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Texas Mustang #14: Der Teufel wartet schon auf dich!

2017 120 Seiten

Leseprobe

Der Teufel wartet schon auf dich!


Ein Western von U.H.Wilken





IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/Schottland, 2017

Früherer Originaltitel: Morgen holt dich der Teufel

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappentext:

Coyotero-Apachen überfallen die Farm von Eugene Jerome, verwunden ihn schwer und entführen seine Kinder. Mit letzter Kraft rettet sich Jerome in die nahe Stadt Pino Altos und berichtet von der Entführung. Dann stirbt er. US Marshal Jim Allison erfährt davon und beschließt, die entführten Kinder zu suchen und sie zu befreien, falls sie überhaupt noch leben. Dabei findet er heraus, dass die Coyotero-Apachen Waffen von einem gewissenlosen weißen Geschäftsmann namens Sol Sutherland bekommen haben. Sutherland hetzt die Indianer weiter auf und riskiert in seiner Gier einen blutigen Krieg. Ob US Marshal Jim Allison Sutherlands finstere Pläne durchkreuzen kann?





Roman:

Es war Sonntag in der Wildnis des Apachenlandes. Der Tod kam in der hellen Morgenstunde. An diesem schönen Sommertag verlor Eugene Jerome seine Kinder und sein Leben.

Er trat über die Türschwelle hinaus auf den Hof. Der Morgendunst lag noch im Tal seiner kleinen Farm. Mit schweren, erdhaften Schritten stapfte er über den Hof und in den Stall, sprach zu den Pferden und spannte sie vor den Buggy.

Langsam fuhr er den Zweispänner aus dem Stall und richtete sich auf. Suchend blickte er umher. Der laue Wind löste die Spinnweben von den taufeuchten Sträuchern. Glitzernd wehten die Fäden in das Maisfeld hinein. Unruhig stampften die Pferde vor dem Buggy.

Mitch, Susan!“

Laut rief er nach seinen Kindern. Im Tal antwortete schwach das Echo. Die Maiskolben tanzten im Wind. Er wusste, dass seine Kinder gern im Maisfeld herumtollten und einander zwischen den hohen Stauden suchten.

Kommt, Kinder! Wir wollen nach Pinos Altos!“

Der Wind trug seine Stimme über die Felder. Das Stalltor bewegte sich leise knarrend. Die Pferde witterten in den Wind.

Wo bleibt ihr denn? Kommt schon!“

Eugene Jerome wurde unruhig. Forschend schweifte sein Blick über den Talrand. Die staubigen Bäume warfen ihre Schatten auf die Felsklippen. Im Maisfeld bewegte sich etwas und drückte die Stauden zur Seite.

Ja, Daddy!“, antwortete plötzlich Eugene Jeromes Sohn. „Wir kommen!“

Der Fünfzehnjährige umfasste die Hand seiner Schwester und bahnte sich einen Weg durch das Maisfeld.

Zieh doch nicht so, Mitch“, sagte die neunjährige Susan, „du reißt mir ja den Arm raus!“

Du hast doch zwei, Little Susy“, antwortete Mitch grinsend. „Los, beeil dich, Daddy will mit uns zur Kirche! Weißt du nicht, dass heute Sonntag ist?"

Ich will aber lieber spielen, Mitch! Immer in die Kirche. Warum...“

Das kleine Mädchen verstummte. Die blauen Augen weiteten sich. Little Susy konnte kein Wort hervorbringen, sie konnte auch nicht schreien. Der Hals war wie zugeschnürt.

Mitch stand völlig erstarrt Der Junge wurde von einer Sekunde zur anderen blass. Zitternd krampfte sich seine Rechte um die zierliche Hand der Schwester.

Vor ihnen im dichten Maisfeld stand geduckt ein Indianer! Das knochige braune Gesicht zeigte die dicken Farben des Krieges. Dunkle Augen blickten Mitch und Susy stechend an. Die Sonne ließ das lange schwarze Haar bläulich glänzen.

Ein Apache!

Auf dem Hof der kleinen Farm stampften die Pferde. Aufrecht stand Eugene Jerome auf dem Buggy.

Beeilt euch doch, Kinder! Wir wollen nicht zu spät zum Gottesdienst kommen! Mitch, mach mich nicht zornig, Junge!“

Sein Sohn antwortete nicht. Im Maisfeld raschelte es. Zwei weitere Krieger tauchten auf und glitten näher. Die Kinder des Farmers waren bereits in der Falle der Indianer.

Nein!“, gellte der Schrei des Jungen aus dem Maisfeld hervor. „Pass auf, Daddy! Indianer! Pass...“

Ein Fausthieb traf den Jungen, schleuderte ihn zu Boden. Krieger rissen das kleine Mädchen von den Beinen. Sehnige Hände pressten sich auf die Lippen der Kinder.

Aufbrüllend wollte Eugene Jerome vom Buggy springen, wollte sein Gewehr holen - doch in diesen Sekunden sirrte ein Pfeil heran und bohrte sich mit einem dumpf klatschenden Geräusch in seine Brust. Röchelnd fiel er auf den Bock zurück. Die Hände hielten die Zügelenden.

Die Pferde rasten los und rissen den Buggy hinter sich her. Im wilden Galopp tobten die Wagenpferde am Haus vorbei und folgten dem sandigen Weg aus dem TaL Der Kopf des Farmers flog hin und her. Schwankend saß er auf dem leichten Wagen. Blut sickerte aus der Brust, rann am Pfeilschaft abwärts, tropfte auf den Wagen. Um ihn herum drehte sich alles. Er stöhnte und röchelte und wollte die Pferde anhalten, doch sie gehorchten ihm nicht, hetzten an den Feldern vorbei und verließen das Tal. Der Buggy sprang über flache Felsen hinweg. Die Räder wühlten sich durch den Sand. Die Pferde schleuderten den Staub hoch.

Im Maisfeld raschelte und knackte es.

Indianer schleppten die Kinder durch das Maisfeld. Mitch strampelte mit den Beinen und trat um sich. Little Susy erstickte fast unter dem brutalen Druck der Hand auf ihrem Mund.

Kehlige Stimmen wurden laut.

Ponys trappelten über den Talrand.


