kiesigem Ufer das Feuer flackerte. Ein Zucken huschte über Curly Jones' Miene.

Das sind sie! Earl Jessup und seine Leute. Ich bin erledigt, wenn sie mich erwischen. Zum Teufel, Mann, her mit deinem Gaul!“

Sheng erhob sich ruhig, als würde der Karabiner in den Fäusten des jungen verzweifelten Mannes nicht existieren. „Bist du sicher, dass sie dich töten wollen?“

So sicher, dass ich auch dir keine Chance lasse, wenn du nicht sofort...“

Jones wollte um das Feuer herum, doch die Beine trugen ihn plötzlich nicht mehr. Ächzend sank er auf die Knie. Sheng wollte zu ihm, da drang eine raue Stimme über den Fluss.

Dort ist er! Da am Feuer! He, Curly, weg mit der Knarre, sonst knallt es!“

Ein Boot tauchte schemenhaft aus den milchigen Schwaden auf. Vier dunkle verwischte Gestalten trieben es mit kräftigen Riemenschlägen voran. Ein fünfter Mann stand mit dem Colt in der Faust hoch aufgerichtet im Bug.

Curly biss die Zähne zusammen, schwang das Gewehr herum. Sheng war schneller. Ein Zucken seines rechten Fußes, und der Karabiner klapperte auf die Steine. Im nächsten Moment stand Sheng schon wieder so ruhig da, als hätte er sich nicht bewegt. Curly starrte ihn an. Hass und Verzweiflung in seinen Augen.

Du Narr! Sie werden dich ebensowenig am Leben lassen wie mich!"

Sheng schwieg, wartete.

Knirschend schrammte der Kiel des Bootes aufs kiesige Ufer. Die Männer sprangen heraus, schwärmten blitzschnell aus. Revolver glänzten in ihren Fäusten. Die Flammen beleuchteten harte, finstere Gesichter. Kräftige Gestalten in derber Schifferkleidung. Bis auf den Anführer. Earl Jessup. Ein großer, sehniger, gefährlich aussehender Mann in dunkelgestreiftem Stadtanzug. Ein scharfgeschnittenes Gesicht mit verwegenen, kalten Augen. Lässig schob er die Waffe in die tiefhängende Halfter zurück, die mit dünnen Riemen am Oberschenkel festgebunden war. So trug ein berufsmäßiger Schießer den Colt. Ein tastender Blick auf Sheng. Ein spöttisches Nicken.

Gut gemacht, Freund. Damit hast du dir 'ne Menge Ärger erspart. Wer bist du?“

Sheng, ein Wanderer.“

Ein gedrungener Kerl, der einen glitzernden Goldring am linken Ohr trug, lachte rau auf. „Ein lausiger Tramp, Earl! Noch dazu ein halber Chink! Sicher einer von den Dummköpfen, die für eine Handvoll Reis und ein paar lumpige Cents pro Tag in den Bergwerken und beim Bahnbau schuften. Feiges Pack!“ Er spuckte Sheng vor die Füße.

Jessups Blick war durchdringend. Der Blick eines Mannes, der sich nicht so leicht täuschen lässt. Mit einem halb spöttischen, halb lauernden Lächeln holte er einen Silberdollar aus der Tasche, ließ ihn vor Sheng fallen.

Für deine Mühe, Freund. Earl Jessup lässt sich nicht lumpen, wenn ihm jemand ’nen Gefallen erweist.“

Die anderen lachten. Sheng bewegte sich nicht. Jessup wich lauernd zurück. „Na los, heb ihn auf! Hast du etwa Angst, dass du dich bedanken musst?“

Sheng sah die Drohung in Jessups Raubvogelaugen, die nervige Hand am Kolben des tiefhängenden Colts. Aber Hohn und Gefahr prallten an ihm ab. Es war sein Schicksal, dass er immer wieder um sein Leben kämpfen musste, seit er vor Jahren aus dem Kloster vom Weißen Lotus übers Meer geflohen war. Er war ein Mann des Friedens, der mit der Gefahr lebte. Der auf sein Chi vertraute, die unüberwindbare Kraft in seinem Innern. Seine Ruhe war keine Maske. Die Ruhe eines Mannes, der gelernt hat, die Angst zu besiegen. Auch die Angst vor dem Tod. Er wies auf den Verwundeten.

Was habt ihr mit ihm vor?“

Jessups Augen wurden schmal. „Du bist neugierig, Freund. Das ist nicht gut. Besser wäre es, du nimmst das Geld und...“

Er fuhr herum. Eine katzenhafte, wilde Bewegung. Nur ein Stocken von Curlys Atem hatte ihn gewarnt. Jones versuchte gerade sein Gewehr zu packen. Rasch stellte Jessup seinen Fuß darauf. Er lachte. Ein mitleidloses, hartes Lachen, das in Shengs Ohren schmerzte.

