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Milton Sharp #12: Der Thron der Leichen

2017 120 Seiten

Leseprobe

Der Thron der Leichen


(ein Milton-Sharp-Roman)


Nr. 12





IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Früherer Titel: Handlanger eines Dämons

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappentext:

Milton Sharp erhält den Hilferuf einer verängstigten Mutter: Ihr Sohn ist verschwunden. Selbst die Polizei weiß keinen Rat. Der Schattenjäger macht sich auf die Suche nach dem Jungen, in der Hoffnung, rechtzeitig zur Hochzeit seines Bruders Glyn mit Jennifer wieder zurück zu sein. Das Verschwinden des Jungen ist bei weitem nicht das einzig Rätselhafte, mit dem Milton konfrontiert wird. Unschuldige haben schreckliche Visionen, in denen sie geliebte Menschen umbringen. Ohne erkennbares Motiv werden bestialische Morde begangen. Immer näher kommt Milton der dämonischen Macht hinter den grauenhaften Ereignissen, bis er selbst eine Vision hat: Auf der Hochzeit Glyns richtet er ein Gemetzel an …




Charaktere:


Milton Sharp

Der Schattenjäger hofft auf einen Fall mit schneller Lösung, damit er zur Hochzeit von Glyn und Jennifer wieder zuhause ist. Doch nach den Wünschen eines mächtigen Dämons spielt Milton auf ebendieser Hochzeit eine ganz besondere Rolle.


Skip Morley

Der verschwundene Junge ist eine Schlüsselfigur in einem grausamen Spiel um Visionen und deren blutige Erfüllung.


Halsted Hayes

In seinen Visionen tötet der Antiquitätenkenner seine frisch angetraute Frau auf grausame Art und Weise. Nur er kennt das furchtbare Geheimnis hinter seiner Ehe.


Hutch Jordan

Der ungeliebte Sohn wird für einen eiskalten Vatermörder gehalten. Als er die Wahrheit erfährt über den Tod seines Vaters, ist es fast zu spät.







Roman:

»Ich will nicht sterben«, wimmerte die junge Frau verängstigt.

Schritt für Schritt wich sie zurück, bis sie mit dem Rücken gegen den Schrank stieß. Voller Erregung starrte sie auf den jungen Mann, der ihr mit hassverzerrtem Gesicht folgte. Er hielt einen seltsamen Gegenstand in der Hand. Fast sah das Ding wie eine Stricknadel aus.

»Ich muss es tun«, flüsterte er. »Du sollst seinen Thron zieren. Halte still! Du gehörst ihm!«

»Nein!«, schrie die Angegriffene verzweifelt, deren schwarzes Haar wirr ins Gesicht hing. Sie entdeckte zur rechten Zeit den schweren Leuchter. Blitzschnell griff sie danach und hob den Arm.

Da stach der Mann zu, und sein Opfer glitt mit einem letzten Schluchzen zu Boden, während der Leuchter zerschellte.

Gelassen beugte sich der Mörder über die Tote und griff ihr an die Schläfen. Plötzlich wanderte sein starrer Blick an ihrer Figur entlang. Er schrie entsetzt auf und prallte zurück. Als würde ihn ein mörderisches Licht blenden, riss er die Arme vors Gesicht und krümmte sich.

Mit letzter Kraft stemmte er sich in die Höhe und hetzte aus dem Zimmer. Dabei stieß sich der Mann die Nadel in die eigene Brust. Doch er verlor keinen Tropfen Blut und schwankte nicht, aber er schrie qualvoll auf und barg den Blick vor dem gleißenden Licht, das ihn verfolgte.

Sein grauenvoller Schrei war noch lange zu hören …


*


Halsted Hayes wurde von leichter Hand wachgerüttelt. Er fuhr in die Höhe und riss sich los. Sein Herz raste, als wollte es ihm aus der Brust springen.

Verstört blickte er sich um.

Patrice schaute ihn besorgt an.

»Komm zu dir, Hal. Es ist nichts. Du hast nur geträumt.«

Der Mann wischte sich über die schweißnasse Stirn. Sogar der Schlafanzug klebte an seinem Körper.

Nur geträumt! Was wusste Patrice schon?

Er konnte ihr unmöglich erzählen, was er nun schon seit Wochen im Traum sah. Es hätte sie genauso geängstigt, wie es ihn entsetzte. Angefangen hatte es damit, noch bevor er Patrice kannte. Wenn er sich recht erinnerte, begann es nach einer verrückten Party.

Sie hatten alle wohl zu viel getrunken. Außerdem war dieser seltsame Kauz mit seinen absonderlichen Reden und dem stechenden Blick dabei. Kein Wunder, dass man davon Albträume bekam.

Da war auch diese hübsche junge Frau, die er tötete. Sie flehte ihn um Gnade an, doch er zeigte kein Mitleid. Er ließ erst von seinem Opfer ab, als ihn etwas Seltsames vertrieb. Worum es sich dabei handelte, fand er bis heute nicht heraus.