*


Totenstille kehrte in das kleine Tal ein. Hufschlag zerstörte diese Stille. Ein einsamer Reiter tauchte am Talrand auf.

Der Schecke hob witternd den Kopf und warnte seinen Reiter durch dumpfes Prusten. Im Nu war US Marshal Jim Allison aus dem Sattel. Schon hielt er seine Winchester im Anschlag.

Dir gefällt was nicht, King?“, raunte er. „Ich kann nichts sehen. Alles sieht doch friedlich aus.“

Der Hengst scharrte mit dem rechten Vorderbein. Der Marshal spähte wachsam über das Tal hinweg. Staub hing über dem sandigen Weg. Die Tür des Farmhauses stand weit auf. Nirgendwo war etwas Verdächtiges zu erkennen. Der große muskulöse Mann wurde dennoch misstrauisch. Er konnte sich auf seinen Hengst King verlassen. Hart lud er durch, dann ging er geduckt in das Tal. Der Schecke folgte ihm. Die Zügelenden schleiften über den Boden. Heiß brannte die Sonne. Der Morgenwind brachte das Maisfeld in Bewegung.

Kaltblütig näherte der Marshal sich der Farm.

Das Stalltor knarrte laut.

Langsam überquerte Allison die Felder. In seinen Augen flimmerte es kalt. Der scharfe Blick schnellte ständig suchend umher.

Die tiefe Stille der Verlassenheit lastete über dem Tal.

Der einsame Mann stand still. Sein Hengst blähte die Nüstern und nahm den Wind in sich auf. Die Steigbügel schwangen hin und her. Die Mähne flatterte.

Jetzt ging Allison weiter. Er schlich in einem der Gräben auf das Haus zu. Nichts geschah. Er erreichte den Stall und verharrte an der erwärmten Bretterwand. Vor ihm lag der Hof. Die Spur des Buggys führte am Haus vorbei. Die Pferde hatten den Boden aufgerissen. Daran erkannte Jim Allison, dass sie wild und heftig losgestürmt waren.

Ein leiser Pfiff kam über seine Lippen.

Der Mustang trabte los. Das schwarzweiß gefleckte Pferd trottete hörbar näher. Allison gab seinem Pferd ein Zeichen. King ging vorbei und blieb mitten auf dem Hof stehen.

Allison wartete angespannt und entschlossen.

Im Farmhaus klapperte es blechern. Die alte Gardine am Fenster wurde bewegt. Jim Allison konnte nur eine Hand erkennen, nicht das Gesicht. Noch immer stand er in der Deckung des Stalls. Er spürte die Gefahr. Er hatte wieder so ein seltsames Gefühl im Nacken.

Die Gardine wurde losgelassen und fiel zurück. Im Haus war es jetzt völlig still. Drüben, am Rand des Hofes, scharrte Federvieh. Nichts deutete auf einen Überfall hin. Alles wirkte friedlich.

Dennoch blieb Allison vorsichtig.

King stampfte und blickte zum Haus hin. Das kluge Pferd musste fremde Menschen gewittert haben.

Plötzlich hörte Allison leise Geräusche im Haus. Er ging in die Knie und starrte über den Hof. Sekundenlang tauchte eine Gestalt in der Tür auf, glitt sofort zurück, doch der Marshal hatte sie erkannt Er zielte auf die Tür und hatte den Finger am Abzug.

Geduckt kam ein Indianer aus dem Haus hervor. Die ledernen Beinkleider rieben aneinander. In den Händen schimmerte ein staubiges Gewehr. Kriegsfarben entstellten das Gesicht. Fünf Schritte von King entfernt, blieb der Apache stehen.

Wie ein wildes Raubtier roch der Apache in den Wind und blickte lauernd umher. Hinter ihm im Haus schien kein Leben zu sein.

Allison nahm die Rechte von der Winchester und zog sein Bowiemesser hervor. Dichte Sträucher neben dem Stall gaben ihm Deckung.

Der Apache glitt in einem respektvollen Bogen um den Hengst herum.

In diesem Moment gab Allison einen Zischlaut von sich und stöhnte dann hörbar. Sofort hetzte der Apache näher und kauerte sich vor dem Stall nieder.

Wieder stöhnte Allison, als läge er im Sterben.

Er konnte den Apachen nicht sehen, doch King beobachtete den Indianer und verriet dem Marshal dadurch, dass der Apache sich bewegte.

Mann und Pferd waren wie Partner, die zusammenarbeiteten.

Jim Allison hatte längst begriffen, dass auf dieser Farm der Tod eingekehrt war. Er hatte schreckliche Ahnungen und sah schon im Geiste die blutigen und skalpierten Menschen im Haus.

Der Apache kroch um den Stall und entdeckte Allison.

Wie tot lag der Marshal auf der Seite. Der alte Stetson schien ihm vom Kopf gerutscht zu sein, lag jetzt auf den Händen, die er gegen den Bauch gepresst hielt.

Der Krieger riss sein Messer hervor und kroch um die Sträucher. Das lange Haar roch nach ranzigem Büffelfett. Die Mokassins rieben durch den Sand. Auf allen Vieren kam er näher, erreichte Allison und wollte das Messer in den Körper des Marshals jagen.

Da handelte Allison schnell, hart und eiskalt Er packte den Arm des Kriegers, hielt ihn eisern fest und stieß mit der rechten Hand hoch. Tief drang das Bowiemesser ein. Leblos fiel der Apache zur Seite. Nur ein verhaltener Seufzer war zu hören gewesen.

Allison betrachtete den Krieger. Der Apache gehörte keinem Stamm an. Es war kein Mescalero, kein Tonto, kein Aravaipa.

Coyotero“, murmelte Allison.

Dieses Mordgesindel machte den ganzen Südwesten unsicher. Es waren Ausgestoßene und Abtrünnige, die sich zu einer Mordbande zusammengetan hatten und von Frieden und Sesshaftigkeit nichts wissen wollten.

Jetzt kroch Allison nach vorn und zog die Winchester mit sich durch den heißen Sand. Der Hof war noch immer verlassen. Nur sein Hengst stand dort in der grellen Sonne.

Der Marshal wich zurück, schlich durch das Maisfeld und machte einen Bogen, erreichte die Rückseite des Farmhauses und ging geduckt und lautlos nach vorn. Langsam schob er sich an der Hauswand entlang. Vor dem Fenster duckte er sich tief und glitt vorbei, erreichte die Tür und lauschte angespannt.