Verrückt, Curly, wenn du dir noch eine Chance ausrechnest! Genauso wie es verrückt war, abzuhauen, nach allem, was passiert ist! Du hättest wissen sollen, dass sich Verrat nicht auszahlt. Dachtest du im Ernst, Colder, dieser übergeschnappte Tintenschmierer könnte es schaffen, mich ans Messer zu liefern? Der Kerl ist größenwahnsinnig, sich mit uns anzulegeri! Was ist er schon gegen die Missouri Steamboat Company? Eine Null, weiter nichts! Was hat er dir eigentlich dafür geboten, wenn du ihm die Wahrheit über den Überfall auf den Waffentransport der Armee erzählst?“

Ich will nicht zu Colder!“, keuchte Jones. „Ich will nur weg hier, nichts mehr mit der ganzen Sache zu tun haben!“

Ach nein! Fällt dir das nicht ein bisschen spät ein, Curly-Boy? Ein bisschen zu spät? Du steckst zu tief in der Geschichte. Du weißt zuviel, als dass wir dich laufen lassen dürften.“

Ben war bei den Soldaten, die ihr überfallen habt!“, stöhnte der junge Mann. „Mein eigener Bruder. Und ich habe euch geholfen! Das ist der Grund, warum ich...“

Schluss jetzt! Schafft ihn ins Boot!“ Mit verkniffener Miene drehte sich Jessup zu Sheng um. Es war, als sei eine Maske von ihm gefallen. Kein Spott mehr, keine falsche Lässigkeit.

Wieder lag seine Hand am Colt. „Warum bist du noch hier, Chinese?“

Warum hätte ich gehen sollen?“

Einen Moment starrte Jessup ihn verblüfft an. Dann lachte er klirrend. „Um deine Haut zu retten, du Narr! Nun hast du Dinge gehört, die dir das Leben kosten werden! Du wirst bei den Fischen landen wie Curly, dieser Verräter! Los, fesselt ihn! Eine Kugel ist für so einen Kerl zu schade!“

Der mit dem glitzernden Ohrring war als erster bei Sheng. Ein wildes Lachen, ein zum Schlag erhobener Colt. Alle erwarteten, Sheng unter dem Hieb zusammenbrechen zu sehen. Da fuhren Shengs Hände hoch. Keiner wusste, wie es zuging, doch der Gedrungene krümmte sich plötzlich und fiel, nach Atem ringend, auf die Knie. Sein 45er lag wie hingezaubert in Shengs Rechter. Die Mündung deutete auf Jessup.

Verschwindet! Steigt in euer Boot! Aber lasst eure Waffen hier!“

Der sehnige Mann im dunklen Anzug starrte auf die Waffe in Shengs Faust. Steinerne Härte überzog sein Gesicht. „Na gut, ich mache dir ’nen Voschlag, Sheng. Du kannst verschwinden, wenn du die Gegend für immer verlässt. Curly bleibt hier."

Nein.“ Sheng ging so dicht an den Verbrecher heran, dass die Coltmündung den Mann fast berührte. Jessup brauchte nur in diese harten dunklen Augen zu blicken, um zu wissen, dass jedes weitere Wort sinnlos sein würde. Er öffnete die Schnalle seines Revolvergurtes. Kein Fluch, kein Zähneknirschen.

Du wirst es noch bereuen“, war alles, was er sagte. Sein Revolver klirrte auf die Steine. Da erst ließen die anderen ebenfalls ihre Waffen fallen.

Jessup blickte Curly an, der sich keuchend, mit ungläubiger Miene, auf die Seite gewälzt hatte. „Du weißt jetzt, dass wir kein Theater mehr spielen. Dass wir erbarmungslos gegen jedermann zuschlagen, der uns einen Strich durch die Rechnung zu machen versucht. Sag du ihm, dass er keine Chance hat, am Leben zu bleiben, wenn ich ihm wieder begegne.“

Mit festen Schritten stiefelte er zum Boot. Kein Besiegter, sondern ein Mann, der nicht ruhen würde, bis er diese Niederlage ausgebügelt hatte. Seine vier finster blickenden Kumpane folgten ihm. Als sie vom Ufer ablegten, hob Sheng die Münze auf und warf sie zu ihnen ins Boot. Gleich darauf verschwand der Kahn im Nebel, der den Strom in eine riesige Waschküche verwandelte.

Curly atmete flach und stoßweise. „Warum tust du das für mich?“

Würdest du es nicht auch für mich tun?“

Ein schwaches Kopfschütteln. „Du bist ein seltsamer Kerl, Sheng. Dabei weißt du nicht einmal genau, um was es geht.“

Ich habe genug gehört. Es ist gut, dass du dich von diesen Männern getrennt hast.“

Ich hasse sie! Ich wollte Bens Tod rächen, deshalb versprach ich Colder, ihm zu helfen. Er ist Zeitungsherausgeber in Riverhill, einem kleinen Nest acht oder zehn Meilen von hier, wo auch Bill Randall sein Hauptquartier hat. Die Macht, die Randall mit seinen Revolvermännern auf die Missouri-Schifffahrt und die Uferstädte ausübt, ist Colder schon lange ein Dorn im Auge. Seit dem Überfall auf den Armeetransport ist er entschlossen, Randalls Steamboat Company als Mörderbande zu entlarven. Aber Jessup hat recht. Colder und seine Schwester stehen auf verlorenem Posten. Es war verrückt von mir, mich auf ihre Seite schlagen zu wollen. Wenn diese verdammte Wunde nicht wäre...“

Lieg ruhig! Ich hole Verbandszeug aus meinem Bündel."

