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Lockendes Gold - Rauchende Colts

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Gold in den Black Hills! Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer an der Grenze zum Indianerland. Unzählige Glücksritter brechen in die Schwarzen Berge auf - obwohl die Sioux jedem Weißen den Tod geschworen haben, der ihr heiliges Land Paha Sapa betritt.
In dieser aufgeheizten Stimmung wird die kleine Stadt Deadwood zum letzten Stützpunkt der Zivilisation. Auch den Abenteurer John Travis verschlägt es in die Siedlung, wo er den Goldsucher Ray Carter vor zwei Straßenräubern rettet. Zum Dank bietet ihm Carter die Hälfte des Goldes an, das er vor einem Jahr bei der Flucht vor den Sioux in der Wildnis zurücklassen musste.
John nimmt das Angebot an - nicht ahnend, dass die Gefahr nicht nur von den Indianern droht…

Leseprobe

LOCKENDES GOLD - RAUCHENDE COLTS

von Timothy Kid



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Russell, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappentext:

Gold in den Black Hills! Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer an der Grenze zum Indianerland. Unzählige Glücksritter brechen in die Schwarzen Berge auf - obwohl die Sioux jedem Weißen den Tod geschworen haben, der ihr heiliges Land Paha Sapa betritt.

In dieser aufgeheizten Stimmung wird die kleine Stadt Deadwood zum letzten Stützpunkt der Zivilisation. Auch den Abenteurer John Travis verschlägt es in die Siedlung, wo er den Goldsucher Ray Carter vor zwei Straßenräubern rettet. Zum Dank bietet ihm Carter die Hälfte des Goldes an, das er vor einem Jahr bei der Flucht vor den Sioux in der Wildnis zurücklassen musste.

John nimmt das Angebot an - nicht ahnend, dass die Gefahr nicht nur von den Indianern droht…





Roman:

„Bleib stehen und nimm die Hände hoch, wenn dir dein Leben lieb ist!“

Die aus der Dunkelheit dringende Stimme traf John Travis mit der Wucht einer Kanonenkugel. Er verhielt so abrupt in der Bewegung, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gerannt, und blickte unwillkürlich nach links, von wo die Stimme erklungen war.

Dort mündete eine schmale Gasse in die Main Street, der John Travis bisher gefolgt war. An den Rändern der Gasse stapelte sich Gerümpel, dazwischen hoben sich die Konturen dreier Gestalten vom helleren Nachthimmel ab. Einer der Männer hatte beide Arme erhoben, aus den Fäusten der beiden anderen ragten Revolverläufe, die bläulich im Licht des Mondes schimmerten.

John begriff, dass die Aufforderung nicht ihm gegolten hatte. Aber das würde ihn nicht daran hindern, in das Geschehen einzugreifen und den Raubüberfall zu verhindern.

Die drei Männer waren etwa fünf Schritte von John entfernt. Einer der Straßenräuber wandte ihm den Rücken zu, desgleichen das Opfer der beiden. Der andere Outlaw stand vor dem Mann, dem die dunkle Gasse zum Verhängnis geworden war.

Noch hatte keiner der Beteiligten John bemerkt. Die Sichtverhältnisse waren einfach zu schlecht, und das Geräusch seiner Schritte war vom undeutlichen Stimmengewirr verschluckt worden, das aus den zahlreichen Saloons ins Freie sickerte. Die Juninacht war lau, silbernes Mondlicht lag auf den Dächern von Deadwood, der kleinen Goldgräberstadt am Rande der Black Hills, als John Travis – Mitte dreißig, dunkelhaarig und schlank – zum unfreiwilligen Ohrenzeugen eines Verbrechens wurde. In seinem schmalen, sonnengebräunten Gesicht regte sich kein Muskel.

„Verdammt, was wollt ihr von mir?“, stieß der Mann mit den erhobenen Armen über die Lippen. „Bei mir gibt’s nicht zu holen!“

„Tatsächlich?“ Die Stimme des Outlaws, der vor ihm verhielt, troff förmlich vor Hohn. „Da sind wir aber anderer Meinung. Wir haben vorhin genau beobachtet, dass du beim Pokern ein hübsches Sümmchen eingestreift hast.“

„Ich... ich habe nicht gepokert“, erwiderte der andere gepresst. „Ihr müsst mich mit jemanden verwechseln!“

„Erzähl hier keine Märchen, Freundchen“, knurrte der Kerl, der John den Rücken zuwandte. „Wir haben dich im Nugget-Saloon keine Minute aus den Augen gelassen, und deshalb wissen wir auch, dass du eine Pokerrunde gewonnen hast und den Gewinn jetzt mit dir herumschleppst! Du hättest eben auch auf deine Umgebung achten sollen, während du die anderen mit deinen Tricks aufs Kreuz gelegt hast! Aber wie heißt es doch so schön: Wie gewonnen, so zerronnen! Du verhältst dich jetzt ganz still, während dich mein Kumpel um die Greenbacks erleichtert, ist das klar? Andernfalls verlierst du nicht nur dein Geld, sondern auch dein Leben. Bei der geringsten falschen Bewegung drücke ich ab!“

John hatte genug gehört. Er wusste nicht, ob der Fremde tatsächlich ein Falschspieler war, ob er sein Geld ehrlich gewonnen hatte oder ob er überhaupt in besagtem Saloon gewesen war. Aber das spielte jetzt auch keine Rolle. Der Mann sollte ausgeraubt werden, vielleicht würden ihn die beiden Kerle auch umlegen, und das durfte John nicht zulassen. Wenn er nicht in das Geschehen eingriff, würde es niemand tun, am wenigsten ein Marshal oder Sheriff – denn einen solchen gab es hier nicht.