Urplötzlich warf er sich in das Haus hinein, stürzte zu Boden, rollte weg und blieb neben dem Tisch liegen. Drohend fuhr der Lauf der Winchester herum, doch Allison fand kein Ziel. Der Wohnraum war verlassen. Auf dem noch warmen Herd stand eine Blechkanne mit Kaffee. Aus dem Schrank waren die Schubladen gerissen worden. Kleidungsstücke lagen verstreut am Boden. Bill Allison erkannte das Kleid eines kleinen Mädchens. Er richtete sich auf und horchte.

Der Schweiß rann ihm über das angespannte Gesicht. Draußen klapperte das Stalltor. Staubwirbel tanzten um die Beine des Hengstes.

Mit tastenden Schritten ging Allison durch den Wohnraum und betrat das kleine Schlafzimmer. Auf einem Lager entdeckte er die abgegriffene alte Stoffpuppe des Mädchens. Auf dem Bett des Jungen lag ein aus Holz geschnitzter Revolver.

Derbe Kleidungsstücke hingen in einem Schrank.

Allison entdeckte nicht den Apachen, der sich im Schrank hinter den Kleidungsstücken verborgen hatte.

Er drehte sich um und kehrte dem Schrank den Rücken, nahm die Puppe auf und betrachtete sie. Ernstes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Er warf die Puppe zurück, ging zum anderen Bett und griff nach dem Holzrevolver.

In diesen Sekunden glitt der Coyotero-Apache aus dem Schrank hervor und hielt den Tomahawk fest in der angehobenen Faust.

Er wollte mit der Streitaxt dem Marshal den Schädel spalten.

Zwei Kinder“, murmelte Allison.

Er ging weiter und blieb vor einem Bild stehen, das an der Wand hing. Eine Glasscheibe schützte die Fotografie vor Staub. Das eingerahmte Foto zeigte einen Jungen und ein Mädchen.

Nachdenklich blickte Allison auf die Fotografie. Plötzlich entdeckte er im spiegelnden Glas den Indianer hinter sich. Gerade öffnete der Coyotero den Mund zu einem lautlosen Schrei des Hasses und der Mordlust Der Tomahawk war zum Schlag angehoben.

Allison handelte unheimlich schnell.

Er duckte sich, schnellte zur Seite und entging dem mörderischen Hieb. Der Tomahawk bohrte sich krachend in die Holzwand hinein. Schon stieß Marshal Allison dem Coyotero den hölzernen Revolver in den weit aufgerissenen Rachen und holte mit der Winchester aus. Ein furchtbarer Hieb traf den Coyotero und schleuderte ihn über die Betten gegen den Schrank. Leblos rutschte er weg und polterte zu Boden.

Allison knirschte mit den Zähnen. Er riss das Foto von der Wand und zertrümmerte den Rahmen, verstaute die Fotografie in seiner Jackentasche und ging in den Wohnraum zurück.

Schrill wieherte King auf dem Hof.

Die kleinen harten Hufe des Hengstes wirbelten über den sandigen heißen Boden.

Jim Allison stürmte zur Tür und sah, wie ein Apache sein Pferd am Zügel gepackt hatte. Ein zweiter Apache rannte gerade auf die Tür zu.

Der Hengst richtete sich auf und stieß mit den Vorderhufen nach dem Apachen, traf ihn am Kopf und riss ihn von den Beinen;

Der andere Apache wollte ins Haus. In letzter Sekunde sah er den Marshal und wollte sein Gewehr hochreißen. Da flammte es vor ihm auf. Der peitschende Knall der Winchester stieß über den Hof und in das Tal hinaus. Zuckend rollte der Apache durch den Staub und lag still.

Irgendwo am Talrand gellten durchdringende Schreie.

Fluchend hetzte Allison zu seinem Pferd und warf sich in den Sattel. King raste aus dem Stand los und trug ihn durch das Tal. Im wilden Galopp preschte das Pferd an den Feldern vorbei. Die Hufe trommelten über den sandigen Weg. Wie ein Sturmwind jagte King aus dem Tal und über das freie Land.

Die Apachen blieben weit zurück.

Noch niemals zuvor hatten sie ein so schnelles Pferd gesehen.

Vor Marshal Jim Allison führte die Spur des Buggys nach Pinos Altos.


*


Entsetzen erfasste die wenigen Menschen auf der Straße der alten Stadt. In rasender Fahrt rollte der Buggy schlenkernd die Straße hinauf, vorbei an den Adobehäusern, Brunnen und Hofeinfahrten, Vor der Kirche schlug der Wagen um. Die Deichsel zersplitterte. Ein Rad rollte gegen den Brunnen und zerbarst. Der Farmer stürzte in den heißen Staub. Der Pfeilschaft, der aus seiner Brust ragte, brach ab.

In der Kirche sangen die Menschen.

Sonntag in Pinos Altos.

Und der Mann schwankte hoch und torkelte über die heiße Straße, schleppte sich zur Kirche und taumelte hinein.

Der Gesang der Gemeinde brach ab.

Alle starrten zur Tür. Sie konnten Eugene Jerome nur als dunkle Gestalt erkennen, denn hinter ihm war der grelle Tag.

Wie trunken taumelte er durch den Gang und vorbei an den Bänken. Starr blickte er auf die Talglichter vorn auf dem Altar. Zuckend schleppte er sich an den erstarrten Menschen vorbei. Die rechte Hand fuhr zitternd an die Brust.

Indianer!“, röchelte er. „Meine - Kinder...!"

Vor dem Altar brach er schwer zusammen und rollte auf den Rücken. Furchtbar viel Blut durchtränkte die Hemdbrust. Auch seine Hände waren blutverschmiert, und es war sein Blut, das über die kühlen Fliesen der Kirche rann.

Die Menschen schrien auf. Die Frauen nahmen ihre Kinder und hasteten hinaus in den grellen Sonnenschein. Zertrümmert lag der Buggy auf der Straße. Die beiden Pferde standen mit der zerbrochenen Deichsel hundert Yards weiter auf der Plaza. Männer brüllten in der Kirche und drängten zu Eugene Jerome heran.