Jedes Mal erwachte er durch seinen eigenen qualvollen Schrei. Dann war zwar der Traum vorbei, aber das Entsetzen ebbte nie völlig ab.

Und es blieb die Angst vor der nächsten Nacht.

Als er Patrice kennenlernte, glaubte er, ihr gemeinsames Glück würde sich positiv auf sein Seelenleben auswirken. Noch nie zuvor hatte er ein so prächtiges Mädchen gekannt.

Doch sein Unterbewusstsein nahm von der Veränderung keine Notiz. Die Träume blieben und quälten ihn weiter. Daran änderten weder die Tabletten etwas, die er immer häufiger

schluckte, noch die Konsultation eines Psychiaters.

Doktor Forbes kam in seiner Analyse auf Kindheitserlebnisse und empfahl eine intensive Behandlung. Diese Therapie hatte Halsted Hayes jedoch schon nach kurzer Zeit abgebrochen.

Das geschah nach jener Nacht, in der er erkannte, dass es sich bei dem Mädchen im Traum um Patrice handelte.

Diese Erkenntnis brachte ihn fast um. Er konnte es nicht begreifen. Als die Träume begannen, wusste er von Patrice überhaupt noch nichts.

Er hatte schreckliche Angst davor, dass er sie eines Tages tatsächlich töten würde …

Aus diesem Grund erzählte er ihr auch nicht die Wahrheit. Warum sollte er sie noch mehr beunruhigen.

Vielleicht verließ sie ihn dann sogar. Das würde er nicht ertragen.

Er liebte sie. Patrice war die Frau, die er heiraten wollte, er, der eingefleischte Junggeselle!

Auch jetzt schwieg er. Er küsste sie zärtlich und blickte in jene dunklen Augen, die ihn nachts in seinen Träumen voller Grauen anstarrten.

»Was hältst du von einem gemütlichen Einkaufsbummel?«, schlug er vor, um das Thema zu beenden.

Patrice war sofort Feuer und Flamme.

Halsted erhob sich mühsam wie ein Greis. Er fragte sich, ob er jemals wieder richtig froh sein würde.

Nach dem Frühstück zogen die beiden los. Patrice hing an seinem Arm und plauderte fröhlich. Sie machte ihn auf einen ihrer Meinung nach zauberhaften Hut aufmerksam, und er kaufte ihn ihr. Dafür erhielt er mitten im Geschäft einen heftigen Kuss.

Sie bummelten den ganzen Vormittag durch die Straßen und waren schließlich mit Päckchen und Paketen beladen.

Auf dem Heimweg kamen sie an einem Antiquitätengeschäft vorbei.

Halsted besaß eine Schwäche für Dinge, an denen der Hauch der Vergangenheit hing. Er zog Patrice in den Laden.

»Anschauen kostet schließlich nichts«, meinte er.

Der Inhaber, fast selbst ein Stück aus dem vorigen Jahrhundert, wusste zu jedem Gegenstand eine Geschichte. Er erkannte schnell den fachkundigen Interessenten und hoffte, ihn zum Kauf einer Kostbarkeit überreden zu können.

Doch Halsted Hayes winkte ab.

»Heute nicht. Sie sehen ja selbst, dass meine Finanzen eine kleine Erholung brauchen.«

Er deutete auf die zahlreichen Pakete, die sie neben die Tür gelegt hatten.

»Ehrlich gesagt, habe ich auch nichts gesehen, was ich unbedingt haben möchte.«

Der Antiquitätenhändler nickte verstehend.

»Sie sind Kenner, Sir. Für solche Leute habe ich immer etwas Besonderes. Warten Sie einen Moment!«

Er verschwand hinter einem Vorhang. Patrice und Halsted hörten ihn kramen.

Nach einer Weile kehrte er zurück. Er schmunzelte vielsagend.

»Sie werden Augen machen!«

Aus einem blauen Samttuch wickelte er seinen Schatz.

Tatsächlich riss Halsted Hayes überrascht die Augen auf. Unwillkürlich krampfte sich seine Hand in Patrices Arm. Die junge Frau sah ihn verwundert an und lächelte.

»Er gefällt dir, nicht wahr?«

Der Mann schüttelte heftig den Kopf.

»Nein, nein! Du täuschst dich. Ich mag ihn nicht. Er ist sicher auch sehr teuer.«

»Nur tausend Pfund für Sie«, sagte der Händler lockend. »Er ist wesentlich mehr wert, aber seine Herkunft konnte noch nicht restlos geklärt werden. Jedenfalls gleicht er keiner anderen bekannten Arbeit. Wirklich etwas Einmaliges!«

»Mir kommt es vor, als hätte ich ihn schon mal gesehen«, behauptete Halsted versonnen.

»Tatsächlich?«

Der Alte war ganz aus dem Häuschen.