Im Grunde genommen war Deadwood nicht mehr als eine bunt zusammengewürfelte Ansammlung von hastig errichteten Bretterbuden und notdürftig zusammengeflickten Zelten entlang von Straßen, die sich nach jedem Regenguss in einen Schlammpfuhl verwandelten. Die Stadt am Rande der Black Hills war erst vor wenigen Monaten gleichsam über Nacht aus dem Boden geschossen. Damals war bekannt geworden, dass in den Bergen unermessliche Goldvorräte existierten – zu diesem Ergebnis war eine Expedition unter General George Armstrong Custer gelangt, die offiziell Landvermessungen durchgeführt hatte, in Wahrheit aber eben jenen Gerüchten vom Gold der Schwarzen Berge auf den Grund gegangen war. Die Nachricht vom Goldfund hatte sich wie ein Lauffeuer in Dakota verbreitet, und Deadwood war zum letzten befestigten Stützpunkt für all jene geworden, die mit Waschpfanne, Schaufel und Pickel in die Wildnis vordrangen, um dort ihr Glück zu versuchen.

Einige fanden tatsächlich Gold, die meisten jedoch den Tod. Die Black Hills waren Indianerland, den roten Stämmen von der Regierung der Vereinigten Staaten für alle Zeiten vertraglich zugesichert. Für die Sioux aber waren die Black Hills nicht nur die angestammten Jagdgründe, sondern auch der Mittelpunkt ihrer spirituellen Welt. Sie betrachteten die Schwarzen Berge als heiliges Land Paha Sapa, als Sitz Manitous – und wer auch immer ohne ihre Erlaubnis in Paha Sapa eindrang, war ein Landräuber und Frevler, der gnadenlos bestraft wurde. So mancher klare Gebirgsbach hatte sich schon jäh rot gefärbt, weil skalpierte Leichen an seinen Ufern lagen, so mancher Goldsucher war schon mit Waschpfanne oder Pickel in der Hand gestorben, durchbohrt von lautlos abgeschnellten Pfeilen.

Die Regierung in Washington hatte genau das vorausgesehen – und besaß nun endlichen einen Anlass für einen großen Feldzug gegen die Stämme des Nordens. Custers siebente Kavallerie war aus Fort Lincoln ausgerückt, um die Sioux ein für allemal zu unterwerfen, aber noch war es nicht so weit. Noch drängten sich die goldgierigen Massen in den schmutzigen Grenzstädten und sehnten begierig den Augenblick herbei, an dem sie die Black Hills endlich überschwemmen konnten. Die Stimmung an der Grenze war gereizt, alles glich einem brodelnden Kochtopf, überall regierte das Verbrechen – so wie auch hier in Deadwood, in jener warmen Juninacht des Jahres 1876, wo in einer schmalen, dunklen Gasse erneut ein Menschenleben in Gefahr war...

John Rechte zuckte zur Hüfte, das Eisen glitt aus dem Holster. Den Arm hochschwingen und den Waffenhahn spannen waren nahezu eins. Dann schnitt seine Stimme wie ein Messer durch die Dunkelheit.


„Schluss mit der Vorstellung! Wenn ihr beiden nicht sofort eure Colts zurücksteckt und schleunigst von hier verschwindet, bin ich es, der abdrückt. Was ist, worauf wartet ihr noch?“

Zwei, drei Sekunden lang füllte Schweigen die Gasse, war nicht das leiseste Geräusch zu hören. Schließlich erwiderte jener Kerl, der John den Rücken zukehrte: „Okay, okay, wir tun, was du verlangst. Dreh nur nicht durch, Mann.“ Die mühsam unterdrückte Aufregung in seinen Worten war unüberhörbar.


John sah undeutlich, wie der Straßenräuber langsam den Colt ins Holster schob und nach links zur Seite trat. Damit hatte sein Kumpel freie Schussbahn – und diese Chance nutzte er blitzschnell und eiskalt.

Der Outlaw sprang um den Mann herum, dem er eben noch den Weg versperrt hatte, und stieß die Rechte nach vorn. Ein Mündungsblitz zerriss die Dunkelheit, das Krachen des Schusses brach sich an den Wänden der Gasse.

John warf sich zu Boden und überwand die deckungslose Gassenmündung mit einer Schulterrolle. Die Kugel jaulte über ihn hinweg und schlug in einen Lattenzaun auf der anderen Seite der Straße, John wirbelte im Schutz einer Hauswand wieder hoch. Aus der Gasse drangen lautes Keuchen und hastige Schritte an seine Ohren.

Den Körper an die Wand in seinem Rücken gepresst, die Rechte mit dem Colt angewinkelt, spähte er vorsichtig um die Ecke.

Sofort flammte fahlrotes Mündungsfeuer auf und ließ John für Sekundenbruchteile ein hassverzerrtes, bärtiges Gesicht erkennen Es gehörte jenem Kerl, der vorhin zum Schein auf seine Aufforderung eingegangen war und nun hinter einen Kistenstapel am Gassenrand hockte.

John jagte eine Kugel aus dem Lauf und zog sich sofort wieder in seine Deckung zurück, das Krachen der beiden Schüsse verschmolz zu einer einzigen, gewaltigen Detonation. Ein gellender Aufschrei, gefolgt vom Splittern zerbrechenden Holzes und dem dumpfen Aufschlag eines menschlichen Körpers, verriet John, dass sein Schuss ein Treffer geworden war. Das Projektil seines Gegners schrammte die Hauswand, ein Regen aus Holzspänen streifte Johns Gesicht.

Abermals spähte er um die Ecke. Der getroffene Straßenräuber lag ächzend am Rücken, inmitten zerbrochener Kisten, und presste sich die Linke auf die rechte Schulter. Sein Colt war ihm entfallen und lag im Straßenstaub. Einige Schritte entfernt rang sein Komplize, ein langhaariger, hagerer Kerl, mit dem dritten Mann, der sich nun nach Kräften wehrte. Er hatte den Waffenarm des Outlaws gepackt und nach oben gerissen, während sich die Linke des Straßenräubers um seinen Hals krallte. So taumelten die beiden keuchend umher wie ein riesiger, sich drehender Kreisel.

John sprang aus seiner Deckung, der beißende Gestank verbrannten Schießpulvers drang ihm unangenehm in die Nase. Vom Mondlicht versilberte Pulverdampfschwaden zogen träge durch die Gasse und teilten sich vor John, als er vorwärtshastete, genau auf die beiden Männer zu. Noch im Laufen versetzte er dem Colt des getroffenen Straßenräubers einen Tritt, der die Waffe hinter einen Bretterstapel schleuderte.

