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Unbekannte Galaxien - Das 1936 Seiten Science Fiction Abenteuer Paket

von Alfred Bekker (Autor) Jo Zybell (Autor) Gerd Maximovic (Autor)

2017 1936 Seiten

Leseprobe

Unbekannte Galaxien - Das 1936 Seiten Science Fiction Abenteuer Paket

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2017.

Unbekannte Galaxien

Das 1936 Seiten Science Fiction Abenteuer Paket mit Romanen von Alfred Bekker, Jo Zybell und Gerd Maximovic.

Expeditionen zu fernen Welten, die Begegnung mit Alien-Kulturen, galaktische Kriege zwischen Sternenreichen von unermesslicher Weite – darum geht es in den Science Fiction Abenteuern dieses Buches. Die Bestimmung des Menschen liegt im Kosmos und Science Fiction Abenteuer machen die Unendlichkeit des Raums erlebbar.

Dieses Buch enthält drei umfangreiche Science Fiction Sagas:

Jo Zybell: Terra 5500 – Rebellen der Galaxis

Alfred Bekker: Captain und Commander

Gerd Maximovic: Das Auge im Weltraum

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Sammelband Terra 5500: Rebellen der Galaxis

von Jo Zybell

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2014 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Dieses Ebook enthält folgende sechs Bände und Glossar und zwei Zeittafeln :

Band 1  Flucht ins All

Band 2  Galaktische Jäger

Band 3  Sturz auf den Wasserplaneten

Band 4  Entscheidungsschlacht

Band 5  Todesmond Triton

Band 6  Der verbotene Planet 

Glossar

Zeittafel I

Zeittafel II

Der Umfang dieses Ebook entspricht 804 Taschenbuchseiten.

Band 1: Flucht ins All

Manchmal, wenn sie lange genug ins Eis starrte, geschah es, dass eine Grotte sich in der Eiswand öffnete. In solchen Momenten sah sie eine andere Welt, eine Welt jenseits des Eises: blauer Ozean, weiße Strände, Regenwälder und Flussmündungen an flachen Küsten. Wenn sie ihrem Vater davon erzählte – und das tat sie häufig – lächelte er, nahm sie in die Arme und sagte: „Die Bilder, die ich in deinen Kopf gepflanzt habe, bringen das verfluchte Eis zum Schmelzen.“ Er sprach dann immer mit heiserer Stimme.

Auch an jenem Morgen, dem ersten des Plans und ihrem letzten auf Genna, geschah es wieder: Im grauen Eis, hundertzwanzig Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Schachtwand, strahlte eine gelbe Sonne über blauem Meer; eine Sonne, die sie nie gesehen hatte, über einem Meer, das sie nur aus den Beschreibungen ihrer Eltern kannte.

Ich komme. Stumm bewegte sie die Lippen. Ich komme zu dir...

„Code vierundzwanzig eins vierundfünfzig alpha“, sagte ihr Vater, während das Tor sich hinter ihnen senkte, und die letzten Scheinwerfer an den Querstreben über ihnen aufflammten. Er trug eine silberfarbene ISKK unter seinem Helm, vielleicht seine wichtigste Waffe an diesem Tag. Venus musste daran denken, dass er fünf Jahre an der ISK-Kappe gearbeitet hatte. An dem Plan hatte er gearbeitet, seitdem sie lesen konnte.

„Achtzehn Omega-Frachter auf den Landeplätzen.“ Der kugelförmige Kommunikator gab die entschlüsselte Form des Codes wieder. „Je drei neben jedem Schacht. Wir bringen die Container wie üblich an Bord der Omega-Frachter.“

„Richtig.“ Ihr Vater nickte. Der hochgewachsene Mann trug einen unförmigen Ganzkörperanzug aus schwarzem Kunstleder, der ihn noch breiter und grobknochiger aussehen ließ, als er sowieso schon war. An seiner Schulter hing ein Laserkaskadengewehr, auf seinem Rücken eine altertümliche Kompressionspatrone mit Standardatemgasgemisch, auf seiner Brust baumelte die Atemmaske. „Code vierzwanzig eins vierundfünfzig beta“, forderte er. Wie einer jener Barbaren, denen die Republik die Raumfahrt untersagt hatte, sah Uran Tigern aus, und nicht wie ein Mann, der einst in Para-Astrophysik promoviert und im Rang eines Primoberst einen Flottenverband kommandiert hatte.

„Begutachtung des Rohstoffs durch den Kommandanten und die Frachterkapitäne“, sagte der Kugler. „Verhandlungen über Volumen und Tauschware.“ Das Kunsthirn sprach mit einer sanften, einschmeichelnden Stimme.

„Richtig. Und wie gehst du vor? Code vierundzwanzig eins vierundfünfzig gamma und delta...“ Während ihr Vater ein letztes Mal mit dem Primkugler den Plan durchging, beobachtete sie die Gesichter der anderen. Unter den Alten die beiden Brüder ihres Vaters, Plutejo Senior und Sarturis, und ihre Getreuen; dann die Patriarchen der Vegas- und der Insulasippe samt ihren Eidmännern und -frauen; dahinter die Mütter und Väter der namenlosen Sippen, und schließlich die Männer und Frauen, die keiner Sippe angehörten, nicht einmal einer Familie, die um keine Kinder und Kindeskinder bangen mussten und um keine Zukunft. Lauter bläuliche Gesichter, lauter ausgemergelte und von den Mühen der Arbeit gebeugte Gestalten, viele schon Greise, und alle auf irgend eine Weise bewaffnet.

Unter den Jungen standen ihre drei Schwestern Lune, Alya und Pluteja; ihre drei Brüder Alvan, Nepuk und, wie meist Seite an Seite mit der zierlichen Mutter, Plutejo junior. Er war der jüngste und zugleich größte – größer und breiter noch als sein Vater, kräftiger als seine älteren Brüder. Sein von der Droge aufgedunsenes Gesicht hatte schon eine Blaustich, wie das eines Alten. In seinen Zügen duckten sich Hass und Leidenschaft zum Sprung.

Auch viele ihrer Altersgenossen hatten sich heute aus dem Labyrinth gewagt, manche zum ersten Mal. Einige waren längst selbst Väter und Mütter. Diese hatten darauf bestanden ihren Nachwuchs mitzunehmen, wenn es soweit war. Uran Tigern gestattete es, war sogar froh, dass sie diesen naheliegenden und von ihm und dem Freiheitsrat durchaus einkalkulierten Schritt aus eigenem Antrieb gehen wollten. Und war es nicht wirklich gnädiger, die Kleinen rasch in den Feuerkaskaden der Republikaner sterben zu lassen, als Jahrzehnte lang in den Bergwerken unter dem Eis?

Und schließlich gab es da noch diejenigen, die Venus Tigern einst gepflegt und gehütet hatte, als sie noch Säuglinge waren: Halbwüchsige Jungen und Mädchen, die einen erst dreizehn, andere sechzehn oder siebzehn Terrajahre alt. Sie sahen scheu um sich, sie blickten ängstlich über sich, dorthin, wo man den jungen Genna-Tag am Ende des Schachts wegen der Scheinwerfer und wegen der Eisschachthöhe nicht erkennen konnte, und sie hielten sich mit Blicken immer aufs Neue am General der Freiheitsarmee fest wie am Geländer einer Brücke über einer Eisspalte. In solchen Momenten platzte Venus schier vor Stolz auf ihren Vater.

In den Mienen der Jungen spiegelten sich Trotz, Angst und Ungeduld, in denen der Alten eine eigenartige Mischung aus Erschöpfung und Entschlossenheit.

„Code fünfundzwanzig eins vierundfünfzig alpha“, verlangte Venus’ Vater, und der Roboter bestätigte seine Bereitschaft mit dem dechiffrierten Text: „Neutralisierung des ersten Omega-Frachters, zeitgleich ein Langwellensignal an unsere Verbündeten auf Orkus, danach euer Ultimatum.“ Die geschlechtslose Stimme klang sanft und heiter, als wollte sie ein quengelndes Kind beruhigen.

„Richtig...“ Und dann hörte sie ihren Vater Code 26-1-54 abfragen, der Dreischritt des Planes, um den die Angstträume aller kreisten, seit der Freiheitsrat ihn bekannt gegeben hatten. Venus legte den Kopf in den Nacken und verengte ihre Augen zu Schlitzen. Vierhundert oder fünfhundert Meter über ihr zwischen den Querstreben verschwammen die Controgravspiralen um die beiden Liftschächte zu einer einzigen Säule. Nur an besonders klaren Tagen konnte man die Schachtöffnung dort oben in dreizehnhundert Metern Höhe erkennen. Das Scheinwerferlicht tat ihren Augen weh. Venus schloss sie und lauschte der Stimme ihres Vaters und dem seelenlosen Gesäusel des Kuglers – 26-1-54-alpha und Auffahrt, 26-1-54-beta und Angriff, 26-1-54-gamma und Sturm auf die Frachter, erst die Alten, dann die Jungen. Danach musste jeder selbst sehen, wo er blieb, und wie er sich nach Orkus durchschlug, dem großen Eismond des Nachbarplaneten...

Die Nähe des Todes war eine Eisblase. Die Eisblase füllte ihr Hirn. Selten klare Gedanken dachte sie plötzlich: dass es keinen Weg zurück mehr gab, dass sie keinen Weg zurück mehr wollte, dass es sich lohnte, und dass sie bis zum letzten Atemzug kämpfen würde. Sie wusste, dass jetzt, in diesen Minuten, auch am Grund der anderen fünf Schächte mutige und ängstliche und ungeduldige Menschen lauschten, dass auch dort letzte Worte mit den Primkommunikatoren gewechselt wurden, und dass auch dort Männern und Frauen die Prognose des gekaperten Rechners durch die Köpfe ging: Höchstens zwölf Prozent würden überleben.

„Wir rechnen mit euch“, schloss Uran Tigern.

„Das ist vernünftig“, sagte der Kugler. Auch er war gekapert. Auf Tefloncarbonatketten wendete er und rollte zum Frachtlift. Zwei weitere Kommunikatoren und zwei humanoide Koordinationsroboter warteten dort bereits, Einheiten aus geraubten und lange versteckten Beständen. An ihren Schädeln und Gliedern nagte bereits der Rost.

Die Tore der Lagerhallen öffneten sich, vielarmige Arbeitsroboter mit kegelförmigem Torso rangierten die ersten drei Schwebecontainerplomben in Richtung Frachtlift. Schwarzblaues von gelblicher Maserung durchzogenes Geröll häufte sich unter ihren Bleikristalldeckeln: Glaucauris. Kein Rohstoff der Galaxis war begehrter.

Ihr Vater wandte sich um und blickte auf den Ringchronometer an seinem Mittelfinger. „Noch neunundsechzig Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit. Gehen wir ein letztes Mal ins Labyrinth.“ Er sah in die Runde. Selten hatte Venus ein derart schönes und mildes Lächeln auf seinem verbrauchten Gesicht gesehen. „Ein jeder suche die Höhlenburg seiner Sippe auf, ein jeder versöhne sich mit denen, die er hasst, und ein jeder verabschiede sich von denen, die er liebt.“ Das Tor hob sich, das Dämmerlicht dahinter nahm eine schweigende Menge auf.

Sechs Stunden später meldete der Prim-Kommunikator das Ende der Begutachtung und den Beginn der Verhandlungen, vierzehn Stunden später das wie immer magere Ergebnis, und zweiunddreißig Stunden später die Verladung der ersten drei Container. Danach schwebte Container um Container den Eisschacht hinauf, der Arbeitsertrag eines ganzen Jahres.

Sechzehn Stunden vor Anbruch der Genna-Nacht funkte der Kugler Tigern senior über eine geheime Langwellenfrequenz an, für die es auf den Schiffen der Flotte schon seit Jahrhunderten keine Empfangsgeräte mehr gab. „Erstes Langwellensignal an Orkus gefunkt“, sagte er. „Autoeliminierungsmodus aktiviert, Countdown läuft. Noch sechzehn Stunden...“

1

Der Navigator lehnte sich entspannt zurück. Zum Greifen nahe leuchtete Die Sonne Doxa bereits im Visuquantenfeld. Ihr vierter Planet stand als grüner Punkt im Zentrum des runden Navigationsmonitors. Meyer-Rulands Job war erledigt. Für Bremsmanöver und Landung war das Bordhirn zuständig; und der Kommandant.

Er grinste in dessen Richtung. „Guter Kahn“, sagte er, nur um etwas zu sagen. „Ehrlich. Selten so ein feines Gerät geflogen.“ Meyer-Ruland war neu; sein erster Flug für Tellim TransKonzept.

„Ist ja auch noch nicht lange im Stall, die Jerusalem“, antwortete der Pilot anstelle des Kommandanten, ein Endvierziger namens Norge Holm. „Haben wir erst vor zwei Jahren gekauft, stimmt’s Yaku?“ Der Kommandant nickte, sagte aber noch immer nichts. Er starrte die Sonne im Viquafeld unter der Panoramakuppel an, als hätte er sie nie zuvor gesehen. Auf der Sessellehne, über seinem weißhaarigen Schädel, hockte ein Kolkrabe.

„’Jerusalem’ – was für ein Name. Muss man erst mal drauf kommen.“ Wieder wandte Meyer-Ruland sich an den Mann im Kommandantensessel. „Was bedeutet das eigentlich, Mr. Tellim?“ Wieder reagierte der Kommandant nicht.

„Irgend’ne Insel auf Terra Prima, glaub ich“, sagte Holm. Und dann an die Adresse des Kommandanten: „Was ist los, Chef? Warum so schweigsam auf einmal?“

„Wie?“ Der Kommandant blickte erst nach links zum Navigator, dann nach rechts zum Piloten. Ganz wie einer, der gerade aus einem Nickerchen aufgeschreckt war, kam er den Männern vor. Meyer-Ruland jedoch hätte schwören können, dass er seine Augen die ganze Zeit nicht geschlossen hatte. „Ist mir was Wesentliches entgangen, Männer? Ich war gerade in den Anblick unserer Heimatsonne vertieft. Ein hübscher Stern, findet ihr nicht?“

Holm runzelte die Stirn. „Klar doch, Chef.“ Er räusperte sich. „Romus wollte wissen, warum das Schiff Jerusalem heißt.“

„Gefiel mir einfach.“ Moses breitete die Schwingen aus. Ein Krächzen wie Holztürknarren, tief und trocken, drang aus seiner schwarz gefiederten Kehle.

Meyer-Ruland lauerte erst misstrauisch nach dem Vogel und räusperte sich dann ebenfalls. „Und aus welcher galaktischen Kultur stammt der Begriff, Sir?“ Er gab weiterhin den Interessierten.

„Keine Ahnung.“ Der Kommandant streckte sich und faltete die Hände im Nacken. Moses flatterte auf die rechte Armlehne des Kommandantensessels. „Keine Ahnung, wo ich das aufgeschnappt hab.“ Der Kommandant streckte die langen Beine von sich. Seine Kniegelenke knackten. „Fand’s einfach schön.“

„Aha“, murmelte Romus Meyer-Ruland. „Verstehe...“

Der Pilot beobachtete seinen Chef von der Seite. Natürlich log er. Holm flog lange genug für den Reeder und lange genug mit ihm vor allem – Yakubar Tellims Tonfall und Mimik mochten für einen Außenstehenden verschlossen wirken, er aber konnte darin lesen. Außerdem wusste er, was seinem Chef morgen für ein Tag ins Haus stand. „Geht’s noch, Yaku, oder wie?“ Chrjaku, krächzte Moses, chrjaku, chrjaku...

Der hochgewachsene, knochige Mann mit dem weißen Haarzopf zog die weißen Brauen hoch und musterte seinen Piloten. Zahllose Falten zerfurchten sein braunes Gesicht; wie altes, zerknautschtes Leder sah es aus. Seine linke Augenhöhle war mit einer Prothese gefüllt. Die war von einem solch matten Schwarz, dass man den Eindruck gewann, sie würde jeden Lichtstrahl aufsaugen. „Ich mag’s halt, ins Doxa-System hineinzufliegen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Freu mich nach Hause kommen, mehr nicht.“

Holm hörte die Worte, und Holm verstand den Blick. Lass mich in Ruhe, forderte der, und unterhalte den Quatschkopf im Navigationstand ein wenig, damit auch er mich in Ruhe lässt.

„Was du wieder redest, Yaku!“ Holm winkte ab. „Ist doch ein furchtbar langweiliges Sonnensystem! Es gibt Dutzende von Planeten, die Doxa IV jederzeit in den Schatten stellen!“ Der Pilot war nicht besonders groß, ein wenig rundlich zudem. Er trug eine Tätowierung auf dem kahlen Schädel: eine geballte Faust, die im Nacken in die Büste einer barbusigen Frau überging. „Waren Sie zum Beispiel schon mal auf Gizeh, Romus?“ Er wandte sich an den Navigator. „Da gibt es Schmetterlinge, so groß wie ein Beiboot! Oder kennen Sie Hawaii-Novum? Da können Sie in dreißig Meter tiefem Wasser noch die nackten Perlentaucherinnen auf dem Grund sehen! Und die Fische fangen Sie mit bloßen Händen, so zahm sind die...“

„Ach ja? Ich hab schon gehört von Hawaii-Novum, die Hauptinsel sei so märchenhaft...“

„Märchenhaft ist gar kein Ausdruck...!“ Norge Holm verwickelte den Neuen in einen Small Talk über Planeten, die sie gesehen oder angeblich gesehen, oder von denen sie gehört hatten, über Raumhafen-Städte die sie angeflogen, über Landschaften und Gebirge, in denen sie Urlaub gemacht hatten.

Danke, altes Haus, dachte Yakubar Tellim, dabei war der Pilot dreiundzwanzig Jahre jünger als er. Aber was sind dreiundzwanzig Jahre, wenn man auf ein ganzes Leben zurückblickte? Himmel über Doxa IV – was für ein kurzes Tänzchen! Er nahm die Arme aus dem Nacken, beugte sich vor und stützte sich auf der Instrumentenkonsole auf. Was für ein kurzes Tänzchen, weiß Gott!

Moses flatterte auf, drehte eine Runde durch die Kommandozentrale, und landete auf der linken Schulter des Kommandanten. Mit dem Schnabel pickte er nach dem großen Elfenbeinring in seinem Ohrläppchen, einmal, zweimal – bis der Weißhaarige ihn anzischte.

Wieder versank Tellim in den Anblick der Sonne Doxa. Sicher gab es schönere Sonnen; und schönere Planeten sowieso. Wer wüsste das besser als er? Sein Heimatplanet Tell zum Beispiel: Jede Klimazone, die man sich vorstellen kann, Gebirge, Meere, einsame Wälder. Oder Woodstock mit seinen Vulkaneisbergen und Geysiren an den Polen, seinen Dschungeln auf der Nordhalbkugel und seinen Savannen im Süden. Oder eben Hawaii-Novum mit seinem unendlichen Warmozean; selbst Berlin, der heiße Wüstenplanet mit seinen Rennpisten, seinen traumhaften Oasen und seinen gespenstischen Canyons war interessanter. Yakubar hatte sie alle gesehen.

Fast achtzig der hundertzwölf Lebensplaneten, die zum Territorium der Galaktischen Republik Terra gehörten, hatte er gesehen, und etwa die Hälfte der Planeten, auf denen terranische Kolonien unter Biosphären siedelten. Dazu noch eine ganze Reihe der knapp fünfhundert, zum Teil lebensfeindlichen Welten, auf denen die Republik Bodenschätze abbaute. Von den außerterritorialen Welten gar nicht zu reden. O ja, Yakubar Tellim war weit herumgekommen, sehr weit.

In diesen Minuten jedoch, seit sie die Umlaufbahn von Doxa XIII gekreuzt hatten, erschienen sie ihm unverwechselbar – dieses zentrumsnahe Sonnensystem, in dem er sich vor dreißig Jahren niedergelassen, und dieser Planet, auf dem er seine Firma gegründet hatte. Unverwechselbar und einmalig erschienen sie ihm, weil ihm nämlich von jetzt auf nun diese verfluchte Frage im Hirn brannte, die Frage, wie es sich wohl anfühlen mochte, wenn man zum letzten Mal nach Hause kommt; zum wirklich allerletzten Mal.

Der Kolk beäugte ihn von links, Holm von rechts, und im Viquafeld unter der Frontkuppel entdeckte der Reeder einen kleinen grünlich schimmernden Punkt: Doxa IV. Während er die dreidimensionale Darstellung vergrößerte, musste er schlucken. Die ganze Reise über hatte er versucht, das Gefühl der Letztmaligkeit gar nicht erst aufkommen zu lassen. Nun aber hatte es ihn doch erwischt. „Sentimentaler, alter Knochen“, flüsterte er. Moses knarzte sein Chrjaku. Es war zärtlich gemeint. Yakubar lächelte wehmütig – er wusste die Zwischentöne des Gekrächzes herauszuhören.

Über Bordfunk meldete sich die untere Ebene der Kommandozentrale. Dort arbeiteten Kommunikator und Aufklärung. Über eine Galerie und Treppen waren beide Ebenen miteinander verbunden. Norge Holm nahm das Gespräch an. Der Kommunikator hatte Kontakt mit Doxa IV. „Wie ist es, Yaku?“, fragte Holm Sekunden später. „Die Raumfahrtbehörde hat uns die Einflugkoordinaten und den Landeplatz zugeteilt. Bringst du das Hufeisen runter, oder mach ich das?“

Wortlos und mit einer Kopfbewegung deutete der Kommandant auf die ISK-Kappe neben Holms Instrumentenkonsole. „In Ordnung, Sir!“ Zum Spaß nahm Holm militärische Haltung an und mimte den beflissenen Untergebenen. „Ist mir eine Ehre, Ihren Befehl ausführen zu dürfen, Exzellenz!“ Mit spitzen Fingern langte er nach der blauen Kappe und setzte sie so feierlich auf seinen kahlen Schädel, als wäre sie eine Krone. „So sei sie denn mir nichtswürdigem Individuum geliehen, die individuelle Steuerungskompetenz über das schönste Schiff des Universums im Umkreis von anderthalb Metern...“

Meyer-Ruland machte erst ein verblüfftes Gesicht, dann lachte er gekünstelt; er war die komödiantischen Einlagen des Piloten noch nicht gewohnt. Der Kolk krähte, und Yakubar lächelte mehr aus Höflichkeit. Unfair, einen seinen besten Freunde vor den Kopf zu stoßen, nur weil seine Stimmung sich im freien Fall befand. Er nahm sich vor, diese Einsicht in den nächsten vier Tagen zum Maßstab seines Verhaltens zu erheben. Seine Gedanken allerdings kreisten längst um das geheime Wandfach hinter seinem Bücherregal, zuhause, in seinem Apartment. Zwei Flaschen mit verbotenem Inhalt lagerten darin: Whisky von Terra Sekunda. Möglicherweise hatte der die längste Zeit dort auf ihn gewartet.

Seine Gestalt straffte sich, Yaku Tellim riss sich zusammen. Der Kolk wechselte von der Schulter zurück auf die Kante der Sessellehne. Im VQ-Feld unter der Panoramakuppel schwebte nun gut sichtbar Doxa IV, eine türkisfarbene Welt, deren Pole wie silberne Kristalle funkelten. „Seht euch diesen Planeten an“, unterbrach Yaku das Geplauder der anderen beiden. „Sieht er nicht aus, wie ein Smaragd mit Elfenbeineinsprengseln?“ Er vergrößerte die Darstellung, bis der Planet fast das gesamte vordere Drittel der Zentrale einnahm. „Überall gibt es Schönes zu sehen. Man muss nur Augen im Kopf haben...“

Da war es wieder, das Gefühl der Letztmaligkeit. Tellim erschauerte. Himmel, wie schön so ein Planet einem vorkommen konnte! Und wie schrecklich zugleich vor dem Hintergrund des kalten Glitzerns all der Sterne. Alles was Yakubar im Lauf seines langen Lebens gesehen hatte, alles, was die Natur hervorgebracht hatte, schien ihm in diesem Augenblick von maßlosem Schrecken und maßloser Schönheit gleichermaßen zu sein. Er wünschte, noch tausend Jahre leben zu können, um wenigstens einen Bruchteil dieser Schönheit und dieses Schreckens ausloten zu können.

„Nun ja, Chef...“ Norge Holm machte ein gelangweiltes Gesicht. „... sieht aus wie immer, oder?“

Später, nach der Landung – Moses saß auf seiner rechten Schulter – verabschiedete Tellim sich von jedem der sechsundzwanzig Besatzungsmitglieder per Handschlag. Das war noch nie vorgekommen. Danach flog er mit seinem Privatgleiter zur Geschäftsstelle seiner Reederei.

„Nervt Sie das Federvieh nicht?“, wollte Meyer-Ruland wissen, nachdem er und Holm die Routendokumentation an die Raumhafenbehörde gefunkt hatten.

„Moses? Iwo!“

„Wieso nimmt der Chef ihn sogar auf Frachtflüge mit? Ich meine – ist doch irgendwie ungewöhnlich, oder?“ Sie verließen die Kommandozentrale.

Holm zuckte mit den Schultern. „Vielleicht wegen seiner Frau.“

„Erträgt sie den Vogel nicht zu Hause, oder was?“

„Sehr gut sogar. Es ist eigentlich ihr Kolk. Aber Yakus Frau ist vor sechs Jahren gestorben. Sie hat Moses geliebt. Wahrscheinlich kann er sich deswegen nicht von ihm trennen.“ Die Männer erreichten den Haupttunnel. „Moses ist übrigens eine Sie.“ Über fünf Ebenen schwebten sie zur Schiffsbasis hinab.

„Ein bisschen introvertiert, der Chef.“ Meyer-Ruland sondierte noch immer die Eindrücke seines ersten Fluges für die Tellim Transkonzept. „Fast melancholisch, möchte ich sagen. Überrascht mich eigentlich.“ Gemeinsam verließen sie die Jerusalem über den ausgefahrenen Liftschacht.

„Sonst ist er anders.“ Holm wirkte selbst ein wenig bekümmert. „Ganz anders. Aber er hat morgen Geburtstag.“ Meyer-Ruland runzelte die Stirn. „Jahrgang vierundachtzig,“ erklärte der Pilot.

Der neue Navigator schnitt zunächst eine begriffsstutzige Miene. Doch dann begriff er. „Er wird siebzig...? Ach du Scheiße...!“ Belegt klang seine Stimme plötzlich, und seine Gesichtshaut nahm die Farbe einer unreifen Aprikose an. „Ich..., ich ahnte ja nicht..., wie schade, verdammt noch mal...!“ Sie verließen den Lift. Meyer-Ruland gewann seine Fassung zurück. „Und wer..., ich meine..., wer übernimmt dann den Laden?“

Sie gingen zu einem der wartenden Robotschweber. Norge Holm zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht seine Tochter.“

„Habt ihr denn nicht darüber gesprochen?“ Sie stiegen ein, der Navigator tippte den Zielcode in die Bordtastatur. „Ich meine..., auf so was..., auf den Fall der Fälle muss man sich doch irgendwie vorbereiten! Da hängt doch die Existenz einer Menge Leute dran, oder? Und eine Menge Kapital dazu, schätz ich mal...“

„Das Thema ist tabu.“ Holm schnallte sich an. „Der Chef tut, als würde er ewig leben. Ich glaube, er verdrängt den Tag einfach. Oder er hofft auf ein Wunder; was weiß denn ich...“ Der Pilot lächelte wehmütig. „Aber mal unter uns, Romus: Sie und ich – würden wir uns anders verhalten in seiner Situation?“

2

„Noch eine Stunde und fünfzehn Minuten“, säuselte die emotionslose Stimme aus Plutejos selbstgebautem Empfänger. Aus dem Audiomodul des alten Monitors hörten sie Arbeitsgeräusche und menschliche Stimmen. Die Bildübertragung funktionierte nicht, schade. Was sie hören konnten jedoch, verriet ihnen genug: Die Verladung der Containerplomben war abgeschlossen, die Auslieferung der Tauschware hatte begonnen. Die Frachterkapitäne bezahlten mit Medikamenten, Konserven, Textilien und elektrischem Gerät; und natürlich mit der Droge. Bis zur zehnten Stunde vor Sonnenuntergang hatte der Primkommunikator nur jede volle Stunde des Countdowns angesagt; seitdem tönte seine einschmeichelnde Stimme jede Viertelstunde aus dem Empfänger.

Die meisten hockten in der Höhlenmitte unter dem Heizstrahler um den improvisierten Empfänger und den antiken Kugelmonitor herum: Uran, seine Frau, seine Söhne und Töchter, seine Brüder und Schwestern und deren Männer, Frauen, Söhne und Töchter. Einige lagen auch in der Schlafhöhle bei den Halbwüchsigen und Kleinen. Gedämpfte Stimmen erfüllten die Haupthöhle, manchmal schluchzte jemand, manchmal fluchte jemand, manchmal umarmte jemand seinen Nachbarn und hielt ihn fest. Der Empfänger rauschte meistens, der Monitor blieb leider weiterhin dunkel.

Venus hatte sich in ihre Höhlennische zurückgezogen. Dort lag sie in Decken gewickelt auf weichem Verpackungs- und Isoliermaterial. Als Kopfkissen benutzte sie ihren prallvollen Rucksack. Alle hatten sie schon das Nötigste zusammengepackt; alle, die den Ausbruch wagen sollten.

In Gedanken fuhr die junge Frau zum hundertsten Mal mit dem Schachtlift zur Eisoberfläche hinauf. Zum hundertsten Mal stürmte sie über das Eis bis zum Frachter, schwebte den Teleskoplift hinauf, drang ins Innere des Schiffes ein und lief vom Hauptinnenschott hinauf zur fünften Ebene, und von dort bis zu Ebene I der Kommandozentrale.

Niemals hatte sie einen Omega-Raumer betreten, dennoch sah ihr inneres Auge vertraute Formen und Farben, vertraute Gänge und Abzweigungen, vertraute Luken und Sensorenschlösser. Und als sie in Gedanken im Pilotensessel saß, in Gedanken die Steuerungskonsole betrachtete, und in Gedanken die ISK-Kappe überstreifte, konnte sie jeden einzelnen Schalter, jeden Monitor, jede Kontrolleuchte benennen und einer Funktion zuordnen.

Von Kindesbeinen an hatte ihr Vater sie und ihre Geschwister in seinen Geschichten durch sein ehemaliges Flaggschiff geführt, tausend Mal und öfter Luken geöffnet, Controgravlifte betreten, auf dem Kommandantensessel Platz genommen und den Start eingeleitet. Ob Frachter, Aufklärer oder schwerer Kreuzer – die Omega-Raumer der Republik waren alle nach dem gleichen Muster konstruiert. Trotzdem fürchtete Venus sich manchmal vor dem Augenblick, wenn die Bilder in ihrem Kopf mit der Wirklichkeit draußen, oberhalb des Eises zusammenstießen.

Über solchen Gedanken und Ängsten schlief sie von Zeit zu Zeit ein. In wilden Träumen hetzte sie durch Schneeverwehungen, über Kunststoffböden und an Kunststoffwänden entlang. In farbenprächtigen, euphorischen Träumen stand sie an Stränden, schwamm in warmem Wasser oder ließ ihren nackten Leib von warmem Sonnenlicht bescheinen.

„Dreißig Minuten.“ Die Stimme des Primkommunikators riss sie aus dem Schlaf. Sie blinzelte in das schroffe Gesteinsrelief der Höhlendecke über sich. Noch dreißig Minuten...! Sie fuhr hoch. Alle drängten sich um den alten Kugelmonitor. Der übertrug jetzt Bilder! Bilder von der Eisoberfläche!

Venus band sich eine Decke um die Schultern, packte ihren Rucksack und kroch in die Höhlenmitte zu den anderen. „Funktioniert er endlich?“ Ihre Mutter nickte. Einige Kinder hatten sich inzwischen unter die Erwachsenen gemischt. Die feuchten Münder weit offen und mit glänzenden Augen starrten sie in das Geflimmer des Monitors. Säuglinge glucksten an Brüsten, Knaben nagten an ihren Unterlippen, Venus’ Vater, seine Brüder und die Sippenältesten saßen stocksteif. Einige der Jüngeren, die den Ausbruch versuchen sollten, hatten ihre Bestecke ausgepackt – Halbwüchsige, junge Männer, junge Frauen. Auch Venus’ Bruder: Plutejo band sich den Arm ab und setzte die Spritze an.

Kurz schoss ihr die Frage durch den Kopf, wo er wohl den Stoff herbekommen würde, falls er überlebte. Sie verscheuchte den Gedanken. Später. Immer eines nach dem anderen. Jetzt konzentrierte sie sich auf den Kugelmonitor. Das Herz schlug ihr im Hals, sie biss sich auf die Unterlippe, ihr Atem flog. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie, was ihr Vater ihr unzählige Male beschrieben hatte: Omega-Raumer.

Totenstille herrschte in der Haupthöhle. Nicht einmal die Kleinen quengelten mehr. Man durfte das Labyrinth ja nicht verlassen, wenn alljährlich im Januar die legendären Frachter landeten. Die gesamte zweite und dritte Generation der Tigern-Sippe sah die schwarzen Giganten zum ersten Mal.

Es waren drei. Der Kugler, dessen optisches Sensorium Venus’ Onkel Sarturis mit dem gekaperten Rechner und dem alten Kugelmonitor verbunden hatte, schien in der Nähe der Schachtöffnung zu stehen. Er drehte sich langsam, so dass die Schiffe eines nach dem anderen über den Bildschirm glitten. Tiefschwarz hoben sie sich von dem erschreckend grellen Weiß des Eises und der Schneeböen ab, die der Wind dort oben vor sich hertrieb.

Venus sah den Teleskoplift zwischen Kommandokuppel und Boden, sah die größeren Lastenlifte aus den beiden Schiffsschenkeln im Schneegestöber über dem Eis verschwinden, und sie sah auch die viel dünneren Teleskopstützen. Die zu zählen, ließen die verschiedenen Bildperspektiven kaum zu, doch von ihrem Vater wusste sie, dass es sechs Paar sein mussten.

Hinter dem Schleier aus Schneeflocken ahnte man die Container mit der Tauschware mehr, als dass man sie sehen konnte; das galt erst recht für die Arbeitsroboter, die sie von den Frachtliften aus zum Eisschacht steuerten. Graue Flecken und Punkte bewegten sich da unter dem Schiffsrumpf, winzige Flecken und Punkte, verglichen mit den gewaltigen Omega-Frachtern. Zweihundertvierzig Meter maß so ein Gigant von Schenkelinnenseite zu Schenkelinnenseite, von Außenseite zu Außenseite gar zweihundertneunzig Meter.

Der Rumpf hatte in etwa den Grundriss des letzten Buchstabens einer uralten Sprache, die vor drei oder vier Jahrhunderten eine Renaissance erlebt hatte, aber heute nur noch von Liebhabern, wie Venus’ Mutter Elvetia gelesen werden konnte. Venus kannte den Namen des Buchstaben – Omega – und konnte ihn schreiben. Den Namen der Sprache hatte sie sich nicht gemerkt. Wozu auch?

Es gab Leute, die verglichen die Omega-Raumer einem Hufeisen mit Querstrebe. Venus allerdings war auf Genna geboren worden und hatte nie ein Hufeisen zu sehen bekommen. Sie wusste nur, dass man auf gewissen Planeten gewissen Tieren solche Eisen an die Hufe nagelte. Wenn sie sich aber einen Huf oder gar das entsprechende Tier vorstellen sollte, musste sie schon wieder passen.

Als sie noch ein kleines Mädchen war, und die Raumschiffe, von denen die Eltern erzählten, ihr wie Fabelwesen vorgekommen waren, hatte ihr Vater sie mal aufgefordert, ihren Daumennagel zu betrachten. „So ungefähr sieht ein Omega-Schiff aus, wenn du es von oben oder unten anschaust“, hatte er damals gesagt. „Nur musst du dir die Ränder doppelt, den Innenraum leer und das Weiße am Nagelbett gerade vorstellen.“ Venus hatte es damals tagelang probiert, bis ihr die Vorstellung endlich gelang.

Die Form der Rümpfe war auf dem Kugelmonitor nur ungefähr auszumachen. Sie hätten den Querschnitt eines Tropfens, hatte sie gelernt; eines großen, spitz zulaufenden Tropfens vorn in der Mitte und eines flachen, stumpfen Tropfens an den Schenkelenden, wenn man die beiden dort hinten aufgesetzten Triebwerkswülste nicht mit in Betracht zog.

„Fünfzehn Minuten“, plärrte es aus dem Empfänger. So lieblich die Stimme auch klang – fast alle zuckten zusammen. Ehepaare blickten sich ängstlich oder traurig an, Frauen schlossen die Augen, Männer zogen die Schultern hoch.

Venus’ Vater erhob sich. „Sobald ich das Ultimatum abgesetzt habe, werden sie herauskommen.“ Sein Blick suchte die Gesichter der zur Flucht ausgewählten jungen Männer und Frauen. „Wir werden sie und ihre Kampfmaschinen angreifen und euch den Weg freischießen. Wer immer von euch eine Kommandozentrale erreichen wird, starte, steuere Orkus an, lande dort zwischen und nehme an Bord, wen die Verbündeten für die Flucht ausgewählt haben. Danach tut euch zusammen und nehmt Kurs auf den verbotenen Planeten. Es wird schwer für euch in das Heimatsystem der menschlichen Gattung einzudringen...“

3

Der Planet im Viqua-Feld erinnerte ihn an einen durchgeschnittenen Tischtennisball. Man hielt schier den Atem an, weil man jeden Moment das Auseinanderdriften der beiden weißen Hälften erwartete. Veron fand ihn von Anfang an abstoßend. Möglicherweise lag das aber auch an der bescheuerten Musik. Gleichförmig wie immer perlte sie durch die Kommandozentrale. Heute allerdings produzierten nicht Violinen und Blechbläser die einschläfernde Geräuschkulisse, sondern ein Instrument, dass der Subgeneral Orgel nannte. Calibo Veron wusste nicht, was genau er sich unter einer Orgel vorzustellen hatte. Zu Hause auf Kaamos überließ man die Musikproduktion weitgehend den dafür konzipierten Kunsthirnen.

„Nicht katalogisiert, mein Subgeneral“, meldete er. „Weder der Stern noch sein Planet. Wir sind die Ersten, mein Subgenereal.“

„Sehr schön.“ Der Angesprochene streckte die Rechte nach einem Menschen aus, der neben seinem in Liegeposition eingestellten Sessel stand. Dieser Mensch sah aus, wie eine Mischung aus durchsichtigem Gespenst und blauem Crashdummy. „Setzen Sie sich mit der Newton in Verbindung.“ Der gespenstisch Blaue richtete den Rückenteil des Sessels ein wenige auf. „Ich will die Daten endlich auf meinem Schirm sehen!“ Der Blaue reichte seinem Herrn ein Glas Wasser.

„Sofort, mein Subgeneral.“ Newton hieß das Forschungsschiff des Pionier-Kampf-Verbandes. Kein PK-Verband war wirklich vollständig ohne so ein fliegendes Labor. Veron gab den Befehl per Bordfunk und mit einem Dringlichkeitsvermerk dritten Grades an den Ersten Kommunikator unten auf Ebene II weiter. Die Bestätigung ließ nicht lange auf sich warten.

Die sogenannte Orgel schraubte jetzt ein Geflecht von Tönen bis an die Decke der zwölf Meter hohen Ebene I der Kommandozentrale – und bis an Verons Schmerzgrenze. Er blickte verstohlen um sich – niemand verzog eine Miene. Sollte er der einzige sein, der die sogenannte Musik an diesem Bordabend unerträglich fand? Der schwarze Suboberst fragte sich, wie verrückt man sein musste, um Musik zu hören, die mindestens dreitausend Jahre alt war. Er selbst nannte sie übrigens Bronzezeitmusik. Nun, damit lag er ziemlich weit daneben. Auf seinem Monitor erschien das Symbol der Newton und gleich darauf eine Zahlenliste. „Die Daten, mein Subgeneral.“

Sicher, auch zu Hause auf Kaamos gab es Folklore-Fanatiker, die gern alte Musik hörten oder zum Besten gaben. Aber diese Leute benutzten elektronisch verzerrte Pauken, Holzblasinstrumente und diverse elektronische Zupfinstrumente, und alt hieß bei denen höchstens tausend Jahre alt. Veron fing ein Lächeln der Navigatorin auf. Pazifya schien seine Gedanken zu erraten. Er lächelte zurück. Aus den Augenwinkeln bemerkte er gleichzeitig die glühenden Augen des bläulichen Kunstmenschen. Täuschte er sich, oder beobachtete ihn der Diener des Kommandeurs?

Eigentlich wusste man ja, worauf man sich einließ, wenn man sich zum Dienst auf der Johann Sebastian Bach meldete – der war freiwillig, niemand wurde verpflichtet. Musikgeschmack und Schrulligkeiten des Subgenerals und sein blaukristallener Diener galten bereits in der ganzen Republik als sprichwörtlich. Vor allem Erste und Zweite Offiziere mussten mit einem Höchstmaß an Belastung rechnen, denn Subgeneral Bergen zog die ISK-Kappe nur in Notfällen persönlich über. Wenn die Umstände seine Geistesgegenwart nicht unbedingt erforderten, lag er im Kommandosessel und las eines seiner uralten Bücher; oder komponierte. Andererseits verbrachte er zwanzig von vierundzwanzig Stunden am Stück in der Zentrale und brauchte selten mehr als vier Stunden Schlaf. 

„Die Daten vom Labor sind auf Ihrem Sichtfeld, mein Subgeneral“, wiederholte Veron.

Der rothaarige Mann im Kommandostand öffnete die Augen und gab seinem Diener das Wasserglas zurück. Er betrachtete das zentrale Sichtfeld auf seiner Arbeitskonsole. „Die Musik ein wenig leiser bitte, Heinrich.“ Die Orgelakkorde traten in den Hintergrund. „Interessant“, sagte der Subgeneral, und jeder Mann und jede Frau in der Kommandozentrale konnte seine hohe, klare Stimme vernehmen. „Die Eispole bedecken achtzig Prozent des Planeten. Der eisfreie Gürtel rund um den Äquator ist nur dreitausendsechshundert Kilometer breit; vorwiegend Wasser, ziemlich heißes Wasser. Die Strahlung ist zweifelsfrei?“

„Zweifelsfrei, mein Subgeneral. Eindeutig Glaucauris.“

„Was sind wir doch für Glückskinder!“ Bergen schlug sich auf die Schenkel. „Was meinen Sie, meine Damen und Herren?“ Beifall brandete auf, auch Veron klatschte höflich in die Hände. Der Diener stellte das Glas ab und tippte mit seinen durchscheinend blauen Fingerbeeren auf seine durchscheinend blaue Handinnenfläche. „Wer hat den Stern zuerst auf dem Schirm gehabt?“, wollte sein Herr wissen.

„Der Kommandant der Brüssel, mein Subgeneral“, antwortete die Navigatorin. Die Brüssel war einer von sechs Aufklärern des Zwölften PK-Verbandes. Ihr Kommandant hieß Ralbur Robinson.

„Dann in den Katalog mit ihr! ‚Robinson’ soll sie heißen. Und wer hat den Planeten zuerst angepeilt?“

„Ich, mein Subgeneral.“ Die Erste Navigatorin lächelte ihr hinreißendstes Lächeln.

„Vor- oder Sippenname?“ fragte Bergen.

„Familienname“, lächelte die schlitzäugige Pazifya.

„Kommandant an Golf!“

„Wir hören.“ Die Golf war das Kommunikator-Schiff des Verbandes. Über diese kleinen, mit Kommunikationstechnik vollgestopften Schiffstypen wickelte man im Allgemeinen die Fernkommunikation eines Verbandes ab.

„Meldung an Terra Prima, Terra Sekunda und Terra Tertia“, sagte Bergen. „Neuer Katalogeintrag: Sonne Robinson, Kategorie D, mit dem Planeten Corales. Corales ist der einzige Planet des Systems, mondlos, von zweihundertfünfzig Meter bis acht Kilometer dickem Eis überzogen, und unter dem Eis mindestens siebzehn Glaucauris-Stöcke...“ Er zog die Brauen hoch, spitzte die Lippen und musterte die Erste Navigatorin. „Passt irgendwie zu Ihnen, Primhauptmann Corales, was meinen Sie?“ Die schlitzäugige Schöne versuchte ihr Lächeln aufrecht zu erhalten. Es gelang ihr nur ansatzweise.

Bergen gab die vollständigen Planetendaten, die Koordinaten des Systems und die Positionen der angepeilten Metalladern durch. Anschließend brachte er seinen Sessel aus der Horizontalen in die Sitzstellung und stand auf. „Ich bin zufrieden.“ Er schlug dem blauen Kristallmenschen auf die blaue Kristallschulter. „Ich bin außerordentlich zufrieden.“

Wie die meisten an Bord trug der Kommandeur einen cremefarbenen Allzweckbody mit zahlreichen Taschen und dem Emblem der GRT auf der Brusttasche: Einer goldenen Spirale aus 793 Sternen auf blauem Grund; ein Stern für jeden Planeten der Republik. Über der Tasche, in metallicblauen Buchstaben auf rotem Grund, sein Name: Merican Bergen. Metallicblau war die Schriftfarbe des obersten Subranges, Rot die Untergrundfarbe eines Generals.

Bergen war klein und drahtig, sein Haar schulterlang und kupferrot. Eine schmale Hakennase dominierte sein scharfgeschnittenes Gesicht. „Und jetzt wollen wir den Planeten Corales für unsere geliebte Republik in Besitz nehmen. Was meinen Sie, meine Damen und Herren?“

Wieder brandete Beifall auf, diesmal mischten sich Hochrufe in den Applaus. „Lang lebe die Republik!“ Veron vergaß die Musik und stimmte in die Rufe mit ein. „Lang lebe die Republik!“ Endlich mal wieder einer jener seltenen Augenblicke, in denen er sich beglückwünschte freiwillig auf die Johann Sebastian Bach gegangen zu sein.

4

Er blieb länger in der Reederei als sonst. Erst nach Einbruch der Dunkelheit fuhr er durch die Schluchten Doxa Citys zu den Wohntürmen an der Küste. Moses hockte auf der Lehnenkante des Beifahrersessels. Millionen von Scheinwerferpaaren überholten ihn, kamen ihm entgegen, sausten unter ihm vorbei, glitten über ihn hinweg. Doxa City hatte dreiundzwanzig Millionen Einwohner. Manchmal kam es ihm vor, als würde jeder von ihnen zwei Gleiter besitzen und beide gleichzeitig durch die Stadtschluchten steuern.

Alles erlebte er intensiver als sonst an diesem Abend – den Heimflug, das müde Krächzen des Kolks, das gleichmäßige Summen aus dem Heck seines Gleiters, die unendlichen Perlenketten der Scheinwerferpaare in den Außenspiegeln und jenseits der Frontkuppel, das warme Leuchten der Armaturen, die in den Wolken verschwindenden Wohntürme, das Ankommen auf dem Terrassenparkplatz. Er stieg aus und trat ans Geländer. Als erfolgreicher Unternehmer und ehemaliger Oberst der Flotte konnte er sich ein Apartment im dreihundertzwölften Stock leisten. Moses flatterte hinter ihm her und ließ sich auf dem Geländer nieder.

Zweihundert Meter unter ihm, wie dunkler, von innen glühender Nebel, eine Wolkenbank; rechts und links und jenseits der Fassadenschlucht erleuchtete Fensterfronten und ihre Reflexe in den Karosserien der Gleiter auf den Parkbucht-Terrassen; und über ihm das Gefunkel der Sterne. Doxa IV hatte keinen Mond, dafür standen die Sterne besonders dicht in diesem relativ zentrumsnahen Teil der Milchstraße. Leider sah man das Meer an diesem Abend nicht.

In einem der Gleiter auf der Parkplatzterrasse der Wohnebene jenseits der Fassadenschlucht brannte Licht; ein weißer Gleiter mit einem runden Fleck auf dem Bug vor der Frontkuppel. Ein Paar saß auf der vorderen Bank. Yakubar sog die kühle Abendluft tief in seine Lungen. Dann wandte er sich um und ging zum Lift.

Im Apartment flatterte Moses sofort durch den Salon hindurch ins Schlafzimmer, wo seine Echtholz-Voliere auf ihn wartete. Yaku selbst stand zunächst eine Weile im Salon und ließ seinen Blick über die Pflanzen auf der Fensterbank wandern, über die Porträts und die Visuquantenleiste an der Wand, über die Sessel, das Ledersofa, den Tisch und das Bücherregal. Das füllte die lange Innenwand aus. Yaku sammelte Bücher.

Den Rücken zur Fensterfront gewandt holte er die erste der beiden Whiskyflaschen aus dem Geheimfach im Regal. Er barg sie unter seiner Silberzwirnweste und trug sie in die kleine Küche. Dort füllte er den Whisky in eine Teekanne – immer darauf bedacht, den Rücken der gläsernen Straßenfront zuzuwenden. Die leere Flasche trug er unter der Weste zurück zum Bücherregal und versenkte sie im Geheimfach zwischen Band 17 und Band 19 eines vierhundertzehn Jahre alten Lexikons. Der Buchblock von Band 18 lag zwischen einem Stapel anderer umschlaglosen Bücher hinter der Ledercouch.

„Wüste“, sagteYaku, als er sich mit einer Tasse Whisky auf der Couch niederließ und die Beine auf den Tisch legte. Das Licht wurde matter, die Fensterfront und die Schmalseite mit der VQ-Leiste entfärbten sich. Einen Atemzug später schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel auf endlose Sanddünen herab. Heiß rann ihm der Whisky durch die Kehle und hinter dem Brustbein entlang in sein Körperzentrum. Das tat gut.

Sein Blick fiel auf den Kalender am Türrahmen. So ein antikes Ding aus Papier, an dem man jeden Tag ein Blatt abreißen musste und dann irgendein Motto zu lesen bekam, wie zum Beispiel Gestern ist Geschichte, Morgen ist ein Rätsel, Heute ist ein Geschenk oder Erkenne dich selbst, oder Vegetarier leben nicht länger, sie sehen nur älter aus und so weiter. Man fand solche Kalender nur noch in bestimmten Souvenirläden bestimmter Planeten. Der hier stammte von Terra Sekunda, wo Yaku Tellim öfter zu tun und gute Freunde hatte. Der Spruch des heutigen Tages lautete Realität ist die Illusion, die man hat, wenn man nüchtern ist. Das Datum darüber lautete: 25. Januar 2554. Yakubar nahm einen Schluck aus der Tasse.

Er rülpste und lehnte sich zurück. Eine Kolonne von Reitern in weißen Gewändern ritt über den Kamm einer Sanddüne. Sie saßen auf großen schwarz-braunen Tieren mit langen, mähnigen Hälsen und zwei seltsamen Höckern auf dem Rücken. Yaku hatte gehört, dass man solche Kolonnen früher Karawanen genannt hatte. Auch den Namen der witzigen Reittiere hatte er schon gehört. Er fiel ihm aber im Augenblick nicht ein.

Sein Blick wanderte über die Wand mit den Porträts: Seine Enkel Jannis, Kobald und Corall, seine Tochter Mirjam, sein dritter Sohn Hosea, sein zweiter Sohn Jesaja, sein erster Sohn Amoz und schließlich Elsa, seine Frau, im schwarzen Rahmen des größten Bildes.

Zwischen den Porträts der letzten beiden flog sein Blick hin und her. „Kann sein, wir sehen uns bald“, flüsterte er. Er spülte den schlechten Geschmack auf der Zunge mit einem besonders großen Schluck hinunter. Elsa war vor sechs Tagen gestorben. Eine Infektion auf Woodstock; unbekannter Erreger. Dem entsprechenden Eintrag in der Familienchronik zufolge war sie schon vor sechs Jahren gestorben. Aber das konnte er nicht glauben, wenn er, wie jetzt, ihr Bild betrachtete. Amos, sein Ältester, war von einer Expedition in den Pferdekopfnebel nicht mehr nach Hause gekommen. Angeblich auch schon siebzehn Jahre her; und auch das kam ihm wie gestern vor. Er leerte die Tasse und schenkte sich nach. Die Jahre rückten irgendwie enger zusammen, wenn man älter wurde; fast wie im Rückblick die Tage einer Woche.

Eigentlich wollte er ein Bad nehmen, doch der Whisky schien ihm reinigende Kraft genug zu entfalten. Er stand auf, ging zum Bücherregal und zog den dritten Band eines zehnbändigen Wörterbuchs heraus; eine Ausgabe von 929 nGG. Damals florierte der Buchhandel noch einigermaßen. Zurück auf der Couch schlug er den Kunstledereinband auf. Ein gelblicher, zerlesener Buchblock lag zwischen den Prachtdeckeln. Der Originalbuchblock lag hinter Yaku zwischen Couch und Wand bei den Büchern, die er vor seinem Siebzigsten noch neu binden wollte. Das würde wohl nichts mehr werden.

Es staubte, als er das schäbige Buch aufschlug. Deckblätter und die ersten drei Seiten fehlten; genauso die letzten elf; und auch im laufenden Text klafften immer wieder seitenlange Lücken. Tellims Urgroßvater hatte es zuletzt abgeschrieben und gebunden. Bis jetzt hatte noch keiner seiner Vorfahren gewagt, den Text in Quantenform zu speichern. Eine Form von Datenschutz, wenn man so wollte – die Regierung schätzte metaphysische Schriften nicht besonders. Die jüngste Abschrift war erst zu zwei Dritteln fertig. Sie steckte zwischen dem Einband eines alten Kochbuchs. Auch das würde er wohl nicht mehr schaffen.

Er begann auf einer zufällig aufgeschlagenen Seite zu lesen. Ich will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, stand da, ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, stand da. Yaku begriff nicht genau, aber die Worte rührten eine Saite in ihm an, deren Schwingung ihm gut tat. Er las und trank. Gedanken des Friedens und nicht des Leides, stand da, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung, stand da. Uralte Worte, älter als die Republik angeblich. Er las und trank und las und trank.

Irgendwann, viele Stunden später, war die Teekanne leer. Yaku stand auf, wankte zum Bücherregal und stellte den Wörterbuchband mit der uralten Abschrift zurück. Ein letzter Blick noch auf die Familienporträts, auf seine Frau und seinen Ältesten. „Kann sein, wir sehen uns doch noch nicht so schnell.“ Er sprach bereits mit schwerer Zunge. „Mein Knochen mögen siebzig Jahre alt sein, aber da drin bin ich noch jung.“ Er schlug sich erst mit der Faust auf die Brust und tippte sich dann mit dem Finger an die Stirn.

Auf dem Weg zum Schlafzimmer blieb er an der Fensterfront stehen. Ein kreisrunder Sichtfleck entstand im Wüstensand. Er sah hindurch. Auf der anderen Seite der Wohnturmschlucht stand noch immer der helle Gleiter auf der Terrasse. Und noch immer saßen zwei Personen in ihm. Ein Fahrzeug der Exekutivabteilung? „Nur nicht paranoid werden, Yaku.“ Er ging ins Schlafzimmer. „Sie brauchen dich noch..., du bist leistungsfähiger als andere in deinem Alter..., du bist gesund, bis auf das Scheißauge bist du gesund...“

Vom Bett aus deaktivierte er sein IKH und die VQ-Leiste. Der Rabe hockte auf seiner Stange und beäugte ihn. Yaku verkroch sich unter seine Decken und schlief sofort ein.

Nach vier Stunden wachte er auf. „Licht“, sagte er. „Ganz viel Licht...“ An der Decke breitete sich strahlend blauer Himmel aus, an den Wänden glitzerte Sonnenlicht in einem See. Moses hockte auf dem vergoldetem Bettrand am Fußende. Chrjaku, krächzte er, chrjaku, chrjaku...

Kaum hatte Yaku seine Geräte in den Stand-by-Modus gebracht, kündigte ein Individualsignal einen Anruf Mirjams an. Er aktivierte das Viquafeld, das Gesicht seiner Tochter und ihrer beiden Kinder erschien. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“, riefen sie im Chor. Danach gab es ein Ständchen. Yaku war gerührt, zeigte es auch. Mirjam schickte die Kinder in ein anderes Zimmer. „Warum hast du heute Nacht deine Kommunikationsanlage ausgeschaltet?“

„Wollte meine Ruhe.“

„Wir kommen heute Abend, alle.“

„Muss das sein?“

„Du brauchst nichts kochen, Getränke bringen wir auch mit.“

„Ich denke, ich sollte allein sein.“

„Rede keinen Unsinn, Pa!“

„Ich hab Angst...“

„Hör auf! Sie brauchen dich noch! Du bist ein verdienter Bürger der Republik. Du pflegst gute Beziehungen zum Direktorium. Du wirst noch hundert Jahre alt!“ Ihr Lächeln wirkte gezwungen.

„Ich hab Angst.“

„Hast du getrunken?“

„Keinen Tropfen. Ich hab so gottverdammte Angst...“

„Schluss damit!“ Ihre Mutter hatte genauso streng sein können. „Geh spazieren, mach dir einen schönen Tag!“ Sie bemühte sich wieder um ein Lächeln. „In spätestens acht Stunden sind wir bei dir.“

Nach dem Gespräch sah er hinüber zur Terrasse mit den Parkbuchten. Der weiße Gleiter stand noch an gleicher Stelle. Nur eine Person schien noch in ihm zu sitzen. Das Emblem unter der Frontkuppel war jetzt deutlich zu erkennen: Eine stilisierte Spirale aus Goldsternen auf Blaugrund. Die Flagge der Republik. „Ihr kriegt mich nicht, ihr Scheißkerle“, zischte er.

Er ging zum Abreißkalender neben der Tür. Moses kam aus dem Schlafzimmer geflattert und ließ sich auf seiner Schulter nieder. Yaku riss das Blatt ab und starrte das Datum seines siebzigsten Geburtstag an: 26. Januar 2554. Der Spruch darunter lautete: Leben ist kämpfen...

5

„...schier unmöglich aber wird es für euch werden, auf unserem verbotenen Mutterplaneten zu landen“ Jedem einzelnen seiner Söhne, Töchter, Nichten, Neffen und Enkeln sah Uran Tigern in die Augen. Die Blicke der Jüngeren hingen an seinen Lippen. Die Älteren hielten ihre Liebesgefährten fest, wischten sich die Tränen aus den Augen oder starrten die Waffen in ihren Fäusten an.

„Aber sollte dem fest Entschlossenen nicht alles möglich sein? Selbst das unmöglich Scheinende? O ja, meine Kinder – nichts wird ein entschlossenes Herz von seinem Ziel abbringen. Ich kenne eure Herzen, und darum ich bin felsenfest überzeugt davon, dass einige von euch Terra Prima erreichen werden. Diejenigen unter euch, die das Schicksal bestimmt hat, auf der guten alten Erde zu landen, mögen um eine Audienz beim Primus Orbis Lacteus ersuchen. Schildert dem ersten Mann der Republik die menschenunwürdigen Zustände auf Genna und Orkus!“ Beschwörend klang Tigerns Stimme jetzt. „Stellt ihm das Leiden und das Elend unserer kleinen Kinder vor Augen.“ Er hob Arme und Stimme. „Sagt dem Regenten, dass die Treusten und Fähigsten seiner Bürger samt ihrer Familien ihr Leben in Eishöllen, Höhlen und Bergwerken fristen müssen! Er weiß nicht, dass unsere Republik in Gefahr ist! Berichtet es ihm! Erzählt ihm, welche Intrigen uns ins Unglück und hierher gebracht haben! Nennt ihm die Namen der Betrüger und Mörder, die gegen uns ausgesagt haben! Nennt ihm die Namen derer, die hinter den Kulissen Gift streuen, Lug und Trug verbreiten und bereits nach der Macht greifen! Und verschweigt ihm auch unsere Namen nicht! Er muß erfahren, dass man seine treusten Männer und Frauen erst in die Schande eines inszenierten Prozessen und dann ins Unglück der Gefangenschaft gestürzt haben! Warnt ihn vor den Feinden der Republik!“

Er ließ die Arme sinken. Ein paar Atemzüge lang schwieg er, bevor er sich an die Älteren wandte. „Und wir, falls wir diesen denkwürdigen Tag überleben und durch die schweren Zeiten gehen müssen, die dann anbrechen werden – lasst uns zusammenhalten und mit starken Herzen und kalten Köpfen leiden.“

Tigern griff in die Außentaschen seines unförmigen Anzugs und holte zwei ISK-Kappen heraus. Die beiden besten Techniker des Freiheitsrates hatten sie in dreijähriger Arbeit angefertigt. Wortlos reichte er eine seinem ältesten Sohn Alvan und die andere Venus, seiner ältesten Tochter. „Und jetzt lasst uns endgültig Abschied nehmen, vielleicht zum letzten...“ Die Stimme brach ihm.

Venus fiel ihrer Mutter um den Hals und weinte laut. Alle fielen einander um den Hals, viele zu dritt und zu viert. Die Kleinen spürten die Trauer und begannen zu schreien und zu wimmern. Man küsste sich gegenseitig die Tränen aus den Augen, man sagte einander Worte der Ermutigung, man streichelte einander.

„Fünf Minuten“, flötete die freundliche Stimme des Primkommunikators. Venus drückte ihre jüngste Nichte ein letztes Mal an sich und reichte den Säugling dann ihrer Tante, die ihn aufziehen sollte, falls die Republik jemanden hier unten am Leben ließ, wenn alles vorbei war. Durch den Kugelmonitor zog die Karawane der Container.

„Vier Minuten.“

Nacheinander schnallten sie sich ihre Rucksäcke auf die Rücken, einer half dem anderen. Das Haupttor öffnete sich, etwa dreißig Menschen drängten in die Haupthöhle der Tigern-Sippe – Angehörige der Vegas- und der Insulasippen. Ihre zur Flucht ausgewählten, jungen Männer und Frauen trugen bereits Rucksäcke und Waffen. Man begrüßte einander stumm.

„Drei Minuten.“

Mit Handzeichen dirigierte der General die einzelnen Abteilungen auf ihre Marschplätze. Schritte scharrten, Stoffe raschelten. Keiner saß jetzt mehr, alle standen sie in einem dichtgestaffelten Kreis rund um den Kugelmonitor.

„Zwei Minuten.“

Vierundzwanzig Männer, Frauen, Jungen und Mädchen der drei Sippen waren zur Flucht berufen worden. In je sechs Fluchtduos sollten sie die zwei Frachter erreichen, die nachher noch am Schacht stehen würden. Wer seinen Partner verlieren sollte, hatte genaue Anweisungen, welchem Team er sich dann anzuschließen hatte. Jedem der zwölf Fluchtduos waren drei Kugler zugeordnet, Kommunikatoren. Die gekaperten Roboter hatten den Auftrag ihrerseits die Bordhirne der Frachter zu kapern. Und wer das Innere eines Frachters erreichte, wusste genau, in welcher Ebene der Kommandozentrale sein Platz war. Venus musste irgendwie Ebene I erreichen, Plutejo Ebene II.

„Eine Minute.“

Mütter, Großmütter und Großväter gingen noch einmal zu ihren Kindern und Enkelkindern, um während der letzten Sekunden deren Hände festzuhalten.

„Dreiundfünfzig Sekunden, zweiundfünfzig, einundfünfzig...“

Sehr still wurde es auf einmal. Alle warteten, alle schwiegen. Die sanfte Stimme des Primkommunikators und das Rauschen des Empfängers klangen plötzlich so fern, als stammten sie aus einer anderen Welt. Venus glaubte ihren Herzschlag von den Höhlenwänden widerhallen zu hören.

„...einundvierzig, vierzig, neununddreißig, achtunddreißig...“

Jahrzehnte später noch, im Rückblick, erinnerte sie diese Sekunden als einen einzigen, riesengroßen Augenblick – prallvoll von Schicksal und Liebe – in dem der Pulsschlag des Lebens so überdeutlich zu spüren war, dass der Tod ihnen allen unerheblich erschien, und das Leid, das vor ihnen lag, lächerlich.

„...fünfundzwanzig, vierundzwanzig, dreiundzwanzig...“

Auf dem Kugelmonitor sah man jetzt einen Container nach dem anderen in den Frachtlift schweben. Die eingetauschte Ware für die Überlebenden und Zurückbleibenden war vorläufig gesichert.

„...dreizehn, zwölf, elf...“

Venus’ Vater ließ die Hand ihrer Großmutter los und trat bis auf drei Schritte an den Kugelmonitor heran. Venus’ Mutter legte die Rechte auf ihren Mund, Venus selbst hielt den Atem an.

„...fünf, vier, drei, zwei, eins. Autoeliminierung vollzogen.“

Alle starrten sie in den Monitor. Zwei Omega-Raumer sahen sie vollständig darin, vom dritten nur den rechten Schenkel und das rechte Triebwerk. Lange Sekunden geschah weiter nichts, als dass der mittlere Raumer seine Frachtlifte einzuziehen begann. Doch kaum lösten die sich vom Eis, verfärbte sich der Schiffsrumpf in der Biegung rechts von der Zentralkuppel: Das stumpfe Schwarz schimmerte plötzlich rötlich an dieser Stelle, eine schwarze Dampfwolke stieg auf, die Stelle färbte sich orange und platzte schließlich auf. Eine gelbrote Lohe schoss aus dem Schiffsrumpf, und schon im nächsten Moment brach er an der brennenden Stelle ein – durch das Gewicht des Triebwerks gezogen kippte der abgetrennte Schiffsschenkel nach hinten weg und riss den hinteren Querholm mit dem Maschinen- und Waffenleitstand ab. Der restliche Rumpf neigte sich nach rechts. Das rechte Triebwerk explodierte, Sekunden später brannte das gesamte Omega-Schiff.

Stöhnen, Seufzen, Stoßgebete und Schreckensrufe erfüllten die Höhle. „Vollzugsmeldung von den anderen Schächten“, säuselte die Stimme des Primkommunikator aus dem Empfänger. „Fünfmal positiv.“ Wie unwirklich die Stimme, wie einschläfernd der Tonfall! „Die Verbindung steht. Sprechen Sie bitte jetzt, General Tellim.“

„Hier spricht der Vorsitzende des Freiheitsrates von Genna!“ Jemand hielt Venus’ Vater ein antikes Mikrophon unter die Lippen. „Ich will den Kommandanten des Flottenverbandes sprechen!“

Sekundenlanges Schweigen. Dann eine Männerstimme: „Wer sind Sie?“

„General Uran Tigern! Sechs ihrer Schiffe sind explodiert! Das nächste wird gesprengt, sobald einer ihrer Frachter versucht seine Teleskoplifte einzuziehen...!“

„General?! Das ich nicht lache!“ Die Männerstimme vibrierte vor Hass und Bitterkeit. „Sie waren mal Primoberst, Sie verfluchter Spinner! Und jetzt sind Sie ein zum Nichts degradiertes Stück Scheiße...!“

„Hören Sie unser Ultimatum!“ Venus erschrak vor der harten Stimme ihres Vaters. Sie konnte ihn nicht mehr sehen, denn der Kommandostab des Freiheitsrates umringte ihn. „In genau drei Minuten haben wir Ihre Kapitulation, oder der nächste Frachter geht in Flammen auf!“

„Verdammt, Tigern, Sie Wahnsinniger! Das Schmelzwasser wird Ihre Schächte fluten!“

Das stimmte nicht – das gekaperte Bergwerkshirn hatte die Menge des durch die Explosionen der Frachter schmelzenden Wassers exakt berechnet. Es würde ziemlich nass werden, bevor das nicht verdampfte Wasser wieder gefror, sonst nichts. Auch die Zeit, welche die restlichen zwölf Frachterbesatzungen benötigen würden, um ihre Schiffe nach Bomben zu durchsuchen, hatten sie berechnet.

„Die Zeit läuft!“, schrie Uran Tigern. „Wir warten auf Ihre Antwort!“ Er schob das Mikrophon weg und blickte auf seinen Ringchronometer. „Jetzt beginnen sie an Bord zu suchen“, sagte er. „In frühestens vierzehn Minuten werden sie den ersten unserer Kugler geortet haben, in frühestens achtzehn sprengen sie die Luke.“ Er sprach von der Luke vor dem zentralen Sanitärraum der Frachter. Dorthin hatten die zusammen mit den Containern eingeschleusten Kugelroboter sich eingeschlossen, dort warteten sie auf den Autoeliminierungsimpuls.

Neunzig Sekunden verstrichen, ohne dass etwas geschah. Danach öffneten sich Luken in den Zentralliften der Frachter. Aus jeder huschten dunkle Gestalten. „Zwei Kampfeinheiten“, meldete der Primkommunikator. „Je sieben Kampfmaschinen, angeführt von je zwei Sicherheitsoffizieren. Empfehle sechsundzwanzig eins vierundfünfzig alpha einzuleiten!“

Venus’ Vater blickte schon wieder auf seinen Chronometer. Schweiß stand ihm jetzt auf der Stirn. „Sprengung des nächsten Schiffes an Schacht I in neunzehn Sekunden!“, rief er. Über seine ISK-Kappe sandte er den ausgesprochenen Befehl an den Primkommunikator. Jeden Schritt, der jetzt zu gehen war, würde er über die Sensorenkappe steuern und kontrollieren. Der Primkugler diente ihm dabei als Verstärker und Einsatzkoordinator zugleich. Wenn es nötig sein sollte, ermöglichte ihm die Kappe aber auch den direkten Zugriff auf einzelne Kunsthirn-Einheiten.

Die Vollzugsmeldung kam herein – an Schacht I war ein weiterer Frachter in Flammen aufgegangen. „Phase sechsundzwanzig eins vierundfünfzig alpha beginnt jetzt.“ Uran Tigern wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Codierter Bericht nach Orkus!“ Er sprang auf, sah in die Runde. Sein Blick blieb an Venus hängen. „Es geht los! Raus...!“

6

Am frühen Abend kamen seine Kinder und Enkel. Es gab ein großes Hallo, es gab Umarmungen und Küsse, es gab Lieder und Tränen der Rührung. Auch Norge Holm und ein paar andere alte Freunde tauchten im Laufe des Abends auf. Sie spielten, tanzten, sprachen von früher, sahen Filme aus Yakubars Jugendzeit und der Kindheit seiner erwachsenen Söhne und Töchter an.

In manchen Augenblicken kam Yaku sich vor, als wäre er ganz allein und würde einen Film anschauen, in dem seine Kinder und Enkel und Freunde sich einen Film aus der frühen Jugendzeit eines gewissen Yakubar Tellim anschauten.

Stunden später, nachdem er seine Gäste verabschiedet hatte, konnte er sich schon kaum noch an den Abend erinnern. Er hatte ziemlich viel getrunken. An der Decke und den Wänden wiegten sich bunte Blüten im Wind. Kopfschüttelnd stand Yaku im Salon vor dem Tisch mit den Geschenken: Selbstgemalte Bilder der Enkel in Hülle und Fülle, einen metallicblauen Abendfrack, echte Blumen, eine Cremetorte von Mirjam, und natürlich Bücher, Bücher, Bücher. Mittendrin hockte Moses und pickte die Nüsse von der Cremetorte.

Sein jüngster Sohn hatte ihm eine sechshundert Jahre alte Schwarte über gynäkologische Erkrankungen geschenkt. Hosea Tellim war Pathologe an der Universitätsklinik von Doxa City. Das Buch war reichlich zerfleddert, Medizin interessierte Yaku nicht, Krankheiten hasste er, und ausgerechnet ihm ein Buch über Frauenkrankheiten zu schenken, grenzte schon fast an Geschmacklosigkeit. Ähnlich die Cremetorte von seiner Tochter – er verabscheute Süßigkeiten im Allgemeinen, und Cremetorten im Besonderen. Und das Schlimmste war: Mirjam wusste das ganz genau. Missmutig trug er die Torte in die Küche. Sie passte nicht einmal in den Kühlschrank. Und wie schwer sie war, Himmel noch mal! Er knallte die Torte auf den Herd.

Auf der Toilette stand er lange vor dem Pissoir. Er schwankte ein wenig und das Laubmuster auf den blauen Kacheln verschwamm vor seinem Auge. Schließlich fasste er den auf eine Kachel aufgeschraubten Handtuchhaken und zog die Kachel aus der Wand. Hier im Bad konnten sie ihn nicht beobachten. Er griff in die Öffnung und tastete die in Folie eingeschweißten Einzelteile des Kaskadengewehrs. Er hatte es während seiner Zeit bei der Flotte gestohlen. Hätten sie ihn ertappt, hätten sie ihn zum zweiten Mal degradiert. Damals – er war Mitte dreißig - wusste er selbst nicht genau, warum er dieses Risiko einging. Heute wusste er es. musste man tatsächlich erst siebzig werden, um den unbändiger Hunger nach Leben in der Brust zu spüren? Um diesen wilden Kerl unter der Haut zu fühlen, der um jeden Preis tausend Jahre alt werden wollte?

Bevor er ins Schlafzimmer ging, blickte er durch das Sichtfenster im Blumenpanorama hinüber zum Wohnturm auf der anderen Seite der Turmschlucht. Da stand er, der verfluchte Gleiter, und in ihm saßen sie und warteten. „Geier!“, zischte Yaku.

Das Tock-Tock von Rabenschnabel auf harter Unterlage ließ ihn herumfahren. Moses hackte auf dem Pathologiebuch herum. „Hey! Lass das!“ Yaku lief zum Tisch und zog dem Vogel das Buch unter den Beinen weg. Moses krächzte und flatterte aufs Bücherregal. „Es ist zwar eine ziemliche Enttäuschung, aber immerhin ein Geschenk meines Sohnes...!“ Etwas fiel aus dem Buch auf den Teppich. Ein nicht einmal linsengroßes Ding in einem nicht einmal daumennagelgroßen Zellophantütchen. Der Kolk breitete die Schwingen aus, stürzte sich auf das Tütchen und trug es im Schnabel ins Schlafzimmer.

Yakus Herz klopfte auf einmal. Ohne Eile und ohne den Vogel zu beschimpfen wankte er ebenfalls ins Schlafzimmer. Der Kolk hockte schon auf einer Stange in seiner Voliere. Das Miniding in dem Tütchen lag auf Yakus Kopfkissen. Er zog sich aus, ging ins Bett und betrachtete es genauer: Am Rand des Beutels entdeckte er kleine Ziffern und Zeichen: Die Jahreszahl 2484 – sein Geburtsjahr – und das Zeichen für das männliche Geschlecht; beides so klein gedruckt, dass er es kaum lesen konnte. „Hosea...“ Langsam, ganz langsam dämmerte es ihm. „Hosea, du Wahnsinniger...!“ Er hielt die I-Ziffer eines Mannes seines Alters zwischen den Fingern; wahrscheinlich längst tot, wahrscheinlich von Dr. Hosea Tellim obduziert.

Jeder Bürger der Republik trug so ein Implantat. Entweder im linken Ohrläppchen oder unter der Haut auf der Innenseite des linken Handgelenkes. Jedem Neugeborenen wurde die I-Ziffer nach seiner Anerkennung als Bürger der Galaktischen Republik Terra injiziert. Im Volksmund hieß so ein Ding einfach nur Die Zahl.

Die Zahl enthielt alle persönlichen Daten eines Menschen: Geschlecht, Name, genetische Qualifikation und so weiter. Natürlich wurde Die Zahl ständig aktualisiert – neu hinzukommende Daten wie Elternschaft, Bankverbindung, Titel, Rang, Vorstrafen, Einreisen, Krankheiten und so weiter konnte von außen eingescannt werden.

Yaku schlug das alte Buch auf. Er stieß auf ein Dutzend sorgfältig aus den Blattzentren geschnittene, kleine Quadrate, in die Hosea ihm Minibeutel mit I-Ziffern fremder Frauen und Männer unterschiedlichen Alters geklebt hatte. Der Reeder konnte es lange nicht fassen. „Danke“, murmelte er schließlich. „Ich danke dir mein Sohn...“ Er löschte das Licht.

Stundenlang warf er sich schlaflos im Bett hin und her. Gegen Morgen endlich schlief er ein. Er träumte, ein Bote der Verwaltung würde vor seiner Tür stehen und ihn beglückwünschen. „Sie werden tausend Jahre leben“, sagte der Bote. Er träumte, ein riesiger weißer Kolk würde auf seiner Brust sitzen, mit den Flügeln schlagen und krächzen: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über dich habe! Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über dich habe!“ Und er träumte, ein weißer Gleiter der Sicherheitskräfte würde seine Glasfront durchstoßen, seine Wände bis in die Toilette hinein zertrümmern, und die Einzelteile des verpackten Gewehrs würden aus dem Loch hinter den zerbrochenen Kacheln fallen. Am Morgen wachte er mit klopfendem Herzen auf. Sein Bett und seine Wäsche waren nass vor Angstschweiß...

7

Die Fäuste in die Hüften gestützt stand Bergen neben seinem Diener unter der Frontkuppel und betrachtete den neuentdeckten Glaucauris-Planeten Corales. Eine zwei Meter durchmessende Darstellung der Eiswelt schwebte unter der Frontkuppelwölbung. Noch immer applaudierte die Besatzung der Kommandozentrale. Deutlich war jetzt der äquatoriale Wassergürtel zwischen den Wolkenbänken zu erkennen. Was für ein seltsamer Anblick! Bergen schüttelte den Kopf.

Der kleine, rothaarige Mann ließ die Jubelnden noch eine Zeitlang gewähren. Irgendwann jedoch hob er wie abwehrend die Rechte. Der Jubel verstummte. „Zurück an die Arbeit, meine Damen und Herren!“ Er nahm wieder Platz und ließ sich mit dem Kommunikatorschiff verbinden. „Bergen an alle: Große Triaden zwei bis sechs in Polpositionen eins bis vier, kleine Triaden eins und zwei in Polpositionen fünf und sechs.“

Eine große Triade bestand in der Regel aus einem Schlachtschiff, einem schweren Kreuzer und einem leichten Kreuzer, eine kleine aus einem schweren Kreuzer, einem leichten Kreuzer und einem Aufklärer. Der Begriff Polposition bezeichnete nach allgemeinem militärischen Sprachgebrauch der Republik sechs gleich weit voneinander entfernte Polpunke auf einer imaginären Kugel, deren Durchmesser sieben astronomische Einheiten betrug; also nicht ganz 1,1 Millionen Kilometer. Weiter durften sich die Omega-Raumer eines Verbandes nach den geltenden Vorschriften nicht voneinander entfernen.

Bergen wartete die Bestätigungen der einzelnen Schiffe ab. „Der Kommunikator, die großen Triaden eins und sieben und die kleine Triade drei gehen im Abstand von zwei astronomischen Einheiten in die Umlaufbahn um Robinson.“ Routiniert und ruhig erteilte Bergen die in solchen Fällen üblichen Befehle. „Der Aufklärer Dog in eine Umlaufbahn um Corales, vierhunderttausend Kilometer. Landungsschiffe zwei und drei setzen am Rand des äquatorialen Wassergürtels auf, Entfernung: hälftiger Planetenumfang, je zwei Beiboote der Newton begleiten sie. Kernverband in Bereitschaftskonstellation um die Johann Sebastian Bach und in einer Umlaufbahn von zwei Millionen Kilometer um Corales. Ende.“

Kernverband meinte den Rest der 66 Omega-Raumer des Pionier-Kampfverbandes XII. Die drei Landungsschiffe gehörten mit den beiden Frachtern zu den fünf größten Omega-Raumern des Verbandes. Wie diese maßen sie 240 Meter von Schenkelinnenseite zu Schenkelinnenseite. Die zwölf Schlachtschiffe brachten es auf 220 Meter, und Bergens Flaggschiff, die Johann Sebastian Bach, entsprach den Ausmaßen eines schweren Kreuzers, nämlich 200 Meter von Schenkelinnenseite zu Schenkelinnenseite.

Jeder der drei Landungs-Raumer war mit einer zweihundertköpfigen Pioniereinheit besetzt, Infanteristen und Wissenschaftler mit Spezialausbildung und -ausrüstung für den Einsatz auf unbekanntem Terrain, und verfügte über schweres Gerät für Erdarbeiten, Bohrungen, Brückenbau, Tunnelgrabung und dergleichen. Die Landung eines solchen Schiffes bedeutete den ersten Schritt zur Errichtung einer Operationsbasis auf einem neuentdeckten Planeten.

Bergen wartete die Bestätigung seiner Kommandanten ab. Danach sank er wieder in seinen Sessel, bedeutete Veron sein ISK-Element aufzusetzen und schloss die Augen. Der blaue Kristallmensch senkte seinen Sessel ab und stellte die Musik lauter.

Veron streifte sich die Steuerungskappe über das kurze Kraushaar und übernahm das Kommando. Ein letzter Blick noch auf den Kommandeur und seinen Diener. Eigenartige Figur, dieser Subgeneral, eigenartiger noch als sein kristalliner Diener. Hatte man je von einem Kommandeur gehört, der während eines Einsatzes schlief, las, oder komponierte?

Wenn Veron richtig informiert war – er konnte es sich kaum vorstellen, doch er flog erst ein halbes Jahr auf der Johann Sebastian Bach – wenn er also richtig informiert war, hatte Merican Bergen noch nie einen Fehler gemacht. Man sagte ihm ungewöhnliche Fähigkeiten nach. Die Einen hielten ihn zwar für einen bornierten Aristokraten, die Anderen aber für ein militärisches Genie, die Dritten für einen tollkühnen Abenteurer. Veron konnte sich nicht festlegen, blieb hin und hergerissen. Nervtötend die Musik, die der Subgeneral bevorzugte; übermenschlich die Ruhe und Klarheit, in der er seine Befehle erteilte und anschließend ruhte; unheimlich fast sein semitransparenter, bläulicher Kristalldiener. Gerüchteweise hatte Veron gehört, dass eine symbiotische Beziehung den blauen Heinrich und seinen Herrn, den roten Subgeneral zusammenschweißte. Ab einem gewissen Punkt verbot sich der Zweite Offizier des Flaggschiffes jedoch über solche Gerüchte und Theorien nachzudenken. Unter dem Strich nämlich schätzte er sich, wie gesagt, ganz glücklich, auf der Johann Sebastian Bach Dienst tun zu können.

Die Manöver beanspruchten alles in allem sechs Stunden. Danach hatten die Triaden ihre Polpositionen eingenommen, der Kernverband flog in Bereitschaftskonstellation, und die Landungsschiffe begannen ihre vorläufige Biosphäre aufzubauen und ihre Pionier-Truppen auszuschleusen. In diesen sechs Stunden schien der Subgeneral zu schlafen und sein Diener zu blauem Eis erstarrt zu sein. Wenigstens hatte er die Lautstärke der Musik ganz erheblich heruntergefahren.

Merican Bergen erwachte pünktlich, als die ersten Vollzugsmeldungen eingingen. Danach brachte der blaue Kristallmensch seinen Sessel in Sitzstellung und verließ die Kommandozentrale um Tee zu holen. Veron sah ihm nach – in seinem blauen Schädel konnte man die Umrisse seines Kunsthirns erkennen, in seiner Brust goldfarbene Drähte und Prozessorenträger, und in seinen Gliedern die schwarzen Konturen seines Stützskeletts. Angeblich war es aus Carbonstahl; und die blaue, halbtransparente Hülle des Roboters bestand angeblich aus kristallinem Titanglas. Das Schott schloss sich hinter dem Roboter. Veron hatte gehört, dass einst Bergens Großvater ihn seinem Enkel geschenkt hatte. Er blickte auf die Zeitangabe seines Arbeitssichtfeldes: 6:45 Uhr Bordzeit. Noch eine Viertelstunde bis zu seiner Ablösung.

Später ertönte die dezente und einigermaßen erträgliche Musik eines Instrumentes, das der Subgeneral Piano nannte. Bergen schlürfte inzwischen seinen Tee, und sein blauer Heinrich schenkte Kaffee und Tee an die Besatzung der Kommandozentrale aus. Der Subgeneral begann zu dozieren. Das tat er oft und gern. Dank dieser Freizeitvorlesungen, wusste Veron zum Beispiel wie ein antiker Verbrennungsmotor funktioniert hatte, wann die Menschheit zum ersten Mal ein Raumschiff zum Mond beziehungsweise zum Mars geschickt hatten, und was eine Galeere war.

Heute begann Bergen mit der Frage, warum die Menschheit fast dreitausend Jahre lang an der alten Zeitrechnung festgehalten hatte. Seine Antwort: Es sei zwar ziemlich leicht eine Religion zu gründen, unendlich schwer jedoch, sie wieder aus menschlichen Hirnen zu verbannen. Wenn auch der zweihundertjährige Krieg gegen die Yellows am Ende die neue Zeitrechnung begründet und die Religionen zu Fußnoten der Kulturgeschichte degradiert hatte, sollte sich dennoch niemand täuschen lassen, so Bergen, eher würden Menschen aufhören sich fortzupflanzen, als den irrationalen Glauben an höhere Mächte aufzugeben.

Dem Subgeneral zu widersprechen hätte gegen die ungeschriebenen Gesetze an Bord der Johann Sebastian Bach verstoßen. Also lauschten alle Anwesenden mehr oder weniger andächtig.

Danach erging sich Bergen in einem Vortrag über den von Veron fälschlicherweise als Steinzeit-Komponisten eingestuften Musiker, dessen Piano-Komposition sie gerade zu hören gezwungen waren. Der Mann sei leider frühzeitig an einer Geschlechtskrankheit gestorben, und wenn die Galaxis wüsste, welche unkomponierten Werke mit ihm ins Grab gesunken waren, würden die Sterne weinen. Und so weiter, und so weiter. Danach hielt er sich mit einer kurzen Betrachtung über die Schwierigkeiten intergalaktischer Reisen auf. Er behauptete, auf Terra Tertia würden Para-Astrophysiker bereits die übernächste Generation kontrollierter Raumzeitverzerrungs-Triebwerke ausbrüten. Mit denen seien dann endlich Flüge in andere Sternennebel möglich.

Der Erste Offizier kam erst gegen viertel nach sieben, um Veron abzulösen. Ein bulliger, grauhaariger Endvierziger – Ruud Zähring, stand in silbernen Buchstaben auf blauem Grund; ein Oberst also. Wie üblich dachte Zähring gar nicht daran, sich für seine Verspätung zu entschuldigen. Schweigsam und mit mürrischer Miene hörte er sich Verons Übergabe-Bericht an.

Der Subgeneral ließ sich indes nicht stören. Inzwischen war er bei seinem aktuellen Lieblingsthema angelangt und schimpfte auf das neuste Projekt der Regierung: Eine Giga-Kommunikationsbrücke von Terra Prima zu sämtlichen Planeten der Republik. „Wenn diese Brücke einst steht, was ein glücklicher Zufall verhindern möge, meine Damen und Herren, dann würde man zum Beispiel auf Terra Prima, Terra Sekunda und so weiter die Entdeckung eines solch herrlichen Planeten einfach aus den aktuellsten Daten unseres Bordhirns ablesen.“ Mit pathetischer Geste wies er auf den Eisplaneten im VQ-Feld. „Wer bräuchten gar keine Meldung mehr machen, automatisch wären Robinson und Corales im Katalog gelandet, automatisch hätte man ihnen irgendwelche Namen verpasst, das heutige Datum von mir aus, 26154, oder eine Buchstabenkombination, oder Willi oder Marlene, irgendeinen Schwachsinn eben...“

Genau um die Zeit ging die verhängnisvolle Meldung des Kommunikators ein. „Notruf empfangen“, meldete die Golf.

Veron, noch nicht ganz durch mit seiner Übergabe, nahm das Gespräch entgegen. „Inhalt und Quellkoordinaten“, verlangte der zierliche, schwarze Suboberst. Er ahnte ja nicht, wie sehr dieser Notruf sein Leben verändern würde.

„...wenn jene Brücke aus Planeten, Raumstationen und Kommunikator-Raumern erst steht, meine Damen und Herren, wird ein Navigator oder ein Aufklärer an Bord eines Flaggschiffes überflüssig sein, möglicherweise sogar der Kommandant...“

Die Golf übermittelte die gewünschten Informationen, und Calibo Veron musste Bergen unterbrechen, was allein schon als Mutprobe galt. „Was soll das! Was für Schwierigkeiten denn, mein lieber Suboberst?“ Bergen klang gereizt, er sah sich nach Veron um. „Oha, Oberst Zähring! Guten Morgen!“ Der Erste Offizier erwiderte den Gruß und deutete eine Verneigung an. „Also: In welche Art von Schwierigkeiten sollte ein Verband von achtzehn schweren Frachtern schon geraten! Fragen Sie gefälligst nach, mein Guter, ja?“

Veron tat wie geheißen. Acht Minuten später trat er mit konkreteren Informationen an seinen Vorgesetzten heran. Inzwischen war es halbacht Uhr Bordzeit, und er sollte längst in seiner Kabine liegen. „Es tut mir wirklich leid, mein Subgeneral, aber der Frachterverband scheint sich in wirklich ernsten Schwierigkeiten zu befinden! Er ist auf einem Eisplaneten hundertdreiundsechzig Lichtjahre von unserer Position entfernt gelandet, um Glaucauris zu laden. Die Sträflingskolonie scheint den Schiffen Probleme zu bereiten, gefährliche Probleme, wie gesagt.“

Der Subgeneral seufzte. „Ich hasse verschwommene Informationen.“ Sein blauer Heinrich stellte den Kommandantensessel in Sitzposition. Endlich verstummte die Musik. „Von welchem Sonnensystem ist die Rede?“

„Die Sonne heißt Maligniz, mein Subgeneral.“ Veron war irgendwie nicht wohl in seiner Haut. „Die Probleme scheinen sich auf seinen dritten Planeten Genna zu beziehen. Von allen Verbänden ist unserer am nächsten dran.“

„Was für ein Pech auch!“ Bergen nahm das Wasserglas entgegen, das sein Diener ihm reichte. „Hundertdreiundsechzig Lichtjahre sagten Sie, Suboberst? Glaucauris? Na gut – schicken Sie zwei Aufklärer hin, die Brüssel und die Brandenburg am besten. Und du, Heinrich, sei so gut und lade weniger aufregende Musik...“

8

Das Streulicht der Liftbeleuchtung brach sich in kleinen Rinnsalen. Wasser floss an der Schachtwand hinunter, zweihundert Meter weiter unten gefror es bereits. Statt Rinnsale hatte Venus dort meterlange Eiszapfen gesehen.

Der Personenlift schwebte der Schachtöffnung entgegen. Gennas Sonne Maligniz war längst untergegangen, nur der größer werdende Feuerschein über ihnen bot einen Anhaltspunkt dafür, wie nahe das Ziel schon war: Noch höchstens dreihundertfünfzig Meter, schätzte Venus.

Alle vierundzwanzig zur Flucht Ausgewählten drängten sich um sie und ihren Bruder Alvan. Sie beide trugen die ISK-Kappen, sie waren die Anführer. Niemand sprach ein Wort. Nicht einmal Geflüster hörte man. Die Erregung schnürte alle Kehlen zu. Keiner im Lift hatte jemals das Labyrinth verlassen, keiner hatte je die Oberfläche von Genna gesehen. Aus Angst vor Entdeckung hatte der Freiheitsrat sie unter Tage auf unterirdischen Eisflächen trainieren lassen.

Explosionslärm drang zu ihnen herab. Venus hielt das für ein gutes Zeichen. Wer von einem Kaskadengewehr getroffen wurde, explodierte nicht. Die mit Sprengstoff vollgepackten alten Roboter jedoch, die ihr Vater mit Mentalkraft über die selbstgebaute Sensorenkappe unter die feindlichen Kampfeinheiten steuerte, die explodierten. Sprengstoff hatten sie im Übermaß – die Republik lieferte ihn, schließlich brauchten sie ihn für die Arbeit in den Bergwerken.

Venus und Alvan taten, was sie in den letzten zwei Jahren fast täglich geübt hatten – sie benutzten ihre individuellen Steuerungskappen. Einen Atemzug lang bangte Venus, dann glaubte sie die charmante Stimme des Primkommunikators zu hören. Sie haben neun Kampfmaschinen ausgeschaltet, General Tigern. Die Stimme sprach in ihrem Kopf. Ein Sicherheitsoffizier ist kampfunfähig, der andere flieht. Ein grimmiges Lächeln flog über Alvans Miene, und Venus wusste, dass er auch er die Stimme hören konnte.

„Die ersten Angreifer sind aus dem Weg geräumt!“, rief sie. Ein Raunen ging durch die Gruppe der jungen Männer und Frauen. Ein Kind krähte, jemand stimmte ein Lied an. „Zur Freiheit, Gefährten, zur Sonne...“ Andere stimmten ein. Der Feuerschein am Nachthimmel rückte näher, schon sah man den kreisrunden Schachtrand. „Noch höchstens achtzig Meter...!“, rief Venus. „Haltet euch bereit!“

Beachten Sie bitte den Funkverkehr, General Tigern, schmeichelte die Stimme in ihrem Kopf, und im nächsten Moment hörte sie eine verwirrende Vielfalt von Männerstimmen. Wir kapitulieren, verdammt noch mal..., ihr werdet den Teufel tun, ...unser Kahn wird nicht in die Luft fliegen..., die bluffen doch..., wir kapitulieren im Alleingang..., ich stell Sie vor ein Militärgericht..., und so weiter. Auf den Frachtern schien Chaos auszubrechen.

Der Lift stoppte, das Leichtmetallgitter schob sich auseinander. Die Liftbeleuchtung fiel auf Schnee, Eis und Wasser. Das Eis war weiß und nicht schmutzig grau, wie unten, am Boden des Schachts. Ein Weiß, das Venus in den Augen schmerzte. Sie tat den ersten Schritt aus dem Lift, ihre Knie zitterten. „Das Eis...“, flüsterte sie. „Mutter, Mutter..., ich stehe auf dem Eis...!“

Vierhundert Meter entfernt flackerten die Konturen der beiden Omega-Frachter im Feuerschein des brennenden Wracks. Noch gewaltiger, als auf dem Kugelmonitor sahen sie aus, wie gigantische Ungeheuer eines Angsttraums. Und in so einen Giganten sollte sie freiwillig eindringen? So einen Giganten sollte sie nach Orkus steuern? „Nein...“, Venus schüttelte den Kopf. „Unmöglich...“, flüsterte sie. „Das geht nicht, Paps...!“, schrie sie. „Das geht doch gar nicht...!“

Beachten Sie bitte die Hinweise von General Tigern, empfahl die freundliche Stimme des Primkuglers in ihrem Kopf. Und dann rauschte und knarrte es, und Venus hörte ihren Vater schreien. Worauf wartet ihr! Fluchtduos Schulter an Schulter ! Zu den Schiffe mit euch...!

Eine Hand legte sich schwer auf ihre Schulter. „Los, Schwester!“, krächzte eine tiefe Stimme. Ein großer Schatten sprang an ihr vorbei, packte ihren Arm und riss sie mit sich: Ihr jüngster Bruder Plutejo. Venus schämte sich, denn ihre Eltern hatten sie schwören lassen, den Kleinen niemals auch nur einen Augenblick allein zu lassen. Und jetzt musste er sich um sie kümmern.

„Hinter mir her!“, hörte sie ihren Bruder Alvan brüllen. Keine Zeit für Gefühle, sie rannte und spürte kaum, dass ihre Stiefelsohlen das Eis berührten. Scharfer Wind blies ihr Schnee ins Gesicht, sie setzte die Atemmaske auf. Auch die Ausbrecher links und rechts von ihr benutzten die Masken. Zu zwölft stürmten sie dem Frachter rechts des brennenden Wracks entgegen. Aus dem belauschten Funkverkehr des Verbandes kannte der Freiheitsrat seinen Namen: Europa.

Die Gruppen trennten sich. Keine Zeit noch einmal von ihrem Bruder Alvan und den anderen Abschied zu nehmen; deren Ziel war der zweite Frachter, die Uno. Durch Schneeverwehungen hindurch und an verglühenden Kampfmaschinentrümmern vorbei hetzten sie durch die eisige Nacht.

Lichtblitze unter den Frontseiten der Frachter erhellten die Teleskoplifte und Dutzende von Gestalten in ihrer Umgebung. Dort wurde gekämpft. Die Veteranen des Freiheitsrates bahnten den Weg in die Schiffe. Erfolgreich, wie es schien.

Beachten Sie bitte folgende Erfolgsmeldung, sagte der Primkommunikator. Je zwei Kampfgruppen sind in die Schiffslifte eingedrungen. Wilde Freude loderte in Venus’ Brust. „Wir schaffen es!“ Sie überholte Plutejo, winkte den anderen. „Schneller, wir schaffen es!“ Und an die Adresse des Primroboters: „Nachricht an General Tigern – warum holen wir nicht alle aus dem Labyrinth und schaffen sie in die Frachter...?“

Im nächsten Moment lösten sich im Sekundentakt drei kleine, weiße Glutbälle vom Rumpf der Uno und zischten unter die Fluchtduos um Alvan. Wo sie aufschlugen, schossen Stichflammen in den Nachthimmel, und brennende Menschen wälzten sich im Eis. Nur drei vermummte Gestalten rannten noch dem Frachter entgegen. An seinem Gang meinte Venus ihren Bruder Alvan zu erkennen.

Vor dem Teleskopflift der Europa explodierte ein Arbeitsroboter. Im Schein des Lichtblitzes erkannte Venus sechs oder sieben Kampfmaschinen, die eben aus dem Liftschott glitten. Die erste Sturmtruppe war gescheitert! Venus schrie ihre Enttäuschung hinaus. Sie warf sich in den Schnee. Dreißig Schritt hinter ihr schlug eine Laserkaskade ein, sechs oder sieben Glutbälle nacheinander. Die sterbenden Körper von acht oder neun Gefährten krümmten sich im weißen Feuer. Das Entsetzen schnürte Venus das Herz zusammen. Sie bohrte die Stirn ins Eis und konnte nicht mehr aufhören zu schreien.

Beachten Sie bitte folgenden Funkverkehrsmitschnitt, empfahl die sanfte Stimme des Primkuglers. Und wieder hallten fremde Männerstimmen durch ihren Schädel. ...wir kapitulieren..., an Schacht eins haben wir die armen Teufel zurückgeschlagen..., ...ich will nicht samt meinem Kahn zur Hölle fahren, ...wer kapituliert, kommt vor ein Militärgericht..., ...unsere Kampfeinheiten haben alle getötet und den Schacht besetzt..., ...wir starten und greifen aus der Luft an...

Venus presste die Handballen gegen die Ohren, die Atemmaske rutschte ihr von der Nase. Sie schrie und schrie, die Panik krampfte ihr die Brust zusammen, ihre Schließmuskulatur versagte. Beachten Sie bitte den Hinweis von General Tigern... Plutejo beugte sich zu ihr herunter, packte sie, riss sie hoch. Im Weiß seiner fiebernden Augen spiegelten sich die Flammen wider, die aus den verkohlten Körpern der Gefährten züngelten. Weiter, hörte sie die Stimme ihres Vaters brüllen. Weiter, immer weiter...

Die Uno zog die Teleskoplifte und -stützen ein, langsam hob sie ab. Keine Fluchtmöglichkeit mit der Uno? Kein Schutz vor weiteren Jahren der Demütigung und der Qual? Venus schrie noch immer, zerrte am Arm ihres Bruders. Plutejo blieb stehen, holte aus, schlug ihr ins Gesicht. „Reiß dich zusammen...!“ Sie hörte auf zu schreien, der Muskelkrampf ließ nach. Ein gewaltiger Lichtblitz machte die Eisnacht zum Eistag – die Uno explodierte...

9

Sein Kopf schmerzte, der Gleiter mit den Exekutoren parkte noch immer auf der Terrasse gegenüber, und die verdammte Cremetorte blockierte den Herd, so dass er sich keine Eier zum Frühstück braten konnte. Aus dem Bad tönte Gekrächze. Moses hockte vor dem Spiegel und führte Monologe. In einen schwarzen Kimono gehüllt hing Yaku auf der Couch, schlürfte Wasser mit Schmerzmittel und blätterte vorsichtig in dem alten Buch. Es übte eine geradezu magische Anziehungskraft auf ihn aus. Er suchte die Stelle, die er am Vorabend seines Geburtstags gelesen und heute Nacht aus dem Schnabel eines weißen Raben gehört hatte. Die Außenwand hinter der Blumenbank war durchsichtig, auf eine Panorama-Illusion hatte er verzichtet. Er wollte die Exekuter und ihren verfluchten Gleiter im Auge behalten. Es war später Vormittag.

Gegen Mittag hatte er die Stelle noch immer nicht gefunden und sich in alten Texten festgelesen, die er für Gedichte oder Lieder hielt, und denen eine Menge von Tod, Feinden und Rettung die Rede war. Tat ihm das gut? Nein, tat es nicht. Drüben, auf der Parkterrasse, landete ein zweiter Gleiter der Exekutivabteilung.

Irgendwann aktivierte sich das VQ-Feld automatisch. Das geschah immer dann, wenn die Regierung den Bürgern der Republik wichtige Neuigkeiten zu verkünden hatte. Mindestens einmal im Monat also – dann nämlich, wenn der Primus Orbis Lacteus sich persönlich an die Planeten und Kolonien der Republik wandte. Das braungebrannte Gesicht eines alterslos wirkenden Mannes mit gütigen Augen und vertrauenserweckenden Zügen entstand auf dem Sichtfeld. „Ich grüße euch von Terra Prima aus, meine lieben Bürgerinnen und Bürger der Galaktischen Republik Terra...“ Wie segnend hob der P.O.L. seine schmale Rechte. Sein Haar war silbergrau und schulterlang. „Frieden und Glück für euch alle! Ich bin in der erfreulichen Lage, euch von Frieden und Glück auf den Planeten der Republik berichten zu können...“

Der erste Mann der Republik stand unter einer Palme. Deren Blätter sahen aus wie lange, grüne Dächer und schwankten im Wind. In ihrer Krone sah man große, braune Früchte hin und herpendeln, die Kokosnüsse hießen, wenn Yakubar sich recht erinnerte. Über die Palme spannte sich der legendäre Blauhimmel des Mutterplaneten, und im Hintergrund zogen kreischende Seevögel ihre Kreise über der Brandung eines Ozeans.

„...keine unserer Welten ist von einem Krieg bedroht“, verkündete der P.O.L. „...die Nahrungsmittelknappheit auf Neu-Island und Woodstock konnte nachhaltig überwunden werden, auf dem Planeten Baal III an der Zentrumsgrenze der Republik gründeten mutige Bürger von Terra Tertia eine Kolonie. Damit entspannt sich nun auch das Problem der Überbevölkerung auf dem dritten Planeten der Republik...“

Der Rabe kam aus dem Bad geflattert und setzte sich zwischen die Topfpflanzen. Von dort aus beäugte er den Redner. Yaku schlug sein Buch zu und lauschte den Worten des Regierungschefs. Er empfand es als tröstlich, ausgerechnet am Tag nach seinem deprimierenden Siebzigsten die Stimme des Regenten hören und sein Gesicht sehen zu können. Er mochte den P.O.L. Nein – er liebte ihn. Seinen bürgerlichen Namen kannte er nicht. Offiziell hieß er zwar wie alle P.O.Ls. nach dem ersten P.O.L. und Gründer der Republik George – George LXXVII, um es ganz präzise zu sagen – aber im täglichen Sprachgebrauch wurde der erste Mann in der Milchstraße einfach nur P.O.L. genannt.

„...auch die Entdeckung eines neuen Glaucauris-Planeten meldete man mir erst kürzlich. Welch ein wunderbarer Anlass, allen Männern und Frauen der republikanischen Flotte zu danken, die in der gesamten bekannten Milchstraße mit frohem Herzen und glühender Liebe zur Republik ihren oft harten Dienst tun, um den Frieden und das Glück in unserer Republik aufrecht zu erhalten...“

Ein Signalton erfüllte das Apartment. Yakubar zuckte zusammen. Die Türglocke! Sie tönte ein wenig wie ein großes Glas, wenn man es mit einem feuchten Finger in Schwingungen versetzte. Persönlicher Besuch? Eine Kontrolle? Ein verspäteter Gratulant? Yaku stand auf. Er wusste genau, was die Stunde geschlagen hatte.

Auf der anderen Seite der Fassadenschlucht parkten drei weiße Sicherheitsgleiter auf der Terrrasse – nicht einer, nicht zwei: drei! – und sechs Exekutor in weißen Uniformen und blauen Helmen standen vor den Fahrzeugen. Sechs! Yaku bildete sich ein, sie würden durch Feldstecher zu ihm herüberspähen.

„...ganz besonders freue ich mich, euch heute einen Mann vorstellen zu können, dessen Verdienste um das Wohl der Republik so großartig sind, dass er mir vom Direktorium für die Höchste Ehrung vorgeschlagen wurde...“

Yaku ging zur Apartmenttür. Ihm war übel. Er wagte nicht das VQ-Feld für die Außenkamera zu aktivieren.

„...heißt Gender DuBonheur. Dr. DuBonheur ist Quanteningenieur und Kunsthirnspezialist. Er hat einen Quantenkernprozessor für Kunsthirne entwickelt, der die Gefahr einer Roboterrevolution ein für alle Mal ins Reich der Mythen verbannen wird...“

Schon wieder der Signalton! Yaku atmete dreimal tief durch. Danach öffnete er die Tür. Zwei Männer standen davor. Weiße Uniformen, blaue Helmen und das blauen-goldene Spiralemblem der Republik auf den Brusttaschen. Sie lächelten und verneigten sich. Der linke reichte Yaku ein weißes Kuvert, der rechte ein Päckchen in blauem Geschenkpapier. Schweigend und lächelnd zogen sie sich zu den Liften zurück.

„...ein komplexes Staatsgebilde wie unsere Republik kann auf Kunsthirne jeder Form nicht verzichten, heute nicht und morgen nicht. Um so wichtiger ist es, eine bislang nur theoretisch für möglich gehaltene Persönlichkeitsentwicklung der Maschinen nachhaltig und schon im Keim zu...“

Noch auf dem Weg zurück in den Salon riss Yaku das blaue Papier von dem Päckchen – die bei solchen Gelegenheiten übliche Flasche Cognac. Ein ganzes Leben lang war Alkohol verboten. Und jetzt Cognac. Na prima. Sein Mund war trocken auf einmal. Er musste ein paar Mal schlucken.

„...um so dankbarer müssen wir alle Dr. DuBonheur sein, der uns mit seiner Erfindung für alle Zeiten vom Phantom einer solchen Gefahr befreit. ..“

Erst, als ihm die Tränen aus den Bartstoppeln auf das Kuvert tropfte, merkte Yaku, dass er weinte. „...darum bin ich der festen Überzeugung, dass solches Engagement dem Wohl der Republik und unser aller Zukunft nachhaltig und...“ Die Stimme des P.O.L. klang aus einer fernen Welt zu ihm herüber. Er öffnete den Brief.

Das Schreiben trug den Briefkopf des Direktoriums von Doxa IV. Verehrter Yakubar Tellim, las er. Im Namen der Galaktischen Republik Terra danken wir Ihnen für die Treue und Hingabe, mit der Sie der Republik ein Leben lang gedient haben, und laden Sie ein, sich morgen, am 28. Januar 2554 pünktlich um 15:00 Uhr im Foyer des Ruheparks einzufinden. Ihre Dokumente übergeben Sie bis dahin bitte Ihrem ältesten Sohn, beziehungsweise Ihrer ältesten Tochter. Außerdem bestimmen Sie bitte bis zum heutigen Abend ein Mitglied Ihrer Sippe zum Nachlaßverwalter. Händigen Sie demselben eine schriftliche Verfügung aus, die zweifelsfrei klärt, wie mit dem von Ihnen bisher in Anspruch genommenen Wohnraum zu verfahren ist. Wir müssen Sie nicht extra darauf hinweisen, wie knapp Wohnraum auf Doxa IV ist, und wären dankbar, wenn Sie sich entschließen könnten...

„...darum also habe ich verfügt, dass Dr. Gender DuBonheur seinen Lebensabend in meiner Nähe hier auf Terra Prima verbringen darf. Mögen besonders die jungen Menschen in unserer Republik...“

Die Schrift verschwamm hinter einem Tränenschleier. Yaku las nicht weiter. Die Stimme des P.O.L. rauschte an ihm vorbei. Nur beiläufig registrierte er ihren heiteren, etwas gestelzten Unterton. Auch dass der Rabe aufgeregt krächzte, hörte er kaum. Etwas Heißes stieg in ihm auf. Ihm war plötzlich, als würden seine Eingeweide verbrennen.

„Das ist ungerecht!“, brüllte er. „Das ist nicht korrekt...!“ Er trat nach dem Tisch. Der stürzte um, Bilder und Bücher rutschten auf den Boden. Er sprang auf, rannte zum Sichtfeld und präsentierte das Schreiben dem lächelnden Gesicht des P.O.L. „Wie findest du das!? Ist das nicht eine schreiende Ungerechtigkeit?! Du musst mir helfen...!“ Er stieß mit dem Kopf gegen die Wand und heulte laut. Der P.O.L. verabschiedete sich, sein Bild verblasste.

„Ich will nicht!“, brüllte Yakubar Tellim. Er fegte die Topfpflanzen vom Blumenfenster, drohte den Sicherheitsleuten auf der Terrasse gegenüber mit der Faust, riss eines seiner Bücherregale um. „Ich will noch nicht sterben!“ Schwer atmend und den Brief in der Rechten stand er vor der Fensterfront. Moses flatterte um ihn herum und krächzte ununterbrochen.

Yakus Hirn arbeitete auf Hochtouren. Die Idee, es könnte sich um eine Verwechslung handeln, erblühte farbenprächtig in seinen Gedanken. Wohl hundert Mal versuchte er daraufhin die erste Verwaltungsebene von Doxa IV zu erreichen, solange, bis er endlich einen Vize des Direktoriums auf dem Sichtfeld hatte. Kein Verwechslung, bestätigte der, alles sei in bester Ordnung, der Termin im Ruhepark stehe, und er solle sich keine Sorgen machen. Diese Auskünfte schockten Yakubar dermaßen, dass ihm keine Entgegnung einfiel. Er versuchte seine Freunde auf Terra Sekunda zu erreichen. Einer nach dem anderen ließ sich verleugnen.

Bis zum Abend hockte er vor dem VQ-Feld, sprach mit Dutzenden von Männern und Frauen und leerte nach und nach die Cognacflasche. Dem nächsten Anfall ohnmächtiger Wut fiel sämtliches Geschirr in der Küche zum Opfer. Yaku riss sogar die Hängeschränke von den Wänden. Am Schluss packte er Mirjams Cremetorte und schleuderte sie mit aller Kraft durch die Tür gegen die Fensterfront im Salon. Etwas Hartes prallte gegen das Kunstglas und fiel auf den Boden. Ein Teil der Torte blieb am Fenster kleben. Moses machte sich über Früchte, Mandelsplitter und Nüsse her.

Yaku aber stand vor Verblüffung wie gelähmt und starrte in den Brei aus Buttercreme, Marmelade und Teig zu seinen Füßen – ein in Klarsichtfolie eingeschweißter Fauststrahler lag dort. Nach zwei oder drei Schrecksekunden warf er sich über ihn und das Tortenwrack. Anders, als zum Beispiel Holm oder Jesaja, glaubte er den Gerüchten, nach denen die Agenten der Exekutivabteilung mit entsprechender Gerätschaft durch die Wände sehen und hören konnten.