Curly griff hastig nach seinem Arm. „Lass nur! Ich schaff es schon. Verlier hier keine Zeit mehr. Colders Schwester wartet sieben Meilen westlich von hier auf einer verlassenen Farm. Wenn du noch etwas für mich tun willst, Sheng, dann geh zu ihr. Warne sie. Sag ihr, Jessup ist mir auf die Schliche gekommen. Sag ihr, alles hat keinen Sinn mehr. Ihr Bruder soll die Finger von der Sache lassen. Randall ist zu mächtig ...“

Sei unbesorgt. Ich werde sie verständigen.“

Curly entspannte sich. Seine Augen forschten in Shengs Gesicht. „Du bist nicht irgendein gewöhnlicher Herumtreiber“, murmelte er erschöpft. „Wer bist du wirklich?“

Sheng starrte in den Nebel. Er sah Bilder aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit. Seine Stimme klang abwesend. „Ein Mann auf der Flucht vor Feinden, die vielleicht noch mächtiger sind als Randall. Ein Mann auf der Suche nach seinem unbekannten Vater. Vielleicht werde ich ihn hier am Missouri finden. Als den Besitzer eines Flussdampfers, dessen Name ich durch Zufall von einem ehemaligen Bootsmann weiter drüben im Westen erfuhr.“

Wie heißt das Schiff?“

Sheng spürte wieder das heftige Pochen seines Herzens. Wie vor einigen Wochen, als er zufällig in einem überfüllten, verräucherten Saloon in den Bergen von Colorado den Namen in einem nebenan geführten Gespräch aufgeschnappt hatte.

Das Schiff trägt den Namen meiner Mutter“, antwortete er leise. „Tei Peh.“

Curly zuckte zusammen. Seine Augen weiteten sich. Unwillkürlich fuhr seine Rechte zum Gürtel. Aber die Halfter an seiner Seite war leer. Sheng hielt ihn fest. Sein Herz schlug wie eine Trommel. Seine Augen brannten.

Was weißt du davon?“

Curly versuchte sich loszureißen. Doch nach allem, was hinter ihm lag, verließ ihn nun die Kraft. Seine Stimme war nur mehr ein heiseres Flüstern, bevor er die Besinnung verlor.

Es war der Steamer von vorhin. Das Schiff, von dem ich geflohen bin...“


*


Miss Colder?“

Die bleierne Stille ringsum schien Shengs Ruf zu verschlucken. Heiß brannte die Sonne auf den staubigen Hof der einsamen, verlassenen Farm herab. Die Winde des Ziehbrunnens war zusammengebrochen. Die Bretterhütten unter den mächtigen Trauerweiden sahen aus, als könnte der nächste Windstoß sie hinwegfegen. Überall Staub, Spinnweben, Unkraut. Zerborstene Fensterscheiben, hinter denen dunkle Leere gähnte. Alles atmete Verfall, Trostlosigkeit. Aber an dem morschen Zügelholm vor der einstigen Wohnhütte stand ein gesatteltes Pferd, eine schlanke rehbraune Stute. Fußabdrücke daneben. Die Spur kleiner, zierlicher Stiefel. Und noch etwas ...

Sheng schloss einen Moment die Augen, konzentrierte sich. Er spürte die Gefahr wie mit einem sechsten Sinn. Der Instinkt des Gejagten. Ein Gefühl, als zielten bereits mehrere Gewehre oder Revolver auf ihn. Doch Jessups Leute konnten unmöglich vor ihm hier sein. Sheng war zwar ein Mann ohne Pferd, aber er hatte die Strecke vom Missouri bis hierher in dem zähen, schwingenden Wolfstrott zurückgelegt, den er stundenlang ohne Pause durchhalten konnte.

Eine Tür knarrte. Eine schlanke Gestalt trat zögernd auf die überdachte staubige Veranda. Eine stockende, gepresste Stimme: „Ich bin Jenny Colder. Was wollen Sie?“

Sie war jung und hübsch. Keine glattgesichtige, marmorgleiche Schönheit. Ein mädchenhaftes Gesicht mit braunen Augen, einem vollen, weichen Mund, einer kleinen Nase. Das dunkelblonde Haar im Nacken zusammengebunden. Eine bezaubernde anmutige Figur in einem Wildlederrock und einer luftigen weißen Bluse. Dazu halbhohe weichlederne Stiefel, ein flachkroniger Hut. Eine Ausstrahlung frischer Natürlichkeit. Aber Sheng sah mehr: ein Zucken in den Mundwinkeln, ein Flackern in den Augen, verkrampfte Hände. Angst!

Er stand reglos auf dem heißen Hof. Ein großer, schlanker Mann, dessen einziger Besitz das leichte Deckenbündel am Riemen auf seinem Rücken war. Ein Hauch von Fremdartigkeit umgab ihn. Es war zu spät zur Flucht. Curly hatte sein Wort, und er würde hier nicht eher verschwinden, bis er die junge Frau in Sicherheit wusste.

Wer ist bei Ihnen, Miss Colder?“, fragte er ruhig.