Der langhaarige Outlaw war inzwischen an den linken Gassenrand gedrängt worden. Er brüllte laut auf, als ihm sein Gegner den Waffenarm voller Wucht gegen eine Hauswand schmetterte, dass die Planken nur so vibrierten. Der Revolver entfiel seiner Hand, im nächsten Moment bohrte sich die Faust des Mannes in den Magen des Straßenräubers. Der ging japsend in die Knie, löste die Linke vom Hals seines Gegners und wurde jäh wieder hochgerissen, als ihm der Mann die Faust ans Kinn knallte.

Noch ehe er ein weiteres Mal zuschlagen konnte, warf sich der Outlaw mit einem Aufschrei nach vorne. Sein Ansprung riss den Mann von den Beinen, der Outlaw kam auf ihm zum Liegen und richtete sich keuchend wieder auf. Schon holte er zum Schlag mit der geballten Rechten aus.

Johns Linke schloss sich wie eine Stahlklammer um das Handgelenk des Straßenräubers, nahezu zeitgleich presste er ihm die Mündung des 45ers an die Schläfe. Das metallische Klicken des Waffenhahns hallte überlaut durch die mondhelle Nacht, der Outlaw verharrte wie versteinert in der Bewegung.


„Du bist dem Tod so nahe wie noch nie zuvor“, stieß John grimmig hervor. „Dein Kumpel hat schon eine Kugel abkassiert. Das nächste Stück Blei trifft dich. Willst du wirklich schon sterben?“

„Nicht schießen, ich gebe auf!“, keuchte der Mann. In seinen Worten schwang Panik mit. „Wir verschwinden von hier!“

„Dann nehmt die Beine in die Hand“, knurrte John. Er wich einen Schritt zurück, riss den Straßenräuber empor und versetzte ihm einen derben Stoß in den Rücken, der den Mann vorwärtstaumeln ließ, genau auf das Ende der Gasse zu. Sein Komplize, der sich ächzend wieder aufgerappelt hatte, schloss sich ihm an, die Linke noch immer auf die blutende Schulter gepresst. Er schlich an John vorbei wie ein getretener Hund, warf ihm noch einen ängstlichen Blick zu und verschwand dann mit dem anderen Outlaw in der Dunkelheit. Blätter raschelten und Zweige brachen, als die beiden durch die Wildnis hetzten, die unmittelbar hinter der Gasse begann. Sekunden später versiegten die Geräusche im Dunkel der Nacht.


* * * * *


Von der Main Street erklangen aufgeregte Rufe und das Hasten von Schritten. Der nächtliche Schusswechsel musste die halbe Stadt informiert haben.


John ließ den Hammer des Colts vorsichtig in die Ruherast gleiten und schob den Revolver zurück ins Holster.

„Alles in Ordnung?“, wandte er sich an den Fremden, der sich nun wieder erhob und sich den Staub vom Jackett klopfte.

„Ja, danke, das war Rettung in letzter Minute“, erwiderte der andere. Nun, da er John gegenüberstand, konnte der im Licht des Mondes den Mann zum ersten Mal deutlich erkennen.

Der Fremde mochte etwa so alt sein wie John. Er war von kräftiger Gestalt, besaß ein kantiges Kinn und entschlossen wirkende Gesichtszüge sowie dichtes, blondes Haar.

Sand mahlte unter Stiefelsohlen, die hektische Rufe wurden lauter. Dann bog eine Gruppe von fünf, sechs Männern um die Ecke und verhielt an der Einmündung der Main Street. Ihre derbe Kleidung wies sie als Goldsucher aus, einer der Männer hielt eine Sturmlaterne hoch, mit der er in die Gasse leuchtete. Die übrigen waren mit Gewehren und Revolvern bewaffnet, die sie sofort hochrissen, als sie John und den anderen bemerkten.

„Was ist hier geschehen?“, erkundigte sich der Mann mit der Sturmlaterne misstrauisch. Ihr gelblicher Schein überzog sein verkniffenes, faltiges Gesicht „Wir haben Schüsse gehört.“

„Da habt ihr richtig gehört. Zwei Kerle wollten diesen Mann überfallen.“ John wies kurz auf seinen Kampfgefährten, der rasch nickte. „Ich konnte aber gerade noch rechtzeitig eingreifen, um Schlimmeres zu verhindern.“


„Wo sind die Banditen jetzt?“, wollte der Goldsucher wissen. Offenbar war er der Anführer der Gruppe.

„Getürmt“, antwortete John knapp und deutete zum hinteren Gassenausgang. „Einer von ihnen ist verletzt.“

„Na, dann ist ja alles in bester Ordnung“, knurrte der Oldtimer, während seine Begleiter die Waffen sinken ließen. „Wenigstens müssen wir keine Toten einscharren, das macht nämlich nur zusätzliche Arbeit, und der Platz am Boot Hill wird allmählich eng.“

„Mehr fällt Ihnen dazu nicht ein?“, erboste sich der Fremde. „Ich bin übrigens nicht verletzt und benötige keinen Arzt, nur falls Sie das interessieren sollte!“


„Der einzige Doc, den es in Deadwood gibt, ist um diese Zeit sowieso stockbetrunken“, erklärte der Goldsucher gelangweilt. „Wenn Sie dem in die Hände gefallen wären, hätte das Ihre Überlebenschancen nur vermindert. Manche behaupten allerdings, dass es um seine medizinischen Fähigkeiten auch im nüchternen Zustand nicht besser bestellt sei. Vielleicht ist er ja auch gar kein richtiger Arzt, sondern hat im Bürgerkrieg bloß mal einem Sanitäter über die Schulter gesehen, wer weiß das schon? Auf jeden Fall kommt er so früher zu Geld, als wenn er darauf wartet, dass er in den Black Hills Gold schürfen kann. Wenn nur diese verdammten Sioux endlich aus den Bergen verschwunden wären! Über kurz oder lang drehen hier noch alle durch, warten Sie’s nur ab! Kein Wunder, dass die Leute zu Verbrechern werden!“

„Ihr Verständnis für diese Banditen ist beeindruckend“, höhnte John.