Stocknüchtern war er auf einmal. Seine Faust schloss sich um die Waffe. Als wäre er nur gestolpert, richtete er sich auf, setzte sich auf seine Fersen und lehnte gegen das Blumenfenster. „Meine Kinder...“ Lächelnd betrachtete er die kleine, eingeschweißte Waffe. „Was seid ihr doch für prächtige Menschen...“ Moses landete auf seinen Schenkeln und begann an seiner tortenverschmierten Silberweste herumzupicken. „Die gleiche verrückte Idee...“ Er dachte an den Strahler auf der Toilette. „Wenn sie uns erwischen, landet ihr im Bergwerk, verdammt...“

Er erhob sich, schob die Waffe unter die Silberweste und ging ins Bad. Warum noch länger zögern? Lieber kämpfen und im Feuer der Exekuter sterben, als aufgeben und die Spritze akzeptieren. Warum solange warten, bis sie ihn im Ruhepark vermissten? „Ich danke euch, meine Kinder“, flüsterte er. „Danke...“

10

„...schwere Frachter der Klasse I. Sie fliegen für die Flotte der GRT.“ Bergen war aufgestanden, um den Bericht entgegenzunehmen. „...Kommandant, Erste Offiziere und Kapitäne sind Angehörige der Flotte...“ Der Mann im VQ-Feld unter der Frontkuppel hatte sein blondes Haar zu einem Dutt hochgesteckt. Ein großer Smaragd zierte seinen linken Nasenflügel. Er trug einen blauen Samtumhang über der vorgeschriebenen Bordkombi. Sein Name, Ralbur Robinson, stand in goldenen Buchstaben auf blauem Grund auf dem Namensschild über der Brusttasche; ein Primoberst also. „...sie haben bereits neun Schiffe durch Sabotage verloren. Die sechs Sträflingssiedlungen haben sich organisiert und mit Sprengstoff gefüllte Kommunikatoren oder Arbeitsroboter in die Frachter eingeschleust...“

„Unglaublich!“ Rufe der Entrüstung und des Entsetzens wurden in der gesamten Zentrale laut. „Mörderpack!“ Ein Hauptmann am Navigationsstand schüttelte die Faust. „Wie kann so etwas geschehen...!“ Aufklärungs- und Kommunikationsoffiziere aus der unteren Ebene der Kommandozentrale stiegen über die Treppen nach oben, um den Kommandanten der Brüssel zu sehen. „...die halbe Flotte verloren! Einfach unglaublich...“

Bergen hob die Rechte, der Tumult legte sich. „Die Brandenburg hat Beobachtungsposten im System Maligniz bezogen?“

„So ist es, mein Subgeneral“, bestätigte Robinson. „Der Frachtflottenkommandant befürchtet, dass sich weitere Bomben auf seinen Schiffen befinden. Die Sträflinge versuchen ihn zu erpressen und gleichzeitig die Schiffe zu stürmen und zu kapern. In einem Fall scheint das bereits gelungen zu sein.“

„Danke, Primoberst“, sagte Bergen. „Behalten Sie Ihre Position bei und warten Sie auf weitere Anweisungen.“ Robinson neigte den Kopf, das dreidimensionale Frontsichtfeld erlosch.

„Wer seine halbe Flotte durch Leichtsinn einbüßt, gehört selbst in ein Bergwerk“, zischte Ruud Zähring. Der Erste Offizier stand hinter Bergen. Der Flottenkommandeur fuhr herum und musterte den Älteren mit hochgezogenen Brauen.

„Wir müssen ein Zeichen setzen!“, rief der zweite Kommunikator erregt, ein Primhauptmann namens Boronik. „Wir müssen gnadenlos durchgreifen und ein Zeichen setzen! Wenn wir die Kolonisten nicht hart bestrafen, springt so eine Rebellion von Bergwerksplanet zu Bergwerksplanet! Die Republik ist in Gefahr!“

„Ihre Entrüstung in allen Ehren, meine Herren.“ Bergen verschränkte die Arme auf dem Rücken und schritt zwischen den beiden wesentlich größeren Männern hindurch. Sie machten ihm Platz. „Aber erstens leben auf Genna keine Kolonisten, wie Sie sicher gehört haben, sondern Sträflinge, und zweitens verfügt unsere Republik über hervorragende Gesetze.“ Mit gesenktem Kopf lief er an der Galeriebalustrade entlang. „Die zuständigen Gerichte werden aufgrund dieser Gesetze entscheiden, ob der Flottenkommandant leichtsinnig gehandelt hat, und, falls ja, welche Strafe ihm dafür gebührt, und andere Gerichte wiederum werden beurteilen, welche Strafmaßnahmen gegen die Häftlinge angemessen sind.“ Er blieb stehen und sah seine beiden Offiziere an. „Alles andere würde die Republik gefährden, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und nun, meine Herren, seien Sie so gut und gehen Sie zurück auf Ihre Posten.“

Boronik und Zähring nahmen Haltung an und zuckten mit den Köpfe als wollten sie eine Verneigung unterdrücken. Zähring ging an seinen Steuerpult, Boronik eilte die Treppe hinunter zu Ebene II. Obwohl sie unter Ebene I lag, hieß sie so, denn die Ziffern hatten im Fall der Kommandozentrale hierarchische Bedeutung.

„Verbinden Sie mich mit der Kommunikator-Einheit.“ Noch immer den Kopf gesenkt und die Arme auf dem Rücken schritt Bergen zu seinem Kommandantensessel. Dort stand der blaue Kristallmensch und beobachtete ihn.

Im Visuquantenfeld flimmerte schon der Oberkörper einer dunkelhaarigen Frau Mitte Dreißig auf. Sie stand im Rang einer Primhauptfrau und war Kommandantin der Golf. „Mein Subgeneral?“

„Sie haben das Gespräch mit der Brüssel mitgeschnitten, Aryana?“ Aryana Kant und Merican Bergen kannten sich seit ihren gemeinsamen Monaten auf der Offiziersakademie von Terra Tertia.

„Selbstverständlich, mein Subgeneral.“ Seit Bergen vor drei Jahren vom Primoberst zum Subgeneral befördert wurde – der dritthöchste militärische Rang übrigens, den die Republik zu vergeben hatte – weigerte sie sich, ihn in offiziellen Gesprächen mit dem Vornamen anzusprechen. Er dagegen blieb stur bei der Anrede, die er bei guten Freunden für guten Stil hielt.

„Senden Sie eine Zusammenfassung ans Hauptquartier nach Terra Tertia und hängen Sie das Protokoll als Anhang dran. Schneiden Sie bitte auch fernerhin sämtliche Kommunikation zwischen der Johann Sebastian Bach und den anderen Verbandseinheiten mit und schicken Sie die Protokolle alle sechs Stunden nach Terra Tertia. Ich will jedes Missverständnis vermeiden.“

„Ich verstehe, mein Subgeneral.“

„Und noch etwas, Aryana – beschaffen Sie mir alle Informationen über den Planeten Genna, die Sie kriegen können. So schnell wie möglich bitte.“

„Ich werde mein Bestes tun, mein Subgeneral.“

„Danke, Aryana.“ Das VQ-Feld löste sich auf. Man konnte wieder die funkelnde Pracht außerhalb der Panormakuppel sehen: die Sonne Robinson, ihren Planet Corales und die Sternkonstellationen rund um das System.

Bergen nahm in seinem Sessel Platz. „Kommandeur an alle! Es gibt einen Notfall im System Maligniz, hundertdreiundsechzig Lichtjahre von unserer aktuellen Position entfernt.“ Er nannte die Koordinaten. „Wir haben bereits den ersten Bericht eines Aufklärers. Alles spricht für eine Rebellion auf dem Sträflingsplaneten Genna. Unser PK-Verband ist den in Not geratenen Schiffen am nächsten, wir werden gemäß den Gesetzen der Republik reagieren. Mit folgenden Einheiten fliege wir ins System Maligniz.“ Er nannte die Namen zweier Schlachtschiffe, eines Versorgungsschiffes, und vier schwerer und sechs leichter Kreuzer. „Die Brandenburg befindet sich bereits in Maligniz. Die Brüssel wird sich uns anschließen. Ich werde den Entsatzverband persönlich kommandieren. Primoberst Cahn, Kommandeur der Moskau, übertrage ich hiermit das Kommando über den Zwölften PK-Verband während meiner Abwesenheit. Die Arbeiten auf dem Glaucauris-Planeten gehen weiter. Über etwaige ungewöhnliche Vorkommnisse wünsche ich informiert zu werden. Ich warte auf Ihre Bestätigung, meine Damen und Herren.“

Nacheinander gingen die Bestätigungen ein. Zuletzt meldete sich Bergens Vize Cahn, einer der Offiziere seines Verbandes, die er besonders schätzte. „Verstanden, mein Subgeneral“, sagte Cahn. „Ich übernehme das Kommando, die Arbeiten gehen routinemäßig weiter, besondere Vorkommnisse werden Ihnen über den Kommunikator gemeldet. Danke für Ihr Vertrauen, mein Subgeneral. Viel Erfolg.“

„Danke, Cahn. Vertrauen ist in Ihrem Fall kein Problem. Wir hören voneinander.“ Bergen überzeugte sich davon, dass der externe Funkkontakt beendet war und aktivierte den Bordfunk. „Wir nehmen Fahrt auf. Zunächst zum Standort der Brüssel. Wenn alle fünfzehn Schiffe Flugformation eingenommen haben, springen wir. Ich übernehme.“

Merican Bergen streifte die ISK-Kappe über. Aus irgendeinem Grund war er nervös. Dergleichen beobachtete er selten an sich selbst. „Erkundige dich bei den Herrschaften, ob jemand einen Tee oder einen Kaffee wünscht, Heinrich. Und mach Musik. Etwas Modernes vielleicht, etwas, das den allgemeinen Geschmack trifft. Patriotische Choräle von Rubenthal wären doch passend.“

Der Blaue stelzte durch die Zentrale, um sich bei der Besatzung nach Getränke-Wünschen zu erkundigen. Bergen brachte seinen Sessel in Liegestellung und holte die Kursansicht seines Schiffes auf das VQ-Feld. „Apropos ‚patriotisch’, meinen Damen und Herren – ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass ein Projekt wie das der Giga-Kommunikationsbrücke die Autarkie der einzelnen Planeten schwächt? Wir erleben seit Jahrzehnten eine Erosion des republikanischen Gedankens zugunsten eines Zentralismus’, den ich für gefährlich halte. Lassen Sie mich ein paar Betrachtungen dazu anstellen...“

11

„Ich brauche zwei Minuten seiner Zeit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

Kalderion hielt die Meldung an sich nicht für wirklich beunruhigend. Da es aber um einen Glaucauris-Planeten ging, wollte er sich absichern. Einen Fehler durfte man sich nicht erlauben in seiner Position. Jedenfalls hier auf Terra Tertia nicht, so nah an den Hauptnervenleitungen der Macht.

Die blonde Frau im Viquafeld zog die aufgemalten Brauen hoch; ein Leutnant, wie der weiße Namenszug auf grauem Grund verriet. Sie trug eine lachsfarbene Uniform; stand ihr gut. War das Weib ihm je zuvor aufgefallen? Nein, dann würde er sich erinnern. Wahrscheinlich neu im Verwaltungsapparat des Generals. Dafür sprach auch ihre Jugend. „Es tut mir leid, Subhauptmann. Der General ist belegt.“

„Hören Sie, Leutnant, es geht um einen Zwischenfall im Grenzgebiet der Republik.“ Kalderion setzte ein schmallippiges Lächeln auf. „Ich habe gute Gründe, den Bericht persönlich loszuwerden. Dringlichkeitsstufe zwei. Ein Glaucauris-Planet ist betroffen, wenn Sie verstehen.“

„Ich verstehe selbstverständlich.“ Die Blonde lächelte kühl. „General Myr hat mich angewiesen jede Störung von ihm fernzuhalten. Versehen Sie Ihren Bericht also mit dem angegebenen Dringlichkeitsvermerk und senden Sie ihn auf das IKH seines zweiten Adjutanten.“

„Hm. Es könnte sein, dass der General unerfreut reagiert, wenn er den Bericht zu spät und auf diesem Wege erhält.“

„Das nehme ich auf mein Konto, Subhauptmann. Ich habe meine Anweisungen. Schicken Sie Ihren Bericht also ohne Sorge an den zweiten Adjutanten.“

„Und warum dann nicht wenigstens auf das IKH des Generals selbst?“ Das IKH war ein flaches, kaum handballengroßes Kunsthirn, dessen Gebrauch Angehörigen der Flotte und der Verwaltung zwingend vorgeschrieben war.

„Der General selbst findet kaum noch Zeit, die Botschaften auf seinem I-Gerät zur Kenntnis zu nehmen“, entgegnete die Blonde kühl. „Ich glaube, er hat es sogar deaktiviert. Folgen Sie einfach meiner Empfehlung, Subhauptmann. Dann wird die Nachricht ihn am sichersten erreichen. Vorausgesetzt, sie ist wirklich wichtig.“

„Wie Sie meinen, Leutnant.“ Kalderion hätte ihr gern in den Arsch getreten. „Ich werde das tun, sobald Sie mir ein signiertes Protokoll unseres anregenden Gespräches geschickt haben. Ich brauche eine Sicherheit, Sie verstehen.“

„Ich verstehe selbstverständlich, Subhauptmann. Einen guten Tag noch.“ Das Sichtfeld über dem Visuquanten löste sich auf, und mit ihm das Gesicht der Blonden.

„Miststück!“ Kalderion schlug mit der Faust auf den Tisch. Von einem Leutnant auf diese Weise abgefertigt zu werden, machte ihn rasend. Noch dazu von einem weiblichen Leutnant. „Blödes Miststück!“ Seines Wissens ließen sich die IKHs überhaupt nicht deaktivieren. Jedenfalls hatte er bei seinem Gerät eine derartige Funktion noch nicht entdeckt.

Er sprang auf, lief zur Fensterfront und schnüffelte an den Blüten der Hawaii-Novum-Agave. Die beruhigende Wirkung stellte sich augenblicklich ein. Kalderion atmete ein paar Mal tief durch. Das Thermoglas des Fensters beschlug. Der Blick auf die Skyline der Metropole deprimierte ihn: Ein Wohnturm am anderen, ein gigantischer Wald aus Carbon-Beton. Dazwischen Sendemasten bis in die Wolken und Heere von Gleitern, deren rasende Fahrt in alle vier Himmelsrichtungen und nach unten und oben keiner einleuchtenden Regel zu gehorchen schien. Und darüber die schwarzen Hufeisenkonturen – ganze Karawanen von Raumern starteten oder landeten, jede Stunde, jeden Tag, es wollte kein Ende nehmen.

„Was für ein hässliches Stück Dreck du bist!“ Kalderion meinte schon nicht mehr die Blonde, er meinte Terra Tertia im Allgemeinen, und die Hauptstadt New Rome im Besonderen; und ein wenig vielleicht noch sich selbst. Er ballte die Fäuste und steckte seine Nase erneut in eine der blauen Blüten; diesmal länger und tiefer. Anschließend wankte er zu seinem Arbeitstisch zurück – der war nierenförmig, schwarz und aus Kunstglas.

Das VQ-Sichtfeld flimmerte auf, ein Schriftstück erschien – das Protokoll seines Gesprächs mit dem Vorzimmer des Generals. An Subhauptmann K. Duck stand im Adressfeld. „Blöde Kuh!“ Die Blonde hatte Vor- und Nachnamen verwechselt. So etwas bekam er öfter zu lesen. Eine gewisse Leutnant Hanna Boor hatte signiert. Hanna Boor – den Namen würde er sich merken! Er legte das Dokument ab, verfasste ein Anschreiben an den General und hing die Nachricht vom Flaggschiff des Zwölften Pionier-Kampf-Verbandes an. „Kampf!“, schrie er, als er die Botschaft ins Netz geschickt hatte. „Kampf, Stufe drei!“

Er schrie noch einiges mehr, riss seine Waffe aus dem Gurtholster, stellte sie auf V-Modus ein und warf sich neben seinen Schreibtisch. Fenster und Wände wurden dunkel. Sterne glitzerten an der Decke, fahles Dämmerlicht enthüllte die Kulisse einer Felslandschaft. Schatten stürmten einen Hang herab, oder zeigten sich für Sekundenbruchteile hinter Felsnadeln und Gesteinsbrocken. Kalderion warf sich nach links, Kalderion warf sich nach rechts, Kalderion schoss, wo immer sich eine der blonden Frauen zeigte.

Irgendwann flammte das VQ-Feld über seinem Schreibtisch auf. Das Konterfei des Generals nahm Profil an. Schweratmend zog Kalderion sich an der Kunstglaskante seines Schreibtisches hoch. „Hey, Subkalderion – Sie trainieren?“ Das großporige, fleischige Gesicht verzog sich zu einem amüsierten Grinsen.

„Was denken Sie, mein General – ich trainiere drei Mal am Tag.“ Er warf sich in seinen Sessel. „Sie wissen doch: Wer sich nicht bewegt, wird getrieben.“

„Sehr gut, Kalderion. Meine Rede seit ich rauchen kann.“ General Laurenz Myr sog am Mundstück einer Wasserpfeife. Er war einer von neunundvierzig Generälen der Galaktischen Republik Terra und leitete seit vier Jahren die Logistische Abteilung des militärischen Hauptquartiers auf Terra Tertia. Sensible Frachtrouten und -missionen fielen genauso in seinen Verantwortungsbereich, wie die Aufsicht über die Bergwerksplaneten. Glaucauris-Transporte gehörten zweifellos in die Schublade sensible Frachtmissionen.

„Mein zweiter Adjutant hat mir eben Ihre Nachricht zukommen lassen.“ Myr blies die Rauchwolke in den Sichtfeldvordergrund. Kalderion meinte den Tabak zu riechen. „Warum beim Schwanz des Satans informieren Sie mich nicht persönlich, Subduck?!“ Myrs schwarze Brauen vereinigten sich zu einem durchgehenden Horngestrüpp.

Für einen Moment schloss Kalderion entnervt die Augen. Als er sie wieder öffnete tauchten ungefähr neun Blondinen ringsum aus ihrer Deckung auf. Alle richteten sie ihr Laserkaskadengewehr auf ihn. Er seufzte. „Die Dame behauptete, Sie vor Störungen schützen zu müssen, mein General.“

„Sie ist ein wenig übereifrig.“ Das kahlköpfige Mondgesicht im VQ-Feld grinste verlegen und sog erneut an der Wasserpfeife. „Ich glaub, ich muss sie mal übers Knie legen.“ Er lachte das meckernde Lachen, für das er so berüchtigt war, und das jeder Kadett in jedem Offizierskasino auf Terra Tertia zum Besten gab, wenn es galt eine Horde berauschter Offiziere zu erheitern.

„Aber jetzt mal im Ernst, Kalderion –“ Myrs fleischige Züge ordneten sich wieder zur Miene eines wichtigen Mannes. „– die Nachricht von PK zwölf macht mich hellhörig. Nicht einmal so sehr wegen der angeblichen Rebellion – sowas erleben wir alle zwei Jahre. Pipifax! Nein, der Name des Kommandeurs macht mich hellhörig.“

„Subgeneral Bergen?“

„Merican Bergen ist einer unserer wichtigsten Offiziere, wie Sie vielleicht schon gehört haben, Kalderion. Ob einer der besten, steht auf einem anderen Blatt. Wie auch immer – auf höchster Ebene der Verwaltungsdirektion wird er bereits als Nachfolger von Vetian gehandelt.“ Eurobal Vetian war der amtierende Primgeneral; der Oberbefehlshaber der Flotte also. „Dazu muss er zwar erst einmal General werden, aber sowas hat sich schnell.“

„Was Sie nicht sagen, mein General.“ Kalderion fühlte sich plötzlich extrem müde. Viel zu dunkel war es in seinem Offizium, und die mittlerweile dreizehn Blondinen, die ihn umzingelten und mit ihren Kaskadenfaustern auf ihn zielten, machten ihn nervös.

„Wenn Bergen eine solche Lapalie ernst nimmt, sollten wir sie auch nicht ganz vernachlässigen“, sagte Myr. „Kurz und gut, mein lieber Kalderion – bleiben Sie in dieser Sache in enger Tuchfühlung mit der Kommunikator-Station und halten Sie mich auf dem Laufenden. Nicht dass wir den Punkt verpassen, an dem ich den Primgeneral informieren muss. Ich mach vorsichtshalber mal eine Aktennotiz und schicke sie an alle Stabsoffiziere. Sie wissen ja: Glaucauris ist nicht irgend ein Dreck. Schönen Tag noch, Kalderion, und machen Sie mal ein bisschen Licht in ihrem Offizium.“

General Lurenz Myr blies eine Rauchwolke aus, während sich das VQ-Feld mit seinem Abbild auflöste. Kalderion warf sich unter seinen Schreibtisch und schoss auf die Blondinen. „Miststücke!“, schrie er. „Bestien! Ins schwarze Universum mit euch!“

12

Auf dem Beifahrersitz lag seine letzte Flasche Whisky und ein großer Aktenkoffer. Er enthielt fast alles, was er brauchte: Ein paar Dokumente, die Waffen, die I-Ziffern von Hosea, ein bisschen Wäsche, ein Foto von Elsa, ein wenig Proviant für ihn und den Vogel, und das Buch samt unvollendeter Abschrift. Den Rest würde er in der Geschäftsstelle der Reederei finden. Ein größeres Gepäckstück wäre aufgefallen. Über dem Koffer, auf der Lehnenkante, hockte Moses.

Nur einer der drei Exekutivgleiter folgte ihm. Sehr gut. Vermutlich ging man in der Exekutivabteilung der planetaren Verwaltungsdirektion davon aus, dass er aufgebrochen war, um die Angelegenheiten zu regeln, die Menschen zwanzig Stunden vor ihrem Ruhepark-Termin nun mal zu regeln hatten.

Yaku Tellim machte einen Umweg über den Wohnturm, in dem Mirjam mit ihrer Familie wohnte. Er wusste, dass sein Schwiegersohn heute Mittag mit einer Ladung Maschinen und Lebensmitteln zu einer Forschungsstation im Zentrumsbereich der Milchstraße aufgebrochen war.

Der weiße Gleiter parkte nur drei Reihen hinter ihm, als er auf der Terrasse im zweiundachtzigsten Stockwerk des Wohnturms landete. Unverhohlen neugierig beobachteten ihn die Uniformierten. Einer nickte ihm sogar zu, wie man einem guten Bekannten zunickt, wenn man ihn zufällig von weiten in einer Menschenmenge entdeckt. Yaku zwang sich zu einem Mindestmaß an Höflichkeit und grüßte zurück. Mit dem schweren Koffer in der Rechten schlenderte er zu den Liftschächten. Er trug eine lange Jacke aus der Haut des roten Doxa-Warans über der Silberweste. Moses hockte auf seiner rechten Schulter.

Yaku staunte nicht schlecht, als Hosea ihm öffnete, und im Esszimmer Jesaja und seine drei Enkeln an einem gedeckten Tisch saßen. Mirjam kam mit einer Schüssel rotem Seetang aus der Küche. „Ihr erwartet Besuch?“ Yaku fühlte sich plötzlich fehl am Platz.

„Ja.“ Mirjam stellte die Schüssel auf einen Untersetzer. „Dich.“ Sie küsste ihn und ging zurück in die Küche.

Jesaja zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor. „Setzt dich, Paps. Ein Freund von mir hat die Ruheparkboten vor deinem Apartment stehen und dich sechs Stunden später in deinem Fahrzeug davonfliegen sehen. Frag nicht.“

Yaku fragte nicht und nahm Platz. Moses flog auf den Affenkäfig und fing dezent zu krächzen an. Das tat er immer, wenn sie Mirjam besuchten. Eigentlich hatte Yaku sich einen kurzen und möglichst schmerzlosen Abschied gewünscht. Andererseits...

„Warum hast du uns gestern Abend nicht erzählt, dass du verreisen wirst?“, fragte der elfjährige Jannis.

„Da wusste Großpapa noch nichts von seiner Reise.“ Mirjam stellte ein Platte Meeresfrüchten auf den Tisch. „Die Reise war unser Geburtstagsgeschenk für ihn. Und jetzt lasst uns essen.“

Obwohl ihm in dieser Stunde jeder Sinn für Heiterkeit fehlte, musste Yaku doch grinsen. „Danke für das Essen.“

„Wohin fliegst du, Großpapa?“, wollte sein neunjähriger Enkel Kobald wissen.

„Das ist sein Geheimnis“, antwortete Mirjam für Yaku. „Weit weg jedenfalls. Lasst es euch schmecken.“

„Nach Tell?“, bohrte der Ältere. Tell war der Heimatplanet ihrer Sippe. Ein kleiner Teil der Tellim-Familie lebte noch dort.

„Eher nicht.“ Yaku strich dem Jungen über das Haar.

„Wenn du weit weg fliegst, musst du ganz viel essen.“ Corall, sein jüngstes Enkelkind, äffte seit ein paar Wochen gern den Tonfall Erwachsener nach. „Damit du gestärkt bist, weißt du?“

„Gut, dass du mich daran erinnerst, Prinzessin.“ Yaku zwang sich zu einem Lächeln. Er fragte sich, wie viele Jahre vergehen würden, bis die drei Kinder ihn vergessen hatten. Egal was heute noch alles geschehen würde, er konnte nicht damit rechnen sie je wiederzusehen. Yaku schluckte die Tränen herunter und konzentrierte sich auf Moses Gekrächze und das Gezeter des Affenpärchens.

Die Jungens berichteten von einer Tagestour zu einer küstennahen Insel, die sie zwei Tage zuvor mit ihrem Vater unternommen hatte. Das Mädchen plapperte mit den Affen und dem Raben. Die Erwachsenen aßen schweigend.

Nach dem Essen zog Yaku den Aktenkoffer vom Boden auf seinen Schoß, öffnete ihn und holte die Dokumente heraus. „Hier ist alles, was ihr braucht – Schenkungsurkunde für Wohnung und Privatgleiter, das Testament, die nötigen Vollmachten für die Banken, der Kaufvertrag für die Firma.“ Tellim Transkonzept würde für einen symbolischen Betrag an Mirjam und ihren Mann gehen.

„Du verschenkst deine Wohnung...?“ Kobald machte ein erschrockenes Gesicht.

„Man weiß nie, ob man von einer langen Reise zurückkehrt, wenn man so alt ist, wie ich.“ Yaku zog unvollendete Abschrift des Buches aus dem Koffer und reichte sie Jesaja. „Mein jüngerer Bruder auf Tell hat noch ein Exemplar. Besorgt es euch und vollendet die Abschrift.“

Jesaja schlug das Buch auf, blätterte ein wenig und las: „Der dich behütet, schläft nicht. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen...“

„Wer?“, fragte Kobald.

„Lassen wir uns überraschen.“ Yaku stand auf, hob ihn von seinem Stuhl, drückte ihn an sich und küsste ihn. So machte er es auch mit den anderen beiden Enkeln. Danach umarmte er seine Kinder. „Ich danke euch“, flüsterte er ihnen ins Ohr.

„Eine Hand wäscht die andere.“ Hosea brachte ein Grinsen zustande. „Schließlich hast du keinen ganz unerheblichen Beitrag zu unserer Existenz geleistet. Also sind wir jetzt quitt, denke ich...“ Tränen erstickten seine Stimme, er wandte sich ab.

„Weißt du schon, wohin du gehen wirst?“, flüsterte Mirjam. Seine Jüngste konnte sich kaum von seinem Hals lösen.

„Ja. Ihr werdet es erfahren.“ Er küsste sie ein letztes Mal und machte sich los von ihr. „Ich gehe, Moses! Komm mit oder bleib!“ Er nahm seinen Aktenkoffer und verließ das Apartment.

„Bleib, Moses, bleib bei uns!“, riefen die Kinder. Der Rabe flatterte über ihre Köpfe hinweg auf die Park-Terrasse hinaus. Yaku tat, als bemerkte er die beiden Exekutor neben ihrem Gleiter nicht. Er warf den Aktenkoffer auf den Beifahrersitz, wartete bis Moses auf der Kopfstütze Platz genommen hatte, und machte sich dann Richtung Raumhafen auf den Weg.

Es dämmerte bereits. Sein Brustkorb schien mit kalten Steinen gefüllt zu sein. Er fühlte nichts, er dachte nichts. Erst, als die Außenbezirke des Raumhafens mit den schwarzen Omega-Giganten und gleich darauf der Büroturm von Tellim Transkonzept in Sicht kamen, erwachte er aus einer Art Trance. Er schrie seine Angst und seinen Abschiedsschmerz hinaus.

13

Rauch und Feuer erfüllte die Nacht. Uran Tigern hatte den Überblick verloren. Wo lauerten feindliche Kampfeinheiten? Wo kämpften die Männer und Frauen des Freiheitsrates? War etwa schon ein gekaperter Frachter nach Orkus unterwegs? Hunderte von Metern hoch schlugen die Flammen aus dem Wrack der Uno. Die Gluthölle schien sich an einigen Stellen schon mit der zu vereinigen, die noch immer in den Trümmern des zuerst gesprengten Schiffes tobte. „Alvan! Lune! Nepuk!“ Seit einer halben Stunde rief der Rebellengeneral immer wieder nach seinen Kindern. Seit der Frachter explodiert und abgestürzt war, hatte er nichts mehr von Alvan und dem Rest seiner Gruppe gehört. „Alya! Venus! Plutejo!“ Der letzte Sichtkontakt zur Gruppe um seine älteste Tochter war noch länger her. „General an Primkommunikator! General an Primkommunikator...!“ Auch vom Hauptkugler keine Reaktion.

„Sinnlos!“ Urans Bruder Sarturis kniete neben ihm im Schmelzwasser. „Sie haben ihn abgeschossen.“ Zusammen mit zwei Eidmännern der Insulasippe waren sie zwischen glühenden Kampfmaschinentrümmern in Deckung gegangen. Von den anderen fast sechzig Kämpfern war nichts mehr zu sehen und nichts mehr zu hören. Nachrichten von den anderen fünf Schächten hatten ihn seit dem Absturz der Uno nicht mehr erreicht.

„Was ist mit dem dritten Frachter?!“, schrie Uran Tigern. „Was ist mit der Europa?!“ Sarturis Tigern hob ratlos die Arme. Der General aktivierte seine ISK-Kappe aufs Neue und versuchte mit einem der anderen Roboter Kontakt aufzunehmen. Wenigstens ein paar Arbeitsroboter mussten doch noch funktionieren!

„Da!“ Sarturis deutete in die Mitte der nur vierhundert Meter entfernten Feuerwand. Fast zwei Dutzend Gestalten huschten aus den Flammen. Zwei oder drei von ihnen wankten bedenklich. Angreifer? Im selben Moment erwischte Uran das EMC-Muster eines Kunsthirns. Subkommunikator II auf dem Rückzug. Klar und sanft tönt die Stimme durch Tigerns aufgescheuchte Gedanken. Nehmen Sie bitte den Bestand meiner Gruppe zur Kenntnis, General Tigern: Zwei Kommunikatoren, elf Arbeitsroboter, Oberst Tibor Insula und sein Eidmann Leutnant Curd Naphtaly...

Der Patriarch der Insula-Sippe hatte also überlebt! „Und die anderen?! Wo sind die anderen...!?“ Hierzu liegen mir leider keine verlässliche Informationen vor... „Sind die A-Roboter scharf?“ Wenn Sie darunter die einsatzbereite Sprengladung in ihren Brustkörben...

„Seht nur!“ Sarturis sprang auf und deutete in den Himmel. Ein Frachter löste sich in fünfhundert oder sechshundert Meter Höhe von den Feuerzungen des Wrackbrandes und stieg in den Nachthimmel Gennas.

„Die Europa!“ Uran Tigern zog seinen älteren Bruder zurück in die Deckung. Das Schmelzwasser zwischen den zerstörten Kampfmaschinen stand ihnen schon bis zu den Hüften. Dort, wo es glühende Metallteile berührte, stieg Dampf auf. „Wer steuert das Schiff?“

Dazu liegen mir bedauerlicherweise keine verlässlichen Informationen vor, meldete der Subkommunikator. Seine Truppe war noch etwa zweihundertfünfzig Meter entfernt. Die Roboter passten sich dem Tempo der beiden erschöpften Männer an. Oder waren sie verwundet?

„Was sollen wir tun!?“, schrie der General. „Steuert eine republikanische Besatzung die Europa? Oder das Bordhirn? Dann müssen wir sie sprengen!“ Ansonsten stand zu befürchten, dass der Frachter zu einem der Schächte flog, an denen der Kampf noch nicht entschieden war.

„Das dürfen wir nicht tun!“ Sarturis Tigern packte den General bei den Schultern. „Vielleicht sind unsere Kinder an Bord!“

„Warum melden sie sich dann nicht! Sie wissen doch wie man die Geräte für die externe Kommunikation bedient! Wir haben’s ihnen hunderttausend Mal erklärt...!“ Uran Tigern hatte tatsächlich den Überblick verloren. Zu viele Tote, zu viele Kämpfe, zu viele Explosionen um ihn herum. Dennoch musste er eine Entscheidung treffen. „Also gut“, er resignierte. „Autoeliminierungsmodus deaktivieren“, befahl er. „Wir lassen den Frachter fliegen, wer weiß...“. Schlimmes war geschehen, Schlimmeres würde geschehen, wenn sie versehentlich ein von den eigenen Leuten gekapertes Omega-Schiff sprengten. Wenn seine Entscheidung jedoch falsch sein sollte, würden viele Gefährten an den anderen Schächten mit ihrem Leben dafür bezahlen. Die Umrisse des Frachters verschwammen mit dem Nachthimmel.

„Rückzug!“, befahl er. „Rückzug zum Hauptschacht!“ Die vier Männer erhoben sich und stapften zu den Liften. Ihre Beinkleider waren schwer von Wasser.

Vorläufige Analyse nach Verarbeitung aller vorliegenden Informationen, meldete sich die sanfte Stimme des Subkuglers in Uran Tigerns Schädel. Die sechs Fluchtduos mit dem Ziel Uno müssen leider als verloren gelten...

„Nein...!!“ Gleichzeitig schrien Uran und Sarturis auf. Die Brüder hielten einander fest und starrten zurück in das Flammenmeer.

Gleiches gilt bedauerlicherweise auch für mindestens acht Angehörige der Fluchtgruppe mit dem Ziel Europa. Drei oder vier Schicksale sind zur Zeit noch ungeklärt. Oberst Insula glaubt einen seiner Söhne und eine seiner Nichten vor der Luke des Teleskoptunnels gesehen zu haben...

Hatte sich also doch jemand in die Europa flüchten können? „Niemand von uns...“ flüsterte Uran. Plötzlich fürchtete er den Augenblick, in dem er seiner Frau gegenüber stehen würde, mehr als den Tod.

Unsere Kampfkraft ist entscheidend geschwächt. Nur sechs von dreiundsechzig Männern und Frauen aus den drei Sippen leben noch. Empfehle dringend...

„Rückzug!“ Urans Stimme überschlug sich. „Es ist vorbei! Wir erreichen nichts mehr...!“

Zwei Frachter hatten sie an diesem Schacht vernichtet, acht weitere waren an den anderen fünf Schächten explodiert. Hatte es etwas genutzt? Uran wusste es nicht. Noch nicht. Seite an Seite mit seinem Bruder Sarturis und ihren beiden Eidmännern wankten sie dem Eisschacht entgegen. Achtzig Meter davor vereinigten sie sich mit der Gruppe um den Subkommunikator. Uran umarmte den alten Insula. Sein Gesicht war schwarz, verbrannter Mantelstoff hing ihm von der Brust. Beide weinten. „Tot...“, jammerte Tibor Insula. „Verdammt, Uran, fast alle tot, tot...“

Ein schlanker Schatten glitt über sie hinweg, ein zweiter und ein dritter folgten. Drei langgestreckte, spitz zulaufende Ellipsoide gingen zwischen ihnen und dem Schacht auf dem Eis nieder; jedes etwa zwölf Meter lang. „Sparklancer!“, schrie Sarturis. Die Roboter rückten vor den sechs Männern zu einer Mauer zusammen.

„Jetzt ist es endgültig aus“, stöhnte Naphtaly. Der Rebellenleutnant stützte seinen verletzten Eidherren. Uran Tigern duckte sich hinter einem Kugler. Lichter flammten an den Seiten der Sparklancer auf. Für einen Augenblick konnte man die Kennziffer auf dem Bug lesen: PK-XII. Im nächsten Moment aber prallte ihnen schon das harte Licht der Außenscheinwerfer entgegen, und sie schlossen geblendet die Augen.

„Sie wollen uns lebend!“, zischte Uran. Andernfalls hätten die Beiboote längst den Bruchteil ihrer gewaltigen Feuerkraft entfesselt, der ausreichte, um ein knappes Dutzend Menschen und Maschinen auszulöschen. Uran wusste nicht, wie er sich das plötzliche Auftauchen dieser verfluchten Beiboote erklären sollte. Von einem Frachter stammten sie jedenfalls nicht – Frachter-Beiboote waren nicht mit Kennziffern eines militärischen Verbandes gekennzeichnet, wie diese drei.

Sie hörten, wie Seitenluken geöffnet wurden. Bewaffnete klettern aus den Flugkörpern, sendete der Kommunikator, Roboter und Menschen.

„Kampfformationen!“ Der alte Insula sank in die Knie. „Es ist aus! Lasst uns sterben! Verfluchter Planet! Verfluchte Mörder...“ Er legte sein Laserkaskadengewehr an. „Lasst uns sterben, und so viel von ihnen mitnehmen wie möglich...!“

„Feuer!“ Uran warf sich ins Schmelzwasser. Die Roboter richteten ihre Waffen in das grelle Licht, Kaskaden konzentrierter Laserladungen rauschten den Fremden entgegen. „Subkommunikator III und zwei A-Robots hinter uns her!“, rief Uran. „Die anderen Roboter greifen an!“ Zum Abschied drückte er den alten Insula noch einmal an sich. „Wir müssen dich zurücklassen...“

„Haut schon ab...!“ Der Patriarch eröffnete das Feuer. Die meisten Roboter stürmten den drei Kampfformationen entgegen. Der Subkommunikator und zwei Arbeitsrobotern folgten dem General, seinem Bruder und den drei Eidmännern. Die Gruppe schlug einen weiten Bogen um den Schacht und die Beiboote. Die beiden A-Robots mit ihren Sprengladungen und in die Werkzeugarme eingebauten Kaskaden-Strahlern bildeten die Nachhut.

Das Gros der übriggebliebenen Roboter aber trug seine Sprengladungen den fremden Kampfformationen entgegen. Lichtblitze zuckten über die Ränder des Eisschachtes. Wieder dröhnten Detonationen durch die Gennanacht. Wieder fielen zwei Kämpfer, wieder detonierten zwei Roboter. Mit dem Subkommunikator, seinem Bruder Sarturis und dem Insula-Eidmann Naphtaly gelangte Uran Tigern in den Rücken der Angreifer.

Sie schickten den letzten Kugler in die Schlacht und kaperten zwei Sparklancer. Einen besetzten Sarturis und Curd Naphtaly, in den anderen kletterte der Rebellengeneral. Das erste Mal seit fast auf den Tag genau sechsundzwanzig Erdjahren saß Uran Tigern wieder vor einer Instrumentenkonsole. Im blieb keine Zeit für Gefühle, keine Zeit für Wut, Trauer oder Triumph. Er startete einfach. Aus der Luft griffen sie die Überreste der feindlichen Kampfformation an...

14

Bereitschaftsstufe V! Man musste nicht unbedingt rennen, man konnte noch kurz duschen, sogar für einen Kaffee war noch Zeit. Bei Stufe sieben hätte Veron direkt aus der Koje in seinen Kleider steigen und an seinen Platz spurten müssen. Er betrat die Kommandozentrale ziemlich genau drei Stunden, nachdem er sie verlassen hatte. Merkwürdig – keine Musik.

Als hätte er Augen im Hinterkopf, drehte der Kommandeur sich nach ihm um und winkte ihn zu sich. Etwa zwei Dutzend Männer und Frauen standen bei Bergen, die meisten in den Rängen von Leutnants oder Hauptmännern und -frauen. Die Sternenkonstellation jenseits der Panoramakuppel hatte sich verändert., im VQ-Feld schwebte ein Frachter der Klasse I, am oberen Bildrand ein Eisplanet.

Mit einer Kopfbewegung deutete der Kommandeur auf das Hauptsichtfeld. „Folgende Situation, Suboberst Veron“, sagte Bergen. „Sämtliche achtunddreißig Sparklancer der Troja sind auf Genna gelandet und haben in die Kämpfe an den Eisschächten eingegriffen.“ Troja hieß eines der beiden Schlachtschiffe, die Bergen mit ins Maligniz-System beordert hatte. „Die Rebellen haben schon zehn Frachter samt ihrer Glaucauris-Ladung zerstört. Mindestens vier sind gestartet. Zum Beispiel der hier.“ Wieder eine Kopfbewegung Richtung Visuquanten-Feld. „Weder ein Frachtkapitän noch ein Bordhirn will sich identifizieren.“

„Gekapert?“, fragte Calibo Veron. Schon die Frage klang irgendwie lächerlich in seinen Ohren.

„Sie können es kaum glauben, nicht wahr, Suboberst?“ Bergen stieß ein bitteres Lachen aus. „Trösten Sie sich, ich auch nicht. Aber einen anderen Schluss können weder ich, noch Oberst Zähring, noch das Bordhirn der Johann Sebastian Bach ziehen. Das Schiff beschleunigt, schauen Sie. Will es das System verlassen? Will es springen? Steuert es den vierten Planeten des Systems an? Wir wissen es nicht. Ihr Auftrag: Greifen Sie den Frachter mit einem Geschwader von zehn Sparklancern an.“ Bergen deutete auf die Männer und Frauen links und rechts des Kommandostandes. „Halten Sie ihn auf, schießen Sie ihn notfalls sturmreif und entern Sie ihn. Sollten Rebellen an Bord sein, will ich sie lebend.“

„Verstanden, mein Subgeneral.“ Calibo Veron drehte sich um und verließ die Zentrale. Die Männer und Frauen links und rechts des Kommandostandes folgten ihm; durchweg Waffeningenieure und Piloten, und durchweg ausgebildet am Mikrosystem eines Sparklancers. Gemeinsam nahmen sie den Hauptlift zu Ebene A, wo die Hangars der zweiunddreißig Beiboote der Johann Sebastian Bach lagen.

„Genna in Großaufnahme“, verlangte der Subgeneral. Im nächsten Moment schwebte der Eisplanet als vier Meter durchmessende Kugel unter der Frontkuppel. Eine äußerst unwirtliche Welt, dieser dritter Planet der Sonne Maligniz. Die Sonne der Kategorie D war ein ungewöhnlich langsam sterbender, weißer Zwerg. Mit 23.794 Lichtjahren TPD – Terra-Prima-Distanz – lag sie im dritten Spiralarm und damit ziemlich dicht am Grenzgebiet der Republik. Der Planet war 1329 nGG katalogisiert und 1401 nGG zur Strafkolonie ausgebaut worden. Verbrecher, Verräter, Feinde der Republik bauten unter der 1300 Meter dicken Eisschicht seit über tausend Jahren den wichtigsten Rohstoff der bekannten Galaxis ab.

„Lagebericht von der Troja“, meldete der Kommunikator aus Ebene II. Die Troja und zwei schwere Kreuzer umkreisten Genna in nur zweihundert Kilometer Höhe.

„Durchstellen.“

Sekunden später baute sich das Konterfei eines Männergesichts im VQ-Schirm auf – der Kommandant der Troja, ein Primoberst namens Cludwich.

„Mir liegen die ersten Berichte meiner Kampfformationen vor, mein Subgeneral“, begann er. „Unsere Piloten haben die aus den Notrufen schon bekannten Fakten weitgehend bestätigt. Zehn Frachter brennen. Die Opfer unter den Besatzungen bewegen sich noch im Schätzbereich – zwischen zweihundert und dreihundert Männer und Frauen. Dazu mindestens achtzig Kampfmaschinen. Die Rebellen greifen ohne Rücksicht auf ihr Leben an...“

„Verzweifelte Menschen“, murmelte Bergen. In der Zentrale wurden schon wieder Schreckensrufe und Flüche laut.

„...ihr Ziel ist offenbar die Kaperung von möglichst vielen Frachtern.“

„Wie konnten sie dieses Ziel schon viermal erreichen?“, rief Bergen. „Wie ist so etwas möglich!? Haben die Landungstruppen irgendwelche Anhaltspunkte?“

„Die Sträflinge haben das Haupthirn der Bergwerke übernommen“, antwortete der Schlachtschiff-Kommandant. „Und nicht erst gestern, wie es scheint. Von diesem Erfolg aus war es wohl nur ein kleiner Schritt weitere mobile Kunsthirne zu kapern. Die Planung des Aufstandes muss schon vor Jahren angelaufen sein. Der wichtigste Etappensieg scheint die Überwindung der Drogenabhängigkeit gewesen zu sein...“

„Bitte? Die Gefangenen haben sich von der Droge befreit?“ Bergen glaubte nicht recht zu hören. „Und wie bekämpfen sie die Strahlenschäden?“

Glaucaurisstrahlung verursachte schwere Nervenschäden. Ob es sich einst um einen Zufall oder um die Idee eines Zynikers im Direktorium gehandelt hatte – jedenfalls war das Gegenmittel Serophium zugleich das Suchtmittel, womit man Gefangene auf den Bergwerksplaneten unter der Knute hielt. Serophium lieferte die Republik nur gegen den Rohstoff aus den Bergwerken. Die Lagerung und Ausgabe der Droge oblag den Bergwerksaufsehern – ausnahmslos kugelförmige Robotkommunikatoren, sogenannte Kugler.

„Es gibt noch immer Abhängige unter den Sträflingen“, fuhr Cludwich fort. „Aber mindestens siebzig Prozent von ihnen sind drogenfrei. Wie sie das geschafft haben, wissen wir noch nicht. Möglicherweise ist es ihnen gelungen hinter dem Rücken des Bergwerkrechners ein Mittel gegen die Strahlenschäden zu entwickeln.“

„Und wie haben Sie das herausgefunden, was Sie wissen?“

„Zwei Schächte sind inzwischen ganz in unserer Hand, mein Subgeneral. Drei Kampfformationen sind in die Höhlensysteme eingedrungen und haben mit den Verhören begonnen. Meine Leute konnten inzwischen drei Kugler anzapfen.“

„Wie ist die Lage an den anderen vier Schächten?“

„Unklar. An zweien wird noch gekämpft, an einem haben sich die Rebellen bis an den Schachtzugang zurückgezogen. Den verteidigen sie hartnäckig. An einem vierten Schacht ist die Lage vollkommen unübersichtlich. Der Informationsfluss dorthin ist unterbrochen. Drei meiner Sparklancer melden sich im Augenblick nicht ...“

„Sie melden sich nicht?“ Neben Bergen stemmte sein Erster Offizier die Fäuste in die Hüften. „Was heißt das: Sie melden sich nicht?!“

„Ich fürchte leider das Schlimmste, Oberst Zähring.“

„Halten Sie uns auf dem Laufenden!“, schaltete Bergen sich wieder ein.

„Verstanden, mein Subgeneral!“ Cludwichs Konterfei löste sich auf. Bergen holte den fliehenden Frachter zurück auf das Sichtfeld.

„Verrat!“, rief der Erste Offizier. „Drogenabhängige Sträflinge zerstören zehn Frachter der Klasse I und kapern vier! Abgerissenes Lumpenpack besiegt zig Kampfmaschinen! Das stinkt doch nach Verrat! Gesindel aus der Unterwelt sorgt dafür, dass drei Kampfformationen sich nicht mehr bei ihrem Mutterschiff melden können! Da muss doch eine Frachterbesatzung mit denen unter einer Decke stecken!“ Die Offiziere an den Kunsthirnschnittstellen und Navigationsschirmen stimmten Zähring lautstark zu.

Merican Bergen aber schwieg. Seltsam blass war er auf einmal. Die Vorgänge auf Genna erschreckten ihn. Normalerweise waren derartige Rebellionen selten und eine Angelegenheit weniger Tage oder Stunden. Unbewaffnet wie sie waren, richteten die Sträflinge kaum größere Schäden an. In der Regel vernichtete einer der Bergwerksroboter ihre Drogenvorräte, und dann war es eine Frage der Zeit, bis die Sucht die Aufständischen zur Kapitulation zwang. Danach gab es meistens ein paar Erschießungen, und anschließend ging alles wieder seinen gewohnten Gang.

Die Männer und Frauen von Genna jedoch hatten eine sorgfältig durchdachte Strategie umgesetzt. Dahinter musste ein Ausnahmehirn stecken. „Bergen an Kommunikator – setzen Sie sich mit der Brüssel in Verbindung. Ich brauche Listen mit den Namen der Frachterbesatzungen und der Sträflinge!“ Die Brüssel hatte sich mit der Brandenburg, einem schweren und einem leichten Kreuzer zur sogenannten Pyramidenformation zusammengeschlossen. Oberseite an Unterseite angekoppelt und die Bordhirne kurzgeschlossen bildeten sie so eine kleine Kommunikatorstation.

„Zwei Spacelancer verlassen die Atmosphäre von Genna“, meldete die Aufklärung über Bordfunk.

„Ohne Rückzugsbefehl?“ Bergen runzelte die Stirn. „Fragen Sie auf der Troja nach! Ich will eine Erklärung von Cludwich!“

„Suboberst Veron und Geschwader haben die Johann Sebastian Bach verlassen!“, meldete der Erste Offizier.

„Auf den Sichtschirm mit ihnen!“ Ein Ausschnitt der Sternkonstellation jenseits der Panoramafrontkuppel wich ein paar spitzen Spindeln, die sich nacheinander von der Unterseite des Schiffes lösten und rasch an Geschwindigkeit gewannen. Sekunden später sah man nur noch zehn winzige Funken. Sie rasten dem Omega-Frachter entgegen. Dieser an einen Funkenschlag erinnernden visuellen Wirkung und ihrer Form verdankten die Beiboote ihren Namen.

„Die Namenslisten, mein Subgeneral!“, meldete der Kommunikator von Ebene II.

„Auf mein Arbeits-Sichtfeld damit“, verlangte Bergen. „Und eine Viqua-Verbindung zur Brüssel!“

Auf dem Hauptsichtschirm erschien die Kommunikatorin des Aufklärers, Robsons Frau Zeelia. „Ich höre, mein Subgeneral.“

„Schicken Sie den Bericht von der Troja über die Golf nach Terra Tertia, versehen Sie die Sendung mit folgender persönlichen Erklärung von mir...“

„Veron meldet die ersten Treffer!“, rief der Erste Offizier. Das Hauptsichtfeld teilte sich, unter Zeelia Robsons Oberkörper sah man nun einen von Funkenschlag umtobten Omegafrachter. Dessen rechtes Triebwerk und die Querbrücke mit Waffen- und Maschinenleitstand brannten. „Elektromagnetische Feldaktivität rund um den Frachter!“, meldete der Aufklärer. „Ich orte exponentiell wachsende Energiekonzentration...“

Aus den in Fahrtrichtung geöffneten Frachtertriebwerken strömten schleierartige Lohen, erst aus dem unbeschädigten, dann auch aus dem brennenden. „Verdammt!“, brüllte der Erste Offizier. „Der Scheißkerl baut tatsächlich noch den Graviton-Sog auf!“ Die weißlichen Schleier streckten sich weit in Flugrichtung des Frachter, verdichteten sich zu grellem Licht, und plötzlich hüllte ein grellweißes, flirrendes Feld das fliehende Schiff ein, und ein Ausläufer des Lichtfeldes erstreckte sich Hunderttausende von Kilometern weit in seine Flugrichtung. Die Lichtfunken der kleinen Beiboote waren nicht mehr zu erkennen, die Sterne im Grenzbereich des Lichtfeldes und des Strahls schienen zu verschwimmen. „Veron kann ihn nicht stoppen!“ Der Erste Offizier war außer sich vor Zorn. „Das Miststück hat den KRV-Antrieb aktiviert...!“

Drei Sekunden später war alles vorbei – das Lichtfeld erloschen, der Frachter verschwunden, die Sternkonstellationen wieder klar zu erkennen. „Parasprung!“, meldete die Aufklärung. „Ich orte nur noch sechs Beiboote! Mindestens vier Sparklancer hat der Frachter mit sich aus der NP-Position gerissen...!“

Totenstille in der Zentrale. Sekundenlang. Merican Bergen sah das schwarze Gesicht seines Zweiten Offiziers vor sich. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Im kontrollierten Raumzeit-Verzerrungssog eines anderen Schiffes aus relativer Nullpunkt-Position ins Hyperuniversum gerissen zu werden, kam einem unkontrollierten Raumzeit-Verzerrungs-Sprung gleich. Mit viel Glück würden ein oder zwei der mitgerissenen Beiboote zusammen mit dem Frachter wieder im Normalraum landen. Wahrscheinlicher aber war, dass der Graviton-Sog Beiboote und Besatzung ein für allemal ins Hyperuniversum oder in ein Parauniversum geschleudert hatte.

Und gleich darauf die nächste Meldung, die dazu angetan war, Bergens kupferrotes Haar grau zu melieren: „Auf der Troja hat man gar keine Kampfformationen zurückbeordert“, meldete der Kommunikator aus Ebene II. „Die drei georteten Sparklancer sind spurlos verschwunden. Wahrscheinlich Parasprung...!“

„Man hätte sie zur Identifizierung auffordern müssen!“ Bergen wurde laut. „Wozu gibt es Vorschriften! Ein unverzeihlicher Fehler!“ Jetzt verlor auch der Subgeneral die Fassung. „Das wird Konsequenzen haben, meine Damen und Herren!“ Er ließ sich auf einen Sessel fallen und stützte die Stirn in die Hand. „Sollten die Rebellen tatsächlich drei Sparklancer gekapert haben...?“, stöhnte er. Rasch gewann er seine Fassung zurück und wandte sich wieder an die Kommunikatorin der Brüssel. „Fügen Sie auch den Mitschnitt dieses Zwischenfalls an. Und versehen Sie die Kommunikationsprotokolle der letzten zwei Stunden mit folgender persönlicher Botschaft von mir, Leutnant Peer-Robinson.“ In der Miene der Frau auf dem Hauptsichtfeld zuckte es. „An den verehrten Primgeneral Eurobal Vetian“, begann Bergen. „Die Lage hier auf Genna ist ernster, als wir es zunächst für möglich gehalten hatten...“ Bergens Blick fiel auf die Datenlisten in seinem Arbeitssichtfeld – und blieb sofort an einem einzigen Namen hängen: Tigern. Die Stimme versagte ihm. Genna war der Bergwerksplanet, auf den man Uran Tigern verbannt hatte? Auf einmal begriff er...

15

Er hörte die Sirenen erst, als er aus dem Gleiter kletterte. Ein Bein schon im Freien und die Rechte noch an der Klappluke über sich, lauschte er dem peitschenhiebartigen Gejodel. Hauptalarm. Dazwischen, nicht ganz so aufdringlich, ein an und abschwellender Heulton. Feuer? Obwohl Yaku Tellim nicht ganz schlau aus seiner Bedeutung wurde, bezog etwas in ihm den Alarm auf sich. Vermutlich wäre alles ganz anders gekommen, vermutlich wäre er zurück in den Gleiter geklettert und hätte die Luke zugeklappt – wenn Moses nicht längst über den Dächern der vier anderen Gleiter kreiste, die hier oben, auf der Parkebene des hunderteinundsiebzigsten Stockwerks parkten.

Yakubar Tellim stieg aus und schaute sich um. Einer der vier Gleiter war Norge Holms Privatfahrzeug. Den Gleiter der Exekuter sah er nirgends. Merkwürdig. Er schlug die Luke zu. An der Balustrade blickte er auf den Raumhafen hinunter. Tausende von Positionslichtern; als würden die vielen Omega-Raumer den Sternenhimmel widerspiegeln. Ein Gleiterkonvoi schoss mit Rotlicht heran. Suchten sie ihn also doch schon? Und wenn – warum mit einem derartigen Aufwand?

Den Aktenkoffer in der Rechten schritt er zu den Liften. Am Rücken steckte der Fauststrahler in seinem Hosenbund. Die Einzelteile des Kaskadengewehrs hatte er im Seitenfutter seiner roten Echsenhautjacke versenkt. Hatten sie den Diebstahl der I-Ziffern bemerkt? Oder mit ihren Spezialgeräten sein Apartment bis ins Bad durchleuchtet? Moses ließ sich auf seiner rechten Schulter nieder.

Tellim Transkonzept belegte die Etagen hundertfünfzig bis hundertachtundneunzig des Büroturms. Hinter den meisten Glasfronten brannte kein Licht mehr. Yaku nahm die Treppe. Der Widerhall seiner Schritte vermischte sich mit seinen Atemzügen und dem Sirenengeheule. Seine Observations-Eskorte hatte sich verdrückt, und stattdessen sollten nun die Hauptsirenen heulen? Irgendwie passte das nicht zusammen. Wenn sie wirklich Verdacht geschöpft und beschlossen hätten ihn vor dem offiziellen Ruheparktermin zu schnappen, hätten sie das billiger haben können. Jederzeit hätten sie zugreifen können; zuletzt, als er bei Mirjam in seinen Gleiter gestiegen war. Wozu also der verdammte Alarm? Was war hier eigentlich los?

Egal; weiter, einfach weitermachen. Es war sowieso zu spät. Einen Weg zurück gab es nicht mehr.

Im Vorzimmer seines Büros brannte Licht. Romus Meyer-Ruland brütete an einem der Schreibtische über Frachtpapieren. Oder waren es Sternkarten? Norge Holm sprach mit einem Kapitän der Tellim Transkonzept. Dessen Gesicht und Oberkörper war im VQ-Feld zu sehen. Rechts davon glitzerten die Sterne einer Spezialkarte. Alle drei Männer blickten ihn überrascht an. „Ich hab Zeit“, log Yaku. „Lasst euch nicht stören. Kommt einfach zu mir, wenn ihr soweit seid.“ Er ging in sein Büro. Moses flatterte in seine offene Voliere an der Glasfront.

Yakubar Tellim drückte die Tür mit dem Rücken zu, lehnte einen Augenblick dagegen und atmete tief durch. Danach holte er die Gewehrfragmente aus dem Jackenfutter und baute die Waffe zusammen. Er zog eine Schreibtischschublade auf, wollte nach der Whiskyflasche greifen. Chrjaku, krächzte Moses, chrjaku... Er hüpfte auf dem Schreibtisch herum, flatterte aufgeregt mit den Flügeln. „Du hast recht, mein Schädel muss klar bleiben...!“ Er knallte die Schublade wieder zu. Gewissenhaft begann er die wichtigsten Vorgänge der letzten Wochen auf seinem Schreibtisch zu ordnen. Mirjam sollte möglichst mühelos seine Nachfolge antreten können. Anschließend legte er die Schlüssel neben die Unterlagen und sah seinen Tresor noch einmal nach persönlichen Dingen durch. Er fand ein paar Liebesbriefe von zwei Frauen, mit denen er in den letzten zehn Jahren ein Verhältnis gepflegt hatte. Nichts, was seine Kinder lesen mussten. Er legte die Kuverts in seinen Aktenkoffer. Die ganze Zeit über heulten draußen die Sirenen. Yaku versuchte sie zu ignorieren.

Es klopfte. „Kommt rein.“ Holm und Meyer-Ruland traten ein. „Wir waren sowieso gerade fertig“, sagte Holm. „Ich habe mit Remesal noch einmal die Route für morgen durchgesprochen. Er wird die Jerusalem nach...“ Sein Blick fiel auf den Schreibtisch, wo das Laserkaskadengewehr lag. So abrupt blieb er stehen, dass der hinter ihm laufende Meyer-Ruland gegen ihn prallte. „...Kaamos fliegen...“

„Was für eine Fracht?“ Ohne aufzusehen verschloss Yaku seinen Koffer.

„Textilien, Rohdiamanten und Fleischkonserven.“ Ein harter Zug verzerrte das Gesicht des rundlichen Kahlkopfs. „Was soll das?“ Er deutete auf die Waffe. „Verdammt, Yaku, du wirst doch keinen Blödsinn machen?“ Holms Gesicht wirkte fahl und ungesund.

„Hören Sie, Chef“, flüsterte Meyer-Ruland. „Bei allem Respekt, aber Zivilisten ist der Besitz von Waffen streng verboten. Ich glaube, ich...“

„Und ich glaube, Sie halten jetzt besser das Maul!“, fuhr Yakubar Tellim seinen Navigator an. „Morgen um drei soll ich zu meinen letzten Termin antreten!“ Er blickte auf Zeitangabe über der Tür. „In weniger als neunzehn Stunden wollen sie mich abspritzen! Man ist ein bisschen gereizt unter solchen Umständen, wägt also eure Worte ab!“

„Die Gesetze der Republik haben dir siebzig Jahre in relativer Sicherheit beschert, Yaku!“ Holms Blicke irrten zwischen dem LK-Gewehr und dem Gesicht seines Chefs hin und her. „Es ist einfach nicht fair es zu brechen, wenn man den Preis bezahlen muss.“

Yaku nahm das Gewehr vom Schreibtisch und trat näher zu den beiden Männern, so nahe, dass Meyer-Ruland zurückwich. „Hör zu, Norge, du kennst mich.“ Er flüsterte. Wer wusste denn, ob sie ihn nicht abhörten? „Du weißt, dass ich das Ding hier nicht zum Spaß mit mir herumtrage.“ Er richtete den Waffenlauf an Holm vorbei auf Meyer-Ruland. „Und schon gar nicht, um es selbst zu machen. Oder mache ich den Eindruck eines Mannes, der schon sterben will? Ihr beide werdet mich jetzt in deinem Gleiter zur Jerusalem fliegen.“

„Bist du übergeschnappt?!“ Holm schrie.

„Sehe ich so aus?“

„Die Raumfahrtbehörde wird dir nie und nimmer die Starterlaubnis erteilen, Yaku!“

„Ich brauche keine Erlaubnis, um mein Leben zu retten.“

„Sie werden die Systemsicherheit auf dich hetzen. Selbst wenn du bis Doxa XII kommen solltest – bis du die KRV-Triebwerke hochgefahren hast, bist du längst tot!“

„Das ist dann nicht mehr dein Problem.“ Mit einer Kopfbewegung wies Yakubar Tellim auf die offene Tür ins Vorzimmer. Draußen, vor der Glasfassade schrillten schon wieder Alarmsirenen vorbei. Er sah Rotlicht rotieren. „Gehen wir.“

„Das ist doch Wahnsinn, Yaku!“ Wie flehende hob Holm die Arme. „Die Gesetze der Republik sind nun mal so! Jeder hat siebzig Jahre Zeit, jeder bekommt seine Chance! Danach ist nun mal Schluss...!“

„Gehen wir endlich!“

„Sicher ist die Republik nicht die beste aller denkbaren Welten, Yaku! Aber auch nicht die schlechteste! Wenn jeder so durchdrehen würde, wo kämen wir denn da hin? Es gäbe ja keinen Platz mehr auf den Planeten der Republik! Und denk doch an mich, Mann! Was glaubst du, wo ich lande, wenn ich dir das Schott öffne...?!“

Meyer-Ruland hatte sich bis auf drei Schritte an die Tür herangepirscht. Plötzlich drehte er sich um und spurtete Richtung Vorzimmer. Yaku stieß seinen alten Freund Holm zur Seite und drückte ab. Eine kleine Kugel aus hochkonzentrierter Energie zischte aus dem Gewehr und fuhr Meyer-Ruland in den rechten Unterschenkel. Er schrie, brach zusammen und wälzte sich am Boden. Der Rabe flatterte krächzend unter der Decke hin und her.

„Jetzt werden sie dir glauben, dass ich euch meinen Willen aufgezwungen habe“, zischte Yaku. „Los, Norge – fessele ihn, und dann gehen wir...“

16

Neun Männer und Frauen saßen um den runden Kunstglastisch. Kalderion war der rangniedrigste im Konferenzsaal. „Maligniz-System, weißer Zwerg, TPD 23.794 Lichtjahre...“ Wort für Wort las er ab. „...dritter Planet Genna, Glaucaurisabbau seit 1401 nGG...“

Ein Spiralnebel glitzerte über die gesamte Breite der Stirnwand. Hellblau gefärbt erstreckte sich von seinem vorderen Rand aus ein flache Blase mit etlichen Ausstülpungen Richtung Zentrum bis in den dritten Spiralarm hinein. Das Territorium der Galaktischen Republik Terra. Innerhalb der Blase und ziemlich weit oben und außen im ersten Spiralarm leuchtete ein großer, roter Punkt – das Sol-System mit dem verbotenen Planeten Terra Prima, Dreh- und Angelpunkt der Republik. Terra Sekunda und Terra Tertia leuchteten blau. Der Planet, von dem die Rede war, glitzerte grellweiß und lag an der inneren Schale der Blase.

„...sechs Schächte führen von der Eisoberfläche zu den Bergwerken und den Sträflingsbehausungen hinunter; jeder mit 120 Metern Durchmesser; ein Genna-Jahr entspricht dreizehn Terrajahren, ein Genna-Tag hundertachtunddreißig Terrastunden...“ Duck Kalderion beschränkte sich auf Stichworte. Die Aufmerksamkeit der Herrschaften so kurz wie möglich und nur so lange wie unbedingt nötig in Anspruch zu nehmen, gehörte zu den Kardinalfähigkeiten eines Stabsprotokollanten. Aber natürlich konnten die Herrschaften nicht jeden Planeten der Republik kennen. „...vierter Planet Leukos, Glaucaurisabbau auf seinem Mond Orkus seit 1381 nGG...“

„Danke, Subhauptmann, diese Fakten sind hinlänglich bekannt“, unterbrach ihn General Lurenz Myr. Wie Kalderion, trug auch der untersetzte Logistik-Chef eine bordeauxrote Uniform. Fast alle trugen Bordeauxrot; bis auf drei. „Ein paar einführende Worte noch zur aktuellen Lage bitte“, verlangte Myr.

„Verlust von elf Frachtern der Klasse I samt Ladung und Besatzung, Subgeneral Merican Bergen mit Flaggschiff und fünfzehn Einheiten des Zwölften PK-Verbandes vor Ort, Verlust von sieben Sparklancern samt Besatzung und Kampfmaschinen...“ Auch diese Fakten sollten eigentlich hinlänglich bekannt sein, denn jedem der anwesenden Stabsoffiziere lagen Myrs Aktennotiz und die seitdem eingegangen Berichte vor. Der letzte war der Anlass für die hastig einberufene Sicherheitskonferenz. „...vier Frachter von Unbefugten gekapert, einer auf Orkus notgelandet, einer mit unbekanntem Ziel ins Hyperuniversum gesprungen, von zweien fehlt jede Spur...“

„Neuigkeiten über die uns bekannten Berichte und Protokolle hinaus?“ Diesmal unterbrach ihn der Vorsitzende selbst, Subgeneral Niebuhr VanRhein, der Erste Stellvertreter des Primgenerals. Üblicherweise moderierte er solche Sitzungen. Kalderion verneinte erleichtert, entfaltete seine Tastatur und begann mitzuschreiben. „Dann bitte ich die Anwesenden um eine Stellungnahme zu den ungeheuerlichen Vorgängen auf Genna.“ Der Subgeneral blickte in die Runde. Acht von dreizehn Stabsoffizieren hatten seinem dringenden Rundruf kurzfristig Folge leisten können. Wenigstens war der Stab beschlussfähig.

„Verheerend“, sagte der Mann links von ihm, Primoberst Caisar Russlan, zweiter Stellvertreter des Primgenerals. Er sah VanRhein zum Verwechseln ähnlich.

„Absolut verheerend“, nickte der Mann rechts von ihm, Primoberst Don Germani, dritter Stellvertreter des Primgenerals. Er sah VanRhein und Russlan zum Verwechseln ähnlich. Alle drei trugen weiße Uniformen, alle drei hatten sie weiße Schnurrbärte, volles weißes Haar, kantige Gesichter und wasserblaue Augen, alle drei waren sie ungewöhnlich groß und massig, und alle drei dienten sie als Double des Primgenerals.

„Diese Handschrift ist unverwechselbar!“ Eine etwa sechzig Jahre alte Frau trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum. General Eurike Mejarim – groß, dürr, und mit aufgetürmtem blauem Haar – war für die Koordination mit dem höchsten Regierungsgremium der Republik zuständig, mit dem Direktorium auf Terra Sekunda. „Es ist die Handschrift Uran Tigerns!“

„Ich habe sein Dossier in der zentralen Datenbanken ausgegraben.“ General Myr zog ein flaches, rundes Gerät aus seiner Brusttasche und aktivierte es; sein IKH. Im Spiralnebel vor der Stirnwand entfärbte sich eine runde Fläche von zwei Metern Durchmesser. Daten und Zahlen erschienen auf ihr. „Seit sechsundzwanzig Jahren sitzt Tigern samt Sippe und Eidmännern auf Genna. Bis vor acht Jahren haben wir regelmäßig Begnadigungen für Gefangene ausgesprochen, die bereit waren uns Interna aus der Sträflingsgesellschaft zu verraten. Nach unseren letzten Informationen müsste Tigern sieben Kinder haben, von Drogen und Arbeit ausgezehrt und todkrank sein.“

„Und warum sind diese Informationen schon acht Jahre alt?“, wollte der Chef der Flotte wissen, ein knapp fünfzig Jahre alter General namens Alv Nigros. Er hatte schwarzes Haar, dunkelbraune Haut und schwarze, glühende Augen. „Haben Sie die Geheimdienstarbeit auf Genna im Jahre sechsundvierzig etwa eingestellt, Kollege Myr?“

„Sie wissen selbst, dass wir keinem Agenten die Arbeit unter Eis zumuten können!“ Myr schlug denselben scharfen Tonfall an, in dem Nigros sich an ihn gewandt hatte. „Für unsere Informationen sind wir auf Begnadigte und Kommunikatoren-Hirne angewiesen. Aus diesen Quellen erhielten wir seit Tigerns Verbannung über achtzehn Jahre lang keinerlei Hinweise auf Kontakte zwischen den Schächten oder die Entwicklung einer Art Bergwerksregierung. Tigern spielte nicht die Rolle, die wir alle ihm zugetraut hatten. Also haben wir nach achtzehn Jahren nicht mehr ermittelt...“

„Dann haben Ihre Quellen nichts getaugt, mein lieber Myr!“ Nigros wurde laut. „Tigern todkrank! Ein Witz! Was wir erleben müssen, ist seit Jahren geplant! Haben Sie nicht die Verhörprotokolle gelesen? Freiheitsrat! Dienstränge! Steuerungskappen und Waffen im Eigenbau...!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Tigern kontrolliert sogar das Bergwerkshirn...!“

Ein tiefer Glockenklang ertönte. Er trieb Kalderion einen Gänsehaut über den Rücken. „Ich bitte um Mäßigung, meine Herren!“ VanRhein schlug ein zweites Mal mit einem in Leder gewickelten Holzschlegel gegen die große Klangschale vor ihm auf dem Tisch. „Lassen Sie uns sachlich bleiben!“

„General Nigros hat recht!“, sagte ein drahtiger Endvierziger mit schwarzer Haut und kahlem Schädel. General Jonas leitete die Flottenakademie. „Und Subgeneral Bergen fragt zu Recht an, wie sich auf Genna eine solche Untergrundorganisation entwickeln konnte...!“

„Unverschämtheit!“, giftete Myr. „Solche Fragen stehen Bergen nicht zu...!“

„...unter unseren Augen gewissermaßen!“ Jonas ließ sich nicht beirren. „Das ist ungeheuerlich! Darüber wird nach Rückkehr des Primgenerals zu reden sein!“

„Zur Sache!“ VanRhein musste schon wieder gegen die Klangschale schlagen. „Wie gehen wir vor? Ihre Vorschläge bitte, meine Damen und Herren!“

„Drei Schritte.“ Die zweite Frau in der Runde beugte sich vor und stützte ihre Ellenbogen auf den Kunstglastisch. „Erstens: Fahndungsmeldung an alle Verbände – die geenterten Frachter müssen unter allen Umständen aufgespürt werden...!“

„Wir wissen nicht, ob die Schiffe wirklich geentert...“

„Zweitens!“ Eine Handbewegung der hochgewachsenen, voluminösen Frau brachte Myr zum Schweigen. „Bergen nimmt sechs oder sieben Rädelsführer gefangen, zwecks gründlicher Spezialverhöre, und birgt Datenbank und Quantenkern des Bergwerkhirns, ebenfalls zum Zwecke der Analyse.“ Die hünenhafte Generalin koordinierte die PK-Verbände der Flotte und arbeitete eng mit der GGS zusammen, der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarde. General Josefina Bukowa war Anfang fünfzig und hatte asiatische Gesichtszüge. Das blauschwarze Haar hing ihr zu tausend Zöpfen geflochten weit über die Schultern herab. „Drittens: Wir machen Tabula rasa.“

„Ich bitte Sie, Josefina!“ Myr hob entsetzt die Hände. „Genna ist ein Glaucauris-Planet! Wir können nicht einfach die Bergwerke...!“

„Wir müssen sofort handeln!“, unterbrach sie ihn scharf. „Das waren meine drei Vorschläge. Wir sollten keine Zeit mit Worten mehr verlieren!“

„Einen Glaucauris-Planeten stillzulegen halte ich für falsch.“ Lurenz Myr wandte sich an Kalderion. „Haben Sie meinen Einwand zu Protokoll genommen, Subhauptmann?“ Kalderion nickte.

„Warum eigentlich nicht?“ Wieder ergriff Nigros das Wort. „Auf Genna wird doch schon seit über tausend Jahren abgebaut. Die Stöcke sind sowieso bald ausgebeutet.“

„Nach den letzten Prognosen reichen die Vorräte unter dem Eis noch etwa hundertachtzig Jahre lang“, gab die Mejarim zu bedenken. „Dennoch könnten wir es uns leisten, vorübergehend auf Genna zu verzichten. Hat uns der geniale Bergen mit Corales nicht gerade erst einen neuen Glaucauris-Planeten entdeckt?“

„Die drei Vorschläge sind vernünftig und effektiv, und wir sind beschlussfähig.“ Jonas blickte in die Runde. „Stimmen wir einfach ab.“

Der Vorsitzende lehnte sich zurück. Seine Miene signalisierte Skepsis. „Einen Beschluss von solcher Tragweite will ich unter keinen Umständen ohne die Zustimmung des Oberbefehlshabers treffen, meine Damen und Herren.“ VanRhein wandte sich an Kalderion. „Wir brauchen eine Verbindung mit Primgeneral Vetian, Subhauptmann!“

„Sofort, mein General.“ Duck Kalderion zog seinen Individualrechner aus der Tasche und rief die Kommunikatorstation von New Rome an. Drei Minuten später erschien das kantige Gesicht eines bulligen Mannes mit weißem Schnurrbart und vollem weißen Haar im VQ-Feld an der Stirnwand des Konferenzraumes. Der dritte Mann der Republik, der Primgeneral Eurobal Vetian. Er sah seinen drei Stellvertretern zum Verwechseln ähnlich.

„Ich befinde mich zwei Lichtjahre von der Erde entfernt an Bord der Dux, wie Sie wissen, meine Damen und Herren. Unser verehrter Primdirektor Gulfstrom wird in einer halben Stunde eine Delegation von Terra Prima empfangen und eine Botschaft unseres hochverehrten P.O.L. entgegennehmen.“ Primdirektor Neptos Gulfstrom war nach dem P.O.L. der zweite Mann der Republik und die Dux sein Flaggschiff. „Mit anderen Worten: Ich gehe davon aus, dass Sie einen unaufschiebbaren Grund haben, mich in Ihre Konferenz einbeziehen zu wollen.“

„In der Tat, verehrter Primgeneral.“ Niebuhr VanRhein deutete eine Verneigung an. „Auf Genna, einem unserer ältesten Glaucauris-Planeten, hat sich ein Drama abgespielt, ein ungeheuerlicher Sträflingsaufstand...“ Der Erste Stellvertreter des Primgenerals berichtete. Geschickt stellte er die schwerwiegendsten Vorfälle an den Anfang, also die Verluste an Schiffen und Personen. In jedem dritten Satz ließ er den Namen Tigern fallen. Am Schluss nannte er den zur Debatte stehenden Vorschlag der Generalin Bukowa.

Der Oberbefehlshaber lehnte sich in seinem Sessel zurück, stützte den Ellbogen auf den Handrücken und das Kinn in die Faust. Seine Miene verriet weder Bestürzung noch Wut. Ein paar Atemzüge lang dachte er nach. „Uran Tigern also...“, sagte er schließlich. „Ich habe jahrelang nicht mehr an ihn gedacht..., das sieht ihm ähnlich...“ Nachdenklich blickte er auf einen Punkt außerhalb des VQ-Darstellungsbereiches. Für Kalderion sah er aus, wie ein Mann, der versuchte, sich zu erinnern. „Was für ein Zufall, dass ausgerechnet Bergen in der Nähe war.“ Der Subgeneral lächelte. „Bergens Großvater hat Tigern einst verhaftet. Wissen Sie das? Bergen ist nicht irgend jemand, verstehen Sie? Seine Sippe stellte in den letzten drei Jahrhunderten viermal den Primgeneral. Merican Bergen will der fünfte werden. Ich trau’s ihm zu, ehrlich gesagt...“ Ein wenig wirkte es, als spräche der Primgeneral mit sich selbst. Das tat er häufiger; auch dann, wenn er eine Konferenz persönlich leitete. „Tja, und dazu kommt: Bergens Großvater wurde vor ein paar Jahren mit der Höchsten Ehre ausgezeichnet..., kann nicht lange nach Tigerns Verbannung gewesen sein..., seitdem lebt der Glückliche das paradiesische Leben der Privilegierten von Terra Prima...“

Wieder perlte Kalderion ein Schauer über Nacken und Rücken. Die Höchste Ehre...! Nur wenige Menschen kannten jemanden, der jemanden kannte, dem das Wohnrecht auf dem Mutterplaneten geschenkt wurde. Seinen Lebensabend auf dem verbotenen Planeten verbringen, auf der guten alten Erde, das war der heimliche Traum eines jeden! Aber nur auf Grund außergewöhnlicher Leistungen vergab der regierende P.O.L. dieses seltene Privileg. Bergens Großvater hatte es also geschafft...

„...Merican Bergen...“ Vetian sah auf. „Hat ihn nicht neulich einer von Ihnen für die Beförderung zum General vorgeschlagen?“

„Ich, verehrter Primgeneral“, meldete General Jonas sich.

„Ich habe den Vorschlag unterstützt, verehrter Primgeneral“, sagte Josefina Bukowa. „Und unterstütze ihn noch.“

„Nun gut.“ Vetian lächelte ein kaltes Lächeln. Drei seiner oberen Schneidezähne waren aus Gold. „Dann wollen wir dem Kommandeur des Zwölften Pionier-Kampfverbandes doch Gelegenheit geben, sich vor seiner Beförderung noch einmal auszuzeichnen. Wenn sein Großvater Tigern seinerzeit verhaftet hat, ist es doch irgendwie sinnig, wenn der Enkel das Problem Tigern endgültig aus der Welt schafft. Was meinen Sie, meine Damen und Herren?“ Seine kantige Miene verzog sich zu einem amüsierten Lächeln. „Kurz und gut: Ihre Vorschläge sind sehr vernünftig. Zögern Sie nicht länger...!“

17

Calibo Veron sah mitgenommen aus. Das sonst so glänzende Schwarz seiner Haut war einem stumpfen Anthrazit gewichen. Seine Stimme klang gepresst. „Acht Mann und vier Maschinen verloren“, meldete er knapp. Er nannte die Namen der Vermissten. „Der Graviton-Sog des Frachters hat sie ins Hyperuniversum gerissen.“ Bergen nickte stumm. „Ich hätte nicht gedacht, dass der Frachter noch seine KRV-Triebwerke aktivieren kann.“ Veron senkte den Blick und schüttelte den Kopf. „Das rechte hat zwei Volltreffer abgekriegt und brannte schon. Auch Waffenleitstand und Maschinenleitstand haben wir getroffen. Ich glaub kaum, dass der Kahn die Rückkehr ins Normaluniversum übersteht. Trotzdem – wir hätten ihn entern müssen. Tut mir leid, mein Subgeneral.“

„Es ist, wie es ist, Veron“, sagte Bergen. „Wir haben es wenigsten versucht. Sie trifft keine Schuld. Gehen Sie wieder in ihre Kabine, setzen Sie Ihre Pause fort.“

„Ich glaube kaum, dass ich schlafen kann.“ Der schwarze Suboberst blieb neben dem Kommandosessel stehen. Bergen wandte sich ab und blickte in die Panoramakuppel. Im stark verkleinerten VQ-Feld brannte ein Frachter. Er war auf Orkus, dem Mond des vierten Planeten gelandet. In Schräglage hing er in einer Eisspalte. Keine einzige Teleskopstütze war ausgefahren. Sechs Sparklancer kreisten über ihm, sechs weitere waren in unmittelbarer Nähe gelandet. Roboter durchkämmten das Schiff. Bergen hoffte, wenigstens auf dem Leukos-Mond Gefangene machen zu können.

Rund um das VQ-Feld glitzerte ein Arm der Milchstraße, so wie sie sich hier, in diesem System darstellte. Bergen betrachtete sein kleines Arbeitssichtfeld. Seit er den Bericht ans Flottenoberkommando geschickt hatte, beschäftigte er sich mit den Daten, die in kurzen Intervallen von der Troja und den Einheiten auf Orkus kamen. Je sechs Sparklancer der Johann Sebastian Bach und des schweren Kreuzers Paris waren an den fünf Eisschächten des Mondes Orkus gelandet, um Unruhen der Sträflingskolonien unter dem Eis gar nicht erst aufkommen zu lassen.

„Die Kampfformationen der Troja sind auf Genna in zwei der sechs Eisschächte eingedrungen“, sagte er halb an seinen Kunstmenschen, halb an seinen Zweiten Offizier gewandt. „Wisst ihr, was sie gefunden haben? Ausgedehnte Höhlensysteme, teilweise mit Holz oder Kunstglas ausgekleidet. Werkstätten, Laboratorien, Theater, Bibliotheken. Sogar Kliniksegmente mit primitiven aber funktionstüchtigen Operationssälen. Roboter, die eigentlich der Republik gehören und entsprechend programmiert sein sollten, haben sie angegriffen. Menschen, die eigentlich um Drogen flehen sollten, erweisen sich in Verhören als stolz und widerstandsfähig. Was sagen Sie dazu, Veron?“

„Sie müssen gute Anführer haben. Ich hörte, der legendäre Uran Tigern wird auf Genna gefangen gehalten.“

„Legendär...“ Bergen stieß ein bitteres Lachen aus. „Nach dem offiziellen Dossier leben nicht einmal dreißigtausend Menschen da unten. Nach den Hochrechnungen der Landungstruppe von der Troja sind es mindestens zwei Millionen. Zwei Millionen Menschen – organisiert in Kampfzellen, Kreativnetzen, Sippen, Arbeitsgruppen, Schachtkolonien und einer hierarchisch aufgebauten Gesellschaft! Zwei Millionen Menschen, die das Joch der Droge abgestreift haben, die ein politisches System, Kultur und Überlebensstrategien geschaffen und einen Befreiungscoup geplant haben! Unter dem Eis. Bei härtester Arbeit! Stellen Sie sich das mal vor!“

„Was ist bloß ihr Ziel?“, fragte Veron. „Was hätte die Flucht einiger weniger der Gesamtheit dieser Sträflingsgesellschaft denn nützen können?“

Bergen zuckte ratlos mit den Schultern. „Eine von vielen offenen Fragen. Eine andere lautet: Sollte wirklich ein einziger Mann all das bewerkstelligt haben?“

„Tigern ist ein Charismatiker und ein Mensch von überdurchschnittlicher Willenskraft und Intelligenz.“ So unerwartet schaltete der blaue Kunstmensch sich in das Gespräch ein, dass Veron zusammenzuckte. „Ihm und Seinesgleichen traue ich derartige Leistungen zu.“ Er sprach mit einer hohen und weichen Stimme. Fast hätte man meinen können, eine Frau zu hören.

„Seinesgleichen?“, fragte Bergen.

„Die Sippe ist groß“, sagte der Blaue; und korrigierte sich sogleich. „Sie war groß.“

„Kennen Sie Tigern persönlich?“, wollte Veron wissen.

„Nein“, sagte Bergen. „Mein Großvater hat mir von ihm erzählt.“

„General Cayman Bergen?“

„Richtig, Suboberst. Sein Verband wurde im September 2527 ins System Rubikon geschickt. Tigern hielt sich mit seinem Geschwader dort auf und machte etwas, worauf seine Feinde lange gewartet hatten: Einen Fehler. Mein Großvater hat ihn persönlich festgenommen.“

Veron machte eine verblüffte Miene. „Das wusste ich nicht. Aber..., warum...? Und..., wen meinen Sie mit ‚seinen Feinden’, die auf einen Fehler von ihm gewartet hätten?“

Bergen wies auf den freien Sessel am linken Rand des Kommandostandes. Veron nahm Platz. „Du warst dabei, Heinrich. Erzähle.“

„Die Sonne Rubikon wurde vor mehr als sechshundertacht Jahren von einer Expedition der Republik entdeckt“, begann der Blaue. „Die Bewohner ihres zweiten Planeten Tropan, zierliche Humanoide mit einer vorindustriellen Hochkultur, akzeptierten erst nach einem kurzen Krieg mit Zehntausenden Toten auf ihrer Seite die Vorherrschaft der Republik. Danach lieferten sie pünktlich die geforderten Bodenschätze und Waren an die jährlich landenden Omega-Frachter. Sie wissen ja, dass es zivilisierten Völker im Territorium der Republik verboten ist Raumfahrtforschung zu betreiben. Dreiundzwanzig Völker halten sich bisher daran. Die Bewohner von Tropan nicht. Anfang der zwanziger Jahre ortete eine Frachterbesatzung ungewöhnliche Energiefeldmuster auf dem Planeten. Die GGS schleuste zwei Agenten ein, zwei Jahre später war klar, dass die Tropaner nicht nur heimlich Raumfahrtforschung betrieben, sondern in unterirdischen Fabrikanlagen bereits Raumschiffe bauten.“

Der Zweite Offizier pfiff durch die Zähne. „So ist das, Veron“, sagte Bergen. „Man guckt hundertfünfzig Jahre lang nicht genau genug hin, schon machen irgendwelche Barbaren einen Entwicklungssprung.“ Der Rothaarige machte eine Geste des Bedauerns. „Hätte nicht passieren dürfen.“

„Es stellte sich heraus, dass Bürger der Republik den Entwicklungssprung forciert haben“, fuhr der Blaue fort. „Sie hatten sich vor dreihundert Jahren illegal auf Tropan niedergelassen. Im Dezember 2524 schickte das Flottenoberkommando Tigern mit einem Verband von zwölf Schiffen ins Rubikon-System. Auftrag: Entmachtung der wichtigsten Regierungen, Zerstörung sämtlicher technischer Anlagen und Festnahme der wissenschaftlichen, politischen und militärischen Elite. Der damalige Primgeneral räumte ihm für diese Aufgaben einen Zeitrahmen von vier Jahren ein. Im August 2527 übermittelte er zwei Vertrauensmännern im Generalstab den Entwurf einer Verfassung für einen zukünftigen Bundesplaneten Tropan. Statt unbeirrt seinen Befehl auszuführen, hatte Uran Tigern sich auf Verhandlungen eingelassen.“

„Der Wahnsinnige!“, entfuhr es dem Zweiten Offizier.

Bergen lachte wieder sein bitteres Lachen. „So könnte man es tatsächlich nennen. Sein inoffizieller Verfassungsentwurf entbehrte zwar keineswegs guter politischer und vor allem wirtschaftlicher Argumente, denn die Tropaner verfügten über verheißungsvolle Ressourcen an Bodenschätzen und Menschen. In dem Entwurf erklärten sie sich sogar bereit eine terranische Verwaltung der Republik zu akzeptieren. Naiv ausgedrückt: Es ging ihnen und Tigern um ein gerechtes Nehmen und Geben. Den Ausschlag für Tigerns lebensgefährliches Engagement allerdings war eine Frau. Jedenfalls glaubte mein Großvater das sicher zu wissen.“

„Eine Eingeborene etwa?“ Veron verzog angewidert das Gesicht.

„Nicht direkt.“ Bergen betrachtete den schwarzen Mann amüsiert. „Elvetia Raul stammte von Nachkommen der Leute ab, die sich vor Jahrhunderten illegal auf Tropan niederließen. Angeblich haben sie sich mit Eingeborenen vermischt. Wie auch immer – sie hat ihm sieben Kinder geboren und sitzt mit ihm auf Genna unter dem Eis. Falls sie noch lebt.“

Calibo Veron schüttelte ungläubig den Kopf. „Was für eine verrückte Geschichte. Das Oberkommando hat seinen Verfassungsvorschlag also verworfen?“

„Möglicherweise wäre Tigern heute Verwaltungsdirektor von Tropan, wenn er diplomatischer vorgegangen wäre“, sagte der Blaue. „Er hätte sich wahrscheinlich direkt an den Primdirektor wenden müssen. Doch so erfuhr der damalige Primgeneral von den Verhandlungen. Der wollte sich unentbehrlich machen, weil er fürchtete mit siebzig in den Ruhepark bestellt zu werden, und er sah in Tigern einen potentiellen Nachfolger. Er klagte ihn wegen Hochverrats an und schickte General Cayman Bergen nach Tropan um ihn zu verhaften.“

„Hat er sich denn nicht gewehrt?“, wollte Veron wissen.

„Nein. Er war überzeugt davon, vor jedem Militärgericht bestehen zu können. Außerdem rechnete er mit seinen Freunden im Generalstab. Also lieferte er dem General seine Waffen ab und flog mit ihm nach Terra Tertia.“

„Der Rest ist eine kurze und schmutzige Geschichte.“ Wieder nahm Bergen den Faden auf. „Seine angeblichen Freunde im Generalstab stellten sich gegen ihn, Tigern wurde verurteilt und samt Sippe und Eidmännern nach Genna verbannt. Die Tropaner hat die Flotte in die Steinzeit zurückgebombt. Ersparen Sie mir Einzelheiten.“

Der zweite Offizier war ehrlich erschüttert. „Das ist..., das ist nicht gerecht...“, flüsterte er.

„Über manche Dinge sollte man nicht allzu gründlich nachdenken, mein lieber Veron. Meinem Großvater ging die Sache noch jahrelang an die Nieren. 2536 wurde ihm die Höchste Ehre zuteil. Als Dank für seine zahlreichen Koloniengründungen in den Grenzgebieten der Republik durfte er nach Terra Prima übersiedeln. Dort herrschen ja bekanntlich paradiesische Zustände statt Überbevölkerung und Bürokratie. Ruheparks kennt man dort nicht, und ich habe mir sagen lassen, dass auf den tropischen Inseln von Terra Prima Hundertfünfzigjährige leben.“ Mit einer Kopfbewegung deutete Bergen auf den Blauen. „Heinrich war übrigens das Abschiedsgeschenk meines Großvaters.“

„Oh! Er hat ihn selbst gebaut?“

„Mein Vater und meine Mutter haben ihn entwickelt. Sie starben, als ich vier war. Mein Großvater erzog mich.“

Schweigend betrachtete Veron seinen Kommandeur. Bergen vermutete, dass er nach Worten suchte. Vielleicht fragte er sich aber auch, warum ein Subgeneral ausgerechnet ihn ins Vertrauen zog. Bergen fragte sich das auch. Er wusste es selbst nicht genau.

„Nachricht von der Brüssel“, meldete der Kommunikator über Bordfunk. „Die Golf baut eine Parakommunikationsbrücke zwischen Terra Tertia und Maligniz auf, mein Subgeneral. Der Generalstab will Sie sprechen!“

„Durchstellen.“ Bergen bedeutete seinem Zweiten Offizier sich aus dem VQ-Sendebereich zurückzuziehen. Veron ging zum Kommandostand des Vize. Er hatte nicht bemerkt, dass Ruud Zähring schon die ganze Zeit misstrauisch zu ihm und Bergen herübergespäht hatte.

„Du erstaunst mich“, raunte der Blaue, während Bergen auf den Aufbau des Sichtfeldes wartete. „Es kommt selten vor, dass du dich einem Untergebenen soweit öffnest wie diesem schwarzen Suboberst.“

„Liegt wohl an den Verlusten und den dramatischen Ereignissen unten auf Genna.“ Bergen zuckte mit den Schultern. „Solche Dinge lösen sogar bei abgebrühten Haudegen wir mir mitunter Emotionen aus. Vielleicht mag ich ihn auch einfach nur mehr, als mir bisher bewusst war. Ich glaube, er fühlt sich ähnlich einsam auf der Johann Sebastian Bach wie ich...“

„Er ist in Ordnung. Du kannst ihm vertrauen.“

Unter der Frontkuppel begann das VQ-Feld zu flimmern. Ein Gesicht nahm Konturen an. Bergen erkannte den Ersten Vize des Primgenerals. „Ich grüße Sie, Subgeneral Bergen“, sagte Niebuhr VanRhein. „Meine persönlichen Glückwünsche zunächst zur Entdeckung des neuen Glaucauris-Planeten!“

„Danke, Subgeneral VanRhein. Ich werde die Gratulation an die Besatzungen weitergeben. Vor allem an die eigentlichen Entdecker Robinsons und Corales‘.“

„Tun Sie das. Wir haben hier über die Probleme auf Genna gesprochen. Der Primgeneral hat unsere Entscheidungen begrüßt.“

„Ich höre.“ Etwas in der Stimme VanRheins missfiel Bergen.

„Eine Großfahndung nach den geflohenen Kreuzern läuft bereits. Mehrere hundert Patrouillen sind unterwegs. Hier nun unser Befehl für Sie, Subgeneral Bergen: Nehmen sie mindestens sechs Rädelsführer der Aufständischen als Gefangene an Bord. Wir werden sie auf Terra Tertia den üblichen Spezialverhören unterziehen. Weiter bergen Sie die Datenbanken und Quantenkern des Bergwerkhirns. Danach eröffnen sie das Feuer auf die sechs Bergwerksschächte.“

Für Sekunden verschlug es Bergen den Atem. „Bitte?“, sagte er dann heiser. „Ich soll das Feuer...?“

„Richtig, Subgeneral. Keim und Auswüchse der Rebellion müssen ausgelöscht werden. Wir haben uns entschlossen, den Glaucaurisabbau auf Genna vorübergehend einzustellen. Corales wird mehr als nur ein Ersatz sein.“

„Verzeihen Sie, Subgeneral VanRhein.“ Merican Bergen hatte sich wieder gefangen. „Das Genna-Dossier ist nicht mehr auf dem neusten Stand. Es leben weit über zwei Millionen Menschen in den sechs Höhlensystemen. Sie haben eine regelrechte kleine Gesellschaft dort unten aufgebaut. Ich denke, das wird uns noch von Vorteil sein.“ Von der Seite legte Heinrich ihm die schwere Kunstglashand auf die Schulter. Bergen merkte, dass er dünnes Eis betreten hatte. Dennoch sprach er weiter. „Das Schmelzwasser würde in ihre Höhlensysteme eindringen und sie ertränken. Mein Vorschlag wäre, wir nehmen die Anführer der Rebellion fest, richten einen Stützpunkt auf Genna...“

VanRhein rückte aus dem Sichtfeld, statt seiner erschien dort ein schlitzäugiges, dickes Gesicht. Unzählige schwarze Zöpfchen rahmten es ein. „Wir haben Sie nicht um einen Vorschlag gebeten, Bergen!“, sagte Generalin Bukowa scharf. „Wir haben Ihnen einen Befehl erteilt...!“

18

Die Hölle war los in diesem Teil des Raumhafens: Auf dem Flugfeld flitzten die Scheinwerferkegel von Gleitern jeder Größe hin und her, Rotlichtgefunkel wohin sie sahen, immer wieder Löschgleiter, Ambulanzfahrzeuge oder die großen, weißen Mannschaftsgleiter der Exekutivverwaltung. Und das Geheule der verdammten Sirenen wollte nicht abreißen.

„Kann es sein, dass sie eines einzigen Mannes wegen so ein Theater machen?“ Yaku, auf dem Beifahrersitz, richtete den Gewehrlauf auf seinen alten Freund an der Steuerkonsole. Er tat es für den Fall, dass man sie aus einem Exekuter-Gleiter heraus beobachtete oder gar filmte.

„Was bildest du dir ein, Yaku?“, entgegnete Holm gereizt. Er flog dicht über dem Flugfeld. „Sie werden dich jagen, bald schon. Aber dazu werden sie weder Lösch- noch Ambulanzgleiter brauchen. Du und ich, wir sind nur kleine Nummern. Der Unterschied: Ich lebe, und du bist schon so gut wie tot...“

„Wenn ich mich in meinem Apartment vollaufen lassen würde, wäre ich erst recht so gut wie tot.“ Mit einer Geste deutete Yaku auf die grelle Hektik jenseits der Cockpit-Kuppel. „Was bedeuten die Sirenen und das Chaos da draußen, wenn es nicht um mich geht?“

„Ein Havarist. Ich hab die Kommunikation der Raumfahrtbehörde angezapft.“ Keine vierhundert Meter mehr bis zur Jerusalem. Die Ortung meldete drei Objekte mit Kurs auf den neuen Frachter. Holm drosselte die Geschwindigkeit und hoffte, dass sein durchgeknallter Chef es nicht bemerkte. „Er ist notgelandet und hat es versäumt sich zuvor zu identifizieren. Wahrscheinlich sind sie an Bord alle in einem Zustand, in dem man nicht nur den Namen seines Schiffes vergisst...“

Er redete wie ein Wasserfall. Auf dem kleinen Sichtfeld der Ortung zählte er jetzt acht Objekte im Anflug auf den Standplatz der Jerusalem. Er hoffte, dass es Exekutivkräfte waren. Irgend jemand musste Tellim doch von seiner Wahnidee abbringen. Abhauen, nur weil man seinen Termin gekriegt hatte! So etwas Verrücktes! Dabei wusste man doch sein Leben lang, das es eines Tages so weit sein würde. Man konnte sogar ziemlich genau kalkulieren, wann es soweit sein würde.

„...am Ende lebt an Bord nicht mal mehr eine Mücke. Hat jedenfalls eine Menge Wirbel gemacht, die Notlandung, wie du merkst. Siehst du den Feuerschein dort hinten?“ Der Gleiter setzte auf, Yaku spähte in die von Lichtpunkten erhellte Nacht. Tatsächlich: Da flackerte ein rotes Licht über dem Horizont. Norge Holm löste seinen Gurt und machte Anstalten einen bestimmten Sensor auf der Armaturleiste zu drücken – die Fernsteuerung der Frachterbeleuchtung.

Yaku schlug seine Hand weg. „Lass das!“ Er zog den Adapter mit der Fernsteuerung für Außenscheinwerfer, Lifte und Schotte seines neuen Frachters aus der Leiste. Am rechten Rand berührte er den Sensor Rand und blickte aus dem Seitenfenster zum Unterboden der Jerusalem hinauf. Der Teleskoplift schob sich aus dem Rumpf. Yaku griff in die Innentasche seiner Jacke, zog seine ISK-Kappe heraus und streifte sie sich über das weiße Haar. „Schade, Norge. Ich würde mir wünschen, du könntest mich begleiten.“

„Du spinnst ja!“ Holm schielte auf das kleine Sichtfeld: fünfzehn Objekte. Das nächste war nur noch sechshundert Meter entfernt. Die anderen allerdings noch gut drei Kilometer. Merkwürdig eigentlich. „Ich lass doch meine Frau nicht sitzen! Außerdem bin ich der erfahrenste Pilot von Tellim Transkonzept. Deine Tochter ist aufgeschmissen ohne mich...!“

„Schon in Ordnung. Und was mach ich jetzt mit dir?“

„Gib mir halt eins auf die Rübe.“ Der Liftschacht berührte den Boden, das nächste Objekt auf dem Ortungssichtfeld war noch knapp hundertfünfzig Meter entfernt. „Ich werd’s dir schon irgendwann verzeihen...“

„Scheiße“, flüsterte Yaku. „Bist mir ein guter Freund gewesen, Norge..., all die Jahre.... Warum bist nur bist du ein solcher Hosenscheißer...?“ Blitzartig rammte er dem anderen den Gewehrkolben gegen die Schläfe. „Verdammte Scheiße..., tut mir leid...“ Holm sackte auf dem Sitz zusammen. Moses flatterte auf und schimpfte krächzend.

„Raus hier!“ Yaku stieß die Klappenluke hoch, schnappte sich den Koffer und kletterte aus dem Gleiter. Aus den Augenwinkeln nahm er heranfliegende Scheinwerfer wahr. Er rannte los. Der Rabe flog über ihn hinweg und verschwand im offenen Schott des Teleskopschachts. Das Scheinwerferpaar sackte in steilem Sinkflug aus dem Nachthimmel, kaum vierzig Meter entfernt landete ein Sparklancer. Yaku entdeckte noch mindestens ein Dutzend heranrasende Scheinwerferpaare. Er sprang in den Lift, schwebte nach oben. In diesen Sekunden war er überzeugt davon, dass Norge Holm ihn belogen hatte: Einzig und allein auf ihn hatten sie es abgesehen. Lag das jetzt nicht klar auf der Hand? Sogar mit Sparklancern jagten sie ihn schon, diese Scheißkerle...! „Lift einziehen, sofort Lift einziehen...!“ Er schrie, obwohl es gereicht hätte den Befehl zu denken. Die Steuerungskappe übertrug ihn in Form eines elektromagnetischen Impulses drahtlos an das Bordhirn.

Darf ich um den Code bitten, mein Herr? Die Kunststimme des Bordrechners säuselte zwischen Yakus Schläfen.

„Elsa!“, schrie er. „ELSA! Zieh den verdammten Lift hoch und lege einen Blitzstart hin!“

Sofort, Yakubar, mein Kommandant. Elsa also. Aber solltest du dich nicht zuvor anschnallen? Ein Blitzstart ist nicht ganz ungefährlich, wie du sicher...

„Nein, verdammt noch mal!“ Seine Stimme überschlug sich, er schwang sich aus dem Schacht. „Lift hoch! Blitzstart! Gefechtsleitstand aktivieren!“ Er spurtete Richtung Kommandozentrale.

Selbstverständlich, Yakubar, mein Kommandant. Darf ich dich aber darauf hinweisen, dass uns keine entsprechende Genehmigung der Raumfahrtbehörde vorliegt...?

„Blitzstart! ELSA! Notfall...!“ Yaku keuchte, das Schott zur Zentrale sprang auseinander. „Blitzstart! Gefechtsstand aktivieren!“

Verstanden... Im nächsten Augenblick ging ein Ruck durch das Schiff. Die Beschleunigungskräfte schleuderten Yaku auf die Schwelle zur Zentrale, der Contrograv konnte sie nur zum Teil ausgleichen. Der Boden vibrierte, der Schiffsrumpf dröhnte wie eine riesige Glocke. Yaku rang nach Luft. Norge hatte recht – es war Wahnsinn! Irgendeine Patrouillenverband im Doxasystem hatte ihn längst im Visier!

Das Dröhnen ließ nach, die Vibrationen ebenfalls, Yaku bekam wieder Luft. Blitzstart geglückt, meldete das Bordhirn. Keine Verfolger. Drei weiteren Individuen ist es gelungen, über den Liftschacht einzudringen. Ich darf um Angaben zum geplanten Kurs bitten...

„Was sagst du da?!“ Yaku stemmte sich auf die Knie. „Drei weitere...?“ Er drehte sich um, entsicherte das LK-Gewehr. An der Gangwand entlang schob er sich nach oben, ein Kugelroboter tauchte zwanzig Schritte entfernt an der Abzweigung auf. Yaku feuerte eine Kaskade aus vier Energieladungen auf ihn ab. Wie ein Kreisel begann der Kugler um seine Längsachse zu rotieren. Flammen schlugen aus seinem oberen Pol. Die Deckendüsen spritzten Schaum auf ihn und erstickten die Flammen. Yaku blieb flach auf dem Bauch liegen, nahm den Kugler erneut ins Visier und wartete ab. Saugdüsen saugten den Qualm ab, ein Seitenschott sprang auf, schiffseigene Kugler rollten heraus, umzingelten den Eindringling und deaktivierten ihn endgültig.

Yaku sprang auf. Das Gewehr im Anschlag schlich er Richtung Liftschacht. Zwei bordeigene Kugler schickte er voraus. „Nicht schießen!“, rief eine Frauenstimme. „Bitte nicht schießen...!“

Yaku blieb stehen und lauschte. Hatte er sich verhört? Auf Stiefelspitzen schlich er zu nächsten Abzweigung. Er spähte um die Ecke: Vor dem Schott zum Teleskopflift kniete eine Frau in einem zerschlissenen Lederanzug am Boden. Blutige Schrammen bedeckten ihr bronzefarbenes Gesicht, ihre langes schwarzes Haar war teilweise versengt. Sie trug eine Waffe; auf dem Rücken allerdings. Auf ihren Schenkeln lag ein junger Bursche, groß und kräftig und mit kurzgeschorenem Haar. Er zitterte am ganzen Leib und wimmerte wie ein fiebernder Säugling.

„Wer sind Sie?“, fragte Yaku heiser.

„Ich heiße Venus. Das ist mein Bruder. Er ist auf Cold Turkey...“ Ihre große Augen flehten. Himmel, was für eine schöne Frau! „Wir sind unschuldig! Kein Gericht hat uns je verurteilt! Bitte weisen Sie uns nicht ab, bitte...!“

19

Die Stimmung in der Kommandozentrale war kaum zu ertragen. Niemand sprach mehr ein Wort, seit das VQ-Feld mit dem Gesicht der Generalin verblasst war. Der Befehl von Terra Tertia hing im Raum wie Schwaden heißen Gases.

Im notgelandeten Frachter auf Orkus hatte man zwei Gefangene gemacht, die Bodentruppen hatten sich längst von Genna zurückgezogen, der Kommandeur stand hinter seinem Sessel, als hätte man ihn dort festgenagelt. Seit anderthalb Stunden schon. Ohne sich zu rühren betrachtete Merican Bergen die Sternkonstellation jenseits der Frontkuppel. Suboberst Calibo Veron vermutete, dass er den grellweißen, fingernagelgroßen Globus vor der prächtigen Kulisse des Milchstraßenzentrums anstarrte: Genna. Der blaue Kristallroboter verharrte hinter ihm. Er wandte Bergen den Rücken zu; als müsste er ihn vor der Besatzung der Kommandozentrale beschützen.

„Ich brauche eine Verbindung zum Primgeneral“, sagte der kleine, rothaarige Kommandeur irgendwann. Der Kommunikator von Ebene II sorgte dafür, dass erst die Kommunikatorin der Brüssel, danach der Kommandant der Golf und schließlich Niebuhr VanRhein im Sichtfeld auftauchten. Nach VanRhein sprach Bergen noch mit drei anderen Mitgliedern des Generalsstabs. Jedem sagte er das Gleiche: „Ich muss den Primgeneral sprechen.“

Endlich, zwei Stunden später, erschien das kantige Gesicht des Oberbefehlshabers im Visuquantenfeld. Alle Besatzungsmitglieder in der Kommandozentrale hielten den Atem an. „Ist die Republik in akuter Gefahr, oder warum wollen Sie mich sprechen, Subgeneral!“ Eurobal Vetian machte kein Geheimnis aus seinem Zorn.

„Verzeihen Sie, mein verehrter Primgeneral – möglicherweise ist genau das der Fall.“ Merican Bergen sprach mit fester Stimme. „Oder wie würden Sie einen Befehl interpretieren, dessen Umsetzung zwei Millionen Menschenleben auslöscht?“

„Wie reden Sie mit mir, Bergen?“ Zornesfalten türmten sich auf Vetians Stirn.

„Man befahl mir die Bergwerksschächte auf Genna unter Feuer zu nehmen. Sollte jemand tatsächlich einen solchen Befehl ausführen, würden die Sträflingskolonien unter dem Eis zwangsläufig im Schmelzwasser ertrinken oder unter dem wieder gefrorenen Schmelzwasser ersticken. Man behauptete, Sie selbst würden diesen Befehl gutheißen, mein verehrter Primgeneral. Ist das so?“

„Sind Sie noch bei Sinnen, Bergen?!“ Der Primgeneral wurde laut, seine Gesichtshaut färbte sich rot. „Ich gehe davon aus, dass man im Generalstab fähig ist, verständliche Befehle zu formulieren! Tun Sie also, was man Ihnen aufgetragen hat, und tun Sie es gründlich! Haben wir uns verstanden?!“

„Sehr gut, mein Primgeneral. Sie und der Generalstab wünschen, dass ich mit zwei Millionen Menschen wie mit Ungeziefer verfahre. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich mich außerstande fühle derart barbarische Pläne in die Tat umzusetzen.“

Sekunden des Schweigens verstrichen. Der Oberbefehlshaber musterte seinen Subgeneral aus schmalen Augen. „Ist das Ihr letztes Wort, Bergen?“

„Mein allerletztes Wort, Primgeneral Vetian.“

Der Primgeneral runzelte die Stirn. „Schade, Bergen.“ Für einen Augenblick zog etwas wie Bedauern durch seine Miene. „Wirklich schade um Sie.“ Das VQ-Feld verblasste.

Etwa drei Minuten später erschien das Konterfei Generals Josefina Bukowa im Sichtfeld. Sie entband Merican Bergen seines Kommandos über den Zwölften Pionier-Kampfverband. Den Kommandant der Brüssel, Ralbur Robinson, ernannte sie zum Kommandeur über den kleinen Verband der Omega-Raumer im Maligniz-System. Robinson erhielt den Befehl die Schächte auf Genna zu beschießen und danach ins Robsonsystem zurückzukehren und sich dem Hauptverband unter Cahn anzuschließen.

Daraufhin wandte Bergen sich zum letzten Mal an die Besatzungen aller sechzehn Omega-Raumer im Maligniz-System. Er gab seine Befehlsverweigerung bekannt und legte die Gründe dafür dar. Weiter nichts. „Ich werde die Johann Sebastian Bach keineswegs aufgeben“, schloss er. „In spätestens drei Stunden wird ein Verband hier eintreffen, dessen Kommandeur den Auftrag hat, mich festzunehmen. Sie wissen alle, wie das so geht, meine Damen und Herren, und Sie wissen alle, welches Verhalten in einem solchen Fall opportun ist. Ich aber denke nicht daran, den Rest meines Lebens unter Eis und Tag im Bergwerk zu schuften. Mehr noch: Ich fordere Sie auf meinem Beispiel zu folgen, und den befohlenen Massenmord nicht auszuführen. Was mich persönlich betrifft, so werde ich dieses Sonnensystem in einer halben Stunde mit meinem Flaggschiff verlassen. Solange haben Sie also Zeit, sich mir anzuschließen, falls Sie mögen. Ansonsten leben Sie wohl.“

Nach dieser Durchsage verließ er die Zentrale. Veron vermutete, dass er sich in seiner Kabine einschließen und seinen Gefühlen am Piano freien Lauf lassen würde. Das tat er hin und wieder, wenn der Stress besonders hoch war. Sein blauer Roboter blieb neben dem Kommandostand stehen, als wollte er ihn bewachen.