Der Sheriff erschien wenig später in der Kirche und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Er hätte laut geflucht, wäre er nicht in der Kirche. Hart schob er die Männer weg und beugte sich dann kniend über den Farmer.

Blass und mit eingefallenem Gesicht lag Eugene Jerome vor ihm.

Für den Farmer kam jede Hilfe zu spät.

Langsam wischte der Sheriff über das Gesicht des Toten und schloss ihm die Augen. Steif richtete er sich auf.

Hat er was gesagt?", ächzte er.

Nur „Indianer“ und „meine Kinder“, Sheriff. Gerechter, da muss was Schreckliches auf der Farm passiert sein!“

Der Sheriff starrte den Prediger an, drehte sich dann um und blickte in die Gesichter der Männer.

Jeder Mann, der ein Pferd besitzt, findet sich vor meinem Office ein!“, sagte er laut und hart „Wir müssen sofort zur Farm. Vielleicht sind die Kinder noch im Haus. Los, Männer, vorwärts!"

Ich habe eine Frau und Kinder, Sheriff...!“

Zum Teufel!“, entfuhr es dem Sheriff zornig. „Wofür habt ihr eben gebetet, he? Seid ihr jämmerliche Feiglinge oder Männer?“

Sheriff“, sagte der Geistliche rügend, „Sie fluchen im Gotteshaus.“

Na, und?“, brüllte der Sheriff. „Gott ist da oben, und hier unten ist die Hölle los! Zwei Kinder befinden sich in Todesgefahr! Vielleicht sind sie auch schon von den Indianern umgebracht worden! Ich fluche, wann und wo ich es will, verstanden?"

Er stürmte hinaus, und viele Männer folgten ihm.

Wenig später jagte das Aufgebot aus Pinos Altos und über das heiße Land. Die Männer sahen den einsamen Reiter auf einer Hügelkuppe, doch sie beachteten ihn nicht und jagten weiter.

Marshal Jim Allison näherte sich Pinos Altos.

Als er in die Stadt ritt, standen die Einwohner in Gruppen vor der Kirche und unter den Vordächern. Manche Frau weinte um Eugene Jeromes Kinder. Kein Einwohner trat Allison entgegen. Er saß vor dem Saloon ab und legte den Arm um den Hals seines Pferdes. Ernst beobachtete er die Menschen. Er wusste, dass das Aufgebot zur Farm ritt. Die Coyotero-Apachen würden längst das Weite gesucht haben.

Er ging in den Saloon. Auch hier redeten Männer sich in Wut und Hass auf die Indianer hinein. Allison blieb vor der Theke stehen und fragte nach einem Platz für sein Pferd.

Bring es nach hinten in den Stall, Mister. Nimm dir eins der Zimmer über dem Saloon. Du siehst ja, ich habe viel zu tun.“

Der Marshal, der seinen Stern in der Tasche trug, nickte, verließ den Saloon und brachte King in den Stall. Er rieb sein Pferd sorgfältig ab und setzte sich dann auf einen Strohballen.

King“, sprach er ernst, „das wird hart für uns.“


*


Das Aufgebot war zurückgekommen. Frauen beteten in der Kirche. Männer versammelten sich im Saloon. Die Abendröte spiegelte sich in den Fenstern der Wohnhäuser.

Lärm tönte aus dem Saloon. Sattelpferde standen abgetrieben an der Haltestange. Mexikaner lehnten an den Hauswänden. Ein Planwagen rollte durch die Stadt und hielt vor dem Haus des Totengräbers.

Langsam schritt Jim Allison über den Plankensteg. Er trug die Winchester in der Rechten und erreichte die Schwingtür des Saloons. Das Gebrüll der Männer verstummte nicht, als er eintrat.

Seid vernünftig. Leute!“, rief der Sheriff. „Wir müssen jetzt ruhig und überlegt handeln. Eugene Jerome ist tot, und seine beiden Kinder sind spurlos verschwunden. Die Apachen werden sie verschleppt haben. Wohin, das weiß keiner von uns.“

Bestimmt in die Chiricahua Mountains!", schrie ein Mann wütend. „Dort haben sie sich doch alle verkrochen, diese feigen und dreckigen Schweine! Warum reiten wir nicht los und holen die Kinder?“

Du bist ein Narr!“, entgegnete der Sheriff bissig. „Kein Weißer kommt in die Chiricahua Mountains - schon gar nicht lebend wieder heraus!“

Allison schlenderte um die Tische und erreichte die Theke. Er bestellte ein Glas Whisky und trank, beobachtete die Männer und machte dabei ein ausdrucksloses Gesicht.

Plötzlich sah der Sheriff ihn und gebot den Männern mit herrischer Handbewegung, endlich still zu sein. Er ging auf Allison zu und starrte ihn prüfend an.

Wer bist du, Fremder? Bist du es auf dem Hügel gewesen?“

Yeah.“ Allison setzte das Glas ab und blieb kalt. „Ich war auch auf der Farm. Ich habe die Apachen umgelegt."

Was für Apachen, Mann? Wir haben keinen einzigen toten Indianer auf der Farm gesehen!“

Die Indsmen werden ihre Toten geholt haben, Sheriff. Das ist nichts außergewöhnliches. Ja, ich kam auf die Farm. Jerome und die Kinder waren schon verschwunden. Ein paar Indsmen wollten mich fertigmachen. Ich hatte Glück.“ Allison zog das Foto hervor. „Sind das Jeromes Kinder?"

Der Sheriff griff nach der Fotografie und betrachtete sie. Schweres Stöhnen kam über seine Lippen. Er wischte sich übers Gesicht und nickte.

Das sind sie, Mister. Diese armen Seelen. Die Apachen werden die Kinder quälen und sie dann aufziehen wie ihre eigenen. In ein paar Jahren sind aus Little Susy und Mitch Jerome halbe Indianer geworden.“

Warum verständigen Sie nicht den nächstgelegenen Armeeposten, Sheriff? Nur Kavallerie kann hier helfen.“

Die Soldaten sind schon ständig im Sattel, Fremder. Die Patrouillen suchen überall im Südwesten. Ohne Erfolg.“

Das ist schlimm.“ Allison nahm dem Sheriff das Foto ab und steckte es wieder ein. „Diese Indianer sind keine Mescaleros, Sheriff, das sind Coyoteros. Sie gehören nicht zu den Chiricahua-Apachen. Es ist also sinnlos, nach den Bergen zu reiten.“

Der Sheriff blickte ihn durchdringend an.