Ihr Atem stockte. Alle Farbe wich aus ihrem schmalen Gesicht. Dann keuchte sie: „Fliehen Sie! Man will Sie töten!“

Eine Bewegung war in der Tür hinter ihr. Der brutale Stoß mit einem Gewehrlauf schleuderte sie nach vorne. Sie stolperte auf den ausgetretenen Verandastufen, stürzte in den Staub des sonnenbeschienenen Hofes. Blankes Entsetzen auf ihrer Miene. Ihre Augen waren noch immer auf Sheng gerichtet, der sich nicht rührte, nur langsam den Blick hob.

Ein schwarzgekleideter Mann stand breitbeinig an der Verandakante. Eine Winchester zielte auf Sheng. Darüber ein breitknochiges, gelbliches Gesicht mit einem schwarzen Sichelbart, dessen Enden über die Mundwinkel herabhingen. Schmale stechende Augen. Ein dünnlippiger Mund, der sich zu einem höhnischen Lächeln verzog. Kein Mann aus Jessups Killercrew. Schlimmer, viel schlimmer! Ein Mann vom Schwarzen Drachen...

Sheng war es, als greife eine eisige Faust nach seinem Herzen. Einen Moment spürte er die Urangst der todgeweihten, in die Enge getriebenen Kreatur. Es war nur ein Aufwallen. Er rief sein Chi, die Kraft in seinem Innern, die ihm die Lehre des Tao Chi vermittelte. Jene Lehre, nach der er im Kloster vom Weißen Lotus erzogen und zum ersten Kung Fu-Kämpfer ausgebildet worden war. Er bezwang seine Furcht. Das Todesurteil, das er in den Augen des stämmigen fremden Chinesen auf der Veranda las, schreckte ihn nicht mehr. Es ging um mehr als um sein Leben. Mehr als um die nun vergebliche Spur, die er von seinem Vater aufgespürt hatte.

Wie von weit her hörte er die Stimme des Mannes mit der Winchester. „Ich bin Suang Chun, der Abgesandte des Schwarzen Drachen. Seit langem sind meine Freunde und ich auf deiner Fährte. Seit Tagen beobachten wir dich. Du weißt, was wir von dir wollen, Hund vom Weißen Lotus!"

Zwei weitere Männer lösten sich lautlos aus dem Schatten der morschen Nebengebäude. Zwei weitere Gewehre, die Sheng keine Chance ließen. Sheng hob die Hand an die Brust, spürte das köcherförmige Lederetui unter dem Baumwollhemd, in dem er den siebenten Teil der kostbarsten Schriftrolle des Tao Chi bei sich trug. Er war einer der sieben Behüter des großen Geheimnisses, das Jahrhunderte hindurch von den Mönchen vom Weißen Lotus aufbewahrt worden war. Bis zu jener Nacht, in der die Mitglieder des verbrecherischen Geheimbundes des Schwarzen Drachen das Kloster zerstört hatten, um die Weisheitsrolle zu erbeuten.

Nur Sheng und jene Auserwählten waren entkommen. Seitdem gab es keinen Platz mehr, wo sie in Frieden leben konnten, auch wenn sie sich als Kulis tarnten, unter falschem Namen lebten, sich in alle Winde zerstreuten. Die Macht des Schwarzen Drachen reichte bis in den Westen der Vereinigten Staaten. Seine Abgesandten tauchten in den entlegensten Goldgräber- und Rinderstädten auf, um den Überlebenden aus dem Kloster vom Weißen Lotus das Geheimnis zur Erringung der größten Kraft und Energie der Welt abzujagen, mit dem sie eines Tages alle Länder dieser Erde beherrschen wollten. Vergeblich hatte Sheng gehofft, sie in den Schluchten und Canyons des fernen Westens abgeschüttelt zu haben. Die Macht des Schwarzen Drachen war wie ein Fluch, der ihn überallhin begleitete.

Schweiß brannte salzig auf seinen ausgetrockneten Lippen. Aber seine Stimme klang fest, ohne jeglichen Hauch von Panik, fast so, als hätte er diese Begegnung mit seinen alten Todfeinden erwartet.

Du wirst mich töten müssen, Suang Chun, bevor der siebente Schlüssel zum größten Geheimnis des Tao Chi in deine Hände fällt. Viele vor dir haben es versucht. Es ist ihnen nicht gelungen.“

Der Sichelbärtige stieg lässig die Verandastufen herab. Unter dem breitrandigen Hut fiel ein dünner geflochtener Zopf auf seinen Rücken. „Du bist schon jetzt so tot wie ein Stück Holz, Sheng“, lächelte Suang Chun mitleidlos. „Aber du wirst erst sterben, wenn wir von dir wissen, wo die sechs Mönche mit den übrigen Teilen der Weisheitsrolle sind.“

Das wird nie geschehen.“

Du wirst anders reden, wenn du uns besser kennengelernt hast.“

Lasst die Frau gehen. Sie hat mit allem nichts zu tun.“

Woher kennst du sie? Warum hat sie hier auf dich gewartet?“

Nicht auf mich, sondern auf den Mann, von dem ich ihr eine Botschaft bestellen soll.“ Ohne die drohenden Gewehre zu beachten, ging Sheng zu Jenny Colder und half ihr hoch. Sie taumelte gegen ihn. Er spürte ihren warmen, biegsamen Körper, ihre zitternden Finger auf seinem Arm.