„Was soll’s, kehren wir wieder zurück in den Saloon“, erwiderte der Goldsucher, ohne auf den Vorwurf einzugehen. „Hier gibt es für uns ja doch nichts mehr zu tun.“

Er wandte sich um und marschierte los, seine Begleiter schlossen sich ihm an, dabei lautstark diskutierend. Sie schimpften auf die Indianer, die unfähige Armee und die Regierung in Washington, bald schon waren ihre Stimmen nur noch als undeutliches Gemurmel zu hören.

„Unglaublich.“ John schüttelte den Kopf. „Wenn wir uns auf die Hilfe dieser Gestalten verlassen hätten, wären wir jetzt beide tot. Die sind doch über jeden froh, der vorzeitig das Zeitliche segnet, weil es dann einen lästigen Konkurrenten weniger gibt, der ihnen die begehrten Nuggets vor der Nase wegschnappen könnte.“

„Tja, die Gier nach Gold verändert die Menschen und hat schon manchen ins Verderben gestürzt“, meinte der Fremde. Nach einer kurzen Sprechpause fügte er hinzu: „Übrigens, ich heiße Ray Carter. Wenn man sich gemeinsam prügelt, sollte man zumindest den Namen seines Partners wissen.“

„John Travis“, stellte John sich vor und schüttelte kurz Carters Rechte.


„Haben Sie in Deadwood schon eine Unterkunft bezogen?“, fragte Carter.


„Nein, ich bin erst heute Abend hier eingetroffen und habe meinen Braunen im Mietstall untergebracht. Seither klappere ich die Saloons und Hotels ab, um mich nach einem günstigen Quartier zu erkundigen – bisher allerdings ohne Erfolg.“

„Vergessen Sie’s“, sagte Carter. „Günstige Quartiere gibt es in dieser Stadt nicht. Die Hotels verlangen maßlos überzogene Preise für miserable Zimmer – und sie können sich das auch leisten, weil immer mehr Menschen nach Deadwood strömen. Aber ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag: Wenn Sie wollen, können Sie sich bei mir einquartieren. Mir gehört hier eine kleine Hütte samt Stall – keine Luxusherberge, aber immerhin hätten Sie dort ein Dach über dem Kopf. Ein kühles Bier kann ich zwar nicht anbieten, aber zur Not tut’s ein Whisky auch. Bezahlen müssten Sie für die Unterkunft übrigens auch nichts, denn irgendwie muss ich mich ja dafür revanchieren, dass Sie mir vorhin aus der Patsche geholfen haben.“

John zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Sie besitzen eine eigene Hütte? Dann müssen Sie ja einer der Ersten sein, der sich hier niedergelassen hat.“

„Keineswegs“, berichtigte Carter. „Ich habe die leer stehende Hütte einfach übernommen, nachdem man den früheren Besitzer tot in den Black Hills fand – skalpiert und mit einem Pfeil im Rücken.“

„Ich nehme ihr Angebot an“, sagte John.


* * * * *

Carters Hütte lag am Rand von Deadwood, am Ende einer holprigen Straße, die direkt in die Wildnis führte. Die aus Baumstämmen und Brettern errichtete Unterkunft glich einem übergroßen Würfel und erweckte den Eindruck, als würde sie der nächsten Windstoß hinwegfegen. Das dem nicht so war und sie schon längere Zeit den Naturgewalten trotzen musste, bewies der Umstand, dass sich an ihren Außenwänden bereits Moos und Flechten zu bilden begannen. Die winzigen Fenster, die ein Eindringen unmöglich machten, waren notdürftig mit löchrigen Fetzen verhangen, aus dem Dach ragte ein rostiges Ofenrohr. Die Tür verfügte zwar über ein Schloss, hing aber in brüchig gewordenen Lederangeln, die man jederzeit ohne besondere Anstrengung herausreißen konnte. Dass dies noch niemand versucht hatte, war wohl nur auf die Befürchtung zurückzuführen, dass die Hütte im selben Moment zusammenbrechen würde. Um den angrenzenden Stall war es nicht besser bestellt, aber das leise, ins Freie dringende Schnauben verriet, dass das Bauwerk seinen Zweck erfüllte.


Ray Carter führte John zu der Unterkunft, nachdem John seinen Braunen aus dem Mietstall geholt hatte. Er brachte das Tier in Carters Stall, in dem sich ein Rappe sowie ein Maultier befanden, und ging dann mit Carter in die Hütte, wo sein Gastgeber eine Kerosinlampe entzündete.

Ihr gelblicher Schein riss eine spartanisch anmutende Einrichtung aus der Dunkelheit. Die Hütte bestand nur aus einem einzigen Raum, dessen Mitte von einem selbst gezimmerter Tisch eingenommen wurde, um den sich drei Stühle gruppierten. An der Rückwand gab es einen wurmstichigen Schrank, am Boden lagen strohgefüllte Matratzen und Decken umher. Der Kanonenofen in einer hinteren Ecke des Raumes diente zugleich als Herd, davon kündete eine Pfanne mit Essensresten, die auf der Ofenplatte stand. Staubpartikel tanzten im Licht der Lampe, die Luft roch abgestanden und muffig. Es war offensichtlich, dass der Bewohner des Heimes kein Freund von übertriebener Ordnung und Sauberkeit war.

Carter stellte die Lampe auf den Tisch und bot John Platz an. „Setzen Sie sich doch.“ Mit diesen Worten wandte er sich dem Schrank zu, dem er eine angebrochene Whiskyflasche sowie zwei Gläser entnahm.

John ließ sich auf einem Stuhl nieder, Carter stellte Flasche und Gläser auf den Tisch und nahm dann ebenfalls Platz. Er öffnete die Flasche, füllte die beiden Gläser und prostete John zu.

„Auf uns!“

„Auf uns!“, erwiderte John . Er griff nach dem Glas, setzte es an die Lippen und kippte sich den Whisky die Kehle hinunter.

„Na, wie gefällt Ihnen mein Zuhause?“, wollte Carter anschließend wissen.

„Man merkt, dass Sie seit Ihrem Einzug nicht viel verändert haben“, erwiderte John diplomatisch.