Wer bist du, Fremder? Was willst du mit dem Foto, he?“

Ich werde nach den Kindern suchen, Sheriff. Ich bin Jim Allison."

Was?" Der Sheriff verschluckte sich und hustete ächzend. „Allison? Dann bist du - dann sind Sie US Marshal Allison?“

So ist es, Sheriff. Reden wir in Ihrem Office weiter, nicht hier.“

Lässig ging Allison hinaus.

Der Sheriff wurde von den Männern bestürmt, doch er winkte ab und gab keine Erklärungen ab, folgte Allison und erreichte ihn mitten auf der Straße. Beide gingen langsam durch die Abendröte.

Vor dem Haus des Totengräbers stand noch immer der Planwagen. Männer luden Särge ab und trugen sie in den Schuppen.

Allison machte eine Kopfbewegung zum Planwagen hin. „Särge für Pinos Altos, Sheriff? Was bedeutet das? Gibt es hier keinen Sargmacher?“

Nein. Er wurde erschossen. Vor etwa sechs Wochen. Seitdem lässt Sol Sutherland Särge aus San Carlos holen. Er hat ein Fuhrunternehmen."

W man, wer den Tischler umgelegt hat?“

Nein. Er wurde nach Einbruch der Dunkelheit in der Sargtischlerei erschossen. Man fand ihn dann in einem der halbfertigen Särge. Irgendein Verrückter muss ihn umgelegt haben - ein Irrer, der sich vor Särgen fürchtete."

Allison schwieg. Sie erreichten das Office. Der Sheriff machte Licht. Er reichte dem US Marshal einen Becher mit Kaffee.

Sind Sie nur zufällig hier, Marshal?“

Ja. Reiner Zufall, dass ich auf die Farm stieß. Es war überhaupt kein Schuss gefallen. Die Coyoteros werden wiederkommen, Sheriff, die geben nicht auf. Der Hass treibt sie durch den Südwesten. Es ist ein schlimmer und wilder Hass, der immer mit Mord, Raub und Totschlag seinen Höhepunkt findet. Was werden Sie tun, Sheriff?“

Nichts!“, stöhnte der Sheriff und breitete die Arme aus. „Was sollte ich denn schon tun, Marshal? Ich kann gar nichts tun! Wenn die Armee es nicht schafft, die Coyoteros in die Hölle zu jagen, dann schaffe ich es schon gar nicht. Ein Aufgebot ist sinnlos. Das haben wir ja erlebt.“

Die Lampe summte und blakte.

Der Schatten der beiden Männer fiel riesengroß gegen die Wand. Draußen rollte der leere Frachtwagen vorbei und auf einen Hof. Stimmen drangen durch die Dämmerung.

Es muss einen Weg geben, um die Kinder wiederzufinden, Sheriff. Lassen Sie sich was einfallen. Vielleicht sollten Sie kleine Patrouillen durch das County reiten lassen. Das könnte die Coyoteros reizen und sie aus den Löchern holen. Wenn wir einen ihrer Schlupfwinkel kennen, dann führen uns die Coyoteros auch zu den anderen, dann können wir zuschlagen und diesem Spuk ein Ende machen."

Der Sheriff ließ sich auf dem Stuhl nieder und schüttelte den Kopf. Er wirkte müde und abgespannt, ratlos und niedergeschlagen.

Wo sollen wir mit der Suche beginnen, Marshal, wo sollen wir ansetzen? Ich weiß es nicht. Sie kennen dieses Gebiet nicht, wie? Das hab’ ich mir gedacht Reiten Sie mal durch die Gegend, versuchen Sie, was zu finden. Ich sag’ Ihnen, Sie werden nichts finden!"

Ich versuche es, Sheriff!“

Soll ich mitkommen? Ich weiß zwar, dass es sinnlos ist, aber ich könnte Ihnen die Gegend zeigen."

Well, kommen Sie mit, Sheriff. Wir reiten sofort los.“ Allison atmete tief ein und stieß die Luft rasselnd aus. „Es geht um die Kinder. Lassen wir nichts unversucht“

Ihren Optimismus möchte ich haben, Marshal! Aber glauben Sie mir - ich war es auch einmal! Ich wollte Bäume ausreißen, wollte diese Stadt auf den Kopf stellen, wollte alles anders und besser machen. Was habe ich erreicht und getan? Nichts.“

Allison schwieg und ging hinaus. Als der Mond das weite Land in sein bleiches Licht tauchte, ritten die beiden Männer aus Pinos Altos.


*


In einem alten Stall blakte eine Petroleumlampe. Kein Lichtschein drang ins Freie. Die Fugen waren mit Gras und Lehm verstopft. Wer draußen vorbeiging, konnte nichts vom Licht sehen und hielt den Stall für verlassen und leer.

Da mache ich nicht länger mit, Boss!“, flüsterte ein Mann im Stall. „Das wird zu gefährlich! Du hast gehört - ein USMarshal ist in Pinos Altos! Wenn der erst einmal eine Spur gewittert hat, dann hängen wir auch bald am Galgenbaum und verrecken elendig.“

Was willst du tun?“

Ich haue ab, Boss, ich verschwinde für immer.“

Aber wenn du gesoffen hast, dann wirst du reden und uns verraten.“

Nein, ich bin doch nicht verrückt, dann reiße ich mich ja selber in die Sache rein. Nein, Boss, auf mich kannst du dich verlassen.“

Ich glaube dir. Also gut, dann verschwinde, aber komm nicht wieder nach Pinos Altos zurück.“

In Ordnung, Boss.“ Der Mann drehte sich um und lächelte wie verstört. Er blickte die anderen Männer im Stall an und zuckte die Achseln. „Was soll ich noch sagen, Jungs? Macht’s gut und lasst euch nicht erwischen.“

Sie erhoben sich von den alten Kisten und nickten.