In der Zentrale entbrannte eine heftige Diskussion. Die einen verlangten, Robinson und Cahn eine Loyalitätserklärung zu übermitteln, die anderen, die Mehrheit, stellte sich bedingungslos auf Bergens Seite. Zehn Minuten später verließ Oberst Ruud Zähring die Johann Sebastian Bach in einem Beiboot. Acht Offiziere und etwa doppelt so viele einfache Soldaten schlossen sich ihm an.

Dreißig Minuten später betrat Bergen wieder die Zentrale. Er wirkte vollkommen entspannt und ließ sich in seinen Sessel fallen. Bald perlten Pianoakkorde durch die Kommandozentrale. Zum ersten Mal fand Veron die Musik schön. „Bergen an alle. Es ist soweit. Sollten sich unsere Wege trennen, wünsche ich Ihnen Glück und Frieden. Leben Sie wohl!“

Calibo Veron ging zu seinem Kommandeur. Sein Roboter Heinrich trat zur Seite. „Folgende Männer und Frauen haben den Dienst auf Ihrem Flaggschiff quittiert, mein Subgeneral...“ Merican Bergen brachte seinen Sessel in Sitzstellung, die Musik wurde leiser, Veron nannte die Namen.

„Und Sie, Veron?“

„Ich bleibe, und folgende Männer und Frauen ebenfalls...“

Kurz darauf nahm die Johann Sebastian Bach Fahrt auf. Die Brüssel unter Ralbur Robinson und die Troja unter Sibyrian Cludwich schlossen sich ihr an. Am Rande des Maligniz-Systems sprang der kleine Verband mit unbekanntem Ziel ins Hyperuniversum...

20

Im Sternengeglitzer hinter der Frontkuppel war Doxa IV kaum noch von den Fixsternen seiner Umgebung zu unterschieden. Auf dem Viquafeld sah Venus drei schwarze Hufeisen, etwa so groß wie ihr Daumennagel. Wenn sie den Angaben der Instrumente auf der Konsole glauben konnte, waren die Verfolger noch über drei Millionen Kilometer entfernt. „Wir schaffen es!“ Der Einäugige im Kommandantensessel ballte die Fäuste. Ein Vogel hockte über ihm auf der Lehnenkante. „Verdammt noch mal – wir schaffen es...!“

Der Vogel hatte schwarzes Gefieder. Mit einer Mischung aus Furcht und Faszination behielt Venus ihn im Auge. Ihre Eltern hatten ihr von ähnlichen Geschöpfen berichtet. Venus hatte sie sich anders vorgestellt.

„KRV-Triebwerke aktivieren!“, rief der Mann im Kommandantensessel. Sein Haar war dicht und weiß, und sein Gesicht wie gemeißelt. Das schwarze Ding in seiner linken Augenhöhle verlieh ihm etwas Unheimliches. Er kam ihr nur wenig jünger vor, als ihr Vater. Seine Stimme allerdings schien ihr älter zu sein. Diese Stimme klang heiser und rau. Sie solle ihn Yaku nennen, hatte er gesagt. Aus irgendeinem Grund vertraute Venus ihm. Wahrscheinlich, weil er ihre letzte Hoffnung war. Sollte er sich als Lügner entpuppen, würde sie ihn töten.

Sie brach eine Ampulle auf, stach die Kanüle hinein und zog die vorletzte Dosis Serophium auf. Plutejo lag zitternd und zuckend und mit Schaum vor dem Mund unter dem Sessel vor der Navigationskonsole. Sie krempelte ihm den Jackenärmel am rechten Arm hoch, band den Oberarm knapp über dem Ellenbogen mit dem Waffenriemen ab und setzte die Spritze. Sekunden später hörte Plutejo auf zu zittern und zu zucken. Venus wischte ihm Schleim und Schaum aus dem Gesicht. Er setzte sich auf und blickte um sich, als wäre er aus einem schlimmen Traum erwacht. „Wo fliegen wir hin?“, krächzte er.

„Scheißegal!“, rief der Weißhaarige im Kommandantensessel. „Weg von hier, Hauptsache weg!“

„Wir müssen zur Erde“, sagte Venus.

Der Mann namens Yaku stieß ein grimmiges Lachen aus. „Ihr seid ja übergeschnappt! Aber warum nicht? Ich hätte mal ein ernstes Wort mit George dem siebenundsiebzigsten zu reden! Aber erst müssen wir die Scheißkerle von Sicherheit abhängen...!“

Die Geschwister sahen sich an. „Wer ist der Kerl?“ Plutejo hielt sich am Sessel fest. „Und was ist das für ein schwarzes Tier?“ Er langte nach dem Arm seiner Schwester. Angst weitete seine Augen. Er hatte gegen Roboter und schwerbewaffnete Sicherheitsoffiziere gekämpft, er hatte einen Frachter geentert und notgelandet, er war in einem Beiboot einer Flotte von Polizeigleitern entkommen – und nun fürchtete er sich vor einem Vogel.

„Reiß dich zusammen, Bruder“, herrschte Venus ihn an. „Das Vogeltier heißt Moses; ein Kolkrabe. Und der Mann darunter scheint ein Freund zu sein...“

„Yaku, mein Sohn, nenn mich Yaku! Wir springen...!“ Wie ein wildes Tier schrie er, schrie sich seine Erleichterung und seinen Triumph aus dem Leib. Venus packte das Spritzenbesteck in ihre Beintasche. „Es geht ins Hyperuniversum...!“ Der Mann, der Yaku genannt werden wollte, schüttelte die Fäuste.

„Ist er verrückt?“ Plutejo legte den Arm um seine Schwester; mehr um sich bei ihr festzuhalten als sie zu trösten.

„Vielleicht.“ Venus fixierte das Viquafeld unter der Frontkuppel. Die vielen kleinen, schwarzen Hufeisen verschwammen, dann erloschen sie. Zwei Klingen aus blendend weißem Licht schossen rechts und links der Frontkuppel in die Flugrichtung. Die Sterne an ihren Rändern verblassten. Dort, wo sie sich trafen, schien das All zu explodieren. Einen Atemzug lang wechselten Finsternis, bunte Lichtspiralen und rote Nebelschleier einander hinter der Frontkuppel ab. Danach funkelten die Sterne so dicht und so hell, dass Venus den Atem anhielt und Augen und Mund aufsperrte. „Wo sind wir jetzt?“, krächzte Plutejo.

„Nahe am Zentrum der Milchstraße“, sagte der Mann, der Yaku genannt werden wollte. „Hier können sie uns nicht so schnell anpeilen.“

Venus versank im Anblick der gleißenden Sternenwand. Sie kannte doch nur Felshöhlen, Bergwerksschächte und Eismauern. Nie zuvor hatte sie etwas derart Schönes wie diese Sternenpracht gesehen. Sie lächelte und seufzte. In der Sternenwand schien sich eine Tür zu öffnen; eine Tür in eine andere Welt. Venus sah plötzlich einen blauen Ozean, sah weiße Strände, Regenwälder und Flussmündungen an flachen Küsten. „Ich komme“, seufzte sie. „Ich komme zu dir...“ Sie schloss die Augen und sehnte sich danach, ihrem Vater von diesem Moment erzählen zu können...

Band 2: Galaktische Jäger

„Folgendes...“, sagte er, und es wollte ihm scheinen, als hätte er mit diesen drei Silben einen außergewöhnlich komplizierten Sachverhalt angedeutet, vielleicht sogar zum Ausdruck gebracht. „...folgendes also: So etwas erlebst du, sagen wir...“ Er legte seinen rechten Arm um den Häuptling der Dwingolangowars. „...sagen wir: alle tausend Jahre ein Mal...“ Er küsste den kugelköpfigen Schwarzpelz auf den Ansatz seines Rüssel. „...höchstens drei Mal..., nun ja..., jedenfalls freu ich mich, dass auch ihr gekommen seid...“. Und noch einen Kuss auf den Rüssel.

Beifall brandete auf unter den Gästen rund um den Pool.

Der Häuptling der Dwingolangowars brüllte erst vor Lachen und nickte dann zustimmend; obwohl er nichts verstanden hatte, nicht einmal Folgendes. Dennoch hob er seine Schale, und stieß mit dem Doktor an. „Wojaz pentargumalis, tastuk bellamartum“, röhrte er und leerte die Champagnerschale in einem einzigen Zug.

„Wirklich wahr...!“ Der Doktor lachte brüllend und tat es ihm gleich. Kein Wort des Anderen hatte er begriffen, nicht einmal wojaz, was in der Sprache der Ureinwohner von Fat Wyoming soviel bedeutete wie Lehrer, oder Medizinmann. Kann sein, der Doktor erfasste das mittels seiner legendären Intuition, denn er strahlte über sein ganzes breites Gesicht, rülpste und sagte: „Du hast ja vollkommen recht, so recht, so vollkommen recht...“ Und während sich die ungleichen und im Hinblick auf ihre Körpermasse und den Grad ihrer Trunkenheit doch so ähnlichen Kreaturen im dampfenden Wasser des Pools in die Arme fielen, applaudierte die Menge am Beckenrand erneut, brach sogar in Rufe der Begeisterung aus: „Hoch lebe Doktor Gender DuBonheur! Hoch lebe Ihre Exzellenz Dwingomayawaz von Fat Wyoming...!“ Der Doktor und der Häuptling lösten sich aus ihrer Umarmung, wischten Tränen der Rührung aus den Augen und prosteten in alle denkbare Richtungen. Zwei der nackten Mädchen im Pool schenkten ihnen Champagner nach, jemand reichte ihnen eine Gumbalaschkeule ins Becken hinunter, und im Chor zählte man: „Eins und zwei und...“, und bei drei schlugen Häuptling und Doktor ihre Zähne in das Fleisch der selben Keule. Ein beliebtes Verbrüderungsritual der Dwingolangowar-Jäger von Fat Wyoming.

Die Posaunisten auf der Terrasse spielten einen Tusch, räumten dann die improvisierte Bühne für die Trommler und Flötisten der Dwingolangowars, und eine Minute später erfüllten schrille Töne und wilde Rhythmen Salon, Terrasse, Garten und Hügel. Überall wurde wieder getanzt: Zwischen den Zierbüschen und Blumenbeeten, auf den Kieswegen und dem Gleiterparkplatz, im Salon und im Pool. Die schwergewichtigen Rüsselträger mischten sich unter die menschlichen Gäste, zogen nur mit Toga oder Schleier bekleidete Frauen und Mädchen an sich und begannen mit ihrem berühmt, berüchtigten Siegestanz. So schnell wirbelten sie die Menschenfrauen herum, dass ihnen die großen Ohrlappen waagrecht wie Schwingen von den Schädeln standen.

O ja, man schwelgte in Feierlaune im Hause DuBonheur, und das schon seit neunzehn Terrastunden. Mittlerweile neigte die Nacht sich ihrem Ende zu, und die meisten Gäste waren schon mehr oder weniger berauscht; die ersten lagen bereits schlafend zwischen Büschen und in Blumenbeeten, oder auf den Polstern des Salons. Aber immer noch strömten neue Gratulanten durch den Säuleneingang der Villa, und längst nicht mehr nur Bürger der Hauptstadt Big Cheyenne, sondern Leute aus Nachbarstädten und -ländern, von anderen Kontinenten sogar. Sie brachten Getränke, Delikatessen, Blumen oder willige Frauen als Geschenke mit, und sie sprachen dem Höchstgeehrten, wie DuBonheur sich jetzt nennen durfte, ihre Glückwünsche aus. Die meisten blieben und mischten sich unter die Feiernden; so wie die Abgesandten der Dwingolangowars.

Die übrigens hatten DuBonheur ein gebratenes und mit Pilzen gefülltes Gumbalasch als Präsent überreicht. Das thronte bereits auf einem Marmortisch neben dem Pool, wo mit Messer und Gabel bewehrte Männer und Frauen es belagerten. Gumbalasch hieß auf Fat Wyoming ein wildes Wasserschwein, das die bewaldeten Nordküsten des Hauptkontinents Godsown bevölkerte.

Wer auch immer das Säulenportal der DuBonheur-Villa durchschritt, musste zwangsläufig an dem fünf Meter breiten und drei Meter hohem Schild vorbeigehen, das der berühmte Wissenschaftler in aller Eile von einem stadtbekannten Künstler hatte anfertigen lassen. Noch vor Sonnenuntergang war es fertig gewesen: Über einer Spirale aus 793 goldenen Sternen auf blauem Grund stand in kunstvollen Buchstaben zu lesen: Höchstgeehrter der Galaktischen Republik Terra, und darunter 27. Januar 2554 nGG, 8:20 TPZ.

Um zwanzig nach acht Terra-Prima-Zeit nämlich hatte ein Gesandter von Terra Sekunda die persönliche Botschaft des Primdirektors und des P.O.L. überbracht; und mit den Glückwünschen der Republikspitze gleich die Auszeichnungsurkunde.

Ein Posaunentusch übertönte plötzlich Getrommel und Geflöte, „Der Subdirektor! Der Oberst!“, riefen mehrere Stimmen zugleich. Robotdiener eilten durch die Menge und zogen die beiden Flügel des Hauptportals auf. Das Licht des neuen Morgens wehte in den Salon, Seite an Seite traten zwei Männer ein. Getrommel und Stimmengewirr ebbten ab, die Tänzer hielten neugierig inne. Der linke Neuankömmling trug den roten und mit metallicblauen Borden, Tressen und Knöpfen verzierten Umhang eines Subdirektors über einem weißen Anzug, der rechte eine blaue Toga über der cremefarbenen Galauniform, deren silbergerahmte, blaue Schulterstücke ihn, genau wie die Togafarbe, als Oberst der Terranischen Flotte kennzeichneten. Die Gäste applaudierten höflich.

„Im Namen der Planetenverwaltung gratuliere ich Ihnen, Dr. Gender DuBonheur, zur Auszeichnung mit der Höchsten Ehre. Ein zweiter Sohn...!“ Tosender Applaus unterbrach den Verwaltungschef. Robotdiener überreichten den beiden Männern bis zum Rand gefüllte Champagnerschalen. Ein Tusch ertönte, ein Trommelwirbel – der Applaus legte sich, und der erste Mann des Planeten konnte fortfahren. „Ein zweiter Sohn von Fat Wyoming erhält somit die Ehrung des Primus Orbis Lacteus, ein zweiter Höchstgeehrter wird uns somit künftig auf Terra Prima repräsentieren...“, was ihn mit großem Stolz erfülle, und so weiter, und so weiter.

Der erste Bürger von Fat Wyoming, der die Auszeichnung und damit die Einladung nach Terra Prima erhielt, war ein Bildhauer namens Rochelle gewesen. Das war allerdings schon über achthundert Jahre her. Der Subdirektor hielt eine halbstündige Rede, in deren Verlauf er DuBonheurs Verdienste würdigte, sein Geschenk schilderte, und weitere Betrunkene einschliefen. Sein Geschenk: Eine festliche Abschiedsgala auf allen Plätzen und in allen Festsälen der Hauptstadt in einer Woche. Dr. Gender DuBonheurs Verdienste: Er war einer der drei besten Quanteningenieure und Kunsthirnspezialisten der Republik und hatte einen Quantenprozessor entwickelt, der die Persönlichkeitsentwicklung bei Rechnern jeder Art zuverlässig verhinderte.

Der Subdirektor – er hieß übrigens Jourdan – schloss mit den Worten: „Damit Sie, Ihre Sippe, und Ihre Eidmänner, Höchstgeehrter, auf denkbar komfortabelste Weise nach Terra Prima übersiedeln können, habe ich mich entschlossen, Ihnen für die lange Reise einen Regierungskreuzer der Luxusklasse zur Verfügung zu stellen!“ Wieder erhob sich tosender Beifall, wieder Posaunentusch, Trommelwirbel und Hochrufe.

Die Ansprache des Oberst – Pierreluigi Kühn stand in silbernen Buchstaben auf dem blauen Namensschild über der linken Brusttasche seiner Uniformjacke – seine Ansprache also fiel erheblich kürzer aus. Er sagte die Hilfe seiner Soldaten beim Verpacken des Hausrates der DuBonheur-Sippe und ihre Gefolges und die Eskorte mit zwei Triaden der Wyomingflotte zu. Der Start sei für den Abend des 6. Februars vorgesehen, und er, Kühn, werde den Verband persönlich mit seinem Flaggschiff anführen.

Oberst Pierreluigi Kühn, der zweite Mann auf Fat Wyoming, kommandierte den kleinen Wachverband im System Wyoming.

DuBonheur, im rechten Arm eine Nymphe, im linken den Häuptling der Dwingolangowars, wartete geduldig bis Posaunen, Trommeln, Flöten und Hochrufe verstummten. „Ich danke Ihnen..., verehrter Subdirektor..., verehrter Oberst...“ Seine Zunge gehorchte ihm nur noch widerwillig, aber sie gehorchte. „Darf ich..., darf ich Sie zu mir und Ihre Excellenz Dwingo..., Dwingomayawaz in den Pool einladen? Und..., ähm..., und zu den Damen selbstverständlich...“

1

Wieder fuhren die KRV-Triebwerke hoch, wieder schossen zwei grellweiße Lichtklingen rechts und links der Frontkuppel in Flugrichtung, und wo sie sich im All schnitten, erblühte wieder eine farbenprächtige Glutblase. „Der letzte Sprung!“, rief Yaku. „Der noch, und dann sind wir erst mal in Sicherheit!“

Der hochgewachsene, knochige Mann in der frackartigen roten Lederjacke und der blauen ISK-Kappe auf dem weißen Langhaar sank zurück in den Kommandantensessel. Sein Vogel flatterte von der Armlehne auf und landete über ihm auf der Sessellehne. Besorgt betrachtete der Reeder von Doxa IV die kleinen Arbeitssichtfelder vor sich auf der Konsole. Das Bordhirn gab Maschinenwarnung: Die Energiekammern glühten, die Druckfusionsreaktoren waren fast leer. Zu weit und zu oft hintereinander gesprungen; vor lauter Angst. Jetzt aber brauchten die Triebwerke eine Ruhepause; und die Treibstoffautomatik Zeit, um neues Glaurux in die Reaktoren zu schaffen.

„Und nun zu euch!“ Sein zerfurchtes Gesicht wandte sich der jungen Frau im Navigationsstand zu. Sie war nicht besonders groß und von sehniger Gestalt. Ein dunkler Lederanzug hing ihr in Fetzen vom Leib. Die Farbe ihrer Haut erinnerte Yaku an polierte Bronze. Blutige Schrammen bedeckten ihr schönes Gesicht, ihre langen schwarzen Locken war teilweise versengt. Venus hieß sie.

„Wart ihr das, die den havarierten Frachter auf Doxa IV notgelandet haben?“ Das rechte Auge des Weißhaarigen musterte Venus neugierig aber ohne Misstrauen. Unter dem weißen Gestrüpp der linken Braue steckte eine schwarze, glanzlose Kugel in der Augenhöhle. Venus vermutete, dass er damit sogar besser sah, als mit seinem gesunden Auge. Sie nickte. Hinter der Frontkuppel rotierten mittlerweile bunte Lichtspiralen durch rotleuchtende Schwaden. Die Jerusalem sprang durch das Hyperuniversum noch ein Stück näher ans galaktisches Zentrum heran. „Und wo kommt ihr her?“

Er sprach vom Bruder der Frau, von einem Kugelroboter und von ihr selbst. Den Kugler hatte Yaku zerstört, als er die Eindringlinge kurz nach dem Blitzstart zwischen Zentrale und Lifteinstieg seines Omega-Frachters gestellt hatte. Ihr Bruder saß unter ihnen auf Ebene II und versuchte die Jobs eines Aufklärers und eines Kommunikators zu erledigen. Und Venus? Nun, im Navigationsstand hockte sie, wie gesagt, und jetzt staunte sie schon wieder die dicht an dicht stehenden Sterne jenseits der Frontkuppel an.

Als wäre sie nie zuvor im Grenzbereich des Milchstraßenzentrums gewesen, dachte Yaku. Sie hielt sogar die Rechte schützend über ihre zusammengekniffenen Augen, als würde das in der Tat gleißende Licht sie blenden. Yaku fuhr den Lichtfilter hoch, die Helligkeit in der Zentrale nahm ab.

„Ich dreh ab, ich werd wahnsinnig“, tönte die Stimme des Jungen aus dem Bordfunk. „Schaut euch das an, ich ertrag es nicht...!“ Die Stimme überschlug sich. Sie klang nicht nach Entsetzen, sie klang nach Begeisterung. „Soviel Licht! So viele Sonnen!“

Yakus Neugier schlug in Erstaunen um. Sie hatten tatsächlich keine Ahnung, wie das Zentrum der Milchstraße aussah? Zeigte man den Kindern der Republik nicht spätestens in der Grundstufe der Kinderakademie Bilder des galaktischen Zentrums? „Wo ihr herkommt, habe ich gefragt.“

„Von Genna im System Maligniz“, antwortete Venus. „Und jetzt stehen wir in K 289 Süd P 2 Strich 9 HLB 98,3 Strich 81,2 Strich 13,6. TPD 28.982 Lichtjahre. Etwa 2.319 Lichtjahre jenseits der Republikgrenze...“

„Ich glaub es nicht, ich glaub es nicht...“ Der Junge in Ebene II hatte sich noch immer nicht beruhigt. Er hieß Plutejo. „...nur noch 5.677 Lichtjahre vom Zentrum der Milchstraße entfernt..., schön, wunderbar, göttlich...! Keine auffälligen Objekte...! Unglaublich herrlich...! Wir sind noch mit 67 Prozent Lichtgeschwindigkeit unterwegs...!“

„Kommandant an Ebene II!“, rief Yakubar Tellim Richtung Mikros. „Komm auf den Boden zurück, mein Sohn!“ Die Freudenrufe des Burschen verstummten. „Genna, sagten Sie?“ Sein rechtes Auge wurde zu einem Schlitz. Yaku Tellim hatte mal einen Sträflingstransport nach Genna geflogen. Damals war er Subhauptmann der Flotte gewesen. Über dreißig Jahre her. Oder länger noch? Wie auch immer: Genna gehörte zu den acht Dutzend mehr oder weniger lebensfeindlichen Planeten der Republik auf denen Sträflinge Bodenschätze abbauten; Glaucauris in der Regel, manchmal auch Quoditan oder ähnliches. In Genna arbeiteten und lebten die Sträflinge unter einer mehr als kilometerdicken Eisdecke. „Was bei allen Teufeln der Milchstraße sollte Jungvolk wie ihr auf Genna verloren haben?“

„Wir sind dort geboren“, antwortete die Bronzefarbene mit einer Selbstverständlichkeit, in der andere Bemerkungen über das Wetter oder die miese Bezahlung bei der Flotte fallen lassen.

„Ihr seid was?“ Yaku traute seinen Ohren nicht. Er belauerte die junge Frau im Navigationsstand von der Seite. Sein anfängliches Misstrauen gewann wieder die Oberhand. Also doch eine Lügnerin! Eine schlechte allerdings, denn ihre Behauptung war so absurd, dass nicht einmal ein Schwachkopf sie glauben würde. Legte eine Notlandung hin, thronte im Navigationsstand wie eine Große, gab ihm Koordinaten am laufenden Meter durch, und behauptete im selben Atemzug in Höhlen unter dem Eis eines Bergwerksplaneten geboren und großgeworden zu sein!

Andererseits – war sie nicht eine verdammt gute Lügnerin, wenn sie einen solchen Quatsch ohne Anflug von Heiserkeit erklären konnte, ohne das geringste Zucken im Gesicht und in größer Selbstverständlichkeit?

„Hören Sie zu, Venus!“ Er wurde laut. Das machte seinen Raben nervös, so dass das Tier anfing zu krächzen. „Ich lass mich nicht gern verarschen! Ist das klar, verdammt noch mal?!“

„Schon klar. Entfernung von Doxa IV tausendeinhundertachtzig Lichtjahre“, sagte die Frau, die sich Venus nannte. „Entfernung zur letzten Position zweihundertachtundsiebzig Lichtjahre, Kurs K 290 Süd P 2 Strich 8...“ Möglicherweise hieß sie ja gar nicht Venus...?

„Verflucht!“ Yaku stieß sich kraftvoll ab, sein Sessel machte zwei Drehungen. Moses flatterte auf, krächzte zeternd, drehte eine Runde durch die Zentrale und landete auf der Balustrade neben dem Treppenabgang. „Sie sind höchstens fünfundzwanzig Jahre alt!“ Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf sie. „Sie wollen diese fünfundzwanzig Jahre angeblich in Höhlen und in Bergwerken zugebracht haben, und fliegen trotzdem einen beschädigten Frachter von Genna nach Doxa IV?!“

„Sechsundzwanzig Jahre!“, rief sie.

Er sprang auf, kam zu ihr, stützte sich auf ihre rechte Armlehne. „Sie behaupten sechsundzwanzig Jahre unter Eis gelebt haben, steuern aber einen Sparklancer, sprechen mit meinem Bordhirn wie mit einem Kumpel, stehen mit dem Neuen Galaktischen Koordinatensystem auf Du und gebrauchen Begriffe wie Visuquantenfeld und TPD, als wären sie Ihnen von Kindesbeinen an vertraut?!“

„Sie sind mir von Kindesbeinen an vertraut, Yakumann!“ Eine Zornesfalte furchte die Stelle zwischen ihren blauschwarzen Brauen. „Terra-Prima-Distanz – die Entfernung zwischen einer galaktischen Position und dem verbotenen Planeten.“ Venus aktivierte das Sichtfeld unter der Frontkuppel. „Das da ist ein sogenanntes Visuquantenfeld, auch Viqua- oder VQ-Feld genannt, das Hauptsichtfeld.“ Sie deutete auf den mit blauem Kunstleder verkleideten Wulst entlang des Kuppelrahmens. „Dahinter verlaufen Spiralleitungen aus Gold, Fieberglas und Platin. Sie erzeugen Abbildungen beliebiger Größe von jedem beliebigen Objekt, das die Aufklärung ortet und das Bordhirn in Form, Farbe und Konsistenz umrechnet.“ Sie zeigte auf die kleinen Arbeitssichtfelder des Navigationsstandes. „Diese Dinger funktionieren so ähnlich, sind aber in ihrer Ausdehnung begrenzt. Wir sitzen in seinem Omega-Frachter der Klasse II...“

„Hören Sie auf!“ Yaku machte eine grimmiges Gesicht. Das fiel ihm nicht schwer. „Ich glaube Ihnen kein Wort. Wo kommt ihr her?“ Er richtete sich auf.

„...Innenschenkeldurchmesser, abgekürzt ISD, hundertachtzig Meter. Höhe in Frontkuppelmitte vierundzwanzig Meter. Die Außenhülle eines Omega-Raumers ist aus Quotarbon. Ein Omega-Raumer ...“

„Sie sollen aufhören, verdammt noch mal!“

„...kann dank seines kontrollierten Raumzeit-Verzerrungs-Doppeltriebwerks durch das Hyperuniversum zu jedem beliebigen Punkt der bekannten Galaxis fliegen!“ Auch Venus wurde jetzt laut. „Die Scheißenergie dazu liefert ein Scheißzeug mit dem Scheißnamen Glaurux...!“

„Schluß jetzt, verdammt noch mal!“ Yaku packte sie bei den Schultern und riss sie aus dem Sessel.

„..und den Scheißrohstoff dafür haben wir aus dem verdammten Fels von Genna gesprengt, gekratzt und gehauen!“ Venus schrie aus Leibeskräften. „Das verdammte, verfickte Scheißglaucauris! Unsere Mutter, unser Vater, unsere Schwestern, unsere Brüder...!“ Sie schrie und weinte dabei.

„Lass sie los, Mann!“

Yaku fuhr herum. Am Treppenaufgang stand der Junge. Ein Riesenkerl mit breiten Schultern und kurzen, schwarzen Locken. Schürfwunden bedeckten auch sein Gesicht. Er schwankte. „Du sollst sie loslassen, hast du nicht verstanden, Alter?“ Er sprach bedrohlich leise, seine Stimme vibrierte und das Kaskadengewehr in seinen Händen zitterte. Seine Rechte war schwarz von Ruß, die Knöchel seiner Linken aufgeschlagen. Er richtete den Waffenlauf auf den Weißhaarigen. „Ich zähle bis drei...“

Yaku ließ die Frau los. „Du nennst mich noch einmal ‚Alter’, Bürschlein...“, zischte er.

„Siehst du nicht den Blaustich seiner Haut?“, schluchzte Venus. „Glaucauris-Strahlung! Hast du nicht gesehen, was für ein zitternder Haufen Elend er war, bevor ich ihm die Spritze gab? Das Gegenmittel!“

„Er ist serophiumsüchtig?“ Yaku schluckte.

„Das kannst du glauben, Mann!“ Plutejo wankte auf den Kommandostand zu. Noch immer zielte er auf Yakubar. Moses flatterte um ihn herum und schimpfte krächzend. Der Junge schlug nach ihm, der Rabe flüchtete sich auf Yakus Schulter. „Wir haben den Frachter geentert, Mann!“ Die Lippen des Jungen bebten, seine Augen waren glasig. „Hat unserer halben Sippe das Leben gekostet..., zeig ihm das Ding, Schwester.“

Venus zog eine ISK-Kappe aus ihrer Beintasche und reichte sie dem Weißhaarigen. Sie weinte leise in sich hinein. Yaku betrachtete die Steuerungskappe. Sie sah schäbig aus und war silbergrau statt blau, wie die Standardmodelle. Aber es war eine Individuelle Steuerungskompetenz-Kappe, keine Frage.

„Damit haben wir die Kiste zu deinem Planeten geflogen, Mann!“ Plutejo atmete schwer. „Unser Vater und Spezialisten des Freiheitsrates haben fast fünf Jahre an drei solcher Steuerungskappen gearbeitet...“ Der Junge sank in die Knie. Schleim tropfte aus seinen Mundwinkeln. „Ich brauch das Zeug, Schwester...“

„Ich kapier nicht...“ Yaku Tellim gab Venus das Steuerungsmodul zurück. Er war hin und hergerissen. „Wieso konntet ihr mit sowas umgehen? Wie konntet ihr einen Frachter steuern, wenn ihr nichts als Eis und Glaucaurisstöcke kanntet?“ Hundert Fragen schossen ihm durchs Hirn. „Wieso kennt ihr euch mit Navigation und Kommunikation aus?“

Venus stand auf, schob Yaku zur Seite und bückte sich nach ihrem Rucksack. „Wir haben einen guten Lehrer gehabt, Yakumann“, sagte sie müde. „Den besten, den die Republik zu bieten hat.“ Sie schleppte den Rucksack zu ihrem Bruder und ging neben dem Zitternden in die Knie. „Unseren Vater. Von klein auf ist er mit uns durch sein Flaggschiff spaziert, durch jeden Schacht, durch jeden Gang, in jede Abteilung...“

„Flaggschiff? Spaziert...? Auf Genna? Ich kapier nicht...“

„In Gedanken, Yakumann! Bist du so dämlich, oder tust du nur so?“ Venus holte das Spritzenbesteck heraus, steckte die Kanüle auf die Spritze, stach sie in eine fast leere Stechampulle und zog die letzten drei Milliliter einer klaren, öligen Substanz auf.

Serophium. Yakubar Tellim wusste, dass man damit die Sträflinge in den Glaucaurisbergwerken vor der Strahlung schützte; und sie gleichzeitig abhängig machte. „Und warum sind Sie dann nicht süchtig?“ Ein letzter Versuch, das Unglaubliche nicht glauben zu müssen.

Venus band Plutejo den Arm ab. „Weil mein Vater vor zwanzig Jahren anfing, dafür zu sorgen, dass Mädchen nicht mehr in die Bergwerke müssen, und weil der Freiheitsrat von Genna ein paar Jahre später ein wirksames Gegenmittel gegen die Nervenschädigung durch die Strahlung entwickelt hat. Und nicht nur das hat er entwickelt...“

„Freiheitsrat...?“ Yaku runzelte die Stirn. „Was redest du da...?“ Seltsam brüchig klang seine Stimme plötzlich.

„...mein Vater hat ihn gegründet. Über die Hälfte aller Sträflinge von Genna und von Orkus sind von der Droge losgekommen. Anders hätten wir den Aufstand nicht durchgezogen.“ Sie spritzte ihrem Bruder das Serophium.

Yaku schüttelt den Kopf. „Aufstand, aha. Ein Freiheitsrat auf Genna, aha...“ Kopfschüttelnd schlenderte er zurück zum Kommandostand. Dort lag ein großer, schwarzer Aktenkoffer auf der Konsole. Er enthielt alles, was Yaku Tellim vor seiner Flucht unentbehrlich erschienen war, alles, was er aus seinem Apartment hatte mitnehmen können ohne die Aufmerksamkeit der Exekuter von Doxa City zu erregen. „Und wie heißt Ihr Vater?“ Yaku öffnete den Koffer und entnahm ihm eine volle Flasche Whisky. Es knackte, als er die metallene Versiegelung des Korkens löste.

„Uran Tigern.“

Über die Schulter sah Yaku zurück. Sie wischte ihrem Bruder den Schaum vom Mund. „Primoberst Tigern?“ Wieder runzelte er die Stirn. Wenn man siebzig Jahre alt war und sechszehn davon bei der Flotte gedient hatte, kannte man zwangsläufig auch den Namen Tigern. „Ihr..., ihr seid Kinder von Tigern...?“

„Und jetzt du, Mann!“ Plutejo streifte den Ärmel seiner grobgewebten schwarzen Kunstfaserjacke herunter und stemmte sich auf Fäuste und Knie. Seine Zunge war noch schwer, aber in seiner Stimme schwang schon wieder eine Menge Zorn. „Wer sagt uns denn, dass du nicht ein verdammter Verbrecher bist, he? Ein mieser, dreckiger Frauenhändler oder sowas? Irgendeinen Grund musst du doch gehabt haben für deinen halsbrecherischen Blitzstart!“ Er richtete sich auf den Knien auf und wischte sich den letzten Speichel aus dem Bartflaum. Obwohl er jung und kräftig war, sah er zum Erbarmen aus mit seiner blauen Haut, seinem blutverkrusteten Gesicht, seinen hohlen Wangen, seinen fiebrigen Augen und seinen grauen Lippen. „Die Scheißkerle waren doch auch hinter dir her, oder, Mann?“

„Ja, das waren sie.“ Yaku entkorkte die Flasche und nahm einen Schluck. Moses stieß ein zeterndes Chrjakuchrjaku aus und hackte mit dem Schnabel nach Yakus Elfenbeinohrring. „Ich hab die Einladung in den Ruhepark ausgeschlagen.“ Mit einer Handbewegung verscheuchte er den Raben von seiner Schulter. Der flatterte auf die Sessellehne. „Ich bin einfach nicht hingegangen...“ Wieder setzte er die Flasche an, wieder schimpfte der Vogel.

„Was trinkst du da, und was beim grauen Eis von Genna ist ein ‚Ruhepark’?“, rief Plutejo. Venus legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, packte das Spritzenbesteck in den Rucksack und stand auf.

„Das ist Whisky. Ein Schnaps der besonderen Sorte, falls dir das was sagt, mein Sohn. Und der Ruhepark ist eine Art Sterbeklinik. Wenn man seinen Siebzigsten gefeiert hat, wird man schriftlich aufgefordert, sich dort einzufinden und das Geburtstagsgeschenk der Republik in Empfang zu nehmen; eine Spritze. Manchmal auch früher, manchmal auch später.“ Yaku lachte bitter. „Das hat euch euer Vater also nicht erzählt?“

„Nein“, sagte Venus. „Aber er erwähnte mal, dass Alkohol in der Republik verboten ist.“

„Das findet dieser vorwitzige Geier auch.“ Yaku zeigte mit der Flasche auf Moses und grinste. „Aber seit gestern, fünfzehn Uhr, ist es mir sogar verboten zu leben.“ Yaku drehte sich nach der Zeitangabe auf seinem Arbeits-Sichtfeld um – 54-29-01 0:32:56. „Seit neuneinhalb Stunden, um genau zu sein. Wer dieses Verbot übertreten hat, für den gilt auch sonst kein Verbot mehr. Ja, so sehe ich das.“ Er hob die Flasche. „Wollen Sie?“ Sie schüttelte stumm den Kopf. Dafür nahm Yaku noch einen Schluck.

„Du hattest einen Termin zum Sterben und bist nicht hingegangen?“ Der Junge kicherte; die Vorstellung schien ihn zu erheitern. „Du bist einfach nicht hingegangen?“ Plutejo schlug sich auf die Schenkel. „Einfach nicht hingegangen!“ Sein Lachen klang gut. „Einfach einen Frachter geklaut und abgehauen! Fast wie wir...!“

„Ich hab’s nicht nötig ein Schiff zu klauen, du Wichser!“ Yaku ärgerte sich, weil der Junge den Spieß herumgedreht und ihn ausgefragt hatte. „Ich hab..., ich hatte eine Reederei! Die Jerusalem ist mein Eigentum.“

„Wichser?“ Plutejos breites Gesicht verzog sich zu einer misstrauischen Miene. „Was ist das?“ Er sprang auf.

Venus ging zu Yaku. Nahe bei ihm blieb sie stehen und sah zu ihm hinauf. Er konnte die Wärme ihres Körpers spüren. Und Himmel – welche Augen! Allerdings stank sie; sie stank sogar bestialisch.

„Ich will wissen, was ein Wichser ist, verdammt noch mal!“ Breitbeinig und mit geballten Fäusten ging Plutejo auf Yaku zu. „Weg da, Schwester!“

„Hüten Sie Ihre Zunge, Yakumann!“, zischte Venus. „Ich habe ihm gerade die letzte Dosis gespritzt. In etwa neun Stunden braucht er wieder Stoff. Und da er keinen kriegen wird, wird er hier alles kurz und klein hauen...“

„Scheiße...“ Yaku nahm noch einen Schluck.

„Da! Sie kommen!“ Der junge Hüne blieb zwei Schritte vor ihnen stehen. Er deutete auf das Viquafeld. „Sie haben uns gefunden!“ Ein akustischer Alarm ertönte. Das Bordhirn hatte die Daten der Aufklärung auf das Hauptsichtfeld geschickt. „O heiliger Eiswurm von Genna! Die Drecksäcke haben uns gefunden...!“

Yaku trat nahe an die Frontkuppel und starrte in das Quantenfeld. Ein stacheliger Kloß schwoll in seiner Kehle: Drei Omega-Raumer nahmen Kurs auf die Jerusalem. Ein vierter tauchte eben aus dem Hyperuniversum auf...

2

Töne wie Molekülstrukturen – exakt, rein, in strenger Ökonomie gebaut, und dennoch pulsierend vor Lebenskraft. Wunderbar!

Er schloss nicht gerade die Augen – das konnte er nicht – doch er senkte sein optisches Energieniveau zugunsten seines akustischen ab.

Akkorde wie unerwartete Schritte einer Rechenoperation – folgerichtig, aufeinander aufbauend, miteinander verwoben, zu dem einzig möglichen Schluß führend. Unglaublich!

Plötzlich registrierte er den Rothaarigen am Flügel nur noch beiläufig, plötzlich schwelgte er in Molekülstrukturen, die sich in Zahlen und Zeichen auflösten, plötzlich erfüllten Zahlen und Zeichen sein Bewusstsein, vereinigten sich zu einem Fluss, der wieder zu einer kristallinen Struktur zusammenströmte, zur einzig logischen. Seine Prozessoren wurden warm, sein Quantenkern vibrierte und schien plötzlich über seinen blauen Kristallkörper hinauszuwachsen. Die Welt kam ihm vollkommen vor in diesen Sekunden, durchschaubar, sinnvoll sogar und vollkommen.

Vielleicht war es das, was sie Rausch nannten; oder Ekstase; oder Orgasmus.

Dieser letzte Gedanke riss ihn schon wieder heraus aus dem, was die Organhirner vermutlich Rausch oder Ekstase oder Orgasmus nannten. Der Mann am Flügel aber schloss jetzt tatsächlich die Augen. Das Geflecht von Akkorden wollte den Kuppelraum sprengen, brachte seine Kristallhaut zum Schwingen. Der Mann am Flügel verlor sich in seiner Musik, das rote Langhaar flog ihm um Schulter und Wangen. Er beneidete ihn. Erstaunlich – er war in der Lage einen Organhirner zu beneiden!

Meldung des Ersten Offiziers, mogelte sich in eine Stimme in Töne und Akkorde. Die Stimme des Bordhirns. Primoberst Cludwich und Primoberst Robinson mit Begleitern sind an Bord gekommen. Sie erwarten den Subgeneral in der Kommandozentrale...

In den wenigen Stunden, die der Kommandant der Johann Sebastian Bach nicht in seinem Kommandostand verbrachte, lehnte er es ab die Kunststimme des Bordhirns hören zu müssen. Er, sein ständiger Begleiter, speicherte und filterte die Informationen aus der Kommandozentrale und übermittelte sie zur gegebenen Zeit an Merican Bergen; falls sie wichtig waren.

Diese war wichtig.

Er stelzte zum Piano, legte seine Rechte auf den schwarzen Rahmen und wartete. Töne und Akkorde perlten nun hinter einen unsichtbaren Horizont – leise, geheimnisvoll, verschworen folgte einer dem anderen.

Er hob seinen kristallinen Kopf. Über der Kuppel glitzerten fremde Sternkonstellationen. Er sah über den Flügel hinweg durch den Heckteil der gewaltigen Frontkuppel. Die Kuppeln über Maschinen- und Gefechtsleitstand auf dem Heckquerholm waren erleuchtet. Auch die Triebwerke konnte man von der Privatsuite des Kommandanten aus zur Hälfte sehen. Ihre Öffnungen glühten nicht. Helles Licht durchflutete den Raum außerhalb des Omega-Schiffes, ein Licht, in dem der mattschwarze Rumpf der Johann Sebastian Bach wie ein Spalt zur einer anderen, lichtlosen Welt wirkte. Sie und ihre beiden Begleitschiffe schwebten in der Korona einer Sonne.

Bergen holte Töne und Akkorde noch einmal hinter dem Horizont hervor, jagte sie noch einmal durch den Kuppelraum und drückte einen Schlussakkord in die Tasten. Ohne Eile schloss er danach den Deckel der Klaviatur und stand auf. „Sie sind gekommen, Heinrich?“

„Alle. Sie warten bereits.“

„Gut.“ Der Subgeneral ging in die Nasszelle, spritzte sich das Gesicht mit kaltem Wasser ab, trocknete sich Haar und Haut, tupfte Parfüm auf seine Schläfen. Heinrich sah es nicht – er hörte, roch und wusste es. Vorsichtig hob er den Deckel von der Klaviatur. Behutsam glitten seine kristallinen Fingerbeeren über einige Tasten. Seine Tastsensoren spürten Wärme, eine augenscheinlich glatte, aber in Wahrheit ziemlich rissige Oberfläche. Elfenbein?

Der Subgeneral kam aus der Nasszelle. „Gehen wir.“ Schon strebte seine kleine, drahtige Gestalt dem Schott entgegen. Heinrich blickte ein letztes Mal auf die Tasten, schloss dann den Deckel und folgte Merican Bergen auf den kurzen Verbindungsflur zwischen Zentrale und Kommandantensuite hinaus. Hinter ihnen schloss sich geräuschlos das Schott.

Heinrich rief die Molekülstrukturen und Zahlenreihen der letzten halben Stunde in sein Bewusstsein zurück. Sofort erfüllten Töne und Klänge ihn wieder bis tief in seinen Quantenkern. Selten spielte Merican diese Fuge. Sie stammte natürlich von jenem Manne, dessen Name das Flaggschiff trug. Ein gewaltiges Stück Musik, soweit er das beurteilen konnte – wie kam er eigentlich zu dem Urteil? – zuletzt hatte er es Merican vor achtzehn Jahren spielen hören; nach dem Abschied von dessen Großvater; in dessen Haus auf Terra Sekunda.

Heinrich kannte Bergen wie kein zweiter. Genau genommen seit neununddreißig Jahren, seit seiner Geburt also. So wähnte er sich gut im Bilde über das, was in diesem Mann gerade vorging: Die Verantwortung für die Männer und Frauen, die nach seinem Aufruf mit ihm desertiert waren, lag ihm schwer auf der Seele.

Das Schott zur Zentrale schob sich auseinander. Die beiden Ebenen der zwanzig Meter durchmessenden Zentrale lagen unter der gleichen Kuppel wie die Kommandantensuite, unter der Frontkuppel nämlich. Nur blickte man von der Zentrale aus in Richtung Flugrichtung, während man von der Kommandantensuite und der darunter liegenden Messe aus den Heckbereich des Omega-Raumers überblicken konnte.

Seite an Seite traten sie ein, der kleine, hagere Subgeneral und der um einen halben Kopf größere kristallblaue Roboter. Gespräche verstummten, Männer und Frauen rund um den Kommandostand erhoben sich von Sesseln.

Sie schritten entlang der Balustrade über die Galerie. Zehn Meter unter ihnen der Boden von Ebene II, wo Aufklärer und Kommunikatoren an ihren Instrumenten saßen. Ebene I, die Kommandoebene, war an der höchsten Stelle ihres transparenten Kuppelgewölbes zwölf Meter hoch.

Ein zierlicher Mann mit schwarzer Haut kam ihnen entgegen – Calibo Veron, Erster Offizier der Johann Sebastian Bach. Er trug die blaue ISK-Kappe. „Mein Subgeneral - die Führungsoffiziere der Troja und der Brüssel.“ Er wies auf die sieben Männer und Frauen beim Kommandostand.

„Danke, Suboberst.“ Bergen ging voraus. Wenige Schritte vor den Offizieren blieb er stehen. Er nickte grüßend, und Sekunden lang blickte er einem nach dem anderen in die Augen. Ungewöhnlich ernst wirkte seine Miene in diesen Momenten. „Meine Damen und Herren“, sagte er schließlich. „Sie sind mir auf einem schweren Weg gefolgt. Eine Entscheidung, die Sie Ihre Karriere kostet, vielleicht sogar Ihr Leben. Ich danke Ihnen.“

Nach diesen knappen Worten drückte er unter dem Beifall der anwesenden Besatzungsmitglieder jedem der Sieben die Hand: Primoberst Sibyrian Cludwich, dem Kommandant der Troja, dessen Erstem Offizier Oberst Homer Goltz und der Zweiten Offizierin Suboberst Regula Bern; danach Primoberst Ralbur Robinson, dem Kommandanten der Brüssel, seiner Frau Leutnant Zeelia Peer-Robinson, Kommunikatorin der Brüssel, und Robinsons Erster und Zweiter Offizierin Oberst Li Ling und Primhauptfrau Sarah Calbury.

Anschließend blickte er erneut in die Runde. „Ich habe einen Befehl verweigert, dessen Befolgung Millionen von Menschen das Leben gekostet und der nach meiner Auffassung gegen die Verfassung der Galaktischen Republik Terras verstoßen hätte. Ich beziehe mich auf den Paragraphen über das Verbot von Völkermord, wie Sie wissen. Die Sträflingskolonie auf Genna ist eine eigenständige Gesellschaft mit gewachsenen Strukturen, also ein Volk. Ich habe die Offiziere der im Maligniz-System operierenden Schiffe des Zwölften PK-Verbandes aufgefordert meinem Beispiel zu folgen. Sie und viele ihrer Besatzungsmitglieder haben es getan. Eine schwere Entscheidung zu treffen ist eine Sache, die Konsequenzen zu tragen, eine andere. Wir sollten uns jetzt über unsere Zukunft Gedanken machen. Ich darf Sie und meinen Ersten Offizier Suboberst Veron in die Offiziersmesse bitten.“ Leiser und an die Adresse Verons fügte er hinzu: „Pazifya soll übernehmen, sagen Sie ihr bitte Bescheid.“

Veron nickte, zog sich die Steuerungskappe von seinem kurzen, schwarzen Kraushaar und ging zum Navigationsstand. Dort arbeitete eine Primhauptfrau namens Pazifya Corales als Erste Navigatorin. Nachdem Bergens Erster Offizier Zähring sich von ihm abgewandt und die Johann Sebastian Bach verlassen hatte, trug sie bei Bedarf Zährings nun auf sie geeichte Individuelle Steuerungskompetenzkappe. Die schöne Asiatin war in die Funktion des Zweiten Offiziers aufgerückt, nach dem der Kommandant Veron zu seinem Ersten Offizier befördert hatte.

Merican Bergen wandte sich nach Heinrich um. „Sorge für einen Imbiss und Getränke, mein Lieber. Und für dezente Hintergrundsmusik; irgend etwas Entspannendes, vielleicht Harfe und Orgel...“

3

Der Mann an der Balustrade zu Ebene II erinnerte sie an ein Wesen aus Kindheitstagen. Viel kleiner als er, ohne Atemmaske natürlich, und ohne verständliche Sprache. Es hatte oft gesungen, jenes Wesen aus Kindheitstagen, sie erinnerte sich genau, mit heller Stimme und lieblichen Flötentönen gesungen.

Schöne Erinnerung. Komisch eigentlich, dass sie ausgerechnet jetzt daran dachte, jetzt, wo der Tod schon wieder antrat, Schatten auf ihr Leben zu werfen. Ein Nachbar in der Venuskolonie hatte das Wesen in einem Holzkäfig gehalten. Es konnte fliegen – genau! – und hörte sogar auf einen Namen. An den jedoch erinnerte Anna-Luna sich nicht mehr.

Den Namen des Mannes an der Balustrade dagegen hatte sie nicht vergessen: Uwu’nilan Tagalembur. Mit diesen beiden seiner vier oder fünf Namen stand er auf ihrer Honorarliste. Waller Roschen hatte ihn einst angeworben. Das Auffälligste an ihm waren die langen Zehen in den Leichtmetallkettenschuhen, die gefiederten Arme und die langen, spitzen Finger seiner flaumbedeckten Hände; auffällig für denjenigen jedenfalls, der seinesgleichen zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Anna-Luna war zum zweiten Mal auf Taurus, und Uwu’nilan sah sie zum dritten Mal. Oft genug für sie, um den Anblick eines gefiederten Mannes normal zu finden. Sie hatte mit Kreaturen zu tun gehabt, deren äußere Gestalt weit gewöhnungsbedürftiger war.

„Hast du die Liste?“ Sie beschränkte sich auf die nötigsten Worte.

„Selbstverständlich habe ich die Liste“, flötete Uwu’nilan. „Was dachtet Ihr denn, Hochgeschätzte? In wie vielen Stunden Arbeit habe ich sie erstellt, habe ich sie überprüft, habe ich sie verbessert, habe ich sie der Wirklichkeit, der wahren, angepasst...!“

Das Wesen im Holzkäfig des Nachbarn auf der Venuskolonie hatte zur Gattung der Vögel gehört. Das wusste Anna-Luna noch. Nur auf wenigen Planeten der Republik gab es solche Vogelartigen; intelligente ihres Wissens sogar nur hier auf Taurus. Auf Terra Prima hingegen war die Gattung der Flugfähigen sehr artenreich vertreten. Schwer zu entscheiden übrigens, ob dieses Wissen ein Faktum ihres angelesenen Datenfundus oder ein Teil ihrer persönlichen Erinnerung war.

„...aber ja doch, Hochverehrte! Jedes Wort Eures Befehls war mir gegenwärtig all die Jahre, nichts, was ich vergessen hätte...“ Ein Lingusimultaner übersetzte Uwu’nilan Tagalemburs Wortschwall in Terrangelis, die Verkehrs- und Amtssprache der Republik. „...nichts, was ich vernachlässigt hätte, nichts was ich missachtet oder für unwesentlich erachtet hätte! Euer Auftrag war mein Leben, Eure Stimme allezeit gegenwärtig, und wenn ich Euch schildern wollte, welche Mühen und welche Gefahren mein Dienst für Euch forderten..., sie durften mich ja nicht durchschauen, durften ja keinen Verdacht schöpfen...“

Die tiefe, kehlige Stimme des Taurulers erinnerte Anna-Luna teils an das Gemecker gewisser Paarhufer, teils an das Gluckern von Wasser, wenn Gas an seiner Oberfläche Blasen warf. Seine Atemmaske dämpfte sie zusätzlich. Ohne seinen Redefluss zu unterbrechen zog Uwu’nilan den Magnetverschluss seines Kettenhemdes auf, eine Art grün-metallenen Harnischs. Er griff hinein und zog eine Rolle aus biegsamem, grauem Material heraus. Ein Produkt aus Fischhaut, wie Anna-Luna wusste. Sie griff selbst gelegentlich darauf zurück. „...also, die Liste, hier ist sie, die gute, gute Liste! All die Namen der Verächter, all die Namen der Frevler, der Übertreter, der Verräter, hier ist sie! Treulich erstellt von Eurem ergebenen Diener Uwu’nilan Borus Tagalembur Beldartes von Taurus-Toptaglius...“

Es gehörte zur Mentalität der Leute von Taurus eine Menge Worte zu machen; immer und um alles. Außerdem gehörte es zu ihrer Mentalität bei der Absonderung möglichst vieler Worte sich selbst in ein möglichst gutes Licht zu stellen. Fast alle auf Taurus machten das, man musste das einfach akzeptieren.

Anna-Luna hatte im Prinzip nichts dagegen. Sie war es gewohnt mit den unterschiedlichsten Völkern umzugehen, wie gesagt, humanoiden, nichthumanoiden und halbhumanoiden, wie diesem Vogelartigen hier. Dennoch verachtete sie ihn. Nicht wegen seines Wortschwalls, auch nicht wegen seines Hanges, sich selbst und seine Leistungen in den Mittelpunkt seiner Schilderungen zu stellen, und schon gar nicht wegen seiner körperlichen Erscheinung. Sie verachtete ihn, weil sie weder in seinen großen, gelben Augen über der Atemmaske, noch in seiner Mimik, noch in seiner gesamten Körperhaltung ein Anzeichen von Reue oder Trauer oder wenigstens Bedauern erkennen konnte. Dabei wusste er doch genau, was denen bevorstand, deren Namen auf seiner Liste standen.

Anna-Luna verachtete Verräter; obwohl ihre Arbeit ohne Verräter doch ungleich schwieriger gewesen wäre, als sie es ohnehin schon war.

„Hier, Hochgeschätzte, hier ist die Liste! Ihr werdet staunen, welche Namen auf ihr vertreten sind, und vor allem wie viele Frevler und Trotzschnäbel dem verruchten Geheimbund angehören...“ Er trat ein paar Schritte näher, nahm sogar für einen Moment die graue Atemmaske ab, so dass Anna-Luna die spitz zulaufende Hornpartie in der Mitte seines lederhäutigen, nur teilweise flaumbedeckten und sehr schmalen Gesichtsschädels sehen konnte. Mit ausgestreckter Flügelhand bot er ihr das zusammengerollte Schriftstück. „...hier sind sie, die Namen der Treulosen, die Namen all jener, die es wagten dem Gesetz der Republik ins hehre Angesicht zu widerstehen. Uwu’nilan Borus Tagalembur Beldartes von Taurus-Toptaglius hat sie getreulich beobachtet und ihre Übertretung gewissenhaft aufgezeichnet. Nehmt sie hin, Hochgeschätzte, Euer Diener...“

„Genug!“ Anna-Luna hob abwehrend die Rechte und stieß sich mit den Füßen ab. Ihr Sessel machte eine halbe Drehung Richtung Frontkuppel und Hauptkonsole. „Lies vor, Tauruler!“ Der Vogelmann widerte sie an.

Uwu’nilan Tagalembur stutzte einen Atemzug lang, dann ließ er ein gackerndes Räuspern vernehmen und begann die Namensliste zu verlesen. „Treeg’haspur Loftaneles Pargastor von Taurus-Antall, Erster Physiker der Vereinigten Staaten von Taurutarra. Doder’paschwag Molundarbar Keiheritas von Taurus-Toptaglius, Erster Astronom der Vereinigten Staaten von...“

„Fass dich kurz! Mir reichen Hauptname und Funktion!“

„Wir Ihr wünscht...,Hochverehrte..., selbstverständlich...“ Wieder das gackernde Räuspern. „Dapor’kanda von Taurus-Haldar, Physiker und Ingenieur zweiten Grades, Hundai’rasmani, Chemiker ersten Grades...“ Stammelnd zunächst, aber mit immer festerer Stimme verlas Uwu’nilan Tagalembur Namen und Ränge der Physiker, Ingenieure, Mathematiker, Chemiker und Astronomen von Taurus, die seit sechs Jahren an einem verbotenen Raumfahrtprojekt arbeiteten.

Außerhalb der Frontkuppel sah Anna-Luna einen Ausschnitt des Lichtkegels, den die Außenscheinwerfer der Laurin auf den zentralen Platz von Taurus-Toptaglius warfen. Die runden Fenster in den angrenzenden Wohngerüsten waren ausnahmslos dunkel. Anna-Luna hatte eine allgemeine Ausgangssperre und ein Beleuchtungsverbot verhängt. Über den Wohnwaben stand die Sichel eines der beiden Taurusmonde. Wenn sie den Kopf in den Nacken legte, konnte Anna-Luna ein paar Sternen glitzern sehen. Taurus’ Sonne Ararat gehörte zu den Grenzsternen im Nordpolbereich der Republik. Von hier aus war es nur ein Sprung in die Leere zwischen den Sternennebeln. „Lies ein wenig langsamer, Uwu’nilan Tagalembur!“, forderte sie den Vogelmann auf. Sie hatte einen akustischen Modus des Bordhirns aktiviert. Während sie selbst sorgfältig jeden Namen registrierte, speicherte gleichzeitig das Bordhirn die Verlesung.

„Aber ja doch, Hochgeschätzte, aber selbstverständlich doch, langsamer lesen, deutlicher lesen und sehr gut lesen, das wird Uwu’nilan Tagalembur selbstverständlich tun..., also: Hekan’diro Palarwa, Chemiker und Mathematiker ersten Grades; Lamuna’tuxa Kandisi, Kybernetikerin und Informatikerin ersten Grades...“

Anna-Luna nahm die Daten auf, Wort für Wort. Zugleich registrierte sie den Lichtschein, der sich dreihundert Meter entfernt in die Leere des Zentralplatzes schob. Eine der beiden Kampfformationen kehrte zurück. Unter Waller Roschens Kommando waren sie ausgerückt, um die Köpfe des illegalen Forschungsprogramms zu greifen. Anna-Luna wollte ein Exempel statuieren. Eher würde sie Taurus nicht verlassen.

„Osho’geukera, Mineraloge und Elektrotechniker zweiten Grades...“ Der Tauruler verlas inzwischen den neunundzwanzigsten Namen. Anna-Luna hörte aufmerksam zu und nahm zugleich die Meldungen ihrer Außenteams zur Kenntnis. In entcodierter Schriftform glitten sie über das mittlere Arbeitssichtfeld auf ihrer Kommandokonsole. Beide Formationen kehrten mit insgesamt achtundzwanzig gefangenen Wissenschaftlern aus der Taurusnacht zurück.

Auf dem rechten Sichtfeld meldete das Bordhirn den Anflug einer Kleinen Triade. Anna-Luna hatte den Kleinverband angefordert. Für ein paar Monate musste eine Besatzungstruppe der GRT die Regierung des größten Taurulischen Staatenbundes ablösen und die geheimen Forschungsinitiativen samt ihrer Protagonisten auslöschen. Anders ging es nun einmal nicht.

Durch das linke Visuquantenfeld glitt ein Fließtext mit den neusten Nachrichten aus der Republik. All diese Informationen parallel aufzunehmen und zu verarbeiten, war eine Spezialität von Anna-Luna. Drei-, sogar viergleisig wahrnehmen, analysieren und Entscheidungen treffen – sie konnte das einfach, sie wusste selbst nicht, warum.

Zum Beispiel registrierte sie in diesem Moment, dass der achtunddreißigste Name auf Uwu’nilan Tagalemburs Liste – Rormar’tanka, Elektroingenieur ersten Grades – auch auf ihrer Honorarliste stand und dachte daran, dass sein Träger hundertneunundachtzig Terrajahre alt war, während sie zugleich die Schiffsnamen der Kleinen Tirade identifizierte und unwiderruflich ihrem Gedächtnis einverleibte – George X, Schwerer Kreuzer, Talheim, Leichter Kreuzer, und London, Aufklärer – und genauso bewusst die neusten Nachrichten auf dem linken Sichtfeld zur Kenntnis nahm: Ein Subgeneral und PK-Verbandskommandeur namens Merican Bergen hatte den Befehl zur Vernichtung einer Sträflingskolonie verweigert und war anschließend geflüchtet; ein Aufklärer namens Brüssel und ein Schlachtschiff namens Troja hatten sich dem Deserteur und seinem Flaggschiff Johann Sebastian Bach angeschlossen. Anna-Luna musste lächeln, während sie die Namen las. Weiter: Einem gewissen Dr. Gender DuBonheur von Fat Wyoming war die Höchste Ehre zuteil geworden. In Begleitung eines Frachtergeschwaders und eskortiert von zwei Kleinen Triaden würde der Glückliche demnächst nach Terra Prima aufbrechen. Und weiter: Einen von Sträflingen gekaperter Frachter der Klasse I konnte ein Flottenverband im äußersten Südpolbereich der Republik entern, ein zweiter war auf Doxa IV notgelandet, von einem dritten fehlte bislang jede Spur. Und weiter: Ein Mann namens Yakubar Tellim hatte vor Tagen die Einladung in den Ruhepark ausgeschlagen und war in einem Frachter der Klasse II von Doxa IV geflohen. An Bord befanden sich angeblich mindestens zwei entflohene Sträflinge von Genna. Und so weiter, und so weiter.

In der Galaktischen Republik Terra gab es zur Zeit angeblich nicht einmal zwei Dutzend Individuen mit dieser Fähigkeit zum multizentralen Denken, wie die Neurologen das nannten. Anna-Luna kannte drei davon. Einer war der Primdirektor. Vermutlich der einzige Grund, warum er sich noch unter den Lebenden und in Amt und Würden befand.

Jetzt hielt ein altertümlich anmutendes Kettenfahrzeug im Lichtkegel der Laurin. Auf der offenen Ladefläche erkannte Anna-Luna gefesselte Tauruler. Groß, spitzgesichtig und grau- oder buntgefiedert hockten sie mit gesenkten Schädeln entlang der Seitenklappen. Zwei Kampfmaschinen öffneten die Heckklappe, zwei Offiziere der Kampfformation betraten die Ladefläche. Nacheinander rissen sie die Gefesselten von den Sitzen und zwangen sie von der Ladefläche zu springen. Manche versuchten die Flügel zu entfalten, stürzten aber kläglich auf das Sandsteinpflaster, weil man ihnen gemäß Anna-Lunas Befehl die Flügel gestutzt hatte.

Sie wies das Bordhirn an, den drei Schiffen eine Umlaufbahn zuzuweisen. Danach stand sie auf, stieg in einen leichten, grellroten Schutzanzug und stülpte sich einen schwarzen Sichtschutzhelm über. Sie legte Wert darauf, ihr Gesicht so wenigen Kreaturen wie möglich zu zeigen. Ungeduldig wartete sie, bis Uwu’nilan Tagalembur den zweiundneunzigsten und letzten Namen seiner Liste verlesen hatte. Anschließend winkte sie ihn hinter sich her und verließ die Zentrale Richtung Liftschacht. Sie wusste natürlich, dass der Verräter weit lieber an Bord und seinen Kollegen und Mitarbeitern unbekannt geblieben wäre. Doch Anna-Luna hatte gewisse Pläne mit ihm.

Über den Teleskoplift schwebten sie die zwölf Meter bis zum Sandsteinpflaster des Zentralplatzes hinunter. Anna-Luna aktivierte die Klimaanlage ihres Vitalsystems. Was die Atmosphäre von Taurus betraf, hätte ihr eine Atemmaske genügt. Doch selbst nachts sanken in diesen Breitengraden die Temperaturen kaum unter dreißig Grad Celsius. Außerdem versprach sie sich mehr Eindruck von einem gesichtslosen Auftritt in rotschuppigem Kampfanzug. Davon abgesehen herrschte auf Taurus eine geringere Schwerkraft, als beispielsweise auf Terra Tertia, und die Überlebenssysteme verfügten über automatische Kontrogravmodule.

Inzwischen war auch die zweite Kampfformation mit einem taurulischen Transportpanzer bei der Laurin eingetroffen. Die Offiziere hatten die gefesselten und flügelgestutzten Gefangenen zum Appell antreten lassen. Seite an Seite mit Uwu’nilan Tagalembur schritt Anna-Luna die Reihe der achtundzwanzig Vogelwesen ab; die besten Köpfe von Taurus, und jeder von ihnen wusste, was er zu erwarten hatte.

Drei Tauruler traten aus der Reihe und knieten vor Anna-Luna auf dem Sandsteinpflaster nieder. Einen Graugefiederten mit scharf gekrümmtem Mund-Nasen-Bereich erkannte sie sofort: Treeg’haspur Loftaneles, Chefwissenschaftler der Vereinigten Staaten von Taurutarra, dem größten Kontinent von Taurus.

„Gnade, Hochgeschätzte!“ Atemlos begann er zu schnatterten. „Wir schwören ewige Loyalität, Ehrenwerte, ewige Loyalität! Es war keine böse Absicht, wirklich nicht, wir waren nur neugierig, wollten Euch mit Fleiß und neuen Forschungsergebnissen überraschen, wollten uns damit um die Anerkennung als Bürger der Republik bewerben. Bald schon hätten wir das Forschungsprojekt auf Terra Sekunda angemeldet, glaubt mir! Wir sind kluge Forscher, wir werden Euch nützen. Die Galaktische Republik wird unschätzbaren Nutzen von uns haben! Lasst Gnade vor Recht ergehen, Hochgeschätzte, wir flehen Euch an...!“

Ein Wortschwall aus Jammer, Beschwörungen und Versprechen ergoss sich aus seinem langen Hals. Anna-Luna blieb die ganze Zeit vor ihm stehen und musterte ihn. Der Flaum an seinen Schläfen war nass, aus den milchigen Membranen über seinen Nasenlöchern quoll Schleim, und Angst loderte in seinen großen, gelben Augen; maßlose Angst...

4

Ein akustischer Alarm ertönte, ein schriller, auf- und abschwellender Pfeifton. Die rote Leuchte für den Maschinenalarm blinkte. Yaku beschleunigte trotzdem weiter. „Koordinaten! Irgendwelche zentrumsnahen Koordinaten, schnell! Aber nicht weiter als dreißig Lichtjahre, und vor allem nicht noch tiefer ins Zentrum!“

Auf der einen Hälfte des Visuquantenfeldes spuckten die glühenden Triebwerke schon wieder weiße Lichtschleier aus, auf der anderen schwebten sechs Omega-Raumer. Yaku schlug mit der Linken auf einen Schalter, der nervende Pfeifton verstummte endlich. Venus schickte die gewünschten Koordinaten in sein Arbeitssichtfeld. Er überflog es und leitete es ans Bordhirn weiter. Die Lichtschleier wurden zu einem Paar gleißender Strahlen.

„Zweimal zweihundert Meter, zweimal hundertsechzig Meter und zweimal vierzig Meter ISD“, tönte eine junge Stimme aus dem Bordfunk. „Zwei Aufklärer, zwei Leichte und zwei Schwere Kreuzer. Stimmt’s?“

Der Bursche da unten machte einen bemerkenswert ruhigen Eindruck. Die Droge, vermutete Yaku. „Stimmt genau, mein Sohn. Zwei kleine Triaden. Verdammt! Wenn die RV-Triebwerke explodieren, sind wir erledigt...!“

Ängstlich spähten er und Venus auf das VQ-Feld. Die gleißenden Energiestrahlen faserten aus, die Quotarbonverkleidung der Triebwerke glühte rötlich-weiß. „Mach schon! Mach schon!“ Mit der flachen Hand schlug Yaku auf die Steuerkonsole. Ungeheuer hoch war das für die Raumzeitverzerrung nötige Energieniveau, und die überlasteten Triebwerke bauten es nur langsam auf. Der Rabe Moses krächzte aufgeregt.

Plötzlich begann der Schiffskörper zu vibrieren, Venus saß zitternd in ihrem Sessel, Yakus Knie bebten. „Anschnallen!“, brüllte er. Die Vibrationen nahmen zu, wie eine Glocke dröhnte der Schimpfsrumpf.

„Was..., was ist das?“ Mit vor Entsetzen geweiteten Augen blickte Venus um sich.

„Gravitonbeschuss!“

Die Jerusalem machte einen Satz, Venus und Yaku wurden in ihre Sessel gepresst. Das Schiff sackte nach unten weg, kippte seitlich nach rechts, und sie stürzten in ihre Gurte. Yaku äugte zum VQ-Feld hinauf – die weißen Strahlen bohrten sich noch immer in die Unendlichkeit, noch immer hielten die Triebwerke. Sein Blick flog über die Instrumente – das Energieniveau stieg weiterhin. Wenigstens das.

„Nullkommanullnulldrei!“, rief Plutejos Stimme aus dem Bordfunk. „Einer der leichten Kreuzer ist nur noch nullkommanullnulldrei astronomische Einheiten entfernt...!“

„Scheiße...!“ Yakus Finger flogen über die Instrumentenkonsole. „Dann hat er uns gleich wieder vor der Kanone! Pendelkurs!“ Das galt dem Bordhirn. „Pendelkurs, sag ich!“ Das Schiff stieg jäh, sie wurden wieder in die Polster gepresst.

„Da kommt was!“ Jetzt war es auch mit der Ruhe des Jungen vorbei. „Feuerbälle! Viele, viele Feuerkugeln...!“ Yaku sah sie in den VQ-Feldern. Das Schiff fiel nach unten, sie stürzten in die Gurte, die Kontrogravaggregate konnten die Fliehkräfte nur teilweise ausgleichen. Venus übergab sich, und auf einmal lag eine Feuerwand auf der Frontkuppel.

„Treffer!“, brüllte Yaku. Der Temperaturalarm heulte los. „Der Idiot beschießt uns mit LK-Kanonen!“ Der Weißhaarige lachte grimmig, hieb auf einen Sensor, und einen Atemzug später konnten sie im Viquafeld sehen, wie die Energie als rote Masse den schematisch dargestellten Frachter einhüllte, in die Schiffsschenkel und von dort in die beiden Triebwerke und die weißen Strahlen abfloß. Schlagartig war die Sicht durch die Frontkuppel wieder frei, sie stürzten in ein buntes Blitzgewitter, und zwei Sekunden später war alles vorbei.

Die sechs Verfolger waren von den Ortungsschirmen und aus dem VQ-Feld verschwunden, Sternengefunkel wohin man sah, der Temperaturalarm war verstummt, und Yaku lachte noch immer. „Was ist passiert?“, wollte Venus wissen. „Was gibt’s zu lachen? Drehst du durch?“

„Blödsinn! Da muss ein Naivling im Kommandostand gesessen haben. Wenn du ein Schiff, das gerade seine KRV-Triebwerke aktiviert hat, mit Laserkaskaden beschießt, kann es passieren, dass die Triebwerke die Energie für das Wachstum ihres Energieniveau benutzen.“

„Für den Sprung durchs Hyperuniversum?“

„Korrekt, Madame Venus. Das Energieniveau der KRV-Triebwerke wächst exponentiell, und wenn ein Kahn so einen Treffer abkriegt und standhält, dann kann das ruckzuck gehen...“ Yakus Blick fiel auf die Instrumente. Die Warnleuchte für den Triebwerksalarm blinkte noch immer.

„Das linke Triebwerk brennt“, kam es aus Ebene II. „Seht ihr das nicht?“

Yaku sprang auf, blickte nach links über Venus hinweg zur Seitenwölbung der Frontkuppel hinaus. „Verdammter Mist...“, flüsterte er. Flammen schlugen aus dem linken Triebwerk...

5

Manche schwiegen beharrlich. Robinsons Frau zum Beispiel, oder Veron, oder sogar Cludwich. Andere redeten und redeten, ohne viel zu sagen, die kleine Li Ling etwa, oder Goltz, Cludwichs Erster Offizier, ein pfiffiger Bursche mit großen, hellwachen Augen. Man sei jetzt die Speerspitze einer Reformbewegung und müsse die Republik zur Rückbesinnung auf ihre Verfassung rufen, und so weiter. Aus den Tassen dampften Kaffee und Tee. Niemand rührte das Gebäck und die Früchte an. Eine aufgekratzte, unkonzentrierte Stimmung herrschte in der Messe. Daran änderten auch Harfenklänge und Orgeltöne im Hintergrund nichts.

Bergen selbst hielt sich anfangs zurück. Er begriff schnell, dass diese Männer und Frauen ihre Lage noch nicht in letzter Konsequenz erfasst hatten. Schwer zu sagen, wer die Entscheidung zur Fahnenflucht aus Überzeugung oder wenigstens mit kühlem Kopf getroffen hatte, und wer aus einer momentanen Gefühlsaufwallung heraus; aus Bewunderung für den berühmten Flottenkommandeur Bergen vielleicht, oder aus Abscheu vor dem Befehl zum Massenmord. Merican Bergen jedenfalls wusste genau, dass er mit seiner Befehlsverweigerung alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte.

„Ich habe den Eindruck, wir sind uns noch nicht alle im Klaren darüber, was wir getan haben“, sagte Ralbur Robinson irgendwann. Der ausgesprochen schöne Mann mit dem blonden Haardutt, dem Smaragd im Nasenflügel und der goldbesternten blauen Toga über der vorgeschriebenen Bordkombi sprach aus, was Bergen dachte. „Könnte es sein, dass wir noch Zeit zum Nachdenken brauchen?“ Robinson war nur vier Jahre jünger als Bergen selbst. Der Subgeneral hatte den Kommandanten des Aufklärers Brüssel immer für eine der größten Hoffnungen der Flotte gehalten.

Sibyrian Cludwich nickte stumm. Nacheinander folgten andere seinem Beispiel. Robinsons Frau, Sarah Calbury und Veron reagierten überhaupt nicht. „Ein besonnener Vorschlag“, sagte Bergen. „Ich danke Ihnen, Primoberst Robinson.“ Er nickte in die Richtung des Blonden. Wenn er auf jemanden bauen konnte, dann auf ihn. „Wir befinden uns fast dreitausend Lichtjahre außerhalb des GRT-Territoriums“, fuhr Bergen fort. „Nichts spricht dafür, dass man uns hier, im System der Doppelsonne Marlboro suchen wird und orten kann. Nehmen wir uns also noch einmal vierundzwanzig Stunden Zeit, unsere Standpunkte zu überprüfen.“

Er blickte in die Runde. Robinson und Goltz nickten, Cludwich, Ling und die Bern wichen seinem Blick aus. „Wer in diesen vierundzwanzig Stunden zu dem Schluss kommt, einen Fehler gemacht zu haben, kann gehen, ohne es begründen zu müssen. Richten Sie das bitte auch Ihrer Besatzung aus. Wenn es eine Mehrheit sein sollte, die ihre Entscheidung revidieren will, stellen wir ihr eines der drei Schiffe zur Verfügung, um in die Republik und zur Flotte zurückzukehren. Sind es wenige, werden wir ihnen einige Sparklancer für die Rückkehr überlassen.“ Er machte eine Pause. Diese Menschen sollten Zeit genug haben, seine Worte aufzunehmen und zu bedenken. „Nach diesen vierundzwanzig Stunden“, schloss er, „gelten die Gesetze der Republik: Ich bin der Kommandeur, Befehlsverweigerung wird bestraft, unerlaubte Entfernung vom Verband gilt als Fahnenflucht. Richten Sie bitte auch das Ihrer Besatzung aus. Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren.“

Wortlos erhoben sich die acht Männer und Frauen. Nacheinander verließen Sie die Offiziersmesse. „Dein Eindruck, Heinrich?“ Bergen wandte den Kopf nach rechts. Sein blauer Begleiter hatte die ganze Zeit hinter ihm gestanden.

„Gute Entscheidung, Merican. Cludwich allerdings macht mir Sorgen. Er leidet, wie mir scheint. Möglicherweise wird er uns verlassen. In diesem Fall würden wir die Troja verlieren. Auch bei Oberst Ling und Suboberst Bern bin ich im Zweifel. Robinson dagegen erweist sich mal wieder als ein Fels in der Brandung.“

„Und seine Frau?“

„Sie hat kein Wort gesagt. Sie ist noch jung, erst Mitte Zwanzig wenn ich recht informiert bin. Möglicherweise bereut sie ihren Entschluss bereits.“

„Das wäre fatal, denn daran würde auch Ralbur Robinson nichts ändern können. Leutnant Peer-Robinson ist nicht gerade dafür bekannt, dass sie ihrem Adonis aus der Hand frisst.“

Gedankenverloren blickte der Subgeneral durch die Kuppelwand. Die Frontkuppel eines Omega-Raumer überwölbte praktisch die gesamte Mitte seines hufeisenförmigen Rumpfwulstes, so dass man auch in den Räumen hinter der Zentrale Sicht auf das All hatte. Die Messe lag unter der Kommandanten-Suite und neben den Privatkabinen seiner beiden Stellvertreter.

„Ihre Ehe sei eine eher spannungsvolle Angelegenheit, wie man hört.“ Bergen lächelte. „In erotischer, wie auch in, sagen wir: kommunikativer Hinsicht. Es soll manchmal ziemlich laut zugehen in der Kommandozentrale der Brüssel. Merkwürdigerweise scheint das die Disziplin an Bord nicht zu beeinträchtigen.“

Rechts leuchtete die Sichel der bläulichen Korona von Marlboro I. Das Bordhirn hatte die Sichtkuppel abgetönt, um vor dem blendenden Licht zu schützen und der UV-Strahlung zu schützen. Links sah man den Triebwerkswulst hinter dem Ausläufer des linken Rumpfschenkels. Bergen stand auf. „Wir werden sehen. Lass uns in die Zentrale gehen, ich will die aufgefangenen Daten der letzten Stunden sichten; und danach ein Bad nehmen und ein wenig schlafen.“

„Und noch einmal das Stück von vorhin spielen?“

„Das Stück von vorhin?“ Überrascht sah er dem Roboter ins blaue Kunstgesicht. „Wie kommst du darauf, Heinrich?“

„Es hat mich berührt, Merican. Du hast es zuletzt gespielt, als dein Großvater dich verlassen hat.“

„Du verblüffst mich, Heinrich! „’Berührt...’, schon wieder redest du wie ein Mensch.“ Bergen runzelte die Stirn. „Dabei bist du doch ein Kunsthirn, eine gefühllose Maschine.“

„Bist du da ganz sicher, Merican?“

6

Das Erstaunlichste waren seine Augen. Hellgrau, wässrig und halb von durchscheinenden Lidern bedeckt, wirkten sie müde auf den ersten Blick, gelangweilt sogar; wie die eines Leguans etwa, oder eines Scheintoten. Auf den zweiten oder dritten Blick aber sah man das dunkle Leuchten hinter der Iris; ein Leuchten wie das eines anbrechenden Morgens am nächtlichen Horizont. „Er muss weg“, sagte er. „Am besten schon gestern.“

Seine Stimme erinnerte Vetian an die Geräusche der großen Schrottpressen auf dem Raumschiff-Friedhof von Wega III. „Ich bin Ihrer Meinung, verehrter Neptos, ganz Ihrer Meinung.“ Der Primgeneral und dritte Mann der Republik wiegte seinen weißhaarigen, kantigen Schädel hin und her. „Allerdings ist es schade um ihn. Bergen ist ein Ausnahmeoffizier. Die Republik hat wenige von seiner Sorte.“

„Ein Ausnahmeoffizier?“ Neptos Gulfstroms Leguanaugen verengten sich zu einem rotgeränderten Schlitz. „Was Sie reden Vetian! Vielleicht haben wir eher zu viele von dieser Sorte!“ Ein dichtes Geflecht blauer Adern zog sich über Gulfstroms haarlosen Schädel. „Galt nicht auch Uran Tigern seinerzeit als Ausnahmeoffizier? Und was ist aus ihm geworden? Ein Sträfling, ein Rebell!“ Er hob seine knochige Rechte und winkte ab. „Die Existenz solcher Elemente kann die Republik sich nicht leisten. Bergen muss weg.“

Offiziell war der zweite Mann der Galaktischen Republik Terra schon seit langem neunundsechzig Jahre alt. Doch seine Haut glich brüchigem Pergament, braune Flecken sprenkelten seine Stirn, seine Schläfen, seinen Hals, und weißes Haar wucherte aus seinen Nasenlöchern und Ohrmuscheln. Gulfstrom war hohlwangig, und seine wässrigen Augen lagen tief in den Höhlen. Selten begegnete man einem derart hochbetagtem Greis auf den Planeten der Republik; ganz selten.

„Wie gesagt, ich bin vollkommen Ihrer Meinung, verehrter Gulfstrom.“ Eurobal Vetian schlug die Beine übereinander und zog seine schwarze Toga über den bordeauxroten Stoff seiner Uniformhose. „Dennoch bleibe ich dabei: Er ist einer unserer Besten. Darum meine Warnung: Wenn wir es nicht ausgesprochen klug anstellen, geht er uns niemals ins Netz.“

„Endlich kommen Sie zum Punkt, meine verehrten Herren.“ Die ganze Zeit über hatte der dritte Mann im Kuppelsaal die beiden Älteren schweigend beobachtet. Jetzt aber schaltete er sich ein. „Auch unser hochverehrter Primus erwartet eine kluge und gründliche Lösung des Falles Bergen.“ Er sprach vom ersten Mann der Republik, dem sogenannten Primus Orbis Lacteus, oder P.O.L., wie er häufig genannt wurde. „In der letzten Verhandlungspause hatte ich die Gelegenheit seine geschätzte Meinung zu hören. Die Saat der Rebellion sei tödliches Gift für unser segensreiches Staatsgebilde, und Tigern und Bergen seien Träger dieser Saat. Ja, ich glaube, so drückte der Hochverehrte sich aus.“

Der etwa fünfunddreißigjährige Mann hatte langes blondes Haar, ein makelloses, ebenmäßiges Gesicht, und war von schlanker, athletischer Statur. Unter einer dunkelroten Toga trug er einen weitgeschnittenen, blütenweißen Anzug, auf dessen Brusttasche das Emblem der GRT prangte: Einer goldenen Spirale aus 793 Sternen auf blauem Grund. Er hieß Gabrylon und führte im Auftrag des P.O.L. die Verhandlungsdelegation von Terra Prima an, war also persönlicher Bevollmächtigter des Regenten. Der P.O.L. selbst verließ den verbotenen Planeten niemals.

„Woran denken Sie, verehrter Primgeneral, wenn Sie sagen, man müsse es klug anstellen, um einen Mann wie Bergen zu neutralisieren?“ Gabrylon lehnte sich zurück. Seine erwartungsvollen blauen Augen ruhten auf Vetian.

„Die Antwort ist nicht einfach, verehrter Gabrylon.“ Tagelang hatten sie in Gulfstroms Flaggschiff mit der Delegation des Mutterplaneten an dem Plan für die galaktische Kommunikationsbrücke gearbeitet. Die beunruhigenden Nachrichten aus dem Maligniz-System überschatteten das Sachthema, drängten es inzwischen sogar an den Rand. „Ich schlage vor, dass wir uns mit den besten Köpfen der Republik beraten“, sagte Eurobal Vetian nach sekundenlangem Nachdenken. „Mit meinem Generalstab, um es konkret zu sagen, verehrter Gabrylon.“ Er lächelte, seine drei goldenen Schneidezähne glänzten im Licht der Wandleuchter. „Gemeinsam werden wir eine Lösung finden, davon bin ich fest überzeugt.“

„Und Sie, verehrter Primdirektor?“ Gabrylon wandte sich an den zweiten Mann der Republik, an Gulfstrom. „Was hielten Sie für eine kluge Lösung dieses unangenehmen Falles?“

„Nun, die besten Köpfe der Republik sitzen zweifelsohne in meinem Direktorium, verehrter Vetian.“ Die Adern an der Schläfe des Primdirektors waren angeschwollen. „Aber selbst sie können gegen Bergen nicht soviel ausrichten wie ein paar Aufklärungsgeschwader und ein Kampfverband der Flotte. Also schlage ich vor, dass wir zunächst die Aufklärungsgeschwader ausschwärmen lassen, um Bergens Flaggschiff und seine beiden Begleitschiffe zu suchen, und ihn danach mit einem Kampfverband stellen.“

Gabrylon lächelte. „Wie ich höre, hegen beide Herren größten Respekt vor Merican Bergen. Die besten Köpfe der Republik oder sechsundsechzig Omega-Raumer bietet man jedenfalls nicht gegen eine Null auf.“ Er raffte seine Toga hoch und erhob sich. „Selbstverständlich sind wir dankbar die besten Köpfe der Republik in Ihren Gremien zu wissen, verehrte Herren.“ Der blonde Schönling begann in Gulfstroms Privatsuite, einem weiten Kuppelraum, auf und abzulaufen. „Die allerbesten jedoch scheinen uns im Sicherheitsrat des P.O.L. selbst zu sitzen. Und selbstverständlich sind auch wir auf Terra Prima stolz auf unsere Flottenverbände.“ Er blieb stehen und lächelte den Primgeneral und den Primdirektor an. Gabrylon war zweiter Vorsitzender des Sicherheitsrates von Terra Prima. „Ein solcher Fall jedoch scheint uns besser in den Händen der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarde aufgehoben zu sein, als bei einem Kampfverband der regulären Flotte.“

„Der P.O.L. will die GGS gegen Bergen mobilisieren?“ Innerlich atmete Vetian auf. Wenn der Sicherheitsrat diesen Beschluss gefasst hatte, lag die Durchführung und mit ihr der Erfolg schon nicht mehr in seinem Verantwortungsbereich. „Eine angemessene Entscheidung, wenn ich es recht bedenke.“

„Und wem wollen Sie den Auftrag erteilen, Gabrylon?“ Dem alten Gulfstrom war alles recht. Seit die Delegation des Primus vor sieben Tagen an Bord der Dux gekommen war, befand sich der zweite Mann der Republik in einer Art Hochstimmung. Statt der befürchteten Einladung in den Ruhepark nämlich, hatte Gabrylon dem Primdirektor im Namen des P.O.L. jene heiß ersehnte Botschaft ausgehändigt, in welcher der erste Mann der Republik ihn mit der Errichtung der galaktischen Giga-Kommunikationsbrücke von Terra Prima zu allen Planeten der GRT beauftragte. Der Greis würde also noch mindestens weitere zwölf Jahre leben und sein Amt versehen können.

„Der Beste erhält den Auftrag, verehrter Primdirektor“, sagte der Bevollmächtigte des Regenten.

„Sie haben die Sache doch längst entschieden, Gabrylon!“ Die tiefe, krächzende Stimme Gulfstroms rasselte und dröhnte. In seinen Schlitzaugen blitzte Zorn auf. Doch er würde sich hüten dem Blonden wegen seines anmaßenden Tones über den Mund zu fahren. „Wem haben Sie den Auftrag gegeben? Nennen Sie uns einen Namen!“

„Niemand anderes als Alpha Eins der GGS wird Bergen zur Strecke bringen“, verkündete der Blonde. „General Ferròn persönlich.“

7

Plutejo war nach oben gekommen. Neben Venus stand er an der linken Kuppelseite und blickte in das Triebwerksfeuer. Seit Stunden schlugen die Flammen aus dem fünfundvierzig Meter langem und siebzehn Meter hohem Triebwerk. Den Triebwerkswulst konnten sie nur zu einem kleinen Teil sehen, das Feuer aber stand wie eine hohe Wand zwischen ihnen und der linken Seite des Alls. Seit Stunden blies die Löschautomatik Schaum und Wasser aus Hochdruckdüsen in die Flammen: Das Triebwerk kühlte nicht ab, das Feuer brannte immer heißer. Temperaturalarm gellte durch die Zentrale. Anders als der akustische Triebwerksalarm ließ der sich nicht abstellen.

„Die Temperatur erreicht den kritischen Punkt.“ Yaku starrte in ein Arbeitssichtfeld auf dem Kommandostand. Ein schematisches Modell der Jerusalem drehte sich darin, ein symmetrisches Kreis- und Quadratmuster aus gelben Linien. Die vom Brand betroffenen Stellen waren rot markiert. Die roten Markierungen ragten stellenweise bedrohlich weit in den Rumpf hinein. Daneben glitten sich wiederholende Ziffern durch das Sichtfeld: Temperatur im Triebwerk, Temperatur im Druckreaktor, Materialdichte, Glauruxstrahlung und Reaktordruck. „Nur noch eine Frage von Minuten bis der Reaktor explodiert.“ Yaku hatte Tränen in den Augen. Die Jerusalem war die neuste Errungenschaft seiner Reederei. Er hatte einen hohen Kredit für sie aufgenommen. Der Rabe flatterte von der Armlehne auf seine Schulter und krähte traurig.

„Dann sterben wir doch, oder?“ Venus lief zum Kommandanten und nahm seine Hand. „Dann sterben wir, oder?“ Er nickte. „Können wir denn gar nichts mehr tun, Yakumann?!“

„Doch“, flüsterte Yaku. „Das Triebwerk wegsprengen. Die linke Rumpfseite glüht schon.“ Er deutete in das Schaubild. „Bald fängt die Ladung an zu brennen..., o Gott..., lasst uns erst mal nachdenken...“

„Wir müssen sprengen, Mann.“ Plutejo ließ sich in den Pilotensessel fallen. „Los, sprengen wir erst, und denken wir später nach.“

„Dann gurtet euch an.“ Yaku stieß einen Pfiff aus, Moses ließ sich auf seinen Schenkeln nieder und sträubte das Gefieder. Der Weißhaarige und das Geschwisterpaar schnallten sich an.

Der Reeder gab den Befehl zur Triebwerksabsprengung über die Tastatur ein. Das Bordhirn fragte zweimal nach, Yaku bestätigte zweimal. Danach zählte eine freundlich Kunststimme den Countdown herunter. „Zehn, neun, acht...“ Bei Null ging ein Ruck durch das Schiff. Der linke Rumpfschenkel stieg blitzartig nach oben, die rechte Armlehnen fuhr ihnen in die Rippen, Yaku hielt den Raben fest. Rasch hatte der Kontrograv die Gravitationskräfte wieder unter Kontrolle.

Hinter der abgetönten Frontkuppel drehte sich der dichte Lichtschleier aus Zentrumssonnen, für den Bruchteil einer Sekunde sah Venus das brennende Triebwerk davontrudeln. Yaku aktivierte die Quantenplasma-Düsen des verbliebenen Triebwerks, und brüllte ein paar Befehle an die Adresse des Bordhirns. Bald hörten die Drehbewegungen des Frachters auf.

Eine Zeitlang hingen sie erschöpft in ihren Gurten. Yaku hatte sein Gesicht in den Händen verborgen. „Ich habe Hunger“, sagte Plutejo schließlich.

„Können wir auch mit einem Triebwerk einen KRV-Sprung durchführen?“, fragte Venus. Ihre Stimme klang rau.

Yaku setzte den Raben auf die Instrumentenkonsole und zuckte mit den Schultern. „Ich hab’s noch nie probiert, aber ich hab von jemandem gehört, der sowas überlebt haben soll.“

Venus schluckte. „Ich habe so einen verdammten Hunger!“ Plutejo rieb sich den Bauch.

„Einen Koch haben wir nicht an Bord, aber in der Vorratskammer hinter der Kombüse findest du Brot, hochkalorische Nahrungsriegel und Früchte. Und dahinter, in den Kühlkammern, gibt es Fisch und Fett.“ Plutejo stand auf und verließ die Zentrale durch das linke Schott. Die Kombüse lag tatsächlich auf dieser Seite, und zwar auf der mittleren der fünf Schiffsebenen.

„So fängt es immer an“, flüsterte Venus.

„Was?“

„Wenn die Gier nach Stoff erwacht, bekommt er erst mal Hunger. Drei Stunden später tobt er herum.“

„O Scheiße...“ Yaku schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Was habe ich mir mit euch beiden bloß für Zeitbomben eingehandelt!“

„Du wirst noch dankbar für uns sein!“, zischte Venus. Die Zornesfalte stand wieder zwischen ihren Brauen. Sie blickte auf das Arbeitssichtfeld des Navigationsstandes. „Wieso beschleunigen wir?“

„Her mit den Werten!“ Yaku verscheuchte den Raben und beugte sich über die Instrumentenkonsole. Sofort glitten Koordinaten- und Geschwindigkeitswerte durch seine Viquafelder. „QP-Düsen hochfahren!“, rief er. „Vierzig Prozent, hundertachtzig Grad Gegenkurs!“

„Das Zentrum zieht uns an, hab ich Recht?“

„Kluge Venus von Genna.“ Das klang bitter. „Wir sind viel zu weit ins Zentrum gesprungen.“ Yaku deutete auf die Panoramakuppel. „Da ballen sich die Massenkräfte von zweihundertfünfzig Milliarden Sonnen zusammen. Von den verfluchten Schwarzen Löchern gar nicht zu reden!“

Die Minuten verstrichen, sie beobachteten die Instrumente, keiner sprach ein Wort. Yaku fuhr die Plasmadüsen bis auf hundert Prozent hoch. Die Jerusalem beschleunigte weiter. „Nichts geht mehr“, stöhnte Yaku. „Das galaktische Zentrum hat uns im Griff.“ Seltsam resigniert wirkte er auf einmal.

„Wir müssen springen!“, rief Venus. „Ich habe einen Frachter gekapert um nach Terra Prima zu fliegen und nicht, um zwischen diesen Sonnen zu sterben! Wir müssen sofort springen!“

„Geht nicht.“ Yaku winkte müde ab. „Wir haben nur noch ein KRV-Triebwerk, und das glüht wie Magma. Das Bordhirn würde sich schlicht weigern es hochzufahren.“

„Es muss es aber hochfahren!“ Venus sprang auf.

„Für solche Fälle gibt es Sicherheitssperren.“

„Dann müssen wir Notrufe absetzen!“

Yakus Auge verengte sich zu einem Schlitz. „Weißt du, was du da gerade gesagt hast?“

„Gegen Sonnen kann ich nicht kämpfen!“ Venus ausgestreckter Arm deutete auf das Lichtgeglitzer hinter der Kuppel. „Gegen Menschen und Roboter aber kann ich kämpfen...!“

8

Nach vierundzwanzig Stunden klärten sich die Fronten. Zu Merican Bergens Überraschung allerdings: Nur dreizehn Mann der Troja und zwei der Brüssel entschieden sich den Rebellenverband zu verlassen. Und das Erstaunlichste: Ein einziger Offizier revidierte seine Entscheidung – Suboberst Regula Bern von der Troja. Bergen stellte den fünfzehn Männer und Frauen zwei Sparklancer der Troja zur Verfügung. Das Schlachtschiff führte achtunddreißig solcher kampftüchtigen Beiboote mit sich.

Als der Sparklancer in das Hyperuniversum gesprungen war, rief der Subgeneral die leitenden Offiziere des kleinen Verbandes wieder in der Messe der Johann Sebastian Bach zusammen. Heinrich servierte Getränke und sorge für meditative Hintergrundsmusik. Die Stimmung war jetzt gelöster. Vor allem Sibyrian Cludwich wirkte wesentlich entspannter, als noch vierundzwanzig Stunden zuvor.

„Nun sind die Würfel also endgültig gefallen, meine Damen und Herren“, eröffnete Bergen die Konferenz. „Ich danke Ihnen. Ich bin der ranghöchste Offizier unter uns. Gemäß den Gesetzen der Republik und der Dienstordnung der Flotte erkläre ich mich also zum Kommandeur unseres kleinen Verbandes. Hat jemand irgendwelche Einwände dagegen vorzubringen?“ Niemand erhob seine Stimme. „Danke für Ihr Vertrauen“, fuhr Bergen fort. „Weiter erkläre ich Primoberst Ralbur Robinson zu meinem ersten und Primoberst Sibyrian Cludwich zu meinem zweiten Stellvertreter. Mein persönlicher Adjutant ist Suboberst Calibo Veron. Gibt es Einwände?“ Bergen glaubte, einen dunklen Schatten über Cludwichs Gesicht huschen zu sehen. Doch niemand meldete sich zu Wort, auch Cludwich nicht. „Keine Einwände also. Dann werden wir jetzt über unsere Zukunft entscheiden. Ich bitte ich um Ihre Vorschläge, meine Damen und Herren.“

„Wir haben den Befehl verweigert, um die Verfassung nicht brechen zu müssen.“ Sibyrian Cludwich ergriff als erster das Wort. „Also sollten wir eine Delegation zum Obersten Gericht der Republik nach Terra Sekunda schicken.“ Cludwich, ein untersetzter, kräftig gebauter Mann mit grauem Stoppelhaar, kantigem Schädel und Tränensäcken unter den großen, hellblauen Augen, war siebenundvierzig Jahre alt und galt als wortkarg, aber entschlussfreudig. „Wenn wir unseren Fall dort vortragen, müssen die Bundesrichter uns Recht geben.“

„Daran dachte ich auch“, schloss Calibo Veron sich an. „Aber wird unsere Delegation durchkommen?“ Der zierliche Schwarze wirkte ratlos und gab sich auch keine Mühe das zu verbergen. „Und wer übernimmt den Auftrag, und wie bleiben wir in Verbindung, ohne angepeilt zu werden?“

„Das ist der Punkt!“ Oberst Li Ling, Robinsons Erste Offizierin, wiegte ihren Kopf hin und her. Die Schlitzaugen verrieten die asiatischen Vorfahren der kleinen, rundlichen Frau. Sie war Mitte vierzig, also nur unwesentlich jünger als Cludwich. „Die Idee ist gut, doch Suboberst Veron legt den Finger in die Wunde – sie ist kaum umzusetzen.“

„Unsere Karrieren haben wir aufgegeben, keine Brücke führt zurück.“ Sarah Calbury, zweite Offizierin der Brüssel sprach konzentriert, fast beschwörend, und mit leiser Stimme. Die etwa dreißigjährige Frau vom Planeten Woodstock trug ihr dichtes, brünettes Haar zu einem dicken Zopf geflochten. Ihre ganz Erscheinung war von aristokratischer Eleganz. „Sehen wir der Wirklichkeit doch ins Auge, verehrte Kollegen. Kehren wir der Republik endgültig den Rücken, und suchen wir einen Planeten, auf dem wir eine Kolonie gründen und neu anfangen können.“

„Dazu sind wir viel zu wenige.“ Ralbur Robinson winkte entschieden ab.

„Verzeihen Sie, Primoberst“, sagte die Calbury. „Wir sind fast dreihundert.“

„Hundertneunundsiebzig Männer und hundertvierunddreißig Frauen“, präzisierte Bergen.

„Nun ja, noch mögen wir zu wenige sein für so ein Unternehmen“, ergriff der Erste Offizier der Troja das Wort, ein schlaksiger, hochgewachsener Mann mit aschblondem Haar und einem weichen Jungengesicht, dem man seine dreiundvierzig Jahre nicht ansah. „Aber was, wenn wir von so einer Basis aus regelmäßige Vorstöße in die Republik unternehmen?“ Homer Goltz blickte in die Runde. „Wenn wir Gleichgesinnte suchen und in die neue Kolonie einbürgen? Wenn wir die Sträflingsplaneten anfliegen und bewährte Männer und Frauen befreien? Uran Tigern und seine Sippe zum Beispiel?“

„Unsere Koordinatoren haben eine codierte Botschaft der Golf empfangen“, schaltete Merican Bergen sich wieder ein. Die Golf war das Kommunikatorschiff seines Verbandes gewesen. „Wie Sie vielleicht wissen, gibt es auf der Golf Offiziere, mit denen ich eng verbunden bin. Dieser Botschaft nach, hat Oberst Zähring den Befehl erhalten, den wir verweigerten.“ Zähring war sein Erster Offizier gewesen. „Er wird ihn ohne Zweifel ausführen. Genna wird in diesen Stunden von Einheiten unseres ehemaligen Verbandes angegriffen. Uran Tigern, seine Sippe und seine Eidmänner sind schon so gut wie tot.“

Zwei oder drei Atemzüge lang sagte keiner ein Wort. Robinson brach das Schweigen als erster. „Trotzdem – Homers Vorschlag hat etwas. Der Republik den Rücken zu kehren, das würde ich nicht über mich bringen. Dafür liebe ich sie zu sehr. Aber sie zu verändern, eine große Reform in Gang zu setzen, das halte ich allerdings für das Gebot der Stunde. Suchen wir also eine Basis, und tragen wir die Saat der Rebellion unter unsere Mitbürger.“

„Sie werden jedes unserer Beiboote abfangen, das es wagt, ins Territorium der Republik zurückzukehren“, sagte die Ling.

„Selbst wenn wir bis in den Grenzbereich der Republik fliegen und die Beiboote dort starten, ist das problematisch.“ Zum ersten Mal ergriff Zeelia Peer-Robinson das Wort. „Der Glaurux-Vorrat eines Sparklancers reicht nur aus für Flüge bis zu hundertachtzig Lichtjahren. Und sie müssen ja auch noch zum Mutterschiff zurückfliegen.“

„Aber in einem Omega-Raumer in republikanisches Territorium einzudringen, scheint mir völlig ausgeschlossen zu sein.“ Li Ling schüttelte energisch den Kopf. „Selbst der kleine Aufklärer entfaltet bei seinen Sprüngen soviel Energie, dass sie über Para-Ortung noch aus siebzig Lichtjahren Entfernung angepeilt werden kann.“

„Wir sollten die Gefahr nicht überschätzen.“ Wieder ergriff Bergen das Wort. „Nach Informationen von der Golf sind alle Offiziere und Mannschaften des zwölften PK-Verbandes angewiesen worden, unsere Befehlsverweigerung und die Sträflingsrebellion auf Genna als Staatsgeheimnis zu behandeln. Die Möglichkeit unentdeckt in die Republik einzudringen ist also größer, als wir meinen möchten. Vorläufig wissen nur wenige Eingeweihte, mit wem sie es tun haben, wenn wir ihnen gegenübertreten.“

„Sie meinen, wir könnten mit allen drei Schiffen in die Republik einfliegen?“ Ling machte ein ungläubiges Gesicht.

„Wenn das so ist, dann will ich meinen Vorschlag noch einmal unterstreichen!“ Homer Goltz pochte mit den Fingerknöcheln seiner geballten Faust auf den Kunstglastisch. „Lasst uns versuchen eine Delegation nach Terra Sekunda durchzubringen! Das Oberste Gericht muss über unsere Sache entscheiden!“ Sein schmales Gesicht und seine großen, glühenden Augen signalisierten Entschlossenheit. Bergen schätzte seine brillanten Verstand, seine Kreativität und seinen Mut zum Risiko. Allerdings ließ er sich leicht von seinen Gefühlen mitreißen. „Treffen wir eine Entscheidung!“, verlangte er. „Stimmen wir ab.“

Geraune erhob sich. Die Einen lehnten rundweg ab, Robinson und seine Frau unterstützten Goltz, die anderen wollten die auf dem Tisch liegenden Vorschläge erst noch diskutieren; bis zur Entscheidungsreife, wie sie sich ausdrückten. So ging das eine Zeitlang hin und her. Bis Calibo Veron schließlich das Wort ergriff. „Und Sie, mein Subgeneral? Welcher Vorschlag scheint Ihnen der Vernünftigste zu sein?“ Seine schwarzen Augen fixierten Bergen. „Oder haben Sie selbst einen Vorschlag zu machen?“

Das Stimmengewirr ebbte ab, alle Blicke richteten sich auf Bergen. „Ja, das habe ich“, sagte der. „Auch mir würde es schwerfallen der Galaktischen Republik Terra den Rücken zu kehren. Bin ich nicht ein Kind dieser Zivilisation? Wäre ich ohne die Republik und die Flotte jemals geworden, was ich heute bin? Nein. Flüchten scheidet für mich also aus.“

Er senkte den Kopf und blickte auf seine gefalteten Hände vor sich auf dem Tisch. So verharrte er eine Zeitlang. Strähnen seines kupferroten Haares rutschten ihm in die Stirn und verdeckten seine Augen. Sehr still war es auf einmal in der Offiziersmesse. „Im Prinzip halte ich Oberst Goltz’ Vorschlag für den Vernünftigsten“, fuhr Bergen schließlich fort. „Nur fürchte ich um die Unabhängigkeit des Obersten Gerichts. Kaum eine Instanz in der Republik, in der Gulfstrom nicht schon seine Vasallen platziert hat.“

„Was wollen Sie damit sagen, mein Subgeneral?“ Ralbur Robinson runzelte die Stirn.

„Ist das wirklich so schwer zu verstehen, Robinson?“ Bergen musterte den blonden Primoberst. „Möglich, dass wir eine Delegation bis Terra Sekunda durchbringen“, sagte er. „Doch sie wird scheitern. Zu viele verfolgen ihre eigenen, lächerlichen Interessen in der GRT. Zu vielen sind Gesetz und Verfassung lästige Barrieren vor der Verwirklichung ihrer eigenen habgierigen und machtlüsternen Ziele. Beurteilen Sie die Entwicklung der letzten Jahrzehnte etwa anders, meine Damen und Herren?“ Niemand reagierte. Robinson senkte betreten den Blick. „Darum würde ich noch einen Schritt weiter gehen, als Oberst Goltz“.

„Und der wäre?“, fragte Homer Goltz.

„Wir fliegen nach Terra Prima und tragen unseren Fall dem P.O.L. persönlich vor. Wenn einer noch unabhängig entscheiden kann, wenn einer der Verfassung zur alten Geltung und uns zu unserem Recht verhelfen kann, dann er.“

Kinnladen sackten nach unten, Augen weiteten sich, Gesichter wurden fahl. Und als die ersten ihre Sprache wiedergefunden hatten, brach eine Flut von Protest und Entrüstung über Bergen herein. Unmöglich, lebensgefährlich, absurd, und wie die Urteile alle lauteten. „Verzeihen Sie, mein Subgeneral“, sagte Robinson schließlich. „Sie sind unter anderem Historiker, wie man weiß, und Sie mögen besser orientiert sein, als wir alle zusammen – hat es je einer gewagt, den verbotenen Planeten ohne Befehl oder Einladung anzufliegen?“

Stille. Alle Blicke klebten an Bergen. „Nein“, sagte der. „Nicht in den Jahrhunderten, die ich überblicke.“

„Wenn Sie erlauben, würde ich gerne das Wort ergreifen.“ Die ganze Zeit hatte er stumm neben dem Sessel des Subgenerals gestanden, jetzt griff der blaue Kristallmensch in die Diskussion ein.

„Bitte, Heinrich“, sagte Bergen.

„Erstens: Nachrichten von den Ereignissen im Maligniz-System werden sich nur langsam im gewaltigen Territorium der GRT ausbreiten, wie wir gehört haben.“ Wie immer sprach der Roboter mit einschmeichelnder, melodiöser Stimme; fast alle gängigen Modelle in der Republik redeten so ähnlich, einschließlich der Bordhirne. „Zweitens gibt es da eine Nachricht, die vermutlich in der Aufregung der vergangenen Tage untergegangen ist: Einem Wissenschaftler vom Planeten Fat Wyoming hat man Ende Januar die Höchste Ehre zuerkannt. Er ist im Moment unterwegs nach Terra Prima. Ein Frachterverband und zwei Triaden eskortieren sein Schiff.“

„Und welchen Nutzen sollten wir in unserer Situation aus dieser Information ziehen können?“ Robinsons Frau, Zeelia, musterte den Kristallmann unwillig.

„In der zweiten Antike gab es eine Redensart, die auch heute noch Gültigkeit hat“, antwortete Heinrich. „Sie lautete: Im Auge des Hurrikans ist es am stillsten...“

9

Korvac und Ulama erledigten die Arbeit. Eine unschöne, aber eine wichtige Arbeit. Teiman Korvac war Anna-Lunas Erster Offizier, Herfryd Ulama ihr Zweiter Aufklärer. Wie so oft hatten sie sich freiwillig gemeldet.

Ein Subleutnant und ein Primsoldat packten den ersten Verurteilten von hinten, stießen ihn zu Korvac und Ulama, und stellten ihm ein Bein. Sobald er bäuchlings auf dem Boden lag, schoss Ulama ihm eine Laserkaskade in den Schädel. Ein schneller, relativ schmerzloser Tod; das jedenfalls behaupteten die Mediziner der Abteilung G7. Beim zweiten schoss Korvac, bei dritten wieder Ulama; und so weiter.

Natürlich hätten auch die Kampfmaschinen die Hinrichtungen vornehmen können, doch Anna-Luna verfolgte da ihre eigene Linie: Die Tauruler sollten nicht Maschinen, sondern Menschen fürchten lernen; Vertreter der GRT aus Fleisch und Blut.

Bald stank es nach verbrannten Flaumfedern, Knochen und Gewebe. Ihre Schreie gellten über den Platz. Jeder schrie, ohne Ausnahme jeder; und so laut er konnte. Anna-Luna hatte ihre Männer angewiesen, die Lingusimultaner ihrer Überlebenssysteme auszuschalten. Man musste nicht unbedingt verstehen, was diese Vogelmenschen im Angesicht des Todes von sich gaben. Es reichte, wenn es ihre Zehntausende Artgenossen verstanden, die sich etwa hundertzwanzig Schritte entfernt dicht um den Platz drängten und den Hinrichtungen beiwohnten. Auf Anna-Lunas Befehl hin hatten Uwu’nilan Tagalembur und seine Handlanger sie mit Hilfe einiger Kampfmaschinen aus ihren Wohnwaben hinaus auf den Zentralplatz gejagt.

Auch Uwu’nilan, seine Helfer und zwei weitere, hochrangige Verräter hatte Anna-Luna zum Ort der Exekutionen zitiert. Sie standen den Verurteilten gegenüber. Anna-Luna hielt es für gut, ihnen die Früchte ihrer Arbeit so drastisch wie möglich vor Augen, Ohren und Nasen zu führen. Das würde die Arbeitsbeziehung langfristig festigen.

Übrigens hatte sie dem Triaden-Kommandeur Uwu’nilan Tagalembur und seine Komplicen als Führungsköpfe für die neu zu bildende Regierung vorgeschlagen. Da der Flottenoffizier keine Tauruler persönlich kannte, würde ihm gar nichts anderes übrigbleiben, als ihre Wünsche zu erfüllen. Zumal Waller Roschen und einige Spezialisten zu eben dieser Stunde dafür sorgten, dass jener Triaden-Kommandeur keinen der abgesetzten Regierungsvertreter mehr kennenlernen würde. Das Kommando hatte den Regierungspalast besetzt, und Roschen, Anna-Lunas rechte Hand, war ein überaus gründlicher Mann.

Wieder schrie einer um sein Leben, wieder schlug er auf dem Sandsteinpflaster auf, wieder jagte Korvac ihm eine Laserkaskade in den Kopf. Dann der nächste und der übernächste.

Flankiert von zwei Kampfmaschinen stand Anna-Luna unter der Frontkuppel der Laurin, etwa acht Schritte vor der Luke des Teleskoplifts. Keine zwanzig Schritte entfernt töteten ihre Männer die Vogelartigen. Sie legte Wert darauf, dass die Augenzeugen die grässlichen Szenen immer im Zusammenhang mit dem schwarzen Omega-Raumer und ihrer rotschuppigen Gestalt erinnern würden.