„Schön haben Sie das umschrieben.“ Carter grinste. „Der Zustand der Hütte ist allerdings pure Absicht. Wer in Deadwood überleben will, darf keinesfalls mit seinen Besitztümern prahlen, wenn er nicht riskieren will, dass man ihm deswegen den Schädel einschlägt. Die heruntergekommene Hütte verrät jedem Banditen, dass hier nur ein armer Schlucker wohnt, bei dem nicht viel zu holen ist.“

„Ihr bescheidenes Heim hat Sie nicht davor bewahrt, dass man Ihnen trotzdem beinahe den Schädel eingeschlagen hätte“, entgegnete John. „Haben Sie eigentlich tatsächlich falschgespielt?“

„Nein, ich hatte einfach nur Glück und die besseren Karten. Der Gewinn ist übrigens kaum der Rede wert. Nachträglich betrachtet war es allerdings ein Fehler, dass ich mich auf das Spiel überhaupt eingelassen habe. Ich hätte wissen müssen, dass ich so nur gierige Blicke auf mich ziehe. Außerdem war es ein überflüssiges Risiko. Wenn ich in den Black Hills erst auf Gold gestoßen bin, besitze ich mehr Vermögen, als ich beim Pokern jemals gewinnen kann.“


„Diese Hoffnung teilen Sie mit allen anderen Menschen in Deadwood“, erwiderte John. „Warum sollten ausgerechnet Sie bei der Goldsuche erfolgreich sein? Und noch sitzen die Sioux in den Black Hills, vergessen Sie das nicht.“


„Die Sioux haben sich bereits weit nach Norden zurückgezogen“, hielt Carter entgegen. „Sie flüchten vor Custers siebenter Kavallerie. Schon in wenigen Wochen wird es in Dakota keine feindlichen Indianer mehr geben, und dann ist der Weg in die Black Hills frei.“

„Darauf würde ich mich nicht verlassen“, meinte John. „Dass sich die Sioux nach Norden zurückziehen, muss kein Zeichen von Schwäche sein. Ich vermute eher, dass sie sich dort sammeln. Sitting Bull und Crazy Horse sind gewiefte Stammesführer, ihnen sollen sich bereits mehr als tausend Krieger angeschlossen haben. Ein solcher Feldzug ist auch für Custer kein Kinderspiel.“


„Tatsache ist, dass die Sioux bereits zurückweichen. Und wenn man genau weiß, wo es Gold zu holen gibt, braucht man auch nicht lange zu suchen und kann schnell wieder aus den Bergen verschwinden“, meinte Carter bedeutungsvoll.


John sah ihn misstrauisch an. „Wissen Sie denn so genau, wo es Gold gibt?“


„Würde Sie das denn interessieren?“ Der lauernde Unterton in Carters Stimme war nicht zu überhören.

„Zeigen Sie mir einen Menschen in Deadwood, den es nicht interessieren würde“, konterte John. Sein Gegenüber wollte offenbar auf etwas hinaus, war sich aber noch unsicher, ob er es auch aussprechen sollte.

„Sie haben mir vorhin aus der Patsche geholfen, deshalb will ich ehrlich zu Ihnen sein“, sagte Carter schließlich. Er beugte sich nach vorne, blickte John tief in die Augen und senkte die Stimme zu einem Flüstern, als befürchte er einen heimlichen Lauscher. „Ja, ich weiß, wo in den Black Hills Gold zu finden ist. Und dieses Gold muss auch nicht mehr geschürft werden, weil es bereits in kleinen, handlichen Säcken verpackt ist. In Säcken, die ich einst selbst gefüllt habe.“

Zwei, drei Sekunden lang stand Schweigen im Raum, das die Bedeutung von Carters Worten noch zu verstärken schien. Jähe Spannung ballte sich im Lichtkreis der Kerosinlampe.

„Die Nuggets warten nur darauf, von uns beiden abgeholt zu werden“, fuhr Carter beschwörend fort. „Das Gold gehört mir, ich habe es mir rechtmäßig angeeignet, aber alleine kann ich es nicht aus den Bergen schaffen. Der Aufwand wäre für einen Mann zwar zu bewältigen, allerdings ist mir das Risiko dabei zu groß. Zu zweit wären wir wesentlich schneller und könnten uns auch besser gegen allfällige Indianer verteidigen. Ich könnte natürlich auch abwarten, bis die Sioux tatsächlich besiegt sind. Aber in den Black Hills streifen zahllose Glücksritter umher, die bereit sind, für eine Handvoll Gold ihr Leben zu riskieren. Wenn einer von ihnen zufällig meine Nuggets entdeckt, war all meine Mühe umsonst. Ich habe das Gold zwar gut versteckt, aber der Teufel schläft bekanntlich nicht. Die Vorstellung, dass irgendein Digger meine Nuggets in die Hände bekommt, bereitet mir schon seit Langem schlaflose Nächte, ich will das Gold endlich in Sicherheit wissen! Wenn Sie mir helfen, das Gold zu bergen, gehört die Hälfte davon Ihnen, Travis, das schwöre ich Ihnen bei meinem Leben! Sie haben mich heute Nacht vor den beiden Straßenräubern gerettet, ohne Ihr mutiges Eingreifen würde ich vielleicht schon tot im Straßenstaub liegen, da ist es nur recht und billig, dass ich mich bei Ihnen revanchiere! Überlegen Sie nicht lange, Travis, eine solche Chance bietet sich Ihnen kein zweites Mal!“

John stieß hörbar die Luft aus und griff nach seinem Whisky. Dass ihn ein Fremder, den er vor einer halben Stunde noch gar nicht gekannt hatte, zum reichen Mann machen wollte, musste er erst einmal verdauen.