Es tut mir leid, dass ich Sie nicht warnen konnte“, sagte sie verzweifelt. „Sie drohten mich zu töten ...“

Sie trifft kein Vorwurf. Es ist meine Schuld. Ich habe nicht gut genug aufgepasst ...“

Die junge Frau starrte ihn an und begriff nicht, dass ein Mann in seiner Situation auch noch beschwichtigend lächeln konnte. Sheng blickte die drei Chinesen an, die sich mit schussbereiten Waffen näherten. „Ihr habt mich in der Falle. Was liegt euch noch an ihr? Lasst sie reiten.“

Niemand hält sie.“

Sheng schob die Frau von sich. „Reiten Sie! Sagen Sie Ihrem Bruder, er soll nicht mehr mit Curly Jones rechnen.“

Curly? Was wissen Sie von ihm?“ Colders Schwester war wie elektrisiert.

Ich habe ihn am Fluss getroffen, verwundet. Jessup ist hinter ihm her. Jones glaubt nur noch an eine Chance, wenn er dieses Land schnellstens verlässt. Er sagt, Ihr Bruder soll seine Pläne aufgeben, Randall zu stürzen. Randall sei zu mächtig.“

Ein Aufflackern von Argwohn in Jennys Augen. „Was wissen Sie von Randall?“

Nur, was mir Curly anvertraute, bevor ich ihn bewusstlos in einem sicheren Versteck zurückließ und mich auf den Weg hierher machte.“

Auf den Weg in den Tod!“, höhnte Suang Chun. „Wie kannst du dich mit den Problemen anderer Leute befassen, wenn es um dein eigenes Leben geht!“

Sheng lächelte kaltblütig. „Der Tod kann warten. Ich fürchte ihn nicht."

Ich werde dich lehren, ihn zu fürchten“, sagte der Mann vom Schwarzen Drachen mit überzeugter Gelassenheit. „Ma’am, Sie haben noch eine halbe Minute. Vergessen Sie, was Sie hier gesehen und gehört haben, wenn Sie am Leben bleiben wollen.“

Die Frau zögerte. Ihr Blick flog gehetzt zwischen Sheng und seinen Gegnern hin und her. Dann lief sie zu ihrem Pferd. Die Art, wie sie sich hinaufschwang, verriet die geübte Reiterin. Sie sah nicht aus wie eine Frau, die die meiste Zeit ihres Lebens in einem Zeitungsbüro verbrachte.

Die stampfenden Hufe hüllten die Reiterin in eine dicke Staubwolke, da griff Jenny Colder in die unverschlossene rechte Satteltasche. Sie warf Sheng einen kurzläufigen Revolver zu. „Kämpfen Sie! Wehren Sie sich!“

Alles ging blitzschnell. Die Menschenjäger vom Schwarzen Drachen konnten es nicht verhindern. Mit verzerrter Miene sprang Suang Chun zurück, wollte feuern. Doch Sheng ließ den Revolver achtlos in den Staub fallen.

Jenny zügelte fassungslos das anspringende Pferd. In dieser Minute vergaß sie die Gefahr, in der sie selber schwebte. „Mein Gott! Warum tun Sie nichts?“

Sheng streifte ruhig sein Deckenbündel ab. „Ich brauche keinen Colt, um am Leben zu bleiben.“

Suang Chun lachte kehlig. „Es heißt, seine Hände und Füße sind tödliche Waffen. Dein Fehler, wenn du dich darauf verlässt, Sheng! Mit einer Kugel in jedem Bein wirst selbst du nicht mehr kämpfen!“

Der Lauf der Winchester senkte sich. „Nein!“, schrie Jenny entsetzt. Aber ihre Stimme versank bereits im Peitschen eines Schusses.

Sheng sauste mit seitlich hochgeworfenen Armen kerzengerade in die Luft. Der Drachensprung. Sein drahtiger Körper glich einer losschnellenden Stahlfeder. Ein Mann, der schneller war als der bleierne Tod aus einem Gewehr. Der in langen Jahren eines harten Trainings gelernt hatte, jede Faser seines Körpers eisern zu beherrschen. Ein zweifacher Meister des Kung Fu ...

Suang Chun warf sich zur Seite, repetierte und schoss sofort wieder. Monatelang hatte er mit dem Gewehr geübt, um für diesen Augenblick bereit zu sein. Aber der Mann vom weißen Lotus stand schon nicht mehr an der Stelle, wo er eben noch federnd aufgesetzt hatte. Ein huschender, unverwundbarer Schatten. Ein Phantom. Tiger-Mann hatten sie ihn beim Bau der großen Eisenbahn genannt, als er unter den Kulis als Kämpfer für die Rechte der Unterdrückten und Wehrlosen bekannt geworden war.

Suang Chun brachte keine Kugel mehr aus dem Rohr. Er sah nur noch einen Schatten auf sich zufliegen, dann mähte ein sausender Schlag ihn nieder. Suang Chun lag noch nicht am Boden, da war der unheimlich schnelle und geschmeidige Kämpfer schon herumgewirbelt. Wieder war sein Körper wie ein durch die Luft sausendes Geschoss.

Eine Gestalt vor ihm, ein blitzendes Mündungsfeuer. Sheng traf den Mann mit beiden Füßen wuchtig vor die Brust, stieß ihn um. Der eigene Schwung ließ ihn einknicken. Geschmeidig schlug er eine Rolle. Der Schuss des dritten Gegners peitschte über Sheng hinweg. Dann war er schon wieder auf den Beinen. Eine Drehung. Der Mann vom Schwarzen Drachen stürzte mit zum Schlag erhobenen Gewehrkolben auf ihn los. Ein seitliches Wegtauchen.