Du verschwindest für immer“, sagte einer von ihnen und fing den düsteren Blick des Mannes auf, den sie Boss nannten. „Du wirst uns nicht verraten, da bin ich ganz sicher.“

Sie kamen näher, umstellten den Komplizen und rissen ihn plötzlich zu Boden. Bevor er aufschreien konnte, stießen sie mit den Messern zu. Leblos lag er im Stall. Spreu wirbelte um die Lampe. Staub ließ die Männer husten. Sie blickten ihren Boss an und warteten auf seine Worte.

Bringt ihn weg. Niemand darf ihn erkennen. Ich verlasse mich auf euch. Lasst euch nicht sehen. Also dann, bis morgen.“

Er verließ den Stall. Die anderen hielten noch die blutigen Messer. Wieder stachen sie zu, und einer skalpierte dann den Toten. Sie wickelten ihn in eine Plane ein und löschten das Licht, trugen ihn hinaus und warfen ihn bäuchlings über das Pferd.

Dumpfer Hufschlag entfernte sich. Die Dunkelheit wurde immer wieder vom Mondlicht unterbrochen, das durch die Wolkenlücken fiel. Auf den fernen staubigen Hügeln heulten die Wölfe der Wüste.

Die Reiter brachten den Toten weg.

Sie warfen ihn vom Pferd, nahmen die Plane und sein Pferd mit und verwischten alle ihre Spuren, ritten zurück und verschwanden in Pinos Altos. Niemand sah sie.


*


Dunkle Augen starrten durch die Mondnacht. Wind bewegte die langen schwarzen Haare. Lautlos glitten Coyotero-Apachen um die Felsklippen und lauerten im tiefen Schatten.

King schnaubte warnend.

Allison beugte sich im Sattel vor und klopfte den Hals seines Pferdes.

Was hat Ihr Pferd, Marshal?“, fragte der Sheriff leise.

King wittert Indianer", murmelte Allison. „Bleiben Sie ruhig, Sheriff! Nur keine Aufregung! Die Coyoteros beobachten uns.“

Langsam ritten sie durch das steinübersäte Tal.

Der Sheriff schwitzte. Sein Gesicht zuckte und glänzte schweißnass.

Woher nehmen Sie nur Ihre Ruhe. Marshal? Ich will nicht am Spieß der Rothäute braten!"

Glauben Sie. ich etwa? Die Indsmen beobachten uns schon eine ganze Zeit lang. Wenn Sie jetzt durchdrehen, Sheriff, dann kommen wir nicht mehr lebend aus dem Tal heraus. Immer schön ruhig bleiben. Die Coyoteros sind unsicher, sie fragen sich, warum wir beide allein durch diese helle Nacht reiten. Ja, sie vermuten wahrscheinlich eine Falle. Wenn wir jetzt aber schneller reiten, dann wissen sie genau, dass wir beide allein sind, dass es nirgendwo im Hinterhalt Soldaten gibt."

Sie machen mir Spaß, Allison!“, ächzte der Sheriff. „Wir sind drei Meilen von Pinos Altos entfernt! Das kann ein höllisch weiter Weg für uns werden! Warum reiten Sie immer noch weiter? Kehren wir um!“

Nein. Lassen Sie die Hände weg vom Gewehr, Sheriff.“ Allison lächelte verwegen. „Sie wollten mir doch die Gegend zeigen."

Er war ruhig und kalt. Es schien so, als würde er den Tod verachten und keine Angst um sein Leben haben. Dabei waren alle seine Sinne in höchster Alarmbereitschaft. Er verließ sich auch auf King. Der Schecke witterte und gab Allison immer wieder Zeichen, die nur Allison zu deuten wusste.

Sie sind noch immer hinter den Felsen am Talrand, Sheriff. Sehen Sie vor uns den Pass? Das ist unser ZieL Ich glaube nicht, dass die Indianer auch dort lauem. Wir reiten durch den Pass und jagen dann in einem Bogen zurück. Oder haben Sie einen besseren Gedanken?“

Sie machen mich schwach, Marshal! Jenseits des Passes befindet sich die Ruine einer ehemaligen Missionsstation. Notfalls könnten wir dort Deckung finden. Mein Pferd ist ziemlich abgetrieben. Ich glaube nicht, dass es einen scharfen Ritt durchhält.“

Notfalls trägt King uns beide“, antwortete Allison gelassen.

Der Sheriff war im Dienst für Recht und Gesetz früh gealtert. Seine Nerven waren nicht mehr die besten. Pinos Altos hatte ihn zermürbt. Wahrscheinlich wäre er allein niemals durch die helle Mondnacht geritten. Das Alter machte ihn vorsichtig und nervös, aber auch unbedacht und stur. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben. Er sagte sich immer wieder, dass einer der besten US Marshals an seiner Seite ritt, vielleicht sogar der beste, der jemals durch den Westen geritten war. Jim Allison war ein unheimlich sicherer Schütze, ein Winchester-Mann, der auch traumhaft sicher mit den Colts feuern konnte.

Aber gegen einen heimtückisch aus dem Hinterhalt abgegebenen Schuss konnte auch Allison nichts ausrichten. Jeden Augenblick konnte ein Pfeil lautlos herankommen und mit tödlicher Wucht das Herz treffen. Im Südwesten wurden die schlimmsten Gräuelgeschichten erzählt. Manches davon war sogar wahr. Und darum hatte der Sheriff Angst.

Allison warf ihm einen schnellen Blick zu.

Reißen Sie sich zusammen, Sheriff. Die Coyoteros sind auch nur Menschen, auch sie fürchten sich vor einem Stück Blei.“

Teufel sind das, keine Menschen. Marshal! Sie reißen einem das Herz bei lebendigem Leibe heraus und trinken das Blut, um Macht über alle Weißen zu gewinnen!“

Sie glauben doch wohl nicht im Ernst daran, Sheriff! Die Indsmen essen Büffelfleisch und Pemmikan, Hirsebrei und sonstwas noch, aber keine Herzen von Weißen.“

Das sagen Sie, Marshal. Versuchen Sie es doch einmal! Diese Hunde werden Ihnen das Herz rausreißen.“

Lieber nicht, ich hab' nur eins.“

Mit verengten Augen blickte Allison scharf umher. Sie näherten sich dem Talausgang und damit dem Pass. Sekundenlang blitzte am Talrand Metall auf. Das konnte nur ein Gewehr gewesen sein, das das Mondlicht reflektiert hatte.

