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Revolverfeuer #5: Die Kugel ist für dich, Stevenson

2017 120 Seiten

Leseprobe

Die Kugel ist für dich, Stevenson


THOMAS TIPPNER



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappentext:

Lost Creek entwickelt sich für Ulysses Stevenson zu einem kurz vor der Explosion stehenden Pulverfass. Bannister, der seit Jahren auf Rache sinnt, sieht seine Chance endlich gekommen, um mit einem alten Feind ein für allemal aufzuräumen.

Und so stellt er Ulysses eine Falle, die gnadenlos zuschnappt und unendlich viel Blut, Tränen und Leid über die Menschen Lost Creeks bringen wird ...




Roman:

Edisson hatte noch nie in seinem Leben solch eine Angst gehabt.

Noch nie!

Und das gab er zu, ohne mit der Wimper zu zucken. Bisher hatte er sich immer für mutig gehalten, für einen Mann, dem man kein X für ein U vormachen konnte und der genau wusste, wie die vor ihm stehenden Menschen tickten. Ja, er war sich sicher, wenn er einem Mann gegenüber stand und ihm fest in die Augen schaute, dass er in ihm lesen konnte wie in einem Buch.

Es war, als legen die Seiten des Lebens dann vor ihm, auf die er nur einen Blick zu werfen brauchte.

Jetzt war es anders.

Alles war anders!

Er lief so schnell er konnte. Äste, der dicht beinander stehenden Bäume, peitschten ihm ins Gesicht, rissen ihm blutige Striemen auf die Haut und ließen ihn glauben, von kleinen, spitzen Dornen gestochen zu werden. Einmal ging er in die Knie, die Hand gegen die Augen gepresst, das Gefühl, glühende Dolchspitzen hätten ihn in den Schädel gestochen.

Edisson hatte, innerlich fluchend, sich wieder auf die Beine gekämpft und war weiter gelaufen.

Weiter …

immer weiter.

Er wollte so schnell wie möglich zwischen sich und den verfluchten Rothäuten eine möglichst große Distanz bringen. Hier, in ihrem Territorium, war er leichte Beute für sie. Sie würden sich auf ihn werfen, wenn sie es nur konnten, und dann mit ihren verfluchten Messern den Wanst aufschneiden und sich anschließend, wenn er die letzten Zuckungen vollführt hatte, den Skalp nehmen.

Das wollte Edisson nicht.

Verräter!

Das war nicht das erste Mal, dass ihm der heiße, der schneidend scharfe Gedanke durch den Kopf schoss, und ihn glauben ließ, einen Schlag mitten in den Magen bekommen zu haben. Er schauderte, während er sich unter einem Ast hindurch duckte, und den Ruf in sich zu unterdrücken versuchte.

Schon immer war es ihm ein Leichtes gewesen Empfindungen und die damit einhergehenden Gewissensbisse beiseitezuschieben. Es machte ihm nichts aus, vor ihm stehende Menschen in Sicherheit zu wiegen und ihnen dann, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Man kommt nur im Leben vorwärts, wenn man weiß, wie man über Leichen zu gehen hat, hatte ihm einmal jemand gesagt und einen Samen auf fruchtbare Erde geworfen. Edisson hatte sich die Worte zu Herzen genommen, und sie sich einverleibt, wie ein Halbverhungernder einen ihm gereichtes Laib Brot.

Jetzt aber, wo er floh, wo er das Lager hinter sich ließ, war es ihm, als würden all seine schlechten Taten ihn einholen. Als würden sie ihre lang erwartete Chance ergreifen und ihn matern und foltern.

Verräter!

Noch immer schmerzte ihn der Kopf, und das an seinem Hinterkopf klebende Blut war Mahnung genug, nicht auf seine in ihm tobenden Gedanken zu hören. Das Blut, das sich mit seinen Haaren vermengte, war ein Zeichen. Ein Zeichen des Glücks, wie er zugeben musste.

Wäre der den Abhang nicht hinunter gestürzt, und hätte sich dabei nicht den Kopf aufgeschlagen, wäre er in der Auseinandersetzung mit seinen Männern sicherlich in ein Tomahawk oder einen Messerstich geraten. So aber war er dann, sich mehr Mals überschlagend, mit den Schädel gegen einen Vorsprung, einen Baumstumpf oder sonst was gehauen, und hatte das Bewusstsein verloren.