„Wieso haben Sie denn die Nuggets nicht sofort aus den Black Hills geschafft?“, wollte er wissen, nachdem er sein Glas geleert hatte. „Kein Mensch lässt freiwillig ein solches Vermögen unbeaufsichtigt zurück.“

Carter nickte. „Ich habe das Geld auch nicht freiwillig zurückgelassen, aber dazu muss ich weiter ausholen. Wir waren damals zu zweit, ich und mein Kumpel Jake Potter. Vorangetrieben vom festen Willen, die Berge als reiche Männer wieder zu verlassen, brachen wir letzten Sommer in die Black Hills auf...“


* * * * *


„Als Jake Potter und ich in die Black Hills ritten, waren die ersten Gerüchte vom Gold gerade erst in Umlauf gekommen. Deadwood hatte damals noch nicht einmal existiert, es gab hier nur unerschlossene Wildnis – und jede Menge verwegener Gestalten, die ihr letztes Geld in Waschpfanne und Pickel investiert hatten. Die Sioux wachten zwar über ihre heiligen Berge, aber wir gingen davon aus, dass sie zwei Männer wesentlich schwieriger bemerken würden als eine ganze Horde, die sich lärmend vorwärtsbewegte und dabei Spuren hinterließ wie eine aufgescheuchte Bisonherde. Außerdem war Jake ein ehemaliger Scout und wusste deshalb, wie man sich im Indianerland möglichst unauffällig zu bewegen hatte. Ja, unser Optimismus war damals grenzenlos.“

„Was offensichtlich nicht gerechtfertigt war“, schlussfolgerte John.

Anstelle einer Antwort füllte Carter erneut sein Glas voll. Er leerte es auf einen Zug, stellte es mit einer ruckartigen Bewegung zurück auf die Tischplatte und fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen, ehe er seine Erzählung fortsetzte. Der Schein der Lampe verlieh seinen Gesichtszügen etwas Gespenstisches, sein Blick war starr geradeaus gerichtet, als würde die Vergangenheit in diesem Moment vor seinen Augen wieder lebendig werden.


„Nach einigen Tagen gelangten wir an einen verborgenen Creek, wo wir unser Lager aufschlugen – und auch tatsächlich fündig wurden! Innerhalb von zwei Wochen holten wir mit unseren Waschpfannen so viel Gold aus dem Creek, dass wir unser Packpferd gerade noch damit beladen konnten, ohne dass es zusammenbrach. Umgerechnet in Dollars, verfügten wir über ein Vermögen, wie wir es uns in den kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätten. Jake und ich waren tatsächlich reich, und unsere Skalpe saßen noch immer auf unseren Köpfen! Wochenlang hatten wir von den Sioux nichts bemerkt – bis ich eines Morgens aus dem Zelt trat und beinahe über eine kleine Strohpuppe gestolpert wäre. An und für sich ist ein solches Kinderspielzeug nichts Bedrohliches, aber der Anblick dieser Puppe schnürte mir förmlich die Kehle zu: Sie war offenbar von Indianerhand gefertigt und in blutige Stoff-Fetzen gehüllt, die vom Hemd eines weißen Mannes stammten. Ich zeigte die Puppe Jake, und der entschied, dass wir unser Lager unverzüglich räumen mussten. Die Sioux wussten, dass wir da waren – und sie hatten uns den Tod geschworen. Die Vorstellung, dass ein skalplüsterner Krieger nächtens unbemerkt bis zu unserem Zelt vorgedrungen ist, lässt mich jetzt noch erschauern.“

Carter legte eine kurze Sprechpause ein, und John spürte, wie trotz der stickigen Temperaturen im Inneren der Hütte eine eisige Gänsehaut über seinen Rücken kroch, so eindringlich war die Schilderung seines Gegenübers.

„Wir brachen sofort unser Lager ab, luden die Säcke mit dem Gold in die Packtaschen des Transportpferdes und traten die Heimreise an“, setzte Carter seine Erzählung fort. „Noch war von den Sioux nichts zu sehen, aber das verstärkte nur unsere Anspannung. Hinter jedem Baum, hinter jedem Felsen konnte plötzlich ein roter Krieger auftauchen. Das Gefühl, dass hasserfüllte Augenpaare in bemalten Gesichtern jede unserer Bewegungen verfolgten, wurde mit jeder Meile übermächtiger. Nie zuvor waren mir die Wälder derart düster erschienen, nie zuvor hatte ich die felsigen Bergflanken derart beklemmend empfunden. Plötzlich wusste ich, weshalb man diese Gegend Black Hills nannte. Schwarze Berge – kein anderer Name wäre passender für die unsichtbare Drohung, die diese Wildnis ausstrahlt. Und dann, von einem Augenblick zum anderen, wurde diese Drohung plötzlich sichtbar. Als wären sie aus dem Boden gewachsen, versperrten uns sieben oder acht berittene Sioux den Weg, genau am Grat eines Hügels, den wir soeben emporreiten wollten. Mein Erschrecken über das Auftauchen der Sioux währte nur Sekunden und fiel beim ersten Schrei der Indianer von mir ab. Noch während die Rothäute auf uns zupreschten, rissen Jake und ich unsere Pferde herum und galoppierten auf eine Felsgruppe zu, die uns Deckung bieten sollte. Nur so besaßen wir den Hauch einer Chance, ein offener Kampf war von vornherein völlig aussichtslos.“

John hing wie gebannt an Carters Lippen. Dessen Erzählung war derart plastisch, dass bunte Bilder rasend schnell an seinem geistigen Auge vorüberzogen und ihn zum unbeteiligten Beobachter der dramatischen Vorfälle machten.

„Wir verschanzten uns hinter den Felsklippen und griffen sofort zu den Waffen, die Sioux umkreisten uns heulend auf ihren Ponys und deckten uns mit ihren Pfeilen und Kugeln ein. Zwei, drei Indianer kippten im Dauerfeuer unserer Gewehre aus den Satteldecken, und ich schöpfte bereits neuen Mut, als ich bemerkte, dass Jakes Gewehr plötzlich verstummt war. Langsam, so als wollte ich verhindern, dass meine Vermutung tatsächlich bestätigt wurde, wandte ich den Kopf – und dann sah ich, dass Jake nie wieder eine Waffe bedienen würde. Er lag rücklings am Boden, alle viere weit von sich gestreckt, einen Pfeil in der blutigen Brust, und starrte aus leblosen Augen zum Himmel empor. Der Anblick traf mich wie ein Keulenschlag. Zugleich weckte er in mir eine ungeheure Wut. Ich feuerte wie besessen auf die Sioux, zuerst mit meinen eigenen Waffen, danach mit dem Gewehr und dem Colt meines toten Freundes. Dass ich mir dadurch das zeitraubende Nachladen ersparte, erwies sich als Vorteil, der das Blatt schließlich zu meinen Gunsten wendete, denn meine heftige Gegenwehr schlug die Indianer in die Flucht. Ich lud die Waffen nach und band das Packpferd an meinen Rappen, Jakes Tier ließ ich laufen, nachdem ich es von Sattel und Zaumzeug befreit hatte. Eigentlich wäre ich es Jake schuldig gewesen, seinen Leichnam zumindest notdürftig mit Steinen zu bedecken und ihn so vor Bussarden und Kojoten zu schützen, aber dafür blieb keine Zeit. Jetzt zählte jede Minute, denn dass die Sioux mit Verstärkung zurückkehren würden, stand für mich außer Zweifel. Die Niederlage, die ich ihnen zugefügt hatte, schrie förmlich nach Rache. So nahm ich stumm Abschied von Jake Potter und setzte meinen Ritt fort, obwohl es mir zutiefst widerstrebte, meinen ehemaligen Kumpel einfach so zurückzulassen.