Der Kranichangriff. Die brettharte Hand wie der Schnabel des großen Vogels geformt.

Der blitzschnelle Stoß traf den Angreifer an einer Stelle des Körpers, von der sich sofort eine Lähmung ausbreitete. Sheng wich dem Stürzenden aus, hielt mit ausgebreiteten Armen die Balance. Gleichzeitig ein zielsicherer Kick, der dem vorhin umgeworfenen Chinesen das Gewehr aus den Fäusten prellte. Der Schurke rollte sich flink von ihm weg. Im nächsten Moment blinkte ein Messer in seiner verkrampften Faust. Er schnellte hoch. Ein mittelgroßer, kräftig gebauter Mann mit hassfunkelnden Augen.

Sheng duckte sich. Kein Keuchen, keine Panik, keine Wut. Der ganze Mann war Anspannung, Konzentration. Er wartete in der Verteidigungsposition der Kung Fu-Schlange, zum blitzschnellen Weggleiten bereit. Der Mann vom Schwarzen Drachen hob die Klinge, drehte sie im gleißenden Licht.

Diesmal wirst du nicht schnell genug sein, Hund vom Weißen Lotus.“

Der Angriff war nur eine Finte. Plötzlich stoppte er und hielt einen kleinen doppelläufigen Derringer, der unter seinem schwarzen Kittel verborgen gewesen war, in der hochzuckenden Linken. Jenny Colder stieß einen erschrockenen Schrei aus.

Nur der Bruchteil einer Sekunde trennte Sheng vor dem sicheren Tod. Aber diese Zeitspanne genügte für einen Mann, der nach tausendfacher Übung jeden Kung Fu-Stoß, jede Handbewegung dieser Kampfkunst wie im Schlaf beherrschte. Seine Muskeln, seine Glieder reagierten wie von selber auf jede plötzliche, unerwartete Gefahr. Eine gedankenschnelle halbe Drehung, ein Wegducken unter dem peitschenden Feuerstrahl, gleichzeitig stach das ausgestreckte linke Bein hoch. Alles eine Bewegung. Der Derringerschütze kippte mit ausgebreiteten Armen nach hinten und blieb reglos im Staub liegen.

Die junge Frau saß bleich und wie versteinert im Sattel. Ihr war, als würde sie einen Traum erleben. Ruhig sammelte Sheng die Waffen seiner besinnungslosen Gegner ein und warf sie in den Ziehbrunnen. Den Revolver jedoch, den Jenny ihm zugeworfen hatte, gab er der schlanken Reiterin zurück. Sie blickte ihn fasziniert an.

Ich habe schon viele Kämpfe gesehen, aber keinen wie diesen. Wo haben Sie so zu kämpfen gelernt?“

In China. Bei den Mönchen vom Weißen Lotus, deren Zögling und Schüler ich war.“

Hören Sie zu, Sheng“, sagte Jenny beschwörend. „Sie wissen sicher von Curly, dass mein Bruder den Kampf gegen die übermächtige Missouri Steamboat Company aufgenommen hat, die den Fluss zwischen Omaha und St. Louis beherrscht, deren Boss Bill Randall ist. Keinen Kampf mit Colt und Gewehr, sondern mit den Lettern seiner Zeitung, der Missouri News. Ich habe Jims Pläne von Anfang an für selbstmörderisch gehalten. Aber vielleicht sind Sie der Mann, der ihm helfen kann, nachdem Curly aufgegeben hat. Jim bezahlt gewiss jeden vernünftigen Preis, den Sie ihm nennen.“

Shengs Miene verriet nichts von seinen Gedanken. „Ich helfe den Schwachen und Unterdrückten, so wie es mir die Lehre des Tao Chi gebietet. Aber ich kämpfe niemals für Geld. Ich habe Curly versprochen, Ihnen eine Botschaft auszurichten. Das ist geschehen. Ich habe mein eigenes Ziel. Ich bin auf der Suche nach meinem Vater in dieses Land gekommen.“

Wer ist Ihr Vater?“

Ich kenne seinen Namen nicht. Ich weiß nur, dass er im Westen lebt. Aber ich habe eine Spur gefunden. Ein Dampfer, der für die Missouri Steamboat Company fährt, trägt den Namen meiner Mutter, ,Tei Peh‘. Nun suche ich den Mann, der dieses Schiff so getauft hat.“

Jennys schmale Hände packten die Zügel fester. Ein kalter, feindseliger Glanz war plötzlich in ihren Augen. „Randall selber!“, stieß sie hervor. „Der Eigentümer dieses Steamers ist sein Sohn Frank, den mein Bruder für den Überfall auf den Waffentransport der Armee veranlwortlich macht.“

Ehe Sheng etwas erwidern konnte, riss sie heftig die braune Stute herum und galoppierte wie auf der Flucht vor ihm davon.