»Als Paar würde der Wert natürlich enorm steigen. Sie würden es kaum unter zehntausend bekommen.«

»Warum nimmst du ihn nicht?« flüsterte Patrice zärtlich. »Wenn du auch noch den anderen kaufst, hast du achttausend Pfund gespart.«

»Vergiss es!«, sagte Halsted ungewohnt schroff. »Lass uns gehen!«

Er zog die junge Frau am Arm mit sich fort, lud sich die Pakete auf und verließ fluchtartig den Laden.

Der Antiquitätenhändler schüttelte den Kopf.

»Seltsam!«, murmelte er. »Es sah fast so aus, als hätte er Angst.«

Er wickelte den schweren Leuchter wieder ein und brachte ihn in den hinteren Raum zurück.


*


Es war eine fröhliche Gesellschaft im Haus der Jordans. Junge Leute und ältere Semester waren bunt gemischt. Alle Gäste verband die Freude über das Ereignis des Tages.

Vincent Jordan hatte anlässlich des einundzwanzigsten Geburtstages seines ältesten Sohnes Ralph diesen zu seinem Nachfolger bestimmt. Er sollte in Zukunft die Geschicke des Jordan‑Imperiums lenken.

Ein willkommener Grund zum Feiern also, außerdem waren Vincent Jordans Feste berühmt. Ralph dankte seinem Vater mit einer kurzen Rede und versprach, sein Bestes zum Wohle der Firma zu geben.

Sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Hutch gratulierte ihm zwar, doch der Neid sprang ihm förmlich aus den Augen. Allen war klar, dass er Ralph von diesem Augenblick an noch mehr hasste als bisher.

»Vielleicht hat er doch noch bis zuletzt gehofft, Vincent Jordan würde ihn und seinen Bruder zu Partnern machen«, raunte einer der Gäste seinem Nachbarn zu.

Der lachte geringschätzig.

»Ausgerechnet Hutch? Der taugt doch nicht mal dazu, nach Feierabend die vollen Aschenbecher in den Büros zu leeren. Er ist unfähig, etwas Vernünftiges zu tun. Außerdem bewegt er sich in übler Gesellschaft. Ich wette, den Kerl dort an der Tür hat er mitgebracht. Mir ist der Bursche richtig unheimlich.«

Der andere Gast wandte den Kopf und nickte bestätigend.

»Sie sprechen mir aus der Seele, mein Freund. Den ganzen Abend habe ich ihn noch kein Wort sagen hören. Er steht wie sein eigenes Denkmal und macht eine überhebliche Miene. Dabei handelt es sich ohne Frage um einen Süchtigen. Sehen Sie nur seine Augen … Wie schillerndes Glas. Ein typisches Merkmal.«

»Und mit solchen Freunden umgibt sich Hutch Jordan. Sein Vater kann einem leid tun.«

»Ralph wird sich vor ihm in Acht nehmen müssen. Neid hat schon manches Unglück heraufbeschworen.«

»Sie meinen, Hutch könnte sich die Firma gewaltsam aneignen?«

»Ich will nichts gesagt haben. Doch jedenfalls bin ich froh, nicht in Zukunft mit Hutch Jordan verhandeln zu müssen.«

Ähnliche Gespräche wurden auch zwischen anderen Leuten geführt. Fast alle waren sich einig, dass der alte Jordan das einzig Richtige getan hatte.

Vincent Jordan hob sein Glas und brachte einen Toast auf den neuen Firmenchef aus. Die Menge jubelte. Eine Musikkapelle, extra aus New Orleans eingeflogen, spielte einen Swing. Die Paare tanzten zu den rhythmischen Klängen.

In einer Ecke, saß eine junge Frau mit braunen Haaren und blassem Gesicht. Shelley Evans hoffte, dass Hutch sie zum Tanzen holte. Sie liebte diesen verschlossenen Burschen, aber er schenkte ihr keinen Blick.

Flüchtig schaute sie zu dem Mann an der Tür hinüber. Die Behauptung, man habe ihn aus einem Wachsfigurenkabinett geholt, hätte sie sofort geglaubt. Kein Leben schien in der reglosen Gestalt zu sein.

Und doch ging von ihr etwas Beklemmendes aus.

Shelley Evans wandte sich hastig ab. Sie suchte Hutch. Der junge Mann war jedoch verschwunden.

Ralph Jordan schien ihr Problem zu ahnen. Er stellte sein Sektglas ab, entschuldigte sich bei seinem Gesprächspartner und trat auf Shelley zu.

»Ich habe den Eindruck, Miss Evans, dass Sie der einzige Gast sind, der an dieser Party keinen Spaß findet. Wollen wir tanzen?«

Die junge Frau erhob sich mechanisch und spürte kaum, dass sie über das Parkett schwebte. Ralph war ein ausgezeichneter Tänzer.

Außerdem verstand er es, sie auf charmante Art wenigstens für kurze Zeit aufzuheitern. Gegen ihren Willen musste sie lachen.

Ralph war der Mittelpunkt des Abends. Deshalb durfte er sich ihr auch nicht unbegrenzt widmen. Nach dem Tanz führte er Shelley Evans zum kalten Buffet und empfahl ihr einige Köstlichkeiten. Dann entfernte er sich.