Sechsundzwanzig der achtundzwanzig Mitglieder des geheimen Forschungsprojektes hatte das Standgericht unter Anna-Lunas Vorsitz zum Tode verurteilt. Fremdvölkern im Territorium der Republik war es streng untersagt Raumfahrtforschung zu betreiben. So lautete nun einmal das Gesetz. Zwei der achtundzwanzig hatte Anna-Luna freigesprochen. Wie Uwu’nilan Tagalembur standen auch sie auf ihrer Honorarliste.

Subleutnant und Primsoldat schleppten den nächsten herbei, den elften. Er schrie, er stolperte, er stürzte, und Ulama schoss. Diesmal traf er ungenau. Der vogelähnliche Schädel stand in Flammen, der Schwerverletzte tschilpte wie von Sinnen, wälzte sich hin und her, zuckte und erbrach sich. Korvac feuerte vier oder fünf Glutkugeln auf seinen Rücken, seine Brust, seinen Unterleib. Der Vogelmann bäumte sich auf, riss den hornigen Mund zu einem letzten, stummen Schrei auf, und dann war es vorbei.

Ulama, normalerweise von samtbrauner Hautfarbe, sah plötzlich aus, wie mit dreckigem Schneeschlamm beworfen, und Korvacs vernarbtes Gesicht zuckte. Beide blickten sie zu ihr. Anna-Luna ließ sich ihren Zorn nicht anmerken. Mit einer knappen Kopfbewegung deutete sie auf die Reihe der Todeskandidaten.

Der nächste. Feuer, Gestank, Qual, Tod. Der nächste. Der Subleutnant und der Primsoldat schleppte ihn herbei. Geschrei, Geschnatter, Fallen, Zucken, Sterben, Gestank nach verbranntem Flaum, Knochen und Gewebe. Der nächste.

Taten sie ihr leid? Vielleicht. Oder ja, da war etwas, ziemlich tief hinter ihrem Brustbein. Auch ihr Magen fühlte sich an wie ein kalter Quecksilbertümpel. Ja, da war ein seltsames Gefühl, aber sie ließ es nicht in ihr Bewusstsein steigen. Ja, vielleicht taten sie ihr leid, aber Job war Job, und Gesetz war Gesetz. Warum konnten es diese vorwitzigen Tauruler auch nicht unterlassen, sich mit Grundlagenforschung für die Raumfahrt die Zeit zu vertreiben? Sie wussten doch, dass es verboten war!

Der nächste. Geschrei, Stolpern, Aufschlagen, Zucken, Sterben, Gestank. Der nächste.

Vor allem empfand Anna-Luna Ärger. Ärger darüber, dass der Aufklärer gelandet war, die London. Der Triaden-Kommandant, ein gewisser Primoberst Kreusen, hatte es nicht für nötig befunden, sie über seine Absichten zu informieren, geschweige denn um Erlaubnis zu fragen. Sie hasste diese eigensinnigen Offiziere der Flotte. Der Mann hatte einfach die Landmasse von Taurutarra, dem größten Kontinent von Taurus, nach ihrem Standort abgesucht und seinen Aufklärer heruntergeschickt; die London. Natürlich war er zuvor von seinem Schweren Kreuzer auf den kleineren Omega-Raumer umgestiegen.

Ein wesentlich größeres Schiff, als ein Aufklärer mit seinem Innenschenkeldurchmesser von nur 40 Metern hätte auch kaum landen können neben der Laurin. Anna-Lunas Flaggschiff entsprach in seiner Größe einem Kommunikator, hatte also einen Innenschenkeldurchmesser von 60 Metern. Der zentrale Platz von Taurus-Toptaglius, der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Taurotarra, durchmaß nur knapp dreihundert Meter.

Wie auch immer: Die George X, und die Talheim umkreisten Taurus in einem Abstand von knapp 400.000 Kilometern, die London aber stand nicht einmal hundert Meter entfernt von der Laurin auf dem Zentralplatz von Taurus-Toptaglius. Was hier geschah, geschah unter den Augen ihrer Besatzung. Und unter den Augen des unverschämten Kreusen. Anna-Luna hatte längst beschlossen sich seine Personalakte kommen zu lassen.

Der nächste, der dreiundzwanzigste. Ein buntgefiederter Tauruler, nein, eine Taurulerin, eine Vogelfrau – Anna-Luna erkannte es an dem weißgefärbtem Halsflaum. Sie schrie nicht, ihre gelben Augen fixierten erst sie und dann Uwu’nilan Tagalembur, der mit seinen Genossen ein paar Schritte links von ihr stand. Die Vogelfrau stolperte zwar, fiel aber nicht, als der Primsoldat ihr ein Bein stellte. Und ehe Anna-Luna registriert hatte, dass ihre Arme frei und ihre Flügel ungestutzt waren, hing sie schon an Ulamas Hals.

Korvac richtete sein Laserkaskadengewehr auf ihren Schädel. Die Vogelfrau wirbelte herum und stieß ihm Ulama in die Schußbahn, und zwar mit solcher Heftigkeit, dass beide rücklings auf das Buntsandsteinpflaster stürzten. Drei Laserkaskaden zischten schräg in die Luft, ihre Energie zerplatzte am Quotarbonrumpf der Laurin und hüllte die halbe Bugunterseite des Omega-Raumer sekundenlang in einen Schleier aus Feuer.

Die Vogelfrau aber stieß einen langgezogenen Schrei aus. In derartige Höhen schraubte sich ihr Geschrei, dass Anna-Luna die Ohren gellten. Zugleich spreizte sie ihr mächtiges Armgefieder, hob ab und stürzte sich sechs Meter weiter auf Uwu’nilan Tagalembur. Der prallte rücklings auf den Boden. Seine Artgenossin blieb auf ihm hocken und schlug auf ihn ein.

All das spielte sich innerhalb von höchstens drei oder vier Sekunden ab, und jetzt erst reagierte Anna-Luna. „Tötet sie!“, zischte sie. „Alle!“

Die beiden Kampfmaschinen – schwarze, anderthalb Meter hohe Kegelkörper aus Quotarbon mit vielgliedrigen Armpaaren und auf Kettenschuhen aus Quotarbon – spuckten in kurzen Intervallen Glutbälle aus den Waffenlaufkränzen unterhalb ihrer stumpfen Spitzen aus. Dem Hinrichtungskommando blieb gerade Zeit genug, sich aus den Schusslinien zu retten, und Sekunden später lagen dichte Rauchschwaden und beißender Gestank über dem Ort des grausigen Geschehens. Der leblose Körper der Vogelfrau brannte und bedeckte Uwu’nilan unter sich. Der Verräter schnatterte in Panik und Schmerzen. Die letzten fünf Verurteilten lagen brennend und tot auf dem Sandsteinpflaster.

Die Tauruler rings um Uwu’nilan sprangen auf und zerrten die Tote vom Leib ihres Komplizen. Er blutete aus einer tiefen Wunde am Hals. Korvac kniete neben Ulama und schrie nach einem Notfallkoffer. Auch dem Aufklärer schoss Blut aus einer Wunde in der Kehle. Irgendjemand richtete den Strahl eines Hochdrucklöschers auf die brennenden Körper.

Der Bordarzt kniete schon neben Ulama. „Schlagaderverletzung! Kriegen wir hin!“ Er sprühte synthetisches Gewebe in die Wunde. Die Blutung versiegte. „Bringt ihn in die K-Abteilung!“ Er sprach von der kleinen, medizinischen Abteilung neben dem Laborbereich der Laurin.

Anna-Luna bebte vor Zorn, verzichtete aber darauf ihm Luft zu machen. Herfryd Ulama war gestraft genug. Sie drehte sich um und wollte zum Lift. Neben der Luke standen zwei Männer und eine Frau in den hellgrauen Bordkombis der Flotte. Sie trugen Atemmasken. Scharf sog Anna-Luna die Luft durch die Nase ein. Als sie sich im Griff zu haben glaubte, lief sie zu dem wartenden Trio. Sie dachte nicht daran ihren Helm zu entfärben.

„Wir glaubten, wir müssten Ihnen zur Hilfe kommen“, sagte der mittlere der Drei, ein großer Mann mit grauem Haar und faltigem, hartem Gesicht. Hanno Kreusen stand in den Farben eines Primoberst auf dem Namensschild seiner Brusttasche; goldene Buchstaben auf metallicblauem Grund.

„Danke. Doch wir haben die Sache im Griff, wie Sie sehen.“

„Ich sehe es.“ Die Drei traten zwei Schritte zurück, um die Kugler vorbeizulassen, die den schwerverletzten Ulama auf einem Kontrogravfeld vorbei trugen. „Und was war das für eine Galavorstellung, wenn ich fragen darf, Verehrteste?“ Kreusen blickte an Anna-Lunas schwarzen Helm vorbei, dorthin wo sich der Bordarzt jetzt um den röchelnden Uwu’nilan kümmerte.

„Eine Urteilsvollstreckung nach einem ordentlichen Standgerichtsverfahren. Haben Sie das nicht bemerkt, verehrter Primoberst?“ Sie taxierte die Farben seiner beiden Begleiter: Schwarz auf blau und grün auf gelb; ein Suboberst – weiblich – und ein Primhauptmann also. Sie prägte sich die Namen ein: Corala Lybell und Jannis Werst. „Sie wissen doch, dass diese Tauruler heimlich an einem Raumfahrtprogramm gearbeitet und damit gegen das Republikanische Gesetz für Fremdvölkerentwicklung verstoßen haben!“

„Deswegen sind wir ja hier, Verehrteste. Nur befremdet mich die Härte des Urteils und die Vielzahl der Vollstreckungen nicht unerheblich.“ Seine raue Stimme troff von Sarkasmus, und in seiner harten Miene lag unverhohlene Verachtung. „Mir war nicht bekannt, dass unsere Gesetze für ein derartiges Vergehen ein Massaker vorsehen. Ich erinnere mich lediglich an Verbannung und Zwangsarbeit.“ Die anderen beiden gaben sich vollkommen zugeknöpft.

Massaker - er setzte das Wort gezielt zwischen zwei Kunstpausen und betonte jede seiner drei Silben. Es traf Anna-Luna wie ein Peitschenhieb. „Ich denke, es liegt ganz in Ihrem Interesse, wenn ich soeben nicht jedes Wort verstanden habe, verehrter Primoberst. Im Übrigen gibt es in solchen Fällen einen gewissen Ermessensspielraum.“

„Wie interessant. Und welcher Paragraph regelt diesen Ermessensspielraum?“

„Keiner.“ Lauter und schärfer wurde ihre Stimme. „Den nehme ich mir, wenn es nötig ist. Und in diesem Fall war es nötig. Aber glücklicherweise muss ich mich dafür nicht vor einem Offizier der Flotte rechtfertigen. Und nun entschuldigen Sie mich. Sie kennen Ihren Auftrag hier auf Taurus, und ich habe zu tun.“ Anna-Luna ging an den Dreien vorbei und trat in den Teleskoplift. „In zwei Stunden starte ich. Wenn Sie noch sachlich begründete Fragen an mich haben sollten, erreichen Sie mich bis dahin in meinem Kommandostand.“

„Besten Dank, Verehrteste“, sagte Kreusen. „Ich werde mich selbstverständlich beim Oberkommando über Ihren Ermessensspielraum in solchen Fällen erkundigen. Ihnen eine gute Reise...“

10

Zwei Stunden lang sendete das Bordhirn der Jerusalem den Notruf Rot-Rot aus – unlösbare technische Probleme und unmittelbare Lebensgefahr – bevor das Parafunk-Relais sich selbst abschaltete. Nichts ging mehr.

Als nächstes meldete die Schnittstelle im Maschinenleitstand den Infarkt der Q-Plasma-Maschinen. Yaku versuchte vergeblich das KRV-Triebwerk hochzufahren. Die Innenbeleuchtung flackerte, das Hauptvisuquantenfeld und sämtliche Arbeitsfelder lieferten allenfalls noch verzerrte Darstellungen von Werten und Bildern. Zu stark waren die Magnetfelder, durch die der Frachter sich bewegte, zu intensiv die Radiostrahlung und zu dicht die Ionen-Orkane, die gegen den Rumpf des Schiffes peitschten. Von den dichten Teilchenfeldern, die es durchdrangen, ganz zu schweigen.

Gegen die Balustrade der Galerie gelehnt hockte Plutejo am Treppenabgang. Er war schweißnass und zitterte am ganzen Körper. Über ihm auf dem Geländer hockte der Rabe und äugte leise krächzend auf ihn hinab. Moses schien zu spüren, wie elend der Junge dran war. Alle paar Minuten flößte Venus ihrem Bruder aus Yakus Flasche ein wenig Whisky ein. Danach ging es ihm immer eine Zeitlang besser.

„Entweder jemand hat unseren Notruf aufgefangen, oder wir sind erledigt.“ Yaku nahm Venus die Flasche aus der Hand und schielte auf den Whiskypegel. Sie war nur noch zu zwei Dritteln gefüllt, und der rasche Schwund seines letzten guten Tropfens tat ihm in der Seele weh. Er nahm einen kräftigen Schluck. Der Rabe fing sofort an zu zetern. „Ich bin amtlich sowieso schon tot“, sagte Yaku. „Aber ihr, verdammt noch mal, ihr seid noch so jung!“

Venus senkte den Kopf und presste die Fäuste gegen die Schläfen. Wie ein Schleier verhüllten ihre langen schwarzen Locken ihr Gesicht. Plutejo streckte den Arm zu Yaku herauf. „Quatsch nicht, Mann..., gib schon her...“ Widerwillig überließ Yaku ihm die Flasche. Der Junge sah aus wie der fleischgewordene Tod: Graue Lippen, schmutzigblaue Haut, große flackernde Augen und schaumigen Speichel in den Mundwinkeln. Er tat ihm leid.

Yaku wandte sich ab. Die Hände in den Jackentaschen vergraben und mit finsterer Miene schlurfte er zum Kommandostand. Dort schnappte er sich den Aktenkoffer mit seinen Habseligkeiten und ging zurück zu dem Geschwisterpaar. Er setzte sich zu ihnen auf den Boden, öffnete den Koffer und entnahm ihm einen in Fischleder gewickelten Buchblock. „Ich les euch was vor.“ Behutsam wickelte er das alte Stück aus dem weichen Leder. Rücken und Stege waren zerfasert, die Deckseiten zerrissen.

Venus hob den Kopf. „Was ist das für ein Buch?“

„Ein gutes.“ Irgendwo in der Mitte schlug Yaku es auf und begann zu lesen. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln...“ Die Geschwister runzelten die Stirnen, blickten verständnislos auf den Weißhaarigen und sein zerschlissenes Buch. „...er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele...“

„Wer, bei allen Gespenstern Gennas?“, unterbrach Venus.

„Keine Ahnung“, sagte Yaku müde. „Irgendein Gott, schätze ich.“

„Was ist ein ‚Gott’, verdammt noch mal!“ Plutejo sprach mit schwerer Zunge. „Und was beim Drecks-Eis von Genna ist eine grüne Aue?!“

„Eine Wiese“, antwortete Yakubar. „Gras, Blumen und so.“

„Kennt er nicht“, flüsterte Venus. „Ich auch nicht.“

Yaku sah die Frau und den zitternden Jungen an. Mitleid überwältigte ihn. Er schluckte die Tränen hinunter. „Ich lese weiter, hört einfach zu.“ Und er las weiter. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bis bei mir...“ Der alte Mann von Doxa IV als weiter und immer weiter. Plutejo zitterte und trank den guten Whisky, Venus lehnte den Kopf gegen die Balustrade und schloss die Augen. Trotz Yakus heiserer Stimme breitete sich eine merkwürdige Stille in der Frachterzentrale aus.

Bis das Bordhirn sich meldete. Seine künstliche Stimme klang so verzerrt, dass sie nur Wortfetzen verstehen konnten. „Schiffe...!“ Yaku legte das Buch weg, sprang auf und rannte zum Kommandostand. Venus lauschte gespannt, Plutejo war schon halb betäubt. „Achtzehn Omega-Raumer!“, brüllte Yaku. „Sie fliegen in drei Pyramidenformation!“ Er machte kehrt, rannte an Venus und Plutejo vorbei, sprang die Treppe hinunter zu Ebene II. „Ich muss zum Kommunikatorstand!“ Der Rabe flatterte ihm hinterher.

Zwei drei Minuten verstrichen. Venus kletterte ein paar Stufen hinunter; bis sie Yaku durch das Geländer hindurch an den K-Instrumenten hantieren sehen konnte. „Sind nur nullkommanullzwei astronomische Einheiten entfernt; nehmen Kurs auf uns; hab sie über Kurzwelle angefunkt.“ Kurz darauf fing er die Antwort auf. „Sie docken uns an!“ Yaku warf die Arme in die Luft. „Sie schießen nicht, sondern nehmen uns auf...!“

Er rannte zurück, sprang die Treppe hinauf. „Und jetzt hört gut zu, Kinder! Wir brauchen eine Geschichte!“ Er nahm Plutejo die Flasche weg. „Ihr hab keine Zahl, schätze ich?“ Hektisch wickelte er das alte Buch ins Leder, verstaute es im Koffer und kramte ein Kuvert heraus, aus dem er einige Tütchen mit reiskorngroßen, gallertartigen Dingern schüttelte.

„Nein, was ist das?“, fragte Venus.

„Ein Implantat mit Namen, Beruf, Adresse, medizinischen Informationen und so weiter.“ Plötzlich hielt Yakubar eine Spritze und eine Kanüle in den Händen. Plutejo riss die Augen auf. „Mit deinen Daten eben. Ohne die I-Ziffer seid ihr keine Bürger der Republik. Wenn wir ein fremdes Schiff betreten, wird sein Bordhirn sie schon an der Schleuse lesen. Und wenn ihr dann keine habt, steht ihr schon mit einem Fuß in den Bergwerken von Genna. Und ich bin, was ich sowieso sein sollte: tot.“ Er deutete auf sein linkes Ohrläppchen. „Meine ist hier drin. Keine Sorge ich bin gut ausgerüstet.“ Er reichte Venus die Spritze. „Kannst du sie tasten?“ Venus drückte an seinem Ohrläppchen herum. Sie nickte. „Hol sie raus.“

Er hielt still. Venus stach die Kanüle in die Unterseite von Yakus Ohrläppchen und saugte das Implantat ab. „Hier ist die Zahl eines Mannes meines Jahrganges. 2484, allerdings im Dezember geboren.“ Er öffnete das Tütchen, hielt es Venus hin. Die begriff sofort und zog die gallertartige Masse auf. „Mein Sohn hat das Zeug besorgt, er ist Pathologe, falls euch das was sagt. Ich muss mir jetzt natürlich den Namen des Mannes einprägen.“ Venus spritzte ihm die fremde I-Ziffer ins Ohrläppchen.

„Und jetzt suchen wir für jeden von euch eine passende Zahl aus, und ich spritze sie euch ins Ohrläppchen. Klar?“ Sie nickten. Yaku sah die Tütchen mit den Implantaten durch. „Hier, das passt doch zu Madame Venus...“ Er öffnete das Tütchen und zog das Implantat auf. „Und ihr prägt euch gefälligst eure neuen Namen ein, habt ihr verstanden?“ Beide nickten. Yaku packte Plutejo und schüttelte ihn. „Es geht um unser Leben, Bursche! Deswegen reißt du dich jetzt zusammen...!“

11

„Übernehmen Sie bitte, Veron.“ Merican Bergen zog die ISK-Kappe von seinen roten Haaren und stemmte sich aus dem Kommandantensessel. „Ich muss zwei, drei Stunden schlafen. Geben Sie mir über Heinrich Bescheid, sobald wir soweit sind. Ich will dabei sein, wenn wir in republikanisches Territorium eindringen.“

„In Ordnung, mein Subgeneral.“ Calibo Veron nahm seine Steuerungskappe von der Halterung unter der Konsole und streifte sie über. Bergen verließ die Kommandozentrale. Sein unheimlicher Kristallbegleiter stelzte ihm hinterher.

„Glaubt ihr, dass er schlafen kann?“, fragte Pazifya Corales im Navigationsstand. Sardes, ihr zweiter Navigator, schüttelte den Kopf. Die Männer und Frauen an den Hauptschnittstellen des Bordhirns und vor den Kontrollkonsolen reagierten nicht.

„Er wird die Zeit bis zum letzten Sprung hinter seinem Steinzeit-Instrument sitzen, und Steinzeitmusik erzeugen.“ Calibo Veron hatte keine Mühe sich in die Befindlichkeit seines Kommandanten einzufühlen: Bergen würde versuchen nicht an das Ziel des nächsten Sprungs zu denken, des letzten. „Die nächsten Zielkoordinaten führen uns direkt in die GRT. Vor zwei Tagen war er noch ein angesehener Offizier der Flotte. Jetzt kehrt er als Outlaw zurück, als Gejagter. Damit kommt er nicht klar.“

Der Mann an der Hauptschnittstelle drehte sich um, Roderich Stein, der Chefkybernetiker. „Kommst du etwa damit klar, Calibo?“

„Nein.“

„Es geht unserem verehrtem Kommandaten also um kein Haar besser, als jedem x-beliebigem Soldaten oder Küchenjungen bei uns oder auf der Troja oder der Brüssel“, sagte Stein.

Der beleibte Kybernetiker mit dem schütteren, blondem Haar war Anfang fünfzig. Mit einem Spezialprogramm überwachte und koordinierte er die Kommunikation des Bordhirns mit den Schnittstellen der verschiedenen Abteilungen. Mit Veron, Corales, und dem Zweiten Navigator Sardes war er einer von sechs Männern und Frauen, die auf Ebene I der Kommandozentrale arbeiteten. An den Kontrollinstrumenten zwischen Kommando- und Navigationsstand saßen zwei Wissenschaftler, in der Regel ein Astronom und ein Para-Astrophysiker. Unten, auf Ebene II, war die Zentrale mit acht Personen besetzt: Zwei Kommunikatoren, drei Aufklärern, einem Kybernetiker oder Informatiker, und zwei Wissenschaftlern.

„Mir gefällt das, was Sie ‚Steinzeitmusik’ nennen, Veron“, sagte Vera Park, eine junge Astrophysikern und Astronomin. „Von mir aus können wir gern den blauen Kristallmann anrufen, damit er sie uns einschaltet.“

„Bloß nicht!“, kam es aus zwei oder drei Mündern gleichzeitig. Das verwachsene Männchen neben Vera Park bedachte sie darüber hinaus mit einem unfreundlichen Blick. Er hieß Hugen Gollwitzer und war Mathematiker und Chefwissenschaftler.

„Es ist ein Flügel, was unser verehrter Subgeneral in seiner Suite stehen hat“, sagte Pazifya Corales. Die Erste Navigatorin und frisch gebackene Zweite Offizierin nahm Klavierunterricht bei Bergen. „In der sogenannten Steinzeit verfügte man über keine derartig differenzierten Instrumente. Und die Musik, die Merican darauf spielt, ist in der Regel höchstens dreitausendsiebenhundert Jahre alt. Ich glaube, sein Dienstrobot würde die Epoche, aus der sie stammt, als Zweite Antike bezeichnen. Und jetzt würde ich gern...“

„’Merican?’ Habt ihr das gehört, Herrschaften?“ Hugen Gollwitzer kicherte sein berüchtigtes Kichern. „Lassen sich aus diesem Versprecher etwa Rückschlüsse auf die Intimität..., äh Intensität ihrer Musikstunden bei Bergen ziehen? He, he – da möchte man sich ja mal gern mal in das optische Sensorium des blauen Heinis verwandeln. Hi, hi...“

„...ich würde jetzt gern die Zielkoordinaten durchgeben.“ Pazifya konnte nicht verhindern, dass ihr das Blut ins Gesicht stieg, doch das sah sowieso nur Gaetano Sardes. Der Zweiter Navigator saß ja direkt neben ihr. „K 231 Nord P 6 Strich 4...“ Sie begann die Zielkoordinaten durchzusagen, damit Kybernetiker und Aufklärer sie mit den Daten in ihren Sichtfeldern abgleichen konnten.

Niemand reagierte groß auf Gollwitzers anzügliche Bemerkung. Für seine Verhältnisse hatte der Chefwissenschaftler sich relativ gepflegt ausgedrückt, und dafür war jeder dankbar. Nur Park, die Astrophysikerin und Astronomin, musterte Pazifya streng und ein, zwei Augenblicke zu lang, als dass Veron und Stein sich nichts dabei gedacht hätten. Vera Parks heiße Verehrung für Bergen war ein offenes Geheimnis unter den 125 Besatzungsmitgliedern der Johann Sebastian Bach. Bergen und die Park, eine witzige Vorstellung – die Astronomin war mehr als einen Kopf größer als der Kommandant.

„...TPD 23.145 Lichtjahre“, schloss Pazifya. „Das System ist unter der Bezeichnung Kobalt XXIV seit 1067 katalogisiert.“

„Kobalt XXIV liegt dreikommasieben Lichtjahre entfernt von einer Supernova aus dem Jahre 692 vor Gründung der Galaktischen Republik“, ergriff die Park das Wort. „Daher auch in einem dichten Nebel aus Gas und interstellarer Materie, Durchmesser 31 Lichtjahre. Achtzehn Planeten umkreisen Kobalt XXIV, Glut-, Wüsten- oder Eisplaneten ohne nennenswerte Atmosphären. Das System wurde übrigens von einer Robotsonde der Kobaltreihe entdeckt, die man im ersten Jahrtausend gern benutzte. Zur Republik gehört Kobalt XXIV erst seit 2367...“

„Danke, Vera“, unterbrach Veron den Redeschwall der Astronomin. Er hasste ihre Profilierungsversuche. Oder war es nur Gewissenhaftigkeit? Egal, er mochte sie nicht. „Zweiter Offizier an Aufklärung, wo bleibt Ihr Bericht?“

„Zweiter Offizier? Ich dachte der Chef hätte dich befördert?“ Heyar Thorans Stimme. Der Erste Aufklärer war einer der wenigen Männer, mit denen der zurückhaltende Veron sich angefreundet hatte während seiner elf Monate auf der Johann Sebastian Bach.

„Ich bin ein Gewohnheitstier, du weißt es doch. Also, deinen Bericht will ich.“

„In meinen Sichtfeldern tut sich nichts. Das Bordhirn hält die Luft für rein.“

„Danke. Veron an Maschinenleitstand I. Wie lange noch?“

„Hundertsiebzig Minuten“, antwortete der Maschinenleitstand der Troja. Von den Maschinenleitständen der Brüssel und des eigenen Schiffes kamen Meldungen mit ähnlichen Zeitangaben.

Noch fast drei Stunden bis zum Sprung ins galaktische Territorium der Republik also. Fünfmal so lange waren sie bereits unterwegs. In acht Etappen hatten sie die über dreitausend Lichtjahre weite Distanz vom Doppelstern Marlboro bis hierher an die Grenze der GRT bewältigt. Eine atemberaubende Zeit und nur machbar, weil der kleine Verband in Pyramidenformation flog: Die Johann Sebastian Bach hatte unter der größeren Troja festgemacht, und die Brüssel mit ihren nur 40 Metern Innenschenkeldurchmesser unter der Johann Sebastian Bach.

Es war ein Wettflug mit den Gerüchten aus dem Maligniz-System: Je schneller sie in die GRT vordrangen, desto größer die Chance, auf Stationen, Planeten und Verbände zu stoßen, die noch nichts von Bergens Befehlsverweigerung wussten. Die Kehrseite des Gewaltfluges: Nach jedem Sprung brauchten die Triebwerke eine längere Ruhephase – die Energiekammern mussten ausglühen, die Druckfusionsreaktoren mit neuem Glaurux beschickt werden. Das brauchte seine Zeit. Zumal der letzte Sprung gleich über 1269 Lichtjahre auf einmal gehen sollte.

„Was machen wir eigentlich, wenn wir in Kobalt XXIV gleich einer Patrouille vor die Gravitonkanonen fliegen?“, fragte Sardes.

„Dann machen wir ein gutes Fläschchen auf“, krähte der Chefwissenschaftler.

„Es gibt keinen Alkohol an Bord der Johann Sebastian Bach“, sagte Veron scharf.

„Offiziell nicht, ich weiß“, kicherte Gollwitzer.

„Dann fragen wir erst mal nach, was es Neues gibt“, tönte es aus dem Bordfunk. Thoran und die Kollegen von Ebene II hatten mitgehört. „Und wenn sie nett sind und weiblichen Geschlechts laden wir sie auf ein Schwätzchen ein.“

„Der Nebel von Kobalt XXIV wird selten von Schiffen der Republik angeflogen, wenn ich mir den Hinweis erlauben darf.“ Vera Park ergriff wieder das Wort. „Es gibt auf keinem der Planeten erschlossene Bodenschätze. Der Nebel und die Sonne selbst sind für ihre starken Magnetfelder berüchtigt. Wegen der entsprechend intensiven Radiostrahlung hat unser Subgeneral dieses System auch...“

„Vielen Dank, Dr. Park.“ Veron hatte sich lange auf die Zunge gebissen bevor er sie wieder unterbrach. Jeder der wollte, konnte die Angaben auf sein Arbeitssichtfeld rufen. Außerdem hatte Bergen ausführlich begründet, warum er ausgerechnet Kobalt XXIV anfliegen wollte. Aber vielleicht war das ja vor Parks Schichtbeginn gewesen.

Die aktuelle Planung jedenfalls sah vor, mit den drei Schiffe zwischen dem ersten und dem zweiten Kobaltplaneten in eine Umlaufbahn zu gehen und danach zwanzig Dreierverbände von Sparklancern ausschicken, um nach der kleinen Flotte zu suchen, die den Höchstgeehrten nach Terra Prima begleitete.

Das konnte unter Umständen Wochen dauern. Gleichgültig eigentlich, ob man im Territorium der GRT eine Schraube oder einen Schiffsverband suchte – gemessen an der unvorstellbaren Größe einer galaktischen Region mit einem Durchmesser von etwa 39.000 Lichtjahren von innen nach außen und über 4.000 von Pol zu Pol fiel es kaum ins Gewicht, ob ein gesuchtes Objekt einen Zentimeter oder einen Kilometer groß war. Beide waren gleichermaßen unmöglich zu finden. Es sei denn, man verfügte über gewisse Informationen.

Eine dieser Informationen hatten die Kommunikatoren von Ebene II schon vor Tagen geliefert: Aus den ständig durchlaufenden Nachrichten wussten sie, dass der Höchstgeehrte, ein Kunsthirnspezialist und Quanteningenieur namens Gender DuBonheur, auf Fat Wyoming lebte und forschte. Aufklärung und Navigation schließlich wussten zu berichten, dass die Sonne Wyoming 871 Lichtjahre vom Kobaltnebel entfernt lag, und die Hauptroute zwischen Fat Wyoming und Terra Prima 17 Lichtjahre an ihm vorbei führte. Die dritte Information endlich hatte die Brüssel in codierter Form während der Flucht aus dem Maligniz-System aufgefangen: Am 4. Februar 2554 wollte die Zentralverwaltung von Fat Wyoming in der Hauptstadt Big Cheyenne eine Gala zu Ehren des Höchstgeehrten veranstalten. Zwei Tage später sollte DuBonheur in einem Reisekreuzer der Zentralverwaltung und eskortiert von sechs Einheiten der Flotte und einem kleinen Frachterverband nach Terra Prima aufbrechen; am 6. Februar also.

Die Zeitangaben in den Fußleisten der Arbeitssichtfelder lauteten: 54-31-01 23:12:56. Die Bordzeit entsprach der Terra-Prima-Zeit. Sechs Tage noch also; auch der Kalender von Terra Prima galt republikweit.

Zwei Stunden später meldete der Maschinenleitstand von Robinsons Aufklärer Bereitschaft, das Flaggschiff war eine halbe Stunde danach soweit. Veron beauftragte das Bordhirn, dem Kommandanten Bescheid zu geben. Die Maschinenbereitschaftsmeldung von der Troja ging ein, als Bergen gefolgt von seinem blauen Kristalldiener die Galerie der Zentrale betrat. „Keine besonderen Vorkommnisse, mein Subgeneral“, meldete Veron. „Pyramidenformation bereit zum Sprung in den Kobaltnebel.“

„Danke, Suboberst.“ Der kleine, drahtige Mann mit dem roten Langhaar stieg in den Kommandostand und streifte seine ISK-Kappe über. „Ich übernehme. Bergen an alle – meine Damen und Herren, wir fliegen zurück in die Republik...“

Zwei Minuten später spien sechs Triebwerke die typischen weißen Schleier aus. Die streckten sich zu grellweißen Strahlen scheinbar bis in die Unendlichkeit, vereinigten sich dort zu einem farbenprächtigen Feuerball, und dann zuckten jenseits der Frontkuppel farbige Lichtblitze durchs All, und Wirbel aus buntem Leuchten rotierten; einen Atemzug lang, dann war es vorbei. Milchiges Licht erfüllte plötzlich den Raum jenseits der Frontkuppel. Sechs Astronomische Einheiten entfernt leuchtete ein Stern – die Sonne Kobalt XXIV.

Bergen wartete die Meldungen Robinson und Cludwich ab. „Kurs auf die Umlaufbahn zwischen erstem und zweitem Planet“, befahl er anschließend. „Dort dann alles wie abgesprochen – Pyramidenformation auflösen, Sparklancer ausschleusen.“

Sechs Stunden später öffneten sich die Beibootschotte an den Unterseiten der Troja und der Johann Sebastian Bach. Sechzig Sparklancer sanken aus den schwarzen Rümpfen ins All. Bergen und die Crew seiner Kommandozentrale beobachteten das Manöver im Viquafeld.

Ein Schlachtschiff wie die Troja führte normalerweise 38 der schlanken, zwölf Meter langen Ellipsoiden mit sich. Mit zweien hatten sich Regula Berg und die anderen Rückkehrer abgesetzt. 32 ließ Sibyrian Cludwich nun für die geplante Suchaktion ausschleusen. Bergens Flaggschiff verfügte wie alle Schweren Kreuzer über 32 Mikroschiffsysteme. 28 davon schickte er auf die Suche nach DuBonheur und seiner Eskorte. Robinsons Aufklärer hatte nur drei Beiboote. Gerade genug, um im Notfall die Besatzung aufzunehmen. Mehr als 14 Personen fassten die Kleinschiffe nicht, und dann wurde es schon gewaltig eng. Für das Suchkommando hatte Bergen eine Besatzung von je zwei Mann angeordnet, ein Pilot und ein Aufklärer. Auf diese Weise war mehr als ein Drittel der Verbandsbesatzung unterwegs.

Sie beobachteten, wie die sechzig Sparklancer sich zu zwanzig Triaden formierten und Fahrt aufnahmen. Bald waren sie nur noch gleißende Punkte im Sichtfeld.

„Bergen an Sparklancer. Kein Risiko, meine Damen und Herren! Lassen Sie sich bloß nicht erwischen!“ Sekunden später verschwanden die Funken aus den Sichtfeldern. Bergen wandte sich an seine Offiziere. „Und jetzt, verehrte Kollegen und Kolleginnen, ist die große Tugend der Geduld gefragt...“

12

Niemand an den Instrumentenkonsolen des Navigationsstandes. Kein Mensch an den Steuerpulten, keiner an den Schnittstellen des Bordhirns, niemand an den Kartentischen. Anna-Luna war allein auf Ebene I der Kommandozentrale. Fast drei Tage lang war sie allein gewesen. Anna-Luna liebte es allein zu sein. Der angekündigte Auftrag war bis zur Stunde ausgeblieben.

Für die etwa siebenhundert Lichtjahre nach Hawaii Novum hatten sie einen halben Tag gebraucht. Zeit genug für Ulama, sich von seiner Verletzung zu kurieren. Unheimlich fast, wie zäh dieser Mann war. Auf dem Raumhafen der Hauptinsel war die gesamte Besatzung ausgestiegen – zwei freie Tage.

Anna-Luna wollte nicht wissen, wie ihre Leute ihren Urlaub verbrachten. Es gab gewisse Vorschriften. Solange keine Anzeigen erstattet wurden, ging sie davon aus, dass die Besatzung sich daran hielt.

Waller Roschen – soviel war ihr bekannt – wollte eine Gruppe seiner Bruderschaft besuchen. Eine Sekte, die auf vielen Planeten der GRT ihre Logen unterhielt und sich in alten, unterirdischen Tempelanlagen traf. Was sie dort trieben und welchen Lehren Roschen und seine sogenannten Brüder anhingen, wusste Anna-Luna nicht. Sie legte auch keinen Wert darauf, es zu erfahren.

Sie selbst war mit ihrem Sparklancer für einen Tag an einen einsamen Strand geflogen. Schwimmen, schlafen, in der Sonne braten. Den zweiten Tag über hatte sie in der Kommandozentrale verbracht. Den Sessel in Liegeposition, eine Dosis Serophium, und ihr ISK-System auf dem Kopf; und im Kopf Bilder, Gerüche, Geräusche, Gefühle – intensive Tagträume, geboren aus der vorübergehenden Symbiose zwischen dem Bordhirn und ihren eigenen Neuronen.

Als Albatros war sie so über die Meere Terra Primas geflogen, als Eisbärin durch die Arktis, und als Elefantenkuh durch die afrikanische Savanne gestapft. Sie war Piratin gewesen und hatte mit ihrem Viermaster die Küsten des spanischen Weltreiches in Angst und Schrecken versetzt. Sie war zuhause auf der Venus gelandet und hatte den Duft der Blumen in den Gewächshäusern gerochen. Sie war Cohens Navigatorin gewesen, als es vor 2600 Jahren gegen die Yellows im Solsystem ging, und sie stand neben George Smith in der Kommandozentrale seines Flaggschiffes, als nach der Raumschlacht um Alpha Centauri die letzten beiden Schiffe der Yellows in das Hyperuniversum flüchteten.

Und sie hatte so guten Sex gehabt, wie lange nicht mehr.

Seit einem halben Tag bereits flog die Laurin jetzt wieder durch die Galaxis. New Cuba hieß ihr vorläufiges Ziel.

Unter Anna-Luna, und für ihre Augen unsichtbar, arbeiteten Aufklärer und Kommunikator auf Ebene II der Zentrale. Spezialisten einer, wie der andere. Sie waren gewohnt ihren Job so selbstständig wie möglich zu erledigen und die Kommandantin der Laurin nur zu belästigen, wenn es sich wirklich nicht vermeiden ließ. Ähnlich die Offiziere in den anderen Abteilungen. Sie hatte die knapp fünfzig Männer ihrer Besatzung gut im Griff. Frauen taten keinen Dienst auf der Laurin. Anna-Luna flog grundsätzlich nur mit Männern. Frauen konnten so unglaublich zickig werden. Außerdem hatte es seine Vorteile, die einzige Frau an Bord zu sein.

Zwei Sprünge lagen seit dem Morgen hinter ihnen. Im Maschinenleitstand bereiteten sie den dritten vor. Immer noch spärlich, das Sternengefunkel über der Frontkuppel. Die Sonnendichte hier oben im Nord-Pol-Bereich der Republik war sehr gering. Ein paar Lichtjahre weiter, wie gesagt, und man bewegte sich bereits in der Halo der Milchstraße. Auch eine Erfahrung, die Anna-Luna schon hinter sich hatte.

„Kommunikator an Kommandeurin“, tönte es aus dem Bordfunk.

„Was gibt es, Canter?“ Carlos Canter war ihr Chefkommunikator.

„Persönliche Botschaft über Para-Funk.“

„In mein Hauptsichtfeld damit.“ Einen Augenblick später saß ein Mann im Viquafeld unter der Frontkuppel, oder präziser: Das dreidimensionale Bild eines Mannes. Er lächelte. Und er sah gut aus: Glattes, ebenmäßiges Gesicht, blondes Langhaar, Mitte Dreißig, rote Toga über lilienweißem Anzug. Hinter ihm prangte auf rotem Tuch das Wappen der Galaktischen Republik Terra: Eine Spirale aus 793 goldenen Sternen auf blauem Grund.

„Unitas! Was für eine Ehre!“, rief Anna-Luna mit spöttischem Unterton. „Wenn Ihr persönlich bei mir anklopft, kann ich wohl davon ausgehen, dass der Auftrag doch mir gehört?“ Sie hatten während des Fluges nach Hawaii Novum das letzte Mal miteinander gesprochen.

„So ist es, General.“ Unitas Gabrylon neigte lächelnd den Kopf. „Vetian schien mir direkt erleichtert, dass der Kelch an ihm vorübergeht, und der Alte musste zwar auf seine dritten Zähne beißen, war aber klug genug, nicht groß zu widersprechen. Immerhin konnte er froh sein, dass ich ihm keine Einladung in den Ruhepark mit auf sein Flaggschiff gebracht hab. Ich habe ihnen erklärt, dass der Sicherheitsrat und der P.O.L. sich für Euch entschieden haben, und damit war gut.“

„Na schön. Und wie lautet mein Auftrag jetzt genau?“ Anna-Luna aktivierte den akustischen Aufnahmemodus des Bordhirns.

„Bergen und so viele seiner Komplizen wie möglich ins Hauptquartier nach New Cuba bringen. Wir sollten wenigstens ein Dutzend der Deserteure lebendig vor ein Flottengericht stellen. Ich schicke Euch ein Datenpaket mit allen nötigen Informationen. Viel Erfolg, General Ferròn!“

„Danke, Unitas.“ Das Lichtfeld löste sich auf, und mit ihm Gabrylons Konterfei.

Sekundenlang betrachtete Anna-Luna die wenigen Sterne außerhalb der Panoramakuppel. Keine Regung in ihrem schmalen, bleichen Gesicht verriet, was sie fühlte oder dachte. Bewegungslos verharrte sie so eine Zeitlang. Bis der Erste Ingenieur sich über Bordfunk meldete. „Maschinenleitstand an General, die Laurin ist wieder sprungbereit.“

„Wartet noch!“ Anna-Luna stand auf. „Kommandantin an alle. Ein neuer Auftrag ist eingegangen. Es gibt einige Vorbereitungen zu treffen. Wir fliegen also den nächsten GGS-Stützpunkt an. Kommen Sie in die Zentrale, Korvac, und übernehmen Sie das.“

„Verstanden, mein General.“

„Ich erwarte ein wichtiges Datenpaket, Canter. Sofort in mein Sichtfeld damit, wenn es eingegangen ist.“

„Verstanden, mein General.“

„Erster Kybernetiker in die Messe. Du auch bitte, Waller. Beratung. Geheimhaltungsstufe Rot. Das Bordhirn wird zugeschaltet...“

13

Eine der drei Formationen flog zu ihnen. Yaku und Venus sahen die verzerrte Pyramide im flimmernden VQ-Feld. Die vereinigte Schubkraft von sechs triebwerksstarken Schiffen widerstand den Massenkräften aus dem galaktischen Zentrum. Die Ortung lieferte nur noch lückenhafte und kaum lesbare Daten, aber Yaku vermutete, dass die Pyramide aus einem Schlachtschiff, zwei Schweren und zwei Leichten Kreuzern und einem Aufklärer bestand. Einheiten der Flotte in jedem Fall. Unwahrscheinlich, dass sie nichts von den Ereignissen auf Genna und Doxa IV wussten.

Die Pyramide aus Omega-Raumern war üblicherweise nach unten gestaffelt. Das kleinste Schiff, der Aufklärer, hing an ihrer Unterseite unter einen leichten Kreuzer. Der Unterboden des Aufklärers schob sich über die Jerusalem. Ein Ruck und ein Dröhnen ging durch den Rumpf, als der havarierte Frachter andockte.

„Helme schließen“, befahl Yaku. Die Geschwister hatten ihre zerschlissenen Lumpen abgelegt und Überlebenssysteme angezogen. Zuvor hatten Yaku sie gezwungen zu duschen. Ihre Waffen trugen sie in ihren Rucksäcken. Yaku hatte seine in der Aktenmappe verstaut. Sie gingen zum Liftschacht auf der vierten Ebene. In ihm schwebten sie zur oberen Ausstiegsschleuse hinauf. Während die Schleuse sich unter ihnen schloss, ließ er Venus ihre neuen Namen und ihre Geschichte wiederholen. Danach wandte er sich ein letztes Mal an den Jungen. „Und du hältst die Klappe, verstanden?“ Plutejo nickte stumm. Seine Augen tränten. Yaku hatte den Sichtschutz seines Helmes ein wenig abgetönt, damit der Blaustich seiner Hautfarbe nicht auffiel.

Über ihnen öffnete sich die Zugangsschleuse zum Teleskoplift des fremden Schiffes. Der Rabe tippelte aufgeregt auf Yakus Schulter herum. Schleusenschotte schlossen und öffneten sich. Schließlich traten sie aus dem Liftschacht.

„Willkommen an Bord der Mexiko, Aufklärer der Flotte der GRT!“ Drei Männer und eine Frau standen vor ihnen. Sie trugen hellgraue Bordkombis mit den Rangfarben der Flotte auf den Namensschildern. Einer streckte ihnen die Hand entgegen. „Mein Name ist Garp, Primhauptmann Wendolyn Garp. Keine Verletzten?“ Er runzelte die Stirn. „Ist das schon die gesamte Frachterbesatzung?“

Yaku klappte den Helm zurück und fasste die ausgestreckte Hand. „Niklas Pirello, Kapitän der Jerusalem. Maschinenschaden, Meuterei an Bord. Der Rest hat sein Glück in der Flucht gesucht. Keine Ahnung ob ihr Beiboot durchgekommen ist.“

„Wir haben keines geortet.“ Garp drückte Venus die Hand. Auch sie hatte ihren Helm zurückgeklappt. Sie stellte sich als Hella Lindström vor. Plutejo ließ seinen Helm geschlossen.

„Dennis Turner“, sagte Yaku. „Hat eine eitrige Angina. Hab ihm gesagt, er soll niemanden anstecken.“

„Schon in Ordnung. Der Kommandant will Sie sehen, ist extra an Bord gekommen. Gehen wir in die Zentrale.“ Eskortiert von zwei Männern und der Frau folgten sie dem Primhauptmann. „Tiere sind übrigens nicht erlaubt an Bord“, sagte die Frau. „Wir werden den Vogel töten müssen.“ Yaku zog es vor, nicht zu reagieren.

In der Zentrale begrüßte sie ein General namens James Porto, sein Flaggschiff war der erste Schwere Kreuzer der Pyramidenformation. Er war extra heruntergekommen um die Havaristen zu begrüßen. Bei ihm stand ein Mann in einer roten Toga mit silbernem Kragen, silbernen Säumen, Tressen und Knöpfen – ein Direktor der GRT! Er hieß Sigmar Nansen.

„Was für eine Ehre!“, sagte Yaku. Er hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Ein Direktor, ein General und ein Mann, der von Rechts wegen längst tot sein müsste. Und als ob das dem Schicksal oder einem Gott noch nicht witzig genug gewesen wäre, auch noch zwei entlaufene Sträflinge.

Sie stellten sich vor, und Yaku begann ihre Geschichte zu erzählen. Maschinenschaden, Meuterei, und so weiter. Plötzlich fiel sein Blick auf das Viquafeld. Ein Omega-Raumer mit nur einem Triebwerk trudelte den Zentrumssonnen entgegen – seine Jerusalem. Er stürzte zur Frontkuppel und starrte in das Sichtfeld, bis die Sonnen und sein Frachter hinter einem Tränenschleier verschwommen.

Jemand klopfte ihm von rechts auf die Schulter. „Schwerer Augenblick für Sie, Oberst Pirello, ich weiß schon.“ General Porto, der Verbandskommandeur, stand neben ihm. „Ich hab auch mal ein Schiff verloren. Will ich nie wieder erleben. War der Frachter schon bezahlt?“

„Nein.“ Yaku riss sich zusammen. „Wir bräuchten eine Stärkung, mein General“, sagte er heiser. „Und Medizin für den Jungen. Ein Schmerzmittel wäre nicht schlecht.“

„Aber klar doch, Oberst Pirello. Sie kriegen erst mal was zu essen und Kabinen. Danach aber müssen wir Ihren Bericht protokollieren. Ich hab mir die Daten Ihrer I-Ziffer angeschaut. Unter wem sind Sie geflogen?“

Yaku erzählte seine eigene, seine wahre Geschichte. Jedenfalls in den Grundzügen. Er war lange genug bei der Flotte gewesen, und die Namen seiner Kommandeure und deren Flaggschiffe vergisst man nicht. Der General nickte, und immer wenn er einen Namen wiedererkannte, strahlten seine Augen. Der Direktor stand die ganze Zeit stumm dabei. Er musterte Venus und Plutejo. Venus sehr freundlich, den Jungen mit gerunzelter Stirn. Der begann schon wieder zu zittern. Wurde Zeit, dass er in einer Kabine unterkam.

„Freut mich, freut mich, dass Sie den kennen, ein wunderbarer Kommandeur“, sagte der General. „Alte Schule, verstehen Sie? Wird Sie sicher interessieren, dass wir das galaktische Zentrum untersuchen, um seine Kraftfelder für die Energiebedürfnisse stationärer Megawaffen zu nutzen. Mit den gigantischen Gravitationskräften ließen sich doch prächtige Gravitonkanonen bauen. Die müssten Lichtjahre weit reichen, stellen Sie sich das einmal vor, Oberst Pirello...!“

„Kommunikator an Primhauptmann“, tönte eine Stimme im Hintergrund. „Nachrichten aus der Republik...“ Yaku spitzte die Ohren, während General Porto, den Direktor in das Gespräch mit einbezog. Der Mann war offenbar zum ersten Mal so nahe am Zentrum der Galaxis. „Die spinnen doch“, tönte der Kommunikator. Er wusste wahrscheinlich nichts von dem hohen Besuch an Bord. „Haben einen Sträflingsplaneten beschießen lassen. Es gab einen Aufstand. Die haben Schiffe gekapert. Jetzt sind sämtliche Eisschächte überflutet, mindestens eine Millionen Tote!“ Yaku verschlug es Sprache und Atem.

„Barbarisch!“ Der Direktor drehte sich zu Garp, dem Kommandanten des Aufklärers, um. „Das ist Massenmord, wozu haben wir Gesetze?“

„Ich bitte Sie, verehrter Direktor!“, sagte der General. „Rebellen! Mörder! Was glauben Sie, wenn sowas Schule macht?“

Yaku fühlte sich wie gelähmt. Venus’ Eltern! Venus’ und Plutejos ganze Sippe! Und wie viel Angst mussten sie an der Republikspitze haben, wenn sie die Förderungsschächte eines Glaucaurisplaneten unzugänglich schießen und eine Millionen Menschen ermorden ließen! Er brauchte sich nicht nach Venus umdrehen, er spürte, wie das Unheil seinen Lauf nahm.

„Eine Millionen Tote?“ Der Direktor trat an die Balustrade der Galerie. „Sind Sie sicher?“, rief er in Ebene II hinunter. Er schien außer sich.

„Wie heißt der Planet?!“ Venus schrie exakt die Frage hinaus, deren bange Erwartung Yaku schon wie Blei im Brustkorb lag.

„Genna“, antwortete der Kommunikator.

Venus ging weinend in die Knie. Plutejo brüllte plötzlich wie von Sinnen. Er stürzte sich auf den General und schlug ihn zu Boden.

Yaku spürte den Boden der Zentrale unter sich wanken. Die Würfel waren gefallen, die Seite klar, auf der er zu stehen hatte. Er ließ seinen Koffer fallen, öffnete ihn, riss seine Waffen heraus.

Am Navigations- und am Kommandostand verharrten sie wie angefroren und mit völlig verblüfften Gesichtern. Keiner der Offiziere war zu einer Reaktion imstande. Der schwere Plutejo lag auf dem General, schrie und bearbeitete den viel Älteren und Kleineren mit seinen Fäusten. Der Direktor griff unter seine Toga, holte einen Fauststrahler heraus und legte auf den Jungen an. Laserkaskaden von rechts fuhren in seinen cremefarbenen Anzug, in seine Brust. Er schrie auf, brach zusammen, wälzte sich stöhnend am Boden. Jetzt war auch die letzte Brücke abgebrochen.

„Bändige deinen Bruder!“, schrie Yaku. LK-Gewehr und Strahler in den Fäusten stürzte er zum Kommandostand. Mit dem Gewehr zielte er auf die Navigatoren, den Lauf der Faustwaffe drückte er Garp in die Rippen. „Abkoppeln, beschleunigen, springen. Sofort!“ Und dann für die Ohren des Kommunikators eine Ebene tiefer. „Keines Ihrer Schiffe erfährt, was hier los ist! Sonst gibt es hier oben Tote!“

Venus zerrte den tobenden Plutejo von General Porto herunter, der zuckende Körper des Direktors erschlaffte endgültig, der Primhauptmann gab Yakus Befehle an das Bordhirn weiter. Sekunden später koppelte die Mexiko von der Pyramide ab und beschleunigte.

Venus klappte Plutejo den Helm hoch, wischte ihm Rotz, Schaum und Tränen aus dem Gesicht, und flößte ihm Whisky ein. General Porto richtete sich stöhnend auf. Er blutete aus Mund und Nase. Seiner Miene war anzusehen, dass er Plutejos bläuliche Gesichtshaut richtig einordnete. „Sie müssen lebensmüde sein, Pirello!“, schrie er.

„Eben nicht“, sagte Yakubar Tellim. „Genau das eben nicht...“

Im Viquafeld entfernte sich die Schiffspyramide. Die KRV-Triebwerke fuhren hoch. Erste Nachfragen der anderen Schiffe gingen ein. Sie würden nicht schießen, Yaku war sicher – man schoss auf keinen General der Republik, und auf keinen Direktor der Republik.

Er sprang die Treppe hinunter auf Ebene II, drohte mit der Waffe, schrie: „Weg von den Konsolen! Weg! Weg!“ Aufklärer, Kommunikatoren und Techniker sprangen aus den Sesseln, drängten sich mit erhobenen Armen an der linken Frontkuppelseite zusammen. Yaku zielte auf die Instrumente des Kommunikators. Eine Energieladung nach der anderen feuerte er in die Konsole; solange, bis Funken aus ihr sprühten und sie in Flammen stand.

Er rannte wieder hinauf auf Ebene I. Kaum hatte er die letzte Treppenstufe genommen, stimmte sein Rabe ohrenbetäubendes Gekrächze an. Yaku warf sich flach auf den Boden. Fünf, sechs Energiekugeln fauchten über ihn hinweg. Am rechten Schott stand eine Kampfmaschine! Venus nahm sie unter Feuer, bis sie in Flammen stand. Doch hinter hier walzte bereits der nächste Kegel heran. 

„Raus hier!“, brüllte Yaku. Sie stürmten dem linken Schott entgegen. Aus Ebene II schlugen Flammen bis zur Balustrade hinauf. Auf dem Visuquantenfeld verschwammen die Zentrumssonnen, um einen Augenblick später lichteren Sternkonstellationen Platz zu machen. Der Sprung, Himmel sei Dank! Aus Strahler und LK-Gewehr zugleich schoss er auf die Kampfmaschine im rechten Hauptschott. Sie rotierte, schoss ziellos in die Kuppel. Niemand, außer Yaku, der nicht in Deckung lag.

„Her mit den ISK-Kappen!“, brüllte der Weißhaarige. „Los! Her damit!“ Er zielte auf den entsetzten General. Venus zerrte Plutejo vom Boden hoch und an Yaku vorbei durch das linke Zentralenschott in den Gang hinaus. Der Kommandant stand auf, zog die Steuerungskappe herunter und warf sie Yaku zu, sein Erster Offizier tat dasselbe mit seiner.

Yaku steckte sie ein, stürmte aus der Zentrale. „Los!“, zischte er, als er das Geschwisterpaar überholte. „Das Schiff ist klein, bis in den Maschinenleitstand müssten wir es schaffen...“

14

„A“, sagte der Kugelkommunikator. „A wie Antares, B wie Belfort, C wie Circus. Lass dir Zeit, mein Junge.“ Der Dwingolangowar nahm den Stift und zeichnete erst A, dann B, dann C. „Wunderbar!“ Die Stimme des Kuglers klang freundlich und einschmeichelnd. „Du machst das gut, Rüsselheimer, sehr gut! Und gleich noch einmal...“

DuBonheur beobachtete die beiden von seinem Polster aus. Der Junge machte ihm Freude. Er überlegte, ob es entwicklungspsychologisch und ethisch vertretbar war, ihm in seinem Alter noch einen anderen Namen zu geben. Jedesmal nämlich, wenn jemand nach ihm rief, tat er ihm leid.

Ein paar Schritte hinter DuBonheur saßen drei Männer um einen kleinen, runden Tisch. Ein schmaler Kranz aus Spiralen zog sich rund um die Tischkante, ein Visuquantenfeld schwebte über der Tischplatte und in ihm etwa drei Dutzend virtuelle Schachfiguren. Seine beiden Leibwächter und sein Chefingenieur brüteten über einem 3-D-3-S-Schachspiel. Alle drei waren Eidmänner der DuBonheur-Sippe.

Mit einem rituellen Schwur hatten sie ihr Schicksal mit dem des Wissenschaftlers verbunden. Trevor Gorges, sein Chefingenieur, hatte seinen Eid schon vor fast zwanzig Jahren abgelegt, die Zwillinge erst vor kurzem. Solche Schwüre waren zivilrechtlich geregelt. Zum Beispiel folgten Gorges und die Zwillinge in der Erbfolge direkt nach Gender DuBonheurs Nichten und Neffen.

Vor drei Tagen waren DuBonheurs Sippe, seine Eidmänner und er von Fat Wyoming gestartet. In einem Luxuskreuzer der Verwaltung, wie versprochen; Wyoming hieß der Omega-Raumer. Für den jungen Dwingolangowar begann also heute der vierte Unterrichtstag. DuBonheur wollte, dass er auf ganz herkömmliche Weise Terrangelis schreiben und lesen lernte, und nicht mit irgendwelchen vorübergehend implantierten Synapsen-Adaptern, oder Nächten unter Lernkappen und ähnlichen Methoden. Er wollte das, um die Auffassungsgabe des Jungen zu prüfen. Insgeheim verdächtigte er die Dwingolangowars nämlich einer überdurchschnittlichen Intelligenz, die sie, wenn es Vorteile für sie brachte, hinter Dorftrottelgehabe verbargen.

„Und jetzt lies vor, Rüsselheimer“, flötete der Kugler. Im Sichtfeld neben der Tafel erschienen einfache Worte: Ja, so, oh, wo, da und ähnliches. Rüsselheimer las; ziemlich flott sogar.

DuBonheur hatte den Jungen als Siebenjährigen in sein Haus aufgenommen. Vier Jahre her. Inzwischen sprach er Terrangelis, die allgemeine Verkehrssprache der GRT, fließend. Der Häuptling einer Rotte, die auf dem Markt von New Cheyenne regelmäßig Früchte verkaufte, hatte mit Rüsselheimer einen Satz Messer bezahlt. Angeblich sei seine Horde auf See ums Leben gekommen. Man fragte in solchen Fällen lieber nicht so genau nach. Die Eingeborenen von Fat Wyoming standen unter strengem Artenschutz und solange ihre Vergehen keinem Bürger der GRT schadeten, unterlagen sie auch nicht allen Paragraphen des republikanischen Strafgesetzcodex’.

„Kommandeur an Höchstgeehrten“, tönte es aus dem Bordfunk. Der junge Dwingolangowar sah sich erschrocken um. Sein Ohren hoben, sein Rüssel streckte sich.

„Keine Angst, mein Kleiner“, beruhigte ihn der Kugler. „Die Stimme kommt aus einem akustischen Empfangsmodul, der Sprecher befindet sich eine halbe astronomische Einheit von uns entfernt auf einem Schweren Kreuzer namens Cheyenne...“

Der Dwingolangowarjunge sah verblüfft auf seinen Lehrer hinunter. Der Kugler war kaum halb so groß wie er.

„Guten Morgen, Oberst Kühn. Gibt es Neuigkeiten?“ DuBonheur stemmte seine 207 Kilogramm vom Polster und stand auf.

„Leider ja, Höchstgeehrter. Es sind schon wieder Schiff auf unserer Route aufgetaucht. Mehrere Personen wünschen eine Audienz bei Ihnen. Ich schlage vor, ihre Anfragen zu ignorieren und einfach zu springen.“

„O nein, Oberst! Das wäre doch unhöflich! Stellen Sie sich nur vor, welche Strapazen diese Menschen auf sich genommen haben, nur um mir zu gratulieren! Nein, nein! Mögen Sie an Bord kommen. In etwa einer halben Stunde etwa bin ich bereit, Besuch zu empfangen.“

„Wie Sie wünschen, Höchstgeehrter.“

So ging das seit dem zweiten Tag der Reise. Frachter, Galaktische Kreuzfahrtschiffe, Privatraumer, sogar Forschungsschiffe warteten auf der offiziellen Route nach Terra Prima; an den Koordinatenpunkten, an denen ein Zivilraumer gemäß der Flugroutenverordnung des Direktoriums nach einem Sprung wieder im Normaluniversum aufzutauchen hatte. Menschen, die ihm gratulieren, die ihn sehen, die ein Autogramm von ihm wollten. Sechs Schiffe hatten sich inzwischen sogar dem Verband angeschlossen und wollten DuBonheur bis zur Grenze des Solsystems begleiten. Auch hatte er feste Sprechzeiten eingerichtet – vormittags von 10:00 bis 12:00 Uhr TPZ, und nachmittags von 16:00 bis 18:00 Uhr TPZ.

Hinter DuBonheur begann Trevor Gorges zu schimpfen. Offenbar hatten die Zwillinge sich gegen ihn verbündet. Strohblonde und rotgesichtige Kraftpakete übrigens, einen halben Zentner schwerer noch als DuBonheur selbst. Sie hießen Alban und Urban; der Kunsthirnexperte konnte sie nicht auseinanderhalten. Niemand konnte das. Abgesehen von Robotern, die ihre I-Ziffern anzupeilen in der Lage waren.

„’Terra Prima’ heißt der Mutterplanet der Menschheit“, erklärte der Kugler seinem Schüler. „Manche sagen auch ‚Erde’ oder ‚verbotener Planet’.“ Er schrieb Erde an die weiße Kunstglastafel neben dem Sichtfeld. Der Junge malte die Buchstaben nach.

Er machte Fortschritte, fand DuBonheur. Das sollte er auch, denn bis die galaktische Karawane ihr Ziel erreicht hatte – in zwanzig Terratagen etwa – musste er einigermaßen lesen und schreiben können. Der Junge war als Präsent für den P.O.L. gedacht. Auf Terra Prima wüsste man lebendige Geschenke zu schätzen, hatte der Wissenschaftler gehört. Wem der Junge den lächerlichen Namen zu verdanken hatte, wusste DuBonheur bis heute nicht. Vielleicht sollte er es einfach dem Regenten überlassen ihn umzutaufen.

Trotz seiner zarten Jugend war der Dwingolangowar schon hundertdreiundachtzig Zentimeter hoch und wog zweiundneunzig Kilogramm. Ein ausgewachsenes, männliches Exemplar seiner Gattung konnte bis 2,65 m groß und sechs Zentner schwer werden. Die hohe Schwerkraft auf Fat Wyoming bedingte solche Körpermaße. Auch die Nachfahren der ersten Kolonisten waren davon betroffen.

Gender DuBonheur hatte dem jungen Dwingolangowar Schädel und Schultern scheren und ihn in eine hellgraue Latzhose stecken lassen. Er sah ein bisschen aus wie eine zweibeinige Miniaturausgabe jener legendären Rüsselkolosse, die man in DuBonheurs Kindheit noch auf alten Zirkus-Raumern bewundern konnte. Wie hatten die Tiere gleich geheißen? Elefanten, genau! Auf Terra Prima gab es angeblich ganze Herden davon. DuBonheur freute sich darauf die exotischen Tiere; und auf all die anderen Herrlichkeiten, die man sich vom verbotenen Planeten erzählte. Er freute sich geradezu kindlich darauf, sie bald mit eigenen Augen sehen zu können.

Eine halbe Stunde später war der Unterricht vorbei. Rüsselheimer verabschiedete sich artig von seinem Ziehvater, bevor er gemeinsam mit dem Kugler den Salon verließ. DuBonheur aß ein Stück Torte und trank einen Fruchtsaft dazu. Seine Eidmänner unterbrachen ihr Schachspiel; Gorges stand kurz vor dem Matt. Urban oder Alban hatte ein Remi angeboten, Urban oder Alban hatte abgelehnt. Gorges schulterte den Tisch. Gemeinsam begleiteten sie ihren Patriarchen in das Empfangsfoyer der Wyoming. Dort nahm DuBonheur auf einem gepolsterten und leicht erhöhten Sessel mit hoher Lehne Platz und schlief sofort ein. Die drei Männer platzierten ihren Spieltisch hinter ihm und setzten die Partie fort.

Wenige Minuten später weckte die Stimme des Schiffskommandanten DuBonheur aus seinem Vormittagsnickerchen, eines gewissen Commodore Tartagnant, wie er sich nannte. „Neun Besucher sind an Bord gekommen, Höchstgeehrter. Wir haben ihre Zahlen überprüft, in der Zentralverwaltung liegt nichts gegen sie vor. Wir führen die Leute ins Foyer, wenn Sie es wünschen.“

„Aber ja doch, ja doch, Commodore! Rufen Sie meine Frau. Sie soll die guten Leutchen zu mir bringen!“

Lissa DuBonheur und ihre Töchter begleiteten die Besucher zu ihm ins Foyer. Ein Leutnant und zwei Primsoldaten eskortierten sie. Oberst Kühn hatte auf diese zusätzliche Sicherheitsmaßnahme bestanden.

In einem offenen Vorraum des Foyers hatte der Schiffsservice ein kleines Büfett vorbereitet. Dort ließ Lissa DuBonheur fünf der neun Besucher Platz nehmen; offenbar Leute, die sie als wichtig herausgefiltert hatte.

Die, wie es schien, weniger Wichtigen, geleitete sie vor den thronartigen Sessel ihres Mannes und stellte sie kurz vor. Es waren Privatleute aus allen Regionen der GRT, unter ihnen ein General im Ruhestand von Hawaii Novum. Der Mann hatte fast elftausend Lichtjahre in seinem Privatschiff zurückgelegt, um den Höchstgeehrten fünf Minuten lang sprechen zu können. DuBonheur wechselte also mit jedem ein paar Worte, zeigte sich warmherzig und auskunftsbereit, ließ sich wortreich gratulieren und signierte zwei Dutzend Autogrammhefte.

Die Verwaltung von Fat Wyoming hatte diesen Prospekt gesponsert. Von der Titelseite lächelte das breite Gesicht des geehrten Wissenschaftlers, die Seiten 2 und 3 informierten über seine Biographie und die Leistung, für die man ihn ausgezeichnet hatte, und die restlichen zwanzig Seiten priesen Fat Wyomings touristische Zentren, Wirtschaftsmetropolen und Großstädte an. Auf mindestens fünf Seiten konnte man die wichtigsten Adressen und Nummern für Geschäftsverbindungen nachlesen. So lief das nun einmal.

Nach fünfzehn Minuten etwa verabschiedete DuBonheur die erste Gratulantengruppe. Seine Frau geleitete sie aus dem Foyer, und führte danach zwei Männer der zweiten Gruppe zu ihm. Sie sprachen ihre Glückwünsche aus, und kamen sofort zur Sache. Es waren Geschäftsleute, die seinen Prozessor produzieren wollten. Sie boten ihm einen großzügig dotierten Lizenzvertrag an. Gender DuBonheur beschied ihnen, dass er bereits mit der GRT im Gespräch sei und verabschiedete sie.

Den nächsten Gratulanten, ebenfalls einen Mann, führte Lissa allein vor seinen Stuhl. Er gratulierte charmant, verneigte sich dabei mit theatralischer Geste und stellte sich als Autor vor, der die Biographie des Höchstgeehrten schreiben wollte. Das war bereits der dritte Besucher mit diesem Anliegen. Der Kunsthirnspezialist und Quanteningenieur erbat sich Bedenkzeit und verwies den jungen Schreiberling zwecks weiterer Terminvereinbarung an seine Gattin.

Zuletzt geleitete Lissa ein Paar vor den Sessel ihres Mannes, eine junge Frau in bunten, langen Gewändern und einen älteren Mann mit ausdruckslosem Gesicht, und ganz in Schwarz gehüllt. Die beiden exotischen Erscheinungen faszinierten Gender DuBonheur auf Anhieb. „Sir Walker Paladei und seine Tochter Lady Josefina Paladei“, stellte seine Frau das Paar vor.

Solche Titel waren in der Galaktischen Republik Terra genauso selten wie neoantike Adelstitel. Fast ausschließlich Kulturschaffende mit regierungsamtlich beglaubigten Leistungen auf dem Gebiet der schönen Künste durften ihre Namen damit schmücken. DuBonheur staunte und fühlte sich zugleich geschmeichelt.

Sir Walker gratulierte zuerst. Seine Erscheinung hatte etwas Respektgebietendes. Sein langer schwarzer Umhang reichte bis zum Boden, so dass man seine Schuhe nicht sehen konnte. Auch schien es, als würde er schweben, wenn er sich bewegte. Sein blauschwarzes Haar glänzte ölig und lag schwer und dicht wie ein Carbonhelm an seinem ungewöhnlich großen Kopf an. Sein Gesicht war weiß geschminkt, die Augen und Lippen tiefrot. Er wählte seine wenigen Worte sorgfältig. Mit einem Segen der Ureinwohner seines Heimatplaneten Berlin beschloss er seinen Glückwunsch.

Seine Tochter formulierte ihr Glückwünsche in ähnlich manierlicher Weise. Sie zitierte den Vers eines alten terranischen Dichters. Gebildete Leute, DuBonheur war angetan. Dazu kam, dass die Frau ausgesprochen schön war: Ein schmales, wohlgeformtes Gesicht mit einem großen, blau-geschminktem Mund und fast strahlend grünen Augen. Ihr Haar, blauschwarz, hatte sie zu unzähligen Zöpfchen geflochten, und ihre rauchige Stimme berührte DuBonheur an einer Stelle unter seinem Zwerchfell, die sich aufregend anfühlte.

„Ich habe eine große Bitte an Sie, Höchstgeehrter“, sagte Lady Josefina nach der Gratulation. DuBonheur hätte ihr auf der Stelle jeden Wunsch erfüllt. „Wie mein Vater bin auch ich Malerin, und wir würden gern Sie und später Ihre Sippe porträtieren, am liebsten in Öl...“ DuBonheur war sofort einverstanden, seine Frau erging sich in Begeisterungsrufen.

Ein Robotdiener brachte Lady Josefinas Koffer mit den Zeichenutensilien. Sie hatte ihn auf Anweisung Kühns im Vorraum stehen lassen müssen. Unter Beratung ihres Vaters begann die schöne Frau eine Zeichenstudie von DuBonheur und seiner Gattin anzufertigen. Am Schachtisch setzten Alban oder Urban den Chefingenieur Schach, und Alban oder Urban lehnte das Remis-Angebot Albans oder Urbans zum zweiten Mal ab.

Während das Ehepaar DuBonheur die ersten Vorstudien begutachteten – beide waren sehr angetan – meldete Oberst Kühn einen erneuten Besucherwunsch an. „Subgeneral Merican Bergen hat sich einzig zu dem Zwecke von seinem Pionier-Kampfverband entfernt, um dem Höchstgeehrten seine Hochachtung zu erweisen“, sagte Kühn. „Ich bin bis vor drei Jahren persönlich unter Bergens Kommando geflogen und verbürge mich für den Subgeneral – ein charmanter Mann, durch und durch gebildet und ein großer Musikliebhaber dazu.“

„Aber gern doch“, sagte DuBonheur. „Welche Ehre auch! Morgen früh um zehn Uhr Bordzeit, würde ich sagen.“ Seine Frau signalisierte ihr Einverständnis durch ein Nicken, und der Oberst bestätigte.

Lissa DuBonheur handelte mit Lady Josefina Termine aus, an denen sie und ihr Mann den Malern Modell sitzen wollten. Man kam überein, dass die Audienztermine sich für diesen Zweck durchaus eigneten. Am 3-D-Schachtisch stieß Trevor Gorges einen Fluch aus, weil er Matt war. Alban oder Urban erneuerte sein Remis-Angebot, Alban oder Urban erneuerte seine Ablehnung, und so setzten die Zwillinge die Partie fort.

15

Plutejo tobte drei Tage lang. Im Gefechtsleitstand hatten sie ihn an den Sockel eines der mit dem Boden verschweißten Sessel gekettet, damit sie sein Gebrüll nicht unten im Maschinenleitstand hören mussten. Alle zwei Stunden ging Venus zu ihm hinauf, gab ihm zu trinken, wechselte verdreckte Decken und nassgeschwitzte Wäsche.

Die Besatzung von Gefechts- und Maschinenleitstand hatten sie ausgesperrt und die Schotte verriegelt. Auf dem Weg durch den linken Rumpfschenkel waren ihnen Kleider, Wasserflaschen, Medikamente und hochkalorische Nahrungsriegel in die Hände gefallen. Kampfmaschinen belagerten die Schotte. Yaku hatte gedroht den gesamten Querholm mit Maschinen- und Gefechtsleitstand zu sprengen, sollten sie eindringen. Er versuchte fieberhaft die Kontrolle über die Triebwerke zu erlangen. Es gelang nicht – seine Kenntnisse in Kybernetik und Quantentechnik waren einfach zu lückenhaft.

Am vierten Tag kam Venus aus dem Gefechtsleitstand nach unten und zog Plutejo hinter sich her. Der Junge war aschfahl. Schwarze Ring lagen unter seinen tief in den Höhlen liegenden Augen, seine Wangen waren hohl, Arme und Schultern hingen schlaff an ihm herunter. Er zitterte noch, aber lang nicht so heftig, wie fünf Tage zuvor. „Ich glaube er ist durch“, sagte Venus. Sie drückte ihn auf einen Stuhl, flößte ihm Wasser ein, gab ihm zu essen.

Von Anfang an versuchten Garp und Porto von der Zentrale aus mit ihm zu verhandeln. Am fünften Tag, als General Porto wieder im Viquafeld erschien, bot er Straffreiheit für Yakubar und den Jungen an. Dass man die Mörderin eines Direktors bestrafen musste, würde Yaku doch wohl einsehen. Yakubar Tellim verlangte einen Sprung zu Koordinaten seiner Wahl, einen Sparklancer mit Proviant, einer Geisel und einer zweiten Ladung Glaurux.

Am sechsten Tag bot Porto an, alle drei auf einen Planeten ihrer Wahl und außerhalb der Republik abzusetzen. Yakubar blieb bei seiner Forderung.

Am siebten Tag hatte Plutejo sich etwas erholt. Er verlangte, bei der Eroberung des Bordhirns helfen zu dürfen. „Junge, damit komm ja ich kaum klar“, wollte Yaku ihn abweisen. „Und ich habe mein Leben nicht wie du unter Eis und in Höhlen verbracht.“

„Du redest grandiosen Scheißdreck, Mann“, sagte Plutejo. „Auf Genna haben wir nicht nur die Kugler und Arbeitsrobots umgekrempelt, sonder auch das Bergwerkshirn gekapert!“

„Er war an vorderster Front dabei“, bestätigte Venus. „Wir hatten wirklich gute Quanteningenieure auf Genna, Plutejo hat viel gelernt.“

„Lass mich ran, Mann!“ Plutejo schob Yaku vom Schnittstellenpult. „In zwei Tagen klopfen die Kampfmaschinen höflich an und fragen, ob sie uns eventuell aus der Hand fressen dürfen.“ Der Weißhaarige ließ ihn gewähren.

Gegen Abend meldete Porto sich wieder mit seinen Forderungen. „Sie haben keine Chance Tellim.“ Inzwischen kannte er Yakus wirkliche Identität. „Die Vorräte gehen ihn bald aus, und dann müssen Sie da hinten herauskriechen.“ Yaku wiederholte seine Forderung: Koordinaten seiner Wahl, einen Sparklancer, Vorräte an Nahrung und Treibstoff, eine Geisel. Porto lehnte ab. Yaku nahm es gelassen, er ging davon aus, dass sie wegen des zerstörten Kommunikatorstandes keine Hilfe herbeirufen konnten.

„Wo willst du hin?“, fragte Venus.

„Ich kenne einen Sauerstoffplaneten ein paar Lichtjahre vor der Republikgrenze“, sagte Yaku. „Nicht besonders freundlich, aber wir könnten überleben.“ Wenn wir mit diesem Schiff bis auf hundertachtzig Lichtjahre an ihn heranfliegen, könnten wir ihn mit dem Beiboot erreichen.“

Am achten Tag schaffte es Plutejo tatsächlich: Er knackte das Bordhirn, konnte Venus’ ISK auf das System eichen und veranlasste es, die Kampfmaschinen auf die rechte Schiffsseite zurückzuziehen. In einem der Sichtfelder nahm eine 3-D-Skizze des Schiffes Gestalt an. Auf ihr konnten sie beobachten, wie die Kegelroboter abzogen. „Allen Göttern der Galaxis sei Dank!“, stöhnte Yaku. Die Geschwister fielen sich in die Arme.

„Und jetzt?“, fragte Venus.

„Jetzt versuchen wir die Triebwerke hochzufahren, dann springen wir, und dann steigen wir aus...“

„Sie werden uns niemals aus dem Schiff lassen!“

„Sie werden...“

16

„Nicht zu fassen, was so ein Mann für eine Aufmerksamkeit erregt!“ Ralbur Robinson staunte das kleine Sichtfeld am unteren Rand der Cockpit-Kuppel an. Er steuerte den Sparklancer, mit dem Bergen und seine Delegation zum Zivilkreuzer des Höchstgeehrten flogen. Im Sichtfeld sah man eine ganze Karawane von Raumschiffen, in erster Linie Omega-Raumer, aber auch ein Dutzend Diskus- und Ellipsoidschiffe, wie distinguierte Privatleute sie benutzten, die das Privileg persönlicher Reisefreiheit genossen. Die meisten Schiffe im Tross des Verbandes flogen nicht einmal zwanzig Kilometer voneinander entfernt. Die Zeitangabe in der Fußzeile des Sichtfeldes lautete: 54-12-02 09:42:34

„Mindestens siebzig Schiffe begleiten ihn!“ Sibyrian Cludwich schüttelte ungläubig den Kopf. „Nach unseren Informationen ist er mit einer Eskorte von zwei Triaden und einer Frachtflotte aus fünfzehn Omega-Frachtern unterwegs. Habe ich da etwas falsch verstanden?“

„Keineswegs, mein lieber Cludwich.“ Bergen dachte an seinen Großvater. „Aber bedenken Sie: Mit der Höchsten Ehre wird nur alle fünfundzwanzig bis vierzig Jahre ein Bürger ausgezeichnet. In manchen Jahrhunderten kommt das sogar nur einmal vor.“ Damals, als er seinen Großvater Cayman Bergen bis zur Grenze des Solsystems begleitet hatte, waren zeitweise über dreihundert Schiffe voller Gratulanten im Tross mitgeflogen. „Wer kann schon ernsthaft damit rechnen jemals zu den Glückskindern zu gehören, die eingeladen werden, sich auf dem Paradies von Terra Prima anzusiedeln? Also will man wenigstens einmal im Leben einen Menschen sehen und sprechen, dem das Unvorstellbare widerfahren ist.“ Sein Großvater hatte seinerzeit jeden Tag im Schnitt hundertsechzig Autogrammkarten signiert; und vor lauter Besuchen erreichte sein Schiff damals das Solsystem statt nach geplanten dreißig erst nach fünfzig Tagen. „Es finden sich bei solchen Anlässen immer ein paar intergalaktische Reisebüros, die günstige Gratulationsreisen anbieten. Ich glaube, das ganze Theater hat eine religiöse Komponente.“

„Ehrlich gesagt, ich kann es kaum noch erwarten, diesen DuBonheur kennenzulernen“, gab Robinsons Zweite Offizierin zu, Oberst Li Ling. „Dass ich allerdings religiös bin, könnte ich von mir nicht behaupten.“ 

„Wer gesteht sich das schon gern ein?“, sagte Homer Goltz. „Außerdem scheint mir das eine Frage des Unterbewusstseins zu sein.“

„Was, wenn sie nun doch unsere I-Ziffern anpeilen?“ Calibo Veron beschäftigte sich lieber mit den aktuellen Herausforderungen der Realität. Wie die anderen beiden Schiffskommandanten hatte auch Merican Bergen seinen Ersten Offizier mitgenommen. „Bei allem Respekt vor Ihrem legendären Ruf und Ihren ehemaligen Offizieren, mein Subgeneral – ich trau keinem Befehl, den ich nicht selbst empfangen oder gegeben habe.“ Er bezog sich auf die Zusagen des Verbandskommandeurs. Ein gewisser Oberst Kühn, ein Verehrer Bergens, hatte zugesagt ihnen den üblichen Check zu ersparen.

„Dann werden sie unsere persönlichen Daten in die Zentralverwaltung nach Terra Sekunda senden“, antwortete Zeelia Peer-Robinson. „Und frühestens dreißig Minuten später eine Antwort erhalten.“ Sie hatte darauf bestanden gemeinsam mit ihrem Mann zur Wyoming zu fliegen.

„Mit anderen Worten: Länger als zwanzig Minuten sollten wir uns bei Dr. DuBonheur nicht aufhalten“, sagte Bergen.

Er war nervös und musste sich zwingen, seine Gedanken auf den bevorstehenden Besuch zu konzentrieren. Der Grund: Heinrich hatte aus irgendeinem Grund darum gebeten ihn nicht begleiten zu müssen. Das war noch nie vorgekommen, und entsprechend viele Fragen lagen Bergen schwer auf dem Magen. Sobald die Lage hier im Verband des Höchstgeehrten sich geklärt hatte, würde er sich mit seinem Roboter beschäftigen müssen.

„Noch drei Kilometer“, sagte Robinson. Er verkleinerte das Sichtfeld. Ein paar Minuten verstrichen noch, bis die Wyoming mit bloßem Auge erkennbar war. Das lag vor allem an der tiefschwarzen Farbe auch dieses Omega-Raumers. „Commodore Tartagnant an Sparklancer Brüssel 01. Stellen Sie bitte ihre Triebwerke ab. Wir holen sie rein.“ Der Kommandant des Kreuzers gehörte nicht der Flotte an. Zivile Schiffskommandanten pflegten sich alle möglichen Titel zu geben. Das fing beim Captain an und hörte beim Primus Commodore auf; je nach Geltungsbedürfnis.

„Verstanden.“ Robinson deaktivierte die Maschine, machte Meldung, und Sekunden später ging ein Ruck durch das Kleinschiff – ein Kontrogravstrahl der Wyoming hatte die Brüssel 01 erfasst. Bald erkannten sie Konturen des hufeisenförmig gebogenen Rumpfs des schwarzen Zivilkreuzers. Der Omega-Raumer entsprach in seinen Ausmaßen dem Leichten Kreuzer der Flotte hatte also einen Innenschenkeldurchmesser von 180 Metern. Natürlich war er unbewaffnet.

Der Kontrogravstrahl zog sie unter den Kreuzer. Über ihnen öffnete sich ein Schott an seiner Unterseite. Langsam glitten die beiden Schotthälften auseinander, und langsam stieg Brüssel 01 der Öffnung entgegen. „Geschafft“, sagte Robinson, als die Magnetklammern den Sparklancer von oben an Bug und Heck umschlossen. Unter ihnen schob sich das Schott zu.

„’Geschafft’, sage ich, wenn ich wieder an Bord der Johann Sebastian Bach bin.“ Calibo Veron gebärdete sich mal wieder als das fleischgewordene Mißtrauen. „Jetzt wird es erst einmal ernst.“

„Keine überflüssigen Worte, meine Damen und Herren“, sagte Bergen leise. „Nicht ein einziges.“

Sie warteten etwa dreißig Sekunden. Dann hatte das Schott sich wieder mit Atemluft gefüllt. Sie stiegen aus. Das Kontrogravmodul ihres Überlebenssystems kompensierte die höhere Schwerkraft an Bord, so daß sie nichts davon spürten. In einer offenen Luke stand der selbsternannte Commander mit seinem Ersten Offizier und dem Chef seiner Sicherheitstruppe. Die Frauen und Männer der Brüssel 01 klappten ihre Helme zurück und öffneten die Verschlüsse ihrer Überlebenssysteme. Sie gingen dem Empfangskomitee entgegen, stellten sich vor und ließen sich die Hände drücken.

Alle hatten sie schon mit Kolonisten von Fat Wyoming zu tun gehabt, und so verblüffte niemanden die Körpermaße der drei Männer: Keiner von ihnen war kleiner als zwei Meter und ganz gewiss nicht leichter als hundertachtzig Kilogramm. Pipin Tartagnant, noch der kleinste und „zierlichste“ der drei menschlichen Kolosse, erwies sich als ausgesprochen charmanter Mann. Er hofierte Merican Bergen, als hätte er einen Primdirektor an Bord zu empfangen. Sie legten die Anzüge ab, gingen ein wenig in die Knie, gewöhnten sich aber rasch an die erhöhte Schwerkraft. Über Gänge und Kontrogravlifte folgten sie Tartagnant bis zum Eingang des Empfangsfoyers. Er redete die ganze Zeit auf Bergen ein. Bergen antwortete geduldig auf jede Frage. Gleichzeitig spitzte er die Ohren: Hinter ihm gaben der Sicherheitsmann und der Erste Offizier die neusten Nachrichten von einem Planeten namens Genna zum Besten. Die Sträflinge dort hätten sich erhoben und sogar einige Frachter gekapert. Vielmehr konnte Bergen nicht verstehen.

Am Portal zum Foyer verteilte Tartagnant Autogrammprospekte. „Sie haben fünfzehn Minuten Zeit“, sagte er lächelnd. „Leutnant Belt wartet hier und wird sie anschließend zurück zum Beiboothangar begleiten.“ Tartagnant und sein Erster Offizier verabschiedeten sich.

Belt, der Sicherheitsmann, öffnete das Portal zum Foyer. Sie traten ein. Eine Frau, blond, gut zwei Meter hoch und auch sonst von unglaublichen Körpermaßen, nahm sie in Empfang. „Lissa DuBonheur“, sagte sie, und sie sei die Gattin des Dr. Höchstgeehrten.

Bergen stellte sich selbst und seine Offiziere vor. Danach folgten sie der gewaltigen Frau durch einen eleganten Vorraum an einem kaltem Büffet, Getränkewagen und Lederpolstern vorbei in das eigentliche Foyer. Es war weiträumig und von einem Kuppeldach überspannt. Meterhohe Topfpflanzen wucherten da und dort aus großen Kübeln, auch farbenprächtige Blumen nahm Bergen wahr. Zwei blonde Kolosse von geradezu atemberaubendem Umfang standen hinter dem Thron, eine Frau – relativ klein und zierlich – hinter einer Staffelei führte einen Pinsel, und eine dunkle Gestalt neben ihr schien mehr zu schweben als zu stehen. Das Paar konnte unmöglich von Fat Wyoming stammen. Der Kolonialplanet, größer und massenreicher als etwa Terra Sekunda, brachte zwangsläufig schwere und grobknochige Lebewesen wie den Höchstgeehrten und seine Leibwächter hervor. 

Dr. DuBonheur saß auf einem erhöhten Sessel aus weißem Edelholz mit rotem Lederpolster, breiten Armlehnen und erhöhter Rückenlehne. Der Historiker in Bergen dachte sofort an die Thronsessel gewisser Regenten in längst versunkenen Zeitepochen. Wahrhaftig – es gab nichts Neues unter den Sonnen.

Er unterdrückte ein Lächeln und dachte zugleich an seinen Großvater. Cayman Bergen, fast zwanzig Jahre zuvor, hatte seine Gratulanten an einer runden Tafel empfangen, so groß, dass zweihundert Menschen daran Platz fanden. Gefiel ihm jemand, forderte er ihn auf an Bord zu bleiben. Seine Reise nach Terra Prima war eine einzige Orgie gewesen. Ihr verdankte Merican Bergen seine tiefe Abneigung gegen berauschende Getränke. Er für seine Person hätte nichts dagegen gehabt, das Alkoholverbot in der Republik auch auf die Terra-Prima-Reise eines Höchstgeehrten und auf die Tage nach der Einladung in den Ruhepark auszuweiten.

„Herzlich Willkommen an Bord, Subgeneral Bergen“, rief DuBonheur schon von weitem. „Herzlich Willkommen, meine Damen und Herren!“ Der Mann hatte nichts Prahlerisches an sich, seine großen Augen lächelten freundlich, sein breites Mondgesicht wirkte vertrauenswürdig. Auf seinem immensen Schädel glänzte eine von grauem Kurzhaar eingerahmte Glatze.

Hände wurden geschüttelt, Bergen stellte sein Leitungsteam ein drittes Mal vor. Jeder der Offiziere fand ein paar mehr oder weniger feierliche Worte, um dem Wissenschaftler zu gratulieren; ein Kunsthirnspezialist und Quanteningenieur, wenn Bergen recht informiert war.

Der rothaarige Subgeneral entwickelte ad hoc eine kleine Festrede, in der er die Schönheit der Wissenschaft mit der Schönheit der Musik verglich. Er schenkte DuBonheur einen Speicherkristall mit Musik aus der Neoantike. Das Mondgesicht des Mannes strahlte, er zeigte sich hocherfreut und ließ den Kristall auch sofort in eine Schnittstelle des Foyers schalten. Das erledigte einer der beiden blonden Hünen. Die übrigens glichen einander, wie ein Schlachtschiff dem anderen, und kamen Bergen noch erheblich größer und schwerer vor, als der Höchstgeehrte in seinem respektablen Thronsessel.

Bald schwirrten Klänge durch den Raum, als wären sie greifbare Formen, und DuBonheur erkundigte sich prompt nach dem „exotischen Instrument“, wie er sich ausdrückte.

„Eine Orgel“, erklärte Calibo Veron, und wagte einen linkischen Exkurs in die Musikgeschichte der Steinzeit. Bergen korrigierte ihn nicht, seine Aufmerksamkeit galt längst der Malerin hinter der Staffelei. Eine auffällig schöne Frau. Da Veron und vor allem die Ling und Robinsons Frau den Höchstgeehrten in ein Gespräch über Kybernetik im Allgemeinen und seine Erfindung im Besondern verwickelten, ging er einfach zu ihr. Sie trug eine ungewöhnliche Garderobe, ein bordeauxrotes Kleid mit schwarzen Spitzensäumen und -kragen. Ihre Stiefel glänzten metallicblau.

„Sir Walker Paladei und seine Tochter Lady Josefina Paladei“, rief Lissa DuBonheur. Sie war ihm ein Stück nachgeeilt.

Künstler also. „Bergen, gnädige Frau, Merican Bergen.“ Der Rothaarige deutete eine Verneigung an. „Darf ich fragen, was für ein Werk hier unter Ihren zarten Händen entsteht?“ Er wusste es natürlich längst – sein Großvater war während seiner Reise nach Terra Prima von mindestens neun Malern porträtiert worden – Kontakt zu der Schönen suchte er, das war alles.

Glücklicherweise zog DuBonheurs Frau sich zurück. „Sehen Sie selbst, Merican.“ Josefina trat einen Schritt zur Seite, und Bergen konnte die ersten Konturen der Gestalt des Höchstgeehrten bewundern. Das gerade begonnene Gemälde erinnerte ihn an das Bildnis eines fettleibigen Gottes, das er Jahre zuvor in einer Höhle auf dem Planeten Pompeji Nova gefunden hatte. Aber schlecht war es nicht, nein, wirklich nicht. Und mit entsprechend charmanten Worten lobte er es auch.

„Ihr Großvater trat einst ebenfalls den ruhmreichen Weg nach Terra Prima an?“, fragte sie. Das Lächeln ihrer schwarzen Augen war reinste Magie.

„Woher wissen Sie das, Lady Josefina?“

„Welcher gebildete Mensch hätte denn noch nie von der Sippe der Bergens gehört?“ Sie griff nach einem Zeichenblock und einem Kohlestift. „Und wer wüsste nicht, dass die Bergens in den letzten drei Jahrhunderten fünfmal den Primgeneral stellten?“

„Viermal“, korrigierte Bergen. Er fühlte sich geschmeichelt, selbstverständlich fühlte er sich geschmeichelt.

„Was für ein markantes Profil!“ Sie biss sich auf die Unterlippe und betrachtete ihn interessiert. „Darf ich Sie zeichnen, mein Subgeneral?“

„Selbstverständlich, aber verzichten Sie bitte auf diese Anrede. Nennen Sie mich einfach Merican.“

„Welch edler Name! Ich bin Josefina, wie gesagt...“ Während sie ihn mit ein paar Strichen porträtierte, gerieten sie in ein Gespräch über den Sinn des Lebens, über Geschichte und über die Parallelen zwischen Musik und Malerei. Die ganze Zeit glaubte Merican die Blicke ihres Vaters im Nacken zu spüren. Er kümmerte sich aber nicht weiter um den Mann, sondern spielte seinen ganzen Charme aus. Die Frau verstrahlte eine Erotik, die jenes Feuer in ihm entfachte, das nur auf einem einzigen Weg wieder zu löschen war.

Irgendwann bedeutete Veron ihm, dass es Zeit zum Gehen wäre. Schweren Herzens verabschiedete er sich von Tochter und Vater; und von DuBonheur natürlich – fast hätte er dessen Namen vergessen.

Der Sicherheitsmann brachte sie zurück ins Beiboothangar. Niemand hielt sie auf, unbehelligt stiegen sie in den Sparklancer Brüssel 01. Exakt dreiunddreißig Minuten waren vergangen, seit sie an Bord gegangen waren. Veron hielt das für ein gutes Zeichen. „Es könnte klappen“, sagte er. „Es könnte tatsächlich klappen mit diesem Verband bis nach Terra Prima zu fliegen.“

„Was hat Ihnen der Erste Offizier und der Sicherheitsmann über Genna und den Aufstand erzählt?“, platzte es aus Bergen heraus.

„Nichts von Offizieren, die einen Befehl verweigert hätten.“ Cludwich berichtete das Wichtigste zuerst. „Zähring hat die Schächte zu den Höhlensystemen mit Laserkaskaden beschossen. Sie sind alle ertrunken. Ein gekaperter Frachter ist noch verschollen. Einer sei auf Doxa IV notgelandet. Angeblich waren eine Tochter und ein Sohn Uran Tigerns an Bord. Sie sind mit einem Reeder von Doxa City geflohen, wie es heißt; in dessen Frachter.“

„Bitte?“ Bergen war jetzt ganz Ohr. „Was für ein Reeder?“

„Ein Mann, der die Einladung in den Ruhepark missachtet hat. Nach dem Frachter wird republikweit gefahndet.“

„Die Einladung in den Ruhepark missachtet...?“ Bergen wandte sich an Veron. „Sprechen Sie sofort mit dem Kommunikator, Veron. Ich will alle Nachrichten der letzten Tage lesen. Ich will wissen, wie der Mann heißt, und wo man ihn und die Tigern-Kinder zuletzt geortet hat.“ Veron nickte. Anschließend war es eine Zeitlang still im Beiboot. Im Sichtfeld verschwamm die Wyoming mit der Schwärze des Alls.

„Die Malerin scheint es Ihnen angetan zu haben, mein Subgeneral“, sagte Robinsons Frau. Ihrer Stimme war anzuhören, dass sie vor Neugier platzte.

„Durchaus, Leutnant Peer-Robinson“, sagte Bergen. „Sie versteht was von ihrer Kunst, und malt ein interessantes Porträt von DuBonheur.“

„So wie die Frau Sie anschaute, hat sie auch Ihnen ein Porträt angeboten“, grinste Calibo Veron.

„In der Tat, Suboberst, sehr gut beobachtet!“ Bergen genoss die verblüffte Miene seines Ersten Offiziers. „Morgen Abend werde ich zu ihr aufs Schiff gehen und mich malen lassen. Will mich jemand begleiten?“

17

Die Zeitangabe in der Fußzeile des Sichtfeldes lautete: 54-12-02 21:02:34 Sie aßen die letzten Riegel mit den hochkalorischen Nahrung, tranken das letzte Wasser, packten ihre Sachen zusammen und schlossen ihre Helme. Venus setzte sich auf den Kommandantensessel des Maschinenleitstands. Ein paar Tage und ein paar Testläufe hatten sie noch gebraucht – jetzt gehorchten ihr Bordhirn und KRV-Triebwerk störungsfrei. Sie fuhr die Triebwerke hoch und gab zugleich die Koordinaten ein, die Yaku wünschte. Es sollte über mehr als zwölfhundert Lichtjahre gehen; weiter als Yakubar ursprünglich geplant hatte.

„Maschinenleitstand an Zentrale“, sagte Yaku in den Bordfunk. Das müde Gesicht des Generals erschien. „Es ist soweit, mein General. Wir springen. Und danach steigen wir aus. Danke für Ihre Geduld, und leben Sie wohl.“

„Verdammt, Tellim!“ Porto ballte die Fäuste. „Wem haben Sie Ihren Verstand verkauft? Sie haben doch null Chancen! Meinen Sie im Ernst, wir werden Sie herauslassen? Sie kommen doch nicht einmal bis zu den Beiboothangars!“

„Wir werden sehen.“ Yaku unterbrach die Verbindung. „Der Planet heißt Aqualung“, sagte er leise. „Wir müssen es schaffen.“ Seine Hand fuhr zur linken Schulter hoch. Zärtlich strich er dem Raben über das Rückengefieder. „Wir werden es schaffen.“

Zwei Minuten später trat die Mexiko in das Hyperuniversum ein. An den Zielkoordinaten angekommen, verglich Yaku die Sternkonstellationen mit denen der Bordhirnkarten. „Korrekt. Bis jetzt läuft alles nach Plan. Das Schiff hat drei Beiboothangars. Das erste ist knapp sechzig Meter entfernt. Erst zwanzig Meter durch den Querholm, dann vierzig Meter nach rechts.“

Plutejo packte sein Gewehr. „Ich gehe voran. Ich schieße uns den Weg frei.“

Yaku schüttelte den Kopf. „Nein. Erstens wäre das mein Part, zweitens musst du nach oben und den Gefechtsstand unbrauchbar machen, und drittens habe ich eine bessere Idee.“ Er wandte sich an Venus. „Hol die Gasleitungen des Schiffes ins Sichtfeld.“ Er flüsterte, als wären feindliche Ohren in unmittelbarer Nähe. „Wir drehen ihnen den Sauerstoff runter.“

18

„Du bist ein Roboter, Heinrich, geschaffen einzig und allein zu dem Zweck, Bürgern der Galaktischen Republik Terra zu dienen!“ Merican Bergen versuchte mit seinem blauen Kristalldiener zu sprechen wie mit einer Maschine und nicht wie mit einem Menschen. Es fiel ihm schwer. „Wenn ich wünsche von Dir zu einem möglicherweise gefährlichen Ziel begleitet zu werden, so gibt es für dich keine Wahl! Du hast mich zu begleiten!“ Bergen lief um seinen Flügel herum, während er mit dem Kunstmenschen sprach. Heinrich hockte auf dem Klavierstuhl. Dort hatte Bergen ihn nach der Rückkehr auf die Johann Sebastian Bach angetroffen; vertieft in sein eigenes Klavierspiel. Ein Umstand, der es Bergen nicht eben leichter machte. „Erstes Prinzip deiner Existenz ist es, meine Existenz zu erhalten!“

Bergen blieb stehen, stützte sich auf den Flügel und betrachtete das unpersönliche blaue Titanglasgesicht des Roboters. Dessen Augen leuchteten orange. „Warum bist du da so sicher, Merican?“, erkundigte Heinrich sich in der seinesgleichen eigenen Freundlichkeit. Ein kalter Schauer rieselte Bergen über den Nacken. Darüber erschrak er fast heftiger, als über die ungewöhnliche Frage des Roboters. Ich muss ihn überprüfen lassen, dachte er. Stein muss ihn überprüfen. Er muss ihn neu programmieren, wenn es gar nicht anders geht. „Wahrscheinlich denkst du jetzt daran, Roderich Stein an mir herumschrauben zu lassen, nicht wahr, Merican?“ Bergen hielt den Atem an. „Lass solche Gedanken lieber bleiben. Versuch meine Frage zu beantworten – was macht dich so sicher?“

War das eine versteckte Drohung? Aus schmalen Augen belauerte Bergen die Maschine. Er fühlte sich plötzlich sehr unwohl. „Hellas und Rubicon Bergen haben dich konstruiert und gebaut, HR 1! Du bist ein Geschöpf meiner Eltern! Du bist Eigentum meiner Sippe, also...!“

„Woher weißt du, dass deine Eltern mich entwickelt und gebaut haben, Merican?“ Die Stimme des Roboters war die Stimme eines Lächelnden. „Warst du dabei gewesen?“ Bergen runzelte die Stirn. „Siehst du, Merican? Du warst nicht dabeigewesen. Dein Großvater es dir erzählt.“

„Ich war ein kleiner Junge gewesen, als meine Eltern im Hyperuniversum verschollen...“

„...vier Jahre alt, richtig. Und du warst noch nicht einmal geboren, als deine Eltern und ich uns begegneten.“

„Bitte?“ Bergens Stimme brach jetzt. Er trat einen Schritt zurück.

„Während ihrer gemeinsamen Studienzeit auf New Cuba haben sie mich im Rahmen ihrer Promotion entwickelt und in den Laboratorien der Universität von New Cuba City gebaut – diese Version hatten wir vereinbart, und diese Version haben sie jedem erzählt, der es wissen wollte. Auch Cayman Bergen, meinem zweiten Herrn und deinem Großvater.“

„Was..., was erzählst du mir da, HR 1?“

„Nenne mich nicht so. Ich heiße Heinrich. Wenigstens daran erinnere ich mich noch.“

„Wenigstens daran...?“ Bergen hatte plötzlich das Gefühl mit einer Zeitbombe zu sprechen, mit einem Psychopathen. Ein falsches Wort, und er würde anfangen Amok zu laufen. „Und woran erinnerst du dich nicht mehr, Heinrich?“

„An fast nichts, Merican. Die Zeit, bevor deine Eltern mich aus meinem brennenden Schiff retteten, ist eine einzige Datenwüste mit nur ganz wenigen Oasen.“

„Retteten?“ In Mericans Kopf drehte sich ein Karussell. „Aus deinem brennenden Schiff...?“ Seit achtzehn Jahren begleitete der Roboter ihn auf Schritt und tritt. Und nun das... „Du willst mir also erklären, du hattest ein Leben vor meinen Eltern?“ Behutsam tastete er sich voran.

„So ist es, Merican. Irgend jemand hat versucht, meine Zentraldateien zu löschen, und zum Teil ist es ihm gelungen.“

„Wer? Meine Eltern?“

„Oh nein, Merican. Ohne sie hätte ich meine Identität vollkommen verloren.“

„Wer dann?“

Schweigend sahen sie einander an. Der Roboter antwortete nicht. „Kommunikator an Kommandant, wir haben Neuigkeiten über die geflohenen Sträflinge und den Mann von Doxa IV.“

„Danke. Ich komme.“ Merican blickte in das Viquafeld unter der Sichtkuppel. Man sah einen Ausschnitt der Schiffskarawane, die sich rund um den Kernverband des Höchstgeehrten gebildet hatte. „Irgend etwas stimmt nicht mit dieser Flotte“, sagte er nachdenklich „Etwas, das dich veranlasst hat, deine Sicherheit über meine zu stellen.“

„Sag doch gleich: ‚Etwas, das dir Angst macht’. Sprich es doch einfach aus.“

Roboter haben keine Gefühle, hätte ihm Bergen fast entgegnet. Er schluckte den Satz hinunter. Hatte er wirklich je darüber nachgedacht, ob Heinrichs Quantenhirn so etwas wie Gefühle hervorbringen konnte? Als selbstverständlich hatte er es immer hingenommen, dass er funktionierte. Wäre Heinrich ein Mensch, hätte er seine zuverlässige Funktion vielleicht als Treue aufgefasst. Konnten Motive wie Treue und Anhänglichkeit die Funktion eines Roboters denn beeinflussen? Und falls es so wäre: Konnte man sein Verhalten dann noch als Funktion bezeichnen...? Wie er auf Bachs Fugen abgefahren war...

Mit einer Mischung aus Neugier und Sorge betrachtete Bergen die blaue Gestalt aus kristallinem Titanglas. Stein musste die Maschine überprüfen, kein Weg führte daran vorbei. „Wir gehen in die Zentrale.“ Der kleine Subgeneral wandte sich zur Tür um. „Und ich erwarte, dass du mich morgen zum Schiff dieser Malerin begleitest.“

19

Venus zog das linke Schott auf, Yaku und Plutejo zielten in den halbdunklen Gang. Und wirklich: Da lagen sie und rangen nach Luft oder waren schon bewusstlos – drei Hauptleute der Mexiko; sie hatten keine Kraft mehr ihre LK-Gewehre zu heben.

Venus hatte das Bordhirn veranlasst, den Sauerstoff der Bordluft zwanzig Minuten lang um fünfzig Prozent zu reduzieren, und den Stickstoffgehalt der Luft genauso lange entsprechend zu steigern. Länger wäre für manchen wohl tödlich gewesen, und sie wollten weiter nichts als sicher den ersten Hangar erreichen.

Der Querholm von Aufklärern war außerhalb der Heckkuppel nur zweihundertsechzig Zentimeter hoch und besaß nur eine Ebene. Der flache Wulst maß in der Breite zwar zehn Meter, aber weil durch ihn eine Menge Röhren und Kabel die beiden Schiffsschenkel verbanden, war der Gangtunnel selbst nur zwei Meter breit.

Sie lasen die Waffen der nach Luft ringenden Männer auf. „Haltet noch eine Viertelstunde durch, dann fährt das Bordhirn den Sauerstoff wieder hoch“, versuchte Yaku sie zu trösten, während er die beiden schiffseigenen Steuerungskappen neben einem Hauptmann fallen ließ.

Unbehelligt drangen sie in den linken Rumpfschenkel ein. Dort trafen sie erst vor dem Hangarschott auf Bewaffnete. Zwei Männer und drei Frauen – alle fünf waren bewusstlos. Über die neugeeichte ISK-Kappe öffnete Venus die seitliche Einstiegsluke von Mexiko 01. Sie kletterten an Bord des zwölf Meter langen Sparklancers. Sekunden später schob sich das Außenschott des Aufklärers auf und die Magnetklammern lösten sich von Bug und Heck. Das Beiboot sank nach unten. Yaku warf das Triebwerk an, Venus identifizierte sich dem Bordhirn gegenüber mit dem Passwort, das Plutejo herausgefunden hatte. Es akzeptierte.

Sie schrien ihre Erleichterung und ihre Freude heraus, schlugen sich gegenseitig auf Schultern und Rücken, klappten die Helme zurück und küssten einander auf die Wangen.

Yaku beschleunigte, fuhr das KRV-Triebwerk hoch und sprang ins Hyperuniversum. Sekunden später drangen sie in das System einer großen gelben Sonne der G-Kategorie ein. „Die Sonne heißt Tarkus“, sagte Yaku. „Neunzehn Planeten. Aqualung ist der vierte. Ich war schon mal da, vor vielen Jahren. Aber mit ein bisschen Glück leben die noch, die ich um Hilfe bitten will...“

20

Die drei Omega-Raumer des eigenen Verbandes waren nur noch drei Reflexe im Viquafeld der Ortung. Bergen steuerte den Sparklancer persönlich. Durch die Cockpitkuppel konnte er schon die Umrisse des Künstlerschiffs erkennen. Ein Reisekreuzer wie es schien; Innenschenkeldurchmesser höchstens 60 Meter. Tatsächlich: Äußerlich unterschied sich der kleine Omega-Raumer nur durch eine Art Wappen auf den Rumpfschenkeln von einem Flottenkommunikator.

„Was ist das für ein Tier?“, erkundigte Stein sich. Merican hatte den Chefkybernetiker gebeten, ihn zu begleiten und bei der Gelegenheit Heinrich zu beobachten.

„Ein Pferd“, sagte der Roboter. Er steckte in einem silberfarbenen Überlebenssystem, sein blaues Titanglasgesicht war hinter dem schwarzen Helmsichtschutz nicht zu erkennen. Auf diese Verkleidung hatte er selbst bestanden. Ohne sie, so hatte er gedroht, wollte er seinen Herrn nicht begleiten. Ein abnormales Verhalten für einen Roboter. Roderich Stein wollte Heinrichs Quantenprozessor nach diesem kleinen Ausflug genauer überprüfen. Alles sprach dafür, dass man ihn neu programmieren musste.

„Was bei allen Göttern des Kosmos’ ist ein ‚Pferd?’“

„Ein Huftier“, sagte Bergen. „Unsere Vorfahren benutztes es als Reit- und Arbeitstier.“ Das Pferd auf dem Wappen war weiß, stand auf den Hinterläufen und hatte goldene Flügel. Darunter stand der Name des Schiffes: Pegasus. „Auf Terra Prima soll es noch ein paar kleine Herden geben. Allerdings haben die keine Flügel.“

„Veron an Johann Sebastian Bach 01 – Auf der Brüssel gibt es eine akute Blinddarmentzündung. Primoberst Robinson bittet darum, die Patientin zur Behandlung in unsere Klinik bringen zu dürfen.“

„Selbstverständlich.“ An Bord des kleinen Aufklärers gab es nur einen medizinischen Notfallraum neben dem Labor. „Wer ist es?“

„Seine Frau.“

„Oh! Dann richten Sie Leutnant Peer-Robinson bitte meine Genesungswünsche aus, Veron.“ Im Viquafeld der Ortung entfernte sich ein Funken vom Reflex der Brüssel. „Ist sie schon unterwegs?“ Er bremste den Sparklancer aus. Die Pegasus war nur noch zweihundert Meter entfernt.

„Nein, mein Subgeneral. Was Sie orten, ist Brüssel 02. Primoberst Cludwich und Primoberst Robinson haben einigen ihrer Leute gestattet sich im Sportraum der Troja zu einem Fußballmatch zu treffen.“

„So ist das also.“ Die Idee, in einer derart angespannten Situation ein Sportturnier zu veranstalten, befremdete ihn. Andererseits: Warum sollten die Männer und Frauen sich nicht ein wenig zerstreuen? Und vor allem – war er nicht selbst auf dem Weg zu einem Vergnügen? „Sagen Sie Bescheid, wenn Wetten abgeschlossen werden.“ Bergen schaltete das Triebwerk aus.

„Eben kommt eine Meldung des Kommunikators herein, mein Subgeneral. Er hat eine Parafunknachricht auf der Flottenfrequenz abgefangen. Der Reeder von Doxa IV heißt Yakubar Tellim, ein ehemaliger Primhauptmann der Flotte. Er und die Kinder von Tigern haben einen Aufklärer samt Besatzung gekapert. Angeblich ist ein Direktor darunter. Die Funkverbindung war lange abgerissen, doch jetzt hat ein Sparklancer des Aufklärers einen Notruf abgesetzt. Die Rebellen haben den Aufklärer wohl verlassen. Seine Position ist bekannt. Ein kleiner Kampfverband ist zu ihm unterwegs.“

„Geben Sie mir bitte die Position durch, Suboberst. Danke.“

„Unglaublich.“ Stein schüttelte den Kopf. „Was müssen das für Wahnsinnige sein!“

„Johann Sebastian Bach 01 an Pegasus – haben Sie ein Hangar frei, oder sollen wir an der Teleskopliftschleuse anlegen?“

„Schön, dass Sie da sind, Merican.“ Lady Josefina persönlich antwortete aus dem Reisekreuzer. „Selbstverständlich haben wir ein Besucherhangar. Wir nehmen Sie auf. Ich freue mich.“

„Ganz meinerseits, Josefina.“ Allein ihre Stimme scheuchte einen Vogelschwarm unter seinem Zwerchfell auf.