Bald schon begriff ich, dass mich das Packpferd an einer zügigen Flucht hinderte, andererseits wollte ich das Gold aber auch nicht aufgeben. Also entschied ich mich dafür, es zu verstecken, um es später, wenn die Gefahr durch die Indianer gebannt war, wieder zu holen. Ein Felsspalt am Fuß einer knorrigen Tanne schien mir als Versteck geeignet, das ich auch in einigen Monaten problemlos wiederfinden würde. Ich deponierte die Säcke in der Felsspalte, verdeckte die Kluft mit Gehölz und Steinen und füllte weitere Steine in die leeren Säcke, mit denen ich wieder das Packpferd belud. Anschließend trieb ich es fort, in der Hoffnung, so die Sioux zu täuschen. Wenn sie auf die Hufspuren stießen, die ja aufgrund des Gewichts der Steine noch genauso ausgeprägt waren wie zuvor, sollten sie glauben, dass sie meinem Pferd folgten, das mich im Sattel trug. So wollte ich sie auf eine falsche Fährte locken – aber meine Rechnung ging nicht auf. Wenige Stunden später, ich wähnte mich bereits in Sicherheit, krachte plötzlich ein Schuss von einer bewaldeten Anhöhe herab. Mein Pferd brach getroffen unter mir zusammen, ich konnte gerade noch die Füße aus den Steigbügeln reißen und mich mit meinem Gewehr hinter den Kadaver in Deckung werfen. Die Körper der herangaloppierenden Krieger wurden größer und größer, ihr Geschrei mischte sich mit dem Donnern der Hufe – als plötzlich ein Schuss peitschte. Im nächsten Moment stürzte einer der Angreifer vom Pferd. Bevor ich noch recht begriffen hatte, knallten weitere Schüsse, und wieder fielen Indianer getroffen zu Boden. Ich wandte den Kopf, und nun sah ich eine Gruppe von Weißen, die knapp zwanzig Yards hinter mir plötzlich aufgetaucht war. Sekunden später brachen die überraschten Rothäute ihren Angriff ab und suchten das Weite. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei meinen Rettern ebenfalls um Goldsucher, und nun war ich doppelt froh. Ich hatte nicht nur meinen Skalp behalten, sondern auch das Gold, denn das lag ja in seinem Versteck. Hätte ich die Nuggets noch mit mir herumgeschleppt, wäre ich von meinen Rettern vermutlich kurzerhand ausgeplündert worden. So aber marschierte ich weiter durch die Wildnis, bis ich die Black Hills endlich unbeschadet wieder verlassen konnte.“

Das Sprechen musste Carters Kehle völlig ausgetrocknet haben, denn er füllte sein Glas erneut voll und leerte es auf einen Zug, kaum dass er seine Erzählung beendet hatte. Seine Hand griff abermals nach der Flasche, um auch John nachzuschenken, aber der lehnte dankend ab. Er brauchte jetzt einen klaren Kopf und konnte es sich nicht leisten, dass der Alkohol seine Gedanken vernebelte. Dazu war die Entscheidung, die er treffen musste, einfach zu wichtig.

„Und nun sind Sie also nach Deadwood zurückgekehrt, um sich das Gold doch noch zu holen“, bemerkte John.

„Richtig“, bestätigte Carter und goss den Whisky in sein eigenes Glas. „Dabei habe ich mit Entsetzen festgestellt, wie rasch die Ansiedlung gewachsen ist. Das gelbe Metall zieht die Menschen an wie Honig die Fliegen. Jeder, der sich hier herumtreibt und nur darauf wartet, dass die Sioux endlich aus den Black Hills verschwunden sind, stellt eine Gefahrenquelle für mein Gold dar. Ich muss die Nuggets endlich aus den Bergen schaffen, verstehen Sie, ich muss!“

„Mein Anteil an dem Gold wäre also jene Hälfte, die ursprünglich Jake Potter zugestanden wäre“, vergewisserte sich John.

„So ist es.“ Carter nickte. „Sie bekämen die halbe Ausbeute. Also, worauf warten Sie noch? Schlagen Sie ein, ein solches Angebot erhält man nur einmal im Leben! Immerhin sind Sie ja nach Deadwood gekommen, weil Sie ebenfalls dem Lockruf des Goldes erlegen sind.“

„Im Augenblick sind Sie es, der mich lockt.“ John lächelte dünn. „Aber wenn ich es mir recht überlege, spricht eigentlich nichts gegen Ihren Vorschlag. Das Risiko ist das gleiche, wie wenn ich auf eigene Faust in die Black Hills reite, die langwierige Suche und die mühsame Plackerei bleiben mir erspart und ich weiß von Anfang an, dass mich nicht bloß wertloses Gestein erwartet. Ja, Sie können mich als Ihren neuen Partner betrachten.“

Carters Gesichtszüge hellten sich unter einem jähen Grinsen auf, in seine Augen trat ein triumphierendes Leuchten.