Er wechselte einige Worte mit Leuten, die ihm unbedingt die Hand schütteln mussten. Für jeden hatte er ein Lächeln, einen Rat oder das Versprechen, sich schon morgen um sein Anliegen zu kümmern.

Natürlich brauchte auch er irgendwann eine kleine Verschnaufpause. Es gelang ihm, unbemerkt den Saal zu verlassen, während eine farbige Sängerin die Gäste unterhielt.

Er trat durch die breite Flügeltür ins Freie und atmete tief die kühle Nachtluft ein.

Nachdenklich setzte er seinen Weg in Richtung Garten fort. Den Schatten, der ihm in einigem Abstand folgte, nahm er nicht wahr.


*


Sekundenlang schloss er die Augen …

Diese grässlichen Kopfschmerzen! Hoffentlich ließen sie bald nach. Bei dem ganzen Trubel brauchte er sich nicht darüber zu wundern.

Obwohl Ralph Jordan ein Mann voller Tatendrang war, genoss er die Ruhe. Er ging auf den Pavillon zu, öffnete die Tür und entzündete eine Kerze.

Der junge Chef ließ sich auf die Bank fallen und presste die Fäuste gegen die Schläfen. Prompt ebbten die Schmerzen ab.

Durch ein Fenster starrte ein Gesicht. Zornige Augen funkelten darin. Schmale Lippen bewegten sich lautlos.

Ralph Jordan sah dies nicht. Er fühlte sich nun etwas besser. Mit Appetit griff er nach der Obstschale, die auf dem achteckigen Tisch stand, und wählte eine Orange.

Bevor er jedoch dazu kam, sie zu schälen, zuckte er zusammen. Eine Stimme schreckte ihn aus seinen Gedanken:

»Hier hast du dich also verkrochen, mein Sohn! Ich habe dich schon gesucht. Die Sängerin ist mit ihrem Vortrag gleich zu Ende. Man wird dich vermissen.«

»Ich komme sofort, Vater«, antwortete Jordan junior und erhob sich.

Vincent Jordan hielt den Sohn zurück.

»Warte noch einen Moment! Ich will dir etwas sagen, was unsere Gäste nicht zu hören brauchen.«

»Du tust so geheimnisvoll? Ist etwas nicht in Ordnung?«

Der Fünfzigjährige senkte die Stimme. Sie war kaum noch zu vernehmen.

»Es handelt sich um deinen Bruder.«

»Um Hutch? Was ist mit ihm?«

»Er ist mit meiner Entscheidung nicht einverstanden. Er fühlt sich benachteiligt.«

»Ich bin sicher, dass auch er mal ein Vermögen erben wird.«

Der Industrielle nickte.

»Ich habe zwei Söhne. Einen, dem mein Herz gehört, und einen, an dem ich weniger Freude habe. Doch auch der wird nach meinem Tod keinen Grund zur Klage haben. In meinem Testament ist alles geregelt.«

Ralph widersprach entrüstet:

»Rede nicht von deinem Tod, Vater! Du hast noch viele Jahre Zeit. Ich soll zwar die Firma übernehmen, doch ich werde noch oft deinen Rat brauchen.«

»Du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst. Ich habe im Lauf meines Lebens zwar Reichtümer gesammelt, aber das wertvollste Gut hat mir eure Mutter mit deiner Geburt geschenkt.«

Ralph traten vor Rührung die Tränen in die Augen.

»Du weißt, dass ich deine Liebe aus vollem Herzen erwidere«, versicherte er. »Nichts macht mich so unglücklich wie dein Tod.«

Seine Faust krampfte sich um das Obstmesser.

Die Hand stieß plötzlich vor und senkte die Klinge in die Brust seines Vaters …

Sieben Mal stach der Mann zu, dessen Augen eigentümlich leer waren.

Vincent Jordan brach blutüberströmt zusammen. Er konnte seinen Tod nicht begreifen.

Der Mörder ließ das Messer in der Brust seines Opfers stecken und kehrte dem Pavillon den Rücken.

Ralph betrat den Saal, als sich die Gäste mit tosendem Applaus bei der Sängerin bedankten.

Er sah sich suchend um und fragte nach seinem Vater. Jemand hatte ihn in den Garten gehen sehen.

»Er wird sich erkälten«, meinte Ralph Jordan besorgt. »Die Nächte sind schon recht kühl.«

Er winkte einem der Bediensteten und gab ihm den Auftrag, den Hausherrn zu suchen und ihm einen Mantel zu bringen.

Der Mann kehrte schon bald mit allen Anzeichen von Entsetzen zurück. Er hatte seinen Arbeitgeber gefunden. Er lag mit einem Messer in der Brust im Pavillon.

Die Nachricht von der Ermordung des Industriellen schlug wie eine Bombe ein.

Da Hutch Jordan in der Nähe des Pavillons entdeckt wurde, gab es keinen Zweifel, wer für diese abscheuliche Tat verantwortlich war.