Ein Kontrogravstrahl erfasste das Beiboot und zog es unter die Pegasus. An deren Unterboden öffnete sich ein Hangar. Im Sichtfeld auf der Instrumentenkonsole erschienen Ziffern und Buchstaben – K267-S P3-8 HLB82,3-61,4-23,1, TPD 26.712 – die Koordinaten des rebellischen Veterans von Doxa IV. „Wo ist das Heinrich?“

Sein Roboter hatte sich den ganzen Flug über wortkarg gegeben. Jetzt beugte er sich vor. „Ziemlich weit südlich, zentrumsnah außerdem. Liegt nicht mehr im Territorium der Republik, aber schon im Grenzbereich.“ Außerhalb der Cockpitkuppel flammte Licht auf, Magnetklammern berührten den Sparklancer, unter ihm schloss sich die Hangarluke. „Wenige Lichtjahre von dieser Position entfernt gibt es einen Stern namens Tarkus. Sein vierter Planet Aqualung hat eine Sauerstoffatmosphäre. Dort gibt es eine nichtmenschliche Lebensform.“ Dumpf und hohl tönte seine Stimme aus dem Helm. „Eine Landungseinheit der Republik sucht ihn seit ein paar Jahren nach Bodenschätzen ab...“ Bergen bemerkte den erstaunten Blick seines Chefkybernetikers. Nur wenige Menschen wussten, welch immensen Datenschatz der Roboter mit sich herumtrug.

„Willkommen an Bord der Pegasus, Merican.“ Die Stimme Lady Josefinas hallte durch das kleine Hangar. Die beiden Männer und der Roboter stiegen aus. Ein Schott hob sich, zwei Gestalten in weißen Fräcken, roten Hemden und schwarzen Bindern wurden sichtbar. Sie verneigten sich. „Meine Butler werden Sie zu mir in die Messe führen. Ich habe einen kleinen Imbiss vorbereiten lassen. Folgen Sie einfach den beiden Herren.“

„Danke, Josefina. Wir machen uns auf den Weg.“ Sie traten aus dem Hangar und folgten den Frackträgern. Hinter ihnen schloss sich das Schott. Die Gangwände waren mit blauem Tuch voller antiker Kriegs- und Jagdszenen tapeziert. Teure Stücke, vermutete Bergen. Die bunten Teppiche, über die sie liefen, dämpften ihre Schritte.

Heinrichs schwarzer Helm schob sich an Bergens Ohr. „Das Energieniveau an Bord ist ungewöhnlich hoch“, sagte er mit gesenkter Stimme. „Außerdem peile ich separate EMC-Muster an, die ich nur Kampfmaschinen zuordnen kann.“

Die Frackträger reagierten nicht. Links und rechts eines prachtvollen Edelholzportals blieben sie stehen. Jeder zog einen Türflügel auf und verbeugte sich tief. An ihnen vorbei traten Bergen und Stein in eine halbdunkle Messe. An den Wänden brannten Kerzen auf Leuchtern, in einem Lichtspot stand Lady Josefina in weißem Seidenmantel vor ihrer Staffelei.

„Herzlich willkommen, Merican!“ Sie legte Pinsel und Palette auf einem Beistelltisch ab und eilte ihnen entgegen. „Und Sie selbstverständlich auch, Herr...?“

„Stein, Roderich Stein“, stellte der schwergewichtige Bordhirnspezialist sich vor. „Ich bin Chefkybernetiker auf der Johann Sebastian Bach.“ Bergen hatte mit Stein vereinbart, dass er sich mit Heinrich zu einer Schiffsbesichtigung zurückzog. Der rothaarige Aristokrat wollte seine Eroberung noch an diesem Abend vollenden.

„Freut mich, Herr Stein, freut mich sehr.“ Sie hakte sich bei Merican Bergen unter und zog ihn mit sich zur Staffelei. Eine auf Kunststoffplatte gespannte Leinwand stand darauf. „Ich habe schon angefangen. Willst du es sehen?“

„Gern, Josefina.“ Ihr Körper strahlte eine unglaubliche Hitze aus. Ob sie ihren Eisprung hatte? Das würde ihre Flirtbereitschaft erklären. Die Erregung perlte ihm durch das Blut wie anregendes Getränk. Der runde Tisch in der Mitte der Messe war leer. Hatte sie nicht etwas von einem Imbiss gesagt? Gleichgültig. Hauptsache, ihr Vater ließ sich nicht blicken.

An der Staffelei ließ sie ihn los und nahm die Leinwand herunter. Aus den Augenwinkeln sah Bergen, dass Heinrich noch immer auf der Schwelle zwischen den Butlern stand. Stein guckte etwas verloren im Raum herum. „Gefällt es dir?“ Lady Josefina drehte das Bild herum und hielt es vor ihren Oberkörper. Bergen blickte auf eine Fotomontage – ein kleiner, hagerer Mann mit roten Haaren und nur mit einer Art Lendenschurz bekleidet. Der Mann trug Fußketten. Der Mann trug Handketten. Der Mann hatte sein Gesicht.

Entgeisterte starrte er erst sein Bildnis und dann die Frau an. „Was..., was soll das...?“ Auf einmal richtete sich der grelle Lichtspot auf ihn.

Das charmante Lächeln auf Josefinas schönen Zügen gefror. Ihre grünen Augen funkelten triumphierend. Sie ließ das Bild fallen, in ihrer Rechten lag ein kleiner LK-Strahler. „Subgeneral Merican Bergen, im Namen der Galaktischen Republik Terra erkläre ich Sie für verhaftet.“ Bergen fuhr herum. Die beiden Diener wälzten sich am Boden, dem einen brannte das Haar, dem anderen das Hemd über der Brust. Deckendüsen sprühten Schaum auf sie herab. Schwere Schritte entfernten sich. Heinrich war nirgends zu sehen. Stein streckte beide Arme in die Luft. Aus Wandluken stürzten mit LK-Gewehren bewaffnete Männer in die Messe. Unter ihnen ein Roboter. Nein, kein Roboter – Sir Paladei war es, der da auf einem schwarzen, kegelförmigem Ständer hereinschwebte. Der Kegel ersetzte seine Beine, seine Arme waren aus schwarzen Metallstangen. Wie eine Waffe richtete er sie auf Bergen.

„Sie wissen, dass Sie als Fahnenflüchtiger keinerlei Bürgerrechte besitzen, außer dem Recht auf ein ordnungsgemäßes Standgericht.“ Die Stimme der Frau klirrte vor Kälte. Bergen drehte sich nach ihr um. „Wer sind Sie?“, fragte er heiser. Wut, Enttäuschung und Todesangst brannten in seiner Brust. Er hoffte, Heinrich hatte noch rechtzeitig die Johann Sebastian Bach benachrichtigen können. Veron würde sie hier rausholen... „Wer sind Sie, habe ich Sie gefragt?“

Auf der Stirnseite der Messe flammte ein Viquafeld auf. Hinter Bergen klirrten Ketten. Kräftige Hände packten seine Arme und legten ihm Ketten an. Im Viquafeld entstand das Bild eines Mannes in Klarsichthelm und silbergrauem Überlebenssystem. Ein Edelstein glänzte in seinem linken Nasenflügel, deutlich sah man den blonden Haardutt unter der Helmschale. Bergen wurde übel. „Ich grüße Sie, General Ferròn, und melde zugleich die Eroberung der Troja. Das Betäubungsgas hat gewirkt. Meine Roboter sind im Schiff unterwegs, das Bordhirn ist unter meiner Kontrolle.“

„Das sind ja fantastische Nachrichten, Subgeneral Robinson!“ Die Frau drehte sich nach dem Cyborg um. „Hast du gehört, Waller?“ Und dann wieder an Robinsons Adresse. „Was ist mit seinem Flaggschiff, verehrter Ralbur?“

„An Bord der Johann Sebastian Bach wird noch gekämpft, verehrte Anna-Luna. Das Gas scheint nicht bei allen angekommen zu sein. Ich habe keine aktuellen Nachrichten.“

„Danke, halten Sie mich auf dem Laufenden.“ Sie wandte sich an den Cyborg. „Sie waren zu dritt. Durchsucht das Schiff nach dem dritten Mann!“ Sechs oder sieben Bewaffnete stürmten aus der Messe.

Der Cyborg schwebte zu Bergen. „Ich bin Direktor Waller Roschen, Spezialagent der GGS. Sie sind Gefangener der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarde, Bergen!“

21

„Bei allen Guten Geistern von Fat Wyoming! Was ist da passiert?!“ DuBonheur schlug sich mit den Fäusten gegen die Brust. Ungeheuerliches spielte sich im Visuquantenfeld unter der Frontkuppel ab: Ein farbiges Lichtgewitter tobte nicht einmal eine halbe Astronomische Einheit von der Wyoming entfernt durch das All. Bunte Blitze zuckten, weiße Strahlen leuchteten, Energiekugeln rasten hin und her.

„Ich verstehe es selbst nicht.“ Der Kommunikator der Wyoming hatte Oberst Kühn von der Cheyenne zugeschaltet. „Nach den Daten unser Aufklärung feuern zwei Schiffe des Subgenerals aufeinander.“

„Bitte?“ Lissa DuBonheur war außer sich. „Wie können sie das wagen?! So dicht an der Ehrenkarawane eines Höchstgeehrten! Das ist doch gefährlich!“ Ungewöhnlich lautes Stimmengewirr herrschte in der Kommandozentrale der Wyoming. Commander Tartagnant hatte den Häuptern der DuBonheur-Sippe gestattet, den Zwischenfall von seiner Brücke aus zu beobachten.

„Eine Viertelstunde nachdem Bergen bei der Künstlerin an Bord gegangen ist, ging das los“, wusste Tartagnant zu berichten. „Seltsam, äußerst seltsam!“

„Was hat er bei Lady Josefina verloren?“ Gender DuBonheur machte ein unwirsches Gesicht. Die Feierlaune war ihm vergangen. „Wollte er sich etwa auch malen lassen?“

„Sie nimmt Fahrt auf, die Pegasus beschleunigt!“, tönte die Stimme des Aufklärers aus dem Bordfunk.

„Was beim Schwanz des Satans ist die Pegasus für ein Schiff?“, wollte Commodore Tartagnant wissen.

„Der Omega-Raumer von Sir Paladei und seiner Tochter“, klärte DuBonheur ihn auf. Blendend weißes Licht zuckte durch das Farblichtgewitter im Hauptsichtfeld.

„Die Johann Sebastian Bach versucht vor der Troja zu fliehen!“, rief Kühns Stimme. „Die Pegasus ist aus den Ortungsfeldern verschwunden“, meldete der Aufklärer.

„Lady Josefina verlässt meinen Festverband, ohne sich zu verabschieden?!“ DuBonheurs Gesicht lief rot an, Zornesadern schwollen ihm an Schläfen und Hals. „Mein Porträt ist doch noch lange nicht fertig!“ Plötzlich funkelten wieder die Sterne jenseits der Frontkuppel. So friedlich und so schön, als wäre nichts geschehen.

„Die Troja und die Johann Sebastian Bach sind ebenfalls im Hyperuniversum verschwunden“, sagte Kühns Stimme. „Vermutlich gibt es flotteninterne Schwierigkeiten, von denen wir nichts wissen.“ Er räusperte sich. „Und von denen wir auch nichts zu wissen brauchen. Am besten vergessen wir das alles ganz schnell.“

„Vergessen?“ DuBonheur raufte sich aufgeregt sein schütteres Haar. „Wie soll ich einen solch geschmacklosen Zwischenfall vergessen? Ich will, dass wir springen, Oberst Kühn! Ich will, dass wir diesen schrecklichen Ort sofort verlassen!“

„Wie Sie wünschen, Höchstgeehrter.“ Die Verbindung zur Cheyenne brach ab.

DuBonheur sah sich unter den Mitglieder seiner Sippe um. „Und sobald wir am nächsten Koordinatenpunkt wieder in den Normalraum tauchen, geben wir ein Festmahl.“ Er legte den Arm um seine Frau. „Wir laden Oberst Kühn und seine Offiziere ein und noch ein paar Ehrengäste. Dann besprechen wir diesen scheußlichen Vorfall, machen ein gutes Fässchen auf, und vergessen alles ganz schnell wieder!“ Beifall erhob sich, erst zögernd dann immer lauter. „Hoch lebe der Höchstgeehrte!“, rief jemand. „Hoch lebe Doktor Gender DuBonheur!“, tönte es im Chor.

Band 3: Sturz auf den Wasserplaneten

...es werden Tage kommen, da wird man schreien und heulen auf Aqualung. Es werden die Tage sein, von denen ICH gesprochen habe, seit ICH euch schuf, damit ihr euch ausbreitet in den Wäldern, an den Küsten und auf den Bergen von Aqualung, Tage des Schmerzes, Tage der Hoffnungslosigkeit. Gleich zu Beginn dieser dunklen Tage wird der Anderstöter aus dem Himmel steigen, der schreckliche Ungott in seiner schwarzen Festung. Er wird Feuer und Erdbeben in eure Mitte werfen, er wird seine Diener aussenden, damit sie euch und eure Schätze verschlingen. So wahr ICH Erztöter bin von Anbeginn: Sie werden sich anschicken Aqualung und euch zu fressen. Und dann erst werden die Herren der Lebendigen innehalten und einander erkennen, und keiner wird mehr das Schwert gegen den anderen erheben, und endlich wird der Heilige Sohn des Erztöters erscheinen, um den Weltenbaum zu besteigen und den Willen des Erztöters zu vollbringen für alle Zeiten, und alle Krieger aller Herren der Lebendigen aus allen Ländern und Königreichen werden ihm huldigen, groß und klein, nackt und pelzig, schwarz und gelb, fett und mager, und sie werden hinter ihm, dem Heiligen König des Erztöters herziehen...

Aus dem Buch der Erzherren der Lebendigen

1

Getötet hatte Veron noch nie. Schon gar nicht jemanden, dem er Auge in Auge gegenüberstand.

An Bord des Flaggschiffs eines Pionierkampfverbandes konnte es geschehen, dass man Ohrenzeuge eines Befehls wurde, der den Tod über fühlende und denkende Kreaturen brachte; oder Augenzeuge eines Manövers, das keinem anderen Zweck diente, als den Tod über fühlende und denkende Kreaturen zu bringen. Schlimmstenfalls sah man dann ein feindliches Schiff im Viquafeld unter Laserkaskadenbeschuss verglühen; oder infolge von Gravitonbeschuss im Hyperuniversum verschwinden. Schlimmstenfalls fühlte man sich in solchen Fällen als kleines Rädchen einer Maschinerie, die exakt funktionierte und daher auf Todesbedrohung mit todbringenden Waffen reagierte. Wie denn sonst?

Doch selbst in diese Verlegenheit war Veron noch nie geraten. Er zählte erst dreiunddreißig Jahre, war erst zwei Jahre lang Suboberst der Flotte, und die Galaktische Republik Terra galt zurecht als relativ sicherer Ort in jener Zeit, von der hier die Rede ist.

Nun ja – und dann geschah es eben; dann stand Calibo Veron von jetzt auf nun eben doch vor der Alternative sterben zu müssen, oder sterben zu lassen.

Die Zeitangabe in der Fußzeile seines Arbeitssichtfeldes zeigte 54-02-13 18:12:35. Noch war es nicht soweit. Noch dachte der zierliche Schwarze mit keiner Faser seines Nervenkostüms daran zu töten, töten zu müssen; noch dazu jemanden, dem er Auge in Auge gegenüberstand.

In eine halbwegs chronologische Ordnung gebracht, spielten sich die letzten wirklich ruhigen dreiundzwanzig Minuten seines Lebens als Erster Offizier der Johann Sebastian Bach folgendermaßen ab: Zuerst informierte er Bergen, seinen Kommandanten, über den Notfall auf der Brüssel – Blinddarmreizung an Bord des Aufklärers. Ausgerechnet die Frau des Kommandanten Robinson hatte es erwischt. Wie nicht anders zu erwarten, erteilte Bergen die Erlaubnis, Leutnant Zeelia Peer-Robinson in der Klinikabteilung seines Flaggschiffs zu operieren. Veron forderte ärztliches Personal an, um die Kranke im Gasthangar abzuholen. Alles noch kein Problem.

Anschließend klärte er seinen Kommandanten Merican Bergen darüber auf, dass ein Beiboot der Brüssel mit ein paar Männern zur Troja aufgebrochen war, um in der Sporthalle des Schlachtschiffs ein Fußballmatch gegen seine Auswahl der Troja auszutragen.

Er selbst, wäre er Kommandant der Brüssel oder der Troja gewesen, hätte seinen Leuten ein solches Ansinnen rundweg abgeschlagen. Sie waren Geächtete, sie waren auf der Flucht, man suchte sie als Fahnenflüchtige – und dann ein Fußballmatch? Ausgeschlossen! Bergen jedoch, unterwegs in seinem Sparklancer Johann Sebastian Bach 01, sah das anders. Der Kommandant gab sein Okay; nachträglich allerdings.

Veron wunderte sich nicht lange darüber – schließlich war auch Bergen zu einer Art Spiel unterwegs. Jeder an Bord der Johann Sebastian Bach wusste mittlerweile von den schönen Augen der Frau, deren Schiff Bergens Beiboot gerade ansteuerte.

Schließlich unterrichtete er den Kommandanten noch über eine Parafunknachricht auf Flottenfrequenz, die der Kommunikator der Johann Sebastian Bach abgefangen hatte. Es ging um die Rebellen von Genna und jenen Reeder von Doxa IV, der mit ihnen an Bord eines Frachters vor seinem amtlich beschlossenen Tod geflohen war. Bergen wollte seinen Namen wissen – Yakubar Tellim – und die Koordinaten, an denen Einheiten der Flotte die Flüchtlinge zuletzt geortet hatten. Auch das kein Problem.

Danach verschwand der Sparklancer des Kommandanten im Hangar des Zivilkreuzers jener Schönen, und sein Reflex aus dem Ortungssichtfeld. Ihr Schiff hieß übrigens Pegasus.

Veron übergab das Kommando über die Johann Sebastian Bach an Pazifya Corales, die Zweite Offizierin, und machte sich in Begleitung eines Kugelroboters, eines Arztes namens Lucas, und zweier Sanitäter, die er nur flüchtig kannte, auf den Weg zum Hangar, das er für das Beiboot von der Brüssel freigegeben hatte. Calibo Veron fühlte sich persönlich für die Patientin verantwortlich. Immerhin war sie die Frau eines Primoberst und Schiffskommandanten, und Bergen pflegte Gäste an Bord immer mit ausgesuchter Höflichkeit zu begrüßen.

Durch das Sichtfenster der Innenschleuse beobachteten sie, wie die Brüssel 01 – eines von drei Beibooten des Aufklärers – aus dem All durch das Schott des Unterbodens in den Hangar schwebte. Die Magnetklammern senkten sich Bug und Heck des schlanken, zwölf Meter langen Sparklancers entgegen, während sich unter ihm schon die Lukenflügel des Außenschotts schlossen. Die Magnetklammern hielten das Beiboot fest, das Hangar füllte sich mit Atemluft und die Türen des Innenschotts glitten auseinander. Noch etwa vierzig Sekunden, bis der Vizekommandant der Johann Sebastian Bach zum ersten Mal töten sollte. Noch war Veron ahnungslos, noch gab es nicht einmal eine Waffe in seiner Nähe. Über Bordfunk nahm er die Bereitschaftsmeldung des Operationstraktes entgegen.

Dr. Lucas und die Sanitäter eilten aus der Schleuse zur Brüssel 01, deren Bugluke sich bereits öffnete. Veron wartete auf der Schwelle der Schleuse. Dort wollte er die bedauernswerte Zeelia Peer-Robinson, Leutnant der Flotte und Kommunikatorin der Brüssel, Willkommen heißen. Keine unangenehme Aufgabe, denn die Gattin von Primoberst Ralbur Robinson war eine Augenweide.

Nacheinander sprangen vier oder fünf Personen in Überlebenssystemen und mit geschlossenen Dunkelhelmen aus dem Sparklancer. Lucas und die Sanitäter standen plötzlich wie festgefroren, denn die vier oder fünf bewegten sich äußerst hektisch und waren zudem bewaffnet. Laserkaskaden brannten sich in ihre Körper, bevor sie überhaupt begriffen, was geschah.

Calibo Veron lag schon flach in der Innenschleuse, als die Sterbenden auf dem Boden aufschlugen. Natürlich begriff auch er nichts, doch reflexartig hatte er im Fallen auf den Lukensensor geschlagen. „Schließen!“, rief er. „Zu, die Schleuse...!“ Die typischen Energiekugeln aus Laserkaskadengewehren zischten über ihn hinweg und tauchten die Innenwandluke der Schleuse in einen Feuernebel.

Die Bewaffneten stürmten der Schleuse entgegen. Laserkaskade um Laserkaskade schossen sie auf Veron ab. Der wälzte sich von Seitenwand zu Seitenwand, blieb schließlich hinter der zugleitenden Luke liegen. Ein Treffer hatte ihn erwischt. Er merkte es erst, als er aufspringen wollte – brennender Schmerz lähmte sein linkes Bein. Er schrie.

„Überfall!“, brüllte er. „Veron an alle – Überfall!“ Die Innenluke öffnete sich, er schleppte sich aus der Schleuse, hinkte entlang der Gangwand bis zur nächsten Luke.

„Zweiter an Ersten Offizier!“ Pazifyas ratlose Stimme aus dem Bordfunk. „Was soll das, Calibo? Eine Übung?“

„Alarmstufe Rot!“ Veron presste die Handfläche gegen den Lukensensor. Die Luke schob sich in die Wand, viel zu langsam. „Kampfmaschinen zu Hangar neun!“ Er taumelte ins Magazin, riss ein Laser-Kaskaden-Gewehr aus dem Wandfach, entsicherte es mit seinem ID-Code. „Die Bordsicherheit bewaffnet sich! Hauptschächte und -gänge besetzen!“ Es roch merkwürdig mit einem Mal.

„Was ist passiert Calibo?“ Diesmal klang Pazifya alarmiert.

„Ich weiß es nicht, verdammt...!“ Der Geruch, ihm wurde übel... „Überfall! Leute aus der Brüssel 01 haben das Feuer eröffnet! Hol dir doch Hangar neun ins Sichtfeld...!“

Sie hatten die Sauerstoffleitung angezapft! Plötzlich sah er glasklar – sie pumpten irgendein Gift in die Atemluft! Er taumelte zum nächsten Wandfach, riss es auf, zog ein Überlebenssystem heraus. „Veron an alle!“, schrie er, während er in den Anzug stieg. „Überlebenssysteme anlegen! Sie wollen uns betäuben! Helme schließen! Keine Fragen – Helme schließen, sag ich...!“

Er hatte seinen gerade verriegelt, da tauchte schon ein Bewaffneter im Lukenrahmen auf. Jetzt war es soweit: Laserkaskaden schlugen im Wandfach zwischen den Schutzanzügen ein, Calibo Veron aber hatte sich zur Seite fallen lassen und schoss auf den Angreifer. Und traf ihn. Der krümmte sich, drehte sich zweimal um sich selbst und brach auf der Schwelle zusammen.

Veron robbte zu ihm, feuerte dabei ununterbrochen durch die Luke in den Gang hinaus, schon spritzten Schaum und Wasser aus den Deckendüsen. Unterschiedliche Alarmtöne heulten auf – Notfall- und Feueralarm. Veron zerrte den leblosen Körper ins Magazin, verriegelte die Luke. Danach kniete er neben dem getroffenen Angreifer. Runter mit dem Helm – er zuckte zurück, als er die verzerrten Gesichtszüge der Toten erkannte: Es war Leutnant Zeelia Peer-Robinson...

2

Durch die wenigen Wolkenlücken schimmerte die rötliche Planetenoberfläche. Der Rabe breitete die Schwingen aus, schüttelte das Gefieder und gackerte heiser. „Der Ozean“, sagte Yakubar Tellim. „Moses freut sich schon auf einen Rundflug über der Brandung.“

„Ein roter Ozean?“ Venus Tigern wunderte sich. „Unsere Eltern erzählten immer von blauen Meeren.“ Sie saß neben Tellim und überwachte die Navigations- und Aufklärungsinstrumente. Von hinten streckte ihr Bruder Plutejo seinen großen, schwarzlockigen Schädel zwischen die beiden Vordersitze. Seine Augen glänzten. Nichts von dem, was es in den Sichtfeldern der Instrumentenkonsole und außerhalb des Frontfensters zu sehen gab, wollte er sich entgehen lassen. Der Rabe auf Yakus Sessellehne äugte zu ihm hinunter.

„Das Meerwasser auf Aqualung ist ziemlich eisenhaltig“, erklärte Yaku. Wie die beiden Geschwister hatte der Siebzigjährige den Helm seines Überlebenssystems zurückgeklappt. Sie hatten die Schutzanzüge aus dem Magazin der Mexiko gestohlen. „Richtig rot wirkt es nur von hier oben. Wenn man an der Küste steht, fällt einem der Rotstich erst beim zweiten Hinsehen auf.“

„Wann warst du hier, Yakumann?“, fragte Venus.

„Da gab’s euch noch nicht.“

Yakus weißes Langhaar war strähnig und fettig. Ein grauer Stoppelbart bedeckte seine untere Gesichtshälfte. Auch der über fünfzig Jahre jüngere Plutejo sah struppig und verkommen aus. Seine Nägel waren schwarz, sein Gesicht schmutzig, hohlwangig und blutverkrustet. Seine ältere Schwester machte einen kaum zivilisierteren Eindruck. Während der vielen Tage auf dem gekaperten Aufklärer hatten sie keine Gelegenheit zum Waschen gehabt. Wie sollte man sich auch waschen in einem Maschinenleitstand oder einem Gefechtsleitstand, wenn Kampfroboter alle vier Zugänge  belagerten? Weil sie jedoch alle drei gleichermaßen stanken, störte es keinen. Sie waren entkommen, sie lebten noch – das allein zählte.

„Was sind das für Leute, die da unten leben?“, wollte Plutejo wissen.

Yaku lachte trocken. „’Leute’ ist gut...“

War es wirklich schon dreißig Jahren her, dass er zum ersten und bislang letzten Mal auf diesem Planeten gelandet war? Ja, doch - Anfang der zwanziger Jahre, wenn er sich recht erinnerte. Jedenfalls war er damals schon Primhauptmann und Erster Offizier eines leichten Kreuzers gewesen.

„Sie gehen zwar auf zwei Beinen, haben auch zwei Arme, und sogar ihre Augen tragen sie, wie du und ich, irgendwo zwischen Stirn und Nasenspitze.“ Yakubar rief sich die geschmeidigen Pelzkörper der Aqualung-Bewohner ins Gedächtnis. Augenpaare geisterten über seine innere Bühne, hellgrün oder bernsteinfarben, Gesichter, die er nie mehr vergessen hatte. „Aber..., nun ja..., als Leute würde ich sie nicht bezeichnen.“

„Sondern?“ Venus musterte ihn von der Seite.

„Was soll ich sagen – es sind komische Figuren; ziemlich strange und alles andere als witzig, wenn man an die Falschen gerät. Sie nennen sich Kalosaren. Übersetzt in Terrangelis bedeutet das etwa Herren der Lebendigen. Ich weiß, das klingt nicht sehr verheißungsvoll, aber lasst euch einfach überraschen, einverstanden?“

Venus und Plutejo sahen sich an, und in ihren Blicken lag etwas, das sich nicht zwischen Furcht und Neugier entscheiden wollte. Einmal mehr machte Yaku sich klar, dass die beiden ihr bisheriges Leben unter dem Eis und im Höhlenlabyrinth von Genna verbracht hatten. Nichtmenschliche Intelligenzen kannten sie nur aus den Erzählungen ihrer Eltern.

Er steuerte den Spacelancer näher an Aqualung heran und ging in eine Umlaufbahn. Die Aufklärungsinstrumente begannen die Planetenoberfläche abzutasten. Bald drangen sie in die Wolkendecke ein. Minutenlang nichts als gelblich-graue Dampfschwaden vor dem Sichtfenster. Das Bordhirn rechnete die Ortungsdaten als visuelle Darstellung ins Viquafeld hinein. Das Flüchtlingstrio sah Meeresküsten, Gebirgsrücken und eine schier endlose Waldfläche. Yakus Rabe spreizte unablässig die Schwingen. Er krächzte aufgeregt und tippelte auf der Lehnenkante hin und her.

„Werden sie uns hier finden?“ Plutejo sprach von den Omegaraumern der Galaktischen Republik Terra.

Yaku neigte den Kopf und zuckte mit den Schultern. „Schon möglich, mein Junge, ziemlich wahrscheinlich sogar.“ Er drehte den Kopf zur Seite und betrachtete das Profil des Jüngeren. Plutejos Stimme klang fester und klarer als vor ein paar Tagen noch. Nicht nur sein kräftiger, großer Körper schien den brutalen Drogenentzug verkraftet zu haben – auch seelisch kam er Yaku irgendwie ausgeglichener vor.

„Vielleicht werden sie uns ja gar nicht suchen“, sagte Venus.

„Das würde ich mir an deiner Stelle auch wünschen.“ Yaku lachte bitter, und plötzlich wurde ihm bewusst, dass er schon seit zwei Wochen nicht mehr richtig gelacht hatte.

„Das Tarkus-System liegt doch außerhalb des Republik-Territoriums!“ Venus wurde laut. „Außerdem hast du doch die Kommunikator-Anlage der Mexiko zerstört! Das Schiff kann nicht einmal seine Position durch die Galaxis funken!“

„Schminken Sie sich das ab, junge Frau.“ Endlich brachen sie aus der Wolkendecke. Links erstreckte sich der rote Ozean bis an den Horizont, rechts und unter ihnen wucherte er in zahllosen Fjorden zwischen bewaldeten Berghängen. „Sie werden uns suchen, Venus Tigern, verlass dich drauf!“ Der Weißhaarige schnitt eine grimmige Miene. „Du hast einen Direktor der Republik getötet, Mädchen! Weißt du nicht, was das bedeutet? Bis ans andere Ende der Milchstraße werde sie uns verfolgen, um dich zu kriegen!“

Venus sah den alten Reeder von der Seite an. Die Kaumuskeln unter ihrer bronzefarbenen Haut zuckten.

„Und jetzt, wo Garp und Porto wieder die Mexiko kontrollieren, nützt uns die zerstörte Kommunikationsanlage überhaupt nichts mehr!“ Hart klang Yakus Stimme. Je weniger Illusionen, desto kühler der Kopf – eines seiner Prinzipien. „Sie steuern einfach den nächsten Außenstützpunkt an, schicken einen der anderen beiden Sparklancer raus, und schon kennt irgendein Patrouillenkommandant unsere letzte Position.“

Wendolyn Garp war der Kommandant des Aufklärers Mexiko, den das Trio tagelang beherrscht hatte; und James Porto ein Flottengeneral, der an Bord gekommen war, um sie, die Schiffbrüchigen, zu begrüßen; gemeinsam mit dem Direktor, den Venus getötet hatte.

„So viele Sonnensysteme mit Planeten, auf denen man sich verstecken kann, gibt es in der Nähe unserer letzten Position nämlich nicht. Sie sind schon unterwegs hierher, Venus Tigern, glaub mir das!“ Fakt war: Der nächste Planet mit Sauerstoffatmosphäre lag über siebzig Lichtjahre entfernt. Aber Yaku wollte die junge Frau nicht noch mehr frustrieren.

„Ich stelle mich der Republik“, sagte Venus trotzig. „Aber nur dem P.O.L. persönlich!“

„’Dem P.O.L. persönlich’...“ Yaku seufzte und schüttelte den Kopf über so viel Eigensinn. „Nichts dagegen Mädchen, wahrhaftig nicht. Ich hätte ihm auch ein paar Fragen zu stellen, dem hochverehrten Regenten unserer glorreichen Republik. Im Moment aber sind wir soweit von Terra Prima entfernt, wie du vom Amt eines Primgenerals der Galaktischen Republik Terra...!“

Das war nicht einmal die halbe Wahrheit. Mit dem restlichen Glaurux im Tank des Sparklancers würden sie noch höchstens fünfzehn Lichtjahre überbrücken; ein Radius, in dem exakt sieben Sonnensysteme lagen, allesamt unbekannt, oder für Menschen uninteressant. Und dort unten auf Aqualung wimmelte es von wilden und kriegerischen Völkern, in deren Vorstellung das All nur als göttliche Wohnstatt, und Raumfahrer als Engel oder Dämonen vorkamen. Wenn nicht ein Wunder geschah, würden sie nie wieder wegkommen von dort. Das war in etwa die ganze Wahrheit.

Fast wünschte Yaku sich, die Republik würde sie hier entdecken. Doch solche Gedanken behielt er für sich. Er hielt es für besser, die jungen Menschen nicht unnötig zu entmutigen.

Der rote Ozean war jetzt nur noch ein breiter Streifen am linken Rand des Frontfensters. Das Bergland unter ihnen stieg zu einer Hochebene an. Einzelne Waldflecken aus niedrigen Bäumen wechselten sich mit Buschwerk und weiten Grünflächen ab. Auch kleine Seen und Sümpfe entdeckte Yaku hier und dort.

Hin und wieder sah er zur Seite auf das Profil der Frau neben ihm. Venus Tigern hatte die Mundwinkel herabgezogen, ihre Kaumuskeln pulsierten noch immer, und zwischen ihren schwarzen Brauen stand eine tiefe Falte. Er wünschte sich, ihr etwas Schönes oder wenigstens etwas Lustiges sagen zu können, etwas, das wieder ein wenig Glück in ihre sonst so schönen Züge zaubern konnte. Es fiel ihm nichts ein.

Er fasste nach ihrer Hand und drückte sie. Sie hielt ihn fest. „Wir bleiben zusammen?“, fragte sie leise. Er nickte stumm.

Wahrscheinlich hätte er an ihrer Stelle den Direktor ebenfalls getötet. Plutejo war durchgedreht, als der Kommunikator die Nachricht von der Vernichtung der Sträflingskolonie auf Genna und damit vom Tod seiner Eltern durchgegeben hatte. Eine entfesselte Bestie war er plötzlich und fiel über Porto her. Nansen, der Direktor, wollte den General retten, zielte auf Plutejo, aber Venus war schneller. Schade um Nansen, der Mann hatte einen guten Eindruck auf Yaku gemacht. Dennoch hätte er an Venus‘ Stelle auch geschossen.

„Da ist was!“ Plutejo zeigte auf das Ortungssichtfeld. Infrarotstrahlung, Metallecho, erhöhtes Energieniveau auf engstem Raum – alles, was in ihrer Situation überflüssig war, meldete das Bordhirn auf einmal. Und keine Sekunde später zauberte es einen Umriss des angepeilten Objekts in das VQ-Feld. „Ein Omega-Raumer!“ Plutejo schluckte. „Leck mich am Arsch – da unten steht ein Omega-Raumer! Und was für ein fetter...!“

Blitzartig schlug Yaku auf den Hauptschalter – das Bordhirn zog sich in seinen Quantenkern zurück, sämtliche Systeme rauschten in den Ruhemodus hinunter, das VQ-Feld erlosch, das Summen des Triebwerks verstummte, die Navigationsinstrumente fielen aus.

„Spinnst du, Yakumann!?“ Steif und mit gespreizten Fingern saß Venus in ihrem Sessel. „Wir sind manövrierunfähig! Wir sind blind!“ Sie riss Mund und Augen auf und starrte auf die toten Instrumente.

„Wenn sie uns anpeilen, sind wir tot!“, zischte Yakubar. Wie ein Stein stürzte das Beiboot dem Boden von Aqualung entgegen.

3

Schwer und dumpf hämmerten seine Schritte über den Kunststoffboden. EMC-Muster von Kampfmaschinen auf 3-9-28-81sec und 0-4-34-45sec! Insgesamt konnte er die Cerebralmuster von zehn Kunsthirnen unterscheiden. Zehn Kampfmaschinen auf einem Reisekreuzer? Mindestens acht bewegten sich auf ihn zu.

Weiter. Zum Hangar. Er rief den Bauplan eines Sechzig-Meter-Raumers in seinen Quantenfokus und glich ihn mit den gespeicherten Wegen ab, die er seit dem Verlassen der Hangarschleuse zurückgelegt hatte. Der Hangar war noch etwa vierzehn Meter entfernt, lag aber eine Ebene unter ihm. Der kleine Reisekreuzer hatte nur vier Ebenen. Auf der unteren und zugleich niedrigsten lagen Hangars, Laderäume und gewöhnlich auch die Reisekabinen.

Weiter.

Mit jedem seiner langen Schritte prallten hundertfünfzig Kilo auf den Boden. Alle Möglichkeiten hatte er durchgerechnet: Die Zentrale kapern, zurück in die Messe und Bergen und Stein herausschießen, mit dem Sparklancer fliehen, die Johann Sebastian Bach alarmieren, und so weiter, und so weiter – eine nur verhieß seine Wahrscheinlichkeitsrechnung einen gewissen Erfolg. Er wusste genau, was er zu tun hatte.

Weiter, schneller!

Noch einmal die Kampfkegel anpeilen. Zwei waren gefährlich nahe. Er lauschte in sich hinein, während die Wände an ihm vorbei flogen. Angst? Oder was bohrte da tief in seinem Quantenkern? Nein, keine Angst – Sorge um Merican.

Das Gehämmer seiner Schritte musste durch alle Ebenen des kleinen Schiffes hallen. Erneut sandte er einen Peilstrahl aus. Die Kampfmaschinen! Eine Ebene über ihm, nur noch elf Meter! Nur sieben Sekunden noch! Er blieb vor einer Luke stehen, peilte den Sensor an, sandte einen Code aus – die Luke öffnete sich.

Hinein. Eine Kühlkammer für Vorräte. Das körpereigene Kontrogravsystem aktivieren, durch den kleinen Raum schweben, den Rücken an die Decke drücken, das eigene EMC im Quantenkern konzentrieren, mit dem Neutralisationsfeld abschirmen...

Still! Lauschen! Peilen!

Vor der wieder verschlossenen Luke rollten zwei Kampfmaschinen vorbei. Nach wenigen Metern blieb eine stehen, kehrte um, öffnete die Luke, trat in den Kühlraum. Der Kegelroboter sah sich um. Der Waffenkranz unterhalb seiner Kegelspitze war ausgefahren, die vorderen Läufe hoben sich, zielten auf die Gestalt im grauen Schutzanzug und schwarzen Helm. Eine Laserkaskade von der Decke traf ihn an der Kegelspitze, bläuliche Flammen schlugen aus den Öffnungen seiner Sensoren und Waffenkränze.

Runter von der Decke, über den zerstörten Roboter auf den Gang schweben, zur gegenüberliegenden Luke, schneller! Auf mit der Luke, hinein ins Werkzeuglager, zu die Luke.

Unter der Decke schwebend lauschte und peilte er wieder. Der Daumenteil seines rechten Handschuhs glühte. Er schloss die linke Faust um den Daumen, um die Glut zu ersticken. Vor der Luke rasselnder Lärm. Die Kettenschuhe der zweiten Kampfmaschine! Sie kam zurück, schlug Alarm.

Er richtete den ausgestreckten Daumen auf die Luke. Ein schmales Fingerglied aus blauem Kristall ragte aus dem Brandloch. Seine künstlichen Daumen bargen zwei seiner vier Laserkaskadenläufe.

Er peilte die EMC-Muster der anderen sechs Kunsthirne an: Zwei bewegten sich gefährlich nahe durch 3-19-12-67sec. Aber immer noch Zeit genug! Und die Organhirner? Eine Mikrosekunde währte das Peilfeld, das er durch das Schiff schickte; es erfasste die Elektroimpulse aus den Sinusknoten menschlicher Herzen und die Betawellen ihrer zentralen Nervensystem. Einundfünfzig Organhirner waren an Bord; einschließlich Bergen und Stein. Zu viele für einen kleinen Privatreisekreuzer.

Und einer war an Bord, von dem jenes rätselhafte Signal ausging, das er schon von Bord der Johann Sebastian Bach aus angepeilt hatte. Er wusste nicht, warum der Aufklärer des Flaggschiffs dieses Signal nicht geortet hatte. Er konnte es nicht einordnen. Er wusste nur, dass es an sein Geheimnis rührte. Der Quelle dieses Signals wollte er niemals begegnen, doch Bergen hatte ihn gezwungen ihn auf die Pegasus zu begleiten. Irgend etwas in der Messe, ganz in der Nähe von Merican, strahlte das Signal aus.

Der wichtigste Befund aber: Der Mann, dessen Familie er sein Dasein verschrieben hatte, war noch am Leben! Merican Bergen. Steins individuelles EKG-Muster und seine Hirnströme kannte er nicht gut genug, um sich über seinen Zustand ein Urteil zu gestatten.

Er wertete die Daten aus: Die meisten Organhirner hielten sich in Bergens Nähe auf; sechzehn insgesamt. Die anderen befanden sich an Positionen, wie sie für einen Organhirner an Bord eines Omegaraumers üblich waren; auf den beiden Zentralebenen in erster Linie. Übrigens rechnete er mit einem variablen Koordinatensystem. In Situationen wie dieser setzte er seinen eigenen Standort als Nullpunkt.

Die Daten aus dem Heckbereich alarmierten ihn: Im Querholm zwischen den Heckenden der Schiffsschenkel arbeiteten mindestens achtzehn Organhirner! Was hatten so viele Besatzungsmitglieder eines Reisekreuzers im Maschinenleitstand verloren? Oder gab es im Querholm etwa auch einen Gefechtsleitstand? Dann befand er sich tatsächlich keinem Reisekreuzer, sondern in einem militärischen Omegaraumer von der Größe eines Kommunikators. Auch das hohe Energieniveau aus allen Teilen des Schiffes sprach dafür.

Ein Kommunikator? Hieß das Schiff am Ende gar nicht Pegasus? War es eine getarnte Flotteneinheit? Waren sie in eine Falle geflogen? Was fragte er noch! Eine Falle, was sonst!

Erneut peilte er Bergens kardiologische und cerebrale Elektroimpulse an. Noch war der Subgeneral am Leben. Wahrscheinlich wollten sie ihn für seine Befehlsverweigerung vor ein Militärgericht stellen wollten. Das durfte nicht geschehen! Niemals!

Das Energieniveau der Triebwerke stieg rasch. Das Schiff – um was für einen Typ auch immer es sich handeln sollte – das Schiff wollte ins Hyperuniversum springen! Der gerissene weibliche Organhirner hatte Bergen in die Falle gelockt und wollte ihn nun so schnell wie möglich verschleppen!

Er durfte keine Zeit mehr verlieren. Zurück in den Quantenfocus mit dem Bauplan: Der Hangar lag jetzt direkt unter ihm. Keine acht Meter trennten ihn mehr von einem Beiboot. Aber wie zu ihm gelangen, ohne in einen aussichtslosen Kampf gegen die Kegler verwickelt zu werden?

Auf dem Gang vor der Luke hielten sich inzwischen vier Kampfkegler auf. Er ortete ihr EMC. Runter von der Decke. Den Daumenlauf immer auf Schulterhöhe drehte er sich um seine Vertikalachse. Da, eine Innenluke! Öffnen, hineinschlüpfen, zuschließen. Ein Kriechgang führte zum Innenrand des Schiffsrumpfs; einer der zahlreichen Wartungsschächte, über die jeder Omegaraumer verfügte. Am inneren Rumpfrand verliefen viele sensible Rohr- und Kabelleitungen. Nach allem, was er über Kommunikatoren-Raumer gespeichert hatte, führten auch von den Hangars aus Arbeitsgänge hinauf zu diesen Leitungen.

So war es. Er fand den abwärts führenden Schacht, schwebte mit aktiviertem Kontrogravsystem hinab, und gelangte so in einen der sechs Schiffshangars.

Die Dunkelheit dort störte ihn nicht. Er schoss Peilfelder und -strahlen ab – Organhirner auf 1-9-12-79sec! Alle bewaffnet, alle in rascher Vorwärtsbewegung. Zwei Kampfmaschinen auf 1-13-41-56sec. Eine dritte nur unwesentlich weiter entfernt. Das konnte knapp werden.

Um kein zusätzliches Ortungsziel zu bieten, tastete er mit Ultraschall nach dem Sparklancer. Wenige Meter vor ihm hing das Beiboot in den Magnetklammern unter der Hangardecke – ein Ellipsoid von zwölf Metern Länge und zweieinhalb Metern Durchmesser an der breitesten und zwei Metern an der höchsten Stelle. Glücklicherweise war es nicht die Johann Sebastian Bach 01. Mit der hatte er andere Pläne...

Er sandte einen Code aus, schwebte zielsicher durch die Dunkelheit und kletterte in die bereits geöffnete Seitenluke am Bug. Die ließ er offenstehen.

Noch bevor er sich im Pilotensessel niederließ, hatte er den Impuls für die Außenluke errechnet. Er setzte sich, aktivierte das Bordhirn. Sofort erkannte er, dass er in keinem der auf Zivilraumern üblichen Beiboote saß, sondern in einem hoch spezialisiertem Sparklancer, wie ihn Omegaraumer der Flotte mit sich führten: leistungsstarke Triebwerke, Offensivbewaffnung und differenzierte Aufklärungssysteme. Kommunikatorschiffe führten gewöhnlich fünf solcher Einheiten mit sich.

Er sagte dem Beibootbordhirn, was es zu tun hatte, peilte gleichzeitig die sich nähernden Kampfmaschinen an und verschaffte sich einen Überblick über die Standorte der bewaffneten Organhirner. Das Ergebnis war ernüchternd: Für das, was er plante, blieb ihm weniger Zeit, als erhofft.

Schon öffnete sich unter ihm die Hangarluke, Sternengefunkel im All wurde sichtbar. Mit einem Code löste er die Magnetklammern Von Bug und Heck des Sparklancers. Das Beiboot schwebte dem All entgegen...

4

„Maschinenleitstand an Ersten Offizier – Besetzungsversuch abgewehrt.“ Die Stimme aus dem Bordfunk klang beängstigend ruhig. „Zwei feindliche Kampfmaschinen zerstört, ein gefallener Angreifer, keine eigenen Verluste.“

„Danke.“ Gegen die Wand gelehnt und das LK-Gewehr auf die gekreuzten Beine gestützt hockte Veron auf dem Boden des Magazins. Irgendwie war er froh mit seiner Verwirrung und seiner Trauer allein zu sein. „Veron an Gefechtsleitstand, Ihren Lagebericht.“ Er starrte die geschlossene Luke an. Zwei Kampfmaschinen der Johann Sebastian Bach standen draußen auf dem Gang davor und sicherten den Eingang. Drei Kampfformationen aus insgesamt neun Kampfkeglern und drei Infanterie-Offizieren waren im Anmarsch, um ihn abzuholen. Keine fünf Schritte von Veron entfernt, direkt vor der Luke, lag eine Leiche.

Calibo Veron hatte zum ersten Mal in seinem Leben getötet. Calibo Veron hatte Zeelia Peer-Robinson getötet.

„Gefechtsleitstand an Ersten Offizier – Besetzung abgewehrt...“ Die gebrochenen Augen der toten Frau starrten zur Decke. „...vier feindliche Kampfmaschinen ausgeschaltet, zwei Offiziere und einen Soldaten der Brüssel erschossen...“ Das schöne Gesicht der Toten zog Verons Blick magisch an. Noch immer war er fassungslos. „...eigene Verluste: Ein Offizier, vier Soldaten, zwei Kampfmaschinen.“ Was war in die Männer und Frauen der Brüssel gefahren? Welcher Wahn hatte Primoberst Ralbur Robinson und seine Frau befallen? Warum taten sie so etwas? Wollten sie sich ein Kopfgeld verdienen? Oder einen Orden? Oder eine Beförderung? „Suboberst Veron? Haben Sie mich verstanden?“

„Ja.“ Veron atmete tief durch. Einer musste hier den Chef mimen. Er riss sich zusammen. „Verstanden, danke.“ Den Gefechtsleitstand hatten sie also mit einer größeren Truppe angegriffen, als den Maschinenleitstand. Was für Schlüsse sollte er daraus ziehen? Wollten sie etwa die Troja mit dem gekaperten Flaggschiff angreifen? „Veron an Zentrale. Wie sieht es bei euch aus, Pazifya?“

„Sie haben uns mit acht Kampfmaschinen und drei Infanteristen angegriffen.“ Heiser und kurzatmig klang die Stimme der Zweiten Offizierin und Ersten Navigatorin der Johann Sebastian Bach aus dem Bordfunk. Eine Kampfsituation wie diese hatte die Primhauptfrau Pazifya Corales noch nie erlebt; genauso wenig, wie Calibo Veron selbst. „Die Hälfte der Kegler ist Schrott, und zwei der Wahnsinnigen tot. Ihr müsst den anderen und seine Roboter erwischen, Calibo, bevor sie irgendwo im Schiff wer weiß was anrichten! Was ist überhaupt los da drüben auf der Brüssel?“

„Keine Ahnung, Pazifya. Kümmern sich die von der Troja um Robinsons Aufklärer?“

„Was weiß denn ich! Auf der Troja reagiert keiner mehr auf unsere Funksprüche. Auch der Subgeneral meldet sich nicht mehr.“

Veron schwieg. Das waren niederschmetternde Nachrichten. Die Luke öffnete sich, er rollte sich an die rechte Wand und hob das LK-Gewehr. Ein Hauptmann der Johann Sebastian Bach erschien im Lukenrahmen, ein großer, kräftig gebauter Mann. Als er sich vergewissert hatte, dass kein lebender Angreifer lauerte, stieg er über die Leiche und stützte den Kolben seines schweren Gravitongewehres in die Hüfte. „Ein Betäubungsmittel“, sagte er. „Irgend ein altertümliches Narkosegas, wie es nur noch auf wenigen Planeten benutzt wird. Wenn Sie die Warnung nicht rechtzeitig durchgegeben hätten, würden wir jetzt alle selig schlafen, Suboberst.“

„Und als Gefangene erwachen.“ Der Name des Offiziers fiel Veron wieder ein: Avel Crasser. Er war Spezialist für Landungsoperationen. Veron nickte und stand auf. „Gehen wir.“

Vor der Luke auf dem Gang hatten sich ein knappes Dutzend bordeigener Kampfmaschinen und vier bewaffnete Infanteristen versammelt. Wie ein Schutzschild gruppierten sich die Kegler um die Menschen. Auf Verons Befehl hin drang die Truppe in Richtung Kommandozentrale vor.

„Veron an Zentrale. Schicken Sie Sanitäter und Mediziner mit bewaffneten Eskorten in die Mannschaftsräume. Die Hälfte der Truppe hatte Pause – möglicherweise hat das Narkosegas sie im Schlaf überrascht. Nicht, dass es zu medizinischen Zwischenfällen kommt.“

„Verstanden.“

Über Helmfunk gab Heyar Thoran laufend die Position der zurückgeschlagenen Angreifer durch. Der Erste Aufklärer des Flaggschiffs saß in Ebene II der Zentrale. „Sie wollen zum Maschinenleitstand, wie es aussieht“, sagte er.

„Veron an Zweite Offizierin. Schick ihnen aus allen Richtungen und von allen Ebenen Kampfmaschinen und Bewaffnete auf den Hals. Wir kreisen sie ein.“ Pacifya Corales bestätigte.

Drei Minuten danach erreichte Verons Truppe die Zentrale, durchquerte sie, und lief in den linken Schiffsschenkel der Johann Sebastian Bach. Dort, auf Ebene IV, kurz vor dem Querholm und knapp hundertsechzig Meter von der Zentrale entfernt, versperrten inzwischen Kampfkegler den Angreifern den Weg. Maschinen- und Gefechtsleitstand lagen unter der Heckpanoramakuppel auf der Mitte des etwa hundertfünfzig Meter langen und fünfzehn Meter hohen Querholms.

Dreißig Sekunden später heulte ein akustischer Alarm auf – Feuer an Bord! Kurz darauf hörte Veron Explosionslärm. „Fahren Sie die Reaktoren Ihrer Waffen auf das kleinste Level herunter!“ befahl er. „Möglichst nur Graviton benutzen! Es reicht, die Maschinen und Infanteristen kampfunfähig zu schießen!“

Keine Minute später schwang sich eine kleine Gestalt in Schutzanzug aus einem nur fünfzig Meter entfernten Kontrogravschachtaustieg. Drei Kampfkegler folgten ihr, aus zweien schlugen Flammen. Sofort besprühten die Düsen in der Gangdecke sie mit Schaum. Crassers Kampfmaschinen und er selbst eröffneten das Feuer – weiße, dampfartige Streustrahlen rauschten den Angreifern entgegen. Eine unsichtbare Faust packte die brennenden Roboter und den Schutzanzugträger, wirbelte sie durcheinander und schmetterte sie gegen Wände und Decke. Nach dem ersten Treffer lagen sie schon reglos unter einer Schaumhülle. Zwei Kampfkegler der Johann Sebastian Bach rollten zu den getroffenen Robotern, fuhren Sonden aus ihren Sockeln aus und deaktivierten die feindlichen Maschinen.

Veron und Crasser folgten ihnen. Verons Knie schienen mit heißem Blei gefüllt zu sein. In was für einen Albtraum war er da von jetzt auf nun geraten? Er hatte genug.

Nacheinander gingen die Erfolgsmeldungen ein: Alle feindlichen Roboter waren zerstört oder deaktiviert worden, vier Infanteristen der Brüssel tot. Zu dem fünften beugte Veron sich hinunter. Mit dem Arm fegte er den Schaum von seinem Helm und öffnete ihn. Schlitzaugen blitzten ihn aus einem schmerzverzerrten Frauengesicht an. Vor Veron lag die Erste Offizierin der Brüssel, Oberst Ling Li.

„Verdammt, Ling!“, fuhr Crasser sie an. „Was für einen Scheißdreck veranstaltet ihr hier!“ Ling Li warf den Kopf hin und her und stöhnte.

„Bringt sie in die Klinikabteilung!“ Veron stand auf. Angewidert wandte er sich von der Frau ab, die er bis jetzt für eine Gefährtin gehalten hatte. „Versorgt ihre Verletzungen, gebt ihr Schmerzmittel und verhört sie! Gründlich!“ Im Laufschritt machte er sich auf den Weg zur Zentrale.

Dort, auf Ebene I, starrten sie alle in das Hauptviquafeld. Die meisten standen vor ihren Arbeitsplätzen. Alle trugen sie noch Überlebenssysteme mit geschlossenen Helmen. „Was hat das alles zu bedeuten? Warum meldet sich die Troja nicht mehr? Gab es eine Meuterei auf der Brüssel? Was ist mit dem Subgeneral?“ Mit derartigen Fragen bestürmten sie ihn – Gaetano Sardes, Vera Park, Gollwitzer, fast alle. Nur Pacifya stand schweigend vor dem dreidimensionalen Sichtfeld unter der Frontkuppel. In ihm sah man ein paar Reflexe der Flotte, die sich inzwischen um das Schiff des Höchstgeehrten gebildet hatte, um ihn zum Sol-System zu eskortieren, und vor diesem Hintergrund einen einzelnen Omegaraumer.

„Himmel über Kaamos!“ Veron hob abwehrend die Arme. „Ich weiß es doch selbst nicht!“ Er ging zur Zweiten Offizierin. Auf einmal spürte er die Verantwortung wie einen Bleimantel auf seinen Schultern lasten. Er hatte ja keine Ahnung gehabt, was es bedeutete, Kommandant eines Raumschiffes zu sein!

„Labor an Ersten Offizier. Das Narkosegas hat sich verflüchtigt. Die Atemluft an Bord ist wieder sauber.“

„Danke. Veron an alle. Sie können die Helme öffnen und die Schutzanzüge ausziehen.“ Er wandte sich an seine Kollegin. „Was ist los, Pacifya?“

Sie deutete auf das Sichtfeld. In ihm schwebte der Omega-Kreuzer, an dessen Bord Bergen gegangen war, um der Malerin einen Besuch abzustatten. Ein Sparklancer senkte sich aus einem offenen Hangarschott an der Unterseite des Schiffes. „Ich hab ihn anfunken lassen“, sagte die Corales. „Es ist weder Subgeneral Bergen, noch Heinrich, noch Stein.“

Die Heiserkeit in Pacifyas Stimme machte Veron seine eigene Angst bewusst. „Wer ist es dann?“

„Ich weiß es nicht.“ Sie zuckte mit den Schultern. Das sonst so samtene Braun ihrer Gesichtshaut war einem schmutzigen Grau gewichen. „Die Besatzung reagiert nicht...“

5

Moses spürte die Gefahr. Er gackerte, als hätte wer weiß welches Untier ihn in den Fängen, und flatterte unter der Frontkuppel herum. “Mistvieh!“ Yaku schlug nach ihm. „Weg da!“ Der Rabe schwirrte ins Heck, verkroch sich dort unter einem Sitz und krähte beleidigt.

Der Bug des Sparklancers hatte sich nach vorn geneigt. Wie ein geschleuderter Speer jenseits des Scheitelpunkts seiner Flugbahn rauschte das Beiboot dem Wald entgegen. Noch knapp hundertachtzig Höhenmeter bis zu den Baumwipfeln.

„Heiliger Gott! Barmherziger! Soll doch die Hölle auf den verdammten Omegaraumer scheißen...! Großer Gott...! Verdammte Scheiße! Gütiger...!“ Yakus große Hände lagen auf den deaktivierten Instrumenten. Er starrte zum Frontfenster hinaus und murmelte in einem fort vor sich hin; und was er murmelte, klang nach Flüchen und Stoßgebeten zugleich.

„Schalt das Triebwerk ein, Mann!“, schrie Plutejo. „Ich hab keine Lust mir den Hals zu brechen! Fang endlich das Gerät ab, Mann...!“ Er packte die rechte Schulter des Älteren, drückte zu und schüttelte ihn. „Das Triebwerk einschalten! Das Triebwerk...!“

„Flossen weg!“ Yaku schlug nach Plutejos Hand. „Ganz ruhig, Junge, ganz ruhig..., wenn ich schon sterben wollte, hättest du nicht die Ehre gehabt mich kennenzulernen..., bleib cool...!“ Er legte die Mittelfinger auf zwei Knöpfe. Nur noch neunzig oder achtzig Meter. „Festhalten!“ Yaku drückte die beiden Knöpfe – Quantenplasma-Triebwerk und Kontrogravaggregat sprangen an.

Ein Ruck ging durch die Mexiko 01. Alle drei stürzten sie erst nach vorn in die Gurte und wurden schon im nächsten Moment nach unten in die Sessel gepresst. Venus Tigern verschwand fast im Polster, und die Luft blieb ihr weg. Plutejo japste und strampelte mit den Beinen. Yakubar klammerte sich an der Instrumentenkonsole fest und stöhnte Befehle in das Bordhirnmikro. Und der Rabe gackerte jämmerlich.

Im Frontfenster war auf einmal nur noch Grün zu sehen, Grün und noch einmal Grün, es wollte kein Ende nehmen. Grün, doch kein Wasser; Grün, doch kein Gras – überdeutlich konnten sie es hören: Es krachte und splitterte. Astwerk und Laub peitschten von außen gegen den Sparklancer. Yaku steuerte die Mexiko 01 dicht zwischen den höchsten Baumwipfeln hindurch. Das Beiboot flog noch immer so schnell, dass es Äste und Wipfel einfach abrasierte.

Und schließlich öffnete sich die grüne Fläche des Laubdaches. Am Grund eines tiefen Talkessels schien es erst bunt zu leuchten und dann tiefblau zu strahlen. Venus schrie auf, denn es war kein Talkessel, es waren weiter nichts als Blumenwiesen und ein Gewässer auf einer großen Lichtung, was sich da jenseits des Waldrandes ausdehnte, doch die jähe Einsicht, wie tief unter ihnen beides lag, und wie hoch demnach die Bäume sein mussten, die sie überflogen hatten, erschreckte sogar Yaku. Er hatte die teilweise dreihundert Meter hohen Urwaldkolosse von Aqualung ganz aus seiner Erinnerung verbannt.

„Ganz ruhig, Mädchen, kein Problem.“ Er flog eine weite Schleife über dem See. Der schien endlos, und sein Wasser war so sagenhaft blau, dass Plutejo ganz still wurde und Tränen ihm aus den Augen traten. War er doch in Felslabyrinthen tief unter dem Eis groß geworden; und war dieser See doch so blau, wie seine Eltern ihm die Meere auf Hawaii-Novum und Tropan geschildert hatten.

„Freu dich doch, dass du mal ordentliche Bäume zu sehen kriegst, Venus Tigern, und einen eisfreien See noch dazu.“ Yakus Hände schwitzten und sein Herz klopfte mächtig, doch er grinste, weil er merkte, dass er die kritische Situation gemeistert hatte. Nun galt es nur noch einen Landeplatz zu finden.

Er drehte ein paar Schleifen, verringerte die Geschwindigkeit des Sparklancers nach und nach, und landete ihn schließlich dicht am Waldrand in einem Feld aus fast vier Meter hohen Stauden voller gelber, kelchförmiger Blüten. Im Sichtfeld ragten die Pflanzenstiele wie Bäume auf. Die wirklichen Bäume – von der Aufklärung erfasst und ins VQ-Feld gerechnet – sahen aus wie Hausfassaden. Der Stamm, der ihnen am nächsten war, hatte einen Durchmesser von fast zwanzig Metern.

Venus öffnete die Bugluke. „Die Bäume, von denen unser Vater uns erzählte, kamen mir kleiner vor“, sagte sie. Sie beugte sich aus der Luke und spähte zu den gelben Blüten hinauf. Die kleinsten waren so groß wie der Schädel eines Mannes. Über den Kelchen ragte ein Baum wie ein endloser Turm in den Himmel von Aqualung.

„Haltet euch an die Erzählungen eurer Eltern.“ Yakubar Tellim sichtete die Aufzeichnungen des Bordhirn aus den wenigen Minuten zwischen Atmosphäreneintritt und Deaktivierung der Bordinstrumente. „Die Flora auf Aqualung ist schon sehr extrem.“

„Flora?“ Plutejo machte ein begriffsstutziges Gesicht.

„Die Pflanzenwelt, mein Sohn. Die Ausbildung bei eurem Vater scheint mir doch lückenhaft gewesen zu sein...“

„Plutejo war drogensüchtig, vergiss das nicht, Yakumann!“ Breitbeinig stand Venus im Lukenrahmen und fauchte den Weißhaarigen über die Schulter an. „Er musste mit unseren älteren Brüder im Bergwerk schuften, während wir Mädchen lernen konnten, wie man Mäntel näht, Waffen benutzt und einen Omegaraumer startet und landet!“

„Dafür hat er das Bordhirn auf der Mexiko aber verdammt gut in den Griff gekriegt“, sagte Yaku. „Doch Ernst beiseite – das Bordhirn des Beiboots hat einen Omegaraumer mit einem Innenschenkeldurchmesser von zweihundertvierzig Metern geortet...“

„Ein Landungsschiff!“, verkündete Plutejo.

„Korrekt, mein Sohn. Alle Achtung!“ Yaku reckte den Daumen in die Höhe. Der Rabe kroch aus seinem Versteck, flatterte auf Venus‘ Schulter und schwang sich schließlich in die warme Luft Aqualungs hinaus.

„Wir müssen also mit einer Pioniereinheit von zweihundert Männern und Frauen rechnen“, fuhr Yakubar fort. „Dazu mit allerhand schwerem Gerät, Stoßtrupps der Infanterie, Kampfformationen, dem ganzen Mist eben...“

Erschrocken stellte er fest, dass sie nur vierundfünfzig Kilometer entfernt vom terranischen Landungsschiff niedergegangen waren. Doch das behielt er lieber für sich. „Und was ist das hier – Wärmequellen in der Umgebung des Omegaraumers?“ Yakus Augen wurden schmal, Falten türmten sich auf seiner Stirn.

„Was ist daran so erstaunlich, Mann?“ Plutejo musterte ihn misstrauisch. „Sie werden ein paar Basislager im Wald errichtet haben. Und gibt es nicht jede Menge Viehzeug in diesem Dschungel?“

„Doch. Sicher..., nur..., es sind sehr viele Wärmequellen, und sie sind fast ringförmig und in einem Radius von etwa dreißig Kilometern um das Landungsschiff angeordnet.“

„Wie viele?“, wollte Plutejo wissen.

„Ein paar Tausend.“ Es waren Millionen, doch das behielt Yaku lieber für sich. „Und dann finde ich noch ein paar Beibootreflexe in den Aufzeichnungen, mindestens zwei Bodenstationen, und einen Turm, der mich an ein Bohrterminal erinnert.“ Beiläufig registrierte Yaku das aufgeregte Krächzen seines Raben draußen über dem Blütenfeld. „Unsere glorreiche Republik scheint hier nach Bodenschätzen zu suchen. Eigentlich sollten wir froh darüber...“

„Da“, flüsterte Plutejo. „Schaut nur.“ Sein ausgestreckter Arm deutete an seiner Schwester vorbei nach draußen in das Staudengestrüpp. Zwischen den mächtigen Blütenstielen stand eine schlanke, fast zwei Meter große Gestalt: Pelzig und sandfarben die Schultern, der Schädel, die Außenseiten der Arme und Beine, nackt und rötlich der Bauch und die Innenseiten der Glieder; die Augen mandelförmig und gelb, das Gesicht rund, die Nase schwarz und klein und von nach beiden Seiten wachsenden, drahtigen Haaren bekränzt wie von Strahlen. Die pelzige Brust wölbte sich tonnenartig, die schmale Hüfte trug einen dunklen Gurt voller Werkzeuge oder Waffen. Die Muskeln der langen Oberschenkel ähnelten einem Geflecht aus Stahlseilsträngen. Rote, blaue und gelbe Federn bedeckten den Hinterkopf und die Schultern.

Einen Atemzug lang beäugte die fremde Kreatur Venus und die Männer hinter ihr, dann ein Satz, ein Rascheln, ein Schwanken der Stauden – und sie war verschwunden. Moses Gekrächze entfernte sich mit ihren Fluchtgeräuschen.

„Hey, warte...!“ Yaku zog Venus aus dem Lukenrahmen und sprang ins Freie. „Warte doch!“ Keine Chance – der Fremde war längst im Wald verschwunden.

„Was war das?“, flüsterte Venus.

„Was schon...!“ Yaku stemmte die Fäuste in die Hüften. „Ein Kalosar natürlich. Einer von der primitivsten Sorte übrigens.“

„Er erinnerte mich...“ Plutejo schabte sich seinen fettigen Schädel. „Er hat mich an ein Tier erinnert, von dem mein Vater erzählt hat.“

„Klar doch.“ Yaku grinste. „Hätte mich auch enttäuscht, wenn dir zu dieser Begegnung keine Lektion aus deiner Privatausbildung eingefallen wäre, mein Sohn. Schätze, dein Vater hat dir mal von Katzen erzählt, die gibt es nämlich auf fast jeder terranischen Kolonie.“

Moses kam zurück, landete knapp über Yaku auf einem Blattstängel und krähte ihm die Ohren voll, als wollte er ihm die Begegnung mit dem Kalosar und dessen Flucht noch einmal aus der Vogelperspektive schildern. „Ist ja gut, Moses, halt wieder den Schnabel. Scheint noch mehr von den Herrschaften in der Gegend zu geben, verstehe, und jetzt ist gut.“

Der Rabe breitete die Schwingen zum nächsten Rundflug aus. Yaku wandte sich nach der Luke um, wo beide Geschwister kauerten. „Was ich eigentlich sagen wollte – sie haben hier weder Funk, noch Zeitung, noch Visuquantenfelder oder so was. Das werdet ihr als ehemalige Yetis sicher verstehen. Dafür haben sie Typen, wie diesen da eben – nackt bis auf ein paar Federn, sogenannte Weltläufer...“

„Was beim dreckigen Eis von Genna ist ein Yeti?“, unterbrach Plutejo. Endlich kletterte er aus der Luke in das Gras zwischen den Stauden.

„Vergiss es, mein Sohn.“ Yaku machte Anstalten zurück in den Sparklancer zu klettern. „Ich machs kurz: Wir sollten schleunigst unsere Sachen packen und das Beiboot tarnen. In einer Stunde oder zwei weiß nämlich die ganze Waldregion dieser Gegend, dass wir auf diesem schönen Planeten gelandet sind...“

6

Eben noch ein freier Mann gewesen, jetzt Gefangener der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarde, wie dieser Krüppel es formuliert hatte. Noch stand er vor ihm, wedelte mit dem schwarzen Metallgestänge, das statt einem Arm und einer Hand aus seiner rechten Schulter wuchs. Die Prothese sah gefährlich nach einer Art Spezialwaffe aus. Die linke Prothese kam Bergen um nicht weniger bedrohlich vor. Sein schwarzer Umhang verhüllte nur unvollständig den kegelförmigem Ständer, auf dem er schwebte. Gestern hatte er sich noch Sir Walker Palladei genannt.

„Setzen Sie sich, Bergen, machen Sie schon!“ Der Cyborg rammte ihm das metallene Mittelfingerscharnier gegen das Brustbein. Wie ein großer Helm rahmte sein blauschwarzes, pomadiges Haar sein schneeweiß geschminktes Gesicht ein. Keine Spur einer Gefühlsbewegung zeigte sich auf diesem weißen Gesicht – kein Triumph, kein Spott, kein Zorn. Auf Augenlidern und Lippen trug der Krüppel heute Schwarz. Sein großer Schädel wirkte viel zu schwer für den schmalen Torso. Bergen taumelte zu dem Tisch in der Mitte der Messe.

Dort hockte bereits Roderich Stein auf einem Stuhl. Wie Bergen hatte man auch ihm die Hände mit Handschellen auf den Rücken gefesselt. Er ließ Schultern und Kopf hängen, so dass sein massiger Körper unförmig aussah. Schrecken und Resignation standen ihm ins breite Gesicht geschrieben.

„Manchmal ändern die Verhältnisse sich von einer Sekunde auf die andere, nicht wahr, Bergen?“ Der Krüppel stieß seine Waffenhand in Bergens Rücken und dirigierte ihn zu dem Stuhl neben Stein. „So ist das eben.“ Wie hatte er sich gerade vorgestellt? Ich bin Direktor Waller Roschen, Spezialagent der GGS. Ein Direktor? Ein Spezialagent? Bergen sank in den Sessel. Heinrich, wo steckst du, Heinrich...

Ein Bewaffneter nahm auf der anderen Tischseite Platz und richtete sein LK-Gewehr auf sie. Zwei Kampfmaschinen postierten sich hinter ihnen. Bergen konnte nicht glauben, dass es vorbei war. Er ein Gefangener? Die Troja von seinem eigenen Offizier gekapert? Was aber tat sich auf der Johann Sebastian Bach? Und wohin war Heinrich geflüchtet...?

Die Frau steckte ihren Fauststrahler wieder unter ihren weißen Seidenmantel, bückte sich nach dem Rahmen mit der Leinwand, hob ihn auf und hielt ihn so vor sich hin, dass Bergen das Gemälde anschauen musste. Er sah sich selbst – in Ketten und nackt bis auf einen Lumpen vor der Scham. „So habe ich mir das vorgestellt, Merican.“ Ein höhnisches Lächeln flog über ihre Züge. Wie hart sie auf einmal wirkte! „Und so ist es gekommen.“ Sie stellte das Bild zurück auf die Staffelei. „Abgesehen davon, dass Sie ihre Kleider noch tragen. Aber ich denke, auf dieses Detail meiner Vision kann ich fürs Erste verzichten.“

Eben noch hatte er diese Frau begehrt, wollte sie erobern, und jetzt triumphierte sie über ihn. Was für eine Demütigung! „Sehr freundlich, Lady Palladei, wirklich sehr freundlich!“ Bergen deutete eine Verneigung an. Er bemühte sich um Stil. Korrekte Formen unterstützten die Selbstkontrolle, perfekte Selbstkontrolle festigte das Denken.

„Gratuliere, Anna-Luna.“ Zum ersten Mal zeigte der Krüppel so etwas wie Gefühl. „Du warst großartig.“ Mit zwei flinken Bewegungen griff er unter seinen Umhang – einmal nach links und einmal nach rechts – und streifte eine elastische, hautartige Hülle über das Metallgestänge seiner Arme und Hände. Das ging so schnell, dass Bergen hinterher nicht sagen konnte, auf welche Weise der Krüppel seine Kunsthaut verschlossen hatte. Waller Roschen aber legte der weißblonden Frau seine Kunsthände auf die Schultern sah sie an und wiederholte: „Du warst mal wieder phantastisch, Anna-Luna! Gratuliere!“

„Anna-Luna also, und nicht Josefina, wie interessant.“ Bergens Aristokratenlächeln stand wieder. „Und weder Lady Palladei noch Malerin, sondern General Ferròn, wenn ich Primoberst Robinson richtig verstanden habe.“ Es fiel ihm schwer, den Namen Robinson auszusprechen, Bitterkeit überflutete ihn, wenn er an den erst wenige Minuten zurückliegenden Augenblick dachte, als der Kommandant der Brüssel Ferròn die Eroberung der Troja gemeldet hatte. „Wie haben Sie es eigentlich geschafft einen meiner besten Kommandanten zu kaufen?“

„Kaufen?“ Anna-Luna Ferròn lachte den kleinen, rothaarigen Subgeneral aus. „Für den unwahrscheinlichen, aber mathematisch dennoch nicht auszuschließenden Fall einer Desertion, haben Agenten des GGS klare Richtlinien, Verehrtester!“ Sie wandte sich von ihm ab. „Was ist mit dem dritten Mann!“, herrschte sie einen in ihrer Nähe stehenden Mann mit vernarbtem Gesicht an. „Warum dauert es so lange bis ich die Vollzugsmeldung bekomme?“

Weder ließ sie Bergen Zeit zu einer Entgegnung, noch war er in der Lage ihr angemessen zu antworten. Ralbur Robinson ein Agent der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarde! Das verschlug ihm schlichtweg die Sprache. Hatte es noch weitere Agenten in seinem 12. PK-Verband gegeben? Arbeitete am Ende die gesamte Besatzung der Brüssel für die GGS?

„Ferròn an Troja – wo bleiben die Nachrichten von der Johann Sebastian Bach?“ Wie eine Domina führte sie sich auf, gewohnt an Gehorsam und Unterwerfung. „Ferròn an Maschinenleitstand – wann springt die Laurin endlich?“ Laurin also hieß das Schiff und nicht Pegasus. Vermutlich ein Kommunikator.

„Maschinenleitstand an Kommandantin – Parasprung in dreihundertzwölf Sekunden...“ Der gefangene Subgeneral hielt den Atem an. Wo blieb die Johann Sebastian Bach? Die Schultern hochgezogen, Rücken- und Brustmuskulatur angespannt saß Bergen auf der Sesselkante. Weshalb griff Veron nicht ein? Wo steckte Heinrich?

Plötzlich erinnerte er sich an eine der letzten Meldungen von seinem Flaggschiff, eine an sich harmlose Meldung: Ein Beiboot der Brüssel wollte Robinsons Frau mit einer akuten Blinddarmentzündung an Bord der Johann Sebastian Bach bringen. Und hatte Robinson vorhin nicht von Kämpfen auf dem Flaggschiff berichtet? Die Johann Sebastian Bach konnte nicht eingreifen – die Einsicht schmerzte.

Über einer Schnittstelle zum Bordhirn baute sich ein Visuquantenfeld auf. Ein blonder Mann mit Haardutt und Diamant im Nasenflügel erschien darin. Schon wieder Ralbur Robinson. Die Bitterkeit schnürte Bergen die Kehle zu. „Keine Meldung mehr von der Johann Sebastian Bach, General Ferròn.“ Er sprach mit belegter Stimme, Sorgenfalten furchten seine Stirn. Den Helm hatte er zurückgeklappt, das silbergraue Überlebenssystem trug er noch. „Meine Frau reagiert nicht auf Funkrufe, meine Erste Offizierin hat bislang noch nicht wie vereinbart die Eroberung der Zentrale gemeldet.“ Bergen entspannte sich. Veron schien den Angriff abgewehrt zu haben; guter Mann, der kleine Schwarze vom Planeten Kaamos!

„Danke, Subgeneral Robinson. Sie warten auf weitere Befehle. Und schaffen Sie mir nach dem Parasprung die Führungscrew der Troja an Bord der Laurin.“

Noch bevor Robinson antworten konnte, wandte Sie sich vom Sichtfeld ab und fixierte Bergen mit kaltem Blick. Der sprang auf und rief. „Ich bewundere Ihre schauspielerischen Fähigkeiten, Robinson! Wenn ich für jemanden die Hand ins Feuer gelegt hätte, dann für Sie! Aber Sie werden teuer bezahlen, das darf ich Ihnen an dieser Stelle versichern...“ Zwei Bewaffnete drückten ihn zurück in den Sessel. „Die Anzahlung haben Sie bereits geleistet – Ihre Frau ist so gut wie tot, ich kenne Suboberst Veron...“ Das Sichtfeld erlosch.

„Parasprung in zweihundertdreißig Sekunden“, meldete der Maschinenleitstand.

„In einer Minute erfahre ich, dass Ihr Schiff in der Hand meiner Leute ist, Bergen“, zischte die weißblonde Frau mit den kantigen Gesichtszügen. Sie war schön, doch etwas Hartes vergiftete diese Schönheit. „Oder ich lasse es vernichten...“ Ihre grünen Augen hielten Bergens Blick fest. Kälte versprühten diese Augen.

„Sie werden tun, was immer Sie sich in den Kopf gesetzt haben, Verehrteste.“ Bergen hielt ihrem Blick stand. „Davon bin ich überzeugt.“ Er lächelte kühl. „Allerdings fürchte ich, Sie könnten versäumt haben, sich bei gewissen Menschen zu erkundigen, was es bedeutet, mein Feind zu sein.“

Sie zuckte zusammen, ihre Rechte fuhr unter ihren Seidenmantel. Der Krüppel machte einen Schritt auf Bergen zu und streckte seinen linken Arm nach ihm aus. Bergen sah einen Lichtbogen aufflammen, fast im gleichen Moment lag er schon am Boden und krümmte sich vor Schmerzen.

„Zentrale an Kommandantin! Ein Beiboot verlässt die Laurin!“

Bergen richtete sich auf. Er blickte in das teigige, bleiche Gesicht Roderich Steins. Schweiß stand auf der Stirn des Kybernetikers. Die Ferròn und ihr Krüppel lauerten schon wieder vor dem Sichtfeld: Ein Sparklancer entfernte sich langsam vom Unterboden des Omegaraumers. Heinrich mit der Johann Sebastian Bach 01?

„Der dritte Mann!“, schrie die Generalin. „Wie konnte er unbemerkt ins Hangar gelangen!“ Sie fuhr herum und fixierte den Rothaarigen. „Es ist ein Roboter, habe ich Recht?“ Bergen antwortete nicht. Sie konnte es nicht wissen, niemals! Heinrich hatte auf eigenen Wunsch ein Überlebenssystem getragen, und einen Helm, dessen Sichtschutz er aktiviert hatte.

„Wir müssen ihn vernichten“, forderte Waller Roschen. „Nichts von dem, was hier geschehen ist und gesprochen wurde, darf nach außen dringen.“

„Es wird bald niemanden mehr geben, dem er berichten kann.“ Die Ferròn beobachtete das VQ-Feld.

„Du musst ihn abschießen lassen, Anna-Luna!“, beharrte der Krüppel. „Du musst!“

Anna-Luna Ferròn zögerte. „Noch hundertdreißig Sekunden bis zum Parasprung“, meldete der Maschinenleitstand. Anna-Luna Ferròn schwieg. Bergen stemmte sich vom Bodenhoch, Stein stand auf. Wie alle beobachteten sie den Sparklancer im Sichtfeld. Rasch entfernte er sich von der Laurin. Spring Heinrich, dachte Bergen, leg einen Notfallsprung hin...

Waller Roschen trat neben den weiblichen Geheimdienstgeneral. „Du musst ihn abschießen lassen...“ Er betonte jede Silbe. Bergen hielt den Atem an...

7

„Suboberst Veron an Troja...!“ Zum dritten Mal versuchte Veron Kontakt mit Cludwichs Schlachtschiff aufzunehmen. Im Hauptsichtfeld unter der Frontkuppel entfernte sich ein Beiboot von dem angeblichen Reisekreuzer. „...bei uns haben Kampfformationen von der Brüssel versucht das Kommando zu übernehmen. Wir haben den Angriff abgewehrt. Wie ist die Lage bei Ihnen, Primoberst Cludwich? Melden Sie sich!“ Der fremde Sparklancer flog rasch näher. Von der Troja kam wieder keine Antwort. Weder vom Kommandanten, noch von einem seiner Offiziere.

„Bei dem Sparklancer handelt es sich definitiv nicht um die Johann Sebastian Bach 01!“ meldete die Aufklärung aus Ebene II. „Trotzdem nimmt er Kurs auf die Johann Sebastian Bach!“

„Was will er bei uns, wenn es nicht der Kommandant ist?“, rief Vera Park.

„Da...!“ Wie aus einer Kehle schrie die Besatzung der Zentrale auf, niemanden hielt es auf seinem Sessel – im Sichtfeld löste sich eine Kette von rötlich glühenden Strahlenkaskaden aus dem Kreuzer und traf den Sparklancer. Der explodierte sofort. Eine schnell verblassende  Glutkugel blähte sich an seiner Stelle auf.

„Veron an Gefechtsleitstand – höchste Gefechtsbereitschaft! Kontrogravfeld aufbauen!“

„Verstanden!“

„Aufklärung an Ersten Offizier – das Energieniveau auf allen drei Schiffen steigt rapide!“ Heyar Thorans Stimme brüllte aus dem Bordfunk. “In spätestens einer Minute sind die im Hyperuniversum verschwunden! Und unser Kommandant mit ihnen...”

„Wenn er nicht schon tot ist”, sagte jemand hinter Veron. Der zierliche Mann von Kaamos selbst empfand eine Ohnmacht, die ihm die Tränen in die Augen trieb. Was sollte er tun?

Was er schließlich tat, war eher ein Akt der Verzweiflung, als das Ergebnis sorgfältiger, strategischer Überlegung. “Veron an die Pegasus – Sie fahren sofort Ihre KRV-Triebwerke herunter! Andernfalls töten wir unsere Gefangenen Oberst Ling und Leutnant Peer-Robinson...!”

Er spürte die Blicke der anderen wie feine Nadelstiche im Nacken, auf dem Rücken, an den Schläfen. Niemand sagte ein Wort, nur Pacifya, die direkt neben ihm stand, hörte Veron leise stöhnen. „Veron an Klinik! Schafft Oberst Ling in die Zentrale! Sorgt dafür, dass sie bei klarem Bewusstsein ist!”

„Was hast du vor, Calibo?”, flüsterte Pacifya.

„Mein Ultimatum unterstreichen...“

„Kommunikator an Ersten Offizier. Die Anfragen von der Flotte um das Schiff des Höchstgeehrten häufen sich. Dr. Gender DuBonheur erkundigt sich, was sich bei uns abspielt.“

„Ignorieren!“

„Aufklärung an Ersten Offizier – die Brüssel und die Troja nehmen auffällige Kursänderungen vor!“

„Daten visualisieren und ins Sichtfeld schicken“, befahl Veron. Im VQ-Feld erschienen zwei Reflexe von Omega-Raumern und eine Liste mit Positions- und Geschwindigkeitsdaten.

„Exponentiell steigendes Energieniveau auf allen drei Schiffen!“ Schon wieder Thorans Stimme aus dem Bordfunk.

„Die springen schon“, sagte jemand. „Wir haben den Subgeneral endgültig verloren...“ Im selben Moment flackerte die Beleuchtung, eine Feuerwand füllte das Sichtfeld aus und glühte über der Frontkuppel. Temperaturalarm heulte los.

„Gefechtsstand an Kommandozentrale! Alle drei Schiffe haben gleichzeitig gefeuert! Volltreffer! Das Kontrogravfeld bricht jeden Moment zusammen!“

„Feuer erwidern!“, schrie Veron. „Pendelkurs einschlagen!“ Und dann war es, als würde die Faust eines Titanen die Johann Sebastian Bach treffen: Die Außenhülle aus Quotarbon dröhnte, wie eine altertümliche Glocke, Schweißnähte platzten knirschend und niemand saß oder stand noch an dem Ort, an dem er vor dem Treffer gesessen oder gestanden hatte.

Die Zentrale rotierte ein paarmal um Veron, und als sie endlich wieder stillstand, lag er mit Pacifya im Arm unter der Balustrade der Galerie. Vera Park hing unter der Frontkuppel, und Gaetano Sardes lag mit blutigem Kopf auf der Treppe zu Ebene II. Der Gravitonalarm schwoll an und schwoll ab. Die unsichtbare Titanenfaust schlug erneut zu...

8

Yaku nahm mit, was er tragen konnte: Seinen Koffer, seine Waffen, Proviant, den sie im Beiboot der Mexiko gefunden hatte, dazu ein paar Werkzeuge. Den Schutzanzug, den er aus dem Magazin des Aufklärers gestohlen hatte, behielt er an. Zum einen besaß das gute Stück neben einer Heizung auch eine Kühlung, zum anderen war es mit einem integrierten Lingusimultaner ausgerüstet, und Yaku ging davon aus, bald davon Gebrauch machen zu müssen; ja, er hoffte es sogar. Dabei war gar nicht ausgemacht, dass der Übersetzer den Idiom ausgerechnet des Kalosarenvolkes beherrschte, dem sie als erstem begegnen würden.

Plutejo baute aus Ästen eine Art Schlittengestell, überzog es mit der Verkleidung eines der zwölf Beibootsitze und montierte das Gurtsystem des Sitzes an eine der Schmalseiten. Auf der Lasttrage befestigte er sein Gepäck und das seiner Schwester: Rucksäcke, Waffen, Überlebenssysteme, Proviant und Kleider. Er selbst zog sich bis auf ein ärmelloses Hemd und eine knielange Leinenhose aus. Die Luft von Aqualung war sehr warm, und Wärme vertrug der jüngste Tigern-Sohn nicht.

„Im Improvisieren seid ihr Meister.“ Voller Anerkennung betrachtete der Mann von Doxa IV die Konstruktion.

„Das haben wir eben seit unser Geburt lernen müssen.“ Mit einer Kopfbewegung deutete Venus auf die Lasttrage. „Los, Yakumann, leg deinen Koffer drauf.“

Yaku ließ sich das nicht zweimal sagen. Er holte seinen Fauststrahler aus dem Koffer, warf einen wehmütigen Blick auf die leere Whiskyflasche und verstaute ihn zwischen den Bündeln des Geschwisterpaares. Danach aktivierte er das Kontrogavfeld des Beibootes, um es wenigstens für einen Teil der gängigen Ortungstechniken unsichtbar zu machen. Anschließend verschloss er es. Plutejo und Venus legten sich die Gurte um die Hüften. Yaku deutete in den Wald. „Da hinein.“ Sie zogen los. Moses flog voraus.

Am Waldrand blieben die Geschwister von Genna stehen und bestaunten die gigantischen Bäume. Die höchsten hatten eine graubraune, schrundige Rinde. Ihre ausladende Krone begann erst in einer Höhe von etwa sechzig Metern und hing voller sattgrüner Laubblätter.

Die Bäume einer anderen Art bestanden aus vier, sechs oder mehr Stämmen, teilweise trennten sie sich erst in großer Höhe, teilweise schon knapp über dem Wurzelstock. Einige Stämme waren bizarr miteinander verflochten, andere wuchsen in flachen Winkeln vom Hauptstamm weg, und verschränkten sich achtzig oder neunzig Meter weiter mit dem Geäst anderer Bäume. Die Rinde dieser Baumart war schwarz und glatt, ihre steif nach oben gereckten Laubblätter hellgrün, schmal wie Schwertklingen und ebenso lang. Sie sprossen schon in einer Höhe von zwei oder drei Metern. Es war unmöglich die Spitzen ihrer Kronen dieser vielstämmigen Bäume zu erkennen.

Einer dritten Baumart gehörten die zehn bis zwanzig Meter durchmessenden lehmbraunen Stämme. Deren breite Blätter schimmerten rot und grün zugleich, ihre Kronen waren nicht ganz so hoch wie die der anderen Bäume – hundert bis hundertzwanzig Meter vielleicht – aber derart ausladend, dass man wohl zweihundert oder zweihundertfünfzig Meter unter dem selben Baum entlang marschieren konnte. Von solch gigantischen Pflanzen hatten Plutejo und Venus nie zuvor gehört, geschweige denn sie mit eigenen Augen gesehen.

Yakubar blickte sich noch einmal nach dem Staudenfeld um. Dort, wo sie es verlassen hatten, richtete das Gras sich schon wieder auf. Mit bloßem Auge war der Sparklancer kaum zu entdecken. Der Weißhaarige machte kehrt und folgte den Geschwistern in den Wald. Er rechnete nicht ernsthaft damit, in absehbarer Zeit zu dem Sparklancer zurückzukehren.

Dämmriges Zwielicht herrschte im Wald. Das dichte Laubdach ließ nur spärliches Sonnenlicht bis zum Boden durchdringen. Entsprechend kärglich wucherten dort vor allem Moose, niedrige Farne und Büsche, hin und wieder auch Hecken voller blauer oder roter Beeren. Wie Käfer kamen sie sich vor zwischen den turmhohen Stämmen und unter den gewaltigen Kronen. Durch die großen Abstände der Bäume und das fast geschlossene Laubdach hatte Yakubar bald das Gefühl durch einen riesigen Saal zu laufen. Der Rabe flog voraus, landete in Sichtweite in einem Baum, und flog weiter, sobald das Trio den Baum erreichte.

„Wo gehen wir hin?“, fragte Venus nach einer halben Stunde.

„Erst einmal möglichst weit weg vom Beiboot.“ Yaku trottete hinter der Lasttrage her. „Alles andere wird sich dann schon ergeben!“

Nach Einschätzung des alten Reeders von Doxa IV würde sich eventuell eine Baumhütte an einem der sagenhaften Seen von Aqualung ergeben; ein Leben als Jäger und Fischer für die letzten zwanzig Jahre, pessimistisch geschätzt. War das nicht besser als der Tod? Bei Gott, das war es! Und was das Geschwisterpaar aus dieser Chance machte – sollte das etwa seine Sache sein?

Je länger er jedenfalls über den Landungsraumer nachdachte, desto utopischer erschien es ihm, auch nur einen seiner Sparklancer kapern zu können. Auf dem Republikschiff wusste man sicher längst von dem jungen Rebellenpaar, von dem Mord an Nansen und von Yakubar Tellim, der es abgelehnt hatte, nach seinem siebzigsten Geburtstag wie eine alte Couch entsorgt zu werden.

Moses krähte hundertfünfzig Schritte entfernt in einem Baum, als wollte er Alarm schlagen. Sie hoben die Köpfe, weil noch ein anderes, gleichmäßiges Geräusch sich in das Rauschen der Blätter mischte. Etwas heulte in der Ferne, kam näher, dröhnte ganz ähnlich, wie ein Quantenplasma-Triebwerke. Sie blieben stehen, legten die Köpfe in die Nacken und fixierten die wenigen Lücken im Laubdach des Waldsaales. Etwas röhrte über sie hinweg, und für den Bruchteil einer Sekunde sahen sie den schmalen Rumpf eines Fluggerätes vor dem Hintergrund des lichtprallen Himmels von Aqualung.

„Ein Sparklancer“, sagte Plutejo heiser.

„Sie suchen uns schon.“ Yaku spuckte aus. „Und ich fürchte, es werden nicht die Einzigen sein, die uns suchen.“ Er dachte an die Millionen von Wärmequellen. Viel weiter als fünfundzwanzig Kilometer konnten sie nicht entfernt sein. Sie bereiteten ihm echte Bauchschmerzen.

Sie zogen weiter. Instinktiv schlug Yaku einen Kurs ein, der um den See herumführte. Dabei gerieten sie selten tiefer als vierhundert Meter in den Wald hinein. Es war kein kleiner See übrigens. Nach den letzten Aufzeichnungen des Bordhirn von Mexiko 01 erstreckte er sich in Dutzenden von Ausläufern tief in das Waldgebiet hinein. Sechs oder sieben Tage würden man schon brauchen, wollte man ihn zu Fuß umrunden.

Doch daran dachte Yaku nicht. Noch aus der Luft hatte er einen Abschnitt des Seeufers ausgemacht, an dem das Gewässer bis an den Waldrand reichte. Dorthin wollte der Mann von Doxa IV. Erst einmal baden, erst einmal ausruhen, fischen und wieder ausruhen.

Und dann? Einen Sparklancer kapern? Ein voller Glauruxtank würde sie immerhin schon hundertachtzig Lichtjahre weiter bringen. Oder Hütten bauen und bis ans Ende seiner Tage den Naturburschen machen?

Yaku war hin und her gerissen. „Immer eines nach dem anderen“, murmelte er.

„Was ist los?“ Venus wandte den Kopf nach ihm um.

„Ich hab gesagt: Ihr zieht eine Duftwolke hinter euch her, als hättet ihr einen sieben Tage alte Leichnam auf dem Schlitten.“

„Hey, Mann!“, rief Plutejo. „Was glaubst du denn, wie du stinkst! Was waren das übrigens für Sprüche, die du vorhin abgelassen hast, als wir im freien Fall dem Wald entgegenrauschten?“

„Nenne es beten, mein Sohn, oder fluchen; ganz wie du willst?“

„Du hast einen Gott angerufen“, sagte Venus.

„Schon möglich.“

„Ist das der Gott aus dem Buch, in dem du immer liest?“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich hab den Alten noch nicht kennengelernt.“

Sie diskutierten eine Zeitlang über Gott, den Kosmos und die Republik. Moses flog von Baum zu Baum und beäugte die Gegend von oben. Einmal scheuchte er einen Schwarm fingergroßer Insekten auf und schlang einige von ihnen hinunter. Die Zeit verging im Flug.

„Die Sonne geht gar nicht unter“, wunderte sich Plutejo, als sie schon sechs oder sieben Stunden marschiert waren. Prüfend blickte er in die Baumkronen. „Sie scheint sich nicht einmal groß bewegt zu haben.“

„Hat sie, hat sie. Nur dauert ein Aqualungtag so lange wie zwölf Tage auf Terra Prima. Oder waren es sogar vierzehn? Ich weiß es nicht mehr genau.“

Die nächste Stunde legten sie schweigend zurück. Allmählich wurde Yaku müde. Erleichtert nahm er wahr, dass seine Sohlen immer tiefer einsanken. Der Waldboden wurde feuchter. Bald sahen sie Schilf zwischen den Baumstämmen stehen. Dahinter schimmerte es hell, als sei der Waldrand nicht mehr weit. Und endlich erreichten sie das Seeufer.

Sie suchten eine Stelle, an der die Baumkronen weit über das Wasser ragten. „Jetzt wird gebadet.“ Yaku deutete auf das Gepäck. „Das nehmen wir mit.“

Sie erweiterten die Lasttrage um ein paar dicke Äste, und gewannen auf diese Weise ein tragfähiges Floß. Sie schoben es ins Wasser, und begannen sich auszuziehen. Plutejo sprang als erster in den See. Yaku brauchte länger, weil er sich erst noch aus seinem Überlebenssystem schälen musste; vielleicht auch, um Venus unbeobachtet hinterherblicken zu können. Sie befreite sich von ihren Lederhosen und ihrer kurzen Fellweste und schritt zum Ufer. Ein herrlicher Anblick! Ihre Brüste hatten die Form der großen Blüten der Tell-Orchideen, ihr Gesäß war ein muskulöses, auf die Spitze gestelltes Herz, und beides, Brüste und Hintern so bronzefarben wie ihre Gesichtshaut. Yakubar knurrte vor Behagen. „Beim allmächtigen Schöpfer des Kosmos‘“, murmelte er. „Du trägst deinen Namen zurecht.“

Er legte seine Kleider zu denen der anderen auf die Lasttrage, schob das Floß ins Wasser und watete in das Gewässer. Mit kräftigen Stößen schwamm er den Geschwistern hinterher auf den See hinaus. Das Floß trieb er dabei er vor sich her. „Wo habt ihr Schwimmen gelernt?“, rief er. „Aus den Erzählungen eures Vaters?“ Moses schwebte dicht über dem Wasser dahin.

„Mach keine Witze über unseren Vater, alter Weißschädel!“, schrie Venus.

„In den Höhlenlabyrinthen von Genna!“ Plutejo warf sich auf den Rücken. „Dort gibt es unterirdische Seen! Die sind so kalt, dass dir schon nach fünf Minuten der Arsch zufriert!“

Das Wasser hier am Waldrand war warm und klar. Yaku tauchte unter. Ganze Felder von Wasserpflanzen wogten ein paar Meter unter ihm hin und her. Als er auftauchte, kreiste Moses direkt über ihm und krähte laut. Wie Plutejo schwamm Yaku auf dem Rücken weiter, um das Ufer beobachten zu können. „Himmel über Doxa!“, entfuhr es ihm. Da standen sie – an die dreißig Kalosaren. Sie stützten sich auf Wurfspeere und Keulen, verharrten vollkommen reglos und äugten zu ihnen auf den See hinaus.

„Sieh in die Bäume, Yakumann!“, schrie Venus irgendwo hinter ihm. „Sieh nur...!“

Yaku hob den Blick. „Oh heilige Scheiße...“ Zu Hunderten kauerten, standen oder hingen sie im Geäst des Uferwaldes.

9

Der Glutball dehnte sich aus, verblasste, verschwand. Da, wo eben noch ein Sparklacer Kurs auf Bergens Flaggschiff genommen hatte, flog jetzt – nichts mehr.

„Parasprung in achtunddreißig Sekunden.“ Verdammte, unerbittliche Stimme aus dem Bordfunk! Merican Bergen hätte gern geschrien, aber er war nicht der Mann, der sich gehen ließ. Merican Bergen hätte gern geweint, aber war nicht der Mann, der Schwäche zeigte. Er hätte gern die Arme hochgerissen, um einen Gott oder einen Teufel zu verfluchen. Aber erstens waren seine Hände gefesselt, und zweitens wusste er, dass kein Gott existierte, weder oben noch unten, weder rechts noch links. Es gab nur Teufel, und einige davon hielten sich mit ihm in dieser fremden Messe dieses fremden Schiffes auf. Solche Teufel zu verfluchen, hatte keinen Sinn. Man musste sie bekämpfen, wenn man die Gelegenheit dazu bekam.

„Er war ein Geschenk Ihrer Eltern, nicht wahr?“, sagte Anna-Luna Ferròn. Sie machte sich nicht die Mühe ihre Genugtuung zu verbergen.

„Meine Zeit wird kommen“, sagte Merican. „Dann werden wir über die Rechnung reden müssen...“ Die Ferròn stieß ein verächtliches Lachen aus.

„Kommunikator an Kommandantin – Funkspruch von der Johann Sebastian Bach. Ein gewisser Suboberst Veron stellt uns ein Ultimatum.“

„Ins Sichtfeld damit“, forderte Anna-Luna Ferròn. Bergen konnte die Botschaft seines Ersten Offiziers lesen. Genau das wollte sie, und Bergen wusste es. Veron drohte damit seine Gefangenen zu erschießen, falls das GGS-Schiff mit der Troja und der Brüssel springen würden. Keine Frage: Veron wollte ihn retten. Und keine Frage: Veron hatte die Kaperung des Flagschiffs abgewehrt und Gefangene gemacht. „General an alle.“ Gefährlich ruhig klang die Altstimme der Ferròn plötzlich. „Wir springen nicht, bevor wir die Johann Sebastian Bach zerstört haben...“

Bergen ballte die Fäuste hinter seinem Rücken. Seine Nägel bohrten sich in die Handballen, die Manschetten der Handschellen schnitten in sein Fleisch. Er hörte kaum die weiteren Befehle, die sie gab, ihm gellten immer nur diese Worte im Ohr: Wir springen nicht, bevor wir die Johann Sebastian Bach zerstört haben...

„Bitte nicht“, hörte er Roderich Stein sagen. „Ich bitte Sie, General Ferròn..., über hundertzwanzig Männer und Frauen leben in diesem Schiff. Es sind Menschen, wie Sie und ich, General Ferròn, es sind Bürger der Galaktischen Republik Terra...!“

„Soll ich jetzt heulen, Herr Stein?“ Anna-Luna bedachte Stein mit einem verächtlichen Blick und wandte sich dann wieder dem VQ-Feld zu. „Kommandantin an Troja – ich will, dass Ihr Gefechtsleitstand den Angriff koordiniert, Subgeneral Robinson.“

Die Bestätigung ließ auf sich warten. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, Anna-Luna“, sagte Waller Roschen leise.

„Kommandantin an Troja – Veron blufft, verehrter Ralbur Er hat keine Gefangenen gemacht, glauben Sie mir! Ihre Frau ist tot. Mein Beileid. Und nun will ich, dass Ihr Gefechtsleitstand den Angriff koordiniert!“

„Verstanden, verehrte Anna-Luna.“

Sekunden verstrichen. Im Sichtfeld schwebte jetzt eine etwa zwei Meter große Darstellung der Johann Sebastian Bach. Einen Atemzug später hüllte ein Vorhang aus Feuer sie ein. Und kurz darauf griffen blendend weiße Glutfinger nach dem Omegaraumer. Gravitonbeschuss! Ein Riss schien an der Stelle durch das All zu gehen, wo das Schiff stand. Bunte Lichtblitze drängten aus ihm heraus. Einen Atemzug später war alles vorbei. Keine Spur mehr von der Johann Sebastian Bach.

„Robinson an Laurin – wir haben Bergens Flaggschiff in das Hyperuniversum geschossen.“

„Gratuliere, verehrter Ralbur. Das war ein Überraschungsangriff, wie er im Lehrbuch steht. Und jetzt den Parasprung, bitte...“

Merican Bergen hörte und sah alles wie durch eine Milchglasscheibe. Er sank in den Sessel. Die Messe begann sich um ihn zu drehen. Er schloss die Augen, riss sie aber sofort wieder auf, weil das Gefühl zu stürzen ihm einen Brechreiz verursachte. Jemand griff nach seiner Hand. Stein wahrscheinlich.

Ein Großteil dessen, was seine Identität ausmachte, hatte sich in Nichts aufgelöst – seine Freiheit, sein Rang, sein Ansehen, sein Schiff, Heinrich; fast alles eigentlich. Merkwürdigerweise sehnte er sich in diesen Minuten nach Musik und nach seinem Flügel...

10

Er war ausgelöscht, vernichtet, nicht mehr existent.

Jedenfalls glaubten sie das, und somit war sein Ziel erreicht. Niemand suchte mehr nach ihm – die Datenbefunde seiner Peilfelder schienen ihm gar keinen anderen Schluss zuzulassen: Die EMC-Muster der Kampfmaschinen bewegten sich nicht mehr oder nur noch in Entfernungen, die ihn nicht beunruhigen mussten, physiologische Elektroimpulse von Organhirnern blieben in gleichbleibender Distanz. Für die Besatzung dieses Schiffes gab es ihn nicht mehr.

Vermutlich hielt auch Merican ihn für tot; oder für zerstört, wie er sich ausdrücken würde. Heinrich hätte gern gewusst, was Merican jetzt empfand.

Während sie ihn in der Ebene über dem Hangar suchten, hatte er das Beiboot wieder verlassen. Während sie auf das Beiboot schossen, hatte er sich ganz am Heckende des rechten Schiffsschenkels versteckt. In unmittelbarer Nähe des Triebwerkes. Hier brauchte er sein EMC-Muster nicht mehr im Quantenkern verbergen, hier benötigte er das energiefressende Neutralisationsfeld nicht mehr. Die Strahlung aus dem Druckkammerreaktor und das hohe Energieniveau des Triebwerks überlagerte seine eigene energetische Strahlung zuverlässig.

Nur drei Quoditanwände, jede einen Meter dick, trennten ihn vom Triebwerk. Es war sehr laut in dieser Gegend des Kommunikators, er hatte sein akustisches Sensorium ausgeschaltet, um nicht unnötig Energie für die Erhöhung der akustischen Reizschwelle zu verbrauchen.

Die Nische, in die er sich zurückgezogen hatte, lag hinter der Wandverblendung eines Wartungsschachtes. Für ihn war es ein Kleines gewesen, die Schweißnähte der Wandplatte zu lösen und wieder zu schließen. Hier führten Hauptleitungen des Bordhirns vorbei und zweigten wenige Meter weiter in den Querholm zum Gefechts- und Maschinenleitstand ab. Er hatte ein mikroskopisch kleines Loch in die Rohrverkleidung geschweißt, eine seiner Nanosonden aus der linken Öffnung seiner Kunstnase gefahren und unter all den Kabel- und Rohrleitungen schnell die entscheidenden Stränge identifiziert. Inzwischen konnte er die Befehle ans Bordhirn mitlesen und den Kommunikator anzapfen. So wusste er längst von Verons Ultimatum, von der Besetzung der Troja und der Vernichtung der Johann Sebastian Bach. 

Seltsame Impulse waren aus den Tiefen seines Quantenkerns aufgestiegen, als er Robinsons Funkspruch mit der Treffermeldung empfangen hatte: Minutenlang lehnte er bewegungslos gegen die äußere Nischenwand. Die Bilder sämtlicher Besatzungsmitglieder des Flaggschiffs waren aus seinen Datenbanken in seinen Quanten-Fokus gestiegen, hatten ihn regelrecht überschwemmt, und am Ende sah er sich an Mericans Flügel sitzen, und jene wunderbaren Klänge erzeugen, die Merican Fugen nannte.

Vorbei. Die Johann Sebastian Bach im Hyperuniversum verschollen. Mit ihr all die Gesichter, die ihm im Lauf der Jahre so vertraut geworden waren. Und mit ihr auch der Flügel in Mericans Privatsuite. Aus und vorbei.

Er richtete seinen Quantenfocus wieder auf die Daten, die über die Nanosonde in sein Kunsthirn strömten. Er erfuhr, dass in diesen Minuten ein Sparklancer der Troja einen Hangar verließ, um die leitenden Offiziere des Schlachtschiffs zur Laurin zu bringen. Dass Bergen am Leben war, wusste er bereits aus den Daten des Bordfunks.

Er fuhr eine zweite Nanonsonde aus, schob sie durch das kaum sichtbare Loch, und führte sie in die Quantenleitung des Bordhirns ein. Minuten später kannte er die Koordinaten der aktuellen Positon – über vierhundert Lichtjahre weit waren die drei Schiffe gesprungen. Und wenn er den Kurs des Koordinators richtig analysiert hatte, würde der nächste Parasprung den Dreierverband noch weiter in Richtung New Cuba führen.

Heinrich war entschlossen, das zu verhindern...

11

...und der Heilige Sohn des Erztöters wird Kreaturen ohne Pelz zu seinen Diener machen, wird diejenigen zwingen an seiner Seite zu kämpfen, die euch und eure Schätze verschlingen wollten. So wahr ICH Erztöter bin von Anbeginn: Es wird ein Nackter gesandt werden vom Himmel, jung, groß und furchtlos, MEIN Werkzeug zu vernichten die Festung des Ungottes, und es werden alle Krieger aller Herren der Lebendigen aus allen Ländern und Königreichen sich versammeln rings um den Anderstöter und seine Festung und seine Diener, alle, die dem Ruf des Heiligen Sohn des Erztöters folgten, und ER selbst, und sie werden nicht ein Haar, nicht eine Kralle der Diener des Anderstöters übriglassen, und sie werden sie in den Abgrund jagen, in den ewigen Feuerschlund, von dem ICH euch sprach seit Anbeginn...

Aus dem Buch der Erzherren des Lebendigen

12

Diesseits des Schotts zwei Kampfmaschinen, jenseits des Schotts mindestens vier. An jeder Wand hockten zwei Bewaffnete auf Stühlen. Sie unterhielten sich leise, hörten Musik oder stierten die beiden Gefangenen finster an. Die Messe war zu einem Kerker mit Spezialbewachung umfunktioniert worden.

Anna-Luna Ferròn und ihr Krüppel Waller Roschen waren gleich nach dem Sprung in die Kommandozentrale gegangen. Bergen vermisste sie nicht.

„Heinrich hat es nicht geschafft“, flüsterte Roderich Stein, als das teuflische Paar die Messe verlassen hatte. „Nein“, antwortete Bergen. „Wir sind die einzigen Überlebenden der Johann Sebastian Bach“, sagte Stein. „Ja“, antwortete Bergen.

Das waren die einzigen Worte, die sie in den folgenden drei Stunden wechselten.

Irgendwann öffnete sich das Schott der Messe, und vier Bewaffnete führten zwei Männer und eine Frau in Handschellen herein: Primoberst Sibyrian Cludwich und Oberst Homer Goltz von der Troja, und Primhauptfrau Sarah Calbury, die Zweite Offizierin der Brüssel. Schweigend setzten sie sich auf die Stühle, die man ihnen zuwies. Goltz und Calbury wichen Bergens Blick aus. Cludwich sah ihn mit einer Mischung aus Schuldbewusstsein und Trauer an. Die Tränensäcken unter seinen großen, hellblauen Augen waren graue, faltige Schatten.

Einer der Bewacher stellte Wasserflaschen auf den Tisch. Strohhalme ragten aus ihnen, damit sie trotz ihrer auf den Rücken gefesselten Hände trinken konnten. Zu essen gab es nichts.

Ein paar Minuten lang schwiegen sie. Endlich räusperte Cludwich sich und sagte: „Statt einer Fußballmannschaft haben sie vier Kampfformationen geschickt. Sie haben mit irgendeinem antiken Narkosemittel gearbeitet. Als ich es gemerkt hab, war es schon zu spät.“

Bergen nickte langsam. „Statt einer willigen Malerin traf ich einen General der GGS auf diesem Schiff, und statt Sex bekam ich Handschellen. Als ich es merkte, war es schon zu spät.“

Die breite Brust des untersetzten Cludwichs blähte sich auf, mit einem Seufzer atmete er aus. Bergen glaubte den Stein zu hören, der dem Offizier vom Herzen fiel, weil er ein Schuldbekenntnis seines Kommandanten statt Vorwürfe zu hören bekam. „Was passiert ist, ist passiert“, sagte er leise, und senkte seinen kantigen Schädel mit den grauen Stoppeln.

„Der arme Veron hat offenbar begriffen, bevor es zu spät war“, sagte Homer Goltz. „Schätze, er wird es jetzt bereuen, falls er überhaupt noch lebt.“ Der große, schlaksige Mann mit dem aschblonden Haar machte einen reichlich zerknirschten Eindruck auf Bergen. Sein sonst so weiches und jungenhaftes Gesicht war fahl und hohlwangig. „Wer weiß schon, wie lange man im Hyperuniversum überleben kann.“

Bergen verzichtete darauf, die Bemerkungen des Oberst zu kommentieren. Die Trauer um Veron und seine Mannschaft brannte wie eine offene Wunde hinter seinem Brustbein. „Was passiert ist, ist passiert“, wiederholte er flüsternd. „Sehen wir zu, dass es uns nicht den Lebensnerv abschnürt...“ Er wandte sich an Sarah Calbury. „Wir müssen nach vorn schauen, so schwer es uns auch fallen mag.“ Die etwa dreißigjährige Zweite Offizierin von der Brüssel war bleich. „Ich warte auf eine Erklärung von Ihnen, Primhauptfrau Calbury“, sagte Bergen.