*


Die Röte des Sonnenuntergangs verblasste auf den Fluten des Missouri. Dunkelheit senkte sich auf die kleine stille Stadt. Es war eine Stille, die Jenny Colder warnte. Ein warmer Sommerabend. Aber keine Tritte auf den hölzernen Gehsteigen. Kein Knarren der Schaukelstühle auf den Vorbauten. Die Fenster der Brettergebäude blieben finster. Nur in der Redaktion und Druckerei der Missouri News brannte Licht. Aber auch dort Stille. Nicht das übliche Rattern der alten Campbell-Handpresse, die von dem chinesischen Drucker Lo Feng bedient wurde.

Eine Atmosphäre der Angst. Wie immer, wenn die Revolverschwinger der Missouri Steamboat Company in Aktion waren. Jenny ließ ihr Pferd zwischen den Hütten und riesigen Brennholzdepots am Flussufer zurück. Die Missouri News war auf einem kleinen, flachkieligen Flussboot untergebracht, das fest vertäut am Ufer lag. Keiner von den Schaufelraddampfern mit den üblichen übereinandergestaffelten Decks, die den Missouri und Mississippi wie schwimmende mehrstöckige Häuser befuhren. Da war nur ein flaches Deck mit dem klobigen, angerosteten Dampfkessel, der seit Jahren nicht mehr in Betrieb genommen worden war. Dazu ein kajütenähnlicher Hüttenaufbau. Ein Schild über dem Eingang. Missouri News - Redaktion und Druckerei stand in verwaschenen Lettern darauf.

Zögernd beschritt die junge Frau die hölzerne Rampe. Glucksendes Wasser am Rumpf des alten klapprigen Bootes. War da nicht eine schattenhafte Bewegung hinter dem Kessel? Jenny tastete nach dem Revolver, den sie in den Rockbund geschoben hatte, stieß entschlossen die Tür auf. Sie rührte die Waffe nicht an. Schreck weitete ihre Augen, als sie ihren Bruder bleich und reglos auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch sitzen sah. Eine Gewehrmündung an seiner Schläfe.

Ein raues Lachen füllte den von einer Petroleumlampe erhellten Raum. „Nur hereinspaziert, Ma’am!“

Colder war ein junger blonder Mann, groß, schlank, mit brennenden blauen Augen in einem scharf geschnittenen Gesicht. Sein Mund war zu einem Strich zusammengepresst. Sein Blick schien durch die junge Frau hindurchzugehen. In der Ecke war Lo Feng auf einen Stuhl gefesselt. Colders Drucker, ein magerer, weißhaariger Chinese, den Jenny geduldig für diese Arbeit angelernt hatte.

Jenny ließ die Tür hinter sich offen. Sie schluckte, um das plötzliche Würgen in der Kehle loszuwerden. Ihr Blick heftete sich auf den Massigen mit dem Gewehr, der sie höhnisch angrinste.

Lässt Randall die Maske endlich fallen, Dolan? Erklärt er uns nun schon offen und ohne Rücksicht auf die Stadtbewohner den Krieg?“

Randall verteidigt nur sein gutes Recht“, brummte Dolan achselzuckend. „Den Ruf seines Sohnes, den Ihr übergeschnappter Bruder in den Dreck ziehen will!“ Er zog eine zusammengefaltete, noch druckfeuchte Zeitung aus der Innentasche seiner abgeschabten Kordjacke und warf sie Jenny vor die Füße.

Da! Sehen Sie sich an, was dem Boss heute auf den Tisch geflattert ist! Wenn Sie schon von ’ner Kriegserklärung reden, Kindchen, dann trifft das haargenau auf dieses verdammte Geschmiere zu!“

Jenny blickte ihren schweigenden, reglosen Bruder an. Dann bückte sie sich langsam, hob die Zeitung auf, faltete sie auseinander. Die fettgedruckten Schlagzeilen stachen ihr in die Augen.

Waffen an Bord der Tei Peh! Handelt es sich bei der Ladung des Flussdampfers, dessen Eigentümer Bill Randalls Sohn Frank ist, um die geraubten Armeegewehre?...

Kreidige Blässe überzog Jennys Gesicht. Die Zeitung rutschte ihr aus den Fingern. „Jim, mein Gott, wie konntest du das tun!“

Die Haut spannte sich über Jim Colders Wangenknochen. Er vermied es, auf Dolans Gewehr zu blicken. Ein fanatisches Funkeln in seinen blauen Augen. „Ihr könnt die Wahrheit nicht länger vertuschen! Ein Teil der letzten Ausgabe meiner Zeitung ist bereits nach Kansas City unterwegs. Dieser Artikel wird im Marshalbüro wie eine Bombe einschlagen. Nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Sternträger hier in Riverhill aufkreuzt, um endlich Nachforschungen darüber anzustellen, wie Randall und sein Sohn zu ihrer Macht und zu ihrem Geld gekommen sind.“

Du irrst dich, Jim“, unterbrach ihn die junge Frau.

Das Funkeln in Colders Augen erlosch. Ein Moment der Leere auf seinem angespannten schmalen Gesicht. Dolan lachte höhnisch. Aber Colder hörte es nicht. Er vergaß auch das drohende Gewehr. Er sah nur Jenny. Langsam, wie von unsichtbaren Stricken gezogen, erhob er sich von seinem Stuhl.

Was ... willst du ... damit... sagen?“ Jedes Wort kam zäh über seine Lippen.