*


Es war ein Hilferuf, den Milton Sharp in Händen hielt. Der Hilferuf einer Frau, die keinen anderen Rat gewusst hatte.

Mit zitternder Hand waren die wenigen Zeilen niedergeschrieben. Die Worte erschienen wirr und ungeordnet. Verzweiflung ging aus dem Schreiben hervor.

Milton blickte auf den Kalender. In einer Woche würde sein Bruder heiraten. Dieses Ereignis durfte er keinesfalls versäumen. Reichte die Zeit, um Licht in diesen mysteriösen Fall zu bringen?

Der Schattenjäger wusste nicht, ob er überhaupt der richtige Mann war. Das Telegramm von Linda Morley ließ viele Fragen offen.

Sein Koffer war gepackt. Längst hatte er sich daran gewöhnt, kurzfristig an irgendeinen Ort der Erde gerufen zu werden, wenn Dinge geschahen, die sich kein Mensch erklären konnte.

Er rief seinen Bruder Glyn an und schilderte ihm die Situation.

»Du bist doch bis zum Wochenende zurück?«, fragte dieser gleich besorgt.

»Grüß Jenny von mir!«, wich Milton aus.

Dann legte er auf. Er tat sich schwer damit, daran zu denken, dass Glyn Jenny heiraten würde. Zwischenzeitlich hatte er sich selbst in Jenny verliebt während der Zeit, in der er versucht hatte, Glyn von Xurus dem Düsteren zurückzubekommen.

Aber er würde lieber leiden, als zu versuchen, Jenny seinem über alles geliebten Bruder abspenstig zu machen.

Er flog nach Norwich. Dort nahm er sich einen Leihwagen, mit dem er die zehn Meilen bis Aylsham zurücklegte.

Gewohnheitsgemäß versuchte er, etwaige dämonische Strömungen aufzufangen.

Nichts!

Die Gegend erschien ihm in keiner Weise bedrohlich. Vielleicht war das Ganze doch nur blinder Alarm.

Linda Morley brach in Tränen aus.

»Ich bin so froh, dass Sie gekommen sind, Mister Sharp«, beteuerte sie. »Sie sind meine letzte Hoffnung. Wenn Sie Skip nicht zurückbringen, weiß ich nicht, was ich tue.«

Sie war eine verhärmte Frau. Weinend zeigte sie ihm ein Foto ihres Sohnes, der plötzlich verschwunden war, ein gutaussehender Bursche von fünfundzwanzig Jahren.

»Kann ich den Brief mal sehen, den er Ihnen hinterlassen hat?«, bat Milton.

Linda Morley trug den unscheinbaren Zettel ständig bei sich. Er enthielt nur eine kurze Mitteilung:

»Liebe Mutter! Es hat mich gerufen. Ich gehe, um Ihm zu gehorchen. Skip.«

Milton ließ den Zettel sinken.

»Wann ist Ihr Sohn verschwunden?«

»Das ist schon sechs Wochen her. Zunächst habe ich bei allen Bekannten Nachforschungen angestellt. Hab’ mich bei seinen Freunden erkundigt und schließlich sogar die Polizei eingeschaltet. Niemand konnte mir helfen. Es gibt nicht die kleinste Spur. Kein Brief, kein Anruf, nichts.«

Wieder erstickte ein Schluchzen ihre Stimme.

Milton tat die Frau leid. Er sah aber noch keinen zwingenden Beweis, dass dämonische Mächte ihre Hand im Spiel hatten.

Doch gerade davon war Linda Morley fest überzeugt.

»Skip ist ein verträumter Junge. Er hat häufig von Dingen gesprochen, die ich nicht verstanden habe.«

»Von welchen Dingen?«

Die Frau zögerte, bevor sie sagte:

»Von Geistern und Wesen, die mächtiger sein sollen als wir Menschen. Sein Vater ist im Krieg gefallen. Ich glaube, er hat immer nach einem Ersatz, nach einem Vorbild gesucht, verstehen Sie?«

Zumindest glaubte der Schattenjäger das. Dieses »Es«, von dem in der kurzen Nachricht die Rede war, konnte dieses Vorbild sein. Die Polizei war zu dem Ergebnis gekommen, dass Skip damit die See, die große Welt, gemeint hatte. Die Herren waren überzeugt, dass er auf einem Frachter angeheuert hatte und sich bald aus Hongkong oder Australien melden würde. Nach Auskunft seiner Mutter jedoch hatte sich Skip nie so recht mit dem nassen Element anfreunden können.

Milton sprach noch einige Zeit mit der verzweifelten Frau. Dann bat er, das Zimmer ihres Sohnes sehen zu dürfen.

Sie stiegen eine Treppe empor. Als die Frau die Tür zu dem Raum öffnete, musste sie sich abwenden. Sie konnte den Anblick nicht ertragen …

Auch Milton erschrak. Hier sah es aus, als wären Einbrecher am Werk gewesen.