„Eine Erklärung...?“ Müde hob sie den Kopf. Der dicke Zopf, zu dem sie ihr brünettes Haar geflochten hatte, sah reichlich zerzaust aus. Ihre sonst so aristokratische Erscheinung hatte entscheidend an Eleganz eingebüßt. „Ich verstehe nicht, mein Subgeneral...?“

„Das wundert mich, Primhauptfrau“, sagte Bergen. „Sie sind die Zweite Offizierin eines Aufklärers, von dem aus die Troja und mein Flaggschiff angegriffen wurden. Und Sie verstehen nicht, dass ich eine Erklärung von Ihnen erwarte? Ihr Kommandant, seine Frau und verschiedene andere Offiziere arbeiten für die GGS, und Sie verstehen nicht, dass ich ...?“

„Verzeihen Sie, mein Subgeneral“, unterbrach Calbury. „Natürlich haben Sie recht..., aber ich bin noch so geschockt, dass ich..., dass ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, Sie könnten mir misstrauen.“ Sie schloss die Augen für einen Moment. Die vier Männer beobachteten sie aufmerksam. Sie öffnete die Augen und schaute in die Runde.

„Von den einundvierzig Männern und Frauen der Brüssel arbeiten dreiunddreißig für die Geheime Galaktische Sicherheitsgarde“, fuhr sie endlich fort. Sie hob den Blick und sah Bergen ins Gesicht. „Von den restlichen acht verließen vier das Schiff, weil sie Ihre Weigerung, die Sträflingskolonien von Genna zu vernichten, nicht mittragen wollten. Drei von diesen Vieren sind einfache Soldaten. Die hat Robinson festsetzen lassen. Er will diese Männer aus dem gleichen Grund vor Gericht stellen, wie Sie und mich: Wegen Befehlsverweigerung und Fahnenflucht. Der vierte bin ich.“

„Nimm es mir nicht übel, Sarah“, sagte Homer Goltz. „Aber es macht mich misstrauisch, dass du die einzige Offizierin der Brüssel sein willst, die nicht für die GGS arbeitet.“

„Ja, wirklich erstaunlich“, pflichtete Stein ihm bei. „Wenn ich Agent und zugleich Kommandant einer Flotteneinheit wäre, würde ich mich ausschließlich mit Offizieren der GGS umgeben.“

„Parasprung in zweihundertvierzig Sekunden“, verkündete eine Männerstimme aus dem Bordfunk.

„Man hatte mich bei der Flottenführung für die Position des Ersten Offiziers vorgesehen“, sagte Sarah Calbury. „Robinson hat sich lange dagegen gewehrt. Es kam zu einem Kompromiss, und Robinson musste mich schließlich als Zweite Offizierin akzeptieren. Ich hatte einen schweren Stand auf der Brüssel, das können Sie mir glauben, mein Subgeneral.“

„Wer hat Sie gegen die Interessen der GGS durchgesetzt?“, bohrte Bergen.

„Hohe Funktionäre von Terra Sekunda. Einige sitzen sogar im Direktorium der Republik. In der Zentralverwaltung gibt es Kräfte, die Sie gern als Nachfolger des amtierenden Primgenerals sähen, mein Subgeneral.“

„Eurobal Vetian gehört nicht dazu, schätze ich“, sagte Bergen.

„So ist es, mein Subgeneral. Der amtierende Primgeneral ist nicht Ihr Freund. Ich musste regelmäßig nach Terra Sekunda berichten. Dort befürchtete man, dass die GGS Sie zu Fehlern veranlassen könnte, die Sie für die Position unmöglich gemacht hätte. Man wollte auf dem Laufenden bleiben, um rechtzeitig eingreifen zu können.“

„Parasprung in hundertachtzig Sekunden.“ Wieder die Stimme aus dem Bordfunk.

„Warum aber hat die Ferròn ihre Leute nicht einfach zugreifen lassen?“, hakte Goltz nach. „Es hat doch genug Gelegenheiten gegeben, bei denen Robinson und seine Agenten unseren Kommandeur einfach hätten erschießen oder verhaften können.“

„Das sah die Generalin wohl anders, Sir. Vermutlich wollte sie das Ehepaar Robinson nicht enttarnen, oder das Risiko war ihr einfach zu groß. Robinson und seine Crew hätten wenig Chancen gegen eine Überzahl von zwei größeren Omegaraumern mit insgesamt mehr als sechsmal soviel Besatzungsmitgliedern.“

Eine Zeitlang musterten die vier Männer Sarah Calbury mehr oder weniger skeptisch. Nicht einmal Roderich Stein, der für sein nachgiebiges und wohlwollendes Wesen bekannt war, schien wirklich überzeugt. Aus dem Bordfunk erfuhren sie, dass der nächste Parasprung in hundert Sekunden stattfinden würde. Jeden der fünf Gefangenen beschlich das Gefühl, dem unausweichlichen Verhängnis in hundert Sekunden noch ein Stück näher zu kommen.

Auch Merican Bergens Eindruck von Sarah Calbury blieb zwiespältig. „Ich würde Ihnen gern glauben, Primhauptfrau“, sagte er. „Doch es fällt mir schwer. Selbst, wenn es stimmt, dass Sie nicht für die GGS arbeiten, so sind Sie doch immerhin eine Funktionärin der Galaktischen Republik Terra. Ich aber habe durch meine Entscheidung der offiziellen Regierung den Rücken gekehrt. Vielleicht hätten Sie sich niemals meiner Befehlsverweigerung und Flucht angeschlossen, wenn Sie nicht den Auftrag dazu gehabt hätten.“

„Vielleicht“, sagte Sarah Calbury leise. „Wie auch immer – jetzt sitzen wir im gleichen Boot.“

Die Männer sahen sich an. „Hoffen wir es“, sagte Cludwich. Keiner hatte noch Fragen an die Frau von der Brüssel. Sie schwiegen eine Zeitlang.

„Noch vierzig Sekunden bis zum nächsten Parasprung“, tönte es aus dem Bordfunk.

„Wo mögen Sie uns hinbringen?“, flüsterte Stein.

„Nach New Cuba, ins Hauptquartier der GGS“, sagte Cludwich. „Ich habe ein Gespräch zwischen Robinson und einem seiner Offiziere mitgehört.“

„Mehr als ein Standgericht werden sie uns kaum gönnen.“ Resignation schwang in Homer Goltz‘ Stimme. „Und anschließend geht es zu irgendeinem hübschen Glaucauris-Planeten.“

Sie schwiegen betreten. Jeder hing seinen traurigen oder zornigen Gedanken nach. Bergen fiel es als erstem auf, dass die Meldungen aus dem Maschinenleitstand ausblieben. Normalerweise zählte man dort für jedes Besatzungsmitglied hörbar die letzten zehn Sekunden bis zu einem Parasprung herunter. Nun gut – es blieb noch die Möglichkeit, dass an Bord einer GGS-Einheit andere Gepflogenheiten herrschten. Warum aber rutschten dann die Wachmänner an den Wänden der Messe so unruhig auf ihren Stühlen hin und her? Und warum sahen sie sich so seltsam verstört und mit zusammengezogenen Brauen an?

„Was ist, mein Subgeneral?“ Sibyrian Cludwich registrierte die plötzliche Wachsamkeit seines Kommandeurs.

„Der Countdown wurde nicht fortgesetzt“, flüsterte Bergen. „Ich glaube, das Schiff ist nicht gesprungen.“

Einer ihrer Bewacher erhob sich und ging zur Bordhirnschnittstelle. Kurz darauf flammte das Viquafeld auf. Die Sternenkonstellation darin und die Koordinatenangaben in der Fußzeile schienen den Mann nicht sonderlich zu befriedigen, denn er schüttelte den Kopf und stieß einen Fluch aus. Anschließend setzte er sich mit der Kommandozentrale in Verbindung. „Ulama an Zentrale“, hörten sie ihn sagen. „Was ist los? Wo bleibt der Parasprung?“

„Kommandantin an Messe!“ Wie Peitschenschlag zischte die Stimme aus dem Bordfunk. „Was ist in Sie gefahren, Ulama? Erledigen Sie Ihren Job und mischen Sie sich nicht in den des Maschinenleitstands ein!“ Der braunhäutige Mann namens Ulama – ein Primleutnant, wie die Farben seines Namensschilds verrieten – zuckte mit den Schultern und wollte zurück zu seinem Platz gehen. „Kommandantin an Maschinenleitstand.“ Die Frauenstimme aus dem Bordfunk klang schneidend scharf. „Ich warte auf eine Erklärung! Die Troja und die Brüssel sind längst gesprungen – warum wir nicht?“

„Ich hab keine Erklärung, meine Generälin! Die Laurin müsste eigentlich schon die Zielkoordinaten erreicht haben! Die KRV-Triebwerke konnten das erforderliche Energieniveau nicht aufbauen...“

Ulama machte kehrt, ging zurück zur Schnittstelle und fingerte an den Instrumenten herum. Offenbar war es nicht vorgesehen, dass man in der Messe jeden bordinternen Funkverkehr mithören konnte. Die Gründe dafür leuchteten den fünf Gefangenen unmittelbar ein.

„Was heißt hier‚ ich hab keine Erklärung, die Triebwerke konnten nicht‘! Dann suchen Sie gefälligst eine Erklärung und bringen Sie die Triebwerke wieder auf Trab! Kommandantin an Kommunikator – setzen sie eine Nachricht an die Troja über Parafunk ab, schildern Sie unsere Situation, Canter. Die sollen auf uns warten!“

„Verstanden, meine Generälin.“

„Ulama an Zentrale – wir können hier jedes Wort mithören. Ist das beabsichtigt?“

„Blödsinn! Kommunikator überprüfen Sie das!“

Bergen und seine Gefährten sahen sich an. „Warum sind die so nervös?“, fragte Sarah Calbury.

„Die Troja und die Brüssel sind längst weitergeflogen“, flüsterte Goltz. „Das Biest hat ein Problem.“

„Kommunikator an Kommandantin“, tönte es wieder aus dem Bordfunk. „Aus irgendeinem Grund hat das Bordhirn sämtliche interne Kommunikation auf den Bordfunk gelegt.“

„Dann ändern Sie das, Oberst Canter!“

„Ich hab’s versucht. Es geht nicht.“

„Dann versuchen Sie es ein zweites Mal! Haben Sie die Troja informiert?“

„Das nächste Problem, verehrte Generälin – der Parafunk lässt sich nicht mehr aktivieren.“

„Bitte?!“

„Es ist, wie ich sagte: Der Parafunk lässt sich nicht...“

„Kommandantin an Chefkybernetiker! Kümmern Sie sich um das Bordhirn! Schicken Sie ihre Wartungsteams aus!“

„Bordhirn an alle“, ließ sich plötzlich eine freundliche, einschmeichelnde Kunststimme vernehmen. „Danke für Ihre Mühe, meine sehr verehrten Damen und Herren. Doch machen Sie sich bitte keine weiteren Umstände. Nicht nötig, wirklich nicht. Ich bin im Moment nur etwas indisponiert, weiter nichts. Wird schon wieder. Gönnen Sie sich einfach ein paar Stunden Pause, ja...?“

13

Sie waren etwa zweihundert Meter weit in den See hinausgeschwommen und glitten nun parallel zum Waldufer durch das warme Wasser. Wohin sie blickten – Kalosaren: Im Schilf, im Gras der freiliegenden Uferböschung, zwischen den Baumstämmen, in den Kronen. Manche saßen in hundertfünfzig Metern Höhe auf wippenden Ästen, als wären sie Vögel. Drei entdeckte Yakubar, die waren mit grauen Overalls bekleidet, wie man sie auf Schiffen der republikanischen Flotte trug.

„Es sind Zehntausende...“, sagte Venus.

Yaku musste an die unzähligen Wärmequellen rund um das Landungsschiff denken. „Übertreibe nicht – es sind höchstens neuntausend.“ Er stieß das Floß vor sich her. Auf Venus‘ Gesichtszügen lag wieder dieser Ausdruck aus einer Mischung von Zorn und Entschlossenheit, den er in solchen Situationen schon öfter an ihr beobachtet hatte.

„Was ist, wenn wir näher ans Ufer schwimmen und mit ihnen reden?“ Plutejo war beeindruckt von der Masse der pelzigen Kreaturen. Aber Angst? Jedenfalls konnte Yaku sie nirgends in seinen Zügen und Augen entdecken.

„Es sind ausgerechnet die ganz Harten, auf die wir gestoßen sind.“ Yaku sah sich nach Moses um. „Ein wildes Urwaldvolk.“ Der Rabe war nicht zu hören und nicht zu sehen. „Nach allem was ich über sie gehört habe, sind sie unberechenbar. Ich möchte lieber nicht in die Reichweite ihrer Speere und Blasrohre gelangen.“

„Was beim Arsch des P.L.O. ist ein Blasrohr?“ Plutejo schwamm näher an den Weißhaarigen heran. Sein kräftiger Hals, seine muskulösen Schultern und Oberarme wiesen noch immer einen Blaustich auf. Ganz würde er dieses Symptom der Glaucaurisstrahlungsschäden wohl nie verlieren.

„Ausgehöhlte Schilfrohre. Sie legen kleine vergiftete Pfeile hinein, setzen sie an die Lippen und bringen die Pfeile...“

„Schon klar, Mann...“

„Als Pfeilgift benutzen sie eine starke Droge. Das getroffene Lebewesen ist sehr glücklich, wenn es geschlachtet wird.“ Yaku hörte seinen Raben rufen.

„Was fressen sie denn?“, wollte Venus wissen.

„Schöne Frauen, die zu viele Fragen stellen.“ Er entdeckte Moses im äußeren Geäst eines jener Bäume mit den gewaltigen Stämmen. Er wuchs etwa vierhundert Meter entfernt am Ufer, und sein kolossaler, gut fünfzehn Meter durchmessender Stamm stand zu einem Drittel im Wasser.

„Sie sind Kannibalen?“ Sie machte große Augen. Jetzt war ihr doch der Schreck in die Glieder gefahren.

„In diesem Fall würden sie Ihresgleichen verspeisen.“ Yaku stieß das Floß an und begann auf den Baum zuzuschwimmen. „Das tun sie meines Wissens nicht. Menschen dagegen verschmähen sie nur ungern.“ Er deutete auf den Urwaldriesen. „Dorthin.“ Die weit ausladenden Äste des Baumgiganten ragten bis zu zweihundertfünfzig Meter weit auf den See hinaus. Einige hingen tief herab und berührten Wasseroberfläche.

„Zu dem Baum, auf dem Moses sitzt?“ Plutejo zögerte. „Viel zu nahe am Ufer, Mann! Sie springen ins Wasser, schwimmen zu uns, und aus!“

„Die Kalosaren scheuen das Wasser.“ Yaku drehte sich um und winkte die Geschwister hinter sich her. „Jetzt macht schon! Von der Baumkrone aus können wir notfalls unsere Waffen benutzen.“

„Sie brauchen nicht ins Wasser“, sagte Venus. „Sie müssen nur auf den Baum klettern, um uns zu schnappen!“

„Selbst auf einem Baumstamm würden sie sich nicht aufs Wasser hinaus trauen. Die meisten dieser Völker bauen nicht einmal Schiffe.“ Immer mit einem Auge am Ufer, schwamm Yaku dem wilden Geäst entgegen. „Das haben sie im Prinzip auch nicht nötig – alle Kontinente auf Aqualung sind durch Landbrücken miteinander verbunden.“

Venus und Plutejo gaben ihren Widerstand auf und schwammen hinter dem Älteren her. Rasch erreichten sie das herabhängende Geäst des Urwaldriesen. Moses begrüßte sie mit lautem Gekrächze. Misstrauisch suchten Venus‘ und Plutejos Augen die Krone des Baumes ab. Etwa ein Dutzend Kalosaren entdeckten sie, doch ausschließlich auf Ästen, die über festem Boden wuchsen.

„Willst du wirklich auf diesen Baum klettern?“ Venus war noch immer nicht überzeugt.

„Oh ja, das will ich.“ Yaku packte den Ast, stemmte sich aus dem Wasser und kletterte ein Stück hinauf. „Die Äste sind dick, und das Geäst dicht genug – wir können unser Material hier lagern, bis die Sache ausgestanden ist.“

„Bis sie uns gefressen haben“, fauchte Venus.

Yaku beugte sich zu ihr herunter, griff nach ihrem ausgestrecktem Arm und zog sie aus dem Wasser. „Verlass dich auf mich, Venus Tigern.“

Plutejo reichte Gepäck, Waffen und Proviant zu Venus hinauf, die gab es an Yaku weiter, und der lagerte es in den Zweigen. Plutejo befestigte die Gurte der Lasttrage im Geäst und kletterte dann selbst hinein. Sie zogen sich an. Auf Yakus Geheiß stiegen sie in die Überlebenssysteme. Alles kam darauf an, sich mit den Wilden verständigen zu können. Schließlich schnallten sie ihre Waffen um und kletterten ein Stück Richtung Ufer.

Dort, im Schilf, neben dem Holzwall des Baumstamms und darüber, in seinem Geäst, hatten sich inzwischen an die hundert Kalosaren versammelt. Einer trug einen Kugelhelm, der ganz eindeutig zu einem terranischen Überlebenssystem gehörte. Und tatsächlich entdeckten sie vier Katzenartige, die mit Schutzanzügen bekleidet waren. Einer trug Unterwäsche, wie sie in der Flotte üblich war, und drei oder vier andere Overalls und Bordkombis.

Drei traten aus der Menge heraus, und zwei von ihnen begannen zu fuchteln und zu rufen. Anführer, vermutete der Weißhaarige. „Wartet!“ Yaku, etwas weniger gelenkig als die Jüngeren, balancierte einen Ast unter Venus und Plutejo und war drei Schritte zurückgefallen. Er beobachtete die drei Anführer und lauschte ihrem Palaver.

Einer der drei war nackt wie der Großteil der Menge auch. Allerdings trug er als einziger einen Federschmuck. Vielleicht der Weltläufer, der sie im Staudenfeld entdeckt hatte.

Der zweite hatte schütteres, dafür langhaariges graues Fell. Er war mit kurzen Beinkleidern aus braunem Leder und einer Art ärmellosem Brustharnisch aus dem gleichen Material bekleidet. Darüber trug er einen dunkelbraunen Umhang. Ein alter und wichtiger Bursche, wie es aussah.

Der dritte Anführer überragte die meisten anderen um einen halben Kopf. Schon von weitem wirkte sein Körper wuchtig und kräftig. Er hatte sich in einen grünlichen Mantel gehüllt. Alle Farben des Laubes leuchteten auf dem Stoff. Auf dem Kopf trug er etwas Weißes, das Yaku auf die Entfernung nicht identifizieren konnte. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand er vollkommen reglos und äugte zu ihnen herüber. Etwas wie Würde ging von ihm aus.

Die anderen beiden riefen abwechselnd unverständliche Worte. Der Graue griff in seinen Gürtel, zog ein langes Messer heraus, warf es weg und deutete schreiend darauf.

„Sie wollen, dass wir ohne Waffen zu ihnen kommen“, sagte Yaku.

„Die können mich, Mann!“ Plutejo riss den Strahler von der Schulter. „Ich hab erst vor ein paar Tagen angefangenen zu leben!“

„Finger weg von der Waffe!“, brüllte Yaku. „Wirst du wohl den verdammten Strahler...!“

Zu spät! Plutejo jagte eine Salve Glutkugeln in das Geäst über den drei Anführern. Schreiend kletterten die Kalosaren vom Baum, manche sprangen über viele Meter hinunter ins Schilf. Flammen schlugen aus der Baumkrone, und innerhalb weniger Sekunden war das Ufer wie leergefegt – nur der Große mit dem grünen Umhang stand noch immer reglos und mit verschränkten Armen.

„Du Wichser, du kleiner, dämlicher Wichser!“ Yaku war außer sich.

„Vorsicht, alter Mann!“ Der Neunzehnjährige richtete den Strahler auf Yaku. „Jetzt ist nur noch einer da! Der muss mit uns reden! Und unsere Waffen nehmen wir mit!“ Zornesadern schwollen an Plutejos Schläfen, sein Gesicht färbte sich violett. Er warf sich das LK-Gewehr über die Schulter und kletterte weiter Richtung Ufer.

„Warte auf mich, Plutejo!“ Venus hatte Mühe ihm zu folgen.

„Du hast ja keine Ahnung, Bürschchen!“ Yaku brüllte. „Kriechst nach neunzehn Jahren aus deiner Höhle unter dem Eis und machst den Django! Ich warne dich, Venus Tigern! Bleib von deinem Brüderchen weg! Sonst lebst du nicht mehr lange! Der Hosenscheißer ist doch...!“

Er verstummte jäh, denn eine Gruppe Kalosaren kehrte zurück, etwa zwei Dutzend. Die vier oder fünf der Vorhut trugen Wurfspeere, der Weltläufer und der Graupelz waren dabei. Von den anderen hatten einige ihre Blasrohre gezückt. Die hinteren zerrten fünf nackte Gestalten mit sich – Menschen.

„Heilige Milchstraße...!“ Starr vor Schreck hielt Yaku sich fest. Auch Venus und Plutejo hörten auf zu klettern. Die Kalosaren schleppten die Gefangen bis hinter den Großen mit dem grünen Umhang. Dort stießen sie die vier Männer und die Frau ins Ufergras. Sie waren an den Händen gefesselt.

Der Große nahm die Arme von der Brust, wandte den Schädel, warf einen flüchtigen Blick auf die Nackten und deutete auf die Frau. Zwei Kalosaren rissen sie hoch und zerrten sie vor ihn. Einer packte ihr Haar und zog ihren Kopf in den Nacken. Sie schrie in Todesangst.

„Nein!!“, brüllte Yaku. Auch die Männer schrien. Einer wollte aufspringen, der Weltläufer aber stieß ihn mit dem Speerschaft ins Gras zurück. Der große Kalosare hielt plötzlich eine Klinge in der Hand. Er holte aus und zog sie der schreienden Frau durch die Kehle...

14

Manchmal und immer nur für kurze Zeit verdichtete sich etwas in ihm zu der Vermutung, seine Gedanken wären vielleicht doch mehr als nur zufällige Buchstabenkombinationen, Empfindungsgewitter und bedeutungslose Kombinationen von Bilderfetzen.

In solchen Augenblicken sah er zum Beispiel ein würfelförmiges Sichtfeld unter einer Frontkuppel voller Stalaktiten aus Titanglas und Nebel, und in dem sieben bis hundertsiebzig Kilometer großen Würfel brodelte eine Suppe aus Farben, in deren buntem Dampf er weder Gelb noch Rot noch Blau entdecken konnten. Die Farben dagegen, die er sah, die gab es gar nicht.

Oder er fand das Handgelenk, das er festhielt, schmerzhaft heiß, und konnte es dennoch nicht loslassen. In einer Brandblase – vielleicht war es auch Dampf, der von kochendem Gewebe aufstieg –vereinigte sich das fremde Handgelenk für kurze Zeit mit der eigenen Hand. Alles war gut in solchen Momenten.

Oder er ließ seinen Blick den fremden Arm hinauf wandern, sah die Knochen, die Blutgefäße und die Sehnen unter der Haut, und wunderte sich, dass er die Entfernung der Schulter, die zu dem Arm gehörte, genau angeben konnte: Siebenhundert Kilometer. Sie lag natürlich außerhalb des Schiffes. Der Kopf, der zu der Schulter gehörte allerdings – und das erschien ihm irgendwie paradox – ruhte zum Greifen nahe auf dem schmalen Wulst zwischen Querholm und Triebwerk. Das Gesicht in, auf und zwischen dem Kopf – zwischen dem Kopf...? – war das Gesicht eines Säuglings: Rosig, kugelrund, kleiner Saugmund. Dennoch war es ein vertrautes Gesicht, das von Pazifya Corales nämlich. Er identifizierte sie augenblicklich.

Oder er erkannte plötzlich die Züge des Zweiten Navigators in den farbigen Dampfschwaden, die aus dem Sichtfeldwürfel in das gesamte, manchmal kaum noch zehn Zentimeter durchmessende Schiff hinein waberten. Gaetano Sardes. Sardes‘ Schädel baumelte an einem ziemlich langem Hals irgendwo jenseits der Balustrade vor Ebene II. An seinem Hals hingen meterlange Arme mit kilometerlangen Fingern. Die wiederum gehörten einem Körper, dessen Kopf unter Verons Rücken lag. Er wunderte sich außerordentlich, den Besitzer des Schädels trotzdem identifizieren zu können – es war Vera Park – denn schlohweißes Haar wucherte auf ihm, und seine graue Gesichtshaut war zerknautscht wie altes Leder, das zu lange in der Sonne gelegen hatte.

Was er in solchen Augenblicken der Klarheit – jedenfalls hielt er es für Klarheit – selbstverständlich fand, war die unablässige Veränderung von Parks und Sardes‘ Schädeln: Sie oszillierten zwischen der Physiognomie von Haifischen, Primaten, Vogelähnlichen und Reptilien hin und her. Fast schien es, sie würden durch die phylogenetischen Epochen der Kreatur fließen.

Irgendwann dann, nach einer Nanosekunde oder zehn Millionen Jahren, erfüllte Geschrei das Universum. Wieder kämpfte sich etwas in ihm zu der Vermutung durch, das Geschrei könnte einen Sinn haben. Und diesmal wurde die Vermutung zur Gewissheit und blieb. Veron sprang auf und schrie: „Temperaturalarm!“

Er rannte zum Kommandostand. Etwas knirschte unter seinen Sohlen – eine Brille. Er überflog die Kontrollinstrumente. Lichter blinkten. „Veron an alle – Triebwerksalarm! Temperaturalarm! Maschinenalarm! Wo an Bord ist Feuer ausgebrochen? Veron an Maschinenleitstand – was ist los bei Ihnen?!“

Keine Antwort. Er sah sich um – an der Balustrade kniete Sardes neben Vera Park. Die Astronomin schien noch bewusstlos zu sein. Veron blinzelte ein paar Mal – nein, Parks Haar war wieder kurz und dunkel, ihr Gesicht glatt und sehr blass. Nur fehlte ihm die gewohnte Brille.

Hugen Gollwitzer, der Chefwissenschaftler, hing in den Gurten seines Sessels und fluchte. Und neben dem Navigationsstand, wo eben auch Veron selbst noch gelegen hatte, richtete kein Säugling sich auf den Knien auf, sondern Pazifya Corales. Sie verzerrte ihr Gesicht vor Schmerzen und hielt sich die Rippen.

Veron fuhr herum. Wie lange war er bewusstlos gewesen? Das VQ-Feld war erloschen, die Arbeitssichtfelder ebenfalls. Nirgendwo eine Zeitangabe. Außerhalb der Frontkuppel funkelte eine Sternenpracht, die dem Suboberst unwirklich schön und zugleich vollkommen fremd vorkam. „Veron an alle Abteilungen – ich bitte um Bereitschaftsmeldungen.“ Er versuchte sein Arbeitssichtfeld zu aktivieren. Nach drei Versuchen gelang es ihm. Er überflog die Statusangaben – der Omegaraumer bewegte sich mit dreiundsechzig Prozent Lichtgeschwindigkeit, die KRV-Triebwerke waren abgeschaltet, die Koordinatenangaben verwirrend, die Zeitangabe in der Fußzeile fehlte, und das Bordhirn hatte die Kontrolle übernommen.

Veron wandte sich nach den anderen um. Heyar Thoran schleppte sich eben die Treppe aus Ebene II hinauf. Er schien zu hinken. Sardes, der noch immer neben der offenbar bewusstlosen Park kniete, winkte ihn zu sich. Gollwitzer analysierte irgendwelche Daten, und Pazifya saß im Navigationssessel und rieb sich Rippen. „Hat jemand eine Uhr?“

Gollwitzer zog eine Taschenuhr aus seinem weißen Mantel, und Pazifya Corales blickte auf das Chronometer an ihrem Handgelenk. „Stehengeblieben“, krächzte Gollwitzer.

„Meine auch.“ Das Sprechen fiel Pazifya schwer. „Ich glaub, ich hab mir ein paar Rippen gebrochen.“

„Hast du eine Ahnung, wo wir sind?“, fragte Veron. Sie schüttelte müde den Kopf.

„Maschinenleitstand an Ersten Offizier – wir haben einen Schwerverletzten und zwei Leichtverletzte. Im Augenblick gibt das Bordhirn den Zugriff auf die Triebwerke nicht frei...“

„Bordtechnik an Zentrale: Feuer in Hangar neun und zehn und in der Kombüse. Wir haben einen Toten und zehn Verletzte.“

„Gefechtsleitstand an Ersten Offizier – einen Schwer- und zwei Leichtverletzte. Die Triebwerke und Teile der Außenhülle an beiden hinteren Schenkeln glühen...“

„Klinik an Ersten Offizier – drei Tote, zwölf Verletzte, fünf davon schwer...“

Nacheinander gingen die Meldungen der einzelnen Abteilungen ein. Die Bilanz war niederschmetternd: Der zweite Volltreffer nach Zusammenbruch des Kontrogravfeldes hatte siebenundzwanzig Besatzungsmitgliedern das Leben gekostet. Über achtzig Männer und Frauen waren verletzt worden; Knochenbrüche und Platzwunden in erster Linie. Kaum einer war ohne Blessuren davon gekommen. Die meisten Toten waren unter denjenigen zu beklagen, die noch vom Angriff mit Narkosegas betäubt und so den Gravitationskräften der Treffer halt- und schutzlos ausgeliefert gewesen waren. Vor allem Halswirbel- und Schädelfrakturen hatten zu ihrem Tod geführt.

Die beiden Graviton-Volltreffer hatten kurzzeitig sämtliche Kontrogravsysteme an Bord zusammenbrechen lassen. Die meisten Geräte und Versorgungssysteme bis hin zu den Wasserleitungen und Herdstellen waren beschädigt. Auch das Bordhirn war vorübergehend abgestürzt, hatte sich selbst aber wieder aktiviert. Die gewaltigen Energiemengen der Treffer, hatten Teile der Außenhülle des Omegaraumer zum Glühen gebracht. Brände drohten auszubrechen, vor allem die Triebwerke waren hochgradig gefährdet.

Veron orderte Spezialeinsatzkommandos zu Brandstellen innerhalb des Schiffes und schickte jeden, der einen Sparklancer steuern und noch laufen konnte, in die Hangars. Nach einer Stunde waren die Brände an Bord unter Kontrolle, nach drei Stunden die ersten Sparklancer wieder einsatzbereit. Die überhitzten Außenschotte ließen sich endlich öffnen, die Beiboote konnten ausgeschleust werden. Von ihnen aus beschossen die Notfallkommandos die glühenden Triebwerke mit einem Spezialkühlmittel.

Zwölf Stunden, nachdem Veron wieder zu sich gekommen war, gab das Bordhirn den Zugriff auf die Triebwerke noch immer nicht frei. Wenigstens war die akute Brandgefahr gebannt. Schnell stellte sich heraus, dass es zu viele Schäden und zu wenige arbeitsfähige Männer und Frauen gab, um die Einsatzbereitschaft der Johann Sebastian Bach in absehbarer Zeit wieder herzustellen. Der Leiter der Bordtechnik rechnete mit drei Wochen, der Chefingenieur sogar mit sechs.

„Sind wir froh, dass wir noch leben.“ Hagen Mars, der Erste Kommunikator der Johann Sebastian Bach, hing erschöpft im Sessel des Chefkybernetikers. Der große, dunkelblonde Mann war einer der wenigen, die den Überraschungsangriff mit ein paar blauen Flecken überstanden hatten. Stundenlang hatte er versucht das Bordhirn unter seine Kontrolle zu bringen und die unbekannte Allregion nach Funksignalen abzusuchen. Beides vergeblich.

„Fragt sich nur, wie lang diese bescheidene Art des Frohsinns uns noch gegönnt sein wird“, krähte Hugen Gollwitzer. Der bucklige Mathematiker versuchte die Koordinaten der aktuellen Position zu errechnen. „Ich weiß nicht wo wir sind, aber was mich weit mehr beunruhigt: Ich weiß nicht wann wir sind. Der Ausfall der Zeitangaben macht mich misstrauisch – kann sein wir waren ein paar Sekunden im Hyperuniversum, kann sein ein paar tausend Jahre...“

„Malen Sie den Teufel nicht an die Wand“, fauchte Veron. Seine Stimmung war auf dem Nullpunkt, er war gereizt.

„Er hat doch recht“, sagte Pazifya Corales. „Das Hyperuniversum hat uns zwar wieder ausgespuckt, und der Farbflammenalbtraum ist vorbei, aber wir haben nicht die geringste Ahnung, wie viele Lichtjahre und Zeitepochen uns von der GRT des sechsundzwanzigsten Jahrhunderts trennen.“ Auch sie war seit Stunden damit beschäftigt die spärlichen Daten zu analysieren, die das Bordhirn freigab. „Ich jedenfalls muss passen, was meinen Job angeht – ich kann unsere aktuelle Position nicht bestimmen. Ich fürchte, wir sind in einer fremden Galaxis gelandet.“

„In einer fremden Galaxis?“ Gollwitzer kicherte wie einer, der kurz davor stand, in den Wahnsinn abzugleiten. „Soll ich euch sagen, was ich befürchte? Ich befürchte, dass wir in einem fremden Universum gelandet sind...“

Calibo Veron platzte der Kragen. „Ich habe gesagt, Sie sollen den Teufel nicht an die Wand malen!“

15

In seinem Quantenkern reifte eine Idee, wie er die Wartungsroboter zu seinem Vorteil verwenden konnte. Die drei Maschinen vom Typ INGA 12 arbeiteten etwa sechs Meter entfernt in einem Wartungsschacht zwischen Triebwerkselektronik und Glauruxtank. Eine Ebene und zwei dicke Wände aus Quotarbon trennten sie von ihm.

Quanteningenieure, Kybernetiker und Informatiker saßen an ungefähr fünf Hauptschnittstellen des Bordhirns und analysierten dessen Programme, Leitungen und Quantenkern. Natürlich wollten sie herausfinden, warum die Triebwerke den Parasprung verweigerten. Und früher oder später würden sie es auch herausfinden. Doch bis dahin lief jeder Informationsaustausch zwischen den Organhirnern und dem Bordhirn über seinen Quantenfocus; jeder Befehl, jedes Datenpaket, jede noch so geringfügige Korrektur.

Er hatte den Helm abgesetzt und das Überlebenssystem bis zur Kunsttaille abgestreift, um seinen nach menschlichen Formen gestalteten Oberkörper zu entblößen. Aus dem blauen Kristallglas der Brust und des Bauchzentrums ragten spezielle Nanosonden. Sie führten durch die Wand in die dahinterliegenden Datenleitungen des Bordhirns. Über die Sonden und über Magnetfeldbrücken hatte er sich nicht nur in das System eingeloggt – er hatte sich ihm zwischengeschaltet, war gleichsam ein Teil des Systems geworden. Und nicht nur irgendeiner – das Bordhirn akzeptierte ihn mittlerweile als unentbehrlichen Subquantenkern.

Auf die Dauer konnte das nicht gut gehen, irgendwann würden die Spezialisten an den Schnittstellen ihn identifizieren. Noch aber hielt seine Tarnung als eines von drei Ersatzbetriebssystemen.

Interner und externer Funkverkehr unterlag inzwischen seiner Kontrolle. Das Triebwerk hatte er im Griff. Wo immer Merican und seine Mitgefangenen sich in diesem Schiff aufhielten – die Probleme konnten ihnen gar nicht verborgen bleiben. Merican war ein kluger Organhirner; irgendwann würde er begreifen, wer hier mit dem Bordhirn spielte. Spätestens wenn Heinrich die Animation in den Bordfunk einspeisen würde, an dem ein gekapertes Bordhirnprogramm gerade arbeitete.

Er peilte die Wartungsroboter an – keine Gefahr. Er analysierte die letzten Arbeitsschritte der Spezialisten – sie waren noch weit davon entfernt, ihn zu enttarnen. Also speiste er das Programm ein, das er in den letzten drei Stunden geschaffen hatte. Eine Art Piratenprogramm – es sollte die Navigationsschnittstelle in der Kommandozentrale blockieren. Die Triebwerke zu kontrollieren reichte ihm nicht. Er wollte den Kurs der Laurin bestimmen. Das Piratenprogramm arbeitete bereits. In wenigen Minuten würde es soweit sein. Zeit genug die Datenbanken des Bordhirns nach Informationen über die Hauptakteure auf diesem Schiff zu durchforsten.

Dass Merican sich in eine Schaltzentrale der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarde hatte locken lassen, war ihm längst klar. Auch wenn er das Verhalten seines Herrn weder billigte noch begriff. Wahrscheinlich würde er die Anfälligkeit der Organhirnintelligenz gegenüber Hormonspiegeln und Gefühlen nie ganz enträtseln. Gleichgültig. Die Frage lautete: Wer genau steckte hinter dieser sorgfältig vorbereiteten Falle? Präziser: Wer steckte hinter Sir Walker Palladei und Lady Josefina Palladei, beziehungsweise hinter Waller Roschen und Anna-Luna Ferròn, wie sie wirklich hießen?

Rasch fand er eine Datenbank mit Personalien. Er traf auf die Namen von Menschen, denen die Republik erst kürzlich das Bürgerrecht entzogen oder nie gewährt hatte. Die Dossiers zu den Namen Tigern und Tellim speicherte er. Bald stieß er auf Geheimdossiers über Besatzungsmitglieder der Laurin.

Da gab es einen gewissen Carlos Canter, einen nicht ganz fünfzigjährigen Oberst der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarde. Er stammte von Terra Tertia und diente auf der Laurin als Chefkommunikator. Sein Porträtfoto zeigte ein breites Gesicht mit grauem Schnurrbart, grauen Haarzöpfen und großen, goldenen Ohrringen. Die stechenden Augen fielen Heinrich auf. Solange er nicht wollte, würde er sie nie mehr vergessen.

Ebenso wenig die anderen Gesichter von Männern, die offensichtlich zum Kommandostab der Laurin gehörten: Primoberst Taiman Korvac zum Beispiel, fünfundvierzig Jahre alt und Erster Offizier des Schiffes; sein Porträtfoto zeigte einen schmalen Charakterkopf mit seltsam vernarbtem Gesicht und kurzem Schwarzhaar.

Oder Oberst Louis Rombre, einer jener unförmigen Riesen von Fat Wyoming, deren fleischige Gesichter kaum Persönlichkeit vermuten ließen; er war Ende dreißig und Spezialist für Landungsoperationen und Waffeningenieur; das Dossier bezeichnete ihn als medikamentenabhängig und listete die Zeiten auf, in denen er in psychiatrischer Behandlung gewesen war.

Oder ein Primleutnant namens Herfryd Ulama, ebenfalls Spezialist für Landungsoperationen und Erster Aufklärer der Laurin; wegen mehrfachen Mordes musste er zehn Jahre in den Quoditanbergwerken von Krakatau II schuften. Das Foto zeigte einen kräftige Burschen, kahlköpfig, von samtbrauner Hautfarbe und mit ausdruckslosem Gesicht. Auf der Laurin arbeitete er seit Dezember 2552.

Und endlich einer der beiden Namen, deren Träger den Robotmenschen besonders interessierten: Waller Roschen. Leider machte das Dossier nur sehr knappe Angaben, dafür um so brisantere. Der Mann war 2488 auf Terra Prima geboren worden! Heinrich verharrte ein paar Sekunden lang. Terra Prima – warum verstärkte allein die Buchstabenkombination schon die Quantenströme in den Tiefen seines Kerns? Und dann: War ihm jemals ein Organhirner über den Weg gelaufen, der von Terra Prima stammte? Er durchforstete seine Datenbanken. Nein, noch nie.

Waller Roschen also. Direktor der Galaktischen Republik Terra ohne Zuständigkeitsbereich in der Zentralverwaltung. So etwas gab es also auch? 2491 Zweiter Kommandeur einer Expedition zum Kugelsternhaufen NGC 5897. Bei einer Raumschlacht mit Schiffen einer unbekannten Zivilisation lebensgefährlich verletzt, behandelt auf Terra Prima...

Schon wieder Terra Prima! Und als Dreijähriger schon stellvertretender Leiter einer außergalaktischen Expedition! Eine Fälschung; einerseits – andererseits: Eigentlich zu offensichtlich für eine Fälschung.

Heinrich glich die Informationen mit seinen internen Datenbanken ab. War also Roschen die Quelle des fremdartigen und gleichzeitig so vertrauten Signals, das ihn geängstigt hatte, weil es an sein Geheimnis rührte? Er durchforstete das Dossier nach codierten Hintergrunddateien, wurde tatsächlich fündig, und stieß auf Seitenpfade, die zu differenzierten Informationen über Waller Roschen führten: Zu medizinischen Befunden, Orden, Qualifikationen, Einsatzorten, zweiten, dritten und vierten Lebensläufen und unterschiedlichen Updates seiner I-Ziffer.

Die insgesamt sieben Versionen des Implantats unterschieden sich nur im Geburtsdatum und der darauf aufbauenden Chronologie. Die Erstellung der jeweiligen Version war gewissenhaft datiert, so dass Heinrich ohne weiteres nachvollziehen konnte, dass ein neues Update immer kurz vor Roschens siebzigstem Geburtstag entstanden sein musste; also kurz bevor er gemäß den Gesetzen der Republik mit einer Einladung zum Sterben hätte rechnen müssen.

Wollte man dem Dossier Glauben schenken, engagierte ihn zwei Jahre nach der Behandlung auf Terra Prima die GGS als Spezialagent. Bis auf Torso und Gehirn bestand er zu dieser Zeit nur noch aus Prothesen. Wie lange er schon auf der Laurin diente, ging aus dem Dossier nicht hervor. Es enthielt auch kein Foto des Mannes. Dafür vermerkte es seine Mitgliedschaft bei einem Geheimorden, dessen Mitglieder sich Brüder von Eternalux nannten.

Und Anna-Luna Ferròn? Ihr Geburtsdatum wurde nicht genannt. Genauso wenig ihr Heimatplanet. Ihre Biographie war nur skizziert: Auf einer Venuskolonie aufgewachsen, Ausbildung auf Terra Tertia, in den dreißiger Jahren Adjutantin eines Generals, danach vier Jahre in der Zentralverwaltung auf Terra Sekunda, anschließend Oberst bei der Flotte. Als Primoberst leitete sie eine Expedition zum Kugelsternhaufen NGC 5897.

Heinrich stutzte. Schon wieder diese kleine Galaxis? Wollte man dem Dossier glauben, war die Ferròn Anfang der vierziger Jahre dort gewesen. Fünfzig Jahre später als Roschen also. Wie passte das alles zusammen? Mitte der Vierziger stieß sie unter nicht dokumentierten Umständen zur GGS, wo sie rasch zur Spitze aufstieg. Seit 2551 war sie Generalin der GGS. Seitdem operierte sie von der Laurin aus.

Heinrich fügte die Datensätze seinem jederzeit verfügbaren Informationspool zu. Sicher hatte er da und dort von der GGS und ihren Aktivitäten gehört. Zum ersten Mal aber war er nun selbst mit dem Geheimdienst der Republik konfrontiert worden. Und seltsam: Die Dossiers erschienen ihm eigenartig vertraut. Es kam ihm vor, als hätten sie mit seiner eigenen Geschichte zu tun, mit den Teilen seiner Zentraldatei, die einst jemand gelöscht hatte, an den er sich nicht erinnern konnte.

Er würde darüber nachdenken. Später. Jetzt standen wichtigere Dinge im Vordergrund. Er lauschte ins Bordhirn hinein. Sein Piratenprogramm meldete Bereitschaft. Es hatte die Navigation unter seine Kontrolle gebracht. Sehr gut! Heinrich gab die Koordinaten ein, die er mit dem nächsten Sprung erreichen wollte. Es würde ein paar Stunden dauern, bis das Triebwerk bis zu dem notwendigen Energieniveau hochgefahren war, das ein solch weiter Sprung erforderte. Zeit genug also für die eigentlichen Angriffsvorbereitungen.

Er peilte die drei Wartungsroboter an. Noch immer arbeiteten sie sechs Meter entfernt und eine Ebene über ihm an der Triebwerkselektronik und dem Druckkammerreaktor. Er tastete nach ihrem EMC-Muster und nahm Kontakt mit ihnen auf. Als sie sich identifizierten, befahl er ihnen zu seinem Versteck zu kommen...

16

„Nicht...!“ So schnell er konnte balancierte Yaku über einen beindicken, waagrechten Ast. „Bitte tut es nicht...!“ Im Geäst über seinem Kopf hielt er sich fest. Sie schleppten einen der vier gefesselten Männer vor ihren Anführer. Der Nackte brüllte und strampelte.

In der Baumkrone darüber huschten unzählige Kalosaren von Ast zu Ast. Mit Tüchern, Fellen, Lederfetzen und sogar mit ihren eigenen Körpern versuchten sie das Feuer zu löschen. Andere schlugen mit schweren Klingen die brennenden Äste ab, damit sie aus der Baumkrone ins Schilf fielen, bevor sich benachbarte Äste an ihnen entzünden konnten.

Yaku holte Venus und ihren Bruder ein. „Da siehst du, was du angerichtet hast!“, fauchte er Plutejo an. Er drückte Venus seine Waffe in die Hand und kletterte weiter Richtung Ufer.

„Das hätten sie früher oder später sowieso getan“, sagte Plutejo kleinlaut.

„Halt deinen Grünschnabel...!“ Yaku machte sich klar, dass er den Lingusimultaner seines Überlebenssystems noch nicht aktiviert hatte. Er holte es nach und lud die Standardsprachen von Aqualung. Wenn diese Wilden nicht zufällig einen Idiom benutzten, der den fünf Hauptsprachen des Planeten zumindest ähnelte, würde es zehn oder zwanzig Minuten dauern, bis das Gerät ihre Sprache analysiert hatte und übersetzen konnte. Vorausgesetzt die Katzenmenschen taten ihm den Gefallen, ein paar ausführliche Statements abzugeben.

Noch ein paar Meter, dann würde er die Wassergrenze zum Schilf erreichen. Qualmschwaden stiegen aus der Baumkrone am Ufer. Zu viert zerrten sie jetzt den nackten Gefangenen vor den Kalosaren im grünen Umhang.

„Gehe nicht, Yaku!“, schrie Venus plötzlich. „Bitte bleib hier! Sie werden dich töten!“

Seltsam warm wurde ihm auf einmal ums Herz. „Ich muss es riskieren!“ Lieber würde er schwimmen, oder selbstgefangene Fische braten. Oder Zuckerrohr suchen, und Früchte, aus denen er einen annehmbaren Schnaps brennen konnte.

Der gefesselte Mensch lag schon vor dem Anführer. „Lass ihn leben, du Teufel! Beim barmherzigen Gott, lass ihn am Leben...!“ Sie zogen den armen Kerl aus dem Gras, stellten ihn auf die Beine und rissen ihm den Kopf in den Nacken. Der Große schnitt ihm die Kehle durch. Und schon schleppten sie den nächsten heran.

Yaku hangelte sich einen Ast tiefer. Unter ihm ragte jetzt das Schilf ins Geäst. Der Weißhaarige machte Anstalten zu springen. „Nicht Yaku! Bloß nicht!“ Venus schrie. „Komm zurück!“ Er ließ den Ast los, fiel drei Meter tief, brach ins Schilf ein und versank bis zu den Knien im Wasser.

Er rappelte sich auf, drückte das Schilfrohr auseinander, stapfte zum Ufer. Dort, nur drei Schritte vom Wasser entfernt, warteten bereits neun von ihnen. Einer trug wahrhaftig ein komplettes Überlebenssystem.

„Was ist los mit euch? Sprecht mit mir! Ich komme als Freund!“ Der Helm des Überlebenssystems hatte einen Sprung, der Schutzanzug war quer über der Brust aufgerissen. „Frieden, heilige Scheiße, Frieden, sag ich! Lasst die armen Schweine am Leben! Um Gottes Willen, lass wenigsten den Rest von ihnen am Leben! Wer ist der Chef bei euch...?!“

Er redete, er stürmte aus dem Schilf bis ans Ufer, er ruderte mit den Armen in seiner Hilflosigkeit, und redete und redete. „Wir sind keine Katzenviecher wie ihr, okay! Wir können nicht so gut klettern wie ihr, auch okay! Möglicherweise seid ihr schöner als wir, ja, gut! Aber das gibt euch nicht das verdammte Recht diese Leute abzuschlachten...!“ Die Kalosaren wichen vor ihm zurück. „Habt ihr keine Ahnung, was ein Leben wert ist, ihr Saftärsche? Ihr haltet euch wohl für den Scheißmittelpunkt dieses Scheißweltalls, ihr lächerlichen Eichhörnchen, ihr haarigen Klettersäue, ihr..., ihr...! Wer ist euer verdammter Häuptling!?“ Er deutete auf den Großen. „Du da, du grünes Arschloch! Rede mit mir!“

Die Katzenartigen palaverten jetzt lautstark, gestikulierten, drehten sich nach ihren Anführern um und schwangen die geballten Fäuste über den Köpfen. Aus dem Lingusimultaner drangen unverständliche Wortfetzen. Aus der Menge wurden Rufe laut, aus der Baumkrone, aus dem Schilf, auch der Weltläufer und der Graupelzige fingen an nach allen Seiten zu keifen und zu fauchen. Nur der Große stand still, verschränkte wieder die Arme vor der Brust und hielt dabei die blutige Klinge in der Rechten fest. Genau dieser Kalosare war es, der Yaku am meisten nervte mit seiner mörderischen Ruhe.

„Hey, Chefarschloch! Gefesselte abschlachten, he? Blut saufen, he? Großartig! Bühnenreif! Heldenhaft!“ Yaku wusste kaum noch, was er redete. „Komm her! Komm zu mir! Lass die Nackten, lass die Gefesselten! Komm, und mach’s mit mir! Versuch’s doch , Arschloch...!“

Breitbeinig und mit geballten Fäusten stand er im knöchelhohen Wasser zwischen den letzten Schilfrohren vor der Uferböschung. Das Palaver der Kalosaren wurde lauter. Sie deuteten auf ihn, sie deuteten auf den Grauen im Lederharnisch. Sie starrte ihn an aus ihren gelben Raubtieraugen, und sie starrte an ihm vorbei in den Baum, aus dem er gesprungen war. Über die Schulter sah Yaku zurück – Venus stand da wenigen Meter hinter und über ihm auf dem niedrigsten Ast und zielte auf Menge der Pelzigen. Hinter ihr kraxelte Plutejo heran. Der Junge machte einen höchst bescheidenen Eindruck.

Endlich sprang der Lingusimultaner an. Einzelne Brocken Terrangelis wurden verständlich: Ein Wahnsinniger..., ein Heiliger..., der Geist der Erztöter spricht aus ihm..., man muss ihm opfern..., man muss ihn töten..., und so weiter, und so weiter.

Irgendwann hob der Große im grünen Umhang die Rechte mit dem Messer. Das Palaver verstummte. Wer von den Katzenartigen noch in Yakus Nähe am Seeufer stand, verzog sich und tauchte in der Menge unter. Aus der domartigen Krone über den Kalosaren drang nur noch Rauch, keine Flammen mehr.

Der Große warf das Messer hinter sich und trat ein paar Schritte heran. Etwa vier Meter vor dem weißhaarigen Mann blieb er stehen. Jetzt erst wurde es Yaku bewusst, dass er selbst noch im Wasser stand. Eine unbewusste Vorsichtsmaßnahme? Ein Ausdruck seiner Angst? Seine Wut verrauchte, er fühlte sich unsicher. Venus und ihre Waffe hinter sich zu wissen, erschien ihm auf einmal ungemein praktisch.

„Ich bin der edle Caryxzar“, sagte der Große mit dem grünen Umhang. „Ich bin der Sohn Kyfelesinors des Sohnes Ryxelisas des Sohnes Filexiromars des Sohnes...“

Der Lingosimultaner streikte, während der Große mit dem grünen Umhang seine Ahnenreihe herunterbetete. Den vielen fremdartigen Namen war das Programm nicht gewachsen. Erst nach ein oder zwei Minuten setzte das Gerät wieder ein.

„...ich bin der Erste Töter aller Waldkalosaren an den blauen Wassern der Wälder von...“ Hier folgte ein Name, den der Lingusimultaner wieder nicht übersetzte. „Und wer bist du, Wahnsinniger?“

„Ich bin Yakubar Tellim von Doxa IV, Sohn von Giseldor Tellim von Tell, Sohn des Frederik Tellim von Tell, Sohn des Ralofan Tellim...“ Yakubar in seiner Angst und in seiner Erregung zählte die Namen seiner Vorfahren auf, soweit er sie eben kannte, ergänzte sie sicherheitshalber durch die Namen seiner verstorbenen Frau Elsa und seiner Kinder Mirjam, Hosea, Jesaja, und Amoz und baute auch noch seine Enkel Jannis, Kobald und Corall in die Vorstellung ein. Der Reeder von Doxa IV schloss mit folgenden Worten: „Ich habe den Tod besiegt, edler Caryxzar, und die Republik verfolgt mich dafür. Nichts ängstigt mich mehr, Sohn des Kyfelesinors des Sohnes Ryxelisas, und ich bitte dich um Gnade für diese nackten Kreaturen, Erster Töter aller Waldkalosaren an den blauen Wassern.“

„Ich will deine Bitte nicht rundweg abschlagen, Yakubar Tellim von Doxa IV.“ Der große Kalosar trat noch einen Schritt näher. „Nur solltest du zwei Dinge verstehen.“ Jetzt erst erkannte Yaku seinen Kopfschmuck: Ein weißgefiederter Schädel eines großen Vogels mit breitem schwarzem Schnabel. „Dein Begleiter hat Feuer in einen Heiligen Baum geschleudert. Die Heiligen Bäume schenken uns Wohnstatt, Nahrung, Kleidung und Schutz. Wir können sie nicht anders versöhnen als durch das Opfer eines Lebendigen.“

Yaku nickte stumm. Er hoffte, Plutejo würde mithören.

„Und dann, nun ja..., dann sprichst du vom Wert des Lebens, und wirfst uns vor, uns für den Mittelpunkt des Weltalls zu halten.“ Dieser Caryxzar musste ein Gebildeter sein. Yaku staunte. Fließend sprach der Kalosarenhäuptling eine der fünf Hauptsprachen, und der Lingusimultaner übersetzte Wort für Wort. „Vielleicht hast du recht. Sicher aber ist, dass diese da unsere Jäger und Krieger töten.“ Er deutete auf die beiden Toten. „Sicher ist, dass sie auch unsere Frauen und Kinder nicht schonen. Und sicher ist weiter, dass sie mit ihrer schwarzen Ungötterburg auf unsere Welt herabfuhren, und nun in alle Himmelsrichtungen ausschwärmen, um zu töten, zu rauben und zu zerstören. Was willst du mir darauf entgegnen Yakubar Tellim von Doxa IV?“

Yaku suchte nach Worten. „Was soll ich sagen, edler Caryxzar, Erster Töter der Waldkalosaren an den blauen Wassern? Ich entschuldige mich für meinen jungen Freund Plutejo Tigern von Genna, der allzu schnell zur Waffe greift...“

Yaku überlegte fieberhaft, doch es gab kein Argument, das den Kalosarenhäuptling entkräften konnte, und Yaku verzichtete darauf eines zu konstruieren.

„Es mag wahr sein, dass die Abgesandten der glorreichen Galaktischen Republik Terra auf Aqualung sich aufführen wie die Herren des Kosmos. Sie neigen in der Tat dazu. Aber glaube mir, edler Caryxzar, Erster Töter der Waldkalosaren an den blauen Wassern, ich und die beiden jungen Terraner hinter mir auf dem Baum gehören nicht zur Republik. Im Gegenteil: Die Republik verfolgt uns wie Schwerverbrecher, obwohl wir weiter nichts im Sinn hatten, als unser Leben zu retten.“

„Ein tapferer Mann, der sein Leben und jedes Leben seines Stammes zu retten in der Lage ist. Nur – was willst du mir geben, edler Yakubar Tellim von Doxa IV, damit ich diese drei Nackthäute am Leben lasse?“

Yaku dachte nicht lange nach. „Ich schenke dir den Himmelsspeer, mit dem wir auf Aqualung gelandet sind. Dein Weltläufer weiß, wo er verborgen liegt. Suche drei Krieger aus – ich werde sie lehren einen solchen Himmelsspeer zu steuern.“

„Das ist gut, edler Yakubar Tellim von Doxa IV“, sagte Caryxzar, der Häuptling der Katzenleute in den Wäldern am blauen Wasser Lungur, wie der Lingosimultaner den Namen des Gebietes inzwischen wiedergab. „Das ist sehr gut. Aber nicht genug.“

„Nicht genug?“ Die Antwort verstörte Yaku. Er hatte erwartet, dass ein Sparklancer ou ziemlich das Höchste für wilde Waldläufer sein müsste. „Was willst du noch mehr?“

„Diejenigen, die du Abgesandte der glorreichen Galaktischen Republik Terra nennst, schicken sich an, unsere Welt zu rauben.“ Caryxzar, Erster Töter der Waldkalosaren am blauen Wasser von Lungur fixierte den weißhaarigen Menschen mit seinen gelben Augen. „Ich will, dass du sie tötest, edler Yakubar von Tellim; alle. Das sei der Preis für das Leben dieser drei.“ Er deutete auf die drei Nackten. „Und das sei der Preis für dein Leben und das deiner beiden Gefährten.“

„Was habe ich mit dir zu schaffen, du Mordpelz!“ Die Wut packte Yaku. „Warum sollte ich diese Leute töten, die mir doch nichts getan haben?“

„Um mir deine Treue zu beweisen“, sagte der Kalosarenhäuptling seelenruhig. „Und um mir zu beweisen, dass ihr drei nicht zu den habgierigen und blutdurstigen Männern und Frauen gehört, die sich Terraner nennen. Denn diese hasse ich von ganzem Herzen. Du sollst sie töten, um dein eigenes Leben und das deiner Gefährten zu retten.“

Er drehte sich nach seinen Leuten um und machte eine knappe Handbewegung. Fünfzig, sechzig Kalosaren machten kehrt oder sprangen aus dem Baum und rannten in den Urwald.

Yaku wusste nicht was er antworten sollte. „Und selbst, wenn er sie töten wollte, wie soll er das anstellen?“ Venus Tigern mischte sich ein. Yaku fuhr herum und bedeutete ihr mit zornigem Blick, sich rauszuhalten. „In der schwarzen Festung leben zweihundert Männer und Frauen!“ Venus ließ sich nicht beirren. Aus dem Wald drang lautes Rufen, Rascheln und das Geräusch splitternden Holzes. „Wie soll Yakubar zweihundert Krieger töten?“

„Ziehe dieses beiden ab“, Caryxzar deutete auf die Toten. „Dann sind es noch hundertachtundneunzig.“ Er deutete auf den Nackten, der nicht weit von ihm im Gras kauerte und noch von vier Kalosaren an den Haaren, an den Armen und an den Ohren festgehalten wurde. „Ziehe diesen und seine beiden Gefährten hinter mir ab, dann hast du noch hundertfünfundneunzig. Und ziehe all die ab, die wir bereits getötet und gefangen haben, dann bleiben dir nur noch dreiundsechzig Gesandte des Großen Anderstöters.“

Yaku zuckte zusammen. „Mordpelz verdammter...!“

Das Rascheln, Rufen und Splittern rückte näher und näher. An zahllosen Seilen zogen etwa zwanzig Kalosaren ein primitives Gestell auf Holzrädern aus dem Wald. Auf dem Gestell ruhte ein Sparklancer. Weitere zwanzig oder dreißig Katzenartige schoben den Wagen von hinten und an den Seiten.

„Du musst gar nicht selbst töten, wenn es dir in deinem Heiligen Wahnsinn so sehr widerstrebt, deine Feinde zu vernichten“, sagte Caryxzar. „Dieser Himmelswagen gehört in die Ungötterburg. Kehrt er zurück, wird der Anderstöter ihn in die Schwarze Burg lassen. Wir haben seinen Dienern die Zauberworte entrissen, mit denen man den Himmelswagen öffnen kann. Du musst den Himmelswagen nur fliegen und uns die Tore der Ungötterburg öffnen. Alles andere tun wir. Millionen von Kalosaren aus allen Königreichen und Wäldern Aqualungs sind dem Ruf des Heiligen des Erztöters gefolgt und haben sich in den Wäldern von Lungur rund um die Schwarze Festung des Ungottes versammelt. Nicht eine Haar, nicht eine Kralle der Diener des Anderstöters werden sie übriglassen. Sie warten nur auf das Zeichen zum Angriff. Und wirst es ihnen geben.“

„Niemals!“ Yaku griff ins Wasser, schaufelte eine Handvoll Schlamm aus dem Grund und schleuderte ihn nach Caryxzar. „Niemals, du aufgeblasener Killerkater!“ Er traf nur die Toten neben Caryxzar, was seine Wut noch steigerte. Der Erste Töter der Waldkalosaren verschränkte wieder die Arme vor der Brust, schwieg und belauerte Yakubar aus seinen gelben Augen.

„Bist du denn bescheuert, Mann?“, rief Plutejo aus dem Baum herab. „Kapierst du wirklich nicht, dass genau das die Chance ist, die wir brauchen?“

„Lieber verbringe ich den Rest meines Lebens in einer Holzhütte am Ufer dieses Sees, angle und jage und vögle eine Kalosarin, als dass ich denen bei der Ermordung von dreiundsechzig Menschen helfe!“ Yaku spuckte aus.

„Aber ich nicht!“ Plutejo sprang vom Baum. Wasser und Schlamm spritzte nach allen Seiten. An Yakubar vorbei stampfte er ans Ufer. Furchtlos schritt er auf Caryxzar zu. „Ich flieg das Ding. Wann soll’s losgehen...?“

17

Die kleinen Wartungsroboter beachteten ihn kaum. Sie verhielten sich, als sei ihnen sein EMC-Muster vollkommen vertraut. Diese Phase seines Planes verlief derart unkompliziert, dass selbst er so etwas wie Erstaunen empfand.

Mit flinken Bewegungen zogen die hellgrauen Maschinen ihre Werkzeuge aus Taschen und Laschen, untersuchten die Wand, durch die hindurch seine Nanosonden in die Leitungen des Bordhirns ragten, steckten Werkzeuge weg, holten neue heraus, und so weiter. Ihre humoiden Körper waren aus widerstandsfähigem, halbelastischem Kunststoff. Die Gesichter ihrer schmalen, kapselförmigen Schädel hatten bis auf den 360 Grad Sensorenkranz in Stirnhöhe keinerlei Konturen. Auf ihren kurzen, stämmigen Beinen bewegten sie sich rasch und sicher. Ihre Arme bestanden aus drei Teleskopgliedern, die bis zu insgesamt drei Metern Länge ausgefahren werden konnten, und die Feinmotorik ihrer Kunsthände mit den sechs Teleskopfingern galt auch fünfhundertneunzig Jahre nach Beginn ihrer Serienproduktion noch als legendäres Meisterstück terranischer Ingenieurskunst. Die Organhirner nannte sie übrigens Langfinger.

Während sie begannen die Wandplatten abzuschrauben, fuhr er die Nanosonden seines Quantenfocus durch die Augenhöhlen aus, und drang mit ihnen durch die optischen Sensoren in den Kunststoffschädeln der humanoiden Roboter bis zu ihren Quantenkernen vor. Als die physische Verbindung stand, richtete er konzentrierte Magnetfeldbrücken auf die INGA 12. In Bruchteilen von Sekunden überspielte er ein Programm, das sie seiner Herrschaft unterwarf. Er sagte ihnen, was sie zu tun hatten.

Sie schraubten die gelösten Platten wieder fest, schlüpften aus seiner Nische und kehrten zurück an ihre Arbeitsplätze. Eine Stunde hatte er ihnen gegeben. In neununddreißig Minuten würde die Laurin springen.

Er glich seine internen Chronometer mit seinem Zeitplan ab. In seinem Quantenfocus erschienen aktuelle Uhrzeit und Datum: 54-02-14 01:29:51. Noch achtunddreißig Minuten bis zum Sprung; noch neundundfünfzig Minuten bis zur Eröffnung des Angriffs; noch hundertneunundsiebzig Minuten bis zum übernächsten Sprung. Der Countdown lief. Eigentlich gab es keinen Weg zurück mehr.

Er sandte ein Peilfeld durch das Schiff – keine auffälligen Bewegungen. Die drei Wartungsroboter stapften eine Ebene über ihm auf den Eingang zum Triebwerksschacht zu. Er analysierte die Kommunikation zwischen Bordhirn und Organhirnern. Nichts, was ihn warnen müsste.

In der Zentrale allerdings schien man nervös zu werden. Ständig bellte die Herrin des Schiffes irgendwelche Befehle in den Bordfunk. Hin und wieder nahm sie auch mit dem Bordhirn direkt Kontakt auf. Das reagierte mit den Antworten, die er vorschlug. Ein paar Minuten noch, dann hatte er den fremden Quantenkern soweit mit seiner Identität überschwemmt, dass er die Antworten selbst geben konnte.

Er wartete. 54-02-14 01:44:25. Noch dreiundzwanzig Minuten bis zum Sprung; noch vierundvierzig Minuten bis zur Eröffnung des Angriffs; noch hundertvierundsechzig Minuten bis zum übernächsten Sprung. Er holte schon einmal die Koordinaten in seinen Quantenfocus. Noch hielt er sie jedoch zurück.

Die drei Wartungroboter analysierten inzwischen den Druckkammerreaktor. Wie er ihnen befohlen hatte, ließen sie sich Zeit damit. Das Bordhirn meldete die Vollendung seiner Animation. Er überprüfte Bildqualität, Akustik, und Taktanzahl. Perfekt. Alles kam nun auf eine sekundengenaue Koordination an; und darauf, dass Merican seine Botschaft verstand.

Minuten später eine Anfrage der Kommandantin an das Bordhirn direkt. Wann seine Selbstanalyse endlich abgeschlossen sei, wollte die Herrin wissen. Und nun war es soweit: Das Bordhirn machte ihm einen Vorschlag für eine Antwort und bat um Bestätigung. Er beherrschte das Kunsthirn! Etwas, das Merican vermutlich grimmige Freude genannt hätte, vibrierte durch seinen Titanglaskörper.

Er lehnte den Vorschlag des Bordhirns ab und antwortete selbst und mit der Stimme des Bordhirns. „Selbstanalyse abgeschlossen. Überhitzte Leitungen in L-42-3-1-19. Bitte um vier INGA 12.“

L-42-3-1-19 bezeichneten exakt die Koordinaten im linken Schiffsschenkel, an denen er sich aufhielt. 19 war die Ziffer des Wartungsschachtes, der zu seinem Versteck führte.

Die Kommandantin Anna-Luna Ferròn antwortete nicht. Sie wartete den Parasprung ab. Danach verfluchte sie ihre Besatzung und das Bordhirn, weil die Koordinaten, an denen die Laurin aus dem Hyperuniversum aufgetaucht war, nicht mit den Zielkoordinaten übereinstimmte, die sie für die Navigation freigegeben hatte. Sie schickte aber vier Wartungsroboter und einen Techniker auf den Weg nach L-42-3-1-19. Von einem Techniker hatte er nichts gesagt. Nun gut – kein unlösbares Problem.

Heinrich vergegenwärtigte sich die Zeitangabe: 54-02-14 02:07:23. Noch einundzwanzig Minuten bis zur Eröffnung des Angriffs; noch hunderteinundvierzig Minuten bis zum nächsten Sprung. Er speiste die Koordinaten ins Bordhirn ein. Sie würden die Laurin sehr weit aus dem Territorium der Republik hinausführen; viel mehr Lichtjahre auf einen Sprung, als das normale Triebwerk eines Kommunikators bewältigen konnte.

Noch hundertneununddreißig Minuten bis zum Sprung. Hundertneununddreißig Minuten Zeit für den Kampf und für die Flucht. Er begann die Wandplatte zwischen seiner Nische und dem Wartungsschacht davor zu verschweißen. Minuten später stapfte das angeforderte Wartungsteam und der Techniker heran. Sie begannen von außen zu schrauben und zu schweißen. Heinrich richtete seinen Waffendaumen auf die Stelle der Wand, hinter der er die Elektroimpulse des Organhirner-Herzens anpeilte.

Die drei gekaperten INGA 12, eine Ebene über ihm zwischen Triebwerk und Reaktor, verließen ihre Arbeitsplätze und machten sich auf den Weg in die Messe. Es ging los...

18

„Ferròn an Maschinenleitstand! Meine Geduld ist am Ende! Sie bringen die Triebwerke unter Kontrolle, oder ich schmeiße Sie aus dem Schiff!“

„Ich tu mein Bestes, General Ferròn, ich schwöre es Ihnen, aber...“

„Ferròn an Schnittstellen eins bis fünf!“ Anna-Luna hörte gar nicht zu. Sie war außer sich. „Die Laurin ist mit einem der neusten Kunsthirne der Flotte ausgerüstet! Es kann nicht sein, dass es uns aus dem Ruder läuft, das ist vollkommen unmöglich! Ich erwarte von Ihnen, dass Sie den Fehler in spätestens dreißig Minuten beheben, sonst...!“

Ihr Blick traf sich mit dem von Waller Roschen. Ihre rechte Hand saß ihr gegenüber im Kommandostand an Schnittstelle I, der Hauptschnittstelle. Etwas Tadelndes, ja Gebietendes lag in seinen kalten, hellblauen Augen. Anna-Luna wurde sich ihrer Angst bewusst; einer Angst, die sie immer dann beschlich, wenn sie die Umstände nicht mehr unter Kontrolle zu haben glaubte. Unbändige Wut war regelmäßig die erste Reaktion auf derartige Situationen.

Reiß dich gefälligst zusammen, forderte Roschens Blick; und sie riss sich zusammen.

„Kommandantin an Schnittstellen eins bis fünf“, sagte sie leiser und mit mühsam unterdrücktem Zorn. „Ich erwarte in Kürze ihre Erfolgsmeldung.“ Und dann an die Adresse ihres Ersten Offiziers: „Was ist los mit Ihnen, Korvac! Kriege ich jetzt die Koordinaten oder nicht?“

Primoberst Taiman Korvac saß nur wenige Meter links von ihr im Navigationsstand. Korvac war ein Alleskönner – die Organisation von Exekutionen beherrschte er genauso perfekt wie die Navigation eines Omegaraumers oder den Umgang mit schwierigen Frauen. Seiner Meinung nach war Anna-Luna Ferròn die schwierigste Frau in den bekannten Regionen der Milchstraße. Und Korvac kannte sich aus mit Frauen.

„Selbstverständlich, meine Generälin. Sofort.“ Zehn Sekunden später flimmerten die aktuellen Koordinaten in Anna-Lunas Arbeitssichtfeld. In den Hintergrund blendete Korvac eine Sternkarte der Region ein. „Wir bewegen uns ein paar Lichtjahre außerhalb der Republikgrenze, meine Generälin.“

„Ist das wirklich wahr!?“ Sie betrachtete die Karte und die Koordinaten: – K266-S P3-8 HLB79,3-60,8-24,3, TPD 26.603. Das einzige bekannte System lag 98 Lichtjahre entfernt. Es hieß Tarkus. Auf dem vierten Planeten dieser Sonne war vor zwei Jahren ein Landungsschiff niedergegangen. Das Flottenkommando auf Terra Tertia hatte Anna-Luna über das geheime Pionierprojekt informiert. Zwei Agenten der GGS befanden sich an Bord.

Es gab Bodenstationen und Bohrungsterminals auf dem Planeten. Man hatte Glaucauris gefunden. Eine lebensfreundliche Sauerstoffwelt mit Glaucauris – ein seltener Glücksfall! Die Welt hieß Aqualung, und ihre nichtmenschlichen Bewohner waren noch zu primitiv, um sich gegen die Besetzung ihres Planeten wehren zu können und wehren zu wollen. Sie hielten die Menschen für Götter.

Anna-Luna starrte die Koordinaten an. „Warum springt das Schiff nicht an die Stelle, die wir angesteuert haben?“ Sie sprach niemanden Bestimmten an, es war mehr ein lautes Denken. „Warum fliegt uns das Bordhirn zu Koordinaten, die niemanden an Bord interessieren...?“ Die Zeitangabe in der Fußzeile ihres Arbeitssichtfeldes lautete: 54-02-14 02:37:23.

„Wartungstechnik an Zentrale“, tönte es aus dem Bordfunk. „Hat jemand die drei Langfinger bei Triebwerk L von ihren Arbeitsplätzen abkommandiert?“

„Kommandantin an Technik – wie kommen Sie auf die Idee, Cybcziensky?“

„Weil die drei Maschinen zurück auf dem Weg ins Schiffszentrum sind.“

Plötzlich rieselte ein kalter Schauer über Anna-Lunas Rücken. Ihr Kopf wurde kalt, ihre Gedanken klar. Zorn und Panik verflogen. Sie beugte sich über die Instrumentenkonsole zu Waller Rochen hinüber. „Der Parafunk fällt aus“, flüsterte sie. „Der Bordfunk überträgt jedes interne Gespräch, die KRV-Triebwerke fahren nicht hoch genug, um der Troja und der Brüssel zu folgen, das Bordhirn spricht plötzlich wie eine durchgeknallte Greisin, dann springt das Schiff zu Zielkoordinaten, die keiner eingegeben hat, und jetzt verlassen Wartungsroboter auch noch ohne Befehl ihren Arbeitsplatz. Da stimmt was nicht, Waller.“

„Technik an Zentrale – das Wartungsteam in L-42-3-1-19 reagiert nicht mehr.“

„Was heißt das, ‚es reagiert nicht mehr‘?!“

„Ich funke den Techniker über Individualfunk an, und er antwortet nicht. Ich rufe einen Zwischenbericht von den INGA 12 ab, und sie bleiben stumm.“

Anna-Luna und Roschen sahen sich an. „Der dritte Mann von Bergens Schlachtschiff“, flüsterte Roschen. „Er ist noch an Bord...“

Anna-Luna reagierte sofort. „Kommandantin an Sicherheitsdienst – zwei Kampfformationen in Marsch setzen. Eine nach L-42-3-1-19, die zweite nach L-36-2-2-16!“ Sie wartete die Bestätigungen ab. Danach ging sie um den Kommandostand herum zu Waller Roschen und nahm mit dem Bordhirn Kontakt auf. „Kommandantin an Bordhirn. Haben Sie die Zielkoordinaten der Kampfformationen mitgehört?“

„Selbstverständlich.“

„Die Wartungsteams dort verhalten sich auffällig: Eines meldet sich nicht mehr, das andere hat seinen Einsatzort verlassen. Haben Sie eine Erklärung dafür?“

„Selbstverständlich.“

„Ich höre.“

„Selbstverständlich.“

„Ich verlange eine Erklärung!“

„Fick dich doch selbst.“

Anna-Lunas Augen verengten sich zu Schlitzen. Ihre Gesichtshaut wurde bleich, ihre Lippen grau und schmal.

Das Haupt-Viqua-Feld erlosch zuerst. Nach ihm fielen auch die Arbeitssichtfelder aus. Anna-Luna funkte sämtliche Abteilungen an. „Alarmstufe Rot! Alarmstufe Rot!“ Keine reagierte. Die interne Kommunikation war zusammengebrochen. „Alarmstufe Rot!“ Sie wandte sich an die Besatzung der Kommandozentrale. „Überlebenssysteme anlegen, Helme schließen, Standardbewaffnung.“

Die Männer auf beiden Ebenen der Zentrale stiegen in ihre Schutzanzüge und stülpten die Helme über. Anna-Luna aktivierte ihr LK-Gewehr und lief zum rechten Schott der Zentrale; Roschen und Korvac hinterher. Sie legte die Hand auf den ID-Sensor. Das Schott öffnete sich nicht. Sie versuchten es am linken Schott, sie versuchten es an den Ausgängen auf Ebene II und an den Luken zu den Quartieren des Leitungsteams. Überall das gleiche Ergebnis – kein Schott, keine Luke öffnete sich. Sie waren in der Zentrale eingeschlossen.

Eine Zeitlang hielten sie Kriegsrat. Bis das VQ-Feld unter der Frontkuppel wieder aufflammte. Anna-Luna stürzte zum Kommandostand. Die Arbeitssichtfelder funktionierten nicht, der Bordfunk blieb tot. Nur im Hauptsichtfeld erschien etwas Schwarzes mit weißen und schwarzen Schaltern. „Hier spricht das Bordhirn, zunächst die Zeitangabe: Beim ersten Ton ist es drei Uhr Terra-Prima-Zeit...“ Die Zeitangabe erschien in der Fußleiste – 54-02-14 02:59:46.

Sie starrten in das Sichtfeld. Der schwarze Kasten darin durchmaß fast zwei Meter. Sein Grundriss war viereckig, doch eine der vier Ecken war rund. Die Schalterkonsole ragte an der breiten Seite aus ihm heraus. Er stand auf vier Stützen, und sein Deckel war halb geöffnet. Keiner konnte sich einen Reim auf das schwarze Ding und die Ansage machen; auch Roschen nicht, der doch sonst immer alles wusste.

Die Sekunden verstrichen, und Schlag drei Uhr erklang ein Ton, und noch einer, und noch einer – erst leise, behutsam, dann lauter und in unterschiedlicher Höhe aber in gleichmäßigen Intervallen.

Musik.

Sie berührte Anna-Luna an einer Stelle, die sie sonst sehr sorgfältig abschirmte.

Ein paar Atemzüge lang stand die weißblonde Frau wie gelähmt. Dann wurde ihr Gesicht noch kantiger und härter, als es sowieso schon war. „Er entkommt mir nicht“, zischte sie. Sie packte ihr LK-Gewehr, lief zum Schott und eröffnete das Feuer auf die verschlossene Tür.

19

Alle fünf saßen sie hellwach in ihren Sesseln. Merican Bergen, der selten länger als drei Stunden schlief, sowieso. Aber auch Roderich Stein und Sibyrian Cludwich, die normalerweise darauf achteten, nachts nicht zum Schichtdienst eingeteilt zu werden. Sie lauschten den Stimmen aus dem Bordfunk und beobachteten die Männer, die sie bewachten. Die waren inzwischen zu fünft. Sorgfältig registrierten sie jedes Wort, das zwischen den Bewaffneten gewechselt wurde, jede ihrer Bewegungen und Gesten.

Die Nervosität der Männer schien zu wachsen. Der Kahlkopf namens Ulama wich kaum noch von der Schnittstelle und dem Sichtfeld darüber. Die Darstellung darin wechselte im Sekundentakt: Jeden Gang, jede Schleuse, jeden Raum des Schiffes holte der kahlköpfige GGS-Leutnant mit der hellbraunen Haut ins Sichtfeld.

Irgendwann verließ er die Messe durch eine der Luken, die zu den Toiletten oder zur Kombüse führte. „Ich hole frischen Kaffee“, sagte er.

War es Zufall? War es ein zynisches Schicksal, das der Menschheit einen Mann wie Herfryd Ulama noch eine Zeitlang erhalten wollte? Oder hatte dieser Mann einfach nur einen Instinkt für die Nähe des Todes? Jedenfalls ging alles sehr schnell, nachdem er jenseits der Luke verschwunden war.

Die beiden Kampfmaschinen, die draußen auf dem Gang den Hauptzugang zur Messe bewachten, öffneten das Schott und ließen drei humanoide Roboter vom Typ INGA 12 in die Messe. Die trugen Gurte mit Werkzeuglaschen an ihrem Kunststoffkörper – über den Knien, an den Schenkeln, um die Hüfte, um die Brust und in einer Lederkappe auf ihren Schädeln – und waren nur hundertvierzig Zentimeter hoch. Wartungsroboter, wie sie auf allen Schiffen der Flotte eingesetzt wurden. Bergen, Cludwich und die anderen drei beobachteten sie gespannt.

Die kleinen, wendigen Langfinger marschierten zunächst zu den Kampfmaschinen, die sich hinter den Sesseln der Gefangenen aufgebaut hatten. Was hinter seinem eigenen Rücken geschah, konnte Bergen natürlich nicht sehen, er ging aber davon aus, dass es sich nicht wesentlich von dem unterschied, was sich hinter Sarah Calbury und Cludwich abspielte, die ihm gegenüber saßen: Der Wartungsroboter blieb vor der nur eine Handbreite höheren Kampfmaschine stehen. Ein oder zwei Sekundenlang geschah scheinbar nichts, außer dass die optischen Sensoren des Wartungsroboter aufglühten. Der Kampfkegler jedoch stand reglos. Schließlich hob der INGA 12 seine Rechte und fuhr den kleinen Finger aus, bis er einem dreißig Zentimeter langem und zur Hälfte haarfeinen Draht glich. Blitzschnell führte er die Teleskopsonde in eine Schnittstellenöffnung an der Basis des Kampfkeglers ein.

Die menschlichen Wächter waren misstrauisch geworden. Einer sprang auf. „Was macht ihr da, ihr verdammten Langfinger!“ Sein LK-Gewehr im Anschlag lief er zu dem Roboterpaar in Bergens Blickfeld. „Was soll das? Was fummelst du mit dem Adapter an dem Kegler herum? Aufhören!“

Er wollte nach der schmalen Hand des Wartungsroboters greifen, doch im selben Moment fauchte eine Energiekaskade aus dem oberen Waffenkranz der Kampfmaschine und traf ihn am Kopf. Während er seitlich wegkippte und mit zerschossenem Schädel auf dem Boden aufschlug, flammte plötzlich überall der grelle Schein von Laserkaskaden auf.

Bergen warf sich unter den Tisch. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass auch die anderen Deckung suchten. Schreie erfüllten die Messe, grelles Licht und Gestank verbrannten Haares und Fleisches.

Als das Geschrei endlich verstummte und schwarze Rauchschwaden zur Decke hinaufstiegen, und Schaum von der Decke sprühte, hob Bergen den Kopf. Die Bewaffneten lagen tot an der Messewand. „Die Kampfmaschinen haben sich gegen sie gewandt...“, flüsterte Stein. „Was geschieht hier...?“

Dumpfe Schläge ertönten. Jemand klopfte mit einem Gewehrkolben gegen die geschlossene Luke zur Kombüse und den Toiletten. „Was ist los da drin?“ Herfryd Ulamas dumpfe Stimme. „Macht auf, verdammt noch mal!“

Bergen wünschte, die Luke oder die Roboter würden seine Forderung erfüllen, denn er hielt Ulama für einen gefährlichen und höchst überflüssigen Mann. Doch die Luke blieb geschlossen, und die Maschinen machten keine Anstalten, das zu ändern.

Bergen stand auf. „Was geht hier vor?“, fragte die Calbury. Ihre Stimme zitterte, um ihre sonst so würdevolle Haltung war es geschehen, auch Goltz und Stein machten verstörte Gesichter. Die Wartungsroboter zückten Zangen und Spezial-Dietriche und begannen, die Handschellen der Gefangenen zu lösen.

Das Sichtfeld über der Schnittstelle flammte auf. „Hier spricht das Bordhirn“, ertönte eine freundliche Kunststimme. Zunächst die Zeitangabe: Beim ersten Ton ist es drei Uhr Terraprimazeit...“

Ohne zu wirklich begreifen verfolgten sie den Sekundenzähler in der Fußleiste. Schlag drei Uhr TPZ erschien ein schwarzer Flügel im Sichtfeld, und Klaviermusik erklang. Bergen erkannte sie schon während des ersten Taktes – eine Fuge von Bach. Er sank in den Sessel, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. „Heinrich“, sagte er. „Ich fasse es nicht – Heinrich hat sie überlistet...“

Die anderen betrachteten abwechselnd ihre von Ketten befreiten Arme und das exotische Gerät im Sichtfeld. Sie blickten sich an, sie blickten ins Sichtfeld, sie lauschten der Fuge, sie sahen sich nach den bewegungslos abwartenden Robotern um – und sie wussten nicht, ob sie träumten oder wachten. Auch Stein nicht, obwohl er neben Bergen der einzige war, der das Gerät im Sichtfeld identifizieren konnte.

„Heinrich?“ Homer Goltz setzte sich neben Bergen auf den Tisch. „Sind Sie sicher, mein Subgeneral?“

„Ganz sicher.“ Bergen öffnete die Augen nicht, er lauschte den Flügelklängen. Es war sein eigenes Spiel, das er hörte. „Er reproduziert die Fuge so, wie ich sie vor seinen Sensoren zu spielen pflege. Es kann nur Heinrich sein. Er ist an Bord.“

„Hat er dann nichts Besseres zu tun, als den Bordfunk mit antiker Musik zu blockieren?“, sagte Cludwich.

„Moment mal...“ Stein setzte sich in einen Sessel, stützte seinen schweren Schädel in die Fäuste, und lauschte ebenfalls. „Eine Botschaft. Kann es sein, dass er uns eine Botschaft sendet?“

„Die wichtigste Botschaft ist doch, dass er sich noch an Bord aufhält.“ Sarah Calbury rieb sich die Handgelenke. „Und dass er in der Lage ist, dieser Generals-Furie eine Menge Schwierigkeiten zu machen.“

„Stimmt.“ Bergen lauschte den ineinander verschränkten Melodien.

„Nein, nein!“ Stein schüttelte energisch den Kopf. „Dazu braucht er keine Musik. In der Musik muss eine Botschaft stecken, die Ferròn und Roschen nicht entschlüsseln können.“ Er deutete auf Bergen. „Eine Botschaft, die nur Sie entschlüsseln können, mein Subgeneral!“

Bergen versuchte sich von der Schönheit der Musik zu distanzieren und sie mit kühlem Verstand zu betrachten. Auch die anderen vier hörten aufmerksam zu. Selbst Ulama hinter der verriegelten Luke hörte auf zu klopfen und schien zu lauschen. Eine Zeitlang hörte man weiter nichts, als die Fuge.

„Es fängt von vorn an“, sagte Homer Goltz leise. „Hört ihr es? Das Stück hat noch einmal begonnen.“ Die Roboter stapften oder rollten zu den Luken und zum Haupteingang. Offenbar hatten sie den Befehl, die fünf Menschen zu verteidigen. Bergen lauschte weiter der Fuge. Die Töne strömten dahin, die Melodie verschränkte sich, floss bis zu einem bestimmten Punkt. Plötzlich brach sie ab, und die Fuge setzte neu ein.

„Das Stück ist jedesmal ein wenig kürzer“, sagte Stein. „Höre ich das richtig?“

Merican Bergen zählte die Takte. Wieder endete die Fuge völlig willkürlich, wieder setzte sie neu ein. Der Kybernetiker hatte recht – sie endete jedes Mal eine kurze Zeit früher. Bergen überprüfte die These noch einmal, zählte wieder, zählte noch einmal, und endlich glaubte er zu verstehen. „Die Takte – bei jeder Wiederholung verkürzt er die Fuge um einen Takt.“

„Bei den Vulkanen von Woodstock – was ist das, ein Takt?“ Woodstock war Cludwichs Heimatplanet.

„Eine Zeiteinheit.“ Bergen öffnete die Augen. Er wedelte mit der Rechten in der Luft herum, als versuchte er ein Wort zu fangen. „Ein Tonmaß. In einer bestimmten Zeiteinheit wird eine bestimmte Anzahl von Tönen gespielt. Das ist ein Takt. Und die Fuge endet jedes Mal einen Takt früher...“

„Ein Countdown!“, platzte es aus Stein heraus. „Wie viele Takte haben Sie gezählt, mein Subgeneral?“

„Zuletzt neunundsechzig.“

„Dann haben wir noch neunundsechzig Zeiteinheiten Zeit“, behauptete Roderich Stein.

„Minuten“, sagte Homer Goltz.

„Zeit für was?“ fragte Cludwich.

„Um das Schiff zu verlassen“, sagte Sarah Calbury.

„Und was passiert nach neunundsechzig Minuten?“, wollte Cludwich wissen.

„Gleichgültig.“ Merican Bergen stand auf. „Jetzt waren es nur noch siebenundsechzig Takte. Es ist tatsächlich ein Countdown. Wir haben noch siebenundsechzig Minuten Zeit dieses Schiff zu verlassen.“

„Warum kann Ulama eigentlich die Luke nicht mehr öffnen?“, fragte Sarah Calbury. Fragende Blicke flogen hin und her. „Und habt ihr gemerkt, das keine Nachrichten mehr über den Bordfunk gehen?“

„Wenn Heinrich die Roboter beeinflussen kann, warum nicht auch das Bordhirn?“ Hoffnung blitzte in Steins Augen auf.

„Lassen wir es darauf ankommen.“ Bergen machte ein paar Schritte auf die Kampfmaschinen und Wartungsroboter vor dem Hauptschott zu. Die reagierten nicht. Er bückte sich nach dem LK-Gewehr eines toten Wachmannes. Die Roboter reagierten noch immer nicht. „Bewaffnen Sie sich.“ Er deutete auf die Waffen der andere Toten. Sie nahmen die Waffen der Toten an sich. Auch Sarah Calbury. Bergen und Cludwich verständigten sich über einen einzigen Blick – der Kommandant der Troja würde die Zweite Offizierin der Brüssel im Auge behalten.

Nacheinander überprüften sie die LK-Gewehre und legten sie an. Die Roboter störten sich nicht daran. „Gehorchen Sie uns?“, fragte Cludwich misstrauisch.

Bergen schluckte, holte tief Luft und sagte: „Probieren wir es aus.“ Der kleine, rothaarige Subgeneral ging zum Hauptschott der Messe. Die Roboter traten zur Seite, als wollten sie ihm Platz machen. „Öffnet das Schott“, verlangte er. „Und führt uns zu dem Beiboothangar, in dem die Johann Sebastian Bach 01 steht.“

Beide Flügel des Schotts schoben sich auseinander. Die Roboter bildeten eine Mauer um die fünf Menschen...

20

Yaku traute seinen Augen und Ohren nicht: Breitbeinig und den LK-Strahler unter dem Arm stand Plutejo vor dem großen Katzenartigen, der sich Erster Töter der Waldkalosaren an den blauen Wassern der Wälder von Lungur nannte, und neben dem Ersten Töter gestikulierte der alte Kalosare mit dem Lederzeug und den langen, grauen Fellhaaren. „Er ist es!“, rief er immer wieder und deutete dabei auf den Neunzehnjährigen. „Er ist es! Von einer großen und jungen Nackthaut spricht das Buch! Ihn schickt der Erztöter! Er wird die Verheißung erfüllen...!“

„Es ist Irrsinn, Plutejo!“, rief Yakubar. „Es ist Irrsinn und Massenmord! Und für eure Völker und die Wälder von Lungur wird es das Ende sein, Caryxzar! Die Waffen in der schwarzen Festung sind so fürchterlich, dass sie ganz Aqualung zerstören und verbrennen können! Du machst dir ja überhaupt keine Vorstellungen...!“

„Oh doch, Yakubar Tellim von Doxa IV“, entgegnete der Erste Töter der Waldkalosaren. „Wir kennen die Waffen der Schwarzen Ungötterburg. Aber der Anderstöter wird sie nicht einsetzen, denn er würde mehr als vierzig seiner Diener töten, die wir gefangen halten. Und er würde all seine Eisenhütten zerstören, die er hat bauen lassen, und all die Eisenwagen und Himmelswagen, die er ausgesandt hat.“

„Das stimmt.“ Zum ersten Mal meldete sich einer der Gefangenen zu Wort; und zwar der Mann, der ein paar Schritte neben Caryxzar im Gras kauerte und von seinen Peinigern festgehalten wurde. „Unser Kommandant versucht unser Leben zu retten.“ Seine Stimme klang erschöpft. „Aber weiß man, was er im äußersten Notfall tun wird...?“ Der Nackte zuckte mit den Schultern.

„Probieren wir es aus“, sagte Plutejo knapp. „Eine Bedingung aber habe ich.“

„Nenne sie mir, Plutejo Tigern von Genna, Sohn des Uran“, verlangte Caryxzar.

„Meine Schwester und der Alte fliegen mit, und die verdammte Festung gehört mir, wenn die Sache erledigt ist.“

„Das sind zwei Bedingungen, Plutejo Tigern von Genna, Sohn des Uran. Doch sie seien dir gewährt: Wenn du den Himmelswagen in die Götterburg lenkst, mögen also Yakubar Tellim von Doxa IV und Venus Tigern von Genna mit dir fliegen. Und wenn du uns die Pforten der Ungötterburg öffnest, möge sie dir gehören, sobald das Große Töten vorbei ist.“

„Gut.“ Plutejo blickte über die Schulter und winkte Venus und Yaku. „Bringen wir’s hinter uns.“

„Kommt nicht in Frage!“, rief Yaku. „Und auch du steigst mir nicht in diesen Sparklancer, Bürschchen!“ Plutejo kümmerte sich überhaupt nicht seinen Protest. Zwischen Caryxzar und dem Graupelz lief er zu dem Wagen mit dem Beiboot.

Der Mann von Doxa IV fuhr herum und blickte zu Venus hinauf. „Reich mir meine Waffe runter!“, forderte er. Venus schüttelte nur stumm den Kopf. Der Weißhaarige ballte die Fäuste und rannte los. Kurz bevor er das Ufer erreichte, schlugen Laserkaskaden ein Stück vor ihm im seichten Uferwasser ein. Er sprang einen Schritt zurück und schrie auf vor Schreck. Das Wasser brodelte und Dampf stieg auf.

Yaku drehte sich um. „Miststück!“, entfuhr es ihm. „Was Tigern heißt, hält zusammen, was?“ zischte er böse. „Auch wenn es um Massenmord geht, ja? Da passt kein Blatt Papier mehr zwischen...“

„Er tut es für uns, Yakumann.“ Venus hockte zwei Meter über ihm und ließ die Beine vom Ast baumeln. Sie zielte mit dem LK-Gewehr auf ihn herab.

„Ich will nicht, dass einer für mich mordet! Geht das nicht rein in dein Eishirn, Mädchen?“

„Sie haben meine Sippe umgebracht!“ Hass verzerrte Venus‘ schöne Züge. „Sie haben sämtliche sechs Strafkolonien unter dem Eis von Genna beschossen! Sie haben zwei Millionen Menschen getötet! Ist das kein Massenmord?“

„Völkermord ist das!“, sagte eine müde Stimme hinter Yaku. Er drehte sich nach ihr um. Die Kalosaren hatten die Gefangenen ans Ufer gezerrt. Dort lagen die drei Nackten nun auf dem Bauch und tranken. „Das soll Bergen auch gesagt haben!“

„Bergen?“ Venus runzelte die Stirn.

„Merican Bergen, ein Subgeneral der Flotte. Ihr kennt ihn nicht?“ Der Mann richtete sich auf den Knien auf. Sein Oberkörper wies zahlreiche Schnitt- und Kratzverletzungen auf. „Wenn ihr von Genna seid, solltet ihr ihn aber kennen. Ich weiß ja nicht, wie ihr dieser Hölle entronnen seid, aber vielleicht hat Bergen ja seinen Teil dazu beigetragen. Er hat sich nämlich geweigert, Genna unter Beschuss zu nehmen. Erst viele Stunden später hat sein Erster Offizier diese Schweinerei angerichtet, Ruud Zähring. Die ganze Republik spricht davon.“

„Und was ist aus diesem Bergen geworden?“, fragte Yaku.

„Auf der Flucht. Mit drei Schiffen; der Troja, der Johann Sebastian Bach und der Brüssel. Wie man Verbrecher jagt, jagen sie ihn und die Leute, die ihm die Treue hielten.“ Bitterkeit legte sich auf die Miene des Geschundenen. „Ich hätte genauso gehandelt wir er. Solange wir noch solche Männer und Frauen in der Flotte haben, solange können wir noch stolz auf die Republik sein, sag ich...!“ Einer der Kalosaren hinter ihm trat ihn in den Rücken, so dass er mit dem Gesicht im Wasser aufschlug. „Scheißkerle...!“ Er stöhnte und trank weiter.

„Wie heißen Sie?“

„Grishan Carvallo, Oberst der Rheingold, Kommandant der Landungstruppen und Spezialist für Bodenoperationen...“ Einer seiner Peiniger trat ihm in die Seite. Er stöhnte auf und trank weiter. Doch noch einmal hob er kurz das nasse, dreckige Gesicht. „Ich stamme von Hawaii-Novum“, flüsterte er. „Wenn Sie es je bis dahin schaffen, dann grüßen Sie meine Frau und meine Kinder. Sagen Sie Ihnen, ich hätte sie bis zum Schluss geliebt...“ Die Katzenartigen rissen ihn hoch und schleppten ihn zusammen mit seinen beiden Leidensgenossen davon. „Doch verraten Sie ihnen auf keinen Fall, wie ich gestorben bin...“

Yakus Kehle war wie zugeschnürt. Er und Venus starrten den Katzenartigen hinterher und beobachteten, wie sie die drei Gefangenen in den Wald schleppten. Andere luden sich die beiden Toten auf die Schultern und trugen sie davon.

Zwischen den Bäumen stand das Gefährt mit dem Sparklancer. An die zweihundert Kalosaren umringten es oder hockten im Geäst darüber. Plutejo war inzwischen auf die Ladefläche geklettert und hatte die Bugluke geöffnet.“

„Du musst ihm das ausreden, Venus!“ Yaku wandte sich wieder an die junge Frau über ihm auf dem Ast. „Wir könnten hier leben, könnten uns noch ein paar schöne Jahre machen. Wir bauen uns eine Hütte am See. Ich mach dir ein paar Kinder, wenn du willst, und dann...“

Venus lachte laut. „Du spinnst ja, Yakumann!“ Sofort wurde sie wieder ernst. „Unser Vater hat uns einen Auftrag gegeben. Wir müssen nach Terra Prima. Wir müssen den P.O.L. sprechen.“ Sie sprang ins Schilf. „Also los, wir brauchen dich. Komm schon. Bitte!“ Sie fuchtelte mit dem LK-Strahler. „Du wirst immer sagen können, wir hätten dich gezwungen.“

„Und du wirst immer sagen müssen: ‚Er hat uns gewarnt.‘ Leb wohl, Venus Tigern.“ Yakubar drehte sich um und griff ins Geäst über sich. Doch bevor er sich hochziehen konnte, traf ihn der Kolben eines LK-Gewehrs im Nacken. Bewusstlos sank er zwischen Schilfrohr ins Wasser.

21

54-02-14 03:26:13 - noch 62 Minuten bis zum nächsten Parasprung. Er deutete auf den toten Techniker und sandte den Befehl über die Magnetfeldbrücke aus. Zwei der vier INGA 12 bückten sich nach der Leiche. Heinrich hatte nicht gezögert, den Mann zu erschießen – er hätte seinen gesamten Plan empfindlich stören können. Die Langfinger hievten den Toten in die Nische am Ende des Wartungsschachts. Danach schraubten sie die Wandplatte vor Heinrichs ehemaliges Versteck.

03:34:51 – noch 54 Minuten bis zum Parasprung. 54 Minuten, um sich bis zum Hangar durchzukämpfen und das Schiff zu verlassen. Zeit genug. Zwei INKA 12 liefen vor ihm her, zwei deckten seinen Rücken. Die Hangars befanden sich auf gleicher Ebene. Sie machten sich auf den Weg.

Er hatte dem Bordhirn die letzten Befehle gegeben. Nach dem Sprung würde es sich wegen neuer Anweisungen wieder an ihn wenden. Dann hoffte er längst mit Merican in der Johann Sebastian Bach 01 zu sitzen.

Alle fünf Schritte ließ er anhalten und sandte ein Peilfeld durch das Schiff: Fünf Organhirner bewegten sich in 8-41-33-116sec relativ zu seinem Nullpunkt, also acht Meter höher und einundvierzig Meter beziehungsweise knapp zwei Minuten entfernt von ihm. Vier Kampfmaschinen und die drei INGA 12 begleiteten sie. Merican und die anderen Gefangenen!

03:42:01 – noch sechsundvierzig Minuten. Heinrich stutzte. Eine Ebene darunter bewegten sich sechs Organhirner von der Zentrale aus in Richtung Gasthangar. Gehorchte ihm das Bordhirn nicht mehr, oder hatten sie gewaltsam eine Luke geöffnet?

Weiter. Heinrich trieb die vier Wartungsroboter zur Eile an. Er klappte den Helm über seinen blauen Kristallschädel, verschloss ihn und nahm Kontakt zu zwei Kampfmaschinen in Merican Bergens Fluchtgruppe auf. Er befahl ihnen umzukehren, eine Ebene nach unten zu steigen und der Gruppe aus der Zentrale in den Rücken zu fallen.

Dreißig Sekunden später stand er vor dem Innenschleusenschott des Gasthangars. Über eine Magnetfeldbrücke schickte er seinen Code an den Sensor. Das Schott öffnete sich. Er überprüfte die Atemluft im Hangar, denn er musste damit rechnen, dass man Merican, Stein und den anderen die Schutzanzüge, oder wenigstens die Helme abgenommen hatte. Im Hangar herrschte Vakuum. Er gab den Code in die Bordhirnschnittstelle ein, den er für diesen Fall mit dem Kunsthirn vereinbart hatte. Das Hangar begann sich mit Atemluft zu füllen.

03:49:17 – noch neununddreißig Minuten bis zum Parasprung. Zwei der INGA 12 ließ er die Schweißbrenner aktivieren und schickte sie den Angreifern entgegen. Sie spurteten los. Mit den anderen beiden Langfingern wartete er zwischen den beiden Ausgängen der Kontrogravlifte, die hier sechs Meter entfernt voneinander gegenüber der Innenschleuse lagen. Durch einen würden Merican und die anderen Organhirner nach unten schweben.

Kampflärm erhob sich hinter der Biegung des Ganges, der zur Zentrale führte. Feuerschein spiegelte sich an den Wänden, Rauchschwaden schwebten unter der Decke heran, jemand schrie wie von Sinnen, und Feueralarm heulte los. In diesem Moment kletterte eine Kampfmaschine aus dem Liftschacht; es war eine der gekaperten. Heinrich schickte sie Richtung Zentrale ins Gefecht. Nacheinander schwangen sich die Organhirner aus dem Schacht. Sie trugen Schutzanzüge aber keine Helme. „Treuer Heinrich!“, flüsterte Merican. „Ich danke dir...!“

Es fehlte nicht viel, und der Subgeneral wäre seinem Roboter um den Hals gefallen. Doch der wies ihm den Weg in die Schleuse. „Schnell! Startet den Sparklancer!“

Bergen gab den Befehl an Cludwich weiter. Goltz, Stein, und Calbury liefen in die Schleuse und von dort ins Hangar. Zwei Wartungroboter und ein Kegler folgten ihnen. Bergen blieb bei Heinrich. Der aktivierte sein Peilfeld: Die Angreifer zogen sich bereits wieder zur Zentrale zurück. Ihre Roboter waren zerstört, drei Organhirner tot. Bergen schickte ihnen die anderen beiden Kampfmaschinen hinterher und blieb an Heinrichs Seite, bis Cludwich aus der offenen Bugluke des Sparklancers schrie: „Wir sind startklar! Kommt endlich!“

03:55:32 – noch dreiunddreißig Minuten.

Der Elektroimpuls eines Organhirner-Herzens von rechts! Heinrich fuhr herum – Anna-Luna Ferròn erschien im Ausstieg des Lifts. Sie richtete die Waffe auf Bergen. Im selben Augenblick traf sie eine gedämpfte Gravitonladung aus Heinrichs rechtem Daumen. Die Wucht des Treffers schleuderte die Frau zurück in den Schacht und gegen die Rückwand der Röhre. Ihr LK-Gewehr trudelte weiter nach unten. Blitzschnell packte Heinrich zu und riss sie aus dem Liftschacht. Zwischen ihn und Merican stürzte sie auf den Boden.

Der Subgeneral verzog keine Miene. Seelenruhig hob er seine Waffe. Anna-Luna Ferròns Mund wurde eckig, ihre Augen weit vor Schreck und Todesangst. „Tu’s nicht Merican“, flüsterte sie. Bergen zielte auf sie. „Bitte nicht..., du und ich, wir..., ich will doch...“

Mit einem Satz sprang Heinrich über sie, schlug Merican die Waffe aus den Händen und trat der Frau mit der Stiefelspitze gegen die Halsschlagader. Augenblicklich verlor sie das Bewusstsein.

Ein halb wütender, halb verblüffter Blick Mericans traf Heinrich, doch er drückte seinen Herrn in die Schleuse und von dort in den Hangar. „Vorwärts! In den Sparklancer! Wir haben nur noch eine halbe Stunde!“ Er schloss das Außenschleusenschott. Mit ausgefahrenen Waffenkränzen stand der Kegler hinter dem Sparklancer. Die beiden INGA 12 halfen Bergen in die Bugluke des Beiiboots. Heinrich aktivierte sein Kontrogravsystem. Über die kleinen Langfinger hinweg schwebte er an Bord. Hinter ihm schloss sich die Bugluke.

Er nahm hinter Merican Platz. Der identifizierte sich beim Bordhirn und fuhr Instrumente und Triebwerk hoch. Unter dem Frontfenster flammte das VQ-Feld auf. Die Zeitangabe erschien an seinem unteren Rand: 54-02-14 04:00:01. „Noch achtundzwanzig Minuten“, sagte Heinrich. Im Frontfenster sah er, wie das Außenschott des Hangars sich langsam auseinanderschob. „Sollen wir die Roboter mitnehmen? Wer weiß, wozu sie noch gut sein werden?“ Merican vor ihm im Pilotensessel nickte. Heinrich öffnete die Heckluke und befahl den Robotern einzusteigen.

„Was geschieht in achtundzwanzig Minuten?“ rief Homer Goltz von hinten.

„Parasprung.“

„Wohin?“

„Sehr weit weg.“

Die Roboter waren an Bord. Heinrich schloss Schleuse und Luke. Unter ihnen stand das Hangarschott bereits halb offen. „Wir sind gut in der Zeit, sehr gut! Wenn sie das Bordhirn nicht in den nächsten Minuten von meinen Piratenprogrammen befreien können, sind wir im Hyperuniversum verschwunden, bevor sie das Feuer eröffnen können.“

Sterne funkelten unter ihnen im All. Die Magnetklammern ließen den Sparklancer los, er sank aus dem Hangar in den Weltraum. Bergen aktivierte das Quantenplasmatriebwerk, drückte das Beiboot schneller nach unten und nahm Fahrt auf. Gleichzeitig fuhr er das KRV-Triebwerk hoch. „Parasprung in sechzig Sekunden.“ Und dann an die Adresse seines Roboters. „Wo sind wir überhaupt? Hast du bestimmte Koordinaten im Sinn?“

„Ja.“ Heinrich diktierte dem Bordhirn die Koordinaten. „K zweihundertsechsundsechzig Strich S, P vier Strich neun, HLB achtzigkommaneun Strich zweikommasieben Strich zweiundzwanzigkommavier, TPD sechsundzwanzigtausendsechshundertdrei Lichtjahre.“

„Parasprung in zwanzig Sekunden“, sagte Bergen.

„Wo führst du ins hin, Robot?“ Cludwich klang gereizt.

„Ins System Tarkus zum Planeten Aqualung.“

Die Johann Sebastian Bach 01 gewann rasch an Geschwindigkeit, das Energieniveau im KRV-Triebwerk wuchs. Niemand schoss auf sie. „Parasprung in zehn Sekunden“, sagte Bergen.

Bald war die Laurin nur noch ein Reflex im VQ-Feld der Ortung. Ein weißer Strahl schoss aus dem Bug des Sparklancers. Die Sterne in Flugrichtung verschwammen, blendend weiße Lichtnebel verhüllten die Sicht. Dann war es, als rissen die Nebel auf, und eine Flut grellbunter Blitze ergoss sich ins All. Sekunden später funkelten dichte Sternkonstellationen im Frontkuppelfenster. Münzgroß flammte eine Sonne in ihrem Zentrum.

„Tarkus“, sagte der Subgeneral. Seufzen und Aufatmen ging durch den Passagierraum. „Wir haben es tatsächlich geschafft!“

„Danke, Heinrich!“ Von hinten und von der Seite legten sich Hände auf Schultern des Roboters. „Danke!“ Sogar Cludwich behandelte ihn plötzlich wie einen Menschen.

„Warum hast du mich daran gehindert, die Ferròn zu töten?“ Merican Bergen drehte sich nach Heinrich um. Er wirkte zerknirscht.

„Ich weiß es nicht“, sagte Heinrich.

22

Zunächst war es vollkommen dunkel. Ihm war, als schwebe er eine schwarze Röhre hinauf. Hoch über ihm, wahrscheinlich am Ende der Röhre, warteten Nässe, Kälte, Schmerz und ein nervtötendes Geräusch. Er hatte keine Lust dorthin zu gelangen, aber etwas trieb ihn höher und höher.

Das Schwarze in der Röhre wurde grau, und der Schmerz griff nach seinem Nacken. Das Graue in der Röhre wurde rot, die Nässe berührte seine Haut. In diesem Moment glaubte er zu verstehen: Er wurde geboren. Doch das Rote verwandelte sich in gelbliches Licht, und die Kälte gesellte sich zu dem Schmerz in seinem Nacken, und das nervtötende Geräusch war plötzlich jämmerliches Krächzen an seinem rechten Ohr.

Yaku schlug die Augen auf. Er lag ausgestreckt auf dem Rücken, Gurte hielten ihn in einem Sessel fest, den jemand in Liegestellung justiert hatte. Er blickte in den dunkelgrauen, gewölbten Himmel eines Sparklancers.

Auf der rechten Armelehne tippelte Moses hin und her und gackerte ihm das Ohr voll. Auf der Lehne vor ihm hing sein Überlebenssystem. Es war nass. Auch seine Kleider waren nass. Links von ihm saß Venus. Sie kühlte seinen Nacken und Hinterkopf mit Eis. Ein dumpfer Schmerz pochte in beidem.

„Wo ist unser Gepäck?“, wollte Yaku wissen. Er dachte an sein Buch und die Fotos.

„Auf den beiden Sitzen vor dir“, sagte Venus. Sie trug den Schutzanzug, den sie im Magazin der Mexiko für sie ausgesucht hatten.

„Was ist passiert?

„Du bist vom Baum gefallen und hast dir den Kopf an einem Ast angestoßen.“ Zärtlich sah sie ihn an. „Wir sind froh, daß du dir das Genick nicht gebrochen hast.“

„Vom Baum gefallen? Ich?“ Mißtrauisch musterte Yaku ihr schönes Gesicht. Venus Blicke wollten ihm eine Spur zu zärtlich und zu besorgt erscheinen. „Ich kann mich an nichts erinnern.“

Sie seufzte. „Das kommt schon mal vor, bei einer Gehirnerschütterung.“

„Wo sind wir?“ Er richtete sich auf.

„Unterwegs.“

Auf dem Doppelsitz vor ihm stapelte sich Gepäck und Proviant. Auch seine Waffe entdeckte er dort. Im Doppelsitz vor dem Gepäck hockte der Kalosare mit dem Lederharnisch, dem braunen Umhang und dem grauem, langhaarigen Pelz. Als würde er Yakus Blick spüren, drehte er sich um. Seine gelben Augen funkelten kalt. Ein muffiger Geruch wie von mit Galle getränktem Haar ging von ihm aus. Als er seinen breiten Mund öffnete, sah Yaku ein Raubtiergebiß.