Haben Sie das gesehen, Marshal?", flüsterte der Sheriff. „Wir sollten sofort umkehren, sonst ist es zu spät!“

Erst über den Pass, Sheriff, nicht eher.“

Sie sind verrückt! Vielleicht lauem hier in der Nähe fünfzig oder hundert Coyoteros!“

Warum nicht gleich tausend, Sheriff? Ich reite jetzt voraus. Bleiben Sie etwas zurück. Fünfzig Yards genügen.“

Allison wartete keine Antwort ab, ritt etwas schneller und strebte dem Pass zu. Dort wirbelte Flugsand über die Felsklippen. Sterne funkelten hell und klar am Himmel, der voll von treibenden Wolken war. Schlagartig wurde es halbdunkel. Der große Schatten einer riesigen Wolke zog lautlos durch das öde Tal. Harter Hufschlag ließ Allison King herumziehen.

Im Galopp jagte der Sheriff zurück.

Der Mann wollte Allison nicht im Stich lassen. Er hatte ganz einfach zuviel Angst bekommen und hoffte vielleicht, dass Allison ihm endlich jetzt folgen würde.

Doch der Marshal hütete sich, das zu tun. Das Tal war zu einer Menschenfalle geworden. Wenn er dem Sheriff folgen würde, dann hätte er keine Chance. Es hatte auch keinen Sinn, dem Sheriff nachzurufen, dass er umkehren sollte. Denn schon jetzt hatte der Sheriff den Indsmen verraten, dass es nirgendwo eine Schwadron Soldaten gab, dass sie beide völlig allein waren. Mit einem Fluch jagte Allison weiter zum Pass. King jagte über den Hang und erreichte die Felsen. Blitzschnell riss Allison die Winchester aus dem Gewehrschuh und lud hart durch.

Der Sheriff durchquerte im Galopp das Tal.

Berittene Apachen brachen hinter den Felsen am Talrand hervor und peitschten die Pferde grausam vorwärts.

Schrille, markerschütternde Schreie gellten durch die Nacht.

Der Sheriff schlug auf sein Pferd ein und zerrte das Gewehr hervor. Er schoss auf die heranjagenden Apachen. Die ersten Schüsse gingen fehl. Dann holte er zwei Coyoteros von den Ponys. Mündungsfeuer blitzten grell auf. Blei jaulte durch das Tal. Plötzlich zuckte der Sheriff heftig zusammen und kippte nach vorn. Das Gewehr fiel hin und überschlug sich mehrmals wie ein Knüppel. Die Hände rutschten ab. Langsam stürzte der Sheriff vom Pferd, blieb mit dem rechten Fuß im Steigbügel hängen, wurde mitgeschleift, bis der Fuß aus dem Stiefel fuhr. Das Pferd raste weiter und davon.

Über zwanzig Coyotero-Apachen hetzten auf den liegenden Mann zu.

Allison konnte jetzt verschwinden, den weiten Bogen reiten und vermutlich sicher in die Stadt kommen, doch er flüchtete nicht Er wusste genau, dass er mit den Schüssen die Aufmerksamkeit der Apachen auf sich lenken würde, und dennoch feuerte er.

Dicht vor dem Sheriff wirbelten drei Apachen von den Pferden und blieben liegen. Andere Indianer warfen sich von den Ponys und sprangen wie wilde Tiere auf den Sheriff. Messer blitzten im Sternenlicht, bohrten sich in den Leib des Sheriffs. Einer der Krieger riss den Skalp ab und hielt die blutige Trophäe hoch. Die anderen Apachen hatten die Pferde herumgerissen und jagten jetzt auf Allison zu.

Er hatte Deckung hinter den Felsen und knallte ihnen das heiße Blei entgegen. Vier Ponys rannten ohne Reiter zur Seite weg. Pausenlos jagte die Winchester Feuer und Blei aus dem Lauf. Verwundete Coyoteros krochen über den Boden und brachten sich in die Deckung flacher Steine. Schrilles Wutgeheul übertönte die Schüsse. Kugeln prasselten gegen die Felsen, hinter denen Allison war. Kaltblütig schoss er zurück. Pfeile schlugen gegen seine Deckung und zersplitterten.

Länger durfte er nicht am Talrand bleiben. Von beiden Seiten näherten sich bereits Indianer. Sie wollten ihn in die Zange nehmen, in die Enge treiben und zusammenschießen.

Sekundenlang starrte er noch einmal in das Tal und auf den leblosen und skalpierten Sheriff, dann raste King mit ihm über den Pass und nach der alten Missionsruine.

Graue Mauern ragten empor. Dunkel gähnten die Fensterlöcher. Gebälk hing herunter. Zerbrochen lagen Tonkrüge umher. Unkraut wucherte überall. Kakteen standen wie erstarrte Wächter in der Einsamkeit. Von einem alten verkrüppelten Baum stiegen träge und heiser krächzend mehrere Aasgeier in den Himmel empor.

Allison warf sich von King, rannte hinter die Mauern, entdeckte einen Raum, sah eine mit Flugsand bedeckte steinerne Treppe, die in die Tiefe führte, hetzte zurück und holte King in die Deckung.

Schon stieg er auf die brüchige Mauer und streckte sich oben lang aus. Die Winchester war auf den Pass gerichtet. Eiskalt lud er sein Gewehr nach. Grimmiges, beinahe zynisches Lächeln zog über sein raues Gesicht So schnell sollten sie ihn nicht kriegen!

Und jetzt kamen sie über den Pass. Sie rotteten sich dort zusammen und blickten zur Ruine herüber. Der Hengst und der Marshal waren nicht zu erkennen. Doch die Coyoteros wussten, dass der weiße in der Ruine Deckung gesucht hatte, denn sonst wäre er im freien Gelände zu sehen gewesen.

Allison steckte in der Falle.

Er hatte vor der Überlegenheit der Coyoteros fliehen müssen.

Aber er gab nicht auf. Er blieb kalt und gelassen. Gerade in den gefährlichsten Situationen, wo alles aussichtslos schien, bewahrte er eine unerschütterliche Ruhe.

Die Apachen verschwanden.

Allison ließ sich nicht täuschen. Sie taten so, als würden sie sich zurückziehen, als hätten sie aufgegeben. Doch sie lauerten am Pass und warteten darauf, dass er die Ruine verließ.