»Die Polizei hat alles durchsucht«, erklärte Linda Morley. »Die Beamten meinten, Skip sei reichlich versponnen. Ja, selbst seine Freunde hatten oft keinen Zugang zu seinem Wesen. Aber muss alles gleich verrückt sein, was man nicht versteht?«

Milton erinnerte sich noch sehr gut an jene Zeit, in der er alle ausgelacht hatte, die ihm etwas von übersinnlichen Erscheinungen erzählen wollten. Erst durch einen grausamen Schicksalsschlag waren ihm die Augen über die Wahrheit geöffnet worden.

Es gab sie, die unheimlichen Wesen voller Bosheit, Grausamkeit und Heimtücke. Sie lauerten überall. Irgendwann suchten sie ein Opfer und schlugen zu. Überall auf dieser Erde geschahen Verbrechen, die entweder als ungeklärte Fälle in den Aktenschränken verschwanden, oder eine Zeitlang durch die Presse geisterten, bevor sie durch interessantere Meldungen verdrängt wurden und in Vergessenheit gerieten.

Milton bückte sich und hob ein Buch vom Fußboden auf. Es trug den Titel: »Fragezeichen«.

Der Schattenjäger blätterte darin. Es war von einer unbekannten Sekte herausgegeben. Von diesen Schriften fanden sich noch einige Ausgaben in dem Zimmer.

»Gehört Ihr Sohn dieser Sekte an?«, wollte er wissen.

»Den »Wiederkehrern«? Er ging ein paarmal hin, fand aber auch bei ihnen nicht, was er suchte.«

Milton nahm sich vor, diesen Leuten einen Besuch abzustatten. Oft wussten solche pseudoreligiösen Gruppen mehr über ihre Mitglieder als deren nächste Verwandte.

Milton hielt sich fast drei Stunden in dem Zimmer des Jungen auf. Danach war er so klug wie zuvor. Kein Anhaltspunkt, keine Adresse oder Telefonnummer, die die Mutter nicht längst selbst einer Prüfung unterzogen hätte.

»Hatte Skip eine Freundin?«

Linda Morley stöhnte.

»Warum sprechen Sie in der Vergangenheit? Skip ist nicht tot! Ich fühle das!«

Der Schattenjäger entschuldigte sich und nahm sich vor, noch vorsichtiger bei der Wortwahl zu sein.

Die Frau beantwortete seine Frage.

»Skip ist ein Einzelgänger. Frauen haben keinen Platz in seinem Leben. Die Mädchen, die er kennt, nehmen ihn sowieso nicht für voll.«

Milton überlegte, dass er es mit einem erwachsenen Mann von fünfundzwanzig Jahren zu tun hatte. Er hielt nicht für ausgeschlossen, dass Skip plötzlich bei einer Frau den Kopf verloren hatte und mit ihr durchgebrannt war. Viel eher aber fürchtete er noch, dass Schlimmeres geschehen war.

Linda Morley hatte noch längst nicht ihre letzte Träne geweint.


*


Eine Anschrift war in den Büchern nicht angegeben, doch nach Befragung aller möglichen Leute fand Milton den Sitz der »Wiederkehrer« heraus. Der war in Corby.

Milton fuhr noch am gleichen Tag dorthin und suchte die in Erfahrung gebrachte Adresse auf.

Es handelte sich um ein altersschwaches Gemäuer, das schon beim bloßen Anblick einzustürzen drohte. Warntafeln machten auf das beschädigte Dach aufmerksam. Es wurde empfohlen, die andere Straßenseite zu benutzen.

Der Schattenjäger ignorierte die Warnungen und steuerte auf eine Tür zu, die beim Öffnen ein grausiges Knarren hören ließ.

Muffiger Geruch schlug ihm entgegen. Die Stille im stockfinsteren Treppenhaus mutete unwirklich an.

Milton räusperte sich. Das Geräusch fand kein Echo. Die brüchigen Wände verschluckten es. Niemand erschien, um sich nach seinen Wünschen zu erkundigen.

Er ließ die Tür einen Spalt offen, damit er sich etwas orientieren konnte.

Eine steile Treppe führte nach oben und in den Keller. Der Zugang zu den höheren Etagen war durch zwei Bretter versperrt, die jemand übereinander vor die Stufen genagelt hatte. Offenbar lag akute Einsturzgefahr vor.

Die »Wiederkehrer« hatten demnach ihr Domizil im Keller aufgeschlagen. Milton war gespannt, was ihn dort unten erwartete.

Bevor er seinen Weg fortsetzen konnte, spürte er einen eisigen Windhauch. Die Tür, die er zuvor durch einen faustgroßen Pflasterstein gesichert hatte, donnerte ins Schloss. Absolute Finsternis hüllte ihn ein.

In den Mauern knackte es bedrohlich. Er brauchte Licht. Vielleicht ließ sich die Tür aushängen.

Milton tastete sich zurück, stieß aber nur auf Mauerwerk und mürben Putz. Wo war die Tür?

Eine Stufe ächzte.