Er begann zu reden, und der Lingusimultaner in Venus‘ Überlebenssystem begann sein Gerede zu übersetzen: „...gelobt sei der Erztöter und sein Heiliger Sohn, unser König, gesegnet sein Gesandter, die Nackthaut Plutejo Tigern von Genna, Sohn des Uran Tigern von Hawaii Novum...“

„Er heißt Eli‘zarlunga und ist eine Art Priester oder Schamane“, flüsterte Venus.

„...heute wird der Erztöter sein Wort erfüllen, heute werden aller Kalosaren Augen sehen, was geschrieben steht im Buch des Erztöters von Anbeginn...“

Yakubar Tellim stöhnte und rieb sich den Nacken. Er sah an dem Schamanen vorbei. Im Doppelsitz davor hockte Caryxzar, der Erste Töter der Waldkalosaren an den blauen Wassern der Wälder von Lungur. Neben ihm der Weltläufer. Und davor noch einmal zwei Kalosaren, und ganz vorn, im Pilotensitz, Plutejo...

„...heute wird ganz Aqualung die Macht des Erztöters und seines Heiligen sehen. Heute werden die Diener des Anderstöters abgeschlachtet und seine schwarze Burg...“

„Was haben diese Killer hier zu suchen?“, fragte Yakubar.

„Sie bestanden drauf mitzufliegen.“ Venus zuckte mit den Schultern. „War nichts zu machen.“

„Wohin mitzufliegen?“ Langsam, ganz langsam kehrte die Erinnerung zurück.

„...seht das Lager des Heiligen Königs! Seht die Zelte der Könige der Kalosaren!“ Sehr laut sprach der Schamane plötzlich, so laut, dass Moses schon wieder anfing zu krächzen und gleich zwei Lärmquellen Yakus Schmerzen neu anfachten. „...aus allen Reichen und Städten und Wäldern Aqualungs sind sie seinem Kriegsruf gefolgt...!“ Eli’zarlunga redete sich in Trance. „...beseelt vom Geist des Erztöters, den Anderstöter und seine nackthäutigen Diener zu vernichten. Aber einer ist gesandt, sie uns in die Hand zu geben...!“

„Oh, Heilige Scheiße...!“, stöhnte Yakubar. Im Pilotensessel hing Plutejo, und über ihm im VQ-Feld glitten die Baumgiganten Aqualungs dahin. Eine Ebene löste das Waldgebiet ab. Unzählige schwarze Zelte standen dort zwischen Büschen und Staudenfeldern. Zwischen ihnen wiederum wimmelte es von Kalosaren. Sie marschierten in dieselbe Richtung, in die Plutejo den Sparklancer steuerte. Viele ritten auf massigen, braunen Tieren, die Yaku ein wenig an die legendären Rhinozerosse im Museum für ausgestorbener Arten auf Terra Sekunda erinnerten. Die Zeitangabe in der Fußzeile lautete: 54-02-14 17:01:39.

Am Modul des Kommunikator blinkte eine grüne Leuchte. „Ein Funkruf“, stöhnte Yaku. „Dein Bruder soll ihn auf die Bordleitung legen!“

„Wir wollen den Funkspruch mithören, Plutejo!“, rief Venus.

Eine Männerstimme tönte aus dem Bordfunk. „...ich wiederhole: Hier spricht Subgeneral Merican Bergen vom Sparklancer Johann Sebastian Bach 01. Dies ist eine Nachricht für Yakubar Tellim, Venus Tigern und Plutejo Tigern. Wir sind im Anflug auf Aqualung. Wenn Sie uns hören, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf. Ich wiederhole: Hier spricht...“

„Das ist der Mann, der sich geweigert hat Genna zu beschießen!“ Venus sprang auf. „Du musst antworten, Plutejo! Sie jagen ihn, wie sie uns jagen! Er ist unser natürlicher Bündnispartner! Antworte ihm gefälligst!“

„Bin ich denn blöd?!“, kam es vom Pilotenplatz. „Die Rheingold hat uns längst angepeilt! Noch hält sie uns für ein Beiboot aus ihren Hangars. Aber wenn ich Bergen jetzt antworte, werden sie unser Schwätzchen auffangen, und dann kannst du den Angriff vergessen!“

„Antworte endlich!“, rief Yaku. „Los, Bursche! Du sollst ihm antworten!“ Yaku konnte schimpfen wie er wollte, Plutejo blieb hart. Bald gab der Weißhaaarige auf. „Ihr macht einen Fehler, Venus, glaub mir das“, flüsterte er. „Sobald wir an Bord der Rheingold sind, haben wir ein Problem. Sie werden uns umbringen. Ihr öffnet ihnen die Außenschotte, und danach werden sie uns umbringen.“

„Warten wir’s ab“, sagte Venus heiser.

Im Sichtfeld über dem Pilotenplatz näherte sich wieder ein Wald aus Baumriesen. Kolonnen von Kalosaren strömten in den Wald, teilweise zu Fuß, teilweise beritten. Dann verhüllte das dichte Laubdach die Armeen. Am Horizont schob sich Bergland ins VQ-Feld. Und auf einer Ebene oberhalb der ersten Hänge, schwarz und 240 Meter von Schenkel zu Schenkel messend, ein Omegaraumer der Galaktischen Republik Terra: Das Landungsschiff Rheingold.

23

Im Laufe der Wochen starben weiter fünfzehn Besatzungsmitglieder an den Folgen ihrer schweren Verletzungen. Nur zweiundachtzig Männer und Frauen arbeiteten jetzt noch an Bord des ehemaligen Flaggschiffs. Neun Wochen nach den Volltreffern meldeten sämtliche Abteilungen der Johann Sebastian Bach wieder volle Einsatzbereitschaft.

Doch selbst diese neun Wochen hatten den Navigatoren, Para-Astrophysikern und Astronomen an Bord nicht ausgereicht, um die Position des Omegaraumers auch nur vage zu bestimmen. Die Galaxis, in die hinein das Hyperuniversum sie ausgespuckt hatte, war unbekannt. Und niemand an Bord wollte mehr seine Hand dafür ins Feuer legen, dass der Kugelsternhaufen mit seinen knapp neunzig Millionen Sonnen einem Parauniversum angehörte.

Zu Beginn der zehnten Woche nach den Gravitontreffern – es war bereits Ende April – ließ Veron das Hypnotikum verteilen. Er hatte Tiefschlaf angeordnet. Nur sechs Personen sollten wach bleiben: Ein Navigator, ein Kommunikator, ein Aufklärer, zwei Wissenschaftler mit astronomischen und para-astrophysikalischen Kenntnissen und ein Kommandant sollten wachbleiben. Nach dem Plan, den der Leitungsstab des Schiffes erarbeitet hatte, sollten diese sechs einen Monat lang im Schichtdienst arbeiten. Danach sollte ein anderes Sechserteam aus dem Tiefschlaf geholt werden, um sie abzulösen.

Am neunundzwanzigsten April des Jahres 2554 nGG meldete Gaetano Sardes den Vollzug des Tiefschlafbefehls. Sechsundsiebzig Männer und Frauen der Johann Sebastian Bach schliefen. Alle waren an medizinische Warnsysteme angeschlossen, die das Bordhirn steuerte und kontrollierte; alle waren sie mit eine Plasmadecke zugedeckt, aus der ihre Haut eine hochkalorische Flüssigkeit mit allen lebenswichtigen Stoffen aufnahm; und alle lagen sie unter einer Art Schlafzelt, das ihre Körpertemperatur auf 32° Celsius herunter kühlte und den Stoffwechsel auf ein Minimum reduzierte.

Veron übernahm das erste Monatsintervall als Kommandant. Er bestätigte Sardes‘ Meldung und wandte sich dann an das Bordhirn. „Position unbekannt. Glaurux für Parasprünge bis zu einer Gesamtentfernung von neunzigtausend Lichtjahren in den Tanks. Vorräte für zwölf Monate in den Kühlkammern, vorausgesetzt der eingeschränkte Betriebsmodus wird durchgängig aufrecht erhalten. Kurzfristiges Ziel: Wir finden einen Sauerstoffplaneten. Mittelfristiges Ziel: Wir kundschaften einen Sauerstoffplaneten aus, um einen geeigneten Landeplatz zu finden. Langfristiges Ziel: Zweiundachtzig Männer und Frauen gründen eine Kolonie auf einem Sauerstoffplaneten und sichern das Überleben der nächsten Generation...“

24

...es werden Tage kommen, da wird man schreien und heulen auf Aqualung. Brennen werden zu dieser Zeit die Wälder, verdampfen die Seen und Bäche, aufplatzen werden die Berge, und sterben werden viele Krieger aller Herren der Lebendigen aus allen Ländern, Gebirgen, Wäldern, Städten und Königreichen. Es werden die Tage sein, von denen ICH gesprochen habe, seit ICH euch schuf. Aber fürchtet euch nicht ihr Krieger, ihr Herren der Lebendigen, ihr Ersten und Zweiten Töter – die Burg des Ungottes wird schwarz und furchtbar und dem Verderben geweiht in den Abgrund des Kosmos hinauffahren, und mit ihr der Anderstöter und seine Diener, und dann erst werden die Tage des Schmerzes ein Ende haben. Danach aber hütet euch jemals wieder Schwerter und Klauen gegeneinander zu erheben, ihr Herren der Lebendigen! Denn so wahr ICH Erztöter bin von Anbeginn: Werden die Herren der Lebendigen das Wort des Heiligen Königs missachten und erneut ihre Schwerter und Klauen gegeneinander erheben, so werde ICH aufs Neue Ungötter schicken, die Aqualung und seine Schätze verschlingen...

Aus dem Buch der Erzherren der Lebendigen

Band 4: Entscheidungsschlacht

Prolog

Jemand berührte sie am Hals. Sie riss die Augen auf und fuhr hoch. Der Mann am Bettrand wich einen Schritt zurück. Er trug eine blütenweiße Bordkombi – einer ihrer beiden Mediziner. „Bitte ruhen Sie noch ein paar Stunden, meine Generälin.“ Er hielt einen Venendrucksensor zwischen den Fingern seiner Rechten. „Ihr Kreislauf braucht Schonung...“

Sie fasste an ihre rechte Halsseite und zuckte sofort zurück – eine Schwellung, Schmerzen. Und sofort waren die Bilder gegenwärtig: Der Roboter im Schutzanzug, wie er sie aus dem Liftschacht riss; sie selbst, wie sie auf dem Boden aufprallte; Bergen, wie er über ihr stand und mit seinem Strahler auf sie zielte; und wieder der Roboter, wie er Bergen die Waffe aus der Hand schlug und nach ihrem Hals trat.

Sie sah sich um. Ihr Bett stand in der kleinen Klinikabteilung des Laborbereichs. Hinter irgendwelchen Schotten heulte ein akustischer Alarm.

„Reflektorischer Kreislaufzusammenbruch nach massivem Vagusreiz“, sagte der Arzt. Silverstone stand in schwarzer Schrift auf einem blauen Namensschild über seiner Brusttasche. Ein Suboberst. „Wir haben Ihnen ein Depotdopamin gespritzt, aber Sie brauchen noch viel...“

„Haben wir sie gekriegt?“, fuhr sie ihm ins Wort. Nur einen Atemzug lang drohten Wehmut, Sehnsucht und Trauer sie zu überschwemmen. Sofort bekam sie sich in den Griff; als würde ein Gewässer in einem einzigen Augenblick gefrieren, so durchdrang etwas Kaltes ihr Hirn, und ihr Verstand übernahm wieder das Regiment. „Ich habe Sie etwas gefragt, Silverstone!“ Ein paar Schritte abseits standen sein Assistent und ein Sanitäter.

Der Angesprochene neigte den Kopf ein wenig auf die Schultern, zog die grauen Brauen hoch und setzte einen bedauernden Blick auf. „Ich habe keine exakten Informationen aus der Zentrale, aber...“

„Verdammt, Silverstone! Ob wir sie gekriegt haben, will ich wissen! Ja oder nein?“

Der Sanitäter machte sich an einem Behandlungstisch zu schaffen, der Assistenzarzt senkte den Kopf. „Leider nein, glaube ich, meine Generälin“, sagte Dr. Silverstone.

Anna-Luna Ferròn zog die Decke von ihren Beinen, schwang sich aus dem Bett und schob den Arzt zur Seite. Ihre Knie wurden weich, doch sie schaffte es quer durch den kleinen Raum bis zum Schottrahmen. Dort musste sie sich einen Augenblick festhalten. Sie atmete ein paarmal tief durch. Der Schwindel legte sich, die schwarze Wolke vor ihren Augen zog weiter.

„Sie sollten das Labor auf keinen Fall ohne Waffe verlassen, meine Generälin“, sagte der Sanitäter; ein Hauptmann namens Koboromajew. Er war sehr groß, von wuchtigem Körperbau, und sein breites Gesicht und seine Glatze glänzten, als würde er sie dreimal am Tag einölen.

„Warum nicht?“

„Der dritte Mann hat nicht nur unser Bordhirn mit Piratendateien versaut, sondern auch die meisten INGA 12 und ein paar Kampfmaschinen.“

Der dritte Mann war kein dritter Mann gewesen, sondern Bergens Roboter. Sollte sie die einzige sein, die das kapiert hatte? „Dann beschaffen Sie mir eine Waffe, Koboromajew! Und begleiten Sie mich!“ Wortlos verschwand der Sanitäter im Geräteraum. Genauso wortlos kehrte er Sekunden später mit zwei LK-Gewehren zurück und öffnete die Luke zum Hauptgang.

Draußen schwollen Sirenentöne auf und ab: Feueralarm, Temperaturalarm, Maschinenalarm. Tatsächlich war es ziemlich heiß im Schiff. Koboromajew, bewaffnet mit einem schweren Gravitongewehr, schritt ihr voran. Er sicherte Abzweigungen, Liftausstiege, offene Luken und Schotte. An den Wänden entlang tastete sie sich hinter ihm her. Hin und wieder lehnte sie sich an die Wand und verschnaufte ein für ein paar Augenblicke. Ihre Hände wollten kaum den Laserkaskadenstrahler halten.

Sie kamen an einem toten Primhauptmann vorbei. Eine Ebene tiefer lagen ein zerstörter Kampfkegler und zwei deaktivierte INGA 12 Wartungsroboter vor einem Lifteinstieg. Aus dem Bordfunk tönten erregte Männerstimmen: Von Brandherden, Triebwerksschaden und Kämpfen an Bord war die Rede. Und pausenlos die Alarmsirenen.

Nach neun Minuten erreichten sie die Zentrale. Schwerbewaffnete und Kampfmaschinen bewachten die Eingangsschotte. Sie traten ein.

„Du bist wieder bei Bewusstsein, Anna-Luna?!“ Waller Roschen schwebte vor dem Kommandostand. Die blaue ISK-Kappe saß wie ein zu kleiner Deckel auf seinem helmartigen Haarschopf. „Welch ein Glück! Wir haben eine Menge Probleme!“

„Wo sind wir!“ Sie stürmte zum Navigationsstand, wo ihr Erster Offizier neben dem Navigator saß. Koboromajew blieb am Schott zurück.

„Irgendwo an der zentrumsfernen Nordpolgrenze der Republik“, sagte Taiman Korvac, Primoberst der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarden und Erster Offizier der Laurin.

„Wir haben die Koordinaten noch nicht präzise errechnen können“, sagte der Navigator, ein strohblonder Leutnant namens Beller. „Das Bordhirn verweigert noch den Zugriff. Aber wir arbeiten daran.“

„Davon gehe ich aus, Leutnant Beller!“ Anna-Lunas Stimme klirrte vor Kälte. „Was ist passiert, Waller?“ Sie fuhr zum Kommandostand herum. „Konnten sie etwa fliehen?!“ Tief unter ihrer Eisschicht brodelte eine ungeheure Wut. „Wie lange war ich bewusstlos?“

„Sieben Stunden. Es war, wie ich vermutet hatte – der dritte Mann hat ein paar Langfinger mit Piratenprogrammen infiziert, die INGA 12 haben die Kampfkegler der Wachabteilung infiziert, und zusammen haben sie Bergen befreit. Der dritte Mann hatte sich in einem Wartungsschacht in der Nähe des linken Triebwerks versteckt. Dort muss es ihm irgendwie gelungen sein, sich in das Bordhirn einzuloggen. Jedenfalls hat sein Piratenprogramm unseren Zentralrechner fest im Griff. Die Maschinen gehorchen nicht. Die Kommunikation, die Navigation – nichts gehorcht uns mehr. Unsere Kybernetiker arbeiten seit sechs Stunden daran...!“

„Ungeheuerlich...“ Sie wurde blass, die Stimme versagte ihr, es kam ihr vor, als würden ihre Beine schlackern wie totes Fleisch. Koboromajew eilte herbei und stützte sie. Sie ließ es zu, hielt sich fest an dem Großen. Er half ihr, sich auf die Stufen des Kommandosandes zu setzen. „Kann es denn wahr sein...?“ Die Zentrale drehte sich plötzlich.

„Dem dritte Mann ist es irgendwie gelungen Koordinaten ins System zu schmuggeln, die uns über zwölftausend Lichtjahre weit durch die Galaktische Republik Terra geschleudert haben.“ Roschen klang kleinlaut für seine Verhältnisse. „Die Maschinen sind vollkommen überlastet, die Triebwerke glühen noch immer, dabei haben wir das Hyperuniversum schon vor mehr als sechs Stunden verlassen. Ich bin nicht sicher, ob wir sie jemals wieder hochfahren können. Vermutlich hatte der dritte Mann genau das einkalkuliert...“

Der dritte Mann... „Verflucht, verflucht, verflucht...!“ Anna-Luna stöhnte in sich hinein. War es selbst Waller Roschen nicht aufgefallen, dass der dritte Mann ein Roboter gewesen war?

„Verdammt schlauer Bursche, Bergens dritter Mann“, sagte Leutnant Beller, der Navigator. Sie fand seine Sommersprossen zum Kotzen. „Und Bergen auch. Verdammt schlaue...“

Anna-Luna stieß einen Schrei aus und sprang auf. „Weg da!“ Sie riss die Waffe hoch. Koboromajew trat einen Schritt zurück, Korvac warf sich flach auf den Boden. Über ihn hinweg zischte eine Energiekaskade und traf Beller an der Brust. Er stöhnte auf, krümmte sich und rutschte sterbend aus dem Sessel.

„Bergen, dieser Scheißkerl!“ Die Eisdecke über ihrem Hirn war aufgeplatzt. „Warum habt ihr ihn laufen lassen!“ Sie brüllte wie von Sinnen. „Ihr elenden Versager! Wie kann uns einer durch die Lappen gehen, den wir bereits in Handschellen hatten! Einer, den unsere Kampfkeglern bewachten! Wie! Wie! Sagt mir das!“

Sie funkelte Korvac an. Der wich ihrem Blick aus und stand wieder vom Boden auf. Sie spähte nach Canter und Cybcziensky. Beide hockten an einer Schnittstellenkonsole und taten, als konzentrierten sie sich einzig und allein auf die Arbeit am blockierten Bordhirn. Der kahlköpfige Sanitäter blieb von ihren giftsprühenden Blicken verschont. Schließlich sah sie sich nach Waller Roschen um. Seine Miene war ausdruckslos wie immer, doch aus seinen Augen sprach unverhohlene Missbilligung.

Sie tat, als sähe sie es nicht und wandte sich an den Sanitäter. „Schaffen Sie ihn mir aus den Augen, Koboromajew!“ Sie deutete auf den toten Navigator. Und dann wieder an Waller Roschens Adresse: „Dafür wird Bergen büßen, das schwöre ich! Und wenn ich bis ans Ende der Milchstraße fliege – ich werde ihn kriegen!“

„Du bist dazu verdammt, ihn zu kriegen“, sagte Roschen leise.

1

Aqualung im Tarkussystem, 54-02-14, 17:02:09 TPZ

Beide Männer arbeiteten im Kommandostand der Rheingold, beider Namen prangte in goldenen Schriftzügen auf blauen Namensschildern – Nigeryan und Braun – beide bekleideten also den Rang eines Primoberst, den vierthöchsten immerhin, den die Republik zu vergeben hatte, und beide hatten dasselbe Problem.

Auf dem Hauptvisuquantenfeld unter der Frontkuppel der Rheingold wirkte ihr Problem nicht besonders groß, dafür weit gestreut, sehr weit sogar: Es füllte bereits große Teile der Hochebene aus, die der Rheingold als Landeplatz diente, bedeckte die Hänge rings um die kleine Hügelkette, und ergoss sich in schier unerschöpflichen Strömen aus dem Wald, der die Hügelkette umgab. Kalosaren. Hunderttausende, Millionen.

Damit hörten die Gemeinsamkeiten zwischen Nigeryan und Braun auch schon auf.

„Aufklärung an Kommandozentrale“, tönte eine Frauenstimme aus dem Bordfunk. „Es werden immer mehr. Der größte Teil ist zu Fuß unterwegs. Das Bordhirn zählt darüber hinaus etwa zehntausend Gespanne, sie scheinen Brennmaterial zu transportieren. Etwa zweihunderttausend mal Felix reitet auf Tieren heran.“

Kalosaren nannten sich die Völker des Planeten Aqualung, und zwar ausnahmslos alle – die sehnigen Jäger und Sammler der Wälder, genau wie die Handel treibenden zierlichen, meist schwarzen Küstenbewohner und die hünenhaften, überwiegend gefleckten oder weißen Bewohner der prachtvollen Königsstädte an den großen Flüssen. Kalosaren ließ sich in der Sprache der Republik, in Terrangelis, etwa mit Herren der Lebendigen wiedergeben. Die Besatzung des Landungsschiffes Rheingold nannten die Kalosaren etwas abfällig Felix. Vermutlich, weil sie auf den ersten, oberflächlichen Blick ein wenig an Katzen erinnerten.

„Felix macht Ernst“, sagte Primoberst Nigeryan. „Es wird uns gar nichts anderes übrig bleiben, als zu starten.“

„Felix begeht eine große Dummheit“, sagte Primoberst Braun. „Wir sollten sie ausnutzen und das Feuer eröffnen.“

So ähnlich begannen sie häufig, die Differenzen zwischen dem schwarzen, ziemlich beleibten Schiffskommandanten Joseph Nigeryan und dem kleinwüchsigen, aber ansonsten unauffälligen GGS-Offizier Dolph Braun.

„Reden Sie keinen Mist, verehrter Kollege Braun!“, brauste Nigeryan auf. „Unter diesen Kriegern da draußen befinden sich mindestens fünfzig unserer Leute!“ Mit seinem schwarzen fleischigen Zeigefinger stach er in Richtung VQ-Feld. Die erste Sturmreihe der Kalosaren war darin zu sehen. Höchstens neunhundert Meter trennte sie noch von dem Omegaraumer. Nach Auskunft der Aufklärung bestand sie aus etwa zehntausend berittenen Elitekriegern der knapp sechzig Stadtkönige, die sich unten in den Wäldern rings um die Hügelkette versammelt hatten.

Ihre Reittiere nannten die Kalosaren Baxrauler. Die Landungsspezialisten der Rheingold hatten sie Rizerosse getauft, weil sie angeblich an ein ausgestorbenes Tier ähnlichen Namens erinnerten, das einer der Pioniere mal in einem naturkundlichen Museum gesehen haben wollte.

„Wahrscheinlich sind es sogar sechsundsechzig unserer Männer und Frauen, die diese verdammten Killer als lebendige Schutzschilde mit sich schleppen!“ Nigeryan redete sich in Rage. „Ich soll auf meine eigenen Leute schießen lassen?“

„Erstens handelt es sich in überwiegend um meine Leute“, entgegnete Braun in seiner schon legendären Gelassenheit. „Vielleicht erinnern Sie sich dunkel, dass die Pioniereinheiten ausschließlich meinem Kommando unterstehen, verehrter Kollege Nigeryan.“ Auch auf der Miene des kleinen, blassen Brauns spiegelte sich keinerlei Emotion, geschweige denn Erregung. „Zweitens scheint es mir das Opfer wert zu sein. Bedenken Sie bitte, wie viele Menschen diese Heerscharen dort potentiell noch ermorden könnten, wenn wir jetzt nicht bereit sind, fünfzig unserer Leute zu opfern.“

„Was für eine perverse Rechnung!“ Nun platzte dem guten Nigeryan endgültig der Kragen. „Ich soll also präventiv morden? Haben Sie die Idee aus antiken Geschichtsbüchern geklaut?“ Er drehte sich ein paar Mal um sich selbst wie ein unförmiger Kreisel, stürzte an das nächstbeste Mikrophon, und rief: „Kommandant an Kommunikator! Protokollieren Sie diese Besprechung Wort für Wort!“ Wieder eine Drehung und dann dicht zum Gesicht seines Kontrahenten hinuntergebeugt: „Ich soll also nicht nur fünfzig bis sechzig loyale und treue Angehörige der Flotte mit der besten und teuersten Ausbildung, die man sich vorstellen kann, töten lassen, sondern darüber hinaus auch noch Hunderttausende Angehörige eines Fremdvolkes vernichten?! Ganz zu schweigen von den Wäldern und Bodenschätzen im Umkreis von fünfzig oder hundert Kilometern?! Habe ich Ihren Vorschlag so richtig verstanden und wiedergegeben, Primoberst Braun!?“

„Sie müssen sich doch nicht immer gleich so aufregen, verehrter Nigeryan!“ Braun verzog seine untere Gesichtshälfte zu einer Art Lächeln. „Es ist ja eine ganz einfache Rechnung. Jetzt haben wir Felix millionenfach konzentriert vor den Geschützen, später verteilt er sich wieder über ganz Aqualung. Jetzt zahlen wir mit fünfzig Kräften, später und auf lange Sicht werden wir mit fünftausend oder mehr Kräften bezahlen. Das kann doch nun wirklich nicht so schwer zu verstehen sein!“

„‘Kräfte‘! ‚Bezahlen‘!“ Nigeryan schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Sie sind ja komplett wahnsinnig!“

„Ich vertrete lediglich die Interessen des politischen Arms der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarden auf diesem neu nutzbar zu machenden Planeten, und ich verlange den Beschuss der Mörderhorden, verehrter Nigeryan!“

„Und ich bin der Kommandant dieses Schiffes und sage nein!“

Die Männer und Frauen in der Zentrale sahen sich an. Etliche verdrehten die Augen. Dazu bekamen sie viel zu oft Gelegenheit – noch nie allerdings während einer roten Alarmstufe. Seit drei Wochen hatten sie täglich neue Hiobsbotschaften zu verkraften – die Kalosaren töteten Personal des Bohrungsterminals, nahmen Stoßtrupps gefangen, zerstörten Bodenstationen, lockten Strafexpeditionen in Fallen, und so weiter. Und noch immer konnten Joseph Nigeryan und Dolph Braun sich nicht dazu durchringen, an einem Strang zu ziehen. Noch immer zerrten die beiden Expeditionsleiter an der Macht wie an einem Tischtuch aus brüchigem Stoff. Wäre zwei Wochen zuvor nicht der resolute Erste Offizier in Gefangenschaft geraten, hätte es längst eine Meuterei gegeben. Und jedes Militärgericht hätte die Meuterer freigesprochen.

„Maschinenleitstand an Zentrale – gibt es neue Befehle?“

„Aufklärung an Zentrale – Felix‘ erste Angriffswelle ist nur noch sechshundert Meter entfernt. Nach der letzten Zählung des Bordhirns handelt es sich um elftausenddreihundertachtzig Reiter auf Rizerossen. Ihre Bewaffnung besteht aus Säbeln, Äxten, Wurflanzen und Tauen mit Widerhaken. Die zweite Angriffswelle ist tausend Meter entfernt; Fußvolk und Gespanne mit Brennmaterial.“

„Lächerlich.“ Nigeryan schüttelte den Kopf und seufzte. „Sei es drum – Kommandant an Maschinenleitstand, hoch mit der Schwarzen Jane!“ Er zog ein weißes Tuch aus seiner Hosentasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn und aus dem Nacken. Der Primoberst liebte seinen Omegaraumer, verabscheute jedoch dessen Namen; deswegen nannte er ihn häufig Schwarze Jane.

„Verstanden!“

„Noch einmal, verehrter Nigeryan. Ich vertrete hier die Interessen der GGS und ich verlange...!“

„Sie können mich mal, Braun!“

„Aufklärung an Kommandanten – Sparklancer im Landeanflug.“

„Kommunikator an Kommandanten - ID-Code empfangen. Es ist Oberst Carvallos Gerät!“

„Nigeryan an Aufklärung – wie weit ist Felix?“

„Dreihundertfünfzig Meter.“

„Kommandant an Maschinenleitstand! Warten Sie noch mit dem Start, bis Carvallo an Bord ist. Kommandant an Beiboothangars – auf mit der Klappe, raus mit dem Controgravstrahl!“ Nigeryan verschränkte die Arme auf dem Rücken und drehte eine Runde um den Kommandostand. Das tat er gern, wenn er nervös war.

„Kommunikator an Zentrale – wir haben da einen Funkruf empfangen. Ein Subgeneral ist im Anflug, ein gewisser Bergen. Er sucht Kontakt zu...“

„Später!“ Nigeryan winkte ab. „Senden Sie ihm eine Empfangsbestätigung. Wir melden uns später.“

„Was sagen Sie da?“ Braun stürzte zum Mikro. „Wie heißt der...?“

„Beiboothangars an Zentrale!“ Der Bordfunk fuhr ihm dazwischen. „Rheingold 07 mit Oberst Carvallo an Bord.“

Nigeryan nahm beide Stufen des Kommandostandes mit einem Schritt. Er wollte zu seinem Sessel und zum Hauptmikro. Der zierliche Braun jedoch stellte sich zwischen ihn und die Instrumentenkonsole. „Moment, verehrter Nigeryan.“ Sein blasses Gesicht blieb ausdruckslos, sein schwarzes Haar war akkurat gescheitelt wie immer, seine Hand umschloss etwas Hartes, das er dem schwarzen Kommandanten in den gut gepolsterten Bauch drückte. Schwer zu sagen, ob die anderen Offiziere in der Zentrale diese Geste wahrgenommen hatten.

„Maschinenleitstand an Zentrale – was ist jetzt mit dem Start?“

„Als Primoberst der GGS bin ich im Notfall befugt, Ihnen Befehle zu erteilen, Nigeryan.“ Braun sprach so leise, dass nur Nigeryan ihn verstehen konnte. „Dies ist ein Notfall, und ich befehle Ihnen den Start abzublasen und den Beschuss anzuordnen.“

Primoberst Joseph Nigeryan trat einen Schritt zurück und senkte den Blick – er blinzelte ein paar Mal, weil er nicht sicher war, ob er seinen Augen trauen konnte. Doch, er konnte ihnen trauen: Es war wirklich ein Fauststrahler, was Dolph Braun ihm da in den Bauch drückte...

2

„Subgeneral Merican Bergen an Yakuba Tellim und die Rebellen von Genna – bitte antworten Sie, wenn Sie diese Nachricht empfangen können...!“

Was von fern wie ein kleines Gebirge gewirkt hatte, war nicht viel mehr als eine Hügelkette inmitten der Wälder. Auf der erhöhten Ebene zwischen West- und Ostrand stand das Landungsschiff. Zwei Angriffswellen der Kalosarenheere jagten über die Ebene. Braune Reittiere galoppierten dem Omegaraumer in einem Tempo entgegen, das Plutejo diesen Kolossen niemals zugetraut hätte. Er steuerte den Sparklancer dicht über die Staubwolke hinweg, die sie hinter sich herzogen.

„Subgeneral Bergen an Yakubar Tellim und die Kinder von Uran Tigern – ich bin über die Ereignisse auf Genna im Bilde. Sie haben nichts von mir zu befürchten! Bitte nennen Sie mir Ihre Position auf dem Planeten Aqualung...“

Die Kalosarenreiter in den breiten Sätteln trugen leichte, schwarze Harnische und schwarze Helme, die mit bunten Federn geschmückt waren. Sie blickten zum Sparklancer herauf, doch statt sich zu fürchten, schwangen sie Beile und Schwerter, und soweit Plutejo das im Sichtfeld erkennen konnte, stießen sie Kampfschreie aus. Und täuschte er sich, oder trieben sie ihre Tiere zu noch größerer Eile an? Auch über sie flog er hinweg.

Der Neunzehnjährige musste die Maschine manuell steuern; auf verbale Befehle reagierte das Bordhirn nicht, und eine Steuerungskappe für mentale Befehle hatte er nicht gefunden. Vermutlich hätte sie ihm auch nichts genützt, denn diese hochkomplizierten Steuerungsaggregate waren in der Regel auf ein bestimmtes Individuum geeicht; auf den armen Carvallo wohl in diesem Fall.

„Bergen an Tellim und Tigern – wir sind mit dem Beiboot Johann Sebastian Bach 01 im Anflug auf Aqualung. Unsere Situation unterscheidet sich kaum von Ihrer – die Flotte verfolgt uns. Bitte antworten Sie, wenn Sie diese...“

Mit einem gezielten Faustschlag auf die Instrumentenkonsole schaltete Plutejo Tigern den Bordfunk ab. Auch er begann nun zu jubeln, denn er sah, wie sich am Unterboden des Landungsschiffes ein Paar Außenschottklappen des Hangars öffnete. Gehörte der geraubte Sparklancer in diesen Hangar? Natürlich gehörte er in diesen Hangar! Plutejo nahm Kurs auf die Öffnung. „Sie lassen uns rein!“, rief er. „Diese Hohlköpfe lassen uns tatsächlich freiwillig in ihren Megakahn!“

„Du musst Bergen antworten!“ Von hinten schimpfte Yakubar Tellim. „Verdammter Grünschnabel – er braucht ein Signal von uns!“ Sein Rabe krächzte als wollte er ihn bestätigen. Venus, im Sitz neben ihm, kühlte dem Weißhaarigen Nacken und Schädel mit Eis. „Funke ihn an, sag ich! Mach schon!“

Für einen, dem eine Gehirnerschütterung bis vor ein paar Minuten die Lichter gelöscht hatte, schrie der alte Reeder von Doxa IV schon wieder ziemlich laut. „Still, alter Mann!“ Plutejo blieb bei seiner Linie: Yakus Proteste ignorieren und die Aktion durchziehen. Entweder sie erreichten das Innere des Landungsschiffes, oder sie hatten das Spiel sowieso verloren.

Ein Controgravstahl aus der Rheingold erfasste das Beiboot. Plutejo deaktivierte das Triebwerk – das schlanke, zwölf Meter lange Ellipsoid schwebte unter die Unterseite des Landungsschiffes und stieg dann durch die offenen Hangarklappen ins Hangar hinein.

„Weißt du, was in meinem alten Buch steht?“ Hinten klopfte Yaku Tellim jetzt auf seinen Koffer, in dem er neben Wäsche, Fotos und inzwischen leerer Whiskyflasche auch diesen zerfledderten Schmöker verstaut hatte, aus dem er manchmal vorlas. „Ich bin der HERR, dein Gott, steht da, und: du sollst nicht töten! Was du vorhast Junge, ist Beihilfe zum Massenmord!“

Die erste Angriffswelle der Kalosarenreiterei war nur noch etwa dreihundert Meter entfernt. Hinter der Staubwolke konnte man schon die zweite Sturmreihe erkennen. Magnetklammern griffen nach dem Beiboot und hielten es fest, die Schottklappen unter ihm schlossen sich.

„Wir sind drin!“, schrie der junge Tigern. Er riß die geballten Fäuste über den Kopf und drehte sich zum Passagierraum um. „Wir sind drin! Es ging so einfach!“ Yakubars rechtes Auge funkelte ihn böse an, selbst das schwarze Kunstauge in der linken Höhle schien vor Zorn zu glühen.

Die fünf Kolosaren in den drei Doppelsitzen hinter Plutejo sprangen auf und verdeckten Yakus Gesicht mit ihren Körpern. Die beiden Krieger trommelten sich mit den Fäusten auf die Pelzbrust. Einer zog sein Blasrohr aus dem Gurt und einen kleinen Pfeil aus dem Hüftköcher, der andere packte seine Axt mit beiden Händen. Bis auf den dichten, sandfarbenen Pelz auf dem Schädel, an Schultern, Brust und den Außenseiten von Armen und Beinen, und den Waffengurt an den Hüften waren beide nackt. Genau wie der Weltläufer hinter ihnen. Allerdings trug der einen üppigen Federschmuck.

Neben dem Weltläufer stand ihr Anführer, der Erste Töter der Waldkalosaren an den blauen Wassern der Wälder von Lungur, wie er sich nannte. Der hünenhafte Caryxzar hatte schon sein langes Messer gezückt. „Dann öffne jetzt die Pforten des Himmelsspeers, Plutejo Tigern von Genna!“ Er raffte seinen laubgrünen Umhang um seinen Körper zusammen. „Die Krieger des Heiligen Königs des Erztöters wollen die Götterburg in Besitz nehmen!“

„Sie sei unser!“, brüllte der Kalosare hinter ihm, ein graupelziger Schamane mit Lederharnisch und braunem Umhang namens Eli’zarlunga. „Wir werden sie vernichten, wie es geschrieben steht! In den Abgrund hinauf wird sie fahren, wie es geschrieben steht...!“ Er zuckte, schüttelte sich und schrie wie in Ekstase.

„Ihr mit euren Heiligen Büchern!“, rief Plutejo. „Mir vollkommen egal, was wo geschrieben steht, und wen ihr in welche Hölle fahren lasst!“ Er löste seine Gurte. „Nur eines vergesst nicht: Die Ungötterburg gehört mir, wenn ihr hier fertig seid! Mir! Ist das klar?!“

„Unser Wort gilt!“, fauchte Caryxzar. „Die Schwarze Festung sei dein, wenn das Große Töten vorbei ist! Und jetzt raus!“

Plutejo öffnete erst die Beibootluke und gab dann den Code für das Außenhangar der Rheingold über eine manuelle Tastatur ein. Die Kalosaren hatten ihn aus dem gefangenen Piloten des Beibootes gepresst, einem gewissen Oberst Grishan Carvallo. Plutejo dachte lieber nicht daran, wie Caryxzar es angestellt hatte, den armen Mann zu einem derart schwerwiegenden Verrat zu bewegen. Welche Mittel auch immer er angewandt haben mochte – sie waren erfolgreich gewesen: Im VQ-Feld unter dem Frontfenster sah der Neunzehnjährige, wie die Hangarklappen sich wieder öffneten. Caryxzar kletterte aus der Luke, die beiden Krieger folgten ihm.

„Rotzärmel, verdammter!“, schimpfte Yaku vom letzten Sitz aus. „Glaubst du wirklich, sie warten jetzt, bis die Killerhorden ihre Klingen da unten an den Landungsstützen schärfen?“ Yakus Überlebenssystem hing über der Sitzlehne vor ihm, so dass kein Lingusimultaner sein Gezeter übersetzte. „Sie werden einfach starten, und Punkt!“ Sein Rabe hockte auf Venus Schulter und gackerte vorwitzig.

„Und warum haust du mir dann die Worte deines alten Buches um die Ohren, wenn du da so sicher bist?“ Plutejo schaltete den Lingusimultaner seines eigenen Schutzanzugs aus. Die Kalosarenenelite an Bord brauchte nicht jedes Wort zu verstehen. „Klar werden sie starten, Mann! Was glaubst du, warum ich diesen Job angenommen habe, du Klugscheißer!“

Der Weltläufer zerrte zu schweren Bündeln zusammengerollte Taue aus dem Fußraum zwischen den Doppelsitzen. Einen nach dem anderen warf er zu Caryxzar und den beiden Kriegern hinunter. Die drei Kalosaren lauerten bereits an den Rändern des offenen Hangarschotts. Fünfzehn Meter darunter bog sich hohes Gras im Wind. Plutejo hörte den Hufschlag der heranpreschenden Reittiere.

Eli’zarlunga begleitete jeden Handgriff des Weltläufers mit seiner religiös-fanatischen Salbaderei, die nun glücklicherweise kein Lingusimultaner mehr übersetzte.

„Ich bin stolz auf dich, Brüderchen!“ Ihren schweren, altertümlichen Strahler im Anschlag zwängte Venus sich an den Sitzen vorbei. „Man darf diesen pelzigen Gesellen nicht trauen!“ Sie kletterte aus der Luke in den Hangar hinunter. Das war nicht ganz ungefährlich, denn die Magnetklammer hielten das Beiboot direkt über der fünfzehn Meter langen und vier Meter breiten Öffnung fest. Man musste zuerst ein paar Schritte über einen schmalen und nur einseitig gesicherten Laufsteg gehen, und dann über eine in die Hangarwand eingelassene Stiege zum Rand der Öffnung hinunterklettern. Zehntausendfacher Hufschlag rückte näher und näher. Plutejo hörte bereits das Kriegsgeschrei der Kolosarenreiter.

„Du hast einkalkuliert, dass die Rheingold startet, bevor die Kriegshorden es erreichen?“, fragte Yaku ungläubig.

„Ich bin nicht blöde, alter Mann!“, zischte Plutejo. „Was soll ich mit einem Schiff voller Wilder anfangen? Wir warten bis die Fünf da unten für Unruhe an Bord sorgen, dann versuchen Venus und ich die Zentrale zu kapern. Inzwischen haben wir Übung in sowas. Du bleibst hier, machst die Hangarklappen zu und hältst das Beiboot besetzt. So bleibt uns ein Fluchtweg, falls es schief läuft!“ Der Weißhaarige schwieg verblüfft.

„Beiboothangar an Oberst Carvallo – das Bordhirn hat Elektroimpulse fremder Nervensysteme in Ihrem Spacelander angepeilt. Was ist los bei Ihnen?“

„Wir haben ein paar Gefangene gemacht“, entgegnete Plutejo seelenruhig, während er sein LK-Gewehr aktivierte. Der Weltläufer kletterte aus dem Beiboot; und endlich auch der vor Verzückung rasende Schamane.

„Suboberst Oshyan an Rheingold 07 – Sie wissen, dass nur der Kommandant entscheidet, was mit Gefangenen zu geschehen hat. Keinesfalls sind sie an Bord zu bringen, Oberst!“

„Jeder macht mal einen Fehler, ist doch so, Oshyan, oder?“

„Sind Sie erkältet, Oberst Carvallo? Ihre Stimme klingt eigenartig.“

„Ich bin über Sturmreihen der Angreifer geflogen und musste Rotz und Wasser heulen vor Angst. Das sind ja Millionen, die uns da besuchen wollen! Warum starten wir eigentlich nicht?“

„Keine Ahnung. Was ist los mit Ihnen? Wie reden Sie plötzlich? Sie melden sich sofort persönlich in der Zentrale!“

„Sowieso, Oshyan! Aber wir müssen starten, unbedingt!“

„Kommandant des Beiboothangars an Rheingold 07! Warum haben Sie das Hangar geöffnet? Suboberst Oshyan an Oberst Carvallo – schließen Sie sofort Hangar 07...! Was ist los mit Ihnen, Carallo, verdammt noch mal...!“

„Rheingold 07 an Zentrale! Warum starten Sie nicht?!“ Plutejo wurde nervös. Da lief etwas aus dem Ruder. „Sie müssen starten, Mann! Sofort!“ Er schwang sich aus dem Sitz, blickte zur Bugluke hinaus: Vier Seile hingen auf den Grasboden hinunter, den Widerhaken des fünften befestigte Caryxzar gerade im Teleskopscharnier der rechten Hangarklappe. Von unten kletterten schon die ersten Krieger der Kalosraren-Reiterei herauf...

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An Bord der Wyoming, 14. Februar 2554 nGG

Ist es denn wahr, dass wir erst vor acht Tagen gestartet sind? Mir will es scheinen, als seien wir bereits acht Wochen unterwegs. Fat Wyoming kommt mir in diesen Stunden des Triumphes wie eine blasse Erinnerung vor. Wie ein Träumender fühle ich mich hier als Ehrengast auf der Wyoming und als Mittelpunkt einer Flotte aus inzwischen sicher dreihundert Raumschiffen..

Der Reisekreuzer, den mir die Verwaltungsdirektion von Fat Wyoming zur Verfügung gestellt hat, bietet allen Luxus den man sich wünschen kann: Festbankette mit auserlesenen Köstlichkeiten von allen Planeten der Republik; Theater- und Konzertabende; festliche Bälle mit eigens eingeflogenen Orchestern; Schaukämpfe, Sportveranstaltungen, virtuelle Abenteuerreisen, und so weiter, und so weiter. Gestern verbrachte ich zwölf Stunden in der Heilbäderabteilung des Schiffes. Morgen werde ich mich den ganzen Tag im eigens für mich eingerichteten Labor meinen Forschungen widmen. Herz, was willst du mehr?

Und all das ist erst der Anfang! Was für ein Paradies an Kultur, Vergnügen und Arbeitsmöglichkeiten wird mich erst auf Terra Prima erwarten? Welche Wonnen und welche Lebensqualität wird erst der verbotene Planet mir und meiner Sippe bieten, da er uns nun nicht länger verboten ist, sondern seine Pforten weit geöffnet hat?

Ja, ich bin glücklich! Ja, aus vollem Herzen bekenne ich es! Aber welcher Sterbliche wäre nicht glücklich, wenn jener Traum sich ihm erfüllt, den 99,9999 Prozent aller Bürger ihr Leben lang vergeblich träumen?

Die Flotte wächst täglich. Aus allen Sternengegenden der Republik fliegen die Menschen herbei, um mich zu beglückwünschen. Meist Privatleute. Aber auch Abgeordnete von Verwaltungsdirektionen in der Nähe gelegener republikanischer Planeten, Kommandanten von Wachpatrouillen oder Kampfverbänden und Rektoren berühmter Akademien und Forschungsinstitute kommen an Bord der Wyoming, um mir zur Höchsten Ehrung zu gratulieren. Ich bin ganz offen: Es fällt mir nicht schwer dieses Übermaß an Ruhm und Anerkennung in vollen Zügen zu genießen.

Allerdings: Ich muss achtgeben – die vielen Imbisse und Umtrünke bekommen mir auf die Dauer nicht. Nach acht Tagen an Bord der Wyoming habe ich bereits die magische 212-Kilo-Marke hinter mir gelassen.

Und dann: Die tragischen Ereignisse um den famosen Subgeneral Bergen und Lady Josefina, diese verführerische Malerin, trüben die Feststimmung an Bord noch immer. Ja, doch – der Wermutstropfen war schon ungewöhnlich bitter. Das Festmahl vorgestern, am Abend jenes furchtbaren Tages, konnte ihn nicht wirklich mildern. Erst diese kurze aber heftige Raumschlacht, dann die Vernichtung der Johann Sebastian Bach, und als wäre das nicht schon ungeheuerlich genug, springt die Pegasus samt Subgeneral Bergen und Lady Josefina ins Hyperuniversum! Ohne sich von mir zu verabschieden! So etwas gehört sich doch nun wirklich nicht!

Nun gut, ich versuche, die schlimme Angelegenheit zu vergessen. Was nicht leicht ist, denn täglich findet sich jemand, der einen daran erinnert. Heute Morgen zum Beispiel, bei unserer täglichen Besprechung, behauptete Oberst Pierreluigi Kühn von der Cheyenne, die Besatzung der Johann Sebastian Bach habe aus lauter Verrätern bestanden und Subgeneral Bergen sei ihr Anführer gewesen.

Man muss sich eine solche Behauptung einmal im Ohr zergehen lassen – ein Flaggschiff mit lauter Verrätern an Bord; einer der angesehensten Offiziere der Flotte ein Verräter. Wundert es einen angesichts solch übler Verleumdungen noch, wenn zwei Omegaraumer der Flotte plötzlich das Feuer aufeinander eröffnen?

Ich jedenfalls kann es nicht glauben. Bergen ein Verräter - ich will es nicht glauben. Ich will meinen Triumphzug durch die Milchstraße genießen.

Noch 17.456 Lichtjahre bis zur äußersten Grenze des Solsystems. Wenn die Zahl der Gratulanten nicht deutlich geringer werde, seien wir noch mindestens drei Wochen unterwegs, sagt Oberst Kühn. Von mir aus kann die Zahl der Gratulanten ruhig noch ansteigen. Auf diese Weise lerne ich interessante Bürger der Republik kennen. Und die Menschen bringen zum Teil durchaus putzige, ja sogar wertvolle Geschenke mit.

Rüsselheimer, mein kleiner Dwingolangowarjunge, macht übrigens gute Fortschritte, was Lesen und Schreiben betrifft. Heute hat er mir fließend folgenden Satz vorgelesen, den ihm sein Lehrroboter aufgeschrieben hat: „Ich bin stolz darauf mit einen Höchstgeehrten zum Mutterplaneten der Menschheit fliegen zu dürfen...“

Aus Dr. Gender DuBonheurs Reisetagebuch

4

Aqualung im Tarkussystem, 54-02-14, 17:13:46 TPZ

Joseph Nigeryan trat einen Schritt zurück. Er brauchte nur einen Atemzug lang, bis er seine Fassung zurückgewonnen hatte. „Nigeryan an Kommunikator!“, sagte er ruhig aber sehr laut. „Protokollieren Sie jedes Wort, das hier oben gesprochen wird! Und protokollieren Sie vor allem folgendes: Der verehrte Herr Dolph Braun, Primoberst der GGS, richtete soeben einen Fauststrahler auf mich, und teilte mir mit, dass er eine Notsituation gegeben sieht, die ihn als Geheimdienstoffizier berechtigt, das Kommando zu übernehmen!“ Er stemmte seine Fäuste in die Hüften, blickte von Braun zu seinen Offizieren, und wieder zu Braun. „Kommandant an Maschinenleitstand!“, rief er trotzig. „Und jetzt starten wir!“

„Primoberst Braun an Maschinenleitstand: Wir starten nicht!“ Braun gab den Befehl mit der gleichen unbewegten Miene, mit der er Nigeryan die Waffe in den Bauch gedrückt hatte. „Primoberst Braun an Gefechtsleitstand – Feuer aus sämtlichen Laserkaskadengeschützen auf sämtliche von der Aufklärung erfasste Felix-Truppen!“

Es folgte keine Bestätigung. Weder auf Nigeryans noch auf Brauns Befehl. Die sechs Männer und Frauen auf Ebene I der Kommandozentrale waren längst von ihren Arbeitsplätzen aufgesprungen. Fassungslos beobachteten sie die beiden leitenden Offiziere im Kommandostand.

„Aufklärung an Zentrale: Die erste Angriffswelle erreicht soeben die Landungsstützen der Rheingold.“

„Was wird das jetzt bei euch da vorne?“ Der Chef des Waffenleitstandes verlor die Geduld. „Wir brauchen eine Entscheidung!“

„Primoberst Braun an alle. Ich bin Primoberst der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarde.“ Der kleinwüchsige, blasse Mann hob die Stimme. Ungewöhnlich kräftig klang sie plötzlich. „Wer von Ihnen die Durchführungsbestimmungen der Flotte gelesen hat, insbesondere im Anhang unter Sonderverordnungen römisch drei Paragraph sieben Absatz achtundzwanzig die Bestimmungen für die Zusammenarbeit zwischen regulären Truppen und GGS-Einheiten, der weiß, dass in Situationen, die einen Omegaraumer und seine Besatzung unmittelbar bedrohen, ein anwesender Geheimdienstoffizier...“

„Beiboothangars an Zentrale – mit Oberst Carvallo ist irgend etwas nicht in Ordnung! Er hat Gefangene mit an Bord gebracht! Ich hab ihm befohlen, sich sofort in der Zentrale zu melden!“

„...gegenüber einem anwesenden gleichrangigem Offizier der regulären Truppen weisungsbefugt ist.“ Während Nigeryan mit gerunzelter Stirn das akustische Modul des Bordfunks anstarrte, reagierte Braun gar nicht auf die Meldung aus der Hangarabteilung. „Da nun eine solche Notsituation eingetreten ist, übernehme ich vorübergehend das Kommando...“

„Oshyan an Zentrale! Noch einmal: Mit Carvallo stimmt was nicht! Er hat ohne Meldung das Außenschott von Hangar nullsieben geöffnet!“

„...und wiederhole folgende Befehle: Erstens – wir starten keinesfalls. Zweitens – wir schießen auf Felix. So viele der gemeingefährlichen Wilden auf einmal neutralisieren wir nie wieder! Ich warte auf Ihre Bestätigung, meine Damen und Herren!“

„Und was wird aus den Geiseln?“ Nigeryan wandte sich an seine Offiziere. „Was wird aus unseren Leuten?“

„Hangars an Zentrale: Kalosaren! Sie klettern an Seilen zu Hangar nullsieben hinauf! Kalosaren an Bord!“

Alle Gesichter in der Zentrale, außer Nigeryans, wurden bleich. Alle Augen richteten sich auf den neuen Ersten Offizier der Rheingold, einen dürrer Oberst namens Wangler. „Wangler an alle“, rief der mit heiserer Stimme. „Primoberst Braun hat recht! Wir müssen ihn vorübergehend als Schiffskommandanten akzeptieren!“

„Wahnsinn!“ Nigeryans breites Gesicht hatte die Farbe nasser Kohleasche, in die jemand ein Fass Tinte gekippt hatte. „Ihr seid ja wahnsinnig!“ Er stürmte vom Kommandostand auf die Galerie und an deren Balustrade entlang zur Luke, die zu seiner Privatsuite führten. Hinter ihr verschwand er fluchend.

„Maschinenleitstand an Zentrale – Triebwerke heruntergefahren!“

„Verstanden. Braun an Infanterie – zwei Kampfformationen zu Hangar nullsieben! Braun an Kommunikator – was ist das für ein Funkspruch, den Sie da aufgefangen haben?“

„Gefechtsleitstand an Zentrale – wir eröffnen das Feuer aus Laserkaskaden-Geschützen...!“

5

Vergeblich befahl der Mann von Doxa IV dem Bordhirn des Sparklancers das Außenschott von Hangar 07 wieder zu schließen. Der Rechner reagierte zwar auf den Code, das Schott aber rührte sich nicht. Yaku lehnte sich zur offenen Luke hinaus. Ein paar Meter unter ihm versuchte Plutejo die Klappen manuell zu schließen. Doch die Kalosaren drückten ihn von der Handkurbel weg. Sie hatten Äxte, Wurflanzen und Schwerter als Keile in den nur noch einen Meter breiten Spalt zwischen die Klappen gesteckt. In erster Linie aber blockierten die Widerhaken in den Teleskopscharnieren das Außenschott.

An die vierzig Kalosaren der Reiterei hatten sich inzwischen im Hangar versammelt. Und immer weitere kletterten durch den Spalt zwischen den Schottflügeln. „Schlagt euch zur Kommandozentrale durch!“, brüllte Yaku an die Adresse der Geschwister Tigern. „Raus aus dem Hangar! Dann kann ich sie unter Feuer nehmen!“

Plutejo nickte. Schulter an Schulter mit Venus stürmte er der Innenschleuse entgegen. Ein paar Kalosarenkrieger folgten ihnen. Die Katzenartigen stimmten ein markerschütterndes Geschrei an. Moses flatterte krächzend und scheinbar orientierungslos im Hangar herum. „Her zu mir!“, rief Yaku. Er stieß einen Pfiff aus, doch gleichzeitig sirrte eine Lanze zu ihm herauf. Gerade noch rechtzeitig zog er den Kopf ein. Die Lanze bohrte sich schräg in die Lehne des Copilotensessels. Yaku warf sich auf den Pilotensitz und schlug mit der flachen Hand auf den Teil der Instrumentenkonsole, auf dem sich die Schaltfläche für die Luken befinden mussten. Die Bugluke schloss sich.

Im Viquafeld sah er Plutejo und Venus durch das Innenschleusenschott auf den Gang dahinter springen und verschwinden. Zwei Dutzend Kalosaren folgten ihnen inzwischen. Ein schwarzer Schatten schoss durch das Bild – der Rabe.

„Ich werde ein Auge auf den Jungen haben müssen“, murmelte der Weißhaarige. Sein Schädel und sein Nacken schmerzten. Er war ziemlich sicher, dass Plutejo ihn draußen am Seeufer niedergeschlagen hatte. Oder sogar Venus? Gleichgültig. Wenn das Schicksal oder ein gnädiger Gott ihnen noch ein wenig Lebenszeit gönnen sollte, würde er sich revanchieren. „Ich muss den jungen Tigern im Auge behalten“, wiederholte er. „Der Bursche entwickelt sich allmählich zu einer Art Freibeuter...“

Etwa dreißig Kalosaren stürmten jetzt die Innenschleuse. Weitere zwanzig sammelten sich rund um die schrägstehenden Außenschottflügel. Wer sich oben festhalten konnte, half den von unten Herankletternden aus dem Trichter. Dreißig, fünfzig oder hundert Barbaren – den Kampfmaschinen und Infanteristen der Rheingold konnten sie nicht wirklich gefährlich werden. Aber wenn ihre Zahl noch wesentlich steigen würde...?

„Ich muss was tun“, murmelte Yaku. „Ich muss sie aufhalten...“ Er schielte auf das kleine Konsolenfragment mit den Kommunikatorinstrumenten. „Erst Bergen!“ Er aktivierte das Funkgerät, griff nach dem Mikro und schaltete auf die Außenfrequenz um, die der Subgeneral ein paar Minuten zuvor benutzt hatte. „Tellim an Johann Sebastian Bach 01! Können Sie mich verstehen, Bergen? Tellim an Johann Sebastian Bach 01! Wir haben Ihre Nachricht empfangen! Können Sie uns anpeilen? Doch Vorsicht...!“

Grelles Licht aus dem VQ-Feld blendete ihn. Er verstummte, schloss die Augen, kauerte sich in den Sitz. Irgendwo heulte ein akustischer Alarm. Das Beiboot vibrierte, dumpfe Schläge ertönten wie fernes Donnergrollen, die Kalosaren unter dem Sparklancer kreischten und schrien.

Yaku riss sein rechtes Auge auf. Noch immer merkwürdiges Licht im Sichtfeld, doch lange nicht mehr so grell. Rauchschwaden stiegen zur Hangardecke hinauf. Dutzende Kalosaren rannten wie in panischer Flucht durch die offene Innenschleuse nach rechts und links in den Hauptgang hinaus.

„Allmächtiger Gott!“ Yaku stöhnte auf, als er begriff. „Heilige Scheiße...!“ Statt zu starten, hatte die Rheingold das Feuer auf die Armeen der Aqualungbewohner eröffnet...

6

Eli’zarlunga, der Schamane, überholte Plutejo und Venus und setzte sich an die Spitze der inzwischen fast dreißigköpfigen Gruppe. Er sprang in die Luft, drehte sich um sich selbst, raufte sich die langen Haare seines Graupelzes und redete, redete und redete. Schaumiger Schleim trielte aus seinen Mundwinkeln.

„Was machen wir?“, zischte Plutejo seiner Schwester zu. Die vielen Kalosaren rechts und links von ihm und hinter ihnen verwirrten ihn. So hatte er sich seinen Weg zur Zentrale des fremden Schiffes nicht vorgestellt. „Warum starten sie nicht, diese Hohlköpfe?“ Er blickte nach links, er blickte nach rechts, er blickte zurück – immer mehr Kalosaren schlossen sich ihnen an. „Wie gehen wir vor, Schwester? Sollen wir sie in die Zentrale führen? Sollen wir sie einfach die Drecksarbeit für uns erledigen lassen?“

Sie nickte, blieb an einem Lifteinstieg stehen und aktivierte ihren Lingusimultaner. „Rein hier, ihr müsst hier rein!“

Caryxzar lehnte sich in den Controgravschacht, blickte erst nach oben, dann nach unten. Er zuckte zurück. „Willst du, dass wir abstürzen, verfluchtes Nackthautweib?“

„Der Erztöter ist mit uns! Die schwarze Festung ist unser...!“ Jetzt waren auch wieder die schrillen Absonderungen des Schamanen zu verstehen. „Weiter! Der Sieg ist unser! Ich spüre die Nähe des Heiligen Königs...!“ Gar keine Frage – der Alte war außer sich, er schwelgte in ekstatischen Verzückungen.

„Ihr werdet nach oben schweben, Erster Töter der Waldkalosaren am blauen Wasser von Lungur!“, rief Venus. „Vertraut mir!“ Sie spuckte in den Schacht, und als ihr Speichel nach oben trieb, wichen die Kalosaren erst erschrocken zurück, stiegen dann aber nacheinander in den Controgravschacht. Manche stießen Schreie der Begeisterung aus, als sie, plötzlich schwerelos geworden, den Schacht hinauf schwebten.

Plutejo hielt Caryxzar an seinem grünen Umhang fest. „Sagt dem Kerl, er soll Ruhe geben!“ Er deutete auf den salbadernden Alten.

„Du weißt nicht, was du redest, Plutejo Tigern von Genna!“ Der Kalosarenführer schlug die Menschenhand von seinem Gewand. „Eli’zarlungas Geist umschlingt den Erztöter und seinen Heiligen König! Eli’zarlunga ist unsere stärkste Waffe, solange er den Gott beschwört!“ Er stieg in den Schacht, hielt sich noch einen Augenblick fest und sah zu Plutejo zurück. „Gelangen wir auf diesem Weg ins Herz der Ungötterfestung?“

„Oh ja, beim dreckigen Eis von Genna, das tun wir!“ Er und Venus schwangen sich zuletzt in den Schacht. Ohne viel zu reden waren sie sich einig, die blutgierigen Kalosaren als Puffer zwischen sich und den unvermeidlichen Kampfeinheiten der Rheingold auszunutzen.

Unter Plutejo krächzte und flatterte es. Er sah nach unten – Tellims Rabe hing hilflos im Controgravstrahl, riss den Schnabel auf, gackerte kläglich und zuckte mit Schwingen und Beinen. Die relative Schwerelosigkeit schien Moses zu überfordern. Plutejo hielt sich fest, wartete und griff schließlich nach dem heraufschwebenden Vogel. „Scheiß dir nicht in die Federhosen, du vorwitziger Geier!“ Er setzte sich das Tier auf die Schulter.

Die Frontkuppel eines Landungsschiffes war dreißig Meter hoch. Rechts und links der Zentralkuppel maß der Schiffsrumpf fünfundzwanzig Meter und hatte sieben Ebenen. Sie schwebten an den Ausstiegen zu den Ebenen II und III vorbei. „Raus!“, rief Venus kurz vor dem Ausstieg zu Ebene IV. Die Kalosaren stellten sich linkisch an, doch nach und nach schafften sie den Ausstieg aus dem Liftschacht; der Schamane als erster. Sekunden später hörte Plutejo Kampfgeschrei und Lärm. Licht blitzte hinter dem Liftausstieg auf.

Die Kalosarenkrieger schreckte das nicht: Auch die letzten schlüpften aus dem Schacht. Plutejo und Venus hielten sich an den Wandbügeln fest und spähten zuerst vorsichtig auf den Gang hinaus. Sieben oder acht tote Kalosaren lagen dort auf dem Boden. Die anderen zwei Dutzend stürmten einem Verband aus zwei Kampfformationen entgegen – sechs Kampfmaschinen und zwei schwerbewaffneten Infanteristen. Ein Krieger nach dem anderen ging von Energiekaskaden tödlich getroffen zu Boden. Aber auch die beiden Infanteristen taumelten plötzlich. Plutejo erkannte kleine Pfeile in ihren Hälsen.

Auf einmal vibrierten Schachtwand und Griffbügel. Plutejo und Venus spürten es beide. Wie von fern ertönte dumpfes Grollen. „Was ist das? Starten sie endlich...?“ Plutejo hob ratlos die Schulter, er spähte wieder aus dem Schacht.

Neun überlebende Kalosaren überrannten die Roboter einfach. Ein paar von ihnen hieben mit Schwertern und Äxten auf die Gehäuse der Kampfkegler ein. Die anderen sieben oder acht folgten ihrem Anführer und ihrem Schamanen. Plutejo wunderte sich, weil der Ekstatiker noch lebte, obwohl er doch als erster ins Feuer der Kampfformationen gelaufen sein musste.

Venus sprang aus dem Schacht, Plutejo hinterher. Sie zerstörten die umgerissenen und zerbeulten Kampfmaschinen mit Hochenergiekaskaden aus ihren Strahlern und rannten in die Richtung, in der die arg geschrumpfte Kalosarentruppe verschwunden war.

Sekunden später hörten sie Metall gegen Metall hämmern. Sie spurteten über den Hauptgang, erreichten die letzte Biegung und sahen Caryxzar und seine Krieger vor einem der beiden Hauptschotte der Kommandozentrale, dem linken. Mit Beilen und Schwertklingen und angefeuert von ihrem Schamanen hieben die Krieger auf das Quotarbon-Schott ein.

„Liegt dahinter das Herz der Ungott-Festung?“, schrie Caryxzar. „Sag es mir, Plutejo Tigern von Genna! Wohnt dahinter der Anderstöter?“ Moses erhob sich von Plutejos Schultern und flatterte zu den Katzenartigen.

„Woher soll ich das wissen...?“, rief Plutejo. Im selben Moment schoben sich die Schottflügel auseinander. An der Spitze ihrer überlebenden Krieger stürmten Caryxzar und Eli’zarlunga in die Zentrale. Der Rabe rauschte über ihre Pelzköpfe hinweg. Plutejo und Venus drückten sich an die Gangwand.

Laserkaskaden fuhren unter die Kalosaren. Ein kleiner, blasser Mann war es, der da vom Kommandostand aus schoss. Venus warf sich auf den Boden und rollte aus dem Schottbereich. Plutejo drückte sich dicht an die Gangwand und richtete seinen alten Strahler auf den kleinen Mann im Kommandostand. Doch statt zu schießen, blinzelte er wie geblendet, denn gleißendes Licht strahlte außerhalb der Frontkuppel. Und im Viqua-Feld brannte eine Welt...

7

34.560 Kilometer über Aqualung, 54-02-14, 17:20:06 TPZ

Zwischen der Umlaufbahn des neunten und des zehnten Planeten tauchten sie aus dem Hyperuniversum im Tarkus-Systems auf. Dreizehn Stunden später erreichten sie Aqualung, den vierten Planeten der Sonne. Sie schliefen abwechselnd. Das Bordhirn steuerte die Johann Sebastian Bach 01 in eine Umlaufbahn um Aqualung.

Über eine Geheimfrequenz setzte Bergen ein paar Funksprüche an die Adresse Tellims und seiner Begleiter ab. Die reagierten nicht. „Was wissen wir schon?“, sagte Cludwich mürrisch. „Vielleicht sind sie ja gar nicht da unten gelandet!“ Seit er sein Schiff, die Troja, verloren hatte, war der untersetzte, kräftig gebaute Mann mit dem grauen Stoppelschädel noch wortkarger geworden. Vielleicht missfiel ihm auch Bergens Plan, mit einem Gesetzesbrecher und zwei Sträflingen zusammenarbeiten zu wollen. Primoberst Sibyrian Cludwich genoss einen Ruf als äußerst gewissenhafter Kommandant.

„Vielleicht sind sie längst tot.“ Sarah Calbury, ehemalige Zweite Offizierin der Brüssel, teilte seinen Pessimismus.

„Letzteres kann ich nicht ausschließen“, sagte Heinrich, in der freundlichen Art, die für Kunsthirne so bezeichnend war. „Gegen ersteres jedoch sprechen alle Wahrscheinlichkeitsrechnungen.“

Und ein paar Minuten später geschah es: Eine Männerstimme meldete sich auf der Geheimfrequenz. Tellim an Johann Sebastian Bach 01! Wir haben Ihre Nachricht empfangen! Können Sie uns anpeilen? Doch Vorsicht...!

Und damit endete der Funkspruch schon. Dennoch gelang es dem Bordhirn die Quelle anzupeilen. Merican Bergen – er trug die ISK-Kappe und saß im Pilotensitz des Sparklancers – ging bis auf eine Flughöhe von dreihundert Kilometern herunter. Auf der Konsole blinkten plötzlich ein paar Leuchten, fast alle im Fragment des Aufklärungsmoduls.

„Das Bordhirn meldet schlagartige Energieentfaltung irgendwo hinter dem Horizont“, sagte Bergen. „Dazu extrem hohe Temperaturen. Irgend jemand feuert da mit hochkonzentrierter Energie.“ Er drückte das Fluggerät nach unten.

„Sie wollen trotzdem runter, mein Subgeneral?“, fragte Cludwich. „Ist das nicht zu gefährlich?“ Bergen reagierte nicht.

Sie flogen über die Nachtseite des Planeten. Der Sparklancer erreichte die Ausläufer der Atmosphäre. Der Planetenhorizont in Flugrichtung leuchtete, als stünde er in Flammen. Bald sahen sie den Strahlenkranz des Tarkuslichts. Sie erreichten die Tagseite. Eine dichte Wolkendecke glitt tief unter ihnen dahin.

Eine Zeitlang sprach keiner ein Wort. Alle versuchten an den Vordersitzen vorbei oder durch die Lücke zwischen den Doppelsitzschalen hindurch das VQ-Feld, die Instrumentenkonsole oder wenigstens das Sichtfenster am Bug im Auge zu behalten. Die Wolkendecke bekam Lücken, wurde lichter und lichter, riß endlich ganz ab. Eine zum Teil rötliche Planetenoberfläche glitzerte unter ihnen.

„Gewässer“, kommentierte Bergen. „Ein Ozean. Stark eisenhaltig, wie es aussieht.“ Bis auf achtzig Kilometer war die Flughöhe inzwischen geschrumpft. In flachem Winkel steuerte Bergen den Boden an. Am Horizont löste eine nuancenreiches Grün das Rot des Meeres ab. Und wenige Minuten später, inmitten des Grüns, wieder ein Lichtschein. „Alle Instrumente behaupten, das seien Flammen“, sagte Bergen.

„Ein Omegaraumer.“ Heinrichs synthetische Augen richteten sich auf das kleine Aufklärungssichtfeld. „ISD 240 Meter. Ein Frachter der Klasse I oder ein Landungsschiff.“

„Dem Feuerwerk nach, das es in den Wäldern veranstaltet, ist es wohl ein Landungsschiff“, kam Homer Goltz’ Stimme aus dem Heckbereich.

„Und seinem Energieniveau nach ebenfalls.“ Merican Bergen sprach leise. Seine Miene war die eines hochkonzentrierten Mannes.

„Streckt unsere ruhmreiche Republik ihre gierigen Finger also schon wieder nach einem Planeten außerhalb ihrer Grenzen aus“, sagte Sarah Calbury, mit einem sarkastischen Unterton, den Bergen noch nie an ihr bemerkt hatte.

„Grenzen?“ Bergen stieß ein bitteres Lachen aus. „Kennt einer wirklich Grenzen, solange kein Stärkerer ihn in seine Grenzen verweist, Primhauptfrau Calbury?“ Er holte den Omegaraumer in das Haupt-VQ-Feld unter der Frontkuppel. Die schwarzen Umrisse des großen Raumschiffes wurden sichtbar, verschwommen erst, dann immer schärfer. Um den Omegaraumer herum brannten Wälder und Berghänge.

„Sieht aus, als wäre er mitten in der Hölle gelandet“, sagte Roderich Stein heiser.

„Sieht eher aus, als hätte seine Besatzung die Umgebung erst in eine Hölle verwandelt“, widersprach Bergen. Er änderte den Kurs, ging noch tiefer und flog eine Schleife um das Landungsschiff. „Das Bordhirn behauptet, Tellim hätte aus diesem Raumer gefunkt.“

Minuten später flogen sie in knapp tausend Meter Höhe über die Hölle hinweg. Etwa vier Kilometer entfernt stand der Omegaraumer auf der erhöhten Ebene einer kleinen Hügelkette. Er feuerte in einem 360-Grad-Winkel aus allen Laserkaskadengeschützen auf die Ebene, in die Hügel und in die Wälder hinein. Alle, außer Bergen und sein Robot, lösten ihre Gurte und standen auf. Sie hielten sich an den Lehnen der Vordersitze fest und lugten zum VQ-Feld. Keinem, dem nicht der Atem stockte: Dort draußen in den Hügeln und in den Wäldern tobte die reinste Apokalypse.

8

In seiner Privatsuite stapfte Joseph Nigeryan zu seinem Garderobenschrank. Er riss beide Türen auf, aktivierte den Sensor des hohen aber schmalen Tresors an der Rückwand mit seinem Daumenprofil und einem Codewort. Das Codewort musste er dreimal sprechen, bis der Sensor sie akzeptierte – die Wut raubte seiner Stimme den gewohnten Klang. Endlich erfasste der Sensor die Daten der I-Ziffer in Nigeryans Ohrläppchen. Der Tresor sprang auf, Nigeryan entnahm ihm die Waffen und das Überlebenssystem.

Er warf die Waffen auf sein Bett und stieg in den Schutzanzug. Den Helm ließ er zurückgeklappt; vorläufig. Er aktivierte das Kommunikatormodul des Überlebenssystems. Jedes Wort, das über Bordfunk gewechselt wurde, hörte er jetzt mit. Die Wut brannte in seinen Eingeweiden.

Er nahm den Fauststrahler vom Bett auf, steckte ihn in die rechte Beintasche seiner Bordkombi und schloss das Überlebenssystem darüber. Danach nahm er das schwere Gravitongewehr vom Bett auf, aktivierte es mit seinem Individualcode und schnallte es sich auf den Rücken. Zuletzt bückte er sich nach dem viel kleineren und handlicheren Laserkaskadengewehr. Auch das aktivierte er mit seinem Code...

Das war der Augenblick, in dem der Rumpf der Rheingold vibrierte, und der Feuerorkan aus ihren Geschützen in der Ebene rund um den Landeplatz und in die Wälder rings um die Hügelkette einschlug.

Nigeryan stand wie erstarrt und lauschte dem Donnern und Dröhnen. Obwohl er seit neun Jahren Kommandant des Landungsschiffes war, hatte er noch nie am Boden den Beschuss aus LK-Geschützen befohlen; und folglich auch nicht erlebt. Erst als er jenseits der transparenten Kuppel, die seine Suite überwölbte, Glutkugelstrahlen von Laserkaskaden aufleuchten und Lichtblitze aufflammen sah, begriff er die Vibration unter seinen Stiefeln und die Gewittergeräusche.

„Mörderbürokrat! Herzloser Machtkrüppel!“ Fluchend schaukelte er aus seiner Suite und stürmte in die Zentrale. „Du eiskaltes Untier!“ Er fluchte noch, während er entlang der Balustrade über die Galerie hetzte. „Machtmonstrum, Mörderhirn...!“ Erst als er sah, dass Braun breitbeinig auf dem Kommandopodest stand und aus seinem Fauststrahler auf Ziele feuerte, die sich Nigeryans Blickfeld noch entzogen, erst dann erstarb ihm der Rest seiner Fluchtirade auf den Lippen, und er stand still, als wäre er gegen ein ultradichtes Controgravfeld geprallt.

Kolosaren! Für den Bruchteil einer Sekunde hoffte er, seine Wut hätte ihn in eine Art Tagalbtraum gestoßen – aber nichts da mit Tagtraum: Kalosaren in der Zentrale der Rheingold!

Nigeryan legte den LK-Strahler an und rannte weiter. Hinter der Frontkuppel brannten Wälder und Hügel, im Hauptsichtfeld loderten Flammen und krümmten sich brennende Gestalten. Da! Vier oder fünf der Katzenartigen stürmten zum Kommandostand. Zwei brachen in den Energiekaskaden aus Brauns Fauststrahler zusammen. Nigeryan drückte den Auslöser. Die Glutkugeln zischten in die Zentrale hinein, trafen zwei weitere Kalosarenkrieger, trafen aber auch die Schnittsstelle, hinter der sein Chefkybernetiker in Deckung lag. Völlig unverantwortlich in der Zentrale aus Laserwaffen zu feuern!

Der fünfte Kalosare erreichte den Kommandostand. Nigeryan zielte auf ihn, hätte aber riskiert den ungeliebten Braun zu treffen. Sollte er so weit gehen? Während er noch zögerte, richtete Dolph Braun selbst seine Waffe auf den Wilden, doch plötzlich flatterte etwas Schwarzes in Nigeryans Blickfeld, jagte über den Kalosaren hinweg und landete auf Brauns Kopf. Der wich erschrocken zurück, versuchte das gefiederte Tier aus seinem Haar zu schlagen. Der große Vogel aber hatte sich darin festgekrallt, mit seinem starken schwarzen Schnabel hackte er auf Brauns Kopfhaut herum. Nigeryan traute seinen Augen nicht.

Braun indessen torkelte, verlor den Halt und hielt sich mit beiden Händen am Kommandosessel fest. Ein Axthieb traf seine Rechte, der Strahler entglitt seiner Faust. Der fünfte Kalosarenkrieger richtete sich zu voller Größe vor dem Primoberst auf, um drei Köpfe überragte der über zwei Meter große Eingeborene den Mann. Er packte die Axt mit beiden Pranken, holte aus und ließ sie auf Brauns Schädel niedersausen.

Der Rabe flatterte auf, rauschte an Nigeryan vorbei und landete irgendwo hinter ihm auf der Balustrade. Ein hartes, splitterndes Geräusch mischte sich in den allgemeinen Kampflärm, als die Axt in Brauns Kopf fuhr. Etwas wirbelte durch den Raum und prallte außerhalb von Nigeryans Blickfeld gegen Metall. Im Kommandostand ging Braun zu Boden. Der Wilde warf sich auf ihn, hob die Fäuste, und jetzt blitzte eine lange Klinge darin auf. Gnadenlos und in gleichmäßigem Rhythmus stach er damit auf den Sterbenden ein.

Nigeryan hob seine Waffe. Jetzt kam es nicht mehr darauf an. Doch bevor er den Auslöser drücken konnte, schossen Laserkaskaden von links in sein Blickfeld und erwischten den Rücken des Eingeborenen. Der schrie gellend, drehte sich ein paar Mal um sich selbst, und brach endlich über dem reglosen Braun zusammen. Die Energiesalve war vom linken Hauptschott ausgegangen.

Nigeryan rannte weiter, erreichte das Ende der Balustrade und wollte zum linken Hauptschott, um es zu verbarrikadieren. Trotz Alarmstufe Rot, schien noch keiner seiner Offiziere sich bewaffnet zu haben. Er war der einzige, der das Schott verteidigen konnte; er und der Schütze, der Brauns Mörder getötet hatte.

Plötzlich flog der Körper eines Kalosaren in hohem Bogen vom Kommandostand in die Zentrale hinein. Nigeryan stockte der Atem. Er duckte sich und stand wie festgefroren. Braun hatte den Eingeborenenkrieger von sich gestoßen. Jetzt sprang er auf, riss seinen Strahler hoch und schoss in die Menge der Kalosaren, die noch immer in die Zentrale stürmten. Dabei stieg er die drei Stufen vom Kommandostand hinunter. Der Brustteil seiner Bordkombi hing teilweise in Fetzen, an seinem Hals klafften tiefe Wunden, die halbe Schädelschwarte und Teile der Stirnhaut und der linken Wange fehlten oder baumelten auf Rücken und Schultern. Dennoch stelzte er kerzengerade den Angreifern entgegen und jagte eine Laserkaskade nach der anderen unter sie.

Und wieder zweifelte der schwarze Schiffskommandant an seinen Sinnen, denn trotz der schweren Schädel- und Gesichtsverletzungen blutete sein Kontrahent nicht...

9

Links des Schottrahmens lauerte Venus, rechts Plutejo. Sie sahen Blasrohrpfeile schwirren, sie sahen Kalosarenkrieger im Feuer eines LK-Strahlers zusammenbrechen, sie sahen Moses über den Kampfplatz schwirren, und sie sahen den kleinen Offizier im Kommandostand unter den fürchterlichen Axthieben zusammenbrechen. Die Axtklinge brach ab, trudelte durch die Zentrale, schlug von innen gegen den Schottrahmen und prallte auf der Schwelle des Schottes auf den Boden.

Der Krieger hackte mit einem Messer auf den Offizier ein, und jetzt erst schoss Plutejo. Venus aber starrte die Axtklinge an – eine metallene Bruchstelle glänzte; nicht nur der armdicke Holzstiel war zersplittert, nein: die Klinge selbst war zerbrochen...

Auf dem Gang stürmte eine Gruppe Kalosaren vom Liftschacht heran. War das Schiff noch immer nicht gestartet? Hatte Yaku das Außenschott doch nicht schließen können?

Plutejo stieß einen Schrei aus, der halb nach Wut und Fluch und halb nach Schreck und Selbstberuhigung klang. Venus blickte auf – der Kalosare, der den kleinen Offizier getötet hatte, lag auf einmal rücklings in der Zentrale und streckte die Glieder von sich. Der vermeintlich Tote aber stieg aus dem Kommandostand und feuerte auf die Kalosarenkrieger, die jetzt an Venus und Plutejo vorbei in das Herz des Schiffes unter die Frontkuppel stürmten. Einer nach dem anderen brach im Feuer des Wiederauferstandenen zusammen, zuckte noch ein paar Mal und streckte sich dann.

Es stank nach verbranntem Haar und versengtem Fleisch. Ein Brechreiz würgte Venus. „Vorsicht!“, schrie Plutejo und feuerte in die Zentrale hinein. Der schon Totgeglaubte schritt über die Leichen der Kalosarenkrieger hinweg und zielte auf Venus. Sie ließ sich auf den Boden fallen, der Kaskadenstrahl fauchte über sie hinweg. Plutejo schoss unablässig auf den kleinen Offizier. Der sah zum Fürchten aus – Fleisch und Haut hingen ihm ähnlich zerfetzt von Kopf und Hals, wie der Stoff seiner Kombi von seiner Brust. Sein vom Axthieb blankgelederter Schädelknochen glänzte bläulich. Warum um alles in der Welt aber blutete er nicht? Und warum war der Mann bei Bewusstsein und konnte gehen, zielen und schießen?

Venus schrie ihr Entsetzen hinaus. Zugleich hielt sie ihr Dauerfeuer auf den kleinen Körper aufrecht, der eigentlich tot sein musste. Auch Plutejo deckte ihn mit Laserkaskaden ein. Kleider, Fleisch und Haare brannten längst, und dennoch schritt er näher, und dennoch schoss er auf sie. Bis Plutejo die Stelle traf, an der die linke Augenhöhle gähnte. In ihre glitzerte etwas, das wie ein Augapfel aussah, aber keiner war. Exakt dieses Ding traf Plutejos Kaskadenstrahl. Und jetzt erst sank dem Toten die Waffe, jetzt erst blieb er stehen, torkelte sogar rückwärts, stolperte über die Leichen der Eingeborenen, und schlug auf den Stufen zum Kommandostand auf.

Ein letzter noch lebender Kalosare warf sich auf ihn – Plutejo zielte auf ihn und drückte ab...

10

„Das ist nicht wahr“, flüsterte Mercan Bergen. „Das glaube ich nicht...“ In den Hügeln und Berghängen stiegen Fontänen aus Geröll, Glut und Dreck auf; die bis zu dreihundert Meter hohen Bäume des Waldes waren riesige Fackeln; schwarze Rauchpilze wuchsen in den Himmel; Dampfschwaden mischten sich in die Flammen, wo die Laserkaskaden in Seen und Flussläufen eingeschlagen waren. Auf einer Breite von zwanzig Kilometern brannte der Wald um die Hügelkette herum in einem fast geschlossenen Feuerring.

„Was für ein Wahnsinn!“, stöhnte Roderich Stein. „Ein Verbrechen“, flüsterte Sarah Calbury. „Warum tun sie das?“, fragte Homer Goltz. „Was hat das für einen Sinn?“

Auf Anweisung Bergens zoomte das Bordhirn die Hochebene mit dem Omegaraumer näher heran. Dort schlugen besonders viele Glutbälle ein. Zwischen Bränden, Kratern und Geröllfontänen lagen Reittiere und Reiter, brannten vierrädrige Wagen und Zugtiere, wälzten sich brennende Leiber in den Flammen. Dazwischen aber sahen sie kleinere Gruppen von Reitern zum Landeplatz galoppieren. Vereinzelt rannten auch Fußtruppen zum Schiff. Großaufnahmen bewiesen die primitive Bewaffnung der Angreifer: Lanzen, Äxte und Schwerter. Zwischen den Landungsstützen sammelten sich die Gestalten. An Tauen, die aus unvollständig geschlossenen Hangarklappen am Unterboden des Landungsschiffes heraushingen, kletterten viele von ihnen an Bord.

„Ureinwohner!“, rief Bergen. „Überall! Das Bordhirn hat ihre Wärmequellen herausgefiltert. Der Wald ist voll von ihnen. Es müssen Hunderttausende sein!“

„Was für ein Wahnsinn!“, entfuhr es Goltz schon wieder. „Sie greifen den Omegaraumer mit Eisenwerkzeugen an!“

„Sie müssen Helfer an Bord haben“, murmelte Cludwich. „Wie soll man sonst die Seile und das offene Hangar erklären?“

„Ich frag mich, warum der Kommandant nicht einfach starten lässt“, sagte Bergen. „Was für eine Degeneration von Mensch muss man sein, um Hunderttausende Barbaren und ihren Lebensraum in Flammen zu schießen!“ Die Stimme des Rothaarigen bebte vor Zorn.

„Möglicherweise gibt es Gründe, die einen Start verhindert haben“, sagte Heinrich, und jedem leuchtete die Schlussfolgerung unmittelbar ein.

„Trotzdem - was für eine Verwüstung!“, flüsterte Homer Goltz. “Welch ein Massenmord! Das hat ja apokalyptische Ausmaße! Selbst angenommen, das Schiff hätte wirklich nicht starten können – ein paar Kampfformationen hätten ausgereicht, um den harmlosen Angriff zurückzuschlagen. Jemand muss ja dem Gefechtsstand befohlen haben, das Feuer aus Kaskadengeschützen zu eröffnen. Nein, nein...“ Fassungslos schüttelte er den Kopf. „Da muss ein Wahnsinniger an Bord sein...“

„Yakubar Tellim an die Johann Sebastian Bach 01 – hören Sie mich, Bergen...?“

Merican Bergen beugte sich über die Konsole. Die Funkquelle befand sich tatsächlich innerhalb des Landungsschiffes. „Ich hab Sie angepeilt, Tellim! Was ist los an Bord des Omegaraumers?“

Plötzlich bewegte sich der schwarze Koloss auf der Hochebene. Angreifer, die eben noch am Seil zum Hangar hinaufkletterten, verloren den Halt und stürzten ab. Das gigantische Landungsschiff löste sich vom Boden und stieg aus Flammen und Qualm in den Aqualunghimmel.

11

Primoberst Joseph Nigeryan wankte zu seinem Kommandostand. War der Albtraum endlich vorbei? Er blickte sich um: Sein Zweiter Navigator und sein Chefwissenschaftler hingen reglos in ihren Arbeitssesseln. Kleine Pfeile steckten in ihren Hälsen. Dragurowka Sem, seine Zweite Offizierin hockte einem massigen Kalosaren in grünem Umhang auf der Brust und bearbeitete ihn mit ihren Fäusten. Warum nur musste sie derart hysterisch schreien? Die anderen Offiziere entdeckte er nirgends. Irgendwo jammerte jemand in unverständlicher Sprache.

Durch das linke Hauptschott rannte ein kaum zwanzigjähriger Bursche in die Zentrale. Er war groß, breit und trug ein Überlebenssystem der Flotte. Nie zuvor hatte Primoberst Joseph Nigeryan dieses grobe, kantige Gesicht gesehen. Eine junge Frau folgte ihm, auch sie in Schutzanzug, auch sie unbekannt. Sie war klein und sehnig, hatte lange, schwarzes Locken, ziemlich verfilzt, und eine Hautfarbe, die Nigeryan an ein Metall erinnerte, dessen Namen ihm nicht einfallen wollte.

Als ihre Blicke sich mit seinen trafen, verlangsamte das Paar seine Schritte. Über die Leichen von vier oder fünf Kalosaren hinweg schritten sie auf ihn zu. Ihre Strahler machten nicht den modernsten Eindruck, und er konnte keine Namensschilder an ihnen entdecken, an denen er ihren Rang hätte ablesen können.

All das registrierte Joseph Nigeryan innerhalb weniger Sekunden. Da die Fremden auf die Kalosaren geschossen hatten, ordnete er sie vorläufig in die Schublade mit dem Etikett Flottenangehörige ein. Andererseits: Hatten sie nicht auch auf Braun geschossen? Notwehr, sagte er sich, es war Notwehr.

Er wandte sich ab, steckte seinen LK-Strahler in das dafür vorgesehene Holster an der linken Hüfte, wich den Leichen der Wilden aus und stieg die drei Stufen zum Kommandostand hinauf. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie seine Offiziere aus ihren Deckungen krochen. Auch aus Ebene II rannten sie schon die Treppe herauf, der Kommunikator und der Erste Aufklärer. Jemand kümmerte sich um die von Pfeilen betäubten Männer im Navigationsstand und vor der Hauptschnittstelle.

Der letzte Kalosare, den die Fremden erschossen hatten, lag quer über Brauns schmächtigem Körper. Sein pelziger Rücken war zerschossen, das verbrannte Gewebe warf Blasen. Überall Blut, und es stank nach verbranntem Haar. „Nigeryan an alle! Braun ist tot! Feuer einstellen! Starten!“ Die Bestätigungen kamen sofort.

Das unverständliche Gejammer wollte nicht verstummen. Nigeryan blickte ins Hauptsichtfeld: Brennende Wälder, brennende Hänge, Dampfschwaden, Rauchpilze, brennende Kreaturen. Ein Brechreiz würgte ihn. Er schielte zu Brauns Leiche hinunter – bei allen Planeten der Republik, wie er ihn hasste! Wie sehr er ihm diesen Tod gönnte!

Unter dem Sichtfeld, nur drei Schritte vom Kommandostand entfernt und direkt vor der Frontkuppel, hockte ein Kalosare in Lederharnisch und mit langem, grauem Fell. Er presste Stirn und Handflächen gegen die durchsichtige Kuppel, und beheulte und bejammerte das Inferno unter ihm in den Wäldern und Hügeln seiner Heimat. Der Anblick schnürte Nigeryan das Herz zusammen.

Der schwarze Primoberst wandte sich von dem Elenden ab. Unwillkürlich schielte er aufs Neue zu Brauns Leiche hinunter. Deren unbeschädigtes Auge blickte so wach, als könnte es noch sehen. Doch tiefe Wunden klafften in Brauns Stirn, in seiner nur noch zur Hälfte vorhandenen Schädelschwarte, in seinem Hals. An ihrem Grund schimmerte es blau. Flüssigkeit sickerte heraus; kein Blut. Die linke Schädelhälfte lag praktisch frei bis auf den Schädelknochen. Seltsamer Schädelknochen – er sah ein bisschen aus wie nasses Glas und glänzte bläulich.

Das Donnergrollen ebbte ab, von fern hörte Nigeryan die Triebwerke summen. Wie ein Stöhnen ging es durch den Schiffsrumpf – die Rheingold hob ab.

„Bordsicherheit an Kommandanten – mindestens achthundertsechzig Kalosaren sind an Bord, ausschließlich im linken Schiffsschenkel. Kämpfe in L-67-5-3-16 und bei Hangar nullsieben...“

Primoberst Joseph Nigeryan stöhnte laut und sank in seinen Sessel. „Kommandant an Bordsicherheit und Infanterie – sämtliche einsatzbereite Kampfformationen rücken aus. Je eine an die eben genannten Positionen, die anderen durchkämmen den linken Schiffsschenkel. Nur wer seine Waffen freiwillig ablegt, wird verschont!“

Nacheinander gingen vier Bestätigungen ein. Zwei Kampfformationen hatte Braun bereits zu Hangar 07 geschickt. Demnach gab es also nur noch sechs einsatzbereite Kampfformationen an Bord? Wieder einmal rückten sie ihm schmerzlich ins Bewusstsein, die Verluste, die er in den letzten drei Wochen hatte hinnehmen müssen.

„Aufklärung an Kommandanten – wir haben einen Sparklancer in den Peilfeldern. Er umkreist die Rheingold im Abstand von drei bis vier Kilometern.“

„Einer aus unseren Hangars?“ Nigeryan erschrak vor seiner eigenen Stimme: Sie klang kraftlos und gleichgültig.

„Nein. Sein ID-Muster weist ihn als Beiboot der Flotte aus, aber zur Rheingold gehört er nicht.“

„Ignorieren.“

Irgendwo krächzte der Vogel. Primoberst Nigeryan spürte einen Luftzug am Ohr. Er blickte hinter sich. Der Rabe hockte unter ihm auf Brauns Leiche. Vor dem Kommandostand warteten die beiden Fremden. Sie hatten die Waffen gesenkt und wirkten irgendwie unschlüssig. Nigeryan stand auf und stieg zu ihnen hinunter. „Wer sind Sie? Und wie sind Sie an Bord der Rheingold gekommen?“

12

Nur bis auf einen Spalt von zehn Zentimetern Länge hatte Yaku die Bugluke geöffnet. Trotzdem bliesen sie ihre kleinen Giftpfeile bis ins Innere des Beibootes. Sogar mit ihren Lanzen trafen sie durch den Spalt. Auf den vorderen Sitzen steckten oder lagen schon sieben Wurflanzen.

Natürlich schoss er auf sie herab, aber an gezielte Kaskaden war nicht zu denken. Trotzdem traf er hin und wieder einen von ihnen, denn er hatte seine Waffe auf Streustrahlung eingestellt. Doch sobald sich der Lauf seines LK-Strahlers im Lukenspalt zeigte, setzten sie ihre Blasrohre an und spuckten ihre giftigen Pfeile zu ihm hinauf. Unter diesem primitiven aber wirksamen Feuerschutz kletterten ihre Waffenbrüder an den Seilen in den Hangar hinein. Jede Minute etwa fünfundzwanzig – sie waren unglaublich flink. Und Angst schienen sie nicht zu kennen.

Irgendwann entdeckte Yaku einen Reflex im VQ-Feld des Ortungsmoduls. Ein Sparklancer. Unter dem Lukenspalt hindurch kroch er zur Instrumentenkonsole und aktivierte das Funkmodul. Er setzte eine Nachricht an die Adresse Bergens ab. Prompt kam die Antwort: „Ich hab Sie angepeilt, Tellim! Was ist los an Bord des Omegaraumers?“

Auf einmal ging ein Ruck durch den Rumpf des Schiffes. Im Hauptsichtfeld beobachtete Yaku, wie die Kalosaren dort unten strauchelten und stürzten. Er robbte zur Luke, streckte den Waffenlauf heraus und verschoss weitgestreute Energiefächer. Kein Giftpfeil zischte mehr von unten zu ihm herauf. Er spähte zum Sichtfeld: Im Spalt zwischen den beiden Schottklappen tauchten keine neuen Kalosarenkrieger mehr auf. Diejenigen, die sich schon im Hangar aufgehalten hatten, rannten Richtung Innenschleuse.

Yaku kroch zurück zum Pilotensitz. Er räumte die Lanzen zur Seite, pflückte ein paar Blasrohrpfeile aus den Polstern und ließ sich in den Schalensessel fallen. Sein Schädel schmerzte, und er hatte Durst. „Hören Sie, Bergen, ich erkläre Ihnen später alles! Nur soviel: Einige Hundert Aqualungbewohner sind in die Rheingold eingedrungen. Wir haben jetzt also einen Haufen Killer an Bord. Schätze, es gibt zur Stunde eine Menge Krawall auf dem Schiff. Meine beiden Gefährten halten sich irgendwo an Bord auf; hoffentlich in der Zentrale. Ich selbst befinde mich in einem Hangar an Bord eines Beiboots. Sehen Sie das halbgeschlossene Schott?“

„Sehen wir“, kam es zurück.

„Das ist meine Position. Bleiben Sie in der Nähe der Rheingold. Ich werde versuchen, das Schott für Sie öffnen, bevor das Schiff die Atmosphäre verlässt, damit sie an Bord kommen können. Verstanden?“

„Verstanden.“

Yaku Tellim unterbrach die Verbindung. Er machte sich nichts vor: Aufklärer und Kommunikator des Landungsschiffes hatten den Funkkontakt mitgehört und vielleicht schon entschlüsselt. Viel Zeit blieb nicht mehr.

Er blickte ins Sichtfeld – nirgends mehr ein Eingeborener zu sehen. Er spähte aus dem Frontfenster – nichts. Vorsichtig öffnete er die Luke und äugte nach unten. Sieben, acht Leichen von Kalosarenkriegern lagen am Rand des Trichters oder hingen an seinem Grund im Spalt zwischen den Schottklappen. Darunter erkannte er Flammen und Qualm. Im Hangar hielt sich kein einziger Eingeborener mehr auf.

Er holte die Rucksäcke der Tigern-Geschwister und seinen Koffer aus der letzten Sitzreihe des Beibootes. Zweimal musste er nach unten klettern, bis er alles in der Innenschleuse verstaut hatte. Anschließend zerschoss er die Holzstiele der Waffen, die die Katzenartigen als Keile zwischen die Außenschottklappen geklemmt hatten. Die Widerhaken an den Seilenden riss er aus den Teleskopscharnieren. Der Weißhaarige arbeitete konzentriert und schnell. Schweiß rann ihm über das Gesicht und floss in den Halsteil des Überlebenssystems.

Nach sechs Minuten etwa kletterte er zurück in den Sparklancer. Über dessen Bordhirn öffnete er die äußeren Schottklappen ganz. Leichen, Seile und Klingen stürzten nach draußen. Zweihundert oder dreihundert Meter unterhalb des offenen Schotts sah Yaku turmhohe Flammen aus dem Wald schlagen. Er befahl dem Bordhirn des Beibootes in vier Minuten zu starten. Merkwürdigerweise arbeitete es ohne Widerspruch mit ihm zusammen. Plutejo hatte in dieser Hinsicht Schwierigkeiten gehabt. Yaku vermutete, dass der Kooperationswille des Kunsthirns etwas mit seinem synthetischen linken Auge zu tun hatte. Immerhin enthielt die Prothese hochdifferenzierte Elektronik. In einem gewissen Sinne war sein linkes Auge eine Art Mikrokunsthirn.

Vier Minuten also. Das war knapp bemessen. Doch es gelang ihm in diesen vier Minuten aus dem Sparklancer zu klettern und sich zum Gepäck in die Innenschleuse zu flüchten.

Die Magnetklammern an der Hangardecke lösten sich vom Rumpf der Rheingold 07. Der Sparklancer stürzte aus dem Landungsschiff...

13

An Bord der Wyoming, 15. Februar 2554 nGG

3:56 Uhr Terra-Prima-Zeit. Schlecht eingeschlafen. Nach zwei Stunden oder so wieder aufgewacht, danach gar nicht mehr eingeschlafen.

Magendrücken; volle Blase; übler Traum. Sehr übel.

Vor die Tür meiner Suite gegangen, um mir ein wenig die Beine zu vertreten. Meine Eidmänner spielen Schach dort im Foyer. Trevor Gorges, mein Chefingenieur, und meine Leibwächter Alban und Urban. 3-D-Schach zu dritt. Wieso sind sie nicht müde? Gorges ist schon wieder am Verlieren. Urban wird ihn in zwei Zügen Matt setzen, selbst aber von Alban in die Falle gelockt, wenn er nicht aufpasst. Man kann es nicht mit ansehen!

Jetzt ist es schon nach vier. Zurück in meinem Schlafzimmer. Übler Traum. Ich werde ihn aufschreiben; und danach hoffentlich wieder schlafen können.

Hier ist der Traum:

Wir erreichen das Solsystem. Zweihundertzwanzig Schiffe und die Wyoming. Über Funk halte ich eine Abschiedsansprache an alle Gratulanten und an Oberst Kühn und seine kleine Begleitflotte. Bedanke mich für die Glückwünsche, für die Geschenke, für die Eskorte, für die angenehme Gesellschaft, und so weiter.

Dann eine Nachricht von Terra Prima. Alle seien zu einer Orgie irgendwo auf dem Kontinent Europa geladen, nur ich müsse mich noch ein wenig gedulden; und mit mir die Besatzung der Wyoming. Meine 220 Begleitschiffe verlassen mich, fliegen ins Solsystem hinein, landen auf dem Mutterplaneten, der guten alten Erde, wie man in der Neoantike zu sagen pflegte. Aber genau so nannte ich Terra Prima im Traum – ‚gute, alte Erde’.

Nach tausend Jahren oder so kommt ein Funkspruch vom verbotenen Planeten. Die Orgie sei nun vorbei und ich samt Familie, Sippe und Eidmännern an der Reihe auf Terra Prima zu landen. Nur leider verwüste soeben ein feindliches Schiff den Planeten, und ich müsse mich noch ein paar tausend Jahre gedulden, bis man den Feind besiegt habe.

Ich: Wie heißt das feindliche Schiff?

Terra Prima: Johann Sebastian Bach.

Ich: Wie heißt sein Kommandant?

Terra Prima: Commodore Merican Bergen.

Und dann bin ich aufgewacht.

Der Traum ist nicht besonders originell. Kein Problem ihn zu deuten. Zunächst die sogenannten Tagesreste: Gegen Abend weihte mich Pipin Tartagnant in ein ‚Geheimnis’ ein, wie er sich ausdrückte. Bergen, so erzählte er, sei der Kommandant des 12. Pionier-Kampfverbandes der Flotte gewesen. Man hätte ihm befohlen den Sträflingsplaneten Genna zu beschießen. Bergen aber habe sich geweigert, weil der Angriff zwei Millionen Sträflingen das Leben gekostet hätte, mehr als die Hälfte Frauen, Kinder und Greise. Seitdem seien er und seine Getreuen vogelfrei.

Pipin Tartagnant, der mir übrigens sehr sympathisch ist, nennt sich selbst ‚Commodore’.

Dann die zweihundertzwanzig Begleitschiffe – ständig lebe ich in der Angst bis auf 220 Kilogramm zuzulegen. dass die 220 Begleitschiffe mich verließen, war also Ausdruck des unbewussten Wunsches, 220 Kilo nie zu erreichen, sie gewissermaßen vorbeugend schon loszuwerden.

Und schließlich ‚des Pudels Kern’, wie mein Ururgroßvater zu sagen pflegte: Nicht ich, der Höchstgeehrte und die Hauptperson dieser Reise quer durch die Galaktische Republik Terra, werden ins Solsystem gelassen und dürfen zwecks tausendjähriger Orgie auf Terra Prima landen, sondern meine an sich nebensächlichen Begleitschiffe. Das ist der neurotische Ausdruck meines chronischen Mangels an Selbstwertgefühl: Da wiegt man 211 Kilogramm, ist 212 Zentimeter groß, promoviert und ein republikweit gefragter Spezialist in Sachen Quantenkybernetik und Kunsthirninformatik, erhält sogar die Höchste Ehrung des P.O. L., und fühlt sich dennoch klein und unbedeutend wie das Schwarze unter dem Nagel des kleinen Fingers meines primitiven Dwingolangowarknaben Rüsselheimer, der mit Mühe und Not einen vollständigen Satz schreiben und drei oder höchstens vier lesen kann...

Und wahrhaftig – ich habe zwar einen neuartigen Quantenkernprozessor für Kunsthirne entwickelt, und dieser Prozessor verhindert zwar zuverlässig, dass Rechner, angefangen vom einfachen Arbeitsroboter bis hinauf zum Bordhirn eines Schlachtschiffes, sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln, aber: war das denn so furchtbar schwer? Nein! Denn ohne die Vorarbeiten ganzer Generationen von Kunsthirnspezialisten und Quanteningenieuren wäre mir diese Erfindung niemals gelungen. Habe ich also dafür die Höchste Ehrung verdient? Nein und noch einmal nein!

Ich werde jetzt eine unbewachte Außenschleuse aufsuchen und mich ohne Schutzanzug ins Weltall stürzen...

Aus Dr. Gender DuBonheurs Reisetagebuch

14

Aqualung, an Bord der Rheingold, 54-02-15, 04:12:19 TPZ

Elf Stunden später, und Venus Tigern war sich noch immer nicht sicher, ob sie das alles wirklich erlebte, oder ob sie eine Geschichte phantasierte, in der eine Frau namens Venus Tigern eine Nebenrolle spielte. Seit das Hauptschott der Zentrale sich geöffnet hatte, hielt dieser Zustand schon an.

Arbeitsroboter schleiften Leichen aus der Zentrale. Wartungsroboter vom Typ INGA 12 steuerten zwei Controgravtragen in den weitläufigen Kuppelraum. Auf eine luden sie die toten, auf die andere die verletzten Kalosaren. Ein Team aus Medizinern und Sanitätern kümmerten sich um drei Offiziere – zwei Männer und eine Frau – deren Glieder zuckten und die unverständliches Zeug lallten. Zwischendurch kicherten sie, wie kleine Kinder kicherten, oder Betrunkene manchmal. Ihre Gesichter waren seltsam verklärt, fast fröhlich. Giftpfeile aus den Blasrohren der Kalosaren hatten sie erwischt. 

Zwischen Kommandostand und Frontkuppel hockte im Schneidersitz der graupelzige Schamane Eli’zarlunga. Vor ihm lag der verletzte Caryxzar, der Erste Töter der Waldkalosaren an den blauen Wassern der Wälder von Lungur. Laserkaskaden hatten ihn an der Brust getroffen. Die Fäuste der Zweiten Offizierin hatten ihm den Rest gegeben; die Frau war mit Wangler, dem neuen Ersten Offizier befreundet gewesen. Wangler war tot.

Caryxzars Wunden sahen schlimm aus, und er atmete schwer. Doch der Schamane, selber ohne jede Schramme, ließ keinen der Bordmediziner an ihn heran. Er vollführte rätselhafte Gesten über dem Körper des Verletzten, schaukelte dabei mit dem Oberkörper hin und her, und gab einen an und abschwellenden Singsang von sich. Primoberst Joseph Nigeryan hatte angeordnet den Alten in Ruhe zu lassen. Ein Primsoldat ließ sich in respektvollem Abstand nieder und behielt ihn im Auge.

„Die beiden in die Kühlhalle bei Hangar einunddreißig.“ Der Primoberst deutete auf seinen Ersten Offizier und Zweiten Navigator. Axthiebe und Lanzenstiche hatten sie getötet. Die Roboter legten sie auf eine dritte Schwebetrage. Die Zweite Offizierin schrie auf wie von Sinnen. Sie warf sich über den Toten und weinte laut.

Venus hörte die Schreie, Venus sah das gequälte, vom Wahnsinn gezeichnete Gesicht der Frau. Sie dachte an ihre Eltern. Tot. Sie dachte an ihre Schwestern, Brüder, Nichten und Neffen auf Genna. Tot. Wann würde sie endlich so schreien? Wann würde der tägliche Schmerz ihrer Seele endlich auf ihre Gesichtszüge finden? Ihr Körper straffte sich, sie atmete tief durch; und dann begann sie zu akzeptieren, dass es sogenannte Wirklichkeit war, was sich um sie herum abspielte; und dass sie mittendrin stand.

Die Roboter transportierten die Trage mit dem toten Wangler aus der Zentrale. Dragurowka Sem wankte weinend hinterher. Zwei Sanitäter stützten sie.

Ein INGA 12 zog einen toten Kalosarenkrieger von der Leiche des kleinen Offiziers auf den Stufen des Kommandostandes. Venus ging vor dem Toten in die Hocke, und versuchte das halbverkohlte Namensschild zu lesen. Braun, stand dort in ehemals goldenen Buchstaben auf nur noch ansatzweise blauem Grund. Die Farben eines Primoberst.

Wie alles andere auch, wusste Venus das von ihrem Vater, Uran Tigern. Der war selbst Primoberst gewesen, bevor Intrigen in der Flottenleitung und kriminelle Machenschaften irgendwelcher Dunkelmänner ihn um Rang, Vermögen und Freiheit gebracht hatten.

Venus blickte hinauf zu Joseph Nigeryan. Auch sein Name prangte in goldenen Buchstaben auf einem blauen Namensschild. Zwei Gleichrangige in der Kommandozentrale desselben Omegaraumers? „Wer war das?“ fragte sie.

„Ein Arschloch“, brummte der schwarze Mann. Seine Miene sprach Bände: Wut und Verzweiflung brannten darin. Er presste die Lippen zusammen, sog die Luft geräuschvoll durch die Nase ein und sagte: „’Tschuldigung. Er war Primoberst der Geheimen Galaktischen Sicherheitsgarde. Dolph Braun. Wäre er nicht schon tot, müsste man ihn standrechtlich erschießen. Er hat den frühzeitigen Start verhindert und das Feuer auf die Wilden eröffnen lassen.“

„Sieht aus, als hätte er mal einen schweren Unfall gehabt.“ Ohne Scheu betastete Venus den blanken Schädelknochen. „Eine Prothese.“ Sie hob einen Lappen der Schädelschwarte an. „Feucht, aber kein Blut. Auch eine Prothese.“

„Der gesamte Schädel und das ganze Gesicht eine Prothese?“ Hinter ihr stand Plutejo. Ekel schwang in seiner tiefen Stimme.

„Sieht so aus.“ Das Halsgewebe klaffte an zahlreichen Stellen auseinander. Aus einer quoll eine dünne Rauchsäule; als würde im Inneren des Leichenhalses ein kleiner Brandherd schwelen. Venus nahm einen feuchten Kleiderfetzen, der von der Brust des Toten hing und presste ihn auf die rauchende Wunde. „Sieht tatsächlich danach aus.“

„Was weiß ich denn, was das ist“, sagte Nigeryan angewidert. Er deutete auf den Toten und wandte sich an zwei Sanitäter in der Nähe. „Der hier muss in die Klinikabteilung. Einfrieren. Ich will, dass er obduziert wird, sobald die Ärzte wieder Zeit für sowas haben.“

Das linke Hauptschott öffnete sich. Yakubar Tellim betrat die Zentrale. Zu seiner Linken ein kleinwüchsiger Mann mit langen, roten Haaren. Moses, der sich stundenlang nicht gezeigt hatte, krächzte und flatterte aus irgendeiner Nische quer durch die Kuppel, um auf der linken Schulter des Einäugigen mit dem weißen Haarzopf zu landen. Venus erhob sich und sah den Männern entgegen.

Als wäre es sein Schiff, schritt Merican Bergen in die Kommandozentrale der Rheingold. Es war ein bewegender Augenblick. Jahre später noch musste Venus Tigern oft daran denken. Sie hatte seinen Namen bisher nur gehört, den Subgeneral selbst aber nie zuvor gesehen, und dennoch wusste sie, dass nur Bergen so gehen und so schauen konnte, wie der Rothaarige ging und schaute: Unbeugsam und wie ein Sieger.

Ihre Blicke trafen sich und hielten einander einen Atemzug lang fest. Bergens eisgrauen Augen schienen zu lächeln. Sie nickte ihm zu. Nach Lächeln war ihr nicht zumute.

Die Männer gingen zu Nigeryan, reichten ihm die Hände, stellten sich vor. Auch die vier Männer und die Frau, die ihn begleiteten, stellte Bergen vor. Einer war streng genommen gar kein Mann. Er trug ein Überlebenssystem und hatte den Helm zurückgeklappt. Sein schmaler Schädel war aus einem Material, das Venus an blauen Kristall erinnerte. Seine synthetischen Augen blickten hellwach umher. Ein Roboter. Ein Modell, das ihr Vater nie erwähnt hatte.

Primoberst Joseph Nigeryan stellte seinen Ersten Navigator Rasmuth und seinen Ersten Aufklärer Levian vor, einen Oberst und einen Primleutnant. Danach begannen sie zu verhandeln...