Jenny senkte den Blick. Ihre Stimme war tonlos. „Jessup weiß über Curly Bescheid.“

Ist er... tot?“

Er wurde verwundet. Er kann nur noch versuchen, sein Leben zu retten Es hat alles keinen Sinn mehr, Jim.“

Na, Colder, wo bleiben jetzt deine Beweise?“ Dolan stieß den Zeitungsherausgeber mit dem Gewehr an. Wieder sein rauhes, aufreizendes Gelächter, das,, durch die offene Tür über den nächtlichen Fluss schallte. „Glaubst du immer noch, du kannst Randall was am Zeug flicken, eh? Weigerst du dich immer noch, dieses irre Geschreibsel zu widerrufen?“

Randalls Sohn kann mit den Gewehren bei den Sioux ein Vermögen verdienen. Jedermann weiß, wie es dort oben im Norden brodelt, wie wild die Roten auf jedes Schießeisen sind. Aber das ist nicht alles, was ich herausbekommen habe. Ich weiß auch, dass Jessup schon früher, bevor er Randalls Revolvermannboss wurde, zwielichtige Geschäfte mit den Indianern gemacht hat. Alles passt zu gut zusammen, um nur eine fade Vermutung zu sein.“

Jim, um Himmels willen, hör jetzt auf damit!“, rief Jenny.

Dolan hatte das Gewehr wieder drohend erhoben. Jetzt drehte er den Kopf, ein verschlagenes Glitzern in den Augen. „Bring sie her, Jack!“

Der fuchsgesichtige Halunke, der Jenny festhielt, schnappte sich erst ihren Revolver, bevor er sie zum Schreibtisch zerrte. Colder duckte sich.

Lasst Jenny aus dem Spiet!“

Wieso denn?“, grinste Dolan. „Sie ist deine treueste, ergebenste Mitarbeiterin, die es sicherlich verdient, dass du ihr auch mal den großen Leitartikel überlässt, nicht die Klatschspalten über Mrs. Hendersons Geburtstagsfeier und die Zwillinge, die Rose Dexter während einer Bootspartie nach Willowtown zur Welt gebracht hat! Kommen Sie nur, meine Süße. Da ist Feder, Tinte und Papier. Wenn Sie wollen, Kindchen, dass Ihr Bruder diese Nacht mit heilen Knochen übersteht, dann schreiben Sie!“

Nein, Jenny, tu's nicht!“, keuchte der junge Besitzer der Missouri News. Dolan setzte ihm die Gewehrmündung auf die Brust und drängte ihn gegen das Aktenregal.

Jenny blickte Jim mit verschleierten Augen an. „Sie schrecken vor nichts mehr zurück. Wir waren von Anfang an machtlos gegen sie.“

Sag das nicht!“, knirschte Colder. „Denk daran, was Randall uns angetan hat! Ich werde nicht vor ihm auf den Knien rutschen! Niemals! Ich werde ...“

Dolans Gewehrlauf traf ihn wieder. Mit einem Schrei riss Jenny sich los und versuchte dem bulligen Kerl die Waffe zu entreißen. Dolan stieß sie so heftig zurück, dass sie stürzte. Seine beiden Kumpahe packten Jenny, zerrten sie hoch.

Plötzlich stand eine hochgewachsene, schlanke Gestalt in der offenen Tür. Eine ruhige Stimme. „Lasst sie los!“

Die Köpfe der Halunken flogen herum. Ihre Hände zuckten zu den Halftern. Sie entspannten sich, als sie sahen, dass der lautlos Eintretende unbewaffnet war. Ein großer, einfach gekleideter Mann mit einem leichten Deckenbündel am Riemen auf dem Rücken. Er streifte es lässig ab, hängte es über eine leere Stuhllehne, ganz so, als wollte er es sich hier gleich bequem machen. Ruhige, sichere Bewegungen. Etwas unerklärbar Fremdes strömte von ihm aus.

Sheng!“, rief Jenny überrascht.

Der Kung Fu-Mann nickte ihr lächelnd zu. „Seien Sie unbesorgt, Ma'am. Ihnen und Ihrem Bruder wird nichts mehr geschehen. Ich bin hier, um mich dafür zu bedanken, dass Sie mir heute zu helfen versuchten und dabei Ihr Leben riskierten. Ich lasse niemals eine Schuld unbeglichen.“

Dolan richtete das Repetiergewehr auf ihn. „Zum Teufel, was bist du für einer? Was willst du hier?“

Alles der Reihe nach“, antwortete Sheng ruhig. „Eine Hand kann nicht zwei Dinge auf einmal tun.“ Dolans Gewehr schien für ihn nicht vorhanden zu sein.

Verblüfft beobachteten die Schießer, wie er zu dem gefesselten Drucker ging und ihn losband, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt. Der weißhaarige Chinese erhob sich unsicher. Sheng kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich knapp vor ihm. „Ich grüße dich, älterer Bruder aus dem Reich der Mitte“, sagte er auf chinesisch.

He!“, rief Dolan wütend. „Entweder bist du verrückt oder lebensmüde, Kerl! Vielleicht auch beides! Was willst du?“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909869
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Mai)
Schlagworte
sheng waffenhändler

Autor

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Titel: Sheng #11: Sheng und die Waffenhändler