Der Schattenjäger hielt den Atem an. Er befand sich nicht mehr allein in diesem merkwürdigen Haus. Jemand kam näher! Ohne Licht … Der Kerl musste Augen wie eine Katze besitzen.

Vorsichtshalber schob Milton seine Hand unters Hemd. Dort trug er eine braune Tonscherbe in einem Lederköcher. Sein Pyrgus hatte sich schon mehrfach als Waffe gegen die Unseligen bewährt. Falls er hier auf eine dämonische Erscheinung traf, war er gewappnet.

Die Schritte des Unbekannten waren nun ganz deutlich zu hören.

Das Schlimmste aber war, dass die Richtung nicht genau auszumachen war. Milton konnte sich drehen, wie er wollte, immer glaubte er, dass sich der Bursche hinter ihm befand.

Eine Falle? Hatte er bereits die richtige Spur auf der Suche nach Skip Morley gefunden?

Einer Eingebung folgend, kauerte er sich zusammen. Wer auch immer auf ihn zukam, musste über ihn stolpern. Spätestens dann stellte sich heraus, mit wem er es zu tun hatte.

Zu seiner Überraschung entfernten sich die Schritte tatsächlich. Keine Frage, der Halunke konnte im Dunkeln sehen.

Milton hoffte, dem Klang der Schritte folgen zu können. Seine Ohren funktionierten prächtig. So richtete er sich auf, um dem Unbekannten auf den Fersen zu bleiben.

Da hörte er dicht neben sich verräterisches Schnaufen. Er riss die Ellbogen hoch, konnte aber nicht mehr verhindern, dass ihm etwas Sackähnliches über den Kopf geworfen wurde. In der nächsten Sekunde presste ein Riemen seine Arme gegen die Brust, und auch die Beine wurden zusammengeschnürt.

Das geschah so schnell und unerwartet, dass es schon vorbei war, ehe der Schattenjäger an Gegenwehr dachte.

Er hatte einen großen Fehler begangen, vielleicht den letzten in seinem Leben.

Süßlicher Duft kroch in seine Nase. Sofort hielt er den Atem an. Leider ging das nur begrenzte Zeit. Dann war er gezwungen, das Zeug einzuatmen.

Augenblicklich schwanden ihm die Sinne. Sein Körper erschlaffte. Er befand sich in Gewalt der Unbekannten …


*


Halsted Hayes konnte sein Glück kaum fassen. Patrice Baker hatte ihm tatsächlich ihr Jawort gegeben. Seit drei Stunden waren sie offiziell Mann und Frau.

Eigentlich hatten sie eine kleine Feier mit einigen Freunden verabredet, doch nun waren es fast fünfzig Gäste geworden. Der frischgebackene Ehemann hoffte, den Trubel bald überstanden zu haben.

Er war müde. Die vorangegangenen Nächte hatte er wieder nicht richtig schlafen können. Fortwährend war er von seinem entsetzlichen Traum gequält worden.

Es war doch verrückt. Schon der Gedanke, Patrice durch ein unfreundliches Wort zu betrüben, lag ihm fern. Ihr weh zu tun, erschien ihm unvorstellbar. Trotzdem war er heilfroh, den mysteriösen Leuchter des Antiquitätenhändlers nicht im Haus zu haben.

Mehrfach neckten ihn seine Freunde, weil er recht geistesabwesend schien.

»Wie ein verliebter Primaner«, fand einer. »Werdet ihr zwei Turteltauben denn nie erwachsen?«

Was wusste er denn? Halsted hatte ganz einfach Angst. Angst um das Glück, das gerade erst begonnen hatte.

Nie zuvor kannte er ein Mädchen, dass so ganz und gar seinen Vorstellungen entsprach. Er wollte Patrice nicht verlieren. Nicht durch einen Schicksalsschlag, und schon gar nicht durch eigene Schuld.

Die Braut strahlte. Sie war sehr glücklich.

»Ich habe noch eine Überraschung für dich«, flüsterte die junge Frau verliebt.

»Lass mich raten! Du warst schon mal verheiratet und hast sechs Kinder.«

»Immer musst du deine Witze machen«, bemerkte sie stirnrunzelnd. »Ich glaube, du nimmst mich nicht ernst.«

»Ich beweise dir das Gegenteil, Darling.«

Er nahm seine junge Frau in die Arme und küsste sie.

Patrice seufzte.

»Du machst es einem schwer, beim Thema zu bleiben. Willst du gar nicht wissen, was ich mir für dich ausgedacht habe?«

»Aber natürlich will ich das, Schatz. Mach es nicht so spannend. Dieser Tag war schon aufregend genug.«

»Du bereust ihn hoffentlich nicht schon.«

»Wie kannst du das annehmen?«

»Dann komm mit!«

»So geheimnisvoll?«, wunderte sich Halsted lächelnd.

Als sie auf die Schlafzimmertür zusteuerte, glaubte er zu wissen, was ihm bevorstand.

»Eine zauberhafte Idee«, gab er zu. »Dummerweise sind aber die Gäste noch nicht fort. Soll ich sie rauswerfen?«

Patrice lachte amüsiert.