„Eine kluge Entscheidung“, meinte er und streckte John die schwielige Rechte entgegen. „Von nun an heiße ich Ray für dich.“

„John“, nannte Travis seinen Namen und erwiderte den Händedruck. „Jetzt könnte ich übrigens noch einen Schluck vertragen, quasi als Abschied von der Zivilisation – wenn man Deadwood überhaupt als solche bezeichnen kann.“


* * * * *

Wie verschmolzen mit der Holzwand, verhielt die geduckte Gestalt neben der Fensteröffnung der primitiven Hütte. Ihr rechtes Ohr war dicht an den Spalt gepresst, den der vor das Fenster gespannte Stofflaken freiließ, sodass sie jedes Wort mitanhören konnte, das im Inneren der Behausung gesprochen wurde. Im Schlagschatten der Hütte war die regungslose Gestalt kaum zu erkennen, nur ihre mühsam kontrollierten Atemgeräusche hätten einem allfälligen Passanten ihre Anwesenheit verraten. Der Busen der Frau hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen, so sehr versetzte sie das in Aufregung, was da an ihre Ohren drang.

Noch vor einer halben Stunde hatte Alice Baxter nicht einmal gewusst, dass Carter und seine Hütte überhaupt existierten. Eigentlich war sie nur John Travis hinterhergeschlichen, dessen Fährte sie schon seit Wochen folgte. Diese Fährte hatte sie erst vor wenigen Stunden nach Deadwood geführt, wo sie sofort ein Hotelzimmer gemietet hatte. Anschließend war sie wie eine Katze auf Mäusejagd durch die Stadt gestrichen und hatte Travis schließlich beim Verlassen eines Saloons beobachtet. Sie hatte sich im Schutz der Dunkelheit an seine Fersen geheftet – und war genauso überrascht worden wie er, als sich in jener schmalen Gasse plötzlich der Raubüberfall ereignet hatte. Starr vor Schreck war sie stehen geblieben und hatte sich rasch hinter einen am Straßenrand stehenden Frachtwagen zurückgezogen, wo sie zur Ohrenzeugin der dramatischen Ereignisse geworden war. Alice hatte mitangehört, wie John die Verbrecher gestellt hatte, und sie war jedes Mal zusammengezuckt, wenn aus der Gasse das ohrenbetäubende Dröhnen eines Schusses drang und fahlrotes Mündungsfeuer für Sekunden die Dunkelheit erleuchtete. Die durch den Schusswechsel angelockten Goldsucher waren an dem Frachtwagen vorbeigehastet, ohne die Frau zu bemerken. Erleichtert hatte sie schließlich beobachtet, wie John und ein weiterer Mann nach dem Abzug der Goldsucher ebenfalls auf die Main Street traten.

Travis lebte, und er schien unverletzt! Diese Erkenntnis ließ augenblicklich Zufriedenheit durch ihren Körper strömen – allerdings nicht, weil sie sich übermäßig um sein Wohlergehen gesorgt hätte. Sie wünschte ihm den Tod, aber kein anderer als sie selbst sollte John Travis töten! Er sollte durch ihre Hand sterben, und er sollte ihr in den letzten Sekunden seines Lebens von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Vor allem aber sollte er wissen, weshalb er sterben musste. Alice Baxter sehnte diesen Augenblick förmlich herbei, seit sie der Hass auf John Travis vorantrieb. Nur dieses Ziel bestimmte noch ihr Handeln, alles andere war für sie bedeutungslos geworden.

Unter Einhaltung eines Sicherheitsabstandes, jede Deckung ausnutzend, war sie den beiden Männern zunächst bis zum Mietstall und dann bis zu der Hütte gefolgt. Nachdem Travis und der andere in der Behausung verschwunden waren, hatte sie sich an diese herangeschlichen und durch das Fenster das Gespräch belauscht.

Was sie dabei mitangehört hatte, ließ ihr Herz unwillkürlich schneller schlagen. Wenn sie Travis in die Black Hills folgte, würde er sie unfreiwillig zu dem Gold führen – das er niemals besitzen würde! Travis und der andere würden sterben, getroffen von den Kugeln aus Alice’ Colt, kaum dass sie die Nuggets aus dem Versteck geholt hatten. Sie aber würde die Black Hills mit dem Gold wieder verlassen – eine reiche Frau, die ihr plötzliches Vermögen der Erfüllung ihrer Rache verdankte! Ausgerechnet jener Mann, den sie hasste wie nichts sonst auf der Welt, würde ihr bald schon ein sorgenfreies Leben ermöglichen. Sollten die Leichen je gefunden werden, würde man Indianer für die Tat verantwortlich machen.

Die Vorstellung zauberte ein hinterhältiges Lächeln auf Alice’ Lippen, was den markanten Ausdruck ihres Gesichts noch verstärkte. In den schmalen, leicht schräg stehenden Augen der Frau schien plötzlich ein unheimliches Feuer zu lodern. Ihr langes blondes Haar hätte zu einem Engel gepasst, jetzt aber umrahmte es die Fratze einer Teufelin.

Alice Baxter hatte genug gehört. Sie richtete sich vorsichtig auf, löste ihre schlanke Gestalt von der Hüttenwand und schlich zur Straße zurück. Nachdem sie sich auf leisen Sohlen einige Yards von der Hütte entfernt hatte, beschleunigte sie ihre Schritte und strebte den Lichtern von Deadwood zu, wo trotz der vorgerückten Stunde noch Lärm aus den Saloons drang. Wenig später stieg sie die Stufen eines einstöckigen Hauses empor, das ein über dem Eingang angebrachter Schriftzug als Last Chance Hotel auswies...


* * * * *


Das dumpfe hölzerne Pochen ließ George Gilmore jäh zur Tür des Hotelzimmers blicken. Seine Rechte griff instinktiv nach dem Colt, der aus dem Holster des um den Bettpfosten geschlungenen Revolvergurts ragte. Er zog die Waffe aus dem Leder, dann richtete er sich auf und schwang die Beine aus dem Bett, auf dem er bisher im bekleideten Zustand gelegen war.

„Wer ist da draußen?“, fragte er misstrauisch.

„Ich bin’s, Alice!“, drang es verzerrt durch die Tür. „Los, mach schon auf!“

Gilmore erhob sich, schritt zur Tür und schloss sie auf. Noch während er öffnete, hob er die Rechte mit dem Revolver. Als er erkannte, dass Alice allein war, ließ er die Waffe wieder sinken.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738909784
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Mai)
Schlagworte
lockendes gold rauchende colts

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Titel: Lockendes Gold - Rauchende Colts