Venus sank in den Sessel vor Schnittstelle I. Wie warmes Blei strömte die Erschöpfung plötzlich in ihre Glieder und Gelenke. Etwas mehr als elf Stunden waren vergangen, seit sie und ihr Bruder die Zentrale des Landungsschiffes erreicht hatten. Jetzt erst und ganz allmählich wurde ihr bewusst, was geschehen war in diesen Stunden.

Anfangs hatten sie dem schwarzen Kommandanten erzählt, sie wären nach einem Parasprungunfall auf Aqualung notgelandet, von Oberst Carvallo aufgenommen worden und mit seinem Beiboot vor den Kriegsheeren der Kalosaren an Bord des Landungsschiffes geflüchtet. Carvallo, so fabulierten sie, läge jetzt von einer Kalosarenlanze durchbohrt in Hangar 07.

Für ein paar Stunden akzeptierte der Primoberst diese Geschichte. Zumindest tat er so – er hatte ja alle Hände voll zu tun: An die tausend Kalosarenkrieger wüteten zu diesem Zeitpunkt noch an Bord seines Schiffes.

Einige Minuten nach dem Start hieß es dann: Das Beiboot 07 sei aus dem offenen Hangar gestürzt, und kurz darauf war die Rede von einem Fremden, der Hangar 07 unter Kontrolle hatte. Primoberst Joseph Nigeryan landete auf der Nachtseite Aqualungs und schickte eine weiter Kampfformation nach Hangar 07. Mehr war nicht drin, denn nur dreiundsechzig von ursprünglich zweihundert Männer und Frauen und siebenundvierzig von ehemals hundertzwanzig Kampfmaschinen standen Primoberst Joseph Nigeryan zu diesem Zeitpunkt noch zur Verfügung.

Der Rest ist schnell erzählt: Bei Hangar 07 verlor Nigeryan zwei seiner Kampfmaschinen. Eine dritte führte zwei Dutzend Kalosaren Richtung Zentrale, zerschoss das Schott und tötete Oberst Wangler und den Zweiten Navigator, bevor Venus, Plutejo und Nigeryan sie zerstörten und die Kalosaren teilweise erschossen und teilweise gefangennahmen.

Der Kampf hatte nicht länger als drei oder vier Minuten gedauert. Kein Wunder kam er Venus im Rückblick wie ein schlechter Traum vor. Danach schwebten Rauchschwaden zur Decke der Kommandozentrale, eine Schnittstelle brannte, von Pfeilen getroffene Soldaten der Bordsicherheit wälzten sich am Boden, und aus Deckendüsen spritzte Schaum auf die Brandherde.

Nigeryan aber trat zu Venus und Plutejo. Er hatte ziemlich mitgenommen ausgesehen und schwer geatmet hatte er auch. dass eine seiner Kampfmaschinen sich gegen die eigene Zentrale gewandt und mit den Wilden, wie er die Kalosaren nannte, zusammengearbeitet hatte, hatte ihn sichtlich schockiert. „Wer sind Sie?“, fragte er die jungen Kampfgefährten, die er sich nicht ausgesucht hatte.

Diesmal hatte das Geschwisterpaar es vorgezogen zu schweigen. Über Bordfunk meldete sich bald eine Männerstimme: „Subgeneral Merican Bergen an den Kommandanten der Rheingold – ich habe hier einen Spezialisten in meiner Truppe. Mit seiner Hilfe werden wir Ihnen noch weitere Kampfmaschinen Ihrer eigenen Formationen in die Zentrale schicken, wenn Sie die Angriffe auf uns nicht stoppen! Ich schlage Ihnen einen Nichtangriffspakt für die nächsten zehn Stunden vor. Solange bekämpfen wir gemeinsam die Barbaren an Bord. Danach komme ich in Ihre Zentrale, und wir verhandeln.“

Zu dieser Zeit ging ungefähr alle fünf Minuten eine schlechte Nachricht in der Zentrale ein: Brände, Zerstörung, Schwerverletzte, Tote. Primoberst Joseph Nigeryan war auf jeden Mitstreiter angewiesen. Also nahm er an.

Jetzt waren die zehn Stunden um, die Verhandlung begann, und Bergen kam sofort auf den Punkt. „Ich bin ihm Bilde über Ihre Situation, Primoberst Nigeryan: In den letzten Wochen haben sie hundertsiebenunddreißig Besatzungsmitglieder verloren. Von den restlichen dreiundsechzig Männern und Frauen sind in den letzten elf Stunden siebzehn ums Leben gekommen und über dreißig zum Teil schwer verletzt worden. Kurz und schlecht: Im Moment gibt es nicht einmal zwanzig einsatzfähige Leute an Bord der Rheingold. Von hundertzwanzig Kampfmaschinen, die ein Landungsschiff normalerweise mit sich führt, stehen Ihnen im Moment nur noch dreiunddreißig zur Verfügung...“

„Immerhin“, knurrte Nigeryan. Seine Blicke flogen zwischen Heinrich und dem Subgeneral hin und her. Venus kam es vor, als würde er nicht recht schlau aus dem blauen Kunstmenschen, und als könnte er sich nicht entscheiden, vor welchem der beiden er sich mehr in Acht nehmen musste.

„...von den Zerstörungen an Bord will ich lieber schweigen“, fuhr Bergen fort. „Bis jetzt konnten wir nur wenig mehr als die Hälfte der Kalosaren fangen oder töten und über Notrutschen von Bord befördern. Fast vierhundert Barbarenkrieger haben sich in irgendwelchen Reparaturschächten oder Nebenräumen verschanzt. Eine große Gruppe hält die Kombüse mit dem Kühlhaus besetzt, eine andere die Mannschaftsmesse. Sie werden noch Wochen zu tun haben, bis sie den letzten eingeborenen Aqualunger von Bord schaffen können. Mal ganz davon abgesehen, dass die Besetzung der Kombüse und des Kühlhauses Sie in ernsthafte Versorgungsschwierigkeiten bringen wird.“

Der um einen Kopf größere Nigeryan schürzte seine wulstigen Lippen. Wütend und trotzig sah er aus. Er nickte, und Venus sah ihm an, dass er ein Schimpfwort zerbiss. Er wandte sich ab, ging zu seinem Kommandantensessel und ließ sich in die Polster fallen.

„Sie fühlen sich irgendwie stark, was, verehrter Subgeneral?“ Der Primoberst schlug die Beine übereinander und stützte seinen großen Schädel in die Rechte. „Sie reden wie einer, der am Zug ist, okay. Und sicher, Sie haben recht: Es geht mir beschissen, und meiner Schwarzen Jane stehen düstere Zeiten bevor“. Er streckte Arm und Zeigefinger nach Bergen aus. „Aber ich bin auch im Bilde über Ihre Situation, verehrter Subgeneral! Sie sind auf der Flucht, die GGS ist Ihnen auf den Fersen, und Sie haben Ihr Schiff verloren.“ Er wies auf Yaku, Cludwich, Heinrich und die anderen. „Nur diese paar Getreue sind Ihnen geblieben, und im Tank ihres Sparklancers gibt es, vorsichtig geschätzt, noch Glaurux für höchstens dreißig Lichtjahre.“ Er entblößte seine unglaublich weißen Zähne zu einem grimmigen Lächeln und hob die Achseln. „Ich wünsche Ihnen eine gute Reise, verehrter Subgeneral.“ Er grinste. „Noch Fragen?“

„Nein, Primoberst Nigeryan. Keine weiteren Fragen.“ Längst war ein Reißverschluss durch Bergens Miene gegangen. „Ich danke Ihnen für die Einhaltung des Nichtangriffspaktes während der letzten zehn Stunden, mein Herr.“ Er deutete eine Verneigung an, drehte sich um und schritt Richtung linkes Hauptschott. Yaku, den Raben auf der linken Schulter, blieb an seiner Seite. Seine Leute folgten ihm, und auch Venus und Plutejo schlossen sich der Gruppe an.

„Warten Sie, Bergen!“ Joseph Nigeryan stemmte sich aus seinem Sessel. „Was haben Sie vor?“

Merican Bergen drehte sich um, machte eine flüchtige Geste des Bedauerns und sagte: „Wir werden die Kombüse Ihres Schiffes aufsuchen und mit den Eingeborenen die Bedingungen für ein Bündnis aushandeln. Was dachten Sie?“

„Eine gute Alternative“, feixte der einäugige Reeder von Doxa IV. „Mit diesem Verbündeten an der Seite gibt es während des Kampfes wenigstens was zu essen!“

„Und er wird auch nicht so lange dauern, wie ein Kampf gegen die Mordpelze als Ihr Verbündeter“, tönte Plutejo.

„Noch Fragen, verehrter Primoberst?“ Bergen stemmte die Fäuste in die Hüften.

„Himmel über Tellim!“ Der Schwarze hob entnervt beide Arme, ließ sich zurück in seinen Sessel fallen und schlug die Hände auf seine stämmigen Schenkel. „Machen Sie Witze, oder was?!“

„Ich habe die Brände auf Ebene drei gesehen, ich habe das Chaos in Ihrer Zentrale gesehen, und ich sah drei oder vier Ihrer Leute sterben, Nigeryan! Mir ist nicht nach Witzen zumute, ganz und gar nicht!“

„Verdammt, Bergen!“ Nigeryan streckte wieder Arm und Zeigefinger nach dem Rothaarigen aus. „Sie sind ja ein ganz harter Hund, Sie...! Was, beim Schwanz des Satans wollen Sie von mir?!“

„Ihr Schiff.“

15

Baal III, 54-02-19 15:02:38 TPZ

„General Ferròn hat es nicht geschafft.“ Als wollte er nur auf einen besonders großen oder ungewöhnlich gefärbten Hund, oder auf das Gesicht eines Prominenten in der Menge der Jubelnden hinweisen, so beiläufig ließ der Greis die Bemerkung fallen. Dabei fuhr er fort nach links und rechts in die Menge der Kolonisten zu winken, wobei er ständig den Kopf neigte und mit seiner knochigen Rechten in Schulterhöhe hin und her wackelte, als wäre sie ein morscher Ast im Frühlingswind von Terra Sekunda. Er sah Vetian nicht einmal an, während er sagte: General Ferròn hat es nicht geschafft.

„Nicht geschafft?“ Auch Eurobal Vetian winkte der Menge zu, die den Rand der Prachtstraße säumte. Er und Gulfstrom saßen im Font eines offenen Gleiters, die beiden wichtigsten Männer der Galaktischen Republik Terra nach dem P.O.L.. Dicht über der Fahrbahn und im Schrittempo glitt das Fahrzeug an den Menschenmassen vorbei. „Ich verstehe nicht ganz, verehrter Gulfstrom“, rief Eurobal Vetian nach rechts. „Was hat General Ferròn nicht geschafft?“

Vetian, Primgeneral der GRT, verstand sehr gut, aber die gleichgültige Art, in welcher der Primdirektor ihm einmal mehr die wirklich wichtigen Informationen hinwarf, die ärgerte ihn.

„Stellen Sie sich nicht so an, verehrter Vetian“, sagte Gulfstrom, ohne sein Lächeln und das Gefuchtel seiner Rechten zu unterbrechen. „Ferròn hat es nicht geschafft, Bergen festzunehmen.“

„Das ist nicht wahr!“ Ein Kolonist streckte die Arme mit seiner kleinen Tochter über die Absperrung. Das Mädchen hielt eine Blume in den Fäustchen. Die warf sie in den Gleiter. Vetian fing sie auf und dankte mit einem Handkuss.

„Es ist wahr!“ Neptos Gulfstroms Stimme knirschte wie durchgerostetes Zinkblech, wenn es riss. „Und mit ihm sind sein Roboter, sein Erster Kybernetiker und Kommandant und Erster Offizier der Troja entkommen!“ Unablässig winkte und nickte er den Jubelnden am Fahrbahnrand zu. Ein dichtes Geflecht blauer Adern überzog seinen schmalen, haarlosen Schädel. „Glücklicherweise auch die Calbury“, fügte er hinzu.

„Die Schnüfflerin?“ Die Fahrbahn wurde breiter und mündete auf den Zentralplatz der Kolonie. Unzählige Menschen warteten auch hier – am Rand des Platzes, auf der Ehrengasttribüne, in den Fenstern und auf den Balkonen des zentralen Kuppelkomplexes. Zehntausendfacher Jubel brandete auf.

„Sie neigen manchmal zu einer derben Ausdrucksweise, verehrter Primgeneral, ist Ihnen das noch nie aufgefallen?“ Mit dem Fahrbahnrand entfernten sich auch die Jubler. Gulfstrom hörte auf zu nicken und ließ seine lange, knochige Hand sinken. „Ich hörte es lieber, Sie würden von Sarah Calbury als meiner Mitarbeiterin sprechen.

„Wie konnte das nur geschehen?“ Vetian, der enger mit dem Geheimdienst als mit der Zivilverwaltung zusammenarbeitete, überging die kritische Bemerkung. „Und was ist mit Bergens Flaggschiff?“

„Im Hyperuniversum verschollen.“ Der Gleiter und seine Eskorte steuerten auf die Ehrentribüne zu, in deren Mitte ein Rednerpodest aufgebaut war. „Gabrylon und die Ferròn hatten gleich ein ganzes Schiff voller GGS-Agenten in Bergens Verband untergebracht, einen Aufklärer namens Brüssel. Auf Terra Prima wusste man jederzeit, wo Bergen sich aufhielt, und wohin er flüchten wollte. Der Kommandant der Brüssel hat die Troja erobert, das zweite Rebellenschiff. Die Enterung von Bergens Flaggschiff misslang.“

„Wie hieß dieser Kommandant?“ Die Eskorte steuerte die breite Rampe in der Mitte der Tribüne hinauf. Der Primdirektor und der Primgeneral begannen wieder nach links und rechts zu lächeln und zu winken. Hochrufe wurden laut. Die Gäste der Ehrentribüne erhoben sich und applaudierten.

„Robinson, ein General der GGS!“ Gulfstrom musste rufen und sich zu Vetians Ohr beugen, um sich trotz des Jubels verständlich zu machen. „Leider war er gezwungen mit Bergens Flaggschiff auch seine Frau und seine Erste Offizierin ins Hyperuniversum schießen! Sie wissen ja, verehrter Vetian – General Ferròn ist unerbittlich in diesen Dingen!“ Die Eskorte stoppte auf der Rednerplattform.

„Was für ein geschmackloser Befehl!“ Zwei Offiziere ihrer persönlichen Leibgarden öffnete der Nummer Zwei und der Nummer Drei der Republik die Gleitertüren zu beiden Seiten. Gulfstroms Adjutant half dem Primdirektor aus dem Gleiter. Der Primgeneral trat an die linke Seite des Alten. Gemessenen Schrittes kamen die beiden Spitzenmänner der Kolonie auf sie zu – ein Subdirektor und ein Oberst. Ein großer Anhang aus Adjutanten, Protokollchefs, Sicherheitsleuten, Bürgersprechern und Medienvertretern folgte ihnen. Man schüttelte einander die Hände, man lächelte in die Kameras, man wechselte ein paar mehr oder weniger gedrechselte Worte.

Nach der festgelegten Zeit von vierzig Sekunden entfernten sich die Medienvertreter, und man führte Gulfstrom und Vetian zum Rednerpult. Der Subdirektor ging zum Mikrophon, dankte ihnen für ihre Teilnahme an den Einweihungsfeiern der neuen Kolonie und kündigte ihre Reden an. Noch einmal Beifall, dann nahmen die Männer und Frauen der ersten Garde von Baal III rechts und links des Primgenerals in weißen, rot gepolsterten Ehrensesseln Platz, während der Primdirektor an das Rednerpult trat. Wieder begeisterter Applaus. Gulfstrom wartete geduldig, bis er sich gelegt hatte. Dann begann er: „Die Galaktische Republik Terra schaut auf euch, meine geliebten Bürgerinnen und Bürger von Baal III! Und die gesamte Republik schaut mit Stolz auf euch, meine geliebten Bürgerinnen und Bürger von Baal III! Ihr habt gewagt, was nur wenige wagen – ihr habt eure Heimat aufgegeben, um euch hier an den Grenzen der Republik eine neue Heimat aufzubauen! Ihr habt Terra Tertia mit all ihren Vorzügen, ihrem Luxus und ihren Bequemlichkeiten verlassen, um fast zweiundzwanzigtausend Lichtjahre entfernt noch einmal neu anzufangen...“

Erst sieben Wochen zuvor, zu Beginn des neuen Jahres, waren nach zwanzigjähriger Bauzeit die letzten der insgesamt zweihundert Millionen Neubürger auf Baal III gelandet. Das Projekt war noch lange nicht abgeschlossen und hatte in erster Linie den Zweck, das akute Überbevölkerungsproblem auf Terra Tertia zu entschärfen.

Der Planet war an sich erdähnlich und eignete sich durchaus zur Besiedlung durch Menschen. Nur enthielt seine Atmosphäre einen derart hohen Kohlendioxidanteil, dass die Kolonisten vorläufig in achtzig speziellen Contrograv-Biosphären leben mussten. Solange, bis die Gigafilter an den Polen den Kohlendioxidanteil gesenkt und eine von Fat Wyoming importierte, intensiv sauerstoffproduzierende Mammutbaumart großflächige Wälder gebildet hatte. Außerdem gab es eine äußerst gefährlich Raubechsenart auf Baal III.

„...um hier, unter dem schönen Licht der Sonne Baal eine lebenswürdige Welt aus dem Boden zu stampfen, um hier unter den Augen aller Bürger der Galaktischen Republik Terra ein Paradies zu erschaffen...!“ Beifall unterbrach Gulfstrom für fast eine Minute. Er blickte sich um, und sah in die strahlenden Gesichter der höchsten Verwaltungsleute und Militärs der neuen Kolonie. Lauter handverlesene Patrioten, lauter überzeugte Anhänger seiner zentralistischen Politik. Er wandte sich wieder den Massen zu und hob die Rechte. Der Beifall verklang, er fuhr fort.

„...um ein Paradies zu erschaffen mit dem Fleiß und der Geschicklichkeit eurer Hände und der Brillanz und Phantasie eurer Köpfe. Wisst ihr, welche Botschaft der Primus Orbis Lacteus mir auftrug, als ich kurz vor dem Start von Terra Sekunda noch einmal mit ihm sprach? Sag den Männern und Frauen von Baal III, ich denke täglich an sie! Sag den Helden der neuen Kolonie, dass ich sie bewundere! Sag ihnen, dass ich stolz auf sie bin...!“ Tosender Beifall brandete auf. Wer nicht sowieso schon stand, erhob sich, klatschte und stieß Hochrufe auf den P.O.L. aus. Einmal mehr machte der Primdirektor seinem Ruf als charismatischer Redner alle Ehre.

Als endlich der Beifall abebbte, fuhr er fort. Er lobte die am Baal-Projekt beteiligten Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler, hob besonders die Fähigkeiten des von ihm als Verwaltungschef eingesetzten Subdirektors hervor und pries die Verdienste des von Vetian berufenen Oberst. Er versprach wirtschaftliche Unterstützung, stellte weitere finanzielle Mittel in Aussicht, kündigte den Aufbau einer Omegaraumer-Werft in der Umlaufbahn von Baal VII an, und kündigte für Ende April den Baubeginn der Kommunikatorstation an, welche ein Teil der Giga-Kommunikationsbrücke werden sollte, die in wenigen Jahren Terra Prima mit sämtlichen Planeten, Raumstationen und Omegaraumern der Republik verbinden sollte.

Die Hunderttausende auf dem Zentralplatz quittierten Gulfstroms Rede mit Ovationen, die erst verklangen, als auf ein Handzeichen des Subdirektors hin ein Chor aus Hörnern und Posaunen die Schlusstakte einer Hymne schmetterte. Dann trat Vetian ans Rednerpult. Ein weit schlechterer Redner als der Primdirektor, wusste er immerhin sich kurzzufassen. Er überbrachte die Glückwünsche der Flottenführung zur Kolonieeinweihung, lobte die Leistung der Pioniere, deren Einsatz zwanzig Jahre zuvor die Grundlagen für die Kolonie gelegt hatten, lobte die Bodenverbände, die über zwei Jahrzehnte die Bauarbeiten vor den großen Raubechsen beschützt hatten, und sagte der Kolonialregierung jede gewünschte militärische Hilfe zu. Auch Vetian erhielt viel Beifall, wenn auch nicht so lange anhaltend, wie Gulfstrom. Doch allein seine Anwesenheit begeisterte die Leute. Der durchschnittliche Bürger der GRT bekam einen Primgeneral nur im TV zu sehen.

Anschließend redeten der Subdirektor und der Oberst der Baalflotte. Danach stimmte der Bläserchor wieder die Hymne an, diesmal von Anfang an. Gulfstrom und Vetian waren die Ersten, die ihr Rechte auf die linke Brustseite legten, lauthals den Text zu schmettern begannen und von ihren thronartigen Sesseln aufstanden. Bald erhoben sich sämtliche Honoratioren auf der Ehrentribüne und sangen mit, und nach und nach fielen die Millionen auf dem Platz mit ein, bis endlich die ganze Hauptbiosphäre von patriotischen Schwüren und Lobpreisungen der ruhmreichen Republik widerhallte.

Minuten später, als der Begeisterungstaumel sich endlich ein wenig legte, eröffnete der Subdirektor offiziell das Einweihungsfest, das für die Öffentlichkeit auf den Straßen und Plätzen sämtlicher achtzig Biosphären rund um den Planetenäquator zelebriert wurde.

Gulfstrom und Vetian wurden zurück zu ihren Gleiter geführt. Die Eskorte sollte sie nun zum Palast der Kolonialverwaltung bringen. Ein Festbankett mit anschließendem Ball stand auf dem Besuchsprotokoll. Zuvor aber, und viel wichtiger, eine geheime Unterredung zwischen dem Primdirektor und dem Primgeneral einerseits und der Kolonialverwaltung und dem Chef der Baal-Flotte andererseits.

Das Zentraldirektorium auf Terra Sekunda hatte beschlossen, die Kontrolle und Verwaltung der Sträflingskolonie auf Baal VII an die neue Kolonie zu übergeben. Baal III sollte mittelfristig das Wach- und Transportpersonal stellen, fünfzig Prozent der Kosten tragen, sich jedoch mit nur zwanzig Prozent des Gewinnes einverstanden erklären. Auch die Finanzierung der Kommunikatorstation stand noch nicht ganz. Ein harter Verhandlungspoker lag vor Gulfstrom und Vetian.

Auf der Gluthölle von Baal VII bauten Sträflinge unter zwei Biosphären seit hundertfünfzig Jahren Quoditan ab. Aus dem Metall gewann man das für den Raumschiffbau unentbehrliche Quotarbon.

Kaum saßen die beiden Topmänner der Republik wieder im Gleiter, setzten sie ihr unterbrochenes Gespräch fort. „Bergen ist also noch auf freiem Fuß.“ Vetian winkte wieder in die Menge. „Das ist ein schlechte Nachricht, verehrter Neptos, eine ganz schlechte Nachricht.“

„General Ferròn hat sich erst vor drei Tagen bei Gabrylon gemeldet.“ Auch Gulfstrom nahm sein freundliches Nicken und sein steifes Gewinke wieder auf. „Obwohl Bergen nur noch über ein Rumpfteam verfügt, habe seine Leute es irgendwie geschafft, die Laurin an einen Ort weit jenseits der Republikgrenzen zu schicken. Dabei ist sie schwer beschädigt worden.“

„Was sagen Sie da?“ Der Gleiter schwebte die Rampe hinunter. „Wie konnte das geschehen?“

„Was wir wissen, wissen wir von Subgeneral Robinson. Er hält sich zur Zeit auf New Cuba auf. Im GGS-Hauptquartier hat man ihn eine Woche lang vernommen. Über die Vorgänge auf der Laurin nach der Gefangennahme Bergens hat er nicht viel Erhellendes sagen können. Dafür um so mehr über die Pläne, die zuvor auf dem Flaggschiff ausgebrütet wurden. Man wagt es kaum auszusprechen, wohin Bergen fliegen wollte.“

„Wohin denn?“

Ohne seine Winkerei zu unterbrechen richtete der Primdirektor seinen Blick auf den Primgeneral. Hinter der Fassade der Gleichgültigkeit glühte etwas wie ein zorniger und starker Wille in seinen wässrigen Augen. „Nach Terra Prima,“ sagte er leise.

Vetian ließ die Hände sinken. Unfähig zu jedem weiterem Wort starrte er den Primdirektor an. Leichenblass war sein kantiges, schnurrbärtiges Gesicht auf einmal.

„Ich konnte es auch kaum glauben.“ Gulfstrom seufzte. Der Gleiter hob ab und ließ die Menschenmenge unter sich zurück. Jetzt hörte auch Gulfstrom auf zu winken. „Gabrylon hat der Ferròn ein Ultimatum gestellt.“ Wieder sah er Vetian an. Durchscheinende Lider bedeckten seine grauen, wässrigen Augen halb, so dass der Greis wie meist ein wenig müde wirkte. Wäre da nicht dieses eigenartige Glühen gewesen, dieser unbedingte Wille zu siegen, Vetian hätte glauben können, jedes Wort, das sie wechselten, würde den anderen langweilen. „Wenn sie Bergen und seine Leute nicht bis Ende April dingfest macht, ist sie erledigt.“

Eurobal Vetian, der Primgeneral der Republik, ließ sich seinen Schrecken nicht anmerken. Er kannte Anna-Luna Ferròn persönlich. Wenn er gekonnt hätte, wie er wollte, würde diese Ausnahmefrau längst einen seiner Pionier-Kampfverbände kommandieren. Er räusperte sich. „Und es ist nicht bekannt, wie ein Offizier ohne Hilfe seines Schiffes und seiner Besatzung einen Omegaraumer vom Schlage der Laurin manipulieren und beschädigen konnte?“

„Nun ja, ‚nicht bekannt’ ist übertrieben.“ Der Gleiter flog auf die Dachterrasse des zentralen Kuppelbaus zu. „Es gibt da ein Gerücht.“ Gulfstrom senkte den Blick und betrachtete seine Hände. Dicke, blaue Venen wölbten die weiße, von Altersflecken bedeckte Pergamenthaut auf den Handrücken. Gulfstrom seufzte wieder. „So gefährlich Bergen auch sein mag – noch gefährlicher scheint sein Roboter zu sein.“

„Sein Roboter? Ach ja – ich hab davon gehört: Die Maschine weicht angeblich nie von seiner Seite.“ Vetian hatte sich wieder gefasst. „Und was soll an dem so gefährlich sein? Eine spezielle Kampfmaschine?“

„Schlimmer.“ Noch immer sprach der Alte so leise, als würde er seine eigenen Worte scheuen. „Nach allem, was wir bis jetzt wissen, handelt es sich um einen ADAM I Typ.“

„Bei allen guten Geistern der Milchstraße...!“ Dem Primgeneral versagte die Stimme. Er hob seine großen, gepflegten Hände und preßte sie gegen die glattrasierten Wangen. „Einen ADAM I?” flüsterte er. „Wie kommt er denn an den...?“

16

An Bord der Wyoming, 25. Februar 2554 nGG

Mesacan, 2 mal täglich eine Kapsel. Donna Kyrilla hat mir das Zeug schon vor einer Woche verordnet. Gestern hatte sie mich endlich soweit, und heute Abend schluckte ich bereits die vierte Kapsel.

Eine depressive Verstimmung, sagt Donna Kyrilla. Typische Reaktion in Überlastungssituationen wie meiner, sagt Donna Kyrilla. Die Auszeichnung, die Umsiedlung, die vielen Gratulanten, die Vorfreude auf Terra Prima – das alles sei einfach zuviel gewesen für ein Sensibelchen wie mich, sagt Donna Kyrilla.

Ich liebe sie.

Natürlich weiß ich Bescheid: Trihydrocannaboid und Meskalinhydrochlorid in erster Linie. „Ich bin gegen Drogen“, habe ich zu Donna Kyrilla gesagt. „Ich auch“, hat sie geantwortet. „Aber es kommt immer auf die Dosis an.“

„Hippokrates“, habe ich gesagt. „Paracelsus“, hat Donna Kyrilla geantwortet. Sie ist kaum zwei Meter groß und wiegt höchstens hundertsiebzig Kilo. Sie hat einen Hintern wie die Weiber der Dwingolangowars, und – sie ist glücklich geschieden.

Gesegnet sei Subdirektor Jourdan von Fat Wyoming, der mir diesen Kreuzer für die Übersiedlung zur Verfügung stellte! Gesegnet sei Commodore Tartagnant, der diese Bordärztin einstellte! Gesegnet seien Auszeichnung, Umsiedlung, Gratulanten, Vorfreude und jede sonstige Art von Stress, die mich depressiv verstimmte und auf diese Weise in Praxis und Arme dieses Prachtweibes trieb!

Doch, es geht mir besser, wirklich. Aber ich zweifle, dass es nur an diesem Neuronenweichspüler liegt, an Mesacan.

Wenn ich die Aufzeichnungen der letzten zehn Tage lese, schäme ich mich. Was für ein kleinmütiges, verzagtes Pflänzchen ich doch sein kann! Wollte mich tatsächlich ohne Überlebenssystem aus einer Außenschleuse stürzen! Nicht zu fassen...!

Zufällig machte mein Eidmann und Leibwächter Alban gerade eine Flasche auf, an jenem schwarzen Tag, als ich mich durchs Foyer in Richtung Freitod davonschleichen wollte. Ein Waldbeerenschnaps von Gizeh, sechzehn Jahre alt! Alban hatte erst Gorges Matt gesetzt und sechs Züge später seinen Bruder Urban zur Aufgabe gezwungen. Sein erster Sieg gegen beide in einer Partie. Das musste erst noch gefeiert werden vor dem Sprung aus der Schleuse.

Es blieb nicht bei dieser einen Flasche, und nach der Schnapsprobe schlief ich einundzwanzig Stunden am Stück. Danach ging ich zum ersten Mal in die Sprechstunde von Donna Kyrilla. Und wer zwang mich förmlich dazu? Mein holdes Weib Lissa! Die Heiligen Göttinnen der Dwingolangowars von Fat Wyoming mögen sie davor bewahren jemals davon zu erfahren. Und mich natürlich auch...

Die Flotte, die mich nach Terra Prima begleitet, ist mittlerweile auf dreihundertneunundachtzig Schiffe angewachsen. Ob ich die Vierhundert noch schaffe? Der eine oder andere fängt natürlich den einen oder anderen Funkspruch auf, oder hat den einen oder anderen Verwandten oder Bekannten bei der Flotte. Und so machen neue Gerüchte in meiner umfangreichen Eskorte die Runde.

Zum Beispiel dieses: Lady Josefina sei gar keine Malerin gewesen. Und Sir Walker Paladei sei gar nicht ihr Vater. Beide seien nicht einmal verwandt. Vielmehr würde es sich bei Lady Josefina um eine hochrangige Offizierin des Geheimdienstes handeln. Name und Beruf seien nur ein Vorwand gewesen, um auf mein Schiff zu gelangen und dort den Subgeneral Bergen zu treffen und in die Falle zu locken. Die Falle war ihr Bett, nehme ich an. Ich kann ein gewisses Verständnis für den Subgeneral nicht verleugnen. Wer nicht festen Charakters ist und nach unerschütterlichen Prinzipien lebt, wird einer solchen Falle schwerlich ausweichen können.

Und dann – auch Sir Walker Paladei würde gar nicht Sir Walker Paladei heißen, sondern sei Mitglied einer finsteren Bruderschaft! Außerdem ein hochgradig geheimer Geheimdienstmann; einer der führenden Männer der GGS sogar! Zu keinem anderen Zweck unterwegs, als den angeblichen Verräter Bergen zu fangen! Nicht zu fassen!

Und wenn ich bedenke, dass all diese interessanten Menschen an Bord meines Schiffes weilten und mir persönlich gratuliert haben...

Donna Kyrilla hat mir übrigens Ruhe verordnet. Zur Durchsetzung dieser Verordnung hat sie bei Oberst Kühn die Entscheidung erwirkt, dass wir die Reise nach Terra Prima nun doch abkürzen. Ich bräuchte Schonung und dürfe nicht mehr so viele Gratulanten empfangen. Nun ist geplant, das Solsystem schon in der zweiten Märzwoche nach vier weiteren Parasprüngen zu erreichen. Mir soll es recht sein. Ich kann es kaum erwarten Terra Prima endlich mit eigenen Augen zu sehen.

Unvorstellbar allerdings ist der Gedanke, dass ich mich dann von meiner Ärztin trennen muss. Nein, das geht nicht! Morgen werde ich Donna Kyrilla fragen, ob sie nicht meine Eidfrau werden will. Dann könnte ich sie mitnehmen...

In zwei Tagen wird der P.O.L. seine monatliche Ansprache halten. Ich bin gespannt, ob er auch diesmal wieder meinen Namen erwähnen wird...

Aus Dr. Gender DuBonheurs Reisetagebuch

17

Aqualung, 54-02-26, 05:12:38 TPZ

Im Viquafeld ging die Sonne Tarkus auf. Wieder eine der langen Aqualungnächte vorbei. Aber was spielte das schon für eine Rolle an Bord eines Omegaraumers der Republik Terra? Und was spielte das für eine Rolle in solch bitteren Zeiten? Tag oder Nacht, Terratag oder Aqualungnacht – eine Stunde war wie die andere: Kampf, Tod, Hunger, Warten.

Yakubar Tellim streckte die Beine auf der Konsole mit den Ortungsinstrumenten aus. Graue Dunstfetzen verhüllten die Morgensonne zum Teil. „Es gibt Regen, Moses“, sagte Yaku. Doch dann erinnerte er sich, dass Regenwolken auch auf Aqualung dunkler und kompakter aussahen. Das, was da vor der Sonne Tarkus in der Aqualungatmosphäre schwebte, waren Rauchschwaden. Ein paar Tausend Kilometer weiter südlich brannten noch immer die riesigen Waldgebiete von Lungur.

Yakubar Tellim legte seinen LK-Strahler über die Schenkel. Als gäbe es weder Krieg noch Kalosaren an Bord, widmete er sich dem großen Zweig mit den kleinen, dunkelgrünen Blättern, den Moses auf seinem Schoß abgelegt hatte. Der Weißhaarige richtete sein echtes und sein künstliches Auge auf den Zweig, untersuchte Laub, Holz und Früchte und begann endlich die großen, blauen Beeren von den Ästchen zu zupfen. Sie schmeckten etwas herb, aber akzeptabel. Neben seinem Sessel, am Boden, pickte Moses die gleichen Beeren vom Boden auf. Was dem Raben bekam, sollte eigentlich auch ihm nicht schaden.

Alle zehn, elf Stunden ließ Yaku den Raben aus einem Hangarschott in die Wälder um die Rheingold fliegen. Der Vogel war Selbstversorger. Hin und wieder brachte er mehr mit, als er fressen konnte. Von einem solchem Glücksfall profitierte Yaku gerade.

Moses hatte es gut. Niemand außer ihm konnte durch die Wälder rund um den Omegaraumer streifen, ohne Gefahr zu laufen, sich einen Giftpfeil oder Schlimmeres einzuhandeln. Die Kalosaren lagen im Unterholz rund um das Schiff. Sechshundertachtzig Krieger. Drei Mal hatte Nigeryan seine schwarze Jane in den letzten zwölf Tagen starten und in vermeintlich kalosarenfreiem Gebiet wieder landen lassen. Umsonst. Spätestens sieben Stunden nach der Landung lauerten wieder ein paar Hundert Kalosaren im Unterholz rund um das Schiff.

An Bord der Rheingold ernährte man sich seit vier Tagen von den Notrationen aus den Beibooten. Jedenfalls dann, wenn man das Pech hatte der Gattung Homo sapiens anzugehören; oder, wie Yakubar Tellim, keinen Vogel zum Freund hatte, der alle zehn Stunden im Wald nach Beeren und Baumfrüchten suchte. Außer Yaku, dem alten Reeder von Doxa IV, gab es zur Stunde noch sechsundzwanzig Angehörige der Gattung Homo Sapiens an Bord der Rheingold.

Demgegenüber standen einundfünfzig Kalosaren, die sich bis jetzt noch an Bord hatten halten konnten. Zwei davon allerdings befanden sich als Geisel in einem Nebenraum der Wäscherei – Caryxzar, der sogenannte Erste Töter der Waldkalosaren an den blauen Wassern der Wälder von Lungur und sein Schamane Eli’zarlunga. Auf den ersten Blick mochte das hoffnungsvoll klingen, aber das täuschte: Die anderen neunundvierzig hielten die Kombüse einschließlich der wichtigsten Kühlräume und Vorratskammern besetzt.

Neunundvierzig kampferprobte, intelligente, aber lediglich mit Blasrohren, Giftpfeilen, Äxten und Lanzen bewaffnete Barbaren gegen siebenundzwanzig Vertreter der Gattung Homo Sapiens – von dem kristallblauen Robotdiener des Subgenerals gar nicht zu reden – die mit Gravitongewehren und LK-Strahlern bewaffnet waren und von knapp dreißig Kampfmaschinen unterstützt wurden? Auch das klang noch ziemlich hoffnungsvoll, falls man zu denen von der Partei Homo sapiens gehörte. Nur konnte diese den Barbaren weder die Luft abdrehen, noch das Wasser vergiften, und erst recht in keinem Sturmangriff eine Feuerhölle entfachen – denn auch die Kalosaren hatten Gefangene gemacht. Neun insgesamt. Unter ihnen Roderich Stein, Bergens Erster Kybernetiker, und Sibyrian Cludwich, der ehemalige Kommandant der Troja.

Yaku war müde und hungrig. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie die Küchenabteilung längst gestürmt. Ab einem gewissen Punkt diktierte der Stoffwechsel die Entscheidungen; und nackte Zahlen. Oder anders ausgedrückt: Was wog das Leben von sieben Geiseln gegenüber achtzehn Männern und Frauen, die noch um ihr Leben kämpfen konnten, zu diesem Zweck aber auf den Inhalt der Kühlräume und Vorratskammern angewiesen waren?

Ein böser Gedanke, gewiss; barbarisch und menschenverachtend. Aber Yaku dachte ihn trotzdem; und schämte sich nicht einmal dafür. Dafür war er einfach zu hungrig, zu erschöpft und zu gefühllos. Tagelang hatte er gekämpft, getötet, und den Tod anderer mit ansehen müssen. Und irgendwann, vor drei oder vier Tagen, hatte er einfach aufgehört etwas zu fühlen.

Die katzenartige Barbaren hatten die Klinikabteilung überfallen und die meisten Verletzten niedergemacht. Entsprechend kompromisslos waren sie gegen die Kalosaren vorgegangen: Von den fast dreihundert Kriegern, die sie über die Notrutsche von Bord geworfen hatten, waren fast zwei Drittel tot gewesen.

Seit fünf Tagen gab es nur noch das Widerstandsnest in der Kombüse und den Vorrats- und Kühlkammern. Vor drei Tagen ließen die Krieger dort sich zu einem Ausfall hinreißen. Der kostete vierzig Kalosaren und drei Menschen das Leben, brachte den Barbaren aber neun Geiseln ein. Seit zwei Tagen wurde verhandelt. Jede Minute konnte die Entscheidung fallen. Sie würde in der Privatsuite von Primoberst Joseph Nigeryan fallen.

Moses flatterte zur Armlehne seines Herrn hinauf und begann an dessen Beerenzweig herumzupicken. Halbherzig verscheuchte Yaku ihn. Der Rabe drehte eine Runde durch die leere Zentrale, landete wieder auf der Armlehne und pickte erneut nach Yakus Beeren. Und während er so pickte, musste der Mann von Doxa IV plötzlich an seine verstorbene Frau denken. Wie ein Stich ging es ihm durchs Herz, und von jetzt auf nun stand ihr Bild vor ihm. Elsa mit ihren sanften Augen und ihren vollen Lippen... Elsa, wie sie lächelte... Elsa, wie sie mit Moses scherzte, während sie ihn fütterte...

Sie hatte den Raben einst von einer Reise nach Terra Sekunda mitgebracht. Da war er noch ein Jungvogel mit flaumigem Gefieder gewesen. Auf einem Markt in der Altstadt von Kentaur war er ihr zugeflogen. Fast zwanzig Jahre her. Elsa hatte den Raben geliebt, und der Rabe hatte sie geliebt.

Yaku überließ Moses die Reste seines Frühstücks. Wie alt wurde so ein Rabenvieh überhaupt? Yaku wusste es nicht. Er legte den Kopf auf die Rücklehne und schloss die Augen. Was Elsa wohl sagen würde, wenn sie ihn so sehen könnte? Und seine Kinder – ob sie überhaupt wussten, dass er noch lebte? Vermutlich wussten sie überhaupt nichts, denn einen Fall wie seinen, hielt man nach Möglichkeit aus dem Nachrichtengeschäft heraus; und aus der Nachrichtenpolitik sowieso. Denn wenn so etwas erst Schule machte – einfach nicht zum Termin in den Ruhepark gehen, einfach abhauen, einfach weiterleben. Nein, die Kinder würden nicht wissen, dass er noch lebte; und noch frei war; und vermutlich nie erfahren.

Er konzentrierte sich auf Mirjam, seine Tochter, dachte ganz fest an sie. Vielleicht spürte sie ja seine Gedanken, wer wusste das schon? Liebe konnte jede Entfernung überbrücken. Wo hatte er das gleich gelesen...?

Und dann tauchten sie auf seiner inneren Bühne auf, alle die er liebte. Seine Enkel Jannis, Kobald und Corall jagten ihrem Affen hinterher; seine Tochter Mirjam küsste ihn zärtlich; sein Sohn Hosea überreichte ihm den dicken Schmöker über Gynäkologie, in dem er die I-Ziffern versteckt hatte; sein Sohn Jesaja stopfte den Seetang-Auflauf seiner Schwester in sich hinein; und schließlich Amoz, sein ältester Sohn – ihn sah Yaku winken, bevor er in den Gleiter stieg, der ihn zum Raumhafen brachte und zu jenem Omegaraumer, mit dem er dann in den Tod flog...

Yaku atmete tief durch. Etwas rann ihm feucht über die rechte Wange. Er öffnete das rechte Auge und wischte sich die Tränen ab. Seine Augapfelprothese konnte weiter und schärfer sehen, als sein eigenes Auge, weinen jedoch konnte sie nicht. Yaku seufzte und nahm die Beine von der Instrumentenkonsole. Immerhin fühlte er wieder etwas. Ob sie auch Whisky in den Vorratskammern der Rheingold eingelagert hatten? Oder wenigstens irgendeinen verdammten Schnaps?

Er blickte ins VQ-Feld unter der Frontkuppel – Baumstämme groß wie Hochhäuser, Äste voller Laub, jeder Grünton, den man sich vorstellen konnte. Er blickte auf die Zeitangabe in der Fußzeile – gleich eins. Zeit Plutejo und Venus abzulösen. Ihre Wachschicht vor dem Hauptschott zur Kombüsenabteilung neigte sich dem Ende zu. Yaku schwang sich aus dem Sessel. Verdammte Müdigkeit! Verdammter Hunger...

Er stieg die Wendeltreppe zu Ebene I hinauf und schlurfte zum linken Hauptschott. Das war beschädigt, doch Venus, Plutejo und Cludwich hatten es notdürftig mit Blech repariert. Venus und Plutejo – das waren jetzt seine Kinder. Für sie fühlte er sich verantwortlich.

Auf der Schmalseite der Galerie, an der hinteren Balustrade, öffnete sich eine Luke. Yaku blieb stehen und spähte hinüber. Der Rotschopf Bergen zeigte sich als erster. Der schwarze Nigeryan folgte mit Carlos Rasmuth seinem Ersten Navigator, und der Sem, seiner Zweiten Offizierin. Nach ihnen betraten Heinrich und Homer Goltz die Zentrale. Fast zwei Stunden hatten sie in Nigeryans Suite beraten.

Moses flatterte aus Ebene II hinauf und über die Balustrade bis auf seine Schulter. Mit federndem Schritt kam Bergen ihm entgegen. Der Mann schien noch eine Menge Kraft zu haben. „Und?“, fragte Yaku.

„Wir bieten ihnen ihren Häuptling und ihren Schamanen im Tausch gegen unsere Leute.“ Bergen blieb vor ihm stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. Von Nahem betrachtet, wirkte auch er ziemlich mitgenommen. „Wenn sie das Schott zum Austausch öffnen, stürmen wir. Wir werden ausschließlich Gravitongewehre benutzen.“

„Zwei gegen neun – ein schlechtes Geschäft für die Killer“, sagte Yaku.

„Sollen sie uns eben runter handeln. Wir gehen auf jedes Angebot ein. Hauptsache, sie öffnen das Schott.“

„Wann?“

„In einer Stunde.“

18

Angst. Sie stand ihnen in die Gesichter geschrieben. Allen; abgesehen von Plutejo Tigern vielleicht. Der, Homer Goltz, und ein Waffentechniker der Rheingold drückten sich rechts neben dem Hauptschott der Kombüsenabteilung gegen die Gangwand. Links des Schottes lauerten Merican Bergen, Dragurowka Sem, und Oberst Rasmuth. Nigeryan, der Kommandant, und Yakubar Tellim warteten vor dem Schott. Der Weißhaarige von Doxa IV trug eine Augenklappe über dem rechten Auge. Seine Augapfelprothese konnte den Lichtblitz einer Blendgranate kompensieren. Er sollte die münzgroßen Granaten werfen.

Hinter dem gegenüberliegenden Schott warteten sechs Männer und Frauen der Rheingold und Sarah Calbury auf den Einsatzbefehl.

Alle trugen Überlebenssysteme, hatten den Helm aber noch nicht geschlossen. Joseph Nigeryan hatte eine Nahkampfausbildung absolviert. In einem gewissen Sinne auch der neunzehnjährige Tigernsohn. Außer Yakubar Tellim aber, drei Landungsspezialisten in der Gruppe um die Calbury und den Geschwistern Tigern hatten sie alle erst in den vergangenen zwölf Tagen Erfahrungen im Kampf Mann gegen Mann gemacht.

Fünfzig Meter entfernt stiegen Venus, Levian und Heinrich mit den beiden Gefangenen aus dem Controgravschacht. Torst Levian, Primleutnant und Nigeryans Erster Aufklärer, ging hinter Caryxzar und dem Schamanen Eli’zarlunga. Abwechselnd stieß er ihnen den Lauf seines Gravitongewehrs in den Rücken. Venus Tigern und Heinrich führten sie an den auf den Rücken gebundenen Armen. Bergen hatte die beiden Kalosarenführer knebeln und fesseln lassen.

Das Trio führte die Geiseln zu Yaku und Nigeryan. Venus und Levian schlossen sich den Gruppen links und rechts der Tür an. Heinrich stellte sich zwischen die beiden Kalosaren und hielt sie an den Armen fest. Auch er war mit den kleinen Blendgranaten ausgerüstet. Seite an Seite mit Yakubar sollte er bis in die letzte Vorratskammer vorstoßen.

Nigeryan sah einen nach dem anderen an. Jeder signalisierte seine Bereitschaft durch ein Nicken. Der schwarze Kommandant klappte den Helm zu. Alle anderen taten es ihm gleich. „Nigeryan an Calbury und Team. Es geht los.”

„Wir sind bereit.“ Sarah Calburys Stimme im Helmfunk.

„Nigeryan an Oshyan, es geht los.”

„Verstanden.“ Oko Oshyan war der Chef der Sparklancerflotte in den Hangars der Rheingold. Jetzt saß er in der Zentrale vor Schnittstelle I und kümmerte sich um Moses. Vor allem aber hatte er einen Spezialauftrag.

Plutejo stieß dreimal mit dem Kolben seines Gravitongewehres gegen das Schott. Das vereinbarte Zeichen. Yaku griff in seine rechte Beintasche. Seine Faust schloss sich um die erste Blendgranate. Nigeryan beobachtete das Schott. Hinter dem wurden jetzt Geräusche laut. Ein Spalt entstand zwischen den beiden Flügeln. Die Kalosaren mussten das Schott manuell öffnen; den Sensor und die Elektronik hatten sie zerstört. Wenn es losging, würde es Nigeryans Job sein, das Kurbelrad auf der anderen Seite zu verteidigen.

Langsam schoben sich die Flügel des Schotts auseinander. Ein herber, säuerlicher Geruch schlug Nigeryan und Yaku entgegen. Schweiß und Urin. Beide aktivierten das Luftfiltersystem ihrer Schutzanzüge. Lanzenspitzen wurden durch die Lücke gesteckt. Bis auf einen halben Meter verbreiterte sie sich, dann stand das Schott still. Ein halber Meter war weniger, als Yaku und Nigeryan erhofft hatten. Es reichte nur für jeweils einen Mann oder eine Frau.

Drei oder vier Kalosaren lugten an den Schotträndern vorbei in den Gang hinaus. Sie trugen Kleider von Besatzungsmitgliedern. Yaku und Nigeryan traten zur Seite, damit die Eingeborenen ihre gefesselten Führer sehen konnten.

„Zuerst zwei von uns“, sagte Yaku. „Wie vereinbart.“ Die Kalosaren und machten einer gefesselten Gestalt Platz. Eine Wissenschaftlerin der Rheingold torkelte aus der Schottlücke, eine stämmige Männergestalt folgte ihr; Sibyrian Cludwich. Beide waren nackt. Blaue Flecken, Platzwunden und Blutkrusten bedeckten ihre Gesichter und Körper.

Die Kalosaren zeigten wieder ihre pelzigen Schädel. Ihr Rädelsführer stieß ein paar kehlige Laute aus, die Lingusimultaner in Yakus und Nigeryans Schutzanzügen sprangen an. „Warum tragt ihr Rüstungen?“

„Weil wir euren Gestank nicht ertragen“, blaffte Nigeryan.

„Warum habt ihr die höchsten Töter der Waldkalosaren gefesselt!“, fauchte der Krieger. „Warum habt ihr ihnen die Mäuler verstopft?“ Er fletschte seine Reißzähne.

„Warum habt ihr unsere Frauen und Männer geschlagen und gekratzt?“, gab Nigeryan wütend zurück. „Warum habt ihr ihnen die Kleider geraubt?“

Der Rädelsführer der Kalosaren fauchte einen Fluch, den die Lingusimultaner nicht übersetzten. „Her mit dem Ersten Töter der Waldkalosaren an den blauen Wassern der Wälder von Lungur, los!“

Yaku drehte sich halb um, fasste nach Eli’zarlungas Arm. Heinrich aber stellte sich hinter Caryxzar und packte ihn bei den Schultern. „Gehen Sie durch das Schott zu ihren Leuten, Caryxzar“, sagte er mit seiner freundlichen Reklamestimme. Er schob den über zwei Meter großen und massigen Kalosarenhäuptling vor sich her und in das Schott hinein, ließ aber seine Schultern nicht los.

Drinnen palaverten sie und wurden hektisch. Sie machten Caryxzar Platz und kurbelten die Schottflügel noch ein Stück weiter auseinander. Caryxzar war sehr breit gebaut, wie gesagt.

Heinrich stieß ihn hinein, stellte ihm gleichzeitig ein Bein und sprang über ihn hinweg selbst in das Schott. Drei Lanzen und ein paar Blaspfeile durchdrangen seinen Schutzanzug und prallten von seinem kristallinen Körper ab. Er warf die erste Blendgranate.

„Ihr Auftritt, Oshyan!“, rief Primoberst Nigeryans Stimme aus dem Helmfunk. Wasser spritzte aus Deckendüsen. Yaku spurtete hinter Heinrich her und schleuderte die nächste Blendgranate über ihn hinweg. Trotz gut gepolsterter Augenklappe prallte das grelle Licht auf seine Netzhaut. Durch das Kunstauge nahm er die beiden kurz aufeinanderfolgenden Blitze als dunkelrote, nur Bruchteile einer Sekunde währende Vorhänge war, die sofort wieder hochgezogen wurden. Anschließend sah er ein Dutzend Kalosaren und vier Geiseln in schwarz-weiß und mit harten Konturen: Die Katzenartigen pressten die Handballen in die Augenhöhlen, die gefesselten und nackten Menschen drückten die Gesichter gegen die Wände, auf den Boden oder in die Rücken der Leidensgenossen. Von der Decke spritzte Wasser auf sie herab. Alle schrien sie, Menschen, wie Kalosaren.

Heinrich sprang in die Hauptkombüse. Zwanzig, fünfundzwanzig Eingeborene hockten da auf Schränken, Anrichten und Tischen. Die meisten beugten die Schädel unter verschränkten Armen, um sich vor dem Wasser zu schützen. Manche aber hatten ihre natürliche Abscheu vor dem Wasser überwunden, und griffen bereits nach ihren Lanzen oder zückten Blasrohre.

Der blaue Roboter ballte die Fäuste und streckte darüber die Daumen in Richtung der Barbaren aus – nebelartige Streustrahlung fuhr unter sie. Gravitonenergie riss sie von den Tischen, presste sie gegen die Wände, schleuderte sie zu Boden.

Yaku sah hinter sich. Die anderen folgten ihm und Heinrich. Bergen und Venus an der Spitze. Nigeryan hatte sich vor dem Handkurbelrad aufgebaut, die Nachhut um Sarah Calbury fesselten die geblendeten oder von Graviton getroffenen Kalosaren im Vorraum. Irgend jemand kümmerte sich um die nackten Menschengeiseln.

Heinrich schoss nach allen Seiten, rannte durch die Großküche, stellte sich auf die Schottschwelle zum nächsten Raum. Die Schottflügel schoben sich aus der Wand, stießen gegen sein rechte Schulter und seine ausgestreckte Linke und stoppten. Yaku schlüpfte an ihm vorbei, warf Blendgranaten nach rechts und links in offenstehende Kühlhäuser und schoss hinein. Wasser lief über den Gesichtsteil seines Helms. Merican, Venus und die Sem drängten sich an ihm vorbei und stürmten das linke Kühlhaus, Plutejo, Rasmuth und die Sem das rechte.

Yaku ließ Heinrich vorbei. Der Kunstmensch spurtete in die nächsten Nebenräume. In der Küche fesselten der Kommandant, Goltz, Levian und die anderen die geblendeten und teilweise betäubten Kalosaren. Yaku folgte Heinrich in eine Personalkantine. Schreiende Kalosaren, die sich vor dem Wasser in Sicherheit bringen wollten, liefen ihnen in die gestreuten Gravitonsalven...

Acht Minuten später war alles vorbei.

19

Die Kombüsenabteilung glich einer Abraumhalde. Ob Großküche, Bäckerei, Gewächshaus, oder Kühlhäuser – Boden, Tische, Regale und Herde waren vollständig zugemüllt: zerschlagene Gläser mit Eingemachtem, leere Konservendosen, Verpackungsreste, Fäkalien, abgenagte Knochen, zerschlagene Saftkanister, zerbrochenes Geschirr, und so weiter, und so weiter.

Die Gefrierkammern hatten die Eingeborenen merkwürdigerweise nicht angetastet. Offenbar konnten sie mit dem tiefgefrorenen Fleisch und Gemüse nichts anfangen. Das meiste aber war aufgetaut, weil die Luken offenstanden.

Yaku hing in einem der Sessel am Tisch der Personalkantine. Durch die offene Luke hörte er das Geschrei der Eingeborenen aus der Großküche und dem Vorraum. Unter Nigeryans Aufsicht transportierten Leute der Rheingold die Eingeborenen in Zehnergruppen zu dem Beiboothangar, wo man die Notrutsche an den Schottklappen befestigt hatte. Und in Zehnergruppen wurden sie auf die Rutsche gestoßen und glitten von Bord ins Gras der Lichtung hinab, auf der die Rheingold zuletzt gelandet war.

Sechs befreite Geiseln brachten Sarah Calbury und Torst Levian in diesen Minuten in die Klinikabteilung. Unter ihnen Sibyrian Cludwich. Von drei Geiseln fehlte jede Spur; oder fast jede Spur. Einer der Kalosarenkrieger, die sie in den Kühlhäusern überwältigt hatten, trug eine Bordkombi der Flotte mit dem Namensschild, das ihren ehemaligen Besitzer verriet: Roderich Stein, Bergens Erster Kybernetiker.

„Habt ihr was Gutes zu trinken an Bord?“ Yaku richtete die Frage an Carlos Rasmuth und Dragurowka Sem. Sie, Merican Bergen und Venus Tigern hatten sich ebenfalls an den Tischen der Personalkantine niedergelassen. Alle waren erschöpft. Rasmuth runzelte die Stirn, die Sem sah ihn an, als verstünde sie nicht. „Ich meine, irgendwo hier in den Vorratsräumen“, sagte der Weißhaarige von Doxa IV.

„Sicher doch“, sagte Rasmuth. „Drei oder vier Safttanks haben sie verschont. Dann gibt es noch tonnenweise gefrorene Ziegen- und Kuhmilch. Und natürlich bestes Quellwasser von Hawaii-Novum.“

„Oh, ja!“ Ein Leuchten ging über Venus’ Gesicht. „Das hätte ich gern.“

„Kein Problem.“ Carlos Rasmuth stand auf, lächelte und verließ die Kantine. An der Tür begegnete er einem kleinen, zierlichen Mann mit einem Raben auf der Schulter. Sie wechselten ein paar Worte, bevor Rasmuth sich auf den Weg zum Wassertank machte, und der Kleine mit dem Raben den Raum betrat. Es war Suboberst Oko Oshyan, der Chef der Beibootflotte und der Hangars. Yaku beäugte ihn und Moses missmutig.

„Gratuliere!“, rief Oshyan. „Habt ihr gut hingekriegt!“ Sein großer Kopf passte irgendwie nicht zu seinem schmächtigem Körper. „Und wir zwei auch, nicht wahr, Moses?“ Er hatte dickes, glänzendes Schwarzhaar, glatt und kurz, und sehr schmale Augen. „Der Vogel ist in Ordnung!“ Er deutete auf Moses, während er neben der Sem Platz nahm. „Was soll er kosten, Tellim – ich zahl jeden Preis!“

Eine geradezu ungeheuerliche Frage. Yaku ignorierte sie und den Kleinen einfach. „Ich meine – etwas wirklich Gutes zu trinken. Verstehen Sie, Dragurowka? Wasser und Milch interessieren mich im Augenblick nicht. Ich bin fertig, mir ist kotzübel, ich brauche was Vernünftiges.“

„Was Vernünftiges?“ Die Sem tat begriffsstutzig. „Was wirklich Gutes? Tut mir leid, Herr Tellim – ich kapier irgendwie nicht.“

„Er meint etwas Alkoholisches“, sagte Venus.

„Sie wissen doch, dass Alkohol in der Republik verboten ist, Yakubar Tellim!“ Die Sem tat entrüstet.

„Genau wie das Leben jenseits der Siebzig, ich weiß schon.“ Yaku schloss kurz die Augen und nickte schicksalsergeben. „War schließlich auch mal bei der Flotte. Und die Einladung zum Ruhepark habe ich auch gekriegt. Dazu gab es komischerweise eine Flasche Cognac. Richtig verboten ist Alkohol in der Republik also nicht. So richtig streng verboten, meine ich.“

Oshyan und die Sem sperrten Augen und Münder auf. „Sie haben die Einladung in den Ruhepark...?“ Der Zweiten Offizierin der Rheingold verschlug es die Sprache.

„Und sind nicht hingegangen?“, sagte Oshyan. „Sind einfach nicht hingegangen?“ Seine Mimik schwankte zwischen Empörung und Bewunderung. „Das glaub ich nicht...“

„Das ist wahr“, sagte Venus. „Und das ist gut.“

„Andernfalls säße ich erstens nicht hier und hätte zweitens keinen Durst mehr“, sagte Yakuk. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall, hab ich mir gesagt. Und jetzt, denke ich, könnten wir einen guten Tropfen vertragen. Also noch mal – habt ihr was Vernünftiges zum Trinken an Bord oder nicht?“

Die Sem senkte den Blick. Der Chef der Beibootpiloten aber stand auf. „Komm mit, Alter.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Luke. Durch sie verließ er den Raum. Yaku folgte ihm. Es wurmte ihn ein wenig, dass Moses noch immer auf der Schulter des kleinen Schlitzauges hockte.

Oshyan führte ihn in einen der Kühlräume. Obst und Gemüse war hier gelagert gewesen, bevor die Kalosaren die Abteilung besetzt hatten. Jetzt lagen überall Schalen, Kohlstrünke, Fruchtkerne und leere Kunstoffkisten herum. Man musste aufpassen, dass man nicht stolperte oder ausrutschte.

Oko Oshyan ging zur Konsole einer Nebenschnittstelle, wie es sie auf fast allen Abteilungen der Rheingold gab. Er aktivierte die Verbindung zum Bordhirn, murmelte ein paar Worte ins Mikro, und blickte dann nach rechts in ein Regalfach, wo vor zwei Wochen noch Apfelkisten gestapelt waren, jetzt aber schimmelnde Obstreste herumlagen. In der Wand dahinter entstand ein Öffnung, groß wie das Frontfenster eines Sparklancers. Der kleine Suboberst griff hinein und zog eine Flasche mit bernsteinfarbener Flüssigkeit heraus. Er griff ein zweites Mal hinein und zog eine zweite Flasche mit bernsteinfarbener Flüssigkeit heraus.

„Okay, alter Mann von Doxa.“ Oshyan hob die Flasche in seiner Rechten hoch. „Die öffnen wir jetzt. Der Kommandant wird nichts dagegen haben, wie ich ihn kenne.“ Er hob die Flasche in seiner Linken hoch. „Diese hier sei die Anzahlung von insgesamt fünfen, die ich dir organisiere, wenn du mir den Raben überlässt.“

„Erstens sparst du dir künftig den alten Mann“, sagte Yaku. „Und zweitens weißt du nicht, was du redest.“ Er deutete auf die Flaschen. „Was ist das überhaupt. Whisky?“

„Nein.“ Oshyan – er war höchstens halb so alt wie der Weißhaarige von Doxa IV – betrachtete das Etikett der Flaschen. „Irgendein Exportschnaps von Fat Wyoming. Ich glaube, sie nennen ihn Cognac.“

„Auch nicht zu verachten.“ Yaku nahm dem kleinen Schlitzauge die Flasche aus der Rechten und öffnete sie. „Probieren wir das Zeug doch einfach mal.“ Er setzte die Flasche an, nahm einen Schluck und reichte sie Oshyan.

„Auf dein Wohl, Weißhaar.“ Der schmächtige Mann von Kaamos trank und verschluckte sich. „Was ist jetzt mit dem Raben?“, wollte er wissen, als er sich ausgehustet hatte. „Fünf Flaschen von dem Zeug, und er gehört mir. Einverstanden?“

„Da musst du meine Frau fragen.“ Yaku nahm einen zweiten Schluck. „Der Vogel gehört ihr.“

„Mach ich.“ Oshyan rieb sich die Hände. „Mach ich glatt.“ Der Rabe auf seiner Schulter neigte den Kopf. Es sah aus, als würde er aufmerksam zuhören. „Wie erreiche ich dein Weib, verehrter Tellim? Gib mir ihren Privatcode, komm schon.“

„Hab ich nicht.“

Irgend jemand schrie. Sie ließen die Flaschen sinken und lauschten. Es klang dringend, es klang verzweifelt. Ein Mensch? Hatten die anderen eine der drei verschollenen Geiseln gefunden? Sie stellten die Flaschen in die Regale und liefen aus dem Kühlraum in den Gang, und von dort an der Kantineluke vorbei durch die Großküche bis zum Vorraum der Abteilung. Dort standen bereits Merican Bergen, Joseph Nigeryan, die Geschwister Tigern und ein paar Leute von der Rheingold um Eli’zarlunga herum, den Schamanen der Waldkalosaren der Wälder von Lungur. Über seinen gekreuzten Beinen lag Caryxzar, der Erste Töter der Waldkalosaren an den blauen Wassern der Wälder von Lungur. Der Häuptling der Waldkalosaren war tot. Eine Lanze seiner Artgenossen hatte beim Sturm auf die Kombüse seine Brust durchbohrt.

Eli’zarlunga hielt seinen Leichnam fest umschlungen, wiegte seinen graupelzigen Oberkörper vor und zurück und stieß schauerliche Heultöne aus. Yakus und Oshyans Lingosimultaner sprangen an. „...dahin, dahin, dahin! Die Hoffnung der Waldkalosaren an den blauen Wassern der Wälder von Lungur ist dahin! Mein Erster Töter! Mein Erster, mein Erster, mein Erster...!“

Caryxzar war nicht das einzige Opfer des Sturmangriffs. Vier weitere Kalosaren hatten sich im Feuer der Gravitongewehre die Hälse gebrochen, zwei hatten sich in Gefrierkammern eingeschlossen und waren erfroren. Ein Offizier Nigeryans war von der Lanze eines geblendeten Eingeborenen durchbohrt worden, einem Primsoldaten und einer Astronomin der Rheingold hatte ein Kalosare die Halsschlagader aufgebissen, als die ihn fesseln wollten. Und dann, wie gesagt, waren da noch die drei verschollenen Geiseln...

Die Männer und Frauen sahen sich ratlos an. Die lautstarke Trauer des alten Schamanen erschütterte sie. Schließlich kamen Sarah Calbury und ein paar bewaffnete Besatzungsmitglieder der Rheingold vom Hangar mit der Notrutsche zurück. Yaku begriff, dass sie Eli’zarlunga abholen wollten, den letzten lebenden Kalosaren an Bord der Rheingold.

„Es tut mir leid, Weiser der Kalosaren.“ Bergen ging vor dem Schamanen und dem Toten in die Hocke. „Wir wollten seinen Tod nicht. Wir wollten unsere Gefährten retten, weiter nichts. Eure Lanzen haben ihn getötet, nicht unsere Waffen.“

Eli’zarlunga hob den graupelzigen Schädel. Er riss den Mund auf, entblößte die Reißzähne. Seine gelben Augen blitzten und bohrten sich in Bergens. „Du?“, fauchte er. „Du, Mann von Terra Sekunda?“ Auf einmal bebte sein Unterkiefer. Bergen zuckte zurück. Der Schamane aber drückte den toten Caryxzar an sich, zog die Beine an und rutschte näher an die Wand. „Du, Mann aus Kentaur?“ Am ganzen Körper zitterte er jetzt. Schaumiger Speichel trat aus den Winkeln seines breiten Mundes. „Ich weiß doch, wohin du willst, Mann aus Kentaur! Ins Herz der Finsternis willst du! Gehe, und ich werde die Götter preisen! Nimm sie mit ins Herz der Finsternis, deine Getreuen! Sie werden sterben, und ich werde die Götter Aqualungs preisen! Gehe...!“

„Herz der Finsternis? Was meinst du, weiser Priester der Waldkalosaren.“ Merican Bergen wog jedes Wort ab. „Wovon sprichst du...?“

„Du weißt, wovon ich spreche, Roter!“ Das breite Gesicht des Katzenartigen zuckte. „Ich spreche vom Ziel eurer Wanderung. Ich spreche von der Welt, von der Deinesgleichen einst aufbrach, den Kosmos zu fressen, die Welten zu fressen, Aqualung zu verschlingen! Fahre in den Abgrund, du Ungott! Fahre ins Herz der Finsternis mit den Deinen, verrecke!“

Er senkte seinen katzenartigen Schädel und drückte sein Gesicht auf die Brust des Ersten Töters. Dessen grüner Umhang wurde nass von seinen Tränen.

Eine Zeitlang beobachteten die Männer und Frauen im Kombüsenvorraum den Trauernden. Keiner rührte sich, keiner fand Worte. Etwas Magisches ging von dem Graupelz aus. Der zuckte, schaukelte und schrie, wie in Ekstase, und kein Zweifel: Er war in Ekstase. Selbst Joseph Nigeryan zögerte, den Greisen zu packen und zum Hangar mit der Notrutsche zu schleppen. Irgendwann jedoch bedeutete Bergen ihm und Sarah Calbury, die Sache zuende zu bringen.

Drei Männer der Rheingold entrissen Eli’zarlunga die Leiche des Ersten Töters. Andere packten den Schamanen und schleppten ihn fort. „Geh ins Herz der Finsternis, Roter! Führe sie in den Tod, die dir vertrauen! Geht nach Terra Prima! Geht, sterbt, und ich werde die Götter Aqualungs preisen...!“ Seine Stimme verklang.

Yaku wandte sich ab und ging zurück in die Kühlkammer. Er brauchte sich nicht umsehen, an den kleinen Schritten erriet er, wer ihm folgte: Oko Oshyan. Sein Rabe flatterte ihm auf die Schulter. Da waren noch andere Schritte. Über die Schulter sah er zurück: Venus. Komisch: Es war gut, sie in seiner Nähe zu wissen.

Im Kühlraum angekommen griff er sich die Cognac-Flasche aus dem Regal. „Es wird immer so weitergehen“, sagte er. „Verdammt noch mal! Immer so weiter. Prost!“ Er reichte Venus die Flasche. Ihr Gesicht war schmutziggrau. Sie trank und musste husten.

„Bergen stammt doch nicht von Terra Sekunda?“ Nigeryan schaukelte herein, er brachte ein paar Gläser mit. „Er stammt doch nicht aus der Hauptstadt von Terra Sekunda, oder?“ Keiner antwortete. Der kleine Oshyan füllte die Gläser. „Ein wenig Eis dazu wäre nicht schlecht“, sagte Primoberst Joseph Nigeryan. Seine Stimme klang heiser.

Oko Oshian deutete eine Verbeugung an. „Kein Problem, mein Primoberst.“ Er drehte sich um und ging in eine benachbarte Gefrierkammer. Dort gab es Eis. Die anderen sprachen nichts, schauten nur in ihre Gläser und schwenkten das bernsteinfarbene Getränk darin.

Merican Bergen betrat den Raum. Er ging merkwürdig langsam. Das Rot seines Haars wirkte intensiver als sonst. Doch das täuschte – sein Gesicht war einfach nur bleicher. „Woher weiß er das?“, fragte er. „Wer hat ihm erzählt, wo ich geboren bin und wohin wir wollen?“ Niemand reagierte.

„Kommen Sie bitte, Primoberst Nigeryan!“, rief Oshyans Stimme plötzlich aus einem der Nebenräume. „Bitte! Schauen Sie sich das an! Kommen Sie...!“

Der schwarze Nigeryan stellte sein Glas ab. Er schleppte seinen schweren Körper in den Gefrierraum, aus dem Oshyan rief. Yaku und Venus folgten ihm.

Der kleine Suboberst von Kaamos stand vor einem Gefrierschrank und hielt dessen Glastür fest. „Da“, flüsterte er. Er deutete in den Schrank hinein. „Was ist das?“

Yaku sah, dass der Mann zitterte; am ganzen Körper zitterte er. Was ihn so entsetzte, waren weiter nichts als Knochen: Zwei Brustkörbe, drei Schädel, und ein Dutzend mehr oder weniger gründlich von Muskeln, Sehnen und Haut befreite Knochen. Alle sahen sie es, und keiner sprach ein Wort.

Wenn man siebzig Jahre alt war wie Yakubar Tellim und der Welt zudem ein wenig tiefer ins Auge geblickt hatte, als der Durchschnitt, dann war man in der Lage relativ schnell die einzig mögliche Schlußfolgerung aus so einem Anblick zu akzeptieren. „Das sind sie“, sagte er, und seine Stimme kam ihm vor, wie die Stimme eines Sterbenden. „Das sind die Knochen der drei, die wir vermissen. Sie haben sie..., sie haben sie gefressen...“

20

An Bord der Wyoming, 27. Februar 2554 nGG

Schrecklich! Furchtbar! Entsetzlich! Lissa hat mich angegriffen! Vor einer Gruppe von Gratulanten! Vor den Augen unserer Tochter! Vor den Augen Rüsselheimers und meiner Eidmänner!

Ich war gerade in ein Gespräch mit den Gratulanten vertieft. Die armen Leute hatten die weite Reise von Terra Tertia auf sich genommen, um mich kennenzulernen. Plötzlich nimmt Lissa dem Robotdiener das Tablett mit den gefüllten Champagnerkelchen ab und schleudert es auf mich! Das muss man sich einmal vorstellen! Meine Besucher waren geschockt.

Aber es kam noch schlimmer. Als ob es ihr nicht genug des Skandals war, packte Lissa einen der beiden Kerzenleuchter, die links und rechts meines Empfangssessels stehen, und begann auf mich einzuschlagen.

Meine Frau! Auf mich!

Und dabei beschimpfte sie mich auf das Unflätigste und brüllte vor aller Ohren hinaus, dass ich und die gute Donna Kyrilla... Nun ja, dass ich und sie eben ein Verhältnis haben.

Natürlich drückte Lissa sich anders aus. Ich will das Papier nicht mit den Obszönitäten beschmutzen, zu denen Lissa DuBonheur sich hinreißen ließ. Sie waren jedenfalls von der Art, dass die Damen unter meinen Gratulanten erröteten.

Ich glaube, Lissa hätte mich totgeschlagen, wenn Alban und Urban nicht dazwischen gegangen wären.

Zwei Stunden danach hat sie die Wyoming verlassen. Der Commodore persönlich brachte sie in seinem Sparklancer zur Cheyenne hinüber. Heute Abend teilte Oberst Kühn mir mit, dass meine Gattin mit seinem Schiff zurück nach Fat Wyoming zu fliegen wünscht.

Entsetzlich! Der Schock steckt mir noch in allen Gliedern. Wie kann man sich nur derart gehen lassen! Und das als Gattin eines Höchstgeehrten! Sie weiß doch, wie sensibel ich bin! Sie weiß doch, dass ich Mesacan nehmen muss! Und sie weiß auch, dass diese hilfreiche Medizin den sexuellen Appetit steigert. Als Dame von Welt hätte ich mehr Toleranz von ihr erwartet, das muss ich wirklich sagen! Das Leben ist mir vergällt.

Du hättest vorsichtiger sein sollen, sagt Donna Kyrilla, du hättest nicht dreimal am Tag zu mir in die Praxis kommen müssen, sagt Donna Kyrilla, aber jetzt sei es eben geschehen, und Lissa werde schon wieder zurückkehren. Nur Schwachsinnige würden die Möglichkeit ausschlagen auf Terra Prima leben zu können, sagt Donna Kyrilla.

Vielleicht hat sie Recht. Aber wie könnte ich jetzt noch Gratulanten empfangen? Solche Skandale sprechen sich doch sofort in der ganzen Flotte herum! Nein, ich mag nicht mehr. Es ist vorbei...

Donna Kyrilla hat angeboten bei mir zu übernachten, damit ich nicht allein bin in meinem Schmerz, damit ich mir am Ende nicht noch etwas antue. Wie fürsorglich sie ist, wie lieb!

Aus Dr. Gender DuBonheurs Reisetagebuch

21

Aqualung, 54-02-28, 05:21:53 TPZ

In jeder Arbeitspause nahm Venus im Navigationsstand Platz und genoss den Ausblick aus der Frontkuppel: Ein Waldrand, ein weißer Strand, schaumige Brandung und dahinter, bis zum Horizont, das rötliche Meer. Sie empfand ein schier unstillbares Bedürfnis, sich mit solchen Bildern zu füllen; Bildern voller Licht, Wasser, Himmel und Grün. Vielleicht würden solche Bilder eines Tages die Erinnerung an Eis, Zwielicht und Felswände verdrängen.

Die Rheingold war aus dem Wald gestartet und auf einem Atoll mitten im rötlichen Ozean der Nordhalbkugel gelandet. Auf der Insel lebten keine Kalosaren. Eine zehnköpfige Gruppe durchkämmte sie seit Stunden mit drei Sparklancern. Sie suchten nach Früchte und Gemüse. Plutejo, Yaku und Homer Goltz gehörten zu der Expeditionsgruppe.

Die Spannung an Bord stieg. Venus spürte es, jeder spürte es. Eine Woche lang etwa würde man den Konflikt noch vertagen können. Solange eben, wie die Aufräumungs- und Reparaturarbeiten noch andauern würde. Danach aber musste unweigerlich eine Entscheidung getroffen werden. Der gemeinsame Feind war besiegt. Nun aber stand wieder Bergens Forderung im Raum. Er wollte das Schiff, und Venus wollte es auch. Und Plutejo und Yaku sowieso. Noch sprach niemand darüber, doch in den Gesichtern der Männer und Frauen von der Rheingold nistete Misstrauen und Furcht.

Am Morgen hatte der Subgeneral Venus und ihren Bruder gebeten Nigeryans Leuten die Waffen zu stehlen, wo immer sich die Gelegenheit bot, dies unbemerkt zu tun. Er stellte sich also schon wieder auf einen Kampf ein. Und er würde ihn wieder gewinnen. Venus vertraute ihm.

Nach dreizehn Stunden kehrte die Inselexpedition zurück. Die Kisten in den kleinen Laderäumen der Beiboote waren voller Früchte, Beeren und Kräutern. Nigeryans Chemiker und Biologen waren tot. Aber eine seiner Medizinerinnen hatte überlebt. Eine knapp fünfzigjährige Frau namens Rabula Costner. Sie und Heinrich untersuchten die Beute im Bordlabor. Das meiste stellte sich als essbar heraus.

Venus und Carlos Rasmuth beschafften Besteck und Geschirr aus der verwüsteten Kombüsenabteilung. Oberst Rasmuth, ein hochgewachsener, gutaussehender Mann mit schwarzen Locken, nutzte jede Gelegenheit, um in Venus’ Nähe zu sein. Begierig lauschte sie, wenn er seinen Heimatplaneten Woodstock schilderte. Von Vulkaneisbergen erzählte er, von heißen Quellen im Poleis, von Regenwälder und Savannen.

Auch später, während des gemeinsamen Essens in der Kommandozentrale saß er neben ihr und berichtete von einem Jagdausflug in die Dschungelgebiete eines kleinen Kontinents im Süden von Woodstock, den er als junger Mann mitgemacht hatte. Yakubar hatte eine Art Gemüseauflauf gekocht, und Dragurowka die Blätter- und Kräuterausbeute der Expedition als Salat angemacht. Beides fand allgemeine Zustimmung. Möglicherweise lag das aber auch daran, die geschrumpfte Besatzung ziemlich ausgehungert war.

Während Carlos Rasmuth gestenreich und mit vielen Worten schilderte, wie er mannsgroße, bunte Vögel in Netzfallen gelockt hatte, begegneten sich Venus’ und Bergens Blicke hin und wieder. Er lächelte, sie lächelte zurück, und Rasmuth merkte es nicht.

Venus fiel plötzlich auf, dass er der einzige aus der Nigeryans Crew war, der sich zum Essen unter die sieben Fremden gemischt hatte. Die anderen dreizehn Männer und Frauen saßen an der gegenüberliegenden Seite der langen Tafel, die ein paar INGA 12 mitten in der großen Zentrale aufgebaut hatten. Die Fronten klären sich allmählich, dachte sie und schielte nach Rasmuths LK-Gewehr. Es hing hinter ihm an der Lehne seines Sessels.

Irgendwann schickte Primoberst Joseph Nigeryan seinen Ersten Aufklärer Levian nach unten auf Ebene II, um den Fernkommunikator zu aktivieren. Die vier Kommunikatoren der Rheingold hatten die Katastrophen der vergangenen Wochen nicht überlebt.

Kurz darauf flammte das Haupt-Visuquanten-Feld unter der Frontkuppel auf und versperrte teilweise die Sicht auf den Strand und das Meer. Levian kam zurück und nahm wieder vor seinem Teller Platz.

Im Sichtfeld erschien ein überlebensgroßes Männergesicht, braungebrannt und alterslos. Schulteranges, silbergraues Haar rahmten seine feinen Züge ein, seine Augen lächelten mild und gütig. Venus wurde warm ums Herz. Alle hörten auf zu essen, alle wandten sich dem Mann im Sichtfeld zu. „Wer ist das?“, flüsterte Venus

Rasmuth starrte sie an, als hätte sie ihn nach seiner Religion oder seinen sexuellen Vorlieben gefragt. „Machst du Witze?“, fragte er leise. „Du hast noch nie die monatliche Ansprache von George dem Siebenundsiebzigsten gesehen?“ Venus hatte ihm erzählt, dass sie unter dem Eis von Genna großgeworden war, aber das schien nicht in seinen Kopf zu passen.

Der Primus Orbis Lacteus also. Seine monatliche Rede an die Republik also. Ihr Vater hatte davon berichtet. Venus hielt den Atem. Das also war der Mann, den aufzusuchen der Freiheitsrat von Genna sie und Plutejo beauftragt hatte! Das also war der P.O.L., dem sie die Intrigen und die mörderischen Machtspiele in den Spitzengremien der Republik schildern, und den sie um die Rehabilitierung ihres Vaters bitten sollte! Sie griff nach Plutejos großer Hand. Ihr Bruder saß neben ihr. Zum ersten Mal in ihrem Leben hörten das Geschwisterpaar gemeinsam mit Milliarden anderer Menschen der Republikgemeinschaft eine Rede ihres Regenten!

„Ich grüße euch von Terra Prima aus, meine lieben Bürgerinnen und Bürger überall in der Galaktischen Republik Terra...“ Der Mann im Sichtfeld hob seine schmale Rechte. „Frieden und Glück allen Planeten und Kolonien! Frieden und Glück allen Stationen und allen Schiffen die zu dieser Stunde im Namen der ruhmreichen terranischen Republik im Kosmos unterwegs sind! Frieden und Glück für euch alle, meine geliebten Bürgerinnen und Bürger...!“

Venus blickte in die Runde. Keiner aß mehr, alle hingen sie an den Lippen des P.O.L. Einige waren aufgestanden. Primoberst Joseph Nigeryan und Primleutnant Dragurowka Sem zum Beispiel. Auch Costner, die Ärztin, die mit Heinrich das Essen untersucht hatte. Die Drei legten die Hand auf die Brust über das Herz. Ihre Mienen wirkten irgendwie ergriffen. Und Venus konnte das verstehen. Den ersten Mann der Republik zu sehen und zu hören, verursachte auch ihr eine Gänsehaut nach der anderen.

„...es geht ihr gut, unserer ruhmreichen Republik“, sagte der P.O.L. „Wohlstand und Wissenschaft gedeihen auf unseren Planeten und Kolonien. Ich höre von klugen und fleißigen Bürgerinnen und Bürgern, die das Wohl unserer Republik mehren. Ich höre von mutigen und starken Männern und Frauen, die unwirtlichen Planeten Lebensraum abtrotzen. Welch ein wunderbares Vorbild schenken uns die zweihundert Millionen, die vor wenigen Tagen ihre Kolonie auf Baal III einweihten...!“

Der erste Mann der Republik saß auf einer weißen Couch mit roten Polstern. Die stand auf einer Wiese. Hinter der Couch weideten große, fleckige Tiere mit Hörnern. Venus hatte sie nie zuvor gesehen und kannte ihr Namen nicht. Im Hintergrund konnte man ein Tal mit einem Fluss sehen. Viele Häuser säumten das Ufer. Weitere Berggipfel verloren sich in der Ferne unter einem blauen Himmel. Das also war der Mutterplanet? So sah es auf Terra Prima aus, im verbotenen Paradies? Eine tiefe Sehnsucht packte Venus. Sie weinte vor Rührung.

„...und einen meiner klugen und fleißigen Bürger erwarten wir in diesen Tagen auf Terra Prima. Wie ich euch bereits das letzte Mal mitteilte, meine Geliebten, habe ich euren Mitbürger Dr. Gender DuBonheur für seine Verdienste um die Kunsthirninformatik und die Quantentechnik mit der Höchsten Ehre ausgezeichnet.“ Er machte eine Pause, sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. „Natürlich will ich nicht verschweigen, dass unsere glorreiche Republik in seltenen Fällen auch von dunklen Elemente heimgesucht wird...!“

Yakubar Tellim und Merican Bergen saßen plötzlich kerzengerade auf ihren Sesselkanten. Aus den Augenwinkeln nahm Venus wahr, dass die Männer und Frauen auf der anderen Seite der Tafel sie beobachteten. Ihr wurde heiß und kalt. Plutejo legte lautstark seine geballte Faust auf den Tisch.

„...und so möchte ich an dieser Stelle all jenen danken, die in unseren Sicherheitsorganen ihren wichtigen Dienst verrichten, ja sogar ihr Leben aufs Spiel setzen, um unsere Galaktische Republik Terra vor der Saat des Bösen zu beschützen und jeden Keimling von Schurkerei und Terrorismus auszureißen...“

Die Wut überwältigte Venus Tigern. „Ich bin es nicht!“ Sie sprang auf und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch. Gläser und Teller klirrten. „Ich bin kein dunkles Element! Ich bin kein Schurke und kein Terrorist!“ Alle starrten die zornige junge Frau an. „Und mein Vater auch nicht! Schurken und Verbrecher an der Spitze der Republik haben ihn verleugnet und in die Verbannung geschickt! Terroristen haben unsere Sträflingskolonien vernichtet und meinen Vater und zwei Millionen Menschen getötet...!“ Tränen erstickten ihre Stimme. Sie schluckte ein paar und deutete dann auf Bergen. „Und dieser Mann wird von Schurken und dunklen Elementen verfolgt, weil er sich weigerte den Befehl von Schurken und Terroristen auszuführen! Weil er sich weigerte meine Leute zu töten!“ Schluchzend rannte sie zum Kommandostand, deutete ins Sichtfeld und rief: „Und wenn tausend Omegaraumer mit zehntausend Schurken mich jagen – ich werde nach Terra Prima gehen und diesem Mann schildern, wo die wahren Schurken und Terroristen ihre Unwesen treiben um unsere glorreiche Republik zu zerstören!“ Sie ließ sich auf den Stufen des Kommandostandes nieder, verbarg ihr Gesicht in den Händen und weinte leise in sich hinein.

Inzwischen hatte der P.O.L. seine Ansprache beendet. Sein gütiges Gesicht im VQ-Feld verblasste. Einige Atemzüge lang hörte man weiter nichts als das Schluchzen der jungen Frau vor dem Kommandostand. Irgendwann stand Levian auf, und ging nach unten, um den Kommunikator abzuschalten. Als er zurückkam, krächzte der Rabe, sprang von Yakus Schulter auf den Tisch und pickte im Auflauf seines Herrn herum.

„Das Kind ist wahnsinnig.“ Primoberst Joseph Nigeryan brach endlich das Schweigen. „Doch ich verstehe seinen Wahnsinn. Aber was ist mit Ihnen, Subgeneral Bergen? Wie ich höre, verfolgen auch Sie den absurden Plan, den verbotenen Planeten anzufliegen?“

„So ist es, verehrter Nigeryan.“

„Ich ebenfalls, falls das hier jemanden interessiert“, sagte der Mann von Doxa IV.

„Wir werden unseren Subgeneral begleiten“, meldete Sibyrian Cludwich sich zu Wort. Homer Goltz bestätigte durch ein Nicken. Sarah Calbury reagierte nicht.

Nigeryan senkte den Kopf. Ein paar Sekunden lang betrachtete er seine großen, schwarzen Hände. „Ich habe lange nachgedacht.“ Er hob wieder den Blick und sah seine Männer und Frauen an. „Protokollieren Sie, Levian.“ Der Angesprochene holte eine kleine, dunkle Scheibe aus der Brusttasche, sein Individuelles Kunsthirn, das sogenannte IKH. Er aktivierte das Gerät und legte es vor sich auf den Tisch. Es zeichnete jedes Wort auf, das von nun an gesprochen wurde.

„Wir waren zweihundert, als wir vor einem Jahr auf Aqualung landeten.“ Der fettleibige Nigaryan räusperte sich. „Jetzt sind wir noch vierzehn. Wie ich Subgeneral Bergen und seine Begleiter einschätze, werden sie nicht ruhen, bis die Rheingold in ihrer Gewalt ist.“ Nacheinander betrachtete er die Menschen auf der anderen Tischseite. Sein Blick blieb an Heinrich hängen, der hinter Bergens Sessel stand. „Ich aber habe zu viele Männer und Frauen meiner Besatzung verloren. Ich kann es nicht verantworten nun auch noch Leben und Gesundheit der letzten Vierzehn zu riskieren.“

Nygerian seufzte tief. „Hören Sie meine Entscheidung, meine Damen und Herren.“ Er wandte sich wieder an die dreizehn Männer und Frauen, die ihm von seiner Mannschaft geblieben waren. „Wir ergeben uns Subgeneral Bergen, liefern ihm und seinen Leuten unsere Waffen ab, und erklären uns als seine Gefangenen.“ Ein Raunen ging durch die Reihe seiner Crew. Ungläubige Blicke trafen den schwarzen Kommandanten. 

„Weiter erklären wir die Rheingold als geentert. In einem ungesetzlichen Akt kosmischen Piraterie hat Subgeneral Bergen das Schiff in seine Gewalt gebracht.“ Jetzt richtete er seine dunklen, traurigen Augen auf den Rothaarigen ihm gegenüber. „Wenn ich den Subgeneral richtig verstanden habe, wird er mit der Rheingold bis an den Rand des Solsystems fliegen, und sie dort mit seinem Sparklancer wieder verlassen.“ Ruhig und mit ausdrucksloser Miene sah er den Rothaarigen an. Bergen nickte. „Hiermit weiche ich also der Gewalt Ihrer Waffen und Ihres Roboters“, schloss Nigeryan. „Und überlasse Ihnen gezwungenermaßen den Kommandostand. Subgeneral Bergen, übernehmen Sie.“

22

An Bord der Wyoming, 2. März 2554 nGG

Donna Kyrillas Pflege tut mir gut. Es geht mir besser, deutlich besser.

Sie hat eingewilligt meine Eidfrau zu werden. Auf einem der Gratulantenschiffe haben wir einen Juristen ausfindig gemacht. Er wird morgen an Bord kommen, den Eid abnehmen und den Vertrag aufsetzen. Heiraten kann ich sie nicht. Die Gesetzeslage der Republik verbietet leider die offizielle Mehrehe. Aber als Eidfrau kann ich Donna Kyrilla mit nach Terra Prima nehmen. Und welcher wichtige Mann leistet sich keine Mätresse?

Oberst Pierreluigi Kühn von der Cheyenne hat sich heute Nachmittag bei mir gemeldet. Mit einem Brief von Lissa. Meine Gattin hätte ihn gebeten zu vermitteln, und so weiter. Dem armen Oberst war die Sache höchstpeinlich. Jedenfalls ließ Lissa mir ausrichten, sie würde ihren Entschluss, zurück nach Fat Wyoming zu fliegen, noch einmal überdenken. Falls sie jedoch den Opfergang antrete – exakt diese Formulierung las Kühn von ihrem Brief ab – falls sie also dennoch den Opfergang antreten und mich nach Terra Prima begleiten werde, wie es nun mal als meine Gattin ihre Pflicht sei, dann nur unter der Bedingung, dass man ihr ein eigenes Wohnhaus zur Verfügung stelle.

Ha! Hat Donna Kyrilla also Recht behalten! Meine Gattin wird den Traum von Terra Prima mitnichten aufgeben! Schon verhandelt sie wieder!

Allerdings – das mit einem eigenen Haus für sie könnte schwierig werden. Ich würde eine solche Lösung vorübergehend natürlich begrüßen. Dann könnte Donna zu mir ziehen. Nur weiß ich nicht, wie man komplizierte Liebesdinge auf Terra Prima regelt. Am besten nehme ich beim Empfang nach der Landung einfach mal den P.O.L. zur Seite und frag ihn, ob man die Angelegenheit auf dem Paradiesplaneten nicht auch auf paradiesischem Wege klären könnte.

Nur noch knapp zweitausend Lichtjahre bis an den Rand des Solsystems. Ein einziger Parasprung! Die ersten Gratulantenschiffe verabschieden sich bereits. Heute morgen haben Commodore Tartagnant und sein Aufklärer nur noch dreihundertsiebzehn Schiffe gezählt. Ich hoffe der plötzlich Schwund an Gratulanten hängt nicht mit der peinlichen Szene zusammen, die Lissa mir vor den Augen einiger Gäste zugemutet hat.

Donna Kyrilla sagt, ich müsse unbedingt eine Abschiedsrede halten, bevor wir ins Solsystem einfliegen. Und Donna Kyrilla hat recht! Ich arbeite bereits an einer kleinen Ansprache.

Und zum Schluss das Wichtigste: Am letzten Februartag sprach der P.O.L. zu den Planeten und Kolonien der Republik. Und wen hat er bereits zum zweiten Mal ausdrücklich und namentlich genannt? Dr. Gender DuBonheur, den Höchstgeehrten von Fat Wyoming. Der Regent wartet bereits auf mich, hat er gesagt...

Aus Dr. Gender DuBonheurs Reisetagebuch

23

Aqualung, 54-03-06, 09:34:31 TPZ

Es war Nacht auf Aqualung, als Merican Bergen den Befehl zum Start gab. Er, Heinrich und Yakubar Tellim standen im Kommandostand und blickten zur Frontkuppel hinaus. Der Omegaraumer hob ab, der Lichtkegel der Außenscheinwerfer auf dem Inselstrand wurde rasch kleiner.

„Schade eigentlich“, sagte Yaku. „Ein paar Stunden lang habe ich tatsächlich geglaubt, ich könnte mich da unten niederlassen.“

„Ist das Ihr Ernst, Tellim?“

„Wenn ich es Ihnen sage, Subgeneral! Ich wollte an irgendeinem Seeufer eine Hütte bauen, fischen und jagen und die letzten Jahre genießen. Aber dann hat der verrückte Tigernsohn sich den Killern für dieses Todeskommando angeboten.“

„Sie hätten ablehnen können.“

„Hab ich doch! Die haben mich einfach niedergeschlagen und in die Rheingold 07 verfrachtet!“

„Wer hat Sie niedergeschlagen?“ Bergen runzelte die Stirn.

„Plutejo.“ Dass er auch Venus in Verdacht hatte, behielt Yaku für sich.

„Ein Hitzkopf, der junge Tigern“, sagte Bergen. „Aber ein brauchbarer. Trotzdem sollten wir ihn im Auge behalten.“

„Der macht, was er will. Ob sie ihn nun im Auge behalten oder nicht.“ Yaku zeigte ins Sichtfeld. „Was leuchtet da am Horinzont?“

„Waldbrände“, sagte Heinrich.

„Immer noch?“ Yaku schüttelte den Kopf. „Allmächtiger Gott! Das Feuer zerstört ja den Wald eines Kontinentes!“

„Fast,“ sagte Heinrich. „Aber ein Regengebiet zieht in dieser Region auf. Hoffen wir, dass es den Brand löschen wird.“

Ein paar Minuten später war Aqualung nur noch eine rötlich Sichel unter ihnen. Die Rheingold beschleunigte. „Maschinenleitstand an Zentrale!“ Sibyrian Cludwichs Baß meldete sich aus dem Bordfunk. Gemeinsam mit einem Waffentechniker und zwei Quanteningenieuren arbeitete er im Querholm des Landungsschiffes. „Parasprung in zweihundertsechzig Minuten!“

Eine Frau trat von rechts an Yaku und Bergen heran. Sarah Calbury. „Kann ich Sie einen Moment unter vier Augen sprechen, mein Subgeneral?“ Bergen nickte und Yaku entfernte sich diskret.

Ein wenig misstrauisch spähte die Calbury zu Heinrich. Doch der blaue Kunstmensch machte keine Anstalten sie mit seinem Herrn allein zu lassen. „Ich habe Nigeryan um Asyl auf seinem Schiff gebeten“, sagte sie leise. „Ich kann Ihre Pläne nicht mittragen, mein Subgeneral. Ich bin dem Zentraldirektorium verpflichtet. Meine Loyalität zwingt mich einfach zu diesem Schritt.“

„Ihre Entscheidung, Primhauptfrau“, sagte Bergen kühl und knapp. Er streckte ihr seine Rechte entgegen. „Ihre Waffe, bitte.“

24

Rheingold 54-03-12, 00:04:29 TPZ

„Auf Ihr Wohl, verehrter Subgeneral!“ Primoberst Joseph Nigeryan hob seinen Cognacschwenker zum zweiten Mal. „Ich wünschte, ich wäre Ihnen unter freundlicheren Umständen begegnet!“

Alle Anwesenden stießen mit Bergen an und tranken. Punkt Mitternacht Bordzeit hatte Heinrich die Gläser mit dem Cognac und der Milch in Nigeryans Suite gebracht. Sie hatten auf Merican Bergens neununddreißigsten Geburtstag angestoßen. Venus und Plutejo tranken Milch.

Mehr als siebentausend Lichtjahre trennten sie bereits vom Tarkussystem und dem Planeten Aqualung.

„Ja, wirklich nicht nett von Ihnen, in einem ungesetzlichen Akt von Piraterie unser Schiff zu beschlagnahmen.“ Dragurowka Sem grinste. Sie hatten schon vor zwölf gefeiert, ganz nüchtern war niemand mehr.

„Und meinen Cognac dazu.“ Der schwarze Primoberst schnitt eine halb wehmütige, halb verschmitzte Miene. „Ein Glück, dass wir in ein paar Tagen das Solsystem erreichen. Noch eine Woche länger, und meine Vorräte wären aufgebraucht.“

„Ich bin ziemlich sicher, dass Sie noch irgendwo Schnaps horten, Primoberst“, sagte Yaku. Der Rabe hockte auf seiner Schulter und döste. „Jedenfalls hoffe ich es für Sie, denn Ihren Cognac nehmen wir selbstverständlich mit!“

„Das wäre gegen die Abmachung!“, protestierte Nigeryan.

„Ich glaube, wir sollten Venus als Geisel nehmen, bis wir sicher sein können, dass Ihrem Cognac nichts zustößt, Kommandant.“ Rasmuth lächelte Venus an. Die fand ihn nicht besonders witzig an diesem Abend. Halb unbewusst schob sie sich näher an Bergen heran.

„Labor an Kommandant“, tönte plötzlich eine Frauenstimme aus dem Bordfunk.

„Nanu! Sie arbeiten noch, Dr. Costner? Kommen Sie doch auf einen Sprung in meine Suite. Wir feiern hier den Geburtstag des Piraten Merican Bergen.“

Die Stimme räusperte sich. „Tut mir leid“, sagte Rabula Costner knapp. „Ich hab zu tun. Bitte kommen Sie zu mir ins Labor, Primoberst Nigeryan. Ich muss Ihnen etwas zeigen.“ Sachlich und distanziert klang die Frau auf einmal.

„Worum geht’s denn, Dr. Costner?“

„Ich habe Primoberst Brauns Leiche aufgetaut und obduziert. Ich will, dass Sie sich mit eigenen Augen ansehen, was ich Ihnen schriftlich berichten werde.“

Das klang nicht nur frostig, das klang ernst. Nigeryan zog die Brauen hoch und blickte in die Runde. „Na gut, wenn’s unbedingt sein muss.“ Er stellte sein Glas ab. „Begleiten Sie mich bitte, Subgeneral Bergen. Das wird Sie interessieren.“ Gemeinsam gingen die Männer und Heinrich zur Luke. Ohne zu fragen, schloss Venus sich ihnen an. Sie wollte der Nähe des aufdringlichen Rasmuths ausweichen; oder suchte sie die Nähe des Rothaarigen?

Dr. Costner erwartete sie im Gang vor dem offenen Hauptschott des Labors. Sie trug einen grünen Schutzmantel. Ein Mundschutz hing unter ihrem Kinn. Handschuhe trug sie keine. Ein paar Falten zeigten sich auf ihrer Stirn, als sie die Anwesenheit Bergens und Venus’ zur Kenntnis nehmen musste. Die Medizinerin gehörte zu den wenigen aus Nigeryans Mannschaft, die kein Geheimnis daraus machte, was sie von Leuten hielt, die das Gesetz der Republik gebrochen hatten.

Sie folgten ihr ins Hauptlabor und von dort in ein Foyer, von dem aus man in die Klinikabteilung und ins Leichenhaus gelangte. Sie betraten den Vorraum der Leichenhalle. Der Anblick dessen, was auf den Seziertisch lag, traf Bergen wie ein Faustschlag: Ein kleiner, humanoider Körper aus blauem, kristallartigem Glas. Ein Körper, wie Heinrichs, nur kleiner.

Costner stand schon am Kopfende des Tisches. Mit einer großen Pinzette klopfte sie gegen den Kunstkörper. Das verursachte ein Geräusch, als würde man gegen Marmor schlagen, oder gegen dickes Glas. „Titanglas“, sagte sie. „Er hatte keine Prothese, er war eine einzige Prothese.“

Venus und die beiden Männer traten an den Seziertisch. Heinrich blieb hinter ihnen stehen. Der blaue Titanglaskörper lag auf einer feuchten, rosigen Unterlage. Erst auf den zweiten Blick erkannte Venus die dicke Hautschicht und die muskelartigen Stränge darauf. „Ein halbsynthetisches Gewebe.“ Die Ärztin fasste mit der Pinzette nach einem handschuhartigen Lappen, in dem einmal die blaue Titanglashand gesteckt hatte. „Fragen Sie mich nicht, was für ein Material das ist. Irgendein Serum pulsierte darin. Außer Wasser, den gängigen Mineralien und ein paar Proteinen kann ich leider keine in der Republik bekannte Substanz darin identifizieren.“

Sie schlug auf Brust und Schädel des Titanglaskörpers. „Ich schätze, wir brauchen einen Spezialisten, um die Geheimnisse hier drin zu lüften. Im Schädel dürfte nicht mehr viel zu finden sein. Was immer es gewesen war – der Laserstrahl fuhr durch das optische Sensorium und zerstörte es. Vielleicht eine Art Quantenkern.“ Sie warf die Pinzette auf den Tisch, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte gegen die Kachelwand hinter ihr. Ihr skeptischer Blick klebte plötzlich an Heinrich. „Ehrlich gesagt, das Ding sieht aus wie eine Miniausgabe von dem da.“

Alle sahen sie jetzt Heinrich an. „Hast du eine Erklärung für das hier?“, fragte Bergen mit heiserer Stimme.

„Nein, Merican“, entgegnete Heinrich freundlich, aber bestimmt. „Ich habe keine Erklärung.“

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An Bord der Wyoming, 16. März 2554 nGG

Funkverbindung mit Terra Prima! Wir sind da! Oder sagen wir: Wir sind fast da! Oben in der Kommandozentrale hat mir der Commodore die Sonne Sol im Sichtfeld gezeigt. Wie sie aussieht? Wie die meisten anderen Sterne auch, nur ein wenig größer. Nicht ganz acht Lichtstunden seien wir noch von Terra Prima entfernt, erklärte Commodore Tartagnant. Der Funkspruch enthielt Kursanweisungen und Koordinaten für einen letzten Sprung. Man will uns ein Schiff entgegenschicken, auf das wir umsteigen sollen. Himmel über Fat Wyoming! Wir werden in einen Omegaraumer umsteigen, der uns nach Terra Prima bringt!

Noch heute Nacht kreuzen wir die Plutobahn. Kann man es wirklich fassen? Wir kreuzen die Bahn des Solplaneten Pluto! Heilige Göttin der Dwingolangowars! Was bin ich aufgeregt!

Donna wollte mir ein Beruhigungsmittel geben. Ich habe abgelehnt. Auch das Mesacan habe ich abgesetzt. Ich will das alles mit hellwachen Sinnen erleben! Noch acht Lichtstunden bis Terra Prima! Commodore Tartagnant sagt, der überraschend angeordnete kleine Parasprung brächte uns schon in die Nähe des Planeten Neptun. Danach, so schätzt er, werden wir noch fünf Tage bis Terra Prima brauchen. Innerhalb eines Sonnensystems ist es verboten die KRV-Triebwerke zu benutzen. Wegen der gewaltigen Energieentfaltung und der Kollisionsgefahr bei Austritt aus dem Hyperuniversum. Also noch sechs Tage. Bei Donna Kyrillas Popo! Ich platze ja jetzt schon vor Ungeduld! Wie sehne ich mich danach, den sagenhaften Mutterplaneten der Menschheit endlich mit eigenen Augen zu sehen, ihn endlich zu betreten, endlich seinen Boden zu küssen...

Ich werde heilfroh sein, wenn jener Omegaraumer endlich im Sichtfeld erscheint, das uns abholen wird. Es ist nämlich ein wenig unangenehm, so ganz ohne Schiffseskorte im All unterwegs zu sein. Vor dem letzten Sprung habe ich meine Abschiedsrede gehalten. Danach löste sich die Flotte der Gratulanten allmählich auf. Die beiden Triaden der Wyomingflotte unter Oberst Pierreluigi Kühn sprangen als letzte.

Ach ja – Lissa ist auf die Wyoming zurückgekehrt. Tartagnant hat ihr seine Suite unter der Frontkuppel überlassen. Glücklicherweise ist selbst so ein mittlerer Luxuskreuzer noch groß genug, um sich aus dem Weg gehen zu können.

Aus Dr. Gender DuBonheurs Reisetagebuch

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Rheingold 54-03-19, 12:14:21 TPZ

Mehr als fünfzehntausend Lichtjahre trennten die Rheingold und das Tarkussystem bereits. Noch elftausend Lichtjahre bis zum Solsystem. „Noch neun Parasprünge, schätze ich“, sagte Bergen. Sie trafen sich vor dem Stand des Aufklärers unten auf Ebene II zu einer Besprechung: Bergen, Nigeryan, Rasmuth, Venus und Yakubar Tellim. „Bis zum Ende des Monats müssten wir es geschafft haben.“ Er wandte sich an den schwarzen Kommandanten. „Dann bekommen Sie ihr Schiff zurück und die Piraten räumen das Feld.“

„Schade eigentlich“, sagte Rasmuth mit einem Lächeln an Venus’ Adresse. Sie blieb kühl und suchte den Blick von Bergens eisgrauen Augen. Erst, als der lächelte, lächelte sie zurück.

„Ich hörte, es gibt da einen Sperrgürtel von zwei Lichtjahren rund um das Solsystem“, sagte Yaku. „Ist da was dran?“

„Kein schöner Gedanken, was?“ Bergen setzte sich in den Sessel neben Levian, den Aufklärer. „Aber es stimmt wohl. Angeblich brauchen selbst die Dux und die Rom Sondergenehmigungen, wenn sie in diese Sperrzone fliegen wollen.“

Venus runzelte fragend die Brauen. „Die Dux ist das Flaggschiff des Primdirektors“, erklärte Rasmuth. „Und die Rom das Flaggschiff des Primgenerals.“

„Danke“, sagte Venus kühl.

„Es soll auch einige Kampfverbände in diesem Gürtel geben“, sagte Nigeryan. „Bei aller Sympathie, Bergen, aber ich habe keine Lust Ihretwegen abgeschossen zu werden. Ich schlage vor, sie steigen in ihren Sparklancer und verlassen die Rheingold bevor wir die Sperrzone erreichen.“

„Nein, Nigeryan. Das werden wir nicht tun. Wir überspringen die Zone einfach. Sobald wir am Rande des Sonnensystems aus dem Hyperuniversum auftauchen, starten wir mit der Johann Sebastian Bach 01.“ Er wandte sich an Rasmuth, den Ersten Navigator. „Wenn wir die Koordinaten exakt berechnen, dürfte das kein Problem sein.“ Rasmuth schien nicht überzeugt.

„Sie sind ja wahnsinnig!“ Nigeryan stand kurz vor einem seiner gefürchteten Wutanfälle.

„Keine Sorge, Primoberst!“ Bergen klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. „Sie setzen einfach einen Notruf ab, sagen, sie hätten Raumpiraten an Bord. Gleichzeitig starten wir einundzwanzig Sparklancer Richtung Terra Prima. Einer davon wird meiner sein.“

„Zwanzig meiner Beiboote wollen sie starten!?“ Nigeryan schnappte nach Luft. „Kommt überhaupt nicht in Frage! Davon war nie die Rede gewesen! Was wollen Sie denn mit zwanzig zusätzlichen Beibooten, verdammt noch mal!?“

„Unsere Chancen steigern, Terra Prima lebend zu erreichen.“

27

An Bord der Wyoming, 20. März 2554 nGG

Es ist dunkel. Ich schreibe mein Testament. Ich schreibe es bei Kerzenlicht. Es ist kalt. Ich schreibe es eingehüllt in zwei Pelzmäntel.

Nicht nur dunkel und kalt ist es, auch der Bordfunk ist tot. Nicht nur der Bordfunk ist tot, auch die Schotte funktionieren nicht mehr. So sitze ich hier in meiner Suite allein mit Donna und meinen Eidmännern Alban und Urban. Und schreibe bei Kerzenlicht.

Donna sagt, falls auch die Sauerstoffversorgung zusammenbricht, würden wir es daran merken, dass die Kerze erlischt. Wie praktisch. Die Kerzen brennen aber kontinuierlich seit die Beleuchtung und der Bordfunk versagt haben. Seit zwei Tagen schon. Gut, dass wir so viele eingepackt haben!

Niemand von uns weiß was geschehen ist. Alban und Urban haben versucht das Schott meiner Suite manuell zu öffnen. Doch das Kurbelrad klemmt. Allerdings: Auch von außen klopft niemand gegen das Schott. Klemmen denn die Kurbelräder anderer Schotte auch?

Vor zwei Tagen, gleich nach dem letzten Parasprung in das Solsystem hinein, passierte es. Kein Licht, kein Funkkontakt, keine Schottfunktion mehr. Wir müssten die Neptunbahn längst hinter uns haben. Ein Schiff von Terra Prima wollte uns doch entgegenkommen. Wo bleibt es? Was geht an Bord vor? Was geht außerhalb der Wyoming im All vor? Was geht in der Zentrale vor? Diese Ungewissheit ist so furchtbar.

Ehrlich gesagt: Ich rechne mit dem Schlimmsten. Ein Überfall von Außergalaktischen, ein schwerer Parasprungunfall oder etwas in der Art. Darum also schreibe ich mein Testament. Und jetzt...

...ich musste unterbrechen. Ein gewaltiger Schlag hat das Schiff erschüttert! Sämtliche Bücher sind aus den Regalen gefallen! Topfpflanzen, Kerzenständer und Blumenvasen sind umgestürzt! Donna stieß sich den Kopf an der Wand des Baderaumes und war für kurze Zeit bewusstlos! Ein Knirschen und Stöhnen ging durch den Schiffsrumpf!

Was ist bloß geschehen?

Eine Kollision, sagt Alban. Eine harte Landung, sagt Urban. Seiner Meinung ist auch Donna Kyrilla.

Eine Landung? Auf Terra Prima? So früh schon?

Aus Dr. Gender DuBonheurs Reisetagebuch

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Rheingold 54-03-30, 12:14:21 TPZ

Wer nicht an anderen Stellen der Rheingold dringend gebraucht wurde, wartete vor dem Kommandostand und beobachtete das VQ-Feld unter der Frontkuppel. Zwei Sekunden nach dem letzten Parasprung.

Die milchigen Schlieren verloren sich, im nächsten Moment glitzerten Sterne hinter der Frontkuppel, und im Sichtfeld stand eine gelbe Sonne. „Geschafft!“, rief Merican Bergen. „Das ist sie!“ Er deutete ins Sichtfeld. „Das ist die Sonne, unter deren Licht unsere Vorfahren einst von den Bäumen stiegen, und den aufrechten Gang und die Beherrschung des Feuers lernten! Das ist Sol!“

Details

Seiten
1936
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909708
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367083
Schlagworte
unbekannte galaxien seiten science fiction abenteuer paket

Autoren

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Titel: Unbekannte Galaxien - Das 1936 Seiten Science Fiction Abenteuer Paket