Und seitdem materten ihn seine Schuldgefühle.

Verräter!

Er eilte weiter.

Er stolperte über eine aus dem Boden ragenden Ast, fing sich, und schlug dann, als er noch drei Schritte taumelte, mit der Schulter gegen den breiten Stamm eines Baumes, und verharrte an diesen regungslos.

Verräter!

Das war er nicht.

Niemals!

Er war ein Mann der Tat!

Und jetzt hatte er eine Tat vollführt, die ihm das Leben sicherte. Deswegen wunderte es ihn, dass es wieder und wieder durch seinen Kopf hallte: Verräter, Verräter, Verräter!

Was sollte das?

Keuchend stieß er sich von dem Stamm ab, taumelte weiter geradeaus, und spürte dabei ein brennenden, ihn quälenden Durst, wie er ihn noch nie zuvor in seinem Leben erlebt hatte. Selbst damals nicht, als er im Gefängnis eingesessen hatte, und darauf wartete, dem Richter vorgeführt zu werden.

Der damals zuständige Sheriff hatte gemeint, ein ganz Harter zu sein, indem er seinen Gefangenen Essen und Trinken verweigerte. Das er dadurch nur den Rachedurst und die Sehnsucht nach Vergeltung schürte, war ihm nicht bewusst gewesen.

Sicherlich auch in dem Augenblick nicht, als Edisson vor ihm stand, den sechsschüssigen Revolver in der Hand, und Kugel um Kugel in den fetten Leib des Sheriffs feuerte. Ja, selbst als der Sheriff, mit weit aufgerissenen Augen zu ihn starrte, schwankend einen Schritt nach vorne machte und ungläubig in das kalt lächelnde Gesicht Edisson starrte, war ihm der Fehler, den er begangen hatte, nicht bewusst geworden. Das hatte Edisson angenommen. Und gerade jetzt, wo er nicht wusste, wie es mit ihm weitergehen sollte, baute ihn der Gedanke an den dicken Sheriff und seine damals zur Schau getragenen Kaltschnäuzigkeit auf.

Sie zeigte ihm, dass er niemals aufgeben durfte.

Dass er sich an das halten musste, was ihn seitdem Tag seiner Jugend stark machte.

Deswegen versuchte er die Trockenheit in seinem Hals ebenso zu vertreiben, wie den sich wieder an die Oberfläche seines Gewissens kämpfende Schrei: Verräter!

Edisson stolperte weiter durch das Dickicht, nachdem er wenige Sekunden gebraucht hatte, um wieder neue Kraft zu schöpfen.

Dann verharrte er …

und jammerte leise.

Vor ihm, wie aus dem Erdboden gewachsen, stand eine Rothaut …


*


Lisa rannte so schnell sie konnte.

Sie presste Amy an sich, und hoffte, dass das Kind sich so schnell wie möglich wieder beruhigte. Die Angst, die sie dabei empfand, als sie einen Fuß vor den anderen setzte, war unbeschreiblich. Noch nie in ihrem Leben hatte sie solch einen Druck im Unterleib gehabt wie in dem Augenblick, als der Schuss auf Buster abgegeben wurde. Lisa, die wusste, mit was ihr Mann sich seit Jahren herumplagte, mit was für einem schlechten Gewissen er zu kämpfen hatte, war der festen Überzeugung gewesen, dass die schlimmsten aller Tage endlich hinter ihnen lagen.

Sie hatte sich geirrt, wie sie schmerzhaft feststellen musste, während sie ihre Töchter und die beiden Jungen dazu anhielt, ihr zu folgen. Sie wusste nicht, wie weit sie schon vom Haus weg waren, als mehrere Schüsse nacheinander abgegeben wurden, und sie das Brüllen eines Mannes hörte.

Ihres Mannes?

Auch wenn es sie alle Kraft kostete, die sie aufbringen musste, schaute sie sich nicht um.

Sie hatte ihr Ziel weiterhin im Auge.

Bristols Saloon.

Da würde man ihnen helfen. Irgendwie. Als sie merke, dass Claire zurückfiel, weil ihre älteste Tochter nicht wusste, wie sie sich hier und jetzt verhalten sollte, rief sie: „Beeil dich!“

Dad!“, rief sie, und starrte mit weitaufgerissenen Augen, in denen man deutlich die Angst lesen konnte, die Claire empfand, zu ihrer Mutter.

Weiter!“

Aber Dad!“

So schwer es ihr auch fiel, hier und jetzt Härte zu zeigen, sagte sie noch einmal. „Lauf“, und hasste sich dafür, dass sie sich an Busters Worte hielt, die er ihr einmal zuraunte, als sie in einem angeheiterten und die Welt leicht nehmenden Gefühl der Freiheit schwelgten. Es war damals gewesen, kurz nachdem sie erfahren hatte, dass Buster sie heiraten wollte und glaubte, die Welt würde ihr zu Füßen liegen.

Da hatte sie mit ihrem Mann auf dem Bett ihrer damals kleinen Absteige gelegen, Arm im Arm, im Kopf den kreisenden Dunst des Alkohols und in den Augen das Verlangen einer Frau, die hier und jetzt Sex haben wollte. Eine leidenschaftliche, eine liebreizende Frau, die es ohne große Mühen, wie sie meinte, es geschafft hatte, Buster um den Finger zu wickeln.

Und er war auf ihre Versuche eingegangen.

Verrückt, wie sie heute noch manchmal dachte, wenn sie an den kurzen Impuls zurückdachte, der ihren Mann durchzuckt hatte, und ihn alle sonst zur Schau getragener Kontrolle verlieren ließ.

Und eben da, als sie sich liebten, er gekommen war, und sie seinen stoßweise über seine Lippen kommenden Atem auf ihrer noch bloß liegenden Haut fühlte, hatte sie ihn gefragt, was er tat, wenn er als Hilfssheriff in ein Handgemenge geriet. Und er hatte ihr geantwortet: „Dem Ziel ins Auge blicken.“

Was heißt das?“, hatte sie wissen wollen, mit dem Finger sein Haar aufwickelnd.

Das man nicht zurückblicken darf. Kümmer dich im ersten Augenblick um dich selber. Mach das, was dir die Haut rettet. Alles andere kannst du dann noch versuchen zu retten.“

Damals hatte sie die Worte lächerlich gefunden. Ja, es war ihr so vorgekommen, als gab Buster an, während er mit ernster Stimme seine Sätze vortrug, und alle Leichtigkeit, die er eben noch in sich getragen hatte, mit bitteren Ernst ablöste.

Und gerade jetzt, wo sie die Hand nach Claire ausstreckte, um ihre Tochter am Unterarm zu packen und mit sich zu ziehen, kamen ihr seine Worte wieder in den Sinn. Sie leuchteten in ihr auf, wie die dem im nächtlichen Gewand gekleideten Himmel entgegen leckenden Lagerfeuerzungen.

Eil dich!“

Wieder zerrissen Schüsse die Stille. Und als wären die eben abgefeuerten, den Schall hinter sich her ziehenden Kugel der Brustlöser für Claire gewesen, machte ihre Tochter einen Satz nach vorne, und riss ihre Mutter mit sich. Die beiden Jungen, nebeneinander herlaufend, als wollten sie aufeinander aufpassen, schrien, als die Schüsse aufklangen, und machten Amy dadurch noch mehr Angst. Die Kleine presste ihren Kopf in die Schulter ihrer Mutter, und wimmerte unverständliches Zeug, und schien in völlig andere Sphären abgetaucht zu sein.

Ein Dank an den lieben Gott, dass das möglich ist, dachte sie bei sich, während sie in der Ferne die beiden Hügel erkannte, die einen engen Zugang zu dem Tal bildeten, in dem Hill Valley lag.

Dort, wo auch sie am liebsten ihre Farm errichtet hätte, um dichter bei den Familien zu sein, die hier die Zelte ihres Lebens aufgeschlagen hatten, an den Grenzen des Indianerterritoriums. In der Hoffnung, hier ein besseres Auskommen zu haben, als drüben in Florida oder im Osten bei Pennsylvania. Hier, wo es guten Ackergrund gab, weite Felder wo Rinder und Pferde ordentlich grasen konnten, hatten sie gehofft, ihrer Vergangenheit entkommen zu können.

Busters Vergangenheit, dachte sie in einem Anflug bitterer Traurigkeit, während sie das inhaltslose Gestammel Amys hörte, und sich wünschte, dass ihr Mann damals nicht so ehrgeizig gewesen wäre.

Leid wäre ihnen erspart geblieben.

Viel Leid …

Es war nur ein kurzer Augenblick der inneren Schwäche, der Lisa aber dennoch schüttelte, als habe sie eine schallende Ohrfeige bekommen. Sie hatte ihrem Mann niemals Vorwürfe gemacht. Nicht einmal dann, als er sich mit Richard, ihren gemeinsamen Sohn, zerstritt.

Sie versuchte immer das bindende Glied der Familie zu sein.

Was bisher gut geklappt hatte.

Aber jetzt, wo sie mit ihren Kindern um ihr Leben rannte, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten.

Es war, als brachen dort Dämme, wo sie geglaubt hatte, am gesichertsten zu sein.

Sie verfolgen uns!“, jagte ihr die Stimme Claires einen heißen Schrecken der Angst durch den Magen, und ließ sie merken, wie sie langsamer wurde.

Nicht umsehen, hämmerte sie sich selber Busters Erzählungen zurück in die Erinnerungen, und rief ihren Kindern zu. „Es ist nicht mehr weit!“

Schon hörte sie die donnernden auf den Sand aufschlagenden Hufe der näher kommenden Pferde.

Sie wusste, obwohl sie nur geradeaus guckte, dass sie die beiden Hügel nicht erreichen würde. Das Bristols Saloon ebenso weit für sie entfernt war, wie San Francisco oder Washington. Es machte für sie keinen Unterschied mehr, wo sie sich gerade auf der Welt befand. Sie war verloren.

Die Reiter würden sie einholen.

Und als ob diese ihre sich überschlagenden Gedanken gelesen hatten, brüllten sie: „Stehen bleiben, oder wir jagen euch allesamt Kugeln in den Rücken!“

Lisa ignorierte die Drohung.

Ebenso ihre Kinder.

Dann fiel der Schuss.

Lisa spürte, wie die Kugel an ihrem Bein vorbei in den Sand schoss, und sie dadurch ins Straucheln brachte.

Das Gewicht, das Amy mit sich brachte, wurde plötzlich zum Ballast und ließ sie ihren eben noch rhythmischen Lauf unkoordiniert werden.

Sie bekam Übergewicht und drohte zu fallen.

Lisa schrie ihre Angst heraus und fiel dann vorne über, als ihr Fuß in einer kleinen Senke keinen Halt mehr fand.

Sie stürzte …

und ließ Amy los …


*



In ihrem vom Alkohol umnachteten Verstand saß Astrid Crow da, und starrte unentwegt zu der Eingangstür. Auch wenn ihr das Denken schwer fiel und sie nur wenige brauchbare Gedankengänge spinnen konnte, so trat doch einer deutlich aus dem Nebel hervor, und ließ sie die einst schönen, grünen Augen zu boshaften, das Unheil herauf beschwörenden Schlitzen zusammenkneifen.

Ja, das gefiel ihr gut.

Sehr gut sogar.

Besonders deswegen, weil sie ihrem nichtsnutzigen Mann damit ordentlich in die Suppe spucken könnte.

Und weil ihr es gefiel, sich an das zu erinnern, was sie einst stark gemacht hatte, bevor der Alkohol eine immer wichtigere Rolle in ihrem Leben zu spielen begann, erhob sie sich, und ballte ihre schmale Hand zur Faust. Es war, als würde sie ihre Kräfte, die sie einst einmal besessen hatte, zu neuen Leben erwachen.

So machte sie dann einen schwankenden Schritt nach vorne, dem Durchgang entgegen, der das Wohnzimmer von dem schmalen Hausflur trennte.

Ihre Schritte waren schwer, und ihre Oberkörper schwankte wie ein Fahnenrohr im Wind. Vor ihren Augen verschwammen die sorgsam auf Tuch gestellten Vasen, die wiederum auf kleinen Kommoden oder Sekretären standen. Bilder, die sie mit Mitchel und ihren beiden Söhnen zeigten, verloren an Schärfe und die Konturen der einzelnen Personen verschwammen, wie Farbe, über die eine Lache Wasser floss.

Astrid atmete schwer, während sie einen weiteren Schritt nach vorne machte und die Übelkeit in sich aufsteigen fühlte, wie sie sie immer spürte, wenn sie zu schnell aufstand, nachdem sie getrunken hatte.

Sie stieß auf, und schmeckte den bitteren Geschmack der Galle auf der Zunge, und verzog deswegen das Gesicht.

Astrid hasste den Geschmack.

Nicht weil er so bitter war, sondern deswegen, weil er ihr zeigte, was aus ihr geworden war.

Eine heruntergekommene Säuferin, die nur deswegen nicht in der Gosse lebte, weil ihr Mann der Bürgermeister von Lost Creek war und sie ein beträchtliches Erbe mit in die Ehe brachte. Ein Erbe, wie sie wusste, dass ihr erhebliche Macht verlieh.

Macht, wie sie jetzt feststellte, wo sie sich schwer atmend an dem Rahmen des Durchgangs stützte, die sie gar nicht eingesetzt hatte.

Das wäre ihr vor fünfzehn Jahren nicht passiert.

Ach was, dachte sie, vor fünf Jahren hätte ich noch ein Auge drauf gehabt, was mit meinem Land und meinem Geld passiert.

Heute aber …

Sie brach ihren Gedanken ab. Es schmerzte sie zu sehr, an die Tage zu denken, an denen sie noch klar bei Verstand gewesen war, wo sie begriff, was um sie herum geschah und sie nicht morgens gleich an den Rum dachte, der unten in der Küche im Wandschrank zu finden war.

Damals hatte sie sich nicht so leicht ins Boxhorn jagen lassen.

Damals … war nicht heute, wie sie bitter begriff.

Und während ihr dieser Gedanke durch den Kopf waberte, auf einer Wolke Alkoholdunst getragen, lächelte sie bitter, und warf einen Wände und Decken durchdringenden Blick hinauf in ihr Schlafzimmer. Dorthin, wo ihr Nachtschränkchen stand, dass mit feinen Malerei verziert worden war. Malereien, an denen sie sich damals nicht hatte sattsehen können, weil das Motiv, ein blondes, kleinen Mädchen, das über eine Wiese lief, so niedlich gefunden hatte. Weil das Bild ihr das zeigte, was sie immer gerne gehabt hätte.

Eine Tochter …

Eine blond gelockte, kleine Tochter, die mir weit aufgerissenen, vor Aufregung leuchtenden Augen zu ihr gelaufen kam, und ihr einen selbstgepflückten Blumenstrauß schenkte. Ein kitschiger, ein schon tausendmal geträumter Traum. Ein Traum aber, der Astrids Herz schwer werden ließ, weil sie das eben gesehene Bild niemals erleben würde.

Niemals …

Wegen Mitchel …

Und deswegen war ihr Nachtschränkchen so verlockend.

Wegen dem Bild …

und dem Revolver, der in der oberen Schublade lag und nur darauf wartete, eingesetzt zu werden.


*


Lisa schrie.

Sie wollte Amy festhalten, wollte ihre Tochter an sich pressen, und begriff doch, als sie die Hände nach ihrem Kind ausstreckte, dass es zu spät war. Das sie niemals im Leben mehr an Amy herankommen konnte. Denn während sich die Kleine mehrmals um ihre eigene Hüfte drehte, galoppierten die Männer heran, und schufen einen Kreis um Lisa und ihre restliche Familie.

Staub wirbelte auf, während die Tiere nervös auf der Stelle traten. Lisas Augen brannten, während sie den feinen Sand versuchte beiseite zu blinzeln, der sich auf ihre Netzhaut legte und ein unangenehmes Stechen hervorrief.

Sie hörte ihre Jungs schwer atmen und ihre Töchter leise, ängstliche Schreie ausstoßen.

Den Befehl: „Steht auf“, nahm sie ebenso wenig wahr, wie das Klicken eines Spannhahns des auf sie gerichteten Revolvers.

Steh auf, du Schlampe“, drang ihr die Stimme eines der Angreifer ans Ohr, und ließ Lisa da erste Mal den Kopf heben und dorthin schauen, wo nicht Amy war. Die, geistesgegenwärtig wie sie war, hatte sich hinter Felsen versteckt, die hier immer wieder aus der Erde ragten und wirkten, wie verloren gegangene Spielzeuge unendlich großer Menschen.

Ich …“

Fresse!“, wurde ihr der Mund verboten. „und aufstehen.“

Lisa tat, was man von ihr verlangte. Sie kam schwerfällig auf die Beine, und fasste dann hektisch nach ihren verängstigten Kindern, um sie an sich heranzuziehen, und vor den Banditen zu schützen.

Mama“, weinte Bill.

Ich bin hier. Uns wird nichts geschehen“, versuchte sie ihren weinenden Jungen zu beruhigen, und starrte zu dem bärtigen, fettleibigen Kerl, der den Revolver mitten auf ihr Gesicht gerichtete hielt, und betete, dass irgendjemand kommen würde, um sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

Es zerriss ihr das Herz, ihren Jungen so aufgelöst zu sehen. Und es schmerzte noch mehr zu wissen, dass sie so nichts für ihn tun könnte, außer ihn fest an sich zu pressen und flehend zu den auf den Pferden sitzenden Männern zu starren, die sich sichtlich darin gefielen, das entscheidende Zündlein an der Waage zu sein.

Ja, sie sah, wie der fette Kerl ganz offen und ehrlich mit dem Gedanken spielte, hier und jetzt abzudrücken. Dass er es sich gut vorstellen konnte, ihr eine Kugel in den Kopf zu jagen und dabei zuzusehen, wie sie langsam in den Sand sank, während ihre Kinder hilflos schreiend zusehen mussten, wie sie starb.

Lisa straffte ihren Körper.

Sie reckte das Kinn vor, wollte dem Kerl keine Angst zeigen, und fragte deswegen zischend: „Was habt ihr mit uns vor?“

Der Bärtige verzog seine spröden Lippen zu einem boshaften Lächeln …

und drückte ab.


*


Mit einem einzigen Tritt riss Walter Collins die Tür aus den Angeln.

Vor Wut schnaubend stürmte er in das Haus seines ärgsten Feindes und schaute sich mit zu Schlitzen verengten Augen in der schummrigen Düsternis des Hauses um. Er sah, das die Familie gerade zusammen gesessen hatte, und das sie von dem Auftauchen der Outlaws überrascht worden waren.

Er machte einen Schritt in den Wohnraum hinein. Er hatte noch das Dröhnen der abgegebenen Schüsse im Ohr, hörte noch die Rufe seiner Männer, als sie bemerkten, dass die Familie von Buster Stevenson sich daran gemacht hatten, ihr Heil in der Flucht zu suchen.

Das Christian Nolan den Frauen nachzusetzte, war ebenso klar gewesen, wie seine andauernde Vernachlässigung der Disziplin.

Collins verabscheute den fetten, bärtigen Kerl, und hätte ihm am liebsten hier und jetzt eine Kugel in den Kopf geschossen.

Das Problem an der Sache war nur, dass es Nolan war, der sich in der Gegend hier am besten auskannte. Schon mehrmals hatte er ihnen unwegsam erscheinende Passagen umgehen lassen. Er war in der Hinsicht unverzichtbar gewesen.

Aber seine Sauferei, sowie seine Faulheit störten die ganze Harmonie von Collins Leute.

Schon mehr als einmal hatte Collins die Männer hinter seinem Rücken reden gehört. Hatte mitbekommen, wenn er sich leise, beinah lautlos, dem gerade frisch aufgeschlagenen Lager nährte, wie einige der Männer murrten. Dass sie es seltsam fanden, dass der „Dicke“ alles durfte, während sie einen Hieb mit der Faust oder einen Schlag mit der flachen Hand kassierten, wenn sie nicht so spurten wie ihr Boss es wollte.

Sie hatten recht!

Es fing an Kreise zu ziehen.

Unangenehme Kreise.

Collins brauchte nur an den Zwischenfall mit Lorel denken.

Hätte der verfluchte Hund seine Waffenhand ruhig gehalten und hätte nicht wie eine gesengte Sau um sich geschossen, wäre der Angriff auf Buster und seine Familie womöglich von Erfolg gekrönt gewesen.

So aber hatten sie überhastet aufbrechen müssen.

Der Angriff war zur falschen Zeit erfolgt.

Collins knirschte mit den Zähnen, während er seine Blicke weiter durch das Haus schweifen ließ und sich fragte, wohin der verfluchte Bastard verschwunden sein konnte. Als Buster auf Collins anlegte, und dann selber von einer Kugel getroffen wurde, hatte er sich zurückgezogen.

Er war taumelnden Schrittes in das Haus hineingegangen, hatte die Tür zugeworfen …

und dann?

Wo war er jetzt?

Der andere Mann, der sich ebenfalls Collins und seinen Männern entgegengestellt hatte, hatte draußen hinter dem Regenfass seine Deckung gefunden, und hatte zwei Outlaw aus dem Sattel geschossen. Ob die Jung noch lebten, oder nur schwer verletzt waren, hatte Collins nicht interessiert. Das, was er wollte, war Buster Stevenson.

Den verfluchten Bastard, der ihn vor Jahren beinah an den Galgen gebracht hatte.

Der es gewagt hatte, sich ihm entgegenzustellen, und das schrecklichste aller Rachemanöver vollführte, dass man sich nur vorstellen konnte.

Collins brauchte die Erinnerungen an die zurückliegenden schlimmsten Stunden seines Lebens, um den Hass niemals zu vergessen, den er Buster gegenüber fühlte. Er hasste ihn so sehr, dass er ohne mit der Wimper zu zucken, jeden aus seiner Familie kaltblütig umbringen lassen würde. Nur um es diesen verfluchten Bastard endlich heimzahlen zu können. Was wiederum eine glänzende Idee war, wie Collins fand. Nolan, so faul und versoffen er auch war, hatte in diesem Augenblick hervorragend geschaltet.

Sollte Collins Buster nicht finden, dann würde er sich eben an dessen Familie rächen.

Gleiches mit Gleichen vergelten.

Stevenson!“, schrie er, als er den Lebensraum durchschritten hatte, den Colt noch immer vor sich. „Meinst du wirklich, dass verstecken hier noch hilft? Das es ratsam von dir ist, wegzubleiben, während meine Männer deine Frau in ihre Gewalt bringen?“

Über ihn, oben im Gebälk, knirschte es.

Collins riss den Colt in die Höhe, drückte ab.

Mit einem Feuerblitz, der aus der kreisrunden Mündung der Waffe schoss, jagte die Kugel durch die Bretter, die den Wohnraum von dem Dachboden trennten. Er hörte wie die Kugel das Holz splitternd auseinanderriss, und blinzelte dann, als ihm entgegen rieselnder Staub in den Augen stach.

Stevenson!“

Wieder hallte seine Stimme durch die Stille. Draußen wurden noch einige Male geschossen, um dann verdächtiger, Collins siegessicher lächeln lassender Stille folgen.

Der Kampf war vorbei.

So schnell er begonnen hatte, so eilig war er auch vorbei gewesen.

Collins und seine Männer hatten gewonnen.

Fehlte nur noch Stevenson, die dumme Sau.

Der aber ließ sich nicht locken. Weder von Collins mit Ekel in der Stimme ausgestoßenen Beleidigungen, noch von der Tatsache, dass sie seine Familie hatten.

Was sollte das?

War Buster nicht einer dieser Männer, die ihr Leben für das Wohl seiner Familie opferten?

Zusammenfassung

Lost Creek entwickelt sich für Ulysses Stevenson zu einem kurz vor der Explosion stehenden Pulverfass. Bannister, der seit Jahren auf Rache sinnt, sieht seine Chance endlich gekommen, um mit einem alten Feind ein für allemal aufzuräumen.
Und so stellt er Ulysses eine Falle, die gnadenlos zuschnappt und unendlich viel Blut, Tränen und Leid über die Menschen Lost Creeks bringen wird ...

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909760
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Mai)
Schlagworte
revolverfeuer kugel stevenson

Autor

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Titel: Revolverfeuer #5: Die Kugel ist für dich, Stevenson