Er tat ihnen den Gefallen nicht

Die Schüsse waren verstummt. Totenstille breitete sich aus. Flugsand rieselte von den brüchigen Mauern. Unten schaubte King. Der Hengst stampfte hart auf. Dumpf klang es unter den Hufen.


*


Die Nacht war noch lange nicht vorbei. Wolkenschatten zogen näher. Allison musste diese Schatten fürchten. Sicherlich nutzten die Coyoteros die Dunkelheit, um näherzuschleichen.

Immer, wenn es wieder hell wurde, waren sie verschwunden.

King scharrte den Sand weg. Wieder klang es hohl. Allison starrte nach unten. Sein Pferd hatte eine alte Luke freigescharrt. Darunter befand sich wahrscheinlich der Keller der ehemaligen Mission.

Der Schecke brauchte unbedingt eine Rast. Er war ein wundervolles Pferd, das den Marshal rasend schnell davontragen konnte, wenn es erst einmal ausgeruht war.

Still, King!"

Der Marshal beobachtete wieder das Gelände. Felsbrocken, sandige Senken und viele Kakteen und Comasträucher gaben den Coyoteros Deckung.

Sie waren unterwegs zu ihm.

Im Morgengrauen würden sie angreifen und versuchen, ihn zu töten.

Er rührte sich nicht. Flugsand haftete an seinem Gesicht. Staub lag auf seinem Rücken. Dicht neben seinem angespannten harten Gesicht hatte ein kleiner Strauch seine Wurzeln in das Gestein der Mauer getrieben. Dieser Strauch verbarg Allisons Körper. Er überlegte seine Chancen. Es kam alles darauf an, die Indianer zu täuschen und zu überlisten. Ein offener Kampf wäre tödlich für den Marshal.

Die Zeit verging nur sehr langsam, und jede Minute wurde zu einer kleinen Ewigkeit. Die Anspannung schmerzte. Der Staub rötete die Augen. Die scharfen Kanten der Mauer drückten in seinen Körper hinein. Still lag er im Nachtwind. Das Kläffen ferner Kojoten war verstummt.

Schon länger beobachtete er einen Strauch. Jedesmal, wenn Wolken das Land verdunkelten, wanderte dieser Strauch näher.

Grimmiges Lächeln lag um Allisons Mund. Die alte List der Apachen zog bei ihm nicht mehr. Hinter jenem Strauch hielt sich ein Coyotero verborgen. Allison konnte ihn mit einem einzigen Schuss durch den Strauch hindurch erledigen.

Vorsichtig schob er sich zurück, sprang hinter der Mauer in die Tiefe und zerrte die alte Luke auf. Kalt und feucht schlug ihm die Luft aus der dunklen Tiefe ins Gesicht. Er ließ den Eingang geöffnet und gab King Wasser. Der Hengst trank aus den Händen des Marshals. Allison tätschelte seinen Vierbeiner.

Noch haben wir beide etwas Zeit, King."

Er nahm die Zügelenden und schlang sie locker um das Sattelhorn. Dann holte er aus den Satteltaschen Munition, aß schnell etwas und kroch schließlich wieder auf die Mauer, lag still und flach da und wartete auf den Morgen.

Der Strauch mit dem Coyotero dahinter bewegte sich nicht mehr. Der Apache war nur etwa vierzig Yards von der Ruine entfernt, er hatte damit einen guten Platz gewonnen, um den Weißen überraschend angreifen zu können, doch er ahnte nicht, dass er dem Tod näher war als dem Leben.

Um diese Zeit musste das Pferd des Sheriffs die Stadt erreichen. Für den Sheriff gab es nur noch einen einsamen Platz - ein Grab in staubiger Erde.

Allison dachte nicht mehr an ihn. Die Gefahr zwang ihn zu ständiger Wachsamkeit. Es war ein gefährliches Zeichen für Pinos Altos, dass sich die Coyoteros in der Nähe der Stadt aufhielten. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Wahrscheinlich waren auch die Patrouillen der US Kavallerie weit von Pinos Altos entfernt. Die kleine Stadt war damit einziger Zufluchtsort für alle Weißen in der Umgebung.

King stand völlig still.

Allison lauschte in den Wind. Ein Wimmern drang herüber. Der Wind fing sich zwischen den Felsen am Pass.

Wüstengetier kroch um die alten Mauern und über den Lehmmörtel hinweg. Springmäuse hüpften um die Ruine.

Nirgendwo war ein Indianerpony zu entdecken.

Für Allison wurde es eine lange Nacht. Die Indianer waren zäh, ausdauernd und still. Sie hatten in Jim Allison einen ebenbürtigen Gegner gefunden, der nicht die Nerven verlor und lautlos ausharrte.

Endlich graute der Morgen - und die graue Wand der Dämmerung zog durch das Tal und näherte sich der Ruine.

Jetzt musste Allison handeln und sich von seinem Pferd trennen.

Die Dämmerung schlug über der Ruine zusammen.

Die Coyoteros konnten unmöglich erkennen, was hinter den alten Mauern geschah. Allison brauchte keine Hilfe aus der Stadt erwarten. Er musste sich nun auf sein Pferd verlassen. Leise sprach er auf King ein. Lautlos glitt er von der Mauer, schlug sanft auf die Kruppe des vierbeinigen Gefährten und warf die Steigbügel über den Sattel.

Los, King!“, raunte er. „Diesmal ist es kein Spiel. Zeig, was du gelernt hast, und pass auf dich auf!“

Schon stieg er wieder empor. King stampfte und blickte zur Mauer empor. Dumpfes Schnauben kam über die weichen Lippen des Pferdes. Der Hengst warf den Kopf heftig hin und her.

Lauf, King!"

Drängend rief Allison die Worte. Nur King konnte ihm jetzt helfen. Jeden Moment könnten die Coyotero-Apachen angreifen. Er unterschätzte sie nicht. Wahrscheinlich lauerten mehrere Indianer zu Pferd abseits der Ruine.

Der Schecke schien Allison nicht verstanden zu haben, und dem Mann brach der Schweiß aus.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909838
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367345
Schlagworte
texas mustang teufel

Autor

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Titel: Texas Mustang #14: Der Teufel wartet schon auf dich!