»Du bist schlimm! Augen zu!«

»Und Mund auf?«

»Den darfst du ausnahmsweise ebenfalls geschlossen halten.«

Der Mann gehorchte und hörte das Knistern von Papier.

»Jetzt darfst du wieder schauen«, gestattete Patrice.

Halsted Hayes riss die Augen auf. Er war sprachlos. Der Mann hatte das Gefühl, eine eiskalte Hand würde seine Kehle zudrücken.

Patrice deutete seinen entgeisterten Blick anders.

»Ich wusste, dass du dich freuen würdest«, jubelte sie. »Ich habe gleich im Geschäft gemerkt, wie sehr dir der Leuchter gefiel. Ich war so froh, dass er noch nicht verkauft war. Jetzt bist du sprachlos, nicht wahr?«

»Das hättest du nicht tun dürfen«, sagte Halsted rau. Irgend jemand schien ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

»Unsinn!«, widersprach die Frau mit den seidig schwarzen Haaren fröhlich. »Schließlich habe ich einen besonderen Mann geheiratet. Der ist mir auch ein besonderes Geschenk wert.«

Sie schmiegte sich fest an ihn.

Das war gut so, denn dadurch sah sie sein verzweifeltes Gesicht nicht.


*


Als Milton Sharp wieder zu sich kam, hatte er noch immer den ekelhaft süßen Geruch in der Nase. Sein Kopf summte wie ein Bienenschwarm. Ihm war übel.

Er öffnete die Augen nicht, merkte aber, dass man ihm den Sack abgenommen hatte. Helligkeit schimmerte durch seine Lider.

Gebunden war er immer noch. Die Fesseln schnitten tief in sein Fleisch. Er konnte lediglich die Finger bewegen, was ihm jedoch nichts half.

Ein heißer Schreck durchzuckte ihn. Der Pyrgus! Vor dem Überfall hatte er ihn stoßbereit in der Hand gehalten. Jetzt war er nicht mehr da.

»Du bist wach, Eindringling! Warum stellst du dich tot?«

Eine dumpfe Stimme raunte unvermittelt diese Worte in sein Ohr. Milton zuckte zusammen. Er hatte die Nähe eines Wächters nicht bemerkt.

Der Schattenjäger öffnete die Augen einen Spalt, um von dem grellen Licht nicht geblendet zu werden.

Viel erkannte er nicht. Es war, als säße vor einer glühenden Sonne ein Schatten, dessen Konturen zerflossen. Der Schatten bewegte sich nicht. Es blieb unklar, ob er zu dem Sprecher gehörte.

Milton ließ die Augen, so weit es ging, von rechts nach links wandern. Das Ergebnis ließ zu wünschen übrig. Ein kahler Raum, Wände mit blutrotem Stoff bespannt und mittendrin die gleißende Lichtquelle mit dem Schemen davor. Das war alles.

Endlich kam Leben in den Schatten. Er hob einen Arm und gab damit zwei anderen Gestalten, die hinter Milton gekauert hatten, das Zeichen, den Gefesselten vom Boden aufzunehmen und fortzutragen.

Der Schattenjäger versuchte, möglichst viel von seiner Umgebung zu erkennen. Noch gab er sich nicht auf. Vielleicht fand er Gelegenheit, den Unheimlichen zu entrinnen. Den Kampf gegen sie durfte er ohne seine Waffe nicht wagen.

Es hatte den Anschein, als schleppten sie ihn durch die Wand. In Wahrheit handelte es sich lediglich um einen Vorhang, der in der gleichen blutroten Farbe gehalten war wie die Wandbespannung.

Im Nebenraum legte man ihn auf einen Tisch, auf dem ein schwarzes, bis zum Boden reichendes Tuch lag. Sieben Kerzen standen darauf und spendeten flackerndes Licht.

Ein Altar! Sollte er dort geopfert werden?

Immer wieder bewegte er die Finger neben den Schenkeln.

Er würde die Zeit nicht nutzlos verstreichen lassen. Außerdem baute er auf die Kerzen, deren Flammen ihm vielleicht noch von Nutzen waren.

Seine beiden Träger zogen sich lautlos zurück. Milton war sich über ihre Wesensart nicht im klaren. Es konnte sich um geistähnliche Geschöpfe handeln. Er schloss aber auch nicht aus, dass in den weißen, wallenden Gewändern Menschen aus Fleisch und Blut steckten, die ihre Gesichter hinter kalkigen Masken verbargen.

Der erste Schemen trat auf ihn zu. Er war nicht weiß wie die anderen, sondern tiefschwarz und wirkte sehr unheimlich. Augen waren nicht zu sehen. Dafür glaubte der Schattenjäger, zwei winzige Öffnungen in der Gesichtsfläche zu erkennen, hinter denen es seltsam glitzerte.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738909661
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Mai)
Schlagworte
milton sharp thron leichen

Autor

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Titel: Milton Sharp #12: Der Thron